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#bruchstueckeinfo — Public Fediverse posts

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  1. Die grosse Plünderung

    “Vertrauen wächst nicht nach” (Winfried Kretschmann)

    Eine angebliche Initiative “Gen Z steht auf!” macht deutsche Medien und Sicherheitsbehörden ganz wuschig. Ein bisschen Randale wie in Frankreich – bei wem mögen sie es bestellt haben? Es wäre so eine schöne Bescherung. Die Initiator*inn*en wollen das ausdrücklich nicht, sorgen aber auch nicht für Transparenz, wer sie sind. Bei mir erregt das eher Misstrauen.

    Es verrät aber auch die Schlafmützigkeit und mangelhafte gesellschaftspolitische Verankerung und Sensibilisierung etablierter oder wenigstens organisierter linker Politik hierzulande. Da ist ein Vakuum, und jemand will es nutzen. Wer auch immer es sein mag. Strategisches Kalkül? Oder nur naiv? Wir werden es erfahren.

    Es gibt neben den offensichtlichen und proklamierten Gründen Sachverhalte in den Hinterköpfen, die realgesellschaftlich noch weit schwerer wiegen als Lehrermangel, vergammelnde Schulen und verdreckte Toiletten.

    Einige Beispiele nach Grösse geordnet.

    Da ist zunächst die weltweit grösste Kapitalverbrennung, zu der die IT-Oligarchen dumme Regierungen und ihre öffentlichen Kassen heranziehen, derzeit “nur” für Ansiedlungssubventionen, genehmigte Umweltausbeutung (Energie und Wasser), sowie massive militärische Aufrüstung. Das dicke Ende kommt erst noch.

    Lesen Siie dazu den zu Apokalyptik neigenden aber fachkundigen Tomasz Konicz/Untergrund-Blättle: “Das grosse globale Bondmassaker – Geopolitische Krisenverstärker: Zurück zur Stagflation – Mit den Anleihemärkten der Zentrumsstaaten geht das Fundament der spätkapitalistischen Finanzsphäre in Auflösung über.”

    Und den von der Financial Times Deutschland zur Jungen Welt konvertierten bedeutend cooleren Lucas Zeise: “Krisenzeichen: Wann platzt die Blase? – Langer Aktienaufschwung neigt sich dem Ende. US-Krieg gegen den Iran führt zu Inflation und steigenden Zinsen.” (Dieser Text verschwindet in Kürze in einem Paywall-Archiv.)

    Ein paar Nummern kleiner, aber ganz schön gross ist der Stuttgart21-Skandal, der aus den Schlagzeilen fast verschwunden ist, aber weiter auf hoher finanzieller Hitze kocht. Denn Arno Luik ist zwar krebskrank, lebt aber zum Glück noch, und ich danke ihm und seinem Interviewer Ralf Wurzbacher/nachdenkseiten für diese Erinnerung und das oben bei ihnen entlehnte Kretschmann-Zitat:

    Teil 1: „Es wird weiter gebuddelt, gebaut, gestümpert und sinnlos Steuergeld verbrannt“

    Teil 2: „Was ist das bloß für ein Land, in dem so etwas möglich ist?“

    Die Investoren und die zahlreichen sie begünstigenden Politiker*innen aller Parteien der sog. “Mitte” kalkulieren mit einigem Recht, dass da vielleicht eines Tages genug Gras drüber gewachsen sein wird. Das Gedächtnis derer in der selbstreferentiellen “Mitte” (der Politik und Berlins) ist aber mit Sicherheit kürzer als das der betrogenen Wahlbürger*innen und Steuerzahler*innen. Denn mit jedem neuen Bauskandal, von dem jede deutsche Grossstadt in der Regel mehrere vorweisen kann, wird diese Erinnerung wiederbelebt.

    Und das kommt dann dabei unten raus:

    Beim Wählen das: Thomas Gesterkamp/bruchstuecke: “Gender: ‘Double loser’ und die ‘äußerst heterogene’ Generation Z”. Und Robert Misik/Zackzack: “Die wahren Plünderer – Aufstand in Frankreich: Die spießige Elitenpanik vor den ‘gefährlichen Klassen’ ist zurück.”

    Misik erinnert an die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, “als die sozialdemokratische Arbeiterbewegung schon auf Disziplin pochte”. In der West-BRD der 70er/80er Jahre sorgten die DDR-finanzierten Ordnungskräfte der DKP für eine entsprechende Ordnung und Disziplin. Die litten zwar unter ihrer mangelhaften politischen Glaubwürdigkeit, waren aber professionell organisiert, wirksam und hilfreich. Das ist heute alles weg (s.o.). Und kann, schlecht organisiert, Wasser auf die Mühlen von Bullen und Faschisierung sein. Da ist das Reul-Zitat “Proteste sind legitim, Randale werden wir stoppen” fast schon wieder eine bürgerrechtliche “Brandmauer” …

    Ich empfehle für Demo-Dienstleistungen das Bonner “Netzwerk Friedenskooperative”. Da arbeiten noch Leute, die wissen, wie es geht.

  2. Das viele Geld, wo soll es nur hin?

    Und was alte weisse Männer dazu sagen

    Wenn Sie nun meinen, es ginge bei dieser Frage um das von den blutrünstigen Linken in Berlin politisch verfolgte Kapital … dann konsumieren Sie zu viele schlechte Medien. Erwähnte ich schon, wie viel (privates) Kapital allein in Deutschland existiert und zirkuliert? Ach ja: 9.490.000.000.000 €. Wo soll es nur hin? Haben Sie eine Idee?

    Fangen wir mal mit den materialistischen Rahmenbedingungen an. Deutschland ist global betrachtet nur ein Zwergstaat. Entscheidend sind die Grossmächte. Über die weiss dieser junge weisse Mann aus Wien: Leon Switala/Jacobin: “Erleben wir das Ende des US-Finanzkapitalismus? – US-Staatsanleihen galten lange als sicherer Hafen der globalen Finanzwelt. Doch die Käuferstruktur hat sich verändert, China zieht Kapital ab und die Zinsen steigen. Dahinter steckt eine tiefere Krise des finanzialisierten Kapitalismus.”

    Verzweifelt wandern Billionen an Kapital in KI-Konzerne, die seit einem Jahrzehnt noch gar keinen Profit gemacht haben. Allein aus dem Grund, dass alle Investor*inn*en hoffen, dass ausgerechnet sie auf den Monopol-Jackpot gesetzt haben. Wenn die Blase platzt, wird es einen sehr grossen Brand geben. Alle wissen das. Aber keine*r weiss wann – und wer es überleben wird. Der PC-Markt ist satt, da läuft nichts mehr. Entscheidend wird die richtige Vorhersage von ökonomischer Zukunft – und das schneller als alle Andern.

    Einer weiss, wohin mit seinen bei unseren Krankenkassen ergaunerten Milliarden. Alle meine Notärzt*inn*e*n, die ich im Rahmen meines Herzinfarktes konsultieren musste, wussten von ihm und seinem Software-Müll: der Koblenzer Frank Gotthardt, bei dem die dümmsten Köpfe der CDU ein und aus gehen. Der Mann schiebt dem hetzenden Nichtsnutz Julian Reichelt kleine Teile seines kargen Einkommens hinten und vorne rein. Und die Kolleg*inn*en Dominik Lenze, Jean Peters, Lilith Wittmann und Carli Bess Kutschera/Correctiv lassen dieses Treiben nicht so unbeobachtet, wie die grösseren Teile der deutschen Medien: “Datenschutz: Nius-Leak: Wie Julian Reichelt Abonnenten gewinnt – Im Jahr vier nach Gründung hat Nius 12.000 Abos. Zugewinne verzeichnete das Portal während hitziger Kontroversen, etwa um Daniel Günther, Frauke Brosius-Gersdorf und Wolfram Weimer.”

    Ich persönlich meine, dass der Herr Gotthardt hier seine Portokasse verbrennt. Immer noch besser, als wenn er sein Geld effektiv investiert. Der Kerl ist ein klassischer Fall für die Finanzpolizei. Und die nächsten Enteignungen – wenn ich zu sagen hätte.

    Immerhin, sogar die Luxus-Immobilienpreise auf Sylt fallen schon. Die Superreichen sterben weg – die Erbengemeinschaften können dermassen unpraktisches Betongold schlechter aufteilen, als Kapital-Recheneinheiten.

    So weit zum Klassengegner.

    Und die Arbeiterklasse?

    Klaus Lang/bruchstuecke, einst selbst bei der IG Metall dafür zustündig, meint zur heutigen Lage: “Tarifpolitik: Die Gratwanderung gelingt oder alle außer Rechtsextremen verlieren“ Eine etwas ungelenke Schlagzeile. Aber seien Sie versichert, der Mann weiss, wovon er schreibt.

    Ich melde auch sogleich meinen Dissens mit dem guten alten Mann. Er meint: “Zum einen ist die Annahme, dass Geld, das für Rüstung nicht ausgegeben wird, quasi automatisch in Bildung und sozial Sicherung fließen würde, ziemlich naiv. Zum anderen ist Rüstungsproduktion nicht zwingend Ausdruck von Kriegswillen, sondern kann Grundlage für Friedenswillen sein.”

    Er benennt nicht, wen er mit der “naiven” Annahme meint, dass Kapital irgendwohin “automatisch” fliesst. Seine eigene Annahme ist jedenfalls nicht minder naiv. Seine eigene Lebenserfahrung müsste ihn klüger gemacht haben, als er hier vorgibt zu sein.

    Das NRW-Kapitalmacht-Zentrum

    Schon als mein Chef Roland Appel eine NRW-Landesregierung koaitionspolitisch managen musste, war sie das NRW-Kapitalmacht-Zentrum: die RAG-Stiftung. Aus ihrem Inneren berichtet Katja Scherer/WDR und entgegen der Bedeutung des Themas ist ihr Beitrag nicht unter den “meistgelesenen” – zu Unrecht.

    “Evonik gegen BASF-Deal: Warum NRW auf die RAG-Stiftung schaut – Wie geht es mit Evonik weiter? Bei einer außerordentlichen Sitzung des Kuratoriums der RAG-Stiftung, bestehend aus Politikern, Gewerkschaftern und Wirtschaftsvertretern, ging es heute um die Zukunft des Essener Chemiekonzerns. Im Mittelpunkt stehen die Übernahmepläne von BASF, offene Fragen zum weiteren Kurs des Unternehmens und die Folgen für Beschäftigte und Standorte in NRW.”

    Frau Scherer schreibt ganz richtig: “Das Kuratorium der Stiftung, also das Aufsichtsgremium, ist sehr politisch besetzt.” Schauen Sie mal hier. Zwei auch nicht mehr junge Grüne sind dabei: die Kölnerin Anne Lütkes (78) und der Aachener Reiner Priggen (73). Da hat die fettgelaufene NRW-Landtagsfraktion der Grünen offenbar den richtigen Zeitpunkt für eine rechtzeitige Auswechslung so ähnlich verpasst, wie gestern Abend der BVB-Trainer im Westfalenstadion.

    Ein weiserer alter weisser Mann

    Folgende Fakenews verbreitet die Google-KI in der digitalen Welt: “Die ‘Aktuelle Kamera’ lief nie im WDR, da es sich um die zentrale Nchrichtensendung des DDR-Fernsehens (Deutscher Fernsehfunk) handelte.” Das ist eine Lüge.

    Denn genau daher kenne ich Dieter Klein. Als sich Ende der 80er die DDR-Bürgerrechtsbewegung in Bewegung setzte, entschied der weise WDR-Chefredakteur und spätere Intendant Fritz Pleitgen, die Aktuelle Kamera als DDR-Gegenstück der ARD-Tagesthemen ins Dritte Programm des WDR zu übernehmen. Das war ungleich spannender. Hier kamen für kurze Zeit die zu Wort, die sich für eine “bessere DDR” einsetzten. Einer von ihnen war dieser damals noch nicht ganz so alte Herr Klein.

    Im Interview mit Frank Schumann/Junge Welt erzählt der alte Mann (in fünf Tagen wird er 95), bevor es ganz in politische Vergessenheit gerät, wie es bei ihm damals zuging, als die West-BRD den Laden übernahm und rasierte: “Wendejahre: »Sie hatten einen politischen Auftrag« – Über die Abwicklung der Hochschullehrer der Humboldt-Universität nach 1990, den Kampf um ein Pachtgrundstück in Prieros und andere »merkwürdige Begebenheiten« der Vor- und Nachwendezeit.”

    Lesen Sie das schnell, bevor es im dunklen Paywall-Archivkeller der linksradikalen Jungen Welt begraben wird.

