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#dopamin — Public Fediverse posts

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  1. Ob Crack oder ein Zigarettenblättchen - die Motivation, den Boden abzusuchen, um das dem Schmutzigen Entnommene sofort für Konsum zu nutzen, ist bei beiden Drogen gleich.

    #dopamin

  2. Ob Crack oder ein Zigarettenblättchen - die Motivation, den Boden abzusuchen, um das dem Schmutzigen Entnommene sofort für Konsum zu nutzen, ist bei beiden Drogen gleich.

    #dopamin

  3. Krasse Doku #arte

    arte.tv/de/videos/117798-000-A

    Erinnert mich an die Digitalbranche: alles auf #Dopamin optimiert, damit niemand mehr Interesse an wirklichen #socialmedia hat. Oder #Opensource.

    #Fediversum und #Linux haben ein ähnliches Los wie #Obst und #Gemüse: keine bunte Werbung, aber weitaus bessere innere Werte!

  4. Krasse Doku #arte

    arte.tv/de/videos/117798-000-A

    Erinnert mich an die Digitalbranche: alles auf #Dopamin optimiert, damit niemand mehr Interesse an wirklichen #socialmedia hat. Oder #Opensource.

    #Fediversum und #Linux haben ein ähnliches Los wie #Obst und #Gemüse: keine bunte Werbung, aber weitaus bessere innere Werte!

  5. Krasse Doku #arte

    arte.tv/de/videos/117798-000-A

    Erinnert mich an die Digitalbranche: alles auf #Dopamin optimiert, damit niemand mehr Interesse an wirklichen #socialmedia hat. Oder #Opensource.

    #Fediversum und #Linux haben ein ähnliches Los wie #Obst und #Gemüse: keine bunte Werbung, aber weitaus bessere innere Werte!

  6. Krasse Doku #arte

    arte.tv/de/videos/117798-000-A

    Erinnert mich an die Digitalbranche: alles auf #Dopamin optimiert, damit niemand mehr Interesse an wirklichen #socialmedia hat. Oder #Opensource.

    #Fediversum und #Linux haben ein ähnliches Los wie #Obst und #Gemüse: keine bunte Werbung, aber weitaus bessere innere Werte!

  7. Krasse Doku #arte

    arte.tv/de/videos/117798-000-A

    Erinnert mich an die Digitalbranche: alles auf #Dopamin optimiert, damit niemand mehr Interesse an wirklichen #socialmedia hat. Oder #Opensource.

    #Fediversum und #Linux haben ein ähnliches Los wie #Obst und #Gemüse: keine bunte Werbung, aber weitaus bessere innere Werte!

  8. Halben Tag VS Code mit Github Copilot ausprobiert, jetzt ist das Limit erreicht und ich will in irgendeiner Firma als Developer arbeiten.

    #Dopamin #Enterprise

  9. Halben Tag VS Code mit Github Copilot ausprobiert, jetzt ist das Limit erreicht und ich will in irgendeiner Firma als Developer arbeiten.

    #Dopamin #Enterprise

  10. Wenn wir bereit sind, … für 90 Minuten #Dopamin die Frage auszublenden, … unter welchen Bedingungen das Spektakel entstanden ist, schauen wir dann Fußball … oder trainieren wir unsere Fähigkeit zur Verdrängung? In komplexen Zeiten mit ihren Krisen ist #TrainingInOberflächlichkeit schädlich?🖖

  11. @kingconsult @telepolis Ich sehe gerade massenweise Kinder in 5./6. Klasse, die uns in Workshops erzählen, an normalen Schultagen zwischen 7-10 Stunden am Handy zu verbringen. Ist ein schwieriges Umfeld, Eltern sind oft nicht vorhanden oder desinteressiert, aber die Dark Patterns und Designs der Apps sorgen erst dafür, dass die so wahnsinnig attraktiv für Nutzer sind - insbesondere solche, deren Impulskontrolle noch nicht ausreichend entwickelt ist.

    #FediEltern #FediLZ #Medienbildung #SocialMedia #Bildschirmzeit #Kinder #Dopamin

  12. @kingconsult @telepolis Ich sehe gerade massenweise Kinder in 5./6. Klasse, die uns in Workshops erzählen, an normalen Schultagen zwischen 7-10 Stunden am Handy zu verbringen. Ist ein schwieriges Umfeld, Eltern sind oft nicht vorhanden oder desinteressiert, aber die Dark Patterns und Designs der Apps sorgen erst dafür, dass die so wahnsinnig attraktiv für Nutzer sind - insbesondere solche, deren Impulskontrolle noch nicht ausreichend entwickelt ist.

    #FediEltern #FediLZ #Medienbildung #SocialMedia #Bildschirmzeit #Kinder #Dopamin

  13. @kingconsult @telepolis Ich sehe gerade massenweise Kinder in 5./6. Klasse, die uns in Workshops erzählen, an normalen Schultagen zwischen 7-10 Stunden am Handy zu verbringen. Ist ein schwieriges Umfeld, Eltern sind oft nicht vorhanden oder desinteressiert, aber die Dark Patterns und Designs der Apps sorgen erst dafür, dass die so wahnsinnig attraktiv für Nutzer sind - insbesondere solche, deren Impulskontrolle noch nicht ausreichend entwickelt ist.

    #FediEltern #FediLZ #Medienbildung #SocialMedia #Bildschirmzeit #Kinder #Dopamin

  14. @kingconsult @telepolis Ich sehe gerade massenweise Kinder in 5./6. Klasse, die uns in Workshops erzählen, an normalen Schultagen zwischen 7-10 Stunden am Handy zu verbringen. Ist ein schwieriges Umfeld, Eltern sind oft nicht vorhanden oder desinteressiert, aber die Dark Patterns und Designs der Apps sorgen erst dafür, dass die so wahnsinnig attraktiv für Nutzer sind - insbesondere solche, deren Impulskontrolle noch nicht ausreichend entwickelt ist.

    #FediEltern #FediLZ #Medienbildung #SocialMedia #Bildschirmzeit #Kinder #Dopamin

  15. @kingconsult @telepolis Ich sehe gerade massenweise Kinder in 5./6. Klasse, die uns in Workshops erzählen, an normalen Schultagen zwischen 7-10 Stunden am Handy zu verbringen. Ist ein schwieriges Umfeld, Eltern sind oft nicht vorhanden oder desinteressiert, aber die Dark Patterns und Designs der Apps sorgen erst dafür, dass die so wahnsinnig attraktiv für Nutzer sind - insbesondere solche, deren Impulskontrolle noch nicht ausreichend entwickelt ist.

    #FediEltern #FediLZ #Medienbildung #SocialMedia #Bildschirmzeit #Kinder #Dopamin

  16. #Dopamin signalisiert nicht #Wahrheit, sondern erwartete Belohnung und motivationalen Wert. Wie unterscheiden wir zwischen dem, was unser Gehirn belohnt, und dem, was tatsächlich wahr oder langfristig sinnvoll ist?🖖

  17. Wenn jedes erfolgreiche Produkt, … jede Ideologie und jede Massenbewegung … direkt die neuronalen Belohnungssysteme anspricht, woran erkennen wir dann, ob wir einer #Wahrheit folgen oder nur unserem #Dopamin?🖖

  18. Ständig einen Schritt voraus sein – für manche ist das Alltag, für andere anstrengend. Eine neue Theorie des Bochumer Psychologen Ekrem Dere liefert jetzt eine überraschend simple Erklärung: Wer oft in Gedanken in die Zukunft reist, wird dafür vom eigenen Gehirn belohnt. Und macht es deshalb immer wieder.

    Die Idee klingt zunächst banal, ist aber weitreichend. #Dopamin #mentaleZeitreise #operanteKonditionierung #Psychologie #RUB #Zukunftsdenken

    wahnsinnwissen.de/?p=1373

  19. “Vergleichbar mit Kokain”

    Als die Suchtexpertin Anne Wilkening vor 20 Jahren anfing, Vorträge an Schulen zu halten, ging es um Nikotin. Dann folgten Alkohol und Cannabis. Seit etwa 10 Jahren macht Medienkonsum den Hauptteil ihrer Aufklärungsarbeit aus.

    Sie beraten an Schulen zu Drogen- und Medienkonsum. Was haben die gemeinsam?

    Unter Suchtforschern wird nicht mehr unterschieden, ob etwas körperlich oder psychisch abhängig macht. Die Entzugserscheinungen und Schwierigkeiten damit aufzuhören, sind sehr ähnlich. Die Forschung zeigt, dass auf bestimmte Apps oder Spiele derselbe Bereich im Gehirn reagiert, der uns nach Drogen süchtig macht.

    Was genau passiert im Gehirn?

    Unser Gehirn schüttet dabei Dopamin aus. Dieser Botenstoff ist Teil des Belohnungssystems und beeinflusst unsere Stimmung. Dieser “Spaßmacher” wird auch ausgeschüttet, wenn wir schöne Erlebnisse mit Menschen haben. Aber beim Drogen- oder Medienkonsum um ein Vielfaches mehr. Das ist, was unser Gehirn abhängig und uns süchtig macht. Das ist, warum sich unser Gehirn immer öfter fürs Handy oder die Spielekonsole entscheidet, statt für ein Treffen mit echten Menschen.

    Ist der gestiegene Medienkonsum also ein Grund dafür, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben?

    Wir sind immer noch dabei herauszufinden, woher Ängstlichkeit und Depressionen kommen. Aber eine Sache, die durch die Corona-Lockdowns besonders auffällig wurde: Je weniger wir Zeit mit echten Menschen verbringen, desto mehr nehmen Ängstlichkeit und Depressivität bei Kindern zu. Und wenn Medienkonsum dazu führt, dass wir uns immer seltener mit Freunden treffen, und selbst wenn wir sie treffen, uns nicht mehr richtig auf sie einlassen, weil wir ständig am Handy sind, dann führt das zu Vereinsamung, selbst wenn man zusammen ist. Deswegen ist es eine sehr wichtige Maßnahme, dass Schulen handyfreie Zonen sind.

