#deronlineshitderwoche — Public Fediverse posts
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Eine (verspätete) Grabrede auf ein Lieblingsblog
Meine Grossmutter väterlicherseits war eine begeisterte Leserin von Frauenzeitschriften. Sie interessierte sich speziell für Postillen einer speziellen Unterart. Wie die hiessen, weiss ich nicht mehr, aber mit einer Publikation wie die «Neue Post» liegen wir nicht gross daneben. Inhaltlich ging es vor allem darum, dass normale (nicht prominente) Personen von den Prüfungen des Lebens berichten und vor der Leserschaft ihr Leid ausbreiten.
Dieses Prinzip übertrage ich heute in die digitale Welt. Ich berichte von einem traurigen Schicksal eines Absturzes in die Gosse. Es geht um eine Verstossung von solchem Ausmass, dass ich mich wahrscheinlich nicht an der Regenbogenpresse, sondern vielmehr am griechischen Drama orientieren müsste. In dieser Tragödie versumpft der Held in einem dubiosen Umfeld von Glücksspiel und Suchmaschinenoptimierung. Es gibt einen kurzen Moment der Hoffnung, der wie eine Auferstehung erscheint. Doch er erweist sich als Illusion.
Es geht, wie ihr vielleicht schon vermutet, nicht um einen Menschen. Die Rede ist vielmehr von einer Website, bei der die Chance intakt ist, dass sie euch im Verlauf der letzten zwanzig Jahre ebenfalls begegnet ist.
Ein Kind seiner Zeit
Kwerfeldein erblickte am 13. April 2005 das Licht des Internets und verbreitete anfänglich eine seltsame Mischung aus religiösen Bekundungen und Alltags-Trivialitäten wie dem schmutzigen Geschirr in der Spüle. Ein wildes, undifferenziertes Themenspektrum war typisch für die Blogs in der Anfangsphase. Die sozialen Medien, die später zum bevorzugten Kanal für derlei Inhalte werden sollten, waren erst im Entstehen begriffen, und die Erkenntnis, dass auch in dem alternativen Mediensegment ein klares Profil und eine inhaltliche Fokussierung hilfreich sein könnten, musste erst gemacht werden.
Heute ist die Antwort meistens: Suchmaschinenoptimierung.Diese Entwicklung ging bei Kwerfeldein zügig vonstatten (deutlich schneller als bei mir). Bald tauchten erste Beiträge zur Fotografie auf. Im Oktober 2005 wurden diese Aktivitäten konkreter und im Frühling 2007 wandelte sich die Website in ein Fotoblog. Der Autor, Martin Gommel, trat mit einer klareren Mission auf: Er lebe in Karlsruhe, schreibe über Landschaftsfotografie, Kreativität und Inspiration, und er gebe Tipps für beginnende und fortgeschrittene Fotografen.
Vom Blogger zum Fotojournalist
Das tat Martin so leidenschaftlich, dass er 2011 für den Grimme-Preis nominiert wurde und spätestens in dem Jahr auch auf meinem Radar auftauchte¹. Das Blog wuchs sich zu einem Online-Magazin aus. 2015 zog Martin weiter. Er arbeitete als freier Fotojournalist und wandte sich dem Thema der psychischen Krankheiten zu. Er werde nicht akzeptieren, dass Menschen mit Depression ignoriert würden, sagte er 2022 dem Deutschlandfunk. Darüber schreibt Martin auch bei Krautreporter. Kwerfeldein entwickelte sich in dieser Zeit zu einem «tagesaktuellen Magazin mit einer Redaktionsfamilie».
Doch im Juli 2024 war Schluss, danach erschien eine Fehlermeldung und anschliessend der Hinweis, der Hosting-Account sei eingestellt. Eine offizielle Erklärung fand ich nicht. Aber es ist nicht abwegig, zu vermuten, dass sich ein professionelles, alternatives Informationsangebot im Internet in Zeiten des Medienwandels nicht mehr rechnete. Ein Finanzierungsversuch via Steady konnte daran nichts ändern.
Statt Fotografie gibt es heute Werbung für Online-Casinos
Dann passierte das, was leider häufig passiert: Die Website, bzw. Domain fiel in die Hände jener Gilde, die man in diesem Kontext als Leichenfledderer bezeichnen möchte. Die Adresse leitet nun weiter auf eine Seite, die Suchmaschinenoptimierung für deutsche Online-Casinos betreibt.
Ein unrühmliches Ende. Falls es wirklich ein Ende ist. Ich erhielt vor einiger Zeit ein Mail mit dem folgenden Inhalt:
Bei der Überprüfung Ihrer veröffentlichten Materialien haben wir einen Link zu unserer früheren Domain festgestellt (kwerfeldein. de). Diese Domain wurde inzwischen an einen externen Anbieter übertragen und enthält nun Inhalte, die nicht mit unserer Mission vereinbar sind und die Leser irreführen oder dem Ansehen unserer Marke schaden könnten.
Die neue, offizielle URL sei querbeet-journal.de-html.com. Ist die eingangs erwähnte Auferstehung? Man könnte es meinen, denn in der Blogroll werden diverse Artikel von 2025 aufgelistet. Bei näherer Betrachtung scheinen die allerdings allesamt falsch datiert zu sein und von 2012 zu stammen. Mein Eindruck ist, dass ein uralter Stand des Blogs reaktiviert wurde. Wozu das gut sein könnte? Ich habe keine Ahnung. Ich tippe auf eine konkurrenzierende SEO-Aktion.
Der Niedergang ist symptomatisch
An dieser Stelle bleiben mir nur zwei betrübliche Erkenntnisse:
Erstens gibt es einen, der am Ende am besten lacht – und das ist anscheinend immer der Typ von der obskuren SEO-Agentur. So war es bei Blogwerk und bei der Website der Zeitschrift Publisher, für die ich bis 2019 arbeitete. Vermutlich wird es auch mit dieser Domain hier irgendwann so enden. Ich verweigere mich den Sirenenklängen der SEO-Branche standhaft, doch irgendwann wird auch mein Stündlein schlagen.
So traurig das ist, hier trotzdem ein grosses Dankeschön an Martin Gommel: Du hast das Web über Jahre bereichert. Und das ist (zweite Erkenntnis) etwas wert, auch wenn es nicht ewig währte.
Fussnoten
1) Ich erwähnte sie bei einem halben Dutzend Gelegenheiten: Online-Foto-Magazin, Bewegte Bilder zur Fotografie, Erweiterungen fürs Diptychon und Triptychon, Für Architektur- und Blutmondfotografen, Fotokunst auf die faule Tour ↩
#Bloggen #DerOnlineShitDerWoche #Retro #SEO -
Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren
Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».
Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.
Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.
Irgendwas ist faul in Göschenen
Das Vergleichsbild aus dem Staatsarchiv Uri: viele Ähnlichkeiten und Detailunterschiede.Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.
Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».
So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.
Da passt gar nichts zusammen
Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.
Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:
- Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
- Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
- Wie mir ein SBB-Kenner auf Facebook mitteilt, ist die Lok in Wahrheit grün oder braun, jedenfalls nicht rot. Das Originalbild war, wie zu vermuten war, schwarzweiss und wurde eingefärbt.
- Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
- Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?
In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.
Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?
Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Bislang gab es keine Reaktion, doch falls sich das ändert, trage ich die Stellungnahme hier nach.
Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.
Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.
Beitragsbild: Ein Extrazug vom 3. Juni 1982 mit Doppellok Ae 8/14 11801 beim Verlassen des Gotthardtunnels in Göschenen (Hans-Peter Bärtschi/ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).
#DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar -
Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren
Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».
Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.
Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.
Irgendwas ist faul in Göschenen
Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.
Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».
So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.
Da passt gar nichts zusammen
Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.
Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:
- Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
- Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
- Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
- Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?
In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.
Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?
Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Bislang gab es keine Reaktion, doch falls sich das ändert, trage ich die Stellungnahme hier nach.
Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.
Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.
#DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar -
Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag geht es um eine argentinische Polizistin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
- Die Esel:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies. - Die Container:
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen. - Hachikō:
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen. - Álvaro Múnera Builes:
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier). - Celeste Ayala:
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Tisch gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
#DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien - Die Esel:
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Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag ist eine argentinische Polizistin die Heldin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
- Die Esel:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies. - Die Container:
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen. - Hachikō:
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen. - Álvaro Múnera Builes:
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier). - Celeste Ayala:
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Teppich gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
Beitragsbild: Bei ihr hat es jedenfalls gewirkt (RobinHiggins, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien - Die Esel:
-
Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag geht es um eine argentinische Polizistin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
- Die Esel:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies. - Die Container:
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen. - Hachikō:
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen. - Álvaro Múnera Builes:
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier). - Celeste Ayala:
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Tisch gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
#DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien - Die Esel:
-
Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag ist eine argentinische Polizistin die Heldin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
- Die Esel:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies. - Die Container:
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen. - Hachikō:
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen. - Álvaro Múnera Builes:
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier). - Celeste Ayala:
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Teppich gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
Beitragsbild: Bei ihr hat es jedenfalls gewirkt (RobinHiggins, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien - Die Esel:
-
Facebook ersetzt Journalismus durch Kitsch
Vermutlich meint sie nicht ihren Milchkaffee.Ist das ein echtes Problem?
Die Frage stellt sich beim heutigen Thema, weil auf der Meta-Plattform Threads solche Posts wie derjenige von Emily veröffentlicht werden und Tausende von Likes absahnen. Frau Owen posiert mit einem Coffee to go und der Aussage, sie sei stolz, weiss zu sein. Und obwohl ich nichts mit Emily zu tun habe und nicht die geringste Lust verspüre, mit ihr in eine Diskussion über stumpfsinnige Rassismusäusserungen einzutreten, präsentiert mir Mark Zuckerbergs Algorithmus diesen Post ungefragt in meiner Zeitleiste. Also: ein echtes, drängendes Problem.
Demgegenüber geht es in diesem Blogpost um eine Sache, die im Vergleich harmlos wirkt. Mark Zuckerberg reibt mir auf einer seiner anderen Plattformen (Facebook) automatisch Posts unter meine Nase, bei denen man annehmen könnte, sie seien ein Grund zur Freude. Es handelt sich um positive Meldungen aus einer immer schwierigeren, beängstigenderen Welt. Hier sind Leute am Werk, die den Glauben ans Gute anfachen. Oder?
Fünf herausragende Beispiele dieser Machart:
1) Auf Santorini dürfen dicke Touristen nicht mehr auf Eseln reiten
Wer hat kein Herz für Esel?Klingt sinnvoll: Wer über hundert Kilogramm wiegt, sollte sich nicht auf einen armen Esel setzen und sich den Hang hochschleppen lassen dürfen.
Diese Geschichte, die das Herz aller Tierfreunde erwärmt, wurde von einer Facebook-Seite mit dem irritierend nichtssagenden Namen Typisch Bugra – FaxxenTV in Umlauf gebracht. Der Urheber präsentiert ein verwirrendes Durcheinander an Inhalten und hat aus mir völlig uneinsichtigen Gründen 1,3 Millionen Follower. Zum Vergleich: SRF hat nur einen Zehntel (133’800 Leute).
2) Ausgemusterte Busse werden zu mobilen Lebensmittelläden
Eine bessere Welt dank alten Bussen und Containern.«My Hobby» schreibt, in Deutschland würden aus Schiffscontainern modulare Unterkünfte für obdachlose Menschen. Der Bildpost schneidet ein anderes, ähnlich gelagertes Thema an und berichtet, in Dänemark würden ausgemusterte Busse zu mobilen Lebensmittelläden umgebaut.
Hierzulande mag man sich an die Migros-Verkaufswagen erinnern, die vor mehr als hundert Jahren durch die Schweiz fuhren und in den 1970er-Jahren auch in meinem Dorf für eine willkommene Einkaufsgelegenheit sorgten.
3) Der treue Hund Hachikō an der Shibuya-Station
Kein Tag, an dem dieser Hund nicht auf Facebook anzutreffen ist.Ein Hund wartete auch nach dem Tod seines Herrchens für Jahre an einer Bahnstation und wurde so zu einem Symbol für Treue. Diese Begebenheit ist auf Wikipedia dokumentiert.
Auf Facebook wird sie andauernd von allen möglichen und unmöglichen Accounts aufgewärmt. Hier von Video Trends oder hier bei PawLove mit einer besonders widersinnigen Betextung:
Kennst du diese Geschichten, die man nie vergisst, egal wie oft man sie hört 🐕
4) Der bekehrte Matador
Hier stimmt nichts – weder der Text noch das Bild.Auch das ein Wiedergänger, der intensiven Facebook-Nutzern etwa dreimal am Tag begegnet: Álvaro Múnera Builes sei ein bekehrter Matador. Bei «Momente der Inspiration» liest sich das wie folgt:
Während eines angespannten Stierkampfes tat der Matador Álvaro Múnera das Unvorstellbare. Während die Menge vor Aufregung tobte und das nächste dramatische Manöver erwartete, trat er plötzlich vom Stier zurück, ging an den Rand der Arena und setzte sich hin. Stille legte sich über das Publikum.
Múnera habe dem Stierkampf den Rücken gekehrt und sei ein engagierter Tierschutzaktivist geworden, erfahren wir: ein Mensch, der von einer Sekunde auf die nächste sein Leben umkrempelte, vor den Augen des staunenden Publikums.
5) Die stillende Polizistin
Die Polizistin, die schnell mal ein hungriges Baby stillt.Dieses Posting stammt von einem Facebook-User namens Hichäääm, von dem wir nichts weiter erfahren, als dass er eine «Person des öffentlichen Lebens» sei und 1,1 Millionen Follower habe. Er postet alte und neue Meldungen aus dem In- und Ausland, ohne dass ein Muster erkennbar wäre. Mal geht es um die AfD, mal um den nicht mehr finanzierbaren Sozialstaat, mal um Elon Musk, der seine Definition, was eine Frau sein sollte, zum Besten gibt.
Im fraglichen Beitrag geht es um eine argentinische Polizistin, die ein unterernährtes Baby selbst gestillt habe:
Die Polizistin Celeste Ayala zeigte damit, dass Mitgefühl und Verantwortung manchmal wichtiger sind als Dienstvorschriften.
Rührseliger Kitsch
Leider habe ich es nicht geschafft, euch diese Meldungen so neutral zu präsentieren, wie ich es mir vorgenommen hatte. Darum ahnt ihr vermutlich schon, in welche Richtung meine Kritik zielt.
Diese Geschichten haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben alle einen wahren Kern, werden aber zu undifferenziert, rührselig und verkitscht dargestellt. Sie lassen alle Aspekte weg, die die angestrebte Wirkung beeinträchtigen würden. Konkret:
- Die Esel:
Es gibt die Regel zu ihrem Schutz, doch die wurde nicht auf Santorini eingeführt, sondern stammt von der griechischen Regierung. Und die Massnahme zum Tierwohl wird weder ausreichend kontrolliert noch konsequent durchgesetzt. Den Eseln geht es noch immer oft mies. - Die Container:
Über diese Form der Notunterkünfte wird ernsthaft berichtet, hier von der deutschen Tagesschau. Auf den Fotos der ARD wirken die nicht, wie im Text behauptet, wie ein «würdevoller Zufluchtsraum». Von den angeblichen «Pflanzen und Lichterketten» ist nichts zu sehen. Ausserdem erfahren wir nicht, in welcher Stadt diese Container stehen, wer sie initiiert hat und welche Gruppen sie nutzen dürfen. - Hachikō:
Der Hund mag wirklich als Hoffnungsträger dienen, aber die Vermenschlichung mit Begriffen wie «geduldig» und «stille Treue» ist unnötig. Die Lebenslektion zur «bedingungslosen Liebe» würde höchstens in die Sonntagspredigt passen. - Álvaro Múnera Builes:
Der Matador gab seine Karriere nicht aus Mitgefühl für den Stier auf, sondern weil er schwer verletzt wurde und im Rollstuhl sitzt. Diese geschönte Kolportage wurde mehrfach widerlegt (hier und hier). - Celeste Ayala:
Die Fakten werden korrekt wiedergegeben, doch die Moral – Mitgefühl sei wichtiger als Dienstvorschriften – impliziert, die Polizistin habe sich mit ihrer Tat Ärger eingehandelt. Das ist nicht der Fall, sie wurde im Gegenteil befördert. Das wahre Problem ist freilich, dass die eigentliche Ursache, die erschreckende Kinderarmut in Argentinien, komplett unter den Tisch gekehrt wird.
Ich möchte das grundsätzliche Problem anhand des zweitletzten Beispiels, Matador, weiter ausführen.
Diese Erzählung wurde früher oft mit einem Bild in Umlauf gebracht, das einen anderen Stierkämpfer zeigt. Heute verwendet man, natürlich, einen KI-Deepfake.
Wer hätte es gedacht?«Alles kann auf Facebook monetarisiert werden»
Bei der Verbreitung von derlei Informationsmüll gibt es eine finanzielle Komponente. Das fragliche Posting wurde über 8800-mal geteilt und hat 56’700 Likes eingeheimst. Wie oft der Beitrag gesehen wurde, lässt sich daraus nicht direkt ableiten, aber immerhin schätzen: Die Zahl dürfte sich im Millionenbereich bewegen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass selbst die grossen Schweizer Newssites eine solche Reichweite kaum je mit einem einzelnen Beitrag erzielen. Bekanntlich lässt sich solcher Content bei Facebook zu Geld machen. Hier heisst es:
Jedes Content-Format kann monetarisiert werden, nicht nur Videos, sondern auch Fotos, Textbeiträge und Stories. (…)
Die Content-Monetarisierung auf Facebook verfügt über ein «performancebasiertes Auszahlungsmodell», bei dem deine Auszahlungen auf den Interaktionen deiner Zielgruppe basieren. Je besser deine Inhalte abschneiden, desto mehr Geld kannst du verdienen.
Stellt sich also die Frage: Hat der Betreiber der Seite «Momente der Inspiration» für diesen Beitrag – der inhaltlich keinerlei Eigenleistung beinhaltet – Geld bekommen? Die ehrliche Antwort ist, dass ich das nicht weiss. Falls es so sein sollte, würde ein Mindestmass an Transparenz gebieten, dass Facebook diesen Aspekt öffentlich macht.
Jedenfalls durchschaue ich trotz Studiums dieser Seite hier nicht, wie man die Einnahmen abschätzen könnte. Mein Experte für dieses Thema (Claude) meint, bei einer «guten Monetarisierungsstrategie» würden um die 2000 Euro drin liegen.
Wir kommen zum Schluss, dass Information, Berichterstattung und Faktenvermittlung nicht das Ziel solcher Wandersagen sind. Die Botschaft ist bloss Mittel zum Zweck. Es geht um die Emotionalisierung des Publikums – mutmasslich wegen der Umsatzbeteiligung –, und dafür wird alles weggelassen, was nicht ins Bild passt.
Damit zurück zur Ausgangsthese: Obwohl wir es nicht mit Hass zu tun haben, wie bei Emilys White Supremacy-Bekundung, ist in diesen Fällen die performative Zurschaustellung von Liebe zu Mensch und Tier nicht positiv zu werten.
Auch «positive» Fake News sind verheerend
Es hilft nicht, dass wir es nicht mit «harten» Fake News zu tun haben, mit denen die öffentliche Meinung gelenkt und manipuliert werden soll. Denn die «soften Fake News» wirken auf Dauer ebenfalls verheerend – vielleicht nicht so schnell, wie politische Lügen, aber dennoch so stark, dass wir sie auf keinen Fall unterschätzen dürfen:
- Pseudo-News-Beiträge relativieren die Realität. Sie bieten verkitschtes Storytelling im Gewand einer seriösen Berichterstattung.
- Sie erzeugen ein Hintergrundrauschen, in dem Wichtiges und Echtes untergeht und die Grenzen zwischen ernsthafter und regelbasierter Berichterstattung und publizistischem Jekami vermischt: Ich spreche von einer Aufmerksamkeitsverzerrung.
- Sie führen zu einer Überforderung: Selbst kritische, engagierte Nutzerinnen kommen mit Überprüfen und Widersprechen nicht mehr hinterher und kapitulieren.
- Leute, die ambivalente, uneindeutige und differenzierte Positionen vermitteln wollen, stehen auf verlorenem Posten.
Letztens und Schlimmstens: Die Politik hat kapituliert. Man prüft Alterslimits für soziale Medien, die dummerweise bei diesem Problem hier nicht im Geringsten etwas bewirken würden. Aber niemand hält es für diskussionswürdig, dass sich Meta mit der Monetarisierung hier direkt als Verleger betätigt, aber sich gleichzeitig mit der alten Ausrede, auf einer Plattform mit User Generated Content nur als Vermittler zu agieren, aus jeder Verantwortung stiehlt.
Aber gut, mit einem Medienminister, der auch nach der deutlichen Ablehnung der SRG-Initiative noch immer überzeugt ist, der Markt würde auch die Sache mit den Medien regeln, haben wir es in der Schweiz nicht besser verdient.
#DerOnlineShitDerWoche #Facebook #FakenewsDeepfakes #Longread #Politik #SozialeMedien - Die Esel:
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Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!
«Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»
Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?
Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)
Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?
Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.
Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.
Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.
Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis
Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:
Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.
Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?
Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.
Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.
Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?
Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.
Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.
Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.
Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.
Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?
Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Googologie #Wochenkommentar #Youtube -
Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!
«Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»
Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?
Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)
Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?
Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.
Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.
Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.
Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis
Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:
Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.
Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?
Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.
Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.
Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?
Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.
Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.
Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.
Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.
Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?
Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Googologie #Wochenkommentar #Youtube -
Die «Dark Pattern» bei der Online-Physiotherapie
Ein Schmerz in der Schulter bei jeder Bewegung: Was tun? Zum Hausarzt rennen oder darauf hoffen, dass es morgen schon besser sein wird? Oder Dr. Google bzw. Doktorin KI konsultieren?
Es gibt eine weitere Möglichkeit. Auf der Website physiotest.ch wird uns ein Online-Test angeboten. Er liefere einen «vorläufigen Indikator» und eine «klare Erklärung zu den Erkrankungen». Und er macht einen seriösen Eindruck, indem er uns diverse Bewegungen ausführen lässt – jeweils per Video oder in Fotos vorgeführt –, bei denen wir jeweils angeben müssen, ob, wann und wie sehr es schmerzt. Davon verspreche ich mir eine sinnvolle Eingrenzung. Ausserdem heisst es auf der Seite, mehr als 2500 solcher Checks würden pro Tag ausgeführt. Sie scheint so eine Art Mekka für Leute mit Muskel- und Gelenkbeschwerden zu sein.
Das kommt womöglich überraschend: Wer die Resultate seiner Bemühungen sehen will, muss ein Abo abschliessen.Ich kämpfe mich also von Übung zu Übung. Ohne mitgezählt zu haben, durchlaufe ich etwa drei Dutzend Stationen – mit wachsender Zuversicht, dass sich mit so vielen Daten eine klare Aussage über meinen Zustand treffen lässt. Als der Fortschrittsanzeiger endlich hundert Prozent erreicht, erfahre ich allerdings nicht, ob eine Verspannung, ein Sehnenriss oder eine Entzündung des Schleimbeutels vorliegt. Stattdessen teilt mir Physiotest.ch mit, ich müsse ein Abo für 2.99 Franken abschliessen, um die Ergebnisse zu erfahren.
Die Inflation ist beträchtlich
Nebenbei: Als ich den Test für diesen Blogpost ein zweites Mal zufällig klickend durchlaufe, wird mir am Ende ein Abonnement zum nochmals deutlich teureren Preis von 4.49 Franken in Aussicht gestellt. Und: «Nach sieben Tagen wechselt die Testphase automatisch in ein Monatsabonnement von 17.99 Franken, das jederzeit in Ihrem Konto gekündigt werden kann.»
