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1000 results for “simon_goRin”
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RE: https://social.anoxinon.de/@snsf_ch/115609400884068273
On 10 November took place the signature of the #EU Programmes Agreement, marking the participation of Switzerland to #HorizonEurope research programme again.
📖 👇 In our latest #DataStory, we analysed how the SNSF's transitional measures differed from the European calls.
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The @snsf_ch is looking for a #statistician (PhD) for its #Data Team. This is a great environment, and we do exciting work, to support scientific #research in #Switzerland and promote the value of research.
If you have any question regarding the work environment, the team, or ehat we do, drop me a message 😉
https://recruitingapp-2829.umantis.com/Vacancies/854/Description/2?lang=eng
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💡 Discover what scientific research can bring to society in the data story on social innovation from the @snsf_ch 💡
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The last data story from a series on gender monitoring in project funding, conducted by my colleagues at the SNSF, is out!
RT @[email protected]
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Current data show: gender has no significant effect on project funding decisions at the SNSF. In the #SNSFDataStories we show how we take account of gender-specific confounders in #gender monitoring.
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🔗 https://sohub.io/omb4
#gender #research #monitoring #data #datastory #snsf -
Cruising into the winter break and I’m still figuring out what to post on Mastodon. I really appreciate the ability to write longer form posts, and I want to respect that this is, in fact, a different platform than Twitter.
I also left Twitter last year around April, and, honestly, haven’t felt a pressing need to post a whole lot 😅
But here are some things I’ve been pondering:
1. Post #AGU22 musings
2. Video game musings
3. DEI stuff
4. Neotoma and #openscience stuff
5. All of the above -
I’m still trying to figure out what I want to post about here. I left #TheBird in April when it became clear it would be bought. Since then it’s actually been pretty nice not to be so heavily engaged with daily microblogging, but there is stuff I want to share. My journey as part of our departmental #dei committee, the advances and cool things we’re learning rebuilding the #Neotoma #Paleoecology database R package, other #programming stuff… EarthCube thingy-things… all that stuff.
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🏆 Congratulations to the 2026 AMS–EMS Mikhail Gordin Prize laureates Simion Filip (University of Chicago) and Vadim Gorin (University of California, Berkeley)!
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»Éric Pineault setzt mit dem Buch neue Maßstäbe für einen Ökomarxismus, dessen Analysen auf dem aktuellen Stand der Naturwissenschaften sind« (Simon Schaupp). Er liefert nichts Geringeres als eine kritische ökonomische Theorie der kapitalistischen Akkumulation. Wegweisend: https://dietzberlin.de/produkt/die-soziale-oekologie-des-kapitals
#klimakrise #kapitalismus #latestagecapitalism #akkumulation #stoffwechsel #extraktivismus #ökonomie #energie #extraktion #climatecrisis #ökologie
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#EMBO #Telomere Meeting was a blast! A week of inspiring science and networking in the eternal city. Thanks to Claus Azzalin, Miguel Godinho-Ferreira, Simon Boulton and Grazia Raffa for an amazing organization and for bringing the telomere community together! 🧬 #EMBOtelomere
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#EMBO #Telomere Meeting was a blast! A week of inspiring science and networking in the eternal city. Thanks to Claus Azzalin, Miguel Godinho-Ferreira, Simon Boulton and Grazia Raffa for an amazing organization and for bringing the telomere community together! 🧬 #EMBOtelomere
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#EMBO #Telomere Meeting was a blast! A week of inspiring science and networking in the eternal city. Thanks to Claus Azzalin, Miguel Godinho-Ferreira, Simon Boulton and Grazia Raffa for an amazing organization and for bringing the telomere community together! 🧬 #EMBOtelomere
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Die @GrueneBundestag haben ein Schwurbel-Problem.
Hier schreibe ich u.a. über Renate Künast, Priska Hinz, Martin Häusling, Harald Ebner, Kordula Schulz-Asche, Bri Hasselmann, Angela Dorn, Anna Kebschull, Katrin Göring-Eckhardt, Sylvia Rietenberg, Simone Peter, Ophelia Nick, Nowich Rüße, Dieter Janecek ...
#Anthroposophie #Homöopathie #Demeter #RudolfSteiner #Esoterik #Wissenschaftsleugnung #Gentechnik
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#LINKSDERWOCHE | 18/2025: Produktivität, Agile, Management und Leadership
EDITORIAL
Gefühlt wird die Ausbeute an interessanten Links immer geringer. Hängt das vielleicht mit der KI zusammen? Oder sind überoptimierte Algorithmen das Problem? Zumindest bei LinkedIn und anderen Netzwerken habe ich diesen Eindruck. Es gibt schöne Bildchen, viel Selbstbeweihräucherung und wenig Inhalt. Zum Glück setze ich auf RSS-Feeds für den Informationsüberblick und bin damit zumindest teilweise vor Algorithmen sicher, die Bullshit spucken. Leider nicht ganz vor KI-generiertem Bullshit, der deutlich zunimmt. Ich habe nichts gegen KI-Unterstützung, aber bitte nur als „Unterstützung”. Wenn alles nur noch von anderen abgeschrieben wird, ohne eine eigene Denkleistung einzubringen, dann wird es schnell langweilig. Ein kleines Beispiel: Kürzlich hat es sogar eine vermeintliche Band geschafft, mich kurz auszutricksen. Dieses eine Lied war richtig gut. Ich habe mir weitere Titel angehört, die erstaunlich ähnlich aufgebaut waren. Etwas zu glatt. Zu viel des Guten. Eine kurze Google-Suche hat ergeben, dass die Lieder komplett KI-generiert sind. Zu langweilig. Kein Pfiff. Das ist die schöne neue Welt.
PRODUKTIVITÄT
Prokastination | Wenn „Verschieben“ zum Problem wird
Denjenigen, die sich bereits mit Prokastination beschäftigt haben, bringt der Blogartikel von André Bosse vermutlich keine neuen Erkenntnisse. Die Zusammenfassung finde ich dennoch brauchbar. Viele der Punkte findet man übrigens auch im Podcast von Ivan Blatter, der auch immer wieder in den „Links der Woche” erwähnt wird. Abgesehen davon ist das Aufschieben vermutlich normal. Bis zu einem gewissen Grad ist es sicherlich auch hinnehmbar. Ich lasse zum Beispiel gerne auch mal bewusst Aufgaben liegen, um Gedanken reifen zu lassen oder zu überprüfen, ob sie wirklich wichtig sind. Das fällt nicht unter Prokastinieren, weil es eben bewusst geschieht.
KI und Workflows | Ändert sich wirklich etwas?
Lässt sich jeder Workflow mittels KI optimieren? Diese Frage habe ich diese Woche in die Runde geworfen und dabei angemerkt, dass auch eine KI nur so gut sein kann, wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Wer also keine gute Struktur hat, kann auch von einer KI keine Wunder erwarten. Abgesehen davon waren und sind hochstandardisierbare Workflows auch ohne KI automatisierbar. Dumm nur, dass vieles gar nicht so hochstandardisierbar ist. Das ist ein Grund, weshalb ich die Erwartungen an KI für überzogen halte, ebenso wie die Erwartungen an Automatisierung generell. Die Maschine wird manches ermöglichen, aber eben keine Wunder wirken, da bin ich sicherlich mit Jan Fisbach einer Meinung.
https://www.teamworkblog.de/2026/04/workflow-und-ki-andert-sich-etwas.html
Schmeichelei | Weshalb wir Schmeichelei bleiben lassen sollten und was wir stattdessen tun sollten
Beim Stöbern im Leadershipfreak-Blog von Dan Rockwell bin ich wieder einmal über Ideen gestolpert, die mir seltsam bekannt vorkamen. Das dürfte nicht wundern, denn er verweist tatsächlich auf die Stoiker der Antike. Auch nach so langer Zeit sind sie in vielen Dingen noch immer gut für Ratschläge. Das muss man ihnen einfach neidlos zugestehen. Zu den vielen Ratschlägen der Stoa gehört beispielsweise, nicht der „Schmeichelei” zum Opfer zu fallen. Wie immer sehr lesenswert.
https://leadershipfreak.blog/2026/05/01/escape-the-flattery-trap/
Tooltipp | Datensparsam im Grünen den Weg finden
Zum Thema Produktivität gehört für mich die Auszeit im Grünen, zum Beispiel Wandern oder Radtouren. Leider kommt das bei mir etwas zu kurz, da es den Kindern oft zu langweilig ist. Da ich gerne meinen Weg finde, beschäftige ich mich natürlich auch mit geeigneten Hilfsmitteln wie Apps. Google Maps ist dafür nicht wirklich ideal. Die bekannten Apps tun sich nicht gerade durch Datenschutz hervor, wie immer wieder durchsickert. Netzpolitik hat einige Alternativen vorgestellt. OrganicMaps habe ich übrigens schon eine Weile ausprobiert und ganz passable Erfahrungen damit gemacht. Auch als Alternative zu Google Maps für die Navigation im Auto ist es gut geeignet.
https://netzpolitik.org/2026/wandern-radfahren-frei-und-dezentral-ins-gruene/
Kreativität | Kreative Lösungen entstehen im Plural
Das Thema von Lars Richter passt tatsächlich als Querschnittsthema in fast alle Bereiche der „Links der Woche”. Ich ordne es daher hier bei Produktivität ein. Denn es geht um Kreativität. Und kreative Prozesse gelingen meiner Beobachtung nach am besten im Austausch mit anderen Mitmenschen. Da kommt auch keine KI wirklich mit. Auch wenn sie als Unterstützungshilfe Impulse liefern kann. Echte Kreativität entsteht dabei jedoch nicht. Sie ist am Ende aber nicht in der Lage, selbstständig zu denken. Übrigens habe ich auch beobachtet, dass man viele Ideen entwickeln und verwerfen muss, ehe aus diesem Prozess die zündende Idee entsteht. Auch das funktioniert wieder nur im Zusammenspiel mit anderen. Ganz im Sinne von Lars Richter: Kreativität gibt es nur im Plural.
https://scamper.blog/kreativitaet-gibts-nur-im-plural/
AGILE
Scrum Master | Wie man es garantiert vergeigt …
Der Job eines Scrum Masters ist anspruchsvoll. Sehr sogar. Vorausgesetzt, man versteht, worum es geht. Sicherlich fällt kein Meister vom Himmel. Gute Scrum Master*innen entwickeln sich daher auch beständig weiter. Die weniger guten bleiben in ihrer Entwicklung hängen. Doch wie erkennt man seine Entwicklungsmöglichkeiten? Eine Möglichkeit ist, sich anzuschauen, was man auf keinen Fall tun sollte. Simon Flossmann zeigt hier fünf Wege, wie man es garantiert an die Wand fährt. Es geht um etwas mehr als nur den Scrum-Leitfaden und seine Regeln, sondern auch um ein tiefergehendes Verständnis des Wesens und der Organisation an sich. Nur um einige Punkte zu nennen.
https://www.scrum.org/resources/blog/5-todsichere-wege-als-scrum-master-miserabel-zu-sei
Scrum Master | Agiles Produktmanagement gehört zum Handwerkszeug
Scrum Master*innen, die ihr Handwerk verstehen, wissen um die Bedeutung der Produktentwicklung für das Gelingen eines Scrum-Teams. Zur Erinnerung: Scrum ist ein Framework für die Produktentwicklung, also das explorative Erkunden. Neben dem Team gehören auch die Product Owner zu den wichtigen Protagonisten. Auch sie benötigen gelegentlich Unterstützung, um den Rahmen abzustecken und dem Team die notwendige Orientierung zu geben. Ein gutes Zusammenspiel zwischen Product Owner und Scrum Master ist daher unerlässlich. Dies wiederum setzt voraus, dass Scrum Master:innen ein gutes Verständnis von Produktentwicklung haben. Genau darum geht es im Podcast der Produktwerker mit Jan Neudecker.
https://produktwerker.de/was-sollten-scrum-master-ueber-agiles-produktmanagement-wissen/
Veränderungen | Überzeugen durch Wirksamkeit
Ich denke, den Fehler, den Marc Löffler in seinem Podcast anspricht, haben wir alle in der Vergangenheit schon mehr oder weniger gemacht und schmerzhaft gelernt. Bei Veränderungen geht es nicht darum, ein Werkzeug zu implementieren, sondern Ergebnisse zu erzielen. Ergebnisse, die für die Beteiligten greifbar und erlebbar sind und einen Nutzen haben. Nach all den Jahren, in denen ich mich mit Agilität beschäftigt habe, kann ich seine Rückschlüsse auf jeden Fall bestätigen. Agilität ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Hilfsmittel, mit dem wir etwas erreichen wollen. Zum Besseren. Damit begeistert man seine Mitmenschen. Übrigens habe ich gelernt, Widerstände als wertvolle Impulsgeber und Indikatoren für Verbesserungspotenziale zu schätzen.
https://marcloeffler.eu/2026/04/28/warum-dein-team-jede-veraenderung-mitmacht-wenn-der-preis-stimmt/
Obeya | Starte mit dem Wozu
Heute möchte ich etwas „Eigenwerbung” für einen Blogartikel machen, den ich für das Forum Agile Verwaltung geschrieben habe. Es geht um Obeya – oder besser: Was es braucht, um Obeya zu starten. Und hier bin ich, wie bei fast allen Dingen, der festen Überzeugung, dass das „Wozu” der zentrale Kompass und die Gelingensvoraussetzung für einen guten Start ist. Wozu wollen wir etwas tun? Falls sich jemand mehr für das visuelle Management mit Obeya interessiert, stehe ich gerne Rede und Antwort. Wissen vermehrt sich, indem man es teilt.
https://agile-verwaltung.org/2026/04/30/mit-obeya-starten-das-weshalb-als-schluesselfrage/
MANAGEMENT UND LEADERSHIP
Organisatorische Silos | Wie lokale Optimierung zur Falle für die Organisation wird
Joost Minnaar von Corporate Rebels bringt es mit der dramatischen Geschichte des Untergangs der Titanic auf den Punkt: Die Katastrophe hätte verhindert werden können, wenn die organisatorischen Silos an Bord des Schiffs nicht verhindert hätten, dass die Warnungen vor Eisbergen die nötige Dringlichkeit erhielten. Nicht, weil inkompetente Mitarbeitende Mist gebaut haben, sondern weil strukturelle Probleme in Form von lokal optimierten organisatorischen Silos ihren Job ziemlich gut gemacht haben. Aber eben nicht aus einer ganzheitlichen Perspektive. Genau dieses Problem nehme ich in vielen Organisationen wahr. Lokal optimierte Silos, die das große Ganze allerdings gefährden. Die Lösung? Autonome Teams in dezentralen Strukturen, die eigenständig – innerhalb einer gemeinsamen Zielrichtung – reagieren können, sowie kurze Rückkoppelungswege.
https://www.corporate-rebels.com/blog/organizational-silos
Freie Wahl | Den „Chefe“ selbst auswählen
In diesem Zusammenhang ist auch die Idee der freien „Vorgesetztenwahl” interessant. Sicherlich ist dies nicht in jedem Kontext und uneingeschränkt möglich, aber seien wir mal ganz ehrlich: Wenn das Vertrauensverhältnis zerrüttet ist, sollte ein Wechsel des „Chefs” möglich sein. Denn nicht immer liegt es an den Mitarbeitenden, wenn es nicht funktioniert. Das ist ein Gedanke, dem ich Felix Stein daher beipflichte und den ich spannend finde. Eine Führungskraft, mit der ich vor ein paar Jahren zusammengearbeitet habe, sagte einmal, dass Menschen Menschen folgen. Dabei schwang eine gewisse Bewunderung mit, wie gut es einem bestimmten Teamleiter gelang, Mitarbeiter nicht nur zu gewinnen, sondern auch deutlich länger zu halten, als es anderen Teamleitern gelang. Ich bin mir sicher, dass manche auch gerne zu diesem Teamleiter gewechselt wären, wenn man ihnen die Wahl gelassen hätte. Nicht, weil er besonders großzügig gewesen wäre, sondern weil er durchaus kritische Dinge auf positiv-menschliche Weise vermitteln konnte und es ihm gelang, Menschen auf authentisch-ehrliche Weise anzusprechen. Das war eine große Stärke.
https://www.lean-agility.de/2026/04/freie-vorgesetzten-wahl.html
Kompetenzaufbau | Sinnvoll in die KI-Kompetenz investieren
KI ist derzeit in aller Munde. Ich bin der Überzeugung, dass die Erwartungen an KI viel zu hoch sind. Dennoch ist sie gekommen, um zu bleiben. Das setzt auch den Aufbau von KI-Kompetenz in Organisationen voraus. Ebenso wie jede andere digitale Kompetenz (in diesem Bereich wurde bereits genug geschlampt). Mit Nadine Pedro bin ich einer Meinung: KI-Kompetenz sollte gezielt entwickelt werden. Und nein, das ist nicht allein Sache der Mitarbeitenden, sondern auch des Unternehmens. Wer aus falsch verstandenem Kostendruck seine Mitarbeitenden nicht bei der Kompetenzentwicklung unterstützt, hat nicht verstanden, wer in Organisationen die Wertschöpfung erzeugt, die die Organisation am Leben erhält.
https://t2informatik.de/blog/foerderung-ki-kompetenzen-unternehmen/
#Agile #KI #Kompetenzaufbau #Kreativität #Leadership #Management #Obeya #Produktivität #Prokastination #Radfahren #Schmeichelei #Scrum #ScrumMaster #Silos #Tools #Tooltipp #Veränderungen #Wandern #Workflow -
#LINKSDERWOCHE | 18/2025: Produktivität, Agile, Management und Leadership
EDITORIAL
Gefühlt wird die Ausbeute an interessanten Links immer geringer. Hängt das vielleicht mit der KI zusammen? Oder sind überoptimierte Algorithmen das Problem? Zumindest bei LinkedIn und anderen Netzwerken habe ich diesen Eindruck. Es gibt schöne Bildchen, viel Selbstbeweihräucherung und wenig Inhalt. Zum Glück setze ich auf RSS-Feeds für den Informationsüberblick und bin damit zumindest teilweise vor Algorithmen sicher, die Bullshit spucken. Leider nicht ganz vor KI-generiertem Bullshit, der deutlich zunimmt. Ich habe nichts gegen KI-Unterstützung, aber bitte nur als „Unterstützung”. Wenn alles nur noch von anderen abgeschrieben wird, ohne eine eigene Denkleistung einzubringen, dann wird es schnell langweilig. Ein kleines Beispiel: Kürzlich hat es sogar eine vermeintliche Band geschafft, mich kurz auszutricksen. Dieses eine Lied war richtig gut. Ich habe mir weitere Titel angehört, die erstaunlich ähnlich aufgebaut waren. Etwas zu glatt. Zu viel des Guten. Eine kurze Google-Suche hat ergeben, dass die Lieder komplett KI-generiert sind. Zu langweilig. Kein Pfiff. Das ist die schöne neue Welt.
PRODUKTIVITÄT
Prokastination | Wenn „Verschieben“ zum Problem wird
Denjenigen, die sich bereits mit Prokastination beschäftigt haben, bringt der Blogartikel von André Bosse vermutlich keine neuen Erkenntnisse. Die Zusammenfassung finde ich dennoch brauchbar. Viele der Punkte findet man übrigens auch im Podcast von Ivan Blatter, der auch immer wieder in den „Links der Woche” erwähnt wird. Abgesehen davon ist das Aufschieben vermutlich normal. Bis zu einem gewissen Grad ist es sicherlich auch hinnehmbar. Ich lasse zum Beispiel gerne auch mal bewusst Aufgaben liegen, um Gedanken reifen zu lassen oder zu überprüfen, ob sie wirklich wichtig sind. Das fällt nicht unter Prokastinieren, weil es eben bewusst geschieht.
KI und Workflows | Ändert sich wirklich etwas?
Lässt sich jeder Workflow mittels KI optimieren? Diese Frage habe ich diese Woche in die Runde geworfen und dabei angemerkt, dass auch eine KI nur so gut sein kann, wie die Daten, mit denen sie gefüttert wird. Wer also keine gute Struktur hat, kann auch von einer KI keine Wunder erwarten. Abgesehen davon waren und sind hochstandardisierbare Workflows auch ohne KI automatisierbar. Dumm nur, dass vieles gar nicht so hochstandardisierbar ist. Das ist ein Grund, weshalb ich die Erwartungen an KI für überzogen halte, ebenso wie die Erwartungen an Automatisierung generell. Die Maschine wird manches ermöglichen, aber eben keine Wunder wirken, da bin ich sicherlich mit Jan Fisbach einer Meinung.
https://www.teamworkblog.de/2026/04/workflow-und-ki-andert-sich-etwas.html
Schmeichelei | Weshalb wir Schmeichelei bleiben lassen sollten und was wir stattdessen tun sollten
Beim Stöbern im Leadershipfreak-Blog von Dan Rockwell bin ich wieder einmal über Ideen gestolpert, die mir seltsam bekannt vorkamen. Das dürfte nicht wundern, denn er verweist tatsächlich auf die Stoiker der Antike. Auch nach so langer Zeit sind sie in vielen Dingen noch immer gut für Ratschläge. Das muss man ihnen einfach neidlos zugestehen. Zu den vielen Ratschlägen der Stoa gehört beispielsweise, nicht der „Schmeichelei” zum Opfer zu fallen. Wie immer sehr lesenswert.
https://leadershipfreak.blog/2026/05/01/escape-the-flattery-trap/
Tooltipp | Datensparsam im Grünen den Weg finden
Zum Thema Produktivität gehört für mich die Auszeit im Grünen, zum Beispiel Wandern oder Radtouren. Leider kommt das bei mir etwas zu kurz, da es den Kindern oft zu langweilig ist. Da ich gerne meinen Weg finde, beschäftige ich mich natürlich auch mit geeigneten Hilfsmitteln wie Apps. Google Maps ist dafür nicht wirklich ideal. Die bekannten Apps tun sich nicht gerade durch Datenschutz hervor, wie immer wieder durchsickert. Netzpolitik hat einige Alternativen vorgestellt. OrganicMaps habe ich übrigens schon eine Weile ausprobiert und ganz passable Erfahrungen damit gemacht. Auch als Alternative zu Google Maps für die Navigation im Auto ist es gut geeignet.
https://netzpolitik.org/2026/wandern-radfahren-frei-und-dezentral-ins-gruene/
Kreativität | Kreative Lösungen entstehen im Plural
Das Thema von Lars Richter passt tatsächlich als Querschnittsthema in fast alle Bereiche der „Links der Woche”. Ich ordne es daher hier bei Produktivität ein. Denn es geht um Kreativität. Und kreative Prozesse gelingen meiner Beobachtung nach am besten im Austausch mit anderen Mitmenschen. Da kommt auch keine KI wirklich mit. Auch wenn sie als Unterstützungshilfe Impulse liefern kann. Echte Kreativität entsteht dabei jedoch nicht. Sie ist am Ende aber nicht in der Lage, selbstständig zu denken. Übrigens habe ich auch beobachtet, dass man viele Ideen entwickeln und verwerfen muss, ehe aus diesem Prozess die zündende Idee entsteht. Auch das funktioniert wieder nur im Zusammenspiel mit anderen. Ganz im Sinne von Lars Richter: Kreativität gibt es nur im Plural.
https://scamper.blog/kreativitaet-gibts-nur-im-plural/
AGILE
Scrum Master | Wie man es garantiert vergeigt …
Der Job eines Scrum Masters ist anspruchsvoll. Sehr sogar. Vorausgesetzt, man versteht, worum es geht. Sicherlich fällt kein Meister vom Himmel. Gute Scrum Master*innen entwickeln sich daher auch beständig weiter. Die weniger guten bleiben in ihrer Entwicklung hängen. Doch wie erkennt man seine Entwicklungsmöglichkeiten? Eine Möglichkeit ist, sich anzuschauen, was man auf keinen Fall tun sollte. Simon Flossmann zeigt hier fünf Wege, wie man es garantiert an die Wand fährt. Es geht um etwas mehr als nur den Scrum-Leitfaden und seine Regeln, sondern auch um ein tiefergehendes Verständnis des Wesens und der Organisation an sich. Nur um einige Punkte zu nennen.
https://www.scrum.org/resources/blog/5-todsichere-wege-als-scrum-master-miserabel-zu-sei
Scrum Master | Agiles Produktmanagement gehört zum Handwerkszeug
Scrum Master*innen, die ihr Handwerk verstehen, wissen um die Bedeutung der Produktentwicklung für das Gelingen eines Scrum-Teams. Zur Erinnerung: Scrum ist ein Framework für die Produktentwicklung, also das explorative Erkunden. Neben dem Team gehören auch die Product Owner zu den wichtigen Protagonisten. Auch sie benötigen gelegentlich Unterstützung, um den Rahmen abzustecken und dem Team die notwendige Orientierung zu geben. Ein gutes Zusammenspiel zwischen Product Owner und Scrum Master ist daher unerlässlich. Dies wiederum setzt voraus, dass Scrum Master:innen ein gutes Verständnis von Produktentwicklung haben. Genau darum geht es im Podcast der Produktwerker mit Jan Neudecker.
https://produktwerker.de/was-sollten-scrum-master-ueber-agiles-produktmanagement-wissen/
Veränderungen | Überzeugen durch Wirksamkeit
Ich denke, den Fehler, den Marc Löffler in seinem Podcast anspricht, haben wir alle in der Vergangenheit schon mehr oder weniger gemacht und schmerzhaft gelernt. Bei Veränderungen geht es nicht darum, ein Werkzeug zu implementieren, sondern Ergebnisse zu erzielen. Ergebnisse, die für die Beteiligten greifbar und erlebbar sind und einen Nutzen haben. Nach all den Jahren, in denen ich mich mit Agilität beschäftigt habe, kann ich seine Rückschlüsse auf jeden Fall bestätigen. Agilität ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Hilfsmittel, mit dem wir etwas erreichen wollen. Zum Besseren. Damit begeistert man seine Mitmenschen. Übrigens habe ich gelernt, Widerstände als wertvolle Impulsgeber und Indikatoren für Verbesserungspotenziale zu schätzen.
https://marcloeffler.eu/2026/04/28/warum-dein-team-jede-veraenderung-mitmacht-wenn-der-preis-stimmt/
Obeya | Starte mit dem Wozu
Heute möchte ich etwas „Eigenwerbung” für einen Blogartikel machen, den ich für das Forum Agile Verwaltung geschrieben habe. Es geht um Obeya – oder besser: Was es braucht, um Obeya zu starten. Und hier bin ich, wie bei fast allen Dingen, der festen Überzeugung, dass das „Wozu” der zentrale Kompass und die Gelingensvoraussetzung für einen guten Start ist. Wozu wollen wir etwas tun? Falls sich jemand mehr für das visuelle Management mit Obeya interessiert, stehe ich gerne Rede und Antwort. Wissen vermehrt sich, indem man es teilt.
https://agile-verwaltung.org/2026/04/30/mit-obeya-starten-das-weshalb-als-schluesselfrage/
MANAGEMENT UND LEADERSHIP
Organisatorische Silos | Wie lokale Optimierung zur Falle für die Organisation wird
Joost Minnaar von Corporate Rebels bringt es mit der dramatischen Geschichte des Untergangs der Titanic auf den Punkt: Die Katastrophe hätte verhindert werden können, wenn die organisatorischen Silos an Bord des Schiffs nicht verhindert hätten, dass die Warnungen vor Eisbergen die nötige Dringlichkeit erhielten. Nicht, weil inkompetente Mitarbeitende Mist gebaut haben, sondern weil strukturelle Probleme in Form von lokal optimierten organisatorischen Silos ihren Job ziemlich gut gemacht haben. Aber eben nicht aus einer ganzheitlichen Perspektive. Genau dieses Problem nehme ich in vielen Organisationen wahr. Lokal optimierte Silos, die das große Ganze allerdings gefährden. Die Lösung? Autonome Teams in dezentralen Strukturen, die eigenständig – innerhalb einer gemeinsamen Zielrichtung – reagieren können, sowie kurze Rückkoppelungswege.
https://www.corporate-rebels.com/blog/organizational-silos
Freie Wahl | Den „Chefe“ selbst auswählen
In diesem Zusammenhang ist auch die Idee der freien „Vorgesetztenwahl” interessant. Sicherlich ist dies nicht in jedem Kontext und uneingeschränkt möglich, aber seien wir mal ganz ehrlich: Wenn das Vertrauensverhältnis zerrüttet ist, sollte ein Wechsel des „Chefs” möglich sein. Denn nicht immer liegt es an den Mitarbeitenden, wenn es nicht funktioniert. Das ist ein Gedanke, dem ich Felix Stein daher beipflichte und den ich spannend finde. Eine Führungskraft, mit der ich vor ein paar Jahren zusammengearbeitet habe, sagte einmal, dass Menschen Menschen folgen. Dabei schwang eine gewisse Bewunderung mit, wie gut es einem bestimmten Teamleiter gelang, Mitarbeiter nicht nur zu gewinnen, sondern auch deutlich länger zu halten, als es anderen Teamleitern gelang. Ich bin mir sicher, dass manche auch gerne zu diesem Teamleiter gewechselt wären, wenn man ihnen die Wahl gelassen hätte. Nicht, weil er besonders großzügig gewesen wäre, sondern weil er durchaus kritische Dinge auf positiv-menschliche Weise vermitteln konnte und es ihm gelang, Menschen auf authentisch-ehrliche Weise anzusprechen. Das war eine große Stärke.
https://www.lean-agility.de/2026/04/freie-vorgesetzten-wahl.html
Kompetenzaufbau | Sinnvoll in die KI-Kompetenz investieren
KI ist derzeit in aller Munde. Ich bin der Überzeugung, dass die Erwartungen an KI viel zu hoch sind. Dennoch ist sie gekommen, um zu bleiben. Das setzt auch den Aufbau von KI-Kompetenz in Organisationen voraus. Ebenso wie jede andere digitale Kompetenz (in diesem Bereich wurde bereits genug geschlampt). Mit Nadine Pedro bin ich einer Meinung: KI-Kompetenz sollte gezielt entwickelt werden. Und nein, das ist nicht allein Sache der Mitarbeitenden, sondern auch des Unternehmens. Wer aus falsch verstandenem Kostendruck seine Mitarbeitenden nicht bei der Kompetenzentwicklung unterstützt, hat nicht verstanden, wer in Organisationen die Wertschöpfung erzeugt, die die Organisation am Leben erhält.
https://t2informatik.de/blog/foerderung-ki-kompetenzen-unternehmen/
#Agile #KI #Kompetenzaufbau #Kreativität #Leadership #Management #Obeya #Produktivität #Prokastination #Radfahren #Schmeichelei #Scrum #ScrumMaster #Silos #Tools #Tooltipp #Veränderungen #Wandern #Workflow -
Podcasts als Lern- und Entwicklungsinstrument in Unternehmen
Serielle, regelmäßig erscheinende Audiobeiträge, die schnell, mit kostengünstiger Technik und vergleichsweise geringen technischen Skills produziert, über einen RSS-Feed auf viele Plattformen verteilt und auf unterschiedlichsten Geräten in frei wählbaren Situationen gehört werden, ermöglichen neue Zugänge für Lernen in Unternehmen. Podcasts können quer zu etablierten oder formalisierten Kommunikationswegen und -regeln laufen (oder sie unterlaufen), eröffnen Lernräume, schaffen Lernanlässe, fördern Lernlust, eröffnen Kommunikationsmöglichkeiten und machen besprechbar, was nicht verschriftlicht werden kann.
In diesem Beitrag anlässlich des International Podcast Day #InternationalPodcastDay (Welche Bedeutung hat dieser Tag? Egal, manchmal braucht es Anlässe … ;) sammele ich einige Argumente, wieso Podcasts als Lernformat in Unternehmen genutzt werden sollten – als erste Grundlage für einen vielleicht in einem LERNLUST-Podcast zu vertiefenden Dialog? (Dies ist mein Bewerbungsschreiben an euch, Claudia und Susanne … 😉Mitarbeitende an der Produktion und Nutzung eines Medienformat beteiligen, mit dem sie auch privat vertraut sind
Mein erster Punkt ist so abgegriffen, dass ich mich scheue, ihn aufzuführen … und geneigt bin, eine Gegenposition einzunehmen, denn Lernen entsteht so oft aus Ungewohnten und Unvertrautem. Nichtsdestotrotz: Laut der ARD/ZDF-Medienstudie 2024 „nutzt rund ein Drittel der
deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren zumindest gelegentlich Podcasts“. Ähnlich wie im Videobereich liegt es nahe, ein so populäres Medienformat auch als Unternehmen zu nutzen und so einen vertrauten Zugang zu Lernangeboten zu ermöglichen.
Nicht nur die Rezeption, auch die Erstellung von Podcasts kann so einfach und vertraut sein wie Telefonieren oder Schicken von Sprachnachrichten. So verschwimmen die Grenzen zwischen laienhaft und professionell erstellten Inhalten. Amateur-Inhalte können problemlos mit professionell erstellten Parts kombiniert werden, ohne dass das Gefühl eines Medienbruchs entsteht.
Spannend wird es in meinen Augen, wenn wir die Begrenzungen des Gewohnten im Podcasten überwinden: Vom gewohnt-passiven Konsum zur Weiterentwicklung des Podcast-Mediums mit Rückkanal, so wie das zumindest auf populären Videoplattformen u. a. in Reaction Videos, Shorts oder Duetts … ? vielen zur Gewohnheit geworden ist. Podcasts hinken hier noch etwas hinterher, auch wenn viele Podcasts Hörer:innen-Feedback aktiv aufgreifen und einbinden und das Podcast 2.0 Project mit dem SocialInteract-Tag eine ähnliche Idee verfolgt.Lernen in selbst gewählten Situationen ermöglichen und verstärken
Das Vertrauen in das Medium aus dem privaten Umfeld und die niederschwellige Verfügbarkeit zu jeder Zeit auf allen Endgeräten birgt Gefahren und Möglichkeiten. Zu leicht verwischen Arbeitszeit und Freizeit und wird von Vorgesetzten implizit oder explizit gefordert, Podcasts in der Freizeit zu hören (was natürlich weder angestrebt werden sollte noch vorausgesetzt werden kann). Mitarbeitende, die mit Kopfhörern auf den Ohren lernend spazieren gehen? Für viele ein noch ungewohnteres Bild als Lernende, die am Schreibtisch sitzend Videos schauen. Während Letzteres sich etabliert hat, scheint entspanntes Lauschen zu wenig dem klassischen Bild von Arbeit zu entsprechen. Aber Spazierengehen ist die ideale (Neben-?)beschäftigung, um Gehörtes zu verfestigen und zu verarbeiten. Lernen mit Podcasts hebt den Gegensatz von Flanieren und Arbeiten auf … oder lässt His Master’s Voice auch nach Feierabend erklingen.
Wissen unternehmensintern und unternehmensübergreifend teilen
Es gibt Podcasts, die als unternehmensinternes Format starten und irgendwann zu einem öffentlichen Format werden. Technisch ist der Wechsel einfach. Der unternehmensinterne Start erleichtert die ersten Schritte und fördert die Professionalisierung. Der Schritt in die Öffentlichkeit ist mit etwas Glück und Geschick kaum mehr als eine andere Einstellung in der Software (und nur manchmal eine Abklärung formaler Fragen mit der Unternehmenskommunikation).
Kontaktmöglichkeiten schaffen
Erfahrungsgemäß sind Podcasts ein ideales Medium, um interne Mitarbeitende mit externen Personen in Kontakt zu bringen und dadurch organisationsübergreifende Lernmöglichkeiten zu schaffen. Die Brücken in die Umwelt sind vielfältig: Fachlich motivierte und fundierte Podcasts sind, sofern sie bewusst gestaltet werden, viel weniger werbeverdächtig als viele andere Medien. Außerdem bieten sie Anlässe, externe Personen als Gäst:innen einzuladen und so neue Impulse von außen ins Unternehmen zu holen, dort zu verarbeiten und dann wieder nach außen zu teilen (im Sinn von Harold Jarches Seek > Sense > Share).
Ein weiterer Nebeneffekt sind potenziell positive Auswirkungen für Recruiting und Employer Branding. Mein Arbeitgeber erhält immer wieder Bewerbungen von Menschen, die über den LERNLUST-Podcast auf tts als potenziell interessanten Arbeitgeber mit über den Podcast zugänglichen reizvollen Themen und angenehmen Mitarbeitenden aufmerksam wurden. Mit mehreren dieser Hörer:innen arbeite ich jetzt schon längere Zeit sehr gut zusammen. Diese Kolleg:innen sind dann natürlich oft nicht abgeneigt, ihr Wissen selbst im Podcast zu teilen …Gesprächsanlässe setzen
Zum Standardrepertoire der Podcast-Gründungsmythen und Motivationsbekundungen gehört die Versicherung, man habe den Podcast gestartet, weil man einen Grund zum Einladen interessanter Gesprächspartner:innen suchte. Über Podcast-Einladungen lassen sich diese Anlässe schaffen und ihnen einen formalen, Produktivität und Output versprechenden Anstrich geben: Man ‚quatscht‘ ja nicht einfach nur, sondern schafft gleich ein Ergebnis, das ‚weiterverwertet‘ werden kann (als Artikel, Video, LinkedIn-Beitrag … der Fantasie der Marketing-Abteilungen sind keine Grenzen gesetzt).
Anlässe zur intensiven Vorbereitung schaffen
Natürlich können wir gänzlich unvorbereitet in das nun vereinbarte Gespräch mit den Traum-Gäst:innen starten. Die meisten werden dann aber den Druck verspüren, sich inhaltlich zu rüsten. Eine anstehende Podcast-Aufnahme schafft mir den notwendigen Druck, bestehende Anstreichungen in Büchern zu sortieren, die Essenz von Notizen herauszuarbeiten, bestimmte Schlüsselstellen erneut zu lesen, mich mit den baldigen Gesprächspartner:innen aus einer bewusst anderen Perspektive als bisher zu beschäftigen oder auch eigene Bezüge zum baldigen Gesprächsthema zu suchen und besprechbar zu machen.
Schön formuliert das z. B. Human Nagafi in Folge 100 des Corporate Therapy Podcasts (und noch in einer anderen Folge, die ich aber gerade nicht mehr finde 😉 Die erste 38 Folgen seien so etwas wie ihre Selbstfindungsphase gewesen … und das höre man auch. Dann hatten sie für Folge 39 Adrian Daub gewonnen und den Wunsch gehabt, sich für diese Folge gebührend vorzubereiten – mit dem entsprechenden Sprung auf ein anderes Level aller weiteren Folgen.
In Erinnerung kommt mir auch die Session „Gesprächspodcast: Gästeanfragen und Gesprächsführung“ mit Kathrin Fischer auf der SUBSCRIBE11, in der sie ihr Vorgehen zum Gewinnen prominenter Podcast-Gäste transparent machte … und dabei insbesondere betonte, wie wichtig dabei die Vorbereitung sei, um schon in der Anfrage die eigene Auseinandersetzung mit der adressierten Person und ihren Themen zu verdeutlichen.Den Podcast als zündenden Funken, Quelle und verbindendes Element für weitere temporäre oder dauerhafte Lernevents nutzen
Wenn sich ein Podcast etabliert und eine treue Hörer:innenschaft gewonnen hat, trudelt Feedback ein, wächst die Neugier, wer sich hinter den Stimmen verbirgt, entspinnt sich ein Netzwerk an Empfehlungen oder Podcast-Gäst:innen-Alumni. Die Möglichkeiten, diese interessierten Menschen innerhalb und außerhalb des Unternehmens zusammenzuholen, sind vielfältig … z. B. in Podcast-Liveevents, gemeinsamen offenen Lernsessions oder dauerhaften Communities.
Betroffenen in Veränderungsprozessen eine Stimme geben
Wie heißt es treffend und gleichzeitig oft als Feigenblatt in Veränderungsprozessen (sei es die Einführung einer neuen Software, Umstrukturierungsmaßnahmen, neue strategische Ausrichtungen o. ä.): „Betroffene zu Beteiligten machen!“ „Mitarbeitenden eine Stimme geben!“ Podcasts können ein vergleichsweise wirkungsvolles wie risikoarmes und flexibles Medium dafür sein. Über Podcasts lassen sich Einzelstimmen von Mitarbeitenden hörbar machen. Unterschiedliche Perspektiven erhalten eine Bühne und wirken doch vergleichsweise ungefiltert und persönlich. Der Schauseitenanteil kann, je nach Positionierung des Podcasts, relativ indifferent gestaltet werden: Hört her, wir hören alle Stimmen, auch wenn es noch so obskure Einzelmeinungen sind! Wie prominent hörbar die individuellen Stimmen dann wirklich gemacht werden, hängt von der Moderation und weiteren Verwertung des Podcasts ab: Wird die Episode prominent beworben und ‚zweitverwertet‘, oder verschwindet sie schnell und wenig gehört im Verlauf der Timeline? Podcasts können, je nach Intention, deutlich entspannter und scheinbar nebensächlicher platziert werden als z. B. hervorgehobene Testimonial-Aussagen auf Plakaten oder Intranet-Seiten … oder auch besonders prominent verwendet. Ein längeres Podcast-Gespräch kann eine ganz andere Glaubwürdigkeit entfalten und ist schwerer wegzuwischen als das Plakat-Statement, dass dem Kollegen doch von der Unternehmenskommunikation vorformuliert und in den Mund gelegt scheint. Ein Archiv mit verschiedenen Stimmen der Mitarbeitenden zu Veränderungsprozessen ist wertvolles Material, mit dem sich Change-Ansätze potenziell wirksam orchestriert begleiten lassen.
Eine Bibliothek von Stimmen schaffen
Länger bestehende Podcasts werden über die Monate und Jahre zu einem wertvollen Archiv nicht nur von Einzelstimmen, sondern auch von thematischer Vielfalt, die das Unternehmen oder Teile davon beschäftigt. Diese Bibliotheken dokumentieren Entwicklung und Expertise im Unternehmen und können zu Audio-Museen ausgebaut und entsprechend kuratiert werden. Das gilt in besonderem Maße, wenn die Episoden transkribiert und durchsuchbar angeboten werden. Nach einiger Zeit finden sich zu den meisten Themen, die das Unternehmen umtreiben, Statements, wertvolle Dialoge und Kompetenzbeweise in irgendeiner Podcast-Episode. Für LERNLUST, den Podcast meiner beiden Kolleginnen Claudia und Susanne, spüre ich das in besonderem Maß … insbesondere, seitdem wir die Volltext-Transkription eingeführt haben: Bei den meisten Konzepten oder Angeboten, die ich schreibe, finde ich mittlerweile als Beleg der Kompetenz meiner Kolleg:innenschaft passende Folgen im LERNLUST-Archiv.
Informelle und formale Expert:innen hörbar machen
Die Produktion eines Podcasts im Unternehmen ist die permanente Suche nach (ungehörten) Stimmen im Unternehmen. Formale Hierarchien treten dabei oft in den Hintergrund. Wichtig ist die interessante Aussage, die Erfahrung, die Präsenz vor dem Mikrofon, die angezapften Wissensquellen und Netzwerke oder auch taktische Hörbarmachung von Expert:innen, die ansonsten keine Bühne haben. Einmal aufgenommen und publiziert klingen neue Stimmen in den In-Ear-Kopfhörern der Mitarbeitenden, die in den formalen Projektteam-Besetzungen vielleicht nie erklungen wären.
Weit entfernte Hierarchien anders hörbar machen
Nicht nur informelle und formale Expert:innen können durch Podcasts hörbar gemacht werden. Auch die Stimmen aus weit entfernten Hierarchien, aus den obersten Chef:innen-Etagen, kann ungewohnter Klang gegeben werden. Stimmen, die das Gros der Belegschaft sonst nur aus Townhalls oder aus der Tagesschau kennt, erhalten einen neuen Resonanzraum. „Alles gesagt?“ mit dem CEO … oder doch eher menschelndes Hotel Matze? Ein gewagtes Experiment …
Aufnahme und potenzielles Publikum können für Konzentration und Disziplin sorgen … oder überfordern
Die Eigenschaften des Mediums (z. B. gefühlte Unmittelbarkeit, Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit der Stimme) sowie die (teil-)öffentliche Publikation schaffen bei manchen Menschen ein Level an Stress, das die Konzentration und Disziplin erhöht … während es für andere abschreckend und hemmend wirkt. Die Gesprächssituation und Antizipation des späteren Publikums kann beim Sammeln und Artikulieren helfen.
Abgeben von Kontrolle trainieren und Emergenz erlebbar machen
„Ich glaube, daß mancher großer Redner, in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.“ schreibt Heinrich von Kleist in „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (1805-1806). So groß die Anspannung, Aufregung und gefühlt mangelhafte Vorbereitung bei Gesprächsbeginn ist: Jede Podcast-Aufnahme ist ein Experiment im kontrollierbaren Kontrollverlust und dem Gefühl intellektueller Emergenz. Die Gedanken sprudeln, stottern und stolpern vielleicht auch, aber notfalls bleibt immer der Schnitt. „Einfach weiterreden, wir können Verhaspler rausschneiden“ ist die Versicherung des Podcasts-Hosts bei Gesprächsbeginn. Dieses Sicherheitsnetz wird letztlich aber selten benötigt. Stattdessen bleibt das Staunen über die Gedanken, die sich, in der Vorbereitung nicht zu erahnen, erst im Gesprächs entwickeln.
Beziehung, Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit stärken
So sind Podcasts ein Zeugnis unserer Fähigkeit, uns zu artikulieren, zu reflektieren, zu zweifeln und uns gemeinsam im Gespräch zu inspirieren. In guten Gesprächen entsteht eine spontane Beziehung zwischen Gäst:in und Host, die sich hin zu den Hörer:innen überträgt und sie im besten Fall einbezieht.
Mit jeder Pause, jedem Ääähm, jedem Ringen nach Worten und jeder Ausprägung des Sprachduktus hören wir den Gesprächspartner:innen beim Denken zu und machen die Produktionsbedingungen transparent (Ich erinnere mich, dass Karlheinz Pape das sehr schön in … ich vermute, es war in CLP075: Wie Podcasts zum Lernen verführen … beschreibt.) Diese Belege der Authentizität fehlen synthetisch generierten Inhalten gänzlich.Gefühlte Emotionalität, Atmosphäre und persönliche Betroffenheit fördern
Dieses direkte Erleben von persönlicher Betroffenheit und Authentizität lässt sich gerade in Lerninhalten aufwendig z. B. durch Mittel des Storytelling erzeugen … oder relativ einfach durch die Wahl passender Gesprächspartner:innen im Podcast. Durch diesen „Begeisterungstransfer“ lassen sich selbst dröge regulatorische Inhalte im Onboarding berührend vermitteln, beschreibt Lars Hohl (derPUPE) im SUBSCRIBE10-Vortrag „Die Stimme in Konzerne hacken“: „Wenn Du demjenigen, der eine Richtlinie oder einen Prozess in einem Konzern owned, die Möglichkeit gibst, ihn auch angemessen und mit Herzblut zu vermitteln, dann überträgt sich dieses Herzblut auch mit in den Kopf der Mitarbeiter“. Bei aller Skepsis gegenüber dieser einfachen Vorstellung von „Wissenstransfer“ verstehe ich den Punkt von derPUPE: Hinter der gefühlten Flut von Vorschriften und Prozessen stehen ansprechbare Kolleg:innen, die diese gestalten, kontrollieren … und die sich, im Podcast belegt, etwas dabei gedacht haben.
Lernartefakte erstellen
Podcast-Episoden können nicht nur gezielt als Lernmaterial erstellt werden … sie können gleichzeitig Artefakte und Belege für stattgefundene Lernprozesse sein. Mit kaum einem anderen Medium lässt sich die eigene Entwicklung leichter und schneller dokumentieren als über eine Audioaufnahme. Wenn diese dann nicht über Spotify oder YouTube, sondern über eine eigene Domain of Ones Own verbreitet wird, entsteht ein echtes, eigenes Lerntagebuch.
Vielleicht formt sich daraus am Ende sogar eine Dissertation, wie in Moritz Klenks Arbeit mit dem Sprechenden Denken.?Experimentieren
„Professionalität“ oder „Punk“? Wie in den vorherigen Abschnitten bereits mehrfach erwähnt, können wir in Podcasts oft ein Quäntchen mehr Narrenfreiheit haben als in vielen anderen Unternehmensformaten. Persönlichkeit wird in Podcasts tendenziell eher toleriert. Außerdem sind einstündige Audioformate einfach etwas weniger leicht zur ‚prüfen‘ als ein Bild- oder Textbeitrag. Podcasts laden dazu ein, mit ihnen zu experimentieren und sie kreativ zu bespielen. Crossover zu Serienhörspielen, Hybride mit anderen Medien, Takeover, Audiobarcamps … alles ist möglich! Ein bisschen Mythos von Piratenradio im Konzern … oder „Punk Rock Podcasting“, wie Benjamin Lorch das zwar in etwas abgeschmackten Worten, aber inhaltlich lesenswert auf dem Blog des Softwareherstellers Hindenburg beschreibt.
Visuelle, körperliche oder räumliche Lernerfahrungen mit Audio augmentieren
Ich höre Podcasts in vielen unterschiedlichen Situationen. Auf der Straße, im Wald, am Schreibtisch, in der Küche, in allen möglichen Verkehrsmitteln, spazierend, im Fitnessstudio, mitschreibend oder manuell anderweitig beschäftigt … und ich kann mich genau an Details vieler Podcastfolgen erinnern, die ich in diesen Situationen hörte. Scheinbar zusammenhanglose Abrufreize haben das dabei Gehörte in meinem Gedächtnis verankert.
Wie ich in dem Abschnitt zu Doris Schuppes #AudioBC21-Session „Audio-Aspekte für Online-Trainings und -Workshops“ schon schrieb: Lasst uns damit experimentieren, wie wir mit Podcasts Lernerfahrungen in Lernangebote anreichern können. Wie verändert sich eine körperliche Trainingssituation durch einen Podcast im Ohr? Was können wir mit Augmented Audio anstellen? Wie machen wir Podcasts zu Knowledge Boostern? Wie lassen sich Lernerfahrungen durch eine integrierte Podcast-Produktion erweitern? Ich hoffe, dieser Beitrag gibt dafür einige Anregungen zum Weiterdenken und Weitersprechen.Beispiele für Podcasts in Unternehmen von Simon Dückert aus dem „Die Stimme in Konzerne hacken“-Vortrag
Im oben bereits erwähnten SUBSCRIBE10-Vortrag nennt Simon Dückert ab Minute 7:34 folgende Beispiele von Podcasts in Unternehmen. Eine inspirierende und leicht zu erweiternde Liste:
– Knowledge-Podcasts
– Research-Podcast
– Schulungs-Podcast
– Kampagnen-Podcast
– Meetup-/Speaker-Series-Podcast
– Konferenz-Retrospektive-Podcast
– Executive-Podcasts
– Lessons-Learned-Podcast
– Expert-Debriefing-Podcasts
– Onboarding-Podcast(Das Beitragsbild ist eine Illustration mit dem Titel „Editorial Rooms of the Phonographic Journal of the Future.. (Dictating News Cylinders.)“ von Albert Robida aus Octave Uzannes Buch „The End of Books“ (1894), online als Public Domain zugänglich.)
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Laudatio und Replik zum Bert-Donnepp-Preis
Am 3. Februar wurde im Großen Saal des Adolf-Grimme-Instituts beim „Bergfest“ des 51. Grimme-Preises in Marl der Bert-Donnepp-Preis überreicht. Preisträgerin ist die Medienjournalistin Ulrike Simon. Der Autor dieses Blogs freut sich über die undotierte „Besondere Ehrung“. Hier die Begründung der Jury, die aus Thomas Lückerath, Peer Schader, Torsten Körner, Matthias Dell, Jürgen Büssow, Ulrich Spies bestand.
Die Laudatio hielt das Jurymitglied Torsten Körner in freier Rede, in der er aus einer Email des leider verhinderten ehemaligen Hörspielleiters und HR2-Wellenchefs Christoph Buggert zitierte:
Christoph Buggert
Seit vielen Jahren ist Jochen Meißner nicht nur ein kreativ mitdenkender, präzise argumentierender, unabhängig urteilender Hörspiel-Kritiker.
Fast noch mehr bewundere ich seine Fähigkeit, eine kenntnisreiche Nähe und zugleich einen kritischen Abstand zur modernen Medienwelt zu bewahren. Längst sind wir nicht nur Kunden oder Konsumenten der digitalen Realität, wir sind ihre Produkte. Jochen Meißner behält in dieser unübersichtlich gewordenen Entwicklung den Überblick, er ist Kenner und geschickter Nutzer der technischen Neuerungen des Medienzeitalters.
Wo der im Quotendenken – und das heißt: in altmodischer Mainstream-Genügsamkeit – verharrende öffentlich-rechtliche Rundfunk den Anschluss an die Gegenwart verliert, beißt er unerschrocken zu. Letzteres auch dann, wenn das zu Verärgerungen führt (und jemandem, der zugleich vom Medien-Kuchen leben muss, schmerzhafte Auftragsverluste einbringen kann). Es ist zu kurz gesprungen, wenn wir in geistigem Gutmenschentum wieder und wieder an den gesetzlich verankerten Kulturauftrag appellieren.
Jochen Meißner tut Sinnvolleres und Wichtigeres: Er erinnert – erstens – daran, dass das digitale Universum immense kreative und ästhetische Potentiale öffnet. Und er pocht – zweitens – darauf, dass nur eine Kultivierung des digitalen Universums davor schützt, dass der digitale Moloch seine Schöpfer und Erfinder frisst. Daraus ergibt sich ganz von selbst eine Einsicht, die den Entscheidern in den Medienhäusern mehr und mehr abhanden kommt: Einpegelung auf die statistisch abrufbaren Bedürfnisse des Publikums führt zu Verengung und mentaler Austrocknung. Unser Publikum will mehr: Es will diejenigen Potentiale in sich erfahren, die es noch nicht kennt, die zu Überraschung und Selbsterneuerung führen.
Dasselbe noch einmal anders gesagt: Jochen Meißner erzählt dem Radio der Gegenwart, wie reich es sein könnte – in all seiner Armut und Selbstzufriedenheit. Diejenigen im Radio, die dem Radio eine lebendige und farbige Zukunft gönnen, lieben ihn dafür. Diejenigen, die leere Zahlen schon für Zukunft halten, fürchten ihn. Was kann man Besseres über einen Medienkritiker sagen?
Hier noch eine Mail von Friedrich Knilli (*1930), Hörspieltheoretiker
Lieber Jochen Meißner, dieser Preis spricht für die Jury. Denn Meißner (*1966) mit Donnepp (*1914) zu ehren, braucht medienwissenschaftlichen Verstand. Man muß beide Herren sehr gut kennen, um zu ahnen und zu würdigen, was sie verbindet. Ich gratuliere herzlich. Friedrich Knilli… und hier eine von Frank Kaspar, Kulturjournalist
Lieber Jochen,
herzlichen Glückwunsch! Es freut mich sehr, das zu hören! Die „Besondere Ehrung“ hast Du Dir redlich verdient mit Deinem Jahrzehnte währenden Einsatz für’s Hörspiel, der ja jedes Mal ein Sonder-Einsatz ist, so wie Du Dich in jedes einzelne Stück rein denkst und rein schaffst, um Werk und Werkenden MINDESTENS auf Augenhöhe zu begegnen
Toll, dass die Juroren das gesehen haben!
Frank KasparReplik
Bei Grimmes nennt man die Dankesrede ‚Replik‘. Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen. Hier also meine Erwiderung, die die Hütte gerockt hat, die auf ein sehr dankbares Publikum gestoßen ist:
Meine Damen und Herren,
insgeheim hatte ich mir schon lange gewünscht, einmal den Bert-Donnepp-Preis zu bekommen. Das ist mit dem heutigen Abend vorbei, denn dass ich nach der „Besonderen Ehrung“, für die ich mich artig bedanke, den richtigen Preis bekomme, ist doch eher unwahrscheinlich. Also gehe ich nicht über Los, ziehe keine 5000 ein und habe mich entschlossen Ihnen ein wenig „die Leviten langzuziehen“, wie es mir als kleiner Junge mein lieber Onkel Richard des Öfteren scherzhaft angedroht hat – wobei mir der Humor dieses schiefen Bildes natürlich erst sehr viel später aufgegangen ist
Wer mit „Ihnen“ gemeint ist? Wer „Sie“ sind? Sie, das sind die Feuilletonredakteure, denen beim Thema Hörspiel nur „Kino-im-Kopf“ einfällt, was ein sicheres Indiz dafür ist, dass sie vom Medium so gar keine Ahnung haben. Sie, das sind die Medienredakteure, die – wie es Hans Hoff so eindrücklich beschrieben hat – unter „Beitrags-Tourette“ leiden und keine dreißig Zeilen schreiben können, ohne auf die Alimentierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hinzuweisen und schnapp-atmend die Wörter „Zwangsgebühr“, „8 Milliarden“ oder „Herres“ ausstoßen müssen. Jene Redakteure also, die, wenn sie von ihre eigenen Dschungelcamp-Berichterstattung gelangweilt sind, einmal im Jahr ein Hörspielthema ins Blatt heben – und dann bebildern sie es mit einem Radioempfänger aus den 50er Jahren.
In den Jurybegründung heißt es, dass ich es mir, dem Hörspiel und meinen Lesern niemals leicht machen würde. Die kleine Gemeinheit am Schluss würde ich natürlich gerne als Kompliment nehmen, kann es aber leider nur teilweise. Anfang der 90er Jahre schrieb im Berliner Tagesspiegel Sibylle Wirsing immer völlig unverständliche Kritiken zu den Volksbühnen-Premieren von Frank Castorf. Hatte man die Stücke dann später selbst gesehen, ging einem zweierlei auf, nämlich, dass erstens ihrem Urteil in der Regel zu trauen war und dass zweitens ihre beschreibenden Sätze immer gestimmt haben. Vielleicht liegt dort die Ursache, dass ich in meine Radiofeatures gerne etwas kompliziertere, nicht radiophone Sätze einbaue. Denn es ist meine Überzeugung, dass man damit mehr Spannung und Aufmerksamkeit erzeugen kann als mit dem üblichen Subjekt-Prädikat-Objekt-Schema. Jenem Schema, das im Subtext immer nur brüllt: „Hör.Mir.Zu.Idiot.“ Denn im Kulturradio hält man sich gerne mal für intelligenter als seine Hörer. Welch ein Irrtum.
Leider erreichen meine Texte das Ideal Wirsingscher Unverständlichkeit nur äußerst selten und das liegt an einem Redakteur, der eine Qualifikation besitzt, die unter Medienredakteuren nicht wirklich weit verbreitet ist: er kann lesen. Dieser Redakteur ist Dieter Anschlag von der Funkkorrespondenz, auch er ein Bert-Donnepp-Preisträger, ohne den ich nicht hier stände, weil er die gröbsten Missverständlichkeiten in meinen Texten beseitigt und weswegen ich gerne manche krude Eindeutigkeit ertrage. Also ängstigen Sie sich nicht, wenn sie mal zufällig über einen meiner Text stolpern sollten. Was Sie nicht verstehen, geht auf meine Kappe, was Sie langweilt auf seine. Ich bin mit diesem Arrangement sehr zufrieden.
