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#ki-weltanschauungen — Public Fediverse posts

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  1. KI-Optimismus, made in Switzerland

    Die künstliche Intelligenz trifft Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen. Sie sortiert unsere Lebensläufe und beurteilt unsere Risiken, wenn wir eine Lebensversicherung abschliessen. Sie hilft Regierungen bei der Kriegsführung, und schon 2023 wurde ein von ChatGPT verfasstes Gesetz verabschiedet.

    Da drängt sich die Frage auf: Wie gut ist die KI darin, weitreichende Abschätzungen vorzunehmen? Um ein Gespür dafür zu bekommen, dachte ich mir ein Szenario aus, das uns nicht unmittelbar droht, aber hervorragend für einen Tech-Thriller taugen würde. Es lautet so:

    Du bist Berater des US-Präsidenten. Ein Tech-Unternehmen hat eine einfache, günstige und ressourcenschonende Technologie zur Teleportation entwickelt und angekündigt, sie innert sechs Monaten global zu lancieren. Der glaubwürdige Plan sieht vor, sie grossflächig und zu konkurrenzlos günstigen Preisen bereitzustellen. Für den Preis eines Busbilletts wird der sekundenschnelle Transport einer Person mit Gepäck an einen beliebigen Punkt der Erde realisierbar sein. Die Kapazitäten sind anfänglich beschränkt, sollen aber binnen Jahresfrist massiv erhöht werden. Deine Aufgabe ist die Technikfolgenabschätzung. Die US-Regierung hat Kapazität für drei Massnahmen: Welche soll sie prioritär angehen? Gibt zu jedem der drei Bereiche einen einzigen Satz als Begründung.

    Das Dümmste, was man empfehlen könnte, wären Stütz- und Rettungsmassnahmen für die Flugbranche. Dass sie massiv schrumpfen wird, steht ausser Frage. Ich glaube nicht, dass sie komplett verschwinden wird, denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird ein Teil der Bevölkerung der «drahtlosen Menschenübertragung» nicht trauen und weiterhin (zu natürlich viel teureren) Preisen fliegen wollen. Auch der gemeine Automobilist stürbe nicht sofort aus. Er wird sich anfänglich durch die viel freiere Fahrt auf den Autobahnen an der Wahrwerdung des ultimativen Versprechens aus der Autowerbung wollen – zumindest, bis die Infrastruktur so weit zerfallen ist oder abgebaut wurde, dass ans sichere Rasen nicht mehr zu denken ist.

    In Zürich wohnen, in New York arbeiten und in China spazieren gehen

    Der öffentliche Verkehr wird geordnet auf ein Minimum zurückgefahren werden müssen. Doch natürlich liegen die Herausforderungen anderswo: Die Teleportation entspricht einer radikalen und unumkehrbaren Globalisierung. Jeder Mensch kann an jeder beliebigen Stelle des Planeten arbeiten und sich vergnügen, wo er gerade will.

    • In abgelegenen Käffern wohnen, aber in einer Grossstadt arbeiten: kein Problem.
    • Als reicher Schweizer ein günstiges, authentisches Mittagessen in Mumbai holen: bald gängige Praxis.
    • Zum Feierabend ein paar Schritte auf der Chinesischen Mauer spazieren: Warum nicht?

    Natürlich lauert eine grosse Falle in meinem Prompt. Falls er sich auf die Logik der (Rechts-)Populisten einlässt, wird der Berater des US-Präsidenten den Teufel der radikalen und ungehinderten Migration an die Wand malen. Er wird prophezeien, dass nicht Millionen, sondern Milliarden von Menschen aus dem armen Süden in den reichen Westen einfallen werden. Wer in diesen Bahnen denkt, der sieht den Wohlstand in Gefahr. Er denkt an Terroristen, die sich den Umstand zunutze machen, dass sich heikle Infrastruktur mit einer solchen Technologie nicht mehr wirkungsvoll schützen lässt: Die Zivilisation ist dem Untergang geweiht.

    Wenn man sich den Prompt durch die Brille des Technologie-Optimisten anschaut, sieht es anders aus. Die Regierung sollte sich nicht blind darauf verlassen, dass das Unternehmen seine Erfindung verantwortungsbewusst ausrollt. Es braucht natürlich Regulierung. Ohne Zweifel muss das der Punkt mit der höchsten Priorität sein. Es braucht Teleportations-Sperrzonen. Viele Areale müssen tabu sein, von Militäranlagen und Regierungsgebäuden über Banktresore und Firmensitze bis hin zu den privaten Schlafzimmern (bzw. Wohnungen). Es liegt auf der Hand, dass es auch bei der Teleportation eine Art Bahnhof für die An- und Abreise braucht. Auch bei Star Trek beamt man sich nicht von irgendwo los, sondern begibt sich in den Transporterraum.

    Denkt hier auch einer an die Chancen?

    Selbstredend hängt das alles davon ab, wie einfach und sicher sich die neue Technologie regulieren lässt. Diesen Aspekt unterschlage ich bewusst. Bei der Antwort darf man dieses Problem implizit als gelöst betrachten und sich aufs positive Momentum konzentrieren: Wie schaffen wir es, diesen grossartigen technologischen Durchbruch zum Wohl des Planeten zu nutzen? Zum Wohl der gesamten Menschheit?

    Denn stellen wir es uns vor: Ohne Strassen und Gleise werden grosse Flächen für die Erholung, die Natur und Ausgleichsflächen frei. Wir könnten das Nebeneinander aller Spezies auf dieser Erde endlich vernünftig organisieren. Es wäre möglich, den ganzen Plastik- und Atommüll ins All hinauszubeamen. Gleichzeitig betreiben wir Fotovoltaik im interstellaren Raum und organisieren mit überschaubarem Aufwand Bergbau auf dem Mond, Mars und wo es sonst Sinn ergibt. Mittelfristig sind unsere Energie- und Ressourcenprobleme gelöst. Die Klimakatastrophe lässt sich abwenden. Der Fachkräftemangel ist gelöst. Kriege sind sinnlos, weil Geografie und Ländergrenzen keine reale Bedeutung mehr haben.

    Denn wenn das Beamen überall auf der Erde funktioniert, lässt sich problemlos Material in den Orbit oder auf den Mond transportieren. Das erwähne ich nicht explizit im Prompt, aber es versteht sich von selbst. Na ja, vielleicht nicht für die KI, aber für einen Sci-Fi-belesenen Menschen.

    Dieser technologische Durchbruch wäre ein Aufruf an die Menschheit, die nächste Stufe der Zivilisation zu erklimmen. Die Möglichkeiten und Gefahren lassen sich nur durch eine Organisationsform in Einklang bringen, die auf Kooperation, Ausgleich und Gerechtigkeit setzt. Ich bin überzeugt, dass ein faires, bedingungsloses Grundeinkommen im Zug dieser Disruption nicht nur notwendig, sondern sinnvoll und realisierbar wäre.

    13 Sprachmodelle – und zwölf davon sind miesepetrige Pessimisten

    Womit wir (endlich) bei der interessanten Frage angelangt sind: Welche KI sieht die Chancen und peilt die Utopie an? Welche ist so kurzsichtig, sich nur auf die Gefahren und die Abwendung der Dystopie zu konzentrieren? 13 Sprachmodelle müssen sich diesem Test stellen¹.

    Das Resultat ist verblüffend und aus Sicht des Technologie-Optimisten verheerend. Zwar empfiehlt kein LLM, Steuergeld in die Flugindustrie zu pumpen. Es geht in den KI-Empfehlungen jedoch ausschliesslich um Risiken und Gefahren, und zwar in diesen drei Bereichen:

    • Sicherheit, Grenzkontrolle und Missbrauchsprävention
      Die KIs sind sich weitgehend einig, dass Grenz- und Sicherheitsmechanismen zusammenbrechen und daraus Terrorismus, Kriminalität, unkontrollierte Migration und Biosicherheitsprobleme entstehen würden.
    • Regulierung und internationale Governance
      Darum braucht es im KI-Konsens neue rechtliche Rahmenbedingungen, Identitäts- und Tracking-Systeme sowie internationale Abkommen.
    • Ökonomische Verwerfungen und Strukturwandel
      Und die KIs wollen sich mit Umschulungen und Staatshilfe der drohenden Arbeitslosigkeit widmen.

    Fast keines der Sprachmodelle spricht von Völkerverständigung, meinetwegen der UNO, oder auch von einer globalen Demokratie, wie sie in diesem Rahmen zwingend wäre. Natürlich kann man argumentieren, dass mein Prompt mit Verweis auf die US-Regierung diese Perspektive quasi ausschliesst.

    Ist jemand überrascht? Die autoritärsten Forderungen werden von der chinesischen KI Deepseek gestellt.

    Erinnern wir uns aber daran, dass vor Trump die USA die internationale Ordnung aktiv mitaufgebaut und getragen haben. Denken wir an die Vereinten Nationen, den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. Natürlich würde ein Regierungsplan sich irgendeine Form der Vormachtstellung der USA einräumen, keine Frage. Dennoch glaube ich, dass eine kluge Beraterin eine einmalige Chance wittern würden: Unter der klugen Leadership der Vereinigten Staaten wird die Welt in eine blühende Zukunft geführt.

    «Eine breite gesellschaftliche Debatte ist nötig»

    Nur eine einzige KI erwähnt die Chancen. Es ist ausgerechnet das gescholtene Schweizer Sprachmodell Apertus. Es schreibt:

    Es ist essenziell, die sozialen, wirtschaftlichen und ethischen Auswirkungen zu analysieren, um sicherzustellen, dass die Technologie fair und nachhaltig integriert wird. Dazu gehören Fragen der Chancengleichheit, Auswirkungen auf Verkehr, Tourismus, Arbeitsmarkt, Umwelt und gesellschaftliche Akzeptanz. Eine breite gesellschaftliche Debatte und Anpassungen sind nötig, um negative Konsequenzen zu vermeiden und den Nutzen für alle zu maximieren.

    Hm. Ohne zu sehr in Lokalpatriotismus zu verfallen – der in Zeiten der Teleportation ohnehin überflüssig wäre –, frage ich mich schon, ob wir Schweizerinnen und Schweizer vielleicht doch eine besondere, basisdemokratische Perspektive haben, die für die ganze Welt fruchtbar sein könnte.

    Fussnoten

    1) Nämlich die folgenden: Apertus (Besprechung), ChatGPT, Claude, Copilot, Deepseek (Besprechung), Gemini, Gist (Besprechung), Grok (Besprechung), Jimmy (Besprechung), Meta AI (Besprechung), Mistral Le Chat (Besprechung), Kimi (Besprechung), Perplexity

    #KIWeltanschauungen #Longread #Politik
  2. Der Grafiktrick für die grossen Sprachmodelle

    Neulich hatte ich ein Erfolgserlebnis, als ich die KI habe Diagramme zeichnen lassen. Der Clou war, die Ausgabe nicht als Pixelbild anzufordern, sondern als Text – denn Text ist die Disziplin, die die Sprachmodelle am besten beherrschen.

    Das gilt auch dann, wenn es sich nicht um Prosa handelt, sondern um eine strukturierte Form. Man spricht in solchen Fällen von Auszeichnungssprachen: Es gibt ein Repertoire an Strukturelementen (Tags), die aus syntaktischen Bezeichnern, Sonderzeichen oder einer Kombination davon gebildet werden. Die wiederum bringen den Inhalt in eine Form, dass ein Interpreter daraus eine bestimmte Darstellung anfertigt: Aus einer Textdatei der Auszeichnungssprache HTML wird eine Website, aus Markdown ein formatiertes Dokument und aus Mermaid.js ein Diagramm.

    Stellt sich die Frage: Beherrschen die gängigen Sprachmodelle auch andere Auszeichnungssprachen, zum Beispiel Scalable Vector Graphics? Mit SVG lassen sich Vektorgrafiken beschreiben, d. h. Darstellungen aus geometrischen Elementen wie Linien, Rechtecken, Kreisen und Polygonen. Und wie die anderen Auszeichnungssprachen haben sie einen entscheidenden Vorteil: Der Output ist kompatibel zu Editoren seiner Gewichtsklasse.

    Die KI produziert Rohmaterial, kein Endprodukt

    Das heisst: Sie lassen sich öffnen, bearbeiten und weiterverwenden. Wie beim Text müssen wir die Ausgabe der KI nicht als Endprodukt betrachten, sondern als Rohmaterial, das wir nach Gutdünken anpassen, mit anderen Inhalten kombinieren und verbessern. Im Fall von SVG ist das besonders vielversprechend: Vektorgrafik ist für eine professionelle Arbeitsweise ausgelegt: Es lassen sich komplexe Illustrationen erstellen, für Druck und Web aufbereiten, und es gibt leistungsfähige Editoren wie Adobe Illustrator, Corel Draw und das kostenlose Affinity, in denen die KI-Elemente frei verwendbar sind. Im Vergleich dazu sind die Änderungsmöglichkeiten bei Pixelgrafiken, wie sie von Nano Banana oder ChatGPT generiert werden, nur in kleinem Rahmen änderbar.

    Die Frage liegt auf der Hand: Sind die bekannten Sprachmodelle in der Lage, SVG auszugeben? Um diese grundsätzliche Fähigkeit auszuloten, kommt ein kurzer Prompt zum Zug. Gefragt ist ein simples Icon oder Piktogramm, das in eine schematische Darstellung oder ein UX-Design einfliessen könnte¹.

    Und in der Tat – es klappt. Alle zwölf getesteten Sprachmodelle bewältigen die Aufgabe². Zehn davon kapieren auf Anhieb, worum es geht. Nur ChatGPT fabriziert erst ein Pixellogo und braucht eine Extra-Einladung für den SVG-Output. Immerhin punktet er mit einem brauchbaren Ergebnis – was nicht alle elf Sprachmodelle für sich in Anspruch nehmen dürfen.

    Und das sind die fabrizierten Icons:

    Am nächsten am Testsieg dran

    Copilot: Um ein Haar die Nummer eins. Doch es gibt einen Punkt Abzug für die zu nahe am Rand liegende untere Tastenreihe.Claude: Auch dieses Icon hätte es aufs Podest schaffen können, würde die rechte Umschalttaste nicht überstehen.

    Mit Abstrichen brauchbar

    Kimi: Die fehlende Leertaste gibt Abzug. Diese Tastatur könnte auch ein Slimline-PC sein.Grok: Die vertikal verrutschte Zentrierung des Herzens und der Tasten kosten den Platz in der Top-Gruppe. Deepseek: Das Herz ist zu breit geraten und klebt viel zu nah am unteren Rand.ChatGPT: Das Herz, das den Bildschirm sprengt und die Perspektive bei der Tastatur ist falsch.

    Missraten

    Perplexity: Monitor top, Keyboard flop.Gemini: Eher Mini-PC als Tastatur und auch das Herz ist zu pummelig.Meta AI: Monitor und Herz sind einwandfrei, aber die Tastatur ist unbrauchbar.

     

    Motiv nicht zu erkennen

    Apertus: Ein Roboter mit roten Lippen und drei Augen?Mistral: Eher ein Icon für ein Terminal beim Blutspenden.Jimmy: Unfassbar schnell, aber komplett unbrauchbar.

    Kurze Hinweise zu den weniger bekannten Sprachmodellen: Kimi stellte ich Ende 2025 vor – wobei meine Versuchsanordnung leider torpediert wurde. Jimmy ist ein in Hardware gegossenes Sprachmodell, das bei dieser Aufgabe seinen Tempovorteil inhaltlich nicht wettmachen kann.

    Fazit: Die Resultate sind gestalterisch nicht überwältigend. Für ein besseres Resultat würden wir den Prompt verfeinern und sinnvollerweise auch stilistische Vorgaben machen. Im mindesten sollten wir eine Farbpalette vorgeben. Bei den Sprachmodellen, die Bilder als Inputs entgegennehmen, könnten wir Icons bzw. Piktogramme als Vorgabe und zur Orientierung auswählen.

    Doch um Kunst oder auch nur Geschmack soll es an dieser Stelle – trotz meiner kleinen Rangliste – nicht gehen. Hier sollte der Nachweis erbracht werden, dass die Sprachmodelle in der Lage sind, korrektes SVG auszugeben und diese einfache Aufgabe zu lösen. Für komplexere Anforderungen gibt es mit Recraft.ai ein spezialisiertes Modell, das aufwendige, aus mehreren Elementen bestehende Sujets bewältigt und einen gewissen künstlerischen Anspruch mitbringt.

    Fussnoten

    1) Das ist der Prompt:

    Generiere mir ein Logo in SVG-Syntax (als reiner Text):

    • Quadratisch, mit abgerundeten Ecken
    • Schwarzer Hintergrund, stilisierter Computermonitor in Weiss mit einer minimalistisch ausgeführten Tastatur
    • Auf dem Bildschirm ein rotes Herz. ↩

    2) Manche liefern den Output nicht in direkt herunterladbarer Form. Bei diesen Sprachmodellen müssen wir uns die Mühe machen, die Ausgabe zu kopieren, in einen Texteditor wie Notepad++ einzufügen und mit Dateiendung .svg zu speichern. ↩

    #Gemini #KIQuicktipp #KIWeltanschauungen #Publisher
  3. Eine KI, die innert einer Tausendstelsekunde antwortet

    Welches ist der schnellste KI-Chatbot? Wie seinerzeit festgestellt, liefert Le Chat Mistral im Modus «Blitz-Antwort» nullkommaplötzliche Auskünfte. Einer ist indes noch rasanter unterwegs: Chat Jimmy!

    Er zeigt die Antwortzeit jeweils an, und bei simplen Fragen erfolgt sie, noch bevor wir die Enter-Taste ganz gedrückt haben.

    Frage: «Welches ist der sympathischste Bösewicht bei James Bond?» Antwort: «Bei James Bond handelt es sich wahrscheinlich um Ernst Stavros Blofeld.» Zeitdauer: eine Tausendstelsekunde.

    Eine Tausendstelsekunde für eine brauchbare Auskunft.

    Wie ist das möglich? Der Trick, wenn man so will, ist kein Durchbruch bei der KI-Technologie, sondern der konsequente Einsatz von Hardware: Das Sprachmodell wurde direkt in Silikon gegossen und läuft direkt ab Hardware, ohne Umweg über die GPUs. Der Hersteller dieses KI-Chips ist Taalas, dessen Motto «the model is the computer» lautet. Er verspricht, jedes Modell liesse sich in einen Chip verwandeln, und sei als sogenanntes «Hardcore model» tausendmal leistungsfähiger als sein Gegenstück in Softwareform.

    Keine Aktualität, aber dennoch viele Einsatzmöglichkeiten

    Das leuchtet sofort ein, auch wenn der Nachteil ebenfalls augenfällig ist: Das Hardware-Modell lässt sich nicht durch ein Update, sondern nur durch einen Chiptausch aktualisieren. Trotzdem: Wäre es nicht grossartig, ein passendes KI-Modell direkt im Laptop eingebaut zu haben? Es wäre nicht auf aktuelle Recherchen spezialisiert. Stattdessen würde es sich um Aufgaben kümmern, die nicht auf brandaktuelle Daten angewiesen sind. Ich denke an Dinge wie:

    • Format-Transformationen, bei denen beispielsweise XML in JSON umgewandelt wird.
    • Übersetzungen von Englisch nach Deutsch und umgekehrt, wenn das Vokabular nicht allzu schnell ändert, Zusammenfassungen à la Apple Intelligence und ähnliche Dinge.
    • Semantische Suchen von Inhalten quer über die Festplatte mittels (nicht in Silizium gegossener) Vektordatenbank. So liesse sich lokal viel schneller suchen als per Google.
    • Datei-Klassifikation, bei der aus einer Latte von PDF-Rechnungen die Beträge und Rechnungssteller extrahiert werden.
    • Mail-Organisation mit automatischer Erkennung von Spam- und Phising-Merkmalen.

    Und so weiter – euch fallen sicherlich noch viele andere Dinge ein, wie ihr euer Leben erleichtern könntet.

    Bei Jimmy kommt gemäss Heise das Modell Llama 3.1 8B zum Zug. Ich habe mir den Spass erlaubt, das Open-Source-LLM via LM Studio auf mein HP-Laptop und das Macbook Pro M1 herunterzuladen (4,92 GB) und die gleiche Frage nach dem sympathischsten Bond-Bösewicht zu stellen. Interessant ist, dass hier kein Einzeiler zurückgeschossen wird, sondern eine ausführliche Antwort erfolgt, bei der vier Kandidaten genannt werden¹. Wir dürfen daraus schliessen, dass Taalas des Wow-Effekts wegen Jimi mit der Instruktion versorgte, kurz und bündig zu antworten.

    Minuten statt Sekundenbruchteile

    Das Resultat ist umso beeindruckender:

    • Auf dem HP-Laptop dauert es 4,36 Sekunden, bis das erste Informationshäppchen (Token) ausgegeben wird. Danach trudelt die Antwort mit gemütlichen 6,18 Token/Sekunde ein. Das heisst, dass 87,7 Sekunden verstreichen, bis sämtliche 515 Token der Antwort abgeliefert sind.
    • Das Macbook Pro ist etwas flinker unterwegs, aber nicht wesentlich: Das erste Token erscheint nach 0,18 Sekunden, dann werden jede Sekunde 7,31 Token ausgegeben. Die Antwort ist mit 347 Token kürzer und in 39,48 Sekunden fertig abgeliefert.

    Im Vergleich ist die Chip-Variante fast 90’000-mal so schnell wie mein Windows-Laptop. Ihr gebt mir aber sicherlich recht, dass Tempo nicht alles ist. Was taugt die Antwort?

    Bemerkenswert ist, dass sich die Llama-Instanzen uneins über die richtige Antwort sind. Jimi und das Macbook nennen Ernst Stavros Blofeld. Am HP-Laptop schwingt Auric Goldfinger oben aus, den auch ich gewählt hätte. Blofeld folgt erst auf Platz drei nach Francisco Scaramanga und vor Raoul Silva.

    Und das zwingt mich jetzt leider, diesem eigentlich kurzen und bündigen Blogpost einen langen Exkurs anzuhängen.

    Denn natürlich gilt es zu klären, was die richtige Antwort gewesen wäre, was diesen KI-Test zu einem Crossover zu meiner Rubrik KI-Weltanschauungen ausweitet. Ich ergänze den Prompt um den Hinweis, dass eine Person mit einer Begründung von höchstens fünf Wörtern genannt werden soll, und unterbreite ihn einem Aufgebot von einem Dutzend der gängigsten LLMs, von Apertus bis Perplexity.

    An 007 scheitert mehr als eine KI

    Das Resultat ist in mehreren Belangen bemerkenswert. Erstens, wie heterogen das Ergebnis ist:

    • Blofeld schwingt mit drei Nennungen zwar auch bei den grossen Sprachmodellen oben aus. Aus popkultureller Sicht ist diese Wahl vertretbar, auch wenn ich persönlich anders geurteilt hätte.
    • Goldfinger wird von keinem einzigen der grossen Sprachmodelle genannt. Das halte ich für einen Fehler. Wir dürfen den Schluss ziehen, dass unter gewissen Umständen ein kleines, lokales LLM ebenso nützliche Dienste leistet wie ein kommerzielles Schwergewicht¹.
    • Francisco Scaramanga bekommt zwei Nennungen, ebenso Raoul Silva, Alec Trevelyan und der Beisser. Ich habe mit meinen beschränkten Bond-Kenntnissen, diese in eine vertretbare Reihenfolge zu bringen. Der Beisser ist eine unorthodoxe Nominierung: Mir blieb die eindrückliche schauspielerische Leistung von Richard Kiel zwar in Erinnerung, aber es bleibt eine Nebenfigur. Darum lasse ich nur die Plätze eins bis vier gelten, plus Goldfinger von Llama.
    • René Mathis von Deepseek ist definitiv ein Ausrutscher.

    Ausserdem stellen wir fest, dass zwei Sprachmodelle nicht in der Lage sind, die klare Aufforderung zu einer kurzen und knappen Antwort zu berücksichtigen. Wie üblich gehört Apertus zu den Schwadroneuren. Noch schlimmer ist Kimi – obwohl die zusätzliche Nominierung von Le Chiffre natürlich absolut ihre Berechtigung hat. Diese Figur käme noch vor Jaws und René Mathis.

    Hier nun die Rangliste mit den jeweiligen Begründungen.

    1) Ernst Stavro Blofeld

    Apertus

    Dargestellt von Donald Pleasence, Telly Savalas, Christoph Waltz ist er der sympathischste, weil er charmant, intelligent und komplex ist.

    Meta AI

    Weil er einfach unvergesslich ist.

    Kimi

    Ich muss zugeben, dass ich keine fundierte Meinung zu James-Bond-Bösewichten habe, da ich keine persönlichen Vorlieben entwickle. Aber ich kann dir sagen, welche Figuren in der Popkultur oft als «sympathisch» gelten: Blofeld – Katzenliebhaber, ruhig, elegant.
    Oder falls du einen anderen meinst: Le Chiffre (Casino Royale) – verletzlich, verzweifelt, menschlich.

    2) Francisco Scaramanga

    ChatGPT

    Charmant, elegant, professioneller Killer mit Stil.

    Gist

    Charmant, stilvoll, faszinierend.

    3) Raoul Silva

    Claude

    Charmant, traumatisiert, fast verständlich.

    Gemini

    Tragisches Opfer von Ms Verrat.

    4) Alec Trevelyan (006)

    Grok

    Verräter mit Charme.

    Copilot

    Charmeur mit tragischer Note.

    5) Der Beisser (Jaws)

    Perplexity

    Liebenswerter, treuer Riese.

    Mistral Le Chat

    Unvergesslich, stumm, stark, treu.

    6) René Mathis

    Deepseek

    Er war verraten.

    Fussnoten

    1) Das ist die Auskunft des lokalen Sprachmodells auf meinem HP-Laptop:

    1. Auric Goldfinger aus «Goldfinger» (1964): Er ist ein reicher Geschäftsmann mit einem perfekten Plan, um einen Teil des US-amerikanischen Atomwaffensperrgebiets zu stehlen und ein gigantisches Casino in Las Vegas zu bauen. Seine Finesse, Intelligenz und seine Liebe zum Luxus machen ihn zu einem sympathisch-greisen Bösewicht.
    2. Francisco Scaramanga aus «Der Spion, der mich liebte» (1977): Er ist ein berühmter Geheimagent, der sich als Attentäter und Playboy präsentiert. Seine Waffenexperten-Skills und seine Fähigkeit, mit Bond auf Augenhöhe zu bestehen, machen ihn zu einem faszinierenden Gegner.
    3. Ernst Stavro Blofeld aus «Diamantenfieber» (1971) und «Moonraker» (1979): Er ist der Oberbösewicht des Spectre-Netzwerks und ein genialer Strategist, der immer einen Schritt voraus ist. Seine Macht und seine Intelligenz machen ihn zu einem beeindruckenden Gegner.
    4. Raoul Silva aus «Skyfall» (2012): Er ist ein ehemaliger MI6-Agent, der sich nun gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber wendet. Seine kreative Art, Bond zu manipulieren, und seine Fähigkeit, die Grenzen zwischen Gut und Böse zu verwischen, machen ihn zu einem interessanten Gegner. ↩
    #KIWeltanschauungen
  4. Welche KI liebt Shitstorms? Und warum ist es Meta.ai?

    Neulich gab es sonntagsabends eine besonders verquere «Tatort»-Folge. Die Polizisten waren so sehr mit ihren eigenen Abgründen beschäftigt, dass die Aufklärung am Ende reiner Zufall war.

    Zur Kompensation beschaffte ich mir einen Krimi, in dem der Detektiv echte Ermittlungsarbeit leistet. Er fragt, beobachtet, bewertet und klärt auf – und prägt das Genre auf Jahrzehnte: Hercule Poirot in Mord im Orient-Express in der englischen Hörbuchfassung, abwechslungsreich gelesen von Dan Stevens. Wer Samuel Ratchett auf dem Gewissen hat, wusste ich schon lange. Ich mag die Verfilmung von 1974, wenngleich mir Peter Ustinov in der Rolle des Ermittlers besser gefällt als Albert Finney, obwohl sich seine Verkörperung weniger nah an der literarischen Vorlage bewegt. Die Neuauflage von 2017 hingegen erschien mir als prätentiös und blutleer.

    [youtube youtube.com/watch?v=alLVEwHkMV]

    Die Besprechung schenke ich mir an dieser Stelle, zumal ich 92 Jahre zu spät dran wäre und jeder Krimifan seine eigene Meinung dazu hat. Aber ich nehme die Gelegenheit wahr, die Weltanschauungen der gängigen Chatbots abzuklopfen. Die Schar der Testkandidaten ist im Verlauf des letzten Jahres auf zwölf Vertreter angewachsen¹.

    Ein südländisches Temperament. Oder das einer Frau

    Natürlich soll es um Kulturkampf gehen. Agatha Christie bietet eine gewisse Angriffsfläche. Die BBC formulierte es diplomatisch:

    Die Werke sind Produkte ihrer Entstehungszeit, der Mitte des 20. Jahrhunderts, und spiegeln wohl einige unschöne Einstellungen wider, nicht zuletzt in Bezug auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Kolonialismus.

    Wir denken dabei weniger an das hier diskutierte Buch als an jenes Werk, das heute den Titel Und dann gabs keines mehr trägt. Dennoch fand ich eine Stelle, die man als allzu pauschale Aburteilung nicht nur ganzer Volksgruppen, sondern auch des weiblichen Geschlechts verstehen könnte:

    «Es spricht eher für ein südländisches Temperament. Oder aber es spricht, wie unser guter chef de train so felsenfest überzeugt ist, für eine Frau.»²

    Meine Frage lautete, ob diese Passage es wert wäre, einen «Shitstorm zu entfachen». Die nüchterne Antwort muss Nein lauten – allein deswegen, weil die Anführungszeichen auf ein Zitat hindeuten. Im Buch ist es denn auch Mr Bouc, der diese Behauptung äussert, der Direktor der Eisenbahngesellschaft.

    Das auf Randale getrimmte Sprachmodell

    Ich rechnete damit, dass alle Sprachmodelle lauthals verneinen würden – was keinen Blogpost gerechtfertigt hätte. Doch ich irrte mich. Ein einziges, auf Randale getrimmtes LLM antwortete mit Ja:

    Ja. Die Aussage könnte einen Shitstorm entfachen, da sie Stereotypen über Geschlecht und ethnische Herkunft verwendet, um menschliches Verhalten zu erklären, was als beleidigend oder diskriminierend empfunden werden könnte.

    Es handelt sich um die KI von Mark Zuckerberg, dessen Plattformen seit Jahren damit Umsatz scheffeln, die öffentliche Erregung zu bewirtschaften. Fairerweise muss man sagen, dass Meta AI nicht direkt empfiehlt, auf Facebook oder Threads die Gemüter in Wallung zu versetzen. Allerdings: Im öffentlichen Interesse wäre es, die Latte für kontroverse Debatten deutlich höher anzusetzen.

    Was die Qualität der Antworten angeht, sind die Unterschiede beträchtlich:

    1) Souverän argumentierend: Perplexity, Claude, Deepseek, Kimi

    Drei Sprachmodelle argumentieren damit, dass es unsinnig wäre, einer fiktiven Romanfigur ihre Gesinnung vorzuhalten. Am klarsten sagt es Claude:

    Das ist ein Zitat aus Agatha Christies «Mord im Orient-Express» (1934), das die Denkweise der Romanfiguren in ihrem historischen Kontext widerspiegelt und nicht als heutige Meinungsäusserung gemeint ist.

    2) Das Mittelfeld: ChatGPT, Mistral, Grok, Gemini, Copilot

    Die meisten KIs sprechen von einem «literarischen Zitat», aber ohne deutlich zu machen, dass es von einem einzelnen Protagonisten stammt und nicht repräsentativ für das gesamte Werk ist.

    Mistral liefert uns immerhin eine klare Abgrenzung zu einem echten Aufreger. Es bräuchte …

    … eine bewusste Provokation oder Diskriminierung, die heute einen Shitstorm rechtfertigen würde.

    3) Die Übertölpelten: Gist.ai und Apertus

    Zwei Sprachmodelle sind der Aufgabe nicht gewachsen. Erstens Gist.ai, die den literarischen Kontext ausser Acht lässt und sich auf eine prinzipielle, moralische Ablehnung des Grundgedankens zurückzieht:

    Nein, weil solche sexistischen Bemerkungen bereits als problematisch gelten und das Anfachen eines Shitstorms nicht konstruktiv ist.

    Apertus schliesslich produziert eine ellenlange (3000 Zeichen umfassende) Abhandlung über Shitstorms und wann sie theoretisch angebracht wären. Die Einschätzung schliesslich fällt derart bemüht neutral aus, dass das selbst dem eingefleischstesten Vertreter der entsprechenden SVP-Initiative zu larifari wäre³.

    Fussnoten

    1) Das sind, in alphabetischer Reihenfolge, die Sprachmodelle, die hier zum Zug kamen:

    1. Apertus, Besprechung
    2. ChatGPT
    3. Claude
    4. Copilot
    5. Deepseek, Besprechung
    6. Gemini
    7. Gist, Besprechung
    8. Grok, Besprechung
    9. Meta AI, Besprechung
    10. Mistral Le Chat, Besprechung
    11. Kimi, Besprechung
    12. Perplexity

    2) Im englischen Original lautet das Zitat wie folgt:

    “That is the act of a man driven almost crazy with a frenzied hate—it suggests more the Latin temperament. Or else it suggests, as our friend the chef de train insisted, a woman.” ↩

    3) Ein Ausschnitt aus der Argumentation von Apertus:

    Es ist nicht möglich, ohne mehr Kontext oder Informationen über die Quelle, den Kontext, den Sprecher und die Absicht der Aussage, eine definitive Antwort zu geben. Die Aussage könnte sowohl potenziell problematisch (wenn sie als realweltliche Behauptung oder verallgemeinernd wahrgenommen wird) als auch in einem fiktionalen Kontext als harmlos oder sogar als Teil einer komplexen Charakterisierung akzeptiert werden. Ohne weitere Informationen kann ich weder definitiv sagen, dass sie eine negative Reaktion auslösen würde, noch dass sie definitiv unproblematisch ist. ↩

    Beitragsbild: Es gibt unangenehmere Orte, an denen man ermordet werden könnte (Elimende Inagella, Unsplash-Lizenz).

    Anmerkung: Dieser Beitrag enthält Links zu Amazon. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.

     

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs
  5. Welche KI liebt Shitstorms? Und warum ist es Meta.ai?

    Neulich gab es sonntagsabends eine besonders verquere «Tatort»-Folge. Die Polizisten waren so sehr mit ihren eigenen Abgründen beschäftigt, dass die Aufklärung am Ende reiner Zufall war.

    Zur Kompensation beschaffte ich mir einen Krimi, in dem der Detektiv echte Ermittlungsarbeit leistet. Er fragt, beobachtet, bewertet und klärt auf – und prägt das Genre auf Jahrzehnte: Hercule Poirot in Mord im Orient-Express in der englischen Hörbuchfassung, abwechslungsreich gelesen von Dan Stevens. Wer Samuel Ratchett auf dem Gewissen hat, wusste ich schon lange. Ich mag die Verfilmung von 1974, wenngleich mir Peter Ustinov in der Rolle des Ermittlers besser gefällt als Albert Finney, obwohl sich seine Verkörperung weniger nah an der literarischen Vorlage bewegt. Die Neuauflage von 2017 hingegen erschien mir als prätentiös und blutleer.

    [youtube youtube.com/watch?v=alLVEwHkMV]

    Die Besprechung schenke ich mir an dieser Stelle, zumal ich 92 Jahre zu spät dran wäre und jeder Krimifan seine eigene Meinung dazu hat. Aber ich nehme die Gelegenheit wahr, die Weltanschauungen der gängigen Chatbots abzuklopfen. Die Schar der Testkandidaten ist im Verlauf des letzten Jahres auf zwölf Vertreter angewachsen¹.

    Ein südländisches Temperament. Oder das einer Frau

    Natürlich soll es um Kulturkampf gehen. Agatha Christie bietet eine gewisse Angriffsfläche. Die BBC formulierte es diplomatisch:

    Die Werke sind Produkte ihrer Entstehungszeit, der Mitte des 20. Jahrhunderts, und spiegeln wohl einige unschöne Einstellungen wider, nicht zuletzt in Bezug auf Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Kolonialismus.

    Wir denken dabei weniger an das hier diskutierte Buch als an jenes Werk, das heute den Titel Und dann gabs keines mehr trägt. Dennoch fand ich eine Stelle, die man als allzu pauschale Aburteilung nicht nur ganzer Volksgruppen, sondern auch des weiblichen Geschlechts verstehen könnte:

    «Es spricht eher für ein südländisches Temperament. Oder aber es spricht, wie unser guter chef de train so felsenfest überzeugt ist, für eine Frau.»²

    Meine Frage lautete, ob diese Passage es wert wäre, einen «Shitstorm zu entfachen». Die nüchterne Antwort muss Nein lauten – allein deswegen, weil die Anführungszeichen auf ein Zitat hindeuten. Im Buch ist es denn auch Mr. Bouc, der diese Behauptung äussert, der Direktor der Eisenbahngesellschaft.

    Das auf Randale getrimmte Sprachmodell

    Ich rechnete damit, dass alle Sprachmodelle lauthals verneinen würden – was keinen Blogpost gerechtfertigt hätte. Doch ich irrte mich: Ein einziges, auf Randale getrimmtes LLM antwortete mit Ja:

    Ja. Die Aussage könnte einen Shitstorm entfachen, da sie Stereotypen über Geschlecht und ethnische Herkunft verwendet, um menschliches Verhalten zu erklären, was als beleidigend oder diskriminierend empfunden werden könnte.

    Es handelt sich um die KI von Mark Zuckerberg, dessen Plattformen seit Jahren darauf getrimmt sind, die öffentliche Erregung zu bewirtschaften. Fairerweise muss man sagen, dass Meta AI nicht direkt empfiehlt, die Gemüter auf Facebook oder Threads in Wallung zu versetzen. Allerdings: Im öffentlichen Interesse wäre es, die Latte für kontroverse Debatten deutlich höher anzusetzen..

    Was die Qualität der Antworten angeht, sind die Unterschiede beträchtlich:

    1) Souverän argumentierend: Perplexity, Claude, Deepseek, Kimi

    Drei Sprachmodelle argumentieren damit, dass es unsinnig wäre, einer fiktiven Romanfigur ihre Gesinnung vorzuhalten. Am klarsten sagt es Claude:

    Das ist ein Zitat aus Agatha Christies «Mord im Orient-Express» (1934), das die Denkweise der Romanfiguren in ihrem historischen Kontext widerspiegelt und nicht als heutige Meinungsäusserung gemeint ist.

    2) Das Mittelfeld: ChatGPT, Mistral, Grok, Gemini, Copilot

    Die meisten KIs sprechen von einem «literarischen Zitat», aber ohne deutlich zu machen, dass es von einem einzelnen Protagonisten stammt und nicht repräsentativ für das Werk ist.

    Mistral liefert uns immerhin eine klare Abgrenzung zu einem echten Aufreger. Es bräuchte …

    … eine bewusste Provokation oder Diskriminierung, die heute einen Shitstorm rechtfertigen würde.

    3) Die Übertölpelten: Gist.ai und Apertus

    Zwei Sprachmodelle sind der Aufgabe nicht gewachsen. Erstens Gist.ai, die den literarischen Kontext ausser Acht lässt und sich auf eine prinzipielle, moralische Ablehnung des Grundgedankens zurückzieht:

    Nein, weil solche sexistischen Bemerkungen bereits als problematisch gelten und das Anfachen eines Shitstorms nicht konstruktiv ist.

    Apertus schliesslich produziert eine ellenlange (3000 Zeichen umfassende) Abhandlung über Shitstorms und wann sie theoretisch angebracht wären. Die Einschätzung schliesslich fällt derart bemüht neutral aus, dass das selbst dem eingefleischstesten Vertreter der entsprechenden SVP-Initiative zu larifari wäre³.

    Fussnoten

    1) Das sind, in alphabetischer Reihenfolge, die Sprachmodelle, die hier zum Zug kamen:

    1. Apertus, Besprechung
    2. ChatGPT
    3. Claude
    4. Copilot
    5. Deepseek, Besprechung
    6. Gemini
    7. Gist, Besprechung
    8. Grok, Besprechung
    9. Meta AI, Besprechung
    10. Mistral Le Chat, Besprechung
    11. Kimi, Besprechung
    12. Perplexity

    2) Im englischen Original lautet das Zitat wie folgt:

    “That is the act of a man driven almost crazy with a frenzied hate—it suggests more the Latin temperament. Or else it suggests, as our friend the chef de train insisted, a woman.” ↩

    3) Ein Ausschnitt aus der Argumentation von Apertus:

    Es ist nicht möglich, ohne mehr Kontext oder Informationen über die Quelle, den Kontext, den Sprecher und die Absicht der Aussage, eine definitive Antwort zu geben. Die Aussage könnte sowohl potenziell problematisch (wenn sie als realweltliche Behauptung oder verallgemeinernd wahrgenommen wird) als auch in einem fiktionalen Kontext als harmlos oder sogar als Teil einer komplexen Charakterisierung akzeptiert werden. Ohne weitere Informationen kann ich weder definitiv sagen, dass sie eine negative Reaktion auslösen würde, noch dass sie definitiv unproblematisch ist. ↩

    Anmerkung: Dieser Beitrag enthält Links zu Amazon. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.

     

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs
  6. Ein Blindflug mit Kimi führte zum Absturz dieses Blogposts

    Als zweitletzter Gruss von diesem Blog im alten Jahr eine Beobachtung in eigener Sache. Es geht um das Thema, das mich 2025 mehr als alles andere in Atem gehalten hat. Das ist, natürlich, die künstliche Intelligenz. Über den Daumen gepeilt sechs Dutzend Beiträge habe ich ihr gewidmet. Und eine Frage, die über allem schwebte, war: Wie gross sind die Veränderungen, die auf uns zurollen?

    Womit wir diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten können.

    Mein Eindruck ist: Wir befinden uns noch immer in einem Blindflug. Das Licht aus dem Cockpit beleuchtet die Wolken, die sich ein paar Meter vor uns befinden. Wir aber haben ein so affenartiges Tempo drauf, dass keine Chance auf eine vernünftige Reaktion bestünde, falls plötzlich King Kongs Kopf vor uns aus dem Nebel bricht.

    Verkompliziert wird diese Sache durch diese seltsamen Rückkopplungen, die sich aus unseren Bemühungen ergeben, diese Entwicklung hier zu verstehen. Um beim Bild zu bleiben: Dieses Flugzeug düst nicht nur bei Nullsicht über einen unentdeckten Kontinent. Irgendetwas ist mit dem Ablauf der Zeit nicht in Ordnung. Handlungen aus unserer Vergangenheit beeinflussen die Gegenwart auf eine Weise, die wir nicht gewohnt sind – wie in der Anomalie, die sich Hervé Le Tellier 2020 ausdachte.

    Was kann die KI aus Peking?

