home.social

#zweifel — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #zweifel, aggregated by home.social.

  1. „Du hast neben mir gesessen und für mich ins Englische übersetzt, damals, als ich noch kaum Deutsch konnte.“ (Priya Basil)

    Weil du so beharrlich gewesen bist und gleichzeitig unaufdringlich, weil du getan hast, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass du mich überallhin begleitest und die seltsame Sprache, die für mich aus nicht viel mehr als Lauten bestand, in eine andere Sprache überführt hast, die ich verstehen konnte, nur deswegen bin ich niemals auf die Idee gekommen, du hättest mir alles Mögliche erzählen können, das Gegenteil dessen, was gesagt wurde oder etwas ganz anders, was nichts mit dem Gesagten zu tun hatte. Ich kannte dich ja damals kaum, du hast dieses Angebot gemacht, auf eine Weise, die mir keine Wahl zu lassen schien, es war weniger ein Angebot als ein: so machen wir das jetzt. Und erst mit meinen eigenen Sprachkenntnissen ist das Vertrauen gewachsen. Trotzdem hatte ich diesen Gedanken, dass ich vollkommen abhängig war von dir, nie. Hanna sagte gestern nach einigen Gläsern Wein: Hast du nie befürchtet, er könnte irgendeinen Blödsinn erzählen und gar nicht wirklich übersetzen was dein Gegenüber gesagt hat? Das war tatsächlich das erste Mal, dass diese Möglichkeit überhaupt auftauchte und sie war etwas, das ich niemals in Betracht gezogen hätte. Andererseits kommen mir im Nachhinein einige Situationen seltsam vor. Wir waren beim Arzt. Die Diagnose war nicht lebensbedrohlich aber doch ernst, aber eure Gesichtsausdrücke waren nicht im mindesten ernst. Vielleicht ist das so in dieser Kultur habe ich damals gedacht. Ich werde mir die Unterlagen und Befunde jetzt noch einmal ansehen, ich fürchte Hanna hat gestern einen Virus verbreitet, den ich nicht so einfach wieder loswerden kann.

    #Übersetzen #Zitatgeschichten #Zweifel
  2. Lesetagebuch „Notizen für John“ (4)

    Was mich gleichermaßen irritiert wie fasziniert, ist, wie sicher dieser Therapeut zu sein scheint, wie er es scheinbar niemals auch nur ansatzweise in Betracht zieht, dass es Fragen gibt, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt, dass es Verhaltensmuster gibt, die sowohl überlebenswichtig als auch verkehrt sind, dass er keinen Zweifel zu kennen scheint. Weder wenn er Ratschläge gibt, wie und über was Didion mit ihrer Tochter sprechen soll, noch wenn er ihr attestiert, dass sie nicht richtig handeln kann, dass jedes Verhalten, alles was gut gemeint war, genau das Gegenteil bewirken kann. Dieser Therapeut irritiert mich. Ich sehe gerne Serien, Filme, in denen es um Therapiesitzungen geht, kürzlich „In Therapie“ und ich habe sowohl Lori Gottliebs „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ verschlungen als auch die Bücher die Yalom über seine Arbeit als Therapeut geschrieben hat. Aber noch niemals hat mich ein Therapeut so abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, wie dieser Therapeut von Joan Didion.

    Vermutlich bin ich momentan in diesem Sinkflug, von dem D. kürzlich schrieb, sie sei aus der Abwärtsspirale wieder aufgetaucht. Vermutlich lag ich falsch als ich die Dauer zwischen den Therapiesitzungen auf drei Wochen erhöhte, weil ich dachte, das Wesentliche, das Alltägliche hätte ich ja nun im Griff. Vermutlich geht es gerade darum einfach auszuhalten, dass gerade nicht mehr geht, als auszuhalten was ist. Möglicherweise ist unter diesen Umständen die Lektüre von Notizen für John nicht das Richtige.

    Auf jeden Fall scheint es aber so zu sein, dass ich es sogar lesend als verletzend empfinde, wenn Menschen so sicher sind, sich so offensichtlich über jeden Zweifel erhaben geben.

    #joanDidion #lesetagebuch #notizenFuerJohn #therapeut #zweifel