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#neue-lernkultur — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #neue-lernkultur, aggregated by home.social.

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  1. Bildungswende in Baden-Württemberg – jetzt mitgestalten!

    Ab dem 08. Dezember startet unsere Landtags-Petition für eine neue Lernkultur, die ALLEN Kindern und Jugendlichen zugutekommt.

    Wir wollen Schule neu denken mit mehr Selbstbestimmung, individueller Förderung und zeitgemäßen Lernformen statt Frontalunterricht und Notendruck.

    👉 Alle Infos zur Petition: neue-lernkultur-jetzt.de

    #Bildungswende #NeueLernkultur #Petition #BadenWürttemberg #BildungFürAlle #Landtag #Schulreform

  2. #21: Mindmaps als Grundlage zur Interaktion mit KI-Sprachmodellen

    Dieser Artikel ist eine Dokumentation von meinem 21. Experiment bei Kreation 2.0 – meiner Kreativitäts-Challenge im Kontext von KI. Ich habe es am 30. April 2025 durchgeführt und am 1. Mai 2025 aufgeschrieben.

    Idee

    Ab Mitte Mail gestalte ich für EPALE ein ‚Mobile Learning‘-Angebot zum Thema „Twin Transition: Nachhaltigkeit und Digitalisierung“. Die Gestaltung als Mobile Learning Angebot war relativ spontan: Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren – und Mobile Learning schien mir sehr passend für ein selbstbestimmtes, offenes und partizipatives Lernformat. Als ich mich nun aber dann an die konkretere Konzeption setze, merkte ich schnell: So klar war mir gar nicht, was ich damit verbinde. Deshalb wollte ich mich genauer mit Mobile Learning auseinandersetzen und dazu lernen. Im Kontext meiner KI-Experimente war ich neugierig, wie Ki-Technologie mich dabei unterstützen kann.

    Vorgehen

    Schritt 1: Der intuitive Weg wäre gewesen, einfach bei einem KI-Sprachmodell nach einer Definition zu Mobile Learning zu fragen – und dann ein bisschen dazu zu chatten. Dieser Weg führt bei mir aber meist nur zu sehr oberflächlichem Wissen: Mir wird schnell etwas angezeigt, ich lese es durch, aber ich eigne es mir nicht wirklich an. Oft ist es auch sehr erschlagend, was ein KI-Sprachmodell auf solch eine Eingabe hin generiert.

    Schritt 2: Ich überlegte mir deshalb, dass ich ganz bewusst von meinem mentalen Modell von Mobile Learning in meinem Kopf ausgehen wollte. Dazu schien es mir ein guter Weg zu sein, eine Mindmap zum Thema Mobile Learning aufzuzeichnen. Das habe ich gemacht – mit diesem Ergebnis:

    Ich war beim Zeichnen der Mindmap (zum Beispiel im Bereich der Definition) häufiger in Versuchung, doch schnell mein Smartphone zu schnappen und wenigstens kurz mal zu recherchieren, was andere schreiben. Dieser Versuchung habe ich aber bewusst widerstanden, weil ich es erstmal wichtig fand, das zu Papier zu bringen, was sich schon in meinem Kopf befand – auch wenn ich das in vielen Bereichen reichlich dürftig fand und ich mir dabei auch sehr unsicher war.

    Schritt 3: Meine aufgezeichnete Mindmap fotografierte ich und teilte sie mit einem KI-Sprachmodell. Meine erste Aufforderung war, diese Mindmap zunächst ohne Kommentierung oder Ergänzungen zusammen zu fassen. Das funktionierte (fast) vollständig. Ich erhielt diese Übersicht:

    1. Definition
      Lernen …
      mit mobilen Endgeräten
      flexibel, selbstbestimmt
      passend zur jeweiligen Herausforderung
    2. mögliche Herausforderungen
      Ablenkung statt Konzentration
      Information Overload
      zunehmende Smartphone-Skepsis
    3. Komponenten
      Social Media / Messenger
      Multimediale Inhalte, insbesondere Audio, Bilder
      noch aktuell oder wird VR/AR-Perspektive wichtiger?
    4. Ideen
      aktuellen Kontext einbringen lassen
      Peer-to-Peer-Austausch
      zentrale Plattform? > Interaktion

    Schritt 4: Meine Idee war es nun, dieses mentale Modell von mir im Chat mit dem KI-Sprachmodell zu reflektieren und auf diese Weise zu erweitern. Ich nutzte dazu diesen Prompt:

    Ich würde gerne die einzelnen Bereiche mit dir durchgehen. Bitte gehe dabei immer von meiner Darstellung aus und leite mich an, daran weiterzudenken, indem du mir Denkanstöße zu meiner Darstellung gibst, Widerspruch äußerst oder Fragen stellst.

    Wir starteten dann mit dem ersten Bereich. Mir wurden dazu Fragen gestellt. Ich chattete dazu und zeichnete zugleich meine Mindmap weiter, die sich auf diese Weise immer weiter füllte. Das hier war am Ende entstanden:

    Schritt 5: Zum Abschluss war ich erst versucht, direkt noch einmal das KI-Sprachmodell um eine Zusammenfassung zu bitten, was ich eigentlich gelernt habe, aber entschied mich dann dafür, dass es gerade hier wichtig ist, das zunächst für mich zusammenzufassen und zu reflektieren. Diese Aspekte sind mir aus meiner Sicht bewusster geworden:

    • Bei der Definition ist jetzt der Fokus auf ‚flexibles Lernen – orts- und zeitunabhängig‘.
    • Ich deute die Herausforderungen in Lerngelegenheiten um.
    • Bei den Komponenten nutze ich bewusst den Kontext der Lernenden.
    • Es gibt viele Ideen für Peer Austausch.

    Auf dieser Grundlage – und mit der geteilten ausgeweiteten Mindmap, schrieb mir dann auch das KI-Sprachmodell eine Art Zusammenfassung:

    • Mobile Learning verstehst du als Lernen unterwegs, das durch mobile Endgeräte ermöglicht wird. Es ist flexibel, selbstbestimmt und besonders dann wirksam, wenn es situativ und kontextbasiert an reale Herausforderungen anknüpft.
    • Anstelle rein technischer Vorteile rückst du die Lernenden selbst in den Mittelpunkt – ihre Kontexte, Interessen und alltäglichen Erfahrungen werden zum Ausgangspunkt für Lernprozesse. Dabei betrachtest du Herausforderungen wie Ablenkung, Selbststeuerung oder Reizüberflutung nicht nur als Problem, sondern auch als pädagogische Chance: durch Reflexion können Lernende Medienkompetenz und Selbstregulation entwickeln.
    • Die Komponenten des Mobile Learning bestehen für dich nicht nur aus Tools wie Messenger, Audio oder Social Media, sondern aus offenen Fragen: Was fördert echten Austausch? Wann hilft Technik dem Lernen – wann stört sie?
    • Ein zentraler Fokus liegt auf Peer-to-Peer-Austausch – durch Formate wie Walk+Talk, Lernsnack-Sharing, Peer-Feedback oder gemeinsames Gestalten realer Aufgaben. So entsteht ein sozial eingebettetes, kreatives und alltagsnahes Lernen.

    Damit kann ich nun in der Tat gut weiter arbeiten!

    Ergebnis und Reflexion

    In diesem Experiment habe ich erstens aus aktuellem Anlass zum Thema Mobile Learning gelernt. Zweitens – und das finde ich für mich wahrscheinlich am wichtigsten – habe ich einen guten Weg gefunden, wie man KI-Chats aufbauend auf bestehenden mentalen Modellen im Kopf gestalten kann. Das finde ich für mein eigenes Lernen hilfreich, aber ganz genauso auch im Kontext meiner Lehre. Ich werde dazu ganz sicher noch weiter experimentieren und dann dazu bloggen.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  3. Workshop-Konzept: Mehr Komposterde statt Zementmischer in der KI-Debatte in der Pädagogik!

    Ich habe heute zwei Workshops beim 5. Marburger Forum für Unterrichts- und Schulentwicklung gestaltet. Dieses Forum ist meinem Eindruck nach eine sehr schöne Veranstaltung, die wichtige Impulse und viel Raum für Vernetzung bietet. Ich war zum ersten Mal dabei.

    In meinen Workshops ging es um KI. Vormittags habe ich das Konzept Prompting als Spiel vorgestellt und wir haben dazu gemeinsam erkundet. Nachmittags war das Thema dann ‚KI und Bildung – tiefer gebohrt!‘. Grundlage dieses Workshops waren die Bilder von Zementmischer und Komposterde, über die ich schon vor einiger Zeit gebloggt habe und die deutlich machen, wie unterschiedlich wir die Bewegung, die durch KI in der Bildung aisgelöst wird, nutzen können:

    • als Zementmischer: Bestehendes wird verfestigt
    • als Komposterde: aus dem fruchtbaren Boden kann Neues wachsen.

    Im folgenden stelle ich das Workshopkonzept zum Weiternutzen vor. Es setzt konsequent auf soziales Lernen und nutzt dazu einen klar strukturierten Rahmen, für den man ca. 90 Minuten einplanen sollte.

    Intro: Shruggie und High Five

    Der Workshop fand direkt nach der Mittagspause statt und die Teilnehmenden kannten sich untereinander nicht. Deshalb kombinierte ich einen inhaltlichen Einstieg mit Bewegung und Vorstellung. Dazu gab es zwei ‚Zeichen‘:

    • ein Schulterzucken im Shruggie-Stil: ¯\_(ツ)_/¯
    • ein High Five

    Wir bewegten uns durch den Raum, wenn sich zwei Personen trafen, konnten sie sich für eines der beiden Zeichen entscheiden und sich dazu dann berichten, was sie (im ersten Fall) im KI-Kontext sehr widersprüchlich empfinden und wo sie viele Fragen haben. Oder was sie (im zweiten Fall) im KI-Kontext schon ausprobiert und für gut befunden haben.

    Zementmischer-Lego: Baut eine pädagogische Situation, die Bestehendes verfestigt!

    Im Anschluss an das schnelle Intro waren Tische mit Lego vorbereitet. Die Teilnehmenden fanden sich zu 4-6 Personen zusammen. Ich erläuterte die Bilder von Zementmischer und Komposterde. Die Aufgabe war darauf aufbauend dann, mit Lego eine pädagogische Situation zu bauen, in der KI als Zementmischer wirkt, d.h. Bestehendes verfestigt wird. Mit den Lego-Steinen funktioniert so etwas erfahrungsgemäß immer sehr gut, weil man mit den Händen ins Denken kommt.

    Komposterde-Konzepte erschließen

    Anschließend verteilte ich ‚Komposterde‘ – und zwar in Form von diesen 6 Begriffen:

    1. Selbstbestimmung
    2. Growth Mindset
    3. Soziales Lernen
    4. Prozessorientierung
    5. Partizipation
    6. Selbstwirksamkeit

    Jeder Begriff wurde mehrmals verteilt. Alle mit dem gleichen Begriff fanden sich in einer Gruppe zusammen. Die Aufgabe war es nun, sich gemeinsam diesen Begriff zu erschließen. Als kleine Hilfestellung gab es dazu diese Anregungen, die die Teilnehmenden als QR-Code auf ihren Begriffszetteln aufgedruckt hatten.

    Marktschreier-Gruppenpuzzle: Nimm meinen Begriff!

    Anstatt ein klassisches Gruppenpuzzle zu machen, bei dem sich die Gruppen gegenseitig ihre Begriffe vorstellten, nutzten wir eine ‚Marktschreier‘-Version davon. Jede Person durfte sich für insgesamt drei der sechs Konzepte entscheiden und musste zugleich versuchen, das ‚eigene‘ Konzept an möglichst viele zu ‚verkaufen‘. Dabei ging es um eine möglichst überzeugende Argumentation, warum dieses Konzept sehr gut als Komposterde im Kontext von KI geeignet ist.

    Komposterde-Lego: Baut die pädagogische Situation um!

    Nachdem alle Beteiligten sich für drei Konzepte entschieden hatten, kamen sie wieder an den ursprünglichen Lego-Bautischen als Gruppe zusammen. Die Aufgabe war nun, die ursprünglich gebauten pädagogischen Situationen mit den mitgebrachten Konzepten so zu verändern, dass die Komposterde wirkt und der Zementmischer aufgebrochen wird.

    Blitzlicht im Plenum

    Den Abschluss des Workshops bildete ein schnelles Blitzlicht im Plenum mit Erkenntnissen, die man gerne mit allen teilen wollte. Bei mehr Zeit könnte man sicherlich auch die einzelnen Bauwerke und Transformationen davon genauer vorstellen.

    Fazit

    Der Workshop ist sehr niederschwellig umsetzbar und braucht außer einem Sack Lego und ein paar Begriffe-Karten keine Utensilien. Ich mochte daran vor allem drei Aspekte:

    1. Es gab sehr viel Austausch in immer wieder wechselnden Zusammensetzungen.
    2. Das Bauen mit Lego macht das Nachdenken über pädagogische Situationen sehr konkret.
    3. Die Herausforderung des ‚Umbauens‘ einer Zementmischer-Situation in eine Komposterde-Situation eröffnet eine sehr praktische Transformationsperspektive.

    Einschränkend ist anzumerken, dass die Methode mit Menschen, die noch kaum Erfahrungen mit KI in der Bildung gesammelt oder dazu noch wenig reflektiert haben, wahrscheinlich schwieriger umsetzbar ist. Denn das Konzept baut sehr stark auf entsprechende Vorerfahrungen zumindest bei einem Teil der Teilnehmenden auf. Wenn das gegeben ist, dann kann ich das Konzept zur Weiternutzung sehr weiter empfehlen.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  4. Raum für Transformation öffnen: ‚Kann weg!‘-Schneeballschlacht

    Wenn wir Bildung verändern wollen, dann sind wir oft in bisherigen Routinen gefangen. Das erschwert es uns, neu und anders zu denken. Hinzu kommt, dass es dann auch ganz objektiv an Raum mangelt, dass etwas Neues entstehen kann. Mit der Methode ‚Kann weg!‘-Schneeballschlacht lässt sich diese Herausforderung spielerisch aufgreifen.

    Vorgehen

    Die Methode ist sehr einfach und kann in Workshops oder auch als Zwischen-Interaktion in Vorträgen gleichermaßen genutzt werden. So gehst du vor:

    1. Alle erhalten einen leeren DinA4-Zettel und notieren auf diesem Zettel einen Aspekt, der weg kann oder von dem es weniger braucht. Dabei können sie sich mit Nebensitzer*innen austauschen.
    2. Wenn ein Aspekt notiert ist, wird der Zettel zerknüllt und als Schneeball zu einer anderen Gruppe (oder auch einfach quer durch den Raum geworfen). Wer den Zettel auffängt oder findet, öffnet das Papier, liest was darauf notiert ist – und ergänzt einen weiteren Aspekt. Zusätzlich/ alternativ können auch die bisherigen Einträge unterstützt werden (= ein Herz oder Stern dazu malen, zustimmend kommentieren …)
    3. Danach wird der Zettel wieder zerknüllt und weiter geworfen.
    4. Zum Abschluss landen alle Schneebälle in einem großen Papierkorb.

    Hintergrund

    Das Spiel ist für alle Beteiligten gleichermaßen spannend und befreiend. Zugleich gelangt die Gruppe in Interaktion miteinander. Der gut gefüllte Papierkorb am Ende symbolisiert für alle Beteiligten ganz wunderbar: „Wow, so viel kann weg! Das ist toll. Dann haben wir jetzt ja Raum für neue Ideen!“ Vor diesem Hintergrund finde ich diese Methode optimal zum Einstieg in Workshops geeignet, wenn es um Transformation in der Bildung geht.

    Mein Lieblingsbeispiel für die Tatsache, dass Transformation durch bestehende Routinen und Strukturen blockiert ist, ist die Veränderung der Lernkultur hin zu selbstbestimmten Lernen mit personalisierter Lernbegleitung. Vor dem Hintergrund von klassischem Unterricht ist hier sehr oft die Erwiderung von lehrenden Personen: „Das geht nicht. Dazu fehlt mir die Zeit!“. Diese Erwiderung ist stimmig, wenn es weiterhin dabei bleiben würde, dass die lehrende Person vor der Lerngruppe steht und unterrichtet. Wenn dagegen dieser klassische Unterricht und damit auch die frontalen Phasen zurückgedrängt oder ganz abgeschafft werden, ist plötzlich viel mehr Zeit für anderes da. Genau das kann allen Beteiligten durch eine einleitende ‚Kann weg‘-Schneeballschlacht bewusst werden.

    Praxis: „Kann weg“-Schneeballschlacht als Vortrags-Murmelrunde

    Ich habe die Methode heute im Rahmen eines Vortrags bei der Initiative Professionell in der Lehre (PROFiL) an der Ludwig Maximillians Universität München genutzt. Hier erfüllte die Methode den Sinn einer Murmelphase und hatte ansonsten inhaltlich das gleiche Ziel.

    Ich habe mich für diese Methode aus mehreren Gründen entschieden:

    • Ich hoffe, dass alle Zuhörenden – auch wenn sie sich sonst vielleicht nicht an viel von dem Vortrag erinnern – das Bild mit den Schneebällen und dem gemeinsam gefüllten Papierkorb mitnehmen – und damit gut weiter vorankommen bei der Transformation von Lehre.
    • Es gab vor meinem Vortrag schon ein paar Grußworte. Deshalb dachte ich, dass ein Wachmacher schön sein könnte.
    • Der Raum war relativ eng bestuhlt, weshalb Bewegung (z.B. mit Kartenaustausch oder ähnlichem) nicht gut funktioniert hätte. Zugleich wollte ich gerne, dass die Kolleg*innen als gesamte Gruppe ein bisschen in den Austausch kommen.

    Bei der Durchsicht von einigen ‚Scheebällen‘ fand ich besonders die Kommunikation auf den Zetteln sehr schön. Zum Teil wurde richtiggehend aufeinander aufgebaut:

    Ansonsten auch sehr viel ‚geliked‘ …

    … und kommentiert.

    Fazit: große Empfehlung!

    Ich hatte die Methode im Internet gefunden und für mich inhaltlich angepasst. Trotzdem war ich zunächst etwas zögerlich, ob sie nicht zu wild sein könnte. Doch auch in dem (bei mir) feierlichen, seriösen Rahmen einer universitären Festveranstaltung war der Impuls meines Eindrucks nach ganz genau richtig. Zudem braucht die Methode kaum Vorbereitung oder Materialien, sondern sie lässt sich sehr niederschwellig umsetzen.

    In diesem Sinne deshalb: Viel Freude beim Ausprobieren!

    #MethodenLernformate #NeueLernkultur

  5. 2025: Zeit für Lernfreude!

    In meiner Social-Media-Bubble bin ich Anfang 2024 auf die Idee gestoßen, sich für das neue Jahr eine Art ‚Motto‘ zu überlegen, an dem man die eigenen Aktivitäten ausrichtet. Jetzt ist Anfang 2025 und ich will das gerne auch für mich umsetzen. Ich habe für mich für das heute ganz neue Jahr 2025 das Motto ‚Lernfreude‘ gewählt.

    Warum Lernfreude?

    Lernfreude ist ein Schlüsselbegriff für notwendige Veränderungen in der Bildung, weil sie in vielen Bereichen das genaue Gegenteil unseres traditionellen Bildungssystems darstellt. Anstatt im Laufe der eigenen Bildungsbiografie immer neugieriger zu werden, mehr Fragen zu entwickeln und gemeinsam mit anderen nach Antworten zu suchen, wird Kindern spätestens in der Grundschule die Lernfreude oft systematisch ausgetrieben. Dieser Trend setzt sich auch in der weiterführenden Schule, in der Berufsbildung, an den Hochschulen und in der Erwachsenenbildung fort. Lernen ist für viele ein notwendiges Übel, aber ganz bestimmt keine Freude!

    Wenn man das ändern will, muss man an den Grundsätzen des Bildungssystems rütteln. Hier steht immer noch das überholte System von Unterricht mit fremdbestimmter Stoffvermittlung und Schubladen-Bewertung im Fokus. Das ist nicht spannend, oft sehr demotivierend und kaum selbstwirksam. Viele – insbesondere reformpädagogisch orientierte – Schulen zeigen schon heute, dass Bildung auch ganz anders aussehen kann: ausgehend von den Lernenden, mit offenen Lernprozessen und authentischen Herausforderungen und viel Raum zum gemeinsamen Erkunden und Entwickeln.

    Vor diesem Hintergrund finde ich die Forderung nach mehr Lernfreude nicht nur pädagogisch wichtig und sinnvoll, sondern auch strategisch sehr hilfreich. Denn sie legt genau an den richtigen Stellen den Finger in die Wunde und fordert Veränderungen ein. Meine Hoffnung ist, dass der Fokus auf Lernfreude etwas ist, hinter dem sich viele Menschen versammeln können, um gemeinsam mehr zu bewirken.

    Zum Beispiel kann der Fokus auf Lernfreude im Kontext von Digitalisierung und aktuell insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz als gemeinsamer Nordstern wirken. Denn bei Lernfreude geht es vor allem darum, befähigt und motiviert zu werden, das Lernen selbst zu lernen. In einer zunehmend digitalisierten, komplexen und dynamischen Welt ist das die grundlegende Kompetenz für gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. Ebenso ist Lernfreude ein Schlüssel für ein demokratischeres Bildungssystem. Auch die gesamtgesellschaftliche Herausforderung nach einer nachhaltigen Entwicklung lässt sich nicht bewältigen, wenn wir weiter bei fertigen Antworten, statt neuen Fragen stehen bleiben. Auch hierzu braucht es also mehr Lernfreude.

    Wie lässt sich mehr Lernfreude realisieren?

    Um meinen Beitrag zu mehr Lernfreude zu leisten, möchte ich auf drei Ebenen ansetzen:

    1. Individuelle Ebene

    Ich nehme mir vor, mich selbst immer wieder daran zu erinnern und mir Räume zu schaffen, selbst eine neugierige und lernfreudige Person zu sein bzw. noch besser zu werden. Im letzten Jahr habe ich es im Kontext von KI gemerkt, wie sehr eine gestaltende Perspektive entsteht, wenn ich mit Neugierde und dann mit ganz viel Ausprobieren an solche Themen herangehe. Solch ein Vorleben ist dann nicht nur für mich individuell sehr bereichernd, sondern (hoffentlich) auch ein gutes Vorbild für andere.

    2. Gestaltung von Lernangeboten

    Mein Schwerpunkt wird sicherlich die Umsetzung von mehr Lernfreude im Rahmen meiner eigenen Lernangebote sein. Ich habe es dabei sehr häufig mit Multiplikator*innen zu tun. Wenn diese Menschen erleben, wie Lernfreude funktioniert und was sie bewirken kann, werden sie überzeugt und befähigt, das auch in ihren eigenen Lernangeboten umzusetzen. Meine Leitfrage kann somit immer sein: Wie kann ich dazu beitragen, dass Lernende in von mir gestalteten Lernangeboten positive Lernerfahrungen machen, d.h. befähigt und motiviert werden, anschließend weiterzulernen und eine immer lernfreudigere Haltung zu entwickeln?

    3. Gesamtgesellschaftliche Impulse

    Ich gestalte nicht nur Bildung, sondern teile auch meine Gedanken und Impulse über Bildung und setze mich so für Veränderungen ein. Zum Teil mache ich das hier in meinem Blog, zum Teil nutze ich Social Media, zum Teil spreche ich bei Veranstaltungen oder auf Podiumsdiskussionen und zum (sicherlich wichtigsten) Teil verbünde ich mich mit anderen, um gemeinsam für gute Bildung aktiv zu sein. Meine Ausgangsbasis sind hier vor allem die Communities, die sich rund um OER, die OERcamps und die edunautika gebildet haben. Außerdem bin ich Mitglied im Bündnis Freie Bildung. Im Rahmen dieser Aktivitäten immer wieder zu mehr Lernfreude aufzurufen, die Hintergründe zu erläutern und Vorschläge zu formulieren, was es auf einer strukturellen Ebene dazu braucht, scheint mir ein wichtiges Unterfangen zu sein.

    Fazit

    Das war eine kurze Erläuterung und Begründung für mein Jahresmotto 2025. Ich bin gespannt, was sich daraus in den nächsten Monaten ergibt.

    Vielleicht hast du beim Lesen Lust bekommen, einen pädagogischen Tag an deiner Schule oder eine Fortbildung in einer Bildungseinrichtung zu diesem Thema zu gestalten. Das fände ich sehr spannend! Vielleicht wählst du für 2025 auch ein ganz anderes Jahresmotto. Ich bin neugierig, davon zu erfahren!