  3. Selbstbewirtschaftung

    Mit Update nachmittags

    Ein FAZ-Autor ist unzufrieden mit Robert Habeck. Unter der Bezeichnung “Miosga” bekam er gestern Abend einen überlangen ARD-Werbespot für sein neues Buch. Kostenfrei für ihn, bezahlt von uns. 1,7 (von 84) Mio. wollten das sehen. 11 Mio. sahen zuvor schlechten deutschen Fussball. 4 Mio. blieben noch für internationalen Fussball dran. Die meisten gingen dann schlafen.

    Die was-mit-Medien-Blase befasste sich am Wochenende statt mit Fussballsport mit “Olympia” und dem Heiland Klopp. Andreas Rüttenauer/taz – “lebenslänglich Bayer” – ist zu den Gemässigten übergelaufen: “kein Allheilmittel”? Ein Brechmittel! IOC, Uefa und Fifa-Veranstaltungen sind gleich Abschaffung aller verfassungsmässigen Grundrechte, Beseitigung jeglicher “Marktwirtschaft” zugunsten von Sponsoren-Monopolen inkl. Abschaffung des Steuernzahlens, Gentrifizierungsturbos und Ausplünderer öffentlicher Kassen in den Austragungsstädten. NRW, Köln, der Ruhrpott sind jetzt schon pleite – und alle, die in München wohnen müssen, auch (fast alle, ausser der Schickeria). Wer noch Augen und Intelligenz für die internationale Politik hat, was hierzulande nur sehr, sehr wenige sind, weiss immerhin: dieser Kelch wird nicht nur an NRW, sondern am ganzen Land vorübergehen. Aber er lastet die Selbstbewirtschaftung einer kompetenzfreien Medienblase aus.

    Is’ scho’ wieder Karfreitag?

    Wie auch der Heiland Jürgen Klopp. Gäbe es eine Abwahlinitiative für Bundeskanzler, Merz wäre längst zu seinen Gunsten nach Brilon heimgeschickt. Nichtsnutzige Journalist*inn*en um den Finger wickeln – niemand kann das besser als Kloppo. Deutscher Meister im Labern, fast genauso lange schon, wie der Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum im echten Fussball. Nur leider werden Weltklassefussballer schon seit langer Zeit woanders ausgebildet als in Deutschland. Die Konzerne im süddeutschen und westfälischen Raum müssen sie importieren. Und national spielen sie lieber für Frankreich, England, Spanien, Schweiz oder failed states wie Kongo, Mali oder Österreich. Denn dort werden auch Schwarze wertgeschätzt. Leistung soll sich für sie lohnen, nicht nur mit Geld, sondern auch mit Wertschätzung. Darum lieben die meisten den Africa-Cup mehr als die Bundesliga. Und ihre weissen Oligarchenbosse wollen es nicht verstehen.

    Jürgen Klopp, Meister aller Klassen in der Selbstvermarktung, ist intelligent genug, davon zu wissen, es sogar zu verstehen, und es Ahnungslosen erklären zu können. Aber Minderbegabte zur Weltklasse verwandeln – das kann weder er, noch sein teurer Mitarbeiter- und Beraterstab. Wenn die nächsten Spiele am 1.10. gegen Serbien und am 4.10. in Griechenland ähnlich vergeigt werden, wie die letzten beiden, dann wird der Arme vielleicht noch vor Weihnachten gekreuzigt. Und vor Merz.

    Rassistische Migrationspolitik wird bestraft. Weit über den Fussball hinaus.

    Update nachmittags

    Horst Kahrs ist einer der wenigen, an einer Hand abzuzählenden seriösen Wahlanalyst*inn*en im deutschen Publizismus. In bruchstuecke.info das:

    “Politische Strategie: Politik und Parteien sind keine Lieferdienste – Die Berliner Wahl markiert im Kontext der beiden anderen Landtagswahlen das bevorstehende Ende des Parteiensystems, mit dem unsereins groß geworden ist. Jüngere unter uns werden es neu erfinden und etablieren müssen, mit veränderten oder gar neuen Parteien, was mit der Linkspartei ja bereits begonnen hat.”

    Kluger Mann.

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
    Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

  4. Sarkasmusfutter

    Was funktioniert überhaupt noch? Liegt es an verlorenen Kulturtechniken? Oder liegt es am altwerdenden Betrachter? Entcheiden Sie selbst

    Wundersame Bahn CCLXI

    Ein Friedensvorschlag von Jörg Phil Friedrich: “Bahn: Abschied vom Fahrplan – Vielleicht sollte die Bahn auf Konzepte wie ‘Fahrplan’, ‘Zugbindung’ und ‘Reservierung’ ganz verzichten. Man geht einfach zum Bahnhof und steigt in den nächsten Zug, der in die richtige Richtung fährt. Eine App könnte einem eine Prognose geben, welche Züge einen zum Ziel bringen. In der Praxis läuft es längst so.” Aber können die das?

    Genau so, wie der Kollege das als Vision beschreibt, habe ich es als Berufspendler 1987-90 bis Köln und 1990-2002 bis Düsseldorf getan. Es war ein stressarmer Genuss. Ich habe die Autofahrer*innen bemitleidet, unterwegs gelesen, mit Freund*inn*en entspannt geredet und diskutiert, in damals noch existierenden Speisewagen getafelt und prominente Journalistenkollegen für Interviews mit der NRW-Landesregierung vorbereitet. Dann kam die neue ICE-Rennstrecke Köln-Frankfurt, und das Pendelangebot für mich – 3 Fernzüge in der Stunde, noch ohne ICE-Zuschlag – brach zusammen.

    Der entsprechende Streckenabschnitt ist seitdem immer mehr zur Hölle geworden. Es ist eine echte Meldung in Mediennachrichten, wenn mal was (wieder) fährt. Die Fahrpreise sind unzumutbar (das Tarifsystem sowieso). Die heutigen Reiseverhältnisse hätten mich, wäre ich noch Pendler, längst krankgemacht. In Wartezimmern ist es auch nicht unkomfortabler.

    Daher ist der Vorschlag des Kollegen Friedrich einerseits pragmatisch. Andererseits bleibt die Frage: kann die Bahn (wenigstens) das? Mindestens, so wäre meine Zusatzforderung, müsste der europarechtlich vorgeschriebene Vorrang des Güterverkehrs vor dem Personenverkehr aufgehoben werden.

    Aber ist das nicht auch schon eine Träumerei? Wie das Folgende:

    Christian Bartels/MDR-Altpapier: “KI macht abhängig – Im Digitale-Medien-Staatsvertrag stecken ein paar gute Ideen, sogar zum Thema Künstliche Intelligenz. Doof bloß, dass es in der Bundesländer-Medienpolitik kaum voran geht, während Deutschland auf EU-Ebene den ‘Datenschutz-Holzhacker’ gibt.”

    Der Kollege Bartels ist Träumer geblieben. Einerseits macht ihn das grundsätzlich sympathisch. Aber wie lange soll/muss er noch träumen? Wenn Sie nun den weit besser informierten Eric Bonse/taz zu einem anderen Thema, aber mit grossteils gleichen Akteur*inn*en lesen:

    “EU-Sanktionen gegen Russland: Erfolg für zwei russische Milliardäre – Die EU streicht die Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman von ihrer Russland-Sanktionsliste. Für Usmanow hatte sich vor allem Paris eingesetzt.”

    Hier wirds konstruktiv: St. Denis – Linker Bürgermeister trifft auf Wirklichkeit

    Ich war dort vor vielen Jahrzehnten, im vorigen Jahrtausend. Die Architektur war einschüchternd. Aber immerhin wurden damals überhaupt noch Sozialwohnungen gebaut. In Bonn ist das heute aufgrund der Grundstückspreise gar nicht mehr möglich. Sie nennen es “Marktwirtschaft”, ich nenne es Immobilienkapitalismus. Meinen Rükenwind haben die, die ihn bekämpfen und überwinden wollen. Viele sind es – noch – nicht.

    Die einst als junge FR-Redakteurin allzu juso-fromme Jutta Roitsch/bruchstuecke schafft als respektables Alterswerk ein sehr kritisch-informatives Porträt eines schon ins Amt gewählten linken Bürgermeisters:

    “Bally Bagayoko, ‘maire noir’ der Stadt toter Könige und des höchst lebendigen Volkes – Nach Saint Denis verirren sich die Pariser und Pariserinnen höchst selten. Die Stadt vor den Toren der Metropole gilt als ein unsicheres Pflaster: Die Polizei ist bewaffnet und schießt schnell, in dunklen Ecken blüht der Drogenhandel und auf den Straßen wandeln tiefverschleierte Frauen, die Universität Paris 8 beherrschen linksradikale Studentengruppen, die die Hamas und den Terror vom 7. Oktober 2023 verherrlichen und wie einst Leo Trotzki von der permanenten Revolution träumen, heute vor allem in einem Palästina ‘vom Fluss bis zum Meer’.” Und kurze Sätze lassen wir uns in unserem Alter nicht mehr vorschreiben 😉

    Monsieur Bakayoko schon im Amt. Keine Frau, aber dafür noch schwärzer als Mamdani. Familie aus Mali, ein “failed state” dank des Kolonialismus des Landes, in dem der Monsieur nun regieren muss. Die Angriffe auf ihn sind bei der noch nicht gewählten Frau Eralp bereits eingetroffen. An Unfairness lassen sich die Rechten mit ihren mächtigen Medienadjudanten nirgends und von niemandem übertreffen.

    Der schönste Traum von Frau Eralp und ihrer Partei kann wahr werden. Durch die suizidale SPD. Wird sie ihren Todeskampf beschleunigen, und mit den Grünen erneut einen Teppich für die gleichfalls dahinsterbende CDU ausrollen? Das wäre der Ausweg für die sog. “Die Linke” vor ihrer drohenden eigenen Selbstzerlegung. Und ein unfassbares Wachstumsprogramm für die kommenden Wahltermine, um sich von den rechten Hetzmedien endlich unabhängig zu machen. Vision? Träumerei? Oder realistisches Szenario?

    Wäre ich Berliner Mieter, wäre ich dann der Dumme. Meine Fantasie reicht nicht aus mir vorzustellen, was ich dann tun würde …

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
    Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

  5. Wer nicht hören will, muss fühlen

    Wir Boomer-Kinder hörten das von unseren Eltern. Es war die Legitimation für die seinerzeit im Alltag noch in Familien und Schulen gebräuchliche Prügelstrafe. Die seinerzeitige Eltern- und Lehrergeneration war geprägt und traumatisiert von Nazi-Faschismus, Krieg, Bombennächten in Kellern und Bunkern, sowie den Hungersnöten der Nachkriegszeit. Die Geburtenwelle deckte sich mit der Fresswelle und dem Glauben an immerwährendes Wachstum. Wir sollten es “einmal besser haben”. Es sollte erstaunlich viele Jahrzehnte dauern, bis die breite deutsche Öffentlichkeit das als Illusion und falsches Versprechen erkannte. Dieser Moment ist ungefähr: Jetzt.

    Die damals so genannten “besonderen Gewaltverhältnisse” im privaten und öffentlichen Erziehungswesen waren und sind immer gesellschaftspolitisch umkämpft. Die elterliche Gewalt wurde zwar immer heftiger von Kindern und Jugendlichen attackiert. Aber die materielle Macht sie auszuhebeln fehlte. Erst mit dem massenhaften Einzug digitaler Technik in den Lebensalltag beginnt sich dieses Machtverhältnis umzukehren. Lehrer*innen, Eltern und Grosseltern sind auf die Kompetenz von Kindern und Enkeln angewiesen und zum Aushandeln von Strafen und Belohnungen genötigt.

    Pandemie beleuchtete und beschleunigte Kapitalismus-Schäden

    Im Verhältnis von Volk und Staat/Regierung bildet sich das ähnlich ab. Der Versuch der politischen Führung des bürgerlich-demokratischen Staates in der Corona-Pandemie mag gesundheitstechnisch im Grossen und Ganzen gelungen sein. Die übergrosse Mehrheit hat wohlbehalten überlebt. Die soziale und ökonomische Struktur der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft hat dennoch schweren Schaden genommen. Das politische Management, dem ein Jens Spahn mehr Gesicht gab als Angela Merkel, war ähnlich missraten, wie die CDU-Kampagnen in den jüngsten Landtagswahlen. In der Pandemie mag alles Mögliche gebremst worden sein. Die Schäden, die der unregulierte Kapitalismus einer Gesellschaft zufügt, wurden beschleunigt. Und für alle sichtbar.