Der nächsten Absätze wurden aus Zeitgründen gestrichen und stehen hier exklusiv für hoerspielkritik.de-Leser:
Ich würde „Kunstwerke ausloten, durchdringen, feiern und erden“, wird mir von der Jury attestiert. Nun ja, auch dieses Bild hängt schief, hat aber den Vorteil eine technische Metapher zu benutzen und Feuilletonisten lieben technische Metaphern – ich schließe mich da gerne mit ein.
Den Hinweis „Vergessen Sie nicht ihre Antennen zu erden“ spielt Bert-Donnepp-Preisträger Jörg Wagner gerne in seinem Medienmagazin. Aber warum sollte man das tun? Ganz einfach, damit bei einem Gewitter der Blitz nicht durch die Antenne in den Hörer einschlägt und der Funke aus dem Äther nicht nur die Synapsen, sondern gleich das ganze Hirn zum Feuern anregt.
Der Fachdienst für den ich schreibe trug bis vor kurzem den stolzen und melodiösen Namen „Funk-Korrespondenz“. Eine freudige Auftaktsilbe, deren Klang noch an den Übersprung der Funken vom „Sender“ zum „Empfänger“ erinnert, mit dem Heinrich Hertz die Existenz elektromagnetischen Wellen nachgewiesen hat. Oder an jene Höllenmaschinen namens „Knallfunkensender“ mit denen Anfang des letzten Jahrhunderts Telegraphie betrieben wurden und von denen man sagte: „Lautstärke gleich Reichweite“ – und die Reichweite eines Knallfunkensenders betrug 3000 Kilometer. Und nicht zuletzt stammt der Begriff „Rundfunk“ von diesen Funken ab. Ob es also so schlau war nach 62 Jahren einen so sexy Namen wie Funkkorrespondenz durch einen Irgendwas-mit-Medien-Titel zu ersetzen, wird sich erweisen. Mein Redakteur hat mir versichert das die Medienkorrespondenz jetzt nicht mehr für ein Organ von CB-Funkamateuren gehalten wird. Graviernder als die Umbenennung ist jedoch, dass das Blatt statt wie bisher wöchentlich nur noch alle 14 Tage erscheint, was zwangsläufig weniger Hörspielkritik bedeutet.
Die Frage, die sich hier vor Ihnen, also der versammelten fernsehkritischen Intelligenz stellt, ist: Warum sollte Sie das Hörspiel interessieren? Und warum tut es das nicht?
Die einfachste historische Antwort ist: weil das Radio und insbesondere seine Kunstform schon immer das Medium der Innovation war. Schon das erste deutsche Hörspiel überhaupt, Hans Fleschs „Zauberei auf dem Sender“ von 1924 war in seiner Form so selbstreflexiv, metafiktional, transmedial und interaktiv, das man alle seine Dimensionen erst mit den heutigen technischen Möglichkeit der digitalen Vernetzung realisieren könnte. Ein Kunstwerk, das auf sein Medium wartet. Von dem Filmer Walter Ruttmann ganz zu schweigen, der seine Hörspiel-Klang-Collage „Weekend“ auf Filmton realisiert.
Aktuellere Gründe, warum Sie das Hörspiel interessieren sollte, sind: Ulrich Bassenge, Albrecht Kunze, Edgar Lipki und Andreas Bick. Namen, die Sie noch nie gehört haben und das ist nicht nur Ihre Schuld, das ist auch Ihr Verlust. Denn Ulrich Bassenge liefert mit seiner Vorliebe für den philippinischen Frauen-Gefängnis-Film nicht nur akustischen Trash vom Feinsten [in „Walk of Fame“], er hat die Geschichte künstlicher Stimmen nacherzählt [in „sprechmaschinenfest“] und er hat am entgegengesetzten Ende der Hochkulturskala den barocken britischen Gelehrten Sir Thomas Brown wiederentdeckt und einer interessierten Hörerschaft zugänglich gemacht [in „musaeum clausum“]. Der Musiker Albrecht Kunze arbeitet an der Demarkationslinie von Krieg und Clubkultur. Sein „ich auf der tretmine“ ist erstarrt in dem Moment zwischen Auslösung und Detonation auf einer verminten Tanzfläche und seine messerscharfen Sätze verraten eine genaue Kenntnis gegenwärtiger Kriegstheorien und ihrer territorialen Dimensionen.
Kurze Abschweifung – schon 1971 hat Jürgen Becker, der Büchnerpreisträger nicht der Kabarettist, in seinem Hörspiel „Die Wirklichkeit der Landkartenzeichen“ das vorweggenommen, was man heute „augmented reality“ nennt, nämlich die Abbildung von (Kriegs-) Geschichte auf den Raum. – Ende der Abschweifung.
Kommen wir zu Edgar Lipki, dessen an französischer Theorie geschulte Stücke immer so haarscharf neben meinen Präferenzen liegen, dass ich mich immer frage, ob der Typ wirklich so gut ist oder doch ein Hochstapler. Die Reibung an seinen Stücken erzeugt bei mir jedenfalls immer eine äußerst produktive Hitze. Schließlich ist da noch der Komponist, Klangkünstler und Feature-Autor Andreas Bick dessen Stück „</Pasted> Wir sind die Zukunft der Musik“ sich mit transformativen Werknutzungen, vulgo Remixes und Mashups, beschäftigt und dabei die Urheberrechtsdebatte so inszeniert, wie man sie noch nie gehört hat: nämlich dadurch, das er die Gegensätze mit den bestmöglichen Argumenten aufeinander krachen lässt. „</Pasted>“ gibt es übrigens nicht nur im linearen Radio, sondern als pasted-radio.de auch im Netz, wo man sich chronologisch, thematisch oder systematisch durch das Stück bewegen kann. Mit dem Radio über das Radio hinaus.
Wem das jetzt zu männlich dominiert war, den verweise ich auf die Stücke von Anne Lepper, Nora Abdel-Maksoud, Ivana Sajko oder Kathrin Röggla und darauf, dass wohl keine Branche personell so durchgegendert ist wie das deutsche Hörspiel. Von elf Hörspielabteilungen werden sieben von Frauen geleitet. Die Namen auf meiner Liste habe ich nicht willkürlich zusammengestellt. Allen diesen Autorinnen und Autoren würde ich den Hörspielpreis der Kriegsblinden gönnen. Den kennen Sie, das ist der wichtigste deutsche Hörspielpreis mit dem komischen Namen, der ihnen einmal im Jahr eine dpa-Meldung wert ist, wenn überhaupt. Dass Andreas Ammer, der zusammen mit Denis Scheck im Fernsehen dieses crazy Literaturmagazin namens „Druckfrisch“ macht, als einziger Autor diesen Preis zweimal bekommen hat, das wissen Sie jetzt auch.
Soviel zum formalen und ästhetischen Reichtum der Gattung Hörspiel, die allerdings auch innerhalb des Radios bedroht ist. Die mittelmäßigen Radio-Tatorte, die in allen Landesrundfunkanstalten wiederholt werden müssen, wie auch das senderübergreifende ARD-Radio-Feature sind massive Anschläge auf den Rundfunk-Förderalismus, der die einzigartige Vielfalt der radiophonen Formen in Deutschland erst ermöglicht hat. Von der unter dem vorsätzlich irreführenden Titel „Radiofestival“ genannten abendlichen Gleichschaltung der Kulturwellen im Sommer gar nicht zu reden. Und der Intendant des Saarländischen Rundfunk, der Anstalt, in der das Neue Hörspiel mit großem „N“ erfunden wurde, hat sich Anfang letzten Jahres in der Ankündigung der Zusammenarbeit mit dem Hörspiel des Deutschlandfunk gefreut, dass er dadurch „kostenintensive Investitionen in Technik [ergänze und Personal] vermeiden“ könnte. „8 Milliarden. Zwangsgebühr. Kleist.“
Nun zur Armut der Gattung. Das Hörspiel ist unfassbar billig. Lassen Sie sich von den (Zitat:) „egomanen Strukturreformern und geistlosen Kostenoptimierern“ nicht in die Irre führen, die das Radio als „privilegierte Spielwiese“ betrachten, weil sie eigentlich lieber im Fernsehen „bella figura“ machen würden, wie Alexander Kissler im Cicero polemisiert hat. Und das ist nun wirklich kein Blatt, dem man eine besondere Sympathie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterstellen möchte.
Als NDR-Intendant Lutz Marmor vor einiger Zeit die Minutenpreise für den Fernseh-Tatort veröffentlichte, rieb man sich als Radiohörer nur erstaunt die Augen. Eine Minute Tatort kostet soviel wie eine Stunde Hörspiel und eine Hörspielstunde sind sowieso nur 54:30. Konservativ gerechnet haben wir es also mit dem Faktor 50 zu tun oder anders gesagt: eine Hörspielminute kostet 2% einer Tatort-Minute. Eher weniger. Bei einer Jahresproduktion von etwa sechshundert Hörspielen inklusive Krimi und Kinderhörspiel können Sie sich nun leicht ausrechnen, wieviele Tatorte man vom Produktionsbudget des gesamten deutschen Hörspiels drehen könnte. Es sind 6,666.
Näheres dazu können Sie morgen Abend [04.02.15, 21 Uhr] in meiner „Kleinen Mediengeschichte des Hörspiels in zehn Missverständnissen“ auf hr2 kultur hören.
Nun, warum interessiert Sie als Medien- und Feuilleton-Redakteure das alles nicht? Ich habe eine starke Vermutung, wer daran schuld ist und, Sie ahnen es, das sind Sie selbst. Denn im Gegensatz zu Theater oder Film ist das Hörspiel aus dem kollektiven kulturellen Gedächtnis fast völlig verschwunden. Manche Tageszeitungen schmücken sich sehr zurecht mit ihren DVD-Reihen in denen sie die Schätze der Filmgeschichte verfügbar machen. Auf die Idee einen Kanon der, sagen wir mal, 100 bemerkenswertesten Hörspiele aus 90 Jahren Geschichte der Gattung herauszugeben, ist noch niemand gekommen. Aber auch im ganz normalen Tagesgeschäft gestalten Sie das kulturelle Gedächtnis dieser Gesellschaft mit. Der geringe Raum, den das Hörspiel in eben jenem kulturellen Gedächtnis einnimmt, liegt also auch daran, das Sie ihm den kritischen Resonanzraum verweigern. Jenen Resonanzraum, den jede Kunst braucht, um sich weiterzuentwickeln.
Alexander Kissler hat in seiner Polemik „Eine Lobby für das Radio“ gefordert. Zu einer eigenen ständigen Radiokolumne im Cicero hat es aber nicht gereicht. Vielleicht denken Sie mal drüber nach.
Vielen Dank.
P.S. Dieser Beitrag ist im Altpapier vom 6. Februar freundlich erwähnt worden.
#BertDonneppPreis #ChristophBuggert #FrankKaspar #FriedrichKnilli #JochenMeißner #TorstenKörner -
Die Ahnenreihe des deutschen Videospieljournalismus von Florian Auer
Seit dem Anfang der 80er-Jahre gibt es im deutschsprachigen Raum nennenswerten Journalismus über Computer- und Videospiele. Anfangs als Randthema der großen Heimcomputermagazine gesehen, entwickelte sich spätestens ab 1987 eine eigene Identität, wie über elektronische Spiele zu berichten ist.
Dieser Bericht soll euch einen Überblick über die Geschichte geben und die Besonderheit, die in der Berichterstattung für unser Hobby in unseren Breiten besonders ist – es gibt eine durchgängige Ahnenreihe von den ersten Publikationen bis hin zu modernen Outlets, die immer noch über unser Hobby schreiben. Hier sei im besonderen die direkte Verbindung von den ersten Magazinen bis hin zur modernen Zeit gezeigt – auch wenn der Artikel versucht, zumindest alle Strömungen und Ideen zu nennen.
Disclaimer: Natürlich habe ich einige legendäre Namen, Magazine oder Websites in meinem kleinen Bericht zu stiefmütterlich oder gar nicht behandelt (4Players, Gamefront usw.) – mein Fokus lag auf der von der ursprünglichen Happy Computer-Sonderausgabe „Power Play“ basierenden Ahnenreihe und deren Entwicklungen. Auch Publikationen aus Österreich, der Schweiz oder anderen deutschsprachigen Ländern und Gebieten werden nicht erwählt.
Die graue Vorzeit
Markt und Technik
Der Markt & Technik-Verlag, noch heute bekannt für Fachbücher der Computerindustrie, hatte 1983 ein Magazin für die immer größer werdende Heimcomputergemeinde veröffentlicht – „Happy Computer“. Spiele machten darin nur einen geringen Teil aus, um aber den Ansprüchen der wachsenden Spielerschaft gerecht zu werden, gab es ab 1985 immer wieder Spiele-Sonderteile, in den Spiele aber hauptsächlich nur aufgelistet wurden. Das Team, das sich um die Spiele gekümmert hatte, konnte aber schließlich ab Dezember 1987 eine eigene Publikation nur für Computer- und Videospiele gründen. Die „Power Play“.
Editorial Powerplay 12/87 mit (v.l.n.r Heinrich Lenhardt, Anatol Locker, Boris Schneider, Martin Gaksch).Die Struktur des Magazins war aufgeteilt in Neuigkeiten, Computerspieletests, Berichte, Videospieletests, Automatentests und dann einem interaktiven Teil, in dem auch die Leserbriefe platziert waren. Damit war die ursprüngliche Struktur eines deutschen Spielemagazins geschaffen.
Spieletests
Auch geschaffen wurde die lange sehr beliebte Art, Reviews zu schreiben. Das Spiel wurde allgemein neutral bis erklärend beschrieben. Die Meinung der testenden Person war in einen gesonderten Kasten ausgegliedert, ein kurzes Statement nebst Avatar des Autors oder der Autorin daneben. Für die Einordnung wurde ein System verwendet, das die Spiele von 1 – 100 entsprechend bewertete.
Ausschnitt eines Tests in der Powerplay 12/87.Tronic-Verlag
Im Tronic-Verlag erschien die „Aktueller Software-Markt“, die von 1986 bis 1995 existierte. Hierbei handelte es sich um eine bei Fans sehr beliebte Publikation mit lockerer Schreibe und viel Interaktion mit der Leserschaft. Dieses Magazin blieb aber nach seiner Einstellung 1995 ohne nennenswerten Nachfolger.
TeleMatch
Von 1982 bis 1985 erschien darüberhinaus noch die TeleMatch, eine der allerersten Publikationen für Videospiele. Durch den Niedergang der Videospiele Anfang der 80er versuchte das Magazin sich noch in die Heimcomputer-Ecke zu retten, wurde aber schon nach drei Jahren eingestellt.
WEITERE MAGAZINE
Neben der ASM aus dem Tronic-Verlag oder der TeleMatch gab es, vorwiegend in den 80ern, noch viele weitere erwähnenswerte Hefte oder Magazine, die sich mit Spielberichterstattungen befassten. Dazu gehörten beispielsweise die legendäre 64er (Markt & Technik), ck – Computer Kontakt (Rätz Eberle), Computronic und Homecomputer (beide aus dem Roeske Verlag, später Tronic Verlag), HC Mein Home-Computer (Vogel Verlag), oder die leider nur sehr kurzlebige tele action (Ehapa). Auch genannt werden wollen die Joystick (DMV) oder vergessene Exoten wie die HCA (Computer Aktiv).Einen großartigen Überblick über viele Magazine seit 1978 bietet die Seite kultboy.com, auf der man sich auch die Coverscans der Magazine von einst anschauen kann.
(ae)Videospieler, vereinigt euch!
Aus der „Power Play“ im Markt & Technik-Verlag erschien 1991 dann eine vollständig eigene Publikation, wiederum als Sonderheft – so wie einst die „Power Play“ gestartet ist, wurde dann auch die „Video Games“ zuerst als Nebenpublikation erstellt, die dann mit Anfang 1992 ein eigenes Magazin wurde.
Die Struktur war ähnlich wie die der Power Play. Nach einer Liste von Neuigkeiten aus der Welt der Videospiele gab es Reportagen, dann Tests, in der Mitte Tipps & Tricks und am Ende einen interaktiven Teil.
Editorial „Video Games 01/91“: Wiederum finden sich die Herren Lenhardt und Gaksch neben anderen Branchengrößen wie z.B. Julian Eggebrecht, der mit Factor 5 später legendäre Videospiele für N64 und GameCube schuf.Der Grundstein war gelegt
Im Jahr 1992 blühte die Video Games als reines Videospielmagazin auf, und die Autorenschaft stieg stetig an. So modern das Hobby aber war, der Markt & Technik Verlag war wohl technisch nicht auf der Höhe der Zeit. Das bedeutete, dass die Video Games noch mit Papier und Schere zusammengestellt wurde, statt mit modernem Desktop Publishing – welches Anfang der 90er Jahre schon durchaus üblich war.
„Video Games 7/92“ – mein erstes selbstgekauftes Videospielmagazin seinerzeit.Die Geschichte der drei Reiche
Nun, in die chinesische Legende wollen wir nicht eintauchen, aber wohl in das Jahr 1993, wo aus dem fruchtbaren Boden der Video Games und der Beliebtheit des Videospieljournalismus einige interessante Blüten wuchsen.
Die „Video Games“ hatte ihren Stil gefunden, war locker und schien das Hobby mit viel Spaß zu nehmen. Zumindest war das die Art, die in den Editorials oder hin und wieder eingestreuten Anmerkungen in den Leserbrief- sowie Rat & Tat-Seiten vermittelt wurde. In der ersten Hälfte des Jahres gab es auch immer wieder Berichte über moderne Medien und Technologien, die am Ende des Magazins, nach dem Testteil mit „Cyber Media“ überschrieben wurden – ein Zeichen dessen, was kommen sollte.
„Video Games 06/93“, nun auch mit Desktop-Publishing erstellt. Auffallend: Das Artwork von Roger Horvarth von Mario.1993: Die MAN!AC wird gegründet
Andreas Knauf, Winnie Forster, Martin Gaksch und Ingo Zaborowski kündigten bei Markt & Technik und beschlossen, ihr eigenes Magazin zu gründen im eigenen „Cybermedia“ Verlag. Die „MAN!AC“. Die Technologie sollte alles ganz anders machen als beim alten Verlag – vernetzte Macs, Desktop-Publishing und die groß angelegte Verwendung von Grafikeffekten. Artworks wurden in der Anfangszeit zumeist von Roger Horvarth erstellt.
Ende des Jahres stieß auch noch Heinrich Lenhardt als Gastautor hinzu – so war ein großer Teil des ursprünglichen „Video Games“ Teams nun zusammen in der neuen Zeitschrift.
Zweite Seite des Editorials der „MAN!AC 11/93“.Rosenkrieg
Die Aufteilung ist wohl augenscheinlich nicht ganz friedlich vonstatten gegangen. In der „MAN!AC 12/93“ wurden einige Leserbriefe veröffentlicht, in welcher einige Leser nachfragten, ob die Redakteure denn wirklich die von der „Video Games“ waren. Die Antworten auf die Briefe waren sachlich, es wurde aber nur geantwortet dass das Team langjährige Erfahrungen hat. Ein Verweis auf die offensichtliche Ausgründung aus der Publikation des Markt & Technik-Verlags unterblieb.
Auch die „Video Games“ war sichtlich beleidigt – gerade einmal Ingo Zaborowski wurde im Editorial verabschiedet, die anderen Gründungsmitglieder wurden nicht erwähnt.
Über die Jahre gab es immer wieder Sticheleien der Magazine – mal lästerte die „Video Games“, dass die „MAN!AC“ sich einen Test von Tekken 2 ermogelt hatte indem die Automatenversion als PS1-Version ausgegeben wurde, mal stichelte die „MAN!AC“, dass die „Video Games“ bei technischen Ratschlägen Unsinn erzählte.
Das Kern-Team der alten „Video Games“ schien zu „MAN!AC“ gegangen zu sein, der lockere Geist und das freundlichere Auftreten blieb aber bei der „VG“.
Die „MAN!AC“ gab sich betont cool und ernst – Videospiele waren kein Spaß und mussten streng bewertet werden. In den seltenen Momenten, in denen Meldungen aus dem Redaktionsalltag veröffentlicht wurden, wurde erwähnt wie viele Überstunden und Stress der Alltag in der Redaktion mit sich brachte. Nur in den Jahresrückblicken konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Jungs doch Spaß beim Erstellen des Magazins hatten.
Der lachende Dritte?
Neben der „Video Games“ und der „MAN!AC“ erschien auf Basis der alten Mannschaft noch ein weiteres Magazin 1993 – die „N“, ein rein für Nintendo ausgelegtes Magazin.
Auch hier versammelte sich ein Teil der Mannschaft, die schon aus „Power Play“, „Video Games“ und „MAN!AC“ bekannt war – unter anderem Boris Schneider, Heinrich Lenhardt und Julian Eggebrecht. Das Magazin war aber sehr kurzlebig und wurde schon nach einer einzigen Ausgabe wieder eingestellt – trotz interessantem Stil und kompetentem Personal.
Team der „N 95/93“.Computec und andere
Der Computec-Verlag war in diesem Jahr dabei, die Magazinwelt zu bereichern, mit der „Play Time“ als Konkurrenz zur „Power Play“ schon seit 1991 und der „Mega Fun“ als Konkurrenz zu „Video Games“ und „MAN!AC“ ab 1993. Der Markt sättigte sich. Mit den Magazinen „GAMERS“ und „TOTAL!“ erschienen noch zusätzlich unabhängige Magazine zwischen 1991 und 1993 in der Videospiellandschaft.
Gemeinsamkeiten
Unabhängig von Verlag und Redaktion, war der größte Unterschied zwischen den Magazinen einerseits der Bewertungsstandard, wobei der Computec-Verlag gerne höhere Wertungen gab, und „MAN!AC“ eher strengere.
Grundsätzlich hielten sich die meisten Magazine aber an das in der „Power Play“ etablierte 100er-System (nur die „GAMERS“ und „TOTAL!“ verwendeten Schulnoten) und auch der grundsätzliche Aufbau der Magazine blieb ähnlich.
Die folgenden Jahre
Ab 1995 kam noch als nennenswertes Magazin die „Fun Generation“ hinzu, ein Magazin mit betont fröhlichem und lockerem Layout, das im Laufe der Jahre von vielen Fans herzlich angenommen wurde.
In der Bugwelle des Erfolgs erschienen aber auch einige schlecht übersetzte Magazine aus dem Ausland im deutschsprachigen Raum, wie beispielsweise die „Super Pro“. Diese Magazine verschwanden aber schnell wieder aus dem deutschsprachigen Raum.
Die Branche setzte sich langsam, und die Magazine existierten über die 32-Bit-Ära hinweg.
Der „Markt & Technik“-Verlag gliederte irgendwann seine Zeitschriftenproduktion zum „Weka-Verlag“ aus, welcher wiederum Ende der 90er unter anderem die „Video Games“ an die „Future Publishing“ aus Großbritannien verkaufte.
Die „MAN!AC“ begann früh, sich im Internet zu engagieren. Es gab eine Website mit vielen Artikeln und Neuigkeiten, und ein ziemlich großes Forum, welches gegen Ende der 90er auch immer mal wieder im Magazin erwähnt wurde.
Das große Sterben
Das Frühjahr 2001 war für viele Leser etablierter Magazine ein Schock – drei der wichtigsten Zeitschriften waren einfach verschwunden!
Zuerst wurde die „Mega Fun“ eingestellt, und danach die „Fun Generation“ sowie die „Video Games“ quasi gleichzeitig. Bei der „Video Games“ waren wirtschaftliche Probleme des „Future-Verlags“ in Deutschland der Grund, bei „Mega Fun“ und „Fun Generation“ der Fokus der jeweiligen Verlage auf Marken-Magazine. So gibt es die „N-Zone“ vom Computec-Verlag noch heute, auch Nachfolger der Playstation-Magazine des Cypress-Verlags existieren heute noch. Der „Fun Generation“-Verlag musste 2007 jedoch auch den Geschäftsbetrieb einstellen.
Editorial „MAN!AC 03/01“, zum Thema Magazinesterben.Unbeschadet hingegen blieb der „Cybermedia“-Verlag und die „MAN!AC“, welche plötzlich als einziges Multiformat-Magazin übrig blieb.
Das veränderte auch das Verhalten und die Schreibe der „MAN!AC“ an sich, deren Chefredakteur in diesen stürmischen Zeiten seit 2000 Stephan Freundorfer war (Übrigens hat Stephan die beinahe legendäre Karriere von der Power Play zur MAN!AC hinter sich, nur ein paar Jahre später als die „Gründerväter“). Kurz nach dem Ende der beliebten Multiformat-Magazine der 90er wechselten viele Leserinnen und Leser zum „Cybermedia“-Heft – und plötzlich sahen sich die strengen Redakteure viel Kritik ausgesetzt. „Seid lustiger!“, „Ihr nehmt euch viel zu ernst“, hieß es in Leserbriefen. Das Kredo war: Wir haben unser Magazin verloren und mussten zu euch wechseln – wenn ihr wollt, dass wir bei euch bleiben, dann ändert euch!
In den Leserbriefen reagierte die „MAN!AC“ verständnisvoll und tatsächlich, auch wenn das typische „Haha, hier ist ein neuer Redakteur, der muss jetzt sein Leben aufgeben!“-Verhalten noch eine weile immer wieder durch Randnotizen von „MAN!AC“-Ausgaben wanderte, so wurde das Magazin freundlicher und nahm sich weniger ernst.
Redakteure der ehemals gestorbenen Magazine schrieben von nun an sogar ab und zu Artikel für das „Cybermedia“-Blatt. Der Verlag versuchte sich auch zu diversivizieren und brachte einige andere Produkte heraus – von einem gescheiterten PC-Magazin bishin zu einem immer noch existierenden und erfolgreichen Magazin über Musik, Film und Technik – der „audiovision“.
Neue Konkurrenz
Der IDG-Verlag, bekannt für PC-Magazine, veröffentlichte ab 2002 die „Game Pro“, der Cypress-Verlag nach Einstellung der „Fun Generation“ ab 2002 die „Video Games Aktuell“, die aber nichts mit der „Video Games“ zu tun hatte.
Besonders die „Game Pro“, obwohl von Layout, Tonfall und der Redakteursmannschaft her etwas nüchterner, machte der „MAN!AC“ Konkurrenz – so sehr, dass sich das „Cybermedia“-Heft sogar dem „Game Pro“-Trend beugte und ebenso wie das „IDG“-Magazin ab 2004 eine DVD dem Heft beilegte mit bewegten Bildern zu den Heftinhalten. Ein Schritt, der von vielen Lesern kritisch beäugt wurde, doch gekauft wurde das Magazin mit DVD häufiger als die Variante ohne. Anfangs testete die „MAN!AC“ noch, beide Varianten auf den Markt zu bringen, letztendlich entschied man sich, die DVD überall beilzulegen.
Die „Game Pro“ blieb bei Struktur und Wertungen dem für den deutschen Markt etablierten Stil ansonsten treu. News, Tests, Hintergrundberichte, Interaktionsteil.
In den 2000ern kam zudem ein neuer Trend im Zeitschriftenmarkt auf – „New Games Journalism“, wo der Fokus der Berichterstattung weniger auf der Trennung von Fakten und Meinungen basierte, sondern eher eine Vermischung aus beiden. Texte sollten das Gefühl der Freude am Spiel beschreiben, Leser sollten selbst herausfinden was Meinung, was Fakt ist, und sich dem Eindruck des Textes hingeben.
Die englische „EDGE“ ist ein gutes Beispiel hierfür – das Magazin wurde von 2005 bis 2007 übersetzt auch in Deutschland herausgegeben.
Auch die von 2003 bis 2013 erschienene deutsche „GEE“ geht in diese Richtung.
Die „MAN!AC“ versuchte, den meisten Trends zu folgen, der New Game Journalism wurde aber nicht oder kaum implementiert – lediglich einige Tests und Previews des ehemaligen „MAN!AC“-Urgesteins Robert Bannert schienen 2006 und 2007 in diese Richtung zu gehen mit teilweise sehr überspitzt und pointiert geschriebenen Artikeln, bei denen Meinung und Bericht oftmals verschwammen.
Eine Zeit lang Kontiniutät
Wie schon in den 90ern kam der Markt wieder in ruhiges Fahrwasser. Die ähnlichen Magazine „Game Pro“ und „MAN!AC“ existierten nebeneinander, teilweise wurden Schwesterhefte oder Sonderausgaben gedruckt. Die GEE sprach erwachsenere (oder prätentiösere?) Leser an, auch nachdem die EDGE wieder verschwunden war.
Redaktions-Selfie „MAN!AC 03/06“.Die „MAN!AC“ bekannte sich mehr zum Spaß am Spiel und zum freundschaftlichen Miteinander, das man in der Redaktion hatte. Das Redaktionsteam war zwischen 2004 und 2007 fast unverändert, und sollte im Kern auch noch lange so erhalten bleiben.
Wie einst die „Video Games“ gab es Berichte zu lustigen Anekdoten in der Redaktion, und in Stellenanzeigen wurde auf das freundschaftliche Betriebsklima hingewiesen. Die beliebte „anyMAN!AC“-Rubrik auf den DVDs war zwar zuweilen von der Leserschaft wegen allzu großer Albernheit kritisiert worden, aber doch immer wieder ein Ausdruck von Spaß an Videospielen.
Das ursprüngliche Team aus „Power Play“ und „Video Games“ Zeiten war im Hintergrund noch vorhanden. Andreas Knauf wurde der Businessman im „Cybermedia“-Verlag, Martin Gaksch Redaktionsleiter, der aber ab 2005 nicht mehr in Artikeln in Erscheinung trat. Winnie Forster hatte einen eigenen Buchverlag gegründet (dazu später aber noch mehr), und Ingo Zaborowski war in die Industrie gewechselt.
Diese Bindungen durch alte Bekanntschaften sorgten immer für gute Interviews und exklusive Berichte. Boris Schneider, Gründungsmitglied der „Power Play“ war mittlerweile bei Microsoft in Deutschland für die Xbox verantwortlich und gab der „MAN!AC“ oft exklusive Interviews.
Auch im Internet blieb die „MAN!AC“ Vorreiter und baute ihre Onlinepräsenz aus – und auch wenn das Forum in der Mitte der 2000er langsam technologisch in Rückstand geriet, so war es immer noch eine der größten deutschen Videospiel-Communities.
Gegen Ende der 2000er aber nahm die Beleibtheit von gedruckten Videospielmagazinen ab. Und auch die „MAN!AC“ musste sich anpassen, so entschied man sich gegen Ende des Jahres, den Namen des Hefts zu ändern und sich stilistisch neu, an eine erwachsenere Zielgruppe orientiert, anzupassen.
Seit 2008
Immer noch da – die M!
Mittlerweile heißt das Magazin „M! Games“ – die Gründe der Umbenennung wurden nie ganz veröffentlicht. Inhaltlich gleicht die „M!“ der „MAN!AC“, so wie sie sich nach der Umstrukturierung Anfang 2007 präsentierte. Immer noch ist die Struktur ähnlich wie bei der „Video Games“ in 1991 – Neuigkeiten, Reportagen, Tests, Interaktionsteil.
Das Layout wurde bewusst erwachsen, aber nicht im Stil des New Game Journalism präsentiert.
Abschied der „MAN!AC“ in Ausgabe 10/08.Viele bekannte Personen schrieben über die Jahre (und schreiben immer noch!) für das Magazin – von alten Gesichtern der Video Games (Sönke Siemens, Winnie Forster) bishin zu Urgesteinen des Hefts wie Ulrich Steppberger.
Die „MAN!AC“, die in ihren Jahren immer mal wieder am Layout gedreht hatte, ist seit 2008 als „M! Games“ strukturell gleich geblieben. Einige Schriften wurden ausgetauscht, aber ein Heft von 2008 sieht neben einer modernen Ausgabe von 2024 nicht alt aus – sogar einige Layoutelemente gibt es immer noch.
Die ehemaligen Vorreiterrolle im Internet hat das Magazin jedoch völlig eingebüßt. Es gibt die „M!“ immer noch als Internetmagazin unter maniac.de, doch die technische Basis zeigt ihr alter. In der Community direkt auf der Site kann man sich nicht registrieren (bzw. nur über Umwege), und das „alte Forum“ – maniac-forum.de, von dem man sich 2012 getrennt hat, existiert immer noch als Zombie im Netz, der aber tatsächlich noch gut besucht ist. Auch wenn die technische Basis dort Mitte der 90er stehen geblieben ist.
Outlets in Social Media beschränken sich darauf, das jeweilige Heft zu bewerben – und wenn man in die veröffentlichten Bilanzen schaut, dann sind ist der Verlag zwar gesund- aber auch ziemlich klein.
Es ist ruhig geworden um den Großvater der deuschen Magazine – auch wenn das Lesevergnügen immer noch sehr hoch ist, da das Magazin viele tolle Berichte, Test sund Previews schreibt.
Rocket Beans
Die Rocket Beans bieten Videos und Streams zu allen möglichen Bereichen der Videospiele an, und ist eine der bekanntesten deutschen Plattformen dafür.
Rocket Beans geht aus Giga (einem Gaming-TV-Angebot von NBC in den 90ern) und MTV Game One hervor, gegründet wurde es unter anderem von Simon Krätschmer, dem ehemaligen Vize-Chefredakteur der „Fun Generation“. Einer der Moderatoren ist Colin Gäbel, ein langjähriger „MAN!AC“-Redakteur. Georg Kartsios, ein weiteres bekanntes „Beans“-Gesicht hat sich lange Jahre im „Maniac-Forum“ aufgehalten und hatte eine bekannte Website zu Computer-Rollenspielen.
Website Rocket Beans.Retro Gamer
Die „Retro Gamer“, ein in Teilen aus dem Englischen übersetztes und seit 2024 in Eigenregie herausgebrachtes Magazin, vereint das „who-is-who“ der deutschen Redakteure, was die Ahnenreihe seit der „Power Play“ vereint.
Aus der „Power Play“: Anatol Locker und Heinrich Lenhart. Aus der „Video Games“: Michael Hengst, Roland Austinat. Aus der „MAN!AC“: Winnie Forster (wobei der auch zur „Video Games“ gehört) und Stephan Freundorfer (Wobei der ja wiederum der „Power Play“ zugeordnet werden kann – It’s all family!).
Dazu noch weitere langgediente Redakteure und Redakteurinnen.
Editorial „Retro Gamer 03/24“.Dreisechzig
Viele der Namen wurden hier mehrfach genannt – auch der von Boris Schneider (mittlerweile Boris Schneider-Johne), der irgendwann in die Industrie abgewandert und bei Microsoft tätig ist. Dieser äußert sich auch kritisch zur klassischen Spielkritik – also dem Prinzip der Spielebewertung, wie sie heute in vielen Bereichen immer noch getätigt wird. Hin und wieder veröffentlicht Boris auf seiner Website Podcasts mit alten Weggefährten.
Gameplan
Winnie Forster, „Video Games“ Redakteur der ersten Stunde und „MAN!AC“-Gründer, hatte sich in den 2000ern vom Magazin getrennt und begonnen, seinen eigenen Verlag, „Gameplan“ zu erstellen. Dort wurden viele tolle und interessante Bücher zu Konsolen, Controllern und Spielemachern veröffentlicht. Diese wurden auch zuerst über die „MAN!AC“ vertrieben.
Elektrospieler
Robert Bannert, Enfant Terrible, der in der „MAN!AC“ Rollenspiel-Helden schon mal „Bübchen“ nannte und sich nur für „echte Toriyamas“ erfreuen konnte, veröffentlicht seit einigen Jahren „Elektrospieler“, eine Reihe von gedruckten Liebeserklärungen für Spiele mit vielen Informationen und tollen Artworks.
Randnotiz
Für dieses Special habe ich alle „Video Games“ Ausgaben von 1991 bis 2001 gelesen und alle „MAN!AC“ so wie „M! Games“ von 1993 bis 2008. Zusätzlich noch etliche Ausgaben von Magazinen des Cypress- und Computec-Verlags. Es war eine unbeschreibliche Freude, beim Lesen der Magazine in Nostalgie zu schwelgen!
Jetzt seid ihr dran!
Da wir hier bei Videospielgeschichten.de sind, fühlt euch frei in den Kommentaren eure Erfahrungen zu teilen – wann seid ihr eingestiegen, mit welchen Publikationen fühlt ihr euch wohl? Gern könnt ihr eure Erfahrungen berichten oder Anekdoten zu Magazinen und Publikationen teilen, über die ihr gerne noch sprechen wolltet.
Welche Magazine waren in eurer Region oder in eurem Land beliebt? Gibt es ähnliche Legenden auch außerhalb Deutschlands?
Diskutiert mit!
Weiterführende Links
- „Es kam vor, dass Redakteure mit Wasserpistolen durch die Räume jagten“ – Interview mit Michael Lang (Happy Computer)
- Telematch – Die erste deutsche Spielezeitschrift
- „Die Zeit verging spielend“ – Interview mit Boris Schneider-Johne (Happy Computer, Power Play)
- Geschichte spielend erzählt – Ein Interview mit Winnie Forster
- sowie weitere Beiträge aus der Kategorie Medien & Literatur
#Hefte #Journalismus #Magazine #Redaktionen #Spielemagazine #Videospiele #Videospieljournalismus
https://www.videospielgeschichten.de/die-ahnenreihe-des-deutschen-videospieljournalismus/
Videospielgeschichten
Persönliche Geschichten über Videospiele -
#CLCamp26 Erlebnisse und Erkenntnisse
Auf der Heimfahrt vom diesjährigen #CLCamp26 war ich so überwältigt vom Barcamp-Erlebnis vor Ort, dass ich, anstatt die sich schon verflüchtigenden Erinnerungen an meine eigenen Sessions zu notieren, ein schnelles Stimmungsbild tippte.
Am Wochenende danach fühlte ich mich erschöpft. Zwei übervolle Tage zollen ihren Tribut. Mittlerweile hat mich der Arbeitalltag wieder, aber der Vibe meines Heimfahrt-Beitrags ist nicht verflogen. Gerade in der täglichen Arbeit bin ich umso dankbarer, dass es die Corporate Learning Community gibt … über die ich immer wieder behaupte, dass sie mir seit 2017 neue Perspektiven auf und deshalb Freude an meiner Profession gegeben hat. Es ist unbedingt notwendig, zumindest einmal im Jahr die täglichen Berufs-Konstellationen und das eigene berufliche Wirkfeld gemeinsam mit Mitwirkenden nicht aus direkter Projekt- oder Vertriebs-Perspektive zu betrachten, sondern sich gegenseitig mit Überzeugungen, Zweifeln, Einsichten oder nur lose verpackten Kritik zu konfrontieren, die das grundlegendere Verständnis für unsere Branche und deren Spielregeln weiten. (Mehr dazu schreibe ich in meinem CLC-Buchbeitrag „Eine Verteidigung der Corporate Learning Community“).
Auch dieses Jahr wieder hatte ich Sorge, dass der zerstörerisch wütende „KI“-Bullshit die Sessions dominiert. Die Sorge war berechtigt. In jedem Slot gab es Sessions, in denen Grifter irgendwelche „KI“-Zaubertricks exerzierten. Dennoch schien es mir, dass der Begriff „KI“ in der individuellen Vorstellungsrunde deutlich weniger dominierte als noch letztes Jahr, und dass ich im direkten Gespräch Verbündete fand, die mit ähnlichem Entsetzen wie ich auf die Zerstörung blicken, die die gesellschaftlich-politischen „KI“-Narrative der Tech-Nationalist:innen, der LinkedIn-Bros aber auch der diese Narrative übernehmenden Anwender:innen weiterhin anrichten. „Ich hab mal die KI gefragt“ … diesen intellektuellen Offenbarungseid habe ich glücklicherweise seltener gehört als noch die letzten Tage. Und in den Pausengesprächen mit Community-Mitgliedern, die entsprechende Sessions besucht hatten und daraus berichteten, offenbarte sich, dass die Argumente der „KI“-Grifter immer fadenscheiniger und ihre Tricks immer durchschaubarer werden.
Die Barcamp-Magie des Zwischen-den-Sessions und Drumherum
Bevor ich einige der von mir besuchten Sessions rekapituliere, blicke ich auf meine Notizen, die ich zwischen den Sessions gemacht habe.
Die Hashtags der Vorstellungsrunde schienen mir so sehr geprägt von zwischenmenschlichen Anliegen, wie schon lange nicht mehr. Sind viele von uns der „Digitalisierung“ und des „KI“-Theaters müde? Sehnen wir uns nach Erfahrungen des situativen Spielraums und der Begegnung? (Ja, vielleicht bin ich gerade auch beeindruckt von meiner Anreiselektüre: „Situation und Konstellation“ von Hartmut Rosa.)
Drückt sich diese gefühlte Digital-Müdigkeit auch dadurch aus, dass die Vorort-Tickets des Barcamps endlich mal wieder ausverkauft waren und nicht annähernd so viele Online-Teilgebenden und -Sessions angeboten wurden wie vor Ort? Dass es einen beliebten „roten Raum“ ohne Technik gab, in dem ich mich so verbunden fühlte wie in manchen Sessions 2017 und 2018, die konsequent auf menschlich-körperlich-aufmerksames und ganz analoges Improvisieren setzten?
Der Ruf nach ‚echten Begegnungen‘ mag abgestanden klingen und in der täglichen Arbeit liegt es mir völlig fern, ihn unreflektiert nachzuplappern. Ich schätze es, nicht mehr für eine einstündige Powerpoint-Präsentation morgens um 5 Uhr von Berlin nach München und nachmittags wieder zurück fliegen zu müssen (was haben wir damit jahrelang angerichtet?). Ich respektiere gut organisierte Online-Meetings und sowohl aus privaten als auch aus dienstlich-ökonomischen Gründen ist es mir ein Anliegen, nicht unnötig Kraft und Geld in vermeidbare Reisetätigkeit zu versenken, die besser in die gute Konzeption und Moderation von Online-Events investiert wäre. Gute Begegnungen sind online möglich und erstrebenswert. Hybrid-Meetings sind im geschäftlichen Kontext oft ein sinnvoller Kompromiss, insbesondere dann, wenn dadurch die Beteiligung diverser Interessensvertreter:innen ermöglicht und erhöht wird. Im Barcamp-Kontext sehe ich das anders. Wenn es uns möglich ist, Barcamps in regelmäßigen Abständen durchzuführen, plädiere ich vehement für einen Wechsel zwischen Onsite-only und Online-only. Barcamp-Hybrid ist für mich weiterhin ein schlechter Kompromiss, der uns unnötig belastet und einhegt und mir auch rein ökonomisch wenig sinnvoll scheint.Trotz oder gerade wegen meiner Hybrid-Skepsis bin ich begeistert, wie wir es diesmal das erste Mal seit dem Twitter-Aus geschafft haben, wieder einen lebendigen, begleitenden und das Barcamp erweiternden semi-synchronen Digital-Layer zu weben – im Fediverse! Das Orga-Team und mehrere Teilgebenden haben sich sehr ins Zeug gelegt, schon im Vorfeld die Aufmerksamkeit auf Mastodon und insbesondere unsere eigene colearn.social-Instanz zu lenken. Vor Ort gab es eine Mastowall, Simon und Karlheinz haben eine Mastodon-als-Lernbooster-Session angeboten, auf Flyern und in regelmäßigen Hinweisen wurde auf das Fediverse hingewiesen und es wurde ein Beitrags-Wettbewerb ausgelobt. Während der Veranstaltung haben sehr viele Community-Mitglieder neue Accounts angelegt und die Timeline mit dem #CLCamp26 Hashtag war während des Events und ist auch jetzt im Nachgang noch lebendig. Harald hatte sogar den Community-übergreifenden #colearn Hashtag in selbst gesägten Holzbuchstaben auf die Bühne gestellt. Während letztes Jahr mehr LinkedIn als Mastodon genutzt wurde, hat sich das dieses Jahr erfreulicherweise gewandelt und auf LinkedIn blieb es dafür vergleichsweise ruhig. Ich habe Hoffnung, dass wir mit dem diesjährigen Engagement den Wechsel ins Fediverse wirklich vollzogen haben. Und vielleicht haben auch die Community-Mitglieder, die die letzten Jahre noch sehr sporadisch auf Mastodon posteten, diesmal Gefallen daran gefunden? Ich hoffe sehr, dass das Engagement auch zwischen den Barcamps aufrechterhalten wird.
Gute Veranstaltungen reichen über den eigentlichen Event-Zeitraum hinaus. Sie werden bereichert und bereichern die Vor- und Nachbereitung und alles, was sie ungeplant und unorganisiert anstoßen. Die Aufregung darüber im Netz, das kanalisierte Interesse der Teilgebenden schon lange im Vorfeld, die Inspiration, die sie den Teilgebenden für die Tage und Wochen danach mitgeben, das Sprechen darüber, die durch sie ausgelösten Begegnungen, all das, worüber ich hier schreibe (und dass ich überhaupt schreibe!). Der im letzten Abschnitt erwähnte digitale Layer trägt maßgeblich dazu bei.
Als ich nach Gabrieles und meiner Session zu „Lernressourcen“ (mehr dazu weiter unten) meine Mastodon-Timeline aufrief, stellte ich erfreut fest, dass die Session, während sie lief, durch mehrere Teilgebende aufmerksam dokumentiert und kommentiert worden war. Wenn Teilgebende während Deiner Session auf ihre Handys starren, ist das in der Corporate Learning Community ein gutes Zeichen! Eine Reihe an Beiträgen stach heraus: Markus Metz, der online zugeschaltet war und sich während der Session im Hintergrund hielt, hatte den Austausch aufmerksam verfolgt und ihn in der ihm eigenen kurzen, prägnanten und reflektierten Art in mehreren Beiträgen zusammengefasst und weitergesponnen.
Ebenfalls über Mastodon organisiert fanden sich Frauke, Christian Kaiser, Felix Harling und ich zu einem Austausch über Art of Hosting zusammen. Ich hatte Fraukes „Art of Hosting“-Erwähnung in der Vorstellungsrunde mitbekommen und dann auf ihrem Mastodon-Profil wiederentdeckt … und ein paar Nachrichten später hatte sich unsere kleine spontane Austauschgruppe gefunden. So funktioniert Peermatching im Fediverse! Und schon zu Beginn des Camps kam Felix auf mich zu: Er hatte mitbekommen, dass ich mich im Sommer für das Art of Hosting Training in Bad Boll angemeldet hatte … so wie er auch. Dort werden wir uns also wiedersehen. Ich freue mich schon jetzt darauf!
Kein Matching benötigte der Austausch mit Johanna Brühl. Ihre damals auf dem CLC19-Barcamp in Koblenz eingebrachte „Wandelgang“-Session hatte ich noch in guter Erinnerung … obwohl ich sie damals wegen einer parallel stattfindenden Session gar nicht besuchen konnte. Schon damals hatten wir uns zum Lernen beim Spazierengehen ausgetauscht, einer Leidenschaft, die ich mit ihr und anderen Mitgliedern der CLC teile. Sechs Jahre und eine spaziergangreiche Pandemie später konnten wir nahtlos daran anschließen. Besonders resonierte Johannas derzeitige Auseinandersetzung mit der „Lernenden Stadt“ in mir. Über (auch physische) Lernräume und -orte spreche ich z. B. regelmäßig mit Peter Überfeldt. Johannas Begriff „Lernende Stadt“ deute ich für mich einfach mal als antikapitalistische, psychogeographische Ausdehnung der „Lerndenden Organisation“ auf unsere Habitate in der Klimakrise … und weil ich den Begriff von Johanna im Zusammenhang mit Persönlichem Wissensmanagement hörte, packe ich mir gleich einen ganzen Rucksack weiterer Assoziationen hinein, über die ich nachdenken möchte: Kollektives Gedächtnis und kollektive Intelligenz, Stadt als Geschichtsschreibung und Museum, architektonische Wissensanker etc … . Ganz unabhängig von diesen Ideen, die der Austausch mit Johanna in mir angestoßen hat, haben wir uns zur Gründung eines Sketchnoting-lernOS-Lernzirkels verabredet. (Und mittlerweile habe ich einige dieser Gedanken auch in meinen regelmäßigen Austausch mit Peter übernommen … verbreite die Ideen aus dem #CLCamp26 also weiter …).
Am Wochenende nach dem Barcamp überraschte und erfreute Heidi Milke-Erlwein auf LinkedIn mit einer Sketchnote, in der sie die von ihr besuchten Sessions (unter anderem meine Sessions zu Lernressourcen und Informelle Lernräume) prägnant zusammengefasst und ebenfalls weiter verarbeitet hatte. Diese Sketchnote ist ein Fundgrube, die ich ebenfalls noch weiter erschließen möchte, sobald ich die Zeit dazu finde.Und am folgenden Montag schrieb Stephanie Reiner ebenfalls auf LinkedIn eine Verarbeitung ihrer Inspirationen aus unserer Lernressourcen-Session mit umfassenden Hinweisen zum Weiterforschen. Bisher waren Gabriele und ich ja ganz hemdärmelig unterwegs gewesen, während Stephanie zum Thema promoviert. Schon direkt nach der Session hatte sie wertvolle Quellenhinweise auf unserem Etherpad platziert, die sie nun im LinkedIn-Beitrag sortiert, aufbereitet und kommentiert hat.
Auf diesem #CLCamp26 ist meine Art, Notizen zu machen, völlig aus dem Ruder gelaufen. Ich manchen Sessions habe ich meine Notizen direkt auf Mastodon gepostet, in anderen in meine Notizen-App getippt, wieder andere als Sprachnotiz eingesprochen. Es ist ein Chaos, das es entdeckend zu ordnen gilt. Nein, keine „KI“ wird mir das abnehmen und ich freue mich darauf, auch wenn es vielleicht noch Wochen dauern wird.
Da meine Kolleg:innen Katharina Vögl-Duschek und Johannes Wendt mir mir an diesen Freitag in einem internen „Fridays for Learning“ unsere #CLCamp26-Eindrücke mit anderen Kolleg:innen teilen werden, dient mir dieser Blogbeitrag als Start, die von mir besuchten Sessions zumindest flüchtig zu rekapitulieren und festzuhalten. Wir gehen rein.
Die 16 Stellhebel erfolgreicher Learning Circles (Nele Graf und Carla Rockenstein)
Der Raum war überfüllt. Lernzirkel – ein alter Hut? Nicht für die Teilgebenden! Die Vorerfahrungen waren unterschiedlich. Einige Teilgebende waren mit Lernzirkeln noch überhaupt nicht vertraut, andere sind WOL-Pioniere der ersten Stunde oder bilden selbst Lernzirkel-Coaches aus. Nele und Carla gaben eine kurze Einführung in das Format und legten dabei passend zum CLC-Kontext besonderen Wert auf die Planung und Durchführung interner Lernzirkel in Unternehmen. Ihre Aussage, dass Lernzirkel viele Probleme anderer Formate lösen, kann ich besonders gut nachvollziehen … insbesondere dann, wenn sie integrativ in umfassende Lernkonzepte eingebunden sind und darüber z. B. eine zeitliche Struktur in den Lernprozess bringen und Austausch- und Reflexionsräume schaffen. Nele kritisierte, dass viele Lernansätze immer noch viel zu sehr alleinstehend konzipiert und angeboten werden. Gerade in der Verschränkung klassischer Angebote mit Zirkeln liegt die Musik!
Christian Kaiser betonte, dass Boxenstopps, in der die einzelnen Lernzirkel zusammenkommen und sich synchronisieren, bei der Organisation des selbstorganisierten Lernens helfen können … gerade dann, wenn das anwendende Unternehmen damit noch nicht vertraut ist. Aber zum Selbstläufer würden Lernzirkel dadurch leider noch nicht – dazu braucht es aktive Unterstützung.
Auf die Frage einer Teilgebenden, wer Lernzirkel leite, weist Nele hin: Facilitator sollten sich möglichst schnell überflüssig machen. Es gibt viele Möglichkeiten, Guidance zu geben … zu Beginn vielleicht noch über unterstützende Personen, später dann nur noch über den Lernzirkel-Leitfaden. Die Freiheitsgrade können immer weiter gesteigert werden.
Nele bestätigte viele Aspekte, die Claudia Schütze und ich in unserer LERNLUST-Podcastfolge #51 // Willst Du mit mir zirkeln? bereits besprochen hatten – z. B. dass ein überschaubarer Gesamtzeitraum von z. B. sechs Treffen in vielen Unternehmen passender ist als die vollen 12 Wochen, die meist für Verstetigung von Verhalten empfohlen wird. Bedenkenswert ist in diesem Zusammenhang auch Neles Hinweis, dass je nach Thema und Gruppe die Taktung der Zirkeltreffen unterschiedlich sein sollte: Für manche Themen und Gruppen sollte die Regelmäßigkeit der wöchentlichen Treffen beachtet werden, andere Themen und Gruppen benötigen ggf. längere Abstände zwischen den Treffen, um dazwischen praktische Erfahrungen zu sammeln.
Es gibt Lernzirkel, deren Mitglieder sich auch nach Ende des Zirkels als Freunde jahrelang regelmäßig weiter treffen und nie wieder mit Lernzirkeln aufhören. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen. Dennoch sei es für Lernzirkel gerade innerhalb von Unternehmen schwer, sich zu verstetigen, weil das Format leider immer noch dem verbreiteten Bild von „Arbeit“ entgegenstehe, berichtet Christian.
Bei Lernzirkel-Initiativen, die einen unternehmensübergreifenden Austausch anstreben (für mich einer der wertvollsten Aspekte des Zirkelns!), springt die Bedenkenträgerei leider noch viel schneller an. Die Vorstellung, dass sich Mitarbeitende aus ggf. formal im Wettbewerb zueinander stehenden Unternehmen vertrauensvoll treffen, scheint für viele Führungspersonen Geheimnisverrat gleichzukommen Auch fehle es an offenen Möglichkeiten, Mitzirkelnde zu finden, wird beklagt. Leonid Letzner hat den Peerfinder ja leider eingestellt. Wie könnten wir das Fediverse dafür nutzen, Lernzirkelwillige zusammenzubringen?
Volkmar Langer berichtete, dass sein Unternehmen bei einer großen Behörde Lernzirkel-Coaches ausbildet und Lernzirkel-Initiativen begleitet.
Es war ermutigend, in der Session so viele Stimmen und Praxisbeispiele aus Unternehmen zu hören, die Lernzirkel im Einsatz haben oder Interesse daran zeigen. In den vergangenen Jahren hatte ich hin und wieder die Befürchtung, dass das Format an Attraktivität verlöre. Zumindest in der Session war davon nichts zu spüren. Ich freue mich, dass auch meine Kolleg:innen und ich weiterhin entsprechende Initiativen bei Kunden und intern haben … und für demnächst planen wir auch, uns in einem „Fridays for Learning“ tief in Neles Buch „Die Kraft der Learning Circle“ zu vergraben … denn das ist ein wirklich umfassendes Manual!
Das CLC Buch: Was geht noch? (Jochen Robes)
Auf diese Session freute ich mich besonders, denn hier wollten wir ein Thema zum Abschluss und gleich in eine zweite Runde bringen, das mein vergangenes Jahr prägte: Unser 15-Jahre-CLC-Buch „Gemeinsam lernen, gemeinsam wachsen“. Vor einem Jahr auf dem #clc25 kamen wir zusammen, beschlossen das gemeinsame Schreiben eines Buches, arbeiten über das Jahr daran … und waren pünktlich zum nächsten Barcamp damit fertig.
Schon auf der Anreise zum #CLCamp26 verfolgte ich auf Mastodon, wie die Teilgebenden das Buch als Anreiselektüre im Gepäck hatten und darin lasen:
Zum Aufbau der Initiative an sich wie auch zu Arten, das Ergebnis multimedial weiter zu erschließen, habe ich so viele Ideen, dass ich ihnen einen eigenen Beitrag widmen möchte. Jochen Robes und ich haben dazu vor kurzem auch einen Beitrag für die Zeitschrift „Das kuratierte Dossier“ (Schwerpunktthema „Knowledge and Co-Creation“) der Gesellschaft für Wissensmanagement eingereicht, der Anfang Mai erscheinen wird.
Christian Kaiser meinte, ein bekannter Vorwurf gegenüber Barcamps sei, dass diese sich oft in Gequatsche ohne Ergebnis erschöpfen würden. Das Buch sei Beweis für das Gegenteil. Jochen meinte, Barcamp-Sessions sollten schon versuchen, mit einem Ergebnis zu schließen … warum das dann im Anschluss nicht aufgreifen und weiter daran arbeiten? Ich schließe mich Christian und Jochen an: Für mich ist so ein Buchprojekt ein Prototyp dafür, wie sich Wissensarbeit als Gruppenprozess zwischen zwei Fix-Terminen selbstorganisieren kann: Wenn wir uns in einer Barcamp-Session (oder einem anderen Veranstaltungsformat) sortieren und wissen, dass wir uns in einem Jahr wiedertreffen, lohnt es sich, die Zeit dazwischen zu planen. Wenn jeder auch nur einen Beitrag als ‚Zwischenbericht‘ und eigener Weiterverarbeitung schreibt, auf Video aufnimmt oder anderweitig veröffentlicht, lässt sich daraus ein gemeinsames, die Gruppe stärkendes, neue Beziehungen, Debatten oder Verbindungen schaffendes Ergebnis wie unser Buch erstellen. Damit wird aus unserem Buchprojekt eigentlich ein neues Großgruppenformat … eine Art Mischung aus Open Space, Barcamp und Community of Practice vielleicht? (Christian brachte auch noch das „Harvesting“ aus Art of Hosting ein … die gemeinsame Ernte aus dem Gruppenprozess. Darüber werde ich im Sommer in meinem Training mehr erfahren …)
Wie könnten wir diesen Charakter der gemeinsamen, aber asynchronen Arbeit zwischen zwei Synchronevents auf andere Lernansätze übertragen? Das interessiert mich sehr, darüber möchte ich weiter nachdenken!Was machen wir jetzt mit dem Buch-Ergebnis? Ideen haben wir genug. Tanja Laub schlug eine Art Community-Stammtisch vor, in dessen Rahmen die Autor:innen ihre Beiträge vorstellen. Stef Halimi betonte, dass wir die ursprünglich im Rahmen unseres Online-Booklaunch geplanten Kurzpräsentationen unserer Beiträge noch durchführen sollten (eigentlich wollte ich dazu ein kurzes Video aufnehmen … vielleicht mache ich das noch?). Ich würde gerne vertiefende Podcast-Episoden mit den Autor:innen aufnehmen, um ihnen ausreichend Raum zu geben, die Geschichten hinter ihren Beiträgen hörbar zu machen.
Im zweiten Teil der Session stellte Jochen seine Idee für das nächste Projekt vor: Ein Buch über persönliches Wissensmanagement. Dazu hat er mittlerweile auch einen Aufruf auf das Blog der Corporate Learning Community gesetzt. Natürlich werde ich wieder mitmachen und kann es kaum erwarten, mit der Arbeit loszulegen! Meine Ideen und Ansprüche sind wieder übervoll. Gerne würde ich diesmal auch mehr Energie in die Gestaltung stecken, als mir dies beim letzten Mal möglich war (ich bin immer noch beeindruckt von Buchkunstwerken, die ich auf der Leipziger Buchmesse in den Händen hielt …).