    Beitragsbild: Wie kritzelt man Lernfreude? Ich habe es mit einer Spirale versucht, bei der man über das Staunen über die Welt (Wow!), zum neugierigen Fragen (Häh?) bis hin zum Erkunden und Gestalten (Yeah!) kommt. Und immer so weiter …

    #neueLernkultur #Reflexion

  6. KI und Lernen: Fünf Mal tiefer gebohrt!

    Ich bezeichne mich selbst nicht als Expertin für KI. Stattdessen sehe ich mich als lernende Person. Was auf den ersten Blick wie ein Understatement wirken könnte, ist für mich das genaue Gegenteil: Ich halte „lernende Person“ (nicht nur) im Kontext von KI für die mit Abstand klügste und sinnvollste Rolle, die man in der pädagogischen Diskussion einnehmen kann. Denn gute pädagogische Praxis zeichnet sich für mich nicht vorrangig durch die Vermittlung fertiger Antworten aus, sondern durch die Ermächtigung zur Formulierung guter Fragen und die Begleitung bei der Entwicklung von Antworten. Wenn man als lernende Person immer wieder neue Erkenntnisse zum eigenen Lernen teilt, lebt und unterstützt man genau solch eine gute pädagogische Praxis.

    Manchmal bedeutet solch eine gute pädagogische Praxis das Eingeständnis: „Ich habe mich geirrt und muss mich nun korrigieren.“ Zu meinem aktuellen Lernen, das ich in diesem Blogbeitrag teilen will, passt ein anderes Bild aus meiner Sicht jedoch besser: Ich war in den letzten Monaten nicht auf einem Irrweg und muss nun umkehren, sondern ich habe inzwischen tiefer gebohrt und bin zu neuen Erkenntnissen gekommen. Die Erkenntnisse, die ich davor hatte, haben diese neuen Erkenntnisse lange verdeckt. Irgendwann gab es jedoch immer mehr Risse in der damaligen Erkenntnis-Oberfläche. Ich sah neues Licht durchschimmern und machte mich ans Lernen. Irgendwann hatte ich dann eine neue Schicht freigelegt …

    In diesem Blogbeitrag möchte ich über fünf solcher Erkenntnisse berichten:

    Tiefer bohren #1:
    KI-Technologie hilft bei der Angst vor dem leeren Blatt und beim Umgang mit Informationsfülle.
    → Wir sollten uns von KI-Technologie zum aktiven Denken herausfordern lassen!

    In vielen KI-Impulsen der letzten Monate habe ich von meinem „Lieblings-Prompt“ berichtet: „Schreibe mir eine Liste mit 10 Ideen zu …“. Ich hielt diesen Prompt für relativ schlau, weil es natürlich schon einen guten Schritt weiter ist im Vergleich zu einem Prompt im Sinne von: „Schreibe mir ein Konzept zu …“. Schließlich mache ich bei der Listen-Variante kein direktes Copy & Paste, sondern nehme die generierten Ideen nur als Grundlage, um selbst zu denken.

    Inzwischen habe ich allerdings gemerkt, dass mir der Prompt trotzdem zu abkürzend ist. Immer häufiger hatte ich den Eindruck, dass ich offenes Brainstormen und Ideenüberlegen mit der Zeit verlerne, wenn ich das immer an ein KI-Sprachmodell auslagere. Ich habe deshalb begonnen, zunächst immer erst einmal selbst zu denken und zum Beispiel spazieren zu gehen. Erst nachdem ich mir dann eigene Gedanken gemacht habe, bin ich mit dem genannten Prompt in Interaktion mit einem KI-Sprachmodell gegangen.

    Inzwischen bin ich zum Schluss gekommen, dass dieser Prozess noch besser geht: Das Spazierengehen ist schon einmal ein guter Anfang, um in einen aktiven Prozess des Denkens und Lernens zu kommen. Das sollte ich dann aber auch in der Interaktion mit einem KI-Sprachmodell fortsetzen. Anstatt mich zurückzulehnen, mich von den generierten Ideen berieseln (und oft vielleicht auch unbewusst einengen) zu lassen und meine eigene Rolle primär auf die Auswahl zu beschränken, versuche ich deshalb nun stattdessen, in eine direktere Interaktion zu gehen. Konkret lässt sich das zum Beispiel mit einem Prompt in dieser Form abbilden:

    „Wir spielen ein Spiel. Unser Thema ist … Wir schreiben immer abwechselnd eine Idee dazu. Ich starte mit einer Idee von mir. Dann bist du an der Reihe. Dann wieder ich. Du kommentierst meine Ideen nicht. Das geht immer so weiter, bis ich ‚Zusammenfassung‘ schreibe. Dann endet das Spiel, und du fragst mich, welche Idee ich besonders vielversprechend finde und teilst dann deine Auswahl.“

    Dieser Prompt lässt sich natürlich beliebig variieren, zum Beispiel indem man festlegt, dass die Ideen des KI-Sprachmodells möglichst verwandt zu den eigenen Ideen sein sollen oder – gerade in die andere Richtung gehend – einen ganz anderen Bereich aufspannen sollen. Egal, wie man es konkret ausgestaltet, bleibt es immer dabei, dass man sich in einem aktiven Brainstorming-Prozess begibt. Man verhindert damit, durch Technologie-Nutzung zu verdummen, hat mehr Freude durch Selbstgestaltung und kommt dazu noch auf bessere Ideen!

    Ganz ähnlich ist es im Kontext des Umgangs mit Informationsfülle. Hier habe ich vielfach empfohlen, sich Texte oder andere Inhalte erst einmal zusammenfassen zu lassen, um dann besser entscheiden zu können, mit was man sich vertiefter befassen will. Inzwischen finde ich auch hier – ähnlich wie beim Brainstorming –, dass das oft hilfreich sein kann, aber es oft noch hilfreicher ist, diesen Prozess der Zusammenfassung bereits zu einem aktiven Lernprozess zu machen, der sich in Interaktion mit einem KI-Sprachmodell gestalten lässt. Das könnte in solch eine Richtung gehen, wie ich früher Texte mit den Voyant-Tools „durchleuchtet“ habe. Das war dann auch ein anderer und ebenfalls zusammenfassender Zugang, aber in jedem Fall ein „denkender“ und aktiver. Ich bin hier gerade noch am Nachdenken und Experimentieren, wie Ähnliches vielleicht auch mit KI-Sprachmodellen gelingen kann.

    Tiefer bohren #2:
    KI-Technologie lässt sich intuitiv nutzen
    → KI-Technologie fordert zu kontra-intuitiver Nutzung heraus

    Weder eine ausschließlich theoretische Beschäftigung noch – erst recht nicht – ein Ignorieren der Technologie halte ich für zielführend. Stattdessen habe ich in Fortbildungen sehr oft dafür plädiert, dass Erkunden, Experimentieren und Ausprobieren von KI-Technologien ganz entscheidend sind. Als „Hilfestellung“ habe ich dazu unter anderem vorgeschlagen, dass man sich von KI-Sprachmodellen selbst helfen lassen kann. Einer meiner Lieblingsvorschläge an Kolleginnen und Kollegen in meinen Fortbildungen dazu war: Schreibe auf, was deine Rolle bzw. deine Herausforderung ist – und frage ein KI-Sprachmodell nach möglicherweise nützlichen Prompts für dich.

    Dieser Vorschlag resultierte dann in Prompts wie: „Du bist ein erfahrener KI-Experte, der gute Prompts formulieren kann. Ich bin Lehrerin an einer Sekundarschule und unterrichte Englisch und Geschichte. Mir sind kollaborative Lernprozesse wichtig. Außerdem möchte ich digitale Medien als selbstverständlichen Bestandteil in Lernprozesse integrieren. Schreibe mir eine Liste mit 10 Prompts, die ich in Interaktion mit KI-Sprachmodellen nutzen kann, die für die Vorbereitung und Durchführung meines Unterrichts hilfreich sein können.“

    Mit solch einem Prompt kommen häufig durchaus einige hilfreiche Folge-Prompts heraus, die Kolleginnen und Kollegen dann als Ausgangspunkt für ihre eigenen Erkundungen nutzen konnten. Die Erkenntnis meiner Tiefenbohrung ist nun allerdings: Diese Folge-Prompts sind fast durchgängig in der Logik der KI-Vermarktung einer Automatisierung und Vereinfachung geschrieben. Sie führen deshalb gerade nicht dazu, dass bestehende Unterrichtssettings hinterfragt werden. Die Voraussetzung dazu wären aktive Lernprozesse auch und gerade bei den lehrenden Personen. Intuitive KI-Nutzung macht hingegen oft das Gegenteil. (Um nicht missverstanden zu werden: Automatisierung und Vereinfachung kann oft sehr, sehr sinnvoll sein. Mein Blick ist hier aber die Perspektive von Lernen. In diesem Bereich trifft das nicht zu!)

    Wenn man ChatGPT als das aktuell vorherrschende KI-Sprachmodell öffnet, wird man begrüßt mit: „Wie kann ich dir helfen?“ Ironischerweise ist genau dieses Angebot von den Technologie-Anbietern für lehrende und lernende Personen alles andere als hilfreich, weil es Lernen tendenziell verhindert. Plakativ ausgedrückt müsste besser darüber stehen: „Wie kann ich dazu beitragen, dich zu verwirren und Chaos zu stiften, sodass du zu Reflexion, Lernen und Nachdenken angeregt wirst?“

    Leider steht genau das nicht über dem Prompt-Eingabefeld – und es würde sich sicherlich auch deutlich schlechter verkaufen. Deshalb müssen wir es pädagogisch selbst machen und uns immer wieder fragen: Wie gehe ich in Interaktion mit einem KI-Sprachmodell, damit ich lerne und nicht vereinfache? Für solch eine Herausforderung einer „kontra-intuitiven“ KI-Nutzung habe ich schon vor einiger Zeit den Begriff des KI-Eduhacking vorgeschlagen. Das finde ich immer noch eine sinnvolle Perspektive, aber würde an ganz vielen Stellen bei meinen damaligen Thesen noch viel tiefer bohren. Zum anderen finde ich inzwischen zusätzlich eine bewusste und gezielte pädagogische Gestaltung der KI-Technologie wichtig, die als Lern-Technologie in einer zunehmend komplexen Welt gestaltet ist – und nicht als „Vereinfachungs- und Automatisierungs-Technologie“.

    Tiefer bohren #3:
    KI-Technologie macht menschliche Werte wichtiger
    → KI-Technologie fordert zur Entwicklung menschlicher Möglichkeiten heraus

    Eine wichtige Erkenntnis für mich im letzten Jahr war das Unterscheidungsmerkmal, dass Menschen – im Gegensatz zu Maschinen – über „körperliche Intelligenz“ verfügen. In meinen Workshops habe ich das vielfach an der Fähigkeit zu Resonanz gezeigt: Wir haben uns alle durch den Raum bewegt, und die Aufgabe war es – ohne ein zentrales Zeichen – irgendwann stehen zu bleiben. Wenn dann alle stehen, sollte applaudiert werden. Das klappt auch in großen Gruppen jedes Mal wieder großartig. Denn Menschen verfügen eben über die erwähnte körperliche Intelligenz und können auf diese Weise aufeinander Bezug nehmen und sich gegenseitig „erfühlen“.

    Ich finde sowohl dieses Experiment als auch die damit verbundene Aussage – originär menschliche Werte werden im Kontext von KI wichtiger – weiterhin sinnvoll und wichtig. Inzwischen gehe ich aber noch einen Schritt weiter. Ich habe begonnen, mich mit der Intuition als einem wesentlichen menschlichen Alleinstellungsmerkmal zu beschäftigen. Und mein bis jetzt wichtigstes Learning dazu ist, dass diese Intuition nicht statisch und gegeben, sondern sehr dynamisch, entwickelbar und damit eine entscheidende pädagogische Herausforderung ist. Vielleicht stimmt sogar die These, dass KI-Interaktion umso zielführender ist, je entwickelter die eigene Intuition ist. Die spannende Frage ist deshalb nicht so sehr: „Müssen wir uns im Kontext von KI mehr auf originär menschliche Werte besinnen?“, sondern viel konkreter: „Wie entwickeln wir in Lernprozessen Intuition und finden einen besseren Zugang zu ihr?“

    Intuition lässt sich dabei als individueller Zugang zu einem nicht-bewussten assoziativen Netzwerk fasse. Sie entwickelt sich durch die Erfahrung von und die Auseinandersetzung mit der Welt. Die pädagogische Herausforderung ist deshalb, allen Lernenden eine möglichst vielfältige Welterfahrung und -Auseinandersetzung zu ermöglichen. Reinhard Kahl hat dazu schon lange vor der KI-Zeit ein Zitat geprägt, das hier wunderbar passt: „Zukunft entsteht in radikaler Gegenwart.“

    Mit dieser Perspektive kommen wir vielleicht auch endlich ein bisschen weiter bei der Frage: „Was müssen wir heutzutage noch lernen und lehren?“ Es geht dann zum einen weiterhin um Kompetenzen, aber eben auch um ganz reale Erfahrungen. Im Fokus darf aber eben nicht die Vermittlung dieser Erfahrungen stehen (das klingt ja auch schon nach Widerspruch in sich!), sondern die auf den Erfahrungen aufbauende Konstruktion der eigenen Welt – und damit auch der Intuition.

    Tiefer bohren #4:
    Verständnis zu KI-Technologie ermöglicht sinnvolle Nutzung
    → Verständnis von KI-Technologie ermöglicht die Entwicklung veränderter Praxis

    In meinen KI-Impulsen habe ich vielfach die These vertreten, dass eine sinnvolle Nutzung von KI-Technologie durch ein Verständnis der KI-Technologie erreicht wird. Das würde ich zu großen Teilen auch weiterhin unterschreiben. Wer nicht verstanden hat, dass KI-Sprachmodelle im Kern eine Wahrscheinlichkeitsberechnung auf Basis einer riesigen Datenbasis sind, wird beispielsweise sehr irritiert sein, wenn auf einen identischen Prompt hin unterschiedliche Antworten generiert werden. Oder wenn in Antworten sachlich falsche Informationen bzw. sogenannte Halluzinationen auftauchen. Wer die Technologie dahinter einordnen kann, ist darüber allerdings nicht überrascht. Soweit ist die frühere Aussage also sicherlich korrekt. Allerdings sehe ich heute – nach genauerem Nachdenken – den Automatismus kritisch, der in meiner Aussage mitschwang: „Wenn man die Technologie versteht, nutzt man sie auch sinnvoll.“

    Inzwischen denke ich, dass ein Verständnis der Technologie eine notwendige, aber ganz bestimmt noch keine hinreichende Bedingung für eine sinnvolle Nutzung ist. Das liegt vor allem daran, dass eine Interaktion mit Maschinen in der Form, wie es mit KI-Sprachmodellen seit einiger Zeit in der breiten Öffentlichkeit und damit auch in der Pädagogik möglich ist, eine neue Form von Interaktion darstellt. Es gibt hierzu noch kein fertig entwickeltes Handwerkszeug, das wir einfach aus der Schublade ziehen könnten. Natürlich gibt es viele Vorarbeiten und vor allem Grundsätze, auf die wir aufbauen und an denen wir uns orientieren können. Die konkrete methodische und didaktische Ausgestaltung benötigt aber aus meiner Sicht noch viele Gestaltungsexperimente und neues Denken.

    Was sich ansonsten entwickelt, sieht man typischerweise bei adaptiven KI-Lehrsystemen. Hier bauen wir im Wesentlichen und in den meisten Fällen eine Lehr-Lernsituation nach, wie wir es „schon immer“ gemacht haben. Die Innovation beschränkt sich darauf, dass der Prozess individualisierter, effizienter, schneller, direkter und damit auch kostengünstiger gestaltet werden kann. Ohne Zweifel ist das beim Erlernen von Basiskompetenzen eine großartige Sache. Wir sollten aber über die Freude darüber nicht vergessen, dass wir eigentlich viel mehr pädagogische Innovation brauchen. Unsere Herausforderung ist die Ermächtigung von Lernenden (und uns selbst) zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in einer zunehmend komplexen Welt. Dazu braucht es weit mehr als Wissensvermittlung, Lehre und Unterricht, sondern eine pädagogische Lerngestaltung, die Lernende tatsächlich zu aktiven Konstrukteur*innen ihres eigenen Lernens macht.

    Tiefer bohren #5:
    KI-Technologie ist ein Sparring-Partner im ko-kreativen Prozess → KI-Technologie ist eine programmierbare Maschine

    Ich habe in meinen KI-Impulsen ganz viele Bilder (sowohl selbst gekritzelte als auch KI-generierte) gezeigt, auf denen ein Mensch und ein Roboter zusammen Pingpong spielen. Erklärt habe ich das Bild damit, dass KI-Technologie eine Art Sparring-Partner in einem ko-kreativen Prozess sein kann. Mensch und Maschine gestalten in diesem Bild gemeinsam. Das Bild ist natürlich insofern treffend, dass der Prozess tatsächlich so abläuft, dass ich etwas eingebe, darauf erfolgt eine Reaktion der Maschine, und daraufhin gebe ich wieder etwas ein. Mit neueren Chat-Varianten wie zum Beispiel der Canvas-Ansicht bei ChatGPT kann dieses Pingpong sogar noch enger ineinandergreifen.

    Inzwischen finde ich das Bild dennoch nicht mehr sinnvoll. Gratian hat in einem Beitrag auf die politische Dimension des Begriffs der Ko-Kreation hingewiesen, den er durch eine Übertragung auf eine Maschine als entwertet empfindet. Mich stört das Bild vor allem aus einer Perspektive des Lernens: Pingpong spielen suggeriert Gleichberechtigung: Wir spielen uns die Bälle hin und her! Das kann vielfach die Realität sein. Meine pädagogische Orientierung ist aber, dass ich gerne zu klügeren Menschen kommen will. In Interaktion mit Maschinen können Menschen deutlich klüger sein, wenn sie nicht gleichberechtigt mit einer Maschine Pingpong spielen, sondern wenn sie diese als programmierbare Maschine verstehen, die sie in ihrem Sinne nutzen und gestalten können.

    Solch eine Perspektive nimmt sehr viel weg vom Science-Fiction-Zauber, der den Begriff KI weiterhin umgibt. Genau deshalb ist sie so wichtig, denn damit öffnet sie einen gestaltenden, rationalen und damit lernförderlichen Blick auf KI. Ich komme dann viel mehr dazu, mir über kluge Prompts im Sinne von „Eingabebefehlen“ Gedanken zu machen. Und ich erkenne auch, wie viel hilfreicher es wäre, wenn ich mehr über das „Innenleben“ der Technologie bestimmen könnte. Das bedeutet dann zum Beispiel, über eine lokale Installation eines KI-Sprachmodells die darin festgelegten Parameter – wie die sogenannte Temperatur – selbst einstellen zu können, je nachdem, an welcher Herausforderung ich gerade arbeite.

    Mein Fazit

    Das war ein Rundumschlag zu meinen vertieften Erkenntnissen aus meiner KI-Beschäftigung in den letzten Wochen. Mich freut daran besonders: Ich weiß schon jetzt, dass das sicherlich nicht das Ende meines Lernens sein wird, sondern dass ich auch bei diesen Erkenntnissen in den nächsten Wochen hoffentlich noch ganz viel weiter lernen und tiefer bohren kann. Ich werde darüber berichten!

    Beitragsbild: Tiefer bohren bei KI in der Bildung!

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  7. Zukunftsmanufaktur: Nicht nur zur Schule gehen, sondern Schule gemeinsam entwickeln!

    #Blog

    Ein Bericht von der Zukunftsmanufaktur im Bildungshaus Riesenklein in Halle (Saale) im Oktober 2024

    🔗 https://ebildungslabor.de/b/2D5

    (Antworten auf diesen Beitrag erscheinen nach Freigabe auf dem Blog als Kommentar).

  8. Methoden-Update: Aktives Lernen gestalten mit Kollaboration und Kreativität

    In diesem Blogbeitrag dokumentiere ich meinen heutigen Workshop, der im Rahmen der Digitagung der Initiative Technik Zukunft in Bayern stattfand. Die Tagung stand dieses Jahr unter dem Motto „Teaching Twin Transition: Digitalität und Nachhaltigkeit“. Für den Workshop habe ich mit einigen neuen Ansätzen experimentiert und mich dabei vor allem von den interaktiven Trainingsmethoden von Sivasailam Thiagarajan (Thiagi) inspirieren lassen.

    Ziel und Rahmen des Workshops

    Der zweistündige Workshop richtete sich an Lehrkräfte von weiterführenden Schulen in Bayern. Sie sollten ein „Methoden-Update“ erhalten. Es ging also um methodische Inspirationen für selbstbestimmtes, kreatives und kollaboratives Lernen.

    Da man Methoden nicht gut theoretisch vermitteln kann, sondern sie am besten praktisch ausprobiert, haben wir genau das gemacht. Die Lehrkräfte waren in der Rolle von Lernenden, die sich das Thema „methodische Gestaltung von Lernen in einer veränderten Lernkultur“ mit den von mir vorbereiteten Methoden erarbeiteten. So konnte selbstbestimmtes, kollaboratives und kreatives Lernen zugleich praktisch erlebt werden.

    Alle Methoden können auch einzeln genutzt und inhaltlich vielfältig angepasst werden. Für einen Gesamtüberblick ist hier meine (sehr, sehr einfache) Präsentation, die hauptsächlich den Zweck erfüllte, dass die Teilnehmenden die Anleitungen bei Bedarf immer noch einmal nachlesen konnten.

    Präsentation zum WorkshopHerunterladen

    Energizer zum Einstieg: Schnick-Schnack-Schnuck mit Fan-Parade

    Ich wollte mit einem sehr aktivierenden Energizer starten und entschied mich für Schnick-Schnack-Schnuck mit Fan-Parade.

    Hier ist eine Anleitung:

    • Die Teilnehmenden spielen zunächst in Zweierteams gegeneinander Schnick-Schnack-Schnuck. Es gelten die einfachsten Regeln: Es gibt nur Schere, Stein und Papier.
    • Die Person, die gewinnt, sucht sich eine neue gegnerische Person aus dem Kreis der Teilnehmenden. Die unterlegene Person verwandelt sich in ihren größten Fan und läuft ihr ab dann laut jubelnd und anfeuernd hinterher.
    • Das Spiel endet, wenn nur noch zwei Personen übrig sind, die gegeneinander in einem letzten Match antreten – und dabei von ihren zuvor „eingesammelten“ Fans bejubelt werden.

    Ich mag das Spiel, weil es super einfach ist, sehr schnell gute Laune verbreitet, alle munter macht und die Stimmung für den folgenden Workshop setzt: Wir können uns gegenseitig über Erfolge freuen!

    Kaltstart: Domino-Orientierung

    Nach solch einem Energizer würde normalerweise ein mindestens kurzes, frontales Intro folgen, in dem ich die Ziele des Workshops und auch mich selbst vorstelle. Außerdem gibt es meistens organisatorische Fragen zu klären: Machen wir eine Pause? Muss ich mitschreiben? Was benötige ich während des Workshops? …

    Um den Workshop dieses Mal direkt „von mir weg“ zu gestalten und die Verantwortung in die Hände der Lernenden zu legen, habe ich all diese Infos stattdessen in ein „Domino“ gepackt. Auf DIN-A4-Zetteln stand jeweils in der unteren Hälfte eine Frage, die dann in der oberen Hälfte des nächsten Zettels beantwortet wurde. Die einzelnen Zettel lagen kunterbunt durcheinander gemischt auf den Tischinseln im Raum. Die Aufgabe lautete: Setzt das Domino kollaborativ zusammen!

    Mein Domino (hier noch sortiert) als BeispielHerunterladen

    Diese Übung hat sehr gut funktioniert. Alle lasen ihre Fragen und suchten bei anderen nach den passenden Antworten bzw. überlegten, wo sie mit ihrem Zettel andocken konnten. Schließlich war das Domino fertig gelegt, die Gruppe hatte ihr erstes Erfolgserlebnis und alle wussten über den Workshop Bescheid.

    Von den Teilnehmenden zusammengesetztes ‚Domino‘

    Auf der Meta-Ebene haben wir kurz reflektiert, wozu wir diese Methode transferieren könnten. Neben einer Nutzung zum Einstieg wie bei uns, erschien uns das auch zum Abschluss von Lerneinheiten und zur Rekapitulation des Gelernten hilfreich. Und natürlich könnte solch ein Domino auch von den Lernenden selbst erstellt werden.

    Vorstellung und Kennenlernen: Daten-Visualisierung und Austausch

    Für die nächste Methode hatte ich Stifte und Papier auf den Tischen verteilt. Die Aufgabe lautete, eine „Vorstellung“ zu zeichnen und dabei vorgegebene Merkmale für die Form, die Farbe und die Größe zu nutzen:

    • Farbe: Was ist für dich die wichtigste Kompetenz im Kontext von Nachhaltigkeit und Digitalisierung
      • Grün: Selbstlernkompetenz
      • Rot: Fähigkeit zur Kollaboration
      • Gelb: Kreativität
    • Form: Mit welcher „Brille“ kommst du vorrangig zum Workshop?
      • Quadrat: Digitalisierung
      • Kreis: Nachhaltigkeit
      • Dreieck: Sowohl als auch
    • Größe: Wie sehr bist du im Workshop präsent?
      • klein: Ich habe sehr viel anderes im Kopf / bin tendenziell abgelenkt.
      • groß: Ich bin voll und ganz dabei!
    Visualisierung einer Teilnehmerin, die Selbstlernkompetenz als Kompetenz am wichtigsten findet, sowohl einen Nachhaltigkeits- als auch einen Digitalisierungshintergrund hat und sich ganz auf den Workshop konzentrieren kann.

