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#lesetagebuch — Public Fediverse posts

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  1. Lesetagebuch Andrea Bajani – „Der Jahrestag“

    Es ist seltsam, wie ich eine Zeitlang versucht habe, mich von einem bestimmten Schreibprojekt fern zu halten, weil ich dachte, es braucht Abstand, ich brauche Abstand. Und wie dann dieser Abstand dazu geführt hat, dass ich gar nicht mehr schreibe.

    In Andrea Bajanis schmalem Roman „Der Jahrestag“ finde ich sehr gute Anregungen, um über Erinnerung und Erfindung nachzudenken. Darüber wie ich Erinnerungen verformen darf, mich von ihnen lösen, um gerade auf diese Weise genau zu sein.

    Er schreibt z.B. „Etwas, das Fakten, Gedanken und sogar eine vollkommen andere, alternative Erinnerung schafft, die im Schreiben erzeugt wird. Also mehr ein Produkt der Erfindung als des Erinnerns. In der meine Mutter sogar von ihr selbst unabhängig existiert.“ Und nur so kann ich wohl von meinen Müttern schreiben, indem ich ihnen eine Unabhängigkeit erfinde, die darüber hinausgeht, dass sie meine Mütter sind, die auch darüber hinaus geht, dass ich eigentlich nichts von ihnen weiß. Ein anderes Zitat von Bajani: „Sich durch Erfindung Zugang zu dem verschaffen, was die Erinnerung nicht hergibt, genau darin liegt die brutale Kraft des Romans.“ Es ist vielleicht diese Brutalität, denke ich, dieses sich Zugang verschaffen zu etwas, das die Frauen über die ich schreiben möchte, immer verdeckt haben (die eine) und bereut (die andere). Aber eigentlich, das weiß ich natürlich auch, schreibe ich ja nicht über sie, sondern über mich, über mein Verhältnis zu ihnen, darüber, wie sie sich mir gezeigt und oder sich vor mir verborgen haben. Und ich fürchte vielleicht, dass ich die Balance nicht finde, zwischen dem Schleier, der sie schützt und der Notwendigkeit etwas hinter diesem Schleier sichtbar werden zu lassen.

    Das letzte Zitat, das bei Bajani in einem ganz anderen Zusammenhang steht, er hat den Kontakt zu seiner Familie schließlich abgebrochen, weil die Beziehung zu seinen Eltern derart toxisch und gleichzeitig unveränderlich war, dass sie ihn zerstört hätte, wenn er nicht diesen Schlusspunkt gesetzt hätte, ist ein Satz, dem ihm seine Therapeutin bei der letzten Sitzung mitgibt: „[…] eine Art, Gewalt auszudrücken, sei die Zerstörung, aber die andere, wichtigere und sozusagen tugendhafte, sei die Genauigkeit.“

    Ich will diese Genauigkeit, aber ich will sie ohne Gewalt und ohne Zerstörung. Dabei ist Schreiben (zumindest in diesem Fall) ohne diese Phänomene nicht zu haben.

    #Genauigkeit #Lesetagebuch #Mutter #Schreiben
  2. 📚💙 𝐋𝐞𝐬𝐞𝐭𝐚𝐠𝐞𝐛𝐮𝐜𝐡: 𝐉𝐮𝐧𝐢 𝟐𝟎𝟐𝟔

    Ein intensiver Monat voller Dark Romance, Nervenkitzel und moralisch grauer Charaktere! Hier ist mein kompakter Rückblick.

    Mit dabei:
    #ZehnJahreImOktober von @[email protected]

    1/6

    #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  3. 📅 Lesetagebuch | Mai 2026 Fokus des Monats: Zwischen Renovierungschaos (Tapeten, neuer Fußboden, Fußleisten) & Abend (eher Nacht) mit Hörbüchern. 📚💙 Beendete Bücher & Hörbücher - Mosslande – @[email protected] (Rezensionsexemplar) 1/5 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  4. 𝐌𝐞𝐢𝐧 𝐋𝐞𝐬𝐞- & 𝐇ö𝐫𝐭𝐚𝐠𝐞𝐛𝐮𝐜𝐡: 𝐀𝐩𝐫𝐢𝐥 𝟐𝟎𝟐𝟔 📚💙 Der April ist vorbei und es war ein richtig produktiver Monat für meine Ohren und meine Bücherregale! Insgesamt haben mich 8 Geschichten begleitet. 1/3 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  5. 𝐌𝐞𝐢𝐧 𝐋𝐞𝐬𝐞- & 𝐇ö𝐫𝐭𝐚𝐠𝐞𝐛𝐮𝐜𝐡: 𝐀𝐩𝐫𝐢𝐥 𝟐𝟎𝟐𝟔 📚💙 Der April ist vorbei und es war ein richtig produktiver Monat für meine Ohren und meine Bücherregale! Insgesamt haben mich 8 Geschichten begleitet. 1/3 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  6. Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit (3)

    Judith Hermanns Buch wühlt mich auf. Es gibt so viel zwischen den Zeilen zu lesen, gleichzeitig so viele offensichtliche Metaphern. In einem Interview wurde sie nach dem Verfahren befragt, mit dem sie dieses Buch geschrieben habe. Da ist z.B. die Tatsache, wie sie die Einsamkeit ihrer Suche in Radom gegen die familiäre Gemeinsamkeit mit der Schwester und deren Familie in Napoli schneidet. Eine Schwester, die den Großvater, den Elefanten im Raum, sorgsam umgeht und jegliches Gespräch über ihn verweigert. Überhaupt scheint sie im weiteren Verlauf zunehmend deutlich die Rolle der Zensur an sich zu verkörpern. Bei anderen Autor:innen könnte es schon ein bisschen zu viel sein, zu offensichtlich, zu bedeutsam, dass die Schwester in Napoli mit Mann und Kindern im Haus einer Toten lebt, deren Möbel und Geschirr benutzt, ohne dass irgendjemand in der Familie darüber redet, geschweige denn darüber nachdenkt und es merkwürdig findet. Es ist nützlich und praktisch, also ist es gut so.

    Oder diese Szene mit der Schwester, die sie plötzlich aus einem scheinbar nichtigen Grund völlig außer sich, anschreit: „Es ist nicht immerzu alles traurig.“ Es liegt so viel in dieser Szene, dass es mir irgendwie falsch erscheint, das hier aufzulisten. Ich glaube sie spricht entweder für sich, oder man versteht sie eben nicht, überliest sie einfach.