Mir ist diese Masche nicht neu. Die allererste Folge in meiner Online-Shit-der-Woche-Rubrik beschäftigte sich mit den fiesen Psycho-Tricks der Online-Psychologen und einer Website, die vor zwei Jahren nach dem genau gleichen Muster funktionierte: Ohne Deklaration, dass die Auswertung kostenpflichtig ist, werden Nutzerinnen und Nutzer dazu gebracht, ein beträchtliches Zeit-Investment zu leisten. Wenn das nicht umsonst gewesen sein soll, hat man keine andere Wahl, als die Zahlung zu leisten.
Aus meiner Sicht ist das ein Dark Pattern, d.h. ein unfreundliches bis ausbeuterisches Designprinzip, das für mich nötigenden Charakter aufweist. Es steht ausser Frage, dass ich den Test nicht ausgefüllt hätte, wäre ich vorab transparent über die Bedingungen informiert worden. Übrigens bin ich der Meinung, dass ein solcher Test etwas kosten darf, wenn er seriös aufgebaut ist und mir brauchbare Informationen liefert. Fünf Franken fände ich völlig okay – aber ein Abo, das ich selbst wieder kündigen muss und das eine laufende, für mich unnötige Dienstleistung beinhaltet, darf nicht auf diese Weise an die Frau und den Mann gebracht werden.
Wo man eine Information platziert, damit sie keiner liest
Ich habe meine Kritik dem Betreiber unterbreitet und (wider Erwarten) eine Antwort bekommen:
Wir entschuldigen uns, dass Sie enttäuscht sind. Physiotest kam nach jahrelanger Arbeit auf den Markt. Es wurde von professionellen Physiotherapeuten auf der Grundlage aller vorhandenen Bedingungen entwickelt. Es hat einen einzigartigen Algorithmus, der Ihre mögliche Erkrankung sehr genau bestimmt (und mit welchen Erkrankungen Sie weniger Ähnlichkeiten haben). Mit einem kleinen Beitrag für den einzigartigen Selbsttest bieten wir die Qualität, für die wir stehen. Zu Beginn des Checks informieren wir unsere Besucher über den Preis (über dem Weiter-Button). Siehe den angehängten Screenshot.
Ein Bildschirmfoto war nicht angehängt, aber beim zweiten Durchlauf finde ich den Hinweis selbst. Er erscheint bei der ersten Frage, bei der man das Geschlecht auswählt, und bei einer schematischen Darstellung die Schmerzstelle anklickt. Man stimmt an dieser Stelle den allgemeinen Geschäftsbedingungen zu.
Hier findet sich – leicht zu übersehen und missverständlich formuliert – die Preisangabe. (Die übrigens beim zweiten Durchlauf von drei Franken auf 4.50 hochschnellte.)Am Ende des Textblocks heisst es:
Der Check gibt eine Indikation der Erkrankung(en), unter denen Sie möglicherweise leiden. Für 4,49 CHF erhalten Sie das vollständige Ergebnis und Beratung zu Ihren Beschwerden.
So baut man kein Vertrauen auf
Macht dieser Hinweis das Dark Pattern weniger «dark»? Ganz klares Nein:
- Erstens legt es der Hinweis geradezu darauf an, dass man ihn leicht überliest: Der Test hat bereits begonnen. Man darf voraussetzen, dass die Rahmenbedingungen an diesem Punkt geklärt sind. Ausserdem ist man damit beschäftigt, die schmerzende Stelle richtig anzuklicken.
- Und selbst wenn man den Text liest, kann man zum Schluss kommen, dass es ein Resultat in Kurzform – nämlich die «Indikation der Erkrankung(en)» – gratis gibt. Die Formulierung impliziert, dass man nur für die vollständigen Ergebnisse mit Beratung bezahlen muss.
Juristisch dürfte an diesen suggestiven Trickserei nichts auszusetzen sein. Aber für mich ist völlig klar, dass sie in keinerlei Hinsicht dazu geeignet ist, Vertrauen aufzubauen. Als Patient ist man prinzipiell in einer Position des Bittstellers und fühlt sich verletzlich. Wenn sich der Eindruck einstellt, dass Unachtsamkeiten gnadenlos ausgenutzt oder sogar provoziert werden, dann fühlt man sich nicht gut aufgehoben. Darum zum Hausarzt – und niemals zu Physiotest.ch.
Aber eine Schlusspointe gibt es noch. Hygieia gefiel es nämlich, dass meine Schulter am nächsten Tag tatsächlich schon viel weniger schmerzte …
Beitragsbild: Wer sich hier durchwalken lässt, kann nicht gleichzeitig noch aufs Portemonnaie aufpassen (Sincerely Media, Unsplash-Lizenz).
#DarkPattern #DerOnlineShitDerWoche #Gesundheit -
Die «Dark Pattern» bei der Online-Physiotherapie
Ein Schmerz in der Schulter bei jeder Bewegung: Was tun? Zum Hausarzt rennen oder darauf hoffen, dass es morgen schon besser sein wird? Oder Dr. Google bzw. Doktorin KI konsultieren?
Es gibt eine weitere Möglichkeit. Auf der Website physiotest.ch wird uns ein Online-Test angeboten. Er liefere einen «vorläufigen Indikator» und eine «klare Erklärung zu den Erkrankungen». Und er macht einen seriösen Eindruck, indem er uns diverse Bewegungen ausführen lässt – jeweils per Video oder in Fotos vorgeführt –, bei denen wir jeweils angeben müssen, ob, wann und wie sehr es schmerzt. Davon verspreche ich mir eine sinnvolle Eingrenzung. Ausserdem heisst es auf der Seite, mehr als 2500 solcher Checks würden pro Tag ausgeführt. Sie scheint so eine Art Mekka für Leute mit Muskel- und Gelenkbeschwerden zu sein.
Das kommt womöglich überraschend: Wer die Resultate seiner Bemühungen sehen will, muss ein Abo abschliessen.Ich kämpfe mich also von Übung zu Übung. Ohne mitgezählt zu haben, durchlaufe ich etwa drei Dutzend Stationen – mit wachsender Zuversicht, dass sich mit so vielen Daten eine klare Aussage über meinen Zustand treffen lässt. Als der Fortschrittsanzeiger endlich hundert Prozent erreicht, erfahre ich allerdings nicht, ob eine Verspannung, ein Sehnenriss oder eine Entzündung des Schleimbeutels vorliegt. Stattdessen teilt mir Physiotest.ch mit, ich müsse ein Abo für 2.99 Franken abschliessen, um die Ergebnisse zu erfahren.
Die Inflation ist beträchtlich
Nebenbei: Als ich den Test für diesen Blogpost ein zweites Mal zufällig klickend durchlaufe, wird mir am Ende ein Abonnement zum nochmals deutlich teureren Preis von 4.49 Franken in Aussicht gestellt. Und: «Nach sieben Tagen wechselt die Testphase automatisch in ein Monatsabonnement von 17.99 Franken, das jederzeit in Ihrem Konto gekündigt werden kann.»
Mir ist diese Masche nicht neu. Die allererste Folge in meiner Online-Shit-der-Woche-Rubrik beschäftigte sich mit den fiesen Psycho-Tricks der Online-Psychologen und einer Website, die vor zwei Jahren nach dem genau gleichen Muster funktionierte: Ohne Deklaration, dass die Auswertung kostenpflichtig ist, werden Nutzerinnen und Nutzer dazu gebracht, ein beträchtliches Zeit-Investment zu leisten. Wenn das nicht umsonst gewesen sein soll, hat man keine andere Wahl, als die Zahlung zu leisten.
Aus meiner Sicht ist das ein Dark Pattern, d.h. ein unfreundliches bis ausbeuterisches Designprinzip, das für mich nötigenden Charakter aufweist. Es steht ausser Frage, dass ich den Test nicht ausgefüllt hätte, wäre ich vorab transparent über die Bedingungen informiert worden. Übrigens bin ich der Meinung, dass ein solcher Test etwas kosten darf, wenn er seriös aufgebaut ist und mir brauchbare Informationen liefert. Fünf Franken fände ich völlig okay – aber ein Abo, das ich selbst wieder kündigen muss und das eine laufende, für mich unnötige Dienstleistung beinhaltet, darf nicht auf diese Weise an die Frau und den Mann gebracht werden.
Wo man eine Information platziert, damit sie keiner liest
Ich habe meine Kritik dem Betreiber unterbreitet und (wider Erwarten) eine Antwort bekommen:
Wir entschuldigen uns, dass Sie enttäuscht sind. Physiotest kam nach jahrelanger Arbeit auf den Markt. Es wurde von professionellen Physiotherapeuten auf der Grundlage aller vorhandenen Bedingungen entwickelt. Es hat einen einzigartigen Algorithmus, der Ihre mögliche Erkrankung sehr genau bestimmt (und mit welchen Erkrankungen Sie weniger Ähnlichkeiten haben). Mit einem kleinen Beitrag für den einzigartigen Selbsttest bieten wir die Qualität, für die wir stehen. Zu Beginn des Checks informieren wir unsere Besucher über den Preis (über dem Weiter-Button). Siehe den angehängten Screenshot.
Ein Bildschirmfoto war nicht angehängt, aber beim zweiten Durchlauf finde ich den Hinweis selbst. Er erscheint bei der ersten Frage, bei der man das Geschlecht auswählt, und bei einer schematischen Darstellung die Schmerzstelle anklickt. Man stimmt an dieser Stelle den allgemeinen Geschäftsbedingungen zu.
Hier findet sich – leicht zu übersehen und missverständlich formuliert – die Preisangabe. (Die übrigens beim zweiten Durchlauf von drei Franken auf 4.50 hochschnellte.)Am Ende des Textblocks heisst es:
Der Check gibt eine Indikation der Erkrankung(en), unter denen Sie möglicherweise leiden. Für 4,49 CHF erhalten Sie das vollständige Ergebnis und Beratung zu Ihren Beschwerden.
So baut man kein Vertrauen auf
Macht dieser Hinweis das Dark Pattern weniger «dark»? Ganz klares Nein:
- Erstens legt es der Hinweis geradezu darauf an, dass man ihn leicht überliest: Der Test hat bereits begonnen. Man darf voraussetzen, dass die Rahmenbedingungen an diesem Punkt geklärt sind. Ausserdem ist man damit beschäftigt, die schmerzende Stelle richtig anzuklicken.
- Und selbst wenn man den Text liest, kann man zum Schluss kommen, dass es ein Resultat in Kurzform – nämlich die «Indikation der Erkrankung(en)» – gratis gibt. Die Formulierung impliziert, dass man nur für die vollständigen Ergebnisse mit Beratung bezahlen muss.
Juristisch dürfte an diesen suggestiven Trickserei nichts auszusetzen sein. Aber für mich ist völlig klar, dass sie in keinerlei Hinsicht dazu geeignet ist, Vertrauen aufzubauen. Als Patient ist man prinzipiell in einer Position des Bittstellers und fühlt sich verletzlich. Wenn sich der Eindruck einstellt, dass Unachtsamkeiten gnadenlos ausgenutzt oder sogar provoziert werden, dann fühlt man sich nicht gut aufgehoben. Darum zum Hausarzt – und niemals zu Physiotest.ch.
Aber eine Schlusspointe gibt es noch. Hygieia gefiel es nämlich, dass meine Schulter am nächsten Tag tatsächlich schon viel weniger schmerzte …
Beitragsbild: Wer sich hier durchwalken lässt, kann nicht gleichzeitig noch aufs Portemonnaie aufpassen (Sincerely Media, Unsplash-Lizenz).
#DarkPattern #DerOnlineShitDerWoche #Gesundheit -
Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Reine Begeisterung? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind Angebote, SEO auf Basis einzelner Links und Gastbeiträge zu betreiben, nicht neu. Das Angebot, dafür gleich meine Website zu veräussern, ist mir bislang jedoch nicht untergekommen.
Das ergibt verblüffend viel Sinn
Die hier wollen meine Website kaufen.Bei näherer Betrachtung ergibt es erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretung, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern herausfinden konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel sich aus dieser Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachlesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
#Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEOGuten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen ↩ -
Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Ist es reine Begeisterung an meinem Blog? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind SEO-Angebote auf Basis einzelner Links, meist sogenannte «Gastbeiträge», nicht neu. Die Offerte, dafür gleich meine Website zu veräussern, kam mir bisher jedoch nicht unter.
Das ergibt verblüffend viel Sinn
Die hier wollen meine Website kaufen.Bei näherer Betrachtung ergibt sie erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretungperson, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen meisten anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern auftreiben konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel diese Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachzulesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
Guten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen ↩Beitragsbild: Wer hätte das gedacht? Bargeld lacht! (Sasun Bughdaryan, Unsplash-Lizenz)
#Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEO -
Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Reine Begeisterung? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind Angebote, SEO auf Basis einzelner Links und Gastbeiträge zu betreiben, nicht neu. Das Angebot, dafür gleich meine Website zu veräussern, ist mir bislang jedoch nicht untergekommen.
Das ergibt verblüffend viel Sinn
Die hier wollen meine Website kaufen.Bei näherer Betrachtung ergibt es erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretung, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern herausfinden konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel sich aus dieser Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachlesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
#Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEOGuten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen ↩ -
Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Ist es reine Begeisterung an meinem Blog? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind SEO-Angebote auf Basis einzelner Links, meist sogenannte «Gastbeiträge», nicht neu. Die Offerte, dafür gleich meine Website zu veräussern, kam mir bisher jedoch nicht unter.
Das ergibt verblüffend viel Sinn
Die hier wollen meine Website kaufen.Bei näherer Betrachtung ergibt sie erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretungperson, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen meisten anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern auftreiben konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel diese Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachzulesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
Guten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen ↩Beitragsbild: Wer hätte das gedacht? Bargeld lacht! (Sasun Bughdaryan, Unsplash-Lizenz)
#Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEO -
Lily James will mein Blog kaufen – für eine (fast) sechsstellige Summe
Ende Januar erhielt ich ein Mail, bei dem mir für einen Moment die Kinnlade offen stehenblieb. Die Nachricht stammt von Lily James. Sie arbeitet für ein Unternehmen namens wizz-links.com und sie findet meine Website gut. Und zwar so sehr, dass sie sie unbedingt kaufen will:
Ihre Website ist mir bei unserer Recherche nach qualitativ hochwertigen digitalen Projekten aufgefallen. Wir sind eher daran interessiert, bestehende Webseiten zu erwerben, als neue von Grund auf zu erstellen. Bitte lassen Sie mich wissen, ob Sie an einem Gespräch über einen möglichen Verkauf interessiert sind.
Reine Begeisterung? Nein, natürlich weht der Wind aus einer leicht anderen Richtung. Es handelt sich um eines dieser Angebote, die ich seit bald 15 Jahren regelmässig bekomme und von denen es diverse hier ins Blog geschafft haben. Man will mich dazu bringen, an einer Linkbaiting-Aktion teilzunehmen oder Schleichwerbung zu veröffentlichen. Das Ziel ist, Produkten und Websites in den Google-Suchresultaten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Wie angedeutet sind Angebote, SEO auf Basis einzelner Links und Gastbeiträge zu betreiben, nicht neu. Das Angebot, dafür gleich meine Website zu veräussern, ist mir bislang jedoch nicht untergekommen.
Das ergibt verblüffend viel Sinn
Die hier wollen meine Website kaufen.Bei näherer Betrachtung ergibt es erschreckend viel Sinn. Wenn ich mich für einzelne Artikel kaufen lasse, ist der Ertrag gering und das Reputationsrisiko hoch. Stosse ich jedoch meine Website ab, können mir jegliche negative Folgen herzlich egal sein. Ich bestehe darauf, dass dieser Verkauf transparent gemacht wird und bin raus aus der Verantwortung.
Wäre das also jene Offerte, bei ich nicht sofort die Löschtaste betätige, sondern mich auf Verhandlungen einlasse?
Die Antwort hängt erstens davon ab, wie vertrauenswürdig Wizz-Links wirkt. Der Name ihrer Vertretung, Lily James, klingt extrem erfunden. Auf der Website gibt es kein Impressum und kaum handfeste Informationen zum Unternehmen. Die Liste mit den Partnern erscheint mir wahllos und teils unglaubwürdig, etwa, was die Nachrichtenagentur Associated Press angeht. Die sogenannten Statistiken sind relativ bescheiden: Man habe 5000 permanente Links bei 800 Partnern untergebracht und damit über 70 Kunden befriedigt. Das ist womöglich nicht komplett erfunden.
Die Leute dieser Agentur scheinen echt zu sein
Auf der Website sind fünf Teammitglieder aufgeführt, die teilweise echt zu sein scheinen. Eine Frau findet sich auf Linkedin. Die Ukrainerin aus Kiew veröffentlichte eine Handvoll Beiträge zu SEO-Themen und Aufrufe für Gastbeiträge. Die Whois-Abfrage führt zu einem Mann aus Vilnius und zu einem Softwareunternehmen, dem die Frau aus Kiew vor vier Jahren für einen Linkedin-Post ein Like spendierte. Das sind konkretere Ergebnisse, als ich bei meinen anderen Recherchen im Umfeld von SEO-Anbietern herausfinden konnte: Diese Branche gibt sich extrem verschlossen.
Zweitens würde uns interessieren, wie Lily James für diese Website hier springen lassen würde. Das sind die beiden Perspektiven für eine Verkaufsverhandlung:
- Ich will mindestens so viel Geld erhalten, wie mir die Website (ohne neue Inhalte) während meiner Lebtage einbringen würde. Und die vorhandenen Inhalte, gut 4000 Blogposts, müssten angemessen bezahlt werden.
- Wizz-Links wird sich hingegen überlegen, wie viel sich aus dieser Website einbringt, und fürs Maximalgebot so viel davon abziehen, dass die Gewinnspanne intakt bleibt.
Die Vermutung lautet, dass diese beiden Berechnungsweisen so unterschiedliche Resultate ergeben, dass eine Einigung von vornherein unmöglich ist. Doch Perplexity bescheidet mir Folgendes:
Ein einzelner hochwertiger Dofollow-Backlink auf einer solchen Site (Nische Spiele/Tech, solider Pagerank/DA) erzielt typischerweise 150 bis 600 Euro, je nach Anchor-Text, Kontext und Autorität. Bei 4000+ Posts könnten Sie monatlich 15 bis dreissig Links platzieren, ohne Spam-Alarm auszulösen. Das ergäbe 2250 bis 18’000 Euro Brutto pro Monat. Netto (nach Aufwand, Steuern) realistisch 1500 bis 10’000 Euro, abhängig von Vermarktung über Plattformen wie SEO-Clerks oder Agentur-Netzwerke.
Ich bitte ChatGPT um eine Zweitmeinung. Bei der KI von OpenAI fallen die Beträge niedriger aus. Sie setzt den Betrag auf 3000 bis 25’000 Euro pro Jahr an.
Sogar ein Millionenbetrag liegt im Bereich des Möglichen
Claude seinerseits kommt auf 120’000 US-Dollar. Anthropics Sprachmodell nennt keinen Umsatz pro Zeit, sondern insgesamt. Für die genannte Summe werden in zehn Prozent aller Blogposts bezahlte Links eingeschmuggelt. Mit einer (allerdings extrem verdächtigen) Quote von 100 Prozent kämen wir auf SEO-Einnahmen von über einer Million.
Das heisst: Wizz-Links könnte innert fünf bis zehn Jahren eine Kaufsumme von 100’000 Franken amortisieren. Natürlich vorausgesetzt, dass dieses Unternehmen in der Liga mitspielt, in der entsprechende Summen bezahlt werden. Und unter der Annahme, dass diese Umsatzmöglichkeiten realistisch sind. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die künstliche Intelligenz für eine Erosion dieser Beträge sorgt.
Trotzdem reden wir von sechsstelligen Beträgen. Diese Auskünfte sorgten für den eingangs erwähnten Moment, bei dem mir die Kinnlade aufklappte. Was zum Teufel! Wie kann es sein, dass eine solch hochdubiose Aktion lukrativer wäre als das solide Bloggerhandwerk, das ich seit 2007 betreibe? Die Einkünfte, die ich damit erwirtschafte, sind hier nachlesen und deutlich bescheidener.
Und ja, erstens ist die Frage rhetorisch und zweitens sollte es uns nicht ernsthaft überraschen, dass hochdubioses Gemauschel mehr einbringt als solides Handwerk. War das nicht schon immer so?
Zum Schluss eine moralische Erpressung
Eine letzte Frage: Würde mir Wizz-Links tatsächlich 100’000 Franken bezahlen? Ich lasse mir von der KI eine Antwort für Lily James formulieren, mit dem Auftrag, echtes Interesse zu signalisieren¹, und ich setze die Frau aus Kiew im CC. Nach sechs Tagen kommt ein Zweizeiler als Antwort:
Wir bieten Ihnen für die Website clickomania.ch 10’000 Euro. Wenn Ihnen dieser Betrag nicht zusagt, welchen Betrag würden Sie in Betracht ziehen?
Meine sämtlichen Fragen zum Ablauf der Transaktion und zu den Erfahrungen von Wizz-Links bei derlei Akquisen bleiben unbeantwortet. Die naheliegende Antwort, bei der Zahl fehle eine Null, verkneife ich mir. Ich weise lediglich darauf hin, dass ich allein mit der Google-Werbung während meiner verbleibenden Lebzeit höhere Einnahmen erzielen würde und der vorhandene Content angemessen entlohnt werden müsste. Ich bitte höflich um Auskünfte zu den offenen Fragen.
Das ist das Ende der Geschichte. Lily James sendet kein weiteres Mail, nicht einmal eine Absage. Das ist ein bekanntes Muster in solchen Fällen. Es braucht nur ein falsches Wort oder eine Frage zu viel, dass diese Linkbuilding-Leute sogleich abtauchen. Ich frage mich, wie so überhaupt Geschäfte zustandekommen. Vermutlich nur mit Bloggerinnen und Bloggern, die so dringend Geld brauchen, dass sie keine weiteren Fragen stellen.
Zwei Lehren gibt es: Erstens wäre meine Empfehlung, Mails von wizz-links.com ohne weitere Umstände in der Rundablage zu deponieren.
Zweitens werde ich mein Blog nicht verkaufen, selbst wenn wider Erwarten ein Angebot käme, das mir meine Lebensplanung nennenswert erleichtern würde. Aber eine kleine moralische Erpressung kann ich mir hier nicht verkneifen. Denn seht her, liebe Leserinnen und Leser, für euch habe ich auf hundert Riesen (oder so) verzichtet! Falls ihr euch deswegen schlecht fühlt, dürft ihr gerne den Paypal-Knopf benutzen!
Fussnoten
1) Ich verwendete mehrere Chatbots. Den mit Abstand bestene Vorschlag lieferte Claude. Mir gefällt der Ansatz, mit der Nachfrage zur Abwicklung des Verkaufs echtes Interesse zu signalisieren. Das entpuppte sich als exakt richtige Strategie:
#Bestechungsversuche #DerOnlineShitDerWoche #Longread #SEOGuten Tag,
vielen Dank für Ihr Interesse an clickomania.ch.
Die Website ist grundsätzlich nicht zum Verkauf vorgesehen, da sie über 25 Jahre kontinuierlich aufgebaut wurde und mir persönlich viel bedeutet. Allerdings bin ich offen für ein Gespräch, sofern das Angebot den tatsächlichen Wert der Domain widerspiegelt.
Zur Einordnung einige Eckdaten:- Etabliert seit 1999 (25+ Jahre Online-Präsenz)
- Über 4000 qualitativ hochwertige Blogposts
- Starke organische Sichtbarkeit und solider Domain Authority Score
- Konstanter organischer Traffic über viele Jahre
- Thematisch breit aufgestellt mit umfangreichem Content-Archiv
Bevor wir weiter diskutieren, würde ich gerne mehr über Ihr Unternehmen erfahren:
- Können Sie mir Ihre Website und Informationen zu Ihrem Unternehmen zusenden?