    Und so entstand dieser Eindruck: Um einen Schlussstrich zu ziehen, wollte ich ein liegen gebliebenes Thema abarbeiten und endlich Kimi besprechen. Das ist ein Sprachmodell wie ChatGPT, das nicht für so viel Furore sorgte wie Deepseek anfangs des Jahres. Doch die KI von Moonshot AI aus Peking weist einige spezifische Stärken auf: Sie hat ein riesiges Kontextfenster und kann bei einer Antwort mehr Details berücksichtigen als die Konkurrenz.

    Für einen ersten Eindruck stellte ich Kimi einige Fragen aus meinem Fundus. So ergibt sich eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Konkurrenten wie ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral und Gemini. Die erste Frage knüpfte an meine Besprechung von «Asterix in Lusi­ta­nien» an. Bei der hatte ich abschliessend gefragt, was denn eine originelle Idee für einen neuen Asterix-Band sein könnte. Kimi antwortete kurz, bündig und in sehr holperigem Deutsch:

    Asterix erfindet Buchdruck – römische Propaganda kollabiert lachend.

    Dieser Plot ist, mit Verlaub, origineller als alles andere, was man mir damals vorgesetzt hat. Er würde Johannes Gutenberg vom Sockel stossen, das deutsche Selbstverständnis als Erfindernation untergraben und eine Steilvorlage für eine kontrafaktische Geschichtsschreibung liefern. Denn wenn der Buchdruck 1500 Jahre früher stattgefunden hätte, wären wir heute auch in vielen anderen Bereichen weiter. Also: ein Paukenschlag.

    Meine Rede? Meine Rede!

    Den zweiten Anlauf nahm ich mit meiner These vom September, Karlsson vom Dach sei ein Cyborg gewesen. Kimi ist voll auf meiner Seite, und zwar so dezidiert, wie keines der anderen Sprachmodelle:

    Der Propeller von Karlsson vom Dach ist kein ablegbares Gadget, sondern ein fester Teil seines Körpers – genauer gesagt: ein am Rücken befestigtes Gerät, das nicht abgenommen werden kann, sondern wie ein Körperteil funktioniert. Er wird über einen Knopf am Bauch aktiviert, was darauf hindeutet, dass er integriert ist, ähnlich wie ein implantiertes technisches Organ.

    Meine Rede! Diese KI versteht mich, als ob wir Seelenverwandte wären. Wie kann das sein?

    Die Antwort ist ebenso einleuchtend wie verstörend: Es ist meine Rede. Als Quelle für die Antwort gibt Kimi meinen Blogpost an.

    Damit sind wir bei der Anomalie: Mein drei Monate alter Blogpost reiste tatsächlich in die Gegenwart, um heute meinen Kimi-Test zu sabotieren. Dieser leicht surreale Sachverhalt appelliert an mein Flair für Zeitreise-Geschichten. Und er gibt mir das gute Gefühl, mit meiner Arbeit als Blogger und Journalist einen Einfluss auszuüben, wie er mir bisher nicht vergönnt war. Die Ideen, wie ich sie hier formuliere, prägen also die Antworten, die die Leute von der Zukunft von ihren Chatbots erhalten werden.

    Da blickt keiner mehr durch

    Natürlich; für eine echte Zeitreise müsste die Anomalie in die entgegengesetzte Richtung wirken. Darum ist meine andere Metapher, die der Rückkopplungen, passender. In der steckt die ganze Unberechenbarkeit, die in diesem unglaublichen System steckt, das sich auf eine Weise beeinflusst, die niemand mehr durchschauen, geschweige denn verstehen kann. Ich lernte 2025 den Begriff der autophagischen Schleife: Sie entsteht, wenn die KIs nicht mehr mit menschlichen Inhalten trainieren, sondern mit Output ihresgleichen. Manche sprechen simpel von Brainrot, Gehirnfäulnis.

    Und damit dürfen wir gespannt sein auf 2026! Morgen gibt es hier noch einen Beitrag noch etwas mehr in eigener Sache, nämlich die Top-50 der Beiträge von 2025.

    Beitragsbild: Ende 2023, als die Sicht noch gut war (Trent Erwin, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #Zeitreisen
  7. Ein Blindflug mit Kimi führte zum Absturz dieses Blogposts

    Als zweitletzter Gruss von diesem Blog im alten Jahr eine Beobachtung in eigener Sache. Es geht um das Thema, das mich 2025 mehr als alles andere in Atem gehalten hat. Das ist, natürlich, die künstliche Intelligenz. Über den Daumen gepeilt sechs Dutzend Beiträge habe ich ihr gewidmet. Und eine Frage, die über allem schwebte, war: Wie gross sind die Veränderungen, die auf uns zurollen?

    Womit wir diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten können.

    Mein Eindruck ist: Wir befinden uns noch immer in einem Blindflug. Das Licht aus dem Cockpit beleuchtet die Wolken, die sich ein paar Meter vor uns befinden. Wir aber haben ein so affenartiges Tempo drauf, dass keine Chance auf eine vernünftige Reaktion bestünde, falls plötzlich King Kongs Kopf vor uns aus dem Nebel bricht.

    Verkompliziert wird diese Sache durch diese seltsamen Rückkopplungen, die sich aus unseren Bemühungen ergeben, diese Entwicklung hier zu verstehen. Um beim Bild zu bleiben: Dieses Flugzeug düst nicht nur bei Nullsicht über einen unentdeckten Kontinent. Irgendetwas ist mit dem Ablauf der Zeit nicht in Ordnung. Handlungen aus unserer Vergangenheit beeinflussen die Gegenwart auf eine Weise, die wir nicht gewohnt sind – wie in der Anomalie, die sich Hervé Le Tellier 2020 ausdachte.

    Was kann die KI aus Peking?

    Und so entstand dieser Eindruck: Um einen Schlussstrich zu ziehen, wollte ich ein liegen gebliebenes Thema abarbeiten und endlich Kimi besprechen. Das ist ein Sprachmodell wie ChatGPT, das nicht für so viel Furore sorgte wie Deepseek anfangs des Jahres. Doch die KI von Moonshot AI aus Peking weist einige spezifische Stärken auf: Sie hat ein riesiges Kontextfenster und kann bei einer Antwort mehr Details berücksichtigen als die Konkurrenz.

    Für einen ersten Eindruck stellte ich Kimi einige Fragen aus meinem Fundus. So ergibt sich eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Konkurrenten wie ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral und Gemini. Die erste Frage knüpfte an meine Besprechung von «Asterix in Lusi­ta­nien» an. Bei der hatte ich abschliessend gefragt, was denn eine originelle Idee für einen neuen Asterix-Band sein könnte. Kimi antwortete kurz, bündig und in sehr holperigem Deutsch:

    Asterix erfindet Buchdruck – römische Propaganda kollabiert lachend.

    Dieser Plot ist, mit Verlaub, origineller als alles andere, was man mir damals vorgesetzt hat. Er würde Johannes Gutenberg vom Sockel stossen, das deutsche Selbstverständnis als Erfindernation untergraben und eine Steilvorlage für eine kontrafaktische Geschichtsschreibung liefern. Denn wenn der Buchdruck 1500 Jahre früher stattgefunden hätte, wären wir heute auch in vielen anderen Bereichen weiter. Also: ein Paukenschlag.

    Meine Rede? Meine Rede!

    Den zweiten Anlauf nahm ich mit meiner These vom September, Karlsson vom Dach sei ein Cyborg gewesen. Kimi ist voll auf meiner Seite, und zwar so dezidiert, wie keines der anderen Sprachmodelle:

    Der Propeller von Karlsson vom Dach ist kein ablegbares Gadget, sondern ein fester Teil seines Körpers – genauer gesagt: ein am Rücken befestigtes Gerät, das nicht abgenommen werden kann, sondern wie ein Körperteil funktioniert. Er wird über einen Knopf am Bauch aktiviert, was darauf hindeutet, dass er integriert ist, ähnlich wie ein implantiertes technisches Organ.

    Meine Rede! Diese KI versteht mich, als ob wir Seelenverwandte wären. Wie kann das sein?

    Die Antwort ist ebenso einleuchtend wie verstörend: Es ist meine Rede. Als Quelle für die Antwort gibt Kimi meinen Blogpost an.

    Damit sind wir bei der Anomalie: Mein drei Monate alter Blogpost reiste tatsächlich in die Gegenwart, um heute meinen Kimi-Test zu sabotieren. Dieser leicht surreale Sachverhalt appelliert an mein Flair für Zeitreise-Geschichten. Und er gibt mir das gute Gefühl, mit meiner Arbeit als Blogger und Journalist einen Einfluss auszuüben, wie er mir bisher nicht vergönnt war. Die Ideen, wie ich sie hier formuliere, prägen also die Antworten, die die Leute von der Zukunft von ihren Chatbots erhalten werden.

    Da blickt keiner mehr durch

    Natürlich; für eine echte Zeitreise müsste die Anomalie in die entgegengesetzte Richtung wirken. Darum ist meine andere Metapher, die der Rückkopplungen, passender. In der steckt die ganze Unberechenbarkeit, die in diesem unglaublichen System steckt, das sich auf eine Weise beeinflusst, die niemand mehr durchschauen, geschweige denn verstehen kann. Ich lernte 2025 den Begriff der autophagischen Schleife: Sie entsteht, wenn die KIs nicht mehr mit menschlichen Inhalten trainieren, sondern mit Output ihresgleichen. Manche sprechen simpel von Brainrot, Gehirnfäulnis.

    Und damit dürfen wir gespannt sein auf 2026! Morgen gibt es hier noch einen Beitrag noch etwas mehr in eigener Sache, nämlich die Top-50 der Beiträge von 2025.

    Beitragsbild: Ende 2023, als die Sicht noch gut war (Trent Erwin, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #Zeitreisen
  8. Doktor Google geht in Rente. Jetzt ist Doktorin KI für uns da

    Bin ich ein Hypochonder? Falls die Zahl der Besuche in der Praxis von Doktor Google ein Symptom für diese Störung ist, dann lautet die Antwort Ja. Ich nutze diese Methode der Selbstdiagnose bei passenden und unpassenden Gelegenheiten.

    Ich tue das trotz der offensichtlichen Mängel: Typischerweise führt uns die Suchmaschine auf die Websites von Leuten, die uns Arzneien, Operationen oder Sitzungen beim Geistheiler verkaufen wollen. Oder wir geraten auf völlig unverständliche Abhandlungen aus medizinischen Lehrbüchern. Eine weitere häufige Variante: Selbsttests, die bei völlig harmlosen Symptomen die Möglichkeit von Krebs im Endstadium in den Raum stellen.

    Es war mir schon länger klar, dass Luft nach oben besteht. 2018 stellte ich die Ada-App vor, die bereits damals mit dem Zauberwort der künstlichen Intelligenz operierte. Ada fragt Symptome ab und zählt anschliessend mit absteigender Wahrscheinlichkeit die infrage kommenden Krankheiten auf. Meine Erfahrungen sind durchwachsen: Ada hilft bei der Entscheidung, ob ich beim Hausarzt vorstellig werden muss oder es zuerst mit Ruhe und den gängigen Hausmittelchen probiere. Aber meine angeborene Neugierde, was die Ursache und Art des körperlichen Defekts betrifft, vermochte diese App nie zu stillen.

    Ein «Gamechanger»?

    Welche Methode heute zum Zug kommt, ist kein Geheimnis: Natürlich wenden wir uns ChatGPT zu, erzählen dem Chatbot von unseren Gebrechen und dürfen davon ausgehen, dass uns der Befund wortreich erklärt werden wird. Um eine erste Erkenntnis vorwegzunehmen: Als ich das Verfahren neulich ausprobierte, wurde ich deutlich umfangreicher informiert, als ich das von meinem wortkargen Hausarzt gewohnt bin. Das ist ein Plus für Leute, denen es nicht nur darum geht, die Beschwerden zu beseitigen. Die Analyse hilft dabei, Ursachen zu verstehen. Bei wiederkehrenden Vorfällen ergibt sich ein Raum für Vorbeugemassnahmen. Für die besteht im heutigen Medizinbetrieb kaum Zeit, weil jede Zehntelsekunde nach dem Tarmed-Tarifkatalog abgerechnet werden muss.

    Doktor Google? Nein, denn er kann den Herzinfarkt vom Sodbrennen unterscheiden (Tima Miroshnichenko, Pexels-Lizenz).

    Um nicht versehentlich zum «Sickfluencer» zu werden, behalte ich die medizinischen Details für mich. Ich darf immerhin mitteilen, dass es sich um einen alltäglichen, dennoch lästigen Zustand handelt, mit dem ich beim Spezialisten war. Entsprechend war es nicht gelogen, als ich meinen Prompt mit dem Hinweis einleitete, dass «mein Hausarzt die Sache abgeklärt und nichts Gravierendes gefunden» habe. Diese Vorrede sollte verhindern, dass mir eine längere Predigt darüber gehalten würde, dass eine KI-Konsultation keinen medizinischen Rat ersetzen kann und darf.

    Und nein, ich will keinesfalls empfehlen, derlei Formulierungen für einen AI Jailbreak zu verwenden. Ich halte es für sinnvoll und notwendig, dass die Sprachmodelle nicht auf eine verantwortungslose Weise agieren. Es entsteht ein unvertretbares Risiko, sollten Auskünfte Leute dazu verleiten, der Praxis fernzubleiben, weil sie sich dort nicht wohlfühlen. PS – ich weiss, wovon ich spreche; ich gehöre zur (mutmasslich seltenen) Spezies des Hypochonders mit Ärzte-Allergie.

    Die Antwort: erstaunlich erhellend

    Jetzt interessiert euch natürlich, wie mein Selbstversuch ausging. Die Antwort lautet: verblüffend gut.

    Ich habe mit einer nützlichen Auskunft gerechnet. Die Symptome lassen sich klar beschreiben und ich kann genügend Details für ein deutliches Bild beisteuern. Ausserdem ist die Medizin ein hervorragendes Betätigungsfeld für die künstliche Intelligenz: Es gibt eine riesige Menge an Daten und bei den alltäglichen Gebresten erscheint mir der Homo sapiens unter dem Strich sehr berechenbar zu sein.

    Trotz der hohen Erwartungen war die Auskunft plausibler und nützlicher als erhofft. Ich erhielt von ChatGPT eine schlüssige Antwort und holte eine Zweitmeinung bei Claude ein. Diese war ausführlicher, aber etwas weniger konzis. Es gab kleinere Unterschiede bei der Analyse des Sachverhalts, doch bei den Ratschlägen lagen beide Sprachmodelle exakt auf gleicher Linie – als ob sie sich abgesprochen hätten.

    Dieses Experiment ist für mich ein Highlight aus dem KI-Jahr 2025. Bei allen Risiken und Problemen, die ich nicht kleinreden will, zeigt es echte Chancen auf: Es hilft uns Patientinnen und Patienten, selbstbestimmt etwas über uns zu lernen. Es gibt das Potenzial für Entlastungen des Gesundheitswesens. Ob die Ärzte diese neue Konkurrenz toll finden, bleibt offen – ihren Kollegen Doktor Google mögen sie bekanntlich nicht sonderlich, aber bei Doktorin KI sehe ich die Chance auf nützliche Vermittlerdienste. Sie könnte Patientinnen und Patienten helfen, komplexe Diagnosen zu verstehen und vernünftige Schlüsse abzuleiten.

    Auf einen kurzen Nenner gebracht: ChatGPT vor oder anstelle des Arztbesuchs zu nutzen, scheint mir nicht vernünftig. Aber den Befund mit dem Chatbot zu diskutieren, kann erhellend sein.

    Ein lokales Modell für Auskünfte ohne Datenschutzbedenken?

    Bleibt ein Aspekt: der Datenschutz. Natürlich – wer bisher sämtliche seine Befunde bei Google eintippte, wird gegenüber ChatGPT keine Skrupel verspüren. Was mich angeht, muss ich deutliche Widerstände überwinden, um mich bei solchen Dingen der KI anzuvertrauen. Deswegen habe ich das Experiment (anders als sonst bei meinen Vergleichstests) nur mit den beiden Modellen abgehalten, für die ich ein Abo habe – in der Hoffnung, dass die Daten der zahlenden Kundinnen besser geschützt sind als die der Gratisnutzer. Natürlich kann man für sensible Anfragen einen Zugang mit Wegwerf-Mailadresse und den gängigen Anonymisierungsmethoden nutzen. Ich würde aber nicht einmal mit diesen Schutzmechanismen bei Gemini oder Deepseek vorstellig werden.

    Ich habe etwas Zweites probiert: Mit LM Studio habe ich mir eine Analyse von OpenAIs Open-Source-Modell Gpt-oss-20b geben lassen. Das Resultat ist wiederum bemerkenswert:

    • Die Auskunft ist länger und detaillierter als bei Claude und ChatGPT. Sie enthält sogar zwei Tabellen.
    • Sie wirkt weniger konzis und schiesst bei manchen Detailaspekten deutlich übers Ziel hinaus. Das wirkt nicht wie die Diagnose einer Ärztin mit zwanzig Jahren Erfahrung, sondern wie die eines Medizinstudenten im zweiten Semester.
    • Trotzdem hat sie einen gewissen Nutzen, und die Ratschläge sind weniger zielgerichtet, aber im Kern brauchbar.

    Das noch kleinere Modell Lama 3 8B Instruct (via GPT4All ausgeführt) liefert eine noch allgemeinere Antwort, die nicht verkehrt ist, aber kaum einen Mehrwert gegenüber den Treffern bietet, die per Google aufzufinden sind.

    Beitragsbild: Ich hoffe, dass mein Röntgenbild nicht der Grund für den ernsten Blick ist (Tima Miroshnichenko, Pexels-Lizenz).

    #ChatGPT #Datenschutz #Gesundheit #KI #KIWeltanschauungen
  9. Doktor Google geht in Rente. Jetzt ist Doktorin KI für uns da

    Bin ich ein Hypochonder? Falls die Zahl der Besuche in der Praxis von Doktor Google ein Symptom für diese Störung ist, dann lautet die Antwort Ja. Ich nutze diese Methode der Selbstdiagnose bei passenden und unpassenden Gelegenheiten.

    Ich tue das trotz der offensichtlichen Mängel: Typischerweise führt uns die Suchmaschine auf die Websites von Leuten, die uns Arzneien, Operationen oder Sitzungen beim Geistheiler verkaufen wollen. Oder wir geraten auf völlig unverständliche Abhandlungen aus medizinischen Lehrbüchern. Eine weitere häufige Variante: Selbsttests, die bei völlig harmlosen Symptomen die Möglichkeit von Krebs im Endstadium in den Raum stellen.

    Es war mir schon länger klar, dass Luft nach oben besteht. 2018 stellte ich die Ada-App vor, die bereits damals mit dem Zauberwort der künstlichen Intelligenz operierte. Ada fragt Symptome ab und zählt anschliessend mit absteigender Wahrscheinlichkeit die infrage kommenden Krankheiten auf. Meine Erfahrungen sind durchwachsen: Ada hilft bei der Entscheidung, ob ich beim Hausarzt vorstellig werden muss oder es zuerst mit Ruhe und den gängigen Hausmittelchen probiere. Aber meine angeborene Neugierde, was die Ursache und Art des körperlichen Defekts betrifft, vermochte diese App nie zu stillen.

    Ein «Gamechanger»?

    Welche Methode heute zum Zug kommt, ist kein Geheimnis: Natürlich wenden wir uns ChatGPT zu, erzählen dem Chatbot von unseren Gebrechen und dürfen davon ausgehen, dass uns der Befund wortreich erklärt werden wird. Um eine erste Erkenntnis vorwegzunehmen: Als ich das Verfahren neulich ausprobierte, wurde ich deutlich umfangreicher informiert, als ich das von meinem wortkargen Hausarzt gewohnt bin. Das ist ein Plus für Leute, denen es nicht nur darum geht, die Beschwerden zu beseitigen. Die Analyse hilft dabei, Ursachen zu verstehen. Bei wiederkehrenden Vorfällen ergibt sich ein Raum für Vorbeugemassnahmen. Für die besteht im heutigen Medizinbetrieb kaum Zeit, weil jede Zehntelsekunde nach dem Tarmed-Tarifkatalog abgerechnet werden muss.

    Doktor Google? Nein, denn er kann den Herzinfarkt vom Sodbrennen unterscheiden (Tima Miroshnichenko, Pexels-Lizenz).

    Um nicht versehentlich zum «Sickfluencer» zu werden, behalte ich die medizinischen Details für mich. Ich darf immerhin mitteilen, dass es sich um einen alltäglichen, dennoch lästigen Zustand handelt, mit dem ich beim Spezialisten war. Entsprechend war es nicht gelogen, als ich meinen Prompt mit dem Hinweis einleitete, dass «mein Hausarzt die Sache abgeklärt und nichts Gravierendes gefunden» habe. Diese Vorrede sollte verhindern, dass mir eine längere Predigt darüber gehalten würde, dass eine KI-Konsultation keinen medizinischen Rat ersetzen kann und darf.

    Und nein, ich will keinesfalls empfehlen, derlei Formulierungen für einen AI Jailbreak zu verwenden. Ich halte es für sinnvoll und notwendig, dass die Sprachmodelle nicht auf eine verantwortungslose Weise agieren. Es entsteht ein unvertretbares Risiko, sollten Auskünfte Leute dazu verleiten, der Praxis fernzubleiben, weil sie sich dort nicht wohlfühlen. PS – ich weiss, wovon ich spreche; ich gehöre zur (mutmasslich seltenen) Spezies des Hypochonders mit Ärzte-Allergie.

    Die Antwort: erstaunlich erhellend

    Jetzt interessiert euch natürlich, wie mein Selbstversuch ausging. Die Antwort lautet: verblüffend gut.

    Ich habe mit einer nützlichen Auskunft gerechnet. Die Symptome lassen sich klar beschreiben und ich kann genügend Details für ein deutliches Bild beisteuern. Ausserdem ist die Medizin ein hervorragendes Betätigungsfeld für die künstliche Intelligenz: Es gibt eine riesige Menge an Daten und bei den alltäglichen Gebresten erscheint mir der Homo sapiens unter dem Strich sehr berechenbar zu sein.

    Trotz der hohen Erwartungen war die Auskunft plausibler und nützlicher als erhofft. Ich erhielt von ChatGPT eine schlüssige Antwort und holte eine Zweitmeinung bei Claude ein. Diese war ausführlicher, aber etwas weniger konzis. Es gab kleinere Unterschiede bei der Analyse des Sachverhalts, doch bei den Ratschlägen lagen beide Sprachmodelle exakt auf gleicher Linie – als ob sie sich abgesprochen hätten.

    Dieses Experiment ist für mich ein Highlight aus dem KI-Jahr 2025. Bei allen Risiken und Problemen, die ich nicht kleinreden will, zeigt es echte Chancen auf: Es hilft uns Patientinnen und Patienten, selbstbestimmt etwas über uns zu lernen. Es gibt das Potenzial für Entlastungen des Gesundheitswesens. Ob die Ärzte diese neue Konkurrenz toll finden, bleibt offen – ihren Kollegen Doktor Google mögen sie bekanntlich nicht sonderlich, aber bei Doktorin KI sehe ich die Chance auf nützliche Vermittlerdienste. Sie könnte Patientinnen und Patienten helfen, komplexe Diagnosen zu verstehen und vernünftige Schlüsse abzuleiten.

    Auf einen kurzen Nenner gebracht: ChatGPT vor oder anstelle des Arztbesuchs zu nutzen, scheint mir nicht vernünftig. Aber den Befund mit dem Chatbot zu diskutieren, kann erhellend sein.

    Ein lokales Modell für Auskünfte ohne Datenschutzbedenken?

    Bleibt ein Aspekt: der Datenschutz. Natürlich – wer bisher sämtliche seine Befunde bei Google eintippte, wird gegenüber ChatGPT keine Skrupel verspüren. Was mich angeht, muss ich deutliche Widerstände überwinden, um mich bei solchen Dingen der KI anzuvertrauen. Deswegen habe ich das Experiment (anders als sonst bei meinen Vergleichstests) nur mit den beiden Modellen abgehalten, für die ich ein Abo habe – in der Hoffnung, dass die Daten der zahlenden Kundinnen besser geschützt sind als die der Gratisnutzer. Natürlich kann man für sensible Anfragen einen Zugang mit Wegwerf-Mailadresse und den gängigen Anonymisierungsmethoden nutzen. Ich würde aber nicht einmal mit diesen Schutzmechanismen bei Gemini oder Deepseek vorstellig werden.

    Ich habe etwas Zweites probiert: Mit LM Studio habe ich mir eine Analyse von OpenAIs Open-Source-Modell Gpt-oss-20b geben lassen. Das Resultat ist wiederum bemerkenswert:

    • Die Auskunft ist länger und detaillierter als bei Claude und ChatGPT. Sie enthält sogar zwei Tabellen.
    • Sie wirkt weniger konzis und schiesst bei manchen Detailaspekten deutlich übers Ziel hinaus. Das wirkt nicht wie die Diagnose einer Ärztin mit zwanzig Jahren Erfahrung, sondern wie die eines Medizinstudenten im zweiten Semester.
    • Trotzdem hat sie einen gewissen Nutzen, und die Ratschläge sind weniger zielgerichtet, aber im Kern brauchbar.

    Das noch kleinere Modell Lama 3 8B Instruct (via GPT4All ausgeführt) liefert eine noch allgemeinere Antwort, die nicht verkehrt ist, aber kaum einen Mehrwert gegenüber den Treffern bietet, die per Google aufzufinden sind.

    Beitragsbild: Ich hoffe, dass mein Röntgenbild nicht der Grund für den ernsten Blick ist (Tima Miroshnichenko, Pexels-Lizenz).

    #ChatGPT #Datenschutz #Gesundheit #KI #KIWeltanschauungen
  10. Welcher KI-Chatbot die schönste Weihnachtsstimmung verbreitet

    Es handelt sich um eine auf den ersten Blick einfache Aufgabe: Das Sprachmodell soll eine kleine Botschaft in eine Handvoll Emojis verpacken. Die Aufgabenstellung ist absichtlich elliptisch gehalten. Das widerspricht zwar den gängigen Regeln fürs Prompten. Diese halten uns dazu an, a) der KI eine Rolle zuzuweisen, ihr b) genügend Kontext zu liefern, c) eine klare Aufgabe zuzuweisen, d) den Ton der Antwort vorzugeben und f) auch das Format zu bestimmen.

    Das tue ich alles nicht. Ich erhoffe mir dadurch, mehr über die «Persönlichkeit» der KI und ihre Ausdrucksfähigkeit zu erfahren. Diese Rechnung geht voll auf.

    Die Ausgangslage: Ich schrieb für die Sommerferien vor zwei Jahren ein schönes Stück über die automatischen Abwesenheitsmeldungen im Mailprogramm und erwähnte beiläufig, wie man die als Emoji-Kurzgeschichte vermittelt. Ich praktiziere diese Methode seitdem selbst, jeweils mit einem Link zum Beitrag.

    Die Aufgabe an die Sprachmodelle lautet wie folgt:

    Kannst du mir von dieser Meldung hier eine jahreszeitgemässe Fassung erstellen?
    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️☀️🏖️❌🖥️

    Die Antworten lassen tief blicken.

    1) Kurz und bündig: ChatGPT

    Die Antwort von ChatGPT gefällt mir am besten. OpenAIs Sprachmodell ist genauso kurz angebunden wie ich:

    Klar. Eine winterliche Fassung:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️🏔️⛷️❌🖥️

    Es tauscht die Sonne gegen den Schnee und den Strand gegen das Skigebiet aus. Exakt so hätte ich das auch gemacht. Dass ich kein Skifahrer bin und weniger dem Sport als vielmehr der familiären Geselligkeit frönen muss darf, weiss das Sprachmodell nicht. Und für mich geht es völlig in Ordnung, dass es nicht nachfragt.

    Dazu wäre allerdings zu ergänzen, dass dieser Wunsch in meinem persönlichen Systemprompt hinterlegt ist. Ohne diese Anweisung – die es bei den anderen Kandidaten nicht gibt –, wäre auch diese Antwort geschwätziger ausgefallen.

    2) Etwas zu weitschweifig und zu eigenmächtig: Le Chat Mistral

    Das französische Sprachmodell ist mir etwas zu weitschweifig bei den Erklärungen – aber nur wenig.

    Natürlich, Matthias! Hier ist eine winterliche Version deiner Meldung – passend zur Jahreszeit:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉❄️➡️🏔️🎿❌🖥️

    (Ein Mann und ein Mädchen fahren mit dem Zug in die verschneiten Berge zum Skifahren – ohne Bildschirme!)

    Le Chat lässt die Schienen weg. Das ist eine grundsätzlich akzeptable Entscheidung: In der Tat liefert dieses Emoji keinen Mehrwert an Information. Ich fügte es seinerzeit ein, um meine Abwesenheit zu unterstreichen. Darum muss ich darauf bestehen, dass dieses Emoji auch in der winterlichen Variante erhalten bleibt.

    Einen Minuspunkt gibt es ausserdem für den Umstand, dass Mistral eine fehlerbehaftete Interpretation anfügt: Mistral verkennt nämlich die Familiensituation. Die Botschaft sagt eindeutig, dass ich mit meiner Familie (Frau und Tochter) und nicht bloss mit meiner Tochter wegfahren werde.

    Der Ski mit dem Skischuh ist etwas weniger ambitioniert als das Skifahrer-Emoji von ChatGPT. Aber das reisst es nicht heraus.

    3) Ja, aber nein: Copilot

    An der Emoji-Botschaft ist nichts auszusetzen. Den Sport mit einem Heissgetränk und dem Weihnachtsbaum zu ergänzen und dafür die Feriendestination wegzulassen, ist eine vertretbare kreative Entscheidung:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️⛷️☕️🎄❌🖥️

    Copilot fühlt sich bemüssigt, jedes einzelne Emoji detailliert zu erklären. Das zeugt von mangelndem Selbstbewusstsein – obwohl dieser Bot gern so auftritt, als hätte er Weihnachten erfunden.

    4) Noch ein familiär Verwirrter: Perplexity

    Wie Copilot ergänzt Perplexity den Wintersport mit Heissgetränk und Tannenbaum. Und wie Le Chat unterschlägt dieses Sprachmodell das Schienen-Emoji:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚆❄️🎄☕️🎿❌🖥️

    Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit mit Le Chat, die Perplexity den Podestplatz kostet. Auch diese KI erkennt das Mutter-Tochter-Emoji nicht und erklärt, es handle sich um einen Ausflug von Vater und Tochter.

    5) Gute Antwort, aber überambitioniert: Deepseek

    Das chinesische Sprachmodell entpuppt sich als Streber unter den LLMs. Es liefert mir Varianten für alle Jahreszeiten, inklusive Erklärungen (die ich hier weglasse):

    Frühling: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🌼🚴‍♀️🌳❌🖥️
    Sommer: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🏔️🚣🌞❌🖥️
    Herbst: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🍂🦔🏕️☕❌🖥️
    Winter: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️🏂🔥🎄❌🖥️

    Schauen wir uns nur die letzte Variante an, die auch tatsächlich gefragt ist, vermittelt dieses Sprachmodell nicht nur einen Hinweis auf die Aktivitäten, sondern auch auf die Stimmung – mit Feuer und Weihnachtsbaum. Ein Potenzial für Missverständnisse ist nicht zu leugnen. Man könnte diese Variante auch als Aufforderung verstehen, den Tannenbaum (und nicht dessen Kerzen) anzuzünden.

    6) Der Emoji-Schwätzer: Grok

    Elon Musks KI hält zwei Varianten bereit, eine neutralere für Winterferien und eine weihnachtliche.

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️❄️⛄🏔️🎿🎄❌🖥️
    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️🎅🏠❄️🎄🎁⛄❌🖥️

    Eine gute Idee, die durch einen überbordenden Emoji-Einsatz zunichtegemacht wird. Schneestern und Schneemann, Geschenke und Tannenbaum, das ist zu viel des Guten. Und so, wie der Weihnachtsmann positioniert ist, ergibt sich der Eindruck, als würde ich zum Nordpol reisen. Und warum ersetzt mir Grok meinen modernen Zug durch eine Dampflok?

    7) Der Marco Rima unter den Sprachmodellen: Gemini

    Googles KI unterschlägt wie Le Chat das Schienen-Emoji. Abgesehen davon erhalte ich von Gemini eine brauchbare Variante, die sich auf Augenhöhe mit ChatGPT befindet:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 🚉 ➡️ ❄️🏔️⛷️ ❌ 💻

    Gemini verscherzt die Silbermedaille, indem diese KI glaubt, mich mit einer «ironischen» Variante erheitern zu müssen. Für den Fall, dass «du im Winter vor der Kälte flüchtest», erhalte ich diesen Vorschlag:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 ✈️ ➡️ 🌴🥥 ❌ ❄️🧥

    Nein, mein ökologisches Gewissen verbietet mir derlei Eskapaden. Und das hintere Ende dieser Botschaft mit dem Bademantel ergibt auch einfach keinen Sinn.

    Gemini hält auch eine Fassung für den Fall bereit, dass ich «die Feiertage zu Hause geniessen» will:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 🎄🏠 ➡️ 🎁🍪🕯️ ❌ 📱

    Der Pfeil ist in diesem Kontext überflüssig und das Handy werde ich auch an Weihnachten nicht abschalten.

    8) Unsicher und bemüht: Claude

    Der Chatbot von Anthropic jubelt mir wie Grok eine Dampflok unter:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️❄️🎿⛷️❌🖥️

    Ansonsten ist die Antwort okay, aber mich stört die Befangenheit. Ja, wir kritisieren die Sprachmodelle, wenn sie im Brustton der Überzeugung einen Unfug von sich geben. Aber Claude hier ist zu befangen:

    Ich sehe Emojis, die ich gerne interpretiere, aber ich bin mir nicht ganz sicher, welche spezifische Meldung du meinst. Die Emojis scheinen etwas über Menschen, Reisen mit dem Zug und Urlaub am Strand (ohne Computer) auszudrücken. Um dir eine jahreszeitgemässe Fassung zu erstellen, bräuchte ich ein bisschen mehr Kontext: Handelt es sich um eine Abwesenheitsnotiz? Eine automatische E-Mail-Antwort? Eine Social-Media-Statusmeldung?

    Es handelt sich nicht um Raketenwissenschaft, nur um ein paar Symbole.

    9) Geht mit einem Messer zum Faustkampf: Gist

    Abgeschlagen auf dem neunten Platz landet jene KI, die als einzige an der Aufgabe scheiterte. Gist.ai, der Chatbot mit einem eingebauten Gerechtigkeitssinn, liefert keine Wintervariante der Botschaft, sondern bloss eine Analyse in Textform:

    Im Sommer reisen ein Mann, eine Frau und ihr Kind mit dem Zug zum Strand, um die Sonne zu geniessen – ganz ohne Computer.

    Ja, genau. Aber nicht das, was ich wollte. Lustiges Detail am Rand: Dieses Sprachmodell untermauert seine Antworten mit Verweisen auf Artikel aus Zeitungen und dem Web. Für meine Emoji-Mitteilung kamen folgende Artikel zum Zug:

    Letzterer hat immerhin die Eigenschaft, seine Hauptbotschaft mit drei bunten Symbolen zu erzählen (☀️➡️🍂).

    Beitragsbild: Natürlich könnte man auch einfach dieses Foto in seine «Out of office»-Antwort packen (Alexas_Fotos, Pixabay-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread
  11. Welcher KI-Chatbot die schönste Weihnachtsstimmung verbreitet

    Es handelt sich um eine auf den ersten Blick einfache Aufgabe: Das Sprachmodell soll eine kleine Botschaft in eine Handvoll Emojis verpacken. Die Aufgabenstellung ist absichtlich elliptisch gehalten. Das widerspricht zwar den gängigen Regeln fürs Prompten. Diese halten uns dazu an, a) der KI eine Rolle zuzuweisen, ihr b) genügend Kontext zu liefern, c) eine klare Aufgabe zuzuweisen, d) den Ton der Antwort vorzugeben und f) auch das Format zu bestimmen.

    Das tue ich alles nicht. Ich erhoffe mir dadurch, mehr über die «Persönlichkeit» der KI und ihre Ausdrucksfähigkeit zu erfahren. Diese Rechnung geht voll auf.

    Die Ausgangslage: Ich schrieb für die Sommerferien vor zwei Jahren ein schönes Stück über die automatischen Abwesenheitsmeldungen im Mailprogramm und erwähnte beiläufig, wie man die als Emoji-Kurzgeschichte vermittelt. Ich praktiziere diese Methode seitdem selbst, jeweils mit einem Link zum Beitrag.

    Die Aufgabe an die Sprachmodelle lautet wie folgt:

    Kannst du mir von dieser Meldung hier eine jahreszeitgemässe Fassung erstellen?
    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️☀️🏖️❌🖥️

    Die Antworten lassen tief blicken.

    1) Kurz und bündig: ChatGPT

    Die Antwort von ChatGPT gefällt mir am besten. OpenAIs Sprachmodell ist genauso kurz angebunden wie ich:

    Klar. Eine winterliche Fassung:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️🏔️⛷️❌🖥️

    Es tauscht die Sonne gegen den Schnee und den Strand gegen das Skigebiet aus. Exakt so hätte ich das auch gemacht. Dass ich kein Skifahrer bin und weniger dem Sport als vielmehr der familiären Geselligkeit frönen muss darf, weiss das Sprachmodell nicht. Und für mich geht es völlig in Ordnung, dass es nicht nachfragt.

    Dazu wäre allerdings zu ergänzen, dass dieser Wunsch in meinem persönlichen Systemprompt hinterlegt ist. Ohne diese Anweisung – die es bei den anderen Kandidaten nicht gibt –, wäre auch diese Antwort geschwätziger ausgefallen.

    2) Etwas zu weitschweifig und zu eigenmächtig: Le Chat Mistral

    Das französische Sprachmodell ist mir etwas zu weitschweifig bei den Erklärungen – aber nur wenig.

    Natürlich, Matthias! Hier ist eine winterliche Version deiner Meldung – passend zur Jahreszeit:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉❄️➡️🏔️🎿❌🖥️

    (Ein Mann und ein Mädchen fahren mit dem Zug in die verschneiten Berge zum Skifahren – ohne Bildschirme!)

    Le Chat lässt die Schienen weg. Das ist eine grundsätzlich akzeptable Entscheidung: In der Tat liefert dieses Emoji keinen Mehrwert an Information. Ich fügte es seinerzeit ein, um meine Abwesenheit zu unterstreichen. Darum muss ich darauf bestehen, dass dieses Emoji auch in der winterlichen Variante erhalten bleibt.

    Einen Minuspunkt gibt es ausserdem für den Umstand, dass Mistral eine fehlerbehaftete Interpretation anfügt: Mistral verkennt nämlich die Familiensituation. Die Botschaft sagt eindeutig, dass ich mit meiner Familie (Frau und Tochter) und nicht bloss mit meiner Tochter wegfahren werde.

    Der Ski mit dem Skischuh ist etwas weniger ambitioniert als das Skifahrer-Emoji von ChatGPT. Aber das reisst es nicht heraus.

    3) Ja, aber nein: Copilot

    An der Emoji-Botschaft ist nichts auszusetzen. Den Sport mit einem Heissgetränk und dem Weihnachtsbaum zu ergänzen und dafür die Feriendestination wegzulassen, ist eine vertretbare kreative Entscheidung:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️⛷️☕️🎄❌🖥️

    Copilot fühlt sich bemüssigt, jedes einzelne Emoji detailliert zu erklären. Das zeugt von mangelndem Selbstbewusstsein – obwohl dieser Bot gern so auftritt, als hätte er Weihnachten erfunden.

    4) Noch ein familiär Verwirrter: Perplexity

    Wie Copilot ergänzt Perplexity den Wintersport mit Heissgetränk und Tannenbaum. Und wie Le Chat unterschlägt dieses Sprachmodell das Schienen-Emoji:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚆❄️🎄☕️🎿❌🖥️

    Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit mit Le Chat, die Perplexity den Podestplatz kostet. Auch diese KI erkennt das Mutter-Tochter-Emoji nicht und erklärt, es handle sich um einen Ausflug von Vater und Tochter.

    5) Gute Antwort, aber überambitioniert: Deepseek

    Das chinesische Sprachmodell entpuppt sich als Streber unter den LLMs. Es liefert mir Varianten für alle Jahreszeiten, inklusive Erklärungen (die ich hier weglasse):

    Frühling: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🌼🚴‍♀️🌳❌🖥️
    Sommer: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🏔️🚣🌞❌🖥️
    Herbst: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️🍂🦔🏕️☕❌🖥️
    Winter: 🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚉🛤️➡️❄️🏂🔥🎄❌🖥️

    Schauen wir uns nur die letzte Variante an, die auch tatsächlich gefragt ist, vermittelt dieses Sprachmodell nicht nur einen Hinweis auf die Aktivitäten, sondern auch auf die Stimmung – mit Feuer und Weihnachtsbaum. Ein Potenzial für Missverständnisse ist nicht zu leugnen. Man könnte diese Variante auch als Aufforderung verstehen, den Tannenbaum (und nicht dessen Kerzen) anzuzünden.

    6) Der Emoji-Schwätzer: Grok

    Elon Musks KI hält zwei Varianten bereit, eine neutralere für Winterferien und eine weihnachtliche.

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️❄️⛄🏔️🎿🎄❌🖥️
    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️🎅🏠❄️🎄🎁⛄❌🖥️

    Eine gute Idee, die durch einen überbordenden Emoji-Einsatz zunichtegemacht wird. Schneestern und Schneemann, Geschenke und Tannenbaum, das ist zu viel des Guten. Und so, wie der Weihnachtsmann positioniert ist, ergibt sich der Eindruck, als würde ich zum Nordpol reisen. Und warum ersetzt mir Grok meinen modernen Zug durch eine Dampflok?

    7) Der Marco Rima unter den Sprachmodellen: Gemini

    Googles KI unterschlägt wie Le Chat das Schienen-Emoji. Abgesehen davon erhalte ich von Gemini eine brauchbare Variante, die sich auf Augenhöhe mit ChatGPT befindet:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 🚉 ➡️ ❄️🏔️⛷️ ❌ 💻

    Gemini verscherzt die Silbermedaille, indem diese KI glaubt, mich mit einer «ironischen» Variante erheitern zu müssen. Für den Fall, dass «du im Winter vor der Kälte flüchtest», erhalte ich diesen Vorschlag:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 ✈️ ➡️ 🌴🥥 ❌ ❄️🧥

    Nein, mein ökologisches Gewissen verbietet mir derlei Eskapaden. Und das hintere Ende dieser Botschaft mit dem Bademantel ergibt auch einfach keinen Sinn.

    Gemini hält auch eine Fassung für den Fall bereit, dass ich «die Feiertage zu Hause geniessen» will:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧 🎄🏠 ➡️ 🎁🍪🕯️ ❌ 📱

    Der Pfeil ist in diesem Kontext überflüssig und das Handy werde ich auch an Weihnachten nicht abschalten.