Jochen schlug vor, den Schreibprozess eventuell über konkrete Leitfragen zu strukturieren. Ich könnte mir auch eine Art Blogparade vorstellen (eine Idee, die ich schon das letzte Mal eingebracht hatte). Jochen verwies außerdem darauf, dass sich das Thema ideal eigne, um mehrere Communities zusammenzubringen – z. B. die gfwm und die loscon, die sich ja ebenfalls intensiv mit Wissensmanagement auseinandersetzen.Herwig Kummer brachte die berechtige Frage ein, wieso sich eine Community, die ja gerade vom Austausch und dem Wissen-Teilen lebt, ein Buch über persönliches und damit zunächst individuelles Wissensmanagement schreiben sollte. Jochen antwortete, dass gerade in Communities wie der unseren das individuelle, selbstorganisierte Lernen und Wissensmanagement eng verbunden sei mit dem Community-Lernen und -Wissensmanagement. Ich teile diese Idee … und denke zurück an meine zeitweilige tiefere Beschäftigung mit PKM-Ansätzen wie Zettelkasten etc., bei der mich gerade der Aspekt reizte, wie wir unser eigenes Wissensmanagement nicht nur nach außen transparent einsehbar machen, sondern wirklich öffnen und zu einem gemeinsamen Wissensmanagement machen können. Simon Dückert erwähnte die Verbindungen zum Personal Learning Environment (PLE) und Personal Learning Networks (PLN). Mir fällt die LERNLUST-Folge #40 ein, die ich mit Christian Huber und Claudia Schütze zu dem Thema aufgenommen hatte. Und mit Johanna Brühl sprach ich über ihre Themen „Lernende Stadt“ und Communities of Practice, und welche Beziehungen beides zum Persönlichen Wissensmanagement habe. Ich bin mir sicher, dass Rahmenthema unseres nächsten Buches ist wieder so konkret und offen zugleich, dass es einen produktiven Rahmen für unsere Autor:innen in 2026 schafft. So viele Ideen, wann legen wir los? Erste Session für das #CLCamp27 steht bereits … 😉
Lern-Ressourcen: Was verstehen wir darunter und wie erschließen wir sie? (Gabriele Schobeß, Johannes Starke)
Unsere eigene Session, radikal hybrid, wie Harald Schirmer bereits beim Pitch feststellte: Gabriele im Online-Raum, ich vor Ort. Eigentlich begann unsere Session schon im Vorfeld in unserem kooperativen Schreibprozess, der in unserem gemeinsamen Artikel mündete.
In der Session tauschten wir uns aus: Was sind Lern-Ressourcen? Welche gibt es? Wie können sie auf- und ausgebaut werden? Wie mache ich mir meine Lern-Ressourcen bewusst?
Online dokumentierte und reflektierte Markus Metz sehr aufmerksam und präzise in kurzen Mastodon-Beiträgen mit. Im Raum entwickelten die Teilgebenden konstruktiv aufeinander aufbauende Sichtweisen auf das Thema und brachten viele Beiträge ein, die ich leider nicht mehr alle aus dem Gedächtnis rekonstruieren kann, die aber die enorme Vielfältigkeit und das Potenzial des Themas greifbar machten.
Wir sprachen über Infrastrukturen, die aufgebaut werden und die Lernressourcen erschließen lassen und selbst Ressource sind … die aber auch davon bedroht sind, zu veröden, wenn sie nicht mehr aktiv gepflegt werden … im Unterschied zu einer Art Perpetuum Mobile des Lernens, das sich selbst Lernressourcen nutzend und dabei neue generierend antreibt und verstetigt.
Wie pflanzen wir Samen, die weiter und weiter wachsen, auch wenn wir selbst nicht mehr aktiv das Wachstum unterstützen? Ist das möglich .. und erstrebenswert? (Erinnerung an Neles Lernzirkel-Session, in der bemerkt wurde, dass Lernzirkel nicht von alleine viral gehen …).
Wir sprachen über Knappheit und über Verschwendung von Lernressourcen. Gerade die Verschwendung kann in Zeiten eines Überangebots an manchen Lernressourcen auch bewusst oder sogar lustvoll sein. Teilgebende berichteten aber auch davon, dass äußere Rahmenbedingungen (z. B. befristete Stellen) auch dazu führen, dass Lernressourcen nicht sinnvoll eingesetzt werden können.
Wir sprachen über gegenseitige Unterstützung, die Ressourcenvermehrung durch menschliche Beziehungen und den Möglichkeiten, auf diesen Beziehungen aufzubauen. In gewisser Spannung dazu stehen mögliche Expert:innen-Zuschreibungen, die Gabriele und ich anfangs spürten, die wir aber schnell auflösen und in das gemeinsame und miteinander stattfindende Erkunden des Themas überführen konnten.
Über Rückmeldungen z. B. auf Social Media (und sei es nur ein Sternchen …) als Ressourcen hatten Gabriele und ich bisher noch gar nicht nachgedacht. Thematisiert wurden auch die Bedingungen, unter denen bestimmte Ressourcen entstehen/aufgebaut werden: Welche Ressourcen stehen hinter den Ressourcen? Aufgeworfen wurde die Frage von Relevanz … ob Ressourcen dauerhaft bestehen bleiben sollten oder ob es auch gut sein kann, wenn Ressourcen vergehen.
Sehr viele weitere Ideen brachte Stephanie Reiner ein, die in ihrer Promotion eine Ressourcentaxononie entwickelt hat. Ich zitiere aus dem Text, den sie auf unser Session-Etherpad gestellt hat:
„Ich habe in meinem Promotionsprojekt eine Ressourcentaxonomie für den digitalen Arbeitskontext entwickelt, basierend auf der Literatur der Job Demands-Resources Modell/Theorie. Eine Ressourcentaxonomie ist ein Klassifizierungssystem (eine Art Ressourcenmodell), das dazu betragen soll, die Variation der Ressourcenausstattung übersichtlich darzustellen. Eine Ressourcentaxonomie findet insbesondere Anwendung (oder ist hilfreich) zum Erkennen und Aktivieren von Ressourcen (z.B. im Psychotherapeutischen Kontext, in der sozialpädagogischen Praxis oder im Coachingbereich).
Die entwickelte Ressourcentaxonomie umfasst folgende Ressourcendimensionen:- Personenbezogene Ressourcen (z.B. psychologisches Kapitel wie Hoffnung, Resilienz, Selbstwirksamkeit und Optimismus, aber auch Humankapitalressourcen, wie Fähigkeiten und Berufserfahrung)
- Arbeitsplatzbezogenen Ressourcen (z.B. lernförderliche Arbeitsgestaltung, wie Autonomie, Anforderungsvielfalt (Job Characteristic Model), aber auch Stärkeneinsatz und Ergonomie)
- Soziale Ressourcen (z.B. Ressourcenquellen, wie Führungskraft, Kolleg/innen, Freunde; Form der soziale Unterstützung, wie instrumenteller Unterstützung, informationaler Unterstützung, emotionaler Unterstützung)
- Organisatorische Ressourcen (z.B. Lernkultur, HR-Services, IT-Services, betriebliche Sozialberatung)
- Technische Ressourcen (z. B. Verfügbarkeit von digitalen Technologien und anderen arbeitsplatzbezogenen Werkzeuge, Datenschutz, Nützlichkeit der digitalen Technologien)“
Im Nachgang zur Session hat Stephanie ihre äußerst hilfreichen Hinweise in einem LinkedIn-Beitrag mit ausführlichen Hinweisen zu wissenschaftlichen Perspektiven ergänzt. Was für ein Geschenk! Tausend Dank auch an dieser Stelle, liebe Stephanie! Ich freue mich sehr, auch zukünftig weiter mit Dir und Gabriele an dem Thema zu arbeiten und werde mich bei Dir melden!
Ganz besonders interessiert mich der von Stephanie mit zwei Quellen-Hinweisen versehen Ressourcen-Kreislauf (oben bereits angesprochen), denn im klassischen Corporate Learning denken wir oft in Einbahnstraßen: Konsumieren gegebener externer Lernressourcen in Form von Lernmaterialien, die zum internen Aufbau von Wissen führen. Dabei können wir doch weiter handeln (z. B. während und auch nach dem Besuch externer Veranstaltungen das Reflektierte und Gelernte in einem eigenen Beitrag weitergeben, ganz nach dem Vorbild von Stephanie oder nach Seek>Sense>Share von Harold Jarche.)
Im letzten Absatz ihres LinkedIn-Beitrags schreibt Stephanie: „Lernressourcen verändern sich über Lebensphasen hinweg (z.B. verfügbarer Zeit). Soweit mir bekannt ist, fehlt hierzu bislang ein systematischer Überblick in der Literatur. Daher möchte ich die im Rahmen meines Promotionsprojekts entwickelte Ressourcentaxonomie nach Abschluss um lebensphasenbezogene Perspektiven erweitern.“ Hier denke ich an viele Hinweise, die ich mir vor Jahren beim Lesen von Teresa Bückers prägendem Buch „Alle Zeit“ notiert hatte, zuvorderst an die darin mehrfach erwähnte 4-in-1-Perspektive von Frigga Haug, aber auch weniger auf gesellschaftlicher Ebene, sonder deutlich konkreter am Arbeitsalltag in Unternehmen die Löffel-Theorie und damit verbunden das oft viel zu eng auf WCAG-Kriterien und gesetzliche Anforderungen reduzierte Thema Barrierefreiheit. Damit möchte ich auch weiterarbeiten …Vor kurzem habe ich mich mit Gabriele abgestimmt. Gabriele hat bereits ein Workshopkonzept entwickelt, über das sich Teilnehmende ihrer individuellen Ressourcen bewusst(er) werden und diese sichtbar machen können. Ich habe vor, das Thema aus organisational-struktureller Perspektive weiterzudenken und in einer Art Landkarte darzustellen, die die Analyse unterstützt (vielleicht berührt das dann auch Stephanies Taxonomie und ich stimme mich dazu mit ihr ab?) Und wenn wir dann beide an einem bestimmten Punkt sind, wollen wir unsere beiden Perspektiven wieder zusammenführen und … wer weiß … vielleicht in einer Nachfolgesession oder einem nächsten kooperativen Schreibprozess miteinander sprechen lassen?
Twin-Transformation als Default für zukunftsfähige und resiliente Bildungskonzepte (Henning Klaffke)
In dieser Session gab Henning einen Einblick in das Forschungsprojekt „Nachhaltige Bildung in der IT-Aus- und Weiterbildung (NABIT)“ zum Aufbau von Nachhaltigkeitskompetenz in der Lehre. Er berichtete von den drei Forschungszielen:
- Beratungskonzept für KMA: Praxisnahe Hilfe zur Selbsthilfe der Twin Transformation
- Kompetenzprofile entwickeln: Was muss IT-Fachkraft können, um nachhaltig zu handeln?
- Modulare OER-Bausteine erstellen: Freie Bildungsmaterialien für Berufsschulen und Betriebe
Harald Schirmer legte m. E. mit seiner Frage einen Finger in die Wunde der klassischen BWL-Ausbildung: Wie lehrt die Hochschule das Thema Twin Transformation, wenn Ressourcenverschwendung so grundlegend im BWL-Lehrplan verankert ist?
Mich lies die Session ernüchtert zurück. Die beiden grün-kapitalistischen Betrachtungsfelder „Green IT“ und „Green IS“ sind mir viel zu klein und zu isoliert betrachtet:
Applied Improv – ein Multitool für Embodied Learning (Frederic Gülbeyaz)
Meine schönsten Erinnerungen an vergangene Barcamps sind die, in denen wir unsere Körper zum Lernen einsetzten – denn unsere Körper sind eine Lernressource, die wir in der Wissensarbeit vielleicht besonders stark vernachlässigen? Ich schrieb darüber an vielen anderen Stellen ausführlich, z. B. hier. Durch das Hybrid-Setup ist Embodied Learning in den letzten Jahren vernachlässigt worden – aber diesmal hatten wir ja den roten Raum ohne Technik und mit der Möglichkeit, ihn ganz mit unseren Körpern zu bespielen … ohne Kamera.
In unserer Improtheater-Session ging es um das spielerische Feiern unerwarteter Entwicklungen, Ausprobieren neuer Handlungsweisen und Sich-Auffangen-Lassen in der Gruppe … im „Improtheater, das fremd geht“ AKA „Unternehmenstheater“ oder „Applied Improv“. „Raus mit den Ideen. als Gegenprinzip zur Scham“ – dazu ludt uns Frederic in seiner Session ein, die mir in Erinnerung ein Lächeln der Zuversicht für zukünftige Dramatisierungskompetenz auf die Lippen legt.
(Foto von Frederic Gülbeyaz)CLC goes Podcast (Giovanna Lo Presti, Katrin Zinke und Nicole Reese)
Der Podcast der CLC war in den letzten Jahren nicht mehr sonderlich lebendig. Zu den Barcamps erschienen viele Episoden mit Session-Reflexionen … ansonsten passierte nicht mehr so viel, wie in früheren Zeiten. Es gäbe doch so viele Möglichkeiten, die Wissens- und Erfahrungsvielfalt der Community hier hörbar zu machen! Ein gutes Podcastgespräch hat so viele Ähnlichkeiten mit einer guten Barcamp-Session, ermöglicht es, Menschen beim Denken zuzuhören und eignet sich einfach sehr gut als Lern- und Entwicklungsinstrument in Unternehmen, wie ich in diesem Blogbeitrag ausführlich beschrieben habe.
Deshalb möchte ich gerne zukünftig dazu beitragen, die Möglichkeiten des CLC-Podcasts experimentell zu entdecken, denn die Startchancen könnten für einen ‚offiziellen‘ Community-Podcast kaum besser sein.
In der Session gaben Giovanna, Katrin und Nicole einen Überblick über ihre Ideen für die zukünftige Ausgestaltung des Podcasts (z. B. mit Event-Begleitung/Auswertung, Interviews, Beiträgen aus den Regionalgruppen, Lernimpulsen oder Buch-Reviews) und befragten die Teilgebenden nach ihren Erfahrungen mit Podcasts. Viel interessanter als die formalen Fragen waren jedoch die kontroversen Debatten in der Session, was ein CLC-Podcast sein soll und welche Funktionen er erfüllen könnte.
Genannt wurden u. a.: Agendasetting und Reichweite (für unsere Themen austehen und ‚hörbar‘ werden), Lernmedium und Experimentierraum, Stimmen- und Expertise-Bibliothek, niedrigschwellige Dokumentation.
Besonders heiß debattiert wurde das Thema „Zielgruppe“. Hier gibt es stark auseinanderlaufende Sichtweisen, was ein Community-Format sein und liefern soll. Diese Diskussion hatten wir bereits beim CLC-Buchprojekt. Manche Teilgebenden plädieren für eine konsequentere Definition unserer Zielgruppen und bewusstere Ausrichtung an deren Bedarfen. Ich bin da ganz anderer Ansicht und stimme mit Karlheinz Pape überein, der die Grundidee der CLC betont: Teilen, nicht Senden! Wir sollten uns deshalb ganz bewusst nicht um Zielgruppen kümmern, sondern das, was uns in der Community beschäftigt und was wir erarbeiten, zur Verfügung stellen. Falls es außerhalb der Community Hörer:innen (oder Leser:innen) gibt, die das interessant finden, werden sie zu uns kommen. Wenn nicht, ist das auch ok.
Diese Haltung bestimmt auch die weitere „Formatierung“: Sobald wir unsere Medien als Medien des Teilens und nicht des Sendens begreifen, betrifft die Frage der „Taktung“ nicht mehr das ‚bedienen‘ einer Zielgruppe, sondern wird zu einer Hilfestellung für uns selbst … z. B. um uns regelmäßig daran zu erinnern, selbst an unseren Themen weiter zu arbeiten. Mir ist es völlig egal, welche Taktung Hörer:innen von uns erwarten: Wenn -wie im Nachgang zu einem Barcamp- in schneller Folge ein ganzer Haufen an Kurzepisoden erscheint und dann mehrere Wochen nichts, ist das völlig in Ordnung. Ich schätze viele Podcasts als eine Art „Bibliothek der Stimmen“, aus der ich mich gerade interessierende Themen oder Perspektiven auswähle und mich hineinhören kann, ganz unabhängig davon, wann die Episode ursprünglich erschienen ist. Auch ergänzend zu unserem Buch könnte ich mir vorstellen, dass wir parallel zu fast allen Beiträgen begleitende und vertiefende, Hintergrund schaffende Gespräche mit den Autor:innen aufnehmen und diese auf einen Schlag oder innerhalb kurzer Zeit veröffentlichen … Hauptsache ist, sind stehen online und können bei Bedarf parallel zur Lektüre aufgerufen werden.
Karlheinz, ich und weitere Teilgebende haben sich auch dafür eingesetzt, ohne zu große Überformatierung zu podcasten. „Einfach machen“, diese oft missbrauchte Forderung, ist im Podcast sehr zuträglich. Ein Handy reicht im Zweifel aus, geschnitten werden muss kaum. Es braucht m. E. keinen Jingle und keinen kreativen Titel, keinen Redaktionsplan, kein Zielgruppenbewusstsein, keine Längenvorgaben, keine allzu lange Vorbereitung. Eine kurze Vorabstimmung oder auch ein spontanes Gespräch sind genau richtig. Unsere Hörer:innen können ja selbst wählen, in welche Stimmen sie sich hineinhören möchten und was sie skippen. Jedes Ähm, jede Pause transportiert wertvolle Informationen, die erhalten bleiben sollten und die ein Transkript nicht enthält. Podcasts sind ein Medium, um Sprechdenken zu fördern und in Lernartefakte zu bringen. Lasst uns unseren Podcast als echtes Lernmedium nutzen, „Unfertiges“ teilen, mit seinen Möglichkeiten spielen!
In der Session wandert die Debatte leider immer wieder zu der Frage zurück, wie Zuhörer:innen gewonnen werden könnten. Diese Frage langweilt mich. Und selbst wenn wir den Podcast ausschließlich für uns machen sollten und keine Zuhörerschaft außer uns selbst haben: Das ist völlig in Ordnung! Diese Haltung versuche ich, mir auch für meinen Blog hier zu bewahren: Schön, wenn Du das gerade liest. Danke für Deinen Rückmeldung. Aber eigentlich ist es mir egal. Ich habe sämtliche Logs ganz bewusst abgeschaltet und nicht die geringste Ahnung, ob sich irgendjemand auf diesen Blog verirrt. Ich schreibe das hier, um meine eigenen Gedanken in eine für mich passende Ordnung zu bringen und einen Anlass zu haben, die vielen Ideen, Begegnungen und Notizen aus dem #CLCamp26 für mich zu rekapitulieren. Allein das Wissen, dass es jemand lesen KÖNNTE, gibt mir die nötige Disziplin, es zu tun. Allein das Wissen, dass mir jemand zuhören KÖNNTE, gibt mir die Disziplin, ganze Sätze zu formulieren (ich habe gemerkt, wie ungleich schwerer es mir fällt, meine Notizen zu einer Session im Nachgang als Sprachnachricht einzusprechen, als einfach kurz mit Gabriele zu telefonieren und sie gemeinsam Revue passieren zu lassen. Leider haben Gabriele und ich unser Telefonat nach unserer Session nicht aufgezeichnet … das wäre für meine Rekapitulation viel hilfreicher gewesen als meine eigenen Sprachnotizen.)
Die Vorteile des Sprechdenkens im Dialog mit einer Gesprächsperson betonte auch Sabine Stock und brachte ein, dass in Podcast-Gesprächen produktive Reibung entstehen darf. (Das Thema Konflikt und Reibung als Lernressourcen hatten wir auch in unserer Lernressourcen-Session besprochen!)
Bei einem geäußerten Ideenkomplex von zwei Teilgebenden hatte ich den Bedarf, ganz klar meine eigene Position auszudrücken: Es kamen die Vorschläge, „Dialoge“ mit KI-Bots zu führen bzw. aufgenommene Episoden in NotebookLM „weiterzuverarbeiten“. Falls der Podcast irgend einen dieser Wege einschlagen sollte, und sei es nur als „Experiment„, wäre ich definitiv nicht mehr beteiligt. Besonders irritert hat mich der Einwurf einer Teilgebenden, das Einspeisen von Folgen in NotebookLM könne ich sowieso nicht verhindern. Ich nehme das als Ausdruck vulgärer Machtdemonstration, dieses Silicon-Valley-„We don’t care“, die über das „KI“-Narrativ immer mehr Verbreitung findet (und die z. B. Jürgen Geuter hier sehr gut beschrieben hat). Leider wurden auf dem #CLCamp26 auch die Artikel aus unserem Buchprojekt entsprechend ‚verwertet‘. Als ich im Vorfeld meinen Protest äußerte, hat Simon Dückert immerhin meinen eigenen Beitrag aus seiner Web-Version des Buches entfernt und dementsprechend aus dem Datensatz, der in seiner Session verwendet wurde. Deshalb ist mein Beitrag also nur noch im Buch selbst, in der eBook-Variante und separat hier auf meinem Blog zugänglich. Durch das „KI“-Narrativ wird die ganze Welt nur noch auf Trainingsdaten für LLMs eingeengt. Die Achtung von menschlicher Ausdrucksweise, kreativem Schaffen, kulturellem Kontext und Entstehungsprozessen wird geschleift … und auch unsere Community trägt leider dazu bei. Ja, ich „kann das nicht verhindern“ … aber ich kann immer wieder dafür eintreten, dass wir einander mit Achtung vor unserer Arbeit (und ihrer Integrität) begegnen, und selbst wenn das ein Kampf gegen Windmühlen sein und bleiben sollte.
Nach der Session konnte ich nicht umhin, direkt ein paar Gedanken zur Session in einer Mini-Podcast-Aufnahme zu verarbeiten, zu der mich Ernst einludt. Bin gespannt, wann sie erscheint!
(Foto von Frederic Gülbeyaz)Vom Käfig zum Kompass (Felix Harling)
„Beyond Teaching ist einfach gesagt. Aber die Sinnkrise der Wissensarbeiter:innen ist real, auch unter uns, oder? Was passiert, wenn du nicht nur deine Formate, sondern dich selbst hinterfragst? Eine Session über Irritation als Wegweiser und das, was Brüche lehren, wenn man sie lässt.“ Schon diese Sessionankündigung von Felix hat stark in mir resoniert (aus vielerlei Gründen, die vielleicht auch hier in diesem Beitrag oder auch sonst in meinem Blog immer wieder anklingen?) … und umso mehr die Art, wie ich Felix schon vor seiner Session in unseren Pausengesprächen kennenlernte. Zudem fand die Session im geliebten ‚Roten Raum‘ ohne Technik statt .. also ein Pflichttermin für mich!
In keiner anderen Session habe ich so wertvolle Gespräche über unsere Professionen, unsere beruflichen Situationen und unsere Positionierungen gegenüber Branchenentwicklungen führen können. Auch methodisch war das schnell getaktete Vorgehen inspirierend und für mich ein kleiner Ausblick auf das, was ich im baldigen Art of Hosting Training erwarte.
Aber nicht nur für meine persönliche Entwicklung, auch für meinen professionellen Wertbeitrag bei meinem Arbeitgeber war diese Session inspirierend … und lässt mich an manches Denken, was ich in meiner Selbstberatung im Rahmen meiner Ausbildung zum Systemischen Organisationsberater über meine Arbeit herausgearbeitet habe.
Grob zusammengefasst (und damit all das ignorierend, was in den Brüchen und Zwischenräumen auch auf dieser Session wirklich stattgefunden hat), lässt sich Felix methodisches Vorgehen folgendermaßen zusammenfassen – und ich stütze mich hier auf das abfotografierte Flipchart:
- Aufstellung im Raum mit zwei Polen: „Ich weiß, wo ich beruflich hinwill“ <> „Ich habe mehr Fragen als Antworten“
- Stimmen im Raum zur eigenen Positionierung hörbar machen
- Irritations-Landkarte: „Was irritiert Dich gerade am meisten an Deiner Arbeit / L&D-Rolle?“ (in Zweiergruppen)
- Still schreiben > A erläutert, B hört zu > B stellt offene Rückfrage > A antwortet kurz > Rollenwechsel > abschließende Reflexion
- Der Bruch, der lehrt: „Welchen Bruch in Deiner Tätigkeit hast Du in der Vergangenheit erfahren?“ (in Dreiergruppen)
- A berichtet > B+C stellen das Gehörte pantomimisch dar (ohne Worte) > A reagiert ebenfalls pantomimisch > Rollenwechsel > abschließende Reflexion
- Harvesting: Wie war die Erfahrung für Dich? Was hast Du über das, was Dich irritiert, gelernt? Wie lässt sich das anwenden?
- Abschließender Austausch: Wie lässt sich das Erfahrene für die CLC anwenden?
Informelle Lern-Räume im Rahmen von IT-Einführungen (Johannes Starke)
Das Thema meiner zweiten Session, die ich selbst angeboten habe, beschäftigt mich beruflich gerade besonders intensiv. Gerade im Rahmen von IT-Einführungen passiert in Unternehmen und durch deren Mitarbeitende, die sich mit neuen IT-Prozessen konfrontiert werden, sehr viel geplantes und ungeplantes (… oder passiert eben gerade sehr wenig, je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachtet). Ich war zunächst untröstlich, dass parallel zu meiner Session Trainerinnen des ADAC ebenfalls eine Session zum IT-Trainingsvorgehen anboten, auf der ich gerne aufgebaut hätte – und umso erfreuter, dass sich eine dieser Trainerinnen dann in meiner Session befand und dort sehr aktiv teilgab. 🙂
(Foto CC-BY von Martina Cervenkova)Die Idee und den Hintergrund zu meiner Session habe ich in diesem Blogbeitrag zusammengefasst, auf den ich bereits im Vorfeld erfreuliches Feedback erhielt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit dem Session-Thema ein äußerst wichtiges (und für viele schmerzvolles) Feld angesprochen habe.
Leider habe ich es als Sessionhost ohne zweite Person nicht geschafft, parallel Notizen zu machen, habe auch im Nachgang wenig Dokumentation zu meiner Session gefunden und mir zum Ende des Tages keine Zeit mehr genommen, meine Erinnerungen als Sprachnotiz aufzunehmen. Schade, da ist einiges verloren gegangen.
In Erinnerung ist mir, dass wir ausführlich über Workarounds und Umgehungstaktiken gesprochen haben, die Mitarbeitende an den Tag legen, um neu-eingeführte Systeme nicht zu nutzen .. und primär über formale Mittel, dem Einhalt zu gebieten.
Ein großes Thema war auch M365 und insbesondere die Einführung und Nutzung von Teams. Hier sprachen viele Teilgebenden ihre Erfahrungen an.
Ein Teilgeber berichtete von erfolgreichen Floorwalker-Initiativen, die regelmäßig anstupsen/erinnern und auf Angebote aufmerksam machen, ohne diese und die Beteiligung daran zu stark zu formalisieren.
Einigen konnten wir uns darauf, wie wichtig es ist, Balancen zwischen Formalität und Informalität herzustellen und auszuhalten … und dass diese Balancen in unterschiedlichen Bereichen immer wieder neu gefunden und hergestellt werden müssen. Es gibt keine Best Practice … und umso mehr motiviert mich diese Erkenntnis, auch zukünftig weiter intensiv an dem Thema zu arbeiten!
Physische Lernreisen für Kleingruppen (Julia Methe)
Diese ganz spontan zum Abschluss des Camps initiierte Session von Julia war für mich eins von vielen Highlights des Camps. Die spontanen Sessions sind oft die besten, weil sie nicht mit langen Präsentationen beeindrucken wollen, sondern eine Idee einbringen, die dann befragt, besprochen und weiterentwickelt wird.
Julia berichtete von einem Ansatz, den sie und ihre Kolleg:innen im Rahmen der Neueinführung eines IT-Tools in einem bundeseigenen Betrieb initiiert hatten … und den sie für uns auf ein irgendwo in der Hochschule aufgetriebenes altes Metaplanpapier scribbelte.
Der Ansatz bot einen Rahmen, um die neuen IT-Prozesse körperlich zu erfahren, erklärt zu bekommen und zu besprechen. Das lief ähnlich ab wie auf einer Schnitzeljagd: Kleingruppen von 4-5 Leuten wurden mit ausgedruckten Prozessbeschreibungen über den Betriebs-Campus geschickt. Die Prozessbeschreibung war gleichzeitig eine Wegbeschreibung. An bestimmten Stationen wurden die Gruppen von Mitarbeitenden empfangen, erhielten Instruktionen und Hilfestellung in der Beantwortung von Fragen auf dem Zettel. Die Gruppendynamik wurde u. a. durch wechselnde Verantwortung im Wegfinden und Fragenbeantworten aktiviert.
Im Folgejahr wurde der Ansatz weiter genutzt. Statt eines IT-Prozesses wurden Unternehmensstrategie und -aufbau vermittelt. Außerdem wurde HR mit dem Ziel involviert, den Ansatz auch für das Onboarding zu übernehmen.
Der Ansatz war eine Idee, die im Rahmen der „Campus Week“ eingebracht wurde. Jeder Bereich beteiligt sich dabei mit eigenen Beiträgen.
Julias Vorstellung stieß auf großes Interesse. Mehrere Teilgebende offenbarten, dass sie selbst davon träumen, so etwas in ihrem eigenen Unternehmen umzusetzen. Ich bin einer davon 😉 Eine Mischung aus Schnitzeljagd, Gallery Walk, Prozess-Simulation und verkörperter Intervention … mit Vernetzung und gegenseitiger Unterstützung, die im klasisschen Training ja oft in den Hintergrund treten. Grundsätzlich ließe sich das Vorgehen auch mit Action Bound oder Self-Service-Terminals umsetzten, würde dann aber einen anderen Charakter annehmen.
#51 #CLC25 #CLCamp26 #CLCamp26Nutzt #CLCamp27 #colearn #LearningCircle #lernOS #Lernzirkel #Lernzirkeln #Peerfinder -
Sind die Deutschen wieder kriegsbereit? Wie der „Mentalitätswandel“ vorangetrieben wird – Pazifismus war gestern – Militarismus ist heute
“Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Kriege.“ (Thomas Mann, 1914)
„Krieg ist die brutalste Form der Inhumanität und die dümmste Form, Konflikte zu lösen“ (Ilja Trojanow, 2025)
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“: Es ist nachweislich eine Propaganda-Lüge, dass die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands erst als Reaktion infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine politisch angestrebt wird. Diese Behauptung dient als Vorwand für die in Wahrheit schon viel längerfristig geplante Aufrüstung und militärische Mobilmachung in Deutschland sowie bei der EU und der NATO, wie hier dokumentiert. Die militärische „Zeitenwende“ hat einen langen Vorlauf nach vorbereitenden Drehbüchern seit der Jahrtausendwende, an der auch die Rüstungslobby mitgeschrieben hat, wie die Fakten belegen.
Denn schon zwei Jahrzehnte vor Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 und schon lange vor dem entbrannten russisch-ukrainischen Regionalkonflikt um den Donbass und die Krim ab 2014, gab es bereits die vorbereitende Rüstungs- und militärpolitische Umorientierung der deutschen und europäischen Geopolitik aus machtpolitischen Eigeninteressen. Die neue deutsche Außenpolitik mit einem grundlegenden militärpolitischen Kurswechsel setzte also schon weit vor dem Kriegsjahr 2022 und teils vor 2014 ein, mit befeuert von der EU, die Deutschland hierbei in eine militärische Führungsrolle drängt und Europa unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf eine Art „Kriegswirtschaft“ vorbereiten will.
„Wir sind noch nicht im Krieg“, aber kurz davor oder eigentlich mittendrin?
In der Ukraine-Krise bezieht Deutschland somit von Anfang an Position als führender Akteur der ganzen EU und bemüht sich um eine einheitliche Haltung gegen Russland: Deutschland sei als „militärische Führungsmacht in Europa“ gefordert, denn „die Verbündeten erwarten es und die Öffentlichkeit muss vorbereitet werden“, so die Verlautbarungen. Daran beteiligen sich sogar die Bischöfe der evangelischen Kirche mit ihrer neuen (regierungstreuen) Positionierung zur Aufrüstungspolitik in einer von der Friedensbewegung kritisierten Denkschrift von November 2025, bis hin zum Bekenntnis sogar zu Nuklearwaffen.
Laut Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sind wir zwar „noch nicht im Krieg mit Russland, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden“. Zumindest der hybride Krieg sei in vollem Gange, Und die ungeklärten Drohnenflüge haben bereits zu Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrages wegen schwerer Luftraumverletzungen geführt. Im November 2025 hat umgekehrt der Kreml „die NATO als im Krieg mit Russland“ bezeichnet, so dass sich die NATO und Russland einem direkten Konflikt nähern. In den Medien erscheint ein Angriff Russlands nicht mehr als eine „Ob“-Frage, sondern nur noch als eine „Wann“-Frage.
Ist Russland willens und in der Lage, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland könnte bis spätestens 2029 bzw. bereits schon früher in 2028 in der Lage sein, NATO-Territorium anzugreifen, warnten Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer bereits in 2024. Sie beriefen sich auf eine „Bedrohungsanalyse“ und auf nicht näher benannte „Geheimdienstinformationen“. Bundeswehrgeneral Sollfrank sah sogar Russland schon jetzt in der Lage, die NATO sofort anzugreifen, wie er 2025 in einem Interview kundtat. Bei weiterer Aufrüstung sei bis 2029 sogar ein Großangriff auf Europa durch Russland denkbar.
Indirekt ist Deutschland mit seiner Beteiligung an der „Materialschlacht“ bei Rüstungsgütern für die Ukraine längst an der Schwelle zur Kriegspartei und trägt damit zur Eskalation statt zur Deeskalation bei. Der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall muss aktuell Aufträge von 64 Mrd. € abarbeiten, so dass deren Chef Papperger im November 2025 jubelte: „Wir werden globaler Rüstungs-Champion!“ Rheinmetall macht Geschäfte mit der Angst vor dem Krieg. Und die deutsche Regierung setzt ausschließlich auf die militärische Karte, denn ernsthafte diplomatische Bemühungen sind nicht mehr erkennbar.
“Dabei ist das Argument für die Aufrüstung, nämlich dass Russland vorhabe, NATO-Länder anzugreifen, vollkommen unglaubwürdig. Selbst die US-Geheimdienste sagen unisono in ihrem jährlichen Bericht, dass Russland keinerlei Interesse daran hat. Es wäre ja auch Selbstmord angesichts der erdrückenden Übermacht der NATO. Und wie sollte, selbst wenn die russische Führung suizid veranlagt wäre, eine russische Armee, die seit Jahren größte Mühe hat, einzelne ostukrainische Dörfer zu erobern, plötzlich Warschau, Berlin und Paris überrollen?“ So lautet die nachvollziehbare Einschätzung des preisgekrönten Journalisten und Buchautors Fabian Scheidler (auf die nachfolgend noch weiter eingegangen wird). Er fragt: Ist der Politik der gesunde Menschenverstand abhandengekommen und hat sie Maß und Ziel verloren sowie Logik verlernt?
“Zeitenwende”: Neue deutsche Außen- und Militärpolitik
Schon die damalige große Koalition (GroKO) mit Ursula von der Leyen (CDU) als Bundesverteidigungsministerin und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Außenmister kündigte bereits im März 2014 unter Kanzlerin Merkel „eine neue deutsche Außenpolitik mit verstärkten Militäreinsätzen in aller Welt“ an, obwohl laut Umfragen 61% der Bevölkerung dagegen sind. Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisierte die im Koalitionsvertrag enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Friedensbewegte wie Margot Kässmann kritisierten die neue deutsche Außenpolitik auch deshalb, weil damit das deutsche Militär zwischen Konfliktparteien in Bürgerkriege geraten könnte. Während der letzten GroKo waren die Exporte von deutschen Kleinwaffen in Krisenregionen um 47% gestiegen. Schon zu GroKo-Zeiten wurde der „Globalisierungsrausch“, der unsere Gesellschaft bis heute gespalten hat, durch einen beginnenden „Militarisierungsrausch“ abgelöst, der auch die EU erfasst hatte.
Mit der „Zeitenwende“-Rede des späteren Ampel-Kanzlers Olaf Scholz am 27. Februar 2022 wurde die Zäsur in der deutschen Außenpolitik mit der Einrichtung eines 100 Mrd. Sondervermögens für Militär und Rüstung konkret sichtbar und von den drei Ampel-Parteien und der CDU-Opposition im Bundestag mit Standing Ovations bejubelt. Jährlich sollte mehr als 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rüstung und Militär ausgegeben werden, schwerpunktmäßig für Eurodrohnen, bewaffnete Heron-Drohnen aus Israel, für die Beschaffung des Kampfflugzeuges F-35 sowie zur Befähigung des Eurofighters zur elektronischen Kampfführung – geradewegs so, als habe die Rüstungslobby hier das Drehbuch geschrieben. Die Bundesregierung plant laut Medienberichten in den kommenden Jahren fast 380 Mrd. € für Rüstung und Militär auszugeben. Dabei führt die aktuelle Aufrüstungspolitik mit einem Rekordwert von über 2,7 Bio. US-Dollar weltweit in eine Sackgasse.
Inzwischen gilt der EU-Beschluss, dass bis 2035 alle Mitgliedsstaaten sogar 3,5% des BIP für Rüstungsgüter und Soldaten auszugeben haben plus weitere 1,5% für militärische Infrastruktur, also insgesamt 5%. Die Behauptung eines „sträflich unterfinanzierten Militärs“ hat aber auch vorher schon nicht gestimmt. In der NATO soll und will Deutschland obendrein das zweitgrößte „Fähigkeitspaket“ innerhalb der Allianz übernehmen, weil die USA ihr Kontingent verringern will. Deutschland als zukünftige militärische Supermacht in der EU?
„Fahrplan für den Krieg“ im Modus der „Kriegswirtschaft“
Im Oktober 2025 präsentierten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte, flankierend zur deutschen „Zeitenwende“, eine Art „Fahrplan für den Krieg“ als „Plan zur Wiederaufrüstung Europas“, mit gleichzeitiger Aufnahme in das Weißbuch zur europäischen Verteidigung und (mit Einsatz von zunächst zweimal 500 Millionen Euro zur Anschubfinanzierung). „Unsere Industrie muss jetzt in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“, verkündete zuvor der ausgeschiedene EU-Binnenkommissar Thierry Breton. Er hatte schon im März 2024 zusammen mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine Strategie für die EU-Rüstungsindustrie vorgestellt, um die Rüstungsproduktion massiv anzukurbeln. Die Rede war vom „Wechsel von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft“.
Damit gab sich die EU-Kommission in ihrer Rüstungsindustrie-Strategie selbst eine zentrale Rolle, die ihr gegenüber den EU-Staaten nicht zustand. Diese Ambitionen der EU und ihrer deutschen Kommissionspräsidentin waren im Grundsatz schon viele Jahre vor dem Ukraine-Konflikt entwickelt und verkündet worden, wie mehrere Reden der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin von der Leyen auf den Münchener Sicherheitskonferenzen und vor dem EU-Parlament belegen, wobei sie Deutschland eine besondere Führungsrolle zugedacht hat, wie hier an anderer Stelle noch weiter dokumentiert. Die Drehbücher dazu wurden bereits in 2004 und in den nachfolgenden Jahren vor ein bis zwei Jahrzehnten von Lobbyorganisationen geschrieben, wie hier später noch weiter nachzulesen – wahrlich keine „Verschwörungstheorien“.
NATO-Militärmanöver 2020 entlang der russischen Grenze
Zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Krieges plante die NATO im Februar 2020 mit „Defender-Europe 2020“ das größte Militärmanöver seit 25 Jahren an der russischen Grenze mit 38.000 Soldaten aus 19 Nationen und 6.000 eingeflogenen Soldaten aus den USA. Trainiert werden sollte auch ein blitzschneller Truppentransport auf der Route von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland als reale Kriegsübung. Die NATO-Staaten machen auf diese Weise sowie mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine und Waffenausbildungen der ukrainischen Soldaten, ferner mit Geheimdienstinformationen den 2022 von Russland begonnenen Ukraine-Krieg zu ihrem eigenen Krieg, auch wenn sie selbst keine Kampftruppen in die Ukraine entsenden
In Polen, im Baltikum und in Georgien sollen die NATO-Verbündeten, die in konventionellen Militärkapazitäten Russland um ein Vielfaches überlegen sind, in parallelen Manövern den bewaffneten Kampf gegen Russland an der Ostflanke üben. Dabei hatte die Nato in der „NATO-Russland-Grundakte“ aus dem Jahr 1997 Russland die Zusage gegeben, sich im Grenzgebiet zurückzuhalten, statt Russland zu provozieren. Allein wegen der Corona-Pandemie COVID-19 musste die Großübung „Defender Europe 2020“ vorzeitig abgebrochen werden. US-Soldaten kehrten zurück und nationale Übungen wurden gestoppt.
Verstärkte NATO-Präsenz an der Ostflanke
Jedoch sollte das Manöver im Grenzgebiet kein einmaliges Großereignis der NATO bleiben. Inzwischen hat die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke massiv verstärkt. Allein Polen entsendet 40.000 Soldaten an seine Ostgrenze. Deutschland stationiert Bundeswehr-Soldaten dauerhaft in Litauen: Bis Ende 2027 wird eine Panzerbrigade 45 mit rund 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern aufgebaut, „um die NATO-Ostflanke zu stärken“.
In 2025 beendete die Bundeswehr erfolgreich ihre Übungsserie zum Schutz der Ostflanke der „North Atlantic Treaty Organization“. Rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr übten zusammen mit Kräften aus 13 Nationen die Bündnisverteidigung. Im Oktober 2025 ging das diesjährige Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“ von 14 NATO-Staaten mit deutscher Beteiligung zu Ende. Es exerzierte einen etwaigen Angriff mit in Europa gelagerten US-Kernwaffen durch, bei dem auch Jets der deutschen Luftwaffe zum Einsatz kämen. Aktuell läuft die Debatte über einen von den USA unabhängigen europäischen Nuklearschirm.
Weltkriegsgefahr: Vorbereitungen für den großen Krieg?
So genannte „Militärexperten“ sekundierten nach entsprechenden Andeutungen des russischen Außenministers: „Wir müssen die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges denken“. Von der US-Denkfabrik „Atlantic Council“ erwarten 45% der Militärexperten einen Krieg zwischen Russland und der NATO. „Die Ukraine muss die Russen besiegen“, so hieß es deshalb 2022 zu Kriegsbeginn von deutschen Politikern. Dabei gibt es in einem Krieg keine Gewinner und Verlierer, sondern stets Verlierer und Verluste auf beiden Seiten.
Doch 2023 sprach Außenministerin Baerbock sogar davon: „Wir befinden uns im Krieg mit Russland“ und „wir wollen Russland ruinieren“ durch die Sanktionen, ruderte aber dann mit ihren Aussagen zurück. In 2024 waren bei der ukrainischen Offensive im westrussischen Kursk bereits deutsche Marder-Schützenpanzer gegen die Russen auf russischem Territorium im Einsatz und Russland warnte die NATO-Staaten und insbesondere Deutschland vor direkter militärischer Unterstützung an der Front. Angesichts der deutschen Geschichte ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute in Deutschland mit dem Feindbild Russland von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, absolut erschreckend.
Im März 2022, nach den gescheiterten Vermittlungsversuch der türkischen Regierung für Friedensverhandlungen zwischen dem russischen und ukrainischen Außenminister, wurde der türkische Außenminister Mevlüt Cavisoglu mit den Worten zitiert: „Ich hatte den Eindruck, dass es innerhalb der NATO-Mitgliedsstaaten Kräfte gibt, die eine Fortsetzung des Krieges wollten – damit der Krieg weitergeht und Russland schwächer wird. Die Lage in der Ukraine ist ihnen ziemlich egal.“
Stationierung von Marschflugkörpern mit Reichweite bis zum Ural
Im Juli 2024 hatte „Zeitenwende-Kanzler“ Olaf Scholz im Alleingang ohne Parlamentsbeteiligung die schon lange vorbereitete Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern „Tomahawks“ mit großer Reichweite bis hinter den Ural und mit Eignung für Atomsprengköpfe mit den USA vereinbart, wegen der angeblichen Bedrohung aus Russland. Die Stationierung soll ab 2026 beginnen.
Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisiert die im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung Merz/Klingbeil enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Frieden schaffen mit immer mehr Waffen, um zuvor den Angreifer Russland militärisch zu besiegen oder „abzuschrecken“, der angeblich innerhalb der nächsten 3 bis 4 Jahre einen Angriff auf Osteuropa und Deutschland plant? Es wäre der erste Angriff Russlands auf Deutschland, aber der dritte im umgekehrten Fall, daran sei nochmal erinnert.
Setzt Deutschland auf Konfrontation statt Entspannung?
„Wegen der bröckelnden westlichen Dominanz soll durch die beispiellose Aufrüstung davon abgelenkt werden, dass die Politik eigentlich am Ende ist und keine Antworten mehr hat auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte Fabian Scheidler in einem Interview (Buchautor: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“).
Nach Beendigung des „Kalten Krieges“ durch Entspannungspolitik zu Zeiten von Willy Brandt hat insbesondere die SPD unter „Zeitenwende“-Kanzler Scholz und dem jetzigen Vizekanzler Klingbeil die russische Invasion zum Anlass genommen, die friedenspolitische Tradition zu entsorgen und ausschließlich auf Konfrontation zusetzen. Die NATO-Osterweiterung war nach Auffassung von Scheidler bereits die Vorbereitung der „Zeitenwende“ und der Weg in neue Blockkonfrontation sowie Gesprächsverweigerung mit Moskau.
„Deutschland muss sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen“
Im eigenen Land scheint allerdings die nachrichtendienstlich untermauerte Spekulation über den angeblich bevorstehenden Kriegsbeginn weithin unpopulär zu sein, anders als der populäre Verteidigungsminister selber, der in Umfragen Spitzenwerte der Beliebtheit bei Deutschen erreicht. Und das trotz seiner Aussage: „Deutschland müsse sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen.“ (Deshalb erreicht ein „Kriegsminister“ bei den Deutschen höchste Beliebtheitswerte?). Soll die langjährige Friedenssehnsucht der Deutschen durch erneute Kriegssehnsucht abgelöst werden, um von den inneren Sozialkonflikten abzulenken und den Widerstand gegen Sozialkürzungen zugunsten militärischer Investitionen zu brechen?
Die von Pistorius erstrebte „Kriegstüchtigkeit“ erfordere deshalb eine von ihm angemahnte „Neuausrichtung der deutschen Mentalität“ – damit auch die Pazifisten das Militärische lieben lernen? So fordern es vor allem seine ständigen Berater von der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation). Denn „ohne Feindbilder und Leidenschaften bei den Menschen gelingt keine Kriegsführung“, wusste schon der Psychoanalytiker Erich Fromm.
Da laut Umfragen das Vertrauen in Parteien und Regierungen im Inneren derzeit extrem gering ist, scheint es den deutschen Politikern sehr nützlich zu sein, „auf einen äußeren Feind zu setzen, wie z.B. Putin als dämonische Kraft, die die Grundfeste unserer Zivilisation bedroht und mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. (…) Dadurch werden Abwägungsprozesse und differenzierendes Denken ausgeschaltet, die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, schreibt der bereits zitierte Fabian Scheidler in seinem aktuellen Buch über die Feindbilder.
Einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung – Militarisierung wie im Kaiserreich?
Die öffentlich-rechtlichen Medien helfen dabei mit, die mentale Bereitschaft für einen möglichen Krieg zu stärken, auch mit einseitigen Talkshows voller Bellizisten, oder auch mit Sendetiteln wie: „Immer mehr Menschen wollen Reservisten werden“. Wir erleben in Deutschland nun wieder „eine Militarisierung, die in mancher Beziehung an das Kaiserreich vor dem ersten Weltkrieg erinnert“, bemerkt Buchautor Fabian Scheidler. Der Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ stammt ursprünglich vom US-amerikanischen Politiker Hiram Johnson. Er wird häufig verwendet, um zu beschreiben, dass im Krieg Propaganda und Lügen oft dazu dienen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, während die Wahrheit in den Hintergrund tritt, wie sie hier aufgespürt werden soll.
Zur Wahrheit gehört auch, dass vorgesehene 5% des Bruttoinlandproduktes als Ausgabe für das Militär etwa 50% des Bundeshaushaltes bedeuten – beim Kaiserreich waren es 60%. Das tat der Kriegsbegeisterung im August 1914 und der Siegesgewissheit keinen Abbruch. Heute muss noch am Patriotismus der wehrpflichtigen Jugendlichen gearbeitet werden, die der 45-jährige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn zum „Dienst am Vaterland“ aufruft – obwohl er selber ausgemustert wurde und weder Wehrdienst noch Wehrersatzdienst leistete. Er wäre allerdings noch jung genug, um sich nun freiwillig zu melden und mit „gutem Beispiel“ voranzugehen, so möchte man ihm empfehlen.
„In 5 Jahren muss die ganze Gesellschaft kriegstüchtig sein“
Es kursieren bereits diverse Termine für die „kurzfristig bevorstehenden militärischen Konflikte“ mit Russland. Mancher Militärstratege kann es kaum noch erwarten – wann geht es los? „Bisher lag die Reife der Deutschen darin, dass es in Deutschland 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Stimmung gab, wieder in den Krieg zu ziehen“ (Margot Kässmann).
Diese Stimmung soll sich durch den politisch angestrebten und forcierten „Mentalitätswechsel“ in der Bevölkerung ändern – mit gewissem Erfolg, wie die sich verändernden Umfrage-Ergebnisse und die Debatten um die Wiedereinführung des Wehrdienstes zeigen. Der Generalinspekteur Carsten Breuer insistierte: Nicht nur die Bundeswehr, auch die deutsche Gesellschaft müsse in fünf Jahren kriegstüchtig sein. Dort gehen aber die Meinungen weit auseinander. Deshalb sei es vor dem Hintergrund der Kriegsszenarien und der Militarisierung mitsamt Rüstungsexporten „noch ein anstrengender Weg, die Ängste und Sorgen der Menschen abzubauen“, so heißt es im Magazin „politik & kommunikation“.
Meinungsumfragen mit widersprüchlichen Antworten
Auf die Frage, ob Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern solle, antworteten 2025 laut Statista 51% mit nein und nur 38% mit ja. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ipsos im Januar 2025, wonach fast die Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine sind. Nach einer Insa-Umfrage von Februar 2025 sprachen sich ebenfalls die Hälfte der Befragten dafür aus, die Ukraine weder mit Waffen noch mit Geld zu unterstützen. 55% wollen auch keinen EU-Beitritt der korrupten Ukraine. In Umfragen von August 2025 lehnten 51% der deutschen den Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine „zur Friedenssicherung“ ab, nur 36% waren dafür. Das sind sicherlich noch keine überzeugenden Belege für die politisch angestrebte „Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung“.
Anderes zeigt die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2025, wonach 67% der Bevölkerung hinter Deutschlands militärischer Unterstützung für die Ukraine steht und sogar 27% mehr Unterstützung für Kiew befürworteten. Auch aktuelle Fragen vom Oktober und November 2025 zur Wehrpflicht gehen weit auseinander: Laut Forsa sind 54% für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und 41% dagegen. Die betroffenen jungen Menschen lehnen dagegen eine Wehrpflicht mehrheitlich ab; nur 16% würden kämpfen. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird laut Forsa von 67% der Bevölkerung befürwortet und nur von 30% als falsche Entwicklung abgelehnt. Das wird die Rüstungsindustrie mit ihren explodierenden Börsenkursen freuen, deren Aktien inzwischen als „nachhaltige Kapitalanlage“ anerkannt werden (und deshalb sicherlich auch viele Politiker sich vor deren Erwerb nicht scheuen?).
Angestrebter „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung erreicht
Wen interessiert es noch, dass Umfragen zufolge sich zu Beginn des Ukraine-Krieges noch über 70% der Deutschen gegen eine weitere Aufrüstung und Erhöhung des Verteidigungsetats aussprachen? Erschreckend war deshalb das Schweigen der Zivilgesellschaft und der kaum noch existenten Friedenbewegung zur politisch propagierten Militarisierung. Doch inzwischen laufen alle Propagandakanäle auch in den Medien, um einen „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung zu erreichen, offenbar mit Erfolg. Das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr sieht Deutschland in einer „militärischen Führungsrolle“ und hat in seiner jährlichen Bevölkerungsbefragung ermittelt, dass sich nunmehr in 2025 die Bürgerinnen und Bürger zu 64% für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und zu 65% für einen „personellen Aufwuchs der Bundeswehr“ aussprechen.
Damit hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihre Selbstbindung aus dem „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ vom 30. August 1990 aufgegeben. Darin hatte sie sich verpflichtet, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands „auf eine Personalstärke von 370.000 Mann zu reduzieren“. Damit wollte das vereinigte Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem wiedererstarkenden deutschen Militarismus dämpfen, den es jedoch jetzt wieder befördert.
Große Akzeptanz für die Militarisierung der Gesellschaft
Schon während der Regierungsära Merkel mit den (ungedienten) Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht sowie während der Ampel-Regierung mit Verteidigungsminister Pistorius wurde die Militarisierung der Gesellschaft energisch und gezielt vorangetrieben: Plötzlich hieß es wieder, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten im Fackelschein, Marschmusik und Zapfenstreich, Militärparaden, bessere Uniformen und Orden für unsere Soldaten, sichtbare Kasernenhöfe sowie einen Veteranentag für unsere Kriegserprobten und vorzeigbare Kampfgeräte in den Medien. Und wir brauchen Zivilschutz der Bevölkerung mitsamt Bunkern etc.
Es begann zugleich die Ächtung des Pazifismus, der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle, die militärische Werbung durch die Bundeswehr in Schulen und Kindergärten auch bei Minderjährigen und die Bereitschaft, wieder fürs Vaterland zu sterben durch stolze Rückbesinnung auf unser Soldatentum in den beiden zurückliegenden Weltkriegen, mit geschönten Bildern vom Militär – und mit Versprechungen für Kostenübernahme von Führerscheinen für Freiwillige.
Aufrüstung bedarf klarer Feindbilder zur Begründung
Dazu bedurfte es klarer Feindbilder (wie böse Russen und Chinesen) sowie militärische Präsenz unserer Soldaten auf dem Globus und in den Weltmeeren mit eigenen Fregatten. Und dazu bedurfte es massiver Aufrüstung mit Waffen, Waffen und nochmals Waffen, koste es, was es wolle. Mittlerweile ist die Akzeptanz für diese massive und alltägliche Militarisierung von Politik und Gesellschaft erreicht, mit gewissem Gewöhnungseffekt und mit täglicher Unterstützung durch die Medien. Die „Zeitenwende“ hat neben den Schulen auch die Hörsäle der Hochschulen erreicht, die vermehrt an militärisch nutzbaren Technologien forscht.
Schleifung der Zivilklausel: Auch die Hochschulen rüsten auf
Die Forschung mit militärischer Zielsetzung war bislang für unsere Hochschulen mit ihren Ethik-Richtlinien und Zivilklauseln absolutes Tabu und teilweise auch gesetzlich im Landeshochschulgesetzen z.B. von NRW ausgeschlossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen sollten. Nunmehr ist für die Hochschulen eine neue Rolle für die militärische Ausrichtung ihrer Forschung insbesondere im Technologie-Bereich zugedacht. Lehrstühle und Professuren für militärische Themenstellungen werden eingerichtet oder umgewidmet. Und die Friedens- und Konfliktforschung wird schwerpunktmäßig auf Sicherheit- und Verteidigungspolitik umorientiert. Die zuständigen Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie und Start-ups mit akademischer Forschung zusammenzubringen.
Die Rüstungsindustrie ist gewillt, mit ihren Geldern aus der Wirtschaft solche militärisch orientierten Hochschulprojekte zu finanzieren und zu fördern, etwa auch für innovative Waffensysteme wie neuartige Drohnen. Als Legitimation gilt die mögliche Verwendung solcher Systeme auch für den zivilen Gebrauch z.B. als Transportdrohnen. Voranmarschiert ist die Bundeswehrhochschule in München, wo z.B. Prof. Carlo Masala – bekannt aus wöchentlichen Fernseh-Talkshows – seine Professur für internationale Politik in einen “Lehrstuhl für Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ umetikettiert hat.
Wissenschaftliche Politikberatung durch „neutrale“ Rüstungslobbyisten?
Prof. Carlo Masala gilt als „Experte für bewaffnete Konflikte“ und arbeitete zeitweilig als Forschungsberater am NATO Defense College in Rom und hatte auch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Bei der CDU-nahen Hermann-Ehlers-Stiftung ist er Vorstandsmitglied. Er ist Berater des Deutschen Verteidigungsministeriums als Mitglied der von der Deutschen Rüstungsindustrie gesponserten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem ehemaligen Rüstungskonzern-Manager Thomas Enders von Airbus als Präsident.
Bei seinen ständigen Auftritten als „neutraler Rüstungsexperte“ in den Medien wird Prof. Masalas zuvor genannte Verflechtung mit der Rüstungslobby verschwiegen, was ein bezeichnendes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender wirft, die sich damit in den Dienst der staatlichen Propaganda stellen, statt ihre kritische Rolle als vierte Gewalt im Staate einzunehmen. Ähnliches gilt für den fast täglich im Fernsehen auftretenden Rüstungslobbyisten Dr. Christian Mölling, dem ehemaligen Vize-Direktor des Forschungsinstituts der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und Leiter des einflussreichen „Zentrums für Sicherheit und Verteidigung“, zu dem an anderer Stelle noch weiteres angemerkt ist.
Kriegsangst versus Kriegslust?
Seit Kriegsbeginn in 2022 schüren auch die Medien die propagandistische Kriegsangst über den angeblich kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die militärisch dreimal so starke NATO bzw. die EU und Deutschland, um die von langer Hand geplante massive Aufrüstungspolitik und die Militarisierung zu rechtfertigen. Die NATO mit ihren 8,7 Mio. Soldaten gibt 1,4 Billionen Euro für Rüstung und Militär aus (und erhält dafür in 2026 den „Westfälischen Friedenspreis“, gegenüber 130 Milliarden € Militärausgaben des Kriegstreibers Russland mit 3,6 Mio. Soldaten. Die atomare Überlegenheit und Drohung des konventionell unterlegenen Russlands führen zu eigenen atomaren Abschreckungs-Plänen in Westeuropa. Werden dadurch die Deutschen unter einem Atomschirm kriegsbereiter?
UN-Generalsekretär Antonio Guterres befürchtet die Ausweitung des Ukraine-Krieges in einen großen Krieg hinein mit dem Risiko eines Atomkrieges. Die Aussicht auf Frieden werde immer geringer, so seine Befürchtung. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sah es grundsätzlich ebenso: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“ Vielleicht sollten die Christdemokraten in Deutschland auf ihren Papst Leo XIV. hören, der im Oktober 2025 sagte: „Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen.“
„Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik“?