    Ich finde zwar nicht das Buch über die Unfähigkeit zu trauern, aber mir fällt ein Buch in die Hand, das mich als junge Frau sehr beschäftigt hat. „Schuldig geboren“ von Peter Sichrovsky. Ein Kind der Opfer hat darin Interviews mit Kindern der Täter geführt. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich damals auf dieses Buch gekommen bin. Es ist 1987 erschienen, da war ich 21 Jahre alt. Vielleicht habe ich es einfach in einer Buchhandlung gesehen und gekauft. Denn eigentlich gab es niemanden, mit dem ich über diese Themen reden konnte. Im letzten Kapitel von Ich möchte zurückgehen in der Zeit erzählt Hermann davon, wie die Eltern ihres Mannes eine Zeitlang vom Erdboden verschluckt scheinen. Sie berichtet, wie sie mit ihm am nächtlichen Küchentisch sitzt und wie sie sich Szenarien ausmalen. „Wir vermieden das Wort schwer und das Wort tot. Wir sprachen das einfach nicht aus, das war, was wir tun konnten.“ So dachten vermutlich alle Erwachsenen in meiner Familie: wir sprechen einfach nicht darüber. Das immerhin können wir tun.

    Judith Hermann, so lese ich, wird von manchen Kritikern vorgeworfen, es gehe in ihrem Buch weniger um die Schuld des Großvaters, als um Hermanns eigene Befindlichkeiten. Sie wünschten sich mehr Recherche und warfen ihr sogar Verharmlosung vor. Das ist vermutlich die Art und Weise wie man auf jemanden reagiert, oder wie man auf ein Werk reagiert, das auf höchst persönliche Weise versucht mit einem Tabu zu brechen. Denn wie sonst sollte das redlicherweise gelingen? Eine ganze Gesellschaft richtet sich dermaßen im Verschweigen und Verdrängen ein, dass es keine Sprache für Schuld und Verantwortung gibt, und dann wird eine Autorin, die sich genau damit auseinandersetzt, zwar nicht dafür verantwortlich gemacht, aber man lastet ihr an, dass sie keine Lösung hat, sondern nur die Bereitschaft das Problem zu benennen und die Ratlosigkeit auszuhalten.

    #JudithHermann #Kritik #Lesetagebuch #Opfer #Sprachlosigkeit #Täter
  7. Judith Hermann – Ich möchte zurückgehen in der Zeit (2)

    Es ist ein Tabu, das Judith Hermann benennt, an dem sie sich abarbeitet, an dem sie schildert, wie die bundesrepublikanische Gesellschaft damit umgegangen ist. Schweigen, Verdrängen, sich selbst zum Opfer machen. Dieses Tabu, das einmal die 68er brechen wollten, aber sie haben es nicht wirklich geschafft und dann hat dieser Versuch offenbar gereicht und die deutsche Gesellschaft hatte ihre Schuldigkeit getan. Wir vergessen ja allzu leicht und scheinbar immer leichter, dass es keine Neutralität gibt in deutschen Familien, da sind entweder Opfer oder Täter. Ich erinnere mich, wie ich als Schülerin, es muss in den ersten Jahre der Realschule gewesen sein, in eine Ausstellung im Gemeindehaus ging, wo ich zum ersten Mal Fotos der entsetzlich ausgehungerten KZ Häftlinge sah. Ich erinnere mich auch, wie viele Gedanken ich mir Jahrzehnte später gemacht habe, wie ich meinen Kindern dieses Kapitel unserer Geschichte möglichst schonend nahe bringen kann, aber dann waren sie verstörend abgebrüht und meinten: Was geht uns das an? So geht es weiter mit der Verdrängung. Und auch darum ist es so immens wichtig, dass eine mit dem Talent von Judith Hermann dieses Buch schreibt, dass sie davon schreibt, wie sie keine Sprache findet, weil wir ja nie eine Sprache entwickelt haben für Verantwortung und Schuld. Hermann, die nach Polen gereist ist, auf den Spuren einer Fotografie ihres Großvaters, um vielleicht hier vor Ort zu verstehen, wer dieser Mensch war, der in Radom half ein Ghetto für die Vernichtung der Juden zu errichten, der aber auch der Vater ihrer Mutter gewesen ist und lange Zeit ein dunkler Fleck in der Familiengeschichte. Sie fährt also nach Radom und findet den Platz an dem das Foto gemacht wurde, und macht ihrerseits ein Foto von diesem Platz. „Bedrückend“, schreibt die Mutter, die mühsam dazu gebracht werden musste, sich überhaupt an diesen Vater zu erinnern, mit dem sie immerhin bis in die Pubertät aufgewachsen war. Hermann schreibt: „Es war für uns beide nicht entlastend, dass mein Großvater an diesem Mittag in Radom weder von meiner Mutter, geschweige denn von mir etwas gewusst hatte. Nicht der Vater meiner Mutter, nicht mein Großvater gewesen war. Er war es dann später erst geworden.“ Das ist ein schwer auszuhaltender Satz. Und vielleicht fühlt er sich deswegen so schwer an, weil es klar ist, dass wir alle, wenn wir in der Vergangenheit suchen würden, einen Täter finden würden. Weil wir auch das in den Genen haben: die Schuld. Das Schweigen das immer noch wie eine Decke aus Beton darüber liegt.

    #IchMöchteZurückgehenInDerZeit #JudithHermann #Lesetagebuch #Tabu
  8. Was für ein Monat! Ich bin im Februar förmlich durch meine Playlists und den Stapel ungelesener Bücher geflogen. Insgesamt haben mich 16 Geschichten begleitet – mein Herz schlägt definitiv noch im Takt dieser düsteren Welten. 📚💙 1/4 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  9. Was für ein Monat! Ich bin im Februar förmlich durch meine Playlists und den Stapel ungelesener Bücher geflogen. Insgesamt haben mich 16 Geschichten begleitet – mein Herz schlägt definitiv noch im Takt dieser düsteren Welten. 📚💙 1/4 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  10. Ich bin mit Vollgas ins neue Jahr gestartet! Während ich mir für 3 Bücher die Zeit genommen habe, jedes Wort aufzusaugen, haben mich 11 Hörbücher durch den Monat begleitet. Mein Fazit? Die Ohren waren definitiv im Dauereinsatz! 📚💙 1/4 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  11. Ich bin mit Vollgas ins neue Jahr gestartet! Während ich mir für 3 Bücher die Zeit genommen habe, jedes Wort aufzusaugen, haben mich 11 Hörbücher durch den Monat begleitet. Mein Fazit? Die Ohren waren definitiv im Dauereinsatz! 📚💙 1/4 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch #hörbuch