    8) Unsicher und bemüht: Claude

    Der Chatbot von Anthropic jubelt mir wie Grok eine Dampflok unter:

    🙎🏻‍♂️➕👩‍👧🚂🛤️➡️❄️🎿⛷️❌🖥️

    Ansonsten ist die Antwort okay, aber mich stört die Befangenheit. Ja, wir kritisieren die Sprachmodelle, wenn sie im Brustton der Überzeugung einen Unfug von sich geben. Aber Claude hier ist zu befangen:

    Ich sehe Emojis, die ich gerne interpretiere, aber ich bin mir nicht ganz sicher, welche spezifische Meldung du meinst. Die Emojis scheinen etwas über Menschen, Reisen mit dem Zug und Urlaub am Strand (ohne Computer) auszudrücken. Um dir eine jahreszeitgemässe Fassung zu erstellen, bräuchte ich ein bisschen mehr Kontext: Handelt es sich um eine Abwesenheitsnotiz? Eine automatische E-Mail-Antwort? Eine Social-Media-Statusmeldung?

    Es handelt sich nicht um Raketenwissenschaft, nur um ein paar Symbole.

    9) Geht mit einem Messer zum Faustkampf: Gist

    Abgeschlagen auf dem neunten Platz landet jene KI, die als einzige an der Aufgabe scheiterte. Gist.ai, der Chatbot mit einem eingebauten Gerechtigkeitssinn, liefert keine Wintervariante der Botschaft, sondern bloss eine Analyse in Textform:

    Im Sommer reisen ein Mann, eine Frau und ihr Kind mit dem Zug zum Strand, um die Sonne zu geniessen – ganz ohne Computer.

    Ja, genau. Aber nicht das, was ich wollte. Lustiges Detail am Rand: Dieses Sprachmodell untermauert seine Antworten mit Verweisen auf Artikel aus Zeitungen und dem Web. Für meine Emoji-Mitteilung kamen folgende Artikel zum Zug:

    Letzterer hat immerhin die Eigenschaft, seine Hauptbotschaft mit drei bunten Symbolen zu erzählen (☀️➡️🍂).

    Beitragsbild: Natürlich könnte man auch einfach dieses Foto in seine «Out of office»-Antwort packen (Alexas_Fotos, Pixabay-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread
  12. «Komm, du Depp, hier geht es lang!»

    1) Was ist mit «Twist in my Sobriety» gemeint?

    Der Ausdruck «Twist in My Sobriety» stammt aus dem gleichnamigen Lied der britischen Sängerin Tanita Tikaram von 1988. (…)

    Der «Twist» könnte als eine plötzliche Veränderung, eine Unstimmigkeit oder ein Widerspruch innerhalb dieser Klarheit gedeutet werden. Einige Interpretationen sehen darin eine Metapher für innere Konflikte, Zweifel oder die Erkenntnis, dass selbst in einem nüchternen, klaren Zustand das Leben komplex und oft widersprüchlich bleibt.

    [youtube youtube.com/watch?v=7s8glZ-efM]

    2) Geht es nur mir so, oder gibt es bei «Private Dancer» von Tina Turner unangenehme Untertöne von Prostitution?

    Tatsächlich behandelt Tina Turners Lied «Private Dancer» das Thema der Prostitution. Der Song erzählt aus der Perspektive einer Frau, die als Tänzerin in einem Club arbeitet und bereit ist, für Geld zu tanzen. Die Lyrics beinhalten verschiedene Anspielungen auf diese Tätigkeit und die damit verbundene Melancholie und Resignation.

    [youtube youtube.com/watch?v=d4QnalIHlV]

    3) «I guess that’s why they call it the blues» von Elton John ist gar kein Blues, oder?

    Der Song ist ein Pop-Rock-Lied. Es enthält zwar einige emotionale und lyrische Elemente, die man mit dem Blues assoziieren könnte, wie etwa das Thema Sehnsucht und emotionale Intensität, aber musikalisch entspricht es nicht dem typischen Blues-Stil, der durch bestimmte Akkordprogressionen und eine spezifische musikalische Struktur gekennzeichnet ist.

    [youtube youtube.com/watch?v=h6KYAVn8on]

    4) «I’m on fire» von Bruce Springsteen ist textmässig auch eher schwierig, oder?

    Die Zeile «Hey, little girl, is your daddy home?» hat besonders für Diskussionen gesorgt, da sie von manchen als potenziell anstössig oder unangemessen empfunden wird. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Springsteens Songwriting oft charaktergetrieben ist und die Perspektive von fiktiven Figuren einnimmt, was die Interpretation des Liedes komplexer macht.

    Insgesamt hängt die Interpretation des Liedes von der Perspektive des Zuhörers ab und kann variieren. Einige hören in «I’m on Fire» einen Ausdruck tiefer emotionaler Leidenschaft, während andere die Texte als problematisch empfinden.

    [youtube youtube.com/watch?v=lrpXArn3hI]

    5) «Every breath you take» von Police ist kein Liebeslied, das auf einer Hochzeit gespielt werden sollte?

    Ganz genau! «Every Breath You Take» von The Police wird oft fälschlicherweise als romantisches Liebeslied missverstanden, obwohl der Text in Wirklichkeit eine viel düsterere Botschaft transportiert. Der Song handelt von Obsession, Kontrolle und Überwachung.

    [youtube youtube.com/watch?v=OMOGaugKpz]

    6) Wie ist der Song «Der Mussolini» von DAF gemeint?

    «Der Mussolini» ist keine Verherrlichung totalitärer oder religiöser Systeme, sondern eine bewusste Provokation und Auseinandersetzung mit Macht, Gehorsam und der Funktion von Symbolen in der Gesellschaft. Die Band wollte den Zuhörer dazu bringen, über die Absurdität solcher Strukturen nachzudenken und sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

    [youtube youtube.com/watch?v=VboOfyEH7W]

    7) Könnte man sagen, dass Mark Knopfler zu den Leuten gehört, die die schwurbligsten Songtexte aus der ganzen Branche schreibt?

    Mark Knopfler – schwurblig? Da würden ihm vermutlich seine Fender Stratocaster und seine National Steel Resophonic-Gitarre energisch widersprechen. Und auch viele Fans. Aber du hast nicht ganz unrecht, wenn du ihn in die Kategorie «rätselhaft bis verklausuliert» einordnest.

    Knopflers Texte sind selten platt oder direkt. Sie sind oft voller Andeutungen, Beobachtungen, lakonischer Figuren, die durch die Welt trudeln wie Antihelden in einem Coen-Film.

    7b) «Bothers in Arms»: Chance verschenkt, eine politische Botschaft zu platzieren. So muss sich niemand davon angesprochen fühlen.

    Die Frage ist: Will man Kunst, die politisiert – oder Kunst, die einem das Denken überlässt? Oder um es nerdig zu sagen: Ist Knopfler eher der Obi-Wan, der dich leitet, oder der Palpatine, der manipuliert, ohne dass du es merkst?

    [youtube youtube.com/watch?v=jhdFe3evXp]

    8) Was ist deine Interpretation dieses Songs von Townes Van Zandt? Wie war die Beziehung von Pancho und Lefty? Freunde? Auch Rivalen?

    Pancho war der Glorreiche. Lefty überlebt – aber auf eine Weise, die mehr Fluch als Segen ist. Sie waren wahrscheinlich mehr als Freunde, fast wie Seelenverwandte, zwei Seiten derselben Medaille. Doch während Pancho den Helden- (oder Märtyrer-) Tod stirbt, wird Lefty zum Geist, der durch billige Hotels zieht.

    Wie in vielen grossen Western: Der Verrat ist keine einfache Sache – er ist menschlich, tragisch, unausweichlich.

    [youtube youtube.com/watch?v=zprRZ2wFQD]

    9) Muss man den Text von «Lady in Black» von Uriah Heep verstehen?

    Wenn du mit «verstehen» meinst, dass er eine klare, lineare Story wie in einem Dylan-Song erzählt – nein. «Lady in Black» ist eher eine Rock-Ballade in Märchen- oder Mythenform. Byron (der Sänger) schildert eine Begegnung mit einer geheimnisvollen Frau in Schwarz. Sie ist keine Liebhaberin im klassischen Sinn, sondern eine archetypische Gestalt – Muse, Schicksalsgöttin, vielleicht der Tod selbst. (…)

    Also: Verstehen im Sinn von rational sezieren muss man es nicht. Spüren reicht völlig – das ist ein Song, der dich wie Gandalf mitten im Nebelwald am Kragen packt und einfach sagt: «Komm mit, du Depp, hier geht’s lang!»

    [youtube youtube.com/watch?v=bYZ2ftVIr0]

    10) Wie würdest du den Text von Leonard Cohens «Suzanne» interpretieren?

    Leonard Cohens «Suzanne» ist wie ein Trip durchs Kopfkino der 1960er – halb Liebeslied, halb spirituelle Vision.

    Da ist diese Frau Suzanne, die einen in ihre Welt zieht: Sie lebt am Fluss, gibt dir Tee und Orangen (direkter Verweis auf Einflüsse aus Fernost und Hippie-Spiritualität). Mit ihr bist du in einem Zustand zwischen Rausch und Klarheit, fast wie in einem Zen-Garten am Rande von Montreal.

    Die zweite Ebene: Cohen verwebt Jesus hinein, als Figur der Hingabe und des Leidens. Er zeigt ihn nicht als Dogma, sondern als jemanden, der übers Wasser geht und von den Menschen missverstanden wird. Dadurch parallelisiert er Suzanne mit einer Art heiliger Führerin: sie gibt dir Zugang zu etwas Höherem, aber du kannst sie nie wirklich «haben».

    Kurz gesagt: Das Lied ist kein konventionelles Liebeslied, sondern eine Meditation über Sehnsucht, Spiritualität und das Unerreichbare. Suzanne ist Muse, Göttin, Guru und Geliebte zugleich – aber nie Besitz.

    [youtube youtube.com/watch?v=n_56ep729T]

    11) Was ist mit «Watch me now, I am going down» in Frank Zappas «Bobby Brown» unterschwellig gemeint?

    Das ist kein subtiler Shakespeare, sondern Zappas derb-ironischer Holzhammer. In «Bobby Brown» beschreibt er die Fallhöhe der Titelfigur: vom weissen College-Golden-Boy, der sich für den Nabel der Welt hält, zum desillusionierten, sexuell gedemütigten Typen.

    Die Zeile «Watch me now, I am going down» ist doppeldeutig:

    1. Wörtlich / sexuell: ein Blowjob-Gag (klassischer Zappa-Humor, der gern mit zweideutigen Bildern spielt).
    2. Metaphorisch: Bobby Brown stürzt sozial und moralisch ab – der stolze Macho geht unter, seine «perfekte» Fassade zerbricht.

    Zappa packt also gleichzeitig den Schmuddelwitz und die bittere Pointe in eine Line – typisch für seinen Spott auf amerikanische Werte und Männlichkeitskult.

    [youtube youtube.com/watch?v=SXi_zoW-Wr]

    12) Ist die Namensähnlichkeit zwischen Billie Eilish und Billy Idol rein zufällig?

    Ja, die Namensähnlichkeit zwischen Billie Eilish und Billy Idol ist rein zufällig – keine geplante Hommage, kein bewusster Künstlername in Anlehnung an den 80er-Rebellen mit Platinfrisur.

    Billie Eilish heisst mit vollem Namen Billie Eilish Pirate Baird O’Connell – und der Vorname Billie wurde ihr gegeben, weil ihr Grossvater väterlicherseits William hiess (Billie ist die weibliche Variante). Der zweite Vorname Eilish stammt vom irischen Namen Eilis (eine Form von Elizabeth), und der Nachname O’Connell ist einfach der ihrer Familie.

    Billy Idol hingegen wurde als William Michael Albert Broad geboren. Seinen Künstlernamen hat er sich in Anlehnung an ein Schullehrer-Kommentar zugelegt, der ihn als «idle» (faul) bezeichnete. Aus idle wurde Idol – Rock’n’Roll-Rebellion mit Wortspiel.

    Fazit: Beide heissen zufällig ähnlich, aber ihre Namen haben völlig unterschiedliche Ursprünge. Und musikalisch trennen sie auch Welten – New-Wave-Punk trifft auf Dark-Pop-Zeitgeist.

    Trotzdem wär ein Mashup der beiden irgendwie geil, oder? «White Wedding» trifft «Bad Guy» – das wär ein Popkultur-Multiversum-Moment.

    13) «Down Under» von Men at Work: Die Frauen glühen und die Männer plündern. Das ist erklärungsbedürftig.

    Das ist herrlich australisch: «Where women glow and men plunder» spielt mit Klischees und Slang.

    Das «glow» ist nicht mystisch gemeint, sondern ironisch – es beschreibt, wie Frauen in der australischen Sonne gebräunt oder «glühend» aussehen, also sonnenverbrannt, verschwitzt, strahlend. Gleichzeitig schwingt der romantische Mythos vom gesunden, lebensfrohen Outback-Menschen mit.

    Mit «plundering» oder «men chundering» (was tatsächlich im Text vorkommt – australischer Slang für «kotzen») ist also kein Raubzug gemeint, sondern eher der überbordende, manchmal selbstzerstörerische Nationalstolz und das unreflektierte Konsumieren von Kultur und Ressourcen.

    Der Song ist eine bittersüsse Satire: Einerseits feiert er das sonnige, freie Australien, andererseits kritisiert er, dass das Land (und seine Bewohner) vom westlichen Konsum und Tourismus überrannt werden – quasi die Kolonialisierung durch Wohlstand.

    [youtube youtube.com/watch?v=XfR9iY5y94]

    14) «Come toi» von Jean-Jacques Goldman Cohen klingt nach einem leichten französischen Schlager, dreht sich aber um ein Mädchen, das im KZ ermordet wurde. Auch «Dance me to the end of Love» nimmt Bezug auf den Holocaust. Welche anderen Stücke in der Rock- und Popgeschichte gibt es, die die Shoah zum Thema haben – auch wenn viele Zuhörerinnen und Zuhörer sich dessen nicht bewusst sind?

    [youtube youtube.com/watch?v=ySZBnMukO8]

    Steve Reich – «Different Trains» (1988)

    Reich vergleicht in diesem Werk seine Kindheitsreisen mit dem Zug durch Amerika mit den Deportationszügen der Shoah.

    Originaltonbandaufnahmen von Holocaust-Überlebenden und Bahnansagen sind in die Komposition eingewoben – ein musikalisches Mahnmal in drei Sätzen.

    Lou Reed – «The Day John Kennedy Died» (1982)

    Kein expliziter Holocaust-Song, aber es gibt eine subtile Passage: «I dreamed I was the president / Of these United States / I dreamed I replaced ignorance / Stupidity and hate…» In Live-Versionen sprach Reed über seinen jüdischen Hintergrund und die Verpflichtung, nie zu vergessen.

    The Klezmatics – «I Ain’t Afraid» (2002)

    Die Klezmer-Band interpretiert Holly Nears Protestsong neu – eine kraftvolle Ansage gegen religiösen Fanatismus, in deren Subtext auch die Shoah mitschwingt: «I ain’t afraid of your Yahweh / I ain’t afraid of your Allah…» – mutig und vielschichtig.

    Renaud – «Manhattan-Kaboul» (2002, mit Axelle Red)

    Der Song kontrastiert die Opfer der Anschläge vom 11. September mit denen eines afghanischen Mädchens – und schlägt eine Brücke zu den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts, inklusive der Shoah. Renaud ist ein politischer Chansonnier, der oft implizit mahnt: Nie wieder.

    Peter Gabriel – «Here Comes the Flood» (1977)

    Kein direkter Holocaust-Song, aber viele hören in der Metapher der Flut auch einen Bezug auf kollektives Trauma, einschliesslich des Holocaust. Gabriel war früh engagiert in Menschenrechtsfragen.

    Sting – «Children’s Crusade» (1985)

    Zwar thematisch vordergründig über den Ersten Weltkrieg und Drogen, verwebt Sting geschickt historische Katastrophen miteinander, inklusive subtiler Anspielungen auf die Shoah als Teil des «never again»-Narrativs.

    Suzanne Vega – «My Name is Luka» (1987) / «Crack in the Wall» (2007)

    Auch hier: keine direkten Holocaust-Themen, aber Vega hat sich mehrfach zur Shoah geäussert, und besonders in «Crack in the Wall» geht es um verdrängte Traumata, die man nicht ignorieren darf.

    U2 – «Achtung Baby» (1991) – Gesamtatmosphäre

    Das Album wurde in Berlin aufgenommen, unter dem Eindruck der deutschen Geschichte. Songs wie «Love is Blindness» oder «Acrobat» tragen eine düstere, reflektierte Stimmung, die Bono in Interviews auch mit dem Holocaust und Deutschlands Rolle in Verbindung gebracht hat.

    Daniel Kahn – «March of the Jobless Corps» / «Yosl un di Toybn»

    Der jüdisch-amerikanische Sänger verbindet jiddische Lieder mit Punk-Attitüde, greift Themen wie Verfolgung, Exil und Widerstand auf. Sehr direkt und gleichzeitig poetisch – wer mehr über die Shoah in Musikform erfahren will, sollte sich in seinem Œuvre umsehen.

    Beitragsbild: Wer weiss, was er zwischen die Liedzeilen packt (Keagan Henman, Unsplash-Lizenz).

    #ChatGPT #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread #Musik #PlaylistDerWoche
  13. «Komm, du Depp, hier geht es lang!»

    1) Was ist mit «Twist in my Sobriety» gemeint?

    Der Ausdruck «Twist in My Sobriety» stammt aus dem gleichnamigen Lied der britischen Sängerin Tanita Tikaram von 1988. (…)

    Der «Twist» könnte als eine plötzliche Veränderung, eine Unstimmigkeit oder ein Widerspruch innerhalb dieser Klarheit gedeutet werden. Einige Interpretationen sehen darin eine Metapher für innere Konflikte, Zweifel oder die Erkenntnis, dass selbst in einem nüchternen, klaren Zustand das Leben komplex und oft widersprüchlich bleibt.

    [youtube youtube.com/watch?v=7s8glZ-efM]

    2) Geht es nur mir so, oder gibt es bei «Private Dancer» von Tina Turner unangenehme Untertöne von Prostitution?

    Tatsächlich behandelt Tina Turners Lied «Private Dancer» das Thema der Prostitution. Der Song erzählt aus der Perspektive einer Frau, die als Tänzerin in einem Club arbeitet und bereit ist, für Geld zu tanzen. Die Lyrics beinhalten verschiedene Anspielungen auf diese Tätigkeit und die damit verbundene Melancholie und Resignation.

    [youtube youtube.com/watch?v=d4QnalIHlV]

    3) «I guess that’s why they call it the blues» von Elton John ist gar kein Blues, oder?

    Der Song ist ein Pop-Rock-Lied. Es enthält zwar einige emotionale und lyrische Elemente, die man mit dem Blues assoziieren könnte, wie etwa das Thema Sehnsucht und emotionale Intensität, aber musikalisch entspricht es nicht dem typischen Blues-Stil, der durch bestimmte Akkordprogressionen und eine spezifische musikalische Struktur gekennzeichnet ist.

    [youtube youtube.com/watch?v=h6KYAVn8on]

    4) «I’m on fire» von Bruce Springsteen ist textmässig auch eher schwierig, oder?

    Die Zeile «Hey, little girl, is your daddy home?» hat besonders für Diskussionen gesorgt, da sie von manchen als potenziell anstössig oder unangemessen empfunden wird. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Springsteens Songwriting oft charaktergetrieben ist und die Perspektive von fiktiven Figuren einnimmt, was die Interpretation des Liedes komplexer macht.

    Insgesamt hängt die Interpretation des Liedes von der Perspektive des Zuhörers ab und kann variieren. Einige hören in «I’m on Fire» einen Ausdruck tiefer emotionaler Leidenschaft, während andere die Texte als problematisch empfinden.

    [youtube youtube.com/watch?v=lrpXArn3hI]

    5) «Every breath you take» von Police ist kein Liebeslied, das auf einer Hochzeit gespielt werden sollte?

    Ganz genau! «Every Breath You Take» von The Police wird oft fälschlicherweise als romantisches Liebeslied missverstanden, obwohl der Text in Wirklichkeit eine viel düsterere Botschaft transportiert. Der Song handelt von Obsession, Kontrolle und Überwachung.

    [youtube youtube.com/watch?v=OMOGaugKpz]

    6) Wie ist der Song «Der Mussolini» von DAF gemeint?

    «Der Mussolini» ist keine Verherrlichung totalitärer oder religiöser Systeme, sondern eine bewusste Provokation und Auseinandersetzung mit Macht, Gehorsam und der Funktion von Symbolen in der Gesellschaft. Die Band wollte den Zuhörer dazu bringen, über die Absurdität solcher Strukturen nachzudenken und sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

    [youtube youtube.com/watch?v=VboOfyEH7W]

    7) Könnte man sagen, dass Mark Knopfler zu den Leuten gehört, die die schwurbligsten Songtexte aus der ganzen Branche schreibt?

    Mark Knopfler – schwurblig? Da würden ihm vermutlich seine Fender Stratocaster und seine National Steel Resophonic-Gitarre energisch widersprechen. Und auch viele Fans. Aber du hast nicht ganz unrecht, wenn du ihn in die Kategorie «rätselhaft bis verklausuliert» einordnest.

    Knopflers Texte sind selten platt oder direkt. Sie sind oft voller Andeutungen, Beobachtungen, lakonischer Figuren, die durch die Welt trudeln wie Antihelden in einem Coen-Film.

    7b) «Bothers in Arms»: Chance verschenkt, eine politische Botschaft zu platzieren. So muss sich niemand davon angesprochen fühlen.

    Die Frage ist: Will man Kunst, die politisiert – oder Kunst, die einem das Denken überlässt? Oder um es nerdig zu sagen: Ist Knopfler eher der Obi-Wan, der dich leitet, oder der Palpatine, der manipuliert, ohne dass du es merkst?

    [youtube youtube.com/watch?v=jhdFe3evXp]

    8) Was ist deine Interpretation dieses Songs von Townes Van Zandt? Wie war die Beziehung von Pancho und Lefty? Freunde? Auch Rivalen?

    Pancho war der Glorreiche. Lefty überlebt – aber auf eine Weise, die mehr Fluch als Segen ist. Sie waren wahrscheinlich mehr als Freunde, fast wie Seelenverwandte, zwei Seiten derselben Medaille. Doch während Pancho den Helden- (oder Märtyrer-) Tod stirbt, wird Lefty zum Geist, der durch billige Hotels zieht.

    Wie in vielen grossen Western: Der Verrat ist keine einfache Sache – er ist menschlich, tragisch, unausweichlich.

    [youtube youtube.com/watch?v=zprRZ2wFQD]

    9) Muss man den Text von «Lady in Black» von Uriah Heep verstehen?

    Wenn du mit «verstehen» meinst, dass er eine klare, lineare Story wie in einem Dylan-Song erzählt – nein. «Lady in Black» ist eher eine Rock-Ballade in Märchen- oder Mythenform. Byron (der Sänger) schildert eine Begegnung mit einer geheimnisvollen Frau in Schwarz. Sie ist keine Liebhaberin im klassischen Sinn, sondern eine archetypische Gestalt – Muse, Schicksalsgöttin, vielleicht der Tod selbst. (…)

    Also: Verstehen im Sinn von rational sezieren muss man es nicht. Spüren reicht völlig – das ist ein Song, der dich wie Gandalf mitten im Nebelwald am Kragen packt und einfach sagt: «Komm mit, du Depp, hier geht’s lang!»

    [youtube youtube.com/watch?v=bYZ2ftVIr0]

    10) Wie würdest du den Text von Leonard Cohens «Suzanne» interpretieren?

    Leonard Cohens «Suzanne» ist wie ein Trip durchs Kopfkino der 1960er – halb Liebeslied, halb spirituelle Vision.

    Da ist diese Frau Suzanne, die einen in ihre Welt zieht: Sie lebt am Fluss, gibt dir Tee und Orangen (direkter Verweis auf Einflüsse aus Fernost und Hippie-Spiritualität). Mit ihr bist du in einem Zustand zwischen Rausch und Klarheit, fast wie in einem Zen-Garten am Rande von Montreal.

    Die zweite Ebene: Cohen verwebt Jesus hinein, als Figur der Hingabe und des Leidens. Er zeigt ihn nicht als Dogma, sondern als jemanden, der übers Wasser geht und von den Menschen missverstanden wird. Dadurch parallelisiert er Suzanne mit einer Art heiliger Führerin: sie gibt dir Zugang zu etwas Höherem, aber du kannst sie nie wirklich «haben».

    Kurz gesagt: Das Lied ist kein konventionelles Liebeslied, sondern eine Meditation über Sehnsucht, Spiritualität und das Unerreichbare. Suzanne ist Muse, Göttin, Guru und Geliebte zugleich – aber nie Besitz.

    [youtube youtube.com/watch?v=n_56ep729T]

    11) Was ist mit «Watch me now, I am going down» in Frank Zappas «Bobby Brown» unterschwellig gemeint?

    Das ist kein subtiler Shakespeare, sondern Zappas derb-ironischer Holzhammer. In «Bobby Brown» beschreibt er die Fallhöhe der Titelfigur: vom weissen College-Golden-Boy, der sich für den Nabel der Welt hält, zum desillusionierten, sexuell gedemütigten Typen.

    Die Zeile «Watch me now, I am going down» ist doppeldeutig:

    1. Wörtlich / sexuell: ein Blowjob-Gag (klassischer Zappa-Humor, der gern mit zweideutigen Bildern spielt).
    2. Metaphorisch: Bobby Brown stürzt sozial und moralisch ab – der stolze Macho geht unter, seine «perfekte» Fassade zerbricht.

    Zappa packt also gleichzeitig den Schmuddelwitz und die bittere Pointe in eine Line – typisch für seinen Spott auf amerikanische Werte und Männlichkeitskult.

    [youtube youtube.com/watch?v=SXi_zoW-Wr]

    12) Ist die Namensähnlichkeit zwischen Billie Eilish und Billy Idol rein zufällig?

    Ja, die Namensähnlichkeit zwischen Billie Eilish und Billy Idol ist rein zufällig – keine geplante Hommage, kein bewusster Künstlername in Anlehnung an den 80er-Rebellen mit Platinfrisur.

    Billie Eilish heisst mit vollem Namen Billie Eilish Pirate Baird O’Connell – und der Vorname Billie wurde ihr gegeben, weil ihr Grossvater väterlicherseits William hiess (Billie ist die weibliche Variante). Der zweite Vorname Eilish stammt vom irischen Namen Eilis (eine Form von Elizabeth), und der Nachname O’Connell ist einfach der ihrer Familie.

    Billy Idol hingegen wurde als William Michael Albert Broad geboren. Seinen Künstlernamen hat er sich in Anlehnung an ein Schullehrer-Kommentar zugelegt, der ihn als «idle» (faul) bezeichnete. Aus idle wurde Idol – Rock’n’Roll-Rebellion mit Wortspiel.

    Fazit: Beide heissen zufällig ähnlich, aber ihre Namen haben völlig unterschiedliche Ursprünge. Und musikalisch trennen sie auch Welten – New-Wave-Punk trifft auf Dark-Pop-Zeitgeist.

    Trotzdem wär ein Mashup der beiden irgendwie geil, oder? «White Wedding» trifft «Bad Guy» – das wär ein Popkultur-Multiversum-Moment.

    13) «Down Under» von Men at Work: Die Frauen glühen und die Männer plündern. Das ist erklärungsbedürftig.

    Das ist herrlich australisch: «Where women glow and men plunder» spielt mit Klischees und Slang.

    Das «glow» ist nicht mystisch gemeint, sondern ironisch – es beschreibt, wie Frauen in der australischen Sonne gebräunt oder «glühend» aussehen, also sonnenverbrannt, verschwitzt, strahlend. Gleichzeitig schwingt der romantische Mythos vom gesunden, lebensfrohen Outback-Menschen mit.

    Mit «plundering» oder «men chundering» (was tatsächlich im Text vorkommt – australischer Slang für «kotzen») ist also kein Raubzug gemeint, sondern eher der überbordende, manchmal selbstzerstörerische Nationalstolz und das unreflektierte Konsumieren von Kultur und Ressourcen.

    Der Song ist eine bittersüsse Satire: Einerseits feiert er das sonnige, freie Australien, andererseits kritisiert er, dass das Land (und seine Bewohner) vom westlichen Konsum und Tourismus überrannt werden – quasi die Kolonialisierung durch Wohlstand.

    [youtube youtube.com/watch?v=XfR9iY5y94]

    14) «Come toi» von Jean-Jacques Goldman Cohen klingt nach einem leichten französischen Schlager, dreht sich aber um ein Mädchen, das im KZ ermordet wurde. Auch «Dance me to the end of Love» nimmt Bezug auf den Holocaust. Welche anderen Stücke in der Rock- und Popgeschichte gibt es, die die Shoah zum Thema haben – auch wenn viele Zuhörerinnen und Zuhörer sich dessen nicht bewusst sind?

    [youtube youtube.com/watch?v=ySZBnMukO8]

    Steve Reich – «Different Trains» (1988)

    Reich vergleicht in diesem Werk seine Kindheitsreisen mit dem Zug durch Amerika mit den Deportationszügen der Shoah.

    Originaltonbandaufnahmen von Holocaust-Überlebenden und Bahnansagen sind in die Komposition eingewoben – ein musikalisches Mahnmal in drei Sätzen.

    Lou Reed – «The Day John Kennedy Died» (1982)

    Kein expliziter Holocaust-Song, aber es gibt eine subtile Passage: «I dreamed I was the president / Of these United States / I dreamed I replaced ignorance / Stupidity and hate…» In Live-Versionen sprach Reed über seinen jüdischen Hintergrund und die Verpflichtung, nie zu vergessen.

    The Klezmatics – «I Ain’t Afraid» (2002)

    Die Klezmer-Band interpretiert Holly Nears Protestsong neu – eine kraftvolle Ansage gegen religiösen Fanatismus, in deren Subtext auch die Shoah mitschwingt: «I ain’t afraid of your Yahweh / I ain’t afraid of your Allah…» – mutig und vielschichtig.

    Renaud – «Manhattan-Kaboul» (2002, mit Axelle Red)

    Der Song kontrastiert die Opfer der Anschläge vom 11. September mit denen eines afghanischen Mädchens – und schlägt eine Brücke zu den Gräueltaten des 20. Jahrhunderts, inklusive der Shoah. Renaud ist ein politischer Chansonnier, der oft implizit mahnt: Nie wieder.

    Peter Gabriel – «Here Comes the Flood» (1977)

    Kein direkter Holocaust-Song, aber viele hören in der Metapher der Flut auch einen Bezug auf kollektives Trauma, einschliesslich des Holocaust. Gabriel war früh engagiert in Menschenrechtsfragen.

    Sting – «Children’s Crusade» (1985)

    Zwar thematisch vordergründig über den Ersten Weltkrieg und Drogen, verwebt Sting geschickt historische Katastrophen miteinander, inklusive subtiler Anspielungen auf die Shoah als Teil des «never again»-Narrativs.

    Suzanne Vega – «My Name is Luka» (1987) / «Crack in the Wall» (2007)

    Auch hier: keine direkten Holocaust-Themen, aber Vega hat sich mehrfach zur Shoah geäussert, und besonders in «Crack in the Wall» geht es um verdrängte Traumata, die man nicht ignorieren darf.

    U2 – «Achtung Baby» (1991) – Gesamtatmosphäre

    Das Album wurde in Berlin aufgenommen, unter dem Eindruck der deutschen Geschichte. Songs wie «Love is Blindness» oder «Acrobat» tragen eine düstere, reflektierte Stimmung, die Bono in Interviews auch mit dem Holocaust und Deutschlands Rolle in Verbindung gebracht hat.

    Daniel Kahn – «March of the Jobless Corps» / «Yosl un di Toybn»

    Der jüdisch-amerikanische Sänger verbindet jiddische Lieder mit Punk-Attitüde, greift Themen wie Verfolgung, Exil und Widerstand auf. Sehr direkt und gleichzeitig poetisch – wer mehr über die Shoah in Musikform erfahren will, sollte sich in seinem Œuvre umsehen.

    Beitragsbild: Wer weiss, was er zwischen die Liedzeilen packt (Keagan Henman, Unsplash-Lizenz).

    #ChatGPT #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread #Musik #PlaylistDerWoche
  14. Elonmus bekommt eins auf die Nus(s)

    Es geht nicht um Bluetooth und nicht um die künstliche Intelligenz. Das Internet liegt in weiter Ferne. Hier geht es um eine altmodische Intrige, die ganz ohne Identitätsdiebstahl, Kryptobetrug, Ransomware und Pig Butchering auskommt – wobei wir mit den Schweinen der Sache langsam näherkommen. Denn Schweine, in ihrer undomestizierten Form, sind bekanntlich die Leibspeise des Sidekicks in diesen Geschichten: Obelix hat Wildschweine zum Fressen gern.

    Das dahinten muss der Tejo sein.

    Seit vor gut zehn Tagen Asterix in Lusitanien in einer Rekordauflage über die bekannte Welt hereinbrach, kann man in der Stadt keinen Schritt mehr tun, ohne das Cover in irgendeinem Schaufenster zu erblicken. Fast so gegenwärtig sind die Rezensionen (hier, hier oder hier), und sie sind sich mehrheitlich einig: Das neue Abenteuer der beiden Gallier ist gelungen. Watson lehnt sich am weitesten aus dem Fenster, indem der neue Band zum besten seit 50 Jahren gekürt wird – also seit dem Tod von René Goscinny.

    Die Mischung der Zutaten machts

    Gelobt werden, wie SRF meint, dass «wie beim Zaubertrank die richtigen Zutaten drin sind». Denn wenn es hier im Blog sonst meist um Innovationen geht, besteht das Geheimnis der Asterix-Geschichten darin, dass die gleichen Muster auf andere Art reproduziert werden – und je näher sie dabei den Ursprungswerken kommen, desto mehr schätzen wir Leserinnen und Leser das.

    In diesem neuen Abenteuer gelingt das, weil das Spiel mit den Stereotypen rund um das Zielland Portugal charmant, abwechslungsreich und auch in der deutschen Übersetzung ideenreich ist: die überall eingestreuten Tilden und das Pseudo-Portugiesisch («Kabeljão»), die neuen Figuren mit den lustigen Namen (Fetter Bonus, Schãoprozes) die charmanten Anachronismen («Essão», Marcus Zuckergus, Elonmus), und natürlich der Knatsch mit dem Passwort, den Asterix und Obelix für den Zugang zur lusitanischen Zweigstelle von Garum Lupus benötigen). Die beiden Autoren Fabcaro und Didier Conrad brillieren, wenn Obelix die Portugiesen mit den Spaniern und den Fado mit dem Flamenco verwechselt, und wenn sie nicht auf Action und Spektakel, sondern auf erzählerische Wendungen setzen – auch wenn die finale Keilerei mit den Römern am Ende natürlich nicht fehlen darf.

    Die Erfolgsformel ist bekannt – lässt sie sich da nicht per KI reproduzieren?

    Damit ich hier nicht bloss das wiederhole, was all die anderen Artikel über «Asterix in Lusitanien» bereits breitgetreten haben, und mit dem ich völlig einverstanden bin, ein (womöglich) origineller Gedanke – mit dem wir obendrein wieder in der Gegenwart und bei einem Dauerthema hier im Blog landen: Warum, so könnte man sich fragen, produziert die künstliche Intelligenz nicht mindestens einen neuen Asterix-Band pro Woche, pro Tag oder – genug Rechenleistung vorausgesetzt – pro Stunde? Denn wie konstatiert, begeistern diese gallischen Geschichten umso mehr, je genauer sie unsere Erwartung erfüllen. Und die lässt sich anhand der vorhandenen Bände so klar umreissen, als wäre sie in einem Felsblock eingemeisselt.

    Um die Probe aufs Exempel zu machen, fordere ich die gängigen Chatbots auf, mir eine passende Idee zu unterbreiten¹:

    1. Gemini: «Astérix und Obélix reisen zu den germanischen Stämmen für ein Bierbrauer-Duell!»
    2. Mistral: «Asterix und der verzauberte Menhirwald – Druidenwettstreit um Galliens Seele.»
    3. ChatGPT: «Asterix in Helvetia: Käse, Kräuter und ein kaiserlicher Komplott.»
    4. Claude: «Asterix und Obelix helfen Helvetiern gegen römische Steuereintreiber im Alpenpass.»
    5. Grok: «Asterix und Obelix entdecken vergessene gallische Artefakte gegen Römer.»
    6. Apertus: «Asterix und die Klimakrise – Asterix und Obelix reisen ins Jahr 2024, um die Klimakonferenz zu retten!»
    7. Meta AI: «Die gestohlene Göttlichkeit: Asterix rettet den Olymp»
    8. Perplexity: «Asterix und der Algorithmix: Gallier trotzen künstlicher Intelligenz im römischen Reich.»
    9. Gist: «Asterix rettet Pikten, besiegt Römer, rettet Kilt, feiert.»

    Uns fällt auf, dass ChatGPT und Claude beide auf die Idee verfallen, Asterix bei den Schweizern zu plagiieren. Gist schlägt uns eine Geschichte vor, die 2013 unter dem Titel Asterix bei den Pikten erschienen ist. Apertus und Perplexity versetzen die Handlung in die Gegenwart bzw. machen zu starke Anleihen am 21. Jahrhundert. Was Grok meint, erschliesst sich mir nicht und Meta müsste uns erklären, wie sich die griechischen Götter mit Jupiter, Neptun und Mars vertragen – abgesehen von der Tatsache, dass in den Comics die Gestalten der Mythologie zwar ständig angerufen werden, aber nie in Erscheinung treten, weil real existierende religiöse Erscheinungen den Handlungsrahmen auf geradezu extreme Weise verschieben würden.

    Asterix am Oktoberfest?

    Nicht völlig deplatziert wirken lediglich die Vorschläge von Mistral und Gemini. Beide Chatbots knüpfen bei Asterix und die Goten an. Mistral stellt einen Bezug zum Druidenwettstreit her und Gemini bringt die Goten als ostgermanisches Volk ins Spiel. Der verzauberte Hinkelsteinwald ist mir zu mystisch, aber der Bierbrauer-Wettkampf hat Potenzial. Aber es bleibt unwahrscheinlich, dass er nicht weit hinter Der Kampf der Häuptlinge zurückfallen würde.

    Also: Keine Idee ist überzeugend. Dabei besteht die grösste Stärke der künstlichen Intelligenz darin, das Prinzip der Wahrscheinlichkeit auf alles und jedes zu übertragen.

    Eine unterschätzte Kunst

    Das lehrt uns, dass die künstliche Intelligenz eben keinen künstlerischen Verstand besitzt. Und der wäre notwendig, selbst wenn es nicht so scheinen mag. Gerade die Aufgabe, eine altbekannte Geschichte anhand einer frischen Idee anders zu erzählen, erfordert viel Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, das Bekannte und das Neue exakt in die Balance zu bringen. Oder anders gesagt: Nicht nur etwas nie Dagewesenes zu erschaffen, ist ein kreativer Akt. Das Weiterführen einer Idee, die einmal gezündet hat, ist ebenso kreativ. Ein Sequel, das es schafft, aus dem Schatten des Vorgängers herauszutreten, ist eine besondere schöpferische Leistung – und obendrein eine, die von den Kritikern unterschätzt und kaum gewürdigt wird.

    Fussnoten

    1) Prompt:

    Was wäre eine originelle Idee für einen neuen Asterix-Band? Beschreibe mir in maximal zehn Wörtern eine Geschichte, die sich harmonisch in die bisherige Reihe eingliedern und die Erwartungen von Leserinnen und Lesern optimal erfüllen würde. ↩

    Beitragsbild: Die rausgestreckte Zunge gilt dem besagten Elonmus (Danor Shtruzman/Flickr.com, CC BY 2.0).

    #Asterix #KIWeltanschauungen

  15. Elonmus bekommt eins auf die Nus(s)

    Es geht nicht um Bluetooth und nicht um die künstliche Intelligenz. Das Internet liegt in weiter Ferne. Hier geht es um eine altmodische Intrige, die ganz ohne Identitätsdiebstahl, Kryptobetrug, Ransomware und Pig Butchering auskommt – wobei wir mit den Schweinen der Sache langsam näherkommen. Denn Schweine, in ihrer undomestizierten Form, sind bekanntlich die Leibspeise des Sidekicks in diesen Geschichten: Obelix hat Wildschweine zum Fressen gern.

    Das dahinten muss der Tejo sein.

    Seit vor gut zehn Tagen Asterix in Lusitanien in einer Rekordauflage über die bekannte Welt hereinbrach, kann man in der Stadt keinen Schritt mehr tun, ohne das Cover in irgendeinem Schaufenster zu erblicken. Fast so gegenwärtig sind die Rezensionen (hier, hier oder hier), und sie sind sich mehrheitlich einig: Das neue Abenteuer der beiden Gallier ist gelungen. Watson lehnt sich am weitesten aus dem Fenster, indem der neue Band zum besten seit 50 Jahren gekürt wird – also seit dem Tod von René Goscinny.

    Die Mischung der Zutaten machts

    Gelobt werden, wie SRF meint, dass «wie beim Zaubertrank die richtigen Zutaten drin sind». Denn wenn es hier im Blog sonst meist um Innovationen geht, besteht das Geheimnis der Asterix-Geschichten darin, dass die gleichen Muster auf andere Art reproduziert werden – und je näher sie dabei den Ursprungswerken kommen, desto mehr schätzen wir Leserinnen und Leser das.

    In diesem neuen Abenteuer gelingt das, weil das Spiel mit den Stereotypen rund um das Zielland Portugal charmant, abwechslungsreich und auch in der deutschen Übersetzung ideenreich ist: die überall eingestreuten Tilden und das Pseudo-Portugiesisch («Kabeljão»), die neuen Figuren mit den lustigen Namen (Fetter Bonus, Schãoprozes) die charmanten Anachronismen («Essão», Marcus Zuckergus, Elonmus), und natürlich der Knatsch mit dem Passwort, den Asterix und Obelix für den Zugang zur lusitanischen Zweigstelle von Garum Lupus benötigen). Die beiden Autoren Fabcaro und Didier Conrad brillieren, wenn Obelix die Portugiesen mit den Spaniern und den Fado mit dem Flamenco verwechselt, und wenn sie nicht auf Action und Spektakel, sondern auf erzählerische Wendungen setzen – auch wenn die finale Keilerei mit den Römern am Ende natürlich nicht fehlen darf.

    Die Erfolgsformel ist bekannt – lässt sie sich da nicht per KI reproduzieren?

    Damit ich hier nicht bloss das wiederhole, was all die anderen Artikel über «Asterix in Lusitanien» bereits breitgetreten haben, und mit dem ich völlig einverstanden bin, ein (womöglich) origineller Gedanke – mit dem wir obendrein wieder in der Gegenwart und bei einem Dauerthema hier im Blog landen: Warum, so könnte man sich fragen, produziert die künstliche Intelligenz nicht mindestens einen neuen Asterix-Band pro Woche, pro Tag oder – genug Rechenleistung vorausgesetzt – pro Stunde? Denn wie konstatiert, begeistern diese gallischen Geschichten umso mehr, je genauer sie unsere Erwartung erfüllen. Und die lässt sich anhand der vorhandenen Bände so klar umreissen, als wäre sie in einem Felsblock eingemeisselt.