Vizekanzler Klingbeil hatte als SPD-Vorsitzender in 2022 vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Grundsatzrede hingegen erklärt: „Auch militärische Gewalt ist als legitimes Mittel der Politik zu sehen“. (Ganz im Sinne des preußischen Generalmajors von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts anderes als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“). Das versteht Klingbeil also unter Friedenspolitik, anders als Friedensnobelpreisträger und Abrüstungspolitiker Willy Brandt, der den Krieg als „ultima irratio“ verstand. Eine politische Zeitenwende auch bei den schrumpfenden Sozialdemokraten? Bei der heutigen Politiker-Generation ist die Unfähigkeit weit verbreitet, sich vorzustellen, was ein Krieg mit Russland oder gar ein Weltkrieg oder Atomkrieg bedeuten würde.
Das war auch die artikulierte Sorge von Altbundeskanzler Helmut Schmidt als leidgeprüfter Kriegsteilnehmer im 2. Weltkrieg. Vielleicht sollten die heutigen Genossen auf den verstorbenen Michail Gorbatschow hören. Er richtete seine deutliche Kritik an die heute politisch Verantwortlichen, die dem alten Denken verhaftet sind: „Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden – und sei es auch nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische Bühne räumen.“ Denn „Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet“.
„Unserer globalen Probleme können nicht durch Krieg gelöst werden“
Für Gorbatschow stand fest: Wir haben es mit einer Krise der politischen Führung zu tun. International wie auch national. „Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg geklärt werden. In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“. Schon John F. Kennedy wusste: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Denn unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen.
„Die Idee des Friedens ist unsterblich“ (Heinrich Mann in „Der lebende Tote“). Schon Albert Einstein rief deshalb dazu auf: „Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker brachte es auf den Punkt: „Eine Gesellschaft, die Waffengewalt als selbstverständlich zur Erlangung des Friedens akzeptiert, ist dringend therapiebedürftig.“ Der Therapiebedarf im massiv aufrüstenden Deutschland ist groß, dessen kriegsgeschädigte Menschen einstmals riefen: „Nie wieder Krieg!“
Supermacht Deutschland: Stärkste Armee und höchste Militärausgaben in der EU
Inzwischen hat Deutschland nach USA, China und Russland die höchsten Militärausgaben mit 88,5 Mrd. € in 2024. Damit hat Deutschland den höchsten Militärhaushalt aller europäischen NATO-Länder, den es bis 2029 noch wesentlich steigern will auf fast 153 Mrd. €., das ist fast eine Verdoppelung. Deutschland gehört zu den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt mit dem Höchststand von Rüstungsexporten für 8,1 Mrd. € in 2024, auch in Kriegs- und Krisenländer und Diktaturen.
Derzeit hat die Bundeswehr 215.000 Soldaten einschl. Reservisten in 2025, die bis 2035 auf eine Truppenstärke von 260.000 aktiven Soldaten erhöht werden soll zuzüglich 200.000 Reservisten als Zielgröße, so dass nach Einführung der Wehrpflicht über 460.000 Soldaten bereitstehen sollen, also eine Verdoppelung gegenüber heute. Laut Bundeskanzler Merz soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden.„Deutschland soll mehr militärische Verantwortung weltweit übernehmen“
Denn Deutschland soll „mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen“, da sich die USA als Ordnungsmacht aus vielen Regionen der Welt zurückziehen werde. Dazu hatte bereits zu Beginn des Jahres 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Deutschland ermahnt, und zwar vor der Weltöffentlichkeit auf der von der Rüstungsindustrie gesponserten „Münchener Sicherheitskonferenz“.
Die Begründung: Europa bleibt auf lange Sicht auf Rohstoffe aus anderen Regionen angewiesen. Es muss also aus eigenem wirtschaftlichem Interesse dort selbst für Zugang, Ordnung und Frieden sorgen zur Sicherung der Rohstoffe und Handelswege, notfalls auch militärisch – und als mächtigster EU-Staat sieht sich da fortan besonders Deutschland in der Pflicht.
Fundamentaler außen- und sicherheitspolitischer Wandel
Das verlangt einen fundamentalen außen- und sicherheitspolitischen Wandel, zu dem schon die damalige Große Koalition unter Kanzlerin Merkel bereit war, wie eingangs erwähnt. Die in der deutschen Bevölkerung umstrittene Rede Gaucks wurde seinerzeit flankiert von Reden der damals neuen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem abermaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Sie waren sich darin einig, dass auch in den Konfliktzonen im Nahen Osten, wo zu dem Zeitpunkt bereits 5.000 deutsche Soldaten eingesetzt waren, deutsche und europäische Interessen zu vertreten seien. (Und dorthin, wo das Grundgesetz direkte Bundeswehr-Kampfeinsätze verbietet, lieferte Deutschland zunehmend Ausrüstung und Ausbilder). Dagegen haben zugleich weite Teile der Deutschen gänzlich ablehnend auf Einmischung in die auswärtigen Konflikte reagiert. Doch die veränderte Militärpolitik Deutschlands und Europas begann schon viele Jahre früher, unbemerkt von der kritischen Öffentlichkeit.
Kampfsoldaten der EU als „schnelle Einsatztruppen“
Die gemeinsam veränderte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU mitsamt Aufrüstungsplänen begann schon 1999 nach dem EU-Gipfel von Helsinki mit der Aufstellung einer 60.000 Mann starken „schnellen Einsatztruppe“ und deren militärische Ausrüstung: Europa als Kampfgemeinschaft. Als Speerspitzen wurden Dutzende „Battlegroups“ für die weltweite Einsatzfähigkeit ab 2007 bis 2012 eingerichtet, wobei Deutschland die größten Kontingente mit den meisten Führungspositionen stellt. Innerhalb einer Woche sollen bei Bedarf die Kampfsoldaten an jeden Ort der Welt geschickt werden können. Später bekam die EU (vertragswidrig) einen eigenen Militäretat von anfangs 5 Mrd. € mit in Aussicht gestellter Aufstockung.
„In Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten herrscht Panik, weil man zum einen sieht, dass das Zeitalter der westlichen Hegemonie zu Ende geht und sich immer mehr Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika, von deren Ausbeutung der Westen lange gelebt hat, von unseren Regierungen abwenden, dass sie nicht mehr so erpressbar sind wie einst. (…) In dieser Lage suchen die dominierenden politischen Kräfte in der EU ihr Heil in einer schrankenlosen, in der Tat panischen Aufrüstung, um ihre Position aufrechtzuerhalten, ohne sich jedoch von der Unterwürfigkeit gegenüber den USA zu lösen“. (Zitat Fabian Scheidler).
Aufrüstungsverpflichtung und Aufrüstungsfond für alle EU-Staaten
Inzwischen hat die EU einen „Aufrüstungsfond“ eingerichtet in Höhe von 150 Mrd. €, um ihre Mitgliedsstaaten und europäische Unternehmen bei den Aufrüstungsvorhaben mit günstigen Krediten zu unterstützen, wovon 19 Staaten schon Gebrauch gemacht haben. Für 2025 verkündete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stolz, dass die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten insgesamt auf 381 Mrd. € gesteigert werden, davon 130 Mrd. € in Investitionen für neue Waffen.
Schon im Lissabonner EU-Grundlagenvertrag (als EU-Verfassungsersatz) von 2008 ist die Aufrüstung (statt Abrüstung) aller EU-Mitgliedsstaaten zum bindenden Verfassungsziel erhoben worden. Über die Aufrüstungsverpflichtungen der Mitgliedsstaaten wacht eine europäische „Rüstungsagentur“, die später in „Verteidigungsagentur“ umbenannt wurde (European Defence Agency EDA). Sie ist dem Rat der EU angegliedert, wird aus nationalen Haushaltsmitteln finanziert und ist mit einem eigenen Militärhaushalt für Sofortfinanzierungen ausgestattet. Deren damaliger Leiter Alexander Weis (ehemaliger Abteilungsleiter für Rüstung im deutschen Verteidigungsministerium) hatte das Jahr 2008 als „Europas Jahr der Rüstung“ angekündigt.
Weltweite Bundeswehreinsätze zur militärischen Intervention
Die Einsätze der Bundeswehr sollten sich schon seit 2003 nicht mehr geografisch eingrenzen lassen, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, damit Deutschland „seine Interessen und seinen internationalen Einfluss wahren kann“ – so auch am Hindukusch. Unter der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die 2018 als NATO-Generalsekretärin im Gespräch war, wurde 2016 ein neues „Weißbuch der Bundeswehr“ veröffentlicht, welches die veränderte Ausrichtung der Rüstungs- und Militärpolitik enthielt. Demnach sollte Deutschland „mehr Führungsverantwortung“ in der Welt übernehmen und den ungehinderten Zugang von Handelswegen notfalls auch militärisch sichern.
Fernziel sei eine europäische Verteidigungsunion mit einem militärischen EU-Hauptquartier. Denn in der EU bestand Konsens, die europäische Militärpolitik mit interventionistischen Einsätzen weltweit auszuweiten. Im Rahmen der NATO sollten militärische Interventionen auch zur Sicherung von Energie, insbesondere von Öl- und Gasressourcen in Afrika, Asien und Nahost erfolgen.
Das Drehbuch für die militärische „Zeitenwende“ wurde 2004 geschrieben
Schon in 2004, also 10 Jahre vor dem beginnenden Donbass-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, war für den Paradigmenwechsel der europäischen und deutschen Militärpolitik das Drehbuch verfasst worden, mit dem Augenmerk auf militärische und machtpolitische Fragen. Und zwar in der „European Defence Strategy (EDS)“ der Bertelsmann-Stiftung für die EU, ausgearbeitet von der Venusberg-Gruppe, an der sich auch die deutsche Rüstungs- und Militärpolitik mit der von Bundeskanzler Scholz propagierten „Zeitenwende“ sowie die Rüstungspolitik der jetzigen Bundesregierung mit ihrem militärischen „Sondervermögen“ seither konsequent ausrichtet, wie noch näher ausgeführt.
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung mit ihren Netzwerken als einflussreicher Fürsprecher einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik zugunsten des Aufbaus einer militärischen „Supermacht“ Europa empfahl in ihrem EU-Strategiepapier Europas Aufrüstung (auch als Nuklearmacht im Kampf um globalen Einfluss). Mit ihrer sicherheitspolitischen Agenda betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit für die Militärmacht Europa. Die EU soll innerhalb der globalen Wirtschafts- und Machtblöcke mit einer EU-Armee und einem eigenen Außenminister sowie gemeinsamen Geheimdiensten seine geostrategischen Interessen wahrnehmen, sich als Weltmacht definieren und zum globalen Militärakteur entwickeln, der bei Bedarf jeden Punkt der Welt kontrollieren kann.
Entwicklung der EU zur Militärunion auf Rat von Bertelsmann und DGAP
Die bis dahin zivile EU (als Friedensnobelpreisträger 2012) beschritt nun den Weg als „Militärunion“, zusätzlich zur NATO und den nationalen Militärpotenzialen, obwohl durch die EU-Verträge nicht abgedeckt. Die Frage zur Zukunft Europas wurde primär mit der angestrebten Augenhöhe mit den USA beim politischen und vor allem militärischen Einfluss in der Welt beantwortet. In ihrem Szenario der Supermacht Europa rät die Bertelsmann-Stiftung zum Abschied von der Idee einer Zivilmacht zur uneingeschränkten Hinwendung zu den Mitteln internationaler Machtpolitik einschließlich Kriegseinsätzen mit Offensivcharakter, zum Beispiel zur Ressourcen- und Rohstoffsicherung für Europa – ohne diese als humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Einhaltung von Menschenrechten oder als „Friedensmissionen“ länger zu kaschieren.
Daran die Bevölkerung Europas zu gewöhnen, wolle Bertelsmann publizistisch beitragen, zusammen mit ihrer „Venusberg-Group“ und der personell mit Bertelsmann verflochtenen „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), die vom Auswärtigen Amt und von der Industrie finanziert wird. In dieser besonders einflussreichen Organisation der Rüstungslobby tauschen sich Militärs und Geheimdienstler mit hochkarätigen Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern aus, wie man die Militarisierung der EU-Außenpolitik und gemeinsame Rüstungsprojekte voranbringen kann.
Neben der NATO künftig auch Einsätze von EU-Streitkräften?
Bereits auf dem EU-Gipfel in 2007 wurde nach den Strategie-Empfehlungen von Bertelsmann die Einrichtung eines europäischen Außenkommissars (quasi als EU-Außenminister) beschlossen und im Reformvertrag festgeschrieben. Mit der gleichzeitigen Zuständigkeit auch für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Handelspolitik sowie Entwicklungszusammenarbeit wurde durch die erweiterten Kompetenzen eine Machtfülle gebündelt, wie sie kein nationaler Minister hat. Mit der Zuständigkeit für Wirtschaft und Militärpolitik in einer Hand wurde dokumentiert, dass künftig auch mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte für Wirtschaftsinteressen zu rechnen ist.
Allerdings war damals noch nicht absehbar, dass sich die EU unter der kritikwürdigen Führung von Ursula von der Leyen – und nach autokratischen und rechtsnationalen Tendenzen in mehreren EU-Staaten mit Auswirkungen im EU-Parlament – zu einem geschwächten und uneinigen oder zerstrittenen Gebilde entwickelt hat, dass obendrein vom Trump-Amerika erpresst wird. Damit sind die eigenen Weltmachtambitionen der EU zumindest wirtschaftlich derzeit nur schwer realisierbar, aber militärisch nach drastischer Erhöhung aller Militärhaushalte und militärischer Emanzipation von den USA bereits vorangeschritten.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin mit Hilfe der Rechten im EU-Parlament gewählt und wiedergewählt wurde und bei Abstimmungen auch den Bruch der Brandmauer nutzt, macht die heutige EU als globale Akteurin nicht gerade glaubwürdiger, die obendrein bei der Flüchtlings- und Migrationspolitik die Menschenrechte verletzt, wie die Menschenrechtsorganisationen vorwerfen.
Die EU als politische und militärische Weltmacht?
Die EU soll demnach ihren Status als „wirtschaftliche Weltmacht“ ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. Die EU soll nach dem Willemn ihrer Führungseliten zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. Laut diesem Drehbuch für die Spitzenpolitiker müsse die EU zum weltweit einsatzfähigen „Sicherheitsakteur“ werden, der – so das damalige ehrgeizige Zeit-Ziel – bis 2015 alle Militärmissionen eigenständig (auch ohne Nato-Unterstützung) ausführen kann, der über die volle militärische „Eskalationsdominanz“ (inklusive Atomwaffen) verfügt und in der Lage ist, weltweit präventiv zu intervenieren, um Angriffe auf Europa oder europäische Interessen zu verhindern.
Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet daran, gesellschaftliche Akzeptanz für weltweite Kriegseinsätze herzustellen. So empfiehlt ein Strategiepapier aus dem Jahr 2005 den politischen Entscheidungsträgern, die EU-BürgerInnen von der Notwendigkeit der Weltmachtrolle zu überzeugen. Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung und der mit ihr kooperierenden Lobbyorganisation DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und den darin eingebundenen Politikern nutzen die Medien für ihre außen- und sicherheitspolitische Statements. Sie verbreiten auch Angst vor Terror, dem Aufstieg Chinas und der Knappheit fossiler Energieträger.
Europas „politische Führer“ sollen europäische Bevölkerung überzeugen
Der Tenor: Die Gefahren für den europäischen Wohlstand und das Leben der EU-Bürger können nicht länger allein mit zivilen Mitteln bekämpft werden Und das jüngste Venusberg-Papier setzt hinzu: “Europas politische Führer müssen gemeinsam die europäische Bevölkerung überzeugen, dass es jetzt an der Zeit ist, sich angemessen auf eine sichere Zukunft vorzubereiten, und dass dies Anstrengung, Engagement und Geld kosten wird.”
Vom Umbau der EU zur Weltmacht mit Eroberung neuer Märkte verspricht sich die Bertelsmann AG auch Vorteile für ihr mediales Kerngeschäft. Neben einer nützlichen militärisch flankierten Eroberung neuer Märkte kann vor allem die Bertelsmann-Tochter Arvato Geschäfte erwarten. Als Spezialistin unter anderem für Logistik und IT-Anwendungen aller Art kommt die Bertelsmann-Tochter Arvato sowohl für zivile wie militärische Government Services in Frage. Dafür betreiben Stiftung und Konzern ihre eigene Außenpolitik mit Expertenteams oder hochrangig besetzten Kongressen. Sie speisen ihre Vorstellungen durch eine Flut von Strategiepapieren, Expertisen und Ranking-Instrumenten sowie den engen persönlichen Kontakt zu den politischen Eliten in das politisch-administrative System ein.
„Führende Rolle Deutschlands in der Welt mit militärischer Verantwortung“
Nach den Strategiepapieren der vorgenannten Lobbyorganisationen soll Deutschland dabei eine neue führende Rolle in der Welt mit mehr (militärischer) Verantwortung übernehmen, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede auf der 50. Münchener Sicherheitskonferenz 2014 verriet, an der wohl die Rüstungslobby vorbereitend mitgeschrieben hat, und zwar in Person seines Redenschreibers Thomas Kleine-Brockhoff (damaliger Direktor der DGAP/“Gesellschaft für Auswärtige Politik“). Dort hatte Gauck vor aller Welt den Anspruch an eine neue deutsche Außenpolitik formuliert, mit der sich Deutschland auch militärisch weltweit entschiedener einbringen und „seinem Gewicht entsprechend“ reagieren soll. soll, (wie bereits seit 2011 an vielen Krisenschauplätzen in der Welt praktiziert).
Deutschland dürfe sich nicht „wegducken“, sondern solle ein Garant internationaler Sicherheit sein und sich auch militärisch engagieren in den Krisen ferner Weltreligionen, auch mit dem Einsatz von Soldaten und sich nicht „hinter dem Schutz der historischen Schuld verstecken“. Mit Stolz blickte er darauf, dass Deutschland seit 1994 ungefähr 240 mal über Auslandseinsätze der Bundeswehr beraten habe. Die Zeit des Misstrauens gegenüber deutscher Staatlichkeit sei vorbei. Deutschland dürfe „seine historischen Ängste nicht als Ausrede nutzen“ und müsse „sein Selbstbild korrigieren”. In Pressekommentaren wurde Gaucks umstrittene Rede als „Ärgernis“ empfunden.
Der jüdische Historiker Efraim Zuroff als Leiter des „Simon-Wiesenthal-Centers“ empörte sich schon in 2008 über die geschichtliche Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Ideologie durch den „ungeeigneten Bundespräsidenten“ Gauck wegen seiner öffentlichen Äußerungen und der Unterzeichnung der umstrittenen „Prager Erklärung“, die den Holocaust mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzte.
Klartext der Deutschen auf den „Münchener Sicherheitskonferenzen“
Die von der Rüstungslobby mitfinanzierten „Münchener Sicherheitskonferenzen“ von 2016 und 2018 hatten also (ohne vorherige Parlamentsdebatten oder öffentlichen Diskurs) bedenkliche militär- und rüstungspolitische Vorentscheidungen als Paradigmenwechsel politisch unwidersprochen präjudiziert. Die damals nur geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, flankiert vom damaligen Außenminister Steinmeier und dem Bundespräsidenten Gauck mit seiner erwähnten Rede oder später von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, legte sich in München erneut auf deutsche Auf- und Nachrüstungsverpflichtungen in nie dagewesener Höhe mit haushaltspolitischer Priorität fest.
Diese deutschen und europäischen Bestrebungen und Ambitionen werden also schon seit 10 Jahren von deutschen Spitzenpolitikern vor der Weltgemeinschaft öffentlich verkündet, manches auch schon vor der Krim-Annexion, da gab es noch keinen Ukraine-Krieg. In dem zugrunde liegenden Strategiepapier für die EU wird militärischer Klartext geredet, den die Politiker entsprechend übernommen haben, bis hinein in ihre Redetexte und Beschlüsse, schon lange vor der von Kurzzeit-Kanzler Scholz dann offiziell verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Die Hochrüstung und US-Raketenstationierung in Deutschland erinnert in ihrer politischen Dramatik an die Zeit der Wiederbewaffnung in den 1950-er Jahren, der mancher Politiker und Rüstungslobbyist nachtrauert. Damals wie heute sind die westlichen Aufrüstungsvorhaben gegen Moskau gerichtet.
Neue militärische Rolle Deutschlands und Europas
Vor allem Ursula von der Leyen skizzierte auf der Münchener Sicherheitskonferenz schon vor 8 jahren mit markigen Worten (am Grundgesetz mit dem Gebot der bloßen Landesverteidigung vorbei) eine ganz neue militärische Rolle Deutschlands und Europas. Mit einer europäischen Armee neben der NATO in einer „europäischen Militärunion“, wie kürzlich von der EU-Exekutive (am Bundestag vorbei) beschlossen, will sie die Militarisierung der Europapolitik vorantreiben statt eine neue Abrüstungsinitiative zu starten oder Entspannungspolitik mit dem Osten wiederzubeleben. Stattdessen das Motto der 1950-er Jahre: „Wenn die Russen kommen…“.
Alles läuft seither auf einen neuen „kalten Krieg“ (und absehbar auf einen sich ausbreitenden heißen Krieg?) hinaus, wie schon in der „Sicherheitspolitischen Agenda“ der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der EU vor Jahren entwickelt und empfohlen. Demgemäß der markige Originalton von der Leyen in München: „Deutschland braucht mehr militärisches Gewicht und darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken, sondern muss akzeptieren, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch tatsächlich eingesetzt werden, um für Sicherheit und Freiheit zu kämpfen.“
Deutsche Interessen erfolgreich am Hindukusch verteidigt?
In der fragwürdigen Rede von Ursula von der Leyens blieb unklar, wozu die Anstrengungen gut sein sollen. Denn Aufrüstung änderte daran nichts mehr, dass die NATO mit Deutschland sowie die USA im Juli 2021 den Taliban in Afghanistan das Feld kampflos überlassen haben, seitdem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt „deutsche Interessen am Hindukusch“ verteidigen wollte. Doch der dortige Militäreinsatz Deutschlands geschah nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses ohne Strategie und erkennbare Ziele, aber mit großem Schaden.
Die schonungslose Bilanz des knapp zwanzig Jahre währenden NATO-Einsatzes mit deutscher Unterstützung lautet: Das westliche Verteidigungsbündnis hinterlässt in Afghanistan nicht Frieden und Stabilität – sondern Chaos. Europäische und amerikanische Staatsbürger sollten schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden, ebenso deren afghanischen Helfer und Unterstützer, so lautete das nur teilweise eingehaltene deutsche Versprechen. Jetzt werden die Helfer von damals abgeschoben oder mit Geld zur Rückkehr veranlasst. Was aus den Afghanen und Afghaninnen unter den Taliban wird, scheint inzwischen unwichtig. Geht so “Werte geleitete” Außenpolitik?
„Die alte Liebe zum Militär wiederentdeckt“
In 2021 hielt die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dann als EU-Kommissionspräsidentin kurz nach dem militärischen Debakel von Afghanistan eine weitere Grundsatzrede „zur Lage der Union“, wo sie für mehr Rüstung plädierte und für eine engere Zusammenarbeit von EU und NATO. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Macron wollte die CDU-Politikerin die „Europäische Verteidigungsunion“ vorantreiben. Neben einer „schnellen Eingreiftruppe“ und einem eigenen militärischen Lagezentrum brauche die EU vor allem „politischen Willen“, erklärte sie. Die taz kommentierte: „Ursula von der Leyen hat ihre alte Liebe wiederentdeckt: das Militär.“
Ähnlich wie von der Leyen hatte sich zuvor ihre Amtsnachfolgerin im Verteidigungsministerium, Annegret Kramp-Karrenbauer geäußert: Die EU brauche mehr Willen zur Verteidigung und Deutschland müsse aufrüsten. Sie entsandte im August 2021 die deutsche Fregatte „Bayern“ durchs Südchinesische Meer in den Indo-Pazifik und später nach Australien und Ostasien sowie zum Horn von Afrika, „um Seewege zu sichern“ und „Flagge zu zeigen für unsere deutschen Interessen als große Handelsmacht und Exportnation”.
Militärische Sicherung von Handelswegen für die Exportnation Deutschland?
Das Engagement der Bundeswehr im Indopazifik sei angeblich erforderlich, um Chinas Machtstreben einzudämmen, als Reaktion auf die Absicht Chinas, die Rüstungsausgaben um 6,8% in 2012 zu steigern. Daraufhin sollten „unsere deutschen Soldaten“ einen wichtigen Beitrag leisten „zur Sicherung unserer Handelswege“ und im „Kampf gegen Terrorismus“. An diese richtete sie den Appell: „Soldatinnen und Soldaten: Genau das ist Ihr Kurs. (…) Sie sind das Aushängeschild unseres Landes und repräsentieren unsere Interessen der Bundesrepublik. Und stellen dabei die Leistungsfähigkeit unserer Marine unter Beweis.“ (Ob die selbst ernannte militärische Weltmacht Deutschland Eindruck auf die Chinesen gemacht hat?)
Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, die Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen auch mit militärischen Einsätzen als Betätigungsfeld der deutschen Bundeswehr (für wirtschaftliche Interessen quasi als Wirtschaftskriege) erwähnte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Lande mit Verweis auf das Grundgesetz, so dass er im Mai 2010 zurücktrat. Jahre später lösen solche Bekenntnisse keine Empörung mehr aus, sondern sind alltäglich akzeptierte politische Bestrebungen, auch wenn sie längst nicht mehr mit dem Grundgesetz und seinem dort verankerten Friedensgebot im Einklang stehen..
Rüstungslobbyisten beeinflussen maßgeblich die außenpolitische Strategie
Auffällig ist bei alledem der treibende Einfluss der deutschen Rüstungslobby auf die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung der deutschen Politik. Insbesondere die mehrfach erwähnte DGAP („Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation) mit ihrer zentralen Schlüsselrolle versucht nach eigenem Bekunden, „aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen“ und die drastische Erhöhung der Rüstungsausgaben zu legitimieren, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch. Ziemlich offensichtlich folgten der Kanzler, der Verteidigungsminister und die jeweiligen Außenminister (deren Ministerium die Lobbyorganisation sogar mitfinanziert), aktuell den Vordenkern und Vorgaben der DAGP bei ihrer politisch-militärischen „Zeitenwende“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“.
Der bereits erwähnte langjährige deutsche „Chefideologe“ der einflussreichen DGAP, Christian Mölling, wechselte im September 2024 nach Bertelsmann als Direktor im Programm „Europas Zukunft“. Den deutschen Fernsehzuschauern wird er allabendlich wie ein offizieller Regierungssprecher mit Interviews und Statement als “Rüstungs- und Sicherheitsexperte“ präsentiert, ohne seine Lobbyfunktion zu offenbaren. Er kann auch die politischen Strategien besser erklären als die gewählten Regierungsmitglieder und Parlamentarier, die seine „kompetenten“ Vorlagen mehr oder weniger laienhaft nachbeten.
Lobbyisten benutzen Politiker für strategische Umsetzung
Die geschickte Einbindung von aktiven und Ex-Politikern in ihre Netzwerke und für ihre Zwecke gelingt den Rüstungslobbyisten immer wieder problemlos. Als deren politische Rüstungslobbyisten betätigen sich vor allem auch ausgeschiedene Bundesminister wie Sigmar Gabriel (zugleich Vorsitzender der Atlantik-Brücke), Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Entwicklungsminister Niebel (Rheinmetall) sowie aktuell der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber als Vizepräsident „Political Affairs“ beim Waffenbaukonzern Elbit, und natürlich die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Mitglied in mehreren Rüstungslobby-Organisationen.
Hoch angesehen ist auch der ehemalige Diplomat und spätere Rüstungslobbyist des Hensoldt-Konzerns, Ischinger, der auch durch die Talkshows gereicht wird als langjähriger Vorsitzender der von Rüstungskonzernen gesponserten privaten „Münchener Sicherheitskonferenzen“. Das Zusammenspiel der Lobby-Netzwerke und auch die dubiose Rolle der „Atlantik-Brücke“, in der alle namhaften Politiker und Journalisten nebst Vertretern der Finanz- und Rüstungsindustrie und des Militärs eingebunden sind, bedürfte einen eigenen umfassenden Artikel und ist vom Autor dieser Zeilen in verschiedenen Zusammenhängen ausführlicher dargestellt und belegt worden.
Wie sich die wehrpflichtige Jugend gegen den Militarismus wehren kann
In diesen Kriegs- und Krisenzeiten wäre es dringend geboten, die Logik des Krieges zu durchbrechen und in Alternativen zu denken sowie den Friedensgedanken wieder zu beleben. Statt den Krieg zu gewinnen sollten wir den Frieden gewinnen und die Jugend dafür statt fürs Militärische zu begeistern. Unter dem Motto „Mich kriegt ihr nicht!“ und „Nein zum Krieg!“ wird im Internet unter www.kriegsdienstblocker.de eine Anleitung „zur kostenlosen Erstellung einer Kriegsdienstverweigerung“ dargeboten.
Dort heißt es: „Mut ist nicht, zu kämpfen. Mut ist, den Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern. Krieg werden von Mächtigen geplant, die ihre Macht ausweiten wollen, von Dummköpfen ausgeführt, und von Unschuldigen mit dem Leben bezahlt. Sei klug und werde nicht zum Spielball. Schütze dein Leben und deine Psyche. Du kannst Dich völlig frei entscheiden! Nutze Dein Recht!“ Zur Verfügung gestellt wird ein juristisch geprüftes Schreiben an das zuständige „Karriere-Center“ der Bundeswehr, dass unabhängig vom Verteidigungsfall eingereicht werden kann.
Mit „Friedensbotschaftern“ zum Bewusstseinswandel
„Werde Friedensbotschafter und erwecke Bewusstsein“, so lautet die Aufforderung an die jugendlichen Leser, „weil die Wehrkraft wieder vor der Tür steht. Weil Du nicht warten willst, bist deine Kinder eingezogen werden. Weil ziviler Widerstand mit friedlichen Mitteln beginnt. Weil jeder Flyer ein Hoffnungsschimmer sein kann.“ Jeder kann in 5.000 Haushalten mit kostenlos zur Verfügung gestellten Flyern ein Zeichen setzen. (In der NS-Zeit wäre eine solche Aktion als Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wohl mit dem Tode bestraft worden. Erst 2002 sind diese nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt worden, so dass es keinen vergleichbaren Straftatbestand mehr gibt, wohl aber den § 89 des Strafgesetzbuches zur „verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane“, mit einem Strafmaß von bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe).
Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Am 05. Dezember 2025 ist in mehreren deutschen Städten ein bundesweiter Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant, als Teil eines vom Bündnis der Friedensbewegung initiierten Aktionstages. In zahlreichen Orten, darunter Berlin, Bochum, Dortmund, Bielefeld, Essen, Göttingen, Hannover, Kassel, Köln, Münster, München, Potsdam und Trier laufen bereits konkrete Vorbereitungen. Die umfassende Militarisierung in allen Politikbereichen braucht auch nach Auffassung kritischer Gewerkschafter endlich entschiedenen Widerstand. Mit der Kraft der (auch historischen) Aufklärung, mit der Empathie mit den Opfern auf beiden Seiten und mit der Initiativkraft der sozialen Bewegungen könnte eine verstärkte Friedensbewegung wiederbelebt werden, denn Krieg bedeutet Entmenschlichung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Lokalkompass, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Links wurden nachträglich eingefügt.
Über Wilhelm Neurohr:
Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.
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Sind die Deutschen wieder kriegsbereit? Wie der „Mentalitätswandel“ vorangetrieben wird – Pazifismus war gestern – Militarismus ist heute
“Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Kriege.“ (Thomas Mann, 1914)
„Krieg ist die brutalste Form der Inhumanität und die dümmste Form, Konflikte zu lösen“ (Ilja Trojanow, 2025)
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“: Es ist nachweislich eine Propaganda-Lüge, dass die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands erst als Reaktion infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine politisch angestrebt wird. Diese Behauptung dient als Vorwand für die in Wahrheit schon viel längerfristig geplante Aufrüstung und militärische Mobilmachung in Deutschland sowie bei der EU und der NATO, wie hier dokumentiert. Die militärische „Zeitenwende“ hat einen langen Vorlauf nach vorbereitenden Drehbüchern seit der Jahrtausendwende, an der auch die Rüstungslobby mitgeschrieben hat, wie die Fakten belegen.
Denn schon zwei Jahrzehnte vor Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 und schon lange vor dem entbrannten russisch-ukrainischen Regionalkonflikt um den Donbass und die Krim ab 2014, gab es bereits die vorbereitende Rüstungs- und militärpolitische Umorientierung der deutschen und europäischen Geopolitik aus machtpolitischen Eigeninteressen. Die neue deutsche Außenpolitik mit einem grundlegenden militärpolitischen Kurswechsel setzte also schon weit vor dem Kriegsjahr 2022 und teils vor 2014 ein, mit befeuert von der EU, die Deutschland hierbei in eine militärische Führungsrolle drängt und Europa unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf eine Art „Kriegswirtschaft“ vorbereiten will.
„Wir sind noch nicht im Krieg“, aber kurz davor oder eigentlich mittendrin?
In der Ukraine-Krise bezieht Deutschland somit von Anfang an Position als führender Akteur der ganzen EU und bemüht sich um eine einheitliche Haltung gegen Russland: Deutschland sei als „militärische Führungsmacht in Europa“ gefordert, denn „die Verbündeten erwarten es und die Öffentlichkeit muss vorbereitet werden“, so die Verlautbarungen. Daran beteiligen sich sogar die Bischöfe der evangelischen Kirche mit ihrer neuen (regierungstreuen) Positionierung zur Aufrüstungspolitik in einer von der Friedensbewegung kritisierten Denkschrift von November 2025, bis hin zum Bekenntnis sogar zu Nuklearwaffen.
Laut Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sind wir zwar „noch nicht im Krieg mit Russland, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden“. Zumindest der hybride Krieg sei in vollem Gange, Und die ungeklärten Drohnenflüge haben bereits zu Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrages wegen schwerer Luftraumverletzungen geführt. Im November 2025 hat umgekehrt der Kreml „die NATO als im Krieg mit Russland“ bezeichnet, so dass sich die NATO und Russland einem direkten Konflikt nähern. In den Medien erscheint ein Angriff Russlands nicht mehr als eine „Ob“-Frage, sondern nur noch als eine „Wann“-Frage.
Ist Russland willens und in der Lage, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland könnte bis spätestens 2029 bzw. bereits schon früher in 2028 in der Lage sein, NATO-Territorium anzugreifen, warnten Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer bereits in 2024. Sie beriefen sich auf eine „Bedrohungsanalyse“ und auf nicht näher benannte „Geheimdienstinformationen“. Bundeswehrgeneral Sollfrank sah sogar Russland schon jetzt in der Lage, die NATO sofort anzugreifen, wie er 2025 in einem Interview kundtat. Bei weiterer Aufrüstung sei bis 2029 sogar ein Großangriff auf Europa durch Russland denkbar.
Indirekt ist Deutschland mit seiner Beteiligung an der „Materialschlacht“ bei Rüstungsgütern für die Ukraine längst an der Schwelle zur Kriegspartei und trägt damit zur Eskalation statt zur Deeskalation bei. Der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall muss aktuell Aufträge von 64 Mrd. € abarbeiten, so dass deren Chef Papperger im November 2025 jubelte: „Wir werden globaler Rüstungs-Champion!“ Rheinmetall macht Geschäfte mit der Angst vor dem Krieg. Und die deutsche Regierung setzt ausschließlich auf die militärische Karte, denn ernsthafte diplomatische Bemühungen sind nicht mehr erkennbar.
“Dabei ist das Argument für die Aufrüstung, nämlich dass Russland vorhabe, NATO-Länder anzugreifen, vollkommen unglaubwürdig. Selbst die US-Geheimdienste sagen unisono in ihrem jährlichen Bericht, dass Russland keinerlei Interesse daran hat. Es wäre ja auch Selbstmord angesichts der erdrückenden Übermacht der NATO. Und wie sollte, selbst wenn die russische Führung suizid veranlagt wäre, eine russische Armee, die seit Jahren größte Mühe hat, einzelne ostukrainische Dörfer zu erobern, plötzlich Warschau, Berlin und Paris überrollen?“ So lautet die nachvollziehbare Einschätzung des preisgekrönten Journalisten und Buchautors Fabian Scheidler (auf die nachfolgend noch weiter eingegangen wird). Er fragt: Ist der Politik der gesunde Menschenverstand abhandengekommen und hat sie Maß und Ziel verloren sowie Logik verlernt?
“Zeitenwende”: Neue deutsche Außen- und Militärpolitik
Schon die damalige große Koalition (GroKO) mit Ursula von der Leyen (CDU) als Bundesverteidigungsministerin und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Außenmister kündigte bereits im März 2014 unter Kanzlerin Merkel „eine neue deutsche Außenpolitik mit verstärkten Militäreinsätzen in aller Welt“ an, obwohl laut Umfragen 61% der Bevölkerung dagegen sind. Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisierte die im Koalitionsvertrag enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Friedensbewegte wie Margot Kässmann kritisierten die neue deutsche Außenpolitik auch deshalb, weil damit das deutsche Militär zwischen Konfliktparteien in Bürgerkriege geraten könnte. Während der letzten GroKo waren die Exporte von deutschen Kleinwaffen in Krisenregionen um 47% gestiegen. Schon zu GroKo-Zeiten wurde der „Globalisierungsrausch“, der unsere Gesellschaft bis heute gespalten hat, durch einen beginnenden „Militarisierungsrausch“ abgelöst, der auch die EU erfasst hatte.
Mit der „Zeitenwende“-Rede des späteren Ampel-Kanzlers Olaf Scholz am 27. Februar 2022 wurde die Zäsur in der deutschen Außenpolitik mit der Einrichtung eines 100 Mrd. Sondervermögens für Militär und Rüstung konkret sichtbar und von den drei Ampel-Parteien und der CDU-Opposition im Bundestag mit Standing Ovations bejubelt. Jährlich sollte mehr als 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rüstung und Militär ausgegeben werden, schwerpunktmäßig für Eurodrohnen, bewaffnete Heron-Drohnen aus Israel, für die Beschaffung des Kampfflugzeuges F-35 sowie zur Befähigung des Eurofighters zur elektronischen Kampfführung – geradewegs so, als habe die Rüstungslobby hier das Drehbuch geschrieben. Die Bundesregierung plant laut Medienberichten in den kommenden Jahren fast 380 Mrd. € für Rüstung und Militär auszugeben. Dabei führt die aktuelle Aufrüstungspolitik mit einem Rekordwert von über 2,7 Bio. US-Dollar weltweit in eine Sackgasse.
Inzwischen gilt der EU-Beschluss, dass bis 2035 alle Mitgliedsstaaten sogar 3,5% des BIP für Rüstungsgüter und Soldaten auszugeben haben plus weitere 1,5% für militärische Infrastruktur, also insgesamt 5%. Die Behauptung eines „sträflich unterfinanzierten Militärs“ hat aber auch vorher schon nicht gestimmt. In der NATO soll und will Deutschland obendrein das zweitgrößte „Fähigkeitspaket“ innerhalb der Allianz übernehmen, weil die USA ihr Kontingent verringern will. Deutschland als zukünftige militärische Supermacht in der EU?
„Fahrplan für den Krieg“ im Modus der „Kriegswirtschaft“
Im Oktober 2025 präsentierten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte, flankierend zur deutschen „Zeitenwende“, eine Art „Fahrplan für den Krieg“ als „Plan zur Wiederaufrüstung Europas“, mit gleichzeitiger Aufnahme in das Weißbuch zur europäischen Verteidigung und (mit Einsatz von zunächst zweimal 500 Millionen Euro zur Anschubfinanzierung). „Unsere Industrie muss jetzt in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“, verkündete zuvor der ausgeschiedene EU-Binnenkommissar Thierry Breton. Er hatte schon im März 2024 zusammen mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine Strategie für die EU-Rüstungsindustrie vorgestellt, um die Rüstungsproduktion massiv anzukurbeln. Die Rede war vom „Wechsel von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft“.
Damit gab sich die EU-Kommission in ihrer Rüstungsindustrie-Strategie selbst eine zentrale Rolle, die ihr gegenüber den EU-Staaten nicht zustand. Diese Ambitionen der EU und ihrer deutschen Kommissionspräsidentin waren im Grundsatz schon viele Jahre vor dem Ukraine-Konflikt entwickelt und verkündet worden, wie mehrere Reden der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin von der Leyen auf den Münchener Sicherheitskonferenzen und vor dem EU-Parlament belegen, wobei sie Deutschland eine besondere Führungsrolle zugedacht hat, wie hier an anderer Stelle noch weiter dokumentiert. Die Drehbücher dazu wurden bereits in 2004 und in den nachfolgenden Jahren vor ein bis zwei Jahrzehnten von Lobbyorganisationen geschrieben, wie hier später noch weiter nachzulesen – wahrlich keine „Verschwörungstheorien“.
NATO-Militärmanöver 2020 entlang der russischen Grenze
Zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Krieges plante die NATO im Februar 2020 mit „Defender-Europe 2020“ das größte Militärmanöver seit 25 Jahren an der russischen Grenze mit 38.000 Soldaten aus 19 Nationen und 6.000 eingeflogenen Soldaten aus den USA. Trainiert werden sollte auch ein blitzschneller Truppentransport auf der Route von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland als reale Kriegsübung. Die NATO-Staaten machen auf diese Weise sowie mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine und Waffenausbildungen der ukrainischen Soldaten, ferner mit Geheimdienstinformationen den 2022 von Russland begonnenen Ukraine-Krieg zu ihrem eigenen Krieg, auch wenn sie selbst keine Kampftruppen in die Ukraine entsenden
In Polen, im Baltikum und in Georgien sollen die NATO-Verbündeten, die in konventionellen Militärkapazitäten Russland um ein Vielfaches überlegen sind, in parallelen Manövern den bewaffneten Kampf gegen Russland an der Ostflanke üben. Dabei hatte die Nato in der „NATO-Russland-Grundakte“ aus dem Jahr 1997 Russland die Zusage gegeben, sich im Grenzgebiet zurückzuhalten, statt Russland zu provozieren. Allein wegen der Corona-Pandemie COVID-19 musste die Großübung „Defender Europe 2020“ vorzeitig abgebrochen werden. US-Soldaten kehrten zurück und nationale Übungen wurden gestoppt.
Verstärkte NATO-Präsenz an der Ostflanke
Jedoch sollte das Manöver im Grenzgebiet kein einmaliges Großereignis der NATO bleiben. Inzwischen hat die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke massiv verstärkt. Allein Polen entsendet 40.000 Soldaten an seine Ostgrenze. Deutschland stationiert Bundeswehr-Soldaten dauerhaft in Litauen: Bis Ende 2027 wird eine Panzerbrigade 45 mit rund 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern aufgebaut, „um die NATO-Ostflanke zu stärken“.
In 2025 beendete die Bundeswehr erfolgreich ihre Übungsserie zum Schutz der Ostflanke der „North Atlantic Treaty Organization“. Rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr übten zusammen mit Kräften aus 13 Nationen die Bündnisverteidigung. Im Oktober 2025 ging das diesjährige Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“ von 14 NATO-Staaten mit deutscher Beteiligung zu Ende. Es exerzierte einen etwaigen Angriff mit in Europa gelagerten US-Kernwaffen durch, bei dem auch Jets der deutschen Luftwaffe zum Einsatz kämen. Aktuell läuft die Debatte über einen von den USA unabhängigen europäischen Nuklearschirm.
Weltkriegsgefahr: Vorbereitungen für den großen Krieg?
So genannte „Militärexperten“ sekundierten nach entsprechenden Andeutungen des russischen Außenministers: „Wir müssen die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges denken“. Von der US-Denkfabrik „Atlantic Council“ erwarten 45% der Militärexperten einen Krieg zwischen Russland und der NATO. „Die Ukraine muss die Russen besiegen“, so hieß es deshalb 2022 zu Kriegsbeginn von deutschen Politikern. Dabei gibt es in einem Krieg keine Gewinner und Verlierer, sondern stets Verlierer und Verluste auf beiden Seiten.
Doch 2023 sprach Außenministerin Baerbock sogar davon: „Wir befinden uns im Krieg mit Russland“ und „wir wollen Russland ruinieren“ durch die Sanktionen, ruderte aber dann mit ihren Aussagen zurück. In 2024 waren bei der ukrainischen Offensive im westrussischen Kursk bereits deutsche Marder-Schützenpanzer gegen die Russen auf russischem Territorium im Einsatz und Russland warnte die NATO-Staaten und insbesondere Deutschland vor direkter militärischer Unterstützung an der Front. Angesichts der deutschen Geschichte ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute in Deutschland mit dem Feindbild Russland von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, absolut erschreckend.
Im März 2022, nach den gescheiterten Vermittlungsversuch der türkischen Regierung für Friedensverhandlungen zwischen dem russischen und ukrainischen Außenminister, wurde der türkische Außenminister Mevlüt Cavisoglu mit den Worten zitiert: „Ich hatte den Eindruck, dass es innerhalb der NATO-Mitgliedsstaaten Kräfte gibt, die eine Fortsetzung des Krieges wollten – damit der Krieg weitergeht und Russland schwächer wird. Die Lage in der Ukraine ist ihnen ziemlich egal.“
Stationierung von Marschflugkörpern mit Reichweite bis zum Ural
Im Juli 2024 hatte „Zeitenwende-Kanzler“ Olaf Scholz im Alleingang ohne Parlamentsbeteiligung die schon lange vorbereitete Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern „Tomahawks“ mit großer Reichweite bis hinter den Ural und mit Eignung für Atomsprengköpfe mit den USA vereinbart, wegen der angeblichen Bedrohung aus Russland. Die Stationierung soll ab 2026 beginnen.
Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisiert die im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung Merz/Klingbeil enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Frieden schaffen mit immer mehr Waffen, um zuvor den Angreifer Russland militärisch zu besiegen oder „abzuschrecken“, der angeblich innerhalb der nächsten 3 bis 4 Jahre einen Angriff auf Osteuropa und Deutschland plant? Es wäre der erste Angriff Russlands auf Deutschland, aber der dritte im umgekehrten Fall, daran sei nochmal erinnert.
Setzt Deutschland auf Konfrontation statt Entspannung?
„Wegen der bröckelnden westlichen Dominanz soll durch die beispiellose Aufrüstung davon abgelenkt werden, dass die Politik eigentlich am Ende ist und keine Antworten mehr hat auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte Fabian Scheidler in einem Interview (Buchautor: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“).
Nach Beendigung des „Kalten Krieges“ durch Entspannungspolitik zu Zeiten von Willy Brandt hat insbesondere die SPD unter „Zeitenwende“-Kanzler Scholz und dem jetzigen Vizekanzler Klingbeil die russische Invasion zum Anlass genommen, die friedenspolitische Tradition zu entsorgen und ausschließlich auf Konfrontation zusetzen. Die NATO-Osterweiterung war nach Auffassung von Scheidler bereits die Vorbereitung der „Zeitenwende“ und der Weg in neue Blockkonfrontation sowie Gesprächsverweigerung mit Moskau.
„Deutschland muss sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen“
Im eigenen Land scheint allerdings die nachrichtendienstlich untermauerte Spekulation über den angeblich bevorstehenden Kriegsbeginn weithin unpopulär zu sein, anders als der populäre Verteidigungsminister selber, der in Umfragen Spitzenwerte der Beliebtheit bei Deutschen erreicht. Und das trotz seiner Aussage: „Deutschland müsse sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen.“ (Deshalb erreicht ein „Kriegsminister“ bei den Deutschen höchste Beliebtheitswerte?). Soll die langjährige Friedenssehnsucht der Deutschen durch erneute Kriegssehnsucht abgelöst werden, um von den inneren Sozialkonflikten abzulenken und den Widerstand gegen Sozialkürzungen zugunsten militärischer Investitionen zu brechen?
Die von Pistorius erstrebte „Kriegstüchtigkeit“ erfordere deshalb eine von ihm angemahnte „Neuausrichtung der deutschen Mentalität“ – damit auch die Pazifisten das Militärische lieben lernen? So fordern es vor allem seine ständigen Berater von der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation). Denn „ohne Feindbilder und Leidenschaften bei den Menschen gelingt keine Kriegsführung“, wusste schon der Psychoanalytiker Erich Fromm.
Da laut Umfragen das Vertrauen in Parteien und Regierungen im Inneren derzeit extrem gering ist, scheint es den deutschen Politikern sehr nützlich zu sein, „auf einen äußeren Feind zu setzen, wie z.B. Putin als dämonische Kraft, die die Grundfeste unserer Zivilisation bedroht und mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. (…) Dadurch werden Abwägungsprozesse und differenzierendes Denken ausgeschaltet, die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, schreibt der bereits zitierte Fabian Scheidler in seinem aktuellen Buch über die Feindbilder.
Einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung – Militarisierung wie im Kaiserreich?
Die öffentlich-rechtlichen Medien helfen dabei mit, die mentale Bereitschaft für einen möglichen Krieg zu stärken, auch mit einseitigen Talkshows voller Bellizisten, oder auch mit Sendetiteln wie: „Immer mehr Menschen wollen Reservisten werden“. Wir erleben in Deutschland nun wieder „eine Militarisierung, die in mancher Beziehung an das Kaiserreich vor dem ersten Weltkrieg erinnert“, bemerkt Buchautor Fabian Scheidler. Der Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ stammt ursprünglich vom US-amerikanischen Politiker Hiram Johnson. Er wird häufig verwendet, um zu beschreiben, dass im Krieg Propaganda und Lügen oft dazu dienen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, während die Wahrheit in den Hintergrund tritt, wie sie hier aufgespürt werden soll.
Zur Wahrheit gehört auch, dass vorgesehene 5% des Bruttoinlandproduktes als Ausgabe für das Militär etwa 50% des Bundeshaushaltes bedeuten – beim Kaiserreich waren es 60%. Das tat der Kriegsbegeisterung im August 1914 und der Siegesgewissheit keinen Abbruch. Heute muss noch am Patriotismus der wehrpflichtigen Jugendlichen gearbeitet werden, die der 45-jährige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn zum „Dienst am Vaterland“ aufruft – obwohl er selber ausgemustert wurde und weder Wehrdienst noch Wehrersatzdienst leistete. Er wäre allerdings noch jung genug, um sich nun freiwillig zu melden und mit „gutem Beispiel“ voranzugehen, so möchte man ihm empfehlen.
„In 5 Jahren muss die ganze Gesellschaft kriegstüchtig sein“
Es kursieren bereits diverse Termine für die „kurzfristig bevorstehenden militärischen Konflikte“ mit Russland. Mancher Militärstratege kann es kaum noch erwarten – wann geht es los? „Bisher lag die Reife der Deutschen darin, dass es in Deutschland 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Stimmung gab, wieder in den Krieg zu ziehen“ (Margot Kässmann).
Diese Stimmung soll sich durch den politisch angestrebten und forcierten „Mentalitätswechsel“ in der Bevölkerung ändern – mit gewissem Erfolg, wie die sich verändernden Umfrage-Ergebnisse und die Debatten um die Wiedereinführung des Wehrdienstes zeigen. Der Generalinspekteur Carsten Breuer insistierte: Nicht nur die Bundeswehr, auch die deutsche Gesellschaft müsse in fünf Jahren kriegstüchtig sein. Dort gehen aber die Meinungen weit auseinander. Deshalb sei es vor dem Hintergrund der Kriegsszenarien und der Militarisierung mitsamt Rüstungsexporten „noch ein anstrengender Weg, die Ängste und Sorgen der Menschen abzubauen“, so heißt es im Magazin „politik & kommunikation“.
Meinungsumfragen mit widersprüchlichen Antworten
Auf die Frage, ob Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern solle, antworteten 2025 laut Statista 51% mit nein und nur 38% mit ja. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ipsos im Januar 2025, wonach fast die Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine sind. Nach einer Insa-Umfrage von Februar 2025 sprachen sich ebenfalls die Hälfte der Befragten dafür aus, die Ukraine weder mit Waffen noch mit Geld zu unterstützen. 55% wollen auch keinen EU-Beitritt der korrupten Ukraine. In Umfragen von August 2025 lehnten 51% der deutschen den Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine „zur Friedenssicherung“ ab, nur 36% waren dafür. Das sind sicherlich noch keine überzeugenden Belege für die politisch angestrebte „Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung“.
Anderes zeigt die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2025, wonach 67% der Bevölkerung hinter Deutschlands militärischer Unterstützung für die Ukraine steht und sogar 27% mehr Unterstützung für Kiew befürworteten. Auch aktuelle Fragen vom Oktober und November 2025 zur Wehrpflicht gehen weit auseinander: Laut Forsa sind 54% für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und 41% dagegen. Die betroffenen jungen Menschen lehnen dagegen eine Wehrpflicht mehrheitlich ab; nur 16% würden kämpfen. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird laut Forsa von 67% der Bevölkerung befürwortet und nur von 30% als falsche Entwicklung abgelehnt. Das wird die Rüstungsindustrie mit ihren explodierenden Börsenkursen freuen, deren Aktien inzwischen als „nachhaltige Kapitalanlage“ anerkannt werden (und deshalb sicherlich auch viele Politiker sich vor deren Erwerb nicht scheuen?).
Angestrebter „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung erreicht
Wen interessiert es noch, dass Umfragen zufolge sich zu Beginn des Ukraine-Krieges noch über 70% der Deutschen gegen eine weitere Aufrüstung und Erhöhung des Verteidigungsetats aussprachen? Erschreckend war deshalb das Schweigen der Zivilgesellschaft und der kaum noch existenten Friedenbewegung zur politisch propagierten Militarisierung. Doch inzwischen laufen alle Propagandakanäle auch in den Medien, um einen „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung zu erreichen, offenbar mit Erfolg. Das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr sieht Deutschland in einer „militärischen Führungsrolle“ und hat in seiner jährlichen Bevölkerungsbefragung ermittelt, dass sich nunmehr in 2025 die Bürgerinnen und Bürger zu 64% für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und zu 65% für einen „personellen Aufwuchs der Bundeswehr“ aussprechen.
Damit hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihre Selbstbindung aus dem „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ vom 30. August 1990 aufgegeben. Darin hatte sie sich verpflichtet, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands „auf eine Personalstärke von 370.000 Mann zu reduzieren“. Damit wollte das vereinigte Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem wiedererstarkenden deutschen Militarismus dämpfen, den es jedoch jetzt wieder befördert.
Große Akzeptanz für die Militarisierung der Gesellschaft
Schon während der Regierungsära Merkel mit den (ungedienten) Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht sowie während der Ampel-Regierung mit Verteidigungsminister Pistorius wurde die Militarisierung der Gesellschaft energisch und gezielt vorangetrieben: Plötzlich hieß es wieder, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten im Fackelschein, Marschmusik und Zapfenstreich, Militärparaden, bessere Uniformen und Orden für unsere Soldaten, sichtbare Kasernenhöfe sowie einen Veteranentag für unsere Kriegserprobten und vorzeigbare Kampfgeräte in den Medien. Und wir brauchen Zivilschutz der Bevölkerung mitsamt Bunkern etc.
Es begann zugleich die Ächtung des Pazifismus, der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle, die militärische Werbung durch die Bundeswehr in Schulen und Kindergärten auch bei Minderjährigen und die Bereitschaft, wieder fürs Vaterland zu sterben durch stolze Rückbesinnung auf unser Soldatentum in den beiden zurückliegenden Weltkriegen, mit geschönten Bildern vom Militär – und mit Versprechungen für Kostenübernahme von Führerscheinen für Freiwillige.
Aufrüstung bedarf klarer Feindbilder zur Begründung
Dazu bedurfte es klarer Feindbilder (wie böse Russen und Chinesen) sowie militärische Präsenz unserer Soldaten auf dem Globus und in den Weltmeeren mit eigenen Fregatten. Und dazu bedurfte es massiver Aufrüstung mit Waffen, Waffen und nochmals Waffen, koste es, was es wolle. Mittlerweile ist die Akzeptanz für diese massive und alltägliche Militarisierung von Politik und Gesellschaft erreicht, mit gewissem Gewöhnungseffekt und mit täglicher Unterstützung durch die Medien. Die „Zeitenwende“ hat neben den Schulen auch die Hörsäle der Hochschulen erreicht, die vermehrt an militärisch nutzbaren Technologien forscht.
Schleifung der Zivilklausel: Auch die Hochschulen rüsten auf
Die Forschung mit militärischer Zielsetzung war bislang für unsere Hochschulen mit ihren Ethik-Richtlinien und Zivilklauseln absolutes Tabu und teilweise auch gesetzlich im Landeshochschulgesetzen z.B. von NRW ausgeschlossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen sollten. Nunmehr ist für die Hochschulen eine neue Rolle für die militärische Ausrichtung ihrer Forschung insbesondere im Technologie-Bereich zugedacht. Lehrstühle und Professuren für militärische Themenstellungen werden eingerichtet oder umgewidmet. Und die Friedens- und Konfliktforschung wird schwerpunktmäßig auf Sicherheit- und Verteidigungspolitik umorientiert. Die zuständigen Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie und Start-ups mit akademischer Forschung zusammenzubringen.
Die Rüstungsindustrie ist gewillt, mit ihren Geldern aus der Wirtschaft solche militärisch orientierten Hochschulprojekte zu finanzieren und zu fördern, etwa auch für innovative Waffensysteme wie neuartige Drohnen. Als Legitimation gilt die mögliche Verwendung solcher Systeme auch für den zivilen Gebrauch z.B. als Transportdrohnen. Voranmarschiert ist die Bundeswehrhochschule in München, wo z.B. Prof. Carlo Masala – bekannt aus wöchentlichen Fernseh-Talkshows – seine Professur für internationale Politik in einen “Lehrstuhl für Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ umetikettiert hat.
Wissenschaftliche Politikberatung durch „neutrale“ Rüstungslobbyisten?
Prof. Carlo Masala gilt als „Experte für bewaffnete Konflikte“ und arbeitete zeitweilig als Forschungsberater am NATO Defense College in Rom und hatte auch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Bei der CDU-nahen Hermann-Ehlers-Stiftung ist er Vorstandsmitglied. Er ist Berater des Deutschen Verteidigungsministeriums als Mitglied der von der Deutschen Rüstungsindustrie gesponserten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem ehemaligen Rüstungskonzern-Manager Thomas Enders von Airbus als Präsident.
Bei seinen ständigen Auftritten als „neutraler Rüstungsexperte“ in den Medien wird Prof. Masalas zuvor genannte Verflechtung mit der Rüstungslobby verschwiegen, was ein bezeichnendes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender wirft, die sich damit in den Dienst der staatlichen Propaganda stellen, statt ihre kritische Rolle als vierte Gewalt im Staate einzunehmen. Ähnliches gilt für den fast täglich im Fernsehen auftretenden Rüstungslobbyisten Dr. Christian Mölling, dem ehemaligen Vize-Direktor des Forschungsinstituts der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und Leiter des einflussreichen „Zentrums für Sicherheit und Verteidigung“, zu dem an anderer Stelle noch weiteres angemerkt ist.