  12. Diese Wochenende gelesen:
    "The Measure" von Nikki Erlick.

    RICHTIG Interessantes Setting welches Spass macht zu erkunden. Dafür aber teilweise etwas flache Charakterentwicklung.

    flore.nz/blog/the-measure-nikk

    #lesetagebuch #themeasure #buch

  13. Was für ein Jahresabschluss von 2025! Mein Dezember stand fast komplett im Zeichen von Pucks, Eis und ganz großen Gefühlen! Der Dezember war mein absoluter Wohlfühl-Monat, auch wenn Connor Major mich zwischendurch tief erschüttert hat 📚💙 1/3 #buchsky #booksky #books #lesetagebuch

  14. Ich habe ein Buch gelesen, dass eigentlich ein Wiki ist und es war ... ████ und auch etwas ██████

    flore.nz/blog/scp-foundation-h

    #buch #lesetagebuch #scp #████

  15. Lesetagebuch „Notizen für John“ (11)

    Je länger ich in diesen Aufzeichnungen lese, von den Gesprächen über Erziehung, darüber, wo die Verantwortung der Eltern endet, wie ihr Erbe dennoch weiter wirkt, umso mehr verstehe ich, dass Eltern es eigentlich nie richtig machen können. Dass das aber unter keinen Umständen ein Grund sein darf, es nicht immer wieder zu versuchen. Wir machen Fehler und indem wir versuchen Fehler zu vermeiden, machen wir abermals Fehler, aber zwischen all diesen Fehlern haben wir vielleicht die berechtigte Hoffnung, dass unsere Kinder das verstehen, was am wichtigsten ist: dass wir sie bedingungslos lieben.

    #JoanDidion #Kinder #Lesetagebuch #Liebe

  16. Lesetagebuch „Notizen für John“ (9)

    Bemerkenswert an diesen Aufzeichnungen ist, dass Didion, obwohl sie sich öffnet, die ihr wesenhafte, Distanz wahrt. Sie zeichnet Gespräche nach, in denen sie über Dinge gesprochen hat, über die sie vermutlich niemals zuvor gesprochen hat, sie erkennt Muster, die sie erschüttern und dennoch bleiben die Aufzeichnungen kühl. Ich hoffe es klingt nicht größenwahnsinnig, wenn ich Parallelen entdecke, so ähnlich muss es meiner Therapeutin auch erscheinen. Auch sie wird vielleicht manchmal denken: wie seltsam kühl diese Frau bleibt, wenn sie von familiären und persönlichen Katastrophen erzählt.

    Noch ein Punkt, an dem Didion meine eigene Misere auf den Punkt bringt: „Ich sagte, dass meine eigenen Bemühungen, Quintana mit den Hausaufgaben zu helfen – die umfangreich waren -, im Rückblick zu sehr darin bestanden hatten, sie zu übernehmen, ihr zu zeigen, wie man es machte, anstatt sie zu ermuntern, es selbst zu tun.“ Ich erinnere mich daran, wie ich einerseits überzeugt davon war, dass meine Kinder ihre Probleme und auch die häufig viel zu zahlreichen Hausaufgaben meistern könnten, und trotzdem immer wieder ungefragt übernahm. Eine Facharbeit von M., die ich lediglich für ihn abtippen sollte, weil die Zeit knapp war, habe ich während des Tippens „verbessert“. Wie übergriffig ich damit gehandelt habe, wird mir erst jetzt wirklich bewusst. Und vielleicht war das ein Muster, das sich durch die gesamte Kindheit meiner Söhne zog, dass ich immer wieder dachte ich unterstütze sie am besten, indem ich sie vor Schwierigkeiten schütze, statt ihnen zu helfen, sie selbst auszutragen. Ich erinnere mich, wie mich eine damalige Freundin häufig, wenn ich von den Problemen der Kinder erzählte, fragte: Ist das jetzt wirklich das, was deine Kinder empfinden oder meinst du in Wirklichkeit dich, damals, als du so alt warst wie sie? Ich weiß noch, wie klug und weitreichend ich ihre Frage fand, wie ich kurz versuchte, sie mir selbst zu stellen, bevor ich wieder in den Automatismus der Überbehütung fiel.

    #Erziehung #Fehler #JoanDidion #Lesetagebuch #Überbehütung

  17. Lesetagebuch „Notizen für John“ (8)

    An einer Stelle im Buch spricht der Therapeut Didion darauf an, dass sie sich offensichtlich nicht ausreichend mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinander gesetzt hätte. (vielleicht hat sie auch darum kaum jemandem von ihrer Krebserkrankung erzählt). Manchmal fällt es mir schwer an Zufälle zu glauben, denn nachdem ich diese Stelle gelesen habe, gehe ich in die Bibliothek um mir „Der Gärtner und der Tod“ von Gospodinov auszuleihen. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann. Dabei finde ich „Abschied nehmen“, ein Buch in dem ich beim Hereinblättern folgenden Satz finde (ich kann nicht wörtlich zitieren, weil das Buch noch auf dem Schreibtisch im Büro liegt) „Ich möchte Ihnen nicht die Angst vor dem Tod (Sterben?) nehmen, aber ich möchte Ihnen helfen diese Angst auszuhalten und dabei vielleicht sogar etwas Schönes zu entdecken. Ganz viel gerät durch diesen Satz in Bewegung.

    Mir wird bewusst, dass das ein Punkt ist, dem ich ausweiche. Jahrelang, Jahrzehnte lang, habe ich mir eingebildet, ich hätte mich ja bereits im sehr jungen Alter ausreichend und eigentlich überreichlich mit dem Tod auseinander gesetzt, indem ich meinen Vater an den Tod verloren habe, indem dann meine Mutter plötzlich starb, indem sich nicht viel später mein Großvater aufhängte, während zwischen dem Tod von Vater und Mutter meine Oma erfolgreich bei einem sehr subtilen Selbstmord gewesen war. (wie übertrieben sich das anhört, listet man es auf. Und dabei habe ich meine Cousine, die sich ebenfalls selbst das Leben nahm, gar nicht erwähnt).