    Kapital- und Unternehmenskonzentration, Machtzusammenballung, Unmöglichkeit realer Gegenwehr oder gar Aufbau alternativer Modelle für Politik und Geschäft. Stattdessen Düngung einer neuen “Querdenker”-Szene, die die AfD heute erntet.

    Das “alles” zumacht und verschwindet, ist eine Beobachtung, die noch-nicht-weggezogene Bürger*innen nicht nur in verlassenen s.-a. oder m.-v. Dörfern machen, sondern auch in westdeutschen Ruhrpottstadtteilen und Berliner Kiezen: Kneipen schliessen, Einzelhandel und Handwerker verschwinden, manche sterben einfach ersatzlos weg, Ärzt*inn*e*n, Alten– und Krankenpflege erfordern immer weitere Wege. Wir in Beuel haben seit Wochen einen täglichen Stau, und die Mehrheit unserer Stadtbahnen fährt nicht, weil kaputt. Was sollen die vielen Menschen, die sich von Politik nicht langweilen lassen wollen, da wohl denken?

    Für Nichtwähler*innen fast gar keine Aufmerksamkeit

    Die Wahlerfolge der AfD in S.-A. und Meck-Pom, sowie der Linken in Berlin werden mit den hohen Zugewinnen aus den Nichtwähler*inne*n erklärt. D.h. aus den der Politik besonders entfernten Segmenten der Gesellschaft, die in nicht wenigen Bundesländern und Regionen schon lange stärkste “Partei”, bzw. elektorale Gruppierung sind. Das hat – leider – bei den bürgerlich-demokratischen Parteien fast gar keine Aufmerksamkeit gebunden, weil sie ihre Finanzierung und ihre Parlamentsressourcen unabhängig von den Wahlbeteiligungen gesetzlich geregelt hatten.

    Das rächt sich jetzt. Die AfD weiss es aufzusaugen. Die politikferne Mehrheit will, anders als wir Boomer in den 70ern, von Politik nichts wissen. Sie interessiert sich nicht nur nicht. Sie ist angewidert. Und nicht alles daran ist falsch. Leider. In pädagogischen Fragen sind diese gelegentlichen Wähler*innen ähnlich ahnungslos, wie es die deutschen Nachkriegseltern (s.o.) waren. Und ihnen ist zugutezuhalten: mit intelligenten, gar hochbegabten Kindern haben die real existierenden demokratischen Parteien in der Tat nahezu nichts gemeinsam.

    Wer nicht interessiert ist, ist also auch an Informationen (“Fakten”) nicht interessiert. Das bindet kostbare Lebenszeit. Und wer will sich die vom Staat noch mehr nehmen lassen, als er es in der Pandemie schon tat? Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, es “denen” mal richtig zu zeigen. Und was irritiert und quält “die” am nachhaltigsten? Es ist weder zu überhören noch zu übersehen. Und wenn es sogar der Inlandsgeheimdienst “geprüft” und “mit Sicherheit” erkannt hat, dann steht dem zertifizierten Prüfsiegel als Glaubwürdigkeits-Trophäe nichts mehr im Wege.

    In den 80ern konnten die Grünen mit diesen Mitteln in Parlamente einziehen. Gemessen an den gesellschaftlichen und ökologischen Wirklichkeiten, die ihnen zusätzlich in die Hände spielten, haben sie bemerkenswert wenig daraus gemacht. Es ist historisch gesichert und erwiesen, dass Faschismus in der Nähe der Macht weniger bescheiden agiert. Und weitaus erfahrener als die grünen Grünen.

    Gegenmittel: Themen selbst setzen

    Was der von mir geschätzte Kollege Wolfgang Storz/bruchstuecke da gedanklich durchspielt – das will ich nicht erleben. “Die Linke” in Berlin hat die richtige Strategie gewählt: nicht fremdgesetzte Themen gehorsam abarbeiten, die ihnen aufmerksamkeitsökonomisch gepolte Konzern-Medien vorsetzen, sondern selbst die materiellen Themen zur gesellschaftlichen Agenda machen, die eine Mehrheit von Menschen berühren und betreffen. Nicht Clicks, Schlagzeilen (“Antisemitismus” vs. “Palästinasolidarität”) und Insa-Umfragen entscheiden, sondern Wahlen. Von Mamdani lernen, heisst siegen lernen.

    Auf Fragen zu Mieten, Renten, sozialer Infrastruktur und Gerechtigkeit, die sich im Geltungsbereich des Grundgesetzes allen Menschen gleich stellen, antworten die Rechten lieber nicht. Sie wollen den Merz ja nicht bekämpfen, sondern beschleunigen und radikalisieren. Ihr Idol ist Trump, gelobter Messias der BigTech-Oligarchen. Möge eine KI noch Frau Weidel ins Bild stellen. Niemand würde es bemerken.

    Wenn das die Zukunft wird, sage ich gerne vorher Tschö. Lesen Sie dazu Harald Staun in der FAZ-Paywall: “KI tötet die Menschheit?: Über das KI-Geschäft mit dem Weltuntergang – In den KI-Firmen sind obskure Endzeit-Ideologien zur Staatsdoktrin mit religiösen Zügen geworden. Die Entwickler erklären die KI zur Naturgewalt – und entziehen sich damit der Verantwortung für ihre Produkte.” Der Widerstand ist diesem klugen Kopf nicht entgangen (sein Text vom 11.7.). Zum Glück ist es nie zuende.

  6. Globale Fanbewegung

    Die guten Nachrichten sind nicht von hier, sondern aus Afrika und Amerika

    Da fiel mir gestern morgen der Espresso-Löffel aus der Hand. Der Deutschlandfunk sendete diese Propaganda der Neofaschistin Giorgia Meloni, die den Rassismus zur italienischen Staatsräson erhoben hat, als “Nachricht”. Darauf muss mann als deutscher Konservativer, wie sie die DLF-Nachrichtenredaktion beherrschen, ja erstmal kommen. Der Weg dorthin ist offenbar kurz – und überwunden. Für solchen Trash kann es garnicht genug “Programmreform” geben.

    Zum “Brandmauer”-Gewese hat Wolfgang Storz/bruchstuecke das Nötige niedergeschrieben. Mal abgesehen davon, dass Signora Meloni besser selbst, wenn nicht dahinter, dann in eine solche hineingehört, bemerkt Storz ganz richtig, was der real existierenden metaphorischen Brandmauer fehlt: “Teil 2: Wir nutzen die Zeit und machen zeitgleich eine viel bessere Politik als die bisherige, um die AfD an Wahltagen zu dezimieren.” Stattdessen siehe bei Roland Appel.

    Doch es gibt auch gute Nachrichten aus der fremden Welt da draussen

    Die wie immer erstklassige Alina Schwermer/taz hat einen interessanten Interviewpartner aufgetan, der Informatives mitzuteilen hat:

    “Afrikanischer Fanaktivist über die Fifa: ‘Es ist der Anfang einer globalen Fanbewegung’ – Der Koordinator von ‘Football Supporters Africa‘, Adebayo Akande, erklärt, weshalb Fifa-Chef Infantino weg muss und was der afrikanische Fußball braucht.”

    Und über New York City schreibt Sebastian Moll/taz das:

    “New York City 25 Jahre nach 9/11: Anschlag auf ein Lebensgefühl – Neoliberales Luxusprojekt: Die Turbo-Gentrifizierung nach dem 11. September hat die New Yorker von ihrer eigenen Stadt entfremdet.”

    Fazit: der kapitalistische Gentrifizierungszug fährt mit gewaltigen PS, aber die Kräfte, die ihn aufhalten wollen, formieren sich. Die wichtigsten Wahlen dieses Jahres finden am 3. November statt.

  7. Lesen Sie selbst

    Ich war noch nicht wach, las es nachträglich, immer noch nicht ganz wach. Was soll ich davon halten? Ichweisesdochauchnicht. Also lesen Sies einfach selbst.

    Niels Schniederjann/DLF: “Postliberalismus: Die Machtfrage – Muss die Linke sich von ihrem eigenen Liberalismus befreien? – Die politische Linke steckt in der Krise. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie ihre Fähigkeit verloren, eine glaubwürdige Alternative zum bestehenden System anzubieten. Damit hat sie ihr ureigenstes Terrain preisgegeben. Wie konnte das geschehen?”

    Teaser-Text des DLF: “Die politische Linke steckt in der Krise. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie ihre Fähigkeit verloren, eine glaubwürdige Alternative zum bestehenden System anzubieten. Damit hat sie ihr ureigenstes Terrain preisgegeben. Wie konnte das geschehen? Es gibt einen sehr einfachen, aber tiefgreifenden Grund für den Niedergang der gesellschaftlichen Linken: Sie ist liberal geworden. Sie verteidigt individuelle Rechte statt auf kollektive Macht zu setzen, sie blickt bei politischen Auseinandersetzungen auf Verfassungsgerichte statt auf Volkssouveränität, flüchtet in juristische Verfahren. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums wird der Liberalismus hingegen mit neuer Härte attackiert: Die sogenannten ‘Postliberalen’ versuchen, das Politische jenseits liberaler Einhegung zu denken. Was, wenn man von den Postliberalen etwas lernen kann? Was würde es für die Linke bedeuten, sich aus dem Bündnis mit dem Liberalismus zu lösen? Gibt es vielleicht sogar das Potenzial für eine ‘postliberale Linke’? Nils Schniederjann ist Journalist in Berlin. Für den Deutschlandfunk moderiert er unter anderem das Magazin für Politische Literatur ‘Andruck’ und die halbstündige Gesprächssendung ‘Tacheles’. Gemeinsam mit Sebastian Friedrich betreibt er außerdem den Newsletter und Podcast ‘Über Rechts’.”

    “Postliberalismus”, “Postliberale” – kannte ich bisher nicht. Eine theoretische Krücke oder ein Begriff mit Substanz? Wolkig oder nützlich? Es ist Sonntag, und Zeit zum Nachdenken.

    Einen Fehler kann ich schon benennen: Migration ist – historisch und gegenwärtig – grösser als der Liberalismus. Egal, ob mit oder ohne “Post-“.

    Lesen Sie ergänzend dazu die durchaus subjektiven Erinnerungen von Extradienst-Autor Detlef zum Winkel/bruchstuecke: “Nostalgie: Eine Zeitenwende der Grünen”, die durchaus besser dazu passen, als Sie denken. Meine unterscheiden sich signifikant zu seinen; legitim sind jedoch weit mehr als zwei.

    Für mich, dessen Familie vom malochenden Proletariat zum leitenden-Angestellten-Bürgertum aufstieg, waren schon die “68er” (ich war 11) nicht nur eine Minderheit der Bevölkerung, sondern auch in ihrer “Generation”. Schnell war die Luft raus, und sie verteilten sich zellteilungsartig auf diverse scheinrevolutionäre Sekten, mit denen sie – so wie die RAF den Polizeistaat – den real existierenden Kapitalismus mehr stabilisierten, als ihnen lieb war. Mich zog es mehr an die Front der politischen Mehrheitsbildung, und die befand sich in den 70ern in der FDP. Als sich 1982 herausstellte, dass diese Strategie gescheitert war, verliess ich sie wieder, und mit mir einige tausend weitere vernünftige Menschen.

    Gesellschaftlich formierten sich in jener Zeit eine Umwelt-/Anti-AKW-Bewegung, sowie eine aktualisierte Friedensbewegung. Beide hatten insofern einen eingebauten antikapitalistischen Ansatz, weil sowohl die Atom- als auch die Rüstungsindustrie ein Spielfeld für ausschliesslich besonders grosses Grosskapital waren und sind. Auf beiden Bewegungen surfte die Parteineugründung der Grünen – sie wollten nicht mehr linke Sekte sein, sondern dazugehören. Anfangs mussten sie gegen Ausgrenzung ankämpfen, aber das gab sich dann schnell. Der Kapitalismus ist intelligent in der Disziplin des Inkorporierens. Bürgerliche Weicheier eben – das wusste ich bevor ich eintrat, während ich eintrat – und heute ist es recht allumfassend bewiesen. Die einstmals extremistischsten “Linksradikalen” bezeichnen sich heute als “liberal” und “modern”.

    Konvertiten sind immer die Schlimmsten.