Kriegsangst versus Kriegslust?
Seit Kriegsbeginn in 2022 schüren auch die Medien die propagandistische Kriegsangst über den angeblich kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die militärisch dreimal so starke NATO bzw. die EU und Deutschland, um die von langer Hand geplante massive Aufrüstungspolitik und die Militarisierung zu rechtfertigen. Die NATO mit ihren 8,7 Mio. Soldaten gibt 1,4 Billionen Euro für Rüstung und Militär aus (und erhält dafür in 2026 den „Westfälischen Friedenspreis“, gegenüber 130 Milliarden € Militärausgaben des Kriegstreibers Russland mit 3,6 Mio. Soldaten. Die atomare Überlegenheit und Drohung des konventionell unterlegenen Russlands führen zu eigenen atomaren Abschreckungs-Plänen in Westeuropa. Werden dadurch die Deutschen unter einem Atomschirm kriegsbereiter?
UN-Generalsekretär Antonio Guterres befürchtet die Ausweitung des Ukraine-Krieges in einen großen Krieg hinein mit dem Risiko eines Atomkrieges. Die Aussicht auf Frieden werde immer geringer, so seine Befürchtung. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sah es grundsätzlich ebenso: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“ Vielleicht sollten die Christdemokraten in Deutschland auf ihren Papst Leo XIV. hören, der im Oktober 2025 sagte: „Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen.“
„Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik“?
Vizekanzler Klingbeil hatte als SPD-Vorsitzender in 2022 vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Grundsatzrede hingegen erklärt: „Auch militärische Gewalt ist als legitimes Mittel der Politik zu sehen“. (Ganz im Sinne des preußischen Generalmajors von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts anderes als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“). Das versteht Klingbeil also unter Friedenspolitik, anders als Friedensnobelpreisträger und Abrüstungspolitiker Willy Brandt, der den Krieg als „ultima irratio“ verstand. Eine politische Zeitenwende auch bei den schrumpfenden Sozialdemokraten? Bei der heutigen Politiker-Generation ist die Unfähigkeit weit verbreitet, sich vorzustellen, was ein Krieg mit Russland oder gar ein Weltkrieg oder Atomkrieg bedeuten würde.
Das war auch die artikulierte Sorge von Altbundeskanzler Helmut Schmidt als leidgeprüfter Kriegsteilnehmer im 2. Weltkrieg. Vielleicht sollten die heutigen Genossen auf den verstorbenen Michail Gorbatschow hören. Er richtete seine deutliche Kritik an die heute politisch Verantwortlichen, die dem alten Denken verhaftet sind: „Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden – und sei es auch nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische Bühne räumen.“ Denn „Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet“.
„Unserer globalen Probleme können nicht durch Krieg gelöst werden“
Für Gorbatschow stand fest: Wir haben es mit einer Krise der politischen Führung zu tun. International wie auch national. „Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg geklärt werden. In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“. Schon John F. Kennedy wusste: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Denn unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen.
„Die Idee des Friedens ist unsterblich“ (Heinrich Mann in „Der lebende Tote“). Schon Albert Einstein rief deshalb dazu auf: „Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker brachte es auf den Punkt: „Eine Gesellschaft, die Waffengewalt als selbstverständlich zur Erlangung des Friedens akzeptiert, ist dringend therapiebedürftig.“ Der Therapiebedarf im massiv aufrüstenden Deutschland ist groß, dessen kriegsgeschädigte Menschen einstmals riefen: „Nie wieder Krieg!“
Supermacht Deutschland: Stärkste Armee und höchste Militärausgaben in der EU
Inzwischen hat Deutschland nach USA, China und Russland die höchsten Militärausgaben mit 88,5 Mrd. € in 2024. Damit hat Deutschland den höchsten Militärhaushalt aller europäischen NATO-Länder, den es bis 2029 noch wesentlich steigern will auf fast 153 Mrd. €., das ist fast eine Verdoppelung. Deutschland gehört zu den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt mit dem Höchststand von Rüstungsexporten für 8,1 Mrd. € in 2024, auch in Kriegs- und Krisenländer und Diktaturen.
Derzeit hat die Bundeswehr 215.000 Soldaten einschl. Reservisten in 2025, die bis 2035 auf eine Truppenstärke von 260.000 aktiven Soldaten erhöht werden soll zuzüglich 200.000 Reservisten als Zielgröße, so dass nach Einführung der Wehrpflicht über 460.000 Soldaten bereitstehen sollen, also eine Verdoppelung gegenüber heute. Laut Bundeskanzler Merz soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden.„Deutschland soll mehr militärische Verantwortung weltweit übernehmen“
Denn Deutschland soll „mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen“, da sich die USA als Ordnungsmacht aus vielen Regionen der Welt zurückziehen werde. Dazu hatte bereits zu Beginn des Jahres 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Deutschland ermahnt, und zwar vor der Weltöffentlichkeit auf der von der Rüstungsindustrie gesponserten „Münchener Sicherheitskonferenz“.
Die Begründung: Europa bleibt auf lange Sicht auf Rohstoffe aus anderen Regionen angewiesen. Es muss also aus eigenem wirtschaftlichem Interesse dort selbst für Zugang, Ordnung und Frieden sorgen zur Sicherung der Rohstoffe und Handelswege, notfalls auch militärisch – und als mächtigster EU-Staat sieht sich da fortan besonders Deutschland in der Pflicht.
Fundamentaler außen- und sicherheitspolitischer Wandel
Das verlangt einen fundamentalen außen- und sicherheitspolitischen Wandel, zu dem schon die damalige Große Koalition unter Kanzlerin Merkel bereit war, wie eingangs erwähnt. Die in der deutschen Bevölkerung umstrittene Rede Gaucks wurde seinerzeit flankiert von Reden der damals neuen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem abermaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Sie waren sich darin einig, dass auch in den Konfliktzonen im Nahen Osten, wo zu dem Zeitpunkt bereits 5.000 deutsche Soldaten eingesetzt waren, deutsche und europäische Interessen zu vertreten seien. (Und dorthin, wo das Grundgesetz direkte Bundeswehr-Kampfeinsätze verbietet, lieferte Deutschland zunehmend Ausrüstung und Ausbilder). Dagegen haben zugleich weite Teile der Deutschen gänzlich ablehnend auf Einmischung in die auswärtigen Konflikte reagiert. Doch die veränderte Militärpolitik Deutschlands und Europas begann schon viele Jahre früher, unbemerkt von der kritischen Öffentlichkeit.
Kampfsoldaten der EU als „schnelle Einsatztruppen“
Die gemeinsam veränderte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU mitsamt Aufrüstungsplänen begann schon 1999 nach dem EU-Gipfel von Helsinki mit der Aufstellung einer 60.000 Mann starken „schnellen Einsatztruppe“ und deren militärische Ausrüstung: Europa als Kampfgemeinschaft. Als Speerspitzen wurden Dutzende „Battlegroups“ für die weltweite Einsatzfähigkeit ab 2007 bis 2012 eingerichtet, wobei Deutschland die größten Kontingente mit den meisten Führungspositionen stellt. Innerhalb einer Woche sollen bei Bedarf die Kampfsoldaten an jeden Ort der Welt geschickt werden können. Später bekam die EU (vertragswidrig) einen eigenen Militäretat von anfangs 5 Mrd. € mit in Aussicht gestellter Aufstockung.
„In Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten herrscht Panik, weil man zum einen sieht, dass das Zeitalter der westlichen Hegemonie zu Ende geht und sich immer mehr Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika, von deren Ausbeutung der Westen lange gelebt hat, von unseren Regierungen abwenden, dass sie nicht mehr so erpressbar sind wie einst. (…) In dieser Lage suchen die dominierenden politischen Kräfte in der EU ihr Heil in einer schrankenlosen, in der Tat panischen Aufrüstung, um ihre Position aufrechtzuerhalten, ohne sich jedoch von der Unterwürfigkeit gegenüber den USA zu lösen“. (Zitat Fabian Scheidler).
Aufrüstungsverpflichtung und Aufrüstungsfond für alle EU-Staaten
Inzwischen hat die EU einen „Aufrüstungsfond“ eingerichtet in Höhe von 150 Mrd. €, um ihre Mitgliedsstaaten und europäische Unternehmen bei den Aufrüstungsvorhaben mit günstigen Krediten zu unterstützen, wovon 19 Staaten schon Gebrauch gemacht haben. Für 2025 verkündete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stolz, dass die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten insgesamt auf 381 Mrd. € gesteigert werden, davon 130 Mrd. € in Investitionen für neue Waffen.
Schon im Lissabonner EU-Grundlagenvertrag (als EU-Verfassungsersatz) von 2008 ist die Aufrüstung (statt Abrüstung) aller EU-Mitgliedsstaaten zum bindenden Verfassungsziel erhoben worden. Über die Aufrüstungsverpflichtungen der Mitgliedsstaaten wacht eine europäische „Rüstungsagentur“, die später in „Verteidigungsagentur“ umbenannt wurde (European Defence Agency EDA). Sie ist dem Rat der EU angegliedert, wird aus nationalen Haushaltsmitteln finanziert und ist mit einem eigenen Militärhaushalt für Sofortfinanzierungen ausgestattet. Deren damaliger Leiter Alexander Weis (ehemaliger Abteilungsleiter für Rüstung im deutschen Verteidigungsministerium) hatte das Jahr 2008 als „Europas Jahr der Rüstung“ angekündigt.
Weltweite Bundeswehreinsätze zur militärischen Intervention
Die Einsätze der Bundeswehr sollten sich schon seit 2003 nicht mehr geografisch eingrenzen lassen, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, damit Deutschland „seine Interessen und seinen internationalen Einfluss wahren kann“ – so auch am Hindukusch. Unter der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die 2018 als NATO-Generalsekretärin im Gespräch war, wurde 2016 ein neues „Weißbuch der Bundeswehr“ veröffentlicht, welches die veränderte Ausrichtung der Rüstungs- und Militärpolitik enthielt. Demnach sollte Deutschland „mehr Führungsverantwortung“ in der Welt übernehmen und den ungehinderten Zugang von Handelswegen notfalls auch militärisch sichern.
Fernziel sei eine europäische Verteidigungsunion mit einem militärischen EU-Hauptquartier. Denn in der EU bestand Konsens, die europäische Militärpolitik mit interventionistischen Einsätzen weltweit auszuweiten. Im Rahmen der NATO sollten militärische Interventionen auch zur Sicherung von Energie, insbesondere von Öl- und Gasressourcen in Afrika, Asien und Nahost erfolgen.
Das Drehbuch für die militärische „Zeitenwende“ wurde 2004 geschrieben
Schon in 2004, also 10 Jahre vor dem beginnenden Donbass-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, war für den Paradigmenwechsel der europäischen und deutschen Militärpolitik das Drehbuch verfasst worden, mit dem Augenmerk auf militärische und machtpolitische Fragen. Und zwar in der „European Defence Strategy (EDS)“ der Bertelsmann-Stiftung für die EU, ausgearbeitet von der Venusberg-Gruppe, an der sich auch die deutsche Rüstungs- und Militärpolitik mit der von Bundeskanzler Scholz propagierten „Zeitenwende“ sowie die Rüstungspolitik der jetzigen Bundesregierung mit ihrem militärischen „Sondervermögen“ seither konsequent ausrichtet, wie noch näher ausgeführt.
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung mit ihren Netzwerken als einflussreicher Fürsprecher einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik zugunsten des Aufbaus einer militärischen „Supermacht“ Europa empfahl in ihrem EU-Strategiepapier Europas Aufrüstung (auch als Nuklearmacht im Kampf um globalen Einfluss). Mit ihrer sicherheitspolitischen Agenda betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit für die Militärmacht Europa. Die EU soll innerhalb der globalen Wirtschafts- und Machtblöcke mit einer EU-Armee und einem eigenen Außenminister sowie gemeinsamen Geheimdiensten seine geostrategischen Interessen wahrnehmen, sich als Weltmacht definieren und zum globalen Militärakteur entwickeln, der bei Bedarf jeden Punkt der Welt kontrollieren kann.
Entwicklung der EU zur Militärunion auf Rat von Bertelsmann und DGAP
Die bis dahin zivile EU (als Friedensnobelpreisträger 2012) beschritt nun den Weg als „Militärunion“, zusätzlich zur NATO und den nationalen Militärpotenzialen, obwohl durch die EU-Verträge nicht abgedeckt. Die Frage zur Zukunft Europas wurde primär mit der angestrebten Augenhöhe mit den USA beim politischen und vor allem militärischen Einfluss in der Welt beantwortet. In ihrem Szenario der Supermacht Europa rät die Bertelsmann-Stiftung zum Abschied von der Idee einer Zivilmacht zur uneingeschränkten Hinwendung zu den Mitteln internationaler Machtpolitik einschließlich Kriegseinsätzen mit Offensivcharakter, zum Beispiel zur Ressourcen- und Rohstoffsicherung für Europa – ohne diese als humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Einhaltung von Menschenrechten oder als „Friedensmissionen“ länger zu kaschieren.
Daran die Bevölkerung Europas zu gewöhnen, wolle Bertelsmann publizistisch beitragen, zusammen mit ihrer „Venusberg-Group“ und der personell mit Bertelsmann verflochtenen „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), die vom Auswärtigen Amt und von der Industrie finanziert wird. In dieser besonders einflussreichen Organisation der Rüstungslobby tauschen sich Militärs und Geheimdienstler mit hochkarätigen Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern aus, wie man die Militarisierung der EU-Außenpolitik und gemeinsame Rüstungsprojekte voranbringen kann.
Neben der NATO künftig auch Einsätze von EU-Streitkräften?
Bereits auf dem EU-Gipfel in 2007 wurde nach den Strategie-Empfehlungen von Bertelsmann die Einrichtung eines europäischen Außenkommissars (quasi als EU-Außenminister) beschlossen und im Reformvertrag festgeschrieben. Mit der gleichzeitigen Zuständigkeit auch für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Handelspolitik sowie Entwicklungszusammenarbeit wurde durch die erweiterten Kompetenzen eine Machtfülle gebündelt, wie sie kein nationaler Minister hat. Mit der Zuständigkeit für Wirtschaft und Militärpolitik in einer Hand wurde dokumentiert, dass künftig auch mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte für Wirtschaftsinteressen zu rechnen ist.
Allerdings war damals noch nicht absehbar, dass sich die EU unter der kritikwürdigen Führung von Ursula von der Leyen – und nach autokratischen und rechtsnationalen Tendenzen in mehreren EU-Staaten mit Auswirkungen im EU-Parlament – zu einem geschwächten und uneinigen oder zerstrittenen Gebilde entwickelt hat, dass obendrein vom Trump-Amerika erpresst wird. Damit sind die eigenen Weltmachtambitionen der EU zumindest wirtschaftlich derzeit nur schwer realisierbar, aber militärisch nach drastischer Erhöhung aller Militärhaushalte und militärischer Emanzipation von den USA bereits vorangeschritten.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin mit Hilfe der Rechten im EU-Parlament gewählt und wiedergewählt wurde und bei Abstimmungen auch den Bruch der Brandmauer nutzt, macht die heutige EU als globale Akteurin nicht gerade glaubwürdiger, die obendrein bei der Flüchtlings- und Migrationspolitik die Menschenrechte verletzt, wie die Menschenrechtsorganisationen vorwerfen.
Die EU als politische und militärische Weltmacht?
Die EU soll demnach ihren Status als „wirtschaftliche Weltmacht“ ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. Die EU soll nach dem Willemn ihrer Führungseliten zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. Laut diesem Drehbuch für die Spitzenpolitiker müsse die EU zum weltweit einsatzfähigen „Sicherheitsakteur“ werden, der – so das damalige ehrgeizige Zeit-Ziel – bis 2015 alle Militärmissionen eigenständig (auch ohne Nato-Unterstützung) ausführen kann, der über die volle militärische „Eskalationsdominanz“ (inklusive Atomwaffen) verfügt und in der Lage ist, weltweit präventiv zu intervenieren, um Angriffe auf Europa oder europäische Interessen zu verhindern.
Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet daran, gesellschaftliche Akzeptanz für weltweite Kriegseinsätze herzustellen. So empfiehlt ein Strategiepapier aus dem Jahr 2005 den politischen Entscheidungsträgern, die EU-BürgerInnen von der Notwendigkeit der Weltmachtrolle zu überzeugen. Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung und der mit ihr kooperierenden Lobbyorganisation DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und den darin eingebundenen Politikern nutzen die Medien für ihre außen- und sicherheitspolitische Statements. Sie verbreiten auch Angst vor Terror, dem Aufstieg Chinas und der Knappheit fossiler Energieträger.
Europas „politische Führer“ sollen europäische Bevölkerung überzeugen
Der Tenor: Die Gefahren für den europäischen Wohlstand und das Leben der EU-Bürger können nicht länger allein mit zivilen Mitteln bekämpft werden Und das jüngste Venusberg-Papier setzt hinzu: “Europas politische Führer müssen gemeinsam die europäische Bevölkerung überzeugen, dass es jetzt an der Zeit ist, sich angemessen auf eine sichere Zukunft vorzubereiten, und dass dies Anstrengung, Engagement und Geld kosten wird.”
Vom Umbau der EU zur Weltmacht mit Eroberung neuer Märkte verspricht sich die Bertelsmann AG auch Vorteile für ihr mediales Kerngeschäft. Neben einer nützlichen militärisch flankierten Eroberung neuer Märkte kann vor allem die Bertelsmann-Tochter Arvato Geschäfte erwarten. Als Spezialistin unter anderem für Logistik und IT-Anwendungen aller Art kommt die Bertelsmann-Tochter Arvato sowohl für zivile wie militärische Government Services in Frage. Dafür betreiben Stiftung und Konzern ihre eigene Außenpolitik mit Expertenteams oder hochrangig besetzten Kongressen. Sie speisen ihre Vorstellungen durch eine Flut von Strategiepapieren, Expertisen und Ranking-Instrumenten sowie den engen persönlichen Kontakt zu den politischen Eliten in das politisch-administrative System ein.
„Führende Rolle Deutschlands in der Welt mit militärischer Verantwortung“
Nach den Strategiepapieren der vorgenannten Lobbyorganisationen soll Deutschland dabei eine neue führende Rolle in der Welt mit mehr (militärischer) Verantwortung übernehmen, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede auf der 50. Münchener Sicherheitskonferenz 2014 verriet, an der wohl die Rüstungslobby vorbereitend mitgeschrieben hat, und zwar in Person seines Redenschreibers Thomas Kleine-Brockhoff (damaliger Direktor der DGAP/“Gesellschaft für Auswärtige Politik“). Dort hatte Gauck vor aller Welt den Anspruch an eine neue deutsche Außenpolitik formuliert, mit der sich Deutschland auch militärisch weltweit entschiedener einbringen und „seinem Gewicht entsprechend“ reagieren soll. soll, (wie bereits seit 2011 an vielen Krisenschauplätzen in der Welt praktiziert).
Deutschland dürfe sich nicht „wegducken“, sondern solle ein Garant internationaler Sicherheit sein und sich auch militärisch engagieren in den Krisen ferner Weltreligionen, auch mit dem Einsatz von Soldaten und sich nicht „hinter dem Schutz der historischen Schuld verstecken“. Mit Stolz blickte er darauf, dass Deutschland seit 1994 ungefähr 240 mal über Auslandseinsätze der Bundeswehr beraten habe. Die Zeit des Misstrauens gegenüber deutscher Staatlichkeit sei vorbei. Deutschland dürfe „seine historischen Ängste nicht als Ausrede nutzen“ und müsse „sein Selbstbild korrigieren”. In Pressekommentaren wurde Gaucks umstrittene Rede als „Ärgernis“ empfunden.
Der jüdische Historiker Efraim Zuroff als Leiter des „Simon-Wiesenthal-Centers“ empörte sich schon in 2008 über die geschichtliche Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Ideologie durch den „ungeeigneten Bundespräsidenten“ Gauck wegen seiner öffentlichen Äußerungen und der Unterzeichnung der umstrittenen „Prager Erklärung“, die den Holocaust mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzte.
Klartext der Deutschen auf den „Münchener Sicherheitskonferenzen“
Die von der Rüstungslobby mitfinanzierten „Münchener Sicherheitskonferenzen“ von 2016 und 2018 hatten also (ohne vorherige Parlamentsdebatten oder öffentlichen Diskurs) bedenkliche militär- und rüstungspolitische Vorentscheidungen als Paradigmenwechsel politisch unwidersprochen präjudiziert. Die damals nur geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, flankiert vom damaligen Außenminister Steinmeier und dem Bundespräsidenten Gauck mit seiner erwähnten Rede oder später von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, legte sich in München erneut auf deutsche Auf- und Nachrüstungsverpflichtungen in nie dagewesener Höhe mit haushaltspolitischer Priorität fest.
Diese deutschen und europäischen Bestrebungen und Ambitionen werden also schon seit 10 Jahren von deutschen Spitzenpolitikern vor der Weltgemeinschaft öffentlich verkündet, manches auch schon vor der Krim-Annexion, da gab es noch keinen Ukraine-Krieg. In dem zugrunde liegenden Strategiepapier für die EU wird militärischer Klartext geredet, den die Politiker entsprechend übernommen haben, bis hinein in ihre Redetexte und Beschlüsse, schon lange vor der von Kurzzeit-Kanzler Scholz dann offiziell verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Die Hochrüstung und US-Raketenstationierung in Deutschland erinnert in ihrer politischen Dramatik an die Zeit der Wiederbewaffnung in den 1950-er Jahren, der mancher Politiker und Rüstungslobbyist nachtrauert. Damals wie heute sind die westlichen Aufrüstungsvorhaben gegen Moskau gerichtet.
Neue militärische Rolle Deutschlands und Europas
Vor allem Ursula von der Leyen skizzierte auf der Münchener Sicherheitskonferenz schon vor 8 jahren mit markigen Worten (am Grundgesetz mit dem Gebot der bloßen Landesverteidigung vorbei) eine ganz neue militärische Rolle Deutschlands und Europas. Mit einer europäischen Armee neben der NATO in einer „europäischen Militärunion“, wie kürzlich von der EU-Exekutive (am Bundestag vorbei) beschlossen, will sie die Militarisierung der Europapolitik vorantreiben statt eine neue Abrüstungsinitiative zu starten oder Entspannungspolitik mit dem Osten wiederzubeleben. Stattdessen das Motto der 1950-er Jahre: „Wenn die Russen kommen…“.
Alles läuft seither auf einen neuen „kalten Krieg“ (und absehbar auf einen sich ausbreitenden heißen Krieg?) hinaus, wie schon in der „Sicherheitspolitischen Agenda“ der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der EU vor Jahren entwickelt und empfohlen. Demgemäß der markige Originalton von der Leyen in München: „Deutschland braucht mehr militärisches Gewicht und darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken, sondern muss akzeptieren, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch tatsächlich eingesetzt werden, um für Sicherheit und Freiheit zu kämpfen.“
Deutsche Interessen erfolgreich am Hindukusch verteidigt?
In der fragwürdigen Rede von Ursula von der Leyens blieb unklar, wozu die Anstrengungen gut sein sollen. Denn Aufrüstung änderte daran nichts mehr, dass die NATO mit Deutschland sowie die USA im Juli 2021 den Taliban in Afghanistan das Feld kampflos überlassen haben, seitdem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt „deutsche Interessen am Hindukusch“ verteidigen wollte. Doch der dortige Militäreinsatz Deutschlands geschah nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses ohne Strategie und erkennbare Ziele, aber mit großem Schaden.
Die schonungslose Bilanz des knapp zwanzig Jahre währenden NATO-Einsatzes mit deutscher Unterstützung lautet: Das westliche Verteidigungsbündnis hinterlässt in Afghanistan nicht Frieden und Stabilität – sondern Chaos. Europäische und amerikanische Staatsbürger sollten schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden, ebenso deren afghanischen Helfer und Unterstützer, so lautete das nur teilweise eingehaltene deutsche Versprechen. Jetzt werden die Helfer von damals abgeschoben oder mit Geld zur Rückkehr veranlasst. Was aus den Afghanen und Afghaninnen unter den Taliban wird, scheint inzwischen unwichtig. Geht so “Werte geleitete” Außenpolitik?
„Die alte Liebe zum Militär wiederentdeckt“
In 2021 hielt die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dann als EU-Kommissionspräsidentin kurz nach dem militärischen Debakel von Afghanistan eine weitere Grundsatzrede „zur Lage der Union“, wo sie für mehr Rüstung plädierte und für eine engere Zusammenarbeit von EU und NATO. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Macron wollte die CDU-Politikerin die „Europäische Verteidigungsunion“ vorantreiben. Neben einer „schnellen Eingreiftruppe“ und einem eigenen militärischen Lagezentrum brauche die EU vor allem „politischen Willen“, erklärte sie. Die taz kommentierte: „Ursula von der Leyen hat ihre alte Liebe wiederentdeckt: das Militär.“
Ähnlich wie von der Leyen hatte sich zuvor ihre Amtsnachfolgerin im Verteidigungsministerium, Annegret Kramp-Karrenbauer geäußert: Die EU brauche mehr Willen zur Verteidigung und Deutschland müsse aufrüsten. Sie entsandte im August 2021 die deutsche Fregatte „Bayern“ durchs Südchinesische Meer in den Indo-Pazifik und später nach Australien und Ostasien sowie zum Horn von Afrika, „um Seewege zu sichern“ und „Flagge zu zeigen für unsere deutschen Interessen als große Handelsmacht und Exportnation”.
Militärische Sicherung von Handelswegen für die Exportnation Deutschland?
Das Engagement der Bundeswehr im Indopazifik sei angeblich erforderlich, um Chinas Machtstreben einzudämmen, als Reaktion auf die Absicht Chinas, die Rüstungsausgaben um 6,8% in 2012 zu steigern. Daraufhin sollten „unsere deutschen Soldaten“ einen wichtigen Beitrag leisten „zur Sicherung unserer Handelswege“ und im „Kampf gegen Terrorismus“. An diese richtete sie den Appell: „Soldatinnen und Soldaten: Genau das ist Ihr Kurs. (…) Sie sind das Aushängeschild unseres Landes und repräsentieren unsere Interessen der Bundesrepublik. Und stellen dabei die Leistungsfähigkeit unserer Marine unter Beweis.“ (Ob die selbst ernannte militärische Weltmacht Deutschland Eindruck auf die Chinesen gemacht hat?)
Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, die Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen auch mit militärischen Einsätzen als Betätigungsfeld der deutschen Bundeswehr (für wirtschaftliche Interessen quasi als Wirtschaftskriege) erwähnte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Lande mit Verweis auf das Grundgesetz, so dass er im Mai 2010 zurücktrat. Jahre später lösen solche Bekenntnisse keine Empörung mehr aus, sondern sind alltäglich akzeptierte politische Bestrebungen, auch wenn sie längst nicht mehr mit dem Grundgesetz und seinem dort verankerten Friedensgebot im Einklang stehen..
Rüstungslobbyisten beeinflussen maßgeblich die außenpolitische Strategie
Auffällig ist bei alledem der treibende Einfluss der deutschen Rüstungslobby auf die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung der deutschen Politik. Insbesondere die mehrfach erwähnte DGAP („Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation) mit ihrer zentralen Schlüsselrolle versucht nach eigenem Bekunden, „aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen“ und die drastische Erhöhung der Rüstungsausgaben zu legitimieren, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch. Ziemlich offensichtlich folgten der Kanzler, der Verteidigungsminister und die jeweiligen Außenminister (deren Ministerium die Lobbyorganisation sogar mitfinanziert), aktuell den Vordenkern und Vorgaben der DAGP bei ihrer politisch-militärischen „Zeitenwende“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“.
Der bereits erwähnte langjährige deutsche „Chefideologe“ der einflussreichen DGAP, Christian Mölling, wechselte im September 2024 nach Bertelsmann als Direktor im Programm „Europas Zukunft“. Den deutschen Fernsehzuschauern wird er allabendlich wie ein offizieller Regierungssprecher mit Interviews und Statement als “Rüstungs- und Sicherheitsexperte“ präsentiert, ohne seine Lobbyfunktion zu offenbaren. Er kann auch die politischen Strategien besser erklären als die gewählten Regierungsmitglieder und Parlamentarier, die seine „kompetenten“ Vorlagen mehr oder weniger laienhaft nachbeten.
Lobbyisten benutzen Politiker für strategische Umsetzung
Die geschickte Einbindung von aktiven und Ex-Politikern in ihre Netzwerke und für ihre Zwecke gelingt den Rüstungslobbyisten immer wieder problemlos. Als deren politische Rüstungslobbyisten betätigen sich vor allem auch ausgeschiedene Bundesminister wie Sigmar Gabriel (zugleich Vorsitzender der Atlantik-Brücke), Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Entwicklungsminister Niebel (Rheinmetall) sowie aktuell der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber als Vizepräsident „Political Affairs“ beim Waffenbaukonzern Elbit, und natürlich die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Mitglied in mehreren Rüstungslobby-Organisationen.
Hoch angesehen ist auch der ehemalige Diplomat und spätere Rüstungslobbyist des Hensoldt-Konzerns, Ischinger, der auch durch die Talkshows gereicht wird als langjähriger Vorsitzender der von Rüstungskonzernen gesponserten privaten „Münchener Sicherheitskonferenzen“. Das Zusammenspiel der Lobby-Netzwerke und auch die dubiose Rolle der „Atlantik-Brücke“, in der alle namhaften Politiker und Journalisten nebst Vertretern der Finanz- und Rüstungsindustrie und des Militärs eingebunden sind, bedürfte einen eigenen umfassenden Artikel und ist vom Autor dieser Zeilen in verschiedenen Zusammenhängen ausführlicher dargestellt und belegt worden.
Wie sich die wehrpflichtige Jugend gegen den Militarismus wehren kann
In diesen Kriegs- und Krisenzeiten wäre es dringend geboten, die Logik des Krieges zu durchbrechen und in Alternativen zu denken sowie den Friedensgedanken wieder zu beleben. Statt den Krieg zu gewinnen sollten wir den Frieden gewinnen und die Jugend dafür statt fürs Militärische zu begeistern. Unter dem Motto „Mich kriegt ihr nicht!“ und „Nein zum Krieg!“ wird im Internet unter www.kriegsdienstblocker.de eine Anleitung „zur kostenlosen Erstellung einer Kriegsdienstverweigerung“ dargeboten.
Dort heißt es: „Mut ist nicht, zu kämpfen. Mut ist, den Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern. Krieg werden von Mächtigen geplant, die ihre Macht ausweiten wollen, von Dummköpfen ausgeführt, und von Unschuldigen mit dem Leben bezahlt. Sei klug und werde nicht zum Spielball. Schütze dein Leben und deine Psyche. Du kannst Dich völlig frei entscheiden! Nutze Dein Recht!“ Zur Verfügung gestellt wird ein juristisch geprüftes Schreiben an das zuständige „Karriere-Center“ der Bundeswehr, dass unabhängig vom Verteidigungsfall eingereicht werden kann.
Mit „Friedensbotschaftern“ zum Bewusstseinswandel
„Werde Friedensbotschafter und erwecke Bewusstsein“, so lautet die Aufforderung an die jugendlichen Leser, „weil die Wehrkraft wieder vor der Tür steht. Weil Du nicht warten willst, bist deine Kinder eingezogen werden. Weil ziviler Widerstand mit friedlichen Mitteln beginnt. Weil jeder Flyer ein Hoffnungsschimmer sein kann.“ Jeder kann in 5.000 Haushalten mit kostenlos zur Verfügung gestellten Flyern ein Zeichen setzen. (In der NS-Zeit wäre eine solche Aktion als Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wohl mit dem Tode bestraft worden. Erst 2002 sind diese nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt worden, so dass es keinen vergleichbaren Straftatbestand mehr gibt, wohl aber den § 89 des Strafgesetzbuches zur „verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane“, mit einem Strafmaß von bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe).
Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Am 05. Dezember 2025 ist in mehreren deutschen Städten ein bundesweiter Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant, als Teil eines vom Bündnis der Friedensbewegung initiierten Aktionstages. In zahlreichen Orten, darunter Berlin, Bochum, Dortmund, Bielefeld, Essen, Göttingen, Hannover, Kassel, Köln, Münster, München, Potsdam und Trier laufen bereits konkrete Vorbereitungen. Die umfassende Militarisierung in allen Politikbereichen braucht auch nach Auffassung kritischer Gewerkschafter endlich entschiedenen Widerstand. Mit der Kraft der (auch historischen) Aufklärung, mit der Empathie mit den Opfern auf beiden Seiten und mit der Initiativkraft der sozialen Bewegungen könnte eine verstärkte Friedensbewegung wiederbelebt werden, denn Krieg bedeutet Entmenschlichung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Lokalkompass, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Links wurden nachträglich eingefügt.
Über Wilhelm Neurohr:
Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.
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Sind die Deutschen wieder kriegsbereit? Wie der „Mentalitätswandel“ vorangetrieben wird – Pazifismus war gestern – Militarismus ist heute
“Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Kriege.“ (Thomas Mann, 1914)
„Krieg ist die brutalste Form der Inhumanität und die dümmste Form, Konflikte zu lösen“ (Ilja Trojanow, 2025)
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“: Es ist nachweislich eine Propaganda-Lüge, dass die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands erst als Reaktion infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine politisch angestrebt wird. Diese Behauptung dient als Vorwand für die in Wahrheit schon viel längerfristig geplante Aufrüstung und militärische Mobilmachung in Deutschland sowie bei der EU und der NATO, wie hier dokumentiert. Die militärische „Zeitenwende“ hat einen langen Vorlauf nach vorbereitenden Drehbüchern seit der Jahrtausendwende, an der auch die Rüstungslobby mitgeschrieben hat, wie die Fakten belegen.
Denn schon zwei Jahrzehnte vor Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 und schon lange vor dem entbrannten russisch-ukrainischen Regionalkonflikt um den Donbass und die Krim ab 2014, gab es bereits die vorbereitende Rüstungs- und militärpolitische Umorientierung der deutschen und europäischen Geopolitik aus machtpolitischen Eigeninteressen. Die neue deutsche Außenpolitik mit einem grundlegenden militärpolitischen Kurswechsel setzte also schon weit vor dem Kriegsjahr 2022 und teils vor 2014 ein, mit befeuert von der EU, die Deutschland hierbei in eine militärische Führungsrolle drängt und Europa unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf eine Art „Kriegswirtschaft“ vorbereiten will.
„Wir sind noch nicht im Krieg“, aber kurz davor oder eigentlich mittendrin?
In der Ukraine-Krise bezieht Deutschland somit von Anfang an Position als führender Akteur der ganzen EU und bemüht sich um eine einheitliche Haltung gegen Russland: Deutschland sei als „militärische Führungsmacht in Europa“ gefordert, denn „die Verbündeten erwarten es und die Öffentlichkeit muss vorbereitet werden“, so die Verlautbarungen. Daran beteiligen sich sogar die Bischöfe der evangelischen Kirche mit ihrer neuen (regierungstreuen) Positionierung zur Aufrüstungspolitik in einer von der Friedensbewegung kritisierten Denkschrift von November 2025, bis hin zum Bekenntnis sogar zu Nuklearwaffen.
Laut Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sind wir zwar „noch nicht im Krieg mit Russland, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden“. Zumindest der hybride Krieg sei in vollem Gange, Und die ungeklärten Drohnenflüge haben bereits zu Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrages wegen schwerer Luftraumverletzungen geführt. Im November 2025 hat umgekehrt der Kreml „die NATO als im Krieg mit Russland“ bezeichnet, so dass sich die NATO und Russland einem direkten Konflikt nähern. In den Medien erscheint ein Angriff Russlands nicht mehr als eine „Ob“-Frage, sondern nur noch als eine „Wann“-Frage.
Ist Russland willens und in der Lage, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland könnte bis spätestens 2029 bzw. bereits schon früher in 2028 in der Lage sein, NATO-Territorium anzugreifen, warnten Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer bereits in 2024. Sie beriefen sich auf eine „Bedrohungsanalyse“ und auf nicht näher benannte „Geheimdienstinformationen“. Bundeswehrgeneral Sollfrank sah sogar Russland schon jetzt in der Lage, die NATO sofort anzugreifen, wie er 2025 in einem Interview kundtat. Bei weiterer Aufrüstung sei bis 2029 sogar ein Großangriff auf Europa durch Russland denkbar.
Indirekt ist Deutschland mit seiner Beteiligung an der „Materialschlacht“ bei Rüstungsgütern für die Ukraine längst an der Schwelle zur Kriegspartei und trägt damit zur Eskalation statt zur Deeskalation bei. Der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall muss aktuell Aufträge von 64 Mrd. € abarbeiten, so dass deren Chef Papperger im November 2025 jubelte: „Wir werden globaler Rüstungs-Champion!“ Rheinmetall macht Geschäfte mit der Angst vor dem Krieg. Und die deutsche Regierung setzt ausschließlich auf die militärische Karte, denn ernsthafte diplomatische Bemühungen sind nicht mehr erkennbar.
“Dabei ist das Argument für die Aufrüstung, nämlich dass Russland vorhabe, NATO-Länder anzugreifen, vollkommen unglaubwürdig. Selbst die US-Geheimdienste sagen unisono in ihrem jährlichen Bericht, dass Russland keinerlei Interesse daran hat. Es wäre ja auch Selbstmord angesichts der erdrückenden Übermacht der NATO. Und wie sollte, selbst wenn die russische Führung suizid veranlagt wäre, eine russische Armee, die seit Jahren größte Mühe hat, einzelne ostukrainische Dörfer zu erobern, plötzlich Warschau, Berlin und Paris überrollen?“ So lautet die nachvollziehbare Einschätzung des preisgekrönten Journalisten und Buchautors Fabian Scheidler (auf die nachfolgend noch weiter eingegangen wird). Er fragt: Ist der Politik der gesunde Menschenverstand abhandengekommen und hat sie Maß und Ziel verloren sowie Logik verlernt?
“Zeitenwende”: Neue deutsche Außen- und Militärpolitik
Schon die damalige große Koalition (GroKO) mit Ursula von der Leyen (CDU) als Bundesverteidigungsministerin und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Außenmister kündigte bereits im März 2014 unter Kanzlerin Merkel „eine neue deutsche Außenpolitik mit verstärkten Militäreinsätzen in aller Welt“ an, obwohl laut Umfragen 61% der Bevölkerung dagegen sind. Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisierte die im Koalitionsvertrag enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Friedensbewegte wie Margot Kässmann kritisierten die neue deutsche Außenpolitik auch deshalb, weil damit das deutsche Militär zwischen Konfliktparteien in Bürgerkriege geraten könnte. Während der letzten GroKo waren die Exporte von deutschen Kleinwaffen in Krisenregionen um 47% gestiegen. Schon zu GroKo-Zeiten wurde der „Globalisierungsrausch“, der unsere Gesellschaft bis heute gespalten hat, durch einen beginnenden „Militarisierungsrausch“ abgelöst, der auch die EU erfasst hatte.
Mit der „Zeitenwende“-Rede des späteren Ampel-Kanzlers Olaf Scholz am 27. Februar 2022 wurde die Zäsur in der deutschen Außenpolitik mit der Einrichtung eines 100 Mrd. Sondervermögens für Militär und Rüstung konkret sichtbar und von den drei Ampel-Parteien und der CDU-Opposition im Bundestag mit Standing Ovations bejubelt. Jährlich sollte mehr als 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rüstung und Militär ausgegeben werden, schwerpunktmäßig für Eurodrohnen, bewaffnete Heron-Drohnen aus Israel, für die Beschaffung des Kampfflugzeuges F-35 sowie zur Befähigung des Eurofighters zur elektronischen Kampfführung – geradewegs so, als habe die Rüstungslobby hier das Drehbuch geschrieben. Die Bundesregierung plant laut Medienberichten in den kommenden Jahren fast 380 Mrd. € für Rüstung und Militär auszugeben. Dabei führt die aktuelle Aufrüstungspolitik mit einem Rekordwert von über 2,7 Bio. US-Dollar weltweit in eine Sackgasse.
Inzwischen gilt der EU-Beschluss, dass bis 2035 alle Mitgliedsstaaten sogar 3,5% des BIP für Rüstungsgüter und Soldaten auszugeben haben plus weitere 1,5% für militärische Infrastruktur, also insgesamt 5%. Die Behauptung eines „sträflich unterfinanzierten Militärs“ hat aber auch vorher schon nicht gestimmt. In der NATO soll und will Deutschland obendrein das zweitgrößte „Fähigkeitspaket“ innerhalb der Allianz übernehmen, weil die USA ihr Kontingent verringern will. Deutschland als zukünftige militärische Supermacht in der EU?
„Fahrplan für den Krieg“ im Modus der „Kriegswirtschaft“
Im Oktober 2025 präsentierten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte, flankierend zur deutschen „Zeitenwende“, eine Art „Fahrplan für den Krieg“ als „Plan zur Wiederaufrüstung Europas“, mit gleichzeitiger Aufnahme in das Weißbuch zur europäischen Verteidigung und (mit Einsatz von zunächst zweimal 500 Millionen Euro zur Anschubfinanzierung). „Unsere Industrie muss jetzt in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“, verkündete zuvor der ausgeschiedene EU-Binnenkommissar Thierry Breton. Er hatte schon im März 2024 zusammen mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine Strategie für die EU-Rüstungsindustrie vorgestellt, um die Rüstungsproduktion massiv anzukurbeln. Die Rede war vom „Wechsel von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft“.
Damit gab sich die EU-Kommission in ihrer Rüstungsindustrie-Strategie selbst eine zentrale Rolle, die ihr gegenüber den EU-Staaten nicht zustand. Diese Ambitionen der EU und ihrer deutschen Kommissionspräsidentin waren im Grundsatz schon viele Jahre vor dem Ukraine-Konflikt entwickelt und verkündet worden, wie mehrere Reden der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin von der Leyen auf den Münchener Sicherheitskonferenzen und vor dem EU-Parlament belegen, wobei sie Deutschland eine besondere Führungsrolle zugedacht hat, wie hier an anderer Stelle noch weiter dokumentiert. Die Drehbücher dazu wurden bereits in 2004 und in den nachfolgenden Jahren vor ein bis zwei Jahrzehnten von Lobbyorganisationen geschrieben, wie hier später noch weiter nachzulesen – wahrlich keine „Verschwörungstheorien“.
NATO-Militärmanöver 2020 entlang der russischen Grenze
Zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Krieges plante die NATO im Februar 2020 mit „Defender-Europe 2020“ das größte Militärmanöver seit 25 Jahren an der russischen Grenze mit 38.000 Soldaten aus 19 Nationen und 6.000 eingeflogenen Soldaten aus den USA. Trainiert werden sollte auch ein blitzschneller Truppentransport auf der Route von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland als reale Kriegsübung. Die NATO-Staaten machen auf diese Weise sowie mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine und Waffenausbildungen der ukrainischen Soldaten, ferner mit Geheimdienstinformationen den 2022 von Russland begonnenen Ukraine-Krieg zu ihrem eigenen Krieg, auch wenn sie selbst keine Kampftruppen in die Ukraine entsenden
In Polen, im Baltikum und in Georgien sollen die NATO-Verbündeten, die in konventionellen Militärkapazitäten Russland um ein Vielfaches überlegen sind, in parallelen Manövern den bewaffneten Kampf gegen Russland an der Ostflanke üben. Dabei hatte die Nato in der „NATO-Russland-Grundakte“ aus dem Jahr 1997 Russland die Zusage gegeben, sich im Grenzgebiet zurückzuhalten, statt Russland zu provozieren. Allein wegen der Corona-Pandemie COVID-19 musste die Großübung „Defender Europe 2020“ vorzeitig abgebrochen werden. US-Soldaten kehrten zurück und nationale Übungen wurden gestoppt.
Verstärkte NATO-Präsenz an der Ostflanke
Jedoch sollte das Manöver im Grenzgebiet kein einmaliges Großereignis der NATO bleiben. Inzwischen hat die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke massiv verstärkt. Allein Polen entsendet 40.000 Soldaten an seine Ostgrenze. Deutschland stationiert Bundeswehr-Soldaten dauerhaft in Litauen: Bis Ende 2027 wird eine Panzerbrigade 45 mit rund 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern aufgebaut, „um die NATO-Ostflanke zu stärken“.
In 2025 beendete die Bundeswehr erfolgreich ihre Übungsserie zum Schutz der Ostflanke der „North Atlantic Treaty Organization“. Rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr übten zusammen mit Kräften aus 13 Nationen die Bündnisverteidigung. Im Oktober 2025 ging das diesjährige Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“ von 14 NATO-Staaten mit deutscher Beteiligung zu Ende. Es exerzierte einen etwaigen Angriff mit in Europa gelagerten US-Kernwaffen durch, bei dem auch Jets der deutschen Luftwaffe zum Einsatz kämen. Aktuell läuft die Debatte über einen von den USA unabhängigen europäischen Nuklearschirm.
Weltkriegsgefahr: Vorbereitungen für den großen Krieg?
So genannte „Militärexperten“ sekundierten nach entsprechenden Andeutungen des russischen Außenministers: „Wir müssen die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges denken“. Von der US-Denkfabrik „Atlantic Council“ erwarten 45% der Militärexperten einen Krieg zwischen Russland und der NATO. „Die Ukraine muss die Russen besiegen“, so hieß es deshalb 2022 zu Kriegsbeginn von deutschen Politikern. Dabei gibt es in einem Krieg keine Gewinner und Verlierer, sondern stets Verlierer und Verluste auf beiden Seiten.
Doch 2023 sprach Außenministerin Baerbock sogar davon: „Wir befinden uns im Krieg mit Russland“ und „wir wollen Russland ruinieren“ durch die Sanktionen, ruderte aber dann mit ihren Aussagen zurück. In 2024 waren bei der ukrainischen Offensive im westrussischen Kursk bereits deutsche Marder-Schützenpanzer gegen die Russen auf russischem Territorium im Einsatz und Russland warnte die NATO-Staaten und insbesondere Deutschland vor direkter militärischer Unterstützung an der Front. Angesichts der deutschen Geschichte ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute in Deutschland mit dem Feindbild Russland von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, absolut erschreckend.
Im März 2022, nach den gescheiterten Vermittlungsversuch der türkischen Regierung für Friedensverhandlungen zwischen dem russischen und ukrainischen Außenminister, wurde der türkische Außenminister Mevlüt Cavisoglu mit den Worten zitiert: „Ich hatte den Eindruck, dass es innerhalb der NATO-Mitgliedsstaaten Kräfte gibt, die eine Fortsetzung des Krieges wollten – damit der Krieg weitergeht und Russland schwächer wird. Die Lage in der Ukraine ist ihnen ziemlich egal.“
Stationierung von Marschflugkörpern mit Reichweite bis zum Ural
Im Juli 2024 hatte „Zeitenwende-Kanzler“ Olaf Scholz im Alleingang ohne Parlamentsbeteiligung die schon lange vorbereitete Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern „Tomahawks“ mit großer Reichweite bis hinter den Ural und mit Eignung für Atomsprengköpfe mit den USA vereinbart, wegen der angeblichen Bedrohung aus Russland. Die Stationierung soll ab 2026 beginnen.
Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisiert die im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung Merz/Klingbeil enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Frieden schaffen mit immer mehr Waffen, um zuvor den Angreifer Russland militärisch zu besiegen oder „abzuschrecken“, der angeblich innerhalb der nächsten 3 bis 4 Jahre einen Angriff auf Osteuropa und Deutschland plant? Es wäre der erste Angriff Russlands auf Deutschland, aber der dritte im umgekehrten Fall, daran sei nochmal erinnert.
Setzt Deutschland auf Konfrontation statt Entspannung?
„Wegen der bröckelnden westlichen Dominanz soll durch die beispiellose Aufrüstung davon abgelenkt werden, dass die Politik eigentlich am Ende ist und keine Antworten mehr hat auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte Fabian Scheidler in einem Interview (Buchautor: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“).
Nach Beendigung des „Kalten Krieges“ durch Entspannungspolitik zu Zeiten von Willy Brandt hat insbesondere die SPD unter „Zeitenwende“-Kanzler Scholz und dem jetzigen Vizekanzler Klingbeil die russische Invasion zum Anlass genommen, die friedenspolitische Tradition zu entsorgen und ausschließlich auf Konfrontation zusetzen. Die NATO-Osterweiterung war nach Auffassung von Scheidler bereits die Vorbereitung der „Zeitenwende“ und der Weg in neue Blockkonfrontation sowie Gesprächsverweigerung mit Moskau.
„Deutschland muss sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen“
Im eigenen Land scheint allerdings die nachrichtendienstlich untermauerte Spekulation über den angeblich bevorstehenden Kriegsbeginn weithin unpopulär zu sein, anders als der populäre Verteidigungsminister selber, der in Umfragen Spitzenwerte der Beliebtheit bei Deutschen erreicht. Und das trotz seiner Aussage: „Deutschland müsse sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen.“ (Deshalb erreicht ein „Kriegsminister“ bei den Deutschen höchste Beliebtheitswerte?). Soll die langjährige Friedenssehnsucht der Deutschen durch erneute Kriegssehnsucht abgelöst werden, um von den inneren Sozialkonflikten abzulenken und den Widerstand gegen Sozialkürzungen zugunsten militärischer Investitionen zu brechen?
Die von Pistorius erstrebte „Kriegstüchtigkeit“ erfordere deshalb eine von ihm angemahnte „Neuausrichtung der deutschen Mentalität“ – damit auch die Pazifisten das Militärische lieben lernen? So fordern es vor allem seine ständigen Berater von der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation). Denn „ohne Feindbilder und Leidenschaften bei den Menschen gelingt keine Kriegsführung“, wusste schon der Psychoanalytiker Erich Fromm.
Da laut Umfragen das Vertrauen in Parteien und Regierungen im Inneren derzeit extrem gering ist, scheint es den deutschen Politikern sehr nützlich zu sein, „auf einen äußeren Feind zu setzen, wie z.B. Putin als dämonische Kraft, die die Grundfeste unserer Zivilisation bedroht und mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. (…) Dadurch werden Abwägungsprozesse und differenzierendes Denken ausgeschaltet, die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, schreibt der bereits zitierte Fabian Scheidler in seinem aktuellen Buch über die Feindbilder.
Einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung – Militarisierung wie im Kaiserreich?
Die öffentlich-rechtlichen Medien helfen dabei mit, die mentale Bereitschaft für einen möglichen Krieg zu stärken, auch mit einseitigen Talkshows voller Bellizisten, oder auch mit Sendetiteln wie: „Immer mehr Menschen wollen Reservisten werden“. Wir erleben in Deutschland nun wieder „eine Militarisierung, die in mancher Beziehung an das Kaiserreich vor dem ersten Weltkrieg erinnert“, bemerkt Buchautor Fabian Scheidler. Der Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ stammt ursprünglich vom US-amerikanischen Politiker Hiram Johnson. Er wird häufig verwendet, um zu beschreiben, dass im Krieg Propaganda und Lügen oft dazu dienen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, während die Wahrheit in den Hintergrund tritt, wie sie hier aufgespürt werden soll.
Zur Wahrheit gehört auch, dass vorgesehene 5% des Bruttoinlandproduktes als Ausgabe für das Militär etwa 50% des Bundeshaushaltes bedeuten – beim Kaiserreich waren es 60%. Das tat der Kriegsbegeisterung im August 1914 und der Siegesgewissheit keinen Abbruch. Heute muss noch am Patriotismus der wehrpflichtigen Jugendlichen gearbeitet werden, die der 45-jährige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn zum „Dienst am Vaterland“ aufruft – obwohl er selber ausgemustert wurde und weder Wehrdienst noch Wehrersatzdienst leistete. Er wäre allerdings noch jung genug, um sich nun freiwillig zu melden und mit „gutem Beispiel“ voranzugehen, so möchte man ihm empfehlen.
„In 5 Jahren muss die ganze Gesellschaft kriegstüchtig sein“
Es kursieren bereits diverse Termine für die „kurzfristig bevorstehenden militärischen Konflikte“ mit Russland. Mancher Militärstratege kann es kaum noch erwarten – wann geht es los? „Bisher lag die Reife der Deutschen darin, dass es in Deutschland 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Stimmung gab, wieder in den Krieg zu ziehen“ (Margot Kässmann).
Diese Stimmung soll sich durch den politisch angestrebten und forcierten „Mentalitätswechsel“ in der Bevölkerung ändern – mit gewissem Erfolg, wie die sich verändernden Umfrage-Ergebnisse und die Debatten um die Wiedereinführung des Wehrdienstes zeigen. Der Generalinspekteur Carsten Breuer insistierte: Nicht nur die Bundeswehr, auch die deutsche Gesellschaft müsse in fünf Jahren kriegstüchtig sein. Dort gehen aber die Meinungen weit auseinander. Deshalb sei es vor dem Hintergrund der Kriegsszenarien und der Militarisierung mitsamt Rüstungsexporten „noch ein anstrengender Weg, die Ängste und Sorgen der Menschen abzubauen“, so heißt es im Magazin „politik & kommunikation“.
Meinungsumfragen mit widersprüchlichen Antworten
Auf die Frage, ob Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern solle, antworteten 2025 laut Statista 51% mit nein und nur 38% mit ja. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ipsos im Januar 2025, wonach fast die Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine sind. Nach einer Insa-Umfrage von Februar 2025 sprachen sich ebenfalls die Hälfte der Befragten dafür aus, die Ukraine weder mit Waffen noch mit Geld zu unterstützen. 55% wollen auch keinen EU-Beitritt der korrupten Ukraine. In Umfragen von August 2025 lehnten 51% der deutschen den Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine „zur Friedenssicherung“ ab, nur 36% waren dafür. Das sind sicherlich noch keine überzeugenden Belege für die politisch angestrebte „Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung“.
Anderes zeigt die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2025, wonach 67% der Bevölkerung hinter Deutschlands militärischer Unterstützung für die Ukraine steht und sogar 27% mehr Unterstützung für Kiew befürworteten. Auch aktuelle Fragen vom Oktober und November 2025 zur Wehrpflicht gehen weit auseinander: Laut Forsa sind 54% für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und 41% dagegen. Die betroffenen jungen Menschen lehnen dagegen eine Wehrpflicht mehrheitlich ab; nur 16% würden kämpfen. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird laut Forsa von 67% der Bevölkerung befürwortet und nur von 30% als falsche Entwicklung abgelehnt. Das wird die Rüstungsindustrie mit ihren explodierenden Börsenkursen freuen, deren Aktien inzwischen als „nachhaltige Kapitalanlage“ anerkannt werden (und deshalb sicherlich auch viele Politiker sich vor deren Erwerb nicht scheuen?).
Angestrebter „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung erreicht
Wen interessiert es noch, dass Umfragen zufolge sich zu Beginn des Ukraine-Krieges noch über 70% der Deutschen gegen eine weitere Aufrüstung und Erhöhung des Verteidigungsetats aussprachen? Erschreckend war deshalb das Schweigen der Zivilgesellschaft und der kaum noch existenten Friedenbewegung zur politisch propagierten Militarisierung. Doch inzwischen laufen alle Propagandakanäle auch in den Medien, um einen „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung zu erreichen, offenbar mit Erfolg. Das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr sieht Deutschland in einer „militärischen Führungsrolle“ und hat in seiner jährlichen Bevölkerungsbefragung ermittelt, dass sich nunmehr in 2025 die Bürgerinnen und Bürger zu 64% für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und zu 65% für einen „personellen Aufwuchs der Bundeswehr“ aussprechen.
Damit hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihre Selbstbindung aus dem „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ vom 30. August 1990 aufgegeben. Darin hatte sie sich verpflichtet, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands „auf eine Personalstärke von 370.000 Mann zu reduzieren“. Damit wollte das vereinigte Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem wiedererstarkenden deutschen Militarismus dämpfen, den es jedoch jetzt wieder befördert.
Große Akzeptanz für die Militarisierung der Gesellschaft
Schon während der Regierungsära Merkel mit den (ungedienten) Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht sowie während der Ampel-Regierung mit Verteidigungsminister Pistorius wurde die Militarisierung der Gesellschaft energisch und gezielt vorangetrieben: Plötzlich hieß es wieder, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten im Fackelschein, Marschmusik und Zapfenstreich, Militärparaden, bessere Uniformen und Orden für unsere Soldaten, sichtbare Kasernenhöfe sowie einen Veteranentag für unsere Kriegserprobten und vorzeigbare Kampfgeräte in den Medien. Und wir brauchen Zivilschutz der Bevölkerung mitsamt Bunkern etc.
Es begann zugleich die Ächtung des Pazifismus, der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle, die militärische Werbung durch die Bundeswehr in Schulen und Kindergärten auch bei Minderjährigen und die Bereitschaft, wieder fürs Vaterland zu sterben durch stolze Rückbesinnung auf unser Soldatentum in den beiden zurückliegenden Weltkriegen, mit geschönten Bildern vom Militär – und mit Versprechungen für Kostenübernahme von Führerscheinen für Freiwillige.
Aufrüstung bedarf klarer Feindbilder zur Begründung
Dazu bedurfte es klarer Feindbilder (wie böse Russen und Chinesen) sowie militärische Präsenz unserer Soldaten auf dem Globus und in den Weltmeeren mit eigenen Fregatten. Und dazu bedurfte es massiver Aufrüstung mit Waffen, Waffen und nochmals Waffen, koste es, was es wolle. Mittlerweile ist die Akzeptanz für diese massive und alltägliche Militarisierung von Politik und Gesellschaft erreicht, mit gewissem Gewöhnungseffekt und mit täglicher Unterstützung durch die Medien. Die „Zeitenwende“ hat neben den Schulen auch die Hörsäle der Hochschulen erreicht, die vermehrt an militärisch nutzbaren Technologien forscht.
Schleifung der Zivilklausel: Auch die Hochschulen rüsten auf
Die Forschung mit militärischer Zielsetzung war bislang für unsere Hochschulen mit ihren Ethik-Richtlinien und Zivilklauseln absolutes Tabu und teilweise auch gesetzlich im Landeshochschulgesetzen z.B. von NRW ausgeschlossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen sollten. Nunmehr ist für die Hochschulen eine neue Rolle für die militärische Ausrichtung ihrer Forschung insbesondere im Technologie-Bereich zugedacht. Lehrstühle und Professuren für militärische Themenstellungen werden eingerichtet oder umgewidmet. Und die Friedens- und Konfliktforschung wird schwerpunktmäßig auf Sicherheit- und Verteidigungspolitik umorientiert. Die zuständigen Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie und Start-ups mit akademischer Forschung zusammenzubringen.
Die Rüstungsindustrie ist gewillt, mit ihren Geldern aus der Wirtschaft solche militärisch orientierten Hochschulprojekte zu finanzieren und zu fördern, etwa auch für innovative Waffensysteme wie neuartige Drohnen. Als Legitimation gilt die mögliche Verwendung solcher Systeme auch für den zivilen Gebrauch z.B. als Transportdrohnen. Voranmarschiert ist die Bundeswehrhochschule in München, wo z.B. Prof. Carlo Masala – bekannt aus wöchentlichen Fernseh-Talkshows – seine Professur für internationale Politik in einen “Lehrstuhl für Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ umetikettiert hat.