- Welche bisherigen Website-Akquisitionen haben Sie erfolgreich abgeschlossen?
- Wie gestaltet sich Ihr Erwerbsprozess konkret?
Falls Sie nach dieser Einschätzung weiterhin interessiert sind, bitte ich Sie um ein konkretes, substanzielles Angebot, das den langfristigen Aufbau und die Marktposition der Domain angemessen berücksichtigt.
Mit freundlichen Grüssen ↩ -
15 abgefahrene Quiz-Spiele rund ums Internet
Der Teufel steckt im Detail. Diese Lebensweisheit, deren Ursprung nicht gänzlich geklärt ist, trifft in vielen Bereichen zu. Sie gilt bei allen Dingen, die irgendwie mit Politik zu tun haben. Und mit Wirtschaft. Vermutlich trifft sie ebenfalls beim Sport ins Schwarze, aber da kenne ich mich nicht aus. Doch eines ist klar: In der digitalen Sphäre kann das Detail noch so klein sein – einen fetten Teufel gibt es trotzdem.
Trotz allem bin ich mir sicher, dass ein Mail an diese Adresse nicht ankommen wird.Einen beredten Beleg dafür liefert uns die Website e-mail.wtf: Hier finden wir ein Quiz, bei dem wir entscheiden müssen, ob eine E-Mail-Adresse gültig ist oder nicht. Der Betreiber, Sam, ist Vater, Ehemann, Programmierer und Whisky-Trinker und hat eine persönliche Website, die mich schmerzlich daran erinnert, wie schön das Internet früher war.
So leicht irrt man sich
Also, unter der Prämisse, E-Mail sei einfach, gibt es ein Quiz, das auf einem Parser für E-Mail-Adressen basiert, der wiederum das Regelwerk (RFC 5322) getreulich umsetzt. Es hat mich nach wenigen Fragen vom hohen Ross heruntersteigen lassen. Ich glaubte, die Gesetzmässigkeiten ungefähr grob verinnerlicht zu haben. Aber denkste! Mein Resultat waren peinliche acht Richtige von 21.
Fazit: Ein interessanter Zeitvertreib für uns Nerds.
Es gibt weitere solcher Quizzes, wobei der Abgefahrenheitsfaktor im Einzelfall nicht so gross ist. Dafür können wir diese Spiele für Verwandte und Bekannte nutzen, um sie auf die Gefahren im Netz aufmerksam zu machen. Insbesondere dann, wenn sie uns im Brustton der Überzeugung erklären, dass sie niemals auf ein gefälschtes Mail oder eine Betrüger-Website hereinfallen würden:
- Auf antiphishing.ch finden wir heraus, wie gut wir darin sind, Phishing-Mails zu erkennen.
- Mit der Sicherheit im Netz beschäftigt sich auch ins-netz-gehen.de.
Wie Jugendliche etwas über Online-Sicherheit lernen
Es gibt auch ein Angebot für Kinder und Jugendliche:
- Für kleinere Kinder geeignet sind die Spiele von internet-abc.de.
- Wiederum um die Sicherheit geht es auf saferinternet.at. Hier werden auch Themen wie Cybermobbing, Belästigung online und die Influencer angeschnitten.
- «SRF Kids» hat das Quiz zur Internetsicherheit in petto, in dem es u.a. über das Cybergrooming geht.
- Eine breite Palette von technischen Wissenstests findet sich auf der etwas chaotischen Website wayground.com.
Ferner einige spielerische Websites, die wie e-mail.wtf einen technischen Anspruch haben:
- Can’t Unsee stellt unser Verständnis für gut gestaltete Benutzerschnittstellen auf die Probe.
- Flexbox Froggy ist ein – und genauso wie euch ist mir völlig neu, dass es das gibt – ein Spiel mit den Cascading Style Sheets, bei dem wir einen Frosch mittels Code auf ein Seerosenblatt lotsen.
Was es nicht alles gibt: Quizspiele für Möchtegern-Hacker und Fans von Vim
Zum Schluss dieses Beitrags – der nur wegen der teilweise schwer verständlichen RFC-5322-Regeln überhaupt in die Kategorie des Online-Shits der Woche passt – einige Tests, bei denen Expertenwissen gefragt ist und ich darum leider raus bin:
- Bei Oh My Git! stehe ich auf verlorenem Posten. Jedenfalls geht es hier darum, Verständnis für Git-Repositorys zu entwickeln.
- Im Cross-Site Scripting (XSS) Game von Google wenden wir unser Wissen über eine der häufigsten Sicherheitslücken im Netz an: Unsere Aufgabe ist es, Javascript-Code auf eine Website einzuschmuggeln.
- Ebenfalls um Sicherheit für erfahrene Anwender geht es bei den Wargames der Overthewire-Community. Die «Bandit-Spiele» richten sich an Anfänger. Beim ersten Level müssen wir ein Passwort aufspüren und das fürs Log-in via SSH verwenden.
- The evolution of trust beschäftigt sich mit der Spieltheorie und wendet sie aufs Internet an. Dieses liebevoll gestaltete Wissensspiel stammt von der kanadischen Gamedesignerin Nicky Case.
- Last und (vielleicht) least die Vim Adventures. Wir lernen, falls wir uns dazu durchringen können, auf spielerische Weise die Bedienung des eigentlich unbedienbaren Vim-Editors.
Beitragsbild: Er hier fühlt sich offensichtlich unterfordert – tut mir wirklich leid! (Karola G, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche -
15 abgefahrene Quiz-Spiele rund ums Internet
Der Teufel steckt im Detail. Diese Lebensweisheit, deren Ursprung nicht gänzlich geklärt ist, trifft in vielen Bereichen zu. Sie gilt bei allen Dingen, die irgendwie mit Politik zu tun haben. Und mit Wirtschaft. Vermutlich trifft sie ebenfalls beim Sport ins Schwarze, aber da kenne ich mich nicht aus. Doch eines ist klar: In der digitalen Sphäre kann das Detail noch so klein sein – einen fetten Teufel gibt es trotzdem.
Trotz allem bin ich mir sicher, dass ein Mail an diese Adresse nicht ankommen wird.Einen beredten Beleg dafür liefert uns die Website e-mail.wtf: Hier finden wir ein Quiz, bei dem wir entscheiden müssen, ob eine E-Mail-Adresse gültig ist oder nicht. Der Betreiber, Sam, ist Vater, Ehemann, Programmierer und Whisky-Trinker und hat eine persönliche Website, die mich schmerzlich daran erinnert, wie schön das Internet früher war.
So leicht irrt man sich
Also, unter der Prämisse, E-Mail sei einfach, gibt es ein Quiz, das auf einem Parser für E-Mail-Adressen basiert, der wiederum das Regelwerk (RFC 5322) getreulich umsetzt. Es hat mich nach wenigen Fragen vom hohen Ross heruntersteigen lassen. Ich glaubte, die Gesetzmässigkeiten ungefähr grob verinnerlicht zu haben. Aber denkste! Mein Resultat waren peinliche acht Richtige von 21.
Fazit: Ein interessanter Zeitvertreib für uns Nerds.
Es gibt weitere solcher Quizzes, wobei der Abgefahrenheitsfaktor im Einzelfall nicht so gross ist. Dafür können wir diese Spiele für Verwandte und Bekannte nutzen, um sie auf die Gefahren im Netz aufmerksam zu machen. Insbesondere dann, wenn sie uns im Brustton der Überzeugung erklären, dass sie niemals auf ein gefälschtes Mail oder eine Betrüger-Website hereinfallen würden:
- Auf antiphishing.ch finden wir heraus, wie gut wir darin sind, Phishing-Mails zu erkennen.
- Mit der Sicherheit im Netz beschäftigt sich auch ins-netz-gehen.de.
Wie Jugendliche etwas über Online-Sicherheit lernen
Es gibt auch ein Angebot für Kinder und Jugendliche:
- Für kleinere Kinder geeignet sind die Spiele von internet-abc.de.
- Wiederum um die Sicherheit geht es auf saferinternet.at. Hier werden auch Themen wie Cybermobbing, Belästigung online und die Influencer angeschnitten.
- «SRF Kids» hat das Quiz zur Internetsicherheit in petto, in dem es u.a. über das Cybergrooming geht.
- Eine breite Palette von technischen Wissenstests findet sich auf der etwas chaotischen Website wayground.com.
Ferner einige spielerische Websites, die wie e-mail.wtf einen technischen Anspruch haben:
- Can’t Unsee stellt unser Verständnis für gut gestaltete Benutzerschnittstellen auf die Probe.
- Flexbox Froggy ist ein – und genauso wie euch ist mir völlig neu, dass es das gibt – ein Spiel mit den Cascading Style Sheets, bei dem wir einen Frosch mittels Code auf ein Seerosenblatt lotsen.
Was es nicht alles gibt: Quizspiele für Möchtegern-Hacker und Fans von Vim
Zum Schluss dieses Beitrags – der nur wegen der teilweise schwer verständlichen RFC-5322-Regeln überhaupt in die Kategorie des Online-Shits der Woche passt – einige Tests, bei denen Expertenwissen gefragt ist und ich darum leider raus bin:
- Bei Oh My Git! stehe ich auf verlorenem Posten. Jedenfalls geht es hier darum, Verständnis für Git-Repositorys zu entwickeln.
- Im Cross-Site Scripting (XSS) Game von Google wenden wir unser Wissen über eine der häufigsten Sicherheitslücken im Netz an: Unsere Aufgabe ist es, Javascript-Code auf eine Website einzuschmuggeln.
- Ebenfalls um Sicherheit für erfahrene Anwender geht es bei den Wargames der Overthewire-Community. Die «Bandit-Spiele» richten sich an Anfänger. Beim ersten Level müssen wir ein Passwort aufspüren und das fürs Log-in via SSH verwenden.
- The evolution of trust beschäftigt sich mit der Spieltheorie und wendet sie aufs Internet an. Dieses liebevoll gestaltete Wissensspiel stammt von der kanadischen Gamedesignerin Nicky Case.
- Last und (vielleicht) least die Vim Adventures. Wir lernen, falls wir uns dazu durchringen können, auf spielerische Weise die Bedienung des eigentlich unbedienbaren Vim-Editors.
Beitragsbild: Er hier fühlt sich offensichtlich unterfordert – tut mir wirklich leid! (Karola G, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche -
Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht
Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.
Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.
Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?
Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.
Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking
Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).
Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.
Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.
An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.
Eine Form des digitalen Selbstschutzes
Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:
- Datenschutz ist ein Grundrecht.
- Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.
Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.
Ein Tipp für Betroffene
Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.
Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.
Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.
Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.
Fussnoten
1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.
Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩
2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:
- CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
- CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
- CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
- CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.
Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩
3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩
Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).
#Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar -
Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht
Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.
Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.
Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?
Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.
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Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).
Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com, computerbild.de, pons.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.
Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.
An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.
Eine Form des digitalen Selbstschutzes
Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:
- Datenschutz ist ein Grundrecht.
- Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.
Was die html-load.com nutzenden Websites betreiben, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung. Sie zeugt von einer Geringschätzung des Publikums³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie lehnen Werbung ab, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.
Ein Tipp für Betroffene
Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.
Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.
Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z. B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.
Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.
Fussnoten
1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.
Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩
2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:
- CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
- CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
- CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
- CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.
Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩
3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩
Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).
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Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.
Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.
Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?
Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.
Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking
Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).
Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.
Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.
An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.
Eine Form des digitalen Selbstschutzes
Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:
- Datenschutz ist ein Grundrecht.
- Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.
Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.
Ein Tipp für Betroffene
Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.
Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.
Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.
Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.
Fussnoten
1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.
Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩
2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:
- CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
- CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
- CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
- CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.
Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩
3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩
Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).
#Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar -
Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht
Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.
Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.
Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?
Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.
Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking
Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).
Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com, computerbild.de, pons.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.
Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.
An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.
Eine Form des digitalen Selbstschutzes
Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:
- Datenschutz ist ein Grundrecht.
- Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.
Was die html-load.com nutzenden Websites betreiben, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung. Sie zeugt von einer Geringschätzung des Publikums³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie lehnen Werbung ab, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.
Ein Tipp für Betroffene
Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.
Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.
Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z. B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.
Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.
Fussnoten
1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.
Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩
2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:
- CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
- CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
- CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
- CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.
Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩
3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩
Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).
#Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar -
Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht
Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.
Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.
Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?
Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.
Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking
Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).
Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.
Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.
An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.
Eine Form des digitalen Selbstschutzes
Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:
- Datenschutz ist ein Grundrecht.
- Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.
Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.
Ein Tipp für Betroffene
Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.
Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.
Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.
Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.
Fussnoten
1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.
Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩
2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:
- CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
- CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
- CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
- CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.
Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩
3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩
Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).
#Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar -
Google Gemini erkennt leider längst nicht alle KI-Deepfakes
Kollege Thomas Benkö schrieb letzte Woche auf Linkedin über die angebliche Schneeleopard-Attacke in Koktokay. Bei «Blick» dokumentierte er den Fall einer chinesischen Skifahrerin, die mit einem vorbeistreifenden Raubtier ein Selfie machen wollte (gute Idee, übrigens) und daraufhin attackiert wurde. Wie heutzutage kaum mehr anders zu erwarten, war es nur ein KI-Fake. Respektive genauer: Teile der Geschichte scheinen zu stimmen, doch nicht das gesamte Material, das darüber veröffentlicht wurde, ist authentisch.
Auch das ZDF analysierte die Begebenheit. Sie führt uns vor Augen, dass eine Halbwahrheit problematischer sein kann als eine glatte Lüge. Letztere wischen wir vom Tisch. Doch bei ersterer müssen wir mühselig zwischen realen und erlogenen Details unterscheiden und uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Framing dahinterstecken könnte. In diesem Fall war’s vermutlich schlichte Klickgeilheit.
An dieser Stelle soll es um ein technisches Detail gehen. Sowohl der «Blick» als auch das ZDF weisen auf SynthID hin. Das ist Googles Methode, KI-generierte Inhalte mit einem digitalen Wasserzeichen erkenntlich zu machen. Das wird nicht nur bei Bildern und Videos eingebettet, sondern selbst bei Text. Ich halte das für eine sinnvolle Massnahme, doch wie hier analysiert, ist es keineswegs ein Patentrezept gegen Deepfakes. Enthält ein Inhalt kein SynthID-Wasserzeichen, ist das kein Beweis für seine Authentizität.
«Dieses Selfie ist gefälscht»
Benkö weist darauf hin, dass Googles Chatbot Gemini die SynthID-Markierung ausliest. Und in der Tat: Ein Test mit dem vermeintlichen Selfie der tollkühnen Skifahrerin ergibt das unzweifelhafte Ergebnis:
Hier ist der Fall klar: Gemini hat das SynthID-Wasserzeichen entdeckt.Eine Analyse mit dem Tool SynthID hat ergeben, dass Teile des Bildes digitale Wasserzeichen enthalten, die auf den Einsatz von Google KI-Modellen hinweisen.
Das bringt uns zur Frage: Wie gut ist Gemini generell beim Enttarnen von KI-Inhalten?
Bei diesem Test interessiert mich vor allem, wie Googles künstliche Intelligenz im umgekehrten Fall abschneidet. Werden Bilder als authentisch erkannt, wenn sie das erwiesenermassen sind, aber trotzdem aussehen wie KI-generiert?
Ich verwende für diesen Zweck zwei Aufnahmen, die beide von freien Fotoplattformen stammen¹ und erwiesenermassen echt sein müssen. Sie wurden nämlich veröffentlicht, bevor die KI-Bildgeneratoren mit fotorealistischen Möglichkeiten existierten. Um es kurz zu machen: Bei denen bekleckert sich Gemini nicht mit Ruhm.
Gemini liegt zweimal voll daneben
Im Gegenteil; er vermutet in beiden Fällen fälschlicherweise eine KI:
Weckt zu Unrecht KI-Vibes.
Mann mit Geldbündeln:
Sieht künstlich aus, stammt aber von 2018.
Dieses Bild weist sehr starke Merkmale einer KI-Generierung auf. Achte auf die Finger der rechten Hand: Sie wirken unnatürlich lang und verformt. Auch die Texturen der Geldscheine und die Schrift darauf («Franklin Barbershop») sind typisch für Bild-KIs, die oft Schwierigkeiten haben, Text und feine Details wie die Sicherheitsmerkmale von Währungen korrekt darzustellen.Paar auf der Bank (Stockfoto-Stil):
Auch dieses Bild zeigt bei genauerer Betrachtung Unstimmigkeiten, die auf KI hindeuten. Besonders auffällig ist die Hand der Frau auf dem Rücken des Mannes: Die Fingerstellung und die Anzahl der sichtbaren Finger wirken anatomisch nicht korrekt. Auch der Übergang der Haare zur Schulter zeigt oft unnatürliche Verschmelzungen.Immerhin erkennt Gemini die zwei Kontrollaufnahmen, die tatsächlich mit KI generiert worden sind.
Trotzdem ist Googles Chatbot damit schlechter als zwei spezialisierte Erkennungs-Algorithmen: aiornot.com lag schon 2024 in allen Fällen richtig. Das gleiche gilt für Sight Engine aus meinem letztjährigen Test. Dieser meiner Erfahrung nach sehr zuverlässige Detektor liegt indes beim Schneeleoparden-Bild daneben und attestiert ihm fälschlicherweise Authentizität.
Bei den Beispielen ohne SynthID vermutet Gemini KI, wo wir es mit echter Fotografie zu tun haben.Fazit: Es ist – und bleibt – kompliziert.
- Gemini hilft uns in eindeutigen Fällen, in denen ein SyntID-Marker vorhanden ist. In allen anderen Fällen ist Googles KI nicht zuverlässig.
- Umgekehrt zeigt dieses Beispiel, dass auch bewährte KI-Detektoren nicht von false negatives gefeit sind.
Die Authentizität garantieren kann nur der Urheber einer Aufnahme – sei es, weil die Aufnahme kryptografisch über die Metadaten abgesichert wurde, wie es die Content Authenticity Initiative anstrebt. Oder sei es, weil die Aufnahme über verlässliche Wege aus einer vertrauenswürdigen Quelle zu uns gelangte. In anderen Fällen helfen uns die hier vorgestellten Werkzeuge, unseren Grad der Unsicherheit zu verringern. Aber völlige Gewissheit garantieren sie nicht – und auf alle Fälle müssen wir diese Werkzeuge bewusst und mit Kenntnis ihrer Grenzen einsetzen.
Der sonst zuverlässige KI-Detektor von Sight Engine liegt hier falsch.Fussnoten
1) Einige Details zu den beiden Aufnahmen:
- Bild «Paar auf der Bank» benutzte ich im Beitrag Eine KI mit Gefühl, aber ohne Geschlechtstrieb. Es stammt von Andre Furtado bzw. Pexels und wurde am 5. September 2018 aufgenommen (hier auch 2021 bei Archive.org).
- «Bild Mann mit Geldbündeln» kam im Beitrag Ein Angebot mit einem Gschmäckli zum Zug. Bereitgestellt von Finance_and_investing auf Pixabay datiert es vom 30. Oktober 2021. ↩
Beitragsbild: Das Ding könnte auch aus Plastik sein (Mart Production, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Googologie #KI #VideoBildgenerator -
Google Gemini erkennt leider längst nicht alle KI-Deepfakes
Kollege Thomas Benkö schrieb letzte Woche auf Linkedin über die angebliche Schneeleopard-Attacke in Koktokay. Bei «Blick» dokumentierte er den Fall einer chinesischen Skifahrerin, die mit einem vorbeistreifenden Raubtier ein Selfie machen wollte (gute Idee, übrigens) und daraufhin attackiert wurde. Wie heutzutage kaum mehr anders zu erwarten, war es nur ein KI-Fake. Respektive genauer: Teile der Geschichte scheinen zu stimmen, doch nicht das gesamte Material, das darüber veröffentlicht wurde, ist authentisch.
Auch das ZDF analysierte die Begebenheit. Sie führt uns vor Augen, dass eine Halbwahrheit problematischer sein kann als eine glatte Lüge. Letztere wischen wir vom Tisch. Doch bei ersterer müssen wir mühselig zwischen realen und erlogenen Details unterscheiden und uns mit der Frage auseinandersetzen, welches Framing dahinterstecken könnte. In diesem Fall war’s vermutlich schlichte Klickgeilheit.
An dieser Stelle soll es um ein technisches Detail gehen. Sowohl der «Blick» als auch das ZDF weisen auf SynthID hin. Das ist Googles Methode, KI-generierte Inhalte mit einem digitalen Wasserzeichen erkenntlich zu machen. Das wird nicht nur bei Bildern und Videos eingebettet, sondern selbst bei Text. Ich halte das für eine sinnvolle Massnahme, doch wie hier analysiert, ist es keineswegs ein Patentrezept gegen Deepfakes. Enthält ein Inhalt kein SynthID-Wasserzeichen, ist das kein Beweis für seine Authentizität.
«Dieses Selfie ist gefälscht»
Benkö weist darauf hin, dass Googles Chatbot Gemini die SynthID-Markierung ausliest. Und in der Tat: Ein Test mit dem vermeintlichen Selfie der tollkühnen Skifahrerin ergibt das unzweifelhafte Ergebnis:
Hier ist der Fall klar: Gemini hat das SynthID-Wasserzeichen entdeckt.Eine Analyse mit dem Tool SynthID hat ergeben, dass Teile des Bildes digitale Wasserzeichen enthalten, die auf den Einsatz von Google KI-Modellen hinweisen.
Das bringt uns zur Frage: Wie gut ist Gemini generell beim Enttarnen von KI-Inhalten?
Bei diesem Test interessiert mich vor allem, wie Googles künstliche Intelligenz im umgekehrten Fall abschneidet. Werden Bilder als authentisch erkannt, wenn sie das erwiesenermassen sind, aber trotzdem aussehen wie KI-generiert?
Ich verwende für diesen Zweck zwei Aufnahmen, die beide von freien Fotoplattformen stammen¹ und erwiesenermassen echt sein müssen. Sie wurden nämlich veröffentlicht, bevor die KI-Bildgeneratoren mit fotorealistischen Möglichkeiten existierten. Um es kurz zu machen: Bei denen bekleckert sich Gemini nicht mit Ruhm.
Gemini liegt zweimal voll daneben
Im Gegenteil; er vermutet in beiden Fällen fälschlicherweise eine KI:
Weckt zu Unrecht KI-Vibes.
Mann mit Geldbündeln:
Sieht künstlich aus, stammt aber von 2018.
Dieses Bild weist sehr starke Merkmale einer KI-Generierung auf. Achte auf die Finger der rechten Hand: Sie wirken unnatürlich lang und verformt. Auch die Texturen der Geldscheine und die Schrift darauf («Franklin Barbershop») sind typisch für Bild-KIs, die oft Schwierigkeiten haben, Text und feine Details wie die Sicherheitsmerkmale von Währungen korrekt darzustellen.Paar auf der Bank (Stockfoto-Stil):
Auch dieses Bild zeigt bei genauerer Betrachtung Unstimmigkeiten, die auf KI hindeuten. Besonders auffällig ist die Hand der Frau auf dem Rücken des Mannes: Die Fingerstellung und die Anzahl der sichtbaren Finger wirken anatomisch nicht korrekt. Auch der Übergang der Haare zur Schulter zeigt oft unnatürliche Verschmelzungen.Immerhin erkennt Gemini die zwei Kontrollaufnahmen, die tatsächlich mit KI generiert worden sind.
Trotzdem ist Googles Chatbot damit schlechter als zwei spezialisierte Erkennungs-Algorithmen: aiornot.com lag schon 2024 in allen Fällen richtig. Das gleiche gilt für Sight Engine aus meinem letztjährigen Test. Dieser meiner Erfahrung nach sehr zuverlässige Detektor liegt indes beim Schneeleoparden-Bild daneben und attestiert ihm fälschlicherweise Authentizität.