    Zum Kennenlernen schrieben die Teilnehmenden noch ihren Namen auf ihr Blatt und bewegten sich damit durch den Raum. Das Ziel war es, mit mindestens drei anderen Menschen ins Gespräch zu kommen und dabei jeweils die Gründe für Unterschiede in der Darstellung zu erfragen. (Beispiel: Deine Form ist viel kleiner als meine. Warum bist du denn tendenziell abgelenkt? Du hast ein Quadrat gezeichnet und ich einen Kreis: Was machst du denn im Kontext von Digitalisierung? …). Als Bonus-Aufgabe durfte man sich mit den Personen abklatschen, die (fast) das gleiche Muster gezeichnet hatten wie man selbst.

    Auf diese Daten-Visualisierungs-Idee zum Einstieg kam ich übrigens über einen LinkedIn-Beitrag von Jördis – und habe mich gefreut, so etwas direkt mal ausprobieren zu können.

    Auch hier haben wir viele Transfer-Möglichkeiten der Methode überlegt – insbesondere nicht nur als Einstieg zum Kennenlernen, sondern auch zur Darstellung von Vielfalt in einer Lerngruppe oder einer Veranstaltungs-Evaluation. Man kann mit der Methode beliebig spielen – und hat immer mindestens die Ebenen Farbe, Form und Größe zur Auswahl, die man beliebig gestalten kann.

    Inhaltliche Auseinandersetzung: Konzepterschließung

    Die nächste Methode stellte eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den drei Konzepten des Workshops dar: Kollaboration, Kreativität und Selbstermächtigung der Lernenden. Hier habe ich mich besonders gefreut, dass es sehr gut geklappt hat, auf klassischen Input zu verzichten. Stattdessen erhielt jede Kleingruppe mehrere Konzepterschließungsaufgaben zu je einem Konzept:

    • einen kurzen Text, der in eigenen Worten zusammengefasst werden sollte.
    • die Herausforderung, das Konzept ausgehend von einer Ausgangsthese mit 6-Warum-Fragen zu hinterfragen. Beispiel: Kreativität ist eine Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert. -> Warum ist Kreativität eine Schlüsselkompetenz im 21. Jahrhundert? Weil es neue Antworten auf große Herausforderungen braucht? -> Warum braucht es neue Antworten? …
    • die Aufgabe, Synonyme und Antonyme zum jeweiligen Begriff zu finden.
    • die Aufgabe, das Konzept kleinschrittiger zu zerlegen, indem man eine Mindmap drumherum gestaltet.
    • die Einladung zu einem Kopfstand: Was wäre das dümmstmögliche, was man machen könnte, um die Entwicklung des Konzepts garantiert zu verhindern?
    • die Frage nach einem Praxisbeispiel aus der Schule für das jeweilige Konzept.

    Hier ist das Beispiel für Kreativität:

    Aufgaben zur Erschließung des Konzepts KreativitätHerunterladen

    Insbesondere durch die Bereitstellung des Textes war es den Kleingruppen möglich, diese Konzepterschließungsaufgaben zu bearbeiten, auch wenn vielleicht noch keine oder nur wenig Vorkenntnisse zum Thema vorhanden waren. Die Aufgaben zielen ansonsten vor allem auf das Anknüpfen an Vorerfahrungen und Wissen.

    Die erarbeiteten Inhalte wurden dann in Form eines Gruppenpuzzles mit den anderen Gruppen geteilt.

    Für den Transfer eignen sich solche Konzepterschließungsaufgaben sicherlich auch sehr gut im Rahmen des Flipped-Classroom-Modells. Lernende haben sich dann zuvor schon Inhalte erarbeitet und können darauf gemeinsam aufbauen.

    Ideenentwicklung 1: Wettstreit im Umschlag

    Nachdem wir uns die drei Konzepte genauer erschlossen hatten, standen wir als nächstes vor der Frage der Umsetzung: Wie gestalten wir Lernen mit Kollaboration? Wie gestalten wir Lernen mit Kreativität? Und wie ermächtigen wir Lernende zur Übernahme der Verantwortung für ihre Lernprozesse?

    Wir gestalteten diese Ideenentwicklung mit einem klassischen Brainstorming – und einem spielerischen Wettstreit:

    • Jede Kleingruppe erhielt einen leeren Briefumschlag mit einer der drei Fragen. Die Aufgabe war es, so viele und so gute Ideen wie möglich in vier Minuten zu entwickeln, auf Karten zu notieren und in den Umschlag zu stecken. Auf den Rückseiten der Karten wurde ein „Gruppensymbol“ aufgezeichnet (Kreis, Dreieck, Viereck …).
    • Nach Ablauf der Zeit wurden die Umschläge im Uhrzeigersinn weitergegeben und Ideen zur nächsten Frage entwickelt.
    • Nachdem Ideen für alle drei Fragen entwickelt waren, wurden die Umschläge noch einmal weitergegeben – und die Gruppen durften nun je einen Umschlag (mit ziemlich vielen Ideen darin!) öffnen. Ihre Aufgabe war es, die fünf besten Ideen zu kuratieren und diese dann im Plenum vorzustellen.
    Ein paar der gesammelten Ideen in einem Umschlag

    Für das spielerische Element wurden die kuratierten Karten danach umgedreht und mithilfe der dort zu findenden Gruppensymbole zusammengezählt, welche Gruppe insgesamt die meisten der schließlich ausgewählten Ideen beigesteuert hatte. Sie erhielt großen Applaus!

    Umgedrehte, kuratierte Karten mit den Gruppensymbolen

    Ich mag diese Art der Ideensammlung und -kuratierung sehr. Kritisch wurde angemerkt, dass es für manche Teilnehmenden schwierig sein könnte, dass ihre Idee nicht in der Auswahl berücksichtigt wird. Hier kann zum einen helfen, später auch nicht-ausgewählte Ideen zu dokumentieren. Zum anderen sollte deutlich gemacht werden, dass gerade aus einem Überfluss an Ideen neue und gute Ideen entstehen können. Der gesamte Prozess ist also wichtig – und zu diesem haben alle einen Beitrag geleistet.

    Ideenentwicklung 2: 35er-Countdown

    Da ich die Auswahl und Bewertung von entwickelten Inhalten in den Händen der Lernenden als sehr zentral für eine veränderte Lernkultur erachte, wollte ich noch eine zweite Methode in diese Richtung ausprobieren lassen. Dazu wurden dieses Mal individuell Ideen entwickelt (= eine Idee, die Lernen freudvoller macht, mit einem Gegenstände-Brainstorming). Die Ideen wurden auf Karten geschrieben, deren Rückseite ich vorher vorbereitet hatte.

    Schnelle Beschriftung der Karten-Rückseiten (auf der Hinfahrt im Zug)

    Die Teilnehmenden bewegten sich nun durch den Raum. Wenn sie eine andere Person trafen, stellten sie sich gegenseitig ihre Ideen vor – und durften dann 7 Punkte auf die Ideen verteilen (z.B. eine Idee bekommt 4 Punkte, die andere 3 Punkte. Oder eine Idee bekommt 7 Punkte, die andere 0 Punkte …). Die Zahl wurde auf die Rückseite eingetragen. Dann wurden Karten getauscht und das nächste Gespräch gesucht. Insgesamt gab es 5 Runden. Eine Karte konnte also maximal 35 Punkte erhalten.

    Bewertete und berechnete Karten

    Wenn alle Karten fertig bewertet waren, nahmen alle Platz und ich zählte von 35 herunter. Wessen Karte eine von mir genannte Zahl hatte, stand auf. Ich zählte herunter, bis 5 Personen standen (= die bestbewerteten Ideen). Diese wurden laut im Plenum vorgelesen.

    Diese Methode erinnert mich sehr stark an das Crowd-Sourcing der Liberating Structures. Durch die „Verhandlung“ über die Punkte finde ich sie noch gewinnbringender. In ähnlicher Weise habe ich die Methode auch papierfrei mit dem Tool Brainstormrank umgesetzt (vielleicht gestalte ich hier noch eine Variante mit der Punkte-Aufteilung statt nur „besser“ oder „schlechter“).

    Argumentationstraining: Pro und Kontra Kugellager

    Von der Ideenentwicklung sind wir als nächstes noch zu einer Argumentations-Trainings-Methode gekommen. Der Hintergrund war hier, dass Ideen allein ja nicht viel helfen, wenn man nicht auch Menschen überzeugen kann, diese umzusetzen. Um genau das zu unterstützen, haben sich die Teilnehmenden auf zwei Seiten einer Schnur aufgestellt: die Menschen auf der einen Seite schlüpften in die Rolle von „Blockierern“. Sie sind der Ansicht, dass Lernen so bleiben kann und sollte, wie es schon immer war. Die Menschen auf der anderen Seite waren Veränderungsagenten. Sie finden es wichtig, dass Lernkultur grundlegend verändert wird.

    Die Methode funktionierte dann wie folgt:

    • Die jeweiligen Gruppen beratschlagten für sich, was gute Argumente für/gegen Veränderung sein könnten.
    • Sie trafen sich zu einem Paar-Streitgespräch mit einer Person aus der anderen Gruppe.
    • Danach kamen die Gruppen wieder zusammen und schärften ihre Argumente.
    • Es gab ein weiteres Paar-Streitgespräch.
    • Zum Abschluss reflektierten wir gemeinsam, was vor dem Hintergrund der erlebten Rollenspiele gute und überzeugende Argumente für Veränderung sein könnten.

    Ich mag diese Methode sehr gerne – vor allem dann, wenn Menschen mit dabei sind, die ganz bewusst ihre Rolle übertreibend spielen – und so Raum für Reflexion und Lernen schaffen.

    Rekapitulation: „Das ist noch gar nichts!“

    Zum Abschluss eines Workshops finde ich es wichtig, dass Raum da ist, das Gelernte zu rekapitulieren. Zweitens ist es gut, wenn konkret etwas aus Workshops entsteht. Dazu ist es hilfreich, sich eine konkrete Sache zu überlegen, die man am besten direkt in den nächsten Tagen angehen will. Unterstützt werden können diese Ziele mit der Rollenspiel-Methode „Das ist noch gar nichts!“:

    • Stellt euch vor, ihr trefft in drei Monaten zufällig drei Teilnehmende dieses Workshops auf der Straße.
    • Ihr kommt miteinander ins Gespräch darüber, was ihr aus dem Workshop mitgenommen und umgesetzt habt.
    • Versucht dabei bewusst zu übertreiben und euch gegenseitig zu übertrumpfen: „Das ist ja noch gar nichts!“

    Die Diskussion endete nach der vereinbarten Zeit. Bei uns waren es 4 Minuten.

    In einem kurzen „Silent Thinking“ überlegten sich dann alle Teilnehmenden ihren nächsten, konkreten Schritt.

    Feedbackrunde: Stand-Up Blitzlicht

    Damit waren wir dann schon beim Ende des Workshops angekommen. Um das typische Blitzlicht zu verhindern, bei dem viel wiederholt wird, machten wir ein „Stand-Up Blitzlicht“. Dazu standen alle auf. Eine Person begann und teilte eine Überlegung und nahm dann Platz. Wer etwas sehr Ähnliches gesagt hätte, nahm zeitgleich Platz. Wer weiterhin stand, sagte den nächsten Punkt. So ging es weiter, bis alle wieder saßen – und wir den Workshop mit Applaus für alle für ein sehr erfolgreiches, gemeinsames Lernen beenden konnten.

    Fazit

    Ich habe den Workshop als sehr stimmig und gut funktionierend erlebt, weil er sehr konsequent die Verantwortung zum Lernen auf die Lernenden überträgt – und dazu kollaborative und kreative Räume öffnet. Mit den Methoden werde ich sicherlich noch weiter experimentieren. Ich kann sie nach den heutigen Erfahrungen sehr zur Weiternutzung empfehlen.

    Viel Freude und Erfolg beim Lernen und Erkunden!

    #Kollaboration #MethodenLernformate #NeueLernkultur

  9. Ein Lerntag zum Thema ‚Pädagogische Haltung‘

    Den heutigen Samstag habe ich in Rostock verbracht, genauer gesagt: bei der EuSiB. EuSiB steht für Europäische Stiftung für innovative Bildung. Unter ihrem Dach vereint sie mehrere Bildungseinrichtungen – von der Krippe über die Grundschule, den Zirkus, weiterführende Schulen bis hin zum Pädagogischen Kolleg. Der Anlass meines Besuchs war der heutige EuSiB-Tag, an dem alle Beschäftigten in den unterschiedlichen Bildungseinrichtungen zusammenkommen und gemeinsam lernen. Er findet alle zwei Jahre statt.

    Ich blogge über meinen Besuch aus drei Gründen:

    1. Das Thema des diesjährigen EuSiB-Tages war „Pädagogische Haltung“. Ich habe zu diesem Thema sowohl bei der Vorbereitung als auch heute im Austausch einiges gelernt. Ich bin davon überzeugt, dass es ein sehr zentrales und grundlegendes Thema ist, das in der pädagogischen Diskussion mehr Raum zur Reflexion bräuchte. Dafür möchte ich mit dem folgenden Beitrag gerne ein bisschen werben.
    2. Meine Rolle bestand in der konzeptionellen Mitgestaltung des Tages. Ich habe mich mit dem Vorbereitungsteam mehrmals im Vorfeld getroffen, und wir haben überlegt, wie wir den Tag methodisch gestalten und aufbauen können. (Das war vor allem deshalb herausfordernd, weil die Teilnehmenden explizit viel Input gewünscht hatten und wir das natürlich trotzdem mit offenen und selbstgesteuertem Lernen zusammen bringen wollten.) Das Konzept, das wir heute genutzt haben, halte ich für sehr gelungen. Mit meiner Dokumentation will ich ermöglichen, dass andere es weiter nutzen können.
    3. Ich kannte die EuSiB vor diesem Projekt noch nicht und nutze den Blogbeitrag auch dazu, um den Kolleg*innen virtuell zuzuwinken und mich für die sehr inspirierende Zusammenarbeit zu bedanken. Für alle, die diesen Text lesen, die EuSiB auch noch nicht kennen und sich gerne mit spannenden Bildungsakteur*innen vernetzen möchten, kann dies vielleicht ebenfalls ein Anstoß dazu sein. Auf der Website eusib.de gibt es ausführliche Informationen zum heutigen EuSiB-Tag und zur EuSiB selbst.

    Damit aber genug der Vorrede. Los geht es mit meinem Bericht zum heutigen Tag. Ich erzähle dabei einfach chronologisch, was wir gemacht und gelernt haben und wie wir dabei vorgegangen sind.

    1. Ankommen und Einstieg im Plenum

    Damit alle sich gut einfinden und es schon vorab zu ersten Gesprächen und Austausch kommen konnte, gab es eine großzügige Ankommenszeit von einer Stunde mit Kaffee, Obst und Kuchen. Anschließend begrüßte die Leitung des Pädagogischen Kollegs, an dem die Veranstaltung stattfand, und der Vorstand der EuSiB führte in das Thema ein. Danach übernahm die Vorbereitungsgruppe, stellte vor, was die Kolleg*innen am Tag erwartete, und sorgte mit einem ersten „Winkgewusel“ für Orientierung. Dazu wurden Fragen gestellt wie: „Wer ist zum ersten Mal bei einem EuSiB-Tag?“ oder „Wer kommt von Bildungseinrichtung XY?“ oder „Wer gehört zum nicht-pädagogischen Personal?“ … Wenn die Frage zutraf, reagierte man mit Winken. Mit dieser schnellen Sichtbarmachung waren alle gut angekommen, orientiert und voller Vorfreude auf den weiteren Tag.

    2. Parcours der guten Haltungen

    Unsere Einschätzung im Vorfeld war, dass viele Kolleg*innen mit dem Begriff der (pädagogischen) Haltung zunächst wahrscheinlich nicht viel anfangen können bzw. unsicher sind, wie sie sich dazu äußern sollen. Deshalb wollten wir eine sehr niederschwellige Möglichkeit für eine erste Annäherung und vor allem auch einen Austausch untereinander bieten. Das Format, das wir hierfür entwickelt haben, nannten wir „Parcours“. Es ähnelt ein bisschen einem Stuhltanz, zumindest insofern, dass es mehrere Stühle gibt, Musik gespielt wird, sich alle durch den Raum bewegen und wenn die Musik stoppt, man sich zu einem Stuhl begeben muss. Damit sind die Gemeinsamkeiten zum Stuhltanz aber schon erschöpft. Denn erstens sollten sich an jedem Stuhl immer mehrere Leute treffen. Zweitens schied niemand aus, sondern auf dem Stuhl lag ein Zettel mit einer Herausforderung zum Thema Haltung, die man gemeinsam angehen sollte. Die Herausforderungen waren teilweise etwas zum Machen (Beispiel: Haltung auch körperlich zeigen und etwas balancieren oder pantomimisch vorspielen), zum Erzählen (Beispiel: In welchen Momenten in deinem beruflichen Alltag bist du dir unsicher, wie du dich verhalten sollst?) oder zur Reflexion (Beispiel: Wo „wohnt“ deine pädagogische Haltung, wie sieht sie aus?). Die Runden zur Bewältigung der Herausforderungen dauerten immer nur ein paar Minuten. Dann setzte wieder Musik ein, die Kolleg*innen konnten sich wieder bewegen, neu mischen und zur nächsten Herausforderung zusammenfinden.

    Beispiel für eine Stuhl-Station im Parcours

    Nach einer Dreiviertelstunde hatten alle ein erstes Bild zum Thema pädagogische Haltung und waren mit vielen anderen Kolleg*innen ins Gespräch gekommen.

    3. Input und Übung zu den Reckahner Reflexionen

    Nach dem sehr interaktiven Einstieg war eigentlich ein Input von Annedore Prengel im Plenum geplant, die aber wegen Krankheit nicht teilnehmen konnte. Als Alternative wurde ein Video mit ihr geschnitten und gezeigt, in dem sie die sogenannten Reckahner Reflexionen vorstellt.

    Die Reckahner Reflexionen sind zehn Leitlinien, die als Orientierung für gute Beziehungen in pädagogischen Settings dienen können. Sie wurden über mehrere Jahre von einem Kreis engagierter Pädagog*innen aus der Menschenrechtsbildung erarbeitet und von Annedore Prengel initiiert. Mein Eindruck war, dass die Leitlinien zunächst sehr unspektakulär und fast schon selbstverständlich wirken. Wenn man jedoch darüber reflektiert und vor allem miteinander ins Gespräch kommt, merkt man schnell, wie viel darin steckt und wie hilfreich sie zur Orientierung sein können.

    Ich dokumentiere die Reckahner Reflexionen hier als H5P-Inhalt, sodass du sie auch gut weiterverwenden und z. B. anderswo einbetten und verbreiten kannst:

    Im Video-Impuls wies Annedore Prengel darauf hin, dass in empirischen Untersuchungen, die im Kontext der Erarbeitung durchgeführt wurden, herauskam, dass rund 25 Prozent aller pädagogischen Interaktionen (zwischen erwachsenen Lehrenden und jüngeren Lernenden) nicht den Reckahner Reflexionen entsprechen, weil sie entweder lediglich neutral oder sogar negativ für die pädagogischen Beziehungen einzuordnen sind. Besonders besorgniserregend ist, dass diese Interaktionen oft nicht zufällig oder aus der Not heraus passieren (z. B. aus Zeitmangel oder aufgrund gelegentlicher Fehler), sondern dass sie z. B. bei Hospitationen bewusst so vorgeführt werden. Die Lehrpersonen scheinen also davon überzeugt zu sein, dass sie mit der Missachtung der Reckahner Reflexionen gut und richtig handeln.

    Aus Sicht von Annedore Prengel könnten drei Aspekte hier helfen:

    1. Das Thema pädagogische Beziehungen und Haltung sollte immer wieder und auch schon in der pädagogischen Ausbildung, thematisiert werden.
    2. Es sollte eine gute und konstruktive Feedback-Kultur im Kollegium etabliert werden. Man muss sich gegenseitig sagen können, wenn man denkt, dass sich ein*e Kolleg*in falsch verhält.
    3. Es sollte mehr „Kunstfehlerlehre“ in der Pädagogik etabliert werden, d. h. dazu forschen, welche typischen und häufigen Fehler im Kontext von pädagogischen Beziehungen gemacht werden und wie man damit umgehen kann.

    Neben dem wertvollen Input fand ich es bemerkenswert, wie gut und resonanzreich der Video-Impuls funktionierte. Das hätte ich so nicht erwartet.

    ‚Anmoderation‘ des Video-Impuls von Annedore Prengel

    Anschließend bildeten wir Kleingruppen, um uns vertiefter mit den Reckahner Reflexionen auseinanderzusetzen. Jede Gruppe erhielt dazu als Material mehrere Karten, auf denen typische und fiktive pädagogische Beziehungssituationen geschildert wurden. Die Aufgabe war, zu überlegen, welche der zehn Leitlinien in der jeweiligen Situation beobachtet werden kann.

    Fiktive pädagogische Beziehungssituationen zur Reflexion

    Das funktionierte ziemlich gut. Im Ergebnis hatten zumindest in meiner Gruppe alle Beteiligten ein gutes Verständnis der Leitlinien.

    4. Input von Katrin Halfmann und anschließende Fragerunde

    Nach einer Kaffeepause gab es einen zweiten Input, diesmal von Katrin Halfmann, die vor Ort war. Sie fokussierte sich auf die Frage der praktischen Umsetzung: „Wie komme ich zu einer guten pädagogischen Haltung?“

    Besonders prägnant fand ich ihre Aussage, dass es in herausfordernden Situationen normal ist, den Impuls zu spüren, einer spontanen Erstreaktion zu folgen. Wenn also z. B. ein Kind auf einen freundlichen „Guten Morgen“-Gruß reagiert, indem es einem entgegen schleudert, man solle sich „verpissen“, dann wird die Erstreaktion wahrscheinlich sein, dass man verletzt, verärgert oder überrumpelt ist und das Kind direkt maßregeln möchte. Für eine gute pädagogische Haltung und die Möglichkeit eines Beziehungsaufbaus zum Kind ist es jedoch hilfreicher, erst einmal durchzuatmen und sich zu fragen: Was ist der Hintergrund dieser Situation? Warum agiert das Kind so? Und zweitens: Was braucht das Kind in dieser Situation bzw. was will es uns mitteilen? Mit diesen Überlegungen ist eine reflektierte, pädagogische Reaktion möglich, die den Teufelskreis von Störungen und Maßregelungen durchbricht.

    Katrin Halfmann arbeitet hierfür viel mit dem Bild eines „inneren Teams“. In herausfordernden Situationen melden sich verschiedene innere Stimmen zu Wort, und es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um auch die Stimmen zu hören, die nicht der spontanen Erstreaktion folgen. Dabei muss man stets die Balance zwischen Engagement für das Kind und Selbstschutz finden.

    Nach einer Fragerunde zu diesem Input folgte eine ausführliche Mittagspause.

    5. Lerngewusel

    Nach dem inhaltsreichen Vormittag war der Nachmittag mit einem sogenannten „Lerngewusel“ offener gestaltet. Hier konnte man zwischen Workshops, Gesprächsrunden oder dem individuellen Stöbern in Büchern und Materialien zum Thema wählen oder sich auch am Lagerfeuer austauschen. Besonders gelungen fand ich, dass auch Bündnispartner*innen außerhalb der Institutionen für Angebote angefragt wurden. Auch ich habe so z. B. eine Gesprächsrunde zu „Haltung und Digitalisierung“ angeboten (dazu schreibe ich in einem extra Blogbeitrag, da ich es sehr spannend fand). Weitere Angebote kamen von „Endstation Rechts“ oder dem „Ökohaus Rostock“. So wurde das Thema „Pädagogische Haltung“ sehr breit gefächert und Verbindungen zu Themen wie Demokratiebildung, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung hergestellt.

    Die Lerngewusel-Angebote waren teils fortlaufend, teils nur eine halbe Stunde lang oder über die gesamten 1,5 Stunden. So war es gleichermaßen herausfordernd wie bereichernd, aus der Fülle der Möglichkeiten ein Programm zusammenzustellen.

    6. Abschluss im Plenum und Ausschwingen

    Am Nachmittag kamen alle noch einmal im Plenum für einen gemeinsamen Abschluss zusammen. Ursprünglich hatten wir überlegt, hier noch eine längere, gemeinsame Reflexion mit Ausblick zu machen, aber unsere Einschätzung, dass nach so viel Input ein kürzeres Format besser wäre, stellte sich als richtig heraus. So beschränkten wir uns auf ein kurzes „Silent Writing“, bei dem alle für sich relevante Aspekte notieren konnten, die sie mitnehmen wollten. Anschließend konnte man sich darüber in kleinen Gesprächsrunden austauschen. Den Abschluss bildete ein weiteres „Winkgewusel“, diesmal mit Fragen zum Tag, was zugleich eine Brücke zum Einstieg schlug.