Wissenschaftliche Politikberatung durch „neutrale“ Rüstungslobbyisten?
Prof. Carlo Masala gilt als „Experte für bewaffnete Konflikte“ und arbeitete zeitweilig als Forschungsberater am NATO Defense College in Rom und hatte auch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Bei der CDU-nahen Hermann-Ehlers-Stiftung ist er Vorstandsmitglied. Er ist Berater des Deutschen Verteidigungsministeriums als Mitglied der von der Deutschen Rüstungsindustrie gesponserten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem ehemaligen Rüstungskonzern-Manager Thomas Enders von Airbus als Präsident.
Bei seinen ständigen Auftritten als „neutraler Rüstungsexperte“ in den Medien wird Prof. Masalas zuvor genannte Verflechtung mit der Rüstungslobby verschwiegen, was ein bezeichnendes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender wirft, die sich damit in den Dienst der staatlichen Propaganda stellen, statt ihre kritische Rolle als vierte Gewalt im Staate einzunehmen. Ähnliches gilt für den fast täglich im Fernsehen auftretenden Rüstungslobbyisten Dr. Christian Mölling, dem ehemaligen Vize-Direktor des Forschungsinstituts der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und Leiter des einflussreichen „Zentrums für Sicherheit und Verteidigung“, zu dem an anderer Stelle noch weiteres angemerkt ist.
Kriegsangst versus Kriegslust?
Seit Kriegsbeginn in 2022 schüren auch die Medien die propagandistische Kriegsangst über den angeblich kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die militärisch dreimal so starke NATO bzw. die EU und Deutschland, um die von langer Hand geplante massive Aufrüstungspolitik und die Militarisierung zu rechtfertigen. Die NATO mit ihren 8,7 Mio. Soldaten gibt 1,4 Billionen Euro für Rüstung und Militär aus (und erhält dafür in 2026 den „Westfälischen Friedenspreis“, gegenüber 130 Milliarden € Militärausgaben des Kriegstreibers Russland mit 3,6 Mio. Soldaten. Die atomare Überlegenheit und Drohung des konventionell unterlegenen Russlands führen zu eigenen atomaren Abschreckungs-Plänen in Westeuropa. Werden dadurch die Deutschen unter einem Atomschirm kriegsbereiter?
UN-Generalsekretär Antonio Guterres befürchtet die Ausweitung des Ukraine-Krieges in einen großen Krieg hinein mit dem Risiko eines Atomkrieges. Die Aussicht auf Frieden werde immer geringer, so seine Befürchtung. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sah es grundsätzlich ebenso: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“ Vielleicht sollten die Christdemokraten in Deutschland auf ihren Papst Leo XIV. hören, der im Oktober 2025 sagte: „Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen.“
„Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik“?
Vizekanzler Klingbeil hatte als SPD-Vorsitzender in 2022 vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Grundsatzrede hingegen erklärt: „Auch militärische Gewalt ist als legitimes Mittel der Politik zu sehen“. (Ganz im Sinne des preußischen Generalmajors von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts anderes als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“). Das versteht Klingbeil also unter Friedenspolitik, anders als Friedensnobelpreisträger und Abrüstungspolitiker Willy Brandt, der den Krieg als „ultima irratio“ verstand. Eine politische Zeitenwende auch bei den schrumpfenden Sozialdemokraten? Bei der heutigen Politiker-Generation ist die Unfähigkeit weit verbreitet, sich vorzustellen, was ein Krieg mit Russland oder gar ein Weltkrieg oder Atomkrieg bedeuten würde.
Das war auch die artikulierte Sorge von Altbundeskanzler Helmut Schmidt als leidgeprüfter Kriegsteilnehmer im 2. Weltkrieg. Vielleicht sollten die heutigen Genossen auf den verstorbenen Michail Gorbatschow hören. Er richtete seine deutliche Kritik an die heute politisch Verantwortlichen, die dem alten Denken verhaftet sind: „Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden – und sei es auch nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische Bühne räumen.“ Denn „Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet“.
„Unserer globalen Probleme können nicht durch Krieg gelöst werden“
Für Gorbatschow stand fest: Wir haben es mit einer Krise der politischen Führung zu tun. International wie auch national. „Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg geklärt werden. In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“. Schon John F. Kennedy wusste: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Denn unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen.
„Die Idee des Friedens ist unsterblich“ (Heinrich Mann in „Der lebende Tote“). Schon Albert Einstein rief deshalb dazu auf: „Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker brachte es auf den Punkt: „Eine Gesellschaft, die Waffengewalt als selbstverständlich zur Erlangung des Friedens akzeptiert, ist dringend therapiebedürftig.“ Der Therapiebedarf im massiv aufrüstenden Deutschland ist groß, dessen kriegsgeschädigte Menschen einstmals riefen: „Nie wieder Krieg!“
Supermacht Deutschland: Stärkste Armee und höchste Militärausgaben in der EU
Inzwischen hat Deutschland nach USA, China und Russland die höchsten Militärausgaben mit 88,5 Mrd. € in 2024. Damit hat Deutschland den höchsten Militärhaushalt aller europäischen NATO-Länder, den es bis 2029 noch wesentlich steigern will auf fast 153 Mrd. €., das ist fast eine Verdoppelung. Deutschland gehört zu den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt mit dem Höchststand von Rüstungsexporten für 8,1 Mrd. € in 2024, auch in Kriegs- und Krisenländer und Diktaturen.
Derzeit hat die Bundeswehr 215.000 Soldaten einschl. Reservisten in 2025, die bis 2035 auf eine Truppenstärke von 260.000 aktiven Soldaten erhöht werden soll zuzüglich 200.000 Reservisten als Zielgröße, so dass nach Einführung der Wehrpflicht über 460.000 Soldaten bereitstehen sollen, also eine Verdoppelung gegenüber heute. Laut Bundeskanzler Merz soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden.„Deutschland soll mehr militärische Verantwortung weltweit übernehmen“
Denn Deutschland soll „mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen“, da sich die USA als Ordnungsmacht aus vielen Regionen der Welt zurückziehen werde. Dazu hatte bereits zu Beginn des Jahres 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Deutschland ermahnt, und zwar vor der Weltöffentlichkeit auf der von der Rüstungsindustrie gesponserten „Münchener Sicherheitskonferenz“.
Die Begründung: Europa bleibt auf lange Sicht auf Rohstoffe aus anderen Regionen angewiesen. Es muss also aus eigenem wirtschaftlichem Interesse dort selbst für Zugang, Ordnung und Frieden sorgen zur Sicherung der Rohstoffe und Handelswege, notfalls auch militärisch – und als mächtigster EU-Staat sieht sich da fortan besonders Deutschland in der Pflicht.
Fundamentaler außen- und sicherheitspolitischer Wandel
Das verlangt einen fundamentalen außen- und sicherheitspolitischen Wandel, zu dem schon die damalige Große Koalition unter Kanzlerin Merkel bereit war, wie eingangs erwähnt. Die in der deutschen Bevölkerung umstrittene Rede Gaucks wurde seinerzeit flankiert von Reden der damals neuen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem abermaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Sie waren sich darin einig, dass auch in den Konfliktzonen im Nahen Osten, wo zu dem Zeitpunkt bereits 5.000 deutsche Soldaten eingesetzt waren, deutsche und europäische Interessen zu vertreten seien. (Und dorthin, wo das Grundgesetz direkte Bundeswehr-Kampfeinsätze verbietet, lieferte Deutschland zunehmend Ausrüstung und Ausbilder). Dagegen haben zugleich weite Teile der Deutschen gänzlich ablehnend auf Einmischung in die auswärtigen Konflikte reagiert. Doch die veränderte Militärpolitik Deutschlands und Europas begann schon viele Jahre früher, unbemerkt von der kritischen Öffentlichkeit.
Kampfsoldaten der EU als „schnelle Einsatztruppen“
Die gemeinsam veränderte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU mitsamt Aufrüstungsplänen begann schon 1999 nach dem EU-Gipfel von Helsinki mit der Aufstellung einer 60.000 Mann starken „schnellen Einsatztruppe“ und deren militärische Ausrüstung: Europa als Kampfgemeinschaft. Als Speerspitzen wurden Dutzende „Battlegroups“ für die weltweite Einsatzfähigkeit ab 2007 bis 2012 eingerichtet, wobei Deutschland die größten Kontingente mit den meisten Führungspositionen stellt. Innerhalb einer Woche sollen bei Bedarf die Kampfsoldaten an jeden Ort der Welt geschickt werden können. Später bekam die EU (vertragswidrig) einen eigenen Militäretat von anfangs 5 Mrd. € mit in Aussicht gestellter Aufstockung.
„In Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten herrscht Panik, weil man zum einen sieht, dass das Zeitalter der westlichen Hegemonie zu Ende geht und sich immer mehr Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika, von deren Ausbeutung der Westen lange gelebt hat, von unseren Regierungen abwenden, dass sie nicht mehr so erpressbar sind wie einst. (…) In dieser Lage suchen die dominierenden politischen Kräfte in der EU ihr Heil in einer schrankenlosen, in der Tat panischen Aufrüstung, um ihre Position aufrechtzuerhalten, ohne sich jedoch von der Unterwürfigkeit gegenüber den USA zu lösen“. (Zitat Fabian Scheidler).
Aufrüstungsverpflichtung und Aufrüstungsfond für alle EU-Staaten
Inzwischen hat die EU einen „Aufrüstungsfond“ eingerichtet in Höhe von 150 Mrd. €, um ihre Mitgliedsstaaten und europäische Unternehmen bei den Aufrüstungsvorhaben mit günstigen Krediten zu unterstützen, wovon 19 Staaten schon Gebrauch gemacht haben. Für 2025 verkündete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stolz, dass die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten insgesamt auf 381 Mrd. € gesteigert werden, davon 130 Mrd. € in Investitionen für neue Waffen.
Schon im Lissabonner EU-Grundlagenvertrag (als EU-Verfassungsersatz) von 2008 ist die Aufrüstung (statt Abrüstung) aller EU-Mitgliedsstaaten zum bindenden Verfassungsziel erhoben worden. Über die Aufrüstungsverpflichtungen der Mitgliedsstaaten wacht eine europäische „Rüstungsagentur“, die später in „Verteidigungsagentur“ umbenannt wurde (European Defence Agency EDA). Sie ist dem Rat der EU angegliedert, wird aus nationalen Haushaltsmitteln finanziert und ist mit einem eigenen Militärhaushalt für Sofortfinanzierungen ausgestattet. Deren damaliger Leiter Alexander Weis (ehemaliger Abteilungsleiter für Rüstung im deutschen Verteidigungsministerium) hatte das Jahr 2008 als „Europas Jahr der Rüstung“ angekündigt.
Weltweite Bundeswehreinsätze zur militärischen Intervention
Die Einsätze der Bundeswehr sollten sich schon seit 2003 nicht mehr geografisch eingrenzen lassen, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, damit Deutschland „seine Interessen und seinen internationalen Einfluss wahren kann“ – so auch am Hindukusch. Unter der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die 2018 als NATO-Generalsekretärin im Gespräch war, wurde 2016 ein neues „Weißbuch der Bundeswehr“ veröffentlicht, welches die veränderte Ausrichtung der Rüstungs- und Militärpolitik enthielt. Demnach sollte Deutschland „mehr Führungsverantwortung“ in der Welt übernehmen und den ungehinderten Zugang von Handelswegen notfalls auch militärisch sichern.
Fernziel sei eine europäische Verteidigungsunion mit einem militärischen EU-Hauptquartier. Denn in der EU bestand Konsens, die europäische Militärpolitik mit interventionistischen Einsätzen weltweit auszuweiten. Im Rahmen der NATO sollten militärische Interventionen auch zur Sicherung von Energie, insbesondere von Öl- und Gasressourcen in Afrika, Asien und Nahost erfolgen.
Das Drehbuch für die militärische „Zeitenwende“ wurde 2004 geschrieben
Schon in 2004, also 10 Jahre vor dem beginnenden Donbass-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, war für den Paradigmenwechsel der europäischen und deutschen Militärpolitik das Drehbuch verfasst worden, mit dem Augenmerk auf militärische und machtpolitische Fragen. Und zwar in der „European Defence Strategy (EDS)“ der Bertelsmann-Stiftung für die EU, ausgearbeitet von der Venusberg-Gruppe, an der sich auch die deutsche Rüstungs- und Militärpolitik mit der von Bundeskanzler Scholz propagierten „Zeitenwende“ sowie die Rüstungspolitik der jetzigen Bundesregierung mit ihrem militärischen „Sondervermögen“ seither konsequent ausrichtet, wie noch näher ausgeführt.
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung mit ihren Netzwerken als einflussreicher Fürsprecher einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik zugunsten des Aufbaus einer militärischen „Supermacht“ Europa empfahl in ihrem EU-Strategiepapier Europas Aufrüstung (auch als Nuklearmacht im Kampf um globalen Einfluss). Mit ihrer sicherheitspolitischen Agenda betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit für die Militärmacht Europa. Die EU soll innerhalb der globalen Wirtschafts- und Machtblöcke mit einer EU-Armee und einem eigenen Außenminister sowie gemeinsamen Geheimdiensten seine geostrategischen Interessen wahrnehmen, sich als Weltmacht definieren und zum globalen Militärakteur entwickeln, der bei Bedarf jeden Punkt der Welt kontrollieren kann.
Entwicklung der EU zur Militärunion auf Rat von Bertelsmann und DGAP
Die bis dahin zivile EU (als Friedensnobelpreisträger 2012) beschritt nun den Weg als „Militärunion“, zusätzlich zur NATO und den nationalen Militärpotenzialen, obwohl durch die EU-Verträge nicht abgedeckt. Die Frage zur Zukunft Europas wurde primär mit der angestrebten Augenhöhe mit den USA beim politischen und vor allem militärischen Einfluss in der Welt beantwortet. In ihrem Szenario der Supermacht Europa rät die Bertelsmann-Stiftung zum Abschied von der Idee einer Zivilmacht zur uneingeschränkten Hinwendung zu den Mitteln internationaler Machtpolitik einschließlich Kriegseinsätzen mit Offensivcharakter, zum Beispiel zur Ressourcen- und Rohstoffsicherung für Europa – ohne diese als humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Einhaltung von Menschenrechten oder als „Friedensmissionen“ länger zu kaschieren.
Daran die Bevölkerung Europas zu gewöhnen, wolle Bertelsmann publizistisch beitragen, zusammen mit ihrer „Venusberg-Group“ und der personell mit Bertelsmann verflochtenen „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), die vom Auswärtigen Amt und von der Industrie finanziert wird. In dieser besonders einflussreichen Organisation der Rüstungslobby tauschen sich Militärs und Geheimdienstler mit hochkarätigen Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern aus, wie man die Militarisierung der EU-Außenpolitik und gemeinsame Rüstungsprojekte voranbringen kann.
Neben der NATO künftig auch Einsätze von EU-Streitkräften?
Bereits auf dem EU-Gipfel in 2007 wurde nach den Strategie-Empfehlungen von Bertelsmann die Einrichtung eines europäischen Außenkommissars (quasi als EU-Außenminister) beschlossen und im Reformvertrag festgeschrieben. Mit der gleichzeitigen Zuständigkeit auch für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Handelspolitik sowie Entwicklungszusammenarbeit wurde durch die erweiterten Kompetenzen eine Machtfülle gebündelt, wie sie kein nationaler Minister hat. Mit der Zuständigkeit für Wirtschaft und Militärpolitik in einer Hand wurde dokumentiert, dass künftig auch mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte für Wirtschaftsinteressen zu rechnen ist.
Allerdings war damals noch nicht absehbar, dass sich die EU unter der kritikwürdigen Führung von Ursula von der Leyen – und nach autokratischen und rechtsnationalen Tendenzen in mehreren EU-Staaten mit Auswirkungen im EU-Parlament – zu einem geschwächten und uneinigen oder zerstrittenen Gebilde entwickelt hat, dass obendrein vom Trump-Amerika erpresst wird. Damit sind die eigenen Weltmachtambitionen der EU zumindest wirtschaftlich derzeit nur schwer realisierbar, aber militärisch nach drastischer Erhöhung aller Militärhaushalte und militärischer Emanzipation von den USA bereits vorangeschritten.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin mit Hilfe der Rechten im EU-Parlament gewählt und wiedergewählt wurde und bei Abstimmungen auch den Bruch der Brandmauer nutzt, macht die heutige EU als globale Akteurin nicht gerade glaubwürdiger, die obendrein bei der Flüchtlings- und Migrationspolitik die Menschenrechte verletzt, wie die Menschenrechtsorganisationen vorwerfen.
Die EU als politische und militärische Weltmacht?
Die EU soll demnach ihren Status als „wirtschaftliche Weltmacht“ ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. Die EU soll nach dem Willemn ihrer Führungseliten zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. Laut diesem Drehbuch für die Spitzenpolitiker müsse die EU zum weltweit einsatzfähigen „Sicherheitsakteur“ werden, der – so das damalige ehrgeizige Zeit-Ziel – bis 2015 alle Militärmissionen eigenständig (auch ohne Nato-Unterstützung) ausführen kann, der über die volle militärische „Eskalationsdominanz“ (inklusive Atomwaffen) verfügt und in der Lage ist, weltweit präventiv zu intervenieren, um Angriffe auf Europa oder europäische Interessen zu verhindern.
Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet daran, gesellschaftliche Akzeptanz für weltweite Kriegseinsätze herzustellen. So empfiehlt ein Strategiepapier aus dem Jahr 2005 den politischen Entscheidungsträgern, die EU-BürgerInnen von der Notwendigkeit der Weltmachtrolle zu überzeugen. Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung und der mit ihr kooperierenden Lobbyorganisation DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und den darin eingebundenen Politikern nutzen die Medien für ihre außen- und sicherheitspolitische Statements. Sie verbreiten auch Angst vor Terror, dem Aufstieg Chinas und der Knappheit fossiler Energieträger.
Europas „politische Führer“ sollen europäische Bevölkerung überzeugen
Der Tenor: Die Gefahren für den europäischen Wohlstand und das Leben der EU-Bürger können nicht länger allein mit zivilen Mitteln bekämpft werden Und das jüngste Venusberg-Papier setzt hinzu: “Europas politische Führer müssen gemeinsam die europäische Bevölkerung überzeugen, dass es jetzt an der Zeit ist, sich angemessen auf eine sichere Zukunft vorzubereiten, und dass dies Anstrengung, Engagement und Geld kosten wird.”
Vom Umbau der EU zur Weltmacht mit Eroberung neuer Märkte verspricht sich die Bertelsmann AG auch Vorteile für ihr mediales Kerngeschäft. Neben einer nützlichen militärisch flankierten Eroberung neuer Märkte kann vor allem die Bertelsmann-Tochter Arvato Geschäfte erwarten. Als Spezialistin unter anderem für Logistik und IT-Anwendungen aller Art kommt die Bertelsmann-Tochter Arvato sowohl für zivile wie militärische Government Services in Frage. Dafür betreiben Stiftung und Konzern ihre eigene Außenpolitik mit Expertenteams oder hochrangig besetzten Kongressen. Sie speisen ihre Vorstellungen durch eine Flut von Strategiepapieren, Expertisen und Ranking-Instrumenten sowie den engen persönlichen Kontakt zu den politischen Eliten in das politisch-administrative System ein.
„Führende Rolle Deutschlands in der Welt mit militärischer Verantwortung“
Nach den Strategiepapieren der vorgenannten Lobbyorganisationen soll Deutschland dabei eine neue führende Rolle in der Welt mit mehr (militärischer) Verantwortung übernehmen, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede auf der 50. Münchener Sicherheitskonferenz 2014 verriet, an der wohl die Rüstungslobby vorbereitend mitgeschrieben hat, und zwar in Person seines Redenschreibers Thomas Kleine-Brockhoff (damaliger Direktor der DGAP/“Gesellschaft für Auswärtige Politik“). Dort hatte Gauck vor aller Welt den Anspruch an eine neue deutsche Außenpolitik formuliert, mit der sich Deutschland auch militärisch weltweit entschiedener einbringen und „seinem Gewicht entsprechend“ reagieren soll. soll, (wie bereits seit 2011 an vielen Krisenschauplätzen in der Welt praktiziert).
Deutschland dürfe sich nicht „wegducken“, sondern solle ein Garant internationaler Sicherheit sein und sich auch militärisch engagieren in den Krisen ferner Weltreligionen, auch mit dem Einsatz von Soldaten und sich nicht „hinter dem Schutz der historischen Schuld verstecken“. Mit Stolz blickte er darauf, dass Deutschland seit 1994 ungefähr 240 mal über Auslandseinsätze der Bundeswehr beraten habe. Die Zeit des Misstrauens gegenüber deutscher Staatlichkeit sei vorbei. Deutschland dürfe „seine historischen Ängste nicht als Ausrede nutzen“ und müsse „sein Selbstbild korrigieren”. In Pressekommentaren wurde Gaucks umstrittene Rede als „Ärgernis“ empfunden.
Der jüdische Historiker Efraim Zuroff als Leiter des „Simon-Wiesenthal-Centers“ empörte sich schon in 2008 über die geschichtliche Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Ideologie durch den „ungeeigneten Bundespräsidenten“ Gauck wegen seiner öffentlichen Äußerungen und der Unterzeichnung der umstrittenen „Prager Erklärung“, die den Holocaust mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzte.
Klartext der Deutschen auf den „Münchener Sicherheitskonferenzen“
Die von der Rüstungslobby mitfinanzierten „Münchener Sicherheitskonferenzen“ von 2016 und 2018 hatten also (ohne vorherige Parlamentsdebatten oder öffentlichen Diskurs) bedenkliche militär- und rüstungspolitische Vorentscheidungen als Paradigmenwechsel politisch unwidersprochen präjudiziert. Die damals nur geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, flankiert vom damaligen Außenminister Steinmeier und dem Bundespräsidenten Gauck mit seiner erwähnten Rede oder später von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, legte sich in München erneut auf deutsche Auf- und Nachrüstungsverpflichtungen in nie dagewesener Höhe mit haushaltspolitischer Priorität fest.
Diese deutschen und europäischen Bestrebungen und Ambitionen werden also schon seit 10 Jahren von deutschen Spitzenpolitikern vor der Weltgemeinschaft öffentlich verkündet, manches auch schon vor der Krim-Annexion, da gab es noch keinen Ukraine-Krieg. In dem zugrunde liegenden Strategiepapier für die EU wird militärischer Klartext geredet, den die Politiker entsprechend übernommen haben, bis hinein in ihre Redetexte und Beschlüsse, schon lange vor der von Kurzzeit-Kanzler Scholz dann offiziell verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Die Hochrüstung und US-Raketenstationierung in Deutschland erinnert in ihrer politischen Dramatik an die Zeit der Wiederbewaffnung in den 1950-er Jahren, der mancher Politiker und Rüstungslobbyist nachtrauert. Damals wie heute sind die westlichen Aufrüstungsvorhaben gegen Moskau gerichtet.
Neue militärische Rolle Deutschlands und Europas
Vor allem Ursula von der Leyen skizzierte auf der Münchener Sicherheitskonferenz schon vor 8 jahren mit markigen Worten (am Grundgesetz mit dem Gebot der bloßen Landesverteidigung vorbei) eine ganz neue militärische Rolle Deutschlands und Europas. Mit einer europäischen Armee neben der NATO in einer „europäischen Militärunion“, wie kürzlich von der EU-Exekutive (am Bundestag vorbei) beschlossen, will sie die Militarisierung der Europapolitik vorantreiben statt eine neue Abrüstungsinitiative zu starten oder Entspannungspolitik mit dem Osten wiederzubeleben. Stattdessen das Motto der 1950-er Jahre: „Wenn die Russen kommen…“.
Alles läuft seither auf einen neuen „kalten Krieg“ (und absehbar auf einen sich ausbreitenden heißen Krieg?) hinaus, wie schon in der „Sicherheitspolitischen Agenda“ der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der EU vor Jahren entwickelt und empfohlen. Demgemäß der markige Originalton von der Leyen in München: „Deutschland braucht mehr militärisches Gewicht und darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken, sondern muss akzeptieren, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch tatsächlich eingesetzt werden, um für Sicherheit und Freiheit zu kämpfen.“
Deutsche Interessen erfolgreich am Hindukusch verteidigt?
In der fragwürdigen Rede von Ursula von der Leyens blieb unklar, wozu die Anstrengungen gut sein sollen. Denn Aufrüstung änderte daran nichts mehr, dass die NATO mit Deutschland sowie die USA im Juli 2021 den Taliban in Afghanistan das Feld kampflos überlassen haben, seitdem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt „deutsche Interessen am Hindukusch“ verteidigen wollte. Doch der dortige Militäreinsatz Deutschlands geschah nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses ohne Strategie und erkennbare Ziele, aber mit großem Schaden.
Die schonungslose Bilanz des knapp zwanzig Jahre währenden NATO-Einsatzes mit deutscher Unterstützung lautet: Das westliche Verteidigungsbündnis hinterlässt in Afghanistan nicht Frieden und Stabilität – sondern Chaos. Europäische und amerikanische Staatsbürger sollten schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden, ebenso deren afghanischen Helfer und Unterstützer, so lautete das nur teilweise eingehaltene deutsche Versprechen. Jetzt werden die Helfer von damals abgeschoben oder mit Geld zur Rückkehr veranlasst. Was aus den Afghanen und Afghaninnen unter den Taliban wird, scheint inzwischen unwichtig. Geht so “Werte geleitete” Außenpolitik?
„Die alte Liebe zum Militär wiederentdeckt“
In 2021 hielt die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dann als EU-Kommissionspräsidentin kurz nach dem militärischen Debakel von Afghanistan eine weitere Grundsatzrede „zur Lage der Union“, wo sie für mehr Rüstung plädierte und für eine engere Zusammenarbeit von EU und NATO. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Macron wollte die CDU-Politikerin die „Europäische Verteidigungsunion“ vorantreiben. Neben einer „schnellen Eingreiftruppe“ und einem eigenen militärischen Lagezentrum brauche die EU vor allem „politischen Willen“, erklärte sie. Die taz kommentierte: „Ursula von der Leyen hat ihre alte Liebe wiederentdeckt: das Militär.“
Ähnlich wie von der Leyen hatte sich zuvor ihre Amtsnachfolgerin im Verteidigungsministerium, Annegret Kramp-Karrenbauer geäußert: Die EU brauche mehr Willen zur Verteidigung und Deutschland müsse aufrüsten. Sie entsandte im August 2021 die deutsche Fregatte „Bayern“ durchs Südchinesische Meer in den Indo-Pazifik und später nach Australien und Ostasien sowie zum Horn von Afrika, „um Seewege zu sichern“ und „Flagge zu zeigen für unsere deutschen Interessen als große Handelsmacht und Exportnation”.
Militärische Sicherung von Handelswegen für die Exportnation Deutschland?
Das Engagement der Bundeswehr im Indopazifik sei angeblich erforderlich, um Chinas Machtstreben einzudämmen, als Reaktion auf die Absicht Chinas, die Rüstungsausgaben um 6,8% in 2012 zu steigern. Daraufhin sollten „unsere deutschen Soldaten“ einen wichtigen Beitrag leisten „zur Sicherung unserer Handelswege“ und im „Kampf gegen Terrorismus“. An diese richtete sie den Appell: „Soldatinnen und Soldaten: Genau das ist Ihr Kurs. (…) Sie sind das Aushängeschild unseres Landes und repräsentieren unsere Interessen der Bundesrepublik. Und stellen dabei die Leistungsfähigkeit unserer Marine unter Beweis.“ (Ob die selbst ernannte militärische Weltmacht Deutschland Eindruck auf die Chinesen gemacht hat?)
Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, die Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen auch mit militärischen Einsätzen als Betätigungsfeld der deutschen Bundeswehr (für wirtschaftliche Interessen quasi als Wirtschaftskriege) erwähnte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Lande mit Verweis auf das Grundgesetz, so dass er im Mai 2010 zurücktrat. Jahre später lösen solche Bekenntnisse keine Empörung mehr aus, sondern sind alltäglich akzeptierte politische Bestrebungen, auch wenn sie längst nicht mehr mit dem Grundgesetz und seinem dort verankerten Friedensgebot im Einklang stehen..
Rüstungslobbyisten beeinflussen maßgeblich die außenpolitische Strategie
Auffällig ist bei alledem der treibende Einfluss der deutschen Rüstungslobby auf die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung der deutschen Politik. Insbesondere die mehrfach erwähnte DGAP („Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation) mit ihrer zentralen Schlüsselrolle versucht nach eigenem Bekunden, „aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen“ und die drastische Erhöhung der Rüstungsausgaben zu legitimieren, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch. Ziemlich offensichtlich folgten der Kanzler, der Verteidigungsminister und die jeweiligen Außenminister (deren Ministerium die Lobbyorganisation sogar mitfinanziert), aktuell den Vordenkern und Vorgaben der DAGP bei ihrer politisch-militärischen „Zeitenwende“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“.
Der bereits erwähnte langjährige deutsche „Chefideologe“ der einflussreichen DGAP, Christian Mölling, wechselte im September 2024 nach Bertelsmann als Direktor im Programm „Europas Zukunft“. Den deutschen Fernsehzuschauern wird er allabendlich wie ein offizieller Regierungssprecher mit Interviews und Statement als “Rüstungs- und Sicherheitsexperte“ präsentiert, ohne seine Lobbyfunktion zu offenbaren. Er kann auch die politischen Strategien besser erklären als die gewählten Regierungsmitglieder und Parlamentarier, die seine „kompetenten“ Vorlagen mehr oder weniger laienhaft nachbeten.
Lobbyisten benutzen Politiker für strategische Umsetzung
Die geschickte Einbindung von aktiven und Ex-Politikern in ihre Netzwerke und für ihre Zwecke gelingt den Rüstungslobbyisten immer wieder problemlos. Als deren politische Rüstungslobbyisten betätigen sich vor allem auch ausgeschiedene Bundesminister wie Sigmar Gabriel (zugleich Vorsitzender der Atlantik-Brücke), Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Entwicklungsminister Niebel (Rheinmetall) sowie aktuell der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber als Vizepräsident „Political Affairs“ beim Waffenbaukonzern Elbit, und natürlich die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Mitglied in mehreren Rüstungslobby-Organisationen.
Hoch angesehen ist auch der ehemalige Diplomat und spätere Rüstungslobbyist des Hensoldt-Konzerns, Ischinger, der auch durch die Talkshows gereicht wird als langjähriger Vorsitzender der von Rüstungskonzernen gesponserten privaten „Münchener Sicherheitskonferenzen“. Das Zusammenspiel der Lobby-Netzwerke und auch die dubiose Rolle der „Atlantik-Brücke“, in der alle namhaften Politiker und Journalisten nebst Vertretern der Finanz- und Rüstungsindustrie und des Militärs eingebunden sind, bedürfte einen eigenen umfassenden Artikel und ist vom Autor dieser Zeilen in verschiedenen Zusammenhängen ausführlicher dargestellt und belegt worden.
Wie sich die wehrpflichtige Jugend gegen den Militarismus wehren kann
In diesen Kriegs- und Krisenzeiten wäre es dringend geboten, die Logik des Krieges zu durchbrechen und in Alternativen zu denken sowie den Friedensgedanken wieder zu beleben. Statt den Krieg zu gewinnen sollten wir den Frieden gewinnen und die Jugend dafür statt fürs Militärische zu begeistern. Unter dem Motto „Mich kriegt ihr nicht!“ und „Nein zum Krieg!“ wird im Internet unter www.kriegsdienstblocker.de eine Anleitung „zur kostenlosen Erstellung einer Kriegsdienstverweigerung“ dargeboten.
Dort heißt es: „Mut ist nicht, zu kämpfen. Mut ist, den Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern. Krieg werden von Mächtigen geplant, die ihre Macht ausweiten wollen, von Dummköpfen ausgeführt, und von Unschuldigen mit dem Leben bezahlt. Sei klug und werde nicht zum Spielball. Schütze dein Leben und deine Psyche. Du kannst Dich völlig frei entscheiden! Nutze Dein Recht!“ Zur Verfügung gestellt wird ein juristisch geprüftes Schreiben an das zuständige „Karriere-Center“ der Bundeswehr, dass unabhängig vom Verteidigungsfall eingereicht werden kann.
Mit „Friedensbotschaftern“ zum Bewusstseinswandel
„Werde Friedensbotschafter und erwecke Bewusstsein“, so lautet die Aufforderung an die jugendlichen Leser, „weil die Wehrkraft wieder vor der Tür steht. Weil Du nicht warten willst, bist deine Kinder eingezogen werden. Weil ziviler Widerstand mit friedlichen Mitteln beginnt. Weil jeder Flyer ein Hoffnungsschimmer sein kann.“ Jeder kann in 5.000 Haushalten mit kostenlos zur Verfügung gestellten Flyern ein Zeichen setzen. (In der NS-Zeit wäre eine solche Aktion als Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wohl mit dem Tode bestraft worden. Erst 2002 sind diese nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt worden, so dass es keinen vergleichbaren Straftatbestand mehr gibt, wohl aber den § 89 des Strafgesetzbuches zur „verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane“, mit einem Strafmaß von bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe).
Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Am 05. Dezember 2025 ist in mehreren deutschen Städten ein bundesweiter Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant, als Teil eines vom Bündnis der Friedensbewegung initiierten Aktionstages. In zahlreichen Orten, darunter Berlin, Bochum, Dortmund, Bielefeld, Essen, Göttingen, Hannover, Kassel, Köln, Münster, München, Potsdam und Trier laufen bereits konkrete Vorbereitungen. Die umfassende Militarisierung in allen Politikbereichen braucht auch nach Auffassung kritischer Gewerkschafter endlich entschiedenen Widerstand. Mit der Kraft der (auch historischen) Aufklärung, mit der Empathie mit den Opfern auf beiden Seiten und mit der Initiativkraft der sozialen Bewegungen könnte eine verstärkte Friedensbewegung wiederbelebt werden, denn Krieg bedeutet Entmenschlichung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Lokalkompass, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Links wurden nachträglich eingefügt.
Über Wilhelm Neurohr:
Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.
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Sind die Deutschen wieder kriegsbereit? Wie der „Mentalitätswandel“ vorangetrieben wird – Pazifismus war gestern – Militarismus ist heute
“Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Kriege.“ (Thomas Mann, 1914)
„Krieg ist die brutalste Form der Inhumanität und die dümmste Form, Konflikte zu lösen“ (Ilja Trojanow, 2025)
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“: Es ist nachweislich eine Propaganda-Lüge, dass die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands erst als Reaktion infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine politisch angestrebt wird. Diese Behauptung dient als Vorwand für die in Wahrheit schon viel längerfristig geplante Aufrüstung und militärische Mobilmachung in Deutschland sowie bei der EU und der NATO, wie hier dokumentiert. Die militärische „Zeitenwende“ hat einen langen Vorlauf nach vorbereitenden Drehbüchern seit der Jahrtausendwende, an der auch die Rüstungslobby mitgeschrieben hat, wie die Fakten belegen.
Denn schon zwei Jahrzehnte vor Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 und schon lange vor dem entbrannten russisch-ukrainischen Regionalkonflikt um den Donbass und die Krim ab 2014, gab es bereits die vorbereitende Rüstungs- und militärpolitische Umorientierung der deutschen und europäischen Geopolitik aus machtpolitischen Eigeninteressen. Die neue deutsche Außenpolitik mit einem grundlegenden militärpolitischen Kurswechsel setzte also schon weit vor dem Kriegsjahr 2022 und teils vor 2014 ein, mit befeuert von der EU, die Deutschland hierbei in eine militärische Führungsrolle drängt und Europa unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf eine Art „Kriegswirtschaft“ vorbereiten will.
„Wir sind noch nicht im Krieg“, aber kurz davor oder eigentlich mittendrin?
In der Ukraine-Krise bezieht Deutschland somit von Anfang an Position als führender Akteur der ganzen EU und bemüht sich um eine einheitliche Haltung gegen Russland: Deutschland sei als „militärische Führungsmacht in Europa“ gefordert, denn „die Verbündeten erwarten es und die Öffentlichkeit muss vorbereitet werden“, so die Verlautbarungen. Daran beteiligen sich sogar die Bischöfe der evangelischen Kirche mit ihrer neuen (regierungstreuen) Positionierung zur Aufrüstungspolitik in einer von der Friedensbewegung kritisierten Denkschrift von November 2025, bis hin zum Bekenntnis sogar zu Nuklearwaffen.
Laut Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sind wir zwar „noch nicht im Krieg mit Russland, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden“. Zumindest der hybride Krieg sei in vollem Gange, Und die ungeklärten Drohnenflüge haben bereits zu Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrages wegen schwerer Luftraumverletzungen geführt. Im November 2025 hat umgekehrt der Kreml „die NATO als im Krieg mit Russland“ bezeichnet, so dass sich die NATO und Russland einem direkten Konflikt nähern. In den Medien erscheint ein Angriff Russlands nicht mehr als eine „Ob“-Frage, sondern nur noch als eine „Wann“-Frage.
Ist Russland willens und in der Lage, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland könnte bis spätestens 2029 bzw. bereits schon früher in 2028 in der Lage sein, NATO-Territorium anzugreifen, warnten Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer bereits in 2024. Sie beriefen sich auf eine „Bedrohungsanalyse“ und auf nicht näher benannte „Geheimdienstinformationen“. Bundeswehrgeneral Sollfrank sah sogar Russland schon jetzt in der Lage, die NATO sofort anzugreifen, wie er 2025 in einem Interview kundtat. Bei weiterer Aufrüstung sei bis 2029 sogar ein Großangriff auf Europa durch Russland denkbar.
Indirekt ist Deutschland mit seiner Beteiligung an der „Materialschlacht“ bei Rüstungsgütern für die Ukraine längst an der Schwelle zur Kriegspartei und trägt damit zur Eskalation statt zur Deeskalation bei. Der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall muss aktuell Aufträge von 64 Mrd. € abarbeiten, so dass deren Chef Papperger im November 2025 jubelte: „Wir werden globaler Rüstungs-Champion!“ Rheinmetall macht Geschäfte mit der Angst vor dem Krieg. Und die deutsche Regierung setzt ausschließlich auf die militärische Karte, denn ernsthafte diplomatische Bemühungen sind nicht mehr erkennbar.
“Dabei ist das Argument für die Aufrüstung, nämlich dass Russland vorhabe, NATO-Länder anzugreifen, vollkommen unglaubwürdig. Selbst die US-Geheimdienste sagen unisono in ihrem jährlichen Bericht, dass Russland keinerlei Interesse daran hat. Es wäre ja auch Selbstmord angesichts der erdrückenden Übermacht der NATO. Und wie sollte, selbst wenn die russische Führung suizid veranlagt wäre, eine russische Armee, die seit Jahren größte Mühe hat, einzelne ostukrainische Dörfer zu erobern, plötzlich Warschau, Berlin und Paris überrollen?“ So lautet die nachvollziehbare Einschätzung des preisgekrönten Journalisten und Buchautors Fabian Scheidler (auf die nachfolgend noch weiter eingegangen wird). Er fragt: Ist der Politik der gesunde Menschenverstand abhandengekommen und hat sie Maß und Ziel verloren sowie Logik verlernt?
“Zeitenwende”: Neue deutsche Außen- und Militärpolitik
Schon die damalige große Koalition (GroKO) mit Ursula von der Leyen (CDU) als Bundesverteidigungsministerin und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Außenmister kündigte bereits im März 2014 unter Kanzlerin Merkel „eine neue deutsche Außenpolitik mit verstärkten Militäreinsätzen in aller Welt“ an, obwohl laut Umfragen 61% der Bevölkerung dagegen sind. Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisierte die im Koalitionsvertrag enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Friedensbewegte wie Margot Kässmann kritisierten die neue deutsche Außenpolitik auch deshalb, weil damit das deutsche Militär zwischen Konfliktparteien in Bürgerkriege geraten könnte. Während der letzten GroKo waren die Exporte von deutschen Kleinwaffen in Krisenregionen um 47% gestiegen. Schon zu GroKo-Zeiten wurde der „Globalisierungsrausch“, der unsere Gesellschaft bis heute gespalten hat, durch einen beginnenden „Militarisierungsrausch“ abgelöst, der auch die EU erfasst hatte.
Mit der „Zeitenwende“-Rede des späteren Ampel-Kanzlers Olaf Scholz am 27. Februar 2022 wurde die Zäsur in der deutschen Außenpolitik mit der Einrichtung eines 100 Mrd. Sondervermögens für Militär und Rüstung konkret sichtbar und von den drei Ampel-Parteien und der CDU-Opposition im Bundestag mit Standing Ovations bejubelt. Jährlich sollte mehr als 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rüstung und Militär ausgegeben werden, schwerpunktmäßig für Eurodrohnen, bewaffnete Heron-Drohnen aus Israel, für die Beschaffung des Kampfflugzeuges F-35 sowie zur Befähigung des Eurofighters zur elektronischen Kampfführung – geradewegs so, als habe die Rüstungslobby hier das Drehbuch geschrieben. Die Bundesregierung plant laut Medienberichten in den kommenden Jahren fast 380 Mrd. € für Rüstung und Militär auszugeben. Dabei führt die aktuelle Aufrüstungspolitik mit einem Rekordwert von über 2,7 Bio. US-Dollar weltweit in eine Sackgasse.
Inzwischen gilt der EU-Beschluss, dass bis 2035 alle Mitgliedsstaaten sogar 3,5% des BIP für Rüstungsgüter und Soldaten auszugeben haben plus weitere 1,5% für militärische Infrastruktur, also insgesamt 5%. Die Behauptung eines „sträflich unterfinanzierten Militärs“ hat aber auch vorher schon nicht gestimmt. In der NATO soll und will Deutschland obendrein das zweitgrößte „Fähigkeitspaket“ innerhalb der Allianz übernehmen, weil die USA ihr Kontingent verringern will. Deutschland als zukünftige militärische Supermacht in der EU?
„Fahrplan für den Krieg“ im Modus der „Kriegswirtschaft“
Im Oktober 2025 präsentierten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte, flankierend zur deutschen „Zeitenwende“, eine Art „Fahrplan für den Krieg“ als „Plan zur Wiederaufrüstung Europas“, mit gleichzeitiger Aufnahme in das Weißbuch zur europäischen Verteidigung und (mit Einsatz von zunächst zweimal 500 Millionen Euro zur Anschubfinanzierung). „Unsere Industrie muss jetzt in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“, verkündete zuvor der ausgeschiedene EU-Binnenkommissar Thierry Breton. Er hatte schon im März 2024 zusammen mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine Strategie für die EU-Rüstungsindustrie vorgestellt, um die Rüstungsproduktion massiv anzukurbeln. Die Rede war vom „Wechsel von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft“.
Damit gab sich die EU-Kommission in ihrer Rüstungsindustrie-Strategie selbst eine zentrale Rolle, die ihr gegenüber den EU-Staaten nicht zustand. Diese Ambitionen der EU und ihrer deutschen Kommissionspräsidentin waren im Grundsatz schon viele Jahre vor dem Ukraine-Konflikt entwickelt und verkündet worden, wie mehrere Reden der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin von der Leyen auf den Münchener Sicherheitskonferenzen und vor dem EU-Parlament belegen, wobei sie Deutschland eine besondere Führungsrolle zugedacht hat, wie hier an anderer Stelle noch weiter dokumentiert. Die Drehbücher dazu wurden bereits in 2004 und in den nachfolgenden Jahren vor ein bis zwei Jahrzehnten von Lobbyorganisationen geschrieben, wie hier später noch weiter nachzulesen – wahrlich keine „Verschwörungstheorien“.
NATO-Militärmanöver 2020 entlang der russischen Grenze
Zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Krieges plante die NATO im Februar 2020 mit „Defender-Europe 2020“ das größte Militärmanöver seit 25 Jahren an der russischen Grenze mit 38.000 Soldaten aus 19 Nationen und 6.000 eingeflogenen Soldaten aus den USA. Trainiert werden sollte auch ein blitzschneller Truppentransport auf der Route von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland als reale Kriegsübung. Die NATO-Staaten machen auf diese Weise sowie mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine und Waffenausbildungen der ukrainischen Soldaten, ferner mit Geheimdienstinformationen den 2022 von Russland begonnenen Ukraine-Krieg zu ihrem eigenen Krieg, auch wenn sie selbst keine Kampftruppen in die Ukraine entsenden
In Polen, im Baltikum und in Georgien sollen die NATO-Verbündeten, die in konventionellen Militärkapazitäten Russland um ein Vielfaches überlegen sind, in parallelen Manövern den bewaffneten Kampf gegen Russland an der Ostflanke üben. Dabei hatte die Nato in der „NATO-Russland-Grundakte“ aus dem Jahr 1997 Russland die Zusage gegeben, sich im Grenzgebiet zurückzuhalten, statt Russland zu provozieren. Allein wegen der Corona-Pandemie COVID-19 musste die Großübung „Defender Europe 2020“ vorzeitig abgebrochen werden. US-Soldaten kehrten zurück und nationale Übungen wurden gestoppt.
Verstärkte NATO-Präsenz an der Ostflanke
Jedoch sollte das Manöver im Grenzgebiet kein einmaliges Großereignis der NATO bleiben. Inzwischen hat die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke massiv verstärkt. Allein Polen entsendet 40.000 Soldaten an seine Ostgrenze. Deutschland stationiert Bundeswehr-Soldaten dauerhaft in Litauen: Bis Ende 2027 wird eine Panzerbrigade 45 mit rund 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern aufgebaut, „um die NATO-Ostflanke zu stärken“.
In 2025 beendete die Bundeswehr erfolgreich ihre Übungsserie zum Schutz der Ostflanke der „North Atlantic Treaty Organization“. Rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr übten zusammen mit Kräften aus 13 Nationen die Bündnisverteidigung. Im Oktober 2025 ging das diesjährige Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“ von 14 NATO-Staaten mit deutscher Beteiligung zu Ende. Es exerzierte einen etwaigen Angriff mit in Europa gelagerten US-Kernwaffen durch, bei dem auch Jets der deutschen Luftwaffe zum Einsatz kämen. Aktuell läuft die Debatte über einen von den USA unabhängigen europäischen Nuklearschirm.
Weltkriegsgefahr: Vorbereitungen für den großen Krieg?
So genannte „Militärexperten“ sekundierten nach entsprechenden Andeutungen des russischen Außenministers: „Wir müssen die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges denken“. Von der US-Denkfabrik „Atlantic Council“ erwarten 45% der Militärexperten einen Krieg zwischen Russland und der NATO. „Die Ukraine muss die Russen besiegen“, so hieß es deshalb 2022 zu Kriegsbeginn von deutschen Politikern. Dabei gibt es in einem Krieg keine Gewinner und Verlierer, sondern stets Verlierer und Verluste auf beiden Seiten.
Doch 2023 sprach Außenministerin Baerbock sogar davon: „Wir befinden uns im Krieg mit Russland“ und „wir wollen Russland ruinieren“ durch die Sanktionen, ruderte aber dann mit ihren Aussagen zurück. In 2024 waren bei der ukrainischen Offensive im westrussischen Kursk bereits deutsche Marder-Schützenpanzer gegen die Russen auf russischem Territorium im Einsatz und Russland warnte die NATO-Staaten und insbesondere Deutschland vor direkter militärischer Unterstützung an der Front. Angesichts der deutschen Geschichte ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute in Deutschland mit dem Feindbild Russland von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, absolut erschreckend.
Im März 2022, nach den gescheiterten Vermittlungsversuch der türkischen Regierung für Friedensverhandlungen zwischen dem russischen und ukrainischen Außenminister, wurde der türkische Außenminister Mevlüt Cavisoglu mit den Worten zitiert: „Ich hatte den Eindruck, dass es innerhalb der NATO-Mitgliedsstaaten Kräfte gibt, die eine Fortsetzung des Krieges wollten – damit der Krieg weitergeht und Russland schwächer wird. Die Lage in der Ukraine ist ihnen ziemlich egal.“
Stationierung von Marschflugkörpern mit Reichweite bis zum Ural
Im Juli 2024 hatte „Zeitenwende-Kanzler“ Olaf Scholz im Alleingang ohne Parlamentsbeteiligung die schon lange vorbereitete Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern „Tomahawks“ mit großer Reichweite bis hinter den Ural und mit Eignung für Atomsprengköpfe mit den USA vereinbart, wegen der angeblichen Bedrohung aus Russland. Die Stationierung soll ab 2026 beginnen.
Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisiert die im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung Merz/Klingbeil enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Frieden schaffen mit immer mehr Waffen, um zuvor den Angreifer Russland militärisch zu besiegen oder „abzuschrecken“, der angeblich innerhalb der nächsten 3 bis 4 Jahre einen Angriff auf Osteuropa und Deutschland plant? Es wäre der erste Angriff Russlands auf Deutschland, aber der dritte im umgekehrten Fall, daran sei nochmal erinnert.
Setzt Deutschland auf Konfrontation statt Entspannung?
„Wegen der bröckelnden westlichen Dominanz soll durch die beispiellose Aufrüstung davon abgelenkt werden, dass die Politik eigentlich am Ende ist und keine Antworten mehr hat auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte Fabian Scheidler in einem Interview (Buchautor: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“).
Nach Beendigung des „Kalten Krieges“ durch Entspannungspolitik zu Zeiten von Willy Brandt hat insbesondere die SPD unter „Zeitenwende“-Kanzler Scholz und dem jetzigen Vizekanzler Klingbeil die russische Invasion zum Anlass genommen, die friedenspolitische Tradition zu entsorgen und ausschließlich auf Konfrontation zusetzen. Die NATO-Osterweiterung war nach Auffassung von Scheidler bereits die Vorbereitung der „Zeitenwende“ und der Weg in neue Blockkonfrontation sowie Gesprächsverweigerung mit Moskau.
„Deutschland muss sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen“
Im eigenen Land scheint allerdings die nachrichtendienstlich untermauerte Spekulation über den angeblich bevorstehenden Kriegsbeginn weithin unpopulär zu sein, anders als der populäre Verteidigungsminister selber, der in Umfragen Spitzenwerte der Beliebtheit bei Deutschen erreicht. Und das trotz seiner Aussage: „Deutschland müsse sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen.“ (Deshalb erreicht ein „Kriegsminister“ bei den Deutschen höchste Beliebtheitswerte?). Soll die langjährige Friedenssehnsucht der Deutschen durch erneute Kriegssehnsucht abgelöst werden, um von den inneren Sozialkonflikten abzulenken und den Widerstand gegen Sozialkürzungen zugunsten militärischer Investitionen zu brechen?
Die von Pistorius erstrebte „Kriegstüchtigkeit“ erfordere deshalb eine von ihm angemahnte „Neuausrichtung der deutschen Mentalität“ – damit auch die Pazifisten das Militärische lieben lernen? So fordern es vor allem seine ständigen Berater von der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation). Denn „ohne Feindbilder und Leidenschaften bei den Menschen gelingt keine Kriegsführung“, wusste schon der Psychoanalytiker Erich Fromm.
Da laut Umfragen das Vertrauen in Parteien und Regierungen im Inneren derzeit extrem gering ist, scheint es den deutschen Politikern sehr nützlich zu sein, „auf einen äußeren Feind zu setzen, wie z.B. Putin als dämonische Kraft, die die Grundfeste unserer Zivilisation bedroht und mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. (…) Dadurch werden Abwägungsprozesse und differenzierendes Denken ausgeschaltet, die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, schreibt der bereits zitierte Fabian Scheidler in seinem aktuellen Buch über die Feindbilder.
Einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung – Militarisierung wie im Kaiserreich?
Die öffentlich-rechtlichen Medien helfen dabei mit, die mentale Bereitschaft für einen möglichen Krieg zu stärken, auch mit einseitigen Talkshows voller Bellizisten, oder auch mit Sendetiteln wie: „Immer mehr Menschen wollen Reservisten werden“. Wir erleben in Deutschland nun wieder „eine Militarisierung, die in mancher Beziehung an das Kaiserreich vor dem ersten Weltkrieg erinnert“, bemerkt Buchautor Fabian Scheidler. Der Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ stammt ursprünglich vom US-amerikanischen Politiker Hiram Johnson. Er wird häufig verwendet, um zu beschreiben, dass im Krieg Propaganda und Lügen oft dazu dienen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, während die Wahrheit in den Hintergrund tritt, wie sie hier aufgespürt werden soll.
Zur Wahrheit gehört auch, dass vorgesehene 5% des Bruttoinlandproduktes als Ausgabe für das Militär etwa 50% des Bundeshaushaltes bedeuten – beim Kaiserreich waren es 60%. Das tat der Kriegsbegeisterung im August 1914 und der Siegesgewissheit keinen Abbruch. Heute muss noch am Patriotismus der wehrpflichtigen Jugendlichen gearbeitet werden, die der 45-jährige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn zum „Dienst am Vaterland“ aufruft – obwohl er selber ausgemustert wurde und weder Wehrdienst noch Wehrersatzdienst leistete. Er wäre allerdings noch jung genug, um sich nun freiwillig zu melden und mit „gutem Beispiel“ voranzugehen, so möchte man ihm empfehlen.
„In 5 Jahren muss die ganze Gesellschaft kriegstüchtig sein“
Es kursieren bereits diverse Termine für die „kurzfristig bevorstehenden militärischen Konflikte“ mit Russland. Mancher Militärstratege kann es kaum noch erwarten – wann geht es los? „Bisher lag die Reife der Deutschen darin, dass es in Deutschland 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Stimmung gab, wieder in den Krieg zu ziehen“ (Margot Kässmann).
Diese Stimmung soll sich durch den politisch angestrebten und forcierten „Mentalitätswechsel“ in der Bevölkerung ändern – mit gewissem Erfolg, wie die sich verändernden Umfrage-Ergebnisse und die Debatten um die Wiedereinführung des Wehrdienstes zeigen. Der Generalinspekteur Carsten Breuer insistierte: Nicht nur die Bundeswehr, auch die deutsche Gesellschaft müsse in fünf Jahren kriegstüchtig sein. Dort gehen aber die Meinungen weit auseinander. Deshalb sei es vor dem Hintergrund der Kriegsszenarien und der Militarisierung mitsamt Rüstungsexporten „noch ein anstrengender Weg, die Ängste und Sorgen der Menschen abzubauen“, so heißt es im Magazin „politik & kommunikation“.
Meinungsumfragen mit widersprüchlichen Antworten
Auf die Frage, ob Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern solle, antworteten 2025 laut Statista 51% mit nein und nur 38% mit ja. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ipsos im Januar 2025, wonach fast die Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine sind. Nach einer Insa-Umfrage von Februar 2025 sprachen sich ebenfalls die Hälfte der Befragten dafür aus, die Ukraine weder mit Waffen noch mit Geld zu unterstützen. 55% wollen auch keinen EU-Beitritt der korrupten Ukraine. In Umfragen von August 2025 lehnten 51% der deutschen den Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine „zur Friedenssicherung“ ab, nur 36% waren dafür. Das sind sicherlich noch keine überzeugenden Belege für die politisch angestrebte „Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung“.
Anderes zeigt die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2025, wonach 67% der Bevölkerung hinter Deutschlands militärischer Unterstützung für die Ukraine steht und sogar 27% mehr Unterstützung für Kiew befürworteten. Auch aktuelle Fragen vom Oktober und November 2025 zur Wehrpflicht gehen weit auseinander: Laut Forsa sind 54% für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und 41% dagegen. Die betroffenen jungen Menschen lehnen dagegen eine Wehrpflicht mehrheitlich ab; nur 16% würden kämpfen. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird laut Forsa von 67% der Bevölkerung befürwortet und nur von 30% als falsche Entwicklung abgelehnt. Das wird die Rüstungsindustrie mit ihren explodierenden Börsenkursen freuen, deren Aktien inzwischen als „nachhaltige Kapitalanlage“ anerkannt werden (und deshalb sicherlich auch viele Politiker sich vor deren Erwerb nicht scheuen?).
Angestrebter „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung erreicht
Wen interessiert es noch, dass Umfragen zufolge sich zu Beginn des Ukraine-Krieges noch über 70% der Deutschen gegen eine weitere Aufrüstung und Erhöhung des Verteidigungsetats aussprachen? Erschreckend war deshalb das Schweigen der Zivilgesellschaft und der kaum noch existenten Friedenbewegung zur politisch propagierten Militarisierung. Doch inzwischen laufen alle Propagandakanäle auch in den Medien, um einen „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung zu erreichen, offenbar mit Erfolg. Das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr sieht Deutschland in einer „militärischen Führungsrolle“ und hat in seiner jährlichen Bevölkerungsbefragung ermittelt, dass sich nunmehr in 2025 die Bürgerinnen und Bürger zu 64% für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und zu 65% für einen „personellen Aufwuchs der Bundeswehr“ aussprechen.
Damit hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihre Selbstbindung aus dem „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ vom 30. August 1990 aufgegeben. Darin hatte sie sich verpflichtet, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands „auf eine Personalstärke von 370.000 Mann zu reduzieren“. Damit wollte das vereinigte Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem wiedererstarkenden deutschen Militarismus dämpfen, den es jedoch jetzt wieder befördert.
Große Akzeptanz für die Militarisierung der Gesellschaft
Schon während der Regierungsära Merkel mit den (ungedienten) Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht sowie während der Ampel-Regierung mit Verteidigungsminister Pistorius wurde die Militarisierung der Gesellschaft energisch und gezielt vorangetrieben: Plötzlich hieß es wieder, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten im Fackelschein, Marschmusik und Zapfenstreich, Militärparaden, bessere Uniformen und Orden für unsere Soldaten, sichtbare Kasernenhöfe sowie einen Veteranentag für unsere Kriegserprobten und vorzeigbare Kampfgeräte in den Medien. Und wir brauchen Zivilschutz der Bevölkerung mitsamt Bunkern etc.
Es begann zugleich die Ächtung des Pazifismus, der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle, die militärische Werbung durch die Bundeswehr in Schulen und Kindergärten auch bei Minderjährigen und die Bereitschaft, wieder fürs Vaterland zu sterben durch stolze Rückbesinnung auf unser Soldatentum in den beiden zurückliegenden Weltkriegen, mit geschönten Bildern vom Militär – und mit Versprechungen für Kostenübernahme von Führerscheinen für Freiwillige.
Aufrüstung bedarf klarer Feindbilder zur Begründung
Dazu bedurfte es klarer Feindbilder (wie böse Russen und Chinesen) sowie militärische Präsenz unserer Soldaten auf dem Globus und in den Weltmeeren mit eigenen Fregatten. Und dazu bedurfte es massiver Aufrüstung mit Waffen, Waffen und nochmals Waffen, koste es, was es wolle. Mittlerweile ist die Akzeptanz für diese massive und alltägliche Militarisierung von Politik und Gesellschaft erreicht, mit gewissem Gewöhnungseffekt und mit täglicher Unterstützung durch die Medien. Die „Zeitenwende“ hat neben den Schulen auch die Hörsäle der Hochschulen erreicht, die vermehrt an militärisch nutzbaren Technologien forscht.