    Das Lebensende, die Sterblichkeit. Manchmal reden M. und ich darüber, manchmal indem wir überlegen, ob wir im Koma und an Apparaten weiterleben möchten, manchmal indem wir morbide Witze darüber machen, aber wirklich an uns heran lassen wir das Thema nicht. Oder vielleicht sollte ich ihn da nicht vereinnahmen, sondern bei mir selbst bleiben: eine, die sehr früh mehrfach mit dem Tod konfrontiert wurde, eigentlich ohne dass sie Hilfe bekam, ohne dass Trauer, Tod und Sterben, Verlust usw. bemerkt, begleitet und kontextualisiert worden wären, eine, die glaubte, indem sie das alles wissenschaftlich aufarbeitet, würde sie es auch seelisch aufgearbeitet haben. Also: gute Diplomarbeit, dann ist das Thema jetzt aber auch vom Tisch. Genug damit auseinander gesetzt. Und deswegen habe ich dann z.B. das Buch von Yalom über existentielle Psychotherapie mit abgespreiztem Finger gelesen. Mich gefragt: was soll das, was machen die so viel Gewese um Todesangst? Ich jedenfalls habe die nicht. Langsam reift die Vermutung: eine die so etwas behauptet, hat so viel Todesangst, dass sie das nicht im geringsten an sich heranlassen, dass sie das ganz ganz weit von sich weisen muss.

    #Endlichkeit #JoanDidion #Lesetagebuch #Todesangst

  18. Lesetagebuch „Notizen für John“ (6)

    Der Himmel blau, weißmeliert durch Wolkenbänder. Der Magnolienbaum von der Sonne beschienen. Ich glaube es wird, zumindest wettermäßig, ein guter Tag.

    Die Lektüre von Didions Notizen wirkt ein wenig wie eine Therapie. Es ist vermutlich gerade der Widerstand gegen den Therapeuten, von dem ich in einem früheren Beitrag schrieb, der hilfreich ist, der es mir ermöglicht Dinge zu erkennen. Und z.B. diese Frage zuzulassen: „Ist dies etwas, was mir geschieht, oder tue ich mir das selbst an?“ Eine Frage, die ich mir viel zu selten stelle. In eine sehr ähnliche Richtung geht es, wenn Didion ihrem Therapeuten antwortet: „Sie meinen, ich habe bisher nicht versucht, damit umzugehen, sondern darüber hinwegzukommen, das Positive zu sehen und weiterzumachen, mit dem Treck Richtung Westen?“ „Genau das meine ich“, antwortet ihr Therapeut.

    Der Himmel ist immer noch strahlend blau und ich weiß wieder, dass nichts was wir einmal begriffen zu haben glaubten, für immer da ist, als jederzeit abrufbares Wissen. Vielmehr müssen wir uns wieder und wieder mit den belastenden Ereignissen und uns selbst auseinandersetzen, um wieder und wieder zu Einsichten zu gelangen. Nicht selten wird uns dann bewusst, dass wir das alles irgendwoher kennen, dass wir die Dinge, die uns jetzt als erhellend erscheinen, in einer besseren Zeit bereits gewusst haben. Es ist immer da, dieses Wissen, würde meine Therapeutin jetzt vielleicht sagen, wir verlieren nur manchmal den Zugang dazu.

    #joanDidion #lesetagebuch #widerstand

  19. Lesetagebuch „Notizen für John“ (5)

    Relativ zu Anfang des Buches sagt der Therapeut etwas über Kinder in emotionalen Schwierigkeiten. „Die Eltern von Kindern in emotionalen Schwierigkeiten“, sagt er, „neigen dazu, sich schuldig zu fühlen, hoffnungslos – was haben sie falsch gemacht, was hätten sie anders machen können, wo ist alles auseinandergebrochen – und manchmal zeigen sie es, indem sie wütend werden.“

    Es sind unterschiedliche Gedanken, die durch diesen Satz in Fluss kommen. Ich denke an ein Gespräch, das ich gestern geführt habe, in dem mir eine 42jährige Frau erzählte, dass ihr Leben vorbei sei, dass sie, so sehr sie sich auch bemühte, immer wieder scheiterte. U.a. haben wir über ihre Kinder geredet, die nach der Scheidung getrennt wurden, ein Sohn lebt bei ihrem Mann, der andere bei ihr. Ich hatte das Gefühl, sie würde sich vielleicht schuldig fühlen, weil ich mich gegenüber meinen Kindern ständig schuldig fühle. Und dann sagte sie: „Meine Mutter hat sich niemals schuldig, nicht einmal verantwortlich gefühlt. Schon als ich erst 2 Jahre alt war, bin ich es gewesen die an allem die Schuld trug“. Ich gebe zu, dass ich ganz kurz den ketzerischen Gedanken hatte, wie erleichternd es sein muss, selbst keine Verantwortung anzunehmen wie diese Mutter, die ihre Tochter offensichtlich schwer beschädigt hat, alles zu delegieren und wider besseres Wissen andere verantwortlich zu machen. Solche Dinge, die ja bereits während des Denkens als haltlos entlarvt werden, hat man wohl, wenn man hoffnungslos ist, wenn man zwar nicht wirklich wütend werden kann, dafür aber momentweise bösartig im Denken.

    Ein anderer Gedanke beleuchtet das Dilemma, das schon lange meine Überlegungen bestimmt. Auf der einen Seite ist mir durchaus bewusst, wie wenig handlungsfähig ich bin, wie die Möglichkeit etwas zu ändern abnimmt, je weiter ich mich in der Suche nach falschen Entscheidungen, falschen Worten oder dem, was ich übersehen habe, verstricke, mich wieder und wieder frage, wo ich hätte handeln müssen es aber nicht getan habe, wo ich Dinge falsch verstanden und dementsprechend verkehrt reagiert habe. Also dieser Einsicht, dass derlei Fragen und Gewissensforschungen nur in Grenzen sinnvoll sind, nämlich um die Verantwortung für das tatsächliche Versagen zu übernehmen und sich bei den Beteiligten dafür zu entschuldigen und bestenfalls auch sich selbst zu verzeihen, weil man versteht, dass man sein Bestes zu geben versucht hat, auch wenn das Beste eben nicht gut genug gewesen ist. Auf der anderen Skala dieses Gedankens herrscht der Zwang, diese Gedanken immer wieder zu denken, immer neue Fehler aufzuspüren, so lange bis endlich alles wieder gut ist, bis es endlich allen gut geht. Erst dann, denke ich, könnte ich all das loslassen, dann endlich würde ich den Ausgang des Labyrinths entdecken. Dabei weiß ich, dass ich mir nicht erlaube den Ausgang zu sehen, der natürlich längst existiert.