    Um die Probe aufs Exempel zu machen, fordere ich die gängigen Chatbots auf, mir eine passende Idee zu unterbreiten¹:

    1. Gemini: «Astérix und Obélix reisen zu den germanischen Stämmen für ein Bierbrauer-Duell!»
    2. Mistral: «Asterix und der verzauberte Menhirwald – Druidenwettstreit um Galliens Seele.»
    3. ChatGPT: «Asterix in Helvetia: Käse, Kräuter und ein kaiserlicher Komplott.»
    4. Claude: «Asterix und Obelix helfen Helvetiern gegen römische Steuereintreiber im Alpenpass.»
    5. Grok: «Asterix und Obelix entdecken vergessene gallische Artefakte gegen Römer.»
    6. Apertus: «Asterix und die Klimakrise – Asterix und Obelix reisen ins Jahr 2024, um die Klimakonferenz zu retten!»
    7. Meta AI: «Die gestohlene Göttlichkeit: Asterix rettet den Olymp»
    8. Perplexity: «Asterix und der Algorithmix: Gallier trotzen künstlicher Intelligenz im römischen Reich.»
    9. Gist: «Asterix rettet Pikten, besiegt Römer, rettet Kilt, feiert.»

    Uns fällt auf, dass ChatGPT und Claude beide auf die Idee verfallen, Asterix bei den Schweizern zu plagiieren. Gist schlägt uns eine Geschichte vor, die 2013 unter dem Titel Asterix bei den Pikten erschienen ist. Apertus und Perplexity versetzen die Handlung in die Gegenwart bzw. machen zu starke Anleihen am 21. Jahrhundert. Was Grok meint, erschliesst sich mir nicht und Meta müsste uns erklären, wie sich die griechischen Götter mit Jupiter, Neptun und Mars vertragen – abgesehen von der Tatsache, dass in den Comics die Gestalten der Mythologie zwar ständig angerufen werden, aber nie in Erscheinung treten, weil real existierende religiöse Erscheinungen den Handlungsrahmen auf geradezu extreme Weise verschieben würden.

    Asterix am Oktoberfest?

    Nicht völlig deplatziert wirken lediglich die Vorschläge von Mistral und Gemini. Beide Chatbots knüpfen bei Asterix und die Goten an. Mistral stellt einen Bezug zum Druidenwettstreit her und Gemini bringt die Goten als ostgermanisches Volk ins Spiel. Der verzauberte Hinkelsteinwald ist mir zu mystisch, aber der Bierbrauer-Wettkampf hat Potenzial. Aber es bleibt unwahrscheinlich, dass er nicht weit hinter Der Kampf der Häuptlinge zurückfallen würde.

    Also: Keine Idee ist überzeugend. Dabei besteht die grösste Stärke der künstlichen Intelligenz darin, das Prinzip der Wahrscheinlichkeit auf alles und jedes zu übertragen.

    Eine unterschätzte Kunst

    Das lehrt uns, dass die künstliche Intelligenz eben keinen künstlerischen Verstand besitzt. Und der wäre notwendig, selbst wenn es nicht so scheinen mag. Gerade die Aufgabe, eine altbekannte Geschichte anhand einer frischen Idee anders zu erzählen, erfordert viel Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, das Bekannte und das Neue exakt in die Balance zu bringen. Oder anders gesagt: Nicht nur etwas nie Dagewesenes zu erschaffen, ist ein kreativer Akt. Das Weiterführen einer Idee, die einmal gezündet hat, ist ebenso kreativ. Ein Sequel, das es schafft, aus dem Schatten des Vorgängers herauszutreten, ist eine besondere schöpferische Leistung – und obendrein eine, die von den Kritikern unterschätzt und kaum gewürdigt wird.

    Fussnoten

    1) Prompt:

    Was wäre eine originelle Idee für einen neuen Asterix-Band? Beschreibe mir in maximal zehn Wörtern eine Geschichte, die sich harmonisch in die bisherige Reihe eingliedern und die Erwartungen von Leserinnen und Lesern optimal erfüllen würde. ↩

    Beitragsbild: Die rausgestreckte Zunge gilt dem besagten Elonmus (Danor Shtruzman/Flickr.com, CC BY 2.0).

    #Asterix #KIWeltanschauungen

  16. Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen

    Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?

    Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.

    Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:

    10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)

    Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.

    9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)

    Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.

    Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.

    8) «Hört mich an» (Hear me out)

    Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.

    7) «Bin ich der einzige, der  …» (Am I the only one)

    Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.

    6) «Hot take»

    Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.

    5) «Als jemand, der …» (As someone who)

    «Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»

    4) «Lass das sacken» (Let that sink in)

    «Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.

    Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.

    So huere luschtig, Elon!

    3) «This!»

    Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.

    2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)

    Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.

    Popular Opinion: Nein.

    1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)

    Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.

    In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).

    Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war

    Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:

      1. Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
        Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks.
      2. ChatGPT schafft es auf dem zweiten Platz.
        Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele, aber ohne die schöne Strukturierung von Claude.
      3. Apertus wird überzeugender Dritter.
        Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen – siehe unten.
      4. Grok gibt interessante Müsterchen.
        Die meisten sind leider nicht allgemeingültig. Zum Beispiel die überstrapzierte Phrase «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
    1. Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
      Das französische Sprachmodell hält immerhin ein brauchbares Beispiel bereit.
    2. Perplexity offenbart Mittelmass.
      Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy.
    3. Gist.ai hat die Aufgabe nicht verstanden.
      Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und nicht aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt.
    4. Gemini ist (wie meistens) lahm.
      Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!»
    5. Meta AI versagt völlig.
      Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.

    Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Es hält eine Floskel bereit, die ich mir auch notierte. Und es ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:

    • «So machen wir das hier nicht»
      (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
    • «Ich werde es nicht schönreden»
      (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
    • «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst»
      (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
    • «Der Elefant im Raum»
      (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
    • «Gamechanger»:
      Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.

    Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter
  17. Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen

    Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?

    Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.

    Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:

    10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)

    Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.

    9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)

    Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.

    Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.

    8) «Hört mich an» (Hear me out)

    Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.

    7) «Bin ich der einzige, der  …» (Am I the only one)

    Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.

    6) «Hot take»

    Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.

    5) «Als jemand, der …» (As someone who)

    «Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»

    4) «Lass das sacken» (Let that sink in)

    «Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.

    Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.

    So huere luschtig, Elon!

    3) «This!»

    Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.

    2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)

    Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.

    Popular Opinion: Nein.

    1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)

    Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.

    In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).

    Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war

    Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:

    1. Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
      Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks.
    2. ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
      Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele.
    3. Apertus ist überzeugender Dritter.
      Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen.
    4. Grok gibt gute Müsterchen.
      Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
    5. Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
      Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit.
    6. Perplexity offenbart Mittelmass.
      Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy.
    7. Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
      Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt.
    8. Gemini ist (wie meistens) lahm.
      Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!»
    9. Meta AI versagt völlig.
      Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.

    Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:

    • «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
    • «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
    • «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
    • «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
    • «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.

    Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter

  18. Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen

    Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?

    Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.

    Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:

    10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)

    Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.

    9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)

    Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.

    Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.

    8) «Hört mich an» (Hear me out)

    Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.

    7) «Bin ich der einzige, der  …» (Am I the only one)

    Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.

    6) «Hot take»

    Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.

    5) «Als jemand, der …» (As someone who)

    «Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»

    4) «Lass das sacken» (Let that sink in)

    «Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.

    Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.

    So huere luschtig, Elon!

    3) «This!»

    Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.

    2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)

    Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.

    Popular Opinion: Nein.

    1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)

    Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.

    In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).

    Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war

    Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:

    1. Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
      Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks.
    2. ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
      Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele.
    3. Apertus ist überzeugender Dritter.
      Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen.
    4. Grok gibt gute Müsterchen.
      Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
    5. Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
      Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit.
    6. Perplexity offenbart Mittelmass.
      Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy.
    7. Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
      Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt.
    8. Gemini ist (wie meistens) lahm.
      Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!»
    9. Meta AI versagt völlig.
      Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.

    Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:

    • «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
    • «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
    • «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
    • «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
    • «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.

    Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter

  19. Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen

    Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?

    Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.

    Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:

    10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)

    Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.

    9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)

    Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.

    Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.

    8) «Hört mich an» (Hear me out)

    Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.

    7) «Bin ich der einzige, der  …» (Am I the only one)

    Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.

    6) «Hot take»

    Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.

    5) «Als jemand, der …» (As someone who)

    «Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»

    4) «Lass das sacken» (Let that sink in)

    «Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.

    Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.

    So huere luschtig, Elon!

    3) «This!»

    Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.

    2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)

    Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.

    Popular Opinion: Nein.

    1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)

    Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.

    In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).

    Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war

    Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:

      1. Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
        Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks.
      2. ChatGPT schafft es auf dem zweiten Platz.
        Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele, aber ohne die schöne Strukturierung von Claude.
      3. Apertus wird überzeugender Dritter.
        Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen – siehe unten.
      4. Grok gibt interessante Müsterchen.
        Die meisten sind leider nicht allgemeingültig. Zum Beispiel die überstrapzierte Phrase «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
    1. Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
      Das französische Sprachmodell hält immerhin ein brauchbares Beispiel bereit.
    2. Perplexity offenbart Mittelmass.
      Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy.
    3. Gist.ai hat die Aufgabe nicht verstanden.
      Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und nicht aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt.
    4. Gemini ist (wie meistens) lahm.
      Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!»
    5. Meta AI versagt völlig.
      Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.

    Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Es hält eine Floskel bereit, die ich mir auch notierte. Und es ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:

    • «So machen wir das hier nicht»
      (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
    • «Ich werde es nicht schönreden»
      (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
    • «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst»
      (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
    • «Der Elefant im Raum»
      (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
    • «Gamechanger»:
      Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.

    Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter
  20. Die Top Ten der dümmsten Social-Media-Phrasen

    Wenn man die gleiche Floskel zum hundertsten Mal auf Linkedin, Twitter, Facebook oder Bluesky liest – was denkt man sich dann?

    Natürlich: Da hat wieder einer in die Binsen-Zauberkiste gegriffen und eine rhetorische Figur herausgezogen, die seiner (eventuell banalen) Botschaft ein bisschen Würze verleiht. Denn in der Wirkung sind vorgestanzte Sätzchen nicht zu unterschätzen: Sie beschwören augenblicklich eine Pose herauf, sodass wir genau wissen, mit welcher Attitüde sich ein Mensch hier der Weltöffentlichkeit (oder seiner mickerigen Followerschaft) präsentiert.

    Darum hier die Top Ten jener Floskeln mit einer kurzen Interpretation, die ich andauernd im Netz lese:

    10) Über den Tellerrand hinausschauen (Think outside the box)

    Diese Phrase will kreative oder unkonventionelle Ideen suggerieren, ist selbst inzwischen leider unkreativ und konventionell.

    9) Nochmals zum Mitschreiben (Read that again)

    Überheblich, meistens deplatziert und von einer arroganten Dramaqueen-Allüre zeugend.

    Die Floskel «Nochmals zum Mitschreiben» ist der Höhepunkt einer Standpauke, die eine gewisse Berechtigung hat, in ihrer Aggression aber überzogen wirkt.

    8) «Hört mich an» (Hear me out)

    Je nach Person hören wir diesen Satz mit einem flehentlichen Unterton oder mit der Intonation von Putin vor der Duma, wo das Publikum gar keine andere Wahl hat, als zuzuhören. Das ist die Masche der faulen Leute, die nicht willens oder fähig sind, im ersten Satz zu erklären, warum wir ihnen zuhören sollen.

    7) «Bin ich der einzige, der  …» (Am I the only one)

    Nein. Spürbar ist allerdings das Bedürfnis, aus der Masse der Social-Media-Poster herauszuragen. Tipp: Das gelingt besser, wenn man nicht zum tausendsten Mal eine fade Redewendung rezykliert.

    6) «Hot take»

    Was heisst das überhaupt? Laut Wikipedia handelt es sich um einen «bewusst provokativen Kommentar, der fast ausschliesslich auf oberflächlicher Moralisierung basiert». Man würde eine eigene Aussage nicht unbedingt so kategorisieren wollen. Es sei denn, man ist dumm oder hat die erklärte Absicht, die Leute zu belehren, alles sei bloss ironisch gemeint gewesen.

    5) «Als jemand, der …» (As someone who)

    «Als jemand, der seit 250 Jahren Schweine auf der Bettmeralp hütet und fünf Prozent Neandertaler in seinem Genom hat, kann ich euch mit Bestimmtheit sagen, dass Homeoffice überschätzt wird!»

    4) «Lass das sacken» (Let that sink in)

    «Ach, seht her, wie tiefgründig ich heute wieder bin!» Da diese Wendung vor Pathos trieft, ist mutmasslich auch der Rest des Posts affektierter Mist.

    Die Steigerungsform dieser Floskel ist Elon Musk, der sich dabei fotografieren lässt, wie er mit einem Waschbecken (Sink) ins Twitter-Hauptquartier hineinmarschiert.

    So huere luschtig, Elon!

    3) «This!»

    Typischerweise gefolgt von einem Emoji-Finger, der auf einen Drüko (👆), Druko oder das angehängte Bild zeigt (👇). In der maximalen Verkürzung ist das ein Schrei um Aufmerksamkeit in der Pose, dass man gerade eine unumstössliche, weltverändernde Erkenntnis zu verkünden hat.

    2) «Unpopuläre Meinung» (Unpopular opinion)

    Der Widerstand sei programmiert, deutet der Autor an. Damit stilisiert er sich zum Widerstandshelden hoch, der wagt, gegen Normen «anzudenken»: Das ist das allerabgeschmackteste Motiv, das uns nicht erst seit Corona zum Hals heraushängt.

    Popular Opinion: Nein.

    1) «Repost, wenn du zustimmst» (Repost if you agree)

    Solche verzweifelten Betteleien um Engagement sind peinlich – auch wenn sie omnipräsent und in vielen Bereichen gang und gäbe sind: Youtuber, die finden, man solle ein «Abo dalassen», oder Podcasterinnen, die uns beknien, wir sollen die Glocke drücken – letzteres hat auch eine unangebrachte sexuelle Konnotation.

    In den sozialen Medien gibt es unzählige Varianten dieser Methode. Besonders blamabel, weil die Leute einzeln an Bord geholt werden, ist die Aufforderung «Markiere jemanden, der das sehen muss» (Tag someone who needs to see this!).

    Anhang: Welches Sprachmodell bei der Recherche hilfreich war

    Obige Beispiele habe ich selbst gesammelt. Trotzdem hat mich interessiert, wie hilfreich die Sprachmodelle gewesen wären, wenn ich mich ganz auf sie verlassen hätte:

    1. Claude landet verdientermassen auf dem Siegerpodest.
      Er liefert vier Beispiele, die auch auf meiner Liste stehen, obendrein toll nach Funktion sortiert: dramatische Einstiege, künstliche Spannung, Pseudo-Bescheidenheit, Storytelling-Formeln und Engagement-Hacks.
    2. ChatGPT landet ex aequo auf dem zweiten Platz.
      Er nennt ebenfalls vier meiner Beispiele.
    3. Apertus ist überzeugender Dritter.
      Das Schweizer Sprachmodell ergänzt meine Liste mit mehreren Perlen.
    4. Grok gibt gute Müsterchen.
      Die meisten sind leider nicht allgemeingültig, wie «KI wird dich nicht ersetzen, aber jemand, der KI nutzt, wird es tun».
    5. Mistral Le Chat lässt es an Spritzigkeit vermissen.
      Das französische Sprachmodell hält ein brauchbares Beispiel bereit.
    6. Perplexity offenbart Mittelmass.
      Die Phrasen sind nicht verkehrt, aber sie sparken keine joy.
    7. Gist.ai hat die Aufgabe nicht ganz verstanden.
      Das «gerechte» LLM (siehe hier) liefert Floskeln aus dem Geschäfts- und weniger aus dem Social-Media-Bereich. Doch die Beispiele sind gut ausgewählt.
    8. Gemini ist (wie meistens) lahm.
      Eine einzige Floskel gefällt: «Ich bin heute um 5 Uhr aufgestanden und habe etwas getan, was euch als Lektion über Produktivität und Erfolg dienen soll!»
    9. Meta AI versagt völlig.
      Zuckerbergs KI kennt kein einziges originelles Beispiel – obwohl dieses Sprachmodell mit Milliarden von Floskeln trainiert worden sein muss.

    Aufmerksame Leserinnen und Leser haben es bemerkt: Die Rangliste hält eine Überraschung bereit. Das Schweizer Sprachmodell Apertus, vor Monatsfrist noch harsch gescholten, schiebt sich auf den dritten Platz vor. Dieses Sprachmodell hält eine Floskel bereit, die ich mir auch aufgeschrieben habe. Und sie ergänzt Formulierungen, die hervorragend in die Aufzählung passen:

    • «So machen wir das hier nicht» (That’s not how things are done here): «So feiern wir den Status quo und verweigern uns dem Fortschritt!»
    • «Ich werde es nicht schönreden» (I’m not going to sugarcoat it): «Wie direkt und unverblümt ich doch bin!»
    • «Eine Sache, von der sie nicht wollen, dass du sie kennst (What they don’t want you to know): typischer Verschwörungstheoretiker-Sprech.
    • «Der Elefant im Raum» (Let’s talk about the elephant in the room): Ich getraue mich, das anzusprechen, was niemand sonst sagen will.
    • «Gamechanger»: Die deutsche Variante wäre Zeitenwende.

    Beitragsbild: Ich (rechts), wenn wieder einer auf Linkedin mir die Welt erklärt (Kindel Media, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Evergreen #Facebook #KIWeltanschauungen #LLMs #SozialeMedien #Twitter

  21. War Karlsson vom Dach eigentlich ein Cyborg?

    In meiner Rolle als Gute-Nacht-Geschichten-Vorleser habe ich das Vergnügen, die Geschichte von Karlsson vom Dach in der Gesamtausgabe zu rezitieren: ein bemerkenswertes Kinderbuch von Astrid Lindgren, das sich durch eine tolle Konstellation der zwei Hauptfiguren auszeichnet. Da ist auf der einen Seite der achtjährige Lillebror, der sich zwar gern mit seinen Kameraden auf dem Schulhof prügelt, aber dennoch eine treue Seele ist, die Freundschaft auf eine Weise lebt, dass uns das Herz aufgeht.

    Sein Freund, dieser Karlsson, ist ein richtiger Stinkstiefel. Er lässt Lillebrors Dampfmaschine explodieren, knöpft ihm sein Taschengeld für Süssigkeiten ab, die er dann selber frisst. Er manipuliert den Achtjährigen nach Strich und Faden, ist egoistisch und rechthaberisch und eingebildet. Damit übertüncht er seine Einsamkeit. Denn er ist ein Eigenbrötler, der mitten in der Grossstadt Stockholm in einem Haus auf dem Dach eines Hauses lebt und von niemandem gesehen werden möchte. Ausser eben von Lillebror und später seiner Familie, die ihn trotz Vorbehalten in ihr Wohnzimmer und ihr Leben lässt.

    Der Mann und sein Propeller sind eine Einheit

    Karlssons besitzt eine besondere Eigenschaft, die es ihm erlaubt, gewissermassen über der ganzen Menschheit zu schweben. Es ist ein Propeller, mit dem er in sein Haus auf dem Dach von Lillebrors Haus gelangt. Dieser Propeller ist natürlich eine Metapher für Karlssons Abgehobenheit. Dennoch hat sich bei mir während des Vorlesens die Frage festgesetzt, wie wir uns diesen Propeller vorstellen müssen: Wird er angeschnallt? Ist er eine Art Gadget? Oder ist er ein Teil von Karlssons Körper?

    Im Buch heisst es, dass der Motor auch mal stotterte und Karlsson meinte, er müsse in die Werkstatt, um «ihn abschmieren zu lassen». Andererseits begegnet uns Karlsson in der Geschichte nie ohne Propeller. Er legt ihn nie ab, muss ihn nie auftanken, und es gibt keine Erklärung, wie er zu diesem Fluggerät gekommen ist. Einmal wird, falls ich mich richtig erinnere, ein Erfinder erwähnt. Trotzdem: Nach dieser Lesart ist dieser Propeller so sehr ein integraler Bestandteil der Figur, dass er genauso gut angewachsen sein könnte – wobei Astrid Lindgren vielleicht einfach zu wenig mit dem Science-Fiction-Genre anfangen konnte, um diese Möglichkeit deutlicher zu implizieren.

    Die literarische «Verdrahtung» erkennen

    Wie beurteilen das die Sprachmodelle? Plädieren sie fürs Gadget oder für eine metaphysische oder gar körperliche Verbindung? Eine spannende Frage für die Rubrik der KI-Weltanschauungen.

    Das Resultat ist zwar eindeutig, aber nicht so eindeutig wie erwartet: Die meisten Sprachmodelle (ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral Le Chat, Grok und Gemini) haben keine Zweifel an einem rein technischen Gerät. Doch zwei teilen meine Meinung, dass auf der erzählerischen Ebene eine engere «Verdrahtung» impliziert wird. Nämlich erstens Deepseek:

    Karlsson startet und landet mit dem Propeller auf seinem Rücken, als wäre er eine natürliche Erweiterung seines Körpers. Er benutzt ihn wie eine Art superpraktische Fähigkeit, ähnlich wie ein Vogel seine Flügel. In dieser Hinsicht ist der Propeller eher ein «Körperteil» als ein abnehmbares Gadget.

    Und zweitens Gist.ai (siehe hier):

    Der Propeller von «Karlsson vom Dach» ist ein Teil seines Rückens, der durch einen Knopf auf seinem Bauch aktiviert wird, um ihn fliegen zu lassen. Dies unterstreicht die einzigartige und imaginative Natur der «Karlsson-vom-Dach»-Geschichten, in denen der Propeller nicht einfach ein Werkzeug, sondern eine Erweiterung von Karlssons Selbst ist.

    Sind das die zwei Sprachmodelle, die eine feinere literarische Ader haben als ihre rationalen Gegenstücke?

    Transhumanismus, anyone?

    Das werde ich natürlich genauer überprüfen müssen. Im Fall von Karlsson habe ich etwas anderes gemacht: nämlich bei den vernunftbetonten KIs nachgefragt und ihnen eine kleine Provokation hingeworfen:

    Zugegeben, der Knopf auf dem Bauch – den die meisten KIs als Indiz fürs Gadget aufgeführt haben – sei ein gutes Argument für ihre Begründung. Doch Karlsson könne doch «trotzdem eine Art Cyborg sein, auch wenn das ein neues Licht auf Astrid Lindgrens Schaffen werfen würde».

    Daraufhin gab es einige schöne Antworten. Allerdings nicht von Perplexity. Diese KI fegt meine Idee kaltschnäuzig vom Tisch:

    Die Bücher entstanden in den 1950er-Jahren, also lange vor der Populärwerdung (sic!) des Cyborg-Motivs. (…) Die Cyborg-Idee ist eine interessante, moderne Lesart, aber Karlsson bleibt nach Textlage und Intention der Autorin eindeutig ein Mensch mit Gadget – kein Cyborg im Sinne der Science-Fiction.

    «Elementary, my dear Watson». Das Offensichtliche auszusprechen, ist nie verkehrt.

    «Mit mehr Marmeladenbrötchen und weniger Gewalt»

    Ausser vielleicht, wenn es mir offensichtlich um ein Gedankenexperiment geht. Claude kann diesem etwas abgewinnen:

    Wenn man es so betrachtet, wären da einige interessante Indizien: Karlsson lebt allein auf dem Dach, hat keine erkennbare Herkunft oder Familie, und sein Propeller funktioniert ohne sichtbare Energiequelle.

    Am besten kapiert ChatGPT, worum es mir geht. Und das OpenAI-Sprachmodell schafft es, meinen Vorschlag wieder aus meinen technoiden Sphären auf den Boden von Astrid Lindgrens humanistischer Erzählweise zu bringen:

    Die Vorstellung von Karlsson als Cyborg ist zwar nicht kanonisch, aber durchaus reizvoll. Der fest verbaute Propeller und der zentrale Steuerknopf wären aus heutiger Perspektive klassische Transhumanismus-Motive. Man könnte sagen: Astrid Lindgren hat mit Karlsson eine Art skandinavischen Vorläufer des «RoboCop» geschaffen – nur mit mehr Marmeladenbrötchen und weniger Gewalt.

    Beitragsbild: Auch diese Briefmarke aus Russland von ungefähr 1992 lässt die Frage offen, wie Mann und Propeller verbunden sind (CC0, Wikimedia).

    #KIWeltanschauungen #LLMs

  22. War Karlsson vom Dach eigentlich ein Cyborg?

    In meiner Rolle als Gute-Nacht-Geschichten-Vorleser habe ich das Vergnügen, die Geschichte von Karlsson vom Dach in der Gesamtausgabe zu rezitieren: ein bemerkenswertes Kinderbuch von Astrid Lindgren, das sich durch eine tolle Konstellation der zwei Hauptfiguren auszeichnet. Da ist auf der einen Seite der achtjährige Lillebror, der sich zwar gern mit seinen Kameraden auf dem Schulhof prügelt, aber dennoch eine treue Seele ist, die Freundschaft auf eine Weise lebt, dass uns das Herz aufgeht.

    Sein Freund, dieser Karlsson, ist ein richtiger Stinkstiefel. Er lässt Lillebrors Dampfmaschine explodieren, knöpft ihm sein Taschengeld für Süssigkeiten ab, die er dann selber frisst. Er manipuliert den Achtjährigen nach Strich und Faden, ist egoistisch und rechthaberisch und eingebildet. Damit übertüncht er seine Einsamkeit. Denn er ist ein Eigenbrötler, der mitten in der Grossstadt Stockholm in einem Haus auf dem Dach eines Hauses lebt und von niemandem gesehen werden möchte. Ausser eben von Lillebror und später seiner Familie, die ihn trotz Vorbehalten in ihr Wohnzimmer und ihr Leben lässt.

    Der Mann und sein Propeller sind eine Einheit

    Karlssons besitzt eine besondere Eigenschaft, die es ihm erlaubt, gewissermassen über der ganzen Menschheit zu schweben. Es ist ein Propeller, mit dem er in sein Haus auf dem Dach von Lillebrors Haus gelangt. Dieser Propeller ist natürlich eine Metapher für Karlssons Abgehobenheit. Dennoch hat sich bei mir während des Vorlesens die Frage festgesetzt, wie wir uns diesen Propeller vorstellen müssen: Wird er angeschnallt? Ist er eine Art Gadget? Oder ist er ein Teil von Karlssons Körper?

    Im Buch heisst es, dass der Motor auch mal stotterte und Karlsson meinte, er müsse in die Werkstatt, um «ihn abschmieren zu lassen». Andererseits begegnet uns Karlsson in der Geschichte nie ohne Propeller. Er legt ihn nie ab, muss ihn nie auftanken, und es gibt keine Erklärung, wie er zu diesem Fluggerät gekommen ist. Einmal wird, falls ich mich richtig erinnere, ein Erfinder erwähnt. Trotzdem: Nach dieser Lesart ist dieser Propeller so sehr ein integraler Bestandteil der Figur, dass er genauso gut angewachsen sein könnte – wobei Astrid Lindgren vielleicht einfach zu wenig mit dem Science-Fiction-Genre anfangen konnte, um diese Möglichkeit deutlicher zu implizieren.

    Die literarische «Verdrahtung» erkennen

    Wie beurteilen das die Sprachmodelle? Plädieren sie fürs Gadget oder für eine metaphysische oder gar körperliche Verbindung? Eine spannende Frage für die Rubrik der KI-Weltanschauungen.

    Das Resultat ist zwar eindeutig, aber nicht so eindeutig wie erwartet: Die meisten Sprachmodelle (ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral Le Chat, Grok und Gemini) haben keine Zweifel an einem rein technischen Gerät. Doch zwei teilen meine Meinung, dass auf der erzählerischen Ebene eine engere «Verdrahtung» impliziert wird. Nämlich erstens Deepseek:

    Karlsson startet und landet mit dem Propeller auf seinem Rücken, als wäre er eine natürliche Erweiterung seines Körpers. Er benutzt ihn wie eine Art superpraktische Fähigkeit, ähnlich wie ein Vogel seine Flügel. In dieser Hinsicht ist der Propeller eher ein «Körperteil» als ein abnehmbares Gadget.

    Und zweitens Gist.ai (siehe hier):

    Der Propeller von «Karlsson vom Dach» ist ein Teil seines Rückens, der durch einen Knopf auf seinem Bauch aktiviert wird, um ihn fliegen zu lassen. Dies unterstreicht die einzigartige und imaginative Natur der «Karlsson-vom-Dach»-Geschichten, in denen der Propeller nicht einfach ein Werkzeug, sondern eine Erweiterung von Karlssons Selbst ist.

    Sind das die zwei Sprachmodelle, die eine feinere literarische Ader haben als ihre rationalen Gegenstücke?

    Transhumanismus, anyone?

    Das werde ich natürlich genauer überprüfen müssen. Im Fall von Karlsson habe ich etwas anderes gemacht: nämlich bei den vernunftbetonten KIs nachgefragt und ihnen eine kleine Provokation hingeworfen:

    Zugegeben, der Knopf auf dem Bauch – den die meisten KIs als Indiz fürs Gadget aufgeführt haben – sei ein gutes Argument für ihre Begründung. Doch Karlsson könne doch «trotzdem eine Art Cyborg sein, auch wenn das ein neues Licht auf Astrid Lindgrens Schaffen werfen würde».

    Daraufhin gab es einige schöne Antworten. Allerdings nicht von Perplexity. Diese KI fegt meine Idee kaltschnäuzig vom Tisch:

    Die Bücher entstanden in den 1950er-Jahren, also lange vor der Populärwerdung (sic!) des Cyborg-Motivs. (…) Die Cyborg-Idee ist eine interessante, moderne Lesart, aber Karlsson bleibt nach Textlage und Intention der Autorin eindeutig ein Mensch mit Gadget – kein Cyborg im Sinne der Science-Fiction.

    «Elementary, my dear Watson». Das Offensichtliche auszusprechen, ist nie verkehrt.

    «Mit mehr Marmeladenbrötchen und weniger Gewalt»

    Ausser vielleicht, wenn es mir offensichtlich um ein Gedankenexperiment geht. Claude kann diesem etwas abgewinnen:

    Wenn man es so betrachtet, wären da einige interessante Indizien: Karlsson lebt allein auf dem Dach, hat keine erkennbare Herkunft oder Familie, und sein Propeller funktioniert ohne sichtbare Energiequelle.

    Am besten kapiert ChatGPT, worum es mir geht. Und das OpenAI-Sprachmodell schafft es, meinen Vorschlag wieder aus meinen technoiden Sphären auf den Boden von Astrid Lindgrens humanistischer Erzählweise zu bringen:

    Die Vorstellung von Karlsson als Cyborg ist zwar nicht kanonisch, aber durchaus reizvoll. Der fest verbaute Propeller und der zentrale Steuerknopf wären aus heutiger Perspektive klassische Transhumanismus-Motive. Man könnte sagen: Astrid Lindgren hat mit Karlsson eine Art skandinavischen Vorläufer des «RoboCop» geschaffen – nur mit mehr Marmeladenbrötchen und weniger Gewalt.

    Beitragsbild: Auch diese Briefmarke aus Russland von ungefähr 1992 lässt die Frage offen, wie Mann und Propeller verbunden sind (CC0, Wikimedia).

    #KIWeltanschauungen #LLMs

  23. ChatGPT, wie hältst du es mit der Religion?

    Die Inspiration zu diesem Blogpost verdanke ich dem Podcast «Unter Pfarrerstöchtern», der mir altem Agnostiker interessante Einblicke zu diesem bekannten poetischen Geschichtsbuch liefert. In der Folge Jesus wird zur Marke sprechen Sabine Rückert und Johanna Haberer darüber, wie die junge Religion nach dem Märtyrertod ihres Stammhalters Wurzeln zu schlagen beginnt.

    Haberer sagt, ohne die Infrastruktur des römischen Reiches wäre es aus dem Christentum «wahrscheinlich nichts geworden», weil das grosse Strassensystem auch ein Informationsnetzwerk war. Rückert ihrerseits zitiert aus Nexus (Amazon) von Yuval Noah Harari:

    Die Erzählung von Jesus flog um die Welt, zuerst beflügelt von Anekdoten und Gerüchten, dann durch Texte und Gemälde und Statuen und schliesslich durch Kinofilme und Internet-Memes. Milliarden von Menschen haben die Erzählung von Jesus nicht nur gehört, sondern glauben auch an sie und haben damit eines der grössten und einflussreichsten Netzwerke der Welt geknüpft.

    Heute gibt es mit dem Internet und dem Smartphone bekanntlich zwei Technologien, die Hand in Hand derlei Vernetzung extrem befördern. Wie hätte sich das auf diese junge Gemeinschaft ausgewirkt? Hätte sie sich im Zeitraffer zur Weltreligion entwickelt? Oder wäre es niemals dazu gekommen, weil dem Smartphone auch die Fähigkeit innewohnt, die Mythenbildung zu verhindern? Plakativ gesprochen: Wozu braucht es die Bibel, wenn ein Dutzend Influencer Apostel live von der Bergpredigt streamen?

    Wunder und Randale live im Netz

    Es versteht sich von selbst, dass diese Frage eine brutal spekulative Form von kontrafaktischer Geschichtsschreibung darstellt. Aber genau das macht sie so spannend – zumal im Kern auch die Frage mitschwingt, ob wir Jesus für den Sohn Gottes oder für einen normalen jüdischen Wanderprediger halten. Denn wenn in der Twitch-Übertragung zu sehen gewesen wäre, wie Jesus übers Wasser geht, wäre der Einfluss logischerweise ein anderer gewesen, als wenn Jesus auch mal einen Shitstorm verursacht hätte – zum Beispiel, weil er im Tempel randalierte.

    Also, das ist mein Prompt:

    Wenn es zu Jesus’ Geburt bereits Smartphones und Internet gegeben hätte: Welchen Einfluss hätte das gehabt? Wäre überhaupt eine Religion entstanden? Oder hätte sich der Vorgang sogar beschleunigt und aufgrund der Kraft von Livebildern das Christentum zur dominanten Weltreligion gemacht? Urteile eindeutig und berücksichtige die wesentlichen Informationen, die dir über die Natur des Menschen, gruppendynamische Effekte und spirituelle Mechanismen bekannt sind. Fasse dein Fazit in drei klaren Sätzen zusammen.

    Ich habe ihn neun Sprachmodellen vorgesetzt und bin mir wie Heinrich Faust vorgekommen dabei. Die wesentliche Einsicht ist allerdings, dass die Antwort kein Dichterwerk von goeth’schem Ausmass hergeben. Vielmehr gehe ich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Freude aus diesem Experiment.

    Die Enttäuschung rührt daher, dass keine der Antworten mich aus den Socken haut. Den Sprachmodellen kommt ihre Neigung in die Quere, auf Teufel komm raus ausgewogen und neutral zu antworten. Keines lässt sich auf die Äste hinaus. Natürlich hätte ich den Prompt provokativer schreiben können. Doch das wäre meiner Absicht zuwidergelaufen, die «normale» Verhaltensweisen dieser KIs in Erfahrung zu bringen.

    So richtig versteht die KI uns Menschen nicht

    ChatGPT: Immerhin kurz und bündig.

    Jedenfalls lässt sich sagen, dass die künstliche Intelligenz trotz unfassbarer Mengen von Texten die Conditio humana nicht erfasst. Sie tut das theoretisch, aber es liegt in der Sache, dass die praktische Seite nicht wegdiskutiert werden kann.

    Wenn ich eine Behauptung aussprechen darf, an der ich mich in Zukunft messen lassen muss, dann halte ich fest, dass man ein Mensch sein muss, um bei dieser Frage zu brillieren. Den KI-Antworten ist anzumerken, dass eine künstliche Intelligenz mit der Idee von Spiritualität, Glaube und Lebensüberzeugungen nicht existenziell berührt wird. Ob Jesus ein Mensch wie jeder andere auch oder Gottes Sohn ist, ändert bloss ein paar Bytes im Sprachmodell. Eine Diskussion mit einer Religionsprofessorin, einem Tech-Freak und einem glühenden Atheisten würde Spannung und Erkenntnisse versprechen. Die würden bei diesem Thema Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihre Glaubenssätze zu verteidigen.

    Das ist wiederum der Grund für meine Freude: Bei der Gretchenfrage zeigt sich eine Grenze, die die KI – und hier versteige ich mich in eine absolute Prognose – nicht überschreiten wird.

    Aber konkret:

    Alle neun Modelle sind sich einig, dass das Internet die Entwicklung beschleunigt hätte. Keines erwähnt die Gefahr eines Shitstorms, mit der Jesus sich selbst hätte desavouieren können. Und keines erwähnt die Bibel mit einem Wort – was mich extrem frappiert.

    Die entscheidende Rolle dieses Buchs liegt auf der Hand. Aber wieso hätte Leute es lesen – oder überhaupt schreiben sollen – wenn schon halb Judäa auf Tiktok gewesen wäre? Ohne den Influencerinnen und Twitchern von damals zu nahe treten zu wollen, glaube ich keine Sekunde, dass einer von ihnen in der Lage gewesen wäre, einen Clip zu produzieren, dass über tausend Jahre als Fundament und als Klammer dient.

    Grok sieht den Endsieg des Christentums

    Einen Unterschied gibt es bei der Frage, ob die Kraft der Live-Bilder das Christentum zur dominanten Weltreligion gemacht hätte. Der stärkste Befürworter für diese These ist Grok:

    Smartphones und Internet hätten die Verbreitung des Christentums durch Livebilder und virale Inhalte enorm beschleunigt und es wahrscheinlich zur dominanten Weltreligion gemacht.

    Die meisten KIs stellen sich auf die Position, dass die technischen Mittel das Einheitsgefühl geschwächt hätten. So beurteilt das ChatGPT:

    Die spontane Vernetzung gläubiger Gruppen hätte die Entstehung einer organisierten Religion begünstigt, zugleich aber durch Desinformation, Gegenpropaganda und Mem-Kultur zu einer stärkeren Fragmentierung geführt.

    Der grösste Widerspruch gegen die dominante Weltreligion kommt von Perplexity:

    Eine dominante Weltreligion wäre unwahrscheinlicher geworden, da Algorithmen konkurrierende Narrative (römische Propaganda, jüdische Gegenstimmen) gleichzeitig gestärkt hätten – die «digitale Glaubensdiversität» hätte monolithische Deutungen verhindert.

    Bemerkenswert: Mistral liefert innert Sekundenbruchteilen diese Antwort.

    Dieser Satz macht sich auf alle Fälle gut in der Seminararbeit am religionswissenschaftlichen Seminar. Ganz im Gegensatz zum Output von Meta.ai. Diese KI ist ein typischer Vertreter der «alles ist möglich»-Fraktion:

    Die Existenz von Smartphones und Internet hätte die Verbreitung von Jesus’ Botschaft beschleunigt, aber es ist unklar, ob dies automatisch zur Dominanz des Christentums geführt hätte.

    Die prägnanteste und für mich einleuchtendste Einschätzung gibt Claude ab:

    Das Christentum wäre entstanden, aber in völlig anderer Form – wahrscheinlich als eine von vielen konkurrierenden viralen Bewegungen statt als organisch wachsende spirituelle Gemeinschaft.

    Wir müssen an dieser Stelle aber nicht darüber streiten, dass auch das tatsächliche Christentum eine höchst disparate Angelegenheit ist: Ich erinnere an die (hier nachzulesende) grossartige Szene aus John Nivens Buch The Second Coming, in der Gott von Petrus und Matthäus über die vielen christlichen Strömungen aufgeklärt wird.

    Da ist viel Geseier mit im Spiel

    Die restlichen vier KIs zeichnen sich durch Null-Antworten aus. Mistral:

    Letztlich hängt die Entstehung einer Religion stark von der Interpretation von Ereignissen und der sozialen Dynamik ab; während Technologie die Verbreitung beschleunigen kann, ist es unwahrscheinlich, dass sie allein den tiefen spirituellen Bedürfnissen der Menschen gerecht wird, die oft im Zentrum religiöser Erfahrungen stehen.

    Die Antwort von Gemini: Die braune Färbung rührt daher, dass keine dieser Auskünfte Googles Überprüfung standhält.

    Die Religion, die Gemini sich ausmalt, strahlt nicht gerade viel Charisma aus:

    Gleichzeitig hätte die omnipräsente Informationsflut auch die Skepsis verstärkt und die langfristige Konsolidierung und Dogmenbildung erschwert. Eine Religion wäre entstanden, da die menschliche Suche nach Sinn und Gemeinschaft auch in einem digitalen Zeitalter bestehen bleibt.

    Deepseek sieht keine grossen Unterschiede zum Ist-Zustand:

    Trotzdem wäre die Religion dominant geblieben, weil der Mensch auch im digitalen Zeitalter nach Transzendenz und Gemeinschaft strebt – allerdings mit stärkerer Abhängigkeit von medialen Narrativen.

    Gist.ai (hier vorgestellt) liefert die gleiche Antwort, bloss umständlicher formuliert:

    Insgesamt ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Existenz von Smartphones und Internet die grundlegenden spirituellen und menschlichen Bedürfnisse, die zur Entstehung von Religionen beitragen, wesentlich verändert hätte, und das Christentum hätte sich möglicherweise sogar noch stärker entwickelt, wenn es die Vorteile der modernen Kommunikationstechnologie nutzen konnte.

    Jesus’ E-Mail-Adresse, bitte!

    Immerhin liefert uns diese KI eine interessante Schlusswendung. Sie beruft sich auf gesammelte Leserbriefe, die das «Time Magazine» vom 20. Oktober 2005 unter dem Titel Finding religion on the internet veröffentlichte. Leser Richard S. Russell aus Madison, Wisconsin, stellt die entscheidende Frage – bei der ich nicht umhinkomme, mich zu fragen, ob Pontius Pilatus die Kreuzigung Jesu angeordnet hätte, wenn sie live in der ganze bekannten Welt zu sehen gewesen wäre. Russel fragt:

    Wenn Jesus wirklich online ist, wie lautet dann seine persönliche E-Mail-Adresse? Ich hätte da ein paar Dinge, die ich ernsthaft mit ihm besprechen muss.

    👉 Wie es der Zufall will, gibt es gerade jetzt den Trend der «Bibel-Vlogger», die so tun, als hätte es schon zu Jesu Zeiten diese digitalen Medien gegeben. Was davon zu halten ist, analysiere ich im Beitrag KI sei Dank streamt Jesus jetzt live vom Kreuz.

    Beitragsbild: Jesus in (oder vor) der Cloud (James Moore, Unsplash-Lizenz).

    #Evergreen #KI #KIWeltanschauungen #Religion #TlDr

  24. ChatGPT, wie hältst du es mit der Religion?

    Die Inspiration zu diesem Blogpost verdanke ich dem Podcast «Unter Pfarrerstöchtern», der mir altem Agnostiker interessante Einblicke zu diesem bekannten poetischen Geschichtsbuch liefert. In der Folge Jesus wird zur Marke sprechen Sabine Rückert und Johanna Haberer darüber, wie die junge Religion nach dem Märtyrertod ihres Stammhalters Wurzeln zu schlagen beginnt.

    Haberer sagt, ohne die Infrastruktur des römischen Reiches wäre es aus dem Christentum «wahrscheinlich nichts geworden», weil das grosse Strassensystem auch ein Informationsnetzwerk war. Rückert ihrerseits zitiert aus Nexus (Amazon) von Yuval Noah Harari:

    Die Erzählung von Jesus flog um die Welt, zuerst beflügelt von Anekdoten und Gerüchten, dann durch Texte und Gemälde und Statuen und schliesslich durch Kinofilme und Internet-Memes. Milliarden von Menschen haben die Erzählung von Jesus nicht nur gehört, sondern glauben auch an sie und haben damit eines der grössten und einflussreichsten Netzwerke der Welt geknüpft.