  8. Berufswege

    Vielleicht muss ich vernünftigerweise vorausschicken, was Klaus Raab/MDR-Altpapier gestern zur Medienkritik schrieb: “Ausgewogenheit kann man nicht mit dem Zollstock messen – Ein neues wissenschaftliches Gutachten beschäftigt sich mit Ausgewogenheit und Vielfalt der Medien – und liefert gute Anstöße, genauer hinzusehen, wenn wieder jemand allzu simple Medienkritik in ein Mikrofon koffert.” Erschwerend kommt allerdings hinzu, da hat die von ihm selbst zitierte Frau Wagenknecht einen Punkt, dass Medienkritik (und im gleichen Sack “die Politik”) längst das Volkssportstadium erreicht hat, und in der gelebten Alltagspraxis den Fussball klar übertrifft. Das ist ein Systemproblem der meisten mir bekannten Demokratien.

    Und nun meine Medienkritik. Eine mir persönlich nicht bekannte Frau Witt-Stahl/Junge Welt, die ich beim Lesen meistens umschiffe, wirft einem Herrn Potter, bei dem ich das überwiegend ebenfalls praktiziere, eine Portion Häme hinterher: “Porträt: Linker Journalist des Tages: Nicholas Potter – Er entlarvte die Gaza-Genozidlüge. Die Erkenntnis, dass Mord an Reportern und Pressefotografen nicht immer falsch – an palästinensischen Kollegen sogar unvermeidlich! – ist, hat die kritische Öffentlichkeit niemand anderem zu verdanken als ihm: Nicholas Potter, der sein Handwerk beim Organ des inlandgeheimdienstlich betreuten »Antifaschismus« Belltower.News gelernt hat, lebt nicht nur linken Journalismus – er atmet ihn.”

    Dass solcherart Kollegenschelte nach einigen Tagen in einem Paywallarchiv verschwindet, ist noch nicht mal so eine schlechte Idee. Nicht, dass ich Herrn Potter verteidigen will. Frau Witt-Stahl erwähnt richtig, dass er kein Einzelfall ist. Und solche Jobwechsel sind politisch durchaus so unappetitlich, wie ihr Fakt bedenkenswert ist. Meine alte Freundin Tissy Bruns hatte diesen Weg beschritten, war aber schnell nach zwei Jahren davon kuriert. Geld ist nicht alles. Ist nicht der bis heute geachtete Deniz Yücel einen ähnlichen Weg gegangen? 2015-26. Und bei Springer längst wieder weg? Sind diese Berufswege nicht eher ein Indiz für die zunehmende Prekarisierung des Journalist*inn*enberufs und sogar des Verlagsgeschäfts, inkl. der Tatsache, dass der Springerkonzern in Deutschland vermutlich als Letzter pleitegeht?

    Und die Öffis?

    Im Rahmen meiner persönlichen Mediendiät erlaube ich mir werktäglich die “Tagesschau um 5”.

    Dort fiel mir eine Frau Kohnert erstmals und besonders negativ auf, obwohl sie doch offenbar keine wirklich schlechten journalistischen Referenzen hat. Vom WDR auch noch, meinem Sender, von meinem Geld! Was Frau Kohnert im Schaltgespräch der oben verlinkten Tagesschau-Ausgabe performte, war blankeste Arbeitgeberpropaganda unter Weglassung jeglicher journalistischer Distanz. Ein Indiz für den seit Jahren fortschreitenden Verfall dieses einstmals relevanten Nachrichtenmediums. Die ganze Woche war voll mit derartigem Trommelfeuer, und erst gegen ihrem Ende machte auch die eine oder andere Gewerkschaft einen Mucks. Unerträglich für alle, die arbeiten müssen oder mussten. Also alle, ausser die.

    Ist die professionelle Besatzung der ARD-“Hauptstadttoilette” (zit. nach Friedrich Nowottny, als er noch 88 war, heute 97) vielleicht zu gestresst, um noch Texte zu lesen? Dafür stelle ich (69) mich gerne zur Verfügung. Unbezahlt, immer wieder hier. Als Dienst an der Gemeinschaft.

    Mit einfachen Mitteln ist z.B. das zu finden: Thomas Gesterkamp (Interview)/Freitag (Paywall)/bruchstücke (ohne Paywall): “Wirtschaftswissenschaft: Moral überflüssig, Demokratie Verhandlungsmasse”. Ist das für die “Hauptstadttoiletten”-Insass*inn*en schon “zu komplex”? Was daran ist nicht zu verstehen?

  9. Unlust

    Kritik der Grünen

    Sowas zu schreiben habe ich schon lange keine Lust mehr. Nun hat es einer getan. Thomas Gesterkamp/bruchstuecke: “Stromlinienförmige Politikberatung”. Meine ergänzende Frage: wer berät eigentlich Ricarda Lang? Laut meiner Programmzeitschrift schmückt sie die TV-Veranstaltung “Wider den tierischen Ernst” in Aachen mit ihrer Anwesenheit. Das war noch nie lustig. Sondern immer peinlich.

  10. “Fluchtministerin”

    Hören sie sich eigentlich noch selbst zu, die ehemals bürgerlich-demokratischen Medien?

    Schon vor dem Rücktritt von NRW-Ministerin Josefine Paul hatte Roland Appel das begleitende Mediengeschehen hier kritisch betrachtet. Als hätte er es kommen sehen. Merkwürdig ist die nahezu durchgehend propagandistische Titulierung der Ministerin als “Fluchtministerin”. Was mag in den Köpfen derer vorgehen, die die NRW-Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration so bezeichnen? Bei den meisten mutmasslich nichts.

    Irgendjemand wird damit angefangen haben. Mir ist es zu blöd, das zu recherchieren (das Mittagessen wartet). Wer immer es sich ausgedacht hat, war – je nach dem – entweder ein gerissenes rechtes Arschloch. Oder ein dummes. Denn wenn die Jugendministerin, die Familieministerin, die Gleichstellungsministerin usw. usf., in den Worten eines ehemaligen Bundeskanzlers die “Gedöns”-Ministerin, so bezeichnet wird, ist die erkennbare Absicht: ach so, die ist schuld an den vielen Flüchtlingen, die “uns” alle (angeblich) so furchtbar unzumutbar überlasten …

    Das ist die zentrale und lupenreine “Remigrations”-Agenda der AfD, die hier auf eine offenbar überforderte Ministerin geklebt wird.

    Doch wer ist für die Überforderung verantwortlich?

    Wenn bei den NRW-Grünen noch ein Rest an Intelligenz vorrätig ist – und ich kenne einige persönlich, denen ich sie unterstelle – dann müssen sie sich selbst überprüfen. War der restlinke Flügel personalpolitisch überfordert? Und lachten sich die Realos heimlich ins Fäustchen, weil sie es haben kommen sehen (und laufen liessen, zum Rechthaben)? Waren alle zusammen zu doof, ihre Ministerin solidarisch zu schützen? Der Kontrollverlust in solchen Sammelsurium-Ressorts ist sicherer als das Amen in den massenhaft entwidmeten Kirchen. Wichtig ist also ein Teamplay in der Ministeriumsspitze mit Staatssekretär*inn*en, Abteilungsleiter*innen und Ministerinbüro.

    Ich habe diese Drahtseilakte live miterlebt, als Bärbel Höhn 1995 Umweltministerin im letzten Kabinett Rau wurde. Sie hat sie damals bravourös bewältigt. Ihr persönlicher Durchbruch in der breiten Medienöffentlichkeit war, als sie es 1999 auf einem von Phönix komplett live übertragenen Grünen-Bundesparteitag wagte, dem Bundesaussenminister Joseph Fischer zum völkerrechtswidrigen Kosovo-Kriegseinsatz öffentlich zu widersprechen. WDR-Chefredakteur Nikolaus Brender lief am Rande einer WDR-Rundfunkratssitzung mir gegenüber fast über vor Begeisterung über das gelungene TV-Ereignis. Und als die Herren Clement (SPD) und Möllemann (FDP) ihr Testosteron nicht unter Kontrolle hatten und versuchten, Bärbel zu demütigen, da begann meine reiche Grossmutter (Knappschaftsrentnerin) mit ihren über 90 Lebensjahren als Stammwählerin von Zentrum (Weimarer Republik) und CDU (BRD) zum ersten Mal in ihrem Leben Grüne zu wählen. Um meinen Job zu sichern. Und weil sie eine (starke) Frau war. Wie Bärbel Höhn es ist.

    Das war Teamarbeit. Auch mal gegen die Realos, die sie allzu gerne losgeworden wären. Weil sie stark war. Bzw.: wurde!

    Das alles ist bei Josefine Paul maximal misslungen. Verena Schäffer wünsche ich dabei mehr Glück und Vermögen. Sie wird es brauchen. Und die NRW-Grünen sollten es mit intelligenterer Arbeit versuchen.

    Lesen Sie ergänzend auch Wolfgang Storz/bruchstuecke: “Rechtsradikalismus: Mit Gewalt Wahlen gewinnen”, wo er u.a. feststellt: “Gerade in einer Demokratie ist Sprache auch Handlung.”

  11. Die Beleidigten

    Altes Fernsehen – “Linksextremisten” – Salzwedeler und andere Ossis

    Manche Alte meinen, die Zeiten seien so schlimm, weil die asozialen Medien so schlimm seien. Das ist nachweislich falsch. Im 2. Weltkrieg gab es sie noch nicht. Sie konnten ihm also weder den Boden bereiten, noch ihn mit all seinen Völkermorden durchführen. Das Problem sind nicht diese Medien, sondern wie mit ihnen umgegangen wird. Wem gehören sie warum? Und was machen die damit?

    Wenn die alten TV-Anstalten z.B. neidisch auf YouTube sind, hat das gute Gründe. YouTube hat eben das bessere Programm. Und davon viel mehr.

    Wilfried Urbe/dpa/heise: “‘Die größten Player der Zukunft’ – warum YouTube so wächst – Fast unbemerkt ist YouTube zum Superstar aufgestiegen. Es ist der Anfang für einen der größten Umbrüche in der Unterhaltungsbranche.”

    Falsch daran ist, dass YouTube einem privaten Kapitalkonzern gehört. Falsch daran ist, dass der seine Algorithmen als “Geschäftsgeheimnis” handhabt und handhaben kann, weil der real existierende Kapitalismus das genau so will. Weniger geheim sind die Profite: 100.100.000.000 US-$ waren es 2024.

    Immerhin dürfen bei YouTube die Zuschauer*innen sogar kommentieren und diskutieren. Das schaffen deutsche TV-Anstalten bis heute nicht. Denn jemand müsste das moderieren. Und derartige Arbeit kostet. Bei YouTube dürfen das preisgünstige Billiglöhner*innen ohne Arbeits-, Sozial- und Gewerkschaftsrecht machen. Also verzichten deutsche Anstalten lieber auf Zuschauer*innen, als ihre Arbeit nach geltenden Gesetzen zu machen. Sowas kommt dann von sowas.

    YouTube glotzen ist übrigens kostenlos und wird wie Privat-TV durch messbare reichweitenstarke Werbung finanziert. Damit ist es in erster Linie Mörder des unterirdisch schlechten und billigen Privat-TV. Seine Werbespots sind absichtlich noch viel schlechter und gehen auf Dauer total auf die Nerven – nach einer Viertelstunde fühlt sich die*der Zuschauer*in von billigsten Wanderprediger*innen umzingelt. Das soll zum Abschluss eines “Premium-Abos” animieren. Ja gut, ich bin dann mal weg. Es gibt auch andere Tricks dagegen. Ich hab’ sie aber vergessen.

    Beleidigte “Linksextremisten”

    Unser Autor und Freund Detlef zum Winkel/bruchstuecke hat sich der Folter unterzogen, das “Bekennerschreiben” der sog. “Vulkangruppe” komplett zu lesen. Das ist dabei unten raus gekommen:

    “Dümmer als der Linksextremismus erlaubt – Ein sogenannter Ökoterrorismus setzte sich am 3. Januar, zum Jahresauftakt, ebenso spektakulär wie entlarvend in Szene. Alle halten ihn für ‘linksextrem’, was ist da dran?”

    Dä. Jetzt wissen wir immer noch nicht mehr. Dass die Täter*innen ein schwerwiegend verschattetes Hirn haben, wussten wir ja schon.

    Salzwedeler*innen

    Salzwedel liegt nicht im menschenleeren Niedersachsen, sondern im noch menschenleereren Sachsen-Anhalt. Da, wo die AfD ihre besten Umfragewerte hat. Obwohl: die in “meinem” Ruhrpott sind entlang – nicht der edelteuren Ruhr, sondern entlang der weit billigeren – Emscher auch zu verachten. Bei den Kolleg*inn*en von uebermedien wurde jetzt das paywallfrei:

    Dietrich Schotte: “Reportagen aus der ostdeutschen Provinz: Schaut mal, wie doof es hier ist! – Salzwedel hat außer Backsteinhäusern, versalzener Suppe und einem geschlossenen Café wenig zu bieten. So klingt es zumindest in einer taz-Reportage. Ein typisches Beispiel, wie herablassend manche Großstadtjournalisten über die ostdeutsche Provinz schreiben.”

