Alle sprechen über dich, aber niemals mit dir
Die Ausstellung „Subkultur-Hauptstadt Karl-Marx-Stadt" findet nicht etwa in Chemnitz statt, sondern in Leipzig. Die betrachtete Zeit endet auch brav 1990, weil man sonst mit den Menschen zusammenarbeiten müsste, die die letzten 30 Jahre geprägt haben, und das wollen wir nicht. Mit denen redet man nicht.
Stimmen tut es trotzdem. Es ist eine ganz eigene Kultur, die bis heute fortbesteht. Wahrscheinlich deshalb, weil man immer die Position des Underdogs hat. Man könnte den Hunger auf der Welt besiegen und alle hätten etwas auszusetzen. Irgendwie beleidigend, aber auch befreiend. Hier der Originaltext der Veranstaltung:
https://www.galeriekub.de/index.php?Direction=1489
Die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 war nicht zuletzt angetreten, explizit der autodidaktischen künstlerischen Selbstermächtigung Raum zu geben, die in der Stadt ohne Kunstschule-Tradition eine wesentliche Rolle spielte und zum herausragenden Sonderstatus innerhalb des alternativen Kunst- und Subkultur-Spektrums der späten DDR führte. Von Ansätzen abgesehen kam die außergewöhnliche Karl-Marx-Städter Szene der 1980er Jahre aber nicht in den Fokus, was nicht zuletzt auch eine internationale Würdigung hätte sein können.
„Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt“ als Projekt in einer Kooperation des Leipziger Soziokulturellen Zentrums naTo e.V. und der Publikations- und Präsentationsplattform Zonic greift diese Fehlstelle leicht zugespitzt auf und setzt von einer relativen Außenposition zur ergänzenden Korrektur an.
Es fußt dabei auf diversen Vorgänger-Projekten zur Subkultur des realsozialistischen Raums und entsprechenden Veröffentlichungen, in denen auch der spezielle Charakter der Karl-Marx-Städter Szene vorgestellt wurde. Aus diesen Kontexten ergibt sich auch die maßgebliche Zusammenarbeit mit Dr. Claus Löser, der als Ko-Kurator aus den originalen Zusammenhängen stammt. Er gründete Anfang der 1980er mit dem späteren Künstler Florian Merkel die Artpunk-Band Die Gehirne, gab zwischen 1983 und 1985 mit Frank Bretschneider das originalgrafische Samisdat-Magazin A Drei heraus und veröffentlichte Texte in anderen DDR-Samisdat-Publikationen. Hauptgrund seiner Verfolgung durch die Staatssicherheit war jedoch seine Rolle als wesentlicher Akteur der vor allem mit Super8-Technik arbeitenden Experimentalfilm-Szene, zu deren wichtigstem Archivar und wissenschaftlichem Aufbereiter er später wurde.
Die Wortwahl von der „Subkulturhauptstadt Karl-Marx-Stadt“ bezieht sich aber auch wertend auf die Vielzahl außergewöhnlicher künstlerisch-subkultureller Aktivitäten, deren Bandbreite vor allem mittels der Ausstellung erfahrbar wird, während in einer Veranstaltungsreihe spezifische Momente kontextualisiert werden. Keine andere Stadt der DDR hatte eine ähnlich schräge Verschränkung von Klang, Poesie, Experimentalfilm, Kunst und performativer Aufführung aufzuweisen. Dass es auch schon eine Eigenwahrnehmung dieses Sonder-Charakters gab, drückte sich z.B. in den Kassetten-Beilagen des Magazins A Drei „Melodie & Harmonie“ und „Klar vor mir Musik“ aus, die den Sound der Stadt einfingen. Ein Novum der Selbstbehauptung der Hauptstadt eines Randbezirks. Deren politische wie kulturpolitische Wirkungsbedingungen in den 1980ern ebenfalls vorgestellt wird, von der staatlichen Repression Anfang der 1980er, vor allem von Punk, bis zur vorsichtig geweiteten, wenn auch weiter überwachten Spielwiese am Ende des Jahrzehnts bzw. des gesellschaftlichen Systems.
https://word.undead-network.de/2026/10/25/alle-sprechen-ueber-dich-aber-niemals-mit-dir/
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