    Nach dem offiziellen Programm blieb noch Zeit für ein gemeinsames „Ausschwingen“ mit Kaffee, Kuchen und Kaltgetränken. 🙂

    Fazit

    Ich fahre sehr erfüllt von meinem Besuch in Rostock nach Hause. Vielen Dank an alle Beteiligten! Für dich kann der Blogbeitrag vielleicht ein Anstoß sein, das Thema „Pädagogische Haltung“ auch in deinem Kollegium anzuregen. Und/oder du kannst unseren Lernparcours oder das Lerngewusel als methodische Ideen mitnehmen, die sich sicherlich auch gut auf andere Kontexte übertragen lassen.

    #NeueLernkultur #Veranstaltungsberichte

  10. Selbstlernkompetenz und KI

    #Lernangebote

    Mini-Impuls für lernende Lehrende

    🔗 https://ebildungslabor.de/b/2AJ

    (Antworten auf diesen Beitrag erscheinen nach Freigabe auf dem Blog als Kommentar).

  11. Einladung zum EduBuchklub

    Vor einigen Tagen bin ich im Fediverse auf die (nicht wirklich neue) Idee von Buchklubs bzw. Lesekreisen gestoßen. Da ich schon lange nach Möglichkeiten suche, grundlegende Fragen der Pädagogik zu erörtern und Perspektiven für die Gestaltung guten Lernens zu entwickeln, die über das alltägliche Handeln hinausgehen, fand ich diese Idee für mich sehr spannend.

    Die Idee: Gemeinsam lesen und lernen

    Für diejenigen, die Buchklubs nicht kennen, ist die Idee schnell erklärt: Man wählt ein gemeinsames Buch aus. Jede beteiligte Person liest das Buch für sich. Nebenbei oder abschließend tauscht man sich mit den anderen Lesenden darüber aus.

    Um das Ziel einer umfassenden Perspektive, einer grundlegenden Auseinandersetzung und des Weiterdenkens in der Bildung zu erreichen, war es mir wichtig, dass der von mir angestrebte pädagogische Buchklub einen explizit bildungsbereichsübergreifenden Ansatz verfolgt und Pädagogik in einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive betrachtet. Für mich bedeutet ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz, dass Lernen nicht isoliert stattfindet, sondern die Herausforderungen unserer Gegenwart in den Blick nehmen muss und dass gute Bildung immer auf gesellschaftliche Handlungsfähigkeit abzielt.

    Vom Format her war mir ein offener und niederschwelliger „online-first“-Ansatz wichtig, da ich als Solo-Selbstständige kein festes Team oder Kollegium habe und meine Kommunikation überwiegend im Internet stattfindet.

    Eine schnelle Recherche und Abfrage ergab, dass es bisher anscheinend keinen pädagogischen Buchklub mit dieser Ausrichtung gibt. Deshalb lag es nahe, selbst etwas zu initiieren. Mit Gabi Fahrenkrog habe ich schnell eine Mit-Gastgeberin gefunden. Wir beide sind nun sehr gespannt, das Experiment eines pädagogischen Buchklubs zu starten. Wir nennen ihn „EduBuchklub“.

    Die Gestaltung: Struktur, Dezentralität und Offenheit

    Der EduBuchklub basiert auf drei Prinzipien, die sich bereits in vielen Projekten bewährt haben: Struktur, Dezentralität und Offenheit.

    Struktur: Rahmen für gemeinsames Lernen

    Struktur bedeutet, dass es einen klaren Rahmen gibt, in dem sich das gemeinsame Lernen und Lesen entfalten kann. Für den EduBuchklub gelten fünf einfache Regeln:

    Buchvorschläge werden offen gesammelt. Jeden Monat wird ein Buch davon zum Lesen ausgewählt.
    Wer mitlesen möchte, besorgt sich das Buch und liest es in seinem eigenen Tempo.
    Der Austausch zum Buch während des Lesens kann über den Hashtag #EduBuchklub, in einer dafür eingerichteten Signal-Gruppe oder selbstorganisiert stattfinden.
    Zum Abschluss jeder Lektüre treffen wir uns am Ende des Monats online für eine gemeinsame Reflexion.
    Die inhaltliche Klammer bildet die Gestaltung guter Bildung in gesamtgesellschaftlicher Perspektive.

    Für Gabi und mich bedeutet gutes Gastgeben, dass wir uns verantwortlich fühlen, diese Struktur zu gestalten und die dazu nötigen koordinierenden und moderierenden Aufgaben zu übernehmen.

    Dezentralität: Raum für individuelle Gestaltung

    Innerhalb dieser Struktur kann jede Person den EduBuchklub so gestalten, wie es für sie am besten passt. Insbesondere können alle selbst entscheiden, wann sie teilnehmen, ob sie sich in der abschließenden Videokonferenz und/oder auf einer selbst gewählten Social Media Plattform austauschen, ob sie sich zusätzlich vor Ort mit weiteren Kolleg*innen treffen, ob sie von ihrer Lektüre öffentlich in einem Blog berichten oder ob sie sich nur für sich selbst mit dem gewählten Buch beschäftigen …

    Übergreifende Angebote und damit die gemeinsame Klammer sind wie dargestellt ein gemeinsames Buch pro Monat, der Hashtag #EduBuchklub, eine Signal-Gruppe und ein abschließender Call zum Monatsende.

    Offenheit: Niederschwellige Beteiligung

    Durch die sehr minimalistische Struktur, die flexible Beteiligung ermöglicht, in Kombination mit nur einem festen, synchronen Online-Termin pro Monat (der ja auch optional ist), hoffen wir, dass der pädagogische Buchklub für viele Menschen eine gute Möglichkeit zum Lernen und Weiterdenken bietet. Was sich daraus mit der Zeit entwickelt, wer und wie viele sich beteiligen und wie wir darin lernen können, ist offen – und wir sind sehr neugierig darauf.

    Mitmachen: Lass uns gemeinsam starten!

    Du hast Lust, dabei zu sein? Das für September 2024 ausgewählte Buch ist „Die Welt verändern lernen. Bildung als Praxis der Freiheit.“ von bell hooks. Alle weiteren Infos findest du auf der Website EduBuchklub.de. Ich freue mich auf Menschen mit vielfältigen Perspektiven und Interesse am gemeinsamen Lesen und Lernen.

    #NeueLernkultur #Selbstreflexion

  12. Was bringen Vorab-Umfragen unter den Teilnehmenden eines Lernangebots und wie lassen sie sich gut gestalten?

    Im Vorfeld von Lernangeboten in der Erwachsenenbildung sende ich den angemeldeten Teilnehmenden oft per Mail eine kleine Umfrage und bitte sie darin, anonym eine Handvoll Fragen zu beantworten. In diesem Blogbeitrag teile ich, warum ich solche Vorab-Umfragen für sinnvoll halte und mit welchen praktischen Ausgestaltungen ich gute Erfahrungen gemacht habe. Außerdem ergänze ich, welche Tools sich dafür gut verwenden lassen und was ansonsten bei der Durchführung zu beachten ist.

    Eine Einschränkung gleich vorab: Wenn man solche Vorab-Umfragen durchführt, ist es zwingend erforderlich, dass erstens das Lernangebot den entsprechenden Spielraum bietet, die Ergebnisse der Umfrage in der Konzeption auch zu berücksichtigen. Zweitens muss man sich selbst die Zeit dafür einplanen. Andernfalls sind Vorab-Umfragen nur Zeitverschwendung für alle Beteiligten, und die Teilnehmenden fühlen sich wahrscheinlich auch veralbert. Bei mir passen Vorab-Umfragen oft bei Lernangeboten, die auf mehr als zwei Stunden angelegt sind und sehr partizipativ und praxisorientiert gestaltet werden sollen.

    Gute Gründe für Vorab-Umfragen bei Lernangeboten

    Bei den Gründen für Vorab-Umfragen lässt sich zwischen der Perspektive der Teilnehmenden und der Lehrenden unterscheiden.

    Wenn ich mich als Teilnehmerin zu einem Lernangebot anmelde, erhalte ich vorab meistens einige organisatorische Informationen und Hinweise zur geplanten Durchführung. Beides trägt nur wenig dazu bei, dass ich dazu angeregt werde, selbst Verantwortung für meinen Lernprozess zu übernehmen. Genau das passiert jedoch mit einer Umfrage. Hier konsumiere ich nicht nur Informationen, sondern setze mich aktiv mit dem bevorstehenden Lernangebot auseinander, reflektiere mein Lernziel und rekapituliere vielleicht auch Vorerfahrungen und Vorwissen. Wenn solch eine Umfrage gut gemacht ist, steigert sie zusätzlich die Vorfreude auf die Veranstaltung.

    Wenn ich als Lehrende im Vorfeld eine Umfrage durchführe, hilft mir das sehr, die Gruppe zumindest ein wenig kennenzulernen: Welches Vorwissen gibt es? Wo liegen inhaltliche Schwerpunkte und Interessen? Welche besonderen Wünsche und Bedürfnisse gibt es? Natürlich ließen sich solche Informationen auch im direkten Gespräch mit den Auftraggeber*innen klären. Ich mache jedoch immer wieder die Erfahrung, dass ich über den direkten Weg der Umfrage ein anderes Bild von der Gruppe erhalte, als wenn ich nur mit den auftraggebenden Personen spreche. Auf den Ergebnissen der Umfrage kann ich meine Konzeption dann deutlich besser, weil realistischer, aufbauen. Hinzu kommt, dass ich einige der mit der Umfrage erhaltenen Antworten auch direkt im Lernangebot methodisch weiterverwenden kann. Auf diese Weise werden die Teilnehmenden zu Ko-Gestalterinnen des Lernangebots.

    Vorab-Umfragen finde ich bei vielen Themen hilfreich. Gerade aktuell im Kontext der KI-Debatte stelle ich häufig fest, dass es sehr unterschiedliche Vorerfahrungen in Lerngruppen und auch innerhalb einer Lerngruppe gibt. Da sind solche Umfragen besonders wertvoll.

    Praktische Ideen zur Weiternutzung

    Vorab-Umfragen bei Lernangeboten können sehr unterschiedlich gestaltet werden. Wichtig ist, dass die Umfrage niederschwellig erreichbar ist und die Teilnehmenden die Fragen recht schnell beantworten können. Maximal fünf Fragen scheinen mir eine gute Richtschnur für den Umfang zu sein. Ich nutze darin oft die folgenden Ansätze:

    1. Begriffe abfragen

    Begriffe abzufragen funktioniert gut, wenn das Lernangebot ein klar umrissenes Thema hat, zum Beispiel Open Educational Resources (OER), Kollaboration, Künstliche Intelligenz, Kreativität … Meine Frage lautet dann ganz simpel: Welche maximal drei Begriffe verbinden Sie mit dem jeweiligen Thema?

    Ich mag diese Frage, weil sie eine sehr niederschwellige Art ist, die Teilnehmenden auf das Thema einzustimmen. Bei Veranstaltungen mit Einsteiger*innen habe ich bereits die Rückmeldung erhalten, dass die Frage der Anlass war, um das Thema überhaupt erst einmal zu googeln. Andere Teilnehmende haben schon bestimmte Vorstellungen im Kopf und können diese dann aufschreiben. In beiden Fällen findet bereits vorab eine selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem Thema statt.

    Um darauf im Lernangebot aufzubauen, sind unterschiedliche Methoden denkbar:

    • Eine Wortwolke daraus gestalten und in der Ankommenszeit als Gesprächsanlass nutzen. Entweder indem sie einfach gezeigt wird oder indem Teilnehmende mit Klebepunkten oder Stiften markieren, welche Begriffe sie besonders wichtig finden.
    • Die Begriffe auf Karten schreiben und an jede Person eine Karte verteilen bzw. eine Karte auswählen lassen. Der Einstieg kann dann so gestaltet werden, dass alle durch den Raum gehen und das Gespräch mit anderen Personen suchen. Sie fragen dann jeweils die andere Person, was sie denkt, warum der erhaltene Begriff relevant für das Thema ist (oder ob die Gesprächsperson ihn auch gar nicht als relevant erachtet). Anschließend werden die Karten getauscht und neue Gesprächspartner*innen gesucht.
    • Eine aus den Begriffen gestaltete Wortwolke wird erst zum Abschluss präsentiert, und die Teilnehmenden werden eingeladen, weitere Begriffe zu ergänzen, die sie nun auf Basis des erlebten Lernangebots hinzufügen würden.

    2. Kompetenzbasierte Selbsteinschätzungen

    Besonders wichtig ist es für mich bei Lernangeboten, die auch viel Input enthalten, vorab Informationen über den Kenntnisstand der Teilnehmenden und ihre Erfahrungen mit dem Thema zu erhalten. Früher habe ich das oft über eine Selbsteinschätzung abgefragt. Zum Beispiel: „Wie gut kennst du OER?“ und dann mehrere Antwortmöglichkeiten: Noch nie gehört / Den Begriff kenne ich / Ich arbeite hin und wieder damit / Ich bin wahrscheinlich schon (fast) Expert*in. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, die Abfrage zumindest ergänzend auch kompetenzbasiert zu gestalten. Dazu greife ich eine typische Sache heraus, die bei dem Thema relevant ist, und frage das ab, zum Beispiel bei OER: „Ich weiß, wie ich die TULLU-Regel zur Weiternutzung von OER anwende.“ Mögliche Antworten wären dann: TULLU und OER? Noch nie gehört! / Ja, so ungefähr müsste ich das hinbekommen / Ja, weiß ich und nutze es auch in meiner Praxis.
    Bei KI könnte ich z.B. fragen: „Ich habe ein KI-Sprachmodell schon einmal als Sparringpartner genutzt, um ein Unterrichtsmaterial vorzubereiten.“ Antworten könnten sein: Nein, noch nie. / Ja, habe ich zumindest versucht / Ja, hat ganz gut geklappt / Ja, mache ich häufiger.

    Der Vorteil gegenüber reinen Selbsteinschätzungen ist, dass ansonsten sehr häufig das Mittelfeld dominiert, was nicht verwunderlich ist, da die Teilnehmenden oft noch gar nicht wissen, was genau zu einem Thema dazugehört.

    Die Ergebnisse dieser Antworten nutze ich vor allem für die Konzeption der Veranstaltung.

    • Wenn es deutlich mehr Einsteiger*innen als erfahrene Lernende gibt, plane ich Zeit für einen grundlegenden Einstieg für alle ein. Das kann auch flipped erfolgen und/oder ich mache es gegenüber den Lernenden transparent, dass es jetzt um einen Einstieg geht und dass die, die das alles schon kennen, sich anderweitig beschäftigen können und/oder schon mit einer später geplanten Stationenarbeit beginnen können.
    • Wenn Einsteiger*innen und erfahrene Lernende etwa gleich verteilt sind, wähle ich oft einen Peer-to-Peer-Ansatz. In diesem Fall teile ich die Lernenden in Gruppen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen ein und lasse sie sich die Grundlagen gemeinsam erarbeiten bzw. festigen.
    • Wenn es nur wenige Einsteiger*innen gibt, biete ich ein spezielles Angebot für diese im Rahmen eines ansonsten sehr selbstbestimmten und austauschorientierten Konzepts an. Das kann so aussehen, dass ich bei einem Barcamp im ersten Session-Slot eine ‚Grundlagen-Session‘ anbiete oder einen ‚Newbie‘-Raum einrichte, wo man vorbeikommen und sich helfen lassen kann.

    3. Mein Lernziel

    Als Teilnehmerin finde ich es meistens etwas nervig, wenn meine Lernziele direkt zu Beginn der Veranstaltung abgefragt werden, wenn diese bereits losgeht. Das wirkt auf mich dann immer sehr gewollt, aber nicht gut gemacht, weil es zu diesem Zeitpunkt kaum noch möglich ist, das Angebot auf mein Lernziel hin anzupassen. (Ausnahmen sind hier natürlich Veranstaltungen, die ohnehin so konzipiert sind, dass ich frei und herausgefordert bin, mein eigenes Lernen zu gestalten, wie z.B. bei Barcamps). Anders ist es, wenn im Vorfeld der Veranstaltung nach meinem Lernziel gefragt wird. Dann bin ich eher bereit, mich darauf einzulassen, und merke immer wieder, dass dies eine sehr gute Methode ist, um mich selbst auf das Lernangebot vorzubereiten und später besser davon zu profitieren.

    Als Lehrende kann ich die gesammelten Lernziele aus einer Vorab-Umfrage sehr gut für die Konzeption nutzen. Zum Beispiel kann ich gezielt Inhalte kuratieren, die den Interessen der Lernenden entsprechen. Durch das Lesen der formulierten Lernziele erfahre ich auch viel über die Haltung der Teilnehmenden zum Lernen. Wünschen sie sich beispielsweise eher Austausch oder erwarten sie viel Input? Sind sie skeptisch gegenüber dem Thema eingestellt oder offen? Solche Informationen kann ich bei der Konzeption berücksichtigen. Manches Mal auch auf dem Weg, dass ich anders vorgehe, als von den Teilnehmenden gewünscht (z.B. mit mehr Austausch, statt mit Input), aber dann begründe, warum ich diesen Weg vorschlage.

    4. Fragen sammeln

    Ähnlich wie das Aufschreiben der Lernziele funktioniert auch die Methode des Sammelns von Fragen. In der Vorab-Umfrage bitte ich die Teilnehmenden, eine möglichst konkrete Frage zu formulieren, die sie im Lernangebot beantwortet haben möchten. Solche Fragen nutze ich gerne für die Durchführung eines Mini-Barcamps während des Lernangebots. Dieses platziere ich im letzten Veranstaltungsdrittel, wenn sich die Teilnehmenden bereits intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Ich drucke alle erhaltenen Fragen aus, versehe sie mit einem QR-Code zu einem Etherpad für die Dokumentation und stelle sie in einem Aufsteller bereit. Diese Aufsteller kommen dann in die Mitte eines Stuhlkreises, und die Teilnehmenden werden eingeladen, die Frage, die ihnen am relevantesten erscheint, zu ‚adoptieren‘. Das muss nicht zwingend die eigene Frage sein. ‚Adoptieren‘ bedeutet, dass sie den Aufsteller mit der jeweiligen Frage nehmen und sich damit an einen Tisch begeben. Wenn alle Tische besetzt sind, können sich die übrigen Teilnehmenden dort anschließen, wo sie gerne mitlernen und mitdiskutieren möchten. Es ist auch sinnvoll, ein paar ‚Joker‘-Aufsteller bereitzuhalten, auf denen Fragen eingetragen und diskutiert werden können, die sich erst im Laufe des Lernangebots ergeben haben.

    Damit solch ein Mini-Barcamp gut funktioniert, übertrage ich die Fragen aus der Vorab-Umfrage nicht wortwörtlich, sondern fasse sie zusammen, sodass sich mehr Menschen darin wiederfinden können. Einige Fragen bleiben erfahrungsgemäß trotzdem übrig, d.h., sie werden nicht weiter diskutiert, was aber nicht schlimm ist, wenn sie offensichtlich für niemanden mehr relevant sind.

    Diese Methode kann man auch an ein World-Café-Format anlehnen. In diesem Fall gibt es mehrere Runden. Die Teilnehmenden, die Fragen adoptiert haben, bleiben an den Tischen sitzen oder geben diese Aufgabe an eine andere Person weiter. Die anderen Teilnehmenden suchen sich einen neuen Tisch.

    5. Meine Bedürfnisse

    Zu einer Vorab-Umfrage gehört unbedingt auch die Abfrage besonderer Bedürfnisse. Das entbindet einen nicht von der Verantwortung, die Veranstaltung insgesamt so inklusiv wie möglich zu gestalten, hilft aber dabei, auf bestimmte Anforderungen besonders Wert zu legen. Ich formuliere die Frage nach besonderen Bedürfnissen gerne gegenteilig, also nicht: „Hast du besondere Bedürfnisse, die ich berücksichtigen sollte?“, sondern besser: „Welche Barrieren/Grenzen würden dich an einer guten Teilnahme an dem Lernangebot hindern?“ Auf diese Weise wird die Verantwortung eher auf die Gestaltung und nicht auf die Person gelegt, die besondere Bedürfnisse anmeldet. Außerdem erhalte ich auf diese Weise erfahrungsgemäß oft sehr viel konkretere Antworten.

    6. Wünsch dir was …

    Meine Abschlussfrage in der Umfrage lautet meistens: „Was wünschst du dir ansonsten noch für das Lernangebot?“ Viele lassen dieses Feld frei. Wenn jedoch etwas eingetragen wird, bringt mich das oft auf gute Ideen für die Konzeption. Beispielsweise habe ich schon den Wunsch gelesen, dass eine teilnehmende Person etwas möglichst Konkretes mitnehmen wollte, was dann in einem kleinen ‚Nachklapp-Programm‘ nach dem Lernangebot resultierte. Oder es gab den Wunsch nach Zeit im Freien, was zu einem Peer-Spaziergang mit vorbereiteten Lernmaterialien führte.

    Tools für Abfragen und Hinweise zur Durchführung

    Zur Gestaltung von Vorab-Umfragen genügt ein einfaches Abfragetool, vor allem da ich keine umfangreiche empirische Auswertung vorhabe und es auch keine Sicherheitsvorkehrungen geben muss, z.B. dass jede Person die Abfrage nur einmal beantwortet. Ich nutze meistens ein Formular direkt über meine eigene Website. Wenn für das Lernangebot eine Extra-Website gestaltet ist, ist es sinnvoll, das Formular direkt dort zu platzieren. Bei WordPress nutze dafür das (leider kostenpflichtige) Plugin Gravity Forms, das sich für mich vor allem lohnt, weil es die Funktionalität beinhaltet, aus Formulareinträgen direkt Beiträge auf der Website generieren zu lassen. Alternativ könnte man eine Umfrage auch über BitteFeedback oder die Formularmöglichkeit in Cryptpad gestalten – oder eben über die Tools, die man ansonsten nutzt und die man den Lernenden guten Gewissens empfehlen kann.

    Abschließend noch ein paar Stichpunkte zur Durchführung:

    • Voraussetzung für Vorab-Umfragen ist natürlich, dass die Teilnehmenden bekannt sind. Bei größeren Veranstaltungen ist das meist der Fall, weil es entweder eine Anmeldung gibt oder es eine feste Gruppe ist z.b. das Kollegium einer Schule. Im Fall von letzterem lasse ich meine Mail oft von den Verantwortlichen an der Schule an das Kollegium weiterleiten, weil Adressweitergabe aus Datenschutzgründen oft nicht sinnvoll ist. Bei ganz offenen Angeboten ohne Anmeldung bin ich schon so vorgegangen, dass Teilnehmende den Link zur Umfrage neben den weiteren Infos zur Veranstaltung fanden und zur Beteiligung eingeladen wurden.
    • Ich nutze die Vorab-Umfrage gerne in Kombination mit einer kurzen, eigenen Vorstellung und ein paar Worten zum geplanten Lernangebot. Dazu lässt sich z.B. ein schnelles Video aufzeichnen, in dem ich ‚Hallo‘ sage und ein paar erläuternde Sätze gebe. Dieses platziere ich dann direkt über der Umfrage, was das Ganze sehr viel persönlicher macht und auch den Teilnehmenden zeigt, dass es nicht nur pro forma Fragen sind.
    • Die Vorab-Umfrage sollte zeitlich möglichst dicht am Lernangebot liegen. Ich finde eine Woche vorher ideal. Als Frist zur Beantwortung gebe ich meist einen Tag vorher an und plane mir dann noch am Abend vorher die Zeit ein, die letzten Antworten, die noch eintreffen, mit zu berücksichtigen.
    • Ich finde es wichtig, in der Umfrage transparent zu machen, dass die eingegebenen Inhalte im Lernangebot weiter genutzt werden. Da die Eingabe anonym erfolgt, war das bisher noch für niemanden ein Problem.
    • Meistens gebe ich zusätzlich zur Umfrage noch meine E-Mail-Adresse an, falls jemand lieber auf diesem Weg und dann persönlich mit mir Kontakt aufnehmen möchte.

    Fazit: Und Du?

    Zusammenfassend kann ich für mich festhalten, dass ich Vorab-Umfragen für mich sowohl in der lernenden, als auch in der lehrenden Rolle in der Erwachsenenbildung sehr lohnend finde. Wie siehst du das? Welche Erfahrungen machst du damit? Ich freue mich, darüber zu lesen.

    Beitragsbild: Teilnehmende während eines Mini-Barcamps (aufgenommen beim Pre-Workshop des OERcamp im März 2024 in Hamburg)

    #MethodenLernformate #NeueLernkultur

  13. #Hamburg erlaubt allen Schulen, auf Zensuren zu verzichten. Voraussetzung ist, dass sie einen zweijährigen Schulentwicklungsprozess durchlaufen.
    #NeueLernkultur #Schulentwicklung #fedilz
    taz.de/Neue-Lernkultur-in-Hamb

  14. Mit dem Wertequadrat die eigene Haltung reflektieren

    In Katrin Halfmanns Buch zu pädagogischer Haltung bin ich auf das Instrument des Wertequadrats gestoßen. Ich empfinde dieses Instrument für mich als sehr hilfreich, um über die eigene pädagogische Haltung zu reflektieren. Deshalb stelle ich es in diesem Blogbeitrag vor. Vielleicht ist es auch für dich hilfreich und/oder du kannst es gemeinsam mit Kolleg*innen nutzen.

    Was ist das Wertequadrat?