    Das ist alles richtig beschrieben. Nur: taz-Reportagen aus Gelsenkirchen funktionieren exakt genauso. Und selbst wenn Kölner*innen nach Bonn reisen, geht es mit ihren Reportagen so ähnlich aus. Bei denen genügt schon, wenn es rechtsrheinisch (= Sibirien) ist.

    Real ist die Blasiertheit der Mehrheit der “was-mit-Medien”-Fuzzys. Die gibt es überall. Sie haben nur selbst noch nicht gemerkt, wie wenig angesagt sie mittlerweile sind. Das können Sie in der Provinz jederzeit und überall erleben – vorzugsweise da, wo die Menschen über wenig Kapital verfügen, weil es sich schon vom Acker gemacht hat.

    Der Kollege Schotte, bzw. seine kommentierenden uebermedien-Leser*innen, erwähnen u.a. das nahegelegene “überlaufene” Lüneburg (das ist dann aber wirklich Niedersachsen). Das ist einfach zu erklären: dort werden Aussenaufnahmen für die tägliche ARD-Nachmittags-Soap “Rote Rosen” gedreht. Die feiert dieses Jahr 20. Geburtstag. Das geburtenstarke Senior*innen-Publikum liebt das. Und ist kaufkräftig genug für eine entsprechende gemütliche Kurzreise. Meine ehemalige Jungdemokraten-Freundin Ingrid Matthäus-Maier hat im WDR-Rundfunkrat erfolgreich für die Verlängerung des Produktionsauftrags gekämpft. Die Geschmäcker sind eben verschieden.

    Keinen Geschmacksstreit kann es dagegen um den vom Kollegen Schotte mehrfach erwähnten Salzwedeler Baumkuchen geben. Aber warum hat er ihn nicht verlinkt? In einem Onlinemedium! Weil es mehrere gibt? Hier noch einer. Und hier das mehrfach erwähnte Café Kruse. Alles gute Gründe, aus dem ICE auszusteigen – sofern er das Anhalten nicht vergisst – und eine Vergleichsverkostung durchzuführen. In meiner Suchmaschine gibt es weitere Links. Nicht schwer zu finden.

    Und guten Appetit!

    PS: als mir am linken Auge bei örtlicher Betäubung der Graue Star wegoperiert wurde, haben sich die Operateur*inn*e*n darüber unterhalten, wie auf einer Urlaubsreise ein Baumkuchen am besten frischgehalten werden kann. Unvergesslich!

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
    Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

  12. Abstiegskampf

    Wer wie ich Borussia-Mönchengladbach-Fan ist, muss sich darin auskennen. Was braucht mann dafür? Im optimalen Fall wird mann aus dem thüringischen Osten mit einem allseitig gebildeten Kerl wie Hans Meyer beschenkt. Sein Geburtsort im heutigen Tschechien wurde abgebaggert. Seine allseitige Bildung ermöglichte ihm, das System, in dem er sich nach 1990 als Fussballlehrer durchbeissen musste, besser verstand, als die meisten, die in ihm aufgewachsen waren. Insbesondere durchschaute er das profitorientierte und an billigen Formeln mehr als an Fachwissen orientierte Mediensystem. Und spielte fortan intelligenter auf diesem Klavier, als die meisten seines Berufsstandes. Später wurde er in dieser Disziplin nur von Jürgen Klopp übertroffen, der sich aber seitdem für weit billigere Werbung hergibt als der kluge Hans.

    Meyer hatte erkannt, dass die Skills, die er sich in der DDR aneignen musste, um gut arbeiten zu können, im real existierenden Kapitalismus etliche Vorteile hatten. Ich habe in meinem Freundinnenkreis eine selbstständige Unternehmerin in Köln, der das im was-mit-Medien-Betrieb ähnlich gut gelang; sie besitzt ein schickes Haus in Zollstock, und ihre Steuerberaterin sucht beständig für sie nach Gelegenheiten der steuermindernden Kapitalanlage … Gelernt hatte sie beim damaligen Zentralorgan der FDJ, der “Jungen Welt”. Es war ganz offenbar nicht vergeblich.

    In wenigen Tagen erscheint beim MDR eine neue Dokumentation über den weisen Mann Hans Meyer, der ich mit Spannung entgegensehe. Er wusste mit Richtlinienkompetenz umzugehen, ein strategisch kluger Kopf.

    Und nun sehen Sie nur, wen die hiesige bürgerliche Demokratie mit Richtlinienkompetenz ausgestattet hat. Das ist kein Scherz, sondern ein Drama. Der Kollege Fabian Scheidler ist ein weit jüngerer kluger Kopf, der schreibt darüber so:

    “Deutschland auf dem Weg in den Kriegsstaat – Wie die entfesselte Militarisierung zum Schlüsselprojekt Deutschlands und der Europäischen Union in der Polykrise wurde”.

    Es geht auch gemässigter im Ton, bei Klaus Lang/bruchstuecke, IG-Metaller im Ruhestand, und berufsbedingt pragmatisch geschult:

    “Schreiben gegen den Wind, auch wenn er nicht lesen kann”.

    Und in einem sozialdemokratischen Medium

    Marcus Schneider/IPG-Journal: “Mehr als ein bisschen Schnee – Trumps Griff nach Grönland sprengt den Nachkriegskonsens. Will Europa dem US-Präsidenten Paroli bieten, muss es endlich die Sprache der Macht lernen.”

    Was tun?

    Der weise Hans Meyer wusste besser als die vielen Medienfuzzys, mit denen er sich berufsbedingt beschäftigen musste, dass Fussball ein Teamsport ist. Millionen TV-Glotzer*innen haben längst mitbekommen, dass die Frauen das besser begriffen haben als die dummen Jungs. Aus eigener Berufserfahrung kann ich Ihnen versichern: in demokratischer Politik und ihren Medien funktioniert das genauso.

    Den Schwierigkeitsgrad des deutschen Abstiegskampfes beschreibt der Kollege Scheidler – in meinen Augen zutreffend – so:

    “All dies trägt zur Frustration eines großen Teils der Bevölkerung bei, der nicht nur das Vertrauen in diese oder jene bestimmte Regierung verliert, sondern in das politische System insgesamt. Umfragen zeigen, dass nur noch 21% der Deutschen Vertrauen in die Regierung haben, während der Wert für politische Parteien bei nur 13% liegt. Darüber hinaus wird der soziale und wirtschaftliche Niedergang als Teil einer schier endlosen Kette von schlechten Nachrichten und Katastrophen wahrgenommen, auf die die Politik nicht nur keine Antworten hat, sondern die sie sogar noch verschlimmert.”

    Parallel dazu der Abstiegskampf deutscher Medien:

    Ralf Heimann/MDR-Altpapier: “Abgedreht – In den USA schaltet sich die ausgetrocknete Rundfunkförderung selbst ab. Was bedeutet das? Und was heißt das für die deutsche Debatte?”

    In Mönchengladbach haben wir gegen diese Krise Eugen Polanski. Er hat aus den gleichen schlechten Spielern – die besten sind sogar verletzt – ein besseres Team gemacht. Die Fans, die den Borussia-Park regelmässig vollmachen, stehen hinter ihm. Derzeit. Es ist also möglich. Aber nicht sicher.

    Wer also macht nun den deutschen Wahlberechtigten ein seriöseres Angebot?

    Ganz unten: Trumps Mordbrüder in Ecuador

    Ganz unten ist, wenn die Katholische Kirche die letzte revolutionäre Organisation ist. Das war mein erster Gedanke beim Ansehen dieser Dokumentation. Mein zweiter: warum wurde nicht auf die furchtbare Musiksauce verzichtet? Ohne sie wäre diese Dokumentation der sachgerechte Hammer:

    Marcel Mettelsiefen/Arte/ZDF: “Drogenkrieg in Ecuador – Einst galt Ecuador als eines der friedlichsten Länder Lateinamerikas – heute zählt es zu den gewalttätigsten der Welt. Drogenkartelle beherrschen ganze Regionen, das Militär antwortet mit brutaler Härte. Im Mittelpunkt stehen drei Menschen, deren Schicksale sich kreuzen: ein Priester, ein Gouverneur und ein Vater, der für die Wahrheit über den Tod seines Sohnes kämpft.” Video 53 min. Verfügbar bis 5.4.

    Eine Analyse, wie es politisch in Ecuador so weit kommen konnte, finden Sie hier.

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  13. Nachruf auf die Republik

    mit Update nachmittags

    Hartmut Palmer spielte bei meiner jugendlichen Politisierung in den 70er Jahren eine Schlüsselrolle. Im damals noch aufregend hörenswerten WDR, nach meiner Erinnerung war es das Kritische Tagebuch, hörte ich einen Kommentar von ihm zum faschistischen Militärputsch in Chile 1973. Darin verschonte er auch die damalige sozialliberale Bundesregierung von Willy Brandt nicht mit Kritik. Ich nahm das Thema in die damals von mir redigierte Schülerzeitung der Essener Jungdemokraten auf. Palmers Laufbahn von der Süddeutschen zum Spiegel verfolgte ich mit Interesse. Und also auch seinen aktuellen Nachruf auf seinen Spiegel-Kollegen Koch im “Blog der Republik” von Alfons Pieper.

    Meine Informationen über den “Spiegel” bezog ich damals schon von seinem gefeuerten Redakteur und konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza. Der liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Und es deckte sich mit den Erfahrungen, die wir als Jungdemokraten mit diesem Medium gemacht hatten. Im Zweifel liessen sich die Spiegel-Kollegen (Gendern unnötig) immer von der FDP instruieren, die wir 1982 kollektiv verlassen hatten.

    Darum pflegten wir eine skeptische Distanz, als wir in den Jahren 1985-87 unser Mittagspausenlokal mit der Bonner Spiegel-Redaktion teilten. In der “Laterne” in der Ermekeilstrasse sassen wir Tisch an Tisch. Während wir, Harald Jansen, Georg Hundt, Reiner Rosner und ich zum Nachtisch noch eine Runde flipperten, mussten die Spiegel-Fuzzis wieder arbeiten gehen. Die einstige “Schumann-Klause” (Ecke Schumann-/Weberstrasse) hatte sich in “Laterne” und “Südbahnhof” gespalten.

    An die Herren Koch und Wirtgen, beide in Palmers Nachruf namentlich erwähnt, kann ich mich noch gut erinnern. Tragisch, dass Koch in seinem Lebenskampf gegen Kohl politisch verloren hat. Immerhin hat er ihn deutlich überlebt, und diese Jahre hoffentlich genossen.

    Ich will den Kollegen nicht zu nahe treten. Sie haben zweifellos ihre politischen und journalistischen Verdienste. Die wichtigsten sind in Palmers Nachruf benannt.

    Aber was ist an Substanz geblieben?

    Update nachmittags
    Lesen Sie dazu zunächst das Gespräch zweier vernünftiger alter weisser Männer, Wolfgang Storz und Klaus Lang/bruchstuecke: “Die Brandmauer steht oder die Union geht unter”. Darin rufen sie dazu auf, “die jetzige Regierung daran zu erinnern, dass es ihre verdammte Verantwortung ist, in Stil und Inhalt gut zu regieren und damit der AfD den Boden zu entziehen.” Gute Idee, aber ein bisschen spät, oder? Update Ende.

    Diese Frage warf René Martens/MDR-Altpapier, den ich in den 90ern bei einem Fussball-Fantreffen in Erkenschwick kennenlernte, wo Dieter Bott ihn mir vorstellte, als der ebenfalls noch für Gremlizas konkret schrieb, gestern völlig zurecht auf:

    “Wachen wir noch rechtzeitig auf? – 2026 könnte das ‘Schicksalsjahr’ des Journalismus werden. Soll sich das ‘Schicksal’ zum Guten wenden, müssten Redaktionen ihre Berichterstattung über Klima, Umwelt und Trump ändern.”

    Ich wage eine Vorhersage: sie werden es nicht tun.

  14. Wenn er gewinnt

    Viele Menschen oder viel Geld? Wer wird gewinnen? Bei jeder demokratischen Wahl stellt sich diese Frage. Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. So ist es das Gesetz des real existierenden Kapitalismus. Aber es gibt Ausnahmen. Ob nun heute eine in New York City stattfindet, das werden wir erst zum Aufwachen am mitteleuropäischen Mittwochmorgen erfahren. Dass der globale linke Widerstand gegen den drohenden Faschismus auf eine Bürgermeisterwahl fixieren muss, sagt viel über die Kräfteverhältnisse. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Zohran Mamdani heisst der Mann, dem auch ich alles Gute wünsche. Das deutsche Publikum weiss wenig über ihn. Auch die mehrheitlich ahnungslose Linke. Die Partei dieses Namens muss extra anreisen, um mehr zu erfahren. Ob sie ausreichend dabei lernt, muss vorläufig offenbleiben.