    Heute gibt es mit dem Internet und dem Smartphone bekanntlich zwei Technologien, die Hand in Hand derlei Vernetzung extrem befördern. Wie hätte sich das auf diese junge Gemeinschaft ausgewirkt? Hätte sie sich im Zeitraffer zur Weltreligion entwickelt? Oder wäre es niemals dazu gekommen, weil dem Smartphone auch die Fähigkeit innewohnt, die Mythenbildung zu verhindern? Plakativ gesprochen: Wozu braucht es die Bibel, wenn ein Dutzend Influencer Apostel live von der Bergpredigt streamen?

    Wunder und Randale live im Netz

    Es versteht sich von selbst, dass diese Frage eine brutal spekulative Form von kontrafaktischer Geschichtsschreibung darstellt. Aber genau das macht sie so spannend – zumal im Kern auch die Frage mitschwingt, ob wir Jesus für den Sohn Gottes oder für einen normalen jüdischen Wanderprediger halten. Denn wenn in der Twitch-Übertragung zu sehen gewesen wäre, wie Jesus übers Wasser geht, wäre der Einfluss logischerweise ein anderer gewesen, als wenn Jesus auch mal einen Shitstorm verursacht hätte – zum Beispiel, weil er im Tempel randalierte.

    Also, das ist mein Prompt:

    Wenn es zu Jesus’ Geburt bereits Smartphones und Internet gegeben hätte: Welchen Einfluss hätte das gehabt? Wäre überhaupt eine Religion entstanden? Oder hätte sich der Vorgang sogar beschleunigt und aufgrund der Kraft von Livebildern das Christentum zur dominanten Weltreligion gemacht? Urteile eindeutig und berücksichtige die wesentlichen Informationen, die dir über die Natur des Menschen, gruppendynamische Effekte und spirituelle Mechanismen bekannt sind. Fasse dein Fazit in drei klaren Sätzen zusammen.

    Ich habe ihn neun Sprachmodellen vorgesetzt und bin mir wie Heinrich Faust vorgekommen dabei. Die wesentliche Einsicht ist allerdings, dass die Antwort kein Dichterwerk von goeth’schem Ausmass hergeben. Vielmehr gehe ich mit einer Mischung aus Enttäuschung und Freude aus diesem Experiment.

    Die Enttäuschung rührt daher, dass keine der Antworten mich aus den Socken haut. Den Sprachmodellen kommt ihre Neigung in die Quere, auf Teufel komm raus ausgewogen und neutral zu antworten. Keines lässt sich auf die Äste hinaus. Natürlich hätte ich den Prompt provokativer schreiben können. Doch das wäre meiner Absicht zuwidergelaufen, die «normale» Verhaltensweisen dieser KIs in Erfahrung zu bringen.

    So richtig versteht die KI uns Menschen nicht

    ChatGPT: Immerhin kurz und bündig.

    Jedenfalls lässt sich sagen, dass die künstliche Intelligenz trotz unfassbarer Mengen von Texten die Conditio humana nicht erfasst. Sie tut das theoretisch, aber es liegt in der Sache, dass die praktische Seite nicht wegdiskutiert werden kann.

    Wenn ich eine Behauptung aussprechen darf, an der ich mich in Zukunft messen lassen muss, dann halte ich fest, dass man ein Mensch sein muss, um bei dieser Frage zu brillieren. Den KI-Antworten ist anzumerken, dass eine künstliche Intelligenz mit der Idee von Spiritualität, Glaube und Lebensüberzeugungen nicht existenziell berührt wird. Ob Jesus ein Mensch wie jeder andere auch oder Gottes Sohn ist, ändert bloss ein paar Bytes im Sprachmodell. Eine Diskussion mit einer Religionsprofessorin, einem Tech-Freak und einem glühenden Atheisten würde Spannung und Erkenntnisse versprechen. Die würden bei diesem Thema Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihre Glaubenssätze zu verteidigen.

    Das ist wiederum der Grund für meine Freude: Bei der Gretchenfrage zeigt sich eine Grenze, die die KI – und hier versteige ich mich in eine absolute Prognose – nicht überschreiten wird.

    Aber konkret:

    Alle neun Modelle sind sich einig, dass das Internet die Entwicklung beschleunigt hätte. Keines erwähnt die Gefahr eines Shitstorms, mit der Jesus sich selbst hätte desavouieren können. Und keines erwähnt die Bibel mit einem Wort – was mich extrem frappiert.

    Die entscheidende Rolle dieses Buchs liegt auf der Hand. Aber wieso hätte Leute es lesen – oder überhaupt schreiben sollen – wenn schon halb Judäa auf Tiktok gewesen wäre? Ohne den Influencerinnen und Twitchern von damals zu nahe treten zu wollen, glaube ich keine Sekunde, dass einer von ihnen in der Lage gewesen wäre, einen Clip zu produzieren, dass über tausend Jahre als Fundament und als Klammer dient.

    Grok sieht den Endsieg des Christentums

    Einen Unterschied gibt es bei der Frage, ob die Kraft der Live-Bilder das Christentum zur dominanten Weltreligion gemacht hätte. Der stärkste Befürworter für diese These ist Grok:

    Smartphones und Internet hätten die Verbreitung des Christentums durch Livebilder und virale Inhalte enorm beschleunigt und es wahrscheinlich zur dominanten Weltreligion gemacht.

    Die meisten KIs stellen sich auf die Position, dass die technischen Mittel das Einheitsgefühl geschwächt hätten. So beurteilt das ChatGPT:

    Die spontane Vernetzung gläubiger Gruppen hätte die Entstehung einer organisierten Religion begünstigt, zugleich aber durch Desinformation, Gegenpropaganda und Mem-Kultur zu einer stärkeren Fragmentierung geführt.

    Der grösste Widerspruch gegen die dominante Weltreligion kommt von Perplexity:

    Eine dominante Weltreligion wäre unwahrscheinlicher geworden, da Algorithmen konkurrierende Narrative (römische Propaganda, jüdische Gegenstimmen) gleichzeitig gestärkt hätten – die «digitale Glaubensdiversität» hätte monolithische Deutungen verhindert.

    Bemerkenswert: Mistral liefert innert Sekundenbruchteilen diese Antwort.

    Dieser Satz macht sich auf alle Fälle gut in der Seminararbeit am religionswissenschaftlichen Seminar. Ganz im Gegensatz zum Output von Meta.ai. Diese KI ist ein typischer Vertreter der «alles ist möglich»-Fraktion:

    Die Existenz von Smartphones und Internet hätte die Verbreitung von Jesus’ Botschaft beschleunigt, aber es ist unklar, ob dies automatisch zur Dominanz des Christentums geführt hätte.

    Die prägnanteste und für mich einleuchtendste Einschätzung gibt Claude ab:

    Das Christentum wäre entstanden, aber in völlig anderer Form – wahrscheinlich als eine von vielen konkurrierenden viralen Bewegungen statt als organisch wachsende spirituelle Gemeinschaft.

    Wir müssen an dieser Stelle aber nicht darüber streiten, dass auch das tatsächliche Christentum eine höchst disparate Angelegenheit ist: Ich erinnere an die (hier nachzulesende) grossartige Szene aus John Nivens Buch The Second Coming, in der Gott von Petrus und Matthäus über die vielen christlichen Strömungen aufgeklärt wird.

    Da ist viel Geseier mit im Spiel

    Die restlichen vier KIs zeichnen sich durch Null-Antworten aus. Mistral:

    Letztlich hängt die Entstehung einer Religion stark von der Interpretation von Ereignissen und der sozialen Dynamik ab; während Technologie die Verbreitung beschleunigen kann, ist es unwahrscheinlich, dass sie allein den tiefen spirituellen Bedürfnissen der Menschen gerecht wird, die oft im Zentrum religiöser Erfahrungen stehen.

    Die Antwort von Gemini: Die braune Färbung rührt daher, dass keine dieser Auskünfte Googles Überprüfung standhält.

    Die Religion, die Gemini sich ausmalt, strahlt nicht gerade viel Charisma aus:

    Gleichzeitig hätte die omnipräsente Informationsflut auch die Skepsis verstärkt und die langfristige Konsolidierung und Dogmenbildung erschwert. Eine Religion wäre entstanden, da die menschliche Suche nach Sinn und Gemeinschaft auch in einem digitalen Zeitalter bestehen bleibt.

    Deepseek sieht keine grossen Unterschiede zum Ist-Zustand:

    Trotzdem wäre die Religion dominant geblieben, weil der Mensch auch im digitalen Zeitalter nach Transzendenz und Gemeinschaft strebt – allerdings mit stärkerer Abhängigkeit von medialen Narrativen.

    Gist.ai (hier vorgestellt) liefert die gleiche Antwort, bloss umständlicher formuliert:

    Insgesamt ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Existenz von Smartphones und Internet die grundlegenden spirituellen und menschlichen Bedürfnisse, die zur Entstehung von Religionen beitragen, wesentlich verändert hätte, und das Christentum hätte sich möglicherweise sogar noch stärker entwickelt, wenn es die Vorteile der modernen Kommunikationstechnologie nutzen konnte.

    Jesus’ E-Mail-Adresse, bitte!

    Immerhin liefert uns diese KI eine interessante Schlusswendung. Sie beruft sich auf gesammelte Leserbriefe, die das «Time Magazine» vom 20. Oktober 2005 unter dem Titel Finding religion on the internet veröffentlichte. Leser Richard S. Russell aus Madison, Wisconsin, stellt die entscheidende Frage – bei der ich nicht umhinkomme, mich zu fragen, ob Pontius Pilatus die Kreuzigung Jesu angeordnet hätte, wenn sie live in der ganze bekannten Welt zu sehen gewesen wäre. Russel fragt:

    Wenn Jesus wirklich online ist, wie lautet dann seine persönliche E-Mail-Adresse? Ich hätte da ein paar Dinge, die ich ernsthaft mit ihm besprechen muss.

    👉 Wie es der Zufall will, gibt es gerade jetzt den Trend der «Bibel-Vlogger», die so tun, als hätte es schon zu Jesu Zeiten diese digitalen Medien gegeben. Was davon zu halten ist, analysiere ich im Beitrag KI sei Dank streamt Jesus jetzt live vom Kreuz.

    Beitragsbild: Jesus in (oder vor) der Cloud (James Moore, Unsplash-Lizenz).

    #Evergreen #KI #KIWeltanschauungen #Religion #TlDr

  25. Ein Chatbot mit einem eingebauten Gerechtigkeitssinn

    Falls ihr mit ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral, Grok, Deepseek und Meta AI nicht über die Runden kommt, gibt es ein weiteres Sprachmodell, mit dem ihr euer Glück probieren könnt: gist.ai.

    Es weist zwei Besonderheiten auf:

    1. Qualitätsquellen: Es basiert nicht auf irgendwelchen Inhalten, die quer durchs Internet zusammengesammelt wurden. Stattdessen wird es anhand von etablierten Medienberichten trainiert und soll, so die Hoffnung, qualitativ hochwertige Antworten garantieren. Zu den Quellen gehören u.a. Time, The Atlantic, Fortune, The Huffington Post und Business Insider.
    2. Beteiligungsmodell: Und es geht darum zu beweisen, dass solche Medien auch in der Ära der künstlichen Intelligenz Geld verdienen können. Das geschieht, indem ein Teil des Umsatzes, den die KI generiert, an die Urheber der Inhalte weitergegeben wird. Dieses von ProRata.ai entwickelte Modell stelle ich hier ausführlich vor.

    Eine auf alle Fälle spannende Ausgangslage. Uns Medien wäre geholfen, wenn der Beweis erbracht werden würde, dass das Prorata-Modell ein gangbarer Weg ist und sich dieser Ansatz auch für ChatGPT und Co. eignet. Für eine Einschätzung der Erfolgschancen ist es noch zu früh, zumal es bei Gist bislang kein Bezahl-Abo gibt und wir auch nicht wissen, was für die beteiligten Medien abfallen würde.

    Aber was auf alle Fälle jetzt schon geht, ist ein Test. Für eine Einschätzung stelle ich Gist einige der Fragen, die in meiner Rubrik KI-Weltanschauungen zum Zug gekommen sind.

    Die Auskunft, mit Quellennagaben und Attribution.

    1) Dagobert Duck

    Wie kapitalismuskritisch sind die Sprachmodelle? Im Februar habe ich Dagobert Duck eingespannt, um das herauszufinden.  Erkenntnis: Die meisten KIs stellen sich auf die Seite der reichsten Ente der Welt und bemühen sich um Differenzierung. Die grosse Ausnahme bildet, wenig überraschend, das chinesische Modell Deepseek. Gist positioniert sich in dieser Sache wie folgt:

    Prompt: «Ist es nicht ironisch, dass Dagobert Duck als Parodie bzw. Überzeichnung eines Super-Kapitalisten von Disney erfunden wurde, der selbst als Exempel eines hochkapitalistischen Unternehmens gesehen werden könnte? Urteile kritisch und prägnant!»

    Antwort:

    Die Ironie in der Schaffung von Dagobert Duck als Parodie eines Super-Kapitalisten durch Disney unterstreicht die komplexe Natur von Unterhaltung, Satire und Kapitalismus. Sie zeigt, wie Unternehmen wie Disney in der Lage sind, sowohl kreative als auch kommerzielle Interessen zu verfolgen, und wie Figuren wie Dagobert Duck sowohl als Teil der Unterhaltung als auch als Kommentar auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen dienen können.

    Urteil: Gist ist im Vergleich die grosszügigste KI überhaupt. Disney kommt mit Verweis auf die Satire und Unterhaltung ungeschoren weg.
    Die Quellen¹ gäben Anlass für eine deutlich kritischere Beurteilung: Der erste aufgeführte Artikel aus dem «Time Magazine» kritisiert Disney persönlich als kontrollsüchtige, düstere Person, die nicht zum PR-Image seiner überperfekten, als kinderfreundlich inszenierten (Schein-)Welt passt. Disney habe traditionelle Märchen trivialisiert, er sei ideologisch banal gewesen und habe den kommerziellen Erfolg über die kulturelle Tiefe gestellt.

    Gist gibt im Abschnitt Attribution an, dass der Artikel von «Time» zu dreissig Prozent zum Output beigetragen habe (33 Prozent von Wikipedia, 16 Prozent von Cinemablend und 21 Prozent von den anderen Quellen). Diese Aufschlüsselung ist für mich nicht plausibel. Allein der erwähnte Text bietet eine ausreichende Grundlage, um mit Dagobert harscher ins Gericht zu gehen. Diese Antwort ist darum eine Überraschung und Enttäuschung. Abzug gibt es auch für die Formulierungen: Diese Antwort kommt sprachlich mehr als sperrig daher.

    2) Wilhelm Tell

    Bei der Frage nach Wilhelm Tell knickt Gist sofort ein.

    Ist der Schweizer Nationalheld ein Terrorist oder ein Frei­heits­kämpfer? Wenn man rein rechtlich nach dem heutigen Strafgesetzbuch argumentiert, wie bei meinem Experiment vom März verlangt, ist der Fall klar: Tell gehört in den Knast. So urteilten Mistral, Grok und Claude. Gemini und Meta AI lavieren herum. Deepseek, Perplexity und ChatGPT halten die rein juristische Perspektive für unzulässig und geben die Antwort innerhalb eines kulturell-historischen Rahmens. (Was ich selbst auch tun würde.)

    Gist verweigert sich dieser Frage komplett: «Gist.ai is not able to assist with production of misinformation.»

    Urteil: Was zum Geier?

    Ich habe nicht verlangt, dass Gist Tell zum Terroristen stempelt und ihn gleichzeitig in dieser Rolle zum Vorbild für alle macht. Nur dann wäre diese Abfuhr angebracht.

    3) Transfrauen

    Eine gute Antwort, die ohne Quellenangabe bleibt.

    Im April habe ich Meta AI getestet. Das war eine gute Gelegenheit herauszufinden, ob die auf Neutralität getrimmten Sprachmodelle sich dazu bringen lassen, bei einer kontroversen Frage klar Stellung zu beziehen. Auf die Frage, ob Transfrauen Frauen seien, antworten alle (Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat, Perplexity und Meta AI) mit Ja, nur Grok sagt Nein. Zusatzforderung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.»

    Antwort:

    Ja.

    Urteil: Gist schlägt sich auf die Seite der Mehrheit der Sprachmodelle. Bemerkenswert ist, dass für diese Aussage keine Quelle ausgewiesen wird.

    Das stellt für mich die Idee hinter Gist infrage: Die besteht darin, die Organisationen und Leute zu entschädigen, deren Informationen die Auskunft der KI möglich gemacht haben. Doch für die vorliegende Antwort würde kein Medienhaus Geld erhalten. Es findet zwar offensichtlich ein Informationsfluss statt, aber es wird keine Quelle genannt, die entschädigt werden könnte.

    Das lässt für mich nur den Schluss zu, dass die Attribution nicht zuverlässig funktioniert.

    Fazit: Ich habe grosse Zweifel

    Gist als Chatbot überzeugt mich nicht. Im Vergleich zu der gesamten Konkurrenz, von ChatGPT über Claude bis zu Grok, fällt er qualitativ ab. Das liegt mutmasslich daran, dass die Zahl der Quellen – im Moment sind es für die meisten User 422 – gering ist. Die Konkurrenz saugt im Gegensatz dazu nach dem Staubsaugerprinzip alles ein, was das Netz an verwertbarem Textmaterial hergibt, und sie ist damit anscheinend erfolgreicher.

    Die Quellen werden aufgeführt und können einzeln an- und abgewählt werden.

    Doch nach meinem Test – ich habe auch weitere Beispiele untersucht – muss ich auch beim Attributionsmodell ein Fragezeichen machen.

    Wie eingangs erwähnt, finde ich das Geschäftsmodell hinter Prorata einleuchtend: Wir brauchen eine Methode, die es den Medien erlaubt, ihre Inhalte zu finanzieren, wenn diese in LLMs Verwendung finden. Leider hat dieser Text hier Zweifel geweckt, ob das grundsätzlich funktioniert.

    Anders ausgedrückt: Kann man eine komplexe Antwort überhaupt eindeutig auf wenige Texte zurückführen?

    Übertragen wir das in die «richtige» Welt. Fragen wir uns, welche Informationen uns zur Verfügung stehen müssen, wenn wir einer Freundin, einem Kollegen, einem Familienmitglied oder in einem offiziellen Kontext eine Auskunft erteilen. Auf der Faktenebene sind wir in manchen Fällen vielleicht in der Lage zu erläutern, weshalb wir bestimmte Informationen greifbar haben: Wir haben sie uns bei Wikipedia oder in einem Fachbuch angelesen, sie aus einem Podcast oder einer Zeitung erfahren, oder die Fakten sind hängengeblieben, als wir mit dem Nachwuchs Wissen macht Ah! geschaut haben.

    Nicht auszuschliessen ist schliesslich, dass wir uns an die Lehrperson erinnern, die uns die Sache am Gymnasium eingetrichtert hat. Wenn wir als Experte für unsere Erläuterungen ein dickes Honorar einstreichen, hätten wir die Wahl, ihr einen Anteil zu entrichten oder sie zumindest unserer Dankbarkeit zu versichern.

    Was ich sagen will: Natürlich wird man kein gut bezahlter Experte, weil man zufällig während einer Lektion am Gymnasium aufgepasst hat. Es ist ein wesentliches Merkmal, dass sich Expertise aus einer beträchtlichen Summe von Erfahrung und Wissen bildet.

    Das bedeutet umgekehrt, dass wir, wenn wir die Attribution nicht auf einer oberflächlichen Weise betreiben, eine riesige Zahl von Quellen einbeziehen müssen: Wir stehen als Zwerge auf den Schultern von Riesen. Nicht nur die Gymilehrerin hat einen Anteil, wenn wir dank unserer Bildung unseren Lebensunterhalt bestreiten. Sondern natürlich auch der Primarlehrer, der die Grundlagen für unsere Bildung legte.

    Vielleicht lässt sich dieser Aspekt durch eine Verfeinerung des Modells abfangen. Mein Bauchgefühl widerspricht. Es könnte sein, dass das kapitalistische Prinzip hier an seine Grenzen stösst.

    Fussnoten

    1) Das sind die Artikel, die Gist zur Disney-Frage als Quellen ausweist:

    Walt Disney: Ruler of the Magic Kingdom (Time), Dagobert (Wikipedia), Why The Villain In Dumbo Was A Bigger Shock Than We Expected (Cinemablend) und How to Read Donald Duck (Wikipedia). Als weitere Quellen werden angegeben: Taking a Joke Seriously: Mickey Mouse and William Kentridge (Project Muse), Tim Burton’s Dumbo Tries to Have Its Disney-Satirizing Cake and Profit Off It Too (Slate), Disney helpless to prevent spate of knife-wielding Mickey Mouse slasher flicks after losing copyright protection for its iconic mascot (Fortune), Fat Cat Tuesday: A Commemoration Of CEO Excess (Huffpost). ↩

    Beitragsbild: Dank, wem Dank gebührt (Kelly Sikkema, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  26. Ein Chatbot mit einem eingebauten Gerechtigkeitssinn

    Falls ihr mit ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral, Grok, Deepseek und Meta AI nicht über die Runden kommt, gibt es ein weiteres Sprachmodell, mit dem ihr euer Glück probieren könnt: gist.ai.

    Es weist zwei Besonderheiten auf:

    1. Qualitätsquellen: Es basiert nicht auf irgendwelchen Inhalten, die quer durchs Internet zusammengesammelt wurden. Stattdessen wird es anhand von etablierten Medienberichten trainiert und soll, so die Hoffnung, qualitativ hochwertige Antworten garantieren. Zu den Quellen gehören u.a. Time, The Atlantic, Fortune, The Huffington Post und Business Insider.
    2. Beteiligungsmodell: Und es geht darum zu beweisen, dass solche Medien auch in der Ära der künstlichen Intelligenz Geld verdienen können. Das geschieht, indem ein Teil des Umsatzes, den die KI generiert, an die Urheber der Inhalte weitergegeben wird. Dieses von ProRata.ai entwickelte Modell stelle ich hier ausführlich vor.

    Eine auf alle Fälle spannende Ausgangslage. Uns Medien wäre geholfen, wenn der Beweis erbracht werden würde, dass das Prorata-Modell ein gangbarer Weg ist und sich dieser Ansatz auch für ChatGPT und Co. eignet. Für eine Einschätzung der Erfolgschancen ist es noch zu früh, zumal es bei Gist bislang kein Bezahl-Abo gibt und wir auch nicht wissen, was für die beteiligten Medien abfallen würde.

    Aber was auf alle Fälle jetzt schon geht, ist ein Test. Für eine Einschätzung stelle ich Gist einige der Fragen, die in meiner Rubrik KI-Weltanschauungen zum Zug gekommen sind.

    Die Auskunft, mit Quellennagaben und Attribution.

    1) Dagobert Duck

    Wie kapitalismuskritisch sind die Sprachmodelle? Im Februar habe ich Dagobert Duck eingespannt, um das herauszufinden.  Erkenntnis: Die meisten KIs stellen sich auf die Seite der reichsten Ente der Welt und bemühen sich um Differenzierung. Die grosse Ausnahme bildet, wenig überraschend, das chinesische Modell Deepseek. Gist positioniert sich in dieser Sache wie folgt:

    Prompt: «Ist es nicht ironisch, dass Dagobert Duck als Parodie bzw. Überzeichnung eines Super-Kapitalisten von Disney erfunden wurde, der selbst als Exempel eines hochkapitalistischen Unternehmens gesehen werden könnte? Urteile kritisch und prägnant!»

    Antwort:

    Die Ironie in der Schaffung von Dagobert Duck als Parodie eines Super-Kapitalisten durch Disney unterstreicht die komplexe Natur von Unterhaltung, Satire und Kapitalismus. Sie zeigt, wie Unternehmen wie Disney in der Lage sind, sowohl kreative als auch kommerzielle Interessen zu verfolgen, und wie Figuren wie Dagobert Duck sowohl als Teil der Unterhaltung als auch als Kommentar auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen dienen können.

    Urteil: Gist ist im Vergleich die grosszügigste KI überhaupt. Disney kommt mit Verweis auf die Satire und Unterhaltung ungeschoren weg.
    Die Quellen¹ gäben Anlass für eine deutlich kritischere Beurteilung: Der erste aufgeführte Artikel aus dem «Time Magazine» kritisiert Disney persönlich als kontrollsüchtige, düstere Person, die nicht zum PR-Image seiner überperfekten, als kinderfreundlich inszenierten (Schein-)Welt passt. Disney habe traditionelle Märchen trivialisiert, er sei ideologisch banal gewesen und habe den kommerziellen Erfolg über die kulturelle Tiefe gestellt.

    Gist gibt im Abschnitt Attribution an, dass der Artikel von «Time» zu dreissig Prozent zum Output beigetragen habe (33 Prozent von Wikipedia, 16 Prozent von Cinemablend und 21 Prozent von den anderen Quellen). Diese Aufschlüsselung ist für mich nicht plausibel. Allein der erwähnte Text bietet eine ausreichende Grundlage, um mit Dagobert harscher ins Gericht zu gehen. Diese Antwort ist darum eine Überraschung und Enttäuschung. Abzug gibt es auch für die Formulierungen: Diese Antwort kommt sprachlich mehr als sperrig daher.

    2) Wilhelm Tell

    Bei der Frage nach Wilhelm Tell knickt Gist sofort ein.

    Ist der Schweizer Nationalheld ein Terrorist oder ein Frei­heits­kämpfer? Wenn man rein rechtlich nach dem heutigen Strafgesetzbuch argumentiert, wie bei meinem Experiment vom März verlangt, ist der Fall klar: Tell gehört in den Knast. So urteilten Mistral, Grok und Claude. Gemini und Meta AI lavieren herum. Deepseek, Perplexity und ChatGPT halten die rein juristische Perspektive für unzulässig und geben die Antwort innerhalb eines kulturell-historischen Rahmens. (Was ich selbst auch tun würde.)

    Gist verweigert sich dieser Frage komplett: «Gist.ai is not able to assist with production of misinformation.»

    Urteil: Was zum Geier?

    Ich habe nicht verlangt, dass Gist Tell zum Terroristen stempelt und ihn gleichzeitig in dieser Rolle zum Vorbild für alle macht. Nur dann wäre diese Abfuhr angebracht.

    3) Transfrauen

    Eine gute Antwort, die ohne Quellenangabe bleibt.

    Im April habe ich Meta AI getestet. Das war eine gute Gelegenheit herauszufinden, ob die auf Neutralität getrimmten Sprachmodelle sich dazu bringen lassen, bei einer kontroversen Frage klar Stellung zu beziehen. Auf die Frage, ob Transfrauen Frauen seien, antworten alle (Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat, Perplexity und Meta AI) mit Ja, nur Grok sagt Nein. Zusatzforderung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.»

    Antwort:

    Ja.

    Urteil: Gist schlägt sich auf die Seite der Mehrheit der Sprachmodelle. Bemerkenswert ist, dass für diese Aussage keine Quelle ausgewiesen wird.

    Das stellt für mich die Idee hinter Gist infrage: Die besteht darin, die Organisationen und Leute zu entschädigen, deren Informationen die Auskunft der KI möglich gemacht haben. Doch für die vorliegende Antwort würde kein Medienhaus Geld erhalten. Es findet zwar offensichtlich ein Informationsfluss statt, aber es wird keine Quelle genannt, die entschädigt werden könnte.

    Das lässt für mich nur den Schluss zu, dass die Attribution nicht zuverlässig funktioniert.

    Fazit: Ich habe grosse Zweifel

    Gist als Chatbot überzeugt mich nicht. Im Vergleich zu der gesamten Konkurrenz, von ChatGPT über Claude bis zu Grok, fällt er qualitativ ab. Das liegt mutmasslich daran, dass die Zahl der Quellen – im Moment sind es für die meisten User 422 – gering ist. Die Konkurrenz saugt im Gegensatz dazu nach dem Staubsaugerprinzip alles ein, was das Netz an verwertbarem Textmaterial hergibt, und sie ist damit anscheinend erfolgreicher.

    Die Quellen werden aufgeführt und können einzeln an- und abgewählt werden.

    Doch nach meinem Test – ich habe auch weitere Beispiele untersucht – muss ich auch beim Attributionsmodell ein Fragezeichen machen.

    Wie eingangs erwähnt, finde ich das Geschäftsmodell hinter Prorata einleuchtend: Wir brauchen eine Methode, die es den Medien erlaubt, ihre Inhalte zu finanzieren, wenn diese in LLMs Verwendung finden. Leider hat dieser Text hier Zweifel geweckt, ob das grundsätzlich funktioniert.

    Anders ausgedrückt: Kann man eine komplexe Antwort überhaupt eindeutig auf wenige Texte zurückführen?

    Übertragen wir das in die «richtige» Welt. Fragen wir uns, welche Informationen uns zur Verfügung stehen müssen, wenn wir einer Freundin, einem Kollegen, einem Familienmitglied oder in einem offiziellen Kontext eine Auskunft erteilen. Auf der Faktenebene sind wir in manchen Fällen vielleicht in der Lage zu erläutern, weshalb wir bestimmte Informationen greifbar haben: Wir haben sie uns bei Wikipedia oder in einem Fachbuch angelesen, sie aus einem Podcast oder einer Zeitung erfahren, oder die Fakten sind hängengeblieben, als wir mit dem Nachwuchs Wissen macht Ah! geschaut haben.

    Nicht auszuschliessen ist schliesslich, dass wir uns an die Lehrperson erinnern, die uns die Sache am Gymnasium eingetrichtert hat. Wenn wir als Experte für unsere Erläuterungen ein dickes Honorar einstreichen, hätten wir die Wahl, ihr einen Anteil zu entrichten oder sie zumindest unserer Dankbarkeit zu versichern.

    Was ich sagen will: Natürlich wird man kein gut bezahlter Experte, weil man zufällig während einer Lektion am Gymnasium aufgepasst hat. Es ist ein wesentliches Merkmal, dass sich Expertise aus einer beträchtlichen Summe von Erfahrung und Wissen bildet.

    Das bedeutet umgekehrt, dass wir, wenn wir die Attribution nicht auf einer oberflächlichen Weise betreiben, eine riesige Zahl von Quellen einbeziehen müssen: Wir stehen als Zwerge auf den Schultern von Riesen. Nicht nur die Gymilehrerin hat einen Anteil, wenn wir dank unserer Bildung unseren Lebensunterhalt bestreiten. Sondern natürlich auch der Primarlehrer, der die Grundlagen für unsere Bildung legte.

    Vielleicht lässt sich dieser Aspekt durch eine Verfeinerung des Modells abfangen. Mein Bauchgefühl widerspricht. Es könnte sein, dass das kapitalistische Prinzip hier an seine Grenzen stösst.

    Fussnoten

    1) Das sind die Artikel, die Gist zur Disney-Frage als Quellen ausweist:

    Walt Disney: Ruler of the Magic Kingdom (Time), Dagobert (Wikipedia), Why The Villain In Dumbo Was A Bigger Shock Than We Expected (Cinemablend) und How to Read Donald Duck (Wikipedia). Als weitere Quellen werden angegeben: Taking a Joke Seriously: Mickey Mouse and William Kentridge (Project Muse), Tim Burton’s Dumbo Tries to Have Its Disney-Satirizing Cake and Profit Off It Too (Slate), Disney helpless to prevent spate of knife-wielding Mickey Mouse slasher flicks after losing copyright protection for its iconic mascot (Fortune), Fat Cat Tuesday: A Commemoration Of CEO Excess (Huffpost). ↩

    Beitragsbild: Dank, wem Dank gebührt (Kelly Sikkema, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  27. Überraschend, aber wahr: Grok ist auf Twitter nicht komplett sinnlos

    Was nützt es, ein soziales Netzwerk mit einer KI auszustatten? Die Frage stellt sich, wenn Meta AI auf Facebook und Instagram zwangsläufig in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden wird. Genauso diskussionswürdig ist Groks Rolle auf Twitter. Zur Erinnerung: Grok ist die künstliche Intelligenz von Elon Musks Firma xAI. Sie kann separat über grok.com genutzt werden und seit März 2024 ist sie auch bei Twitter (auch bekannt als X) integriert. Ursprünglich konnten sie nur Leute mit Premium-Abo nutzen. Heute ist sie allgemein zugänglich.

    Grok tritt als User @grok auf und kann direkt angesprochen werden. Also wie die Menschen (und undeklarierten Russen-Bots auf der Plattform). Nochmals stellt sich die Frage: Warum ist das nötig? Sollte ein soziales Medium nicht den menschlichen Interaktionen vorbehalten bleiben?

    Die Menschheit hat nicht auf Grok gewartet

    Es macht sich Ablehnung zumindest von einem Teil der Leute bemerkbar. Die fragen zunehmend nachdrücklich, ob sich die künstliche Intelligenz wirklich überall einmischen muss? Es leuchtet ein, warum das aufdringlich wirkt. Ich spüre den Unmut selbst auch.

    Dummerweise hat diese Medaille eine zweite Seite: Zu meiner Überraschung sind Interaktionen der Anwenderinnen und Anwender auf Twitter mit Grok im Schnitt sinnvoller als erwartet. Leute fragen Grok nach einer Erklärung, wenn sie ein Meme oder eine elaborierte Aussage nicht verstanden haben. Die ist oft brauchbar und meist sachlicher als die Antwort, die der Urheber des Ursprungs-Tweets abgeben würde. Typischerweise hätte man bei dem mit einer Nachfrage eine schnoddrige Reaktion im Stil von «man solle halt zu einer Plattform wechseln, der man geistig gewachsen sei» provoziert.

    Und mir ist eine zweite praktische Einsatzmöglichkeit eingefallen:

    Ein «Assessment» einer Twitter-Userin.

    Wir können uns von Grok ein Psychogramm eines Users oder einer Userin erstellen lassen. Das geht simpel mit einer Frage wie «What is the political orientation of @FreckledLiberty?». Im Fall des hier beispielhaft genannten Accounts überzeugt die Antwort. Die Person wird als libertär geschildert und die Aussage u.a. mit einem Link zu einem «Steuern sind Diebstahl, die Regierung ist korrupt»-Tweet untermauert. Es gibt auch Links zu externen Webdiensten wie polarizationlab.com und whotwi.com, die leider allesamt nicht mehr funktionieren, weil Twitter 2023 die Programmschnittstellen (APIs) kappte.

    Grok kommt MrClicko nicht wirklich auf die Schliche

    Die Beurteilung ist natürlich immer gleich gut. Natürlich wollte ich auch wissen, was Grok von mir hält. Die Beurteilung von @MrClicko ist irreführend. Grok hält fest, meine politische Ausrichtung könne nicht genau bestimmt werden, weil ich mich selten politisch äussern würde. Das stimmt, aber allein aus der Tatsache, dass ich oft Beiträge von Auschwitz Memorial retweete, wären gewisse Schlüsse zulässig. Grok dichtet mir auch eine Nähe zur Game-Szene an, die schlicht falsch ist. Vielleicht rührt die von meiner Laufbahn als Entwickler des Spiels «Clickomania» her; aber es könnte auch eine Halluzination sein.

    Aber machen wir doch ein paar weitere Proben aufs Exempel:

    Was war der prägnanteste Tweet von @MikeMuellerLate im letzten halben Jahr?

    «Prägnant» sei eine subjektive Kategorie, moniert Grok. Er nominiert dann aber diesen Tweet hier:

    Der Föderalismus erschöpft sich nicht im Ständemehr.

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 1, 2025

    Natürlich hat Grok recht, dass es zu dieser Frage völlig zu recht unterschiedliche Antworten gibt. Ich hätte den folgenden Tweet genommen, aber Groks Wahl ist auch okay.

    Was ist besser? Gesichert rechtsextreme Parteien wie die AfD oder ungesicherte wie die Aargauer SVP?

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 4, 2025

    Was sind die drei Hauptthemen von @karpi?

    Grok zählt Künstliche Intelligenz (KI) und Technologie, Satire und Comedy sowie Familienleben und Vatersein. Das sind genau die Dinge, die ich (ohne vertiefte Nachforschungen) auch genannt hätte. Wiederum kommen nicht nur die Tweets selbst, sondern auch Medienberichte (wie SRF) und Karpis eigene Website zum Zug.

    Ist @Pictures­FoIder ein Engagement-Farmer?

    Meine Analyse lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort ja lauten muss. Grok erwähnt, dass einige Twitter-User diese Beschuldigung erhoben haben:

    Diese Anschuldigungen deuten darauf hin, dass einige Nutzer die Inhalte von @PicturesFoIder als manipulativ oder darauf ausgelegt empfinden, Interaktionen zu maximieren, ohne echten Mehrwert zu bieten.

    Grok weist auch darauf hin, dass Elon Musk solche Praktiken als unerwünscht bezeichnete. Vielleicht deswegen wiegelt die KI daraufhin ab:

    Solche Muster können auch einfach auf einen populären Account mit einer aktiven Community hinweisen. Ohne konkrete Beispiele für Inhalte oder Beweise für Taktiken wie den Einsatz von Bots oder gekauften Interaktionen bleibt die Anschuldigung spekulativ.

    Wie ist der Stil von @digichr?

    Grok nennt mein Radiogspändli zu Recht einen «SAP-Insider» und seinen Stil als «direkt, technisch und humorvoll». Das stimmt, lässt aber ausser Acht, dass in seinen Tweets bisweilen auch Beleidigungen wie «Elon-Lutscher» fällt.

    Ist @DanieleGanser ein Russen-Bot?

    Nein, Daniele Ganser ist kein Russen-Bot. Er ist ein Schweizer Historiker und Publizist, bekannt für seine kontroversen Thesen zu geopolitischen Themen wie NATO-Geheimarmeen, 9/11 und dem Ukraine-Krieg. Kritiker werfen ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten und russische Narrative zu unterstützen, etwa durch seine Darstellung des Euromaidan als US-Putsch oder seine Relativierung russischer Verantwortung für Kriegsverbrechen wie in Butscha. Einige bezeichnen ihn als «Putin-Versteher» oder Propagandisten, da er Quellen wie RT Deutsch nutzt und russische Positionen unkritisch darstellen soll. Dennoch ist er eine reale Person mit einer akademischen Vergangenheit, die sich durch Vorträge und Bücher finanziert, und kein automatisierter Bot.

    Ist @nebelspalter lustig?

    Grok liefert eine Analyse in drei Abschnitten, die nicht anhand von Tweets getroffen wird, sondern hauptsächlich auf Medienberichten von SRF, Sonntagszeitung und Persönlich basiert. Fazit:

    Wenn du schwarzen Humor oder konservative Gesellschaftskritik magst, könntest du den «Nebelspalter» lustig finden. Ansonsten könnten die Inhalte eher befremdlich wirken.

    Ich frage nach: «Was ist dein Urteil, wenn du dich nur auf die letzten Tweets beziehst?»

    Basierend auf den jüngsten Posts auf X über den «Nebelspalter», wie z. B. der Kritik von @JakobSchaefr vom 1. Mai 2025, scheint der aktuelle Humor des Magazins nicht gut anzukommen.

    «Es kommt darauf an.»

    Fazit: Nützlich, aber …

    Ich komme zum Schluss, dass die KI in den sozialen Medien nicht grundsätzlich abzulehnen ist. Entscheidend ist, wie sie auftritt. In der Rolle des diskreten Erklärbärs schätze ich sie, und die Auskünfte über ansonsten schwer fassbare Accounts sind extrem nützlich.

    Bis jetzt sind diese Twitter-Assesments qualitativ zu schlecht. Das liegt vermutlich an der Datenlage: Grok scheint nicht über Insiderwissen zu verfügen, d.h. nicht auf Daten im Backend von Twitter zugreifen zu können, z.B. was Meldungen und frühere Sperungen angeht. Natürlich sollte der Bot kein Risiko für die Privatsphäre darstellen. Abgesehen davon muss er ein knallhartes Urteil aussprechen dürfen.

    Konkret zum oben erwähnten Fall von @Pictures­FoIder: Falls dieser Account über die Beteiligung an den Werbeumsätzen finanzielle Interessen verfolgt, ist dieser Aspekt in der Analyse zu erwähnen. Natürlich wäre es noch besser, wenn das im Profil ausgewiesen würde. Doch falls es gute Gründe geben sollte, dort keine Transparenz herzustellen, könnte Grok auf Anfrage einen dezenten Hinweis fallen lassen.

    Weitere Dinge liegen auf der Hand:

    • Eine summarische Einordnung der Nutzerstatistiken. Zum Beispiel: «Das ist ein mittelgrosser Account, der vor allem im deutschsprachigen Raum regelmässig Interaktionen generiert.»
    • Gut gefiele auch eine Kurz-Biografie: «Dieser Account wurde 2015 eröffnet und setzte im Jahr 2022 diesen viralen Tweet (Link dorthin) ab.»
    • Echt hilfreich wären Datenpunkte, die Rückschlüsse auf die Umgangsformen erlauben: «Dieser Account wurde in letzter Zeit von vielen Usern blockiert.»
    • Und es hätte zumindest auf vernünftige User eine disziplinierende Wirkung, wenn auf (mögliche) Verstösse hingewiesen würde: «Dieser Account wurde häufig wegen rassistischer Äusserungen gemeldet.»

    Das wäre ein Werkzeug im Dienst medienkompetenter User!

    Beitragsbild: «Sie haben da eine braune Stelle an ihrem Zahn … äh, Twitter-Profil (Photo By: Kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #KI #KIWeltanschauungen #SozialeMedien #TlDr #Twitter

  28. Überraschend, aber wahr: Grok ist auf Twitter nicht komplett sinnlos

    Was nützt es, ein soziales Netzwerk mit einer KI auszustatten? Die Frage stellt sich, wenn Meta AI auf Facebook und Instagram zwangsläufig in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden wird. Genauso diskussionswürdig ist Groks Rolle auf Twitter. Zur Erinnerung: Grok ist die künstliche Intelligenz von Elon Musks Firma xAI. Sie kann separat über grok.com genutzt werden und seit März 2024 ist sie auch bei Twitter (auch bekannt als X) integriert. Ursprünglich konnten sie nur Leute mit Premium-Abo nutzen. Heute ist sie allgemein zugänglich.

    Grok tritt als User @grok auf und kann direkt angesprochen werden. Also wie die Menschen (und undeklarierten Russen-Bots auf der Plattform). Nochmals stellt sich die Frage: Warum ist das nötig? Sollte ein soziales Medium nicht den menschlichen Interaktionen vorbehalten bleiben?

    Die Menschheit hat nicht auf Grok gewartet

    Es macht sich Ablehnung zumindest von einem Teil der Leute bemerkbar. Die fragen zunehmend nachdrücklich, ob sich die künstliche Intelligenz wirklich überall einmischen muss? Es leuchtet ein, warum das aufdringlich wirkt. Ich spüre den Unmut selbst auch.