    Sie warnen besonders vor Social Media. Wie gefährlich sind TikTok & Co?

    Social Media, besonders TikTok und Instagram, haben ein extremes Suchtpotenzial – Fachexperten sagen, dass es vergleichbar ist mit dem Suchtpotenzial der Droge Kokain. Es kann eine wirkliche Abhängigkeit entstehen, bei der man komplett die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit man damit verbringt und nicht aufhören kann.

    Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige?

    Absolut. Abgesehen vom extremen Suchtpotenzial hat Social Media alarmierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Und einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung der Gehirne der Kinder, wenn es um die Erwartungen an das eigene Aussehen und das Aussehen anderer geht. In der Forschung zum Thema wird immer wieder betont: Es ist nicht möglich, sich nicht zu vergleichen. Und wenn mir ständig – mit Filtern geschönte oder komplett KI-generierte – makellose Gesichter und Körper präsentiert werden, mit makellosen Leben, in tollen Wohnungen mit tollen Partnern, dann ist es fast unmöglich sich damit nicht zu vergleichen. Und zu denken: Warum ist mein Leben nicht so attraktiv? Warum kann ich nicht so makellos, dünn oder faltenfrei sein? Da werden toxische Standards aufgebaut, die niemand erfüllen kann und die dazu führen können, dass Menschen immer unglücklicher werden.

    Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media und den zugenommenen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

    Es gibt eine aktuelle Studie, die hat gezeigt, was passiert, wenn 12–14jährige Teenager nur zwei bis vier Wochen auf Social Media verzichten. Es gab drei Haupteffekte: Der erste war, dass sich das Selbstbild verbesserte. Die Kinder fingen an, sich wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen, sie nahmen sich positiver wahr, fanden sich hübscher. Der zweite Effekt war, dass sich Ängstlichkeit und Depressivität deutlich reduzierten. Und der dritte: Die Fähigkeit, sich für andere Dinge außerhalb von Social Media zu begeistern und Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten, nahm zu.

    „Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt.“

    Für die Aufmerksamkeit gelten kurze Videos besonders problematisch.

    Je kürzer die Videos und je mehr man davon hintereinander guckt, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Aufmerksamkeit zu halten, wenn es mit Inhalten konfrontiert wird, die länger als ein paar Sekunden anhalten. Zum Beispiel 45 Minuten Unterricht. Es gibt immer mehr Schüler, für die es unmöglich ist, sich länger als ein paar Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn man ständig mit neuen Inhalten konfrontiert wird, aber niemals Zeit hat, das auch zu verarbeiten und abzuspeichern, führt es dazu, dass Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern andere Dinge sogar gelöscht werden.

    Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder massiv abgenommen haben. Digitale Reizüberflutung könnte eine zentrale Ursache sein.

    Ja, und es gibt noch eine zweite Sache, die dazu beiträgt: der Einsatz von KI. Dazu gibt es aktuelle Studien, die untersucht haben, was passiert, wenn man KI benutzt, anstatt Dinge selbst zu erarbeiten. Dann entsteht etwas, das nennt man kognitive Schuld – cognitive debt. Wenn wir Denkarbeit an die KI abgeben, lernt unser Gehirn nicht dazu. Um Dinge zu verarbeiten und abzuspeichern, muss unser Gehirn Denkarbeit selbst machen.

    Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Konzentrationsfähigkeit?

    Verschiedene Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung, zum Beispiel durch eine Nachricht, bis zu 20 Minuten braucht, um sich wieder genauso gut auf die Aufgabe zu konzentrieren wie vorher. Und je öfter man unterbrochen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn diese Aufmerksamkeit nicht mehr aufbauen und halten kann. Aber selbst die bloße Anwesenheit des Handys zieht Aufmerksamkeit ab und verschlechtert die Konzentrationsfähigkeit.

    Wie erklärt sich das?

    Wenn man täglich viel Zeit mit seinem Handy verbringt, baut man für das Handy einen eigenen Gehirnteil – eine Repräsentation des Handys im Gehirn. Dieser Gehirnteil wird umso größer, je mehr Zeit man seinem Handy schenkt – je öfter man es anschaut, es berührt. Und dieser Gehirnteil zieht immerzu Aufmerksamkeit von anderen Tätigkeiten ab …

    … und von Menschen.

    Beziehungen leiden darunter – selbst zu den eigenen Kindern. Am St. Joseph Krankenhaus in Berlin hat man vor einigen Jahren geschaut, was Eltern in der ersten Stunde nach der Geburt ihrer Babys machen. Da hat sich gezeigt, dass sie ihre Babys weniger angucken und weniger Körperkontakt aufnehmen, weil sie so damit beschäftigt sind, Fotos und Videos zu machen und Nachrichten zu verschicken, um mitzuteilen, dass ihr Kind jetzt auf der Welt ist. Die Eltern schenken ihrem Handy Aufmerksamkeit statt ihren Neugeborenen. Das ist aber für die Gehirnentwicklung der Kinder problematisch, weil in den ersten zwei Stunden nach der Geburt Prozesse im Gehirn stattfinden und Stoffe ausgeschüttet werden, die für die Fähigkeit Bindung und Liebe aufzubauen entscheidend sind. Dafür wird die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern benötigt, vor allem Blick- und Körperkontakt.

    Sie vermitteln in Ihren Vorträgen “cleveren Medienkonsum”. Was sind die wichtigsten Formeln?

    Es gibt eine Metapher, die ich gern benutze: Als Ihr Kind Fahrradfahren gelernt hat, haben Sie es anfangs festgehalten und sind mitgelaufen, dann haben Sie sich getraut, loszulassen, sind aber weiter nebenhergelaufen und dann noch jahrelang neben oder hinter Ihrem Kind hergefahren, bis Sie sich sicher waren, dass es sicher ist im Straßenverkehr. Dasselbe gilt für den Onlineverkehr. Kinder müssen lernen, wie sie sich sicher online bewegen. Dafür brauchen sie bestimmte Fähigkeiten, die das Gehirn erst ab einem bestimmten Alter lernen kann. Meine erste Empfehlung ist deshalb das eigene Smartphone fürs Kind lange hinauszuzögern – am besten nicht unter 12 Jahren – und anfangs sollten die Eltern Zugriff haben, Bildschirmzeiten begrenzen, Medienkompetenz mit den Kindern üben. Bestimmte Apps und Spiele sollten noch später kommen oder gar nicht. Die stehen auf meiner “bösen Liste” – zusammen mit WhatsApp und anderen Messengern, die uns ständig unterbrechen, und unsere Aufmerksamkeit abziehen. Meine Empfehlung dafür – und die gilt auch für alle anderen Apps – Benachrichtigungen ausstellen!

    Was machen Apps und Spiele “böse”?

    Die beiden Eigenschaften die Apps und Spiele gefährlich machen: Wenn sie dazu nötigen oder belohnen, sie jeden Tag zu spielen. Wenn ich Spiele nicht anhalten und abspeichern kann, wenn sie mich ständig kontaktieren und mit Belohnungen locken, wenn ich eine extra Runde spiele oder mich bestrafen, wenn ich nicht spiele. Es gibt zunehmend Kinder, so berichten mir Schulen, die nicht auf Klassenfahrt wollen, weil sie ihr Handy nicht mitnehmen dürfen, weil sie sich nicht jeden Tag um ihr Snapchat Account kümmern können, ihre Duolingo-App oder ihren digitalen Bauernhof. Und die gefährlichste Eigenschaft: Wenn mich das Spiel oder die App dazu bringt, echtes Geld zu investieren. Nichts erhöht das Suchtpotenzial mehr, als wenn man Geld investiert. Das ist Glücksspiel – eine der stärksten Süchte, die es gibt.

    Gibt es auch eine “liebe Liste”?

    Ja, da stehen unter anderem Spiele, bei denen man sich stark bewegt und verausgabt wie Tanz- und Sportspiele. Denn besonders gesundheitsgefährdend am Medienkonsum ist der Bewegungsmangel. Deshalb empfehle ich ein Bewegungskonto: Mindestens genauso viel Zeit, wie man inaktiv vor Maschinen rumsitzt, sollte man durch zusätzliche Bewegung ausgleichen. Und noch eine wichtige Empfehlung: So selten wie möglich allein vor Maschinen sitzen. Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt. Das heißt, lieber Filme zusammen gucken, Spiele zusammen spielen. Das macht für das Gehirn einen riesigen Unterschied. Online zusammen spielen, wie viele Schüler mich fragen, reicht dabei nicht. Das Gehirn kann zwar durch die Kooperation auch etwas profitieren, aber der Effekt ist dramatisch besser, wenn man sich tatsächlich trifft und ein gemeinsames Erlebnis hat.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

    Über Fanny Schmolke, Interview - ver.di-publik:

    Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

  20. “Vergleichbar mit Kokain”

    Als die Suchtexpertin Anne Wilkening vor 20 Jahren anfing, Vorträge an Schulen zu halten, ging es um Nikotin. Dann folgten Alkohol und Cannabis. Seit etwa 10 Jahren macht Medienkonsum den Hauptteil ihrer Aufklärungsarbeit aus.

    Sie beraten an Schulen zu Drogen- und Medienkonsum. Was haben die gemeinsam?