Bei den Beispielen ohne SynthID vermutet Gemini KI, wo wir es mit echter Fotografie zu tun haben.Fazit: Es ist – und bleibt – kompliziert.
- Gemini hilft uns in eindeutigen Fällen, in denen ein SyntID-Marker vorhanden ist. In allen anderen Fällen ist Googles KI nicht zuverlässig.
- Umgekehrt zeigt dieses Beispiel, dass auch bewährte KI-Detektoren nicht von false negatives gefeit sind.
Die Authentizität garantieren kann nur der Urheber einer Aufnahme – sei es, weil die Aufnahme kryptografisch über die Metadaten abgesichert wurde, wie es die Content Authenticity Initiative anstrebt. Oder sei es, weil die Aufnahme über verlässliche Wege aus einer vertrauenswürdigen Quelle zu uns gelangte. In anderen Fällen helfen uns die hier vorgestellten Werkzeuge, unseren Grad der Unsicherheit zu verringern. Aber völlige Gewissheit garantieren sie nicht – und auf alle Fälle müssen wir diese Werkzeuge bewusst und mit Kenntnis ihrer Grenzen einsetzen.
Der sonst zuverlässige KI-Detektor von Sight Engine liegt hier falsch.Fussnoten
1) Einige Details zu den beiden Aufnahmen:
- Bild «Paar auf der Bank» benutzte ich im Beitrag Eine KI mit Gefühl, aber ohne Geschlechtstrieb. Es stammt von Andre Furtado bzw. Pexels und wurde am 5. September 2018 aufgenommen (hier auch 2021 bei Archive.org).
- «Bild Mann mit Geldbündeln» kam im Beitrag Ein Angebot mit einem Gschmäckli zum Zug. Bereitgestellt von Finance_and_investing auf Pixabay datiert es vom 30. Oktober 2021. ↩
Beitragsbild: Das Ding könnte auch aus Plastik sein (Mart Production, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Googologie #KI #VideoBildgenerator -
Eine App, die uns fürs Trinken bezahlt
Seit sechs Jahren protokolliere ich meinen Flüssigkeitskonsum mit der Water-Minder-App. Eine positive Sache: Ich trinke ausreichend, was mir guttut. Nebenbei habe ich einen Blick auf meinen Alkoholkonsum. Mir fällt es zwar leicht, mich zurückzuhalten. Die Daten sind dennoch nützlich, um mir meine Gewohnheiten und deren Veränderungen bewusst zu machen. Das bewährt sich für mich besser als eine dedizierte Alkohol-Tracking-App.
Für einige der Getränke gibt es Punkte, für andere nicht.Die Water-Minder-App hat sich seit 2020 nur moderat weiterentwickelt. Neulich kam eine Neuerung hinzu, die mein Interesse und mein Misstrauen weckte. Beim Protokollieren von Tee, Milch, Mineral- und Hahnenwasser sowie den El Tonys bietet sie mir an, Punkte zu sammeln. Eine Tasse Tee gibt 8,6 Punkte, die Milch fürs Müesli 6,2. Die Zahl scheint mit der Menge zu korrelieren.
Ein Gamification-Schnickschnack, könnte man sich denken. Doch das täuscht.
Die Punkte lassen sich, wenigstens theoretisch, in echtes Geld umwandeln. Für manche mag das so klingen, als ob ein Traum wahr würde: trinkenderweise Geld verdienen? Eine neue Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Spoiler: Nein. Der Wechselkurs ist nicht prickelnd: 12878,3 Punkte ergeben einen US-Dollar. Um zehn Dollar zu verdienen, müsste ich mir 374 Liter hinter die Binde kippen. Dank der Water-Minder-App weiss ich, das mein Konsum für 2025 genau 803 Liter betrug (28 Prozent Tee, 24 Prozent Wasser, 15 Prozent Mineral, neun Prozent Schorle und fünf Prozent El Tony und Rivella; unter ferner liefen Suppen, Wein und Bier).
800 Liter trinken und 15 Dollar kassieren
Das ergäbe gut zwanzig Dollar, würden alle Getränke angerechnet. Das ist nicht der Fall. Koffeinhaltige Getränke und solche mit mehr als 10 oz sind nicht anrechnungsfähig, und höchstens ein Getränk pro Stunde wird gezählt. Es gibt einige weitere Regeln, die den Erlös reduzieren. Unter dem Strich kämen 15 Dollar rum. Bei mir wird das in einigen Monaten so weit sein. Dann werde ich mir in der App Premium-Funktionen freischalten können, lautet das Versprechen.
Ignorieren wir die Frage, wie gross der daraus resultierende Anreiz ist. Fragen wir uns stattdessen, wer Geld dafür aufwirft, um Leute wie mich zum Trinken zu bringen – und was seine Gründe sein könnten. Und bringen wir in Erfahrung, wie wir konkret vorgehen müssen, um uns dieses Vermögen in bar auszahlen zu lassen.
Memecoins! Die Blockchain! Handel mit Swissquote!
Also: Die App erklärt, dass es sich bei den Punkten um sogenannte $FUNN-Token handelt. Dahinter stecke die Solana-Blockchain.
Der Kursverlauf der FUNN-Token.Aha. Wikipedia weiss zu berichten, Pump.fun sei eine Plattform für Kryptowährungen. Sie existiert seit dem 19. Januar 2024 und funktioniert gemäss Beschreibung wie folgt:
Mit Pump kann jeder Coins erstellen. Alle auf Pump erstellten Coins werden fair eingeführt, was bedeutet, dass jeder beim ersten Erstellen des Coins den gleichen Zugang zum Kauf und Verkauf hat.
Schritt 1: Wähle einen Coin, der dir gefällt.
Schritt 2: Kaufe den Coin auf der Bonding-Kurve.
Schritt 3: Verkaufe jederzeit, um deine Gewinne oder Verluste zu sichern.Auf Englisch ist die Formulierung «auf Pump erstellte Coins» nicht so lustig wie auf Deutsch. Das heisst nicht, dass es auf dieser Handelsplattform nichts zu lachen gäbe. Im Gegenteil: Möchte jemand Testicles kaufen? Das ist ein Coin, der am 21. Dezember 2025 ins Leben gerufen wurde. Am 11. Januar stand der Wert auf 26 Millionen, am 29. Januar noch auf 6,5. Soll ich den Witz machen, dass es niemals eine gute Idee war, sich bei den Finanzgeschäften fremde oder eigene Familienjuwelen zu verjuxen?
In Testicle zu investieren, ist nicht angezeigt.Es gibt auch den Dolan Duck, den Tariff Man, den Sartoshi und den Elon 2024. Und den Wilhelm Tell. Letzterer ist meine Kreation: «As rock solid as the Swiss frank, only much cooler and as sharp as the tip of a crossbow bolt.» Fünf Sekunden nach der Kreation hatte der WTELL eine Marktkapitalisierung von 3400 Dollar. Hat vielleicht Gessler investiert?
WTELL, anyone?
Nun wollt ihr sicherlich wissen, ob ihr selbst WTELL kaufen könnt. Die Antwort ist ein Ja. An der Pump-Börse wird Solana akzeptiert, und diese Kryptowährung könnten wir via Swissquote oder eine der anderen Anlaufstellen erwerben oder veräussern. Wir könnten sowohl den WTELL, als auch den FUNN und irgendeine der anderen Spass-Währungen handeln. Ausprobiert habe ich das nicht. Und ohne ein Finanzexperte zu sein, rate ich euch dringend davon ab.
Zwar entsteht Geld in gewisser Weise aus dem Nichts. Doch jedem von uns sollte klar sein, dass das leider nicht bedeutet, dass jeder von uns es nach eigenem Gutdünken erzeugen kann. Pump erweckt zwar diesen Eindruck. Aber solange keine echte Nachfrage nach einem Meme-Coin entsteht, wird er im Wert nicht steigen. Im Gegenteil: Der wahrscheinlichste Ausgang ist, dass Leute aus Neugierde, Eitelkeit oder Unverständnis ihre Währung erzeugen, Geld darauf setzen und das im weiteren Verlauf der Ereignisse verlieren.
Eine elaborierte Werbeaktion
Zurück zur Frage: Warum zum Teufel belohnt mich meine App mit diesen Punkten? Es ist einerseits eine Art Treuesystem, das Nutzerinnen und Nutzer der App bei der Stange halten soll. Andererseits dient es dazu, die User an den Pump-Marktplatz heranzuführen – quasi mit einem nebenbei erarbeiteten Startvermögen. Ich tue vermutlich niemandem Unrecht, dass das dem «Willkommensbonus» im Spielcasino entspricht. Die Gefahr, im Weiteren durch Gebühren und Fehlspekulationen effektiv draufzulegen, ist gross.
Der Hersteller, Funnmedia, hat weitere Apps in petto, u.a. Fitnessview, Calory und Wins. Ich nehme an, dass der Belohnungsmechanismus von Waterminder ebenfalls in diesen Apps steckt (nachgesehen habe ich nicht).
Hier kann man seine gesammelten Punkte in die Cryptowährung transferieren.Zurück zur eigentlichen Frage: Rollt der Rubel?
Nein, zumindest bei mir nicht. Es gelang mir nicht, diesen Kreislauf zu schliessen und mir mit Water Minder einen Zufluss an Liquidität zu verschaffen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ein Cryptocurrency-Greenhorn bin. Ich habe es geschafft, mir in der App ein Wallet einzurichten und meine gesammelten Punkte in $FUNN-Coins umzuwandeln. Wie ich weiter mit diesem Wallet verfahren könnte, erschliesst sich mir nicht. Vermutlich könnte ich auf solscan.io damit handeln, aber meine Lust, das auszuprobieren, hält sich in Grenzen. Falls hier Profis sind, die mir Tipps geben können, freue ich mich über einen Hinweis per Kommentar.
Der App-Store treibt immer seltsamere Blüten
Fazit: Was mich angeht, wäre es mir definitiv lieber, wenn meine Wasser-Tracking-App mir nicht gleichzeitig den Handel mit Kryptowährungen schmackhaft machen wollte. Mir reicht es, wenn sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Was wir hier sehen, ist ein Zeichen dafür, dass mit Software selbst anscheinend nicht mehr ausreichend Geld verdient wird. Oder dass sie von manchen Herstellern nicht mehr als Wert an und für sich gesehen wird, sondern bloss als Rampe für nachgelagerte Geschäfte, die eine höhere Gewinnspanne versprechen.
Und die darf man als dubios bezeichnen: Hier wird von einer Klage wegen Marktmanipulation gegen die Pump.fun-Plattform berichtet. Yahoo meldete im Dezember, dass ein ehemaliger Entwickler der Plattform wegen Betrugs in Höhe von zwei Millionen US-Dollar mit Solana zu sechs Jahren Haft verurteilt worden sei. Der FUNN-Coin befindet sich auf Sinkflug.
Und hey, das Ding heisst Pump. Ich würde behaupten: Wie in Pump and Dump, einer Form der Marktmanipulation durch Insider …
Beitragsbild: Löscht den Durst und spült Cybergeld in die Kasse (www.kaboompics.com, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Geld #Longread -
Eine App, die uns fürs Trinken bezahlt
Seit sechs Jahren protokolliere ich meinen Flüssigkeitskonsum mit der Water-Minder-App. Eine positive Sache: Ich trinke ausreichend, was mir guttut. Nebenbei habe ich einen Blick auf meinen Alkoholkonsum. Mir fällt es zwar leicht, mich zurückzuhalten. Die Daten sind dennoch nützlich, um mir meine Gewohnheiten und deren Veränderungen bewusst zu machen. Das bewährt sich für mich besser als eine dedizierte Alkohol-Tracking-App.
Für einige der Getränke gibt es Punkte, für andere nicht.Die Water-Minder-App hat sich seit 2020 nur moderat weiterentwickelt. Neulich kam eine Neuerung hinzu, die mein Interesse und mein Misstrauen weckte. Beim Protokollieren von Tee, Milch, Mineral- und Hahnenwasser sowie den El Tonys bietet sie mir an, Punkte zu sammeln. Eine Tasse Tee gibt 8,6 Punkte, die Milch fürs Müesli 6,2. Die Zahl scheint mit der Menge zu korrelieren.
Ein Gamification-Schnickschnack, könnte man sich denken. Doch das täuscht.
Die Punkte lassen sich, wenigstens theoretisch, in echtes Geld umwandeln. Für manche mag das so klingen, als ob ein Traum wahr würde: trinkenderweise Geld verdienen? Eine neue Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Spoiler: Nein. Der Wechselkurs ist nicht prickelnd: 12878,3 Punkte ergeben einen US-Dollar. Um zehn Dollar zu verdienen, müsste ich mir 374 Liter hinter die Binde kippen. Dank der Water-Minder-App weiss ich, das mein Konsum für 2025 genau 803 Liter betrug (28 Prozent Tee, 24 Prozent Wasser, 15 Prozent Mineral, neun Prozent Schorle und fünf Prozent El Tony und Rivella; unter ferner liefen Suppen, Wein und Bier).
800 Liter trinken und 15 Dollar kassieren
Das ergäbe gut zwanzig Dollar, würden alle Getränke angerechnet. Das ist nicht der Fall. Koffeinhaltige Getränke und solche mit mehr als 10 oz sind nicht anrechnungsfähig, und höchstens ein Getränk pro Stunde wird gezählt. Es gibt einige weitere Regeln, die den Erlös reduzieren. Unter dem Strich kämen 15 Dollar rum. Bei mir wird das in einigen Monaten so weit sein. Dann werde ich mir in der App Premium-Funktionen freischalten können, lautet das Versprechen.
Ignorieren wir die Frage, wie gross der daraus resultierende Anreiz ist. Fragen wir uns stattdessen, wer Geld dafür aufwirft, um Leute wie mich zum Trinken zu bringen – und was seine Gründe sein könnten. Und bringen wir in Erfahrung, wie wir konkret vorgehen müssen, um uns dieses Vermögen in bar auszahlen zu lassen.
Memecoins! Die Blockchain! Handel mit Swissquote!
Also: Die App erklärt, dass es sich bei den Punkten um sogenannte $FUNN-Token handelt. Dahinter stecke die Solana-Blockchain.
Der Kursverlauf der FUNN-Token.Aha. Wikipedia weiss zu berichten, Pump.fun sei eine Plattform für Kryptowährungen. Sie existiert seit dem 19. Januar 2024 und funktioniert gemäss Beschreibung wie folgt:
Mit Pump kann jeder Coins erstellen. Alle auf Pump erstellten Coins werden fair eingeführt, was bedeutet, dass jeder beim ersten Erstellen des Coins den gleichen Zugang zum Kauf und Verkauf hat.
Schritt 1: Wähle einen Coin, der dir gefällt.
Schritt 2: Kaufe den Coin auf der Bonding-Kurve.
Schritt 3: Verkaufe jederzeit, um deine Gewinne oder Verluste zu sichern.Auf Englisch ist die Formulierung «auf Pump erstellte Coins» nicht so lustig wie auf Deutsch. Das heisst nicht, dass es auf dieser Handelsplattform nichts zu lachen gäbe. Im Gegenteil: Möchte jemand Testicles kaufen? Das ist ein Coin, der am 21. Dezember 2025 ins Leben gerufen wurde. Am 11. Januar stand der Wert auf 26 Millionen, am 29. Januar noch auf 6,5. Soll ich den Witz machen, dass es niemals eine gute Idee war, sich bei den Finanzgeschäften fremde oder eigene Familienjuwelen zu verjuxen?
In Testicle zu investieren, ist nicht angezeigt.Es gibt auch den Dolan Duck, den Tariff Man, den Sartoshi und den Elon 2024. Und den Wilhelm Tell. Letzterer ist meine Kreation: «As rock solid as the Swiss frank, only much cooler and as sharp as the tip of a crossbow bolt.» Fünf Sekunden nach der Kreation hatte der WTELL eine Marktkapitalisierung von 3400 Dollar. Hat vielleicht Gessler investiert?
WTELL, anyone?
Nun wollt ihr sicherlich wissen, ob ihr selbst WTELL kaufen könnt. Die Antwort ist ein Ja. An der Pump-Börse wird Solana akzeptiert, und diese Kryptowährung könnten wir via Swissquote oder eine der anderen Anlaufstellen erwerben oder veräussern. Wir könnten sowohl den WTELL, als auch den FUNN und irgendeine der anderen Spass-Währungen handeln. Ausprobiert habe ich das nicht. Und ohne ein Finanzexperte zu sein, rate ich euch dringend davon ab.
Zwar entsteht Geld in gewisser Weise aus dem Nichts. Doch jedem von uns sollte klar sein, dass das leider nicht bedeutet, dass jeder von uns es nach eigenem Gutdünken erzeugen kann. Pump erweckt zwar diesen Eindruck. Aber solange keine echte Nachfrage nach einem Meme-Coin entsteht, wird er im Wert nicht steigen. Im Gegenteil: Der wahrscheinlichste Ausgang ist, dass Leute aus Neugierde, Eitelkeit oder Unverständnis ihre Währung erzeugen, Geld darauf setzen und das im weiteren Verlauf der Ereignisse verlieren.
Eine elaborierte Werbeaktion
Zurück zur Frage: Warum zum Teufel belohnt mich meine App mit diesen Punkten? Es ist einerseits eine Art Treuesystem, das Nutzerinnen und Nutzer der App bei der Stange halten soll. Andererseits dient es dazu, die User an den Pump-Marktplatz heranzuführen – quasi mit einem nebenbei erarbeiteten Startvermögen. Ich tue vermutlich niemandem Unrecht, dass das dem «Willkommensbonus» im Spielcasino entspricht. Die Gefahr, im Weiteren durch Gebühren und Fehlspekulationen effektiv draufzulegen, ist gross.
Der Hersteller, Funnmedia, hat weitere Apps in petto, u.a. Fitnessview, Calory und Wins. Ich nehme an, dass der Belohnungsmechanismus von Waterminder ebenfalls in diesen Apps steckt (nachgesehen habe ich nicht).
Hier kann man seine gesammelten Punkte in die Cryptowährung transferieren.Zurück zur eigentlichen Frage: Rollt der Rubel?
Nein, zumindest bei mir nicht. Es gelang mir nicht, diesen Kreislauf zu schliessen und mir mit Water Minder einen Zufluss an Liquidität zu verschaffen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ein Cryptocurrency-Greenhorn bin. Ich habe es geschafft, mir in der App ein Wallet einzurichten und meine gesammelten Punkte in $FUNN-Coins umzuwandeln. Wie ich weiter mit diesem Wallet verfahren könnte, erschliesst sich mir nicht. Vermutlich könnte ich auf solscan.io damit handeln, aber meine Lust, das auszuprobieren, hält sich in Grenzen. Falls hier Profis sind, die mir Tipps geben können, freue ich mich über einen Hinweis per Kommentar.
Der App-Store treibt immer seltsamere Blüten
Fazit: Was mich angeht, wäre es mir definitiv lieber, wenn meine Wasser-Tracking-App mir nicht gleichzeitig den Handel mit Kryptowährungen schmackhaft machen wollte. Mir reicht es, wenn sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Was wir hier sehen, ist ein Zeichen dafür, dass mit Software selbst anscheinend nicht mehr ausreichend Geld verdient wird. Oder dass sie von manchen Herstellern nicht mehr als Wert an und für sich gesehen wird, sondern bloss als Rampe für nachgelagerte Geschäfte, die eine höhere Gewinnspanne versprechen.
Und die darf man als dubios bezeichnen: Hier wird von einer Klage wegen Marktmanipulation gegen die Pump.fun-Plattform berichtet. Yahoo meldete im Dezember, dass ein ehemaliger Entwickler der Plattform wegen Betrugs in Höhe von zwei Millionen US-Dollar mit Solana zu sechs Jahren Haft verurteilt worden sei. Der FUNN-Coin befindet sich auf Sinkflug.
Und hey, das Ding heisst Pump. Ich würde behaupten: Wie in Pump and Dump, einer Form der Marktmanipulation durch Insider …
Beitragsbild: Löscht den Durst und spült Cybergeld in die Kasse (www.kaboompics.com, Pexels-Lizenz).
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Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.
Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.
Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.
Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.
Der Niedergang ist langsam, aber stetig
Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.
Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.
Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.
Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:
Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.
Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.
Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.
Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.
Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.
Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.
In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»
Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.
Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.
Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein
In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.
Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.
Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!
Beitragsbild: Da hinten ist das freie Web – und die Salami aus dem Titel (Dương Nhân, Pexels-Lizenz).
#Bloggen #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #SozialeMedien -
Facebooks Salamitaktik gegen die Informationen aus dem freien Netz
Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.
Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.
Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.
Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.
Der Niedergang ist langsam, aber stetig
Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.
Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.
Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.
Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:
Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.
Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.
Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.
Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.
Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.
Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.
In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»
Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.
Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.
Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein
In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.
Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.
Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!
Beitragsbild: Da hinten ist das freie Web – und die Salami aus dem Titel (Dương Nhân, Pexels-Lizenz).
#Bloggen #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #SozialeMedien -
Facebooks Salamitaktik gegen die Informationen aus dem freien Netz
Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.
Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.
Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.
Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.
Der Niedergang ist langsam, aber stetig
Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.
Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.
Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.
Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:
Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.
Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.
Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.
Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.
Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.
Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.
In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»
Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.
Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.
Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein
In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.
Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.
Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!
Beitragsbild: Da hinten ist das freie Web – und die Salami aus dem Titel (Dương Nhân, Pexels-Lizenz).
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Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.
Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.
Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.
Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.
Der Niedergang ist langsam, aber stetig
Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.
Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.
Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.
Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:
Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.
Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.
Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.
Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.
Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.
Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.
In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»
Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.
Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.
Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein
In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.
Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.
Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!
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Facebooks Salamitaktik gegen die Informationen aus dem freien Netz
Vorbemerkung: Seit ich den Beitrag schrieb, tauchte der inkriminierte Knopf auf- und teilweise wieder ab. Inzwischen ist das Teilen sowohl in der App als auch im Browser wieder möglich. Vielleicht war das Verschwinden dieser Funktion ein Fehler, vielleicht ein Feldversuch, der inzwischen beendet wurde. Das Fehlen dieses Features war der Aufhänger für diesen Blogpost. Ich veröffentliche ihn trotzdem und lasse die leicht relativierte Kritik stehen. Am Grundproblem ändert sich nichts: Es gibt weitere Indizien, dass Facebook und Meta alle Möglichkeiten ausloten, die Reichweite von Drittinhalten zu beschränken. Vorbemerkung Ende.
Facebook ist weiterhin einfallsreich, wenn es darum geht, Leuten wie mir das Leben zu erschweren. Mit «Leuten wie mir» meine ich Blogger, die ihre Inhalte nicht gratis und franko bei Mark Zuckerberg veröffentlichen, sondern eine eigene Website dazu verwenden. Leute wie wir möchten die sozialen Medien dazu verwenden, ein Publikum für unsere Inhalte zu finden. So, wie es der ursprünglichen Idee und dem Versprechen entspricht, dass die sozialen Medien die Inhalte ihrer Nutzerinnen und Nutzer (User-generated content) vermitteln.
Der Knopf zum Teilen im persönlichen Feed ist verschwunden. Dafür ist die Schaltfläche zum «Bewerben» noch etwas auffälliger geworden.Diese Idee wird seit Langem unterlaufen, indem Inhalte abgestraft werden, die die Leute von den Plattformen wegführen. Linkposts, die auf Drittquellen verweisen, werden nach allen Regeln der Kunst in ihrer Reichweite gedrosselt. Mit Ausnahme von Mastodon und (vielleicht) Bluesky greift der Algorithmus ein, welcher die Auswahl der Beiträge im Feed der Nutzerinnen und Nutzer zusammenstellt.