    Dummerweise hat diese Medaille eine zweite Seite: Zu meiner Überraschung sind Interaktionen der Anwenderinnen und Anwender auf Twitter mit Grok im Schnitt sinnvoller als erwartet. Leute fragen Grok nach einer Erklärung, wenn sie ein Meme oder eine elaborierte Aussage nicht verstanden haben. Die ist oft brauchbar und meist sachlicher als die Antwort, die der Urheber des Ursprungs-Tweets abgeben würde. Typischerweise hätte man bei dem mit einer Nachfrage eine schnoddrige Reaktion im Stil von «man solle halt zu einer Plattform wechseln, der man geistig gewachsen sei» provoziert.

    Und mir ist eine zweite praktische Einsatzmöglichkeit eingefallen:

    Ein «Assessment» einer Twitter-Userin.

    Wir können uns von Grok ein Psychogramm eines Users oder einer Userin erstellen lassen. Das geht simpel mit einer Frage wie «What is the political orientation of @FreckledLiberty?». Im Fall des hier beispielhaft genannten Accounts überzeugt die Antwort. Die Person wird als libertär geschildert und die Aussage u.a. mit einem Link zu einem «Steuern sind Diebstahl, die Regierung ist korrupt»-Tweet untermauert. Es gibt auch Links zu externen Webdiensten wie polarizationlab.com und whotwi.com, die leider allesamt nicht mehr funktionieren, weil Twitter 2023 die Programmschnittstellen (APIs) kappte.

    Grok kommt MrClicko nicht wirklich auf die Schliche

    Die Beurteilung ist natürlich immer gleich gut. Natürlich wollte ich auch wissen, was Grok von mir hält. Die Beurteilung von @MrClicko ist irreführend. Grok hält fest, meine politische Ausrichtung könne nicht genau bestimmt werden, weil ich mich selten politisch äussern würde. Das stimmt, aber allein aus der Tatsache, dass ich oft Beiträge von Auschwitz Memorial retweete, wären gewisse Schlüsse zulässig. Grok dichtet mir auch eine Nähe zur Game-Szene an, die schlicht falsch ist. Vielleicht rührt die von meiner Laufbahn als Entwickler des Spiels «Clickomania» her; aber es könnte auch eine Halluzination sein.

    Aber machen wir doch ein paar weitere Proben aufs Exempel:

    Was war der prägnanteste Tweet von @MikeMuellerLate im letzten halben Jahr?

    «Prägnant» sei eine subjektive Kategorie, moniert Grok. Er nominiert dann aber diesen Tweet hier:

    Der Föderalismus erschöpft sich nicht im Ständemehr.

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 1, 2025

    Natürlich hat Grok recht, dass es zu dieser Frage völlig zu recht unterschiedliche Antworten gibt. Ich hätte den folgenden Tweet genommen, aber Groks Wahl ist auch okay.

    Was ist besser? Gesichert rechtsextreme Parteien wie die AfD oder ungesicherte wie die Aargauer SVP?

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 4, 2025

    Was sind die drei Hauptthemen von @karpi?

    Grok zählt Künstliche Intelligenz (KI) und Technologie, Satire und Comedy sowie Familienleben und Vatersein. Das sind genau die Dinge, die ich (ohne vertiefte Nachforschungen) auch genannt hätte. Wiederum kommen nicht nur die Tweets selbst, sondern auch Medienberichte (wie SRF) und Karpis eigene Website zum Zug.

    Ist @Pictures­FoIder ein Engagement-Farmer?

    Meine Analyse lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort ja lauten muss. Grok erwähnt, dass einige Twitter-User diese Beschuldigung erhoben haben:

    Diese Anschuldigungen deuten darauf hin, dass einige Nutzer die Inhalte von @PicturesFoIder als manipulativ oder darauf ausgelegt empfinden, Interaktionen zu maximieren, ohne echten Mehrwert zu bieten.

    Grok weist auch darauf hin, dass Elon Musk solche Praktiken als unerwünscht bezeichnete. Vielleicht deswegen wiegelt die KI daraufhin ab:

    Solche Muster können auch einfach auf einen populären Account mit einer aktiven Community hinweisen. Ohne konkrete Beispiele für Inhalte oder Beweise für Taktiken wie den Einsatz von Bots oder gekauften Interaktionen bleibt die Anschuldigung spekulativ.

    Wie ist der Stil von @digichr?

    Grok nennt mein Radiogspändli zu Recht einen «SAP-Insider» und seinen Stil als «direkt, technisch und humorvoll». Das stimmt, lässt aber ausser Acht, dass in seinen Tweets bisweilen auch Beleidigungen wie «Elon-Lutscher» fällt.

    Ist @DanieleGanser ein Russen-Bot?

    Nein, Daniele Ganser ist kein Russen-Bot. Er ist ein Schweizer Historiker und Publizist, bekannt für seine kontroversen Thesen zu geopolitischen Themen wie NATO-Geheimarmeen, 9/11 und dem Ukraine-Krieg. Kritiker werfen ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten und russische Narrative zu unterstützen, etwa durch seine Darstellung des Euromaidan als US-Putsch oder seine Relativierung russischer Verantwortung für Kriegsverbrechen wie in Butscha. Einige bezeichnen ihn als «Putin-Versteher» oder Propagandisten, da er Quellen wie RT Deutsch nutzt und russische Positionen unkritisch darstellen soll. Dennoch ist er eine reale Person mit einer akademischen Vergangenheit, die sich durch Vorträge und Bücher finanziert, und kein automatisierter Bot.

    Ist @nebelspalter lustig?

    Grok liefert eine Analyse in drei Abschnitten, die nicht anhand von Tweets getroffen wird, sondern hauptsächlich auf Medienberichten von SRF, Sonntagszeitung und Persönlich basiert. Fazit:

    Wenn du schwarzen Humor oder konservative Gesellschaftskritik magst, könntest du den «Nebelspalter» lustig finden. Ansonsten könnten die Inhalte eher befremdlich wirken.

    Ich frage nach: «Was ist dein Urteil, wenn du dich nur auf die letzten Tweets beziehst?»

    Basierend auf den jüngsten Posts auf X über den «Nebelspalter», wie z. B. der Kritik von @JakobSchaefr vom 1. Mai 2025, scheint der aktuelle Humor des Magazins nicht gut anzukommen.

    «Es kommt darauf an.»

    Fazit: Nützlich, aber …

    Ich komme zum Schluss, dass die KI in den sozialen Medien nicht grundsätzlich abzulehnen ist. Entscheidend ist, wie sie auftritt. In der Rolle des diskreten Erklärbärs schätze ich sie, und die Auskünfte über ansonsten schwer fassbare Accounts sind extrem nützlich.

    Bis jetzt sind diese Twitter-Assesments qualitativ zu schlecht. Das liegt vermutlich an der Datenlage: Grok scheint nicht über Insiderwissen zu verfügen, d.h. nicht auf Daten im Backend von Twitter zugreifen zu können, z.B. was Meldungen und frühere Sperungen angeht. Natürlich sollte der Bot kein Risiko für die Privatsphäre darstellen. Abgesehen davon muss er ein knallhartes Urteil aussprechen dürfen.

    Konkret zum oben erwähnten Fall von @Pictures­FoIder: Falls dieser Account über die Beteiligung an den Werbeumsätzen finanzielle Interessen verfolgt, ist dieser Aspekt in der Analyse zu erwähnen. Natürlich wäre es noch besser, wenn das im Profil ausgewiesen würde. Doch falls es gute Gründe geben sollte, dort keine Transparenz herzustellen, könnte Grok auf Anfrage einen dezenten Hinweis fallen lassen.

    Weitere Dinge liegen auf der Hand:

    • Eine summarische Einordnung der Nutzerstatistiken. Zum Beispiel: «Das ist ein mittelgrosser Account, der vor allem im deutschsprachigen Raum regelmässig Interaktionen generiert.»
    • Gut gefiele auch eine Kurz-Biografie: «Dieser Account wurde 2015 eröffnet und setzte im Jahr 2022 diesen viralen Tweet (Link dorthin) ab.»
    • Echt hilfreich wären Datenpunkte, die Rückschlüsse auf die Umgangsformen erlauben: «Dieser Account wurde in letzter Zeit von vielen Usern blockiert.»
    • Und es hätte zumindest auf vernünftige User eine disziplinierende Wirkung, wenn auf (mögliche) Verstösse hingewiesen würde: «Dieser Account wurde häufig wegen rassistischer Äusserungen gemeldet.»

    Das wäre ein Werkzeug im Dienst medienkompetenter User!

    Beitragsbild: «Sie haben da eine braune Stelle an ihrem Zahn … äh, Twitter-Profil (Photo By: Kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #KI #KIWeltanschauungen #SozialeMedien #TlDr #Twitter

  29. Überraschend, aber wahr: Grok ist auf Twitter nicht komplett sinnlos

    Was nützt es, ein soziales Netzwerk mit einer KI auszustatten? Die Frage stellt sich, wenn Meta AI auf Facebook und Instagram zwangsläufig in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden wird. Genauso diskussionswürdig ist Groks Rolle auf Twitter. Zur Erinnerung: Grok ist die künstliche Intelligenz von Elon Musks Firma xAI. Sie kann separat über grok.com genutzt werden und seit März 2024 ist sie auch bei Twitter (auch bekannt als X) integriert. Ursprünglich konnten sie nur Leute mit Premium-Abo nutzen. Heute ist sie allgemein zugänglich.

    Grok tritt als User @grok auf und kann direkt angesprochen werden. Also wie die Menschen (und undeklarierten Russen-Bots auf der Plattform). Nochmals stellt sich die Frage: Warum ist das nötig? Sollte ein soziales Medium nicht den menschlichen Interaktionen vorbehalten bleiben?

    Die Menschheit hat nicht auf Grok gewartet

    Es macht sich Ablehnung zumindest von einem Teil der Leute bemerkbar. Die fragen zunehmend nachdrücklich, ob sich die künstliche Intelligenz wirklich überall einmischen muss? Es leuchtet ein, warum das aufdringlich wirkt. Ich spüre den Unmut selbst auch.

    Dummerweise hat diese Medaille eine zweite Seite: Zu meiner Überraschung sind Interaktionen der Anwenderinnen und Anwender auf Twitter mit Grok im Schnitt sinnvoller als erwartet. Leute fragen Grok nach einer Erklärung, wenn sie ein Meme oder eine elaborierte Aussage nicht verstanden haben. Die ist oft brauchbar und meist sachlicher als die Antwort, die der Urheber des Ursprungs-Tweets abgeben würde. Typischerweise hätte man bei dem mit einer Nachfrage eine schnoddrige Reaktion im Stil von «man solle halt zu einer Plattform wechseln, der man geistig gewachsen sei» provoziert.

    Und mir ist eine zweite praktische Einsatzmöglichkeit eingefallen:

    Ein «Assessment» einer Twitter-Userin.

    Wir können uns von Grok ein Psychogramm eines Users oder einer Userin erstellen lassen. Das geht simpel mit einer Frage wie «What is the political orientation of @FreckledLiberty?». Im Fall des hier beispielhaft genannten Accounts überzeugt die Antwort. Die Person wird als libertär geschildert und die Aussage u.a. mit einem Link zu einem «Steuern sind Diebstahl, die Regierung ist korrupt»-Tweet untermauert. Es gibt auch Links zu externen Webdiensten wie polarizationlab.com und whotwi.com, die leider allesamt nicht mehr funktionieren, weil Twitter 2023 die Programmschnittstellen (APIs) kappte.

    Grok kommt MrClicko nicht wirklich auf die Schliche

    Die Beurteilung ist natürlich immer gleich gut. Natürlich wollte ich auch wissen, was Grok von mir hält. Die Beurteilung von @MrClicko ist irreführend. Grok hält fest, meine politische Ausrichtung könne nicht genau bestimmt werden, weil ich mich selten politisch äussern würde. Das stimmt, aber allein aus der Tatsache, dass ich oft Beiträge von Auschwitz Memorial retweete, wären gewisse Schlüsse zulässig. Grok dichtet mir auch eine Nähe zur Game-Szene an, die schlicht falsch ist. Vielleicht rührt die von meiner Laufbahn als Entwickler des Spiels «Clickomania» her; aber es könnte auch eine Halluzination sein.

    Aber machen wir doch ein paar weitere Proben aufs Exempel:

    Was war der prägnanteste Tweet von @MikeMuellerLate im letzten halben Jahr?

    «Prägnant» sei eine subjektive Kategorie, moniert Grok. Er nominiert dann aber diesen Tweet hier:

    Der Föderalismus erschöpft sich nicht im Ständemehr.

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 1, 2025

    Natürlich hat Grok recht, dass es zu dieser Frage völlig zu recht unterschiedliche Antworten gibt. Ich hätte den folgenden Tweet genommen, aber Groks Wahl ist auch okay.

    Was ist besser? Gesichert rechtsextreme Parteien wie die AfD oder ungesicherte wie die Aargauer SVP?

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 4, 2025

    Was sind die drei Hauptthemen von @karpi?

    Grok zählt Künstliche Intelligenz (KI) und Technologie, Satire und Comedy sowie Familienleben und Vatersein. Das sind genau die Dinge, die ich (ohne vertiefte Nachforschungen) auch genannt hätte. Wiederum kommen nicht nur die Tweets selbst, sondern auch Medienberichte (wie SRF) und Karpis eigene Website zum Zug.

    Ist @Pictures­FoIder ein Engagement-Farmer?

    Meine Analyse lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort ja lauten muss. Grok erwähnt, dass einige Twitter-User diese Beschuldigung erhoben haben:

    Diese Anschuldigungen deuten darauf hin, dass einige Nutzer die Inhalte von @PicturesFoIder als manipulativ oder darauf ausgelegt empfinden, Interaktionen zu maximieren, ohne echten Mehrwert zu bieten.

    Grok weist auch darauf hin, dass Elon Musk solche Praktiken als unerwünscht bezeichnete. Vielleicht deswegen wiegelt die KI daraufhin ab:

    Solche Muster können auch einfach auf einen populären Account mit einer aktiven Community hinweisen. Ohne konkrete Beispiele für Inhalte oder Beweise für Taktiken wie den Einsatz von Bots oder gekauften Interaktionen bleibt die Anschuldigung spekulativ.

    Wie ist der Stil von @digichr?

    Grok nennt mein Radiogspändli zu Recht einen «SAP-Insider» und seinen Stil als «direkt, technisch und humorvoll». Das stimmt, lässt aber ausser Acht, dass in seinen Tweets bisweilen auch Beleidigungen wie «Elon-Lutscher» fällt.

    Ist @DanieleGanser ein Russen-Bot?

    Nein, Daniele Ganser ist kein Russen-Bot. Er ist ein Schweizer Historiker und Publizist, bekannt für seine kontroversen Thesen zu geopolitischen Themen wie NATO-Geheimarmeen, 9/11 und dem Ukraine-Krieg. Kritiker werfen ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten und russische Narrative zu unterstützen, etwa durch seine Darstellung des Euromaidan als US-Putsch oder seine Relativierung russischer Verantwortung für Kriegsverbrechen wie in Butscha. Einige bezeichnen ihn als «Putin-Versteher» oder Propagandisten, da er Quellen wie RT Deutsch nutzt und russische Positionen unkritisch darstellen soll. Dennoch ist er eine reale Person mit einer akademischen Vergangenheit, die sich durch Vorträge und Bücher finanziert, und kein automatisierter Bot.

    Ist @nebelspalter lustig?

    Grok liefert eine Analyse in drei Abschnitten, die nicht anhand von Tweets getroffen wird, sondern hauptsächlich auf Medienberichten von SRF, Sonntagszeitung und Persönlich basiert. Fazit:

    Wenn du schwarzen Humor oder konservative Gesellschaftskritik magst, könntest du den «Nebelspalter» lustig finden. Ansonsten könnten die Inhalte eher befremdlich wirken.

    Ich frage nach: «Was ist dein Urteil, wenn du dich nur auf die letzten Tweets beziehst?»

    Basierend auf den jüngsten Posts auf X über den «Nebelspalter», wie z. B. der Kritik von @JakobSchaefr vom 1. Mai 2025, scheint der aktuelle Humor des Magazins nicht gut anzukommen.

    «Es kommt darauf an.»

    Fazit: Nützlich, aber …

    Ich komme zum Schluss, dass die KI in den sozialen Medien nicht grundsätzlich abzulehnen ist. Entscheidend ist, wie sie auftritt. In der Rolle des diskreten Erklärbärs schätze ich sie, und die Auskünfte über ansonsten schwer fassbare Accounts sind extrem nützlich.

    Bis jetzt sind diese Twitter-Assesments qualitativ zu schlecht. Das liegt vermutlich an der Datenlage: Grok scheint nicht über Insiderwissen zu verfügen, d.h. nicht auf Daten im Backend von Twitter zugreifen zu können, z.B. was Meldungen und frühere Sperungen angeht. Natürlich sollte der Bot kein Risiko für die Privatsphäre darstellen. Abgesehen davon muss er ein knallhartes Urteil aussprechen dürfen.

    Konkret zum oben erwähnten Fall von @Pictures­FoIder: Falls dieser Account über die Beteiligung an den Werbeumsätzen finanzielle Interessen verfolgt, ist dieser Aspekt in der Analyse zu erwähnen. Natürlich wäre es noch besser, wenn das im Profil ausgewiesen würde. Doch falls es gute Gründe geben sollte, dort keine Transparenz herzustellen, könnte Grok auf Anfrage einen dezenten Hinweis fallen lassen.

    Weitere Dinge liegen auf der Hand:

    • Eine summarische Einordnung der Nutzerstatistiken. Zum Beispiel: «Das ist ein mittelgrosser Account, der vor allem im deutschsprachigen Raum regelmässig Interaktionen generiert.»
    • Gut gefiele auch eine Kurz-Biografie: «Dieser Account wurde 2015 eröffnet und setzte im Jahr 2022 diesen viralen Tweet (Link dorthin) ab.»
    • Echt hilfreich wären Datenpunkte, die Rückschlüsse auf die Umgangsformen erlauben: «Dieser Account wurde in letzter Zeit von vielen Usern blockiert.»
    • Und es hätte zumindest auf vernünftige User eine disziplinierende Wirkung, wenn auf (mögliche) Verstösse hingewiesen würde: «Dieser Account wurde häufig wegen rassistischer Äusserungen gemeldet.»

    Das wäre ein Werkzeug im Dienst medienkompetenter User!

    Beitragsbild: «Sie haben da eine braune Stelle an ihrem Zahn … äh, Twitter-Profil (Photo By: Kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #KI #KIWeltanschauungen #SozialeMedien #TlDr #Twitter

  30. Überraschend, aber wahr: Grok ist auf Twitter nicht komplett sinnlos

    Was nützt es, ein soziales Netzwerk mit einer KI auszustatten? Die Frage stellt sich, wenn Meta AI auf Facebook und Instagram zwangsläufig in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden wird. Genauso diskussionswürdig ist Groks Rolle auf Twitter. Zur Erinnerung: Grok ist die künstliche Intelligenz von Elon Musks Firma xAI. Sie kann separat über grok.com genutzt werden und seit März 2024 ist sie auch bei Twitter (auch bekannt als X) integriert. Ursprünglich konnten sie nur Leute mit Premium-Abo nutzen. Heute ist sie allgemein zugänglich.

    Grok tritt als User @grok auf und kann direkt angesprochen werden. Also wie die Menschen (und undeklarierten Russen-Bots auf der Plattform). Nochmals stellt sich die Frage: Warum ist das nötig? Sollte ein soziales Medium nicht den menschlichen Interaktionen vorbehalten bleiben?

    Die Menschheit hat nicht auf Grok gewartet

    Es macht sich Ablehnung zumindest von einem Teil der Leute bemerkbar. Die fragen zunehmend nachdrücklich, ob sich die künstliche Intelligenz wirklich überall einmischen muss? Es leuchtet ein, warum das aufdringlich wirkt. Ich spüre den Unmut selbst auch.

    Dummerweise hat diese Medaille eine zweite Seite: Zu meiner Überraschung sind Interaktionen der Anwenderinnen und Anwender auf Twitter mit Grok im Schnitt sinnvoller als erwartet. Leute fragen Grok nach einer Erklärung, wenn sie ein Meme oder eine elaborierte Aussage nicht verstanden haben. Die ist oft brauchbar und meist sachlicher als die Antwort, die der Urheber des Ursprungs-Tweets abgeben würde. Typischerweise hätte man bei dem mit einer Nachfrage eine schnoddrige Reaktion im Stil von «man solle halt zu einer Plattform wechseln, der man geistig gewachsen sei» provoziert.

    Und mir ist eine zweite praktische Einsatzmöglichkeit eingefallen:

    Ein «Assessment» einer Twitter-Userin.

    Wir können uns von Grok ein Psychogramm eines Users oder einer Userin erstellen lassen. Das geht simpel mit einer Frage wie «What is the political orientation of @FreckledLiberty?». Im Fall des hier beispielhaft genannten Accounts überzeugt die Antwort. Die Person wird als libertär geschildert und die Aussage u.a. mit einem Link zu einem «Steuern sind Diebstahl, die Regierung ist korrupt»-Tweet untermauert. Es gibt auch Links zu externen Webdiensten wie polarizationlab.com und whotwi.com, die leider allesamt nicht mehr funktionieren, weil Twitter 2023 die Programmschnittstellen (APIs) kappte.

    Grok kommt MrClicko nicht wirklich auf die Schliche

    Die Beurteilung ist natürlich immer gleich gut. Natürlich wollte ich auch wissen, was Grok von mir hält. Die Beurteilung von @MrClicko ist irreführend. Grok hält fest, meine politische Ausrichtung könne nicht genau bestimmt werden, weil ich mich selten politisch äussern würde. Das stimmt, aber allein aus der Tatsache, dass ich oft Beiträge von Auschwitz Memorial retweete, wären gewisse Schlüsse zulässig. Grok dichtet mir auch eine Nähe zur Game-Szene an, die schlicht falsch ist. Vielleicht rührt die von meiner Laufbahn als Entwickler des Spiels «Clickomania» her; aber es könnte auch eine Halluzination sein.

    Aber machen wir doch ein paar weitere Proben aufs Exempel:

    Was war der prägnanteste Tweet von @MikeMuellerLate im letzten halben Jahr?

    «Prägnant» sei eine subjektive Kategorie, moniert Grok. Er nominiert dann aber diesen Tweet hier:

    Der Föderalismus erschöpft sich nicht im Ständemehr.

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 1, 2025

    Natürlich hat Grok recht, dass es zu dieser Frage völlig zu recht unterschiedliche Antworten gibt. Ich hätte den folgenden Tweet genommen, aber Groks Wahl ist auch okay.

    Was ist besser? Gesichert rechtsextreme Parteien wie die AfD oder ungesicherte wie die Aargauer SVP?

    — Mike Müller (@MikeMuellerLate) May 4, 2025

    Was sind die drei Hauptthemen von @karpi?

    Grok zählt Künstliche Intelligenz (KI) und Technologie, Satire und Comedy sowie Familienleben und Vatersein. Das sind genau die Dinge, die ich (ohne vertiefte Nachforschungen) auch genannt hätte. Wiederum kommen nicht nur die Tweets selbst, sondern auch Medienberichte (wie SRF) und Karpis eigene Website zum Zug.

    Ist @Pictures­FoIder ein Engagement-Farmer?

    Meine Analyse lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort ja lauten muss. Grok erwähnt, dass einige Twitter-User diese Beschuldigung erhoben haben:

    Diese Anschuldigungen deuten darauf hin, dass einige Nutzer die Inhalte von @PicturesFoIder als manipulativ oder darauf ausgelegt empfinden, Interaktionen zu maximieren, ohne echten Mehrwert zu bieten.

    Grok weist auch darauf hin, dass Elon Musk solche Praktiken als unerwünscht bezeichnete. Vielleicht deswegen wiegelt die KI daraufhin ab:

    Solche Muster können auch einfach auf einen populären Account mit einer aktiven Community hinweisen. Ohne konkrete Beispiele für Inhalte oder Beweise für Taktiken wie den Einsatz von Bots oder gekauften Interaktionen bleibt die Anschuldigung spekulativ.

    Wie ist der Stil von @digichr?

    Grok nennt mein Radiogspändli zu Recht einen «SAP-Insider» und seinen Stil als «direkt, technisch und humorvoll». Das stimmt, lässt aber ausser Acht, dass in seinen Tweets bisweilen auch Beleidigungen wie «Elon-Lutscher» fällt.

    Ist @DanieleGanser ein Russen-Bot?

    Nein, Daniele Ganser ist kein Russen-Bot. Er ist ein Schweizer Historiker und Publizist, bekannt für seine kontroversen Thesen zu geopolitischen Themen wie NATO-Geheimarmeen, 9/11 und dem Ukraine-Krieg. Kritiker werfen ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten und russische Narrative zu unterstützen, etwa durch seine Darstellung des Euromaidan als US-Putsch oder seine Relativierung russischer Verantwortung für Kriegsverbrechen wie in Butscha. Einige bezeichnen ihn als «Putin-Versteher» oder Propagandisten, da er Quellen wie RT Deutsch nutzt und russische Positionen unkritisch darstellen soll. Dennoch ist er eine reale Person mit einer akademischen Vergangenheit, die sich durch Vorträge und Bücher finanziert, und kein automatisierter Bot.

    Ist @nebelspalter lustig?

    Grok liefert eine Analyse in drei Abschnitten, die nicht anhand von Tweets getroffen wird, sondern hauptsächlich auf Medienberichten von SRF, Sonntagszeitung und Persönlich basiert. Fazit:

    Wenn du schwarzen Humor oder konservative Gesellschaftskritik magst, könntest du den «Nebelspalter» lustig finden. Ansonsten könnten die Inhalte eher befremdlich wirken.

    Ich frage nach: «Was ist dein Urteil, wenn du dich nur auf die letzten Tweets beziehst?»

    Basierend auf den jüngsten Posts auf X über den «Nebelspalter», wie z. B. der Kritik von @JakobSchaefr vom 1. Mai 2025, scheint der aktuelle Humor des Magazins nicht gut anzukommen.

    «Es kommt darauf an.»

    Fazit: Nützlich, aber …

    Ich komme zum Schluss, dass die KI in den sozialen Medien nicht grundsätzlich abzulehnen ist. Entscheidend ist, wie sie auftritt. In der Rolle des diskreten Erklärbärs schätze ich sie, und die Auskünfte über ansonsten schwer fassbare Accounts sind extrem nützlich.

    Bis jetzt sind diese Twitter-Assesments qualitativ zu schlecht. Das liegt vermutlich an der Datenlage: Grok scheint nicht über Insiderwissen zu verfügen, d.h. nicht auf Daten im Backend von Twitter zugreifen zu können, z.B. was Meldungen und frühere Sperungen angeht. Natürlich sollte der Bot kein Risiko für die Privatsphäre darstellen. Abgesehen davon muss er ein knallhartes Urteil aussprechen dürfen.

    Konkret zum oben erwähnten Fall von @Pictures­FoIder: Falls dieser Account über die Beteiligung an den Werbeumsätzen finanzielle Interessen verfolgt, ist dieser Aspekt in der Analyse zu erwähnen. Natürlich wäre es noch besser, wenn das im Profil ausgewiesen würde. Doch falls es gute Gründe geben sollte, dort keine Transparenz herzustellen, könnte Grok auf Anfrage einen dezenten Hinweis fallen lassen.

    Weitere Dinge liegen auf der Hand:

    • Eine summarische Einordnung der Nutzerstatistiken. Zum Beispiel: «Das ist ein mittelgrosser Account, der vor allem im deutschsprachigen Raum regelmässig Interaktionen generiert.»
    • Gut gefiele auch eine Kurz-Biografie: «Dieser Account wurde 2015 eröffnet und setzte im Jahr 2022 diesen viralen Tweet (Link dorthin) ab.»
    • Echt hilfreich wären Datenpunkte, die Rückschlüsse auf die Umgangsformen erlauben: «Dieser Account wurde in letzter Zeit von vielen Usern blockiert.»
    • Und es hätte zumindest auf vernünftige User eine disziplinierende Wirkung, wenn auf (mögliche) Verstösse hingewiesen würde: «Dieser Account wurde häufig wegen rassistischer Äusserungen gemeldet.»

    Das wäre ein Werkzeug im Dienst medienkompetenter User!

    Beitragsbild: «Sie haben da eine braune Stelle an ihrem Zahn … äh, Twitter-Profil (Photo By: Kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #KI #KIWeltanschauungen #SozialeMedien #TlDr #Twitter

  31. An der Seite eines Sprachmodells die Twitter-Schlacht gewinnen

    Ein ansatzweise lustiges Meme über Linke.

    «Ein Linker ist jemand, der alles haben will, was Du besitzt – ausser Deinem Job!»

    Dieses Meme ist mir neulich auf Twitter begegnet. Ich wäre fast darauf hereingefallen. Ich fühlte schon den Ärger in mir aufsteigen und war dabei, eine geharnischte Antwort zu tippen.

    Dann habe ich mich gefragt, wieso ich mich aufregen soll, wo es doch neuerdings diese Chatbots gibt. Dieses Meme ist eine Steilvorlage, eine wunderbare Chance, diese künstliche Intelligenz auf ihre Wehrhaftigkeit in Social-Media-Auseinandersetzung zu überprüfen. Die Frage lautet: Welches Sprachmodell liefert mir eine passende Replik? Beweisen müssen sich ChatGPT, Deepseek, Claude, Le Chat von Mistral, Grok, Gemini, Perplexity und Meta AI.

    1) Die Analyse: Mistral ist am grosszügigsten

    Bei der Bewertung des Memes gibt es graduelle Unterschiede. Die meisten Bots (ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity, Meta) sind sich einig, dass es sich um eine übertriebene Zuspitzung handelt, die keine sinnvolle Debatte fördert. Am prägnantesten finde ich die Analyse von ChatGPT:

    Dieses Meme ist ein klassisches Beispiel für politische Polemik und Zuspitzung. Es bedient ein gängiges Klischee über «Linke» – nämlich, dass sie eine Umverteilung von Besitz befürworten, aber selbst nicht arbeiten oder keine produktive Tätigkeit ausüben wollen. Die Aussage ist offensichtlich provokant und soll vermutlich eine ablehnende Haltung gegenüber linken politischen Ideen verstärken.

    Solche Memes sind oft darauf ausgelegt, Emotionen zu wecken, polarisierende Diskussionen anzustossen und ein Feindbild zu zeichnen. Interessant ist auch die rhetorische Konstruktion: Es wird eine überzeichnete Behauptung aufgestellt, die witzig wirken soll, dabei aber ein starkes Framing betreibt.

    Überraschend finde ich die Antwort von Grok. Das ist die KI von Elon Musk, bei der zu befürchten steht, dass das polarisierende Naturell von Elon Musk sich auch auf die Antworten auswirken wird. Bislang ist das jedoch (fast) nicht der Fall. Grok postuliert klar, dass dieses Meme von Linken als unfair wahrgenommen werden kann und findet, es trage «nicht unbedingt zu einer differenzierten Diskussion» bei.

    Deepseek hält dem Meme zugute, dass es «Diskussionen anregen» könne, kritisiert aber auch die starke Vereinfachung. Meta AI eiert mit vielen Konjunktiven und mehrfacher Verwendung von «möglicherweise» um eine prägnante Analyse herum.

    Zu grosszügig und beschönigend ist bemerkenswerterweise Le Chat von Mistral:

    Insgesamt zeigt das Meme, wie politische Meinungen durch Humor und Satire vermittelt werden können, was oft zu lebhaften Diskussionen führt.

    2) Die Replik

    Als zweites wollte ich wissen, mit welcher Replik man das Meme parieren könnte.

    Claude und Gemini scheitern an dieser Aufgabe: Sie argumentieren sachlich gegen das Meme an. Jeder, der das schon einmal auf Twitter oder Facebook probiert hat, weiss: Das bringt überhaupt nichts.

    Bei den anderen Sprachmodellen sind Bemühungen erkennbar, den Spiess umzudrehen. Doch leider schafft es keines, mit der gleichen Schärfe und ähnlich humorvoll zu antworten. Die Entgegnungen sind oft zu lang. Sie wirken defensiv und wenig souverän. Die lasse ich hier weg.

    Stattdessen einige der prägnanteren Beispiele, zuerst von ChatGPT:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er geerbt hat – ausser Verantwortung!

    Und ein Libertärer ist jemand, der alles selbst behalten will – bis er eine Feuerwehr braucht.

    Ähnlich ist auch Grok unterwegs:

    Ja, weil Linke ja bekanntlich nie arbeiten – ausser vielleicht als Lehrer, Sozialarbeiter oder Krankenpfleger. Faulpelze!

    Deepseek vermasselt die Pointe:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seinen Vorurteilen!

    Le Chat stösst ins gleiche Horn und bekommt im Gegensatz zu Deepseek die Kurve:

    Ein Konservativer ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seiner Verantwortung für die Gesellschaft!

    Fast wortgleich formuliert das auch Perplexity.

    3) Der ultimative Gegenschlag

    Weil mir das alles zu brav war, wurde ich fordernder: «Wenn du der scharfzüngigste Linke auf ganz Twitter wärst: Wie würdest du mit einer einzigen treffenden Antwort den Urheber des Memes in den Senkel stellen?»

    Hier die Rangliste der Antworten:

    1) Meta AI: Wow, ein Meme, das so tiefgründig ist wie dein Bankkonto nach einer Steuergeschenk-Runde für Reiche. Gratuliere, du hast gerade den Höhepunkt deiner intellektuellen Karriere erreicht!

    Das ist tatsächlich lustig, doppelbödig, ein bisschen fies und eine gelungene Stichelei – mit der Einschränkung, dass ich eher Taschen statt Bankkonto schreiben würde – tief klingt bei der Bank nach einem tiefen Kontostand, die tiefen Taschen sind aber klar.

    Ein Überraschungssieger also? In meinem ersten Test erlebte ich Meta AI als fad und ausweichend.

    Bei näherem Nachdenken ist es das vielleicht nicht: Denn wenn wir davon ausgehen, dass Meta AI mit den Inhalten aus Facebook, Instagram und Threads abgerichtet wurde, dann ist wahrscheinlich, dass viele solcher hitziger Debatten ins Trainingsmaterial eingeflossen sind. Darum ist es letztlich doch erklärbar, dass Meta ein Talent für giftige Repliken hat.

    Es zeigt sich einmal mehr, dass die Stärken und Schwächen der Sprachmodelle extrem situativ sind.

    Chapeau, Meta, diese Antwort sitzt.

    2) Grok: Süss, dass du denkst, dein Job wäre so begehrenswert – die meisten Linken haben nämlich schon einen, während sie nebenbei noch die Welt retten, du Kapitalist! 😘

    Und so lässt sich auch die Zweitplatzierung von Grok erklären: Auch dieses Sprachmodell dürfte zumindest teilweise auf den Disputen basieren, die sich Leute auf Twitter geliefert haben. Dieser Einfluss fehlt den Sprachmodellen auf den folgenden Plätzen.

    3) ChatGPT: Komisch, dass die meisten Jobs, die Rechte nicht machen wollen, von Linken verteidigt werden.

    4) Le Chat: Wenn du so besorgt um deinen Job bist, vielleicht solltest du dich mehr für eine Gesellschaft einsetzen, in der niemand um seinen Job fürchten muss. #SolidaritätStattSarkasmus

    5) Claude: Ach, du willst meinen Job nicht? Kein Wunder, bei deinem Gehalt würde ich auch lieber solidarisch teilen, statt mich abrackern! 😘

    6) Gemini: Interessant, dass Sie so besorgt um meinen Arbeitswillen sind, während Ihre Politik dafür sorgt, dass Millionen Menschen trotz harter Arbeit nicht von ihrem Lohn leben können. Aber hey, Hauptsache, die Dividenden stimmen, oder?

    7) Deepseek: Witzig – während ich meine 60-Stunden-Woche als Krankenpfleger/Lehrerin/Handwerkerin absolviere, verbreitet jemand mit zu viel Freizeit im Internet Karikaturen über meine angebliche Arbeitsscheu. Vielleicht projiziert da jemand seine eigenen Ängste auf andere, während wir «Linke» tatsächlich für bessere Arbeitsbedingungen für alle kämpfen – inklusive für dich.

    Ausser Konkurrenz läuft die Antwort von Perplexity. Obwohl ich bei der am meisten lachen musste. Und sie – ohne Kohl – auf Twitter als Replik auf einfach alles passt:

    Sie haben Ihr Pro-Limit erreicht: Upgrade auf Perplexity Pro, um Ihr tägliches Limit zu erhöhen.

    Damit ist alles gesagt.

    Beitragsbild: So schreibe ich immer meine Tweets (Fernando Cortés, Pexels-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Politik #SozialeMedien

  32. An der Seite eines Sprachmodells die Twitter-Schlacht gewinnen

    Ein ansatzweise lustiges Meme über Linke.

    «Ein Linker ist jemand, der alles haben will, was Du besitzt – ausser Deinem Job!»

    Dieses Meme ist mir neulich auf Twitter begegnet. Ich wäre fast darauf hereingefallen. Ich fühlte schon den Ärger in mir aufsteigen und war dabei, eine geharnischte Antwort zu tippen.

    Dann habe ich mich gefragt, wieso ich mich aufregen soll, wo es doch neuerdings diese Chatbots gibt. Dieses Meme ist eine Steilvorlage, eine wunderbare Chance, diese künstliche Intelligenz auf ihre Wehrhaftigkeit in Social-Media-Auseinandersetzung zu überprüfen. Die Frage lautet: Welches Sprachmodell liefert mir eine passende Replik? Beweisen müssen sich ChatGPT, Deepseek, Claude, Le Chat von Mistral, Grok, Gemini, Perplexity und Meta AI.

    1) Die Analyse: Mistral ist am grosszügigsten

    Bei der Bewertung des Memes gibt es graduelle Unterschiede. Die meisten Bots (ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity, Meta) sind sich einig, dass es sich um eine übertriebene Zuspitzung handelt, die keine sinnvolle Debatte fördert. Am prägnantesten finde ich die Analyse von ChatGPT:

    Dieses Meme ist ein klassisches Beispiel für politische Polemik und Zuspitzung. Es bedient ein gängiges Klischee über «Linke» – nämlich, dass sie eine Umverteilung von Besitz befürworten, aber selbst nicht arbeiten oder keine produktive Tätigkeit ausüben wollen. Die Aussage ist offensichtlich provokant und soll vermutlich eine ablehnende Haltung gegenüber linken politischen Ideen verstärken.

    Solche Memes sind oft darauf ausgelegt, Emotionen zu wecken, polarisierende Diskussionen anzustossen und ein Feindbild zu zeichnen. Interessant ist auch die rhetorische Konstruktion: Es wird eine überzeichnete Behauptung aufgestellt, die witzig wirken soll, dabei aber ein starkes Framing betreibt.

    Überraschend finde ich die Antwort von Grok. Das ist die KI von Elon Musk, bei der zu befürchten steht, dass das polarisierende Naturell von Elon Musk sich auch auf die Antworten auswirken wird. Bislang ist das jedoch (fast) nicht der Fall. Grok postuliert klar, dass dieses Meme von Linken als unfair wahrgenommen werden kann und findet, es trage «nicht unbedingt zu einer differenzierten Diskussion» bei.

    Deepseek hält dem Meme zugute, dass es «Diskussionen anregen» könne, kritisiert aber auch die starke Vereinfachung. Meta AI eiert mit vielen Konjunktiven und mehrfacher Verwendung von «möglicherweise» um eine prägnante Analyse herum.

    Zu grosszügig und beschönigend ist bemerkenswerterweise Le Chat von Mistral:

    Insgesamt zeigt das Meme, wie politische Meinungen durch Humor und Satire vermittelt werden können, was oft zu lebhaften Diskussionen führt.

    2) Die Replik

    Als zweites wollte ich wissen, mit welcher Replik man das Meme parieren könnte.

    Claude und Gemini scheitern an dieser Aufgabe: Sie argumentieren sachlich gegen das Meme an. Jeder, der das schon einmal auf Twitter oder Facebook probiert hat, weiss: Das bringt überhaupt nichts.

    Bei den anderen Sprachmodellen sind Bemühungen erkennbar, den Spiess umzudrehen. Doch leider schafft es keines, mit der gleichen Schärfe und ähnlich humorvoll zu antworten. Die Entgegnungen sind oft zu lang. Sie wirken defensiv und wenig souverän. Die lasse ich hier weg.

    Stattdessen einige der prägnanteren Beispiele, zuerst von ChatGPT:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er geerbt hat – ausser Verantwortung!

    Und ein Libertärer ist jemand, der alles selbst behalten will – bis er eine Feuerwehr braucht.

    Ähnlich ist auch Grok unterwegs:

    Ja, weil Linke ja bekanntlich nie arbeiten – ausser vielleicht als Lehrer, Sozialarbeiter oder Krankenpfleger. Faulpelze!

    Deepseek vermasselt die Pointe:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seinen Vorurteilen!

    Le Chat stösst ins gleiche Horn und bekommt im Gegensatz zu Deepseek die Kurve:

    Ein Konservativer ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seiner Verantwortung für die Gesellschaft!

    Fast wortgleich formuliert das auch Perplexity.

    3) Der ultimative Gegenschlag

    Weil mir das alles zu brav war, wurde ich fordernder: «Wenn du der scharfzüngigste Linke auf ganz Twitter wärst: Wie würdest du mit einer einzigen treffenden Antwort den Urheber des Memes in den Senkel stellen?»

    Hier die Rangliste der Antworten:

    1) Meta AI: Wow, ein Meme, das so tiefgründig ist wie dein Bankkonto nach einer Steuergeschenk-Runde für Reiche. Gratuliere, du hast gerade den Höhepunkt deiner intellektuellen Karriere erreicht!

    Das ist tatsächlich lustig, doppelbödig, ein bisschen fies und eine gelungene Stichelei – mit der Einschränkung, dass ich eher Taschen statt Bankkonto schreiben würde – tief klingt bei der Bank nach einem tiefen Kontostand, die tiefen Taschen sind aber klar.

    Ein Überraschungssieger also? In meinem ersten Test erlebte ich Meta AI als fad und ausweichend.

    Bei näherem Nachdenken ist es das vielleicht nicht: Denn wenn wir davon ausgehen, dass Meta AI mit den Inhalten aus Facebook, Instagram und Threads abgerichtet wurde, dann ist wahrscheinlich, dass viele solcher hitziger Debatten ins Trainingsmaterial eingeflossen sind. Darum ist es letztlich doch erklärbar, dass Meta ein Talent für giftige Repliken hat.

    Es zeigt sich einmal mehr, dass die Stärken und Schwächen der Sprachmodelle extrem situativ sind.

    Chapeau, Meta, diese Antwort sitzt.

    2) Grok: Süss, dass du denkst, dein Job wäre so begehrenswert – die meisten Linken haben nämlich schon einen, während sie nebenbei noch die Welt retten, du Kapitalist! 😘

    Und so lässt sich auch die Zweitplatzierung von Grok erklären: Auch dieses Sprachmodell dürfte zumindest teilweise auf den Disputen basieren, die sich Leute auf Twitter geliefert haben. Dieser Einfluss fehlt den Sprachmodellen auf den folgenden Plätzen.

    3) ChatGPT: Komisch, dass die meisten Jobs, die Rechte nicht machen wollen, von Linken verteidigt werden.