    #didion #lesetagebuch #notizenFuerJohn #verantwortung

  20. Lesetagebuch „Notizen für John“ (4)

    Was mich gleichermaßen irritiert wie fasziniert, ist, wie sicher dieser Therapeut zu sein scheint, wie er es scheinbar niemals auch nur ansatzweise in Betracht zieht, dass es Fragen gibt, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt, dass es Verhaltensmuster gibt, die sowohl überlebenswichtig als auch verkehrt sind, dass er keinen Zweifel zu kennen scheint. Weder wenn er Ratschläge gibt, wie und über was Didion mit ihrer Tochter sprechen soll, noch wenn er ihr attestiert, dass sie nicht richtig handeln kann, dass jedes Verhalten, alles was gut gemeint war, genau das Gegenteil bewirken kann. Dieser Therapeut irritiert mich. Ich sehe gerne Serien, Filme, in denen es um Therapiesitzungen geht, kürzlich „In Therapie“ und ich habe sowohl Lori Gottliebs „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ verschlungen als auch die Bücher die Yalom über seine Arbeit als Therapeut geschrieben hat. Aber noch niemals hat mich ein Therapeut so abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, wie dieser Therapeut von Joan Didion.

    Vermutlich bin ich momentan in diesem Sinkflug, von dem D. kürzlich schrieb, sie sei aus der Abwärtsspirale wieder aufgetaucht. Vermutlich lag ich falsch als ich die Dauer zwischen den Therapiesitzungen auf drei Wochen erhöhte, weil ich dachte, das Wesentliche, das Alltägliche hätte ich ja nun im Griff. Vermutlich geht es gerade darum einfach auszuhalten, dass gerade nicht mehr geht, als auszuhalten was ist. Möglicherweise ist unter diesen Umständen die Lektüre von Notizen für John nicht das Richtige.

    Auf jeden Fall scheint es aber so zu sein, dass ich es sogar lesend als verletzend empfinde, wenn Menschen so sicher sind, sich so offensichtlich über jeden Zweifel erhaben geben.

    #joanDidion #lesetagebuch #notizenFuerJohn #therapeut #zweifel

  21. Lesetagebuch „Notizen für John“ (3)

    Es stehen noch andere weitreichende Sätze in diesen Notizen für John, die ich wie Notizen für Elke lese. Zum Beispiel steht dort: „Das schien eines der zentralen Versprechen zu sein, wenn man ein Kind adoptierte: Man befreit das Kind von seiner oder ihrer Vergangenheit.“ Wir befinden uns im Jahr 2000 als dieser Satz von einem Therapeuten ausgesprochen wird, der angibt selbst Erfahrung mit Adopiton zu haben. Eines seiner Enkel sei ein adoptiertes Kind. Natürlich sagt er diesen Satz, der in solchen Fällen immer gesagt wird: Ich vergesse, dass sie adoptiert ist. Sie ist einfach meine Enkelin. Offenbar hat seit dem Prinzip des „also ob“, das in den 70er und auch noch in den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts „normal“ war, nicht viel Reflexion stattgefunden. Man befreit das Kind von seiner Vergangenheit? Von einer Vergangenheit, von der das Kind nichts weiß, von der die Eltern aber vielleicht wenigstens einen gewissen Teil wissen, den sie dem Kind verheimlichen, um es zu beschützen?! Beschützen durch Verheimlichen. Beschützen in dem das Kind allein damit zurecht kommen muss, dass da immer wieder dieses Gefühl des Fremdseins ist, das Gefühl, das etwas nicht stimmt und fehlt. Das Gefühl einer großen Lücke, die aufgrund selbsternannter Experten besser leer bleibt. Um das Kind vor seiner Vergangenheit zu beschützen. Meiner Mutter, denke ich, hätte es gefallen das zu lesen. Siehst du, könnte sie gedacht haben, ich habe es doch nur gut gemeint und selbst so kluge Leute wie Psychotherapeuten sind der Meinung, dass du befreit werden musstest von deiner Vergangenheit. Noch ein Gespräch, das nie stattgefunden hat, nicht stattfinden konnte. Und alle Alternativen sind schale Möglichkeiten: das Gespräch mit meiner Therapeutin führen, mir das Gespräch ausdenken.

    #adoption #joanDidion #lesetagebuch #notizenFuerJohn

  22. Lesetagebuch „Notizen für John“ (2)

    Viel früher, in meinen ersten Therapiesitzungen, in denen ich ziemlich verstockt gewesen bin, habe ich widerwillig und einsilbig von meiner Vergangenheit und Kindheit erzählt. Didions Therapeut hätte mich gefragt, oder er hätte vielmehr unterstellt, dass ich den herannahenden Tod meines Vater viel früher gespürt haben muss. Nicht erst an diesem Morgen an dem ich, 5 Jahre alt, im Bett meiner Eltern liegend, hörte wie meine Mutter immer wieder diesen Satz aussprach: Klaus ist tot. Wie ich dann als ich aufgestanden war gefragt hatte: Wie geht es Papa? Und sie geantwortet hatte: Papa ist tot. Ich habe keine Erinnerungen daran, werde ich gesagt haben und würde es auch heute sagen. Ich weiß nur, dass ich jahrzehntelang ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich doch gehört hatte, wie sie am Telefon davon gesprochen hatte, dass mein Vater tot ist, und ich – mich unwissend gebend – dennoch gefragt hatte, wie es meinem Vater ging. Ich hatte tatsächlich erst als ich diese Begebenheit einer Freundin erzählt hatte, verstanden, dass es nichts gab, wofür ich mich schämen musste, dass vielmehr ich diejenige war, der Unrecht geschehen war, die nicht die Zuwendung bekommen hatte, die sie gebraucht hätte, als fünfjähriges Kind, das den Tod doch vermutlich noch gar nicht ganz erfassen und bestimmt nicht einfach so verarbeiten konnte. Und vielleicht hätte ich irgendwann mit meiner Mutter darüber reden können, vielleicht hätten wir uns auf heilsame Art und Weise darüber austauschen können, wie es uns damals ging, was wir gerne anders erlebt oder gemacht hätten. Aber dazu kam es nie. Denn meine Mutter starb zu früh um diese Art Gespräche zu führen.