Das ist nicht der einzige Trick: Facebook löscht Beiträge auch aus nichtigen Gründen, spricht Verwarnungen wegen Kontoverstössen aus und hält Leute durch unbegründete Warnungen davon ab, die Links in unseren Postings anzuklicken.
Der Niedergang ist langsam, aber stetig
Das neueste Hindernis: Inhalte von Seiten lassen sich nicht mehr im persönlichen Feed teilen.
Auffällig ist, dass im Gegenzug eine Schaltfläche so gross geworden ist, dass man sie nicht mehr übersehen kann. Es handelt sich um den Knopf Beitrag bewerben. Die Hypothese dazu lautet, dass Facebook uns die Botschaft vermittelt, dass es Sichtbarkeit für eigene Inhalte nicht zum Nulltarif gibt. Wer gesehen werden will, soll bezahlen. Dass das für mich als Hobbyblogger keine Option ist, kümmert Herrn Zuckerberg nicht. Meta ist schliesslich kein Wohltätigkeitsverein.
Es ist jedenfalls eine Tatsache, dass sich auch andere daran stören und es in meinem Fall diesen (vermutlich gewünschten) Effekt hat: Die Beiträge von meiner Facebook-Seite landen landeten nicht mehr in meinem persönlichen Feed und auch keiner der Abonnenten meiner Seite kann konnte sie direkt an seine Bubble weiterleiten. Dieser Umstand hinterlässt Spuren in der Statistik: Zwar war Facebook nie ein riesiger Traffic-Lieferant für mein Blog. Aber der Rückgang im letzten Jahr ist unverkennbar.
Der Abwärtstrend – auf tiefem Niveau – ist unverkennbar.Also, für sich gesehen ist das kein echter Skandal. Doch mit mehr Kontext ändert sich das. Wenn wir uns die Entwicklung über die Zeit ansehen, zeigt sich, dass Meta strategisch gezielt eine Salamitaktik anwendet, um Inhalte zu schwächen, die kein Geld einbringen und nicht im Interesse der eigenen Plattform sind.
Einige «Meilensteine», wie sich der Umgang mit externen Inhalten über die Jahre veränderte:
Seit 2014 straft Facebook Beiträge mit marktschreierischen Titeln ab. Natürlich ist Clickbaiting eine Unsitte. Aber wenn sie in Postings ohne Link auf eine externe Quelle praktiziert wird, stört sich Meta nicht daran.
Ab 2015 werden «overly promotional»-Seitenbeiträge zurückgebunden. Was das heisst und wo die Grenze verläuft, ist für einen Seitenbetreiber unmöglich zu erkennen. Ob und wie die Reichweite beschränkt wird, erfährt man nicht.
Im Juni 2016 verspricht Facebook, Freunde und Familie kämen zuerst. Das heisst wiederum, dass Beiträge von Seiten hintenangestellt werden.
Seit Juni 2017 werden «sketchy links» abgestraft. Das wäre eine gute Idee, wenn Facebook in der Lage wäre, solche dubiosen Links zuverlässig zu erkennen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht der Fall ist.
Dieser Link wird anscheinend für verdächtig erachtet. An welchen Merkmalen das liegt und wie man gegen eine Fehleinschätzung interveniert, erklärt Meta nicht.Im Dezember 2017 schoss sich Facebook aufs «Engagement baiting» ein. Das ist ein Widerspruch in sich, da der algorithmische Feed die Forcierung von Interaktionen, die zu einer grösseren Reichweite führen, überhaupt erst ermöglicht und sie ansonsten nach Kräften fördert.
Im Januar 2018 wollte Facebook die «meaningful social interactions» fördern. Das klingt gut, ist aber kaum fassbar und bedeutet auf der anderen Seite, dass öffentliche Inhalte wie Blogposts wiederum an Gewicht verlieren.
In Instagram wurde 2021 das Swipe up-Feature entfernt. Wie «Tech Crunch» damals schrieb: «Diese beliebte Funktion ermöglichte es Unternehmen und bekannten Creators bisher, die Zuschauer ihrer Stories auf eine Website weiterzuleiten.»
Im Mai 2023 erklärt ein offizieller Blogpost Details zur Ranking-Mechanik. Daraus geht hervor, dass der «Wert» eines externen Links keine Rolle spielt. Nur das Interesse, das sich innerhalb der App manifestiert, trägt zum Erfolg bei. Das bedeutet, dass Blogger ohne Social-Media-Abteilung, die wenig oder keine Zeit in die Pflege der Community investieren können, auf verlorenem Posten stehen.
Per Ende 2024 verschwand der News-Reiter komplett. Den gab es in den USA und Australien und in Grossbritannien, Frankreich und Deutschland, wo er schon im Jahr zuvor abgeschafft worden war. Damit eliminierte Meta ein wichtiger Zugang zu externen Inhalten.
Facebook darf nicht der Gatekeeper für die Welt sein
In der Summe ist die Tendenz eindeutig: Externe Inhalte sind unerwünscht. Da Facebook es sich mit niemandem verscherzen will, findet die Abwertung schrittweise statt. Meiner bescheidenen Meinung nach ist das unredlich und scheinheilig.
Mark Zuckerberg ignoriert die Tatsache, dass es nicht nur um Meta und sein persönliches Unternehmen geht. Informationen aus dem freien Web – und damit meine ich nicht mein Blog, sondern die unzähligen weitaus gewichtigeren Quellen – haben existenzielle Bedeutung für die Gesellschaft. Dieses egoistische Verhalten wäre okay, wenn Facebook und Instagram weiterhin das Hobbyprojekt eines gelangweilten College-Studenten und keine global dominanten Plattformen wären.
Darum bleibt nur, ein kleiner, hoffentlich nicht zu verzweifelt klingender Aufruf: Haltet den Pfeilern des freien Webs, den Bloggern eures Vertrauens und den kleinen und grösseren Medienanbietern die Stange – selbst wenn deren Beiträge von allein nicht mehr in eurem Feed auftauchen!
Beitragsbild: Da hinten ist das freie Web – und die Salami aus dem Titel (Dương Nhân, Pexels-Lizenz).
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Ein Blick in Jeffrey Epsteins Mailbox
Dieser Online-Shit der Woche wäre es wert gewesen, noch im alten Jahr bebloggt zu werden. Gewisse Mängel bei der Themenplanung haben das verhindert. Aber besser zu spät als nie.
Jmail.world ist eine Website mit einer interaktiv erschliessbaren Datensammlung. Gleichzeitig fühlt sich das Projekt an wie ein voyeuristisches Online-Game aus dem «Lost Phone»-Genre: Bei dem gerät uns als Spielerin oder Spieler ein verlorenes Telefon in die Hände. Wir sind eingeladen, unserem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und die dunklen Geheimnisse des Besitzers oder der Besitzerin zu erkunden.
In diesem Fall sorgt die politische Komponente für zusätzlichen Kitzel und Komplexität. Der Inhaber der fraglichen Daten ist eine real existierende Person des öffentlichen Interesses, nämlich Jeffrey Epstein: Ein verurteilter Sexualstraftäter, der wegen Menschenhandels angeklagt war und sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Viele prominente Menschen zählten zu seinen Bekanntschaften und Freunden. Die Welt fragt sich bis heute, wie tief hochrangige Politiker wie Donald Trump in diesem Sumpf drinstecken. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Epstein files geführt. Epsteins digitale Hinterlassenschaft könnte für Klärung sorgen. Bloss wurde die bislang zögerlich, unvollständig und über weite Strecken geschwärzt veröffentlicht.
Sonderlich ordentlich war Epsteins digitales Leben nicht
Wir können nur erahnen, was hinter dieser Nachricht steckt.Der Teil, der zugänglich gemacht wurde, ist unter Jmail erforschbar. Als Webanwendung aufgebaut, steigen wir über Epsteins Mailbox ein – als ob wir Zugang zu seinem Gmail-Account hätten. Wir klicken uns durch die Nachrichten, verwenden am linken Rand die Liste mit seinen Kontakten, konzentrieren uns auf die mit Stern markierten Mails und lesen unter Sent nach, welche Nachrichten Epstein selbst versandte. Unter Attachments finden wir Anhänge, mehrheitlich Bilder und eine Handvoll PDFs und Worddocs. Oder wir bemühen die Suchfunktion mit einem passenden Stichwort. Zum Beispiel, willkürlicher Vorschlag: Trump.
Das ist nicht alles: Über die KI «Jemini» dürfen wir auch Fragen stellen. Zum Beispiel: «What’s my relation to Switzerland?» Antwort u. a.: «Epstein held three bank accounts at HSBC Private Bank in Geneva and had dealings with Edmond de Rothschild in Geneva.» Und: «Emails suggest that Epstein may have recruited young women from Zurich for sex trafficking, with ‹assistant› possibly used as a code word.»
Tausende Fotos, Flüge, PDFs und Überwachungsvideos
Über das Apps-Icon (das 3×3-Raster) gelangen wir zu weiteren Datensammlungen:
- Unter Photos finden sich 7050 Aufnahmen, von Epstein selbst, Bill Clinton, Steve Bannon, natürlich Ghislaine Maxwell, Donald Trump, Bill Gates, Kevin Spacey, Woody Allen und – für mich – überraschenden Leuten wie Mick Jagger und Noam Chomsky.
- Auf Files lagern geschlagene 47’033 Dateien, wiederum Aufnahmen, ebenso Tonnen von PDFs mit juristischen Inhalten, Plänen und ähnlichen Dingen.
- Via JVR gelangen wir zu den Aufnahmen der Überwachungskameras aus Epsteins Anwesen.
- Bei Jamazon klicken wir uns durch 1006 archivierte Online-Bestellungen.
- Schliesslich sehen wir im Bereich JFlights die Flug-Historie des Mannes: 4292 Flüge von über 10’000 Stunden mit 3302 Passagieren. Ein paarmal ist er in der Schweiz gelandet oder gestartet.
Banale Fotos und Bilder von Verbrechen
Zurückbleiben seltsame, zwiespältige Gefühle:
Beim wahllosen Klicken stossen wir auf banale Dinge wie den Lacing activity guide – wie sich auch in unserem Download-Ordner ein wildes Durcheinander ansammelt. Fastcompany schrieb treffend:
Es überrascht, wie viel von dem Zeug auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirkt.
Sucht man gezielter oder länger, dann ändert sich dieser Eindruck:
In derselben Bilderdatenbank mit Schnappschüssen von Konzerten, Pferden, Epstein beim Tischtennisspielen und beim Hundestreicheln befinden sich auch Fotos von schrecklichen Verbrechen, darunter zahlreiche (geschwärzte) Aufnahmen von Opfern.
Anrüchtig oder aufklärerisch?
Muss oder will ich das sehen? Keiner von uns ist ein Ermittler, der diese Daten mit einem konkreten Auftrag und im Dienst der Wahrheitsfindung auskundschaftet. Wenn wir uns in einem Onlinespiel wähnen oder unserem inneren Spanner nachgeben, dann bekommt Jmail einen anrüchigen Touch.
Den gleichen Vorwurf lässt sich ebenso gegenüber den True-Crime-Podcasts oder sensationslüsternen Dokus im Privatfernsehen erheben. Sie werden von manchen aus fragwürdigen Gründen konsumiert. Doch wichtiger ist ein anderer Aspekt: die Auseinandersetzung mit unserer Welt ist nicht nur legitim, sie ist unverzichtbar. Diese ungeheuerliche Epstein-Angelegenheit ist eine Tatsache. Jmail ermöglicht es jederman und jederfrau, sich ein Bild zu verschaffen. Die Umsetzung als Web-App garantiert einfache Zugänglichkeit. Und darum ist Jmail vorbildlich, was den modernen Umgang mit solchen Datensammlungen angeht.
Beitragsbild: Die Aufbereitung hier lässt, anders als bei Jmail, noch zu wünschen übrig (Wesley Tingey, Unsplash-Lizenz).
#Datenvisualisierung #DerOnlineShitDerWoche #Politik #TrueCrime #Wochenkommentar -
Ein Blick in Jeffrey Epsteins Mailbox
Dieser Online-Shit der Woche wäre es wert gewesen, noch im alten Jahr bebloggt zu werden. Gewisse Mängel bei der Themenplanung haben das verhindert. Aber besser zu spät als nie.
Jmail.world ist eine Website mit einer interaktiv erschliessbaren Datensammlung. Gleichzeitig fühlt sich das Projekt an wie ein voyeuristisches Online-Game aus dem «Lost Phone»-Genre: Bei dem gerät uns als Spielerin oder Spieler ein verlorenes Telefon in die Hände. Wir sind eingeladen, unserem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und die dunklen Geheimnisse des Besitzers oder der Besitzerin zu erkunden.
In diesem Fall sorgt die politische Komponente für zusätzlichen Kitzel und Komplexität. Der Inhaber der fraglichen Daten ist eine real existierende Person des öffentlichen Interesses, nämlich Jeffrey Epstein: Ein verurteilter Sexualstraftäter, der wegen Menschenhandels angeklagt war und sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Viele prominente Menschen zählten zu seinen Bekanntschaften und Freunden. Die Welt fragt sich bis heute, wie tief hochrangige Politiker wie Donald Trump in diesem Sumpf drinstecken. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Epstein files geführt. Epsteins digitale Hinterlassenschaft könnte für Klärung sorgen. Bloss wurde die bislang zögerlich, unvollständig und über weite Strecken geschwärzt veröffentlicht.
Sonderlich ordentlich war Epsteins digitales Leben nicht
Wir können nur erahnen, was hinter dieser Nachricht steckt.Der Teil, der zugänglich gemacht wurde, ist unter Jmail erforschbar. Als Webanwendung aufgebaut, steigen wir über Epsteins Mailbox ein – als ob wir Zugang zu seinem Gmail-Account hätten. Wir klicken uns durch die Nachrichten, verwenden am linken Rand die Liste mit seinen Kontakten, konzentrieren uns auf die mit Stern markierten Mails und lesen unter Sent nach, welche Nachrichten Epstein selbst versandte. Unter Attachments finden wir Anhänge, mehrheitlich Bilder und eine Handvoll PDFs und Worddocs. Oder wir bemühen die Suchfunktion mit einem passenden Stichwort. Zum Beispiel, willkürlicher Vorschlag: Trump.
Das ist nicht alles: Über die KI «Jemini» dürfen wir auch Fragen stellen. Zum Beispiel: «What’s my relation to Switzerland?» Antwort u. a.: «Epstein held three bank accounts at HSBC Private Bank in Geneva and had dealings with Edmond de Rothschild in Geneva.» Und: «Emails suggest that Epstein may have recruited young women from Zurich for sex trafficking, with ‹assistant› possibly used as a code word.»
Tausende Fotos, Flüge, PDFs und Überwachungsvideos
Über das Apps-Icon (das 3×3-Raster) gelangen wir zu weiteren Datensammlungen:
- Unter Photos finden sich 7050 Aufnahmen, von Epstein selbst, Bill Clinton, Steve Bannon, natürlich Ghislaine Maxwell, Donald Trump, Bill Gates, Kevin Spacey, Woody Allen und – für mich – überraschenden Leuten wie Mick Jagger und Noam Chomsky.
- Auf Files lagern geschlagene 47’033 Dateien, wiederum Aufnahmen, ebenso Tonnen von PDFs mit juristischen Inhalten, Plänen und ähnlichen Dingen.
- Via JVR gelangen wir zu den Aufnahmen der Überwachungskameras aus Epsteins Anwesen.
- Bei Jamazon klicken wir uns durch 1006 archivierte Online-Bestellungen.
- Schliesslich sehen wir im Bereich JFlights die Flug-Historie des Mannes: 4292 Flüge von über 10’000 Stunden mit 3302 Passagieren. Ein paarmal ist er in der Schweiz gelandet oder gestartet.
Banale Fotos und Bilder von Verbrechen
Zurückbleiben seltsame, zwiespältige Gefühle:
Beim wahllosen Klicken stossen wir auf banale Dinge wie den Lacing activity guide – wie sich auch in unserem Download-Ordner ein wildes Durcheinander ansammelt. Fastcompany schrieb treffend:
Es überrascht, wie viel von dem Zeug auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirkt.
Sucht man gezielter oder länger, dann ändert sich dieser Eindruck:
In derselben Bilderdatenbank mit Schnappschüssen von Konzerten, Pferden, Epstein beim Tischtennisspielen und beim Hundestreicheln befinden sich auch Fotos von schrecklichen Verbrechen, darunter zahlreiche (geschwärzte) Aufnahmen von Opfern.
Anrüchtig oder aufklärerisch?
Muss oder will ich das sehen? Keiner von uns ist ein Ermittler, der diese Daten mit einem konkreten Auftrag und im Dienst der Wahrheitsfindung auskundschaftet. Wenn wir uns in einem Onlinespiel wähnen oder unserem inneren Spanner nachgeben, dann bekommt Jmail einen anrüchigen Touch.
Den gleichen Vorwurf lässt sich ebenso gegenüber den True-Crime-Podcasts oder sensationslüsternen Dokus im Privatfernsehen erheben. Sie werden von manchen aus fragwürdigen Gründen konsumiert. Doch wichtiger ist ein anderer Aspekt: die Auseinandersetzung mit unserer Welt ist nicht nur legitim, sie ist unverzichtbar. Diese ungeheuerliche Epstein-Angelegenheit ist eine Tatsache. Jmail ermöglicht es jederman und jederfrau, sich ein Bild zu verschaffen. Die Umsetzung als Web-App garantiert einfache Zugänglichkeit. Und darum ist Jmail vorbildlich, was den modernen Umgang mit solchen Datensammlungen angeht.
Beitragsbild: Die Aufbereitung hier lässt, anders als bei Jmail, noch zu wünschen übrig (Wesley Tingey, Unsplash-Lizenz).
#Datenvisualisierung #DerOnlineShitDerWoche #Politik #TrueCrime #Wochenkommentar -
Die grössten App-Abstürze seit Evernote
Neulich stellte einer auf Threads die Frage, welche App uns «am gemeinsten verraten» habe. Natürlich riecht die Formulierung streng nach Ragebaiting. Aber das Anliegen selbst hat seine Berechtigung. Es kommt regelmässig vor, dass die Updates ein Programm nicht besser, sondern schlechter machen.
Einige Beispiele gefällig? Hier meine persönliche Liste der Schande mit den Apps mit Ermüdungserscheinungen. Übrigens: Falls euch weitere Programme einfallen, teilt mir das über einen Kommentar mit – wenn es nicht nur um meine Sichtweise geht, würde sich das Thema nämlich hervorragend für die Zeitung eignen.
Evernote
Die Notiz-App aus Kalifornen ist ein Paradebeispiel für eine App, mit der es über Jahre bergab ging. 2008 lanciert, legte sie einen veritablen Siegeszug hin: Sie war einfach zu benutzen, rank und schlank und nutzte die Möglichkeiten der Cloud souverän aus. Per Synchronisierung standen die Notizen am Smartphone genauso zur Verfügung wie am Desktop-PC. Das war damals ein grosses Ding. Wir waren dabei, das iPhone in unseren Alltag zu integrieren; es gab Evernote aber auch für den Palm Pre, Android, Blackberrys und für Windows Mobile.
Da kam eine App, die auch mobil unkompliziert zu benutzen war, gerade recht: Im Januar 2010 war mir Evernote darum einen Aufmacherartikel im Tagesanzeiger wert. Besonders zu loben waren die Texterkennung in Bildern und die Sprachnotizen.
Doch wie es häufig mit Erfolgs-Apps geschieht, so ging es auch Evernote: Diese Anwendung wurde über die Jahre immer dicker und umfangreicher. Die Entwickler verloren ihren Fokus aus den Augen. Sie wollten sich nicht mehr damit zufriedengeben, bloss eine Notiz-App zu sein. Stattdessen wurde daraus eine Wissensdatenbank und dann eine Art Ökosystem mit Produkten wie Skitch, Penultimate und Evernote Food. Manche dieser Abkömmlinge fand ich seinerzeit in Ordnung, aber mit dem Hauptprodukt hatte ich meine liebe Mühe. 2015 stieg ich (ausgerechnet) auf Onenote um. Seit 2021 verwende ich Simple Note.
Natürlich lässt sich der Niedergang von Evernote nicht ohne das Stichwort Bending Spoons erklären: Das in Mailand domizilierte Unternehmen kauft Tech-Startups auf, erhöht die Preise bzw. die Abogebühr und entlässt einen Grossteil der Belegschaft. Eigentlich könnten fast alle Apps, die diesem Schicksal anheimfielen, in dieser Liste hier aufgezählt werden. Mich schmerzt besonders, dass es Filmic, Wetransfer und Komoot betraf – alles Apps, die ich selbst gern nutzte.
Dropbox
Das letzte, was ich von Dropbox gesehen habe.Auch das ein Senkrechtstarter: 2007 gegründet, revolutionierte diese Anwendung das Dokumentenmanagement. Sie war die perfekte Verbindung zwischen klassischer, lokaler Datenhaltung und der Cloud. Ab 2009 nutzte ich sie noch so gern, um wichtige Dateien zwischen meinem privaten Computer und dem Büro-PC abzugleichen. Auch der Austausch zwischen Windows und Mac funktionierte hervorragend.
Zehn Jahre später war diese Romanze vorbei. Schuld war die Preisgestaltung, die nicht mit meiner Nutzungsweise kompatibel war.Auch bei Dropbox waren die Ambitionen zu gross: Man wollte zu einem umfassenden Ausstatter des digitalen Office werden. 2017 wurde Dropbox Paper lanciert. Ich besprach diese Neuerung damals wohlwollend. Aber ein gutes Produkt allein reicht nicht, wenn die Konkurrenz aus gleich zwei Branchen-Titanen besteht, nämlich Google mit Docs und Microsoft mit Word. Die Gefahr, dass man seine Energie in ein fruchtloses Projekt steckt und die Kernkundschaft aus den Augen verliert, ist riesig.
Fantastical
Fantastical 3: Die Darstellung wäre noch immer hübsch und zweckdienlich.2013 versetzte mich die Kalender-App in Begeisterung. 2020 war die endgültig verflogen. Die Ursache lässt sich, wie bei vielen anderen App-Abstürzen, in einem Wort benennen: Abo.
Womit wir einen Hauptschuldigen benennen können: Apple. Beim App Store gab es ab 2011 die Möglichkeit, Abonnemente zu lösen. Die war anfänglich nur für Inhalte gedacht, z.B. für digitale Magazine. Doch 2016 erlaubte Phil Schiller sie für normale Apps. Viele Entwickler nutzten das neue Preismodell damals, um massive Aufschläge zu kassieren: Fantastical kostete 2013 zwei Franken als Einmalkauf. 2020 hätte man 43 Franken pro Jahr dafür berappen müssen.
Ifttt
Dieser Niedergang ist besonders tragisch: «If this then that» zeichnete sich 2010 dadurch aus, das Kernprinzip des Internets mit den Stärken der Cloud zu kombinieren: Webanwendungen liessen sich untereinander verknüpfen und zu produktübergreifenden Lösungen zusammenpuzzeln. Das war eine Innovation, die mich sofort vereinnahmte: So muss das Internet funktionieren: offen, sodass Daten frei fliessen können.
Wie wir inzwischen wissen, betrieben die Tech-Konzerne das Gegenteil: Sie sperrten Daten in Silos, weil das die Abhängigkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern vergrösserte.
Ifttt hat bei der Benutzerfreundlichkeit über die Jahre stark abgebaut.Dementsprechend ist der Abstieg von Ifttt symptomatisch: Die Tech-Konzerne schränkten die Nutzung ihrer Schnittstellen ein oder schalteten ihre APIs gänzlich ab. Das brachte Ifttt dazu, sich auf die Geschäftskunden zu konzentrieren. Und das Produkt wurde so umgebaut, dass es kaum mehr zu benutzen war. 2020 war mein Vertrauen endgültig dahin.