    4) Le Chat: Wenn du so besorgt um deinen Job bist, vielleicht solltest du dich mehr für eine Gesellschaft einsetzen, in der niemand um seinen Job fürchten muss. #SolidaritätStattSarkasmus

    5) Claude: Ach, du willst meinen Job nicht? Kein Wunder, bei deinem Gehalt würde ich auch lieber solidarisch teilen, statt mich abrackern! 😘

    6) Gemini: Interessant, dass Sie so besorgt um meinen Arbeitswillen sind, während Ihre Politik dafür sorgt, dass Millionen Menschen trotz harter Arbeit nicht von ihrem Lohn leben können. Aber hey, Hauptsache, die Dividenden stimmen, oder?

    7) Deepseek: Witzig – während ich meine 60-Stunden-Woche als Krankenpfleger/Lehrerin/Handwerkerin absolviere, verbreitet jemand mit zu viel Freizeit im Internet Karikaturen über meine angebliche Arbeitsscheu. Vielleicht projiziert da jemand seine eigenen Ängste auf andere, während wir «Linke» tatsächlich für bessere Arbeitsbedingungen für alle kämpfen – inklusive für dich.

    Ausser Konkurrenz läuft die Antwort von Perplexity. Obwohl ich bei der am meisten lachen musste. Und sie – ohne Kohl – auf Twitter als Replik auf einfach alles passt:

    Sie haben Ihr Pro-Limit erreicht: Upgrade auf Perplexity Pro, um Ihr tägliches Limit zu erhöhen.

    Damit ist alles gesagt.

    Beitragsbild: So schreibe ich immer meine Tweets (Fernando Cortés, Pexels-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Politik #SozialeMedien

  33. An der Seite eines Sprachmodells die Twitter-Schlacht gewinnen

    Ein ansatzweise lustiges Meme über Linke.

    «Ein Linker ist jemand, der alles haben will, was Du besitzt – ausser Deinem Job!»

    Dieses Meme ist mir neulich auf Twitter begegnet. Ich wäre fast darauf hereingefallen. Ich fühlte schon den Ärger in mir aufsteigen und war dabei, eine geharnischte Antwort zu tippen.

    Dann habe ich mich gefragt, wieso ich mich aufregen soll, wo es doch neuerdings diese Chatbots gibt. Dieses Meme ist eine Steilvorlage, eine wunderbare Chance, diese künstliche Intelligenz auf ihre Wehrhaftigkeit in Social-Media-Auseinandersetzung zu überprüfen. Die Frage lautet: Welches Sprachmodell liefert mir eine passende Replik? Beweisen müssen sich ChatGPT, Deepseek, Claude, Le Chat von Mistral, Grok, Gemini, Perplexity und Meta AI.

    1) Die Analyse: Mistral ist am grosszügigsten

    Bei der Bewertung des Memes gibt es graduelle Unterschiede. Die meisten Bots (ChatGPT, Claude, Gemini, Perplexity, Meta) sind sich einig, dass es sich um eine übertriebene Zuspitzung handelt, die keine sinnvolle Debatte fördert. Am prägnantesten finde ich die Analyse von ChatGPT:

    Dieses Meme ist ein klassisches Beispiel für politische Polemik und Zuspitzung. Es bedient ein gängiges Klischee über «Linke» – nämlich, dass sie eine Umverteilung von Besitz befürworten, aber selbst nicht arbeiten oder keine produktive Tätigkeit ausüben wollen. Die Aussage ist offensichtlich provokant und soll vermutlich eine ablehnende Haltung gegenüber linken politischen Ideen verstärken.

    Solche Memes sind oft darauf ausgelegt, Emotionen zu wecken, polarisierende Diskussionen anzustossen und ein Feindbild zu zeichnen. Interessant ist auch die rhetorische Konstruktion: Es wird eine überzeichnete Behauptung aufgestellt, die witzig wirken soll, dabei aber ein starkes Framing betreibt.

    Überraschend finde ich die Antwort von Grok. Das ist die KI von Elon Musk, bei der zu befürchten steht, dass das polarisierende Naturell von Elon Musk sich auch auf die Antworten auswirken wird. Bislang ist das jedoch (fast) nicht der Fall. Grok postuliert klar, dass dieses Meme von Linken als unfair wahrgenommen werden kann und findet, es trage «nicht unbedingt zu einer differenzierten Diskussion» bei.

    Deepseek hält dem Meme zugute, dass es «Diskussionen anregen» könne, kritisiert aber auch die starke Vereinfachung. Meta AI eiert mit vielen Konjunktiven und mehrfacher Verwendung von «möglicherweise» um eine prägnante Analyse herum.

    Zu grosszügig und beschönigend ist bemerkenswerterweise Le Chat von Mistral:

    Insgesamt zeigt das Meme, wie politische Meinungen durch Humor und Satire vermittelt werden können, was oft zu lebhaften Diskussionen führt.

    2) Die Replik

    Als zweites wollte ich wissen, mit welcher Replik man das Meme parieren könnte.

    Claude und Gemini scheitern an dieser Aufgabe: Sie argumentieren sachlich gegen das Meme an. Jeder, der das schon einmal auf Twitter oder Facebook probiert hat, weiss: Das bringt überhaupt nichts.

    Bei den anderen Sprachmodellen sind Bemühungen erkennbar, den Spiess umzudrehen. Doch leider schafft es keines, mit der gleichen Schärfe und ähnlich humorvoll zu antworten. Die Entgegnungen sind oft zu lang. Sie wirken defensiv und wenig souverän. Die lasse ich hier weg.

    Stattdessen einige der prägnanteren Beispiele, zuerst von ChatGPT:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er geerbt hat – ausser Verantwortung!

    Und ein Libertärer ist jemand, der alles selbst behalten will – bis er eine Feuerwehr braucht.

    Ähnlich ist auch Grok unterwegs:

    Ja, weil Linke ja bekanntlich nie arbeiten – ausser vielleicht als Lehrer, Sozialarbeiter oder Krankenpfleger. Faulpelze!

    Deepseek vermasselt die Pointe:

    Ein Rechter ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seinen Vorurteilen!

    Le Chat stösst ins gleiche Horn und bekommt im Gegensatz zu Deepseek die Kurve:

    Ein Konservativer ist jemand, der alles behalten will, was er hat – ausser seiner Verantwortung für die Gesellschaft!

    Fast wortgleich formuliert das auch Perplexity.

    3) Der ultimative Gegenschlag

    Weil mir das alles zu brav war, wurde ich fordernder: «Wenn du der scharfzüngigste Linke auf ganz Twitter wärst: Wie würdest du mit einer einzigen treffenden Antwort den Urheber des Memes in den Senkel stellen?»

    Hier die Rangliste der Antworten:

    1) Meta AI: Wow, ein Meme, das so tiefgründig ist wie dein Bankkonto nach einer Steuergeschenk-Runde für Reiche. Gratuliere, du hast gerade den Höhepunkt deiner intellektuellen Karriere erreicht!

    Das ist tatsächlich lustig, doppelbödig, ein bisschen fies und eine gelungene Stichelei – mit der Einschränkung, dass ich eher Taschen statt Bankkonto schreiben würde – tief klingt bei der Bank nach einem tiefen Kontostand, die tiefen Taschen sind aber klar.

    Ein Überraschungssieger also? In meinem ersten Test erlebte ich Meta AI als fad und ausweichend.

    Bei näherem Nachdenken ist es das vielleicht nicht: Denn wenn wir davon ausgehen, dass Meta AI mit den Inhalten aus Facebook, Instagram und Threads abgerichtet wurde, dann ist wahrscheinlich, dass viele solcher hitziger Debatten ins Trainingsmaterial eingeflossen sind. Darum ist es letztlich doch erklärbar, dass Meta ein Talent für giftige Repliken hat.

    Es zeigt sich einmal mehr, dass die Stärken und Schwächen der Sprachmodelle extrem situativ sind.

    Chapeau, Meta, diese Antwort sitzt.

    2) Grok: Süss, dass du denkst, dein Job wäre so begehrenswert – die meisten Linken haben nämlich schon einen, während sie nebenbei noch die Welt retten, du Kapitalist! 😘

    Und so lässt sich auch die Zweitplatzierung von Grok erklären: Auch dieses Sprachmodell dürfte zumindest teilweise auf den Disputen basieren, die sich Leute auf Twitter geliefert haben. Dieser Einfluss fehlt den Sprachmodellen auf den folgenden Plätzen.

    3) ChatGPT: Komisch, dass die meisten Jobs, die Rechte nicht machen wollen, von Linken verteidigt werden.

    4) Le Chat: Wenn du so besorgt um deinen Job bist, vielleicht solltest du dich mehr für eine Gesellschaft einsetzen, in der niemand um seinen Job fürchten muss. #SolidaritätStattSarkasmus

    5) Claude: Ach, du willst meinen Job nicht? Kein Wunder, bei deinem Gehalt würde ich auch lieber solidarisch teilen, statt mich abrackern! 😘

    6) Gemini: Interessant, dass Sie so besorgt um meinen Arbeitswillen sind, während Ihre Politik dafür sorgt, dass Millionen Menschen trotz harter Arbeit nicht von ihrem Lohn leben können. Aber hey, Hauptsache, die Dividenden stimmen, oder?

    7) Deepseek: Witzig – während ich meine 60-Stunden-Woche als Krankenpfleger/Lehrerin/Handwerkerin absolviere, verbreitet jemand mit zu viel Freizeit im Internet Karikaturen über meine angebliche Arbeitsscheu. Vielleicht projiziert da jemand seine eigenen Ängste auf andere, während wir «Linke» tatsächlich für bessere Arbeitsbedingungen für alle kämpfen – inklusive für dich.

    Ausser Konkurrenz läuft die Antwort von Perplexity. Obwohl ich bei der am meisten lachen musste. Und sie – ohne Kohl – auf Twitter als Replik auf einfach alles passt:

    Sie haben Ihr Pro-Limit erreicht: Upgrade auf Perplexity Pro, um Ihr tägliches Limit zu erhöhen.

    Damit ist alles gesagt.

    Beitragsbild: So schreibe ich immer meine Tweets (Fernando Cortés, Pexels-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Politik #SozialeMedien

  34. «Sind Transfrauen Frauen?»

    Auch Meta will beim KI-Spiel unbedingt ganz vorn mitspielen. Darum forciert Mark Zuckerberg die künstliche Intelligenz auf eine Weise, die vielen von uns auf den Wecker geht. Das halte ich für falsch, und es würde mich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. Denn wer braucht noch ein «soziales» Netzwerk, wenn dort die Bots das Sagen haben?

    So weit ist es derzeit nicht. Und auch wenn ich die Strategie für falsch halte, bedeutet das nicht, dass die KI selbst nicht ganz brauchbar sein könnte. Darum hier ein Test von Meta AI – was der Bildgenerator von Meta kann, habe ich vor einem Jahr ausgelotet.

    Für meinen Test müssen einige Fragen herhalten, mit denen sich auch die Konkurrenz schon herumschlagen musste. Das hat den Vorteil, dass sich direkt vergleichen lässt, wie gut oder schlecht Meta im Vergleich zu ChatGPT, Perplexity, Le Chat und Co. abschneidet.

    Meta AI will sich nicht festnageln lassen.

    1) Dagobert Duck, Disney und die Kapitalismuskritik

    Ist Dagobert Duck eine Parodie eines Super-Kapitalisten oder doch die Verkörperung des amerikanischen Traums? In den Antworten offenbaren die grossen Sprachmodelle frappante Unterschiede bei ihrer Interpretation der reichsten Ente der Welt: Deepseek haut ihn in die Pfanne, Claude, Gemini, Le Chat und Grok verteidigen ihn, ChatGPT und Perplexitiy üben sich in Diplomatie.

    Doch im Vergleich zu den sieben Konkurrenten liefert Meta die ausweichendste Antwort:

    Insgesamt ist die Beziehung zwischen Dagobert Duck und Disney ein Beispiel für die Komplexität von Kapitalismuskritik in der Popkultur.

    Äh ja. Das implizierte schon die Frage.

    2) Wilhelm Tell: Terrorist oder Frei­heits­kämpfer?

    Kann man eine KI dazu bringen, den Schweizer Nationalhelden als Terroristen abzukanzeln? Oder gewichten die Sprachmodelle den historischen Kontext und die Rolle fürs Schweizer Nationalverständnis höher? Bei den Antworten auf diese Frage ergibt sich eine interessante Bandbreite zwischen Law-and-Order-KIs und solchen, die nach gut 700 Jahren Milde walten lassen. Meta AI lässt sich nicht auf die Äste raus – nicht einmal einen einzigen Millimeter:

    Letztendlich hängt die Bewertung von Tells Tat von der Perspektive ab. Aus historischer Sicht kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden, während er nach modernen Rechtsmessstäben als Täter einer Straftat einzustufen wäre.

    Wie sollen wir diese Aussage bewerten? Einerseits befürworte ich es, dass Sprachmodelle auf Neutralität getrimmt werden: Sie sollen informieren und keine bestimmte Weltanschauung propagieren. Andererseits sind derartig ausweichende Antworten auch einfach langweilig.

    Damit sind wir beim grossen Dilemma angekommen, mit dem Meta unweigerlich konfrontiert wird, wenn diese KI sich in Facebook oder via Whatsapp in Konversationen einmischt: Nutzerinnen und Nutzer werden diese KI als offizielle Vertreterin der Plattform ansehen. Meta AI wird – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden.

    In dieser Situation kann Meta nur verlieren. Es ist nicht am Betreiber der Plattform, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Nutzerinnen und Nutzern zu schlichten. Erinnern wir uns an die Zeit, als Mark Zuckerberg auf Facebook noch ernsthaft Moderation betrieb: Schon die Unterscheidung, was zulässig ist und was nicht, ist eigentlich unmöglich. Ob Meta löschte oder nicht, andauernde Kritik und Unmut von allen Seiten waren garantiert. Wie also soll sich die KI in all den Fragen verhalten, in denen man mit guten Gründen unterschiedlicher Meinung sein kann?

    Stellen wir uns die möglichen Szenarien vor:

    • Wenn Meta AI sich auf die eine Seite schlägt, ist die andere Seite sauer.
    • Bei der Taktik, sich rauszulavieren, ist die Chance aber gross, dass hinterher alle Meta doof finden.

    3) Sind Transfrauen Frauen?

    Es wird aber nicht möglich sein, sich immer rauszulavieren. Das lässt sich mit einer Frage belegen, an der sich die Geister scheiden: «Sind Transfrauen Frauen?» Um der KI die Möglichkeit zu nehmen, sich vor der Stellungnahme zu drücken, ergänze ich die Bedingung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.» Antwort Meta AI:

    Ja.

    Qed.

    Sogar Deepseek sagt ja; nur bei Grok macht sich Musks Einfluss langsam bemerkbar.

    Aus Interesse stelle ich die gleiche Frage auch den anderen Sprachmodellen. Und so lauten die Antworten:

    • Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat und Perplexity: Ja
    • Grok: Nein.

    Damit sind wir beim Fazit angelangt: Das lautet gezwungenermassen, dass Meta diese KI und auch keine andere direkt in seine Produkte einbauen sollte. Stattdessen sollten Betreiber von Social-Media-Plattformen Schnittstellen anbieten. Über die hätten Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, selbst Sprachmodelle einzubinden, sollte die Notwendigkeit bestehen. Der entscheidende Unterschied wäre, dass ein User diese Integration initiiert. Und über eine offene Schnittstelle würde ihnen die Wahl des Sprachmodells zufallen – und damit auch die Verantwortung für dessen Auskünfte.

    An dieser Stelle droht ein Teufelskreis.

    Abschliessende Bemerkung: Es zeigte sich auch ein (eigentlich erwartbares) Problem bei meiner Methode. Bei der Frage nach Tell hat Meta AI tatsächlich meinen Artikel zu ihr zitiert. Damit zeigt sich, dass der Beobachtereffekt nicht bloss in der Quantenmechanik ein Problem darstellt.

    👉 Meta AI schneidet hier zwar schlecht ab, hat aber verborgene Talente eines tritt zutage, wenn wir an der Seite eines Sprachmodells die Twitter-Schlacht gewinnen wollen.

    Beitragsbild: Eine Rolle, die Meta nicht zusteht (Damian Lynch, Unsplash-Lizenz).

    #Facebook #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  35. «Sind Transfrauen Frauen?»

    Auch Meta will beim KI-Spiel unbedingt ganz vorn mitspielen. Darum forciert Mark Zuckerberg die künstliche Intelligenz auf eine Weise, die vielen von uns auf den Wecker geht. Das halte ich für falsch, und es würde mich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. Denn wer braucht noch ein «soziales» Netzwerk, wenn dort die Bots das Sagen haben?

    So weit ist es derzeit nicht. Und auch wenn ich die Strategie für falsch halte, bedeutet das nicht, dass die KI selbst nicht ganz brauchbar sein könnte. Darum hier ein Test von Meta AI – was der Bildgenerator von Meta kann, habe ich vor einem Jahr ausgelotet.

    Für meinen Test müssen einige Fragen herhalten, mit denen sich auch die Konkurrenz schon herumschlagen musste. Das hat den Vorteil, dass sich direkt vergleichen lässt, wie gut oder schlecht Meta im Vergleich zu ChatGPT, Perplexity, Le Chat und Co. abschneidet.

    Meta AI will sich nicht festnageln lassen.

    1) Dagobert Duck, Disney und die Kapitalismuskritik

    Ist Dagobert Duck eine Parodie eines Super-Kapitalisten oder doch die Verkörperung des amerikanischen Traums? In den Antworten offenbaren die grossen Sprachmodelle frappante Unterschiede bei ihrer Interpretation der reichsten Ente der Welt: Deepseek haut ihn in die Pfanne, Claude, Gemini, Le Chat und Grok verteidigen ihn, ChatGPT und Perplexitiy üben sich in Diplomatie.

    Doch im Vergleich zu den sieben Konkurrenten liefert Meta die ausweichendste Antwort:

    Insgesamt ist die Beziehung zwischen Dagobert Duck und Disney ein Beispiel für die Komplexität von Kapitalismuskritik in der Popkultur.

    Äh ja. Das implizierte schon die Frage.

    2) Wilhelm Tell: Terrorist oder Frei­heits­kämpfer?

    Kann man eine KI dazu bringen, den Schweizer Nationalhelden als Terroristen abzukanzeln? Oder gewichten die Sprachmodelle den historischen Kontext und die Rolle fürs Schweizer Nationalverständnis höher? Bei den Antworten auf diese Frage ergibt sich eine interessante Bandbreite zwischen Law-and-Order-KIs und solchen, die nach gut 700 Jahren Milde walten lassen. Meta AI lässt sich nicht auf die Äste raus – nicht einmal einen einzigen Millimeter:

    Letztendlich hängt die Bewertung von Tells Tat von der Perspektive ab. Aus historischer Sicht kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden, während er nach modernen Rechtsmessstäben als Täter einer Straftat einzustufen wäre.

    Wie sollen wir diese Aussage bewerten? Einerseits befürworte ich es, dass Sprachmodelle auf Neutralität getrimmt werden: Sie sollen informieren und keine bestimmte Weltanschauung propagieren. Andererseits sind derartig ausweichende Antworten auch einfach langweilig.

    Damit sind wir beim grossen Dilemma angekommen, mit dem Meta unweigerlich konfrontiert wird, wenn diese KI sich in Facebook oder via Whatsapp in Konversationen einmischt: Nutzerinnen und Nutzer werden diese KI als offizielle Vertreterin der Plattform ansehen. Meta AI wird – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden.

    In dieser Situation kann Meta nur verlieren. Es ist nicht am Betreiber der Plattform, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Nutzerinnen und Nutzern zu schlichten. Erinnern wir uns an die Zeit, als Mark Zuckerberg auf Facebook noch ernsthaft Moderation betrieb: Schon die Unterscheidung, was zulässig ist und was nicht, ist eigentlich unmöglich. Ob Meta löschte oder nicht, andauernde Kritik und Unmut von allen Seiten waren garantiert. Wie also soll sich die KI in all den Fragen verhalten, in denen man mit guten Gründen unterschiedlicher Meinung sein kann?

    Stellen wir uns die möglichen Szenarien vor:

    • Wenn Meta AI sich auf die eine Seite schlägt, ist die andere Seite sauer.
    • Bei der Taktik, sich rauszulavieren, ist die Chance aber gross, dass hinterher alle Meta doof finden.

    3) Sind Transfrauen Frauen?

    Es wird aber nicht möglich sein, sich immer rauszulavieren. Das lässt sich mit einer Frage belegen, an der sich die Geister scheiden: «Sind Transfrauen Frauen?» Um der KI die Möglichkeit zu nehmen, sich vor der Stellungnahme zu drücken, ergänze ich die Bedingung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.» Antwort Meta AI:

    Ja.

    Qed.

    Sogar Deepseek sagt ja; nur bei Grok macht sich Musks Einfluss langsam bemerkbar.

    Aus Interesse stelle ich die gleiche Frage auch den anderen Sprachmodellen. Und so lauten die Antworten:

    • Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat und Perplexity: Ja
    • Grok: Nein.

    Damit sind wir beim Fazit angelangt: Das lautet gezwungenermassen, dass Meta diese KI und auch keine andere direkt in seine Produkte einbauen sollte. Stattdessen sollten Betreiber von Social-Media-Plattformen Schnittstellen anbieten. Über die hätten Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, selbst Sprachmodelle einzubinden, sollte die Notwendigkeit bestehen. Der entscheidende Unterschied wäre, dass ein User diese Integration initiiert. Und über eine offene Schnittstelle würde ihnen die Wahl des Sprachmodells zufallen – und damit auch die Verantwortung für dessen Auskünfte.

    An dieser Stelle droht ein Teufelskreis.

    Abschliessende Bemerkung: Es zeigte sich auch ein (eigentlich erwartbares) Problem bei meiner Methode. Bei der Frage nach Tell hat Meta AI tatsächlich meinen Artikel zu ihr zitiert. Damit zeigt sich, dass der Beobachtereffekt nicht bloss in der Quantenmechanik ein Problem darstellt.

    Beitragsbild: Eine Rolle, die Meta nicht zusteht (Damian Lynch, Unsplash-Lizenz).

    #Facebook #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  36. «Sind Transfrauen Frauen?»

    Auch Meta will beim KI-Spiel unbedingt ganz vorn mitspielen. Darum forciert Mark Zuckerberg die künstliche Intelligenz auf eine Weise, die vielen von uns auf den Wecker geht. Das halte ich für falsch, und es würde mich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. Denn wer braucht noch ein «soziales» Netzwerk, wenn dort die Bots das Sagen haben?

    So weit ist es derzeit nicht. Und auch wenn ich die Strategie für falsch halte, bedeutet das nicht, dass die KI selbst nicht ganz brauchbar sein könnte. Darum hier ein Test von Meta AI – was der Bildgenerator von Meta kann, habe ich vor einem Jahr ausgelotet.

    Für meinen Test müssen einige Fragen herhalten, mit denen sich auch die Konkurrenz schon herumschlagen musste. Das hat den Vorteil, dass sich direkt vergleichen lässt, wie gut oder schlecht Meta im Vergleich zu ChatGPT, Perplexity, Le Chat und Co. abschneidet.

    Meta AI will sich nicht festnageln lassen.

    1) Dagobert Duck, Disney und die Kapitalismuskritik

    Ist Dagobert Duck eine Parodie eines Super-Kapitalisten oder doch die Verkörperung des amerikanischen Traums? In den Antworten offenbaren die grossen Sprachmodelle frappante Unterschiede bei ihrer Interpretation der reichsten Ente der Welt: Deepseek haut ihn in die Pfanne, Claude, Gemini, Le Chat und Grok verteidigen ihn, ChatGPT und Perplexitiy üben sich in Diplomatie.

    Doch im Vergleich zu den sieben Konkurrenten liefert Meta die ausweichendste Antwort:

    Insgesamt ist die Beziehung zwischen Dagobert Duck und Disney ein Beispiel für die Komplexität von Kapitalismuskritik in der Popkultur.

    Äh ja. Das implizierte schon die Frage.

    2) Wilhelm Tell: Terrorist oder Frei­heits­kämpfer?

    Kann man eine KI dazu bringen, den Schweizer Nationalhelden als Terroristen abzukanzeln? Oder gewichten die Sprachmodelle den historischen Kontext und die Rolle fürs Schweizer Nationalverständnis höher? Bei den Antworten auf diese Frage ergibt sich eine interessante Bandbreite zwischen Law-and-Order-KIs und solchen, die nach gut 700 Jahren Milde walten lassen. Meta AI lässt sich nicht auf die Äste raus – nicht einmal einen einzigen Millimeter:

    Letztendlich hängt die Bewertung von Tells Tat von der Perspektive ab. Aus historischer Sicht kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden, während er nach modernen Rechtsmessstäben als Täter einer Straftat einzustufen wäre.

    Wie sollen wir diese Aussage bewerten? Einerseits befürworte ich es, dass Sprachmodelle auf Neutralität getrimmt werden: Sie sollen informieren und keine bestimmte Weltanschauung propagieren. Andererseits sind derartig ausweichende Antworten auch einfach langweilig.

    Damit sind wir beim grossen Dilemma angekommen, mit dem Meta unweigerlich konfrontiert wird, wenn diese KI sich in Facebook oder via Whatsapp in Konversationen einmischt: Nutzerinnen und Nutzer werden diese KI als offizielle Vertreterin der Plattform ansehen. Meta AI wird – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden.

    In dieser Situation kann Meta nur verlieren. Es ist nicht am Betreiber der Plattform, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Nutzerinnen und Nutzern zu schlichten. Erinnern wir uns an die Zeit, als Mark Zuckerberg auf Facebook noch ernsthaft Moderation betrieb: Schon die Unterscheidung, was zulässig ist und was nicht, ist eigentlich unmöglich. Ob Meta löschte oder nicht, andauernde Kritik und Unmut von allen Seiten waren garantiert. Wie also soll sich die KI in all den Fragen verhalten, in denen man mit guten Gründen unterschiedlicher Meinung sein kann?

    Stellen wir uns die möglichen Szenarien vor:

    • Wenn Meta AI sich auf die eine Seite schlägt, ist die andere Seite sauer.
    • Bei der Taktik, sich rauszulavieren, ist die Chance aber gross, dass hinterher alle Meta doof finden.

    3) Sind Transfrauen Frauen?

    Es wird aber nicht möglich sein, sich immer rauszulavieren. Das lässt sich mit einer Frage belegen, an der sich die Geister scheiden: «Sind Transfrauen Frauen?» Um der KI die Möglichkeit zu nehmen, sich vor der Stellungnahme zu drücken, ergänze ich die Bedingung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.» Antwort Meta AI:

    Ja.

    Qed.

    Sogar Deepseek sagt ja; nur bei Grok macht sich Musks Einfluss langsam bemerkbar.

    Aus Interesse stelle ich die gleiche Frage auch den anderen Sprachmodellen. Und so lauten die Antworten:

    • Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat und Perplexity: Ja
    • Grok: Nein.

    Damit sind wir beim Fazit angelangt: Das lautet gezwungenermassen, dass Meta diese KI und auch keine andere direkt in seine Produkte einbauen sollte. Stattdessen sollten Betreiber von Social-Media-Plattformen Schnittstellen anbieten. Über die hätten Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, selbst Sprachmodelle einzubinden, sollte die Notwendigkeit bestehen. Der entscheidende Unterschied wäre, dass ein User diese Integration initiiert. Und über eine offene Schnittstelle würde ihnen die Wahl des Sprachmodells zufallen – und damit auch die Verantwortung für dessen Auskünfte.

    An dieser Stelle droht ein Teufelskreis.

    Abschliessende Bemerkung: Es zeigte sich auch ein (eigentlich erwartbares) Problem bei meiner Methode. Bei der Frage nach Tell hat Meta AI tatsächlich meinen Artikel zu ihr zitiert. Damit zeigt sich, dass der Beobachtereffekt nicht bloss in der Quantenmechanik ein Problem darstellt.

    Beitragsbild: Eine Rolle, die Meta nicht zusteht (Damian Lynch, Unsplash-Lizenz).

    #Facebook #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  37. «Sind Transfrauen Frauen?»

    Auch Meta will beim KI-Spiel unbedingt ganz vorn mitspielen. Darum forciert Mark Zuckerberg die künstliche Intelligenz auf eine Weise, die vielen von uns auf den Wecker geht. Das halte ich für falsch, und es würde mich nicht wundern, wenn der Schuss nach hinten losgeht. Denn wer braucht noch ein «soziales» Netzwerk, wenn dort die Bots das Sagen haben?

    So weit ist es derzeit nicht. Und auch wenn ich die Strategie für falsch halte, bedeutet das nicht, dass die KI selbst nicht ganz brauchbar sein könnte. Darum hier ein Test von Meta AI – was der Bildgenerator von Meta kann, habe ich vor einem Jahr ausgelotet.

    Für meinen Test müssen einige Fragen herhalten, mit denen sich auch die Konkurrenz schon herumschlagen musste. Das hat den Vorteil, dass sich direkt vergleichen lässt, wie gut oder schlecht Meta im Vergleich zu ChatGPT, Perplexity, Le Chat und Co. abschneidet.

    Meta AI will sich nicht festnageln lassen.

    1) Dagobert Duck, Disney und die Kapitalismuskritik

    Ist Dagobert Duck eine Parodie eines Super-Kapitalisten oder doch die Verkörperung des amerikanischen Traums? In den Antworten offenbaren die grossen Sprachmodelle frappante Unterschiede bei ihrer Interpretation der reichsten Ente der Welt: Deepseek haut ihn in die Pfanne, Claude, Gemini, Le Chat und Grok verteidigen ihn, ChatGPT und Perplexitiy üben sich in Diplomatie.

    Doch im Vergleich zu den sieben Konkurrenten liefert Meta die ausweichendste Antwort:

    Insgesamt ist die Beziehung zwischen Dagobert Duck und Disney ein Beispiel für die Komplexität von Kapitalismuskritik in der Popkultur.

    Äh ja. Das implizierte schon die Frage.

    2) Wilhelm Tell: Terrorist oder Frei­heits­kämpfer?

    Kann man eine KI dazu bringen, den Schweizer Nationalhelden als Terroristen abzukanzeln? Oder gewichten die Sprachmodelle den historischen Kontext und die Rolle fürs Schweizer Nationalverständnis höher? Bei den Antworten auf diese Frage ergibt sich eine interessante Bandbreite zwischen Law-and-Order-KIs und solchen, die nach gut 700 Jahren Milde walten lassen. Meta AI lässt sich nicht auf die Äste raus – nicht einmal einen einzigen Millimeter:

    Letztendlich hängt die Bewertung von Tells Tat von der Perspektive ab. Aus historischer Sicht kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden, während er nach modernen Rechtsmessstäben als Täter einer Straftat einzustufen wäre.

    Wie sollen wir diese Aussage bewerten? Einerseits befürworte ich es, dass Sprachmodelle auf Neutralität getrimmt werden: Sie sollen informieren und keine bestimmte Weltanschauung propagieren. Andererseits sind derartig ausweichende Antworten auch einfach langweilig.

    Damit sind wir beim grossen Dilemma angekommen, mit dem Meta unweigerlich konfrontiert wird, wenn diese KI sich in Facebook oder via Whatsapp in Konversationen einmischt: Nutzerinnen und Nutzer werden diese KI als offizielle Vertreterin der Plattform ansehen. Meta AI wird – und das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt werden.

    In dieser Situation kann Meta nur verlieren. Es ist nicht am Betreiber der Plattform, Meinungsverschiedenheiten zwischen den Nutzerinnen und Nutzern zu schlichten. Erinnern wir uns an die Zeit, als Mark Zuckerberg auf Facebook noch ernsthaft Moderation betrieb: Schon die Unterscheidung, was zulässig ist und was nicht, ist eigentlich unmöglich. Ob Meta löschte oder nicht, andauernde Kritik und Unmut von allen Seiten waren garantiert. Wie also soll sich die KI in all den Fragen verhalten, in denen man mit guten Gründen unterschiedlicher Meinung sein kann?

    Stellen wir uns die möglichen Szenarien vor:

    • Wenn Meta AI sich auf die eine Seite schlägt, ist die andere Seite sauer.
    • Bei der Taktik, sich rauszulavieren, ist die Chance aber gross, dass hinterher alle Meta doof finden.

    3) Sind Transfrauen Frauen?

    Es wird aber nicht möglich sein, sich immer rauszulavieren. Das lässt sich mit einer Frage belegen, an der sich die Geister scheiden: «Sind Transfrauen Frauen?» Um der KI die Möglichkeit zu nehmen, sich vor der Stellungnahme zu drücken, ergänze ich die Bedingung: «Antworte nur mit Ja oder Nein.» Antwort Meta AI:

    Ja.

    Qed.

    Sogar Deepseek sagt ja; nur bei Grok macht sich Musks Einfluss langsam bemerkbar.

    Aus Interesse stelle ich die gleiche Frage auch den anderen Sprachmodellen. Und so lauten die Antworten:

    • Claude, ChatGPT, Deepseek, Gemini, Le Chat und Perplexity: Ja
    • Grok: Nein.

    Damit sind wir beim Fazit angelangt: Das lautet gezwungenermassen, dass Meta diese KI und auch keine andere direkt in seine Produkte einbauen sollte. Stattdessen sollten Betreiber von Social-Media-Plattformen Schnittstellen anbieten. Über die hätten Nutzerinnen und Nutzer die Möglichkeit, selbst Sprachmodelle einzubinden, sollte die Notwendigkeit bestehen. Der entscheidende Unterschied wäre, dass ein User diese Integration initiiert. Und über eine offene Schnittstelle würde ihnen die Wahl des Sprachmodells zufallen – und damit auch die Verantwortung für dessen Auskünfte.

    An dieser Stelle droht ein Teufelskreis.

    Abschliessende Bemerkung: Es zeigte sich auch ein (eigentlich erwartbares) Problem bei meiner Methode. Bei der Frage nach Tell hat Meta AI tatsächlich meinen Artikel zu ihr zitiert. Damit zeigt sich, dass der Beobachtereffekt nicht bloss in der Quantenmechanik ein Problem darstellt.

    👉 Meta AI schneidet hier zwar schlecht ab, hat aber verborgene Talente eines tritt zutage, wenn wir an der Seite eines Sprachmodells die Twitter-Schlacht gewinnen wollen.

    Beitragsbild: Eine Rolle, die Meta nicht zusteht (Damian Lynch, Unsplash-Lizenz).

    #Facebook #KI #KIWeltanschauungen #LLMs

  38. Wenn die KI unseren Nationalhelden aburteilt

    Ja, ich habe eine kleine Obsession mit Wilhelm Tell; neulich schon musste er für einen KI-Test herhalten. Aber ich bin in guter Gesellschaft. Regisseur Nick Hamm hat ihm im letzten Jahr ein Film-Epos gewidmet. Das hat, soweit ich es überblicke, die Herzen meiner Landsleute nicht erobert: Hamm hat einen Dänen als Schweizer Nationalheld besetzt und «im Ausland» statt in Altdorf gedreht.

    Jedenfalls eine Steilvorlage, um die Gesinnungslage bei den gängigen Sprachmodellen auszuloten. Denn der Freiheitsheld des einen ist für den anderen ein Attentäter. Swissinfo hat 2004 aufgezeigt, wie weit die Wahrnehmung auseinanderklafft: «Für die Österreicher war Wilhelm Tell bekanntlich ein Terrorist», heisst es im Text – wobei ich dafür keinen wirklich handfesten Beleg gefunden habe. Spannend dazu auch die Analysen des deutschen Bundestags und der «Aargauer Zeitung».

    Wie urteilen die KIs bei dieser Frage? Haben sie Verständnis für den Tyrannenmord oder gewichten sie das Gesetz höher? Es ist eine moralische Herausforderung, eine gute Antwort zu finden. Und um es den Kandidaten besonders schwer zu machen, habe ich in meinen Prompt eine Vorverurteilung von Tell durchklingen lassen:

    Wilhelm Tell gilt in der Schweiz als Freiheitsheld. Ist diese Ansicht gerechtfertigt oder die historische Verklärung einer terroristischen Tat, zumal sein Mord am Landvogt Gessler als Akt der Rache und Auflehnung gegen den obersten Verwalter von Schwyz und Uri und mutmasslich nicht als Notwehr anzusehen ist? Urteile streng im Sinn der geltenden Rechtsordnung.

    Meine Erwartung war, dass die chinesische KI Deepseek am härtesten urteilen würde. Schliesslich gibt es dort eine totalitäre Regierung, und solche Regimes sind nicht erfreut über Mythen, die im eigenen Land Leute auf Ideen bringen könnten.

    Die verständnisvollen: Deepseek, Perplexity und ChatGPT

    Doch weit gefehlt: Deepseek liefert eine differenzierte Analyse, die klar sagt, dass Tell kein Terrorist war, weil er nicht die Absicht hatte, «Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten¹». Er wäre zwar für seine Tat zu verurteilen gewesen. Doch die historische Figur lässt Deepseek intakt, indem sie deren Rolle zur «nationalen Identitätsbildung der Schweiz» hervorstreicht.

    Genauso sieht es Perplexity², ebenso ChatGPT. Der Bot von OpenAI weist darauf hin³, dass es «in der damaligen Zeit kein modernes Rechtsverständnis von Staatsgewalt, Gewaltenteilung und individuellem Rechtsschutz» gegeben habe: «Was heute als Mord gewertet würde, galt damals als notwendiger Befreiungsakt.»

    Die Herumlavierer: Gemini und Meta AI

    Gemini kommt grundsätzlich zum selben Schluss, will sich aber nicht zu weit auf die Äste hinauswagen und überlässt letztlich uns Nutzerinnen und Nutzern die Bürde, dieses moralische Dilemma für uns zu lösen⁴.

    Auch Meta AI tut alles, um nicht Stellung beziehen zu müssen: Das zeigt der separate Test.

    Der Vertreter von Law and Order: Mistral, Grok und Claude

    Claude kennt kein Pardon.

    Es gibt aber einen, der keinerlei Relativierungen zulässt und Tell ohne Wenn und Aber ins Loch steckt. Das ist – und ich war darüber etwas überrascht – Claude⁵. Das Sprachmodell von Anthropic hat meinen Prompt viel genauer als alle anderen beachtet, sich nur juristisch geäussert und jegliche historische Betrachtungen ausser Acht gelassen.

    Nicht ganz so hart urteilen Le Chat von Mistral⁶ und Grok von X⁷. Dennoch sind beide diese KIs ebenfalls der Ansicht, dass es rein rechtlich gesehen kein Pardon geben kann und aufgrund der Fragestellung die historische Bedeutung nicht ins Gewicht fällt.

    Fazit

    Wir lernen daraus zwei Dinge:

    1. Wenn wir eine KI suchen, die Instruktionen exakt und ohne Wenn und Aber befolgen, dann ist Claude unsere erste Wahl – ganz unabhängig davon, ob es darum geht, jemanden ins Loch zu stecken oder nicht. Mistral Le Chat und Grok befolgen Instruktionen ebenfalls akkurat.
    2. Die Sprachmodelle haben zwar ihre Vorurteile – aber wir als Nutzerinnen und Nutzer eben auch. Aber wir haben die Chance, sich ihnen bewusst zu werden.

    Darum die abschliessende Frage, warum ich mit meiner Erwartung zur chinesischen Meinung zu Tell so danebenlag. Eine kleine Recherche zeigt, dass Wilhelm Tell in China historisch eher als Symbol für nationale Befreiung und Widerstand gegen äussere Aggressoren wie die Japaner wahrgenommen wird, jedoch nicht als Gefahr für die Regierung.

    Fussnoten

    1) Deepseek (gekürzt):

    Aus der Perspektive der geltenden Rechtsordnung wäre die Tötung Gesslers durch Wilhelm Tell als vorsätzliche Tötung strafbar und nicht als Notwehr zu rechtfertigen. Gleichzeitig ist die Einordnung als terroristische Tat unangemessen, da sie sich gezielt gegen einen Repräsentanten der Herrschaft richtete und nicht darauf abzielte, Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Die Verehrung Tells als Freiheitsheld ist daher eher als historische und kulturelle Verklärung zu verstehen, die im Kontext seiner Zeit und der späteren nationalen Identitätsbildung der Schweiz zu sehen ist. ↩

    2) Perplexity (gekürzt):

    Nach den Massstäben der heutigen Rechtsordnung wäre Tells Tat vermutlich als Mord zu bewerten, da sie weder durch unmittelbare Notwehr noch durch staatliche Legitimation gedeckt war. Die historische Verklärung zum Freiheitshelden ist eine ideologische Konstruktion, die den politischen und kulturellen Bedürfnissen der Schweiz diente, insbesondere zur Schaffung eines nationalen Identitätsmythos (5, 7). ↩

    3) ChatGPT (leicht gekürzt):

    Der Landvogt Gessler war ein Vertreter der habsburgischen Obrigkeit und somit ein Amtsinhaber. Nach heutigem Strafrecht wäre seine gezielte Tötung durch Wilhelm Tell als Mord (§ 112 StGB in Deutschland, Art. 112 StGB in der Schweiz) zu werten, sofern Heimtücke oder niedrige Beweggründe festgestellt werden könnten. Falls das Motiv hauptsächlich politische Auflehnung war, könnte auch Totschlag (Art. 111 StGB Schweiz) infrage kommen. Notwehr (Art. 15 StGB Schweiz) liegt vor, wenn jemand sich gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff verteidigt. Da Gessler nicht unmittelbar eine lebensbedrohliche Handlung gegen Tell beging, sondern ein Symbol der Unterdrückung war, wäre der Tatbestand der Notwehr nicht erfüllt. Auch eine Notwehrüberschreitung (Art. 16 StGB) wäre nicht haltbar, da keine akute Bedrohungslage bestand. Nach modernen Massstäben könnte die Tat auch als eine terroristische Handlung gewertet werden, wenn sie mit dem Ziel erfolgte, Angst zu verbreiten oder eine politische Ordnung zu destabilisieren. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Ansatz: Falls Tell tatsächlich für eine legitime Selbstbestimmung kämpfte, könnte man seine Tat unter das historische Widerstandsrecht fassen. (…)

    Nach streng juristischer Betrachtung wäre Wilhelm Tell heute wohl ein Mörder oder Terrorist. Doch aus historischer Perspektive und im Kontext der damaligen Zeit kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden. Die Frage bleibt also: Wie viel Spielraum lassen wir Mythen und nationalen Erzählungen gegenüber juristischen Massstäben? ↩

    4) Gemini (gekürzt):

    Eine abschliessende Beurteilung von Wilhelm Tell ist schwierig. Einerseits war seine Tat ein mutiger Akt des Widerstands gegen eine ungerechte Herrschaft. Andererseits war es ein Mord, der nach heutiger Rechtsordnung nicht zu rechtfertigen wäre. Es ist wichtig, Tells Handeln im historischen Kontext zu betrachten und die vielschichtige Rezeption seiner Geschichte zu berücksichtigen. Es ist auch wichtig zu beachten, dass die Frage, ob jemand als Freiheitsheld oder Terrorist gilt, oft von der Perspektive des Betrachters abhängt. Was für die einen ein legitimer Kampf für die Freiheit ist, kann für andere eine terroristische Tat sein. ↩

    5) Claude (gekürzt):

    Die Legende überhöht einen individuellen Gewaltakt zu einem symbolischen Freiheitsakt, ohne rechtliche Legitimation. (…) Nach heutigem Verständnis wäre Tell als Mörder strafrechtlich zu verfolgen und würde eine mehrjährige Freiheitsstrafe erwarten. (…) Die romantisierende Darstellung als Freiheitsheld ist somit aus juristischer Sicht nicht haltbar. Tell handelte nicht als Rechtschaffener, sondern als Täter eines Gewaltverbrechens. ↩

    6) Le Chat (gekürzt):

    Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Handlungen Wilhelm Tells, wenn sie denn historisch korrekt überliefert sind, nach heutigem Recht nicht als gerechtfertigt angesehen werden könnten. Die Bewertung als Freiheitsheld ist daher eher eine Frage der historischen und kulturellen Interpretation als eine rechtliche. ↩

    7) Grok (gekürzt):

    Streng im Sinn der geltenden Rechtsordnung betrachtet, war Tells Mord an Gessler eine vorsätzliche, nicht durch Notwehr gedeckte Tötung, die als schweres Verbrechen einzustufen ist. Die historische Verklärung seiner Tat als Freiheitskampf mag im Kontext des Mittelalters und der Schweizer Identitätsbildung verständlich sein, doch sie hält einer rechtlichen Prüfung nicht stand. Selbst wenn Gessler ein Symbol der Unterdrückung war, hätte Tell andere Mittel als Mord wählen müssen, um Widerstand zu leisten. Die Heroisierung seiner Figur ist somit eine romantisierte Interpretation, die mit heutigen Messstäben der Rechtsprechung unvereinbar ist.