    Die grundsätzliche Idee des Wertequadrats lässt sich lange zurückverfolgen. Schon Aristoteles hatte überlegt, dass jede Tugend immer eine gegenteilige Tugend hat, mit der sie ausbalanciert sein muss, so dass sie hilfreich umgesetzt wird. Zugleich gebe es bei jeder Tugend auch ein Übermaß, mit dem eine Tugend in etwas Negatives umschlägt. Genau diese Grundgedanken führen zum Wertequadrat, wie es heute verwendet wird.

    Am besten lässt sich das an einem Beispiel erläutern:
    Mir ist im Kontext der Digitalisierung Offenheit für Neues sehr wichtig. Zugleich weiß ich aber, dass es immer auch kritischer Reflexion bedarf, um nicht naiv auf technologische Hypes aufzuspringen. Die beiden Tugenden meines Wertequadrats wären in diesem Fall also Offenheit für Neues und kritische Reflexion. Beide Tugenden wirken dann optimal, wenn es mir gelingt, sie gut auszubalancieren.

    Wenn mir das nicht gelingt und ich mich auf der imaginären Wippe also zu sehr auf die eine oder auf die andere Seite bewege, kippt die Wippe und die frühere Tugend schlägt in ihre Untugend um.

    Wenn ich also über meine Aufgeschlossenheit für Neues die ebenfalls nötige kritische Reflexion vergesse, dann droht die Tugend der Aufgeschlossenheit in naive Euphorie umzuschlagen:

    Wenn ich dagegen den Fokus zu weit auf kritische Reflexion lege und dabei Aufgeschlossenheit vergesse, dann kann pauschale Ablehnung die Folge sein:

    Das vollständige Wertequadrat besteht somit also aus den beiden Tugenden, die ich gut balancieren muss, damit sie nicht in ihre jeweilige Untugend umschlagen:

    Wie lässt sich das Wertequadrat nutzen?

    Ich finde das Wertequadrat sehr hilfreich zur Reflexion der eigenen Haltung. Das funktioniert besonders dann gut, wenn man das Quadrat nicht statisch versteht, sondern als Entwicklungsmöglichkeit. Die Wippe zeigt einem dann jeweils an, in welche Richtung man sich mehr bewegen müsste. Wenn ich also – wie im obigen Beispiel dargestellt – zu viel Aufgeschlossenheit und zu wenig kritische Reflexion in meiner Praxis nutze, dann kippt die Wippe auf die Untugend ’naive Euphorie‘ und zeigt zugleich in Richtung kritische Reflexion. Genau in diese Richtung sollte ich mich dann mehr bewegen.

    So wie ich in diesem Blogbeitrag ein Wertequadrat zum Thema ‚Umgang mit Neuem‘ dargestellt habe, lässt sich das Instrument auch auf viele andere Themen übertragen. Im Prinzip lässt sich jede Tugend, die man bei sich beobachtet, entsprechend reflektieren. Das bedeutet, dass zunächst nach einer Schwesterntugend gesucht und dann überlegt wird, was jeweils die Untugenden dazu wären. Schließlich kann man reflektieren, ob das entstandene Wertequadrat gut ausbalanciert ist oder ob man sich auf der Wippe weiter in eine andere Richtung bewegen sollte.

    Das Wertequadrat eignet sich sicherlich nicht nur zur individuellen Reflexion, sondern auch um in einem Team über die jeweilige pädagogische Kultur und die zugrundeliegenden Haltungen nachzudenken. In diesem Fall ist es besonders schön, dass nicht eine einzelne Person die Tugenden ausbalancieren muss, sondern dass das auch durch unterschiedliche Perspektiven und Schwerpunkte von allen Beteiligten gelingen kann. Wenn zum Beispiel viele im Kollegium sehr aufgeschlossen gegenüber Neuem sind, dann ist es sehr hilfreich, dass es auch einige Menschen gibt, die in dieser Situation kritische Reflexion beisteuern. Diesen Perspektiven dann mit Wertschätzung zu begegnen, kann ein weiteres Ergebnis der Reflexion mithilfe des Wertequadrats sein.

    Warum finde ich das Wertequadrat hilfreich?

    Für mich schließt sich mit dem Wertequadrat eine gedankliche Lücke, die ich häufiger empfunden habe, wenn ich mir im Kontext einer komplexen Welt die Notwendigkeit von ‚Sowohl als auch‘-Denken statt ‚Entweder Oder‘-Denken vergegenwärtigt habe. Ich fand das immer stimmig, aber ein bisschen war es mir dann oft auch zu beliebig. Mit dem Wertequadrat wird nun ein ‚Sowohl als auch‘-Denken mit der Orientierung des Ausbalancierens verbunden.

    Fazit: Ausprobieren

    Ich habe damit begonnen, bei pädagogischen Situationen, über die ich reflektiere, zu überlegen, welche Bezeichnungen hier jeweils für ein Wertequadrat passen würden. Das Raster sieht dabei immer identisch aus:

    Wenn du für dich mit dem Wertequadrat arbeiten willst, dann empfehle ich dir, das Instrument auch auf diese Weise anzuwenden. Berichte gerne, was du damit für Erfahrungen machst. Ich bin gespannt!

    #DigitaleMündigkeit #NeueLernkultur #Selbstreflexion

  15. Fünf hilfreiche Fragen bei der Gestaltung guter Bildung

    Die Gestaltung guter Bildung ist herausfordernd. Mir hilft dabei, wenn ich bei der Konzeption und Umsetzung über fünf Fragen reflektiere, die ich im Folgenden teilen und erläutern möchte. Diese Fragen sorgen unter anderem dafür, dass ich mich selbst nicht zu ernst nehme, das Rad nicht immer wieder neu erfinde, über den Tellerrand blicke, Strukturen hinterfrage, Lernende ermächtige sowie trotz widriger Umstände ins Machen komme und auch andere dazu ermutige.

    Frage 1: Was ist wichtig?

    Die Frage „Was ist wichtig?“ hilft mir, Orientierung in meinem Tun zu finden. Das ist für mich besonders hilfreich, wenn ich mich in inhaltlichen Themen bewege, zu denen ich selbst einiges weiß, weil ich viel dazu arbeite. Dann liegt es nahe, so viel wie möglich dieses Wissens weiterzugeben. In solchen Situationen versuche ich mir dann ins Bewusstsein zu rufen, warum ich eigentlich pädagogisch arbeite. Die grundlegende Antwort darauf lautet: Ich bin pädagogisch tätig, weil ich Menschen befähigen möchte, für sich und andere, jetzt und in Zukunft ein gutes Leben zu gestalten. Mit diesem Leitbild vor Augen fällt es mir dann leichter, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sehr oft bedeutet das für mich, den Fokus in meinen Lernangeboten nicht auf das ‚Was?‘, sondern auf das ‚Wie?‘ zu legen.

    Ein Beispiel dazu aus dem Bereich von Open Educational Resources (OER): Es gibt zu diesem Thema unwahrscheinlich viel, was rechtlich beachtet werden muss oder was man technisch lernen sollte, um Offenheit zu realisieren. Wenn ich mir aber die Frage stelle, was wirklich wichtig ist, dann steht an erster Stelle, dass Menschen praktische Erfahrungen mit dem Teilen machen können, dass sie von der Idee begeistert werden und dass sie anfangen, sich ein Netzwerk an offen-gesinnten Menschen aufzubauen, welches sie auch nach dem Lernangebot weiter trägt. Das wird kaum erreicht, wenn die Lernenden die meiste Zeit nur zuhören und von mir Input vermittelt bekommen – so entscheidend mir dieser Input auch erscheinen mag.

    Frage 2: Was gibt es schon dazu?

    Wenn ich etwas neu konzipiere, dann beginne ich meistens mit der Frage: „Was gibt es schon dazu?“ Denn eigentlich hat zu allen pädagogischen Herausforderungen schon einmal jemand etwas gemacht. Es ist deshalb weder nötig noch sinnvoll, das Rad immer wieder neu zu erfinden.

    Im Kontext von digitaler Bildung hat mir diese Frage beispielsweise sehr dabei geholfen, zu erkennen, dass eine vielfach geforderte Lernkultur der Digitalität in vielen Aspekten mit dem identisch ist, was in der Reformpädagogik schon seit sehr vielen Jahren gängige Praxis ist. Es wäre fahrlässig, nicht auf so viel gesammeltes und erprobtes Wissen aufzubauen.

    Die Frage nach dem, auf was man aufbauen kann, hilft auch dabei, nicht isoliert zu arbeiten, sondern direkt mit potenziellen Bündnispartner*innen vernetzt zu sein. Diese Erfahrung habe ich zum Beispiel im Kontext von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) oder Politischer Bildung gemacht. Ich bin auf zahlreiche Akteure mit viel Expertise gestoßen, die sich sehr freuen, wenn man mit arbeitet und dazu kommt.

    Frage 3: Wie könnte das ganz anders gestaltet sein?

    Routinen geben uns Orientierung. Zugleich sind wir in unseren Routinen immer auch ein bisschen gefangen. Denn oft sieht man vor lauter Routinen gar nicht mehr, wie etwas vielleicht auch ganz anders und besser gehen könnte. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Veränderung der Lernkultur. Wenn ich Ideen für selbstorganisiertes Lernen in Workshops oder Vorträgen vorstelle, dann bekomme ich oft zur Antwort, dass zur dazu erforderlichen individuellen Begleitung der Lernenden die Zeit fehle. Bei genauerem Hinsehen fehlt die Zeit dafür aber vor allem deshalb, weil die eigene Rolle als lehrende Person als die einer vermittelnden Person gedacht wird. Wer fast die ganze Stunde vorne vor der Klasse steht und etwas erklärt, hat natürlich keine Zeit, Lernende individuell bei ihren Lernprozessen zu begleiten. Wenn man Lernen aber ganz anders denkt, d.h. nicht im Sinne von Unterricht, dann wird die Aufgabe des Vermittelns plötzlich überflüssig. Zu so einem Weiterdenken kann die Frage „Wie könnte das ganz anders gestaltet sein?“ anregen. Sie lädt dazu ein, nicht nur auf das jeweilige Lernangebot zu blicken, sondern auch auf die Strukturen dahinter.

    Frage 4: Wie kann ich Kontrolle abgeben?

    Die oben skizzierte veränderte Rolle von Pädagog*innen bringt mich direkt zur nächsten Frage: „Wie kann ich Kontrolle abgeben?“ Das vorherrschende Bild von pädagogisch tätigen Menschen ist immer noch, dass sie Lernenden die Welt erklären. Tatsächlich bedeutet es aber, dass man Lernen gestaltet, begleitet und unterstützt. Die Frage nach dem Abgeben von Kontrolle erinnert mich bei der Konzeption von Lernangeboten genau daran. Ich stelle dann immer wieder fest, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt, als lehrende Person Kontrolle abzugeben und gerade dadurch gutes Lernen oft überhaupt erst zu ermöglichen. Vor dem Hintergrund der Frage nach der Abgabe von Kontrolle suche ich dann beispielsweise nach Methoden, wie Lernende sich ein Thema selbst erschließen, eigene Fragen entwickeln oder sich mit anderen austauschen und Peer-Feedback erhalten können.

    Frage 5: Wie könnte es trotz alledem gehen?

    Das Bildungssystem ist insgesamt betrachtet nicht in einem guten Zustand. An vielen Stellen fehlt es an zeitlichen und personellen Ressourcen, an Infrastruktur und an Offenheit für Neues. Sehr schnell kann das dazu verleiten, resigniert aufzugeben oder zumindest nichts Neues mehr zu versuchen. Dagegen hilft die Frage: „Wie könnte es trotz alledem gehen?“ Mit dieser Frage lenke ich den Fokus auf Ermöglichung statt auf Stillstand, Ablehnung und Blockade. Oft stelle ich dann fest, dass vielleicht nicht alles umsetzbar ist, was ich mir ursprünglich überlegt habe, aber dass durchaus viele erste, kleine Schritte möglich sind.

    Zusammenfassung zum Weiternutzen

    Die fünf dargestellten Fragen habe ich im folgenden H5P-Inhalt zusammenfassend dargestellt. Gerne kannst du ihn für dich weiter nutzen.

    Hast du andere bzw. weitere Fragen, die dir bei der Gestaltung guter Bildung wichtig sind? Teile sie gerne. Ich freue mich, darüber zu lesen.

    #NeueLernkultur

  16. Automatisieren und Vereinfachen ist nicht das Ziel von Bildung!

    Ich bin auf dem Weg nach Berlin zur Wikimedia, wo wir heute Abend ab 20 Uhr die in den letzten Monaten kollaborativ entwickelten Handlungsempfehlungen für Offene KI in der Bildung vorstellen und politisch diskutieren werden.

    Update: Inzwischen sind die Handlungsempfehlungen veröffentlicht!

    Im Vorfeld dieser Abschlussveranstaltung haben Anne-Sophie Waag, die neben Sarah Behrens das Projekt mit mir gestaltet hat, mit dem Bildungsjournalisten Christian Füller gesprochen. Hier geht es zu seinem Artikel im Tagesspiegel Background (Registrierung zum Lesen erforderlich). Solche Gespräche sind oft auch gute Lerngelegenheiten für einen selbst, weil man möglichst prägnant und pointiert auf den Punkt bringen muss, worum es einem geht.

    In Hinblick auf die entwickelten Handlungsempfehlungen ist das für mich dieser Satz, mit dem ich auch im Artikel zitiert werde:

    „Die gesamtgesellschaftlichen KI-Debatte suggeriert, das Ziel bestehe in Automatisieren und Vereinfachen. Aber genau das ist halt nicht das Ziel von Bildung.“

    Anhand der entwickelten Handlungsempfehlungen lässt sich dieser Satz gut begründen. Das möchte ich in diesem Blogbeitrag versuchen – und dabei zugleich ein bisschen die Handlungsempfehlungen vorstellen. Mein übergreifender Vorschlag dabei ist, dass wir unseren Kompass in der pädagogischen KI-Debatte nicht an Automatisieren und Vereinfachen ausrichten, sondern am Leitbild der Offenheit.

    Überblick über die inhaltlichen Bereiche der Handlungsempfehlungen

    KI-Nutzungsmöglichkeiten für alle!

    Im ersten Teil der Handlungsempfehlungen geht es um Infrastruktur und Zugang. Unsere Empfehlungen lauten unter anderem, dass allen Lehrenden und Lernenden Zugang zu generativen KI-Systemen ermöglicht werden soll und dass dafür offene und gemeinwohlorientierte KI-Alternativen gefördert werden müssen. Das ist natürlich erst einmal ein großer Kraftakt, also alles andere als eine Vereinfachung. Der noch viel größere Kraftakt liegt dann aber in der daran anschließenden pädagogischen Gestaltung von Lernprozessen angesichts dieser technologischen Möglichkeiten. Denn mit klügeren Maschinen allein ist in der Bildung niemandem geholfen. Stattdessen geht es um klügere Menschen. Und die spannende, pädagogische Frage ist vor diesem Hintergrund, ob und wie Lernende auch durch Interaktion mit klügeren Maschinen selbst klüger werden können.

    Verändertes Lernen in einer KI-geprägten Welt!

    Im zweiten Teil der Handlungsempfehlungen sprechen wir uns für eine Förderung von offenen Bildungspraktiken aus. Dazu gehören Empfehlungen wie die offene Lizenzierung von Inhalten zum Lernen über KI. Vor allem aber geht es uns um eine Veränderung der Lern- und Prüfungskultur. Das Ziel muss hier sein, dass Lernende zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in einer KI-geprägten Welt befähigt werden. An dieser Stelle wird es für mich besonders deutlich, dass wir das nicht mit Automatisierung und Vereinfachung erreichen werden. Denn die Entwicklung von den dafür benötigten veränderten Kompetenzen gelingt nicht, indem wir Maschinen mit Inhalten füttern, die diese dann möglichst geduldig und passgenau in die Köpfe der Lernenden übertragen. Stattdessen müssen wir uns auf offene Lernprozesse einlassen, in denen wir Lernende mit den Widersprüchen und Herausforderungen der Welt konfrontieren, zum selber Denken einladen, für die Entwicklung eigener Anliegen begeistern und dabei begleiten, Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse zu übernehmen und diese zu gestalten. Die Ermöglichung solcher Lernprozesse funktioniert nicht mit Automatisieren und Vereinfachen.

    Digitale Mündigkeit entwickeln!

    Im dritten Teil der Handlungsempfehlungen geht es uns um Grundrechte im digitalen Raum. Wir schlagen die Einrichtung einer KI-Prüfstelle vor und fordern, dass Lernende und Lehrende bei KI-Nutzung die Hoheit über ihre Daten behalten. Insbesondere regen wir auch an, dass mehr Transparenz darüber hergestellt wird, wie KI-Systeme funktionieren und so Nachvollziehbarkeit ermöglicht wird.

    Auch hier gilt, dass diese Schritte nur die Grundlage sein können, auf der dann überhaupt erst pädagogische Aktivitäten möglich sind. Für mich ist hier vor allem entscheidend, dass Technologie im Kontext von Lernprozessen als von Menschen gemacht und damit auch weiterhin durch Menschen gestaltbar erkannt wird. Und dass Lernende durch ganz viel praktisches Erkunden, Ausprobieren und Gestalten eine Haltung der digitalen Mündigkeit entwickeln können. Das bedeutet, dass sie selbst Verantwortung für ihre Entscheidungen im digitalen Raum übernehmen und bewusst entscheiden können, welche Technologie sie wie nutzen wollen.

    In diesem Bereich gibt es aktuell wahrscheinlich den größten Nachholbedarf in der Bildung. Und auch hier werden wir mit Vereinfachen und Automatisieren nicht weiterkommen. Ganz im Gegenteil sind die blank-polierten Angebote vieler Edtech-Anbieter, die möglichst viel Zeitersparnis und Erleichterung und dabei möglichst wenig ‚unter die Haube gucken‘ ermöglichen, eher hinderlich auf diesem Weg.

    Fazit

    Natürlich können KI-Tools auch Arbeitserleichterungen bieten und in diesem Sinne Automatisierung und Vereinfachung bedeuten. Gerade beim Erlernen von Basiskompetenzen gibt es hier aus meiner Sicht ein sehr großes Potential. Gleiches gilt aus der Perspektive von Lehrenden bei der Gestaltung digitaler Inhalte oder auch bei administrativen Aufgaben. Zugleich ist mir wichtig, dass wir an dieser Stelle nicht stehen bleiben, sondern uns klar machen, dass das nur ein erster, kleiner Schritt sein kann und wir damit das eigentliche Lernen nur an der Oberfläche kratzen. Gerade in einer KI-geprägten Welt brauchen wir Mut für mehr und andere Bildung. Offenheit kann hierfür ein gutes Leitbild sein, an dem wir unseren Kompass ausrichten.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  17. Ideenwerkstatt zur Veränderung der Lernkultur

    Am Freitag war ich als Impulsgeberin beim Moodle@Schule Tag des LISA (= Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt) in Halberstadt. Rund 120 Lehrkräfte aus Sachsen-Anhalt haben dort gemeinsam zu Moodle gelernt und sich ausgetauscht. Ich war eingeladen, den Blick auf das Thema Lernkultur zu richten. Zunächst habe ich einen Murmelrunden-Vortrag zur Herausforderung von guter Bildung in einer zunehmend digital-geprägten Gesellschaft gehalten. Anschließend gestaltete ich darauf aufbauend einen Workshop zur Entwicklung von Ideen zur Veränderung der Lernkultur. In diesem Blogbeitrag möchte ich vor allem über diesen Workshop berichten, da das Konzept aus meiner Sicht sehr gut geklappt hat und sich zum Weiternutzen eignet.

    Rahmen der Ideenwerkstatt

    Der Workshop fand in einem Slot mit mehreren Parallel-Angeboten statt. Es nahmen 15 Kolleg*innen aus unterschiedlichen Schulformen und in unterschiedlichen Funktionen teil. Wir hatten für die Werkstatt insgesamt 90 Minuten Zeit, was etwas zu kurz war. Optimal wären 2 Stunden, aber man könnte das Konzept sicherlich auch problemlos für ein halbtägiges Angebot anpassen. Ebenso wäre die Teilnehmendenzahl beliebig nach oben skalierbar – vorausgesetzt der Platz reicht aus und es gibt genug Lego für alle 🙂

    Hintergrund: Inhaltliche Thesen zu Lernkulturveränderung

    Der Workshop baute bei uns direkt auf meinem vorherigen Impuls auf. Hier hatte ich versucht, einige grundlegende Denkanstöße weiterzugeben.

    Die wichtigsten Thesen waren:

    1. Technologische Entwicklung und gesellschaftliche Veränderungen gehen Hand in Hand. Digitalisierung in der Bildung ist deshalb nicht nur eine Frage der Nutzung von digitalen Tools, sondern stellt uns vor allem vor die Herausforderung, dass eine veränderte Gesellschaft auch eine veränderte Bildung erfordert.
    2. Die gesellschaftlichen Veränderungen lassen sich mit Begriffen wie Komplexität, Ambiguität. Dynamik und Unsicherheit gut fassen. Pädagogische Antworten können hier in drei Richtungen gehen: Erstens, dass es auch weiterhin Basiskompetenzen braucht. Zweitens, dass Schlüsselkompetenzen wie die 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) wichtiger werden. Und drittens, dass es immer wichtiger wird, das Lernen selbst zu lernen, Lernfreude zu entwickeln und eigene Anliegen zur Gestaltung der Welt.
    3. Das Ziel von Bildung muss vor diesem Hintergrund sein, dass Lernende zu Konstrukteur*innen ihrer eigenen Lernprozesse zu werden. Das Instrument der didaktischen Schieberegler kann hierbei dabei helfen, Lernende Schritt für Schritt zu immer mehr Entwicklung zu begleiten. Grundlegend ist dabei, dass die Schule ein Ort ist, den Lernende gestalten und an dem sie sich wohlfühlen. Wer sich nicht wohlfühlt und fremdbestimmt ist, kann nicht erfolgreich lernen.

    Nach jeder These gab es eine kurze Murmelrunde für Austausch untereinander. Nach dem dritten Teil gab es dafür diese Inspirationsdusche.

    Wenn man das Konzept des Workshops weiternutzen will, dann erscheint es sinnvoll, dass die Beteiligten vorab eine ähnliche Orientierung wie mit diesem Impulsvortrag erhalten, falls sie nicht ohnehin schon viel Vorerfahrungen und Wissen über Lernkultur-Veränderung mitbringen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass dieser Part ‚flipped‘ gestaltet wird. Unter anderem deshalb hat das LISA meinen Impuls aufgezeichnet und wird ihn als OER veröffentlichen. Ich werde an dieser Stelle dann darauf verlinken.

    Ablauf des Workshops

    Der Workshop fand direkt im Anschluss an den Impuls statt. Vor diesem Hintergrund begannen wir mit der Methode „Zuhörer*in / Redner*in“. Das bedeutete: Jede Person erhielt eine Karte, auf der entweder Zuhörer*in oder Redner*in aufgedruckt war. Alle bewegten sich durch den Raum. Die Reder*innen hielten ihre Karten hoch. Die Zuhörer*innen sammelten sich um die Redner*innen. Es gab ungefähr doppelt so viele Zuhörer*innen wie Redner*innen. Die Regel war, dass keine redende Person allein stehen bleiben sollte. Nachdem sich die Mini-Gruppen gefunden hatten, hatten die Redner*innen genau eine Minute Zeit, um darzustellen, was ihnen aus dem Impuls besonders in Erinnerung geblieben ist und was sie für ihren Kontext als besonders relevant erachten. Dann wurden Karten getauscht, neue Mini-Gruppen gebildet und auf diese Weise noch zwei weitere Runden gestaltet. Das Ziel dieses Einstiegs war es, sich als Gruppe zu finden, zu orientieren und die wichtigsten Impulse kollaborativ zu rekapitulieren.

    Für die nächste Methode hatten wir bereits Tische mit Lego vorbereitet. Die Teilnehmenden fanden sich immer zu fünft an solch einem Tisch zusammen.

    Vorbereiteter Lego-Tisch

    Die Aufgabe lautete dann: Baut eine Schule, in der gutes Lernen in einer veränderten Lernkultur stattfindet! Die Teilnehmenden wurden ermuntert, „mit den Händen zu denken“, das heißt erst einmal loszubauen und dann gemeinsam zu überlegen, was ein bestimmtes Bauergebnis vielleicht darstellen könnte. Da zuvor der Impuls und die Zuhörer*in-/Redner*in-Methode stattgefunden hatte und die Teilnehmenden zusätzlich natürlich auch ganz viele eigene Ideen mitbrachten, funktionierte das sehr gut und es gab fröhliches Bauen mit ganz viel Austausch.

    Im nächsten Schritt erhielt jeder Tisch dann einen Stapel Karten mit der Aufforderung an die Gruppen, darauf Stichpunkte zu notieren, was das gebaute Lernen auszeichnet, was es an der eigenen, realen Schule nicht gibt. Pro Karte sollte ein Aspekt notiert werden. Bei uns kam hier eine ganze Menge zusammen. Beispielsweise Flexibilität, mehr Grün, Wahlmöglichkeiten für Lernende oder Rückzugsorte.