Soundcloud und Spotify
Fassen wir zusammen: Zu grosse Ambitionen, Umstellungen beim Preismodell, der Verkauf an einen gierigen Akquisiteur und ein verschlechterndes Umfeld führen zu App-Abstürzen.
Ein weiterer Mechanismus kommt hinzu: die Enshittification. Sie setzt in dem Moment ein, in dem ein Unternehmen in ihrem Bereich so erfolgreich ist, dass es die Spielregeln diktieren und die Abhängigkeit der Kundinnen und Kunden ausnutzen kann. Das zeigte sich bei Soundcloud, wo ich die Probleme in zwei Blogbeiträgen (hier und hier) aufdröselte. Viel mehr Betroffene gibt es im Fall Spotify: Dieser Streamingdienst lässt Künstlerinnen und Künstler auf Kosten der User bluten.
Von 79 auf 135 Franken in zwei Jahren.Adobe
Im Threads-Thread, der der Anlass für diesen Blogpost war, nannten viele Adobe als Beispiel für ein Unternehmen, das seine Nutzerinnen und Nutzer «verraten» habe. In Bezug auf die Creative Cloud stimmt das mit Sicherheit. 2013 die Kaufversion der Produkte Knall auf Fall einzustellen und durch ein Abo zu ersetzen, war eine brutale Ausnutzung der Tatsache, dass viele kreative Nutzerinnen und Nutzer aufgrund von Sachzwängen nicht auf Alternativen wie Affinity umschwenken können.
Früher war nicht alles besser. Das gilt auf jeden Fall für Photoshop.Und dass Adobe diese Abhängigkeit ausnutzt, zeigt sich in häufigen Preisaufschlägen ebenso wie bei den problematischen Nutzungsbestimmungen (Stichwort: eingeschränktes Kündigungsrecht). Trotzdem: Dass die Software über die Jahre generell schlechter geworden sei, lässt sich nicht behaupten. Im Gegenteil – wenn man sich Photoshop 1.0 anschaut, ist der Fortschritt unbestreitbar.
Darum das Fazit: Adobe passt derzeit nicht in diese Liste. Aber was nicht ist, kann noch werden.
Beitragsbild: Evernote im Jahr 2026 – nein, natürlich nicht, sondern das bekannte Flugzeugwrack auf Island (Osrever, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Enshittification -
Die grössten App-Abstürze seit Evernote
Neulich stellte einer auf Threads die Frage, welche App uns «am gemeinsten verraten» habe. Natürlich riecht die Formulierung streng nach Ragebaiting. Aber das Anliegen selbst hat seine Berechtigung. Es kommt regelmässig vor, dass die Updates ein Programm nicht besser, sondern schlechter machen.
Einige Beispiele gefällig? Hier meine persönliche Liste der Schande mit den Apps mit Ermüdungserscheinungen. Übrigens: Falls euch weitere Programme einfallen, teilt mir das über einen Kommentar mit – wenn es nicht nur um meine Sichtweise geht, würde sich das Thema nämlich hervorragend für die Zeitung eignen.
Evernote
Die Notiz-App aus Kalifornen ist ein Paradebeispiel für eine App, mit der es über Jahre bergab ging. 2008 lanciert, legte sie einen veritablen Siegeszug hin: Sie war einfach zu benutzen, rank und schlank und nutzte die Möglichkeiten der Cloud souverän aus. Per Synchronisierung standen die Notizen am Smartphone genauso zur Verfügung wie am Desktop-PC. Das war damals ein grosses Ding. Wir waren dabei, das iPhone in unseren Alltag zu integrieren; es gab Evernote aber auch für den Palm Pre, Android, Blackberrys und für Windows Mobile.
Da kam eine App, die auch mobil unkompliziert zu benutzen war, gerade recht: Im Januar 2010 war mir Evernote darum einen Aufmacherartikel im Tagesanzeiger wert. Besonders zu loben waren die Texterkennung in Bildern und die Sprachnotizen.
Doch wie es häufig mit Erfolgs-Apps geschieht, so ging es auch Evernote: Diese Anwendung wurde über die Jahre immer dicker und umfangreicher. Die Entwickler verloren ihren Fokus aus den Augen. Sie wollten sich nicht mehr damit zufriedengeben, bloss eine Notiz-App zu sein. Stattdessen wurde daraus eine Wissensdatenbank und dann eine Art Ökosystem mit Produkten wie Skitch, Penultimate und Evernote Food. Manche dieser Abkömmlinge fand ich seinerzeit in Ordnung, aber mit dem Hauptprodukt hatte ich meine liebe Mühe. 2015 stieg ich (ausgerechnet) auf Onenote um. Seit 2021 verwende ich Simple Note.
Natürlich lässt sich der Niedergang von Evernote nicht ohne das Stichwort Bending Spoons erklären: Das in Mailand domizilierte Unternehmen kauft Tech-Startups auf, erhöht die Preise bzw. die Abogebühr und entlässt einen Grossteil der Belegschaft. Eigentlich könnten fast alle Apps, die diesem Schicksal anheimfielen, in dieser Liste hier aufgezählt werden. Mich schmerzt besonders, dass es Filmic, Wetransfer und Komoot betraf – alles Apps, die ich selbst gern nutzte.
Dropbox
Das letzte, was ich von Dropbox gesehen habe.Auch das ein Senkrechtstarter: 2007 gegründet, revolutionierte diese Anwendung das Dokumentenmanagement. Sie war die perfekte Verbindung zwischen klassischer, lokaler Datenhaltung und der Cloud. Ab 2009 nutzte ich sie noch so gern, um wichtige Dateien zwischen meinem privaten Computer und dem Büro-PC abzugleichen. Auch der Austausch zwischen Windows und Mac funktionierte hervorragend.
Zehn Jahre später war diese Romanze vorbei. Schuld war die Preisgestaltung, die nicht mit meiner Nutzungsweise kompatibel war.Auch bei Dropbox waren die Ambitionen zu gross: Man wollte zu einem umfassenden Ausstatter des digitalen Office werden. 2017 wurde Dropbox Paper lanciert. Ich besprach diese Neuerung damals wohlwollend. Aber ein gutes Produkt allein reicht nicht, wenn die Konkurrenz aus gleich zwei Branchen-Titanen besteht, nämlich Google mit Docs und Microsoft mit Word. Die Gefahr, dass man seine Energie in ein fruchtloses Projekt steckt und die Kernkundschaft aus den Augen verliert, ist riesig.
Fantastical
Fantastical 3: Die Darstellung wäre noch immer hübsch und zweckdienlich.2013 versetzte mich die Kalender-App in Begeisterung. 2020 war die endgültig verflogen. Die Ursache lässt sich, wie bei vielen anderen App-Abstürzen, in einem Wort benennen: Abo.
Womit wir einen Hauptschuldigen benennen können: Apple. Beim App Store gab es ab 2011 die Möglichkeit, Abonnemente zu lösen. Die war anfänglich nur für Inhalte gedacht, z.B. für digitale Magazine. Doch 2016 erlaubte Phil Schiller sie für normale Apps. Viele Entwickler nutzten das neue Preismodell damals, um massive Aufschläge zu kassieren: Fantastical kostete 2013 zwei Franken als Einmalkauf. 2020 hätte man 43 Franken pro Jahr dafür berappen müssen.
Ifttt
Dieser Niedergang ist besonders tragisch: «If this then that» zeichnete sich 2010 dadurch aus, das Kernprinzip des Internets mit den Stärken der Cloud zu kombinieren: Webanwendungen liessen sich untereinander verknüpfen und zu produktübergreifenden Lösungen zusammenpuzzeln. Das war eine Innovation, die mich sofort vereinnahmte: So muss das Internet funktionieren: offen, sodass Daten frei fliessen können.
Wie wir inzwischen wissen, betrieben die Tech-Konzerne das Gegenteil: Sie sperrten Daten in Silos, weil das die Abhängigkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern vergrösserte.
Ifttt hat bei der Benutzerfreundlichkeit über die Jahre stark abgebaut.Dementsprechend ist der Abstieg von Ifttt symptomatisch: Die Tech-Konzerne schränkten die Nutzung ihrer Schnittstellen ein oder schalteten ihre APIs gänzlich ab. Das brachte Ifttt dazu, sich auf die Geschäftskunden zu konzentrieren. Und das Produkt wurde so umgebaut, dass es kaum mehr zu benutzen war. 2020 war mein Vertrauen endgültig dahin.
Soundcloud und Spotify
Fassen wir zusammen: Zu grosse Ambitionen, Umstellungen beim Preismodell, der Verkauf an einen gierigen Akquisiteur und ein verschlechterndes Umfeld führen zu App-Abstürzen.
Ein weiterer Mechanismus kommt hinzu: die Enshittification. Sie setzt in dem Moment ein, in dem ein Unternehmen in ihrem Bereich so erfolgreich ist, dass es die Spielregeln diktieren und die Abhängigkeit der Kundinnen und Kunden ausnutzen kann. Das zeigte sich bei Soundcloud, wo ich die Probleme in zwei Blogbeiträgen (hier und hier) aufdröselte. Viel mehr Betroffene gibt es im Fall Spotify: Dieser Streamingdienst lässt Künstlerinnen und Künstler auf Kosten der User bluten.
Von 79 auf 135 Franken in zwei Jahren.Adobe
Im Threads-Thread, der der Anlass für diesen Blogpost war, nannten viele Adobe als Beispiel für ein Unternehmen, das seine Nutzerinnen und Nutzer «verraten» habe. In Bezug auf die Creative Cloud stimmt das mit Sicherheit. 2013 die Kaufversion der Produkte Knall auf Fall einzustellen und durch ein Abo zu ersetzen, war eine brutale Ausnutzung der Tatsache, dass viele kreative Nutzerinnen und Nutzer aufgrund von Sachzwängen nicht auf Alternativen wie Affinity umschwenken können.
Früher war nicht alles besser. Das gilt auf jeden Fall für Photoshop.Und dass Adobe diese Abhängigkeit ausnutzt, zeigt sich in häufigen Preisaufschlägen ebenso wie bei den problematischen Nutzungsbestimmungen (Stichwort: eingeschränktes Kündigungsrecht). Trotzdem: Dass die Software über die Jahre generell schlechter geworden sei, lässt sich nicht behaupten. Im Gegenteil – wenn man sich Photoshop 1.0 anschaut, ist der Fortschritt unbestreitbar.
Darum das Fazit: Adobe passt derzeit nicht in diese Liste. Aber was nicht ist, kann noch werden.
Beitragsbild: Evernote im Jahr 2026 – nein, natürlich nicht, sondern das bekannte Flugzeugwrack auf Island (Osrever, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Enshittification -
Die grössten App-Abstürze seit Evernote
Neulich stellte einer auf Threads die Frage, welche App uns «am gemeinsten verraten» habe. Natürlich riecht die Formulierung streng nach Ragebaiting. Aber das Anliegen selbst hat seine Berechtigung. Es kommt regelmässig vor, dass die Updates ein Programm nicht besser, sondern schlechter machen.
Einige Beispiele gefällig? Hier meine persönliche Liste der Schande mit den Apps mit Ermüdungserscheinungen. Übrigens: Falls euch weitere Programme einfallen, teilt mir das über einen Kommentar mit – wenn es nicht nur um meine Sichtweise geht, würde sich das Thema nämlich hervorragend für die Zeitung eignen.
Evernote
Die Notiz-App aus Kalifornen ist ein Paradebeispiel für eine App, mit der es über Jahre bergab ging. 2008 lanciert, legte sie einen veritablen Siegeszug hin: Sie war einfach zu benutzen, rank und schlank und nutzte die Möglichkeiten der Cloud souverän aus. Per Synchronisierung standen die Notizen am Smartphone genauso zur Verfügung wie am Desktop-PC. Das war damals ein grosses Ding. Wir waren dabei, das iPhone in unseren Alltag zu integrieren; es gab Evernote aber auch für den Palm Pre, Android, Blackberrys und für Windows Mobile.
Da kam eine App, die auch mobil unkompliziert zu benutzen war, gerade recht: Im Januar 2010 war mir Evernote darum einen Aufmacherartikel im Tagesanzeiger wert. Besonders zu loben waren die Texterkennung in Bildern und die Sprachnotizen.
Doch wie es häufig mit Erfolgs-Apps geschieht, so ging es auch Evernote: Diese Anwendung wurde über die Jahre immer dicker und umfangreicher. Die Entwickler verloren ihren Fokus aus den Augen. Sie wollten sich nicht mehr damit zufriedengeben, bloss eine Notiz-App zu sein. Stattdessen wurde daraus eine Wissensdatenbank und dann eine Art Ökosystem mit Produkten wie Skitch, Penultimate und Evernote Food. Manche dieser Abkömmlinge fand ich seinerzeit in Ordnung, aber mit dem Hauptprodukt hatte ich meine liebe Mühe. 2015 stieg ich (ausgerechnet) auf Onenote um. Seit 2021 verwende ich Simple Note.
Natürlich lässt sich der Niedergang von Evernote nicht ohne das Stichwort Bending Spoons erklären: Das in Mailand domizilierte Unternehmen kauft Tech-Startups auf, erhöht die Preise bzw. die Abogebühr und entlässt einen Grossteil der Belegschaft. Eigentlich könnten fast alle Apps, die diesem Schicksal anheimfielen, in dieser Liste hier aufgezählt werden. Mich schmerzt besonders, dass es Filmic, Wetransfer und Komoot betraf – alles Apps, die ich selbst gern nutzte.
Dropbox
Das letzte, was ich von Dropbox gesehen habe.Auch das ein Senkrechtstarter: 2007 gegründet, revolutionierte diese Anwendung das Dokumentenmanagement. Sie war die perfekte Verbindung zwischen klassischer, lokaler Datenhaltung und der Cloud. Ab 2009 nutzte ich sie noch so gern, um wichtige Dateien zwischen meinem privaten Computer und dem Büro-PC abzugleichen. Auch der Austausch zwischen Windows und Mac funktionierte hervorragend.
Zehn Jahre später war diese Romanze vorbei. Schuld war die Preisgestaltung, die nicht mit meiner Nutzungsweise kompatibel war.Auch bei Dropbox waren die Ambitionen zu gross: Man wollte zu einem umfassenden Ausstatter des digitalen Office werden. 2017 wurde Dropbox Paper lanciert. Ich besprach diese Neuerung damals wohlwollend. Aber ein gutes Produkt allein reicht nicht, wenn die Konkurrenz aus gleich zwei Branchen-Titanen besteht, nämlich Google mit Docs und Microsoft mit Word. Die Gefahr, dass man seine Energie in ein fruchtloses Projekt steckt und die Kernkundschaft aus den Augen verliert, ist riesig.
Fantastical
Fantastical 3: Die Darstellung wäre noch immer hübsch und zweckdienlich.2013 versetzte mich die Kalender-App in Begeisterung. 2020 war die endgültig verflogen. Die Ursache lässt sich, wie bei vielen anderen App-Abstürzen, in einem Wort benennen: Abo.
Womit wir einen Hauptschuldigen benennen können: Apple. Beim App Store gab es ab 2011 die Möglichkeit, Abonnemente zu lösen. Die war anfänglich nur für Inhalte gedacht, z.B. für digitale Magazine. Doch 2016 erlaubte Phil Schiller sie für normale Apps. Viele Entwickler nutzten das neue Preismodell damals, um massive Aufschläge zu kassieren: Fantastical kostete 2013 zwei Franken als Einmalkauf. 2020 hätte man 43 Franken pro Jahr dafür berappen müssen.
Ifttt
Dieser Niedergang ist besonders tragisch: «If this then that» zeichnete sich 2010 dadurch aus, das Kernprinzip des Internets mit den Stärken der Cloud zu kombinieren: Webanwendungen liessen sich untereinander verknüpfen und zu produktübergreifenden Lösungen zusammenpuzzeln. Das war eine Innovation, die mich sofort vereinnahmte: So muss das Internet funktionieren: offen, sodass Daten frei fliessen können.
Wie wir inzwischen wissen, betrieben die Tech-Konzerne das Gegenteil: Sie sperrten Daten in Silos, weil das die Abhängigkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern vergrösserte.
Ifttt hat bei der Benutzerfreundlichkeit über die Jahre stark abgebaut.Dementsprechend ist der Abstieg von Ifttt symptomatisch: Die Tech-Konzerne schränkten die Nutzung ihrer Schnittstellen ein oder schalteten ihre APIs gänzlich ab. Das brachte Ifttt dazu, sich auf die Geschäftskunden zu konzentrieren. Und das Produkt wurde so umgebaut, dass es kaum mehr zu benutzen war. 2020 war mein Vertrauen endgültig dahin.
Soundcloud und Spotify
Fassen wir zusammen: Zu grosse Ambitionen, Umstellungen beim Preismodell, der Verkauf an einen gierigen Akquisiteur und ein verschlechterndes Umfeld führen zu App-Abstürzen.
Ein weiterer Mechanismus kommt hinzu: die Enshittification. Sie setzt in dem Moment ein, in dem ein Unternehmen in ihrem Bereich so erfolgreich ist, dass es die Spielregeln diktieren und die Abhängigkeit der Kundinnen und Kunden ausnutzen kann. Das zeigte sich bei Soundcloud, wo ich die Probleme in zwei Blogbeiträgen (hier und hier) aufdröselte. Viel mehr Betroffene gibt es im Fall Spotify: Dieser Streamingdienst lässt Künstlerinnen und Künstler auf Kosten der User bluten.
Von 79 auf 135 Franken in zwei Jahren.Adobe
Im Threads-Thread, der der Anlass für diesen Blogpost war, nannten viele Adobe als Beispiel für ein Unternehmen, das seine Nutzerinnen und Nutzer «verraten» habe. In Bezug auf die Creative Cloud stimmt das mit Sicherheit. 2013 die Kaufversion der Produkte Knall auf Fall einzustellen und durch ein Abo zu ersetzen, war eine brutale Ausnutzung der Tatsache, dass viele kreative Nutzerinnen und Nutzer aufgrund von Sachzwängen nicht auf Alternativen wie Affinity umschwenken können.
Früher war nicht alles besser. Das gilt auf jeden Fall für Photoshop.Und dass Adobe diese Abhängigkeit ausnutzt, zeigt sich in häufigen Preisaufschlägen ebenso wie bei den problematischen Nutzungsbestimmungen (Stichwort: eingeschränktes Kündigungsrecht). Trotzdem: Dass die Software über die Jahre generell schlechter geworden sei, lässt sich nicht behaupten. Im Gegenteil – wenn man sich Photoshop 1.0 anschaut, ist der Fortschritt unbestreitbar.
Darum das Fazit: Adobe passt derzeit nicht in diese Liste. Aber was nicht ist, kann noch werden.
Beitragsbild: Evernote im Jahr 2026 – nein, natürlich nicht, sondern das bekannte Flugzeugwrack auf Island (Osrever, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #Enshittification -
Fürs Youtube-Premium-Abo müsste man sich 895 Stunden Video reinziehen
Google hat es geschafft, dass ich neulich ernsthaft über ein Premium-Abo für Youtube nachdachte. Der Grund war ein neues «Feature» bei der Werbung. Wenn man die Wiedergabe pausiert, erscheint das Standbild des aktuellen Clips nicht mehr bildschirmfüllend. Es schrumpft etwas, um einem Werbebanner Platz zu machen: Pausenanzeigen nennt Google dieses Format und rechtfertigt es wie folgt:
Mit diesem Anzeigenformat kannst du Zuschauer erreichen, ihre Aufmerksamkeit wecken und die Interaktion fördern, ohne die Wiedergabe zu unterbrechen.
Mein Eindruck ist allerdings nicht, dass Google mir einen Gefallen tut. Im Gegenteil: Typischerweise pausiere ich die Wiedergabe, weil ich meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken will oder muss. Ich habe kein Interesse daran, dass eine ungebetene Werbung mir meinen Fokus streitig macht. Und es gibt weitere gute Gründe, sich zu ärgern, wie ein User auf Reddit darlegt.
Vielen Dank für nichts! Eine «Pausenanzeige» bei Youtube. Und nein, Hornbach, ich machs gerade deswegen nicht.Jedes Mal, wenn ich ein Video pausiere, um mir etwas genauer anzusehen oder einen Text in Ruhe zu lesen, werde ich aus dem Vollbildmodus geworfen, um mir eine beschissene Anzeige anzusehen. Warum kann da kein Pop-up in der oberen rechten Ecke oder etwas in der Art auftauchen? Youtube mit seiner Monopolstellung tut alles, auch auf Kosten der Nutzerinnen und Nutzer.
Teurer als die Konkurrenz
Spoiler: Ich habe das Abo nicht abgeschlossen. Erstens, weil es sich für mich angefühlt hätte, als würde ich einer Nötigung nachgeben. Zweitens, weil das Abo wahnsinnig teuer ist: 17.90 Franken pro Monat. Das sind zwar drei Franken weniger als Netflix, aber mehr als Disney+ (im Jahresabo 12.45 Franken pro Monat) und AppleTV+ (10.90 Franken).
Zugegeben, man kann das Angebot nicht direkt vergleichen. Allerdings spricht dieser Umstand gegen Youtube: die «richtigen» Streamingdienste bewirtschaften ihre Kataloge selbst und bieten nicht bloss das an, was eine unfassbar grosse Schar an «Content Creators» produziert.
Ein Detail am Rand: Der Schweizer Preis ist im Vergleich mit den Nachbarländern extraheftig: In Deutschland kostet das Abo 12,99 Euro (ca. 12.15 Franken). In Italien berappt man gleich viel. Bloss kann man sich dort auch für das neue Lite-Abo entscheiden, dessen Preis mit 5.99 Euro moderater ausfällt. Das gibt es allerdings nur in 19 Ländern, nicht in 120, wie das normale Abo. Über die Gründe können wir nur spekulieren, aber es ist naheliegend, dass es die Regionen sind, in denen sich im Vergleich relativ wenige Leute das normale Abo leisten wollen oder können.
Welcher Preis wäre fair?
Die interessante Frage lautet an dieser Stelle: Bin ich geizig, wenn ich dieses Abo für viel zu teuer halte? Oder lässt sich objektivieren, wie eine faire Gebühr aussehen müsste?
Die Grundlage für eine Beurteilung ist der Werbeumsatz. Ich verdiente mit meinem Kanal ein bisschen Geld, bis ich 2018 aus dem Monetarisierungsprogramm geflogen bin.
Tausende Stunden Wiedergabezeit ergeben ein paar wenige Franken Umsatz.Die Daten sind nicht mehr taufrisch, aber damals habe ich mit einer Wiedergabezeit von 1,358 Millionen Minuten einen Umsatz von 198.80 Franken erzielt: Das sind 0.88 Rappen pro Stunde. Wenn ich das grosszügig auf einen Rappen aufrunde und davon ausgehe, dass Youtube und ich bei den Einnahmen halbe halbe machen, dann ergibt sich eine eindrückliche Zahl: Man müsste 895 Stunden Youtube schauen, um einen Werbeumsatz von 17.90 Franken zu erzielen.
Das sind 37 Tage: Selbst wenn jemand keine Minute seines Premium-Monats ungenutzt lässt, verdient Youtube dennoch mehr an ihm als an einem Werbung konsumierenden Kunden. Und klar, zum Abo zählen einige Extra-Funktionen wie Youtube Music, die Offline- und die Hintergrundwiedergabe. Aber die werden nicht von allen Nutzerinnen und Nutzern benötigt. Es gibt keine Möglichkeit, auf diese Dreingaben zu verzichten und nur für die Werbefreiheit zu zahlen.