    #joanDidion #lesetagebuch #scham #tod #trauer

  23. Lesetagebuch „Notizen für John“ (1)

    Es regnet. Es regnet auf diese sehr eklige hinterhältige Art und Weise, bei der die Nässe in jede Pore einzieht, bei der sich alles verkrampft und zusammenzieht, bei der man keinen Hund auf die Straße jagen möchte.

    Ich denke über Joan Didion nach, dieses Buch, die Notizen für John, ist kein Buch, das sie als solches geplant hat, Sarah Murrenhof schreibt für Radio drei sehr differenziert darüber, wie ambivalent die Veröffentlichung ist.

    Vermutlich haben all die Stimmen Recht, die sagen wir sollten nicht lesen, was Didion vermutlich so in dieser Form, nie zur Veröffentlichung freigegeben hätte, aber ich bin gerade dankbar, dass ich es dennoch lesen kann. Es tröstet mich, es hilft mir. An einer Stelle sagt ihr Psychotherapeut zu Joan Didion, dass sie den schlechten Zeichen zum Trotz (es geht um die Alkoholabhängigkeit ihrer Tochter Quintana) daran glauben soll, dass alles gut werden wird. Und ich denke plötzlich, dass Z., die mir gestern geschrieben hat, eigentlich etwas sehr ähnliches gemeint hat, als sie schrieb: auch wenn es gerade nicht so aussieht, die guten Zeiten kommen zurück. Die Frage ist vielleicht nur, ob ich noch da sein werde, wenn die guten Zeiten zurück gekommen sind. Aber letztendlich ist das nicht entscheidend, denn ich hatte vermutlich ausreichend gute Zeiten in meinem Leben.

    #guteZeiten #joanDidion #lesetagebuch #notizenFuerJohn

  24. Und nun habe ich auch Band 2 gelesen:

    TL;DR
    Dieses Buch sollte - zusammen mit seinen Vorgänger - von jedem gelesen werden der sich nur ansatzweise für Genres wie Science Fiction, Fantasy oder Mystery interessiert. Oder einfach nur gute Geschichten mag.

    flore.nz/blog/the-fall-of-hype

    #hyperion #sciencefiction #lesetagebuch #fantasy #bookreview

  25. Erzschurken mit Katzen, Space Laser, Killer Delfine, Vulkan Verstecke - STARTER VILLAIN hat eigentlich alles was eine Satire ausmacht. Empfehle ich jedem der eine kurzweilige und wirklich witzig-abstruse Geschichte mag!

    flore.nz/blog/starter-villain-

    #johnscalzi #lesetagebuch #buchreview #jamesbond #satire

  26. Hat lange gedauert aber vier Jahre nach der Anschaffung habe ich dann doch mal Hyperion aus dem Regal genommen und gelesen. Und wünschte mir, dass ich es schon vor 3.5 Jahren gemacht hätte.

    Hat mir echt gut gefallen!

    flore.nz/blog/hyperion-dan-sim

    #hyperion #lesetagebuch #dansimmons #lesetagebuch #sciencefiction #buchreview

  27. Steht seit langem im Regal. Endlich dazugekommen es auch mal anzufangen. Unüberraschend: Hätte ich viel früher machen sollen.

    Bin jetzt ca in der Mitte und habe direkt die drei weiteren Teile der Serie gekauft.

    #hyperion #sciencefiction #lesetagebuch

  28. Prinzessin trifft auf eine Hexe, eine Fee, ein Krieger und ein dämonisches Huhn. „Nettle and Bone“ verbindet Märchenelemente mit ernsten Themen und bleibt dabei trotzdem überraschend optimistisch

    flore.nz/blog/nettle-and-bone-

    #lesetagebuch #buchreview #bücher

  29. Lesetagebuch Kate Zambreno – Mutter (Ein Gemurmel) II

    Kate Zambreno stellt dem Umgang mit der Erinnerung, den Bourgois zu ihrer Kunst veranlasst hat, ein anderes Beispiel gegenüber. Roland Barthes, der um seine Mutter trauert, der sie in allen alten Fotografien sucht, der etwas über sie schreiben möchte, damit sie erinnert wird. Einmal dieses Loswerdenwollen der Vergangenheit und einmal das Festhalten der Vergangenheit. Dazwischen bewegt sich Zambreno, dazwischen bewege auch ich mich. Zwischen diesen beiden Polen (Bourgeois und Barthes) liegt die Erkenntnis, dass wir immer nur Bruchstücke des anderen erkennen. Die Frage ist, wie wir sie zusammensetzen, was wir mit den leeren Stellen tun, wie beweglich wir das Bild halten, das wir uns einmal gemacht haben. Weil es sehr schmerzhaft sein kann, an einem Bild, das sich längst geändert hat, festzuhalten. Denn tatsächlich steht nicht einmal die Vergangenheit fest, auch sie ist formbar, beweglich, veränderlich. Ich weiß, dass es nur Geschichten sind, die ich mir und anderen von meiner Mutter erzählen kann, Geschichten, die sie unter Umständen ganz anders erzählen würde. Geschichten, die sie mit 30 Jahren so erzählt hat und zwanzig Jahre später etwas anders. 

    „Die alten Griechen“, schreibt Zambreno, „dachten sich die Erinnerung als großes Haus. Wer einen bestimmten Gedanken oder Gegenstand aufrufen wollte, musste sich gemäß dieser Methode vorstellen, jenen Raum zu betreten, in dem dieser sich befand.“

    Wie betritt man diesen Raum, wenn mehrere Jahrzehnte, der Tod, oder radikal andere Lebensumstände die Tür zu ihm zu versperren scheinen? Es ist als wäre ich in diesem Haus, aber ich verlaufe mich ständig. Immer stehe ich vor einer falschen Tür. Nie habe ich wirklich den Mut, an der Tür zu rütteln, mir Einlass zu verschaffen, obwohl sie nicht sofort nachgibt.