    Unter Suchtforschern wird nicht mehr unterschieden, ob etwas körperlich oder psychisch abhängig macht. Die Entzugserscheinungen und Schwierigkeiten damit aufzuhören, sind sehr ähnlich. Die Forschung zeigt, dass auf bestimmte Apps oder Spiele derselbe Bereich im Gehirn reagiert, der uns nach Drogen süchtig macht.

    Was genau passiert im Gehirn?

    Unser Gehirn schüttet dabei Dopamin aus. Dieser Botenstoff ist Teil des Belohnungssystems und beeinflusst unsere Stimmung. Dieser “Spaßmacher” wird auch ausgeschüttet, wenn wir schöne Erlebnisse mit Menschen haben. Aber beim Drogen- oder Medienkonsum um ein Vielfaches mehr. Das ist, was unser Gehirn abhängig und uns süchtig macht. Das ist, warum sich unser Gehirn immer öfter fürs Handy oder die Spielekonsole entscheidet, statt für ein Treffen mit echten Menschen.

    Ist der gestiegene Medienkonsum also ein Grund dafür, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben?

    Wir sind immer noch dabei herauszufinden, woher Ängstlichkeit und Depressionen kommen. Aber eine Sache, die durch die Corona-Lockdowns besonders auffällig wurde: Je weniger wir Zeit mit echten Menschen verbringen, desto mehr nehmen Ängstlichkeit und Depressivität bei Kindern zu. Und wenn Medienkonsum dazu führt, dass wir uns immer seltener mit Freunden treffen, und selbst wenn wir sie treffen, uns nicht mehr richtig auf sie einlassen, weil wir ständig am Handy sind, dann führt das zu Vereinsamung, selbst wenn man zusammen ist. Deswegen ist es eine sehr wichtige Maßnahme, dass Schulen handyfreie Zonen sind.

    Sie warnen besonders vor Social Media. Wie gefährlich sind TikTok & Co?

    Social Media, besonders TikTok und Instagram, haben ein extremes Suchtpotenzial – Fachexperten sagen, dass es vergleichbar ist mit dem Suchtpotenzial der Droge Kokain. Es kann eine wirkliche Abhängigkeit entstehen, bei der man komplett die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit man damit verbringt und nicht aufhören kann.

    Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige?

    Absolut. Abgesehen vom extremen Suchtpotenzial hat Social Media alarmierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Und einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung der Gehirne der Kinder, wenn es um die Erwartungen an das eigene Aussehen und das Aussehen anderer geht. In der Forschung zum Thema wird immer wieder betont: Es ist nicht möglich, sich nicht zu vergleichen. Und wenn mir ständig – mit Filtern geschönte oder komplett KI-generierte – makellose Gesichter und Körper präsentiert werden, mit makellosen Leben, in tollen Wohnungen mit tollen Partnern, dann ist es fast unmöglich sich damit nicht zu vergleichen. Und zu denken: Warum ist mein Leben nicht so attraktiv? Warum kann ich nicht so makellos, dünn oder faltenfrei sein? Da werden toxische Standards aufgebaut, die niemand erfüllen kann und die dazu führen können, dass Menschen immer unglücklicher werden.

    Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media und den zugenommenen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

    Es gibt eine aktuelle Studie, die hat gezeigt, was passiert, wenn 12–14jährige Teenager nur zwei bis vier Wochen auf Social Media verzichten. Es gab drei Haupteffekte: Der erste war, dass sich das Selbstbild verbesserte. Die Kinder fingen an, sich wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen, sie nahmen sich positiver wahr, fanden sich hübscher. Der zweite Effekt war, dass sich Ängstlichkeit und Depressivität deutlich reduzierten. Und der dritte: Die Fähigkeit, sich für andere Dinge außerhalb von Social Media zu begeistern und Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten, nahm zu.

    „Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt.“

    Für die Aufmerksamkeit gelten kurze Videos besonders problematisch.

    Je kürzer die Videos und je mehr man davon hintereinander guckt, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Aufmerksamkeit zu halten, wenn es mit Inhalten konfrontiert wird, die länger als ein paar Sekunden anhalten. Zum Beispiel 45 Minuten Unterricht. Es gibt immer mehr Schüler, für die es unmöglich ist, sich länger als ein paar Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn man ständig mit neuen Inhalten konfrontiert wird, aber niemals Zeit hat, das auch zu verarbeiten und abzuspeichern, führt es dazu, dass Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern andere Dinge sogar gelöscht werden.

    Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder massiv abgenommen haben. Digitale Reizüberflutung könnte eine zentrale Ursache sein.

    Ja, und es gibt noch eine zweite Sache, die dazu beiträgt: der Einsatz von KI. Dazu gibt es aktuelle Studien, die untersucht haben, was passiert, wenn man KI benutzt, anstatt Dinge selbst zu erarbeiten. Dann entsteht etwas, das nennt man kognitive Schuld – cognitive debt. Wenn wir Denkarbeit an die KI abgeben, lernt unser Gehirn nicht dazu. Um Dinge zu verarbeiten und abzuspeichern, muss unser Gehirn Denkarbeit selbst machen.

    Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Konzentrationsfähigkeit?

    Verschiedene Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung, zum Beispiel durch eine Nachricht, bis zu 20 Minuten braucht, um sich wieder genauso gut auf die Aufgabe zu konzentrieren wie vorher. Und je öfter man unterbrochen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn diese Aufmerksamkeit nicht mehr aufbauen und halten kann. Aber selbst die bloße Anwesenheit des Handys zieht Aufmerksamkeit ab und verschlechtert die Konzentrationsfähigkeit.

    Wie erklärt sich das?

    Wenn man täglich viel Zeit mit seinem Handy verbringt, baut man für das Handy einen eigenen Gehirnteil – eine Repräsentation des Handys im Gehirn. Dieser Gehirnteil wird umso größer, je mehr Zeit man seinem Handy schenkt – je öfter man es anschaut, es berührt. Und dieser Gehirnteil zieht immerzu Aufmerksamkeit von anderen Tätigkeiten ab …

    … und von Menschen.

    Beziehungen leiden darunter – selbst zu den eigenen Kindern. Am St. Joseph Krankenhaus in Berlin hat man vor einigen Jahren geschaut, was Eltern in der ersten Stunde nach der Geburt ihrer Babys machen. Da hat sich gezeigt, dass sie ihre Babys weniger angucken und weniger Körperkontakt aufnehmen, weil sie so damit beschäftigt sind, Fotos und Videos zu machen und Nachrichten zu verschicken, um mitzuteilen, dass ihr Kind jetzt auf der Welt ist. Die Eltern schenken ihrem Handy Aufmerksamkeit statt ihren Neugeborenen. Das ist aber für die Gehirnentwicklung der Kinder problematisch, weil in den ersten zwei Stunden nach der Geburt Prozesse im Gehirn stattfinden und Stoffe ausgeschüttet werden, die für die Fähigkeit Bindung und Liebe aufzubauen entscheidend sind. Dafür wird die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern benötigt, vor allem Blick- und Körperkontakt.

    Sie vermitteln in Ihren Vorträgen “cleveren Medienkonsum”. Was sind die wichtigsten Formeln?

    Es gibt eine Metapher, die ich gern benutze: Als Ihr Kind Fahrradfahren gelernt hat, haben Sie es anfangs festgehalten und sind mitgelaufen, dann haben Sie sich getraut, loszulassen, sind aber weiter nebenhergelaufen und dann noch jahrelang neben oder hinter Ihrem Kind hergefahren, bis Sie sich sicher waren, dass es sicher ist im Straßenverkehr. Dasselbe gilt für den Onlineverkehr. Kinder müssen lernen, wie sie sich sicher online bewegen. Dafür brauchen sie bestimmte Fähigkeiten, die das Gehirn erst ab einem bestimmten Alter lernen kann. Meine erste Empfehlung ist deshalb das eigene Smartphone fürs Kind lange hinauszuzögern – am besten nicht unter 12 Jahren – und anfangs sollten die Eltern Zugriff haben, Bildschirmzeiten begrenzen, Medienkompetenz mit den Kindern üben. Bestimmte Apps und Spiele sollten noch später kommen oder gar nicht. Die stehen auf meiner “bösen Liste” – zusammen mit WhatsApp und anderen Messengern, die uns ständig unterbrechen, und unsere Aufmerksamkeit abziehen. Meine Empfehlung dafür – und die gilt auch für alle anderen Apps – Benachrichtigungen ausstellen!

    Was machen Apps und Spiele “böse”?

    Die beiden Eigenschaften die Apps und Spiele gefährlich machen: Wenn sie dazu nötigen oder belohnen, sie jeden Tag zu spielen. Wenn ich Spiele nicht anhalten und abspeichern kann, wenn sie mich ständig kontaktieren und mit Belohnungen locken, wenn ich eine extra Runde spiele oder mich bestrafen, wenn ich nicht spiele. Es gibt zunehmend Kinder, so berichten mir Schulen, die nicht auf Klassenfahrt wollen, weil sie ihr Handy nicht mitnehmen dürfen, weil sie sich nicht jeden Tag um ihr Snapchat Account kümmern können, ihre Duolingo-App oder ihren digitalen Bauernhof. Und die gefährlichste Eigenschaft: Wenn mich das Spiel oder die App dazu bringt, echtes Geld zu investieren. Nichts erhöht das Suchtpotenzial mehr, als wenn man Geld investiert. Das ist Glücksspiel – eine der stärksten Süchte, die es gibt.

    Gibt es auch eine “liebe Liste”?