Google hat Monopoly gewonnen
Fazit: Ich schaue zwei, drei Stunden pro Woche Youtube, wenn es hochkommt. Wenn wir grosszügig mit zwanzig Stunden pro Monat rechnen, dann wäre das Premium-Abo mit einem Franken schon zu teuer. Wenn wir zusätzlich berücksichtigen, dass das Familien-Abo von Youtube Premium in der Schweiz 33.90 Franken kostet – was 1695 Stunden Konsum entspräche –, dann kommen wir unweigerlich zum Schluss, dass der oben zitierte Reddit-User recht hatte:
Youtube hat im Bereich der UGC-Videos – das Kürzel steht für User-generated content – eine Monopolstellung. Weder Videoproduzentinnen noch Zuschauer und nicht einmal die Werbetreibenden haben eine Ausweichmöglichkeit. Und das bekommen wir sehr deutlich zu spüren. Gleichgültig, ob wir seufzend das Abo lösen oder uns den nicht überspringbaren Werbeclips oder den «Pausenanzeigen» aussetzen.
Beitragsbild: Salary? Hat jemand Salary gesagt? (William Warby, Unsplash-Lizenz)
#Benutzerunfreundlichkeit #DerOnlineShitDerWoche #Enshittification #Werbung #Youtube
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Fürs Youtube-Premium-Abo müsste man sich 895 Stunden Video reinziehen
Google hat es geschafft, dass ich neulich ernsthaft über ein Premium-Abo für Youtube nachdachte. Der Grund war ein neues «Feature» bei der Werbung. Wenn man die Wiedergabe pausiert, erscheint das Standbild des aktuellen Clips nicht mehr bildschirmfüllend. Es schrumpft etwas, um einem Werbebanner Platz zu machen: Pausenanzeigen nennt Google dieses Format und rechtfertigt es wie folgt:
Mit diesem Anzeigenformat kannst du Zuschauer erreichen, ihre Aufmerksamkeit wecken und die Interaktion fördern, ohne die Wiedergabe zu unterbrechen.
Mein Eindruck ist allerdings nicht, dass Google mir einen Gefallen tut. Im Gegenteil: Typischerweise pausiere ich die Wiedergabe, weil ich meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung lenken will oder muss. Ich habe kein Interesse daran, dass eine ungebetene Werbung mir meinen Fokus streitig macht. Und es gibt weitere gute Gründe, sich zu ärgern, wie ein User auf Reddit darlegt.
Vielen Dank für nichts! Eine «Pausenanzeige» bei Youtube. Und nein, Hornbach, ich machs gerade deswegen nicht.Jedes Mal, wenn ich ein Video pausiere, um mir etwas genauer anzusehen oder einen Text in Ruhe zu lesen, werde ich aus dem Vollbildmodus geworfen, um mir eine beschissene Anzeige anzusehen. Warum kann da kein Pop-up in der oberen rechten Ecke oder etwas in der Art auftauchen? Youtube mit seiner Monopolstellung tut alles, auch auf Kosten der Nutzerinnen und Nutzer.
Teurer als die Konkurrenz
Spoiler: Ich habe das Abo nicht abgeschlossen. Erstens, weil es sich für mich angefühlt hätte, als würde ich einer Nötigung nachgeben. Zweitens, weil das Abo wahnsinnig teuer ist: 17.90 Franken pro Monat. Das sind zwar drei Franken weniger als Netflix, aber mehr als Disney+ (im Jahresabo 12.45 Franken pro Monat) und AppleTV+ (10.90 Franken).
Zugegeben, man kann das Angebot nicht direkt vergleichen. Allerdings spricht dieser Umstand gegen Youtube: die «richtigen» Streamingdienste bewirtschaften ihre Kataloge selbst und bieten nicht bloss das an, was eine unfassbar grosse Schar an «Content Creators» produziert.
Ein Detail am Rand: Der Schweizer Preis ist im Vergleich mit den Nachbarländern extraheftig: In Deutschland kostet das Abo 12,99 Euro (ca. 12.15 Franken). In Italien berappt man gleich viel. Bloss kann man sich dort auch für das neue Lite-Abo entscheiden, dessen Preis mit 5.99 Euro moderater ausfällt. Das gibt es allerdings nur in 19 Ländern, nicht in 120, wie das normale Abo. Über die Gründe können wir nur spekulieren, aber es ist naheliegend, dass es die Regionen sind, in denen sich im Vergleich relativ wenige Leute das normale Abo leisten wollen oder können.
Welcher Preis wäre fair?
Die interessante Frage lautet an dieser Stelle: Bin ich geizig, wenn ich dieses Abo für viel zu teuer halte? Oder lässt sich objektivieren, wie eine faire Gebühr aussehen müsste?
Die Grundlage für eine Beurteilung ist der Werbeumsatz. Ich verdiente mit meinem Kanal ein bisschen Geld, bis ich 2018 aus dem Monetarisierungsprogramm geflogen bin.
Tausende Stunden Wiedergabezeit ergeben ein paar wenige Franken Umsatz.Die Daten sind nicht mehr taufrisch, aber damals habe ich mit einer Wiedergabezeit von 1,358 Millionen Minuten einen Umsatz von 198.80 Franken erzielt: Das sind 0.88 Rappen pro Stunde. Wenn ich das grosszügig auf einen Rappen aufrunde und davon ausgehe, dass Youtube und ich bei den Einnahmen halbe halbe machen, dann ergibt sich eine eindrückliche Zahl: Man müsste 895 Stunden Youtube schauen, um einen Werbeumsatz von 17.90 Franken zu erzielen.
Das sind 37 Tage: Selbst wenn jemand keine Minute seines Premium-Monats ungenutzt lässt, verdient Youtube dennoch mehr an ihm als an einem Werbung konsumierenden Kunden. Und klar, zum Abo zählen einige Extra-Funktionen wie Youtube Music, die Offline- und die Hintergrundwiedergabe. Aber die werden nicht von allen Nutzerinnen und Nutzern benötigt. Es gibt keine Möglichkeit, auf diese Dreingaben zu verzichten und nur für die Werbefreiheit zu zahlen.
Google hat Monopoly gewonnen
Fazit: Ich schaue zwei, drei Stunden pro Woche Youtube, wenn es hochkommt. Wenn wir grosszügig mit zwanzig Stunden pro Monat rechnen, dann wäre das Premium-Abo mit einem Franken schon zu teuer. Wenn wir zusätzlich berücksichtigen, dass das Familien-Abo von Youtube Premium in der Schweiz 33.90 Franken kostet – was 1695 Stunden Konsum entspräche –, dann kommen wir unweigerlich zum Schluss, dass der oben zitierte Reddit-User recht hatte:
Youtube hat im Bereich der UGC-Videos – das Kürzel steht für User-generated content – eine Monopolstellung. Weder Videoproduzentinnen noch Zuschauer und nicht einmal die Werbetreibenden haben eine Ausweichmöglichkeit. Und das bekommen wir sehr deutlich zu spüren. Gleichgültig, ob wir seufzend das Abo lösen oder uns den nicht überspringbaren Werbeclips oder den «Pausenanzeigen» aussetzen.
Beitragsbild: Salary? Hat jemand Salary gesagt? (William Warby, Unsplash-Lizenz)
#Benutzerunfreundlichkeit #DerOnlineShitDerWoche #Enshittification #Werbung #Youtube
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Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen
Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?
Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.
Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:
10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)
Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.
9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)
Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.
Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.8) «Hört mich an» (Hear me out)
Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.
7) «Bin ich der einzige, der …» (Am I the only one)
Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.
6) «Hot take»
Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.
5) «Als jemand, der …» (As someone who)
«Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»
4) «Lass das sacken» (Let that sink in)
«Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.
Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.
So huere luschtig, Elon!3) «This!»
Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.
2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)
Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.
Popular Opinion: Nein.1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)
Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.
In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).
Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war
Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks. - ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele. - Apertus ist überzeugender Dritter.
Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen. - Grok gibt gute Müsterchen.
Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun». - Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit. - Perplexity offenbart Mittelmass.
Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy. - Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt. - Gemini ist (wie meistens) lahm.
Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!» - Meta AI versagt völlig.
Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.
Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:
- «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
- «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
- «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
- «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
- «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.
Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
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Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen
Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?
Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.
Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:
10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)
Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.
9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)
Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.
Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.8) «Hört mich an» (Hear me out)
Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.
7) «Bin ich der einzige, der …» (Am I the only one)
Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.
6) «Hot take»
Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.
5) «Als jemand, der …» (As someone who)
«Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»
4) «Lass das sacken» (Let that sink in)
«Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.
Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.
So huere luschtig, Elon!3) «This!»
Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.
2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)
Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.
Popular Opinion: Nein.1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)
Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.
In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).
Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war
Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks. - ChatGPT schafft es auf dem zweiten Platz.
Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele, aber ohne die schöne Strukturierung von Claude. - Apertus wird überzeugender Dritter.
Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen – siehe unten. - Grok gibt interessante Müsterchen.
Die meisten sind leider nicht allgemeingültig. Zum Beispiel die überstrapzierte Phrase «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
- Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
Das französische Sprachmodell hält immerhin ein brauchbares Beispiel bereit. - Perplexity offenbart Mittelmass.
Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy. - Gist.ai hat die Aufgabe nicht verstanden.
Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und nicht aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt. - Gemini ist (wie meistens) lahm.
Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!» - Meta AI versagt völlig.
Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.
Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Es hält eine Floskel bereit, die ich mir auch notierte. Und es ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:
- «So machen wir das hier nicht»
(That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!» - «Ich werde es nicht schönreden»
(I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!» - «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst»
(What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech. - «Der Elefant im Raum»
(Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will. - «Gamechanger»:
Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.
Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter -
Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen
Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?
Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.
Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:
10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)
Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.
9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)
Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.
Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.8) «Hört mich an» (Hear me out)
Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.
7) «Bin ich der einzige, der …» (Am I the only one)
Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.
6) «Hot take»
Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.
5) «Als jemand, der …» (As someone who)
«Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»
4) «Lass das sacken» (Let that sink in)
«Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.
Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.
So huere luschtig, Elon!3) «This!»
Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.
2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)
Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.
Popular Opinion: Nein.1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)
Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.
In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).
Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war
Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks. - ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele. - Apertus ist überzeugender Dritter.
Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen. - Grok gibt gute Müsterchen.
Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun». - Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit. - Perplexity offenbart Mittelmass.
Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy. - Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt. - Gemini ist (wie meistens) lahm.
Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!» - Meta AI versagt völlig.
Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.
Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:
- «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
- «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
- «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
- «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
- «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.
Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
-
Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen
Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?
Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.
Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:
10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)
Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.
9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)
Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.
Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.8) «Hört mich an» (Hear me out)
Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.
7) «Bin ich der einzige, der …» (Am I the only one)
Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.
6) «Hot take»
Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.
5) «Als jemand, der …» (As someone who)
«Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»
4) «Lass das sacken» (Let that sink in)
«Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.
Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.
So huere luschtig, Elon!3) «This!»
Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.
2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)
Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.
Popular Opinion: Nein.1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)
Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.
In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).
Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war
Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks. - ChatGPT schafft es auf dem zweiten Platz.
Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele, aber ohne die schöne Strukturierung von Claude. - Apertus wird überzeugender Dritter.
Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen – siehe unten. - Grok gibt interessante Müsterchen.
Die meisten sind leider nicht allgemeingültig. Zum Beispiel die überstrapzierte Phrase «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
- Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
Das französische Sprachmodell hält immerhin ein brauchbares Beispiel bereit. - Perplexity offenbart Mittelmass.
Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy. - Gist.ai hat die Aufgabe nicht verstanden.
Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und nicht aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt. - Gemini ist (wie meistens) lahm.
Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!» - Meta AI versagt völlig.
Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.
Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Es hält eine Floskel bereit, die ich mir auch notierte. Und es ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:
- «So machen wir das hier nicht»
(That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!» - «Ich werde es nicht schönreden»
(I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!» - «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst»
(What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech. - «Der Elefant im Raum»
(Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will. - «Gamechanger»:
Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.
Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter -
Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen
Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?
Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.
Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:
10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)
Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.
9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)
Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.
Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.8) «Hört mich an» (Hear me out)
Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.
7) «Bin ich der einzige, der …» (Am I the only one)
Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.
6) «Hot take»
Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.
5) «Als jemand, der …» (As someone who)
«Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»
4) «Lass das sacken» (Let that sink in)
«Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.
Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.
So huere luschtig, Elon!3) «This!»
Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.
2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)
Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.
Popular Opinion: Nein.1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)
Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.
In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).
Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war
Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks. - ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele. - Apertus ist überzeugender Dritter.
Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen. - Grok gibt gute Müsterchen.
Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun». - Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit. - Perplexity offenbart Mittelmass.
Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy. - Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt. - Gemini ist (wie meistens) lahm.
Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!» - Meta AI versagt völlig.
Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.
Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:
- «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
- «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
- «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
- «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
- «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.
Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter
- Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
-
Grokipedia ist die falsche Lösung für ein inexistentes Problem
Braucht es Grokipedia? Das ist eine Alternative zu Wikipedia, die Elon Musk am Montag an den Start brachte. Es ist kein Geheimnis, warum sich dieser viel beschäftigte Mann mit einem vergleichsweise nebensächlichen Projekt aufhält: Er mag das Online-Lexikon nicht. Vor zwei Jahren nannte er es «Dickipedia» und «Wokipedia». Und er forderte den Gründer Jimmy Wales auf, den vermuteten Linksdrall zu korrigieren.
Zur Beurteilung müssen wir zwei Dinge klären:
- Ist Wikipedia tatsächlich links?
- Und falls ja, liesse sich das durch ein rechtes Gegenstück ausgleichen?
Wikimedia bekennt sich ausdrücklich zur Neutralität. Erst kürzlich hat die Stiftung hinter dem Lexikon sie als einen von drei Grundpfeilern für vertrauenswürdige Informationen aufgezählt. Die beiden anderen sind die Überprüfbarkeit und die Forderung, dass Wikipedia selbst keine Forschung betreibt, sondern sich auf Primärquellen stützt.
Es gibt Kritik an der Neutralität
Ob dieser Pfeiler wirklich trägt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Amercian Economic Association überprüfte 2012 28’000 Lexikoneinträge und stellte eine Bevorzugung demokratischer Positionen fest, die über die Zeit jedoch abnahm. Das Manhattan Institute, ein konservativer Thinktank, konstatierte, Personen rechtsideologischer Ausrichtung kämen auf Wikipedia tendenziell schlecht weg. Und Pluspedia.org kritisiert die Linkslastigkeit in Wikipedia in einem langen Artikel. Allerdings ist diese Plattform ein expliziter Gegenentwurf zum «von seinen Idealen abgefallenen» Vorbild.
Was die Textwüsten-haftigkeit angeht, schlägt Grokipedia (links) Wikipedia (rechts) um Längen. Und es fällt bei Grokipedia auf dass jeder Abschnitt gleich lang ist und drei Absätze hat.Es fällt auf, dass die Kritik von Institutionen kommt, die selbst nicht unbedingt neutral sind. Angesichts der Grösse von Wikipedia – es gibt inzwischen über 64 Millionen Einträge und ungefähr 100’000 Autoren und Autorinnen – scheint mir die Grundlage für den Vorwurf extrem dünn. Die Selbstkorrekturmechanismen greifen. Denn erinnern wir uns: Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs können heftig ausfallen, wie das Beispiel der Relevanzkriterien belegt.
Ein Widerspruch in sich
Also: Ein rechtes Gegenstück wäre hilfreich, wenn Wikipedia sich offiziell zu einer linken Ideologie bekennen würde oder es einen unwiderlegbaren Beweis dafür gäbe, dass die Wikimedia-Stiftung das Neutralitätsgebot systematisch und schwerwiegend verletzt. Da das nicht der Fall ist, erscheint Grokipedia als Trotzreaktion darauf, dass Jimmy Wales 2023 nicht auf Elon Musk hörte.
Vor allem leidet Grokipedia unter einem offensichtlichen Konstruktionsfehler: Denn während Wikipedia sich um Neutralität bemüht, macht Grokipedia aus seiner Rechtslastigkeit keinen Hehl – als ob sich Überparteilichkeit mittels expliziter Parteilichkeit erzeugen liesse.
Die Antwort auf die Eingangsfrage ist ein klares Nein: Es braucht Grokipedia nicht. Schon gar nicht aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit. Die Beiträge sind extrem unattraktiv. Der Beitrag über die SVP ist fast 80’000 Zeichen lang, ohne ein Bild oder sonst ein auflockerndes Element, das die Lektüre erträglich machen würde. Im Vergleich dazu ist der Wikipedia-Post «bloss» 55’000 Zeichen lang, mit Logos, einigen Bildern, Diagrammen und deutlich angenehmerer Strukturierung.
Verdikt hier: Elon Musk unternimmt nicht einmal den Versuch zu beweisen, dass die Konkurrentin in Sachen Leserfreundlichkeit und Attraktivität nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Im Gegenteil: Seine Bleiwüste lässt Wikipedia strahlen.
Eine Alternative des freien Marktes?
Wenn es Grokipedia nicht braucht, kann man immerhin die Ansicht vertreten, dass die Existenz dieser Plattform nicht schadet. Das ist die Position von Ronnie Grob, der sich gern für liberale bis libertäre Anliegen in die Bresche wirft:
Auch Elon Musk möchte nicht in einer Welt leben, wo es nur noch Grokipedia gibt. Toll ist doch vielmehr, wenn der freie Markt Alternativen erzeugt. Warum gleich so reserviert darauf reagieren?
Damit sind wir beim entscheidenden Unterschied zwischen Wiki- und Grokipedia. Von wegen freier Markt. Das erste haben Hunderttausende Menschen in Freiwilligenarbeit erzeugt. Das zweite ist das Resultat einer hyperaktiven KI. Musk trägt seinen Teil dazu bei, den KI-Anteil im Netz zu erhöhen. Das schadet dem Netz, aber nicht Wikipedia. Ganz im Gegenteil. Es erhöht den Wert von authentischen, menschengemachten Inhalten, die Idealen wie Neutralität nicht immer gerecht werden – deren gesellschaftlicher Wert aber unverkennbar und unbestritten ist.
Beitragsbild: Wenn Elon uns die Welt erklärt, dann stehen die Fakten Kopf (Bluesnap, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Wikipedia #Wochenkommentar -
Grokipedia ist die falsche Lösung für ein inexistentes Problem
Braucht es Grokipedia? Das ist eine Alternative zu Wikipedia, die Elon Musk am Montag an den Start brachte. Es ist kein Geheimnis, warum sich dieser viel beschäftigte Mann mit einem vergleichsweise nebensächlichen Projekt aufhält: Er mag das Online-Lexikon nicht. Vor zwei Jahren nannte er es «Dickipedia» und «Wokipedia». Und er forderte den Gründer Jimmy Wales auf, den vermuteten Linksdrall zu korrigieren.
Zur Beurteilung müssen wir zwei Dinge klären:
- Ist Wikipedia tatsächlich links?
- Und falls ja, liesse sich das durch ein rechtes Gegenstück ausgleichen?
Wikimedia bekennt sich ausdrücklich zur Neutralität. Erst kürzlich hat die Stiftung hinter dem Lexikon sie als einen von drei Grundpfeilern für vertrauenswürdige Informationen aufgezählt. Die beiden anderen sind die Überprüfbarkeit und die Forderung, dass Wikipedia selbst keine Forschung betreibt, sondern sich auf Primärquellen stützt.
Es gibt Kritik an der Neutralität
Ob dieser Pfeiler wirklich trägt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Amercian Economic Association überprüfte 2012 28’000 Lexikoneinträge und stellte eine Bevorzugung demokratischer Positionen fest, die über die Zeit jedoch abnahm. Das Manhattan Institute, ein konservativer Thinktank, konstatierte, Personen rechtsideologischer Ausrichtung kämen auf Wikipedia tendenziell schlecht weg. Und Pluspedia.org kritisiert die Linkslastigkeit in Wikipedia in einem langen Artikel. Allerdings ist diese Plattform ein expliziter Gegenentwurf zum «von seinen Idealen abgefallenen» Vorbild.
Was die Textwüsten-haftigkeit angeht, schlägt Grokipedia (links) Wikipedia (rechts) um Längen. Und es fällt bei Grokipedia auf dass jeder Abschnitt gleich lang ist und drei Absätze hat.Es fällt auf, dass die Kritik von Institutionen kommt, die selbst nicht unbedingt neutral sind. Angesichts der Grösse von Wikipedia – es gibt inzwischen über 64 Millionen Einträge und ungefähr 100’000 Autoren und Autorinnen – scheint mir die Grundlage für den Vorwurf extrem dünn. Die Selbstkorrekturmechanismen greifen. Denn erinnern wir uns: Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs können heftig ausfallen, wie das Beispiel der Relevanzkriterien belegt.
Ein Widerspruch in sich
Also: Ein rechtes Gegenstück wäre hilfreich, wenn Wikipedia sich offiziell zu einer linken Ideologie bekennen würde oder es einen unwiderlegbaren Beweis dafür gäbe, dass die Wikimedia-Stiftung das Neutralitätsgebot systematisch und schwerwiegend verletzt. Da das nicht der Fall ist, erscheint Grokipedia als Trotzreaktion darauf, dass Jimmy Wales 2023 nicht auf Elon Musk hörte.
Vor allem leidet Grokipedia unter einem offensichtlichen Konstruktionsfehler: Denn während Wikipedia sich um Neutralität bemüht, macht Grokipedia aus seiner Rechtslastigkeit keinen Hehl – als ob sich Überparteilichkeit mittels expliziter Parteilichkeit erzeugen liesse.
Die Antwort auf die Eingangsfrage ist ein klares Nein: Es braucht Grokipedia nicht. Schon gar nicht aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit. Die Beiträge sind extrem unattraktiv. Der Beitrag über die SVP ist fast 80’000 Zeichen lang, ohne ein Bild oder sonst ein auflockerndes Element, das die Lektüre erträglich machen würde. Im Vergleich dazu ist der Wikipedia-Post «bloss» 55’000 Zeichen lang, mit Logos, einigen Bildern, Diagrammen und deutlich angenehmerer Strukturierung.
Verdikt hier: Elon Musk unternimmt nicht einmal den Versuch zu beweisen, dass die Konkurrentin in Sachen Leserfreundlichkeit und Attraktivität nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Im Gegenteil: Seine Bleiwüste lässt Wikipedia strahlen.
Eine Alternative des freien Marktes?
Wenn es Grokipedia nicht braucht, kann man immerhin die Ansicht vertreten, dass die Existenz dieser Plattform nicht schadet. Das ist die Position von Ronnie Grob, der sich gern für liberale bis libertäre Anliegen in die Bresche wirft:
Auch Elon Musk möchte nicht in einer Welt leben, wo es nur noch Grokipedia gibt. Toll ist doch vielmehr, wenn der freie Markt Alternativen erzeugt. Warum gleich so reserviert darauf reagieren?
Damit sind wir beim entscheidenden Unterschied zwischen Wiki- und Grokipedia. Von wegen freier Markt. Das erste haben Hunderttausende Menschen in Freiwilligenarbeit erzeugt. Das zweite ist das Resultat einer hyperaktiven KI. Musk trägt seinen Teil dazu bei, den KI-Anteil im Netz zu erhöhen. Das schadet dem Netz, aber nicht Wikipedia. Ganz im Gegenteil. Es erhöht den Wert von authentischen, menschengemachten Inhalten, die Idealen wie Neutralität nicht immer gerecht werden – deren gesellschaftlicher Wert aber unverkennbar und unbestritten ist.
Beitragsbild: Wenn Elon uns die Welt erklärt, dann stehen die Fakten Kopf (Bluesnap, Pixabay-Lizenz).
#DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Wikipedia #Wochenkommentar -
Von Spotify verraten und verkauft
Es würde mich freuen, zur Abwechslung mal etwas Positives über Spotify zu schreiben. Heute ist das jedoch nicht der Fall.