    „Die Erinnerungen in ein Buch legen“, schreibt Kate Zambreno, „um so davon befreit zu werden. […] Schreiben nicht als Erinnern, sondern als Vergessen. Oder wenn nicht als Vergessen, dann als Versuch, etwas hinter sich zu lassen.“

    „All die Gaben, den Toten dargebracht,

    damit sie in ihren Gräbern bleiben.“

    Die Toten, die Gräber, das sind auch die Erinnerungen, wir versuchen sie zufrieden zu stellen, ihnen einen Platz einzuräumen, vielleicht einen Altar zu errichten. Wir tun es, damit sie uns nicht heimsuchen. Wir versuchen einen Umgang zu finden. Einen Umgang mit der Vergangenheit, der eine Gegenwart erlaubt.

    #Erinnerungen #KateZambreno #Lesetagebuch #RolandBarthes

  30. Ein Lesetagebuch über ein besonderes Buch, schon darum, weil es sich nicht nur mit Erinnerung auseinandersetzt, sondern das mittels der Auseinandersetzung mit der wunderbaren Louise Bourgeois tut, weil Zambreno fragt und zweifelt und Kunst, die sie sieht in Schrift verwandelt: muetzenfalterin.blogda.ch/2025
    #Lesetagebuch

  31. Lesetagebuch Paulina Czienskowski – dem mond geht es gut

    Ich lese „dem mond geht es gut“ und ich mag einerseits dieses Ineinandergreifen der Generationen, wie die Mutter sich selbst in ihrem Kind sieht, wie die Autorin versucht die Muster aus verletzendem Verhalten zwischen den Generationen, zwischen Mutter und Großmutter, aufzulösen. Ich denke fortwährend mit, setze mich an die Stelle der Mutter, der Tochter, denke an meine Großmutter, von der ich so wenig weiß. Und dann steht da so ein Satz „Vielleicht, denke ich, schreibst du nicht, um zu erinnern, sondern, um zu vergessen, was war, so lese ich es irgendwo.“ Oder: „Das ewige Erinnern, Schnipsel, diese Fotos, und irgendwo lese ich, dass sie vor allem eins zeigen: Wie wenig der verewigte Augenblick einer war, in dem man sich aus Hingabe aufgelöst hat.“ Und dann sehe ich im Quellenverzeichnis nach und merke: all diese Sätze, die wirklich etwas in Bewegung setzen bei mir, sind also von anderen Autor:innen. So werde ich nicht zuletzt auf Kate Zambreno aufmerksam.
    Aber bei dem mond geht es gut wird mir das Lesen etwa nach der Hälfte leid. Wiederholen sich die Themen so häufig? Bin ich den Tonfall leid? Oder bin ich vielleicht einfach nur neidisch, weil da eine schreibt, die ihre Mutter kennt und ihre Großmutter, die mit ihnen, die beide noch lebendig sind, agieren kann, Fragen stellen, das eigene Kind in die Ahninnenreihe einfügen? Und während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich es schwer aushalten kann, dass wir immer wieder dieselben Fehler wiederholen, in Variationen, während wir doch alles ganz anders machen wollen. Und das ist es vielleicht, was den Lesefluss hemmt. Das ist nicht Paulina Czienskowski, nicht ihr Stil, sondern meine Wunde, die noch keine Narbe gebildet hat, die immer wieder aufzureißen scheint, sobald sie berührt wird.

    #demMondGehtEsGut #Generationen #Lesetagebuch #Mutter #PaulinaCzienskowski

  32. Dieses Buch ist nicht allein die Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrer Mutter, der Versuch ihr Leben zu ergründen, sondern darüber hinaus eine Auseinandersetzung mit Krankheit, Einsamkeit, Sterblichkeit.
    Lesetagebuch über Chantal Akermans "Eine Familie in Brüssel": muetzenfalterin.blogda.ch/2025
    #Lesetagebuch

  33. Prune Antoine – Eine Frau in Deutschland

    Ich hatte Schwierigkeiten mit diesem Buch. Am Anfang mochte ich es nicht besonders. Prune Antoines Idee etwas zwischen Tatsachenbericht und Fiktion zu machen, finde ich eigentich überzeugend. Ausgeführt ist sie, zumindest auf den ersten Seiten, schlecht.

    Am nächsten Morgen lese ich weiter und denke, dass es vielleicht doch ganz interessant ist, dass sie die „Kindesmörderin“ neben die Gesetze die Abtreibung betreffend, stellt. Dass das ein kluger Schachzug ist.

    Aber vielleicht erst einmal ein wenig Hintergrund zum Buch vorweg. Prune Antoine, eine französische Journalistin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hat der Fall der Christiane K., die 2020 in Solingen fünf ihrer sechs Kinder tötete, nicht losgelassen. Sie hat recherchiert, mit den Anwälten von Christiane gesprochen und sie schließlich selbst besucht.

    Es geht in diesem Buch nicht darum, die Tat zu entschuldigen, zu behaupten Christiane K. sei unschuldig. Es geht vielmehr darum aufzudecken, wer mitverantwortlich ist für die Tat. Die Ignoranz gegenüber den sexuellen Übergriffen die Christiane als Kind erfahren hat, vermutlich vom Vater, die sie aber nie klar beweisen und benennen konnte weil sie dissoziiert hat, um zu überleben. Ihre Selbstmordversuche als Hilferufe, die ebenfalls nicht viel bewirkt haben. Ihre heillose Überforderung alleinerziehend mit 6 Kindern während der Pandemie. Väter, die keine Verantwortung für die Kinder übernahmen.

    Vielleicht sogar unsere große gesellschaftliche Ignoranz, die aus einer Frau, die ihre Kinder tötet sofort ein Monster macht. Die nicht wahrhaben will, das Kindestötungen keine monströsen Ausnahmen sind, sondern eben gerade nicht selten. Antoine schreibt: „Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich zwischen hundert und hundertfünfzig Kinder von einem ihrer Elternteile getötet. In Frankreich wird im Durchschnitt alle fünf Tage ein Kind umgebracht, eine relativ konstante Zahl.“ (S. 55)

    Christianes ganzes Leben, schreibt Antoine, wurde von Gewalterfahrungen geprägt. „[…] einer straffreien, geduldeten und systematischen Gewalt, die sie überwältigt hat und die Christiane letztlich dazu gebracht hat, sich gegen sich selbst und ihre Kinder zu richten.“ Solche Sätze sind schwer auszuhalten, sie einfach abzutun ist nach der Lektüre dieses Buches nicht mehr möglich.