    Ja, da stehen unter anderem Spiele, bei denen man sich stark bewegt und verausgabt wie Tanz- und Sportspiele. Denn besonders gesundheitsgefährdend am Medienkonsum ist der Bewegungsmangel. Deshalb empfehle ich ein Bewegungskonto: Mindestens genauso viel Zeit, wie man inaktiv vor Maschinen rumsitzt, sollte man durch zusätzliche Bewegung ausgleichen. Und noch eine wichtige Empfehlung: So selten wie möglich allein vor Maschinen sitzen. Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt. Das heißt, lieber Filme zusammen gucken, Spiele zusammen spielen. Das macht für das Gehirn einen riesigen Unterschied. Online zusammen spielen, wie viele Schüler mich fragen, reicht dabei nicht. Das Gehirn kann zwar durch die Kooperation auch etwas profitieren, aber der Effekt ist dramatisch besser, wenn man sich tatsächlich trifft und ein gemeinsames Erlebnis hat.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

  21. “Vergleichbar mit Kokain”

    Als die Suchtexpertin Anne Wilkening vor 20 Jahren anfing, Vorträge an Schulen zu halten, ging es um Nikotin. Dann folgten Alkohol und Cannabis. Seit etwa 10 Jahren macht Medienkonsum den Hauptteil ihrer Aufklärungsarbeit aus.

    Sie beraten an Schulen zu Drogen- und Medienkonsum. Was haben die gemeinsam?

    Unter Suchtforschern wird nicht mehr unterschieden, ob etwas körperlich oder psychisch abhängig macht. Die Entzugserscheinungen und Schwierigkeiten damit aufzuhören, sind sehr ähnlich. Die Forschung zeigt, dass auf bestimmte Apps oder Spiele derselbe Bereich im Gehirn reagiert, der uns nach Drogen süchtig macht.

    Was genau passiert im Gehirn?

    Unser Gehirn schüttet dabei Dopamin aus. Dieser Botenstoff ist Teil des Belohnungssystems und beeinflusst unsere Stimmung. Dieser “Spaßmacher” wird auch ausgeschüttet, wenn wir schöne Erlebnisse mit Menschen haben. Aber beim Drogen- oder Medienkonsum um ein Vielfaches mehr. Das ist, was unser Gehirn abhängig und uns süchtig macht. Das ist, warum sich unser Gehirn immer öfter fürs Handy oder die Spielekonsole entscheidet, statt für ein Treffen mit echten Menschen.

    Ist der gestiegene Medienkonsum also ein Grund dafür, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben?

    Wir sind immer noch dabei herauszufinden, woher Ängstlichkeit und Depressionen kommen. Aber eine Sache, die durch die Corona-Lockdowns besonders auffällig wurde: Je weniger wir Zeit mit echten Menschen verbringen, desto mehr nehmen Ängstlichkeit und Depressivität bei Kindern zu. Und wenn Medienkonsum dazu führt, dass wir uns immer seltener mit Freunden treffen, und selbst wenn wir sie treffen, uns nicht mehr richtig auf sie einlassen, weil wir ständig am Handy sind, dann führt das zu Vereinsamung, selbst wenn man zusammen ist. Deswegen ist es eine sehr wichtige Maßnahme, dass Schulen handyfreie Zonen sind.

    Sie warnen besonders vor Social Media. Wie gefährlich sind TikTok & Co?

    Social Media, besonders TikTok und Instagram, haben ein extremes Suchtpotenzial – Fachexperten sagen, dass es vergleichbar ist mit dem Suchtpotenzial der Droge Kokain. Es kann eine wirkliche Abhängigkeit entstehen, bei der man komplett die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit man damit verbringt und nicht aufhören kann.

    Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige?

    Absolut. Abgesehen vom extremen Suchtpotenzial hat Social Media alarmierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Und einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung der Gehirne der Kinder, wenn es um die Erwartungen an das eigene Aussehen und das Aussehen anderer geht. In der Forschung zum Thema wird immer wieder betont: Es ist nicht möglich, sich nicht zu vergleichen. Und wenn mir ständig – mit Filtern geschönte oder komplett KI-generierte – makellose Gesichter und Körper präsentiert werden, mit makellosen Leben, in tollen Wohnungen mit tollen Partnern, dann ist es fast unmöglich sich damit nicht zu vergleichen. Und zu denken: Warum ist mein Leben nicht so attraktiv? Warum kann ich nicht so makellos, dünn oder faltenfrei sein? Da werden toxische Standards aufgebaut, die niemand erfüllen kann und die dazu führen können, dass Menschen immer unglücklicher werden.

    Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media und den zugenommenen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

    Es gibt eine aktuelle Studie, die hat gezeigt, was passiert, wenn 12–14jährige Teenager nur zwei bis vier Wochen auf Social Media verzichten. Es gab drei Haupteffekte: Der erste war, dass sich das Selbstbild verbesserte. Die Kinder fingen an, sich wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen, sie nahmen sich positiver wahr, fanden sich hübscher. Der zweite Effekt war, dass sich Ängstlichkeit und Depressivität deutlich reduzierten. Und der dritte: Die Fähigkeit, sich für andere Dinge außerhalb von Social Media zu begeistern und Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten, nahm zu.

    „Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt.“

    Für die Aufmerksamkeit gelten kurze Videos besonders problematisch.

    Je kürzer die Videos und je mehr man davon hintereinander guckt, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Aufmerksamkeit zu halten, wenn es mit Inhalten konfrontiert wird, die länger als ein paar Sekunden anhalten. Zum Beispiel 45 Minuten Unterricht. Es gibt immer mehr Schüler, für die es unmöglich ist, sich länger als ein paar Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn man ständig mit neuen Inhalten konfrontiert wird, aber niemals Zeit hat, das auch zu verarbeiten und abzuspeichern, führt es dazu, dass Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern andere Dinge sogar gelöscht werden.

    Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder massiv abgenommen haben. Digitale Reizüberflutung könnte eine zentrale Ursache sein.

    Ja, und es gibt noch eine zweite Sache, die dazu beiträgt: der Einsatz von KI. Dazu gibt es aktuelle Studien, die untersucht haben, was passiert, wenn man KI benutzt, anstatt Dinge selbst zu erarbeiten. Dann entsteht etwas, das nennt man kognitive Schuld – cognitive debt. Wenn wir Denkarbeit an die KI abgeben, lernt unser Gehirn nicht dazu. Um Dinge zu verarbeiten und abzuspeichern, muss unser Gehirn Denkarbeit selbst machen.

    Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Konzentrationsfähigkeit?

    Verschiedene Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung, zum Beispiel durch eine Nachricht, bis zu 20 Minuten braucht, um sich wieder genauso gut auf die Aufgabe zu konzentrieren wie vorher. Und je öfter man unterbrochen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn diese Aufmerksamkeit nicht mehr aufbauen und halten kann. Aber selbst die bloße Anwesenheit des Handys zieht Aufmerksamkeit ab und verschlechtert die Konzentrationsfähigkeit.

    Wie erklärt sich das?

    Wenn man täglich viel Zeit mit seinem Handy verbringt, baut man für das Handy einen eigenen Gehirnteil – eine Repräsentation des Handys im Gehirn. Dieser Gehirnteil wird umso größer, je mehr Zeit man seinem Handy schenkt – je öfter man es anschaut, es berührt. Und dieser Gehirnteil zieht immerzu Aufmerksamkeit von anderen Tätigkeiten ab …

    … und von Menschen.

    Beziehungen leiden darunter – selbst zu den eigenen Kindern. Am St. Joseph Krankenhaus in Berlin hat man vor einigen Jahren geschaut, was Eltern in der ersten Stunde nach der Geburt ihrer Babys machen. Da hat sich gezeigt, dass sie ihre Babys weniger angucken und weniger Körperkontakt aufnehmen, weil sie so damit beschäftigt sind, Fotos und Videos zu machen und Nachrichten zu verschicken, um mitzuteilen, dass ihr Kind jetzt auf der Welt ist. Die Eltern schenken ihrem Handy Aufmerksamkeit statt ihren Neugeborenen. Das ist aber für die Gehirnentwicklung der Kinder problematisch, weil in den ersten zwei Stunden nach der Geburt Prozesse im Gehirn stattfinden und Stoffe ausgeschüttet werden, die für die Fähigkeit Bindung und Liebe aufzubauen entscheidend sind. Dafür wird die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern benötigt, vor allem Blick- und Körperkontakt.

    Sie vermitteln in Ihren Vorträgen “cleveren Medienkonsum”. Was sind die wichtigsten Formeln?

    Es gibt eine Metapher, die ich gern benutze: Als Ihr Kind Fahrradfahren gelernt hat, haben Sie es anfangs festgehalten und sind mitgelaufen, dann haben Sie sich getraut, loszulassen, sind aber weiter nebenhergelaufen und dann noch jahrelang neben oder hinter Ihrem Kind hergefahren, bis Sie sich sicher waren, dass es sicher ist im Straßenverkehr. Dasselbe gilt für den Onlineverkehr. Kinder müssen lernen, wie sie sich sicher online bewegen. Dafür brauchen sie bestimmte Fähigkeiten, die das Gehirn erst ab einem bestimmten Alter lernen kann. Meine erste Empfehlung ist deshalb das eigene Smartphone fürs Kind lange hinauszuzögern – am besten nicht unter 12 Jahren – und anfangs sollten die Eltern Zugriff haben, Bildschirmzeiten begrenzen, Medienkompetenz mit den Kindern üben. Bestimmte Apps und Spiele sollten noch später kommen oder gar nicht. Die stehen auf meiner “bösen Liste” – zusammen mit WhatsApp und anderen Messengern, die uns ständig unterbrechen, und unsere Aufmerksamkeit abziehen. Meine Empfehlung dafür – und die gilt auch für alle anderen Apps – Benachrichtigungen ausstellen!

    Was machen Apps und Spiele “böse”?