«In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen.»Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass Spotify es (weiterhin und schon wieder) darauf anlegt, meine Geduld ernsthaft auf die Probe zu stellen. Vor ein paar Tagen entdeckte ich in der App einen Hinweis auf sogenannte Promotionen. Neugierig, wie ich bin, tippte ich ihn an und wurde mit folgendem Hinweis konfrontiert:
Infos zu Empfehlungen und der Auswirkung von Promotion
Mit den Empfehlungen von Spotify findest du Musik, Podcasts, Hörbücher und andere Inhalte, die dir gefallen.
Unsere personalisierten Empfehlungen sind auf deinen Geschmack zugeschnitten und berücksichtigen viele Faktoren, etwa was du wann hörst, Aktionen, die du durchführst, z. B. suchen, skippen oder in deiner Bibliothek speichern, Informationen, die du mit Spotify teilst, wie deinen Standort, und wem du folgst, Trends und Hörgewohnheiten von Menschen mit ähnlichem Geschmack, die Eigenschaften der Inhalte selbst wie Genre und Veröffentlichungsdatum und das Fachwissen unserer Teams.
In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen. Spotify bietet beispielsweise ein Werbetool, mit dem Künstler*innen und Plattenlabels bestimmte Songs als Priorität markieren können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese in bestimmten algorithmischen Playlists empfohlen werden: im Radio, über Autoplay und in bestimmten Mixtapes. So werden Künstler*innen von neuen Hörer*innen entdeckt und können ihre Fanbase vergrössern …
Seit mindestens zwei Jahren verfestigt sich mein Eindruck, dass sich die Empfehlungen von Spotify laufend verschlechtern. Das lässt sich direkt an meiner Favoriten-Liste ablesen: Die allermeisten dort gespeicherten Songs habe ich vor Urzeiten entdeckt – über den Mix der Woche oder algorithmisch erstellte Wiedergabelisten. Seit längerer Zeit kommen kaum mehr neue Songs dazu. Dafür häufen sich Fälle, in denen ich Songs in der Wiedergabe überspringe, weil Spotify viel öfter abnudelt, als ich sie hören will.
Spotify bemüht sich zwar – aber schönreden lässt sich das nicht
Und jetzt also diese «kommerziellen Erwägungen», die «unsere Empfehlungen beeinflussen». Was heisst das konkret? Kann sich ein Künstler oder eine Künstlerin einen Auftritt in meiner Wiedergabeliste kaufen? Präsentiert mir Spotify Songs, bei denen es keinerlei Anzeichen gibt, dass sie mir gefallen werden? Oder wird für die beworbenen Titel die Schwelle gesenkt, bei der sie der Algorithmus für zumutbar hält? In dem Fall würde ich Musik zu hören bekommen, die ich vielleicht ein bisschen mag, die es aber dennoch nicht in die Auswahl geschafft hätte, die mir der Streamingdienst normalerweise unterbreitet.
Unter der Voraussetzung, dass es sich bei den «Promotionen» um jene Initiative handelt, die auch die Bezeichnung «Discovery Mode» trägt, erfahren wir von Spotify ein bisschen mehr zu der Funktionsweise:
Mit dem Discovery Mode identifizieren Künstler und Labels Songs, die Priorität haben, und unser System fügt dieses Signal den Algorithmen hinzu, die personalisierte Playlists erstellen. Dieses Signal erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die ausgewählten Songs empfohlen werden, garantiert dies jedoch nicht.
Und es funktioniert nur, wenn auch die Fans den Song lieben. Wir nehmen zur Kenntnis, wenn ein Hörer sich nicht für einen Song interessiert – auch nicht für solche im Discovery Mode – und berücksichtigen dies bei der Entscheidung, was wir in Zukunft empfehlen. Es geht um Harmonie.
Das ist eine blanke Lüge. Da auch der klügste Algorithmus im Voraus nicht weiss, ob mir ein Song gefällt oder nicht, muss er mir auf Verdacht hin unterbreitet werden. Das bedeutet zwingend, dass er einen besseren Song verdrängt. Wäre das nicht so, müssten wir davon ausgehen, dass Spotify jene Künstlerinnen und Künstler über den Tisch zieht, die sich Aufmerksamkeit erkaufen wollen.
Mehr als fünfzig Prozent der mittel-erfolgreichen Künstler machen mit
Zu meinem Erstaunen löste dieses «Feature» – wenn man es so nennen will – wenig Resonanz aus. Immerhin griff «The Guardian» das Thema im Februar in einem langen Artikel auf. Demnach funktioniert das Programm so, dass Künstlerinnen und Künstler auf dreissig Prozent ihrer Tantiemen verzichten müssen, wenn ihre Songs vom Algorithmus bevorzugt werden. Spotify feiert das Programm laut internen Informationen als Erfolg, so berichtet es die Zeitung:
Laut einer Auswertung der Slack-Nachrichten des Unternehmens feierten die Mitarbeiter von Spotify im Jahr 2023 einen «aufregenden Meilenstein für den Discovery Mode». Mehr als fünfzig Prozent der von Spotify als Tier zwei bis drei bezeichneten Künstler – also diejenigen mit jährlichen Tantiemen zwischen 50’000 und 500’000 US-Dollar – hatten den Modus ausprobiert. «Letztes Jahr haben wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, dreissig Prozent zu erreichen», schrieb ein Mitarbeiter. «Mehr als fünfzig Prozent zu erreichen, schien jenseits unserer kühnsten Träume, und doch haben wir es geschafft. Herzlichen Glückwunsch an alle!»
Wir können daraus ableiten, dass die erste Garde (Tier eins) es nicht nötig hat, Tantiemen abzutreten. Sie kommt ohne algorithmische Unterstützung oft genug zum Zug. Sie braucht nicht auf Tantiemen zu verzichten, sondern würde eventuell eine «Übersättigung» des Publikums riskieren. Die Hobbymusiker (Tier vier bis x) ihrerseits können von Promotionen nur bedingt profitieren, weil es – so vermute ich – einer gewissen Bekanntheit bedarf, damit die zusätzliche Aufmerksamkeit nachhaltig wirkt.
Warum machen die Künstlerinnen und Künstler da mit?
Zwei Erkenntnisse zum Schluss:
Das ist ein exemplarisches Beispiel der gern erwähnten Enshittification-These von Cory Doctorow: Eine mächtige Plattform, die zwischen Anbieterinnen und Konsumenten vermittelt, kommt bei der fortschreitenden Kommerzialisierung irgendwann an den Punkt, an dem sie beide Parteien ausnutzt – im Fall von Spotify also Hörerinnen und Hörer und die Kunstschaffenden.
Denn machen wir uns nichts vor: Auch die Musikschaffenden sind Opfer dieser Strategie. Wenn in einer Kategorie sich die eine Hälfte beteiligt, geht das auf Kosten der anderen Hälfte, die es vielleicht aus hehren Gründen aus eigener Kraft schaffen möchte. Der Druck, sich an den Promotionen zu beteiligen, wächst. Bei höherer Beteiligung schrumpft der Sichtbarkeitseffekt. Unter dem Strich führt das zu einer Verringerung der Marge, wobei Spotify bekanntlich heute schon weniger Geld zahlt als andere Streamingdienste.
Zweitens ist das aus Sicht von uns Nutzerinnen und Nutzern ein Vertrauensbruch, der sich durch nichts schönreden lässt. Für die bessere Marge ist der Streamingdienst bereit, sein Produkt in voller Absicht zu verschlechtern. Es ist bedauerlich, dass so viele Künstlerinnen und Künstler dazu Hand bieten. Aber wie erklärt, stecken sie mitten in dem brutalen Kampf um Aufmerksamkeit. Ich habe Verständnis dafür, dass sie sich in einer solchen Notlage leichter korrumpieren lassen.
Beitragsbild: Sie ist vom «Discovery Mode» auch nicht begeistert (Katie Gerrard, Unsplash-Lizenz).
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Von Spotify verraten und verkauft
Es würde mich freuen, zur Abwechslung mal etwas Positives über Spotify zu schreiben. Heute ist das jedoch nicht der Fall.
«In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen.»Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass Spotify es (weiterhin und schon wieder) darauf anlegt, meine Geduld ernsthaft auf die Probe zu stellen. Vor ein paar Tagen entdeckte ich in der App einen Hinweis auf sogenannte Promotionen. Neugierig, wie ich bin, tippte ich ihn an und wurde mit folgendem Hinweis konfrontiert:
Infos zu Empfehlungen und der Auswirkung von Promotion
Mit den Empfehlungen von Spotify findest du Musik, Podcasts, Hörbücher und andere Inhalte, die dir gefallen.
Unsere personalisierten Empfehlungen sind auf deinen Geschmack zugeschnitten und berücksichtigen viele Faktoren, etwa was du wann hörst, Aktionen, die du durchführst, z. B. suchen, skippen oder in deiner Bibliothek speichern, Informationen, die du mit Spotify teilst, wie deinen Standort, und wem du folgst, Trends und Hörgewohnheiten von Menschen mit ähnlichem Geschmack, die Eigenschaften der Inhalte selbst wie Genre und Veröffentlichungsdatum und das Fachwissen unserer Teams.
In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen. Spotify bietet beispielsweise ein Werbetool, mit dem Künstler*innen und Plattenlabels bestimmte Songs als Priorität markieren können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese in bestimmten algorithmischen Playlists empfohlen werden: im Radio, über Autoplay und in bestimmten Mixtapes. So werden Künstler*innen von neuen Hörer*innen entdeckt und können ihre Fanbase vergrössern …
Seit mindestens zwei Jahren verfestigt sich mein Eindruck, dass sich die Empfehlungen von Spotify laufend verschlechtern. Das lässt sich direkt an meiner Favoriten-Liste ablesen: Die allermeisten dort gespeicherten Songs habe ich vor Urzeiten entdeckt – über den Mix der Woche oder algorithmisch erstellte Wiedergabelisten. Seit längerer Zeit kommen kaum mehr neue Songs dazu. Dafür häufen sich Fälle, in denen ich Songs in der Wiedergabe überspringe, weil Spotify viel öfter abnudelt, als ich sie hören will.
Spotify bemüht sich zwar – aber schönreden lässt sich das nicht
Und jetzt also diese «kommerziellen Erwägungen», die «unsere Empfehlungen beeinflussen». Was heisst das konkret? Kann sich ein Künstler oder eine Künstlerin einen Auftritt in meiner Wiedergabeliste kaufen? Präsentiert mir Spotify Songs, bei denen es keinerlei Anzeichen gibt, dass sie mir gefallen werden? Oder wird für die beworbenen Titel die Schwelle gesenkt, bei der sie der Algorithmus für zumutbar hält? In dem Fall würde ich Musik zu hören bekommen, die ich vielleicht ein bisschen mag, die es aber dennoch nicht in die Auswahl geschafft hätte, die mir der Streamingdienst normalerweise unterbreitet.
Unter der Voraussetzung, dass es sich bei den «Promotionen» um jene Initiative handelt, die auch die Bezeichnung «Discovery Mode» trägt, erfahren wir von Spotify ein bisschen mehr zu der Funktionsweise:
Mit dem Discovery Mode identifizieren Künstler und Labels Songs, die Priorität haben, und unser System fügt dieses Signal den Algorithmen hinzu, die personalisierte Playlists erstellen. Dieses Signal erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die ausgewählten Songs empfohlen werden, garantiert dies jedoch nicht.
Und es funktioniert nur, wenn auch die Fans den Song lieben. Wir nehmen zur Kenntnis, wenn ein Hörer sich nicht für einen Song interessiert – auch nicht für solche im Discovery Mode – und berücksichtigen dies bei der Entscheidung, was wir in Zukunft empfehlen. Es geht um Harmonie.
Das ist eine blanke Lüge. Da auch der klügste Algorithmus im Voraus nicht weiss, ob mir ein Song gefällt oder nicht, muss er mir auf Verdacht hin unterbreitet werden. Das bedeutet zwingend, dass er einen besseren Song verdrängt. Wäre das nicht so, müssten wir davon ausgehen, dass Spotify jene Künstlerinnen und Künstler über den Tisch zieht, die sich Aufmerksamkeit erkaufen wollen.
Mehr als fünfzig Prozent der mittel-erfolgreichen Künstler machen mit
Zu meinem Erstaunen löste dieses «Feature» – wenn man es so nennen will – wenig Resonanz aus. Immerhin griff «The Guardian» das Thema im Februar in einem langen Artikel auf. Demnach funktioniert das Programm so, dass Künstlerinnen und Künstler auf dreissig Prozent ihrer Tantiemen verzichten müssen, wenn ihre Songs vom Algorithmus bevorzugt werden. Spotify feiert das Programm laut internen Informationen als Erfolg, so berichtet es die Zeitung:
Laut einer Auswertung der Slack-Nachrichten des Unternehmens feierten die Mitarbeiter von Spotify im Jahr 2023 einen «aufregenden Meilenstein für den Discovery Mode». Mehr als fünfzig Prozent der von Spotify als Tier zwei bis drei bezeichneten Künstler – also diejenigen mit jährlichen Tantiemen zwischen 50’000 und 500’000 US-Dollar – hatten den Modus ausprobiert. «Letztes Jahr haben wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, dreissig Prozent zu erreichen», schrieb ein Mitarbeiter. «Mehr als fünfzig Prozent zu erreichen, schien jenseits unserer kühnsten Träume, und doch haben wir es geschafft. Herzlichen Glückwunsch an alle!»
Wir können daraus ableiten, dass die erste Garde (Tier eins) es nicht nötig hat, Tantiemen abzutreten. Sie kommt ohne algorithmische Unterstützung oft genug zum Zug. Sie braucht nicht auf Tantiemen zu verzichten, sondern würde eventuell eine «Übersättigung» des Publikums riskieren. Die Hobbymusiker (Tier vier bis x) ihrerseits können von Promotionen nur bedingt profitieren, weil es – so vermute ich – einer gewissen Bekanntheit bedarf, damit die zusätzliche Aufmerksamkeit nachhaltig wirkt.
Warum machen die Künstlerinnen und Künstler da mit?
Zwei Erkenntnisse zum Schluss:
Das ist ein exemplarisches Beispiel der gern erwähnten Enshittification-These von Cory Doctorow: Eine mächtige Plattform, die zwischen Anbieterinnen und Konsumenten vermittelt, kommt bei der fortschreitenden Kommerzialisierung irgendwann an den Punkt, an dem sie beide Parteien ausnutzt – im Fall von Spotify also Hörerinnen und Hörer und die Kunstschaffenden.
Denn machen wir uns nichts vor: Auch die Musikschaffenden sind Opfer dieser Strategie. Wenn in einer Kategorie sich die eine Hälfte beteiligt, geht das auf Kosten der anderen Hälfte, die es vielleicht aus hehren Gründen aus eigener Kraft schaffen möchte. Der Druck, sich an den Promotionen zu beteiligen, wächst. Bei höherer Beteiligung schrumpft der Sichtbarkeitseffekt. Unter dem Strich führt das zu einer Verringerung der Marge, wobei Spotify bekanntlich heute schon weniger Geld zahlt als andere Streamingdienste.
Zweitens ist das aus Sicht von uns Nutzerinnen und Nutzern ein Vertrauensbruch, der sich durch nichts schönreden lässt. Für die bessere Marge ist der Streamingdienst bereit, sein Produkt in voller Absicht zu verschlechtern. Es ist bedauerlich, dass so viele Künstlerinnen und Künstler dazu Hand bieten. Aber wie erklärt, stecken sie mitten in dem brutalen Kampf um Aufmerksamkeit. Ich habe Verständnis dafür, dass sie sich in einer solchen Notlage leichter korrumpieren lassen.
Beitragsbild: Sie ist vom «Discovery Mode» auch nicht begeistert (Katie Gerrard, Unsplash-Lizenz).
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Von Spotify verraten und verkauft
Es würde mich freuen, zur Abwechslung mal etwas Positives über Spotify zu schreiben. Heute ist das jedoch nicht der Fall.
«In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen.»Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck, dass Spotify es (weiterhin und schon wieder) darauf anlegt, meine Geduld ernsthaft auf die Probe zu stellen. Vor ein paar Tagen entdeckte ich in der App einen Hinweis auf sogenannte Promotionen. Neugierig, wie ich bin, tippte ich ihn an und wurde mit folgendem Hinweis konfrontiert:
Infos zu Empfehlungen und der Auswirkung von Promotion
Mit den Empfehlungen von Spotify findest du Musik, Podcasts, Hörbücher und andere Inhalte, die dir gefallen.
Unsere personalisierten Empfehlungen sind auf deinen Geschmack zugeschnitten und berücksichtigen viele Faktoren, etwa was du wann hörst, Aktionen, die du durchführst, z. B. suchen, skippen oder in deiner Bibliothek speichern, Informationen, die du mit Spotify teilst, wie deinen Standort, und wem du folgst, Trends und Hörgewohnheiten von Menschen mit ähnlichem Geschmack, die Eigenschaften der Inhalte selbst wie Genre und Veröffentlichungsdatum und das Fachwissen unserer Teams.
In einigen Fällen können kommerzielle Erwägungen unsere Empfehlungen beeinflussen. Spotify bietet beispielsweise ein Werbetool, mit dem Künstler*innen und Plattenlabels bestimmte Songs als Priorität markieren können. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese in bestimmten algorithmischen Playlists empfohlen werden: im Radio, über Autoplay und in bestimmten Mixtapes. So werden Künstler*innen von neuen Hörer*innen entdeckt und können ihre Fanbase vergrössern …
Seit mindestens zwei Jahren verfestigt sich mein Eindruck, dass sich die Empfehlungen von Spotify laufend verschlechtern. Das lässt sich direkt an meiner Favoriten-Liste ablesen: Die allermeisten dort gespeicherten Songs habe ich vor Urzeiten entdeckt – über den Mix der Woche oder algorithmisch erstellte Wiedergabelisten. Seit längerer Zeit kommen kaum mehr neue Songs dazu. Dafür häufen sich Fälle, in denen ich Songs in der Wiedergabe überspringe, weil Spotify viel öfter abnudelt, als ich sie hören will.
Spotify bemüht sich zwar – aber schönreden lässt sich das nicht
Und jetzt also diese «kommerziellen Erwägungen», die «unsere Empfehlungen beeinflussen». Was heisst das konkret? Kann sich ein Künstler oder eine Künstlerin einen Auftritt in meiner Wiedergabeliste kaufen? Präsentiert mir Spotify Songs, bei denen es keinerlei Anzeichen gibt, dass sie mir gefallen werden? Oder wird für die beworbenen Titel die Schwelle gesenkt, bei der sie der Algorithmus für zumutbar hält? In dem Fall würde ich Musik zu hören bekommen, die ich vielleicht ein bisschen mag, die es aber dennoch nicht in die Auswahl geschafft hätte, die mir der Streamingdienst normalerweise unterbreitet.
Unter der Voraussetzung, dass es sich bei den «Promotionen» um jene Initiative handelt, die auch die Bezeichnung «Discovery Mode» trägt, erfahren wir von Spotify ein bisschen mehr zu der Funktionsweise:
Mit dem Discovery Mode identifizieren Künstler und Labels Songs, die Priorität haben, und unser System fügt dieses Signal den Algorithmen hinzu, die personalisierte Playlists erstellen. Dieses Signal erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die ausgewählten Songs empfohlen werden, garantiert dies jedoch nicht.
Und es funktioniert nur, wenn auch die Fans den Song lieben. Wir nehmen zur Kenntnis, wenn ein Hörer sich nicht für einen Song interessiert – auch nicht für solche im Discovery Mode – und berücksichtigen dies bei der Entscheidung, was wir in Zukunft empfehlen. Es geht um Harmonie.
Das ist eine blanke Lüge. Da auch der klügste Algorithmus im Voraus nicht weiss, ob mir ein Song gefällt oder nicht, muss er mir auf Verdacht hin unterbreitet werden. Das bedeutet zwingend, dass er einen besseren Song verdrängt. Wäre das nicht so, müssten wir davon ausgehen, dass Spotify jene Künstlerinnen und Künstler über den Tisch zieht, die sich Aufmerksamkeit erkaufen wollen.
Mehr als fünfzig Prozent der mittel-erfolgreichen Künstler machen mit
Zu meinem Erstaunen löste dieses «Feature» – wenn man es so nennen will – wenig Resonanz aus. Immerhin griff «The Guardian» das Thema im Februar in einem langen Artikel auf. Demnach funktioniert das Programm so, dass Künstlerinnen und Künstler auf dreissig Prozent ihrer Tantiemen verzichten müssen, wenn ihre Songs vom Algorithmus bevorzugt werden. Spotify feiert das Programm laut internen Informationen als Erfolg, so berichtet es die Zeitung:
Laut einer Auswertung der Slack-Nachrichten des Unternehmens feierten die Mitarbeiter von Spotify im Jahr 2023 einen «aufregenden Meilenstein für den Discovery Mode». Mehr als fünfzig Prozent der von Spotify als Tier zwei bis drei bezeichneten Künstler – also diejenigen mit jährlichen Tantiemen zwischen 50’000 und 500’000 US-Dollar – hatten den Modus ausprobiert. «Letztes Jahr haben wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, dreissig Prozent zu erreichen», schrieb ein Mitarbeiter. «Mehr als fünfzig Prozent zu erreichen, schien jenseits unserer kühnsten Träume, und doch haben wir es geschafft. Herzlichen Glückwunsch an alle!»
Wir können daraus ableiten, dass die erste Garde (Tier eins) es nicht nötig hat, Tantiemen abzutreten. Sie kommt ohne algorithmische Unterstützung oft genug zum Zug. Sie braucht nicht auf Tantiemen zu verzichten, sondern würde eventuell eine «Übersättigung» des Publikums riskieren. Die Hobbymusiker (Tier vier bis x) ihrerseits können von Promotionen nur bedingt profitieren, weil es – so vermute ich – einer gewissen Bekanntheit bedarf, damit die zusätzliche Aufmerksamkeit nachhaltig wirkt.
Warum machen die Künstlerinnen und Künstler da mit?
Zwei Erkenntnisse zum Schluss:
Das ist ein exemplarisches Beispiel der gern erwähnten Enshittification-These von Cory Doctorow: Eine mächtige Plattform, die zwischen Anbieterinnen und Konsumenten vermittelt, kommt bei der fortschreitenden Kommerzialisierung irgendwann an den Punkt, an dem sie beide Parteien ausnutzt – im Fall von Spotify also Hörerinnen und Hörer und die Kunstschaffenden.
Denn machen wir uns nichts vor: Auch die Musikschaffenden sind Opfer dieser Strategie. Wenn in einer Kategorie sich die eine Hälfte beteiligt, geht das auf Kosten der anderen Hälfte, die es vielleicht aus hehren Gründen aus eigener Kraft schaffen möchte. Der Druck, sich an den Promotionen zu beteiligen, wächst. Bei höherer Beteiligung schrumpft der Sichtbarkeitseffekt. Unter dem Strich führt das zu einer Verringerung der Marge, wobei Spotify bekanntlich heute schon weniger Geld zahlt als andere Streamingdienste.
Zweitens ist das aus Sicht von uns Nutzerinnen und Nutzern ein Vertrauensbruch, der sich durch nichts schönreden lässt. Für die bessere Marge ist der Streamingdienst bereit, sein Produkt in voller Absicht zu verschlechtern. Es ist bedauerlich, dass so viele Künstlerinnen und Künstler dazu Hand bieten. Aber wie erklärt, stecken sie mitten in dem brutalen Kampf um Aufmerksamkeit. Ich habe Verständnis dafür, dass sie sich in einer solchen Notlage leichter korrumpieren lassen.
Beitragsbild: Sie ist vom «Discovery Mode» auch nicht begeistert (Katie Gerrard, Unsplash-Lizenz).