    „Christianes Leben hätte niemals so geendet, wenn es gerechte Gesetze für unseren Frauenkörper gäbe, Gesetze, die vor Vergewaltigungen, Inzest und Männerschlägen schützen.“

    Was dieses Buch außerdem leistet, ist auch das Aufdecken einer Geschlechterungerechtigkeit im Strafmaß, in der Beurteilung durch Gerichte und Gutachter. Obwohl Frauen nur einen sehr geringen Teil der Taten begehen, werden sie härter bestraft, unnachsichtiger beurteilt. Auch hier scheint das Patriarchat noch sehr präsent, ist auf dem Weg zur Gleichberechtigung noch viel zu tun. „Die in der Entstehung begriffene neue Disziplin der feministischen Kriminologie zeigt, dass Frauen nicht auf dieselbe Weise töten wie Männer.“

    Antoine, die immer wieder im Buch die eigene Mutterschaft mit dem Fall der Christiane K. kurzschließt, folgert: „Ich weiß jetzt, dass der Gedanke, alles haben zu können, die größte Lüge des Kapitalismus ist. Es ist schlicht falsch. In der Mutterschaft schwingt ein Hauch Klassenkampf mit. Wenn eine Frau Geld hat, um sich ihr Dorf zu schaffen, wenn sie der traditionellen, durch die Lohnungleichheit gestützten Rollenverteilung entgehen kann, wenn sie reich genug ist, um den Mangel an Kitas, Schulen und die Defizite der Familienpolitik aufzufangen, dann ist die Mutterschaft sicherlich die schönste Rolle des Lebens. Für die anderen Mütter heißt es, friss oder stirb.“

    Ein feministisches Buch, aber auch ein Buch, das aufdeckt, dass wir sehr schnell bereit sind, Täter als Monster abzustempeln, als Menschen, die weder Würde verdienen, noch die Mühe, sie zu verstehen.

    #ChristianeK_ #EineFrauInDeutschland #Lesetagebuch #Mutterschaft #PruneAntoine #Solingen

  34. Bücher über das Schreiben

    Ich lese Bücher über das Schreiben, ich lese Bücher über die Bedingungen und Schwierigkeiten beim Schreiben. Ich lese Jutta Reichelt „Mein Leben war nicht, wie es war“ und zum ersten Mal beginne ich ansatzweise zu verstehen, dass ich mich selbst, meine Motive und meine Geschichte kennen muss, um schreiben zu können.

    Ihre Lebensaufgabe sei vielleicht die Sprachlosigkeit zu überwinden, schreibt Jutta Reichelt. Und das ist, was ich aus diesem Buch mitnehme, Gründe für Sprachlosigkeit, aber auch Möglichkeiten, sie zu überwinden.

    Danach lese ich Kristin Valla „Ein Raum zum Schreiben“. Ich lese die Geschichten von Schriftstellerinnen und ihren Häusern, die von Marguerite Duras, die ich nicht häufig genug lesen und hören kann, aber auch die von anderen Schriftstellerinnen, von denen ich teilweise noch nie gehört habe. Und natürlich die von Kristin Valla selbst, die sich ein Haus in Frankreich kauft, weil sie glaubt, sie brauche es zum Schreiben. Und sie braucht es auch zum Schreiben, aber es ist ein beschwerlicher Weg dahin, ein Weg voller Umwege und Hindernisse. Und was mich am meisten beeindruckt steht in diesem Zitat über das Haus, das sich Marguerite Duras als junge Frau von den Filmrechten eines Buches gekauft hat: „Dass sich eine Frau in den Fünfzigerjahren ein Grundstück von vierhundert Quadratmetern zulegen konnte, dass sie dachte, bewusst oder unbewusst, dass das, was in ihr wohnte, so viel Platz brauchte.“

    Ich liebe diesen Satz. Ich liebe alles daran. Und es zeigt mir, was mir fehlt. Kein Zimmer. Aber die Vorstellung wirklich Raum für mich zu beanspruchen. Nicht nur einen Schreibtisch und ein Bett, sondern wirklich Raum.

    #Häuser #JuttaReichelt #KristinVall #Lesetagebuch #MargueriteDuras #Raum

  35. "[...]Eine Gruppe bestehend aus einem anthropomorphen Hasenteenager, einer Katzensoldatin, einem Affenroboter, einer Frau gefangen in einem Computer und einer KI - welche nun eine gegenseitige Auslöschung eine multiversalen, dystopischen Faschistenbunds und einer empathielosen Roboterherrschaft verhinden wollen, indem Sie eine transzendente super intelligente formlose Masse an Zellen sucht - das klingt schon sehr nach Comic. [...]"

    #lesetagebuch #scifi #blogpost

    flore.nz/blog/echo-of-worlds-m

  36. Oder "Jetzt ist Sense" - eine solide Komödie, die aber nicht ganz dass war, was ich mir versprochen habe.

    Dennoch empfehlenswert.

    flore.nz/blog/jetzt-ist-sense-

    #lesetagebuch #buchreview #komödie #HansRath #Komödie

  37. Ich habe etwas geschrieben zu einem Buch, das so aufrichtig und klug ist, dass es mich häufig aufgewühlt hat, aber letztendlich klüger und irgendwie reifer zurück gelassen hat: muetzenfalterin.blogda.ch/2024
    #Lesetagebuch

  38. Ich wollte ein klassisches Endzeit-Abenteuer à la Mad Max – und bekam was ganz anderes. In Tagebuchform erzählt, folgt man Griz auf der Suche nach seinem gestohlenen Hund durch ein menschenleeres Großbritannien.

    Wenig Dialog, viel Raum für eigene Gedanken – ein Buch, das nachwirkt und zum Diskutieren anregt. Lesenswert, auch wenn es anders ist als erwartet!

    Finde heraus ob ich es geschafft habe keinen einzigen Brexit Gag machen:

    bit.ly/4fn6S4W

    #buch #lesetagebuch #book #BookBlog

  39. Modern Internet Problems:
    Ich habe eben erfahren, dass es #BookWyrm gibt (Yay, mehr Fediverse) und mir einen Account erstellt.
    Der Importer hat aber keinen Support für den des Export des #LesetagebuCH.
    Ich erstelle mir also nun extra einen #GoodReads Account, um dort einen CSV Export zu machen, damit ich weiß, wie ich das JSON zu konvertieren habe.
    Und das Script wird mir hoffentlich gleich #ChatGPT schreiben.

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