    Die beiden Eigenschaften die Apps und Spiele gefährlich machen: Wenn sie dazu nötigen oder belohnen, sie jeden Tag zu spielen. Wenn ich Spiele nicht anhalten und abspeichern kann, wenn sie mich ständig kontaktieren und mit Belohnungen locken, wenn ich eine extra Runde spiele oder mich bestrafen, wenn ich nicht spiele. Es gibt zunehmend Kinder, so berichten mir Schulen, die nicht auf Klassenfahrt wollen, weil sie ihr Handy nicht mitnehmen dürfen, weil sie sich nicht jeden Tag um ihr Snapchat Account kümmern können, ihre Duolingo-App oder ihren digitalen Bauernhof. Und die gefährlichste Eigenschaft: Wenn mich das Spiel oder die App dazu bringt, echtes Geld zu investieren. Nichts erhöht das Suchtpotenzial mehr, als wenn man Geld investiert. Das ist Glücksspiel – eine der stärksten Süchte, die es gibt.

    Gibt es auch eine “liebe Liste”?

    Ja, da stehen unter anderem Spiele, bei denen man sich stark bewegt und verausgabt wie Tanz- und Sportspiele. Denn besonders gesundheitsgefährdend am Medienkonsum ist der Bewegungsmangel. Deshalb empfehle ich ein Bewegungskonto: Mindestens genauso viel Zeit, wie man inaktiv vor Maschinen rumsitzt, sollte man durch zusätzliche Bewegung ausgleichen. Und noch eine wichtige Empfehlung: So selten wie möglich allein vor Maschinen sitzen. Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt. Das heißt, lieber Filme zusammen gucken, Spiele zusammen spielen. Das macht für das Gehirn einen riesigen Unterschied. Online zusammen spielen, wie viele Schüler mich fragen, reicht dabei nicht. Das Gehirn kann zwar durch die Kooperation auch etwas profitieren, aber der Effekt ist dramatisch besser, wenn man sich tatsächlich trifft und ein gemeinsames Erlebnis hat.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

    Über Fanny Schmolke, Interview - ver.di-publik:

    Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

  22. “Vergleichbar mit Kokain”

    Als die Suchtexpertin Anne Wilkening vor 20 Jahren anfing, Vorträge an Schulen zu halten, ging es um Nikotin. Dann folgten Alkohol und Cannabis. Seit etwa 10 Jahren macht Medienkonsum den Hauptteil ihrer Aufklärungsarbeit aus.

    Sie beraten an Schulen zu Drogen- und Medienkonsum. Was haben die gemeinsam?

    Unter Suchtforschern wird nicht mehr unterschieden, ob etwas körperlich oder psychisch abhängig macht. Die Entzugserscheinungen und Schwierigkeiten damit aufzuhören, sind sehr ähnlich. Die Forschung zeigt, dass auf bestimmte Apps oder Spiele derselbe Bereich im Gehirn reagiert, der uns nach Drogen süchtig macht.

    Was genau passiert im Gehirn?

    Unser Gehirn schüttet dabei Dopamin aus. Dieser Botenstoff ist Teil des Belohnungssystems und beeinflusst unsere Stimmung. Dieser “Spaßmacher” wird auch ausgeschüttet, wenn wir schöne Erlebnisse mit Menschen haben. Aber beim Drogen- oder Medienkonsum um ein Vielfaches mehr. Das ist, was unser Gehirn abhängig und uns süchtig macht. Das ist, warum sich unser Gehirn immer öfter fürs Handy oder die Spielekonsole entscheidet, statt für ein Treffen mit echten Menschen.

    Ist der gestiegene Medienkonsum also ein Grund dafür, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben?

    Wir sind immer noch dabei herauszufinden, woher Ängstlichkeit und Depressionen kommen. Aber eine Sache, die durch die Corona-Lockdowns besonders auffällig wurde: Je weniger wir Zeit mit echten Menschen verbringen, desto mehr nehmen Ängstlichkeit und Depressivität bei Kindern zu. Und wenn Medienkonsum dazu führt, dass wir uns immer seltener mit Freunden treffen, und selbst wenn wir sie treffen, uns nicht mehr richtig auf sie einlassen, weil wir ständig am Handy sind, dann führt das zu Vereinsamung, selbst wenn man zusammen ist. Deswegen ist es eine sehr wichtige Maßnahme, dass Schulen handyfreie Zonen sind.

    Sie warnen besonders vor Social Media. Wie gefährlich sind TikTok & Co?

    Social Media, besonders TikTok und Instagram, haben ein extremes Suchtpotenzial – Fachexperten sagen, dass es vergleichbar ist mit dem Suchtpotenzial der Droge Kokain. Es kann eine wirkliche Abhängigkeit entstehen, bei der man komplett die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit man damit verbringt und nicht aufhören kann.

    Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige?

    Absolut. Abgesehen vom extremen Suchtpotenzial hat Social Media alarmierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Und einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung der Gehirne der Kinder, wenn es um die Erwartungen an das eigene Aussehen und das Aussehen anderer geht. In der Forschung zum Thema wird immer wieder betont: Es ist nicht möglich, sich nicht zu vergleichen. Und wenn mir ständig – mit Filtern geschönte oder komplett KI-generierte – makellose Gesichter und Körper präsentiert werden, mit makellosen Leben, in tollen Wohnungen mit tollen Partnern, dann ist es fast unmöglich sich damit nicht zu vergleichen. Und zu denken: Warum ist mein Leben nicht so attraktiv? Warum kann ich nicht so makellos, dünn oder faltenfrei sein? Da werden toxische Standards aufgebaut, die niemand erfüllen kann und die dazu führen können, dass Menschen immer unglücklicher werden.

    Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media und den zugenommenen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

    Es gibt eine aktuelle Studie, die hat gezeigt, was passiert, wenn 12–14jährige Teenager nur zwei bis vier Wochen auf Social Media verzichten. Es gab drei Haupteffekte: Der erste war, dass sich das Selbstbild verbesserte. Die Kinder fingen an, sich wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen, sie nahmen sich positiver wahr, fanden sich hübscher. Der zweite Effekt war, dass sich Ängstlichkeit und Depressivität deutlich reduzierten. Und der dritte: Die Fähigkeit, sich für andere Dinge außerhalb von Social Media zu begeistern und Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten, nahm zu.

    „Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt.“

    Für die Aufmerksamkeit gelten kurze Videos besonders problematisch.

    Je kürzer die Videos und je mehr man davon hintereinander guckt, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Aufmerksamkeit zu halten, wenn es mit Inhalten konfrontiert wird, die länger als ein paar Sekunden anhalten. Zum Beispiel 45 Minuten Unterricht. Es gibt immer mehr Schüler, für die es unmöglich ist, sich länger als ein paar Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn man ständig mit neuen Inhalten konfrontiert wird, aber niemals Zeit hat, das auch zu verarbeiten und abzuspeichern, führt es dazu, dass Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern andere Dinge sogar gelöscht werden.

    Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder massiv abgenommen haben. Digitale Reizüberflutung könnte eine zentrale Ursache sein.

    Ja, und es gibt noch eine zweite Sache, die dazu beiträgt: der Einsatz von KI. Dazu gibt es aktuelle Studien, die untersucht haben, was passiert, wenn man KI benutzt, anstatt Dinge selbst zu erarbeiten. Dann entsteht etwas, das nennt man kognitive Schuld – cognitive debt. Wenn wir Denkarbeit an die KI abgeben, lernt unser Gehirn nicht dazu. Um Dinge zu verarbeiten und abzuspeichern, muss unser Gehirn Denkarbeit selbst machen.

    Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Konzentrationsfähigkeit?

    Verschiedene Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung, zum Beispiel durch eine Nachricht, bis zu 20 Minuten braucht, um sich wieder genauso gut auf die Aufgabe zu konzentrieren wie vorher. Und je öfter man unterbrochen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn diese Aufmerksamkeit nicht mehr aufbauen und halten kann. Aber selbst die bloße Anwesenheit des Handys zieht Aufmerksamkeit ab und verschlechtert die Konzentrationsfähigkeit.

    Wie erklärt sich das?

    Wenn man täglich viel Zeit mit seinem Handy verbringt, baut man für das Handy einen eigenen Gehirnteil – eine Repräsentation des Handys im Gehirn. Dieser Gehirnteil wird umso größer, je mehr Zeit man seinem Handy schenkt – je öfter man es anschaut, es berührt. Und dieser Gehirnteil zieht immerzu Aufmerksamkeit von anderen Tätigkeiten ab …

    … und von Menschen.

    Beziehungen leiden darunter – selbst zu den eigenen Kindern. Am St. Joseph Krankenhaus in Berlin hat man vor einigen Jahren geschaut, was Eltern in der ersten Stunde nach der Geburt ihrer Babys machen. Da hat sich gezeigt, dass sie ihre Babys weniger angucken und weniger Körperkontakt aufnehmen, weil sie so damit beschäftigt sind, Fotos und Videos zu machen und Nachrichten zu verschicken, um mitzuteilen, dass ihr Kind jetzt auf der Welt ist. Die Eltern schenken ihrem Handy Aufmerksamkeit statt ihren Neugeborenen. Das ist aber für die Gehirnentwicklung der Kinder problematisch, weil in den ersten zwei Stunden nach der Geburt Prozesse im Gehirn stattfinden und Stoffe ausgeschüttet werden, die für die Fähigkeit Bindung und Liebe aufzubauen entscheidend sind. Dafür wird die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern benötigt, vor allem Blick- und Körperkontakt.

    Sie vermitteln in Ihren Vorträgen “cleveren Medienkonsum”. Was sind die wichtigsten Formeln?