Schleifung der Zivilklausel: Auch die Hochschulen rüsten auf
Die Forschung mit militärischer Zielsetzung war bislang für unsere Hochschulen mit ihren Ethik-Richtlinien und Zivilklauseln absolutes Tabu und teilweise auch gesetzlich im Landeshochschulgesetzen z.B. von NRW ausgeschlossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen sollten. Nunmehr ist für die Hochschulen eine neue Rolle für die militärische Ausrichtung ihrer Forschung insbesondere im Technologie-Bereich zugedacht. Lehrstühle und Professuren für militärische Themenstellungen werden eingerichtet oder umgewidmet. Und die Friedens- und Konfliktforschung wird schwerpunktmäßig auf Sicherheit- und Verteidigungspolitik umorientiert. Die zuständigen Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie und Start-ups mit akademischer Forschung zusammenzubringen.
Die Rüstungsindustrie ist gewillt, mit ihren Geldern aus der Wirtschaft solche militärisch orientierten Hochschulprojekte zu finanzieren und zu fördern, etwa auch für innovative Waffensysteme wie neuartige Drohnen. Als Legitimation gilt die mögliche Verwendung solcher Systeme auch für den zivilen Gebrauch z.B. als Transportdrohnen. Voranmarschiert ist die Bundeswehrhochschule in München, wo z.B. Prof. Carlo Masala – bekannt aus wöchentlichen Fernseh-Talkshows – seine Professur für internationale Politik in einen “Lehrstuhl für Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ umetikettiert hat.
Wissenschaftliche Politikberatung durch „neutrale“ Rüstungslobbyisten?
Prof. Carlo Masala gilt als „Experte für bewaffnete Konflikte“ und arbeitete zeitweilig als Forschungsberater am NATO Defense College in Rom und hatte auch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Bei der CDU-nahen Hermann-Ehlers-Stiftung ist er Vorstandsmitglied. Er ist Berater des Deutschen Verteidigungsministeriums als Mitglied der von der Deutschen Rüstungsindustrie gesponserten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem ehemaligen Rüstungskonzern-Manager Thomas Enders von Airbus als Präsident.
Bei seinen ständigen Auftritten als „neutraler Rüstungsexperte“ in den Medien wird Prof. Masalas zuvor genannte Verflechtung mit der Rüstungslobby verschwiegen, was ein bezeichnendes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender wirft, die sich damit in den Dienst der staatlichen Propaganda stellen, statt ihre kritische Rolle als vierte Gewalt im Staate einzunehmen. Ähnliches gilt für den fast täglich im Fernsehen auftretenden Rüstungslobbyisten Dr. Christian Mölling, dem ehemaligen Vize-Direktor des Forschungsinstituts der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und Leiter des einflussreichen „Zentrums für Sicherheit und Verteidigung“, zu dem an anderer Stelle noch weiteres angemerkt ist.
Kriegsangst versus Kriegslust?
Seit Kriegsbeginn in 2022 schüren auch die Medien die propagandistische Kriegsangst über den angeblich kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die militärisch dreimal so starke NATO bzw. die EU und Deutschland, um die von langer Hand geplante massive Aufrüstungspolitik und die Militarisierung zu rechtfertigen. Die NATO mit ihren 8,7 Mio. Soldaten gibt 1,4 Billionen Euro für Rüstung und Militär aus (und erhält dafür in 2026 den „Westfälischen Friedenspreis“, gegenüber 130 Milliarden € Militärausgaben des Kriegstreibers Russland mit 3,6 Mio. Soldaten. Die atomare Überlegenheit und Drohung des konventionell unterlegenen Russlands führen zu eigenen atomaren Abschreckungs-Plänen in Westeuropa. Werden dadurch die Deutschen unter einem Atomschirm kriegsbereiter?
UN-Generalsekretär Antonio Guterres befürchtet die Ausweitung des Ukraine-Krieges in einen großen Krieg hinein mit dem Risiko eines Atomkrieges. Die Aussicht auf Frieden werde immer geringer, so seine Befürchtung. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sah es grundsätzlich ebenso: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“ Vielleicht sollten die Christdemokraten in Deutschland auf ihren Papst Leo XIV. hören, der im Oktober 2025 sagte: „Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen.“
„Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik“?
Vizekanzler Klingbeil hatte als SPD-Vorsitzender in 2022 vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Grundsatzrede hingegen erklärt: „Auch militärische Gewalt ist als legitimes Mittel der Politik zu sehen“. (Ganz im Sinne des preußischen Generalmajors von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts anderes als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“). Das versteht Klingbeil also unter Friedenspolitik, anders als Friedensnobelpreisträger und Abrüstungspolitiker Willy Brandt, der den Krieg als „ultima irratio“ verstand. Eine politische Zeitenwende auch bei den schrumpfenden Sozialdemokraten? Bei der heutigen Politiker-Generation ist die Unfähigkeit weit verbreitet, sich vorzustellen, was ein Krieg mit Russland oder gar ein Weltkrieg oder Atomkrieg bedeuten würde.
Das war auch die artikulierte Sorge von Altbundeskanzler Helmut Schmidt als leidgeprüfter Kriegsteilnehmer im 2. Weltkrieg. Vielleicht sollten die heutigen Genossen auf den verstorbenen Michail Gorbatschow hören. Er richtete seine deutliche Kritik an die heute politisch Verantwortlichen, die dem alten Denken verhaftet sind: „Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden – und sei es auch nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische Bühne räumen.“ Denn „Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet“.
„Unserer globalen Probleme können nicht durch Krieg gelöst werden“
Für Gorbatschow stand fest: Wir haben es mit einer Krise der politischen Führung zu tun. International wie auch national. „Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg geklärt werden. In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“. Schon John F. Kennedy wusste: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Denn unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen.
„Die Idee des Friedens ist unsterblich“ (Heinrich Mann in „Der lebende Tote“). Schon Albert Einstein rief deshalb dazu auf: „Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker brachte es auf den Punkt: „Eine Gesellschaft, die Waffengewalt als selbstverständlich zur Erlangung des Friedens akzeptiert, ist dringend therapiebedürftig.“ Der Therapiebedarf im massiv aufrüstenden Deutschland ist groß, dessen kriegsgeschädigte Menschen einstmals riefen: „Nie wieder Krieg!“
Supermacht Deutschland: Stärkste Armee und höchste Militärausgaben in der EU
Inzwischen hat Deutschland nach USA, China und Russland die höchsten Militärausgaben mit 88,5 Mrd. € in 2024. Damit hat Deutschland den höchsten Militärhaushalt aller europäischen NATO-Länder, den es bis 2029 noch wesentlich steigern will auf fast 153 Mrd. €., das ist fast eine Verdoppelung. Deutschland gehört zu den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt mit dem Höchststand von Rüstungsexporten für 8,1 Mrd. € in 2024, auch in Kriegs- und Krisenländer und Diktaturen.
Derzeit hat die Bundeswehr 215.000 Soldaten einschl. Reservisten in 2025, die bis 2035 auf eine Truppenstärke von 260.000 aktiven Soldaten erhöht werden soll zuzüglich 200.000 Reservisten als Zielgröße, so dass nach Einführung der Wehrpflicht über 460.000 Soldaten bereitstehen sollen, also eine Verdoppelung gegenüber heute. Laut Bundeskanzler Merz soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden.„Deutschland soll mehr militärische Verantwortung weltweit übernehmen“
Denn Deutschland soll „mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen“, da sich die USA als Ordnungsmacht aus vielen Regionen der Welt zurückziehen werde. Dazu hatte bereits zu Beginn des Jahres 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Deutschland ermahnt, und zwar vor der Weltöffentlichkeit auf der von der Rüstungsindustrie gesponserten „Münchener Sicherheitskonferenz“.
Die Begründung: Europa bleibt auf lange Sicht auf Rohstoffe aus anderen Regionen angewiesen. Es muss also aus eigenem wirtschaftlichem Interesse dort selbst für Zugang, Ordnung und Frieden sorgen zur Sicherung der Rohstoffe und Handelswege, notfalls auch militärisch – und als mächtigster EU-Staat sieht sich da fortan besonders Deutschland in der Pflicht.
Fundamentaler außen- und sicherheitspolitischer Wandel
Das verlangt einen fundamentalen außen- und sicherheitspolitischen Wandel, zu dem schon die damalige Große Koalition unter Kanzlerin Merkel bereit war, wie eingangs erwähnt. Die in der deutschen Bevölkerung umstrittene Rede Gaucks wurde seinerzeit flankiert von Reden der damals neuen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem abermaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Sie waren sich darin einig, dass auch in den Konfliktzonen im Nahen Osten, wo zu dem Zeitpunkt bereits 5.000 deutsche Soldaten eingesetzt waren, deutsche und europäische Interessen zu vertreten seien. (Und dorthin, wo das Grundgesetz direkte Bundeswehr-Kampfeinsätze verbietet, lieferte Deutschland zunehmend Ausrüstung und Ausbilder). Dagegen haben zugleich weite Teile der Deutschen gänzlich ablehnend auf Einmischung in die auswärtigen Konflikte reagiert. Doch die veränderte Militärpolitik Deutschlands und Europas begann schon viele Jahre früher, unbemerkt von der kritischen Öffentlichkeit.
Kampfsoldaten der EU als „schnelle Einsatztruppen“
Die gemeinsam veränderte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU mitsamt Aufrüstungsplänen begann schon 1999 nach dem EU-Gipfel von Helsinki mit der Aufstellung einer 60.000 Mann starken „schnellen Einsatztruppe“ und deren militärische Ausrüstung: Europa als Kampfgemeinschaft. Als Speerspitzen wurden Dutzende „Battlegroups“ für die weltweite Einsatzfähigkeit ab 2007 bis 2012 eingerichtet, wobei Deutschland die größten Kontingente mit den meisten Führungspositionen stellt. Innerhalb einer Woche sollen bei Bedarf die Kampfsoldaten an jeden Ort der Welt geschickt werden können. Später bekam die EU (vertragswidrig) einen eigenen Militäretat von anfangs 5 Mrd. € mit in Aussicht gestellter Aufstockung.
„In Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten herrscht Panik, weil man zum einen sieht, dass das Zeitalter der westlichen Hegemonie zu Ende geht und sich immer mehr Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika, von deren Ausbeutung der Westen lange gelebt hat, von unseren Regierungen abwenden, dass sie nicht mehr so erpressbar sind wie einst. (…) In dieser Lage suchen die dominierenden politischen Kräfte in der EU ihr Heil in einer schrankenlosen, in der Tat panischen Aufrüstung, um ihre Position aufrechtzuerhalten, ohne sich jedoch von der Unterwürfigkeit gegenüber den USA zu lösen“. (Zitat Fabian Scheidler).
Aufrüstungsverpflichtung und Aufrüstungsfond für alle EU-Staaten
Inzwischen hat die EU einen „Aufrüstungsfond“ eingerichtet in Höhe von 150 Mrd. €, um ihre Mitgliedsstaaten und europäische Unternehmen bei den Aufrüstungsvorhaben mit günstigen Krediten zu unterstützen, wovon 19 Staaten schon Gebrauch gemacht haben. Für 2025 verkündete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stolz, dass die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten insgesamt auf 381 Mrd. € gesteigert werden, davon 130 Mrd. € in Investitionen für neue Waffen.
Schon im Lissabonner EU-Grundlagenvertrag (als EU-Verfassungsersatz) von 2008 ist die Aufrüstung (statt Abrüstung) aller EU-Mitgliedsstaaten zum bindenden Verfassungsziel erhoben worden. Über die Aufrüstungsverpflichtungen der Mitgliedsstaaten wacht eine europäische „Rüstungsagentur“, die später in „Verteidigungsagentur“ umbenannt wurde (European Defence Agency EDA). Sie ist dem Rat der EU angegliedert, wird aus nationalen Haushaltsmitteln finanziert und ist mit einem eigenen Militärhaushalt für Sofortfinanzierungen ausgestattet. Deren damaliger Leiter Alexander Weis (ehemaliger Abteilungsleiter für Rüstung im deutschen Verteidigungsministerium) hatte das Jahr 2008 als „Europas Jahr der Rüstung“ angekündigt.
Weltweite Bundeswehreinsätze zur militärischen Intervention
Die Einsätze der Bundeswehr sollten sich schon seit 2003 nicht mehr geografisch eingrenzen lassen, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, damit Deutschland „seine Interessen und seinen internationalen Einfluss wahren kann“ – so auch am Hindukusch. Unter der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die 2018 als NATO-Generalsekretärin im Gespräch war, wurde 2016 ein neues „Weißbuch der Bundeswehr“ veröffentlicht, welches die veränderte Ausrichtung der Rüstungs- und Militärpolitik enthielt. Demnach sollte Deutschland „mehr Führungsverantwortung“ in der Welt übernehmen und den ungehinderten Zugang von Handelswegen notfalls auch militärisch sichern.
Fernziel sei eine europäische Verteidigungsunion mit einem militärischen EU-Hauptquartier. Denn in der EU bestand Konsens, die europäische Militärpolitik mit interventionistischen Einsätzen weltweit auszuweiten. Im Rahmen der NATO sollten militärische Interventionen auch zur Sicherung von Energie, insbesondere von Öl- und Gasressourcen in Afrika, Asien und Nahost erfolgen.
Das Drehbuch für die militärische „Zeitenwende“ wurde 2004 geschrieben
Schon in 2004, also 10 Jahre vor dem beginnenden Donbass-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, war für den Paradigmenwechsel der europäischen und deutschen Militärpolitik das Drehbuch verfasst worden, mit dem Augenmerk auf militärische und machtpolitische Fragen. Und zwar in der „European Defence Strategy (EDS)“ der Bertelsmann-Stiftung für die EU, ausgearbeitet von der Venusberg-Gruppe, an der sich auch die deutsche Rüstungs- und Militärpolitik mit der von Bundeskanzler Scholz propagierten „Zeitenwende“ sowie die Rüstungspolitik der jetzigen Bundesregierung mit ihrem militärischen „Sondervermögen“ seither konsequent ausrichtet, wie noch näher ausgeführt.
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung mit ihren Netzwerken als einflussreicher Fürsprecher einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik zugunsten des Aufbaus einer militärischen „Supermacht“ Europa empfahl in ihrem EU-Strategiepapier Europas Aufrüstung (auch als Nuklearmacht im Kampf um globalen Einfluss). Mit ihrer sicherheitspolitischen Agenda betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit für die Militärmacht Europa. Die EU soll innerhalb der globalen Wirtschafts- und Machtblöcke mit einer EU-Armee und einem eigenen Außenminister sowie gemeinsamen Geheimdiensten seine geostrategischen Interessen wahrnehmen, sich als Weltmacht definieren und zum globalen Militärakteur entwickeln, der bei Bedarf jeden Punkt der Welt kontrollieren kann.
Entwicklung der EU zur Militärunion auf Rat von Bertelsmann und DGAP
Die bis dahin zivile EU (als Friedensnobelpreisträger 2012) beschritt nun den Weg als „Militärunion“, zusätzlich zur NATO und den nationalen Militärpotenzialen, obwohl durch die EU-Verträge nicht abgedeckt. Die Frage zur Zukunft Europas wurde primär mit der angestrebten Augenhöhe mit den USA beim politischen und vor allem militärischen Einfluss in der Welt beantwortet. In ihrem Szenario der Supermacht Europa rät die Bertelsmann-Stiftung zum Abschied von der Idee einer Zivilmacht zur uneingeschränkten Hinwendung zu den Mitteln internationaler Machtpolitik einschließlich Kriegseinsätzen mit Offensivcharakter, zum Beispiel zur Ressourcen- und Rohstoffsicherung für Europa – ohne diese als humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Einhaltung von Menschenrechten oder als „Friedensmissionen“ länger zu kaschieren.
Daran die Bevölkerung Europas zu gewöhnen, wolle Bertelsmann publizistisch beitragen, zusammen mit ihrer „Venusberg-Group“ und der personell mit Bertelsmann verflochtenen „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), die vom Auswärtigen Amt und von der Industrie finanziert wird. In dieser besonders einflussreichen Organisation der Rüstungslobby tauschen sich Militärs und Geheimdienstler mit hochkarätigen Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern aus, wie man die Militarisierung der EU-Außenpolitik und gemeinsame Rüstungsprojekte voranbringen kann.
Neben der NATO künftig auch Einsätze von EU-Streitkräften?
Bereits auf dem EU-Gipfel in 2007 wurde nach den Strategie-Empfehlungen von Bertelsmann die Einrichtung eines europäischen Außenkommissars (quasi als EU-Außenminister) beschlossen und im Reformvertrag festgeschrieben. Mit der gleichzeitigen Zuständigkeit auch für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Handelspolitik sowie Entwicklungszusammenarbeit wurde durch die erweiterten Kompetenzen eine Machtfülle gebündelt, wie sie kein nationaler Minister hat. Mit der Zuständigkeit für Wirtschaft und Militärpolitik in einer Hand wurde dokumentiert, dass künftig auch mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte für Wirtschaftsinteressen zu rechnen ist.
Allerdings war damals noch nicht absehbar, dass sich die EU unter der kritikwürdigen Führung von Ursula von der Leyen – und nach autokratischen und rechtsnationalen Tendenzen in mehreren EU-Staaten mit Auswirkungen im EU-Parlament – zu einem geschwächten und uneinigen oder zerstrittenen Gebilde entwickelt hat, dass obendrein vom Trump-Amerika erpresst wird. Damit sind die eigenen Weltmachtambitionen der EU zumindest wirtschaftlich derzeit nur schwer realisierbar, aber militärisch nach drastischer Erhöhung aller Militärhaushalte und militärischer Emanzipation von den USA bereits vorangeschritten.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin mit Hilfe der Rechten im EU-Parlament gewählt und wiedergewählt wurde und bei Abstimmungen auch den Bruch der Brandmauer nutzt, macht die heutige EU als globale Akteurin nicht gerade glaubwürdiger, die obendrein bei der Flüchtlings- und Migrationspolitik die Menschenrechte verletzt, wie die Menschenrechtsorganisationen vorwerfen.
Die EU als politische und militärische Weltmacht?
Die EU soll demnach ihren Status als „wirtschaftliche Weltmacht“ ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. Die EU soll nach dem Willemn ihrer Führungseliten zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. Laut diesem Drehbuch für die Spitzenpolitiker müsse die EU zum weltweit einsatzfähigen „Sicherheitsakteur“ werden, der – so das damalige ehrgeizige Zeit-Ziel – bis 2015 alle Militärmissionen eigenständig (auch ohne Nato-Unterstützung) ausführen kann, der über die volle militärische „Eskalationsdominanz“ (inklusive Atomwaffen) verfügt und in der Lage ist, weltweit präventiv zu intervenieren, um Angriffe auf Europa oder europäische Interessen zu verhindern.
Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet daran, gesellschaftliche Akzeptanz für weltweite Kriegseinsätze herzustellen. So empfiehlt ein Strategiepapier aus dem Jahr 2005 den politischen Entscheidungsträgern, die EU-BürgerInnen von der Notwendigkeit der Weltmachtrolle zu überzeugen. Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung und der mit ihr kooperierenden Lobbyorganisation DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und den darin eingebundenen Politikern nutzen die Medien für ihre außen- und sicherheitspolitische Statements. Sie verbreiten auch Angst vor Terror, dem Aufstieg Chinas und der Knappheit fossiler Energieträger.
Europas „politische Führer“ sollen europäische Bevölkerung überzeugen
Der Tenor: Die Gefahren für den europäischen Wohlstand und das Leben der EU-Bürger können nicht länger allein mit zivilen Mitteln bekämpft werden Und das jüngste Venusberg-Papier setzt hinzu: “Europas politische Führer müssen gemeinsam die europäische Bevölkerung überzeugen, dass es jetzt an der Zeit ist, sich angemessen auf eine sichere Zukunft vorzubereiten, und dass dies Anstrengung, Engagement und Geld kosten wird.”
Vom Umbau der EU zur Weltmacht mit Eroberung neuer Märkte verspricht sich die Bertelsmann AG auch Vorteile für ihr mediales Kerngeschäft. Neben einer nützlichen militärisch flankierten Eroberung neuer Märkte kann vor allem die Bertelsmann-Tochter Arvato Geschäfte erwarten. Als Spezialistin unter anderem für Logistik und IT-Anwendungen aller Art kommt die Bertelsmann-Tochter Arvato sowohl für zivile wie militärische Government Services in Frage. Dafür betreiben Stiftung und Konzern ihre eigene Außenpolitik mit Expertenteams oder hochrangig besetzten Kongressen. Sie speisen ihre Vorstellungen durch eine Flut von Strategiepapieren, Expertisen und Ranking-Instrumenten sowie den engen persönlichen Kontakt zu den politischen Eliten in das politisch-administrative System ein.
„Führende Rolle Deutschlands in der Welt mit militärischer Verantwortung“
Nach den Strategiepapieren der vorgenannten Lobbyorganisationen soll Deutschland dabei eine neue führende Rolle in der Welt mit mehr (militärischer) Verantwortung übernehmen, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede auf der 50. Münchener Sicherheitskonferenz 2014 verriet, an der wohl die Rüstungslobby vorbereitend mitgeschrieben hat, und zwar in Person seines Redenschreibers Thomas Kleine-Brockhoff (damaliger Direktor der DGAP/“Gesellschaft für Auswärtige Politik“). Dort hatte Gauck vor aller Welt den Anspruch an eine neue deutsche Außenpolitik formuliert, mit der sich Deutschland auch militärisch weltweit entschiedener einbringen und „seinem Gewicht entsprechend“ reagieren soll. soll, (wie bereits seit 2011 an vielen Krisenschauplätzen in der Welt praktiziert).
Deutschland dürfe sich nicht „wegducken“, sondern solle ein Garant internationaler Sicherheit sein und sich auch militärisch engagieren in den Krisen ferner Weltreligionen, auch mit dem Einsatz von Soldaten und sich nicht „hinter dem Schutz der historischen Schuld verstecken“. Mit Stolz blickte er darauf, dass Deutschland seit 1994 ungefähr 240 mal über Auslandseinsätze der Bundeswehr beraten habe. Die Zeit des Misstrauens gegenüber deutscher Staatlichkeit sei vorbei. Deutschland dürfe „seine historischen Ängste nicht als Ausrede nutzen“ und müsse „sein Selbstbild korrigieren”. In Pressekommentaren wurde Gaucks umstrittene Rede als „Ärgernis“ empfunden.
Der jüdische Historiker Efraim Zuroff als Leiter des „Simon-Wiesenthal-Centers“ empörte sich schon in 2008 über die geschichtliche Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Ideologie durch den „ungeeigneten Bundespräsidenten“ Gauck wegen seiner öffentlichen Äußerungen und der Unterzeichnung der umstrittenen „Prager Erklärung“, die den Holocaust mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzte.
Klartext der Deutschen auf den „Münchener Sicherheitskonferenzen“
Die von der Rüstungslobby mitfinanzierten „Münchener Sicherheitskonferenzen“ von 2016 und 2018 hatten also (ohne vorherige Parlamentsdebatten oder öffentlichen Diskurs) bedenkliche militär- und rüstungspolitische Vorentscheidungen als Paradigmenwechsel politisch unwidersprochen präjudiziert. Die damals nur geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, flankiert vom damaligen Außenminister Steinmeier und dem Bundespräsidenten Gauck mit seiner erwähnten Rede oder später von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, legte sich in München erneut auf deutsche Auf- und Nachrüstungsverpflichtungen in nie dagewesener Höhe mit haushaltspolitischer Priorität fest.
Diese deutschen und europäischen Bestrebungen und Ambitionen werden also schon seit 10 Jahren von deutschen Spitzenpolitikern vor der Weltgemeinschaft öffentlich verkündet, manches auch schon vor der Krim-Annexion, da gab es noch keinen Ukraine-Krieg. In dem zugrunde liegenden Strategiepapier für die EU wird militärischer Klartext geredet, den die Politiker entsprechend übernommen haben, bis hinein in ihre Redetexte und Beschlüsse, schon lange vor der von Kurzzeit-Kanzler Scholz dann offiziell verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Die Hochrüstung und US-Raketenstationierung in Deutschland erinnert in ihrer politischen Dramatik an die Zeit der Wiederbewaffnung in den 1950-er Jahren, der mancher Politiker und Rüstungslobbyist nachtrauert. Damals wie heute sind die westlichen Aufrüstungsvorhaben gegen Moskau gerichtet.
Neue militärische Rolle Deutschlands und Europas
Vor allem Ursula von der Leyen skizzierte auf der Münchener Sicherheitskonferenz schon vor 8 jahren mit markigen Worten (am Grundgesetz mit dem Gebot der bloßen Landesverteidigung vorbei) eine ganz neue militärische Rolle Deutschlands und Europas. Mit einer europäischen Armee neben der NATO in einer „europäischen Militärunion“, wie kürzlich von der EU-Exekutive (am Bundestag vorbei) beschlossen, will sie die Militarisierung der Europapolitik vorantreiben statt eine neue Abrüstungsinitiative zu starten oder Entspannungspolitik mit dem Osten wiederzubeleben. Stattdessen das Motto der 1950-er Jahre: „Wenn die Russen kommen…“.
Alles läuft seither auf einen neuen „kalten Krieg“ (und absehbar auf einen sich ausbreitenden heißen Krieg?) hinaus, wie schon in der „Sicherheitspolitischen Agenda“ der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der EU vor Jahren entwickelt und empfohlen. Demgemäß der markige Originalton von der Leyen in München: „Deutschland braucht mehr militärisches Gewicht und darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken, sondern muss akzeptieren, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch tatsächlich eingesetzt werden, um für Sicherheit und Freiheit zu kämpfen.“
Deutsche Interessen erfolgreich am Hindukusch verteidigt?
In der fragwürdigen Rede von Ursula von der Leyens blieb unklar, wozu die Anstrengungen gut sein sollen. Denn Aufrüstung änderte daran nichts mehr, dass die NATO mit Deutschland sowie die USA im Juli 2021 den Taliban in Afghanistan das Feld kampflos überlassen haben, seitdem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt „deutsche Interessen am Hindukusch“ verteidigen wollte. Doch der dortige Militäreinsatz Deutschlands geschah nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses ohne Strategie und erkennbare Ziele, aber mit großem Schaden.
Die schonungslose Bilanz des knapp zwanzig Jahre währenden NATO-Einsatzes mit deutscher Unterstützung lautet: Das westliche Verteidigungsbündnis hinterlässt in Afghanistan nicht Frieden und Stabilität – sondern Chaos. Europäische und amerikanische Staatsbürger sollten schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden, ebenso deren afghanischen Helfer und Unterstützer, so lautete das nur teilweise eingehaltene deutsche Versprechen. Jetzt werden die Helfer von damals abgeschoben oder mit Geld zur Rückkehr veranlasst. Was aus den Afghanen und Afghaninnen unter den Taliban wird, scheint inzwischen unwichtig. Geht so “Werte geleitete” Außenpolitik?
„Die alte Liebe zum Militär wiederentdeckt“
In 2021 hielt die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dann als EU-Kommissionspräsidentin kurz nach dem militärischen Debakel von Afghanistan eine weitere Grundsatzrede „zur Lage der Union“, wo sie für mehr Rüstung plädierte und für eine engere Zusammenarbeit von EU und NATO. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Macron wollte die CDU-Politikerin die „Europäische Verteidigungsunion“ vorantreiben. Neben einer „schnellen Eingreiftruppe“ und einem eigenen militärischen Lagezentrum brauche die EU vor allem „politischen Willen“, erklärte sie. Die taz kommentierte: „Ursula von der Leyen hat ihre alte Liebe wiederentdeckt: das Militär.“
Ähnlich wie von der Leyen hatte sich zuvor ihre Amtsnachfolgerin im Verteidigungsministerium, Annegret Kramp-Karrenbauer geäußert: Die EU brauche mehr Willen zur Verteidigung und Deutschland müsse aufrüsten. Sie entsandte im August 2021 die deutsche Fregatte „Bayern“ durchs Südchinesische Meer in den Indo-Pazifik und später nach Australien und Ostasien sowie zum Horn von Afrika, „um Seewege zu sichern“ und „Flagge zu zeigen für unsere deutschen Interessen als große Handelsmacht und Exportnation”.
Militärische Sicherung von Handelswegen für die Exportnation Deutschland?
Das Engagement der Bundeswehr im Indopazifik sei angeblich erforderlich, um Chinas Machtstreben einzudämmen, als Reaktion auf die Absicht Chinas, die Rüstungsausgaben um 6,8% in 2012 zu steigern. Daraufhin sollten „unsere deutschen Soldaten“ einen wichtigen Beitrag leisten „zur Sicherung unserer Handelswege“ und im „Kampf gegen Terrorismus“. An diese richtete sie den Appell: „Soldatinnen und Soldaten: Genau das ist Ihr Kurs. (…) Sie sind das Aushängeschild unseres Landes und repräsentieren unsere Interessen der Bundesrepublik. Und stellen dabei die Leistungsfähigkeit unserer Marine unter Beweis.“ (Ob die selbst ernannte militärische Weltmacht Deutschland Eindruck auf die Chinesen gemacht hat?)
Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, die Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen auch mit militärischen Einsätzen als Betätigungsfeld der deutschen Bundeswehr (für wirtschaftliche Interessen quasi als Wirtschaftskriege) erwähnte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Lande mit Verweis auf das Grundgesetz, so dass er im Mai 2010 zurücktrat. Jahre später lösen solche Bekenntnisse keine Empörung mehr aus, sondern sind alltäglich akzeptierte politische Bestrebungen, auch wenn sie längst nicht mehr mit dem Grundgesetz und seinem dort verankerten Friedensgebot im Einklang stehen..
Rüstungslobbyisten beeinflussen maßgeblich die außenpolitische Strategie
Auffällig ist bei alledem der treibende Einfluss der deutschen Rüstungslobby auf die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung der deutschen Politik. Insbesondere die mehrfach erwähnte DGAP („Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation) mit ihrer zentralen Schlüsselrolle versucht nach eigenem Bekunden, „aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen“ und die drastische Erhöhung der Rüstungsausgaben zu legitimieren, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch. Ziemlich offensichtlich folgten der Kanzler, der Verteidigungsminister und die jeweiligen Außenminister (deren Ministerium die Lobbyorganisation sogar mitfinanziert), aktuell den Vordenkern und Vorgaben der DAGP bei ihrer politisch-militärischen „Zeitenwende“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“.
Der bereits erwähnte langjährige deutsche „Chefideologe“ der einflussreichen DGAP, Christian Mölling, wechselte im September 2024 nach Bertelsmann als Direktor im Programm „Europas Zukunft“. Den deutschen Fernsehzuschauern wird er allabendlich wie ein offizieller Regierungssprecher mit Interviews und Statement als “Rüstungs- und Sicherheitsexperte“ präsentiert, ohne seine Lobbyfunktion zu offenbaren. Er kann auch die politischen Strategien besser erklären als die gewählten Regierungsmitglieder und Parlamentarier, die seine „kompetenten“ Vorlagen mehr oder weniger laienhaft nachbeten.
Lobbyisten benutzen Politiker für strategische Umsetzung
Die geschickte Einbindung von aktiven und Ex-Politikern in ihre Netzwerke und für ihre Zwecke gelingt den Rüstungslobbyisten immer wieder problemlos. Als deren politische Rüstungslobbyisten betätigen sich vor allem auch ausgeschiedene Bundesminister wie Sigmar Gabriel (zugleich Vorsitzender der Atlantik-Brücke), Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Entwicklungsminister Niebel (Rheinmetall) sowie aktuell der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber als Vizepräsident „Political Affairs“ beim Waffenbaukonzern Elbit, und natürlich die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Mitglied in mehreren Rüstungslobby-Organisationen.
Hoch angesehen ist auch der ehemalige Diplomat und spätere Rüstungslobbyist des Hensoldt-Konzerns, Ischinger, der auch durch die Talkshows gereicht wird als langjähriger Vorsitzender der von Rüstungskonzernen gesponserten privaten „Münchener Sicherheitskonferenzen“. Das Zusammenspiel der Lobby-Netzwerke und auch die dubiose Rolle der „Atlantik-Brücke“, in der alle namhaften Politiker und Journalisten nebst Vertretern der Finanz- und Rüstungsindustrie und des Militärs eingebunden sind, bedürfte einen eigenen umfassenden Artikel und ist vom Autor dieser Zeilen in verschiedenen Zusammenhängen ausführlicher dargestellt und belegt worden.
Wie sich die wehrpflichtige Jugend gegen den Militarismus wehren kann
In diesen Kriegs- und Krisenzeiten wäre es dringend geboten, die Logik des Krieges zu durchbrechen und in Alternativen zu denken sowie den Friedensgedanken wieder zu beleben. Statt den Krieg zu gewinnen sollten wir den Frieden gewinnen und die Jugend dafür statt fürs Militärische zu begeistern. Unter dem Motto „Mich kriegt ihr nicht!“ und „Nein zum Krieg!“ wird im Internet unter www.kriegsdienstblocker.de eine Anleitung „zur kostenlosen Erstellung einer Kriegsdienstverweigerung“ dargeboten.
Dort heißt es: „Mut ist nicht, zu kämpfen. Mut ist, den Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern. Krieg werden von Mächtigen geplant, die ihre Macht ausweiten wollen, von Dummköpfen ausgeführt, und von Unschuldigen mit dem Leben bezahlt. Sei klug und werde nicht zum Spielball. Schütze dein Leben und deine Psyche. Du kannst Dich völlig frei entscheiden! Nutze Dein Recht!“ Zur Verfügung gestellt wird ein juristisch geprüftes Schreiben an das zuständige „Karriere-Center“ der Bundeswehr, dass unabhängig vom Verteidigungsfall eingereicht werden kann.
Mit „Friedensbotschaftern“ zum Bewusstseinswandel
„Werde Friedensbotschafter und erwecke Bewusstsein“, so lautet die Aufforderung an die jugendlichen Leser, „weil die Wehrkraft wieder vor der Tür steht. Weil Du nicht warten willst, bist deine Kinder eingezogen werden. Weil ziviler Widerstand mit friedlichen Mitteln beginnt. Weil jeder Flyer ein Hoffnungsschimmer sein kann.“ Jeder kann in 5.000 Haushalten mit kostenlos zur Verfügung gestellten Flyern ein Zeichen setzen. (In der NS-Zeit wäre eine solche Aktion als Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wohl mit dem Tode bestraft worden. Erst 2002 sind diese nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt worden, so dass es keinen vergleichbaren Straftatbestand mehr gibt, wohl aber den § 89 des Strafgesetzbuches zur „verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane“, mit einem Strafmaß von bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe).
Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Am 05. Dezember 2025 ist in mehreren deutschen Städten ein bundesweiter Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant, als Teil eines vom Bündnis der Friedensbewegung initiierten Aktionstages. In zahlreichen Orten, darunter Berlin, Bochum, Dortmund, Bielefeld, Essen, Göttingen, Hannover, Kassel, Köln, Münster, München, Potsdam und Trier laufen bereits konkrete Vorbereitungen. Die umfassende Militarisierung in allen Politikbereichen braucht auch nach Auffassung kritischer Gewerkschafter endlich entschiedenen Widerstand. Mit der Kraft der (auch historischen) Aufklärung, mit der Empathie mit den Opfern auf beiden Seiten und mit der Initiativkraft der sozialen Bewegungen könnte eine verstärkte Friedensbewegung wiederbelebt werden, denn Krieg bedeutet Entmenschlichung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Lokalkompass, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Links wurden nachträglich eingefügt.
Über Wilhelm Neurohr:
Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.
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Sind die Deutschen wieder kriegsbereit? Wie der „Mentalitätswandel“ vorangetrieben wird – Pazifismus war gestern – Militarismus ist heute
“Deutschlands ganze Tugend und Schönheit entfaltet sich erst im Kriege.“ (Thomas Mann, 1914)
„Krieg ist die brutalste Form der Inhumanität und die dümmste Form, Konflikte zu lösen“ (Ilja Trojanow, 2025)
„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“: Es ist nachweislich eine Propaganda-Lüge, dass die „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands erst als Reaktion infolge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges von Putin auf die Ukraine politisch angestrebt wird. Diese Behauptung dient als Vorwand für die in Wahrheit schon viel längerfristig geplante Aufrüstung und militärische Mobilmachung in Deutschland sowie bei der EU und der NATO, wie hier dokumentiert. Die militärische „Zeitenwende“ hat einen langen Vorlauf nach vorbereitenden Drehbüchern seit der Jahrtausendwende, an der auch die Rüstungslobby mitgeschrieben hat, wie die Fakten belegen.
Denn schon zwei Jahrzehnte vor Kriegsbeginn in der Ukraine im Februar 2022 und schon lange vor dem entbrannten russisch-ukrainischen Regionalkonflikt um den Donbass und die Krim ab 2014, gab es bereits die vorbereitende Rüstungs- und militärpolitische Umorientierung der deutschen und europäischen Geopolitik aus machtpolitischen Eigeninteressen. Die neue deutsche Außenpolitik mit einem grundlegenden militärpolitischen Kurswechsel setzte also schon weit vor dem Kriegsjahr 2022 und teils vor 2014 ein, mit befeuert von der EU, die Deutschland hierbei in eine militärische Führungsrolle drängt und Europa unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf eine Art „Kriegswirtschaft“ vorbereiten will.
„Wir sind noch nicht im Krieg“, aber kurz davor oder eigentlich mittendrin?
In der Ukraine-Krise bezieht Deutschland somit von Anfang an Position als führender Akteur der ganzen EU und bemüht sich um eine einheitliche Haltung gegen Russland: Deutschland sei als „militärische Führungsmacht in Europa“ gefordert, denn „die Verbündeten erwarten es und die Öffentlichkeit muss vorbereitet werden“, so die Verlautbarungen. Daran beteiligen sich sogar die Bischöfe der evangelischen Kirche mit ihrer neuen (regierungstreuen) Positionierung zur Aufrüstungspolitik in einer von der Friedensbewegung kritisierten Denkschrift von November 2025, bis hin zum Bekenntnis sogar zu Nuklearwaffen.
Laut Verteidigungsminister Pistorius (SPD) sind wir zwar „noch nicht im Krieg mit Russland, aber auch nicht mehr im kompletten Frieden“. Zumindest der hybride Krieg sei in vollem Gange, Und die ungeklärten Drohnenflüge haben bereits zu Konsultationen gemäß Artikel 4 des NATO-Vertrages wegen schwerer Luftraumverletzungen geführt. Im November 2025 hat umgekehrt der Kreml „die NATO als im Krieg mit Russland“ bezeichnet, so dass sich die NATO und Russland einem direkten Konflikt nähern. In den Medien erscheint ein Angriff Russlands nicht mehr als eine „Ob“-Frage, sondern nur noch als eine „Wann“-Frage.
Ist Russland willens und in der Lage, NATO-Territorium anzugreifen?
Russland könnte bis spätestens 2029 bzw. bereits schon früher in 2028 in der Lage sein, NATO-Territorium anzugreifen, warnten Pistorius und der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer bereits in 2024. Sie beriefen sich auf eine „Bedrohungsanalyse“ und auf nicht näher benannte „Geheimdienstinformationen“. Bundeswehrgeneral Sollfrank sah sogar Russland schon jetzt in der Lage, die NATO sofort anzugreifen, wie er 2025 in einem Interview kundtat. Bei weiterer Aufrüstung sei bis 2029 sogar ein Großangriff auf Europa durch Russland denkbar.
Indirekt ist Deutschland mit seiner Beteiligung an der „Materialschlacht“ bei Rüstungsgütern für die Ukraine längst an der Schwelle zur Kriegspartei und trägt damit zur Eskalation statt zur Deeskalation bei. Der größte deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall muss aktuell Aufträge von 64 Mrd. € abarbeiten, so dass deren Chef Papperger im November 2025 jubelte: „Wir werden globaler Rüstungs-Champion!“ Rheinmetall macht Geschäfte mit der Angst vor dem Krieg. Und die deutsche Regierung setzt ausschließlich auf die militärische Karte, denn ernsthafte diplomatische Bemühungen sind nicht mehr erkennbar.
“Dabei ist das Argument für die Aufrüstung, nämlich dass Russland vorhabe, NATO-Länder anzugreifen, vollkommen unglaubwürdig. Selbst die US-Geheimdienste sagen unisono in ihrem jährlichen Bericht, dass Russland keinerlei Interesse daran hat. Es wäre ja auch Selbstmord angesichts der erdrückenden Übermacht der NATO. Und wie sollte, selbst wenn die russische Führung suizid veranlagt wäre, eine russische Armee, die seit Jahren größte Mühe hat, einzelne ostukrainische Dörfer zu erobern, plötzlich Warschau, Berlin und Paris überrollen?“ So lautet die nachvollziehbare Einschätzung des preisgekrönten Journalisten und Buchautors Fabian Scheidler (auf die nachfolgend noch weiter eingegangen wird). Er fragt: Ist der Politik der gesunde Menschenverstand abhandengekommen und hat sie Maß und Ziel verloren sowie Logik verlernt?
“Zeitenwende”: Neue deutsche Außen- und Militärpolitik
Schon die damalige große Koalition (GroKO) mit Ursula von der Leyen (CDU) als Bundesverteidigungsministerin und Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Außenmister kündigte bereits im März 2014 unter Kanzlerin Merkel „eine neue deutsche Außenpolitik mit verstärkten Militäreinsätzen in aller Welt“ an, obwohl laut Umfragen 61% der Bevölkerung dagegen sind. Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisierte die im Koalitionsvertrag enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Friedensbewegte wie Margot Kässmann kritisierten die neue deutsche Außenpolitik auch deshalb, weil damit das deutsche Militär zwischen Konfliktparteien in Bürgerkriege geraten könnte. Während der letzten GroKo waren die Exporte von deutschen Kleinwaffen in Krisenregionen um 47% gestiegen. Schon zu GroKo-Zeiten wurde der „Globalisierungsrausch“, der unsere Gesellschaft bis heute gespalten hat, durch einen beginnenden „Militarisierungsrausch“ abgelöst, der auch die EU erfasst hatte.
Mit der „Zeitenwende“-Rede des späteren Ampel-Kanzlers Olaf Scholz am 27. Februar 2022 wurde die Zäsur in der deutschen Außenpolitik mit der Einrichtung eines 100 Mrd. Sondervermögens für Militär und Rüstung konkret sichtbar und von den drei Ampel-Parteien und der CDU-Opposition im Bundestag mit Standing Ovations bejubelt. Jährlich sollte mehr als 2% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für Rüstung und Militär ausgegeben werden, schwerpunktmäßig für Eurodrohnen, bewaffnete Heron-Drohnen aus Israel, für die Beschaffung des Kampfflugzeuges F-35 sowie zur Befähigung des Eurofighters zur elektronischen Kampfführung – geradewegs so, als habe die Rüstungslobby hier das Drehbuch geschrieben. Die Bundesregierung plant laut Medienberichten in den kommenden Jahren fast 380 Mrd. € für Rüstung und Militär auszugeben. Dabei führt die aktuelle Aufrüstungspolitik mit einem Rekordwert von über 2,7 Bio. US-Dollar weltweit in eine Sackgasse.
Inzwischen gilt der EU-Beschluss, dass bis 2035 alle Mitgliedsstaaten sogar 3,5% des BIP für Rüstungsgüter und Soldaten auszugeben haben plus weitere 1,5% für militärische Infrastruktur, also insgesamt 5%. Die Behauptung eines „sträflich unterfinanzierten Militärs“ hat aber auch vorher schon nicht gestimmt. In der NATO soll und will Deutschland obendrein das zweitgrößte „Fähigkeitspaket“ innerhalb der Allianz übernehmen, weil die USA ihr Kontingent verringern will. Deutschland als zukünftige militärische Supermacht in der EU?
„Fahrplan für den Krieg“ im Modus der „Kriegswirtschaft“
Im Oktober 2025 präsentierten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte, flankierend zur deutschen „Zeitenwende“, eine Art „Fahrplan für den Krieg“ als „Plan zur Wiederaufrüstung Europas“, mit gleichzeitiger Aufnahme in das Weißbuch zur europäischen Verteidigung und (mit Einsatz von zunächst zweimal 500 Millionen Euro zur Anschubfinanzierung). „Unsere Industrie muss jetzt in den Modus der Kriegswirtschaft wechseln“, verkündete zuvor der ausgeschiedene EU-Binnenkommissar Thierry Breton. Er hatte schon im März 2024 zusammen mit dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine Strategie für die EU-Rüstungsindustrie vorgestellt, um die Rüstungsproduktion massiv anzukurbeln. Die Rede war vom „Wechsel von der Friedensdividende zur Kriegswirtschaft“.
Damit gab sich die EU-Kommission in ihrer Rüstungsindustrie-Strategie selbst eine zentrale Rolle, die ihr gegenüber den EU-Staaten nicht zustand. Diese Ambitionen der EU und ihrer deutschen Kommissionspräsidentin waren im Grundsatz schon viele Jahre vor dem Ukraine-Konflikt entwickelt und verkündet worden, wie mehrere Reden der ehemaligen deutschen Verteidigungsministerin von der Leyen auf den Münchener Sicherheitskonferenzen und vor dem EU-Parlament belegen, wobei sie Deutschland eine besondere Führungsrolle zugedacht hat, wie hier an anderer Stelle noch weiter dokumentiert. Die Drehbücher dazu wurden bereits in 2004 und in den nachfolgenden Jahren vor ein bis zwei Jahrzehnten von Lobbyorganisationen geschrieben, wie hier später noch weiter nachzulesen – wahrlich keine „Verschwörungstheorien“.
NATO-Militärmanöver 2020 entlang der russischen Grenze
Zwei Jahre vor dem Beginn des Ukraine-Krieges plante die NATO im Februar 2020 mit „Defender-Europe 2020“ das größte Militärmanöver seit 25 Jahren an der russischen Grenze mit 38.000 Soldaten aus 19 Nationen und 6.000 eingeflogenen Soldaten aus den USA. Trainiert werden sollte auch ein blitzschneller Truppentransport auf der Route von Deutschland bis ins Grenzgebiet zu Russland als reale Kriegsübung. Die NATO-Staaten machen auf diese Weise sowie mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine und Waffenausbildungen der ukrainischen Soldaten, ferner mit Geheimdienstinformationen den 2022 von Russland begonnenen Ukraine-Krieg zu ihrem eigenen Krieg, auch wenn sie selbst keine Kampftruppen in die Ukraine entsenden
In Polen, im Baltikum und in Georgien sollen die NATO-Verbündeten, die in konventionellen Militärkapazitäten Russland um ein Vielfaches überlegen sind, in parallelen Manövern den bewaffneten Kampf gegen Russland an der Ostflanke üben. Dabei hatte die Nato in der „NATO-Russland-Grundakte“ aus dem Jahr 1997 Russland die Zusage gegeben, sich im Grenzgebiet zurückzuhalten, statt Russland zu provozieren. Allein wegen der Corona-Pandemie COVID-19 musste die Großübung „Defender Europe 2020“ vorzeitig abgebrochen werden. US-Soldaten kehrten zurück und nationale Übungen wurden gestoppt.
Verstärkte NATO-Präsenz an der Ostflanke
Jedoch sollte das Manöver im Grenzgebiet kein einmaliges Großereignis der NATO bleiben. Inzwischen hat die NATO ihre Präsenz an der Ostflanke massiv verstärkt. Allein Polen entsendet 40.000 Soldaten an seine Ostgrenze. Deutschland stationiert Bundeswehr-Soldaten dauerhaft in Litauen: Bis Ende 2027 wird eine Panzerbrigade 45 mit rund 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern aufgebaut, „um die NATO-Ostflanke zu stärken“.
In 2025 beendete die Bundeswehr erfolgreich ihre Übungsserie zum Schutz der Ostflanke der „North Atlantic Treaty Organization“. Rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr übten zusammen mit Kräften aus 13 Nationen die Bündnisverteidigung. Im Oktober 2025 ging das diesjährige Atomkriegsmanöver „Steadfast Noon“ von 14 NATO-Staaten mit deutscher Beteiligung zu Ende. Es exerzierte einen etwaigen Angriff mit in Europa gelagerten US-Kernwaffen durch, bei dem auch Jets der deutschen Luftwaffe zum Einsatz kämen. Aktuell läuft die Debatte über einen von den USA unabhängigen europäischen Nuklearschirm.
Weltkriegsgefahr: Vorbereitungen für den großen Krieg?
So genannte „Militärexperten“ sekundierten nach entsprechenden Andeutungen des russischen Außenministers: „Wir müssen die Möglichkeit eines Dritten Weltkrieges denken“. Von der US-Denkfabrik „Atlantic Council“ erwarten 45% der Militärexperten einen Krieg zwischen Russland und der NATO. „Die Ukraine muss die Russen besiegen“, so hieß es deshalb 2022 zu Kriegsbeginn von deutschen Politikern. Dabei gibt es in einem Krieg keine Gewinner und Verlierer, sondern stets Verlierer und Verluste auf beiden Seiten.
Doch 2023 sprach Außenministerin Baerbock sogar davon: „Wir befinden uns im Krieg mit Russland“ und „wir wollen Russland ruinieren“ durch die Sanktionen, ruderte aber dann mit ihren Aussagen zurück. In 2024 waren bei der ukrainischen Offensive im westrussischen Kursk bereits deutsche Marder-Schützenpanzer gegen die Russen auf russischem Territorium im Einsatz und Russland warnte die NATO-Staaten und insbesondere Deutschland vor direkter militärischer Unterstützung an der Front. Angesichts der deutschen Geschichte ist die Selbstverständlichkeit, mit der heute in Deutschland mit dem Feindbild Russland von „Kriegstüchtigkeit“ gesprochen wird, absolut erschreckend.
Im März 2022, nach den gescheiterten Vermittlungsversuch der türkischen Regierung für Friedensverhandlungen zwischen dem russischen und ukrainischen Außenminister, wurde der türkische Außenminister Mevlüt Cavisoglu mit den Worten zitiert: „Ich hatte den Eindruck, dass es innerhalb der NATO-Mitgliedsstaaten Kräfte gibt, die eine Fortsetzung des Krieges wollten – damit der Krieg weitergeht und Russland schwächer wird. Die Lage in der Ukraine ist ihnen ziemlich egal.“
Stationierung von Marschflugkörpern mit Reichweite bis zum Ural
Im Juli 2024 hatte „Zeitenwende-Kanzler“ Olaf Scholz im Alleingang ohne Parlamentsbeteiligung die schon lange vorbereitete Stationierung von US-amerikanischen Marschflugkörpern „Tomahawks“ mit großer Reichweite bis hinter den Ural und mit Eignung für Atomsprengköpfe mit den USA vereinbart, wegen der angeblichen Bedrohung aus Russland. Die Stationierung soll ab 2026 beginnen.
Die Deutsche Friedensgesellschaft kritisiert die im aktuellen Koalitionsvertrag der Regierung Merz/Klingbeil enthaltene massive Aufrüstung und Militarisierung. Frieden schaffen mit immer mehr Waffen, um zuvor den Angreifer Russland militärisch zu besiegen oder „abzuschrecken“, der angeblich innerhalb der nächsten 3 bis 4 Jahre einen Angriff auf Osteuropa und Deutschland plant? Es wäre der erste Angriff Russlands auf Deutschland, aber der dritte im umgekehrten Fall, daran sei nochmal erinnert.
Setzt Deutschland auf Konfrontation statt Entspannung?
„Wegen der bröckelnden westlichen Dominanz soll durch die beispiellose Aufrüstung davon abgelenkt werden, dass die Politik eigentlich am Ende ist und keine Antworten mehr hat auf die drängenden Probleme unserer Zeit“, sagte Fabian Scheidler in einem Interview (Buchautor: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“).
Nach Beendigung des „Kalten Krieges“ durch Entspannungspolitik zu Zeiten von Willy Brandt hat insbesondere die SPD unter „Zeitenwende“-Kanzler Scholz und dem jetzigen Vizekanzler Klingbeil die russische Invasion zum Anlass genommen, die friedenspolitische Tradition zu entsorgen und ausschließlich auf Konfrontation zusetzen. Die NATO-Osterweiterung war nach Auffassung von Scheidler bereits die Vorbereitung der „Zeitenwende“ und der Weg in neue Blockkonfrontation sowie Gesprächsverweigerung mit Moskau.
„Deutschland muss sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen“
Im eigenen Land scheint allerdings die nachrichtendienstlich untermauerte Spekulation über den angeblich bevorstehenden Kriegsbeginn weithin unpopulär zu sein, anders als der populäre Verteidigungsminister selber, der in Umfragen Spitzenwerte der Beliebtheit bei Deutschen erreicht. Und das trotz seiner Aussage: „Deutschland müsse sich an den Gedanken eines Krieges in Europa gewöhnen.“ (Deshalb erreicht ein „Kriegsminister“ bei den Deutschen höchste Beliebtheitswerte?). Soll die langjährige Friedenssehnsucht der Deutschen durch erneute Kriegssehnsucht abgelöst werden, um von den inneren Sozialkonflikten abzulenken und den Widerstand gegen Sozialkürzungen zugunsten militärischer Investitionen zu brechen?
Die von Pistorius erstrebte „Kriegstüchtigkeit“ erfordere deshalb eine von ihm angemahnte „Neuausrichtung der deutschen Mentalität“ – damit auch die Pazifisten das Militärische lieben lernen? So fordern es vor allem seine ständigen Berater von der DGAP („Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation). Denn „ohne Feindbilder und Leidenschaften bei den Menschen gelingt keine Kriegsführung“, wusste schon der Psychoanalytiker Erich Fromm.
Da laut Umfragen das Vertrauen in Parteien und Regierungen im Inneren derzeit extrem gering ist, scheint es den deutschen Politikern sehr nützlich zu sein, „auf einen äußeren Feind zu setzen, wie z.B. Putin als dämonische Kraft, die die Grundfeste unserer Zivilisation bedroht und mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt. (…) Dadurch werden Abwägungsprozesse und differenzierendes Denken ausgeschaltet, die Welt zerfällt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse“, schreibt der bereits zitierte Fabian Scheidler in seinem aktuellen Buch über die Feindbilder.
Einseitige Beeinflussung der öffentlichen Meinung – Militarisierung wie im Kaiserreich?
Die öffentlich-rechtlichen Medien helfen dabei mit, die mentale Bereitschaft für einen möglichen Krieg zu stärken, auch mit einseitigen Talkshows voller Bellizisten, oder auch mit Sendetiteln wie: „Immer mehr Menschen wollen Reservisten werden“. Wir erleben in Deutschland nun wieder „eine Militarisierung, die in mancher Beziehung an das Kaiserreich vor dem ersten Weltkrieg erinnert“, bemerkt Buchautor Fabian Scheidler. Der Satz „Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit“ stammt ursprünglich vom US-amerikanischen Politiker Hiram Johnson. Er wird häufig verwendet, um zu beschreiben, dass im Krieg Propaganda und Lügen oft dazu dienen, die öffentliche Meinung zu beeinflussen, während die Wahrheit in den Hintergrund tritt, wie sie hier aufgespürt werden soll.
Zur Wahrheit gehört auch, dass vorgesehene 5% des Bruttoinlandproduktes als Ausgabe für das Militär etwa 50% des Bundeshaushaltes bedeuten – beim Kaiserreich waren es 60%. Das tat der Kriegsbegeisterung im August 1914 und der Siegesgewissheit keinen Abbruch. Heute muss noch am Patriotismus der wehrpflichtigen Jugendlichen gearbeitet werden, die der 45-jährige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn zum „Dienst am Vaterland“ aufruft – obwohl er selber ausgemustert wurde und weder Wehrdienst noch Wehrersatzdienst leistete. Er wäre allerdings noch jung genug, um sich nun freiwillig zu melden und mit „gutem Beispiel“ voranzugehen, so möchte man ihm empfehlen.
„In 5 Jahren muss die ganze Gesellschaft kriegstüchtig sein“
Es kursieren bereits diverse Termine für die „kurzfristig bevorstehenden militärischen Konflikte“ mit Russland. Mancher Militärstratege kann es kaum noch erwarten – wann geht es los? „Bisher lag die Reife der Deutschen darin, dass es in Deutschland 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs keine Stimmung gab, wieder in den Krieg zu ziehen“ (Margot Kässmann).
Diese Stimmung soll sich durch den politisch angestrebten und forcierten „Mentalitätswechsel“ in der Bevölkerung ändern – mit gewissem Erfolg, wie die sich verändernden Umfrage-Ergebnisse und die Debatten um die Wiedereinführung des Wehrdienstes zeigen. Der Generalinspekteur Carsten Breuer insistierte: Nicht nur die Bundeswehr, auch die deutsche Gesellschaft müsse in fünf Jahren kriegstüchtig sein. Dort gehen aber die Meinungen weit auseinander. Deshalb sei es vor dem Hintergrund der Kriegsszenarien und der Militarisierung mitsamt Rüstungsexporten „noch ein anstrengender Weg, die Ängste und Sorgen der Menschen abzubauen“, so heißt es im Magazin „politik & kommunikation“.
Meinungsumfragen mit widersprüchlichen Antworten
Auf die Frage, ob Deutschland weiterhin Waffen an die Ukraine liefern solle, antworteten 2025 laut Statista 51% mit nein und nur 38% mit ja. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Ipsos im Januar 2025, wonach fast die Hälfte der Deutschen gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine sind. Nach einer Insa-Umfrage von Februar 2025 sprachen sich ebenfalls die Hälfte der Befragten dafür aus, die Ukraine weder mit Waffen noch mit Geld zu unterstützen. 55% wollen auch keinen EU-Beitritt der korrupten Ukraine. In Umfragen von August 2025 lehnten 51% der deutschen den Einsatz von Bodentruppen in der Ukraine „zur Friedenssicherung“ ab, nur 36% waren dafür. Das sind sicherlich noch keine überzeugenden Belege für die politisch angestrebte „Kriegstüchtigkeit der Bevölkerung“.
Anderes zeigt die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom Februar 2025, wonach 67% der Bevölkerung hinter Deutschlands militärischer Unterstützung für die Ukraine steht und sogar 27% mehr Unterstützung für Kiew befürworteten. Auch aktuelle Fragen vom Oktober und November 2025 zur Wehrpflicht gehen weit auseinander: Laut Forsa sind 54% für die Wiedereinführung der Wehrpflicht und 41% dagegen. Die betroffenen jungen Menschen lehnen dagegen eine Wehrpflicht mehrheitlich ab; nur 16% würden kämpfen. Die Erhöhung der Verteidigungsausgaben wird laut Forsa von 67% der Bevölkerung befürwortet und nur von 30% als falsche Entwicklung abgelehnt. Das wird die Rüstungsindustrie mit ihren explodierenden Börsenkursen freuen, deren Aktien inzwischen als „nachhaltige Kapitalanlage“ anerkannt werden (und deshalb sicherlich auch viele Politiker sich vor deren Erwerb nicht scheuen?).