    Während dieser Aufgabe bereitete ich dieses Koordinatensystem vor:

    Vorbereitetes Koordinatensystem an einer Pinnwand

    Anschließend erläuterte ich kurz die beiden Achsen:

    • Es ging zum einen um eine Einschätzung, wie groß die Bedeutung für die Veränderung der Lernkultur ist.
    • Zum anderen ging es um die Frage, wie sehr man daran selbst etwas beeinflussen kann.

    Die Teilnehmenden erhielten die Aufgabe, sich jeweils eine Karte mit einem gesammelten Aspekt zu nehmen und dann mit einer Person von einem anderen Tisch zu beratschlagen, wo die jeweilige Karte im Koordinatensystem platziert werden sollte. So erhielten alle ein bisschen auch einen Überblick, was an den jeweils anderen Tischen diskutiert worden war. Und wir alle gemeinsam erhielten eine gut sortierte Pinnwand, mit der wir weiter arbeiten konnten.

    Ich erläuterte zunächst, dass die Aspekte, die sich möglichst weit rechts oben befinden, am vielversprechendsten erscheinen, um sie zur Bearbeitung aufzugreifen. Denn hier ist eine große Wirkung in Bezug auf die Lernkultur zu erwarten und man hat es zu großen Teilen selbst in der Hand und kann gestalten.

    Um in diesem Sinne dann in die konkrete Ideenentwicklung zu kommen, öffneten wir zunächst unser Denken mithilfe der Kopfstand-Methode: Alle nahmen die Karten in der rechten oberen Ecke in den Blick und überlegten sich, was eine mögliche Idee wäre, um diese Aspekte garantiert nicht umsetzen zu können bzw. ganz offensichtlich in die entgegen gesetzte Richtung zu arbeiten.

    Der nächste Schritt war dann, dass jede Person einen leeren Zettel bekam und darauf in einem ‚Silent Writing‘ im Stillen für sich eine ‚Wie können wir…?‘-Frage notierte. Das konnte eine Frage sein, die sich sehr direkt aus einem angepinnten Aspekt ergab. (Beispiel: Aus der Karte mit dem Aspekt Rückzugsorte konnte die Frage werden: Wie können wir an unserer Schule mehr Rückzugsorte schaffen?) Ganz genau so war es aber auch möglich, mehrere Aspekte aufzugreifen oder die Fragen vor dem Hintergrund des eigenen Kontexts konkretisierter zu stellen.

    Mit diesen Zetteln und einem Stift fanden sich die Teilnehmenden dann zu Dritt für eine Troika-Beratung zusammen. Das funktionierte so, dass eine Person begann, ihre Frage vorstellte und erläuterte, warum sie sie relevant findet. Dann drehte sie sich weg und die beiden anderen Personen beratschlagten, welche Ideen ihnen zu der aufgeworfenen Frage einfallen würde. Die weggedrehte Person war nicht Teil der Kommunikation, hörte aber zu und konnte sich Notizen machen. Insgesamt hatte man für die ganze Runde 4 Minuten Zeit. Dann waren Person 2 und 3 aus der Gruppe an der Reihe, wobei nach dem gleichen Raster vorgegangen wurde.

    Durch die Beratschlagungen hatten alle nun viele Ideen und Ansatzpunkte im Kopf. Drei davon wurden in einem Silent Writing auf einem dazu verteilten Zettel notiert. Während der Zeit der Troika-Beratung hatte ich ein paar zufällige Gegenstände auf den Tischen verteilt (z.B. eine Muschel, einen Wecker, Sonnencreme, ein rosa Glitzer-Einhorn, eine Packung Gewürze für Weihnachtsplätzchen …). Wem gar nichts einfiel, konnte diese Gegenstände für ein Gegenstände-Brainstorming nutzen und versuchen, ob man mithilfe von Assoziationen zu diesen Gegenständen auf Ideen kam …

    Danach wurde der mit drei Ideen ausgefüllte Zettel zur Kommentierung weitergegeben. Da unsere Zeit etwas knapp war, machten wir hier nur zwei Runden. Wir nutzen diese Vorlage:

    Brainwriting-VorlageHerunterladen

    Im letzten Schritt bekam jede Person wieder den ursprünglichen Zettel zurück und erhielt eine Ideenkarte. Darauf konnte eine Idee notiert werden, erste Stichpunkte dazu festgehalten werden und – da wir ja beim Moodle-Tag waren – auch mögliche Verbindungen zur Digitalisierung bzw. speziell zu Moodle festgehalten werden. Es war dabei möglich, dazu eine Idee von der eigenen Vorlage auszuwählen. Genauso konnte sich die Gruppe aber auch für andere Ideen entscheiden. Wichtig war, dass jede Person eine Idee notierte.

    Damit waren wir schon fast am Ende. Der letzte Schritt war eine Crowd-Bewertung, die direkt schon auf der Rückseite der Ideenkarte aufgedruckt war. Wir stellten uns in einem Kreis auf. Die eigene Ideenkarte wurde an die jeweils nächste Person weitergegeben. Diese las die Idee, drehte die Karte um und bewertete die Idee mit einer Zahl von 0 (= das wäre für mich nicht sinnvoll) bis 10 (= das fände ich auch für mich relevant und wäre sofort mit dabei). Dann wurde die Ideenkarte an die nächste Person weitergegeben. Sobald bei einer Karte alle Bewertungen ausgefüllt waren, wurden sie zusammengerechnet und wir konnten die drei höchst bewerteten Ideen vorstellen.

    Ideenkarte (mit Rückseite zur Bewertung)Herunterladen

    Meine Reflexion und Learnings

    Ich finde, dass der Workshop insgesamt sehr gut geklappt hat, was sich auch in den direkten Rückmeldungen der Teilnehmenden und dem begeisterten Mitmachen zeigte. Drei Aspekte habe ich für mich im Anschluss reflektiert. Vielleicht helfen sie auch dir, wenn du Ähnliches vorhast:

    • Die Kopfstand-Methode macht immer wieder viel Freude. In diesem Workshop hatte ich eher den Eindruck, dass wir sie nicht brauchten. Im Rückblick hätte ich sie eher weggelassen, um dann zum Ende hin mehr Zeit zu haben. Denn da wäre es richtig gut gewesen, wenn wir uns insbesondere für das Notieren der Ideen mehr Zeit hätten nehmen können.
    • Die Troika-Beratung funktioniert immer wieder ausgezeichnet. Meist gibt es zu Beginn erst einmal etwas Skepsis bei den Teilnehmenden (Warum muss ich mich denn wegdrehen?), aber dann merken alle immer, dass gerade in dieser klaren Struktur und Abkehr der fragenden Person von einer Rolle des Mitdiskutierens die große Stärke der Methode liegt. Anders als bei früheren Einsätzen, bei denen ich erst eine Minute Zeit zur Vorstellung der Frage gab, dann abklingelte und dann noch einmal drei Minuten Zeit zur Beratschlagung gab, gestalteten die Gruppen dieses Mal die vier Minuten für sich. Ich gab ihnen den Hinweis mit auf den Weg, dass man umso weniger beraten wird, je länger man braucht, um seine Frage vorzustellen. Mit diesem Hinweis hatte ich den Eindruck, dass es sehr gut funktionierte und damit etwas ruhiger und selbstbestimmter war, als beim Abklingeln zwischendrin.
    • Die Crowd-Bewertung am Ende war aufgrund der sehr unterschiedlichen Hintergründe der Teilnehmenden (von der Förderschule auf dem Land bis hin zum Gymnasium in der Stadt) eigentlich nicht wirklich zielführend. Denn die entwickelten Ideen konnten durchaus für eine Person sehr sinnvoll sein, für eine andere aber gar nicht. Ich finde es aber trotzdem gut, dass die Teilnehmenden die Methode kennenlernen konnten. Denn es war mit ein Ziel des Workshops, die Teilnehmenden zu einem Transfer an ihre Schule zu befähigen. Und bei einer Durchführung vor Ort an einer bestimmten Schule kann dieser Abschluss sehr sinnvoll sein.

    Fazit und nächste Schritte

    Gemeinsam mit dem LISA werde ich die aufgezeichneten Videos aufbereiten und veröffentlichen. Zugleich soll auch das Konzept des Workshops noch besser zur Weiternutzung aufbereitet werden und in einem Moodle-Kurs mitsamt der Videos zur Verfügung gestellt werden. Ich werde das Ergebnis dann hier verlinken.

    Vor diesem Hintergrund sind Impuls und Workshop für mich nicht nur ein Beispiel für einen sehr gelungenen Vor Ort-Termin, sondern zugleich auch ein gutes Beispiel dafür, wie man solche Vor Ort-Einsätze nachhaltig anlegen kann, indem man die Weiternutzung von Anfang an mitdenkt.

    Herzlichen Dank an die Kolleg*innen für die gute Zusammenarbeit und an die Teilnehmenden für das Interesse und die aktive Beteiligung. Es hat mir viel Freude gemacht!

    #Kreativität #NeueLernkultur

  18. Die #PHGR hat einen modularen und mit vielen Wahloptionen total individuell gestaltbaren #CAS «Bildung im digitalen Wandel» entwickelt - diesen muss ich hier einfach mal raushauen und empfehlen: phgr.ch/weiterbildung/cas-unte
    Ich weiss allerdings nicht, ob mein Post in der #Schweiz überhaupt gelesen wird? Gibt es hier eine #Mastodon #BildungsBubble? So eine Art #lehrerzimmer?
    #digitalkultur #weiterbildung #neuelernkultur -> gerne teilen und streuen...

  19. Wie wir mit KI-Eduhacking eine Veränderung der Lernkultur voranbringen können …

    #Blog

    Ermächtigung von Lernenden, Veränderung der Prüfungskultur, Lernen von Komplexität, Digitale Mündigkeit und Kollaboration.

    🔗 https://ebildungslabor.de/?p=5959

    (Antworten auf diesen Tröt erscheinen nach Freigabe direkt auf dem Blog als Kommentar).

  20. Nie wieder ist jetzt! Stichpunkte zur Verteidigung der Demokratie in der Bildung

    Am zurückliegenden Wochenende waren sehr viele Menschen für die Verteidigung der Demokratie auf der Straße. Hier in Halle (Saale), wo ich lebe, war es mit gut 16.000 Menschen die wahrscheinlich größte Demonstration seit der Wende. In Großstädten wie Hamburg oder München kamen so viele Menschen, dass die Demonstrationen wegen Überfüllung beendet werden mussten. All das stimmt sehr hoffnungsvoll. Ein demokratischer und antifaschistischer Aufbruch scheint nach einer langen Phase von passivem Unmut und Lethargie endlich möglich. In diesem Kontext spielt auch die Bildung eine wichtige Rolle. Sie kann zwar bestehende oder sich entwickelnde antidemokratische Strukturen nicht einfach schnell mal ‚wegbilden‘. Aber sie kann viel dazu beitragen, Lernende zu Demokratie zu ermächtigen. Die Frage, wie wir Bildung gestalten wollen, hat in diesem Sinne viel mit der Frage zu tun, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

    Im folgenden notiere ich drei Überlegungen, die ich zur Verteidigung der Demokratie in der Bildung wichtig finde:

    1. Die Verteidigung der Demokratie ist in der Bildung nicht verboten, sondern geboten!

    Vor allem im schulischen Kontext sind viele Akteur*innen unsicher darüber, was im Kontext von Demonstrationen wie ‚Nie wieder ist jetzt!‘ oder anderen politischen Initiativen erlaubt ist und was nicht. Der in diesem Zusammenhang oft zitierte ‚Beutelsbacher Konsens‘ wird häufig als ‚Neutralitätsgebot‘ missverstanden. Im Kern sagt er dagegen aus, dass plurale, demokratische Positionen in ihrer Vielfalt vorgestellt werden sollen und dass Lehrkräfte Schüler*innen nicht überwältigen, sondern dabei unterstützen sollen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Diese Darstellung zeigt, dass mit dem Beutelsbacher Konsens in keinem Fall ein Schweigen zu politischen Themen gefordert wird. Wenn es um die Verteidigung der Demokratie geht, stellt sich die Sache noch einmal anders dar. Denn dann geht es ja nicht um eine Diskussion über vielfältige, demokratische Positionen. Stattdessen geht es um Aufklärung über und Widerstand gegen antidemokratische Positionen. Das ist nicht nur nicht verboten, sondern sogar geboten.

    2. Demokratie ist ein Lerninhalt

    Demokratie in der Bildung bedeutet zum einen, dass inhaltlich über Demokratie gelernt wird: Was bedeutet Demokratie? Wie funktioniert Demokratie? Was ist meine Rolle in der Demokratie? Insbesondere vor dem Hintergrund des Wiedererstarken des Faschismus gehört dazu auch das Lernen aus der Geschichte und die Erinnerung an den Holocaust. Lerngegenstände zu Demokratie sind auch vielfältige ‚-ismen‘, die zu Demokratie im Widerspruch stehen etwa Rassismus, Sexismus oder Klassismus. Diese Lerninhalte können und sollten immer auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen reflektiert und diskutiert werden. Wer in diesem Sinne z.B. die aktuellen Demonstrationen im Unterricht aufgreifen und in Lernangeboten reflektieren will, findet in dieser Taskcard von Joscha vielfältige Materialien.

    3. Demokratie betrifft vor allem auch die Gestaltung des Lehrens und Lernens

    Neben der Einordnung von Demokratie als Lerninhalt gehört zu Demokratie in der Bildung vor allem auch eine demokratische Gestaltung der Bildung selbst. Für mich ist das der wichtigste, weil oft vernachlässigte Punkt. Dazu gehören zum Beispiel diese Aspekte:

    • Keine Beschämung: Ein demokratischer Bildungsansatz erfordert einen respektvollen Umgang mit Lernenden. Wer selbst bloßgestellt, lächerlich gemacht oder in den eigenen Interessen und Bedürfnissen nicht ernst genommen wird, lernt nicht, die Würde jedes Menschen zu achten. Im Kontext der Schule liefert hier die Kritik am Adultismus zahlreiche Ansatzpunkte, um sich über Beschämungsmuster bewusst zu werden. Neben einer individuellen Reflexion gilt es auch auf struktureller Ebene gegen Beschämungen vorzugehen.
    • Kein Hass: Demokratie bedeutet Anerkennen und Respekt von Vielfalt. Das steht im Widerspruch zu Hass, zu Diskriminierung und zu Vorurteilen. Dies zu reflektieren, zu besprechen und Lösungen für einen guten Umgang miteinander zu entwickeln, in denen sich alle wohlfühlen können, gehört zu den Grundaufgaben von jeder Bildungsinstitution. Wichtig ist es, vielfältige Perspektiven kennen zu lernen und sich empathisch in die Position von anderen hineinversetzen zu können. Ein guter Aufschlag dazu ist die Rede von Dejan auf der Demonstration in Freiburg.
    • Ermöglichung von Selbstwirksamkeit: Demokratie bedeutet, dass man nicht ohnmächtig ist, sondern dass das eigene Handeln einen Unterschied macht. Die Erfahrung darüber beginnt im Kleinen. Für Kinder und Jugendliche ist die Schule der Ort, an dem sie sich am meisten aufhalten. Selbstwirksamkeit kann hier dann erfahren werden, wenn die Bildungseinrichtungen selbst demokratisch gestaltet ist.
    • Ermächtigung zu Solidarität und Veränderung: Demokratische Bildung erzieht nicht zu Ellenbogen, sondern zu Solidarität. Es bedeutet, dass das Ziel von Bildung nicht nur die Ermächtigung zur Gestaltung eines guten Lebens für sich selbst, sondern auch eines guten Lebens für andere ist. Auch hier kann in der Schule erfahren werden, dass und wie man sich mit anderen zusammenschließen, gemeinsame Interessen entwickeln und dafür eintreten kann.
    • Lernen für Komplexität: Antidemokratische Personen setzen auf Vereinfachung und Schwarz-Weiß-Denken. Komplexität wird negiert und es werden stattdessen vermeintlich einfache ‚Lösungen‘ angeboten. In einer zunehmend komplexen Welt, braucht es deshalb eine Bildung, die genau diese Komplexität aufgreift und den Umgang damit erlernen lässt. Nötig sind dafür authentische Lernsituationen ausgehend von den Fragen der Lernenden.

    Bei all diesen Aspekten muss das Rad nicht neu erfunden werden. Sehr viele Menschen, Organisationen und Initiativen arbeiten schon lange zu diesen Themen. Auch an vielen Schulen ist Demokratie nicht nur Leitbild, sondern tägliche Praxis. Vielleicht hilft die gegenwärtige Aufbruchsstimmung, um diesen Ansätzen zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. Ein erster Schritt kann sein, sich selbst zu fragen, inwieweit man als Pädagog*in demokratische Bildung im Sinne der oben dargestellten Aspekte bereits umsetzt oder was man dazu ändern kann. Außerdem kann in der eigenen Bildungsinstitution gemeinsam mit Lernenden und Kolleg*innen die Gestaltung von demokratischer Bildung besprochen und spätestens jetzt Aktivitäten dazu ergriffen werden.

    #NeueLernkultur #Selbstreflexion

  21. Ideenauswahl mit Veränderung als Ziel

    In Workshops, die die Entwicklung und Ausarbeitung von Ideen zum Ziel haben, gelangt man meist irgendwann an den Punkt, an dem die Beteiligten eine Vielzahl an Ideen überlegt haben. Manche davon sind Blödsinn, denn im ersten Schritt der Ideen-Entwicklung gilt meist ‚Quantität vor Qualität‘. Und auch unabhänig davon können nicht so viele Ideen auf einmal ausgearbeitet werden. Deshalb muss zunächst eine Auswahl getroffen werden. Mit dieser Auswahl wird dann weitergearbeitet.

    Für den Schritt der Ideen-Auswahl eignet sich eine 2×2-Matrix gut. Diese gibt zwei Kategorien für die x- und die y-Achse in einem Koordinatensystem vor. Je stärker die beiden Kategorien ausgeprägt sind, desto lohnenswerter ist die Idee. Vor diesem Hintergrund können die Beteiligten alle ihre entwickelten Ideen in die 2×2-Matrix einsortieren. Die Ideen, die sich dann im rechten oberen Quadranten befinden, kommen in die nähere Auswahl. Auf diese Weise kommt man relativ schnell zu einer hilfreichen Vor-Sortierung der zuvor gesammelten Ideen.

    Schön an der 2×2-Matrix ist aus meiner Sicht vor allem, dass die Kategorien jeweils spezifisch festgelegt werden können. Zum Beispiel könnte man die Kategorien ‚Geringe Kosten‘ und ‚Wenig Zeit‘ nutzen, wenn man (fast) kein Geld und keine Zeit zur Umsetzung der Ideen hat. Oder man legt die Kategorien ‚Nachhaltigkeit‘ und ‚Lernendenorientierung‘ fest, wenn es um pädagogische Ideen geht, die besonders gut weiternutzbar sein sollen und dem Anspruch der Lernendenorientierung genügen sollen.

    In den meisten meiner Workshops lasse ich die Teilnehmenden die Kategorien für die 2×2-Matrix nicht selbst entwickeln, sondern gebe sie passend zum jeweiligen Kontext vor. Sehr gerne habe ich bisher immer die Kategorien ‚cool‘ und ‚machbar‘ gewählt, weil sie relativ universell einsetzbar sind.

    • Mit ‚cool‘ ist hier gemeint, dass die Beteiligten die Idee attraktiv finden und von ihr begeistert sind.
    • Mit ‚machbar‘ ist gemeint, dass die Umsetzung in ihrem Handlungsspielraum liegt.

    So sah dann das Koordinatensystem zur Einordnung der Ideen aus:

    In den oberen Quadranten werden dann alle Ideen sortiert, die die Beteiligten gut finden und die auch eine realistische Chance zur Umsetzung haben. Das ist in sehr vielen Fällen eine gute Grundlage zur weiteren Ausarbeitung.

    Inzwischen merke ich aber an immer mehr Stellen, dass es in der Pädagogik Ideen braucht, die grundlegende Veränderungen auf den Weg bringen. Genau für die Auswahl solcher Ideen, stößt man mit der dargestellten Form der 2×2-Matrix dann an Grenzen. Denn die ‚cool‘-Kategorie kann durchaus zur Verantwortungsverschiebung beitragen (Beispiel: ‚Der Schulträger sollte sich darum kümmern!‘). Und die ‚machbar‘-Kategorie verleitet sehr dazu, nur im bestehenden Rahmen zu denken (Beispiel: ‚Projektarbeit? Das geht nicht angesichts der aktuellen Fächerfülle und des starren Stundenplans.‘) …

    Wenn es deshalb um die Auswahl von Ideen geht, die am besten zu grundlegender Veränderung beitragen können, finde ich stattdessen die Koordinaten ‚aktivierend‘ und ‚mobilisierend‘ besser.

    • Mit aktivierend ist gemeint, dass die Beteiligten bei der Idee selbst aktiv werden, sich auf den Weg machen und die Sache in die Hand nehmen.
    • Mit mobilisierend ist gemeint, dass die Idee gut erklärbar ist, man auch andere dazu begeistern und zum Mitmachen motivieren kann.

    So sieht dann die 2×2-Matrix aus:

    Mit dieser 2×2-Matrix erhält man im oberen Quadranten solche Ideen, bei denen die Beteiligten selbst aktiv werden und von denen sie überzeugt sind, dass sich dafür auch weitere Mitstreiter*innen finden lassen. Genau diese beiden Aspekte sind aus meiner Sicht eine wichtige Voraussetzung dafür, damit Veränderung gelingt.

    Fazit

    Ich werde die ‚Aktvierend/ Mobilisierend‘-Matrix bei kommenden Workshops in jedem Fall ausprobieren. Vielleicht hast auch du Lust, damit zu experimentieren und von deinen Erfahrungen damit zu berichten. Ich wünsche dir viel Freude dabei!

    PS. Außerdem möchte ich auch gerne ändern, dass die Beteiligten mehr Raum zur eigenen Reflexion möglicher Kategorien zur Auswahl haben und das nicht nur durch mich vorgegeben wird, siehe dazu diese Idee in meinem Ideentagebuch.

    #MethodenLernformate #NeueLernkultur

  22. Zementmischer versus Komposterde: Wie nutzen wir die KI-Debatte in der Bildung?

    Seit der KI-Chatbot ChatGPT vor einem guten Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, herrscht in der Pädagogik sehr viel Betriebsamkeit. Es gibt Fortbildungen, Lernmaterialien, Handreichungen, Konferenzen, Barcamps und viele weitere Bildungsangebote zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Außerdem auch ganz viel Erkunden, Ausprobieren und Lernen. Das empfinde ich erst einmal als sehr positiv. Was mir dabei aber zunehmend fehlt, sind grundlegende Veränderungen in Richtung einer guten Bildung für alle. Somit besteht aus meiner Sicht die Gefahr, dass die KI-Debatte trotz sehr viel Betriebsamkeit die Existenz des bestehenden, veralteten Bildungssystems noch weiter zementiert. Mein Aufruf ist daher, sich dieser Tatsache bewusst zu werden, sich mit anderen zu vernetzen und noch stärker als bisher für wirkliche Veränderungen einzutreten. Mir helfen dabei die Metaphern eines Zementmischers und von Komposterde:

    Bei der Rotation eines Zementmischers entsteht eine klebrige Mischung, mit der Dinge zementiert und somit verfestigt werden. Während der Drehung des Zementmischers erkennt man oft nicht sofort, dass genau dies die Konsequenz sein wird. Es scheint etwas voranzugehen, denn das Gerät rotiert mit großer Geschwindigkeit und Lautstärke.

    Beim Umschichten von Komposterde entsteht dagegen fruchtbarer Boden, aus dem Neues wachsen kann. Während die Erde umgeschichtet wird, weiß man noch nicht genau, was daraus entstehen wird. Man akzeptiert also eine große Offenheit und auch Ungewissheit.

    Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir die durch KI ausgelöste Bewegung in der Bildung im Sinne eines Umschichtens von Komposterde nutzen würden. Leider erlebe ich sie aber überwiegend als Rotation eines Zementmischers. Denn an den Grundpfeilern des maroden Bildungssystems wird nicht gerüttelt. Stattdessen wird eher Klebstoff produziert, und es wird (oftmals sicher auch unbewusst) darauf hingearbeitet, dass das System in seiner bestehenden Form erhalten bleibt.

    In den zahlreichen Fortbildungen zu KI spiegelt sich dies wider, indem es hauptsächlich um KI als Werkzeug geht und – wenn überhaupt – auch um KI als Lerngegenstand. Zudem wird an vielen Stellen auch die Frage aufgeworfen, wie KI als Impuls zur Veränderung der Lernkultur wirken kann. Genau das wird aus meiner Sicht aber längst nicht grundlegend genug angegangen. Denn dann würden wir nicht nur über kluges Prompting und Möglichkeiten für personalisiertes Lernen mit KI diskutieren, sondern zugleich auch unter anderen diese viel größeren und dringend nötigen Fragen aufwerfen:

    • Was müssen wir in unserer heutigen Gesellschaft eigentlich wissen und können?
    • Wie wollen wir unser Zusammenleben gestalten, und wie lernen wir dazu?
    • Wie können wir alle ermächtigen, sich an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen?