    Es gibt eine Metapher, die ich gern benutze: Als Ihr Kind Fahrradfahren gelernt hat, haben Sie es anfangs festgehalten und sind mitgelaufen, dann haben Sie sich getraut, loszulassen, sind aber weiter nebenhergelaufen und dann noch jahrelang neben oder hinter Ihrem Kind hergefahren, bis Sie sich sicher waren, dass es sicher ist im Straßenverkehr. Dasselbe gilt für den Onlineverkehr. Kinder müssen lernen, wie sie sich sicher online bewegen. Dafür brauchen sie bestimmte Fähigkeiten, die das Gehirn erst ab einem bestimmten Alter lernen kann. Meine erste Empfehlung ist deshalb das eigene Smartphone fürs Kind lange hinauszuzögern – am besten nicht unter 12 Jahren – und anfangs sollten die Eltern Zugriff haben, Bildschirmzeiten begrenzen, Medienkompetenz mit den Kindern üben. Bestimmte Apps und Spiele sollten noch später kommen oder gar nicht. Die stehen auf meiner “bösen Liste” – zusammen mit WhatsApp und anderen Messengern, die uns ständig unterbrechen, und unsere Aufmerksamkeit abziehen. Meine Empfehlung dafür – und die gilt auch für alle anderen Apps – Benachrichtigungen ausstellen!

    Was machen Apps und Spiele “böse”?

    Die beiden Eigenschaften die Apps und Spiele gefährlich machen: Wenn sie dazu nötigen oder belohnen, sie jeden Tag zu spielen. Wenn ich Spiele nicht anhalten und abspeichern kann, wenn sie mich ständig kontaktieren und mit Belohnungen locken, wenn ich eine extra Runde spiele oder mich bestrafen, wenn ich nicht spiele. Es gibt zunehmend Kinder, so berichten mir Schulen, die nicht auf Klassenfahrt wollen, weil sie ihr Handy nicht mitnehmen dürfen, weil sie sich nicht jeden Tag um ihr Snapchat Account kümmern können, ihre Duolingo-App oder ihren digitalen Bauernhof. Und die gefährlichste Eigenschaft: Wenn mich das Spiel oder die App dazu bringt, echtes Geld zu investieren. Nichts erhöht das Suchtpotenzial mehr, als wenn man Geld investiert. Das ist Glücksspiel – eine der stärksten Süchte, die es gibt.

    Gibt es auch eine “liebe Liste”?

    Ja, da stehen unter anderem Spiele, bei denen man sich stark bewegt und verausgabt wie Tanz- und Sportspiele. Denn besonders gesundheitsgefährdend am Medienkonsum ist der Bewegungsmangel. Deshalb empfehle ich ein Bewegungskonto: Mindestens genauso viel Zeit, wie man inaktiv vor Maschinen rumsitzt, sollte man durch zusätzliche Bewegung ausgleichen. Und noch eine wichtige Empfehlung: So selten wie möglich allein vor Maschinen sitzen. Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt. Das heißt, lieber Filme zusammen gucken, Spiele zusammen spielen. Das macht für das Gehirn einen riesigen Unterschied. Online zusammen spielen, wie viele Schüler mich fragen, reicht dabei nicht. Das Gehirn kann zwar durch die Kooperation auch etwas profitieren, aber der Effekt ist dramatisch besser, wenn man sich tatsächlich trifft und ein gemeinsames Erlebnis hat.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

    Über Fanny Schmolke, Interview - ver.di-publik:

    Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

  23. “Vergleichbar mit Kokain”

    Als die Suchtexpertin Anne Wilkening vor 20 Jahren anfing, Vorträge an Schulen zu halten, ging es um Nikotin. Dann folgten Alkohol und Cannabis. Seit etwa 10 Jahren macht Medienkonsum den Hauptteil ihrer Aufklärungsarbeit aus.

    Sie beraten an Schulen zu Drogen- und Medienkonsum. Was haben die gemeinsam?

    Unter Suchtforschern wird nicht mehr unterschieden, ob etwas körperlich oder psychisch abhängig macht. Die Entzugserscheinungen und Schwierigkeiten damit aufzuhören, sind sehr ähnlich. Die Forschung zeigt, dass auf bestimmte Apps oder Spiele derselbe Bereich im Gehirn reagiert, der uns nach Drogen süchtig macht.

    Was genau passiert im Gehirn?

    Unser Gehirn schüttet dabei Dopamin aus. Dieser Botenstoff ist Teil des Belohnungssystems und beeinflusst unsere Stimmung. Dieser “Spaßmacher” wird auch ausgeschüttet, wenn wir schöne Erlebnisse mit Menschen haben. Aber beim Drogen- oder Medienkonsum um ein Vielfaches mehr. Das ist, was unser Gehirn abhängig und uns süchtig macht. Das ist, warum sich unser Gehirn immer öfter fürs Handy oder die Spielekonsole entscheidet, statt für ein Treffen mit echten Menschen.

    Ist der gestiegene Medienkonsum also ein Grund dafür, dass Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zugenommen haben?

    Wir sind immer noch dabei herauszufinden, woher Ängstlichkeit und Depressionen kommen. Aber eine Sache, die durch die Corona-Lockdowns besonders auffällig wurde: Je weniger wir Zeit mit echten Menschen verbringen, desto mehr nehmen Ängstlichkeit und Depressivität bei Kindern zu. Und wenn Medienkonsum dazu führt, dass wir uns immer seltener mit Freunden treffen, und selbst wenn wir sie treffen, uns nicht mehr richtig auf sie einlassen, weil wir ständig am Handy sind, dann führt das zu Vereinsamung, selbst wenn man zusammen ist. Deswegen ist es eine sehr wichtige Maßnahme, dass Schulen handyfreie Zonen sind.

    Sie warnen besonders vor Social Media. Wie gefährlich sind TikTok & Co?

    Social Media, besonders TikTok und Instagram, haben ein extremes Suchtpotenzial – Fachexperten sagen, dass es vergleichbar ist mit dem Suchtpotenzial der Droge Kokain. Es kann eine wirkliche Abhängigkeit entstehen, bei der man komplett die Kontrolle darüber verliert, wie viel Zeit man damit verbringt und nicht aufhören kann.

    Sind Sie für ein Social-Media-Verbot für unter 16-jährige?

    Absolut. Abgesehen vom extremen Suchtpotenzial hat Social Media alarmierende Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit. Und einen riesigen Einfluss auf die Entwicklung der Gehirne der Kinder, wenn es um die Erwartungen an das eigene Aussehen und das Aussehen anderer geht. In der Forschung zum Thema wird immer wieder betont: Es ist nicht möglich, sich nicht zu vergleichen. Und wenn mir ständig – mit Filtern geschönte oder komplett KI-generierte – makellose Gesichter und Körper präsentiert werden, mit makellosen Leben, in tollen Wohnungen mit tollen Partnern, dann ist es fast unmöglich sich damit nicht zu vergleichen. Und zu denken: Warum ist mein Leben nicht so attraktiv? Warum kann ich nicht so makellos, dünn oder faltenfrei sein? Da werden toxische Standards aufgebaut, die niemand erfüllen kann und die dazu führen können, dass Menschen immer unglücklicher werden.

    Viele Studien zeigen einen direkten Zusammenhang zwischen Social Media und den zugenommenen Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen.

    Es gibt eine aktuelle Studie, die hat gezeigt, was passiert, wenn 12–14jährige Teenager nur zwei bis vier Wochen auf Social Media verzichten. Es gab drei Haupteffekte: Der erste war, dass sich das Selbstbild verbesserte. Die Kinder fingen an, sich wieder wohler in ihrer Haut zu fühlen, sie nahmen sich positiver wahr, fanden sich hübscher. Der zweite Effekt war, dass sich Ängstlichkeit und Depressivität deutlich reduzierten. Und der dritte: Die Fähigkeit, sich für andere Dinge außerhalb von Social Media zu begeistern und Aufmerksamkeit aufzubauen und zu halten, nahm zu.

    „Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt.“

    Für die Aufmerksamkeit gelten kurze Videos besonders problematisch.

    Je kürzer die Videos und je mehr man davon hintereinander guckt, umso schwieriger wird es für das Gehirn, Aufmerksamkeit zu halten, wenn es mit Inhalten konfrontiert wird, die länger als ein paar Sekunden anhalten. Zum Beispiel 45 Minuten Unterricht. Es gibt immer mehr Schüler, für die es unmöglich ist, sich länger als ein paar Sekunden auf eine Sache zu konzentrieren. Und wenn man ständig mit neuen Inhalten konfrontiert wird, aber niemals Zeit hat, das auch zu verarbeiten und abzuspeichern, führt es dazu, dass Dinge nicht nur nicht gelernt, sondern andere Dinge sogar gelöscht werden.

    Studien aus mehreren Ländern zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder massiv abgenommen haben. Digitale Reizüberflutung könnte eine zentrale Ursache sein.

    Ja, und es gibt noch eine zweite Sache, die dazu beiträgt: der Einsatz von KI. Dazu gibt es aktuelle Studien, die untersucht haben, was passiert, wenn man KI benutzt, anstatt Dinge selbst zu erarbeiten. Dann entsteht etwas, das nennt man kognitive Schuld – cognitive debt. Wenn wir Denkarbeit an die KI abgeben, lernt unser Gehirn nicht dazu. Um Dinge zu verarbeiten und abzuspeichern, muss unser Gehirn Denkarbeit selbst machen.

    Welche Rolle spielt das Smartphone bei der Konzentrationsfähigkeit?

    Verschiedene Studien zeigen, dass das Gehirn nach einer Unterbrechung, zum Beispiel durch eine Nachricht, bis zu 20 Minuten braucht, um sich wieder genauso gut auf die Aufgabe zu konzentrieren wie vorher. Und je öfter man unterbrochen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Gehirn diese Aufmerksamkeit nicht mehr aufbauen und halten kann. Aber selbst die bloße Anwesenheit des Handys zieht Aufmerksamkeit ab und verschlechtert die Konzentrationsfähigkeit.