    Wenn Sie nicht dumm bleiben wollen, lesen Sie hier: Nick French/Jacobin: “Mamdani, AOC und Bernie führen die Opposition gegen Trump an – Das Establishment der Demokraten hat sich als unfähig erwiesen, der Trump-Regierung Widerstand zu leisten. Während die nominellen Parteiführer sich totstellen, sind Linke wie Zohran Mamdani die einzigen, die eine greifbare Alternative anbieten.”

    Warum ist die deutsche Öffentlichkeit so dumm und uninformiert? Weil es die von ihr teuer bezahlten Journalist*inn*en sind, die sie in wenige Länder der Welt entsendet. Die US-Korrespondent*inn*enplätze gelten in Medienkreisen als die geilsten, die das deutsche Mediensystem anzubieten hat. Und was kommt dabei “unten raus” (zit. Helmut Kohl)? René Martens/MDR-Altpapier weiss es: “Der Untergang – Mit dem ‘Weltspiegel Doku’-Film ‘Trumps USA – United States of Angst’ erreicht die US-Berichterstattung der ARD einen nicht für möglich gehaltenen Tiefpunkt. ‘Die Zeit’ hat ein Problem mit dem Ärmelaufnäher einer Universitätspräsidentin.” Das heisst: sollte Mamdani tatsächlich gewinnen, sitzt ganz Deutschland mit seinen dummen Medien auf dem völlig falschen Musikdampfer.

    Und so wählt es ja auch: “Das schiefe Bild der Medien-Abbildungen”, ein Interview von Thomas Gesterkamp/bruchstuecke mit dem Wahlforscher Ansgar Hudde informiert mehr, als “Deutschlandtrends”, “Politbarometer” und “Allensbach” zusammen (vom AfD-nahen Insa ganz zu schweigen).

    Einmal werden wir noch wach. Aber vergessen Sie das Auswandern nach NYC. Viel zu teuer – eine Wohnungsmiete übersteigt meine Rente um ein Vielfaches. Und den Immobilienkapitalismus wird auch Mr. Mamdani nicht abschaffen können. Obwohl: gut wäre, wenn er schon mal damit anfängt …

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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  15. Reflexe der Aufmerksamkeitsökonomie

    Je grausamer und verbrecherischer, umso stiller …

    mit Update 3. 11.

    Ist es launig? Oder sarkastisch? Wolfgang Storz/bruchstuecke reflektiert über die Reflexe der Öffentlichkeit auf “unseren” superintelligenten Bundeskanzler: “Regieren mit Wortfetzen”. Nicht abwegig. Dennoch behaupte ich, dass seine bornierten sauerländischen Reflexe ihm selbst, und noch mehr seinem Berater*innen*stab, einen Streich gespielt haben. Denn was Storz und ich seit Jahrzehnten über den Kerl wissen, das erkennen jüngere Teile der Öffentlichkeit erst jetzt durch sein Tun und Stammeln. Und es mobilisiert ganz offenbar nicht nur seine eigenen Leute. Manche linke Bescheidwisser kräuseln ihren Bauchnabel darüber, dass sie statt mitzumachen lieber lästern, wie lange sie bescheidwissen, was viele jetzt erst merken. Klassisches Eigentor im politischen Prozess.

    Zum gegenwärtigen Funktionieren der inländischen Aufmerksamkeitsökonomie gibt es einen interessanten Versuch materialistischer Analyse von Raphael Wolter/Junge Welt: “Zwischen Kommerz und Widerstand – Fußball und Klassenkampf: Zur gesellschaftlichen Logik eines populären Spiels” Durchaus lesenswert und nur wenige Tage verfügbar, weil dann in einem Paywallarchiv beerdigt. In meinen Augen ist Wolters Materialismus allzu mechanistisch gedacht. Aufmerksamkeit ist zwar nicht physisch greifbar, aber eine reale Währung der Medienökonomie. So wie es unsere Daten in der Digitalökonomie sind, die derzeit die Machtverhältnisse auf dem Planeten nicht umstürzt (im Gegenteil), aber umgräbt und betoniert.

    Null Reflexe zur »größten humanitären Krise der Welt«

    Es ist ja – leider – schon bemerkenswert, wenn überhaupt ein deutsches Medium einen Pups zum Sudan lässt. Das sind aktuell – ein seltenes Gespann – der Deutschlandfunk und die Junge Welt. Der DLF interviewte gestern mitten in der Nacht (6.50 h) meinen alten Jungdemokraten-Freund Volker Perthes, dessen Stimme mir besorgniserregend brüchig klang, was aber auch am geäusserten Inhalt liegen dürfte:

    “Sudan-Experte Perthes: Den Kriegsparteien muss man die Ressourcen entziehen – Laut Einschätzung des Politologen Volker Perthes werden beide Kriegsparteien im Sudan aus dem Ausland unterstützt, etwa von Ägypten. Erst wenn man ihnen Ressourcen wie Geld und Waffen entziehe, könne der Krieg gestoppt werden.” Audio 13 min.

    Die gleiche Botschaft mit anderen Worten verkündet sehr kursorisch auch Luca Schäfer/Junge Welt, der regelmässig für die “News-Fabrik” (G. Kolonko) telepolis schreibt: “Sudan: Golfkapital am Nil – Sudan: Kriegsverbrechen von RSF-Miliz durch Vereinigte Arabische Emirate ermöglicht”. Auch dieser Text wird in einigen Tagen digital verschwinden.

    Warum so wenig Lärm in der deutschen Aufmerksamkeitsökonomie über diese verbrecherischen Massenmorde? These: weil die hiesigen Herrschenden darüber noch glücklicher sind, als über die Menschenrechtsverbrechen des Despoten Erdogan (mit dem, das nur zur Erinnerung, schon die kürzlich hier in Bonn gefeierte Angela Merkel eifrig gedealt hatte). Denn wirkungsvoller können Flucht und Migration aus Südsudan, Somalia, Eritrea, Äthiopien, Ostkongo u.v.a. wohl kaum unterbunden werden. Warum also laut lamentieren? Die Waffenlieferanten und Diktatoren beider Seiten (Vereinigte Arabische Emirate einerseits, Ägypten andererseits) sind öffentlich proklamierte “beste Freunde” der hiesigen Herrschenden.

    Lasst sie mal machen. Es trifft doch nur Schwarze und Moslems …

    Update 3.11.

    NRW-Liminski – zu schmerzfrei, zu blöd oder zu rechts?

    Nathanael Liminski, NRW-Stastskanzleichef, kenne ich nicht persönlich. Als ich 1990 anfing im NRW-Landtag zu arbeiten, hiess der Amtsinhaber Wolfgang Clement. Roland Appel weiss mehr über den, und die Extradienstautoren Wolfgang Lieb und Christoph Habermann noch mehr als Roland. An Clement als Widerpart – ob in der Opposition, in der Koalition, oder sogar als Parteigenosse – konnte (und musste) mann wachsen. Anders war der nicht auszuhalten.

    Wie mag es bei Liminski sein? Mir wird berichtet, dass er grüne Landtagsabgeordnete – auch rudelweise – am Nasenring durch die politische Arena zu ziehen vermag. Ob das mehr über die oder ihn sagt? Sagen Sies mir. Der Verdacht liegt nahe, dass er – schon allein um in dieses Staatsamt zu gelangen – nicht allzu blöd sein kann.

    Also schmerzfrei und rechts? Als bekennender Christ mit all den SM-Faktoren dieser Religion sollte ihm Schmerz nicht fremd sein. Was also sagt das über ihn? Macht er also sähr gärne mit, als Lokomotive der »größten humanitären Krise der Welt«? Oder hat ihm nur eine*r eine Falle gestellt? Eine beliebte Düsseldorfer Gewohnheit.

    Ich fürchte das Schlimmste.

    Das heute erfolgte WDR5-Interview mit Volker Perthes hat er wahrscheinlich nicht mehr gehört: “Sudan: ‘Bürgerkrieg voll entflammt’ – Die RSF-Miliz hat die Stadt Al-Faschir im Sudan eingenommen und verübt Massaker an Zivilisten. ‘Es geht um Mord, Vergewaltigungen und Plünderungen’, sagt Politologe und Diplomat Volker Perthes – und erklärt die Hintergründe des Machtkampfs im Land.” Audio 6 min., 1 Jahr verfügbar.

  16. Alternativen

    Es gibt sie. Und ihr Anfang ist immer, dass sie gedacht werden. Das bin ich bereit Meinhard Creydt/telepolis zuzugestehen, dessen logischer Gedankenführung ich gerne folge: “Wenn Kühe in den öffentlichen Dienst wechseln: Eine radikale Idee für die Zukunft der Landwirtschaft – Wir bezahlen das Essen mehrfach. An der Kasse, über Steuern – und mit zerstörten Böden. Wie lange kann das so weitergehen?” Aber seit wann regiert in der Politik Logik?

    Weiter weg von der gesellschaftlichen Wirklichkeit geht es wohl kaum. In Creydts Text selbst findet sich diese Einsicht. Zum Glück gibt es auch Alternativen im herrschenden System, wie ich sie in diesem schon ein paar Jahre alten aber mutmachenden, kämpferisch-optimistischen Film von Myriam Bou-saha aus Frankreich fand:

    “GEO Reportage: Frankreichs Winzer: Tradition trifft Passion – Frankreich, das Land des Weins: Sanfte Hügel voller Reben prägen die Landschaft in vielen Regionen, genauso vielfältig ist das Produkt. Aber mancherorts haben die Anbaumethoden die Weinberge erschöpft. Winzer wollen daher ihre Produktion umkrempeln, um dem Niedergang der Weinkultur zu begegnen – mit ungewöhnlichen Ideen, aber auch im Einklang mit der Natur.” Verfügbar bis 26.10. (53 min).

    Während in diesem Fall die politische Fantasie aus Frankreich kommt, ist sie im nächsten Fall im industriellen Milieu Italiens angesiedelt, mit Wirkungen bis nach Osnabrück:

    Giorgio De Girolamo/Jacobin: “Vier Jahre Kampf für demokratische Konversion in der Toskana – Die GKN-Besetzung bei Florenz hat mit ihrer Vision einer demokratischen und ökologischen Konversion einer stillgelegten Autofabrik weit über Italien hinaus Arbeiter und Linke inspiriert. Jetzt haben die Beschäftigten einen wichtigen Etappensieg errungen.”

    Und nun zu den Mühen der Ebene, Jutta Roitsch schreibt schon seit über 50 Jahren über das (WestBRD-)deutsche Bildungssystem. Gab es in dieser Zeit Fortschritt? Suchen Sie mal:

    Jutta Roitsch/bruchstuecke: “Jugendliche auf der Suche nach Sinn und Zugehörigkeit – Alarmierende Entwicklungen: Knapp drei Millionen junge Erwachsene im Alter von 20 bis 34 Jahren verfügen über keinen beruflichen Abschluss. Jeder vierte bis fünfte Schüler (seltener Schülerin), der jetzt die Schule verlassen hat, verzichtet auf eine Lehre und will – oder soll? – nur Geld verdienen. Und hinzu kommt: 56 000 Jugendliche (oder knapp über sieben Prozent eines Jahrgangs) haben die allgemeinbildenden Schulen ohne den niedrigsten Abschluss, den der Hauptschule, verlassen.”

    Ich kommentiere ihren alarmierenden Befund mal persönlich, und lasse mich gerne mangelnder Sachkenntnis überführen: die befragten Jugendlichen sind ganz offenbar realistischer als die rumlabernden deutschen Bildungspolitiker*innen. Nicht sie sind die Dummen, sondern ihre Erziehungsberechtigten, die sie diesem die Klassengesellschaft reproduzierenden Schul- und Bildungssystem aussetzen. Das sehen wir ja auch in der Klimapolitik der letzten 50 Jahre. Was hat sich geändert? In Deutschland gibt es weit weniger Kinder und Jugendliche, d.h. die Fortschrittshoffnung potenzieller Eltern geht gegen Null – und etwas mehr Migrationshintergrund (Letzteres zum Glück; die haben – bzw. hatten? – noch Hoffnung auf eine Zukunft). Meine Empfehlung: mehr auf die Kinder hören. Dann bekommen Sie gespiegelt, was die Erwachsenen angerichtet haben.