    Diese Fragen scheinen auf den ersten Blick nichts mit KI zu tun zu haben. Stattdessen adressieren sie genau die Aspekte, die viele Pädagog*innen unter den Schlagworten Digitalisierung versus Digitalität schon lange vor der aktuellen KI-Debatte immer wieder aufgeworfen haben. Sie haben dafür plädiert, zeitgemäße Bildung nicht auf das Lernen mit digitalen Tools zu reduzieren, sondern zugleich die Frage zu stellen, wie gute Bildung in einer zunehmend digital geprägten und vernetzten Gesellschaft gestaltet sein muss. Genau dieser Schritt ist meiner Meinung nach auch in der KI-Debatte überfällig. Es sollte uns nicht nur darum gehen, wie wir mit KI Bildung gestalten, sondern viel weiter gefasst darum, wie wir gute Bildung in einer von KI geprägten Welt gestalten können.

    Zugegeben, das ist eine sehr große Herausforderung. Wir stehen vor ihr in einer Situation, in der die PISA-Studie gerade zum wiederholten Mal bestätigt hat, dass viele Jugendliche nicht über grundlegende Basis-Kompetenzen verfügen, in der Lehrkräfte fehlen und die vorhandenen Lehrerinnen und Lehrer immer mehr ausgebrannt sind und in der an vielen Schulen noch nicht mal über fehlendes Internet geklagt wird, weil man noch damit beschäftigt ist, das marode Schulgebäude zu sanieren …

    Ich finde allerdings: Gerade weil unser Bildungssystem schon so weit gegen die Wand gefahren ist, ist jetzt die beste Zeit, es von Grund auf neu und besser zu denken! Mein Bild dazu ist das eines Jongleurs, der ohnehin schon sehr viele Bälle in der Luft behalten muss. Eine Zeit lang wird es klappen, wenn man ihm weitere Bälle zuwirft (z.B. aktuell den KI-Ball) und er behält alle Bälle irgendwie weiterhin in der Luft. Irgendwann ist aber Schluss, die Bälle können nicht mehr gehalten werden und alle fallen zu Boden …

    Wie können wir also als pädagogisch tätige Personen an unterschiedlichen Stellen konkret dazu beitragen, in der aktuellen KI-Debatte nicht weitere Bälle zu werfen bzw. versuchen, in der Luft zu behalten, sondern Bildung besser grundlegend neu denken. Wie können wir dazu die durch die KI-Debatte ausgelöste Bewegung nutzen, um Komposterde umzuschichten, anstatt den Zementmischer rotieren zu lassen?

    Hierzu habe ich folgende Vorschläge:

    • Bei der Gestaltung oder Anfragen von KI-Fortbildungen anregen, nicht nur über das Lernen mit KI zu reflektieren, sondern vor allem darüber, wie Lernen in einer zunehmend vernetzten, von KI geprägten Gesellschaft aussehen sollte.
    • Wo immer möglich Schritte zur Unterstützung von mehr Lernendenorientierung und Ermächtigung zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit fördern, beispielsweise durch die Initiierung oder Weiterentwicklung von forschendem Lernen oder Projektlernen, durch mehr Fächerverbindung statt Fächersilos und durch mehr Demokratie an Lernorten. (In solchen Lernprozessen wird KI durch den gegebenen Lebensweltbezug so gut wie immer Thema sein.)
    • Hinterfragen, ob progressiv klingende Bezeichnungen in der KI-Debatte tatsächlich progressive Bildung meinen – oder wir uns damit selbst ein bisschen in die Tasche lügen (dazu passt diese Erzählung des Reformpädagogen Célestin Freinet zum so genanten adaptiven Lernen)
    • Gesamtgesellschaftlich deutlich machen, dass gute Bildung, die alle zum Umgang mit Komplexität ermächtigt, nicht nur eine soziale Frage ist, sondern auch grundlegend für das Funktionieren von Demokratie. Und dass diese Frage angesichts der Weiterentwicklung von KI-Technologie noch drängender geworden ist.
    • Austausch und Vernetzung vorantreiben und Verbündete suchen, um die Perspektive einer grundlegenden Neugestaltung in der Bildung zu stärken.

    Die Bilder in diesem Beitrag sind mit Midjourney generiert und sind Public Domain. Der Text fasst sinngemäß meinen Impuls zusammen, den ich heute bei der Netzwerktagung Medienkompetenz in der Leopoldina in Halle (Saale) gehalten habe.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  23. Adler steigen keine Treppen! (Auch keine intelligenten Treppen)

    Wenn es in der aktuellen KI-Debatte um das so genannte adaptive Lernen geht, dann fällt mir manchmal die Erzählung ‚Adler steigen keine Treppen‘ des französischen Reformpädagogen Célestin Freinet ein, die dieser vor vielen Jahrzehnten geschrieben hat. (Hier kannst du das Original lesen).

    In dieser Erzählung sieht sich ein Pädagoge vor die Herausforderung gestellt, eine Wissenstreppe für seine Schülerinnen und Schüler zu gestalten. Mit großer Sorgfalt und wissenschaftlicher Evidenz konzipiert er diese Treppe: Er passt die Höhe der Stufen akribisch an die normale Leistungsfähigkeit kindlicher Beine an. Zwischendurch bietet er Plattformen zum Verschnaufen und ein bequemes Geländer als Hilfestellung für Anfänger.

    Die Kinder nutzen die Treppe allerdings nur so lange in der vorgesehenen Form, solange sie beaufsichtigt werden. Sobald der Pädagoge wegschaut, bricht aus Sicht des Pädagogen Chaos aus: Die Kinder erklimmen die Treppe auf allen Vieren oder nehmen mit Schwung mehrere Stufen auf einmal. Einige wagen sich sogar rückwärts die Treppe hinauf. Schließlich verlassen sie die Treppe ganz, laufen aus dem Haus, erkunden die Rückseite, klettern dort die Regenrinne hoch, überqueren die Balustraden und erreichen das Dach in Rekordzeit – schneller und geschickter als auf der sogenannten methodischen Treppe. Nach dem Aufstieg rutschen sie am Treppengeländer hinunter, um erneut das Abenteuer zu suchen …

    Dem Pädagogen ist dieses Chaos gar nicht recht und er versucht, die Kinder zu disziplinieren und verflucht ihre Uneinsichtigkeit. Freinet stellt daraufhin dar, dass der Pädagoge anstelle der Kinder besser seine Treppe verfluchen sollte. Er schließt mit der Frage: „Könnte es nicht (…) eine Pädagogik für Adler geben, die keine Treppen erklimmen müssen, um nach oben zu gelangen?“

    Wenn man diese Erzählung in die heutige KI-geprägte Welt übertragen würde, dann hätten wir es mit einem noch sorgsameren Pädagogen zu tun, der mithilfe der neuen technologischen Möglichkeiten sogar eine ‚intelligente Treppe‘ gestaltet: Die Stufen würden wahrnehmen, wenn ein Kind über- oder unterfordert sind und sich entsprechend heben und senken. Die Treppe würde permanent den Fortschritt der Kinder analysieren und direktes Feedback geben. Wer nicht weiterkäme, könnte sich kurze, individualisiert gestaltete Tutorials über die richtige Art und Weise des Treppensteigens abrufen …

    Ich bin mir sicher, dass der Pädagoge aus Freinets Erzählung von dieser Art der Treppen-Gestaltung sehr begeistert wäre. Die Kinder (so hoffe ich zumindest, wenn sie durch ihre bisherige Schullaufbahn das nicht schon ganz verlernt haben) würden auch diese intelligente Treppe verschmähen und sich eigene, spannendere und offenere Herausforderungen suchen und diese zu bewältigen versuchen …

    Die Frage, die Freinet vor vielen Jahren stellte, bleibt also auch heute noch im Kern die Gleiche: Wie kommen wir zu einer Pädagogik für Adler? Oder – weniger metaphorisch gesprochen: Wie setzen wir tatsächliche Lernendenorientierung um, nehmen Kinder und Jugendliche ernst und unterstützen sie dabei, ihre eigenen Lernwege zu gestalten?

    Beitragsbild: Ein Adler fliegt über eine Treppe, generiert mit Midjourney, Public Domain.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #NeueLernkultur

  24. Haltung in Lernangeboten verändern und entwickeln

    Für die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Erwachsenenbildung der KEB Deutschland habe ich einen Artikel zur Frage beigesteuert, wie sich eine Haltung der Kollaboration und des Teilens in Lernangeboten entwickeln lässt. Dahinter steht die Annahme, dass die Perspektive einer statischen Verfügbarkeit oder auch Nicht-Verfügbarkeit von Haltung, mit der man sich eben abfinden muss, in der Praxis nicht weiterhilft. Viel besser ist es stattdessen, Haltungsveränderung als einen gestaltbaren Lernprozess zu verstehen. In diesem Sinne schlage ich 5 Elemente vor, die beim Entwickeln einer solchen Haltung helfen können und bei der Gestaltung von Lernangeboten berücksichtigt werden sollten. Da der Artikel noch nicht offen verfügbar ist, kommt hier zumindest schon einmal eine Zusammenfassung zu diesen 5 Elementen. Im Interesse einer einfachen Weiternutzung habe ich diese als H5P-Inhalt unter der Lizenz CC0 1.0. (= mache damit, was Du willst; ein Lizenzhinweis ist nicht erforderlich) erstellt.

    Als Beitragsbild habe ich ein Erdmännchen gewähl. Diese Tiere passen wunderbar zu Kollaboration und Teilen, denn sie übernehmen gemeinsam Verantwortung für anstehende Aufgaben wie z.B. die Aufzucht und Pflege des Nachwuches.

    #NeueLernkultur

  25. Online-Fortbildungsformat ‚Gestaltungswerkstatt‘: Gemeinsam lernen, entdecken und entwickeln

    #Blog

    Erfahrungsbericht zum Nachmachen

    🔗 https://ebildungslabor.de/?p=3950

    (Antworten auf diesen Tröt erscheinen nach Freigabe direkt auf dem Blog als Kommentar).

  26. Kollaborative Ideenentwicklung zur Kultur des Teilens

    In diesem Blogbeitrag berichte ich von einem am Design Thinking orientierten Workshop, den ich heute in Ulm mit Schulleitungen der PoliGenius/ ProGenius Schulen durchgeführt habe. Das Thema war die Kultur des Teilens. Der Workshop zielte darauf ab, gemeinsam Fortbildungstage an den einzelnen Schulen im Herbst zu eben diesem Thema vorzubereiten.

    Herausforderung: Ausbruch aus dem Tja, dann lässt sich das halt nicht ändern-Kreislauf

    Herausfordernd bei der Konzeption und Durchführung war vor allem, dass es bei dem Workshop mehrere Ebenen gab:

    1. Die beteiligten Schulleitungen mussten sich selbst ein Bild zur Kultur des Teilens machen: Es brauchte Raum, um inhaltlich dazu zu lernen.
    2. Die beteiligten Schulleitungen mussten ihre jeweiligen Fortbildungstage vorbereiten: Es brauchte Raum, um konzeptionell zu planen.

    Meine Herangehensweise war hierzu ein konsequent kollaborativer Peer-to-Peer Ansatz. Die beteiligten Schulleitungen sollten erleben, dass und wie sie sich durch voneinander und miteinander lernen ein Thema erschließen können. Darauf aufbauend sollte es ihnen dann auch möglich sein, genau das mit ihren Kollegien durchzuführen.

    Anders ausgedrückt: Indem ich mich als Referentin zurücknahm und stattdessen Raum für gemeinsames Lernen schaffte, versuchte ich Schulleitungen darin zu stärken, ihre Rolle bei den anstehenden Fortbildungstagen ähnlich zu gestalten. Statt also zu überlegen: ‚Was sollten wir unseren Kollegien zur Kultur des Teilens beibringen?‘, fragten wir vielmehr: ‚Wie können wir unsere Kollegien eine Kultur des Teilens erleben lassen, indem wir dazu gemeinsam voneinander und miteinander lernen und so damit zu beginnen, Strukturen und Routinen zu verankern?‘

    Dahinter steht die Überzeugung, dass auf diese Weise der ‚Tja, dann lässt sich das halt nicht ändern!‘-Kreislauf durchbrochen werden kann. Dieser Kreislauf geht davon aus, dass Menschen zu einer Kultur des Teilens eine Haltung der Offenheit und der Kollaboration benötigen. Gelernt werden kann solch eine Haltung vor allem im Rahmen von Praxis. Ohne Haltung kommt es aber nicht zu Praxis – und ohne Praxis entwickelt sich dann wieder keine Haltung …

    Wir sehen: Wenn man hier nicht ausbricht, kommt man nicht weiter. Für dieses ‚Ausbrechen‘ legte der Workshop deshalb den ersten Schritt, indem bewusst Raum für kollaborative Praxis geschaffen – und diese Praxis begleitet und unterstützt wurde. Bei den Fortbildungstagen können nun die nächsten Schritte folgen.

    Ablauf: Einfühlen und entwickeln

    Insgesamt hatten wir für den Workshop ca. 3,5 Stunden Zeit, die ich in zwei Blöcke aufteilte.

    Im ersten Block ging es um das inhaltliche und strategische Einfühlen zur Kultur des Teilens.

    Wir starteten hier mit einem ‚Impromptu Networking‚ zu den zwei zentralen Herausforderungen des Workshops. Dazu erhielten die Teilnehmenden einen von zwei möglichen Zetteln:

    • Mit einer Kultur des Teilens verbinde ich …
    • Bei der Gestaltung von Fortbildungstagen fürs Kollegium ist mir wichtig …

    Die Zettel waren in unterschiedlichen Farben. Die Aufgabe war, eine Person mit einer anderen Zettelfarbe zu finden – und sich gegenseitig jeweils den Satz zu vervollständigen. Dann wurden Zettel getauscht – und es ging in die nächste Runde. Insgesamt machten wir drei Runden. Das Ziel dieses Einstiegs war, dass alle für sich eine erste Idee zu den Workshop-Herausforderungen entwickelt hatten – und zugleich ein bisschen erfahren hatten, was andere so denken.

    Daran anschließend stiegen wir inhaltlich vertiefter in die Kultur des Teilens ein. Dazu erhielten die Teilnehmenden ausgedruckte Begriffe, die ich mit einer Kultur des Teilens verbinde – und waren herausgefordert, diese als Mindmap zu gestalten und dabei beliebig zu ergänzen. Die Ergebnisse stellten sich die Gruppen gegenseitig als Gruppenpuzzle vor. (Ich habe diese Methode der kollaborativen Mindmap-Sortierung und -Ergänzung neu genutzt und kann sie sehr empfehlen. Denn sie sorgt für sehr viel Austausch und lässt die Teilnehmenden – dank der zur Verfügung gestellten Zettel – nicht allein. Meine Zettel zur Kultur des Teilens waren: Inspirationen suchen und erhalten, Neue Tools und Methoden ausprobieren, Feedback geben, Feedback wertschätzen, Anderen von Ideen erzählen, Das Rad nicht immer neu erfinden / auf Bestehendem aufbauen, Neugierig & offen sein, Motivation zu Neuem haben, Keine Angst vor Fehlern haben, Erstellte Inhalte offen weitergeben, Erfahrungen weitergeben)

    Weiter ging es dann ganz klassisch mit einer ‚Persona‘-Entwicklung. Die Teilnehmenden überlegten sich eine fiktive Person, die Teil ihres Kollegiums sein könnte, malten und beschrifteten sie zunächst für sich und stellten sie sich dann in Kleingruppen vor. Anschließend beantworteten sie die Fragen: Was hindert diese Personas am Teilen? Und: Was brauchen diese Personas, um am Pädagogischen Tag gut zu lernen? Die Antworten wurden auf Post-Its gesammelt und geclustert. In zwei Runden schwärmten Gruppenmitglieder dann zu anderen Gruppen aus, um die eigene Sammlung zu beiden Fragen ergänzen zu können.

    Als letzte Aktivität vor der Pause regte ich eine Praxisübung in wertschätzendem Feedback an. Dazu sollten sich die Teilnehmer*innen überlegen, wessen Beiträge für sie bisher besonders wertvoll gewesen sind und warum. In der Pause konnten sie der jeweiligen Person dann ein Feedback dazu geben.

    Nach der Pause ging es um die Ideenentwicklung. Ich hatte zunächst überlegt, dass jede Person hier für sich einen Fortbildungstag konzipiert und dazu Peer-Feedback von anderen erhält. Um mehr Kollaboration und offeneres Denken für vielfältigere Ideen zu ermöglichen, erschien es mir dann aber hilfreicher, zunächst ’nur‘ mögliche Bausteine zu entwickeln, die bei einem Fortbildungstag genutzt werden können. Jede Schulleitung kann sich daraus dann ‚ihren‘ Pädagogischen Tag zusammenstellen.

    Um in diesem Sinne in die Ideenentwicklung einzusteigen, starteten wir mit einem mentalen ‚Gallery Walk‘. Die Teilnehmenden sollten sich noch einmal die bisherigen Überlegungen zur Kultur des Teilens und zu den Bedürfnissen ihrer Personas in Erinnerung rufen und für sich vergegenwärtigen, was für sie bei der Gestaltung eines Fortbildungstages zur Kultur des Teilens besonders wichtig ist.

    Daran schloss sich die sehr bewährte 1-2-4-Kopfstandmethode an: Zuerst überlegte jede Person für sich, wie ein Fortbildungstag besonders gut das genaue Gegenteil des anvisierten Ziels erreichen, d.h. eine Kultur des Teilens verhindern könnte. Ihre eigene Idee teilten sie mit einer weiteren Person. Die Paare versuchten, aus den beiden entwickelten Ideen, eine noch dümmere Idee zu entwickeln. Und aus den Paaren wurden schließlich Vierer-Gruppen, die gemeinsam eine allerdümmstmögliche Idee überlegten. Ergebnis bei uns: Eine Videokonferenz an einem Samstag mit stundenlangem Vortrag ohne Interaktionsmöglichkeit ;-)

    Der anschließende ‚Kopfstand zurück‘ startete mit einer ‚Inspirationsdusche‘. Die Teilnehmenden erhielten einen Zettel mit einer Idee, wie Kultur des Teilens praktiziert werden kann. Ich hatte dazu im Fediverse und auf Twitter nach guter Praxis gefragt. Danke für die vielen Beiträge! Diese Zettel habe ich verteilt:

    • Im Kollegium gibt es eine gemeinsame Dateiablage/ einen kollaborativ bearbeitbaren Moodle-Kurs, wo man Materialien mit anderen teilen kann.
    • Im Kollegium gibt ein Angebot zu Mikrofortbildungen, d.h. Mini-Lernangebote von und für Kolleg*innen. Kolleg*innen verabreden sich, um gemeinsam etwas zu entwickeln oder um sich über anstehende Herausforderungen auszutauschen.
    • Im Lehrer*innenzimmer gibt es eine Pinnwand, auf der Inspirationen geteilt werden können. Oder es gibt eine solche Pinnwand digital.
    • Im Kollegium wird gemeinsam ein Wiki gepflegt mit wichtigen Informationen für alle.
    • Das Kollegium lernt voneinander und miteinander im Rahmen eines Barcamps.
    • Es gibt Zeit und Raum für Teamabsprachen z.B. zu bestimmten Fächern oder Klassen.
    • Es gibt Zeit und Raum für Austausch untereinander.
    • Es gibt die Möglichkeit zu kollegialer Hospitation (= Kolleg*innen besuchen sich gegenseitig in ihrem Unterricht und geben Feedback)
    • Es gibt niederschwellige Austauschmöglichkeiten z.B. via Messenger oder ein anderes Tool.
    • Es gibt feste Strukturen für Austausch, z.B. einmal pro Monat einen ‚Tool-Day‘, an dem jede Person ihr aktuelles Lieblingstool teilt.
    • Wer bei einer externen Fortbildung war, gibt das Gelernte anschließend im eigenen Kollegium weiter.
    • Es gibt einen ‚Tag der offenen Schranktür‘ (= Alle legen in ihren Klassenzimmern ihre besten, ungewöhnlichsten, beliebtesten Lernmaterialien aus und erklären sie den KollegInnen)
    • Es gibt einen Newsletter, in dem zusammengetragen wird, was neu ausprobiert/ gelernt wurde. Alle können etwas beitragen.
    • Immer mal wieder ergreifen Kolleg*innen die Initiative und gestalten ‚Abreißzettel‘ fürs Kollegium mit z.B. Hinweisen auf Tools. Kolleg*innen helfen sich gegenseitig bei Herausforderungen und sind aufmerksam, wer gerade was benötigt.
    • Für die gelingende Schulentwicklung fühlen sich alle gemeinsam verantwortlich.
    • Es gibt transparente Arbeits- und Kommunikationsstrukturen im Kollegium

    Die Aufgabe der Teilnehmer*innen war es, sich durch den Raum zu bewegen und miteinander über die jeweiligen Zettel zu sprechen: Wie schätze ich das ein? Wie könnten wir so etwas vielleicht am Pädagogischen Tag beginnen? Danach wurden Zettel getauscht – und ein neues Gespräch wurde gesucht.

    Mit so vielen Inspirationen in den Köpfen starteten wir dann ein ‚Brainwriting‚. Zunächst schrieb jede Person für sich bis zu drei Ideen auf, die ihr zu Bausteinen für einen Fortbildungstag zur Kultur des Teilens in den Sinn kamen. Danach wurden die Zettel in insgesamt drei Runden weitergereicht – und andere Personen ergänzten Feedback und weiterführende bzw. alternative Ideen.

    In Kleingruppen wurde dann für jede Person ein Baustein aus allen Ideen ausgewählt und für die spätere Vorstellung aufgeschrieben.

    Vor der Vorstellung machte ich noch einen kleinen Schlenker zur Farbtupfer-Methode mithilfe eines Gegenstände-Assoziationen-Brainstorming. Die Farbtupfer-Methode ist eine Routine von mir: Immer wenn ich etwas konzipiere oder entwickle, überlege ich mir, wie ich das Ganze noch etwas schöner, weil z.B. spielerischer oder mit mehr Lachen gestalten könnte. Übertragen auf die Konzeption eines Fortbildungstages bedeutete das für die Teilnehmer*innen, sich zu überlegen, was sie nebenher bzw. als ‚Zwischenraum‘ an diesem Tag gestalten könnten. Sie erhielten einen Zufallsgegenstand und entwickelten dazu Assoziationen und darauf aufbauend konkrete Ideen.

    Im letzten Schritt haben wir uns dann gegenseitig sowohl die entwickelten Bausteine als auch die Farbtupfer-Ideen vorgestellt.

    Fazit

    Ich mag Workshops sehr gerne, aus denen etwas entsteht. Das war bei diesem Workshop meiner Beobachtung nach definitiv der Fall. Alle Beteiligten haben sehr aktiv mitgemacht – und ich hoffe, dass dieses Erleben einiges angestoßen hat. Daneben gibt es auch ganz konkret Inhalte und Ideen zum direkten Weiternutzen:

    1. Die grundsätzliche Idee, dass Schulleitungen aus unterschiedlichen Schulen kollaborativ Ideen für Fortbildungstage entwickeln, finde ich großartig. (Und ich hoffe sehr, dass viele von den beteiligten Personen über ihre dann durchgeführten Fortbildungstage berichten werden).
    2. Das Konzept des Workshops habe ich hiermit aufgeschrieben. Da alles weitgehend wie geplant geklappt hat, kann ich es zur Weiternutzung empfehlen.
    3. Im Laufe der nächsten Woche werde ich die entwickelten Bausteine verschriftlichen. Hier habe ich die entwickelten Baustein veröffentlicht. Wir haben uns mit allen Beteiligten dazu entschieden sie als OER (unter CC0 1.0) freizugeben, so dass alle sie möglichst einfach weiternutzen können. (Spoiler vorab: Ich finde, dass großartige Ideen entstanden sind.)

    Falls Du die eine oder andere Sache von den hier skizzierten Methoden und Ideen aufgreifst, dann berichte sehr gerne, wie es bei Dir geklappt hat. Denn durch immer mehr kollaborative Praxis und gemeinsames Lernen darüber, können wir eine Kultur des Teilens voranbringen.

    Abschließend ein herzlicher Dank an die PoliGenius/ ProGenius Schulen und speziell an Gratian für die Anfrage und Einladung zu diesem Workshop. Mir hat es viel Freude gemacht!