    Wie erklärt sich das?

    Wenn man täglich viel Zeit mit seinem Handy verbringt, baut man für das Handy einen eigenen Gehirnteil – eine Repräsentation des Handys im Gehirn. Dieser Gehirnteil wird umso größer, je mehr Zeit man seinem Handy schenkt – je öfter man es anschaut, es berührt. Und dieser Gehirnteil zieht immerzu Aufmerksamkeit von anderen Tätigkeiten ab …

    … und von Menschen.

    Beziehungen leiden darunter – selbst zu den eigenen Kindern. Am St. Joseph Krankenhaus in Berlin hat man vor einigen Jahren geschaut, was Eltern in der ersten Stunde nach der Geburt ihrer Babys machen. Da hat sich gezeigt, dass sie ihre Babys weniger angucken und weniger Körperkontakt aufnehmen, weil sie so damit beschäftigt sind, Fotos und Videos zu machen und Nachrichten zu verschicken, um mitzuteilen, dass ihr Kind jetzt auf der Welt ist. Die Eltern schenken ihrem Handy Aufmerksamkeit statt ihren Neugeborenen. Das ist aber für die Gehirnentwicklung der Kinder problematisch, weil in den ersten zwei Stunden nach der Geburt Prozesse im Gehirn stattfinden und Stoffe ausgeschüttet werden, die für die Fähigkeit Bindung und Liebe aufzubauen entscheidend sind. Dafür wird die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern benötigt, vor allem Blick- und Körperkontakt.

    Sie vermitteln in Ihren Vorträgen “cleveren Medienkonsum”. Was sind die wichtigsten Formeln?

    Es gibt eine Metapher, die ich gern benutze: Als Ihr Kind Fahrradfahren gelernt hat, haben Sie es anfangs festgehalten und sind mitgelaufen, dann haben Sie sich getraut, loszulassen, sind aber weiter nebenhergelaufen und dann noch jahrelang neben oder hinter Ihrem Kind hergefahren, bis Sie sich sicher waren, dass es sicher ist im Straßenverkehr. Dasselbe gilt für den Onlineverkehr. Kinder müssen lernen, wie sie sich sicher online bewegen. Dafür brauchen sie bestimmte Fähigkeiten, die das Gehirn erst ab einem bestimmten Alter lernen kann. Meine erste Empfehlung ist deshalb das eigene Smartphone fürs Kind lange hinauszuzögern – am besten nicht unter 12 Jahren – und anfangs sollten die Eltern Zugriff haben, Bildschirmzeiten begrenzen, Medienkompetenz mit den Kindern üben. Bestimmte Apps und Spiele sollten noch später kommen oder gar nicht. Die stehen auf meiner “bösen Liste” – zusammen mit WhatsApp und anderen Messengern, die uns ständig unterbrechen, und unsere Aufmerksamkeit abziehen. Meine Empfehlung dafür – und die gilt auch für alle anderen Apps – Benachrichtigungen ausstellen!

    Was machen Apps und Spiele “böse”?

    Die beiden Eigenschaften die Apps und Spiele gefährlich machen: Wenn sie dazu nötigen oder belohnen, sie jeden Tag zu spielen. Wenn ich Spiele nicht anhalten und abspeichern kann, wenn sie mich ständig kontaktieren und mit Belohnungen locken, wenn ich eine extra Runde spiele oder mich bestrafen, wenn ich nicht spiele. Es gibt zunehmend Kinder, so berichten mir Schulen, die nicht auf Klassenfahrt wollen, weil sie ihr Handy nicht mitnehmen dürfen, weil sie sich nicht jeden Tag um ihr Snapchat Account kümmern können, ihre Duolingo-App oder ihren digitalen Bauernhof. Und die gefährlichste Eigenschaft: Wenn mich das Spiel oder die App dazu bringt, echtes Geld zu investieren. Nichts erhöht das Suchtpotenzial mehr, als wenn man Geld investiert. Das ist Glücksspiel – eine der stärksten Süchte, die es gibt.

    Gibt es auch eine “liebe Liste”?

    Ja, da stehen unter anderem Spiele, bei denen man sich stark bewegt und verausgabt wie Tanz- und Sportspiele. Denn besonders gesundheitsgefährdend am Medienkonsum ist der Bewegungsmangel. Deshalb empfehle ich ein Bewegungskonto: Mindestens genauso viel Zeit, wie man inaktiv vor Maschinen rumsitzt, sollte man durch zusätzliche Bewegung ausgleichen. Und noch eine wichtige Empfehlung: So selten wie möglich allein vor Maschinen sitzen. Medienkonsum darf nicht dazu führen, dass man immer mehr Zeit allein verbringt. Das heißt, lieber Filme zusammen gucken, Spiele zusammen spielen. Das macht für das Gehirn einen riesigen Unterschied. Online zusammen spielen, wie viele Schüler mich fragen, reicht dabei nicht. Das Gehirn kann zwar durch die Kooperation auch etwas profitieren, aber der Effekt ist dramatisch besser, wenn man sich tatsächlich trifft und ein gemeinsames Erlebnis hat.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme von ver.di-publik, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

    Über Fanny Schmolke, Interview - ver.di-publik:

    Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

  24. Dopamin – Der Stoff, der uns antreibt

    Den Neurotransmitter #Dopamin brauchen wir für Motivation, Entscheidungsfindung und Lernen. Gerät das empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann das krank
    machen. #podcast und Skript

    swr.de/swrkultur/wissen/dopami

  25. Dopamin – Der Stoff, der uns antreibt

    Den Neurotransmitter #Dopamin brauchen wir für Motivation, Entscheidungsfindung und Lernen. Gerät das empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann das krank
    machen. #podcast und Skript

    swr.de/swrkultur/wissen/dopami

  26. Dopamin – Der Stoff, der uns antreibt

    Den Neurotransmitter #Dopamin brauchen wir für Motivation, Entscheidungsfindung und Lernen. Gerät das empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann das krank
    machen. #podcast und Skript

    swr.de/swrkultur/wissen/dopami

  27. Dopamin – Der Stoff, der uns antreibt

    Den Neurotransmitter #Dopamin brauchen wir für Motivation, Entscheidungsfindung und Lernen. Gerät das empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann das krank
    machen. #podcast und Skript

    swr.de/swrkultur/wissen/dopami

  28. Dopamin – Der Stoff, der uns antreibt

    Den Neurotransmitter #Dopamin brauchen wir für Motivation, Entscheidungsfindung und Lernen. Gerät das empfindliche System aus dem Gleichgewicht, kann das krank
    machen. #podcast und Skript

    swr.de/swrkultur/wissen/dopami

  29. Ich hatte ja zu Religion & Hirnforschung (der damals sog. „Neurotheologie“) promoviert. Und warne längst laut vor dem sog. Neurohacking, dem gezielten Eingreifen von Konzern-Algorithmen in unsere menschliche Biochemie & Neuropsychologie - längst messbar etwa auf Dopamin, Adrenalin & Testosteron.

    Auch empfehle ich, zwischen parasozialen Blasen einerseits und vereinsamenden KI-Kokons andererseits zu unterscheiden. Wir fluten derzeit schon die Gehirne von Kindern & Jugendlichen mit krass auf Profit & Aufmerksamkeit geeichten Technologien ! Und wundern uns dann über den globalen Rechtsruck der #Rechtsmimesis … (2/2)

    #Hirnforschung #Neurohacking #Neurotheologie #Dopamin #Adrenalin #Testosteron #Psychologie #Thymotisierung #Mimesis #DigitaleBlase #KIKokon #Zerblasung #Kokonisierung scilogs.spektrum.de/natur-des-

  30. Ich hatte ja zu Religion & Hirnforschung (der damals sog. „Neurotheologie“) promoviert. Und warne längst laut vor dem sog. Neurohacking, dem gezielten Eingreifen von Konzern-Algorithmen in unsere menschliche Biochemie & Neuropsychologie - längst messbar etwa auf Dopamin, Adrenalin & Testosteron.

    Auch empfehle ich, zwischen parasozialen Blasen einerseits und vereinsamenden KI-Kokons andererseits zu unterscheiden. Wir fluten derzeit schon die Gehirne von Kindern & Jugendlichen mit krass auf Profit & Aufmerksamkeit geeichten Technologien ! Und wundern uns dann über den globalen Rechtsruck der #Rechtsmimesis … (2/2)

    #Hirnforschung #Neurohacking #Neurotheologie #Dopamin #Adrenalin #Testosteron #Psychologie #Thymotisierung #Mimesis #DigitaleBlase #KIKokon #Zerblasung #Kokonisierung scilogs.spektrum.de/natur-des-

  31. Ich hatte ja zu Religion & Hirnforschung (der damals sog. „Neurotheologie“) promoviert. Und warne längst laut vor dem sog. Neurohacking, dem gezielten Eingreifen von Konzern-Algorithmen in unsere menschliche Biochemie & Neuropsychologie - längst messbar etwa auf Dopamin, Adrenalin & Testosteron.

    Auch empfehle ich, zwischen parasozialen Blasen einerseits und vereinsamenden KI-Kokons andererseits zu unterscheiden. Wir fluten derzeit schon die Gehirne von Kindern & Jugendlichen mit krass auf Profit & Aufmerksamkeit geeichten Technologien ! Und wundern uns dann über den globalen Rechtsruck der #Rechtsmimesis … (2/2)

    #Hirnforschung #Neurohacking #Neurotheologie #Dopamin #Adrenalin #Testosteron #Psychologie #Thymotisierung #Mimesis #DigitaleBlase #KIKokon #Zerblasung #Kokonisierung scilogs.spektrum.de/natur-des-

  32. Ich hatte ja zu Religion & Hirnforschung (der damals sog. „Neurotheologie“) promoviert. Und warne längst laut vor dem sog. Neurohacking, dem gezielten Eingreifen von Konzern-Algorithmen in unsere menschliche Biochemie & Neuropsychologie - längst messbar etwa auf Dopamin, Adrenalin & Testosteron.