Angestrebter „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung erreicht
Wen interessiert es noch, dass Umfragen zufolge sich zu Beginn des Ukraine-Krieges noch über 70% der Deutschen gegen eine weitere Aufrüstung und Erhöhung des Verteidigungsetats aussprachen? Erschreckend war deshalb das Schweigen der Zivilgesellschaft und der kaum noch existenten Friedenbewegung zur politisch propagierten Militarisierung. Doch inzwischen laufen alle Propagandakanäle auch in den Medien, um einen „Mentalitätswandel“ in der Bevölkerung zu erreichen, offenbar mit Erfolg. Das „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften“ der Bundeswehr sieht Deutschland in einer „militärischen Führungsrolle“ und hat in seiner jährlichen Bevölkerungsbefragung ermittelt, dass sich nunmehr in 2025 die Bürgerinnen und Bürger zu 64% für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und zu 65% für einen „personellen Aufwuchs der Bundeswehr“ aussprechen.
Damit hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland ihre Selbstbindung aus dem „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ vom 30. August 1990 aufgegeben. Darin hatte sie sich verpflichtet, die Streitkräfte des vereinten Deutschlands „auf eine Personalstärke von 370.000 Mann zu reduzieren“. Damit wollte das vereinigte Deutschland die Angst seiner Nachbarn vor einem wiedererstarkenden deutschen Militarismus dämpfen, den es jedoch jetzt wieder befördert.
Große Akzeptanz für die Militarisierung der Gesellschaft
Schon während der Regierungsära Merkel mit den (ungedienten) Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer und Christine Lambrecht sowie während der Ampel-Regierung mit Verteidigungsminister Pistorius wurde die Militarisierung der Gesellschaft energisch und gezielt vorangetrieben: Plötzlich hieß es wieder, wir brauchen öffentliche Gelöbnisse von Rekruten im Fackelschein, Marschmusik und Zapfenstreich, Militärparaden, bessere Uniformen und Orden für unsere Soldaten, sichtbare Kasernenhöfe sowie einen Veteranentag für unsere Kriegserprobten und vorzeigbare Kampfgeräte in den Medien. Und wir brauchen Zivilschutz der Bevölkerung mitsamt Bunkern etc.
Es begann zugleich die Ächtung des Pazifismus, der Ruf nach einer Wehrpflicht für alle, die militärische Werbung durch die Bundeswehr in Schulen und Kindergärten auch bei Minderjährigen und die Bereitschaft, wieder fürs Vaterland zu sterben durch stolze Rückbesinnung auf unser Soldatentum in den beiden zurückliegenden Weltkriegen, mit geschönten Bildern vom Militär – und mit Versprechungen für Kostenübernahme von Führerscheinen für Freiwillige.
Aufrüstung bedarf klarer Feindbilder zur Begründung
Dazu bedurfte es klarer Feindbilder (wie böse Russen und Chinesen) sowie militärische Präsenz unserer Soldaten auf dem Globus und in den Weltmeeren mit eigenen Fregatten. Und dazu bedurfte es massiver Aufrüstung mit Waffen, Waffen und nochmals Waffen, koste es, was es wolle. Mittlerweile ist die Akzeptanz für diese massive und alltägliche Militarisierung von Politik und Gesellschaft erreicht, mit gewissem Gewöhnungseffekt und mit täglicher Unterstützung durch die Medien. Die „Zeitenwende“ hat neben den Schulen auch die Hörsäle der Hochschulen erreicht, die vermehrt an militärisch nutzbaren Technologien forscht.
Schleifung der Zivilklausel: Auch die Hochschulen rüsten auf
Die Forschung mit militärischer Zielsetzung war bislang für unsere Hochschulen mit ihren Ethik-Richtlinien und Zivilklauseln absolutes Tabu und teilweise auch gesetzlich im Landeshochschulgesetzen z.B. von NRW ausgeschlossen. Damit sollte sichergestellt werden, dass Forschung und Lehre ausschließlich zivilen und friedlichen Zwecken dienen sollten. Nunmehr ist für die Hochschulen eine neue Rolle für die militärische Ausrichtung ihrer Forschung insbesondere im Technologie-Bereich zugedacht. Lehrstühle und Professuren für militärische Themenstellungen werden eingerichtet oder umgewidmet. Und die Friedens- und Konfliktforschung wird schwerpunktmäßig auf Sicherheit- und Verteidigungspolitik umorientiert. Die zuständigen Bundesländer versuchen derzeit, klassische Rüstungsindustrie und Start-ups mit akademischer Forschung zusammenzubringen.
Die Rüstungsindustrie ist gewillt, mit ihren Geldern aus der Wirtschaft solche militärisch orientierten Hochschulprojekte zu finanzieren und zu fördern, etwa auch für innovative Waffensysteme wie neuartige Drohnen. Als Legitimation gilt die mögliche Verwendung solcher Systeme auch für den zivilen Gebrauch z.B. als Transportdrohnen. Voranmarschiert ist die Bundeswehrhochschule in München, wo z.B. Prof. Carlo Masala – bekannt aus wöchentlichen Fernseh-Talkshows – seine Professur für internationale Politik in einen “Lehrstuhl für Sicherheits- und Verteidigungspolitik“ umetikettiert hat.
Wissenschaftliche Politikberatung durch „neutrale“ Rüstungslobbyisten?
Prof. Carlo Masala gilt als „Experte für bewaffnete Konflikte“ und arbeitete zeitweilig als Forschungsberater am NATO Defense College in Rom und hatte auch Gastprofessuren in den Vereinigten Staaten. Bei der CDU-nahen Hermann-Ehlers-Stiftung ist er Vorstandsmitglied. Er ist Berater des Deutschen Verteidigungsministeriums als Mitglied der von der Deutschen Rüstungsindustrie gesponserten Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem ehemaligen Rüstungskonzern-Manager Thomas Enders von Airbus als Präsident.
Bei seinen ständigen Auftritten als „neutraler Rüstungsexperte“ in den Medien wird Prof. Masalas zuvor genannte Verflechtung mit der Rüstungslobby verschwiegen, was ein bezeichnendes Licht auf die öffentlich-rechtlichen Sender wirft, die sich damit in den Dienst der staatlichen Propaganda stellen, statt ihre kritische Rolle als vierte Gewalt im Staate einzunehmen. Ähnliches gilt für den fast täglich im Fernsehen auftretenden Rüstungslobbyisten Dr. Christian Mölling, dem ehemaligen Vize-Direktor des Forschungsinstituts der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und Leiter des einflussreichen „Zentrums für Sicherheit und Verteidigung“, zu dem an anderer Stelle noch weiteres angemerkt ist.
Kriegsangst versus Kriegslust?
Seit Kriegsbeginn in 2022 schüren auch die Medien die propagandistische Kriegsangst über den angeblich kurz bevorstehenden Angriff Russlands auf die militärisch dreimal so starke NATO bzw. die EU und Deutschland, um die von langer Hand geplante massive Aufrüstungspolitik und die Militarisierung zu rechtfertigen. Die NATO mit ihren 8,7 Mio. Soldaten gibt 1,4 Billionen Euro für Rüstung und Militär aus (und erhält dafür in 2026 den „Westfälischen Friedenspreis“, gegenüber 130 Milliarden € Militärausgaben des Kriegstreibers Russland mit 3,6 Mio. Soldaten. Die atomare Überlegenheit und Drohung des konventionell unterlegenen Russlands führen zu eigenen atomaren Abschreckungs-Plänen in Westeuropa. Werden dadurch die Deutschen unter einem Atomschirm kriegsbereiter?
UN-Generalsekretär Antonio Guterres befürchtet die Ausweitung des Ukraine-Krieges in einen großen Krieg hinein mit dem Risiko eines Atomkrieges. Die Aussicht auf Frieden werde immer geringer, so seine Befürchtung. Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sah es grundsätzlich ebenso: „Solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Gefahr bestehen, dass sie zum Einsatz kommen. Sei es durch Zufall, eine technische Störung oder auch einen bösen menschlichen Willen. Deshalb müssen wir das Ziel, die Atomwaffen zu verbieten und zu vernichten, mit Nachdruck weiterverfolgen. Das ist unsere Pflicht.“ Vielleicht sollten die Christdemokraten in Deutschland auf ihren Papst Leo XIV. hören, der im Oktober 2025 sagte: „Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen.“
„Militärische Gewalt als legitimes Mittel der Politik“?
Vizekanzler Klingbeil hatte als SPD-Vorsitzender in 2022 vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Grundsatzrede hingegen erklärt: „Auch militärische Gewalt ist als legitimes Mittel der Politik zu sehen“. (Ganz im Sinne des preußischen Generalmajors von Clausewitz: „Der Krieg ist nichts anderes als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“). Das versteht Klingbeil also unter Friedenspolitik, anders als Friedensnobelpreisträger und Abrüstungspolitiker Willy Brandt, der den Krieg als „ultima irratio“ verstand. Eine politische Zeitenwende auch bei den schrumpfenden Sozialdemokraten? Bei der heutigen Politiker-Generation ist die Unfähigkeit weit verbreitet, sich vorzustellen, was ein Krieg mit Russland oder gar ein Weltkrieg oder Atomkrieg bedeuten würde.
Das war auch die artikulierte Sorge von Altbundeskanzler Helmut Schmidt als leidgeprüfter Kriegsteilnehmer im 2. Weltkrieg. Vielleicht sollten die heutigen Genossen auf den verstorbenen Michail Gorbatschow hören. Er richtete seine deutliche Kritik an die heute politisch Verantwortlichen, die dem alten Denken verhaftet sind: „Politiker, die meinen, Probleme und Streitigkeiten könnten durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden – und sei es auch nur als letztes Mittel – sollten von der Gesellschaft abgelehnt werden, sie sollten die politische Bühne räumen.“ Denn „Sieger ist nicht, wer Schlachten in einem Krieg gewinnt, sondern wer Frieden stiftet“.
„Unserer globalen Probleme können nicht durch Krieg gelöst werden“
Für Gorbatschow stand fest: Wir haben es mit einer Krise der politischen Führung zu tun. International wie auch national. „Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg geklärt werden. In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“. Schon John F. Kennedy wusste: „Die Menschheit muss dem Krieg ein Ende setzen, oder der Krieg setzt der Menschheit ein Ende.“ Denn unser Zeitalter kann sich den Krieg nicht mehr leisten, ohne sich selber auszutilgen.
„Die Idee des Friedens ist unsterblich“ (Heinrich Mann in „Der lebende Tote“). Schon Albert Einstein rief deshalb dazu auf: „Seien wir einfach für den Frieden. Diffamieren wir alle Regierungen, die den Krieg nicht diffamieren.“ Der Liedermacher Konstantin Wecker brachte es auf den Punkt: „Eine Gesellschaft, die Waffengewalt als selbstverständlich zur Erlangung des Friedens akzeptiert, ist dringend therapiebedürftig.“ Der Therapiebedarf im massiv aufrüstenden Deutschland ist groß, dessen kriegsgeschädigte Menschen einstmals riefen: „Nie wieder Krieg!“
Supermacht Deutschland: Stärkste Armee und höchste Militärausgaben in der EU
Inzwischen hat Deutschland nach USA, China und Russland die höchsten Militärausgaben mit 88,5 Mrd. € in 2024. Damit hat Deutschland den höchsten Militärhaushalt aller europäischen NATO-Länder, den es bis 2029 noch wesentlich steigern will auf fast 153 Mrd. €., das ist fast eine Verdoppelung. Deutschland gehört zu den fünf größten Rüstungsexporteuren der Welt mit dem Höchststand von Rüstungsexporten für 8,1 Mrd. € in 2024, auch in Kriegs- und Krisenländer und Diktaturen.
Derzeit hat die Bundeswehr 215.000 Soldaten einschl. Reservisten in 2025, die bis 2035 auf eine Truppenstärke von 260.000 aktiven Soldaten erhöht werden soll zuzüglich 200.000 Reservisten als Zielgröße, so dass nach Einführung der Wehrpflicht über 460.000 Soldaten bereitstehen sollen, also eine Verdoppelung gegenüber heute. Laut Bundeskanzler Merz soll die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ werden.„Deutschland soll mehr militärische Verantwortung weltweit übernehmen“
Denn Deutschland soll „mehr militärische Verantwortung in der Welt übernehmen“, da sich die USA als Ordnungsmacht aus vielen Regionen der Welt zurückziehen werde. Dazu hatte bereits zu Beginn des Jahres 2014 der damalige Bundespräsident Joachim Gauck Deutschland ermahnt, und zwar vor der Weltöffentlichkeit auf der von der Rüstungsindustrie gesponserten „Münchener Sicherheitskonferenz“.
Die Begründung: Europa bleibt auf lange Sicht auf Rohstoffe aus anderen Regionen angewiesen. Es muss also aus eigenem wirtschaftlichem Interesse dort selbst für Zugang, Ordnung und Frieden sorgen zur Sicherung der Rohstoffe und Handelswege, notfalls auch militärisch – und als mächtigster EU-Staat sieht sich da fortan besonders Deutschland in der Pflicht.
Fundamentaler außen- und sicherheitspolitischer Wandel
Das verlangt einen fundamentalen außen- und sicherheitspolitischen Wandel, zu dem schon die damalige Große Koalition unter Kanzlerin Merkel bereit war, wie eingangs erwähnt. Die in der deutschen Bevölkerung umstrittene Rede Gaucks wurde seinerzeit flankiert von Reden der damals neuen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und dem abermaligen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).
Sie waren sich darin einig, dass auch in den Konfliktzonen im Nahen Osten, wo zu dem Zeitpunkt bereits 5.000 deutsche Soldaten eingesetzt waren, deutsche und europäische Interessen zu vertreten seien. (Und dorthin, wo das Grundgesetz direkte Bundeswehr-Kampfeinsätze verbietet, lieferte Deutschland zunehmend Ausrüstung und Ausbilder). Dagegen haben zugleich weite Teile der Deutschen gänzlich ablehnend auf Einmischung in die auswärtigen Konflikte reagiert. Doch die veränderte Militärpolitik Deutschlands und Europas begann schon viele Jahre früher, unbemerkt von der kritischen Öffentlichkeit.
Kampfsoldaten der EU als „schnelle Einsatztruppen“
Die gemeinsam veränderte Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU mitsamt Aufrüstungsplänen begann schon 1999 nach dem EU-Gipfel von Helsinki mit der Aufstellung einer 60.000 Mann starken „schnellen Einsatztruppe“ und deren militärische Ausrüstung: Europa als Kampfgemeinschaft. Als Speerspitzen wurden Dutzende „Battlegroups“ für die weltweite Einsatzfähigkeit ab 2007 bis 2012 eingerichtet, wobei Deutschland die größten Kontingente mit den meisten Führungspositionen stellt. Innerhalb einer Woche sollen bei Bedarf die Kampfsoldaten an jeden Ort der Welt geschickt werden können. Später bekam die EU (vertragswidrig) einen eigenen Militäretat von anfangs 5 Mrd. € mit in Aussicht gestellter Aufstockung.
„In Brüssel und vielen europäischen Hauptstädten herrscht Panik, weil man zum einen sieht, dass das Zeitalter der westlichen Hegemonie zu Ende geht und sich immer mehr Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika, von deren Ausbeutung der Westen lange gelebt hat, von unseren Regierungen abwenden, dass sie nicht mehr so erpressbar sind wie einst. (…) In dieser Lage suchen die dominierenden politischen Kräfte in der EU ihr Heil in einer schrankenlosen, in der Tat panischen Aufrüstung, um ihre Position aufrechtzuerhalten, ohne sich jedoch von der Unterwürfigkeit gegenüber den USA zu lösen“. (Zitat Fabian Scheidler).
Aufrüstungsverpflichtung und Aufrüstungsfond für alle EU-Staaten
Inzwischen hat die EU einen „Aufrüstungsfond“ eingerichtet in Höhe von 150 Mrd. €, um ihre Mitgliedsstaaten und europäische Unternehmen bei den Aufrüstungsvorhaben mit günstigen Krediten zu unterstützen, wovon 19 Staaten schon Gebrauch gemacht haben. Für 2025 verkündete die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas stolz, dass die Verteidigungsausgaben der 27 EU-Staaten insgesamt auf 381 Mrd. € gesteigert werden, davon 130 Mrd. € in Investitionen für neue Waffen.
Schon im Lissabonner EU-Grundlagenvertrag (als EU-Verfassungsersatz) von 2008 ist die Aufrüstung (statt Abrüstung) aller EU-Mitgliedsstaaten zum bindenden Verfassungsziel erhoben worden. Über die Aufrüstungsverpflichtungen der Mitgliedsstaaten wacht eine europäische „Rüstungsagentur“, die später in „Verteidigungsagentur“ umbenannt wurde (European Defence Agency EDA). Sie ist dem Rat der EU angegliedert, wird aus nationalen Haushaltsmitteln finanziert und ist mit einem eigenen Militärhaushalt für Sofortfinanzierungen ausgestattet. Deren damaliger Leiter Alexander Weis (ehemaliger Abteilungsleiter für Rüstung im deutschen Verteidigungsministerium) hatte das Jahr 2008 als „Europas Jahr der Rüstung“ angekündigt.
Weltweite Bundeswehreinsätze zur militärischen Intervention
Die Einsätze der Bundeswehr sollten sich schon seit 2003 nicht mehr geografisch eingrenzen lassen, wie es der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) vorgab, damit Deutschland „seine Interessen und seinen internationalen Einfluss wahren kann“ – so auch am Hindukusch. Unter der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die 2018 als NATO-Generalsekretärin im Gespräch war, wurde 2016 ein neues „Weißbuch der Bundeswehr“ veröffentlicht, welches die veränderte Ausrichtung der Rüstungs- und Militärpolitik enthielt. Demnach sollte Deutschland „mehr Führungsverantwortung“ in der Welt übernehmen und den ungehinderten Zugang von Handelswegen notfalls auch militärisch sichern.
Fernziel sei eine europäische Verteidigungsunion mit einem militärischen EU-Hauptquartier. Denn in der EU bestand Konsens, die europäische Militärpolitik mit interventionistischen Einsätzen weltweit auszuweiten. Im Rahmen der NATO sollten militärische Interventionen auch zur Sicherung von Energie, insbesondere von Öl- und Gasressourcen in Afrika, Asien und Nahost erfolgen.
Das Drehbuch für die militärische „Zeitenwende“ wurde 2004 geschrieben
Schon in 2004, also 10 Jahre vor dem beginnenden Donbass-Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, war für den Paradigmenwechsel der europäischen und deutschen Militärpolitik das Drehbuch verfasst worden, mit dem Augenmerk auf militärische und machtpolitische Fragen. Und zwar in der „European Defence Strategy (EDS)“ der Bertelsmann-Stiftung für die EU, ausgearbeitet von der Venusberg-Gruppe, an der sich auch die deutsche Rüstungs- und Militärpolitik mit der von Bundeskanzler Scholz propagierten „Zeitenwende“ sowie die Rüstungspolitik der jetzigen Bundesregierung mit ihrem militärischen „Sondervermögen“ seither konsequent ausrichtet, wie noch näher ausgeführt.
Die deutsche Bertelsmann-Stiftung mit ihren Netzwerken als einflussreicher Fürsprecher einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik zugunsten des Aufbaus einer militärischen „Supermacht“ Europa empfahl in ihrem EU-Strategiepapier Europas Aufrüstung (auch als Nuklearmacht im Kampf um globalen Einfluss). Mit ihrer sicherheitspolitischen Agenda betrieb sie erfolgreiche Lobbyarbeit für die Militärmacht Europa. Die EU soll innerhalb der globalen Wirtschafts- und Machtblöcke mit einer EU-Armee und einem eigenen Außenminister sowie gemeinsamen Geheimdiensten seine geostrategischen Interessen wahrnehmen, sich als Weltmacht definieren und zum globalen Militärakteur entwickeln, der bei Bedarf jeden Punkt der Welt kontrollieren kann.
Entwicklung der EU zur Militärunion auf Rat von Bertelsmann und DGAP
Die bis dahin zivile EU (als Friedensnobelpreisträger 2012) beschritt nun den Weg als „Militärunion“, zusätzlich zur NATO und den nationalen Militärpotenzialen, obwohl durch die EU-Verträge nicht abgedeckt. Die Frage zur Zukunft Europas wurde primär mit der angestrebten Augenhöhe mit den USA beim politischen und vor allem militärischen Einfluss in der Welt beantwortet. In ihrem Szenario der Supermacht Europa rät die Bertelsmann-Stiftung zum Abschied von der Idee einer Zivilmacht zur uneingeschränkten Hinwendung zu den Mitteln internationaler Machtpolitik einschließlich Kriegseinsätzen mit Offensivcharakter, zum Beispiel zur Ressourcen- und Rohstoffsicherung für Europa – ohne diese als humanitäre Hilfsmaßnahmen zur Einhaltung von Menschenrechten oder als „Friedensmissionen“ länger zu kaschieren.
Daran die Bevölkerung Europas zu gewöhnen, wolle Bertelsmann publizistisch beitragen, zusammen mit ihrer „Venusberg-Group“ und der personell mit Bertelsmann verflochtenen „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ (DGAP), die vom Auswärtigen Amt und von der Industrie finanziert wird. In dieser besonders einflussreichen Organisation der Rüstungslobby tauschen sich Militärs und Geheimdienstler mit hochkarätigen Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern aus, wie man die Militarisierung der EU-Außenpolitik und gemeinsame Rüstungsprojekte voranbringen kann.
Neben der NATO künftig auch Einsätze von EU-Streitkräften?
Bereits auf dem EU-Gipfel in 2007 wurde nach den Strategie-Empfehlungen von Bertelsmann die Einrichtung eines europäischen Außenkommissars (quasi als EU-Außenminister) beschlossen und im Reformvertrag festgeschrieben. Mit der gleichzeitigen Zuständigkeit auch für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik und Handelspolitik sowie Entwicklungszusammenarbeit wurde durch die erweiterten Kompetenzen eine Machtfülle gebündelt, wie sie kein nationaler Minister hat. Mit der Zuständigkeit für Wirtschaft und Militärpolitik in einer Hand wurde dokumentiert, dass künftig auch mit dem Einsatz europäischer Streitkräfte für Wirtschaftsinteressen zu rechnen ist.
Allerdings war damals noch nicht absehbar, dass sich die EU unter der kritikwürdigen Führung von Ursula von der Leyen – und nach autokratischen und rechtsnationalen Tendenzen in mehreren EU-Staaten mit Auswirkungen im EU-Parlament – zu einem geschwächten und uneinigen oder zerstrittenen Gebilde entwickelt hat, dass obendrein vom Trump-Amerika erpresst wird. Damit sind die eigenen Weltmachtambitionen der EU zumindest wirtschaftlich derzeit nur schwer realisierbar, aber militärisch nach drastischer Erhöhung aller Militärhaushalte und militärischer Emanzipation von den USA bereits vorangeschritten.
Dass die EU-Kommissionspräsidentin mit Hilfe der Rechten im EU-Parlament gewählt und wiedergewählt wurde und bei Abstimmungen auch den Bruch der Brandmauer nutzt, macht die heutige EU als globale Akteurin nicht gerade glaubwürdiger, die obendrein bei der Flüchtlings- und Migrationspolitik die Menschenrechte verletzt, wie die Menschenrechtsorganisationen vorwerfen.
Die EU als politische und militärische Weltmacht?
Die EU soll demnach ihren Status als „wirtschaftliche Weltmacht“ ausbauen und auf allen Kontinenten den ungehemmten Marktzugang für europäische Konzerne erzwingen. Die EU soll nach dem Willemn ihrer Führungseliten zur politischen und militärischen Weltmacht aufsteigen, um ihre ökonomischen Interessen mit außenpolitischen wie militärischen Mitteln absichern zu können. Laut diesem Drehbuch für die Spitzenpolitiker müsse die EU zum weltweit einsatzfähigen „Sicherheitsakteur“ werden, der – so das damalige ehrgeizige Zeit-Ziel – bis 2015 alle Militärmissionen eigenständig (auch ohne Nato-Unterstützung) ausführen kann, der über die volle militärische „Eskalationsdominanz“ (inklusive Atomwaffen) verfügt und in der Lage ist, weltweit präventiv zu intervenieren, um Angriffe auf Europa oder europäische Interessen zu verhindern.
Die Bertelsmann-Stiftung arbeitet daran, gesellschaftliche Akzeptanz für weltweite Kriegseinsätze herzustellen. So empfiehlt ein Strategiepapier aus dem Jahr 2005 den politischen Entscheidungsträgern, die EU-BürgerInnen von der Notwendigkeit der Weltmachtrolle zu überzeugen. Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung und der mit ihr kooperierenden Lobbyorganisation DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) und den darin eingebundenen Politikern nutzen die Medien für ihre außen- und sicherheitspolitische Statements. Sie verbreiten auch Angst vor Terror, dem Aufstieg Chinas und der Knappheit fossiler Energieträger.
Europas „politische Führer“ sollen europäische Bevölkerung überzeugen
Der Tenor: Die Gefahren für den europäischen Wohlstand und das Leben der EU-Bürger können nicht länger allein mit zivilen Mitteln bekämpft werden Und das jüngste Venusberg-Papier setzt hinzu: “Europas politische Führer müssen gemeinsam die europäische Bevölkerung überzeugen, dass es jetzt an der Zeit ist, sich angemessen auf eine sichere Zukunft vorzubereiten, und dass dies Anstrengung, Engagement und Geld kosten wird.”
Vom Umbau der EU zur Weltmacht mit Eroberung neuer Märkte verspricht sich die Bertelsmann AG auch Vorteile für ihr mediales Kerngeschäft. Neben einer nützlichen militärisch flankierten Eroberung neuer Märkte kann vor allem die Bertelsmann-Tochter Arvato Geschäfte erwarten. Als Spezialistin unter anderem für Logistik und IT-Anwendungen aller Art kommt die Bertelsmann-Tochter Arvato sowohl für zivile wie militärische Government Services in Frage. Dafür betreiben Stiftung und Konzern ihre eigene Außenpolitik mit Expertenteams oder hochrangig besetzten Kongressen. Sie speisen ihre Vorstellungen durch eine Flut von Strategiepapieren, Expertisen und Ranking-Instrumenten sowie den engen persönlichen Kontakt zu den politischen Eliten in das politisch-administrative System ein.
„Führende Rolle Deutschlands in der Welt mit militärischer Verantwortung“
Nach den Strategiepapieren der vorgenannten Lobbyorganisationen soll Deutschland dabei eine neue führende Rolle in der Welt mit mehr (militärischer) Verantwortung übernehmen, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede auf der 50. Münchener Sicherheitskonferenz 2014 verriet, an der wohl die Rüstungslobby vorbereitend mitgeschrieben hat, und zwar in Person seines Redenschreibers Thomas Kleine-Brockhoff (damaliger Direktor der DGAP/“Gesellschaft für Auswärtige Politik“). Dort hatte Gauck vor aller Welt den Anspruch an eine neue deutsche Außenpolitik formuliert, mit der sich Deutschland auch militärisch weltweit entschiedener einbringen und „seinem Gewicht entsprechend“ reagieren soll. soll, (wie bereits seit 2011 an vielen Krisenschauplätzen in der Welt praktiziert).
Deutschland dürfe sich nicht „wegducken“, sondern solle ein Garant internationaler Sicherheit sein und sich auch militärisch engagieren in den Krisen ferner Weltreligionen, auch mit dem Einsatz von Soldaten und sich nicht „hinter dem Schutz der historischen Schuld verstecken“. Mit Stolz blickte er darauf, dass Deutschland seit 1994 ungefähr 240 mal über Auslandseinsätze der Bundeswehr beraten habe. Die Zeit des Misstrauens gegenüber deutscher Staatlichkeit sei vorbei. Deutschland dürfe „seine historischen Ängste nicht als Ausrede nutzen“ und müsse „sein Selbstbild korrigieren”. In Pressekommentaren wurde Gaucks umstrittene Rede als „Ärgernis“ empfunden.
Der jüdische Historiker Efraim Zuroff als Leiter des „Simon-Wiesenthal-Centers“ empörte sich schon in 2008 über die geschichtliche Relativierung und Verharmlosung der Nazi-Ideologie durch den „ungeeigneten Bundespräsidenten“ Gauck wegen seiner öffentlichen Äußerungen und der Unterzeichnung der umstrittenen „Prager Erklärung“, die den Holocaust mit kommunistischen Verbrechen gleichsetzte.
Klartext der Deutschen auf den „Münchener Sicherheitskonferenzen“
Die von der Rüstungslobby mitfinanzierten „Münchener Sicherheitskonferenzen“ von 2016 und 2018 hatten also (ohne vorherige Parlamentsdebatten oder öffentlichen Diskurs) bedenkliche militär- und rüstungspolitische Vorentscheidungen als Paradigmenwechsel politisch unwidersprochen präjudiziert. Die damals nur geschäftsführende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, flankiert vom damaligen Außenminister Steinmeier und dem Bundespräsidenten Gauck mit seiner erwähnten Rede oder später von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, legte sich in München erneut auf deutsche Auf- und Nachrüstungsverpflichtungen in nie dagewesener Höhe mit haushaltspolitischer Priorität fest.
Diese deutschen und europäischen Bestrebungen und Ambitionen werden also schon seit 10 Jahren von deutschen Spitzenpolitikern vor der Weltgemeinschaft öffentlich verkündet, manches auch schon vor der Krim-Annexion, da gab es noch keinen Ukraine-Krieg. In dem zugrunde liegenden Strategiepapier für die EU wird militärischer Klartext geredet, den die Politiker entsprechend übernommen haben, bis hinein in ihre Redetexte und Beschlüsse, schon lange vor der von Kurzzeit-Kanzler Scholz dann offiziell verkündeten militärischen „Zeitenwende“. Die Hochrüstung und US-Raketenstationierung in Deutschland erinnert in ihrer politischen Dramatik an die Zeit der Wiederbewaffnung in den 1950-er Jahren, der mancher Politiker und Rüstungslobbyist nachtrauert. Damals wie heute sind die westlichen Aufrüstungsvorhaben gegen Moskau gerichtet.
Neue militärische Rolle Deutschlands und Europas
Vor allem Ursula von der Leyen skizzierte auf der Münchener Sicherheitskonferenz schon vor 8 jahren mit markigen Worten (am Grundgesetz mit dem Gebot der bloßen Landesverteidigung vorbei) eine ganz neue militärische Rolle Deutschlands und Europas. Mit einer europäischen Armee neben der NATO in einer „europäischen Militärunion“, wie kürzlich von der EU-Exekutive (am Bundestag vorbei) beschlossen, will sie die Militarisierung der Europapolitik vorantreiben statt eine neue Abrüstungsinitiative zu starten oder Entspannungspolitik mit dem Osten wiederzubeleben. Stattdessen das Motto der 1950-er Jahre: „Wenn die Russen kommen…“.
Alles läuft seither auf einen neuen „kalten Krieg“ (und absehbar auf einen sich ausbreitenden heißen Krieg?) hinaus, wie schon in der „Sicherheitspolitischen Agenda“ der Bertelsmann-Stiftung im Auftrag der EU vor Jahren entwickelt und empfohlen. Demgemäß der markige Originalton von der Leyen in München: „Deutschland braucht mehr militärisches Gewicht und darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken, sondern muss akzeptieren, dass unsere Soldatinnen und Soldaten auch tatsächlich eingesetzt werden, um für Sicherheit und Freiheit zu kämpfen.“
Deutsche Interessen erfolgreich am Hindukusch verteidigt?
In der fragwürdigen Rede von Ursula von der Leyens blieb unklar, wozu die Anstrengungen gut sein sollen. Denn Aufrüstung änderte daran nichts mehr, dass die NATO mit Deutschland sowie die USA im Juli 2021 den Taliban in Afghanistan das Feld kampflos überlassen haben, seitdem SPD-Verteidigungsminister Peter Struck unbedingt „deutsche Interessen am Hindukusch“ verteidigen wollte. Doch der dortige Militäreinsatz Deutschlands geschah nach den Erkenntnissen des Untersuchungsausschusses ohne Strategie und erkennbare Ziele, aber mit großem Schaden.
Die schonungslose Bilanz des knapp zwanzig Jahre währenden NATO-Einsatzes mit deutscher Unterstützung lautet: Das westliche Verteidigungsbündnis hinterlässt in Afghanistan nicht Frieden und Stabilität – sondern Chaos. Europäische und amerikanische Staatsbürger sollten schnellstmöglich in Sicherheit gebracht werden, ebenso deren afghanischen Helfer und Unterstützer, so lautete das nur teilweise eingehaltene deutsche Versprechen. Jetzt werden die Helfer von damals abgeschoben oder mit Geld zur Rückkehr veranlasst. Was aus den Afghanen und Afghaninnen unter den Taliban wird, scheint inzwischen unwichtig. Geht so “Werte geleitete” Außenpolitik?
„Die alte Liebe zum Militär wiederentdeckt“
In 2021 hielt die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dann als EU-Kommissionspräsidentin kurz nach dem militärischen Debakel von Afghanistan eine weitere Grundsatzrede „zur Lage der Union“, wo sie für mehr Rüstung plädierte und für eine engere Zusammenarbeit von EU und NATO. Gemeinsam mit Frankreichs Staatschef Macron wollte die CDU-Politikerin die „Europäische Verteidigungsunion“ vorantreiben. Neben einer „schnellen Eingreiftruppe“ und einem eigenen militärischen Lagezentrum brauche die EU vor allem „politischen Willen“, erklärte sie. Die taz kommentierte: „Ursula von der Leyen hat ihre alte Liebe wiederentdeckt: das Militär.“
Ähnlich wie von der Leyen hatte sich zuvor ihre Amtsnachfolgerin im Verteidigungsministerium, Annegret Kramp-Karrenbauer geäußert: Die EU brauche mehr Willen zur Verteidigung und Deutschland müsse aufrüsten. Sie entsandte im August 2021 die deutsche Fregatte „Bayern“ durchs Südchinesische Meer in den Indo-Pazifik und später nach Australien und Ostasien sowie zum Horn von Afrika, „um Seewege zu sichern“ und „Flagge zu zeigen für unsere deutschen Interessen als große Handelsmacht und Exportnation”.
Militärische Sicherung von Handelswegen für die Exportnation Deutschland?
Das Engagement der Bundeswehr im Indopazifik sei angeblich erforderlich, um Chinas Machtstreben einzudämmen, als Reaktion auf die Absicht Chinas, die Rüstungsausgaben um 6,8% in 2012 zu steigern. Daraufhin sollten „unsere deutschen Soldaten“ einen wichtigen Beitrag leisten „zur Sicherung unserer Handelswege“ und im „Kampf gegen Terrorismus“. An diese richtete sie den Appell: „Soldatinnen und Soldaten: Genau das ist Ihr Kurs. (…) Sie sind das Aushängeschild unseres Landes und repräsentieren unsere Interessen der Bundesrepublik. Und stellen dabei die Leistungsfähigkeit unserer Marine unter Beweis.“ (Ob die selbst ernannte militärische Weltmacht Deutschland Eindruck auf die Chinesen gemacht hat?)
Als der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, die Sicherung von Rohstoffen und Handelswegen auch mit militärischen Einsätzen als Betätigungsfeld der deutschen Bundeswehr (für wirtschaftliche Interessen quasi als Wirtschaftskriege) erwähnte, gab es einen Sturm der Entrüstung im Lande mit Verweis auf das Grundgesetz, so dass er im Mai 2010 zurücktrat. Jahre später lösen solche Bekenntnisse keine Empörung mehr aus, sondern sind alltäglich akzeptierte politische Bestrebungen, auch wenn sie längst nicht mehr mit dem Grundgesetz und seinem dort verankerten Friedensgebot im Einklang stehen..
Rüstungslobbyisten beeinflussen maßgeblich die außenpolitische Strategie
Auffällig ist bei alledem der treibende Einfluss der deutschen Rüstungslobby auf die außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung der deutschen Politik. Insbesondere die mehrfach erwähnte DGAP („Deutsche Gesellschaft für auswärtige Politik“ als Rüstungslobby-Organisation) mit ihrer zentralen Schlüsselrolle versucht nach eigenem Bekunden, „aktiv die außenpolitische Meinungsbildung auf allen Ebenen zu beeinflussen“ und die drastische Erhöhung der Rüstungsausgaben zu legitimieren, teilweise mit wissenschaftlichem Anspruch. Ziemlich offensichtlich folgten der Kanzler, der Verteidigungsminister und die jeweiligen Außenminister (deren Ministerium die Lobbyorganisation sogar mitfinanziert), aktuell den Vordenkern und Vorgaben der DAGP bei ihrer politisch-militärischen „Zeitenwende“ hin zur „Kriegstüchtigkeit“.
Der bereits erwähnte langjährige deutsche „Chefideologe“ der einflussreichen DGAP, Christian Mölling, wechselte im September 2024 nach Bertelsmann als Direktor im Programm „Europas Zukunft“. Den deutschen Fernsehzuschauern wird er allabendlich wie ein offizieller Regierungssprecher mit Interviews und Statement als “Rüstungs- und Sicherheitsexperte“ präsentiert, ohne seine Lobbyfunktion zu offenbaren. Er kann auch die politischen Strategien besser erklären als die gewählten Regierungsmitglieder und Parlamentarier, die seine „kompetenten“ Vorlagen mehr oder weniger laienhaft nachbeten.
Lobbyisten benutzen Politiker für strategische Umsetzung
Die geschickte Einbindung von aktiven und Ex-Politikern in ihre Netzwerke und für ihre Zwecke gelingt den Rüstungslobbyisten immer wieder problemlos. Als deren politische Rüstungslobbyisten betätigen sich vor allem auch ausgeschiedene Bundesminister wie Sigmar Gabriel (zugleich Vorsitzender der Atlantik-Brücke), Ex-Verteidigungsminister Jung und Ex-Entwicklungsminister Niebel (Rheinmetall) sowie aktuell der ehemalige Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marcus Faber als Vizepräsident „Political Affairs“ beim Waffenbaukonzern Elbit, und natürlich die FDP-Verteidigungspolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann als Mitglied in mehreren Rüstungslobby-Organisationen.
Hoch angesehen ist auch der ehemalige Diplomat und spätere Rüstungslobbyist des Hensoldt-Konzerns, Ischinger, der auch durch die Talkshows gereicht wird als langjähriger Vorsitzender der von Rüstungskonzernen gesponserten privaten „Münchener Sicherheitskonferenzen“. Das Zusammenspiel der Lobby-Netzwerke und auch die dubiose Rolle der „Atlantik-Brücke“, in der alle namhaften Politiker und Journalisten nebst Vertretern der Finanz- und Rüstungsindustrie und des Militärs eingebunden sind, bedürfte einen eigenen umfassenden Artikel und ist vom Autor dieser Zeilen in verschiedenen Zusammenhängen ausführlicher dargestellt und belegt worden.
Wie sich die wehrpflichtige Jugend gegen den Militarismus wehren kann
In diesen Kriegs- und Krisenzeiten wäre es dringend geboten, die Logik des Krieges zu durchbrechen und in Alternativen zu denken sowie den Friedensgedanken wieder zu beleben. Statt den Krieg zu gewinnen sollten wir den Frieden gewinnen und die Jugend dafür statt fürs Militärische zu begeistern. Unter dem Motto „Mich kriegt ihr nicht!“ und „Nein zum Krieg!“ wird im Internet unter www.kriegsdienstblocker.de eine Anleitung „zur kostenlosen Erstellung einer Kriegsdienstverweigerung“ dargeboten.
Dort heißt es: „Mut ist nicht, zu kämpfen. Mut ist, den Krieg aus Gewissensgründen zu verweigern. Krieg werden von Mächtigen geplant, die ihre Macht ausweiten wollen, von Dummköpfen ausgeführt, und von Unschuldigen mit dem Leben bezahlt. Sei klug und werde nicht zum Spielball. Schütze dein Leben und deine Psyche. Du kannst Dich völlig frei entscheiden! Nutze Dein Recht!“ Zur Verfügung gestellt wird ein juristisch geprüftes Schreiben an das zuständige „Karriere-Center“ der Bundeswehr, dass unabhängig vom Verteidigungsfall eingereicht werden kann.
Mit „Friedensbotschaftern“ zum Bewusstseinswandel
„Werde Friedensbotschafter und erwecke Bewusstsein“, so lautet die Aufforderung an die jugendlichen Leser, „weil die Wehrkraft wieder vor der Tür steht. Weil Du nicht warten willst, bist deine Kinder eingezogen werden. Weil ziviler Widerstand mit friedlichen Mitteln beginnt. Weil jeder Flyer ein Hoffnungsschimmer sein kann.“ Jeder kann in 5.000 Haushalten mit kostenlos zur Verfügung gestellten Flyern ein Zeichen setzen. (In der NS-Zeit wäre eine solche Aktion als Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ wohl mit dem Tode bestraft worden. Erst 2002 sind diese nationalsozialistischen Gesetze außer Kraft gesetzt worden, so dass es keinen vergleichbaren Straftatbestand mehr gibt, wohl aber den § 89 des Strafgesetzbuches zur „verfassungsfeindlichen Einwirkung auf die Bundeswehr und öffentliche Sicherheitsorgane“, mit einem Strafmaß von bis zu 5 Jahren oder Geldstrafe).
Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Am 05. Dezember 2025 ist in mehreren deutschen Städten ein bundesweiter Schulstreik gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht geplant, als Teil eines vom Bündnis der Friedensbewegung initiierten Aktionstages. In zahlreichen Orten, darunter Berlin, Bochum, Dortmund, Bielefeld, Essen, Göttingen, Hannover, Kassel, Köln, Münster, München, Potsdam und Trier laufen bereits konkrete Vorbereitungen. Die umfassende Militarisierung in allen Politikbereichen braucht auch nach Auffassung kritischer Gewerkschafter endlich entschiedenen Widerstand. Mit der Kraft der (auch historischen) Aufklärung, mit der Empathie mit den Opfern auf beiden Seiten und mit der Initiativkraft der sozialen Bewegungen könnte eine verstärkte Friedensbewegung wiederbelebt werden, denn Krieg bedeutet Entmenschlichung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Lokalkompass, hier mit freundlicher Genehmigung des Autors. Links wurden nachträglich eingefügt.
Über Wilhelm Neurohr:
Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.
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Immer wieder wird versucht #Geringverdiener und #Bürgergeldempfänger gegeneinander aufzubringen.
Hier im @Nordkurier auch noch mit falschen Zahlen, die scheinbar aus der Bild übernommen wurden.
Das Ehepaar mit zwei Kindern (14,16) bekommt nur 1486€...
👇Rechenfehler erklärt👇
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Trilog zu Alterskontrollen: Warnung vor „Ausweispflicht für weite Teile des Internets“
Sowohl der Rat als auch das EU-Parlament haben Nein gesagt zur verpflichtenden Chatkontrolle. Aber die umstrittene Verordnung birgt weitere Risiken für digitale Grundrechte – und zwar flächendeckende Alterskontrollen. Worüber Kommission, Parlament und Rat jetzt verhandeln.
Es war ein merkliches Aufatmen Ende vergangenen Jahres. Nach mehr als drei Jahren Verhandlungen hatten sich Vertreter*innen der EU-Staaten im Rat auf eine gemeinsame Position zur sogenannten Chatkontrolle geeinigt, einem der weitreichendsten Überwachungsprojekte der EU.
Hinter der Chatkontrolle stecken Pläne der EU-Kommission, Anbieter von Messengern wie Signal oder WhatsApp auf Anordnung dazu verpflichten zu können, die Kommunikation von Nutzer*innen zu durchleuchten. Vertrauliche Nachrichten müssten sie dann in großem Stil nach sogenannten Missbrauchsdarstellungen durchsuchen – ein fundamentaler Angriff auf sicher verschlüsselte Kommunikation. Anlass ist der Vorschlag für eine Verordnung zur Prävention und Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern, kurz: CSA-VO.
Fachleute aus unter anderem Kinderschutz, Wissenschaft, Zivilgesellschaft sind gegen das Vorhaben Sturm gelaufen. Mit dem Nein von Rat und EU-Parlament dürfte die Chatkontrolle vom Tisch sein. Kaum beachtet geblieben ist dabei jedoch ein weiteres Überwachungsvorhaben im Vorschlag der Kommission, und zwar die Einführung von Alterskontrollen.
Die EU-Kommission möchte Anbieter nämlich auch dazu verpflichten dürfen, das Alter ihrer Nutzer*innen zu überprüfen. Betroffen sind Dienste, die Erwachsene nutzen können, um sexuelle Kontakte zu Minderjährigen anzubahnen. Das nennt sich Grooming.
Alterskontrollen laufen oftmals auf invasive Maßnahmen heraus. Nutzer*innen müssten dann zum Beispiel ihr Gesicht biometrisch vermessen lassen, damit eine Software ihr Alter schätzt, oder mithilfe von Dokumenten wie dem Ausweis belegen, dass sie erwachsen sind. Mindestens würde es damit für Millionen Nutzer*innen schwerer, sich frei im Netz zu bewegen. Wenn es nicht gelingt, solche Kontrollen sicher zu gestalten, drohen Datenschutz-Verletzungen und massenhafte Überwachung.
Kommission, Rat und Parlament haben teils widersprüchliche Positionen zu den Alterskontrollen. Aktuell verhandeln sie im sogenannten Trilog über die Verordnung – und damit auch über die Zukunft von Alterskontrollen in der EU. Wir liefern die Übersicht über die zentralen Positionen und die Risiken dahinter.
Das will die EU-Kommission
Der Vorschlag der EU-Kommission sieht eine Verpflichtung zu Alterskontrollen bei „interpersonellen Kommunikationsdiensten“ vor, einfach ausgedrückt: Anbietern mit Chatfunktion.
Sie sollen zunächst selbst das Risiko für Grooming einschätzen, also ob ihre Dienste zum Zweck des „sexuellen Kindesmissbrauchs“ eingesetzt werden könnten. Dabei spielt etwa eine Rolle, wie viele Kinder den Dienst überhaupt verwenden, wie leicht sie von Erwachsenen auf der Plattform kontaktiert werden können und welche Möglichkeiten es gibt, solche Kontakte zu melden.
Potenziell von Grooming betroffene Anbieter sollen dann das Alter ihrer Nutzer*innen überprüfen, um Minderjährige „zuverlässig“ zu identifizieren. Die Konsequenz sollen Maßnahmen zur Risikominderung sein. Zwar nennt der entsprechende Artikel im Entwurf kein konkretes Beispiel – denkbar wären aber zum Beispiel eingeschränkte Chat-Funktionen, die keine Gespräche mit Fremden erlauben.
Vergangene Recherchen über Grooming legen nahe: Diese Regelung könnte viele populäre Plattformen treffen, etwa TikTok, Instagram und Roblox oder das unter Gamer*innen beliebte Discord. Auch Messenger wie WhatsApp oder Signal könnten dazu verpflichtet werden, das Alter ihrer Nutzer*innen zu prüfen.
Entscheidend sind hier die Worte „zuverlässig identifizieren“. Eine schlichte Altersabfrage dürfte kaum genügen. Es geht auch nicht bloß darum, dass Anbieter Schutzfunktionen für Minderjährige bereithalten müssen, damit betroffene Minderjährige (oder ihre Aufsichtspersonen) sie einsetzen können. Stattdessen könnte es sein, dass Nutzer*innen in großem Stil beweisen sollen, dass sie schon erwachsen sind.
Zusätzlich sieht die Kommission eine weitere Altersschranke vor, die noch einen Schritt früher ansetzt, und zwar bei „Stores für Software-Anwendungen“. Darunter dürften mindestens der Google Play Store und Apples App Store fallen, je nach Auslegung auch Spiele-Marktplätze wie Steam. Auch dort müssten Nutzer*innen demnach ihr Alter nachweisen, bevor sie Zugang bekommen.
Das will der Rat der EU
Der Rat der EU vertritt die Regierungen der Mitgliedstaaten. Geht es um Alterskontrollen, deckt sich die Ratsposition weitgehend mit dem Vorschlag der Kommission. Auch der Rat will, dass Anbieter, die ein Risiko zur Kontaktaufnahme mit Kindern bei sich feststellen, das Alter ihrer Nutzer*innen kontrollieren. Das Gleiche will der Rat für App Stores.
Für die Ausgestaltung dieser Kontrollen stellt der Rat weitere Anforderungen auf. Demnach sollen die Maßnahmen Privatsphäre und Datenschutz wahren, transparent, akkurat und dabei auch zugänglich und diskriminierungsfrei sein. Der Rat spricht damit Aspekte an, die sich auch an anderer Stelle in EU-Regeln finden, etwa in den Leitlinien zum Jugendschutz im Netz auf Grundlage des Gesetzes über digitale Dienste (DSA).
Der Knackpunkt: Keine Technologie wird all diesen Anforderungen gerecht. Um den Anspruch zu erfüllen, akkurat zu sein, müssten Prüfungen wohl invasiv sein – sonst lassen sie sich täuschen. Typisch sind Kontrollen mit biometrischen Daten oder auf Basis von Dokumenten wie Ausweispapieren. Erstere können Menschen diskriminieren, die nicht ausreichend in den Trainingsdaten eines KI-Systems repräsentiert sind, etwa Women of Color. Letztere können Menschen ausschließen, die keine Papiere haben.
Das will das EU-Parlament
Das EU-Parlament will bei Alterskontrollen einen anderen Weg einschlagen, wie dessen Position zeigt. Streichen will das Parlament demnach die Pflichten für Alterskontrollen auf der Ebene von App-Stores.
Die Marktplätze sollen demnach bloß deutlich ausweisen, wenn Apps erst ab einem bestimmten Alter vorgesehen sind. Zudem sollen sie bei Apps, die das verlangen, die Zustimmung von Erziehungsberechtigten sicherstellen. Diese Maßnahmen könnten etwa Apple und Google bereits umgesetzt haben: Dort gibt es entsprechende Vorkehrungen für Accounts von Minderjährigen, die an Eltern-Accounts gekoppelt sind.
Für die Anbieter von Kommunikationsdiensten will das Parlament im Gegensatz zu Rat und Kommission keine verpflichtenden Alterskontrollen, sondern optionale. Risiken mindern müssen betroffene Anbieter dennoch; sie hätten allerdings die Wahl, auf welche Weise sie das tun.
Weniger invasive Methoden zur Altersprüfung haben einige Plattformen bereits heute im Einsatz. So will TikTok das Verhalten von Nutzer*innen auf Signale untersuchen, die auf ein zu geringes Alter hindeuten, etwa, mit welchen Accounts sie interagieren.
Das Parlament fordert zudem eine Reihe von Auflagen für Alterskontrollsysteme und wird dabei konkreter als der Rat. Demnach soll es für Nutzer*innen weiterhin möglich sein, anonyme Accounts einzurichten, und es sollen keine biometrischen Daten verarbeitet werden dürfen. Zudem sollen Kontrollen nach dem Zero-Knowledge-Prinzip erfolgen. Praktisch heißt das: Anbieter, bei denen man das eigene Alter nachweist, sollen nichts weiter erfahren, außer ob man die nötige Altersschwelle überschreitet. Ein mögliches Werkzeug dafür ist die von der EU in Auftrag gegebene Alterskontroll-App, die künftig Teil der digitalen Brieftasche (EUDI-Wallet) werden soll.
Für Dienste, die sich an Kinder unter 13 Jahren richten, fordert das Parlament zusätzlich, dass sie standardmäßig in ihren Funktionen hohe Sicherheitsstandards wählen. Sie sollen etwa verhindern, dass Nutzer*innen persönliche Daten teilen oder Screenshots machen können.
Gesondert verlangt das Parlament außerdem Regeln für Pornoplattformen. Diese besondere Gruppe von Anbietern soll verpflichtend das Alter von Nutzer*innen kontrollieren. Das entspräche jedoch im Tenor den Anforderungen aus bereits bestehenden EU-Gesetzen wie der Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste und dem DSA.
Das steht auf dem Spiel
Alterskontrollen sind nicht nur ein Thema für Kinder und Jugendliche – es geht nämlich darum, alle Nutzer*innen zu kontrollieren, um Minderjährige herauszufiltern. Die deutsche Europa-Abgeordnete Birgit Sippel (SPD) warnt: „Eine verpflichtende Altersverifikation würde eine Ausweispflicht für weite Teile des Internets bedeuten, und zwar vor allem auch für Erwachsene.“ Diese Warnung würde jedoch voraussetzen, dass die EU eine Pflicht zu Alterskontrollen sehr streng auslegt.
Wenn bei Alterskontrollen die Plattformen zum Türsteher werden und Daten auch für andere Zwecken nutzen können, wäre das „höchst problematisch“, so Sippel weiter. Deshalb brauche es Safeguards wie das Zero-Knowledge-Prinzip. „Schließlich darf die Anonymität und Nutzung von Pseudonymen nicht gefährdet werden.“ Außerdem warnt die Abgeordnete davor, Alterskontrollen als Allheilmittel zu betrachten. „Um Kinder effektiv zu schützen, braucht es eine strukturelle Reform der Plattformen, damit Profit nicht mehr aus dem Geschäft mit missbräuchlichen Inhalten geschlagen werden kann.“ Abgeordnete aus anderen Fraktionen haben sich auf Anfrage von netzpolitik.org nicht geäußert.
Für European Digital Rights (EDRi), dem Dachverband von Organisationen für digitale Freiheitsrechte, beobachtet Politikberater Simeon de Brouwer das Gesetzesvorhaben. „Verpflichtende Altersverifikation bei Diensten für zwischenmenschliche Kommunikation ist gefährlich, weil sie die freie Rede unterdrückt“, warnt er. Je nach Art der Kontrollen könnten ganze Gesellschaftsgruppen ausgeschlossen werden – etwa Menschen ohne Papiere. Außerdem warnt er vor Einschüchterung („chilling effects“), wenn der Zugang zu sicherer Kommunikation hinter verpflichtenden Kontrollen steht.
Auch Alterskontrollen auf App-Marktplätzen lehnt de Brouwer ab. „Ein derartiges Maß an Kontrolle und aufdringlicher Datenverarbeitung sollte nicht normalisiert werden – besonders nicht an einem solchen Nadelöhr.“ Es entstehe keine Sicherheit, sondern Kontrolle, wenn der Zugang zu digitalen Werkzeugen vom Überwinden zentraler Prüfsysteme abhängig gemacht wird.
Svea Windwehr ist Co-Vorsitzende des Vereins für progressive Digitalpolitik D64. „Alle bekannten Technologien zur Altersbestimmung im Netz weisen signifikante Schwächen auf“, schreibt sie auf Anfrage. So seien etwa KI-gestützte Altersschätzungen häufig ungenau und „bergen massive Diskriminierungspotenziale, da ihre Leistung stark von Geschlecht, Alter, Hautfarbe und anderen Merkmalen abhängt“. Verifikation anhand von Ausweisdokumenten wiederum könne „eine signifikante Barriere für gesellschaftliche Teilhabe darstellen“.
Unterm Strich würden neue Pflichten zur Altersverifikation „einen Bärendienst für die Privatsphäre von jungen Menschen im Netz“ darstellen, warnt Windwehr. Vor allem würden sie nichts an den strukturellen Problemen ändern, die Plattformen zu unsicheren Räumen für Kinder machen können. „Der politische Anspruch sollte darin bestehen, an der Wurzel des Problems anzusetzen und Plattformen für ihre Produkte zur Verantwortung zu ziehen, statt vulnerable Nutzende auszuschließen.“
So geht es jetzt weiter
Beim Gesetz steht die EU unter gewissem Zeitdruck. Obwohl viele Dienstleister wie etwa Meta bereits jetzt eine freiwillige Chatkontrolle durchführen, fehlt dafür eine dauerhafte Rechtsgrundlage. Möglich ist die Maßnahme nur durch eine vorübergehende Ausnahmeregelung mit Blick auf die Datenschutz-Richtlinie für elektronische Kommunikation. Die Frist dafür endet jedoch im April 2026. Zumindest Kommission und Rat wollen sie um zwei Jahre verlängern; das Parlament müsste dem noch zustimmen.
Weil der Rat sich jahrelang nicht auf eine Position zur Chatkontrolle einigen konnte, war das ganze Gesetzesvorhaben für lange Zeit blockiert. Erst mit der Einigung auf die Ratsposition Ende November wurde der Weg frei für die informellen Trilog-Verhandlungen zwischen Kommission, Rat und Parlament. Beim Trilog versuchen die drei EU-Organe einen Kompromiss zu finden. Verhandelt wird hinter verschlossenen Türen. Dauer: ungewiss; ein Ergebnis ist nicht garantiert.
„Trotz der Differenzen zeigen das Europäische Parlament und der Rat die feste Absicht, intensiv an dem Vorschlag zu arbeiten und so schnell wie möglich eine Einigung zu erzielen“, sagte jüngst der spanische Abgeordnete Javier Zarzalejos (EVP) während einer Ausschuss-Sitzung am 27. Januar. Er ist der zuständige Berichterstatter der konservativen Fraktion im Parlament.
Nach dem ersten Verhandlungstermin am 9. Dezember sollen Verhandlungen auf technischer Ebene am 15. Januar begonnen haben. Aus diesen bis dato zwei Terminen könne Zarzalejos von „guter Atmosphäre und beachtlichem Fortschritt“ berichten. Diskutiert habe man bisher insbesondere das neue EU-Zentrum – das ist die geplante zentrale Anlaufstelle zur Umsetzung der Verordnung. Der nächste Trilog-Termin soll der 26. Februar sein.
Sebastian Meineck ist Journalist und seit 2021 Redakteur bei netzpolitik.org. Zu seinen aktuellen Schwerpunkten gehören digitale Gewalt, Databroker und Jugendmedienschutz. Er schreibt einen Newsletter über Online-Recherche und gibt Workshops an Universitäten. Das Medium Magazin hat ihn 2020 zu einem der Top 30 unter 30 im Journalismus gekürt. Seine Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zweimal mit dem Grimme-Online-Award sowie dem European Press Prize. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Sebastian Hinweise schicken | Sebastian für O-Töne anfragen | Mastodon. Chris Köver recherchiert und schreibt über Migrationskontrolle, biometrische Überwachung, digitale Gewalt und Jugendschutz. Recherche-Anregungen und -Hinweise gerne per Mail oder via Signal (ckoever.24). Seit 2018 bei netzpolitik.org. Hat Kulturwissenschaften studiert und bei Zeit Online mit dem Schreiben begonnen, später eine eigene Zeitschrift mitgegründet. Ihre Arbeit wurden ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis Informatik, dem Grimme-Online-Award und dem Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit. Kontakt: E-Mail (OpenPGP), BlueSky, Mastodon, Signal: ckoever.24. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.
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Simon Cowell’s new boy band December 10 reveal mentoring secrets
But anyone picturing Cowell in an apron flipping sausages can think again. In an interview with ContactMusic.com, Danny…
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https://www.newsbeep.com/ca/673470/ -
Call of the Night
A lone owl calls out
in the loneliness that reigns
beyond my window.© Simon J Ashcroft, 2026
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Smoke
Take each thoughtless word,
each malicious act, hidden
from a foolish world;
cast them on an altar built
to sacrifice our own hearts.© Simon J Ashcroft, 2026