    Netzpolitische Alternativen für dieses malade System finden Sie im heise-Interview von Kristina Beer mit Caja Thimm und Markus Beckedahl: “Missing Link: Tech-Monopole gegen digitale Souveränität an Schulen – Digitale Souveränität fängt in der Schule an. Offene Plattformen sollen Microsoft und Apple ersetzen. Und was ist mit Informatik-Unterricht?”

  17. Der alte Mann gegen Rechts

    Der Weichensteller Christoph Zöpel (SPD) meldet sich kraftvoll zu Wort

    Meine Erinnerung an diesen Mann ist sehr ausgeprägt, und mit viel Erfahrung politischer Wirksamkeit verbunden. Als NRW-Landesminister hat er sich, weit mehr als irgendein “Kanalarbeiter”, um meinen Migrationshintergrund, den Ruhrpott, verdient gemacht, zusammen mit dem von ihm rekrutierten Chef der “IBA-Emscherpark” Karl Ganser, einem ihrer intensivsten kritischen journalistischen Begleiter Andreas Rossmann (FAZ) – und auch mein Ex-Chef Thomas Rommelspacher gehört als grüner Kritiker, der dabei konsequent und radikal konstruktiv blieb, in diese Aufzählung – im besten Sinne – starker Männer.

    Als Johannes Rau zu Beginn der 90er die neu – und mit 400 Stimmen über den Durst arschknapp – in den NRW-Landtag eingezogenen NRW-Grünen “gar nicht erst ignorieren” wollte, organisierten einige linke Grüne und Sozialdemokrat*inn*en ein nichtöffentliches Treffen irgendwo im Wald zwischen Marl und Recklinghausen – dort, wo kein*e Landeskorrespondent*in aus D’dorf aus eigenem Antrieb jemals hinreisen würde. Ich organisierte das im Auftrag meines Chefs Roland Appel und der Grünen-Landessprecherin Kerstin Müller. Auf SPD-Seite waren das u.a. heute so verschiedene Typen wie die damaligen Jusos Kajo Wasserhövel und Ralf Krämer, als damaliger Juso-NRW-Vorsitzender Vorgänger der später bekannter werdenden Svenja Schulze. Diese Genossen agierten mit Wissen und im Auftrag Zöpels als stellv. Vorsitzender der NRW-SPD. Ergebnis war erfolgreiches kennen und schätzen lernen, erste Schritte zu gemeinsamer Sprechfähigkeit und nach dem dazu passenden Wahlergebnis 1995 die erste rot-grüne Koalition in NRW.

    War das nun von Zöpel damals besonders “mutig”? Ich glaube, nein. Die richtigen Begriffe sind “weitblickend” und “vorausschauend”. Selbst seine härtesten (innerparteilichen) Kritiker*innen bestritten niemals seine Intelligenz. Sie fanden ihn oft “arrogant”, weil sie spürten, dass sie dümmer waren. Ich fürchte, daran hat sich bis heute nichts geändert.

    Nun meldet sich der alte Mann und ich empfehle nicht nur seinen Genoss*inn*en, sondern auch meinen Partei”freund*inn*en”: lesen bildet!

    “Erfahrungen mit sozialdemokratischer Sicherheits- und Friedenspolitik. – Die Auseinandersetzungen in der SPD über die friedenspolitischen Positionen des ‘Manifests’ machen mich betroffen und das auch mehr als viele andere, mit denen ich darüber spreche. Die meisten von ihnen gehören zu den zwischen 1940 und 1955 Geborenen mit ihren jahrzehntelangen Erfahrungen. Es ist die Generation, darunter sind tausende Sozialdemokraten, die sich engagiert und antiautoritär von ihrer Vorgängergeneration radikal distanziert hat, der Generation der SS-Offiziere und ihrer Mitläufer. Dazu gehört bis heute das Bewusstsein, dass jeder Staat seine Menschen zu gewalttätigen Aggressionen verleiten kann, und dass Menschen auch wieder frei und friedfertig werden können. Das galt für Deutschland, das gilt auch für Russland.”

    Von diesem Mann habe ich nie erlebt, dass er talkshowkompatiblen Lärm um sich selbst macht, wenngleich ihm die Politikerkrankheit Eitelkeit nicht fremd ist. Sie gehört(e) zur Amtsausstattung jedes erfolgreichen Profis. In diesem Fall wünsche ich ihm den politischen Erfolg besonders, denn lesen Sie mal hier

    René Martens/MDR-Altpapier: “Kann Empörung über Milliardäre produktiv sein? – Am Mittwochabend zeigt die ARD einen der derzeit wichtigsten Dokumentarfilme. Manche Äußerungen zu Fotos hungernder Kinder in Gaza erinnern an finstere Corona-Debatten.”

    oder hier

    Bernard Schmid/telepolis: “Frankreich: Macrons Kampf gegen den islamistischen Entrismus – Gesetzesverschärfung gegen islamistischen Extremismus soll das Einfrieren von Geldern auch ohne Straftat ermöglichen. Analyse und Hintergründe.” Der tiefere Sinn der Aufteilung dieser wichtigen Analyse in zwei Teile bleibt ein Betriebsgeheimnis der clickbaitingbedürftigen Redaktion.

    Ganz zu schweigen von Charlotte Wiedemann/taz, der in meinen Augen gegenwärtig besten Essayistin unserer Zeit und Sprache. Ihre jüngste taz-Kolumne ist schon einen Monat alt. Ich hatte sie wg. Herzinfarkt-Reha verpasst. Leider ist seitdem keine Silbe veraltet, und erscheint hier gleich diesem Text folgend auf der Startseite. Ergänzend dazu nehmen Sie die Buchrezension von

    Jutta Roitsch/bruchstuecke: “Welch ein Mut in Zeiten brutaler Gewalt – ‘Freiheit wäre, nicht zwischen Schwarz und Weiß zu wählen, sondern aus solcher vorgeschriebenen Wahl herauszutreten.’ Mit diesem Satz des deutsch-jüdischen Philosophen Theodor W. Adorno, geschrieben im kalifornischen Exil, publiziert in den Minima Moralia, wendet sich der 1954 in Zürich geborene israelische Wissenschaftler José Brunner an seine Leserinnen und Leser. ‘Brutale Nachbarn. Wie Emotionen den Nahostkonflikt antreiben – und entschärfen können’ ist der Titel seines Buches, das jetzt in Deutsch und bisher nur in Deutsch erschienen ist.”

  18. Den Bosbach seine Tochter

    mit Update nachmittags

    Als Helmut Lorscheid mal über CDU-interne Intrigen aus Köln und seiner Umgebung schrieb, explodierten unsere Zugriffszahlen. Woran das wohl liegt? Also jetzt Bosbach. Nicht der langjährige deutsche Talkshow-Meister Wolfgang Bosbach, die Jüngeren werden ihn nicht mehr kennen, der sich als Rechtsausleger so wenig von seinen Partei”freund*inn*en” sagen liess, wie die linke Grüne – wie heisst sie noch gleich? – Jette Nietzard. Also der alte Bosbach kämpft, wie ich, mit seiner angegriffenen Gesundheit. Dafür wünsche ich viel Erfolg. Aber der hat ‘ne Tochter, die zur Zeit zu seiner Genesung nur wenig beitragen kann.

    So haben wir von der nun auch mal erfahren. Aufmerksamkeit als Währung. Nunja, wers mag …

    Wir sollten nicht ungerecht mit der Frau sein. Als Hans Dietrich Genscher in seinem damaligen Wahlkreisbüro in Wuppertal mal Geld und Personal verschoben hatte, schadete ihm das nicht. Sondern dem Journalisten, der die Sachverhalte recherchiert hatte (ich kannte ihn persönlich). Alle tun es. Nicht alle lassen sich dabei erwischen.

    Es ist am Ende die Frage, mit wem ich zusammenarbeite, und mit wem lieber nicht. Wem kann ich vertrauen? Wer sind die “falschen Fuffziger”? Als gesellschaftlichen Trend müssen wir feststellen: Erstere sterben aus, Letztere vermehren sich. Das hat was mit dem Kapitalismus zu tun, wie sein Sein das Bewusstsein der Individuen prägt. Mann nennt es Sozialisation. Als besonders schwach entpuppen sich die, denen wir bei demokratischen Wahlen auftragen, uns zu repräsentieren.

    Mehr als die Schulkinder in den berüchtigten Pisa-Untersuchungen versagen sie bei immer mehr Grundrechenarten des demokratischen politischen Handwerks.

    Haben Sie gestern diesen Strobl in der Tagesschau gesehen (ab Minute 8:17)? Was mögen ihm Peter Thiel und Alex Karp dafür gezahlt haben? Ich sags Ihnen: NICHTS! So billig sind die zu kaufen. Der Kern des Problems ist die Dummheit.

    Update nachmittags

    Wem gehört das Land?

    Im Kern geht es um diese Frage. Die Eigentumsfrage. Aufgeworfen wird sie von “oben”, von denen, sie sowieso schon das Meiste besitzen. Es genügt ihnen nicht. Es macht süchtig. Und proportional skrupellos.

    Zur in der Tagesschau und in der Spiegel-Paywall thematisierten Unterwerfung deutscher Sicherheit unter das Palantir-Regime haben die Blätter diese Zusammenfassung paywallfrei gestellt:

    Sonja Peteranderl: “Das Überwachungsimperium – Wie sich die deutsche Polizei von Peter Thiels Palantir-Software abhängig macht”. Fassen wir zusammen: Grün-Schwarz in BaWü begeht eine gemeinschaftliche Amtseidsverletzung. Und nicht nur die.

    Wäre nun eine deutsche eine bessere Lösung, als die fiesen Deutsch-US-Amerikaner zu mästen? Ganz sicher nein, wenn es aus den deutschen Krankenkassen auf die Konten rechtsradikaler deutscher Finanziers fliesst. Jean Peters/Correctiv: “Medien und Medizinsoftware: Der Profiteur von Spahns Politik – Das Rechtsaußen-Medium Nius vertritt oft rechtskonservative Positionen, genau wie die Politik von Spahn. Finanziert wird das Portal vom CDU-nahen IT-Millionär Frank Gotthardt – der im Kontakt zu Spahn stand und dessen Firmennetzwerk stark von den gesundheitspolitischen Weichenstellungen profitierte.” Ich sag’ Ihnen was: wenn diese Nase aus Ahaus zum Bundeskanzler gewählt werden sollte, stelle ich meine Blogarbeit im Dienste der Gemeinschaft ein, und gebe mich den Rest meiner Zeit dem Drogengebrauch hin.

    Wer die faktische Macht in der BRD sich zu erobern anschickt, enthüllt ein Interview der netzpolitik-Kollegen Daniel Leisegang und Martin Schwarzbeck mit Franz Enders von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung:

    “Start-ups in der Rüstungsbranche: ‘Man kann hier von einem neuen militärisch-industriellen Komplex sprechen’ – Start-ups mischen den Rüstungsmarkt auf – mit Drohnen, KI-Technologie und Überwachungssystemen. Wie verschieben sich dadurch die Gewichte in der Branche und wie beeinflussen die Start-ups Aufrüstung und Kriegsgeschehen?”

    Im nächsten Schritt werde ich dieses erhellende Interview im Rahmen der netzpolitik-CC-Lizenz übernehmen. Es hat jede Aufmerksamkeit verdient.

    Es gibt einen Parallelvorgang In Frankreich. Die militaristichen Parallelen sind evident, und auch in deutscher Publizistik gut belegt. Aber es gibt auch Parallelen in der Agroindustrie, unter der ich im Krankenhaus und in wochenlanger Reha persönlich sinnlich gelitten habe: das schlechte Essen und die daraus folgenden Krankheiten, die vielen von uns den Rest geben. Aber in Frankreich gibt es immerhin Massenwiderstand, über den Jutta Roitsch/bruchstuecke berichtet:

    “Aufschrei in der französischen Küche: Wir wollen ernähren, nicht vergiften”.

    Bravissimo!

    Und jetzt fragen Sie mal den sog. “Bauernverband” und seine Freund*inn*e*n in der AfD, wie die das finden.

    Und ein letzter Seitenhieb

    Ben Kutz fragt in der von mir in der Regel hochgeschätzten MDR-Altpapier-Kolumne: “… der Deutschland-Ableger des US-Magazins ‘Jacobin’ (ist der Ihnen schon mal untergekommen?)…”

    Antwort (zu meiner eigenen Überraschung): 13 Trefferseiten seit 2017. Lesen hilft.

  19. Opiumhändler

    mit Update 28.5.