    #Kollaboration #Kreativität #NeueLernkultur

  27. Methoden für Lernen in komplexen Zeiten

    Bei der heute beginnenden Edunautika in Hamburg biete ich unter anderem die Station zu ‚Methoden für das Lernen in komplexen Zeiten‘ an. Dieser Blogbeitrag ist eine Zusammenstellung der Ansätze, die ich vorstellen werde. Ich habe mit ihnen in meinen Lernangeboten gute Erfahrungen gemacht:

    1. Zuhörer*in / Redner*in

    Diese Methode nutze ich sehr gerne zum Einstieg. Sie hat zum Ziel, allen eine erste Orientierung zum jeweiligen Thema zu geben – ausgehend von den Erfahrungen aller Beteiligten. Die Methode ist sehr niederschwellig umsetzbar:

    • Jede Person erhält per Zufall eine Karte auf der entweder Zuhörer*in oder Redner*in steht. Auf jede Redner*in sollten ca. 2-3 Zuhörer*innen kommen.
    • Alle Beteiligten bewegen sich durch den Raum. Auf ein Signal halten die Redner*innen ihre Karte nach oben. Die Zuhörer*innen stellen sich zu einer Redner*in in ihrer Nähe. Keine Redner*in darf ohne Zuhörer*in bleiben.
    • Die Redner*in hat nun genau eine Minute Zeit, um zu einer gestellten Frage zu sprechen. Ich nutze dazu oft das Thema des Lernangebots und Frage nach eigenen Erfahrungen, also z.B: ‚Welche Erfahrungen hast Du mit einer Kultur des Teilens gemacht?‘. Die Zuhörer*innen hören nur zu. Sie fragen nicht nach und erwidern auch nichts.
    • Nach der Minute werden Karten getauscht und die nächste Runde beginnt. Ich mache meist 2-3 Runden.

    Mir gefällt an der Methode gut, dass alle gefragt sind, sich einzubringen. Denn in der Regel wird jede Person mindestens einmal die Redner*innen-Karte erhalten. Bei einer offenen Runde zum Einstieg würden sich stillere Menschen eher nicht zu Wort melden. Zweitens mag ich den Fokus auf das Zuhören. Meiner Erfahrung nach entspannt es ungemein, dass man ’nur‘ Zuhören kann – und nicht direkt überlegen muss, was man darauf erwidert. Drittens ermöglicht die Methode für alle ein gutes Einfinden in das Thema. Alle Beteiligten haben danach eine gute Grundlage, um gemeinsam zu dem Thema weiter zu arbeiten.

    2. Fragen vor Antworten

    Dieser Aspekt ist eigentlich gar keine Methode, sondern eher ein Mini-Experiment, was sich ebenfalls gut zum Einstieg eignet. Es funktioniert so:

    Alle Beteiligten erhalten Zettel, Stift und eine Frage. Die Aufgabe ist es, innerhalb von 2 Minuten ihre Antwort auf die Frage aufzuschreiben. Die Frage sollte eine Wissensfrage sein, zu der sich die Beteiligten nicht unbedingt ganz sicher fühlen, sie zu beantworten. Beispiel: ‚Was sind Learning Analytics?‘

    In der Regel schreiben alle etwas auf. Nach der Minute stellt man die Frage, wer sich bei der Antwort sehr sicher war. Wenn die Frage gut gewählt und nicht zu offensichtlich war, meldet sich in der Regel niemand.

    Dann kann man nachfragen, wieso dann trotzdem alle etwas geschrieben haben. Gemeinsam lässt ich herausarbeiten, dass wir alle sehr darauf konditioniert sind, Antworten zu geben, obwohl es in so vielen Fällen eigentlich erst einmal wichtiger wäre, Fragen zu stellen.

    (Ich habe diesen Impuls aus dem Buch ‚Hey, nicht so schnell! Wie du durch langsames Denken in komplexen Zeiten zu guten Entscheidungen gelangst‘ und schon mehrere Male ausprobiert und für gut befunden. Es sorgt immer wieder für ‚Aha-Effekte‘. So war es auch bei mir, als ich zum ersten Mal damit konfrontiert war.)

    3. Reframing mit Himmel und Hölle

    Auch Punkt 3 ist eher ein Einstieg, als eine Methode. Er eignet sich besonders gut für die Ankommenszeit.

    Alle Beteiligten erhalten eine Faltvorlage für ein ‚Himmel und Hölle‘-Spiel, das ihnen verschiedene Fragen zum Reframing vorschlägt. Unter Reframing versteht man den Ansatz, eine Situation aus einer veränderten Perspektive und auf diese Weise oft aufgeschlossener und positiver zu betrachten. Hier sind Beispiele für solch ein Reframing:

    • Das kann ich nicht -> Das kann ich lernen.
    • Das haben wir aber noch nie so gemacht -> Höchste Zeit, dass wir mal etwas Neues ausprobieren.
    • Das werden wir nie schaffen -> wir können mit einem ersten Schritt beginnen.

    Im ‚Himmel und Hölle‘-Spiel befinden sich unterschiedliche Möglichkeiten, wie man eine Aussage reframen kann. Auf der Rückseite der Vorlage sind ein paar Beispiele aufgeführt. Indem alle Beteiligten zu Beginn eines Treffens ein solches ‚Himmel und Hölle‘-Spiel erhalten und im besten Fall auch direkt ein bisschen damit gemeinsam spielen, wird Reframing als Methode spielerisch eingeführt. In der dann folgenden Veranstaltung kann darauf dann immer wieder zurückgegriffen werden.

    Hier kannst Du Dir das ‚Himmel und Hölle‘ Spiel zum Reframing als Kopiervorlage herunterladen. Es ist unter CC0 1.0 freigegeben.

    Reframing KopiervorlageHerunterladen

    4. XxX-Writing und Zusammenführung

    Diese Methode stammt aus den Liberating Structures. Ähnlich wie die Zuhörer*in/ Redner*in-Methode schafft sie zu Beginn eine Orientierungszeit und hilft dabei, dass sich anschließend alle gleichermaßen beteiligen können. Die Idee ist sehr einfach:

    Jede beteiligte Person nimmt sich Zettel und Stift. Die moderierende Person stellt nacheinander drei Fragen, die dabei helfen, eigene Erfahrungen zu rekapitulieren oder sich in das Thema einzufinden. Diese Fragen sollten jeweils passend zum Thema der Veranstaltung formuliert werden. Bei einer Veranstaltung zur Kultur des Teilens habe ich beispielsweise die folgenden Satzanfänge vorgeschlagen:

    • Einen Inhalt oder eine Idee mit anderen offenen zu teilen ist für mich …
    • Ich könnte besser teilen, wenn …
    • Eine völlig absurde Idee, die ich zum Teilen habe, lautet …

    Zur ‚Auflösung‘ können die Beteiligten danach in 3er-Gruppen zusammenkommen und sich gegenseitig berichten, was sie aufgeschrieben haben. Ich nutze die Methode zum Teil auch, um damit direkt in die kollaborative Erarbeitung einsteigen zu können. Bei den obigen Fragen könnte man z.B. bei der zweiten Frae nicht nur einen Austausch machen, sondern auch die Aufgabe geben, dass jede Dreiergruppe einen für sie wichtigen Aspekt formulieren soll, der für besseres Teilen hilfreich wäre. Daran kann dann anschließend gemeinsam weiter gearbeitet werden.

    5. Impulse als ‚Stille Post‘

    In sehr vielen Fällen ist es hilfreich, in einem Workshop bei der Bearbeitung einer Herausforderung nicht von ganz vorne zu beginnen, sondern auf Erfahrungen und Vorarbeiten von anderen anzuschließen. Klassisch lässt sich dazu ein Input gestalten. Die interaktive Form davon ist die ‚Stille Post‘-Methode. Dabei werden die Impulse vorab auf Zettel geschrieben. Die Teinehmenden stehen in einem Kreis und jede zweite Person erhält einen Zettel. Diese liest den Zettel und stellt ihn dann der Person, die im Uhrzeigersinn nach ihr kommt kurz vor. Dabei ergänzt sie, was ihre Einschätzung dazu ist. Dann wird der Zettel an die zuhörende Person übergeben, die wiederum zur nächsten Person im Kreis geht und wiederum vorstellt und die eigene Einschätzung dazu gibt.

    Anders als beim klassischen ‚Stille Post‘ Spiel muss also nicht weitergegeben werden, was die erste Person gesagt hat. Es lässt sich aber beobachten, dass die Einschätzungen der Teilnehmenden im Verlauf durch den Kreis immer qualifizierter werden. In jedem Fall erhalten alle zahlreiche Impulse, sind immer selbst aktiv und überlegen sich direkt, was ihr jeweiliger Bezug/ ihre Meinung zu einem Impuls ist.

    Die Methode eignet sich gut, um beispielsweise Praxisbeispiele vorzustellen und danach in ein Brainstorming zur eigenen Ideenfindung einzusteigen.

    6. Lego bauen

    Lego bauen ist (fast) immer eine gute Idee in Workshops. Denn durch das – zu Beginn meist noch ziellose – Bauen mit den Legosteinen kommt das Denken in Gang. Ich nutze es gerne in der Ankommenszeit, so dass Teilnehmer*innen über ihre Bau-Aktivitäten direkt miteinander ins Gespräch kommen. Außerdem ist es auch ein guter Einstieg in ein Brainstorming. Als Bau-Aufgabe wird dann das jeweilige Thema gewählt. Beispiel: Wie sieht für Dich gute Bildung aus?

    Es gibt extra zusammengestellte ‚Lego Design Thinking‘-Sammlungen. Diese haben den Vorteil, dass zahlreiche Sondersteine enthalten sind, mit denen vieles dargestellt werden kann. Wer Lego spielende Kinder hat, kann aber auch einfach eine Tüte davon für den Workshop ausleihen.

    7. Rollenspiel

    Um gemeinsam Herausforderungen zu bewältigen, lohnt es sich, aus unterschiedlichen Perspektiven darauf zu blicken. Ich habe dazu schon häufiger mit den ‚Kreativitätshüten‘ von de Bono gearbeitet und diese auch bei der letzten Edunautika vorgestellt.

    Noch vielfältiger wird der Austausch mit einem QR-Code-Zufallsgenerator. Wenn Du den folgenden QR-Code scannst, kommst Du auf diese Website. Mit Klick auf den dortigen Button, wird immer wieder eine neue Rolle angezeigt. (Ich habe für diese Rollenzusammenstellung einiges an Output von ChatGPT genutzt und auch den Code habe ich mithilfe dieses Tools generiert). Die Azufgabe ist, dass die Teilnehmenden in der gemeinsamen Diskussion vor allem mit dieser Brile auf die Herausforderungen blicken.

    Hier ist der QR-Code:

    8. Gute Auswahl – im Koordinatensystem oder mit Interview

    In Workshops kommt man fast immer irgendwann an den Punkt, dass man gemeinsam zahlreiche Ideen erarbeitet hat – und nun einige davon auswählen muss. Es gibt dazu viele mögliche Kriterien zur Auswahl. Ich nutze gerne diesen Weg:

    Zunächst werden alle Ideen oder Ansätze gestrichen, die ohnehin klar oder selbstverständlich sind bzw. die kein gemeinsames Nachdenken und Kollaboration mehr erfordern. Alle anderen werden in dieses Koordinatensystem einsortiert:

    Wie dargestellt werden dann die Ideen im oberen rechten Viertel ausgewählt. Besonders schön finde ich hieran das Auswahlkriterium der Begeisterung.

    Eine alternative Möglichkeit zur Auswahl ist ein ‚Gruppenpuzzle-Interview‘. Dabei gehen jeweils zwei Personen aus einer Kleingruppe, in der gebrainstormt wurde, zu einer anderen Kleingruppe. Eine Person von ihnen ist Interviewer*in, die andere bekommt die Anzahl an Karteikarten, die an Ideen ausgewählt werden dürfen. Die Interviewer*in befragt nun die Personen, was sie gesammelt haben und was ihnen dabei wichtig ist. Die andere Person hört zu und schreibt dann letztendlich die Ideen auf die zugeteilten Karteikarten, die sie aufgrund des Interviews am hilfreichsten findet. Diese werden dann ins Plenum zurückgetragen.

    9. ‚Hände hoch‘-Entscheidungspoker (und Regel des geringsten Widerstands)

    Diese Methode habe ich zum ersten Mal beim Educamp erprobt und sie hat gut funktioniert. Ich habe sie ursprünglich in meinem Ideentagebuch entwickelt. Sie wird benutzt, um in einer Gruppe gefundene Vorhaben kollaborativ zu bewerten und Einigung zu finden.

    Hier ist die Anleitung dazu:

    1. Die erste Karte mit einem Vorhaben wird vorgelesen. Auf ein Signal hin, heben alle ihre Hände nach oben und zeigen dabei eine Zahl zwischen 0 und 10 mit den Fingern an. 0 bedeutet dabei: Finde ich doof! 10 bedeutet: Finde ich cool!
    2. Wenn es vereinzelte Abweichungen gibt (z.B. fast alle sagen 9 oder 10, aber eine Person sagt nur 3), bekommt die abweichende Person Gelegenheit, um kurz auf ihre Position einzugehen. Danach wird die Abstimmung wiederholt.
    3. Die Punktezahl wird zusammengezählt und die Karte an einer Pinnwand entsprechend platziert.
    4. Mit den weiteren Karten wird ebenso verfahren.
    5. Wenn alle Karten platziert sind, bekommen alle Beteiligten Klebepunkte, die sie auf den Karten platzieren, bei denen sie am wenigsten mitgehen würden.
    6. Ausgewählt werden schließlich die 10 (oder eine andere Anzahl) am besten bewertete Karten, bei denen es den wenigsten Widerspruch gibt.

    Hilfreich ist an dieser Methode, dass alle aktiv dabei sind und man auch in großen Gruppen sehr ergebnisorientiert zu Entscheidungen kommen kann.

    Und sonst?

    Die Stationen der Edunautika sind vor allem dazu gedacht, um miteinander ins Gespräch zu kommen. In diesem Sinne freue ich ich auf den Austausch heute Nachmittag und auf viele, weitere Anregungen. Allen, die nicht bei der Edunautika dabei sein können, wünsche ich viel Freude beim Ausprobieren!

    #MethodenLernformate #NeueLernkultur

  28. Fortbildung als ‚Stretching‘-Lernangebot

    #lernformate #neue-lernkultur

    (Antworten auf diesen Tröt erscheinen nach Freigabe direkt auf dem Blog als Kommentar).

    https://ebildungslabor.de/?p=3345

  29. Barcamp + Learning Circles = BarCircles

    #Blog

    Peer-to-Peer Austausch zu selbst gewählten Fragen mit gleichzeitigem Input

    🔗 https://ebildungslabor.de/?p=3151

    (Antworten auf diesen Tröt erscheinen nach Freigabe direkt auf dem Blog als Kommentar).

  30. Agiles Lernen im Kollegium

    Im zurückliegenden Jahr habe ich gemeinsam mit Niels Winkelmann an einem – wie ich finde – sehr spannenden Auftrag des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) gearbeitet. Nun ist das entstandene Lernangebot veröffentlicht – und ich freue mich über Feedback zur Weiterentwicklung und Anpassung.

    Das bedeutet für Dich: Du kannst das Lernangebot schon jetzt mit Deinem Kollegium nutzen. Vor allem aber kannst Du Dir das Konzept anschauen und testen, ob das für Dich und deine Schule passen könnte. Wenn noch nicht, dann kannst Du uns weitergeben, was es dazu aus Deiner Sicht noch bräuchte bzw. was anders gestaltet werden müsste.

    Worum geht es?

    Das Lernangebot trägt den Titel: Schule selbst entwickeln und effizienter gestalten. Dieser Titel trifft gut, was mit dem Lernangebot intendiert ist:

    Die Institution Schule wird sehr häufig durch externe Rahmenbedingungen (fehlende personelle Kapazitäten, schlechte Infrastruktur, unpassende Vorgaben …) ausgebremst. Zugleich steht sich Schule aber an manchen Stellen auch selbst im Weg und es könnte durchaus Möglichkeiten geben, um trotz der alles andere als guten Rahmenbedingungen zu einer effizienteren Gestaltung des Lehrens und Lernens zu gelangen. In diesem Sinne greift das Lernangebot zentrale Themen auf, die in diesem Zusammenhang entscheidend sein können: Kompetenzentwicklung durch Peer-to-Peer Lernen, Unterrichtsentwicklung, Kommunikation und Informationsmanagement sowie Schulentwicklung durch Leitbildarbeit. Anstatt Lehrkräfte aber Schritt für Schritt durch einen klassischen Kurs zu diesen Themen zu führen, werden sie dazu eingeladen, sich gemeinsam mit ihrem Kollegium eigenständig auf den Weg zu machen. Wer die genannten Themen für die eigene Schule weniger relevant findet, kann auch ein ganz anderes Thema zur Bearbeitung definieren.

    Das Lernangebot ist also in wesentlichen Punkten anders als ein klassischer Kurs:

    • Die Zielgruppe ist das ganze Kollegium – nicht nur einzelne Lehrkräfte.
    • Es gibt keine externe Betreuung oder zeitliche Festlegungen.
    • Die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung liegt maßgeblich in der Hand der jeweiligen Schule.

    Wer bis hierher gelesen hat, stellt sich jetzt vielleicht die Frage:

    Wozu braucht es denn dann ein ‚Lernangebot‘, wenn die einzelnen Schulen einfach alles selbst machen sollen?

    Die Antwort darauf lautet: Die Schulen werden nicht allein gelassen. Stattdessen bietet das Lernangebot einen Rahmen für den erwünschten und selbst gestalteten Lern- und Entwicklungsprozess des Kollegiums. Es beantwortet die Frage: Wie genau können wir vorgehen, wenn wir unsere Schule selbst entwickeln und effizienter gestalten wollen – sowohl zu den genannten Themen als auch darüber hinaus? Dazu wird ein am agilen Lernen orientiertes Vorgehen vorgeschlagen und im Kollegium verankert.

    Was ist agiles Lernen und Arbeiten?

    Die Grundidee von agilem Lernen und Arbeiten ist, dass ein Prozess kleinschrittig gestaltet ist, um immer wieder Raum für Reflexion und Anpassung zu bieten. Jeder Schritt in der Entwicklung ist in einem so genannten Sprint zusammengefasst. Zwischen den Sprints wird das vorläufige Ergebnis einer Person vorgestellt, die nicht direkt am Sprint beteiligt war. Mit den dort besprochenen Anpassungen geht es dann in den nächsten Sprint.

    Praktisch sieht ein Lern- und Arbeitsprozess auf Grundlage agiler Prinzipien also folgendermaßen aus:

    • Eine verantwortliche Person erteilt einen ‚Auftrag‘ an eine Arbeitsgruppe.
    • Die Arbeitsgruppe beginnt damit, diesen Auftrag in einem Sprint zu bearbeiten.
    • Sie stellt ihr erstes Zwischenergebnis der verantwortlichen Person vor.
    • Die verantwortliche Person gibt Feedback.
    • Mit diesem Feedback arbeitet die Gruppe weiter im nächsten Sprint.

    Dieser Prozess wird immer wieder wiederholt und der Auftrag so immer weiter bearbeitet – bis am Ende ein für alle zufriedenstellendes Ergebnis erreicht wird.

    Übrigens: Einige Lehrkräfte nutzen dieses Prinzip für die Gestaltung ihres Unterrichts. Mit dem Buch ‚Scrum in die Schule‚ gibt es dazu umfassende Ideen und Materialien. Unser Lernangebot funktioniert mit ähnlichen Grundprinzipien – aber richtet sich an das Kollegium.

    Wie ist das Lernangebot gestaltet?

    Grundlegend – und zugleich beim erstmaligen Erkunden wahrscheinlich ungewohnt – ist bei unserem Lernangebot, dass es unterschiedliche Zugänge bietet. Direkt auf der Startseite muss ausgewählt werden, welchen Zugang man nutzen will:

    • Für Menschen aus der Schulleitung oder einer Schulentwicklungsgruppe (= die verantwortlichen Personen, die den ‚Auftrag‘ erteilen und Feedback geben), steht ein ‚Meta-Kurs‚ zur Verfügung. Kurz und prägnant können sie sich hier einen Überblick verschaffen, wie das Lernangebot funktioniert – und wie sie es auf den Weg bringen können. (Ganz praktisch bedeutet das, ein erstes Thema zur Bearbeitung auszuwählen, dann eine ‚Sprintgruppe‘ zu finden und dieser den ‚Auftrag‘ zur Bearbeitung des ersten Sprints zu erteilen.)
    • Die einzelnen Sprintgruppen finden die Materialien zu dem Sprint, zu dem sie sich gemeldet haben, über die jeweils ausgewählten Themen. Wer ganz offen ein Thema wählen will, findet die dazu benötigten Sprints im Freestyle-Bereich.
    • Unter Glossar gibt es inhaltlichen Input in Form von schnellen Überblicksvideos und kommentierten Linklisten. Darauf wird in den einzelnen Sprints verwiesen – aber die Listen können natürlich auch unabhängig von einem Sprint genutzt werden.

    Wie sieht das Lernen mit diesem Lernangebot ganz praktisch aus?

    Nehmen wir an, dass es an einer Schule bisher noch wenig bis keine Peer-to-Peer Fortbildungsaktivitäten gibt oder vielleicht nur erste Experimente mit Mikrofortbildungen, die aber nie so richtig klappen. Eine Person aus dem Kollegium (vielleicht Du?) liest diesen Blogbeitrag und weist ihre Schulleitung auf die Möglichkeit des Lernangebots beim NLQ hin. Sie argumentiert, dass es doch einen Versuch wert sei, einfach mal auszuprobieren, ob man bei der Herausforderung des Peer-to-Peer Lernens mithilfe dieses Lernangebots weiterkommen könne.

    Die Schulleitung ist grundsätzlich aufgeschlossen, informiert sich im Meta-Kurs darüber, wie das ganze funktioniert – und stellt das Vorhaben dann dem Kollegium vor. Sie erklärt, dass es um einen Versuch geht, in insgesamt vier zweiwöchigen Sprints, für die sich jeweils Freiwillige melden können, die Herausforderung des Peer-to-Peer Lernens Schritt für Schritt anzugehen und eine für das Kollegium passende Lösung zu entwickeln.

    Es findet sich eine Handvoll Freiwilliger aus dem Kollegium, die sich auf einen ersten Sprint einlassen. Da der Sprint nur zwei Wochen lang dauert und man rund 4-5 Stunden Arbeitsaufwand insgesamt hat, gehen sie eine nicht eine zu große Verpflichtung ein. Außerdem hat die Schulleitung angekündigt, im Gegenzug bei anderen Herausforderungen zu entlasten.

    Die Sprintgruppe erhält den offiziellen Auftrag aus der Schulleitung. Darin wird der Gruppe geschrieben, wo im Lernangebot sie ihren Sprint finden (= unter Themen, Peer-to-Peer Lernen, Sprint 1) und bis wann sie Zeit haben. Sie sehen, dass der erste Sprint aus vier einfach erklärten Schritten besteht: Ein synchrones Treffen zum Auftakt, dann eine asynchrone Selbstlernphase, dann ein etwas längeres synchrones Treffen und dann eine asynchrone Fertigstellung.

    Der Auftrag im ersten Sprint ist eine grobe Konzeptentwicklung. Die Frage lautet: Wie wollen wir Peer-to-Peer Lernen an unserer Schule konzipieren? Wie die Gruppe in den einzelnen Schritten vorgehen soll, ist im Lernangebot beschrieben. Um das Konzept zu entwickeln, holen sich die Beteiligten eigenständig in der asynchronen Selbstlernphase den Input, den sie brauchen. Sie können dazu auch das verlinkte Glossar nutzen. Ihre Ergebnisse geben sie am Ende des Sprints an die Schulleitung zurück – und können dann entscheiden, ob sie auch im zweiten Sprint dabei bleiben – oder neue Freiwillige gesucht werden müssen.

    Wenn die nächste Sprintgruppe gebildet ist, folgt der zweite Sprint zur Implementierung. Wieder wird so vorgegangen, wie beim ersten Sprint. Und so geht es weiter bis nach insgesamt vier Sprints ein Konzept entwickelt, die Implementierung überlegt, die Umsetzung gestaltet und die Umsetzung reflektiert und angepasst wurde.

    Alle an den Sprints beteiligten Personen überlegen nun gemeinsam mit der Schulleitung, was sie aus den Sprints zu diesem Thema als Learnings festhalten wollen. Auf dieser Grundlage kann dann ein nächstes Thema ausgewählt – und wiederum in vier Sprints bearbeitet werden.

    Kann das funktionieren?

    Das Lernangebot ist für mich (und ich denke auch für die anderen Beteiligten) ein Experiment. Es ist der erste ‚Kurs‘, den ich gestalte, bei dem ich das Lernen ganz in die Hand eines Kollegiums lege, das dieses Lernangebot dann gemeinsam nutzen und für sich selbst sehr flexibel und eigenständig gestalten kann.

    Ich bin mir bewusst, dass das Lernangebot genau deshalb auch ziemlich herausfordernd ist. Zugleich hat es aber auch sehr großes Potential und kann große Wirkung entfalten. Denn wenn es so funktioniert, wie wir das konzipiert haben, dann ermöglicht das Lernangebot an Schulen die Verankerung von Strukturen und ‚Lern-Routinen‘ für eine kontinuierliche Schulentwicklung als lernende Organisation. Damit lässt sich dann potentiell jede neue Herausforderung aufgreifen und bearbeiten!

    Was meinst Du?

    Ich bin sehr neugierig, auf Dein Feedback und Deine Überlegungen zur Weiterentwicklung dies Lernangebots. Wie Du mich erreichen kannst, steht hier.

    Das Lernangebot findest Du im Online-Angebot des NLQ. Es ist keine Registrierung/ Anmeldung erforderlich, um auf die Inhalte zugreifen zu können.

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    #MethodenLernformate #NeueLernkultur