    Auch empfehle ich, zwischen parasozialen Blasen einerseits und vereinsamenden KI-Kokons andererseits zu unterscheiden. Wir fluten derzeit schon die Gehirne von Kindern & Jugendlichen mit krass auf Profit & Aufmerksamkeit geeichten Technologien ! Und wundern uns dann über den globalen Rechtsruck der #Rechtsmimesis … (2/2)

    #Hirnforschung #Neurohacking #Neurotheologie #Dopamin #Adrenalin #Testosteron #Psychologie #Thymotisierung #Mimesis #DigitaleBlase #KIKokon #Zerblasung #Kokonisierung scilogs.spektrum.de/natur-des-

  33. Manchmal kommen sie wieder

    Der Frühling kommt mit Macht.

    Und mit ihm Serotonin, Dopamin – und Urlaubspläne.

    Frau Hiob reist ins polnische Seebad Kolberg. Zur „Entgiftung“, wie sie es immer nennt.

    Ich reise auch. Mit dem Fahrrad zum polnischen Aldi. Der Akku des E-Bikes ist so froh über seinen Aufenthalt im warmen Zimmer, dass er mir „172 km Reichweite“ anbietet – statt der werksseitigen 150 km.

    Der Frühling kommt mit Macht.

    Ich habe das Buchungsportal meines Vertrauens (und die Kreditkarte) rauchen lassen, habe jetzt fünf Reservierungen in allen möglichen Ecken Süd- und Mittelpolens.

    Vorher ein Tagestrip ins nahe Gebirge. Noch immer habe ich das legendäre Wehrmachts-Gold, angeblich dort irgendwo versteckt, nicht gefunden. In dieser Ecke dort aber gibt es noch allerlei Verborgenes. Ein Tagestrip also. Überblick verschaffen.

    Um neuere Nazis soll es hier aber nicht mehr gehen. Auch wenn der Blogtitel das fürchten lässt. Nein, die Postings der AfD-Sekte werden zusehends konfuser, skurriler und peinlicher, und fast alle Kommentatoren zweifeln nun offen am Geisteszustand der Urheber. Gut so. Abwarten, das Problem ist bald vom Tisch …

    Ein Besucher nähert sich dem Fenster. Der schwarz-weiße Kater wohnt zwei Häuser weiter, ich kenne ihn flüchtig von der Hinterhofsuche nach meiner verschwundenen „Frau Tiger“. Sein Frauchen erklärte, dass sie, also „Frau Tiger“ immer mal wieder zu Besuch war.

    Nun sitzt jener also draußen und maunzt vorsichtig: „Kann deine Katze raus zum Spielen kommen?“

    „Du, die ist doch schon hier draußen irgendwo“, entgegne ich.

    „Ach so.“ Missmutig trollt er sich.

    Und nun ist „Frau Tiger“ bzw. ihre womögliche Nachfolgerin (ja, es ist kompliziert, Näheres hier) auch verschwunden!

    Das wäre jetzt die dritte! Sofern man „Gerti“ mitzählt, die nur einige Tage bei mir aushielt.

    Madame erscheint in den letzten Tagen vor ihrem Verschwinden etwas, nun ja, „rollig“. Dürfte eigentlich nicht sein, sie (oder doch die Vorgängerin?) ist ja kastriert. Also Eileiter durchtrennt (statt nur abgeklemmt, das wäre „sterilisert“).

    Aber wenn sie es gar nicht ist, also die Katze, könnte es sein, dass sie es gar nicht ist, also kastriert. Ist an ihrem Verhalten der schwarz-weiße Nachbar schuld?

    Freitag, 4 Uhr früh. Das Genöle von Madame wird unerträglich. Kein Mauzen á la „Will raus“, nein, es ist ein durchdringendes Gejaule, wie eine Sirene bei Fliegeralarm. Was sollen die schlafenden Nachbarn denken? Ich weise sie energisch zurecht und entlasse sie in den Hof.

    10 Uhr. Sie kommt nicht wieder. Auch abends nicht.

    War ich zu streng mit ihr? Ist sie beleidigt? Oder feiert sie Hochzeit mit dem schwarz-weißen Nachbar-Bengel? O Gott, werde ich bald siebenfacher Katzenpapa?

    Die mitfühlende Frau S. aus Hamburg schreibt, dass rollige Katzen jedenfalls nicht schwanger sind. Ja, gut, aber was passiert inzwischen dort draußen?

    Samstag. Sie bleibt fort, Schnalzen, Glöckchen, Futter-Rascheln zaubert sie nicht herbei.

    Am Nachmittag starte ich einen Suchaufruf. In einer einschlägigen Facebook-Gruppe sowie auf „nebenan.de“. Mein kürzlich ausgezogener Nachbar T. meldet sich, bietet Hilfe mit anderen Katzenfreunden an. Und das Tierheim Horka (Madame ist dort Pension-Stammgast und für den April schon angemeldet) leitet den Aufruf weiter.

    Mit diesen vier Bildern versuchte ich, „Schnurpel“ wiederzufinden. „Bitte aus Keller befreien“.

    Aus der Nachbarschaft meldet sich B. Er habe sie in der Salomonstraße gesehen, ein bekannter, wenn auch inoffizieller Treffpunkt von einsamen Katzen. B. ist sicher, sie aufgrund meiner Fotos „an ihrem Blick“ erkannt zu haben.

    „An ihrem Blick“, na ja. Filmfans werden bestätigen, dass der Blick von z.B. Lauren Bacall ein anderer ist als der von z.B. Bette Davis. Aber Katzen? Die gucken doch nur. Sonst gar nix. Alle gleich. Obwohl meine verschwundene natürlich ganz besonders toll guckt. Ich geh mal hin.

    Vorher zum nahen einstigen Güterbahnhof. Auch hier, zwischen verfallenen Gleisen und Büschen, treffen sich inoffiziell heimatlose Katzen. Rufen, Schnalzen, Glöckchen. Peinlich. Gottlob ist kein Zweibeiner in der Nähe. Aber auch keine Katze. Ebenso in der Salomonstraße. Aber danke für den Hinweis.

    Sonntag. Der Egoist in mir bricht durch. Schmerzerprobt nach zwei Katzen-Verschwinden überlege ich, ob ich den geplanten Tagestrip zum möglichen Nazi-Schatz im nahen Gebirge ausweite. Mit zwei Übernachtungen dort. Ist doch egal, ob ich weg bin. „Schnurpel“ ist ja auch weg. Und kommt vielleicht nicht wieder. Wie die anderen zwei auch.

    Und ich recherchiere – Schande über mich – nach abzugebenden Katzen. Eine guckt mich auf dem Foto an, als ob sie zu mir wollte. Erst neun Monate alt. Aber ganz im westsächsischen Vogtland. Zu weit. Erst mal der geplante Mega-Urlaub im April. Danach werde ich auf ganz viele kleine März-Kätzchen in der Nähe stoßen. Ich Egoist. „Schnurpel“ ist gerade drei Tage fort. Ich schäme mich.

    Montag. Der 4. Tag seit „Schnurpels“ Verschwinden. Zum ungefähr 78. Mal öffne ich morgens das Fenster.

    Da unten sitzt sie. Laut und ausdauernd weinend.

    Ich weiß nicht, wie lange schon. Durch die Doppelverglasung dringt ihr Rufen nicht. Aber sie wusste, dass dieses Fenster sich irgendwann öffnet. Für sie.

    Zunächst schafft sie gar nicht auf ihre „Aufstiegshilfe“, eine hölzerne Blumentreppe unter der hohen Fensterbank. Und dann: Futtern, Futtern, Futtern. Und schlafen.

    Schlaf gut, Kleine. Du bist wieder zu Hause

    An den unmöglichsten Plätzen döst sie nun, Stellen, die sie nie zuvor aufsuchte. Es ist, als wolle sie die ganze Wohnung neu erforschen. Ein seltsames Poltern im Bad schreckt mich auf, gefolgt von verzweifelt lautem Jaulen.

    Noch nie ist sie in die (oben offene) Trommel der Waschmaschine geklettert. Das tat nur „Gerti“ vor langer Zeit. Und die blieb stumm, während ich draußen bereits Suchzettel anklebte. Dummes Vieh. Na ja, die ist nun irgendwo anders.

    „Schnurpel“ ist da. Und laut. In der Waschtrommel. Die sich durch ihr Gewicht nun gedreht und den Federdeckel geschlossen hat.

    Nach der Befreiungsaktion führen wir ein kleines Gespräch.

    Ich entschuldige mich für meine ketzerischen Gedanken zum Kurzurlaub, für die Spontan-Idee der zweimaligen Übernachtung. Der Kompromiss-Vorschlag: Ich bleibe nur eine Nacht, erkunde nachmittags den Ort, nach dem Frühstück die verborgenen Tunnel und Stollen der Umgebung. Es erspart 90 Minuten Autofahrt. Wäre das okay, Katze?

    Ihre grünen Augen mustern mich. Da ist kein besonders bedeutsamer „Blick“ drin, weder Lauren Bacall noch Bette Davis.

    Aber dann blinzelt sie mir schelmisch zu. Es scheint ein Verstehen, eine Art „Okay“, darin zu liegen.

    Ich darf fahren.

    Sie, die Chefin, ist schließlich daheim.

    Sie ist wiedergekommen.

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