    Der hier zu lobende, zu preisende und in erster Linie (mal wieder) hervorzuhebende Autor Georg Seeßlen/Jungle World zitiert das Objekt seiner Analyse mit diesen pathostriefenden Ausführungen: »Das 21. Jahrhundert wird ein Zeitalter der Religion. Gott kehrt zurück, und zwar mit Macht im doppelten Sinne des Wortes. Nicht nur als philosophische Kategorie, revitalisierte Tradi­tion, theologische Erzeugung oder spirituelle Kraft. Er kommt mitten hinein in den politischen Raum. Dieses Traktat vertritt die These, dass sich der Säkularisierungsprozess umkehren wird. Wir gehen vom postmodernen ins neoreligiöse Zeitalter.« Lachen und weglegen? Wenn es so einfach wäre – oder Sie meinen, dass es das ist – können Sie hier mit dem Weiterlesen aufhören.

    Ich rate zum Weiterlesen. Georg Seeßlen/Jungle World: “Der neue Kulturstaatsminister soll vollenden, was Helmut Kohl nur vorschwebte: Bitte wenden: Wolfram Weimer und der Kulturkreis vom Tegernsee – Weg mit den Joints, jetzt wird die Ludwig-Erhard-Zigarre wieder angesteckt! Mit Wolfram Weimer als neuem Staatsminister für Kultur und Medien soll die Ära einer vermeintlich linkslastigen Förderungspolitik enden. Aber es geht um mehr: Die von Helmut Kohl eingeforderte »geistig-moralische Wende« kommt zu neuen Ehren. Und auch Gott kehrt in den politischen Raum zurück, verspricht Weimer.”

    Wie der Autor schon richtig beschreibt, funktioniert diese dubiose Figur in erster Linie als öffentlicher Lautsprecher. Praktische Kulturarbeit wird von Ländern und Kommunen bezahlt. Zum Ausruhen ist das, das wissen alle, die damit zu tun haben, schon lange nicht. War es noch nie. Es ist immer, jedes Haushaltsjahr wieder, Gegenstand von Verteilungskämpfen. Und weil es sich um angeblich “freiwillige Leistungen” handelt, umso mehr.

    Böswillige (und unfähige) Kommunalpolitiker*innen versuchen gerne, z.B. “Sport” und “Kultur” gegeneinander zu hetzen. Stadtgesellschaften, die nicht dumm genug dafür sind, sich spalten zu lassen, schliessen sich dann erst recht zusammen. Aber das ist einfach geschrieben, und schwere harte Arbeit für die abnehmende Zahl ehrenamtlich engagierter Bürger*innen.

    Insofern braucht es für dieses Zerstörungswerk keinen Weimer. Der ist komplett überflüssig. Aber das zur Kenntnis zu nehmen, verkraftet der nicht.

    Für wen der Kerl von Bedeutung ist

    Die Incels, die ihren Schwanz mit ihrem Auto verlängern, die haben in ihm einen verlässlichen Partner. Sein Apologet bei Springer, dessen Name mir einfach nicht mehr einfällt, der aber bei Westend eine Buchverlegerheimat gefunden hat, der weiss, was ich meine.

    Und wenn Sie meinen, dass diese Typen Sie nicht interessieren, dann lesen Sie vorher lieber nochmal, was Harald Gesterkamp/bruchstuecke dazu dem Ökonomen (!) Boris von Heesen entlockt hat: “Aggressiv, rasend, betrunken – Mann am Steuer – Überdimensionierte Fahrzeuge, aggressives Verhalten, männliche Netzwerke in Konzernen, Parlamenten und Verbänden: Der Ökonom Boris von Heesen hat untersucht, wie patriarchale Strukturen eine nachhaltige Verkehrspolitik blockieren.”

    Jederzeit begegnen Sie denen im öffentlichen Verkehr. Machen Sie sich also sachkundig.

    Wohlbefinden für den Verstand

    Heute 22.15 h im ZDF und dann auch hier: “Die Anstalt”.

    Update 28.5.

    Die Anstalt behandelte als Thema die deutsche Abfallwirtschaft. In Deutschland funktioniert die so: wir trennen den Müll sorgfältiger, als Gemeinwohl und Profitinteresse. Schon die legendären “Sopranos” (1999-2006) wussten, wie lukrativ Abfallwirtschaft ist, und wurden vom ZDF systematisch totgesendet (wie später auch “Better Call Saul”). Die Sopranos waren von Erfinder David Chase angesiedelt in Newark/New Jersey. So schliessen sich die Kreise.

    Dass deutsche TV-Anstalten solche Zusammenhänge nicht oben in ihr Agendasetting nehmen, darauf immerhin ist Verlass.

  20. Leidende Mehrheit

    Da bin ich wohl dabei

    Dirk Ziems/bruchstuecke schreibt über Tiefeninterviews, an denen er mitgewirkt hat: “Privater Rückzug, mediale Fluchten, vage Hoffnung”. Ich war nicht dabei, erkenne mich aber wieder. Sie vielleicht auch? Zu erkennen ist, was angeblich – ich lese das Zeug nicht – der Spiegel lautstark beklagt, und diverse Bundesminister sowieso: Kriegsmüdigkeit. Davon sollen ja sogar die Ukrainer*innen zunehmend befallen sein.

    Ist das nicht undankbar? “Wir” schütten die regelrecht mit modernen und teuren Waffen und Rüstungsgütern zu. Und “die” wollen nicht mehr für “unsere Freiheit” sterben? Wie konnte es nur so weit kommen?

    Suffering majority in failed state

    Eine andere – ähnlich leidende – Mehrheit sieht Leon Gerleit/telepolis in unser aller Führungsmacht, woran sich die Despot*inn*en und Atomwaffenanwärter dieser Welt gewiss zu delektieren wissen, weil es so gut beobachtet ist. Es hat weder mit Israel/Palästina und noch weniger mit der Ukraine zu tun: “Zerfall der USA: State of Disunity – Historische Spaltung wird von der Regierung in Washington genutzt. Die zentrale Macht schwindet. Warum von einem neuen Bürgerkrieg gemunkelt wird.”

    Ein zentraler Satz von o.g. Ziems ist: “Während in der Merkel-Ära der Anschein gewahrt blieb, dass einzelne Krisen in einer Sukzession nach einiger Zeit wenn nicht gelöst, so doch zumindest beruhigt und befriedet wurden, macht sich aktuell der Eindruck breit, dass sich die Krisen aufstapeln, wechselseitig verstärken und in Eskalationskaskaden miteinander vernetzen.”

    Diese Analyse ist an die Bundesregierung und die sie stellenden Parteien zu richten. Dieser Satz erklärt ihnen ihr Scheitern in der Vertrauensfrage, die sie unweigerlich ihren Wähler*inne*n wieder werden stellen müssen. Wer wird noch antworten?

    Die unter Ziems’ Text genannte Studie der Otto Brenner Stiftung hatten wir hier.

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
    Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @[email protected]

  21. Gelegenheiten erkennen

    Jüngst scholt ich einen Jacobin-Autor für die missratene Dramaturgie seines Beitrages. Nun habe ich Klaus Dörre/bruchstuecke gefunden, der da beginnt, wo Brentler (Jacobin) aufgehört hat. Sein “Wir kämpfen den Kampf unseres Lebens – und sind dabei zu verlieren” hört bei dieser Erkenntnis nicht besserwissend auf, sondern diskutiert diverse Politikoptionen […]

    https://extradienst.net/2023/07/28/gelegenheiten-erkennen/

  22. Die spinnen, die Amis

    Männer – ist Kafighaltung eine Lösung?
    Menschen mit einer Mindestausstattung an Intelligenz wissen, dass die Fortexistenz menschlichen Lebens auf diesem Planeten auf Messers Schneide steht. Vor allem das Klima. Aber nicht nur. Jeder Atomstaat kann alles in die Luft jagen. Die wenigsten davon sind demokratisch regiert. Und auch das scheint nicht die Lösung zu […]

    https://extradienst.net/2023/07/21/die-spinnen-die-amis/

  23. Hier sind die Guten

    Best of 14. Juli 2023: Frankreich, Interviews, Liu, Russland
    Haben Sie, wie ich, 2017-19 auf ZDFneo “Orange Is The New Black” gesehen? Wenn nein, können Sie hier lesen, was sie verpasst haben: Dierk Saathoff/Jungle World: “Vor zehn Jahren startete »Orange Is the New Black«: Als würde man Dickens lesen – Die Serie »Orange Is […]

    https://extradienst.net/2023/07/15/hier-sind-die-guten/

  24. Braune Pest bekämpfen

    Der Faschismus lässt sich nicht in ein Anderswo abspalten. Er ist – auch wenn es gerne gegenteilig beschworen wird – integraler Bestandteil, eine Herrschaftsoption des real existierenden Kapitalismus, und also auch Europas. Und er ist zwar 1945 besiegt worden – aber er war nie weg. Das entfacht in meinem Hirn die schlimmsten Befürchtungen für die […]

    https://extradienst.net/2023/07/07/braune-pest-bekaempfen/

  25. Best of 28. Februar 2023

    Spiegel veräppelt Schwarzer/Wagenknecht / Chomsky / Mali / Klima / Spanien / Gewerkschaften / Murdoch vor Gericht

    Alice Schwarzer beschwert sich über den Spiegel. Ob sie daraus gelernt hat, wie sie von ihm behandelt wurde? Ihr Doppelinterview mit Sahra Wagenknecht war nur online erschienen, und wenn ich mich richtig erinnere, dort auch nur hinter […]

    https://extradienst.net/2023/03/01/best-of-28-februar-2023/

  26. Kollegenschelte

    Best of 14. Februar 2023: Recherchefreie Medien, Krieg, Alarm zum 49-€-Ticket
    Kürzlich genierte sich Küppi in einem seiner Videos, und versah seine Kollegenschelte mit einem Warnhinweis. Ich dagegen darf das. Ich war nämlich nie hauptberuflich Journalist, und habe als nebenberuflicher mehrere tausend Mark verbrannt, weil ich Honorare gestundet […]

    https://extradienst.net/2023/02/15/kollegenschelte/

  27. Achsbruch

    Best of 8. Februar 2023: unfriedliche Kernfusion, pflichtvergessenes Volk, Letzter Datenschutz-Generations-GAU
    Anton Landgraf/Jungle World schreibt die lange Geschichte des deutsch-französischen Achsbruchs fort: “Deutschland und Frankreich streiten um die Finanzierung der EU-Industriepolitik – Grüner Wettkampf – Die USA wollen 375 […]

    https://extradienst.net/2023/02/09/63055/

  28. Wo mag er sein?

    Wirklichkeitssinn, europäischer – eine Suche im Best of 2. Februar 2023
    Mein Freund Andreas Rossmann hat mir heute das beste Stück serviert, von seiner FAZ-Redaktion frevelhafterweise digital eingemauert. Er legte zu dem kürzlich festgenommenen Mafioso Matteo Messina Denaro Informationen aus den italienische Medien nach, die aufklärerisch und aufschlussreich […]

    https://extradienst.net/2023/02/03/wo-mag-er-sein/

  29. Best of 8.Januar 2023: 100 Jahre Joe

    “Missing Link: Joe Weizenbaum und die vergifteten Früchte des Wahnsinns – Er gilt als Pionier der kritischen Informatik, die das Denken nicht den Computern überlassen will. Joseph Weizenbaum ist vor 100 Jahren in Berlin geboren.” von Detlef Borchers/heise – das beste Stück des Tages. Sibylle Berg kolumniert nicht mehr beim Spiegel. Sondern bei sich selbst. War der Ärger über die Paywall zu gross? Wenn er es war – zurecht. Johannes Schillo/telepolis rezensiert das jüngste Buch […]

    https://extradienst.net/2023/01/09/best-of-8-januar-2023-100-jahre-joe/

  30. “Für die Menschheit sterben”? – Nee danke.

    Wir, die wir es nie erlebt haben, machen uns keine realistische Vorstellung von Krieg. Er beinhaltet nicht nur Massenmord, Massentotschlag und rücksichtslose Zerstörung – bei den Überlebenden kommen Traumatisierung, Paranoia und all das hinzu, was sich unter “Verkrüppelung” wörtlich und metaphorisch vorstellen lässt. Wer also Krieg führen will (oder muss), kommt mit Vernunft, offenem Diskurs und Sachlichkeit nicht weit. Er*sie ist auf Hetze, Propaganda, Pathos und Eliminierung Andersdenkender angewiesen. Nur so kann ich mir diese […]

    https://extradienst.net/2022/12/28/fuer-die-menschheit-sterben-nee-danke/

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