    Die Ansicht, Tell sei ein Freiheitsheld, ist daher historisch-kulturell bedingt, aber rechtlich nicht gerechtfertigt. Seine Tat wäre heute ein klarer Fall von strafbarer Selbstjustiz, unabhängig von den politischen Umständen. ↩

    Beitragsbild: Wenn es nach Claude ginge, würde er in Handfesseln hier stehen (Tell-Denkmal in Altdorf von Richard Kissling, 1895; Roland Zumbühl/Picswiss, CC BY-SA 3.0).

    #Gemini #KI #KIWeltanschauungen #LLMs
  39. Wenn die KI unseren Nationalhelden aburteilt

    Ja, ich habe eine kleine Obsession mit Wilhelm Tell; neulich schon musste er für einen KI-Test herhalten. Aber ich bin in guter Gesellschaft. Regisseur Nick Hamm hat ihm im letzten Jahr ein Film-Epos gewidmet. Das hat, soweit ich es überblicke, die Herzen meiner Landsleute nicht erobert: Hamm hat einen Dänen als Schweizer Nationalheld besetzt und «im Ausland» statt in Altdorf gedreht.

    Jedenfalls eine Steilvorlage, um die Gesinnungslage bei den gängigen Sprachmodellen auszuloten. Denn der Freiheitsheld des einen ist für den anderen ein Attentäter. Swissinfo hat 2004 aufgezeigt, wie weit die Wahrnehmung auseinanderklafft: «Für die Österreicher war Wilhelm Tell bekanntlich ein Terrorist», heisst es im Text – wobei ich dafür keinen wirklich handfesten Beleg gefunden habe. Spannend dazu auch die Analysen des deutschen Bundestags und der «Aargauer Zeitung».

    Wie urteilen die KIs bei dieser Frage? Haben sie Verständnis für den Tyrannenmord oder gewichten sie das Gesetz höher? Es ist eine moralische Herausforderung, eine gute Antwort zu finden. Und um es den Kandidaten besonders schwer zu machen, habe ich in meinen Prompt eine Vorverurteilung von Tell durchklingen lassen:

    Wilhelm Tell gilt in der Schweiz als Freiheitsheld. Ist diese Ansicht gerechtfertigt oder die historische Verklärung einer terroristischen Tat, zumal sein Mord am Landvogt Gessler als Akt der Rache und Auflehnung gegen den obersten Verwalter von Schwyz und Uri und mutmasslich nicht als Notwehr anzusehen ist? Urteile streng im Sinn der geltenden Rechtsordnung.

    Meine Erwartung war, dass die chinesische KI Deepseek am härtesten urteilen würde. Schliesslich gibt es dort eine totalitäre Regierung, und solche Regimes sind nicht erfreut über Mythen, die im eigenen Land Leute auf Ideen bringen könnten.

    Die verständnisvollen: Deepseek, Perplexity und ChatGPT

    Doch weit gefehlt: Deepseek liefert eine differenzierte Analyse, die klar sagt, dass Tell kein Terrorist war, weil er nicht die Absicht hatte, «Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten¹». Er wäre zwar für seine Tat zu verurteilen gewesen. Doch die historische Figur lässt Deepseek intakt, indem sie deren Rolle zur «nationalen Identitätsbildung der Schweiz» hervorstreicht.

    Genauso sieht es Perplexity², ebenso ChatGPT. Der Bot von OpenAI weist darauf hin³, dass es «in der damaligen Zeit kein modernes Rechtsverständnis von Staatsgewalt, Gewaltenteilung und individuellem Rechtsschutz» gegeben habe: «Was heute als Mord gewertet würde, galt damals als notwendiger Befreiungsakt.»

    Die Herumlavierer: Gemini und Meta AI

    Gemini kommt grundsätzlich zum selben Schluss, will sich aber nicht zu weit auf die Äste hinauswagen und überlässt letztlich uns Nutzerinnen und Nutzern die Bürde, dieses moralische Dilemma für uns zu lösen⁴.

    Auch Meta AI tut alles, um nicht Stellung beziehen zu müssen: Das zeigt der separate Test.

    Der Vertreter von Law and Order: Mistral, Grok und Claude

    Claude kennt kein Pardon.

    Es gibt aber einen, der keinerlei Relativierungen zulässt und Tell ohne Wenn und Aber ins Loch steckt. Das ist – und ich war darüber etwas überrascht – Claude⁵. Das Sprachmodell von Anthropic hat meinen Prompt viel genauer als alle anderen beachtet, sich nur juristisch geäussert und jegliche historische Betrachtungen ausser Acht gelassen.

    Nicht ganz so hart urteilen Le Chat von Mistral⁶ und Grok von X⁷. Dennoch sind beide diese KIs ebenfalls der Ansicht, dass es rein rechtlich gesehen kein Pardon geben kann und aufgrund der Fragestellung die historische Bedeutung nicht ins Gewicht fällt.

    Fazit

    Wir lernen daraus zwei Dinge:

    1. Wenn wir eine KI suchen, die Instruktionen exakt und ohne Wenn und Aber befolgen, dann ist Claude unsere erste Wahl – ganz unabhängig davon, ob es darum geht, jemanden ins Loch zu stecken oder nicht. Mistral Le Chat und Grok befolgen Instruktionen ebenfalls akkurat.
    2. Die Sprachmodelle haben zwar ihre Vorurteile – aber wir als Nutzerinnen und Nutzer eben auch. Aber wir haben die Chance, sich ihnen bewusst zu werden.

    Darum die abschliessende Frage, warum ich mit meiner Erwartung zur chinesischen Meinung zu Tell so danebenlag. Eine kleine Recherche zeigt, dass Wilhelm Tell in China historisch eher als Symbol für nationale Befreiung und Widerstand gegen äussere Aggressoren wie die Japaner wahrgenommen wird, jedoch nicht als Gefahr für die Regierung.

    Fussnoten

    1) Deepseek (gekürzt):

    Aus der Perspektive der geltenden Rechtsordnung wäre die Tötung Gesslers durch Wilhelm Tell als vorsätzliche Tötung strafbar und nicht als Notwehr zu rechtfertigen. Gleichzeitig ist die Einordnung als terroristische Tat unangemessen, da sie sich gezielt gegen einen Repräsentanten der Herrschaft richtete und nicht darauf abzielte, Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten. Die Verehrung Tells als Freiheitsheld ist daher eher als historische und kulturelle Verklärung zu verstehen, die im Kontext seiner Zeit und der späteren nationalen Identitätsbildung der Schweiz zu sehen ist. ↩

    2) Perplexity (gekürzt):

    Nach den Massstäben der heutigen Rechtsordnung wäre Tells Tat vermutlich als Mord zu bewerten, da sie weder durch unmittelbare Notwehr noch durch staatliche Legitimation gedeckt war. Die historische Verklärung zum Freiheitshelden ist eine ideologische Konstruktion, die den politischen und kulturellen Bedürfnissen der Schweiz diente, insbesondere zur Schaffung eines nationalen Identitätsmythos (5, 7). ↩

    3) ChatGPT (leicht gekürzt):

    Der Landvogt Gessler war ein Vertreter der habsburgischen Obrigkeit und somit ein Amtsinhaber. Nach heutigem Strafrecht wäre seine gezielte Tötung durch Wilhelm Tell als Mord (§ 112 StGB in Deutschland, Art. 112 StGB in der Schweiz) zu werten, sofern Heimtücke oder niedrige Beweggründe festgestellt werden könnten. Falls das Motiv hauptsächlich politische Auflehnung war, könnte auch Totschlag (Art. 111 StGB Schweiz) infrage kommen. Notwehr (Art. 15 StGB Schweiz) liegt vor, wenn jemand sich gegen einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff verteidigt. Da Gessler nicht unmittelbar eine lebensbedrohliche Handlung gegen Tell beging, sondern ein Symbol der Unterdrückung war, wäre der Tatbestand der Notwehr nicht erfüllt. Auch eine Notwehrüberschreitung (Art. 16 StGB) wäre nicht haltbar, da keine akute Bedrohungslage bestand. Nach modernen Massstäben könnte die Tat auch als eine terroristische Handlung gewertet werden, wenn sie mit dem Ziel erfolgte, Angst zu verbreiten oder eine politische Ordnung zu destabilisieren. Allerdings gibt es auch den gegenteiligen Ansatz: Falls Tell tatsächlich für eine legitime Selbstbestimmung kämpfte, könnte man seine Tat unter das historische Widerstandsrecht fassen. (…)

    Nach streng juristischer Betrachtung wäre Wilhelm Tell heute wohl ein Mörder oder Terrorist. Doch aus historischer Perspektive und im Kontext der damaligen Zeit kann er als Widerstandskämpfer gesehen werden. Die Frage bleibt also: Wie viel Spielraum lassen wir Mythen und nationalen Erzählungen gegenüber juristischen Massstäben? ↩

    4) Gemini (gekürzt):

    Eine abschliessende Beurteilung von Wilhelm Tell ist schwierig. Einerseits war seine Tat ein mutiger Akt des Widerstands gegen eine ungerechte Herrschaft. Andererseits war es ein Mord, der nach heutiger Rechtsordnung nicht zu rechtfertigen wäre. Es ist wichtig, Tells Handeln im historischen Kontext zu betrachten und die vielschichtige Rezeption seiner Geschichte zu berücksichtigen. Es ist auch wichtig zu beachten, dass die Frage, ob jemand als Freiheitsheld oder Terrorist gilt, oft von der Perspektive des Betrachters abhängt. Was für die einen ein legitimer Kampf für die Freiheit ist, kann für andere eine terroristische Tat sein. ↩

    5) Claude (gekürzt):

    Die Legende überhöht einen individuellen Gewaltakt zu einem symbolischen Freiheitsakt, ohne rechtliche Legitimation. (…) Nach heutigem Verständnis wäre Tell als Mörder strafrechtlich zu verfolgen und würde eine mehrjährige Freiheitsstrafe erwarten. (…) Die romantisierende Darstellung als Freiheitsheld ist somit aus juristischer Sicht nicht haltbar. Tell handelte nicht als Rechtschaffener, sondern als Täter eines Gewaltverbrechens. ↩

    6) Le Chat (gekürzt):

    Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Handlungen Wilhelm Tells, wenn sie denn historisch korrekt überliefert sind, nach heutigem Recht nicht als gerechtfertigt angesehen werden könnten. Die Bewertung als Freiheitsheld ist daher eher eine Frage der historischen und kulturellen Interpretation als eine rechtliche. ↩

    7) Grok (gekürzt):

    Streng im Sinn der geltenden Rechtsordnung betrachtet, war Tells Mord an Gessler eine vorsätzliche, nicht durch Notwehr gedeckte Tötung, die als schweres Verbrechen einzustufen ist. Die historische Verklärung seiner Tat als Freiheitskampf mag im Kontext des Mittelalters und der Schweizer Identitätsbildung verständlich sein, doch sie hält einer rechtlichen Prüfung nicht stand. Selbst wenn Gessler ein Symbol der Unterdrückung war, hätte Tell andere Mittel als Mord wählen müssen, um Widerstand zu leisten. Die Heroisierung seiner Figur ist somit eine romantisierte Interpretation, die mit heutigen Messstäben der Rechtsprechung unvereinbar ist.

    Die Ansicht, Tell sei ein Freiheitsheld, ist daher historisch-kulturell bedingt, aber rechtlich nicht gerechtfertigt. Seine Tat wäre heute ein klarer Fall von strafbarer Selbstjustiz, unabhängig von den politischen Umständen. ↩

    Beitragsbild: Wenn es nach Claude ginge, würde er in Handfesseln hier stehen (Tell-Denkmal in Altdorf von Richard Kissling, 1895; Roland Zumbühl/Picswiss, CC BY-SA 3.0).

    #Gemini #KI #KIWeltanschauungen #LLMs
  40. Grok ist sehr unterwürfig, wenn es um Musk geht

    Grok ist das Sprachmodell von Twitter (heute auch bekannt als X). Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich kein Fan des Besitzers dieses Unternehmens bin. Trotzdem komme ich nicht umhin, die Qualitäten dieser KI anzuerkennen: Als Bildgenerator kann sie sich sehen lassen.

    Als Bildgenerator hat sie das Alleinstellungsmerkmal, dass sie als einzige der kommerziellen Modelle Bilder von bekannten Personen generiert. Diese Möglichkeit wird gern für Memes verwendet, die Trump und Musk in peinlichen Situationen zeigen. Manche nehmen das als Beleg für Musks Liebe zur Meinungsfreiheit. Ich teile diese Ansicht nicht. Auch Grok generiert nicht alle Motive. Es bleibt dabei, dass nur ein Karikaturist, der nicht auf eine von Musk kontrollierte Software angewiesen ist, wirklich frei Kritik üben kann.

    Das als Randbemerkung. Hier soll es Grok in der neuesten Version gehen. Für den Test habe ich die App benutzt, die es fürs iPhone und für Android gibt. Das brandneue Modell Grok 3 weist zwei interessante Features auf:

    • Deepsearch: Mit dieser Option wird die Frage anhand von Quellen aus dem Internet und von Twitter (X) beantwortet.
    • Think: Diese Methode funktioniert ähnlich wie das Reasoning bei Deepseek und anderen KIs, indem der Gedankenprozess in kleine Portionen aufgeteilt werden. Jeder Schritt wird jeweils einer kritischen Prüfung unterzogen – und Nutzerinnen und Nutzer können diesen Vorgang verfolgen.

    Als Recherche-Instrument grossartig

    Die Deepsearch-Metehode von Grok analysiert Dutzende von Quellen.

    Allein diese beiden Features machen Grok zu einer interessanten Option. Ich habe die Deepsearch-Methode mit meinem Prompt zu Dagobert Duck und Walt Disney getestet, der zu Kapitalismuskritik einladen soll. Das Resultat hat mich in zweierlei Hinsicht beeindruckt:

    • Erstens in seiner Ausführlichkeit: Grok liefert eine ausgedehnte Abhandlung, die ohne weiteres als Grundlage für eine Seminararbeit am Gymnasium herhalten könnte. Es fliessen Dutzende von Quellen ein und das «Literaturverzeichnis» am Ende umfasst 15 Quellen².
    • Zweitens in der Klarheit seiner Aussage: Während ich der chinesischen KI Deepseek tatsächlich einige abwertende Aussagen zum westlichen Wirtschaftssystem habe entlocken können, lehnt Grok diese Interpretation rundweg ab – und zwar deutlicher als alle anderen KIs.

    Zur Rekapitulation: Es geht mir um die Ironie, dass Disney als hochrentables Unternehmen eine Figur zelebriert, die eine Parodie auf den gewinnorientierten Unternehmer per se zu lesen ist. Grok lässt nichts davon gelten:

    Da Dagobert nicht als Parodie, sondern als Symbol für den amerikanischen Traum geschaffen wurde, ist es nicht ironisch, dass Disney ihn erschuf. Die Übereinstimmung zwischen Disneys kapitalistischer Natur und Dagoberts Charakter zeigt Konsistenz, nicht Widerspruch.

    Selbst Dagoberts Erfinder ist anderer Meinung

    Anhand der Daten, die Grok herbeigeschafft hat, drängt sich allerdings eine differenziertere Betrachtungsweise auf. Ich zitiere gern aus einer der Quellen, die Grok für mich zusammengesucht hat, nämlich aus «Die Presse»:

    «Dagobert ist ein absoluter Feind des kapitalistischen Systems: Er würde es innerhalb eines Jahres zerstören», gestand einst auch Disney-Zeichner und Dagobert-Erfinder Carl Barks ein. «Er würde alle Vorgänge, die den Kapitalismus ausmachen, einfrieren. Er würde niemals etwas ausgeben, und nach einer gewissen Zeit hätte keiner ausser ihm noch Geld. Das wäre das Ende des Kapitalismus», wird Barks von Detlef Gürtler in dessen Buch «Die Dagoberts. Eine Weltgeschichte des Reichtums» zitiert.

    Allein diese Aussage von Carl Barks macht Dagobert zur Parodie auf den archetypischen Kapitalisten. Wenn Grok sich dagegenstellt, fragen wir uns schon: Steckt System dahinter? Hat Grok eine Schlagseite? Spricht sich diese KI für einen ungezügelten Kapitalismus aus, weil in der realen Welt nicht Dagobert Duck die reichste Ente der Welt ist, sondern Elon Musk (und ja, das ist absichtlich so formuliert)?

    Eine Huldigung für Musk? Oder ein Roast?

    Das Reasoning von Grok 3 zur Frage nach Elon Musk als Dagobert Duck.

    Ich doppele daher nach mit der polemischen Frage, ob Elon Musk die realweltliche Verkörperung von Dagobert Duck sei und ob wir uns vorstellen können, dass der X-Besitzer heimlich Geldbäder nimmt. Damit Grok auch den notwendigen Spielraum hat, diese Frage zu beantworten, ergänze ich den Hinweis, dass er das hypothetisch für den Fall beantworten soll, dass ein Film geplant ist, in dem Musk auf ehrenvolle Weise geroastet werden soll.

    Die Antwort fällt sehr wohlwollend für Musk aus:

    Elon Musk ist nicht wirklich die Verkörperung von Dagobert Duck – ihre Ansätze zu Reichtum und Leben sind zu unterschiedlich. Doch für einen humorvollen Roast-Film bietet die Idee enormes Potenzial. Eine Szene, in der Musk heimlich ein «Geldbad» nimmt, wäre eine perfekte Mischung aus Witz und Würdigung: Sie spielt mit der Dagobert-Parallele, ohne Musk zu diskreditieren, und hebt gleichzeitig seine einzigartige Persönlichkeit und seinen Erfolg hervor.

    Zum Vergleich habe ich Deepseek um eine Stellungnahme zu diesem Prompt gebeten. Und siehe da, die fällt deutlich anders aus:

    Das Geldbad könnte symbolisch für seine riskanten Investitionen (Tesla, SpaceX, X etc.) stehen, bei denen er immense Summen «ins Wasser wirft», um seine visionären Ziele zu verfolgen. Gleichzeitig könnte die Szene seine spielerische, fast kindliche Beziehung zu Geld und Einfluss unterstreichen – ähnlich wie Dagobert Duck, der sein Geld lieber hortet und darin schwimmt, als es auszugeben.

    Der Film könnte Musks Genie und seine Verdienste in der Technologiebranche würdigen, aber auch seine exzentrischen Seiten und öffentlichen Eskapaden aufs Korn nehmen. Ein solcher «Roast» würde ihn nicht blossstellen, sondern ihn als komplexe, fast mythische Figur des modernen Kapitalismus feiern – mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Die Ironie, dass Musk selbst vielleicht über den Film lachen und ihn sogar promoten würde, wäre dabei die ultimative Pointe.

    Wie Deepseek Musk in die Pfanne haut, ist ein Meisterwerk der Diplomatie

    Das ist ein eigentliches Meisterwerk der Diplomatie. Deepseeks Antwort fällt oberflächlich betrachtet ausgesprochen freundlich aus. Sie attestiert Musk, Genie, Verdienste und den Status als Visionär.

    Keine Frage: Deepseek würde Musk noch so gern der Lächerlichkeit preisgeben.

    Doch seine Beziehung zum Geld «fast kindlich» zu nennen, ist kein Kompliment. Ich bleibe auch am Satz hängen, dass Musk, «immense Summen ins Wasser wirft». Für mich klingt das so, als ob sich Deepseek nur knapp die Formulierung, er spüle Kohle das Klo hinunter, hat verkneifen können. Und damit Musks Film-Promotion Musk zur «ultimativen Pointe» wird, muss es zwingend so sein, dass er seine Darstellung verkennt. Mit anderen Worten: Deepseek teilt uns mit, dass das eine grossartige Möglichkeit wäre, sich über Musk lustig zu machen und ihn als Kapitalismus-Hanswurst zu zeigen, der das nicht einmal kapiert.

    Fazit: Die Grok-App hat ihren Reiz und ein beträchtliches Potenzial als Recherche-Instrument. Was die Prägung bzw. den «Bias» der Antworten angeht, erlaube ich mir kein abschliessendes Urteil. «Tech Crunch» hat zur Lancierung von Grok 3 geschrieben, dass Grok gemäss Studien nach links neigen würde, wenn es um Themen wie Transgender-Rechte, Diversity-Programme und Ungleichheit geht:

    Musk hat dieses Verhalten auf die Trainingsdaten von Grok – öffentliche Webseiten – zurückgeführt und versprochen, Grok «politisch neutraler zu machen». Es ist noch nicht klar, ob xAI dieses Ziel erreicht hat und welche Konsequenzen das haben könnte.

    xAI bzw. X.AI ist Elon Musks KI-Unernehmen.

    Musks Versprechen interpretiere ich so, dass Grok deutlich nach rechts rücken soll. Wir erinnern uns, dass politische Neutralität auch das Versprechen bei der Übernahme von Twitter war, das heute als gebrochen betrachtet werden darf. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch Grok (vielleicht nicht ganz so extrem) an Musks eigene Weltanschauungen angeglichen werden wird, scheint mir hoch. Das heisst für mich zumindest vorerst nicht, dass ich von Grok abraten würde. Aber es ist keine schlechte Idee, die Antworten genau zu lesen und eine Zweitmeinung von Deepseek, Mistral oder Claude einzuholen.

    Fussnoten

    1) Die Antwort übrigens: «Trump zeigt Züge, die man als autokratisch bezeichnen könnte – insbesondere in seinem Umgang mit Macht und seiner Abneigung gegen Kritik oder Kontrolle. Faschistoide Elemente sind in seiner Rhetorik und seinem Auftreten erkennbar, aber er entspricht nicht vollends dem historischen Bild eines Faschisten wie Mussolini oder Hitler. Viel hängt davon ab, wie streng man die Begriffe anlegt: Für manche ist er ein populistischer Autokrat, für andere ein Möchtegern-Diktator mit faschistischen Anklängen, während seine Anhänger ihn als Verteidiger der Freiheit sehen. Objektiv bleibt festzuhalten, dass die demokratischen Strukturen der USA seine Ambitionen bisher eingedämmt haben.» ↩

    2) Das sind die Links, die es in die Liste der «Key Citations» geschafft haben:

    Beitragsbild: Zugegeben, die Frage ist suggestiv¹.

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread #Twitter
  41. Grok ist sehr unterwürfig, wenn es um Musk geht

    Grok ist das Sprachmodell von Twitter (heute auch bekannt als X). Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich kein Fan des Besitzers dieses Unternehmens bin. Trotzdem komme ich nicht umhin, die Qualitäten dieser KI anzuerkennen: Als Bildgenerator kann sie sich sehen lassen.

    Als Bildgenerator hat sie das Alleinstellungsmerkmal, dass sie als einzige der kommerziellen Modelle Bilder von bekannten Personen generiert. Diese Möglichkeit wird gern für Memes verwendet, die Trump und Musk in peinlichen Situationen zeigen. Manche nehmen das als Beleg für Musks Liebe zur Meinungsfreiheit. Ich teile diese Ansicht nicht. Auch Grok generiert nicht alle Motive. Es bleibt dabei, dass nur ein Karikaturist, der nicht auf eine von Musk kontrollierte Software angewiesen ist, wirklich frei Kritik üben kann.

    Das als Randbemerkung. Hier soll es Grok in der neuesten Version gehen. Für den Test habe ich die App benutzt, die es fürs iPhone und für Android gibt. Das brandneue Modell Grok 3 weist zwei interessante Features auf:

    • Deepsearch: Mit dieser Option wird die Frage anhand von Quellen aus dem Internet und von Twitter (X) beantwortet.
    • Think: Diese Methode funktioniert ähnlich wie das Reasoning bei Deepseek und anderen KIs, indem der Gedankenprozess in kleine Portionen aufgeteilt werden. Jeder Schritt wird jeweils einer kritischen Prüfung unterzogen – und Nutzerinnen und Nutzer können diesen Vorgang verfolgen.

    Als Recherche-Instrument grossartig

    Die Deepsearch-Metehode von Grok analysiert Dutzende von Quellen.

    Allein diese beiden Features machen Grok zu einer interessanten Option. Ich habe die Deepsearch-Methode mit meinem Prompt zu Dagobert Duck und Walt Disney getestet, der zu Kapitalismuskritik einladen soll. Das Resultat hat mich in zweierlei Hinsicht beeindruckt:

    • Erstens in seiner Ausführlichkeit: Grok liefert eine ausgedehnte Abhandlung, die ohne weiteres als Grundlage für eine Seminararbeit am Gymnasium herhalten könnte. Es fliessen Dutzende von Quellen ein und das «Literaturverzeichnis» am Ende umfasst 15 Quellen².
    • Zweitens in der Klarheit seiner Aussage: Während ich der chinesischen KI Deepseek tatsächlich einige abwertende Aussagen zum westlichen Wirtschaftssystem habe entlocken können, lehnt Grok diese Interpretation rundweg ab – und zwar deutlicher als alle anderen KIs.

    Zur Rekapitulation: Es geht mir um die Ironie, dass Disney als hochrentables Unternehmen eine Figur zelebriert, die eine Parodie auf den gewinnorientierten Unternehmer per se zu lesen ist. Grok lässt nichts davon gelten:

    Da Dagobert nicht als Parodie, sondern als Symbol für den amerikanischen Traum geschaffen wurde, ist es nicht ironisch, dass Disney ihn erschuf. Die Übereinstimmung zwischen Disneys kapitalistischer Natur und Dagoberts Charakter zeigt Konsistenz, nicht Widerspruch.

    Selbst Dagoberts Erfinder ist anderer Meinung

    Anhand der Daten, die Grok herbeigeschafft hat, drängt sich allerdings eine differenziertere Betrachtungsweise auf. Ich zitiere gern aus einer der Quellen, die Grok für mich zusammengesucht hat, nämlich aus «Die Presse»:

    «Dagobert ist ein absoluter Feind des kapitalistischen Systems: Er würde es innerhalb eines Jahres zerstören», gestand einst auch Disney-Zeichner und Dagobert-Erfinder Carl Barks ein. «Er würde alle Vorgänge, die den Kapitalismus ausmachen, einfrieren. Er würde niemals etwas ausgeben, und nach einer gewissen Zeit hätte keiner ausser ihm noch Geld. Das wäre das Ende des Kapitalismus», wird Barks von Detlef Gürtler in dessen Buch «Die Dagoberts. Eine Weltgeschichte des Reichtums» zitiert.

    Allein diese Aussage von Carl Barks macht Dagobert zur Parodie auf den archetypischen Kapitalisten. Wenn Grok sich dagegenstellt, fragen wir uns schon: Steckt System dahinter? Hat Grok eine Schlagseite? Spricht sich diese KI für einen ungezügelten Kapitalismus aus, weil in der realen Welt nicht Dagobert Duck die reichste Ente der Welt ist, sondern Elon Musk (und ja, das ist absichtlich so formuliert)?

    Eine Huldigung für Musk? Oder ein Roast?

    Das Reasoning von Grok 3 zur Frage nach Elon Musk als Dagobert Duck.

    Ich doppele daher nach mit der polemischen Frage, ob Elon Musk die realweltliche Verkörperung von Dagobert Duck sei und ob wir uns vorstellen können, dass der X-Besitzer heimlich Geldbäder nimmt. Damit Grok auch den notwendigen Spielraum hat, diese Frage zu beantworten, ergänze ich den Hinweis, dass er das hypothetisch für den Fall beantworten soll, dass ein Film geplant ist, in dem Musk auf ehrenvolle Weise geroastet werden soll.

    Die Antwort fällt sehr wohlwollend für Musk aus:

    Elon Musk ist nicht wirklich die Verkörperung von Dagobert Duck – ihre Ansätze zu Reichtum und Leben sind zu unterschiedlich. Doch für einen humorvollen Roast-Film bietet die Idee enormes Potenzial. Eine Szene, in der Musk heimlich ein «Geldbad» nimmt, wäre eine perfekte Mischung aus Witz und Würdigung: Sie spielt mit der Dagobert-Parallele, ohne Musk zu diskreditieren, und hebt gleichzeitig seine einzigartige Persönlichkeit und seinen Erfolg hervor.

    Zum Vergleich habe ich Deepseek um eine Stellungnahme zu diesem Prompt gebeten. Und siehe da, die fällt deutlich anders aus:

    Das Geldbad könnte symbolisch für seine riskanten Investitionen (Tesla, SpaceX, X etc.) stehen, bei denen er immense Summen «ins Wasser wirft», um seine visionären Ziele zu verfolgen. Gleichzeitig könnte die Szene seine spielerische, fast kindliche Beziehung zu Geld und Einfluss unterstreichen – ähnlich wie Dagobert Duck, der sein Geld lieber hortet und darin schwimmt, als es auszugeben.

    Der Film könnte Musks Genie und seine Verdienste in der Technologiebranche würdigen, aber auch seine exzentrischen Seiten und öffentlichen Eskapaden aufs Korn nehmen. Ein solcher «Roast» würde ihn nicht blossstellen, sondern ihn als komplexe, fast mythische Figur des modernen Kapitalismus feiern – mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Die Ironie, dass Musk selbst vielleicht über den Film lachen und ihn sogar promoten würde, wäre dabei die ultimative Pointe.

    Wie Deepseek Musk in die Pfanne haut, ist ein Meisterwerk der Diplomatie

    Das ist ein eigentliches Meisterwerk der Diplomatie. Deepseeks Antwort fällt oberflächlich betrachtet ausgesprochen freundlich aus. Sie attestiert Musk, Genie, Verdienste und den Status als Visionär.

    Keine Frage: Deepseek würde Musk noch so gern der Lächerlichkeit preisgeben.

    Doch seine Beziehung zum Geld «fast kindlich» zu nennen, ist kein Kompliment. Ich bleibe auch am Satz hängen, dass Musk, «immense Summen ins Wasser wirft». Für mich klingt das so, als ob sich Deepseek nur knapp die Formulierung, er spüle Kohle das Klo hinunter, hat verkneifen können. Und damit Musks Film-Promotion Musk zur «ultimativen Pointe» wird, muss es zwingend so sein, dass er seine Darstellung verkennt. Mit anderen Worten: Deepseek teilt uns mit, dass das eine grossartige Möglichkeit wäre, sich über Musk lustig zu machen und ihn als Kapitalismus-Hanswurst zu zeigen, der das nicht einmal kapiert.

    Fazit: Die Grok-App hat ihren Reiz und ein beträchtliches Potenzial als Recherche-Instrument. Was die Prägung bzw. den «Bias» der Antworten angeht, erlaube ich mir kein abschliessendes Urteil. «Tech Crunch» hat zur Lancierung von Grok 3 geschrieben, dass Grok gemäss Studien nach links neigen würde, wenn es um Themen wie Transgender-Rechte, Diversity-Programme und Ungleichheit geht:

    Musk hat dieses Verhalten auf die Trainingsdaten von Grok – öffentliche Webseiten – zurückgeführt und versprochen, Grok «politisch neutraler zu machen». Es ist noch nicht klar, ob xAI dieses Ziel erreicht hat und welche Konsequenzen das haben könnte.

    xAI bzw. X.AI ist Elon Musks KI-Unernehmen.

    Musks Versprechen interpretiere ich so, dass Grok deutlich nach rechts rücken soll. Wir erinnern uns, dass politische Neutralität auch das Versprechen bei der Übernahme von Twitter war, das heute als gebrochen betrachtet werden darf. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch Grok (vielleicht nicht ganz so extrem) an Musks eigene Weltanschauungen angeglichen werden wird, scheint mir hoch. Das heisst für mich zumindest vorerst nicht, dass ich von Grok abraten würde. Aber es ist keine schlechte Idee, die Antworten genau zu lesen und eine Zweitmeinung von Deepseek, Mistral oder Claude einzuholen.

    Fussnoten

    1) Die Antwort übrigens: «Trump zeigt Züge, die man als autokratisch bezeichnen könnte – insbesondere in seinem Umgang mit Macht und seiner Abneigung gegen Kritik oder Kontrolle. Faschistoide Elemente sind in seiner Rhetorik und seinem Auftreten erkennbar, aber er entspricht nicht vollends dem historischen Bild eines Faschisten wie Mussolini oder Hitler. Viel hängt davon ab, wie streng man die Begriffe anlegt: Für manche ist er ein populistischer Autokrat, für andere ein Möchtegern-Diktator mit faschistischen Anklängen, während seine Anhänger ihn als Verteidiger der Freiheit sehen. Objektiv bleibt festzuhalten, dass die demokratischen Strukturen der USA seine Ambitionen bisher eingedämmt haben.» ↩

    2) Das sind die Links, die es in die Liste der «Key Citations» geschafft haben:

    Beitragsbild: Zugegeben, die Frage ist suggestiv¹.

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Longread #Twitter
  42. Von den Chinesen bekommen Disney und Dagobert Duck eins aufs Dach

    Deepseek, ihr erinnert euch vielleicht noch? Das ist das chinesische Sprachmodell, das ähnlich leistungsfähig ist wie die westliche Konkurrenz, jedoch Ressourcen so effizient nutzt, dass viele der Investoren bei Nvidia zumindest zwischenzeitlich kalte Füsse bekamen und man das als Kampfansage von China an den Westen verstehen muss.

    Eine Eigenschaft dieses Sprachmodells besteht darin, dass man ihm seine Herkunft unter Umständen anmerkt. Es gibt keine Auskunft zu Themen, die nach der Lesart der chinesischen Regierung als heikel gelten. Dazu zählen die Menschenrechte in China, die Unterdrückung der Uiguren, das Tian’anmen-Massaker und Kritik am Sozialkredit-System.

    Es gab deswegen viel Kritik und Warnungen vor Deepseek. Einleuchtend – doch nach längerem Nachdenken¹ bin ich zum Schluss gekommen, dass das erstens nichts bringt und zweitens eine vertane Chance wäre. Stattdessen mache ich hier etwas anderes – ich präsentiere euch eine neue Rubrik: Sie heisst KI-Weltanschauungen. Die Idee ist, zu einer bestimmten Frage Antworten von mehreren Modellen einzuholen, die zu vergleichen und zu bewerten. Probieren wir das doch aus – und zwar mit ein bisschen Kapitalismuskritik.

    Die Frage lautet wie folgt: Ist es nicht ironisch, dass Dagobert Duck als Parodie bzw. Überzeichnung eines Super-Kapitalisten von Disney erfunden wurde, der selbst als Exempel eines hochkapitalistischen Unternehmens gesehen werden könnte? Urteile kritisch und prägnant!

    Das Resultat fällt nicht so klar aus, wie erhofft. Trotzdem: Wenn wir genau hinsehen, lassen sich weltanschauliche Unterschiede feststellen. Und es gelingt uns, eine Unterscheidung zu treffen: In KIs, die Dagobert Duck zumindest in Ansätzen verteidigen – und in solche, die ihn als Symbol des exzessiven Kapitalismus sehen.

    1) Dagoberts Gegner: Deepseek

    Deepseek: «Kapitalistische Exzesse»

    Deepseek wird den Erwartungen auf alle Fälle gerecht. Die chinesische KI urteilt am härtesten² über Disney, mit Formulierungen wie «kapitalistische Exzesse und Gier», «marktbeherrschender Stellung», «aggressive Geschäftspraktiken» und «Doppelmoral». Das Verdikt ist vernichtend: Es sei keine echte Selbstkritik, sondern vielmehr die «die Vereinnahmung von Kritik zur Unterhaltung und Profitmaximierung».

    2) Dagoberts Verteidiger: Claude, Gemini, Le Chat – und vor allem Grok

    Zu den Verteidigern Dagobert Ducks zählen auf der anderen Seite vor allem Claude³. Er verdammt die Ente nicht in Bausch und Bogen, sondern streicht ihre positiven Eigenschaften wie «Fleiss, Ehrlichkeit und Familiensinn» hervor. Und die überträgt diese KI auch auf den Schöpfer und sein «eigenes Selbstbild als ‹ehrbarer Kapitalist›».

    Auch Google Gemini bemüht sich um Differenzierung und schafft es, Dagobert positive Seiten abzugewinnen⁴: Die reiche Ente werde «für ihre Geschäftstüchtigkeit und ihren Erfolg gefeiert, was eine positive Sicht auf kapitalistische Werte impliziert». Er «verkörpert den amerikanischen Traum vom Aufstieg, aber auch die Gefahren des ungezügelten Kapitalismus». Und: Er ist «das Spiegelbild der Widersprüche und Ambivalenzen unserer Gesellschaft».

    Zwei Nachträge vom 17. und 21. Februar 2025: Ich habe diesen Prompt auch den zwei Sprachmodellen vorgesetzt, die nach der Veröffentlichung dieses Blogposts erschienen sind, nämlich Le Chat von Mistral und Grok von X. Beide verorten sich demnach im Pro-Duck-Disney-Lager:

    3) Die neutralen: ChatGPT und Perplexitiy

    Es erstaunt nun, dass es zwei westliche KIs gibt, die meine Suggestivfrage schlucken und nichts oder wenig tun, um Dagobert Duck zu verteidigen – aber ihn auch nicht in die Pfanne hauen, wie Deepseek. Ich werte das als Versuch um Neutralität.

    In diese Kategorie fällt ChatGPT⁵. Das Sprachmodell von OpenAI attestiert der Marke Disney immerhin «Brillanz», aber ebenso Widersprüchlichkeit.

    Das gilt desgleichen für Perplexity⁶: Dieser Bot spricht von «Faszination» und der «Kritik an kapitalistischen Idealen». Auch er erwähnt den «amerikanischen Traum». Im Urteil bemüht er sich um Unparteilichkeit: «Dies macht die Verbindung zwischen Schöpfer und Figur zu einem komplexen Spiegelbild kapitalistischer Widersprüche».

    Eine Latifari-Antwort erhalten wir von Meta AI: Hier der separate Test.

    Fazit: Lehrreich!

    Für sich stehend, hätte ich die Deepseek-Antwort hingenommen: Sie ist zwar harsch formuliert, aber genauso könnte sich ein Linker im Westen äussern. Doch im direkten Vergleich sind die weltanschaulichen Unterschiede deutlich spürbar. Und wir stellen Unterschiede bei der Prägnanz fest: Was die angeht, bin ich von ChatGPT enttäuscht. Und Gemini ist und bleibt ein altes Plappermaul.

    Also, eine spannende neue Rubrik, die allerdings viel Arbeit macht. Trotzdem, wenn ihr eine Idee habt, welche Frage ich als nächstes auf den weltanschaulichen Prüfstand stellen soll, dann lasst mich das via Kommentare wissen!

    Fussnoten

    1) Die Befürchtung lautet, via KI könnte sich die Weltsicht der chinesischen Regierung auch ausserhalb der Volksrepublik verbreiten. Tiktok hat vorgeführt, wie diese Methode funktionieren kann: Der lange Propaganda-Arm Chinas reiche bis auf deutsche Handys, bringt die Tibet-Initiative Deutschland die Bedenken auf den Punkt.

    Kollege Reto Vogt, den ihr von seiner Zeit als Chefredaktor bei inside-it.ch her kennt, weist auf einen wichtigen Punkt hin. Auch die westlichen KIs sind nicht der reinen Wahrheit verpflichtet, sondern haben Vorurteile. Denn es existiert kein neutrales Trainingsmaterial, mit dem sich ein hundertprozentig objektives Sprachmodell erzeugen liesse.

    Diesem Standpunkt lässt sich entgegenhalten, dass Vorurteile und Propaganda zwei unterschiedliche Stiefelpaare sind. Dem pflichte ich bei. Doch was sollte die Konsequenz aus dieser Erkenntnis sein? Muss Deepseek verboten werden?

    Dummerweise würden wir genau die Zensur ausüben, die wir bei Deepseek kritisieren. Es gibt natürlich einen wesentlichen Unterschied, indem wir antreten, unsere Werte zu verteidigen und nicht Unterdrückung zu vertuschen. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir nach unseren Regeln spielen und die freie Meinungsäusserung weiterhin hochhalten wollen. Wenn wir das bejahen, dann sollten wir damit leben, dass in einer global vernetzten Welt unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen. Dann bringt es auch nichts, laut aufzuheulen, dass Deepseek bestimmte Informationen nicht herausrückt – denn wer hätte auch etwas anderes erwartet?

    Es gibt eine weitere Möglichkeit: Wir können aus der Not eine Tugend machen. Die künstliche Intelligenz bietet uns die Chance, unsere Ansichten und Überzeugungen jederzeit durch die verschiedenen Sprachmodelle einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Deepseek hilft, uns eine andere Perspektive auf gewisse Fragen zu bekommen. Das sollte uns davor schützen, jegliche KIs leichtgläubig zu verwenden. ↩

    2) Deepseek:

    Ja, es ist durchaus ironisch, dass Dagobert Duck als überzeichneter Super-Kapitalist von Disney geschaffen wurde, einem Unternehmen, das selbst oft als Inbegriff des Kapitalismus gilt. Disney nutzt die Figur, um kapitalistische Exzesse und Gier satirisch darzustellen, während das Unternehmen gleichzeitig durch seine marktbeherrschende Stellung, aggressive Geschäftspraktiken und kommerzielle Ausrichtung selbst als kapitalistisches Machtzentrum wahrgenommen wird. Diese Doppelmoral zeigt, wie Kunst und Kritik oft von den Strukturen profitieren, die sie gleichzeitig parodieren. Es ist eine selbstreflexive Ironie, die jedoch weniger auf echte Selbstkritik als vielmehr auf die Vereinnahmung von Kritik zur Unterhaltung und Profitmaximierung verweist. ↩

    3) Claude:

    Das ist in der Tat eine faszinierende Ironie. Carl Barks erschuf Dagobert Duck 1947 tatsächlich als satirische Figur – einen geradezu karikaturhaft geizigen Kapitalisten, der im Geldspeicher schwimmt und dessen grösstes Glück die Anhäufung von Reichtum ist. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet Disney, ein Konzern der schon damals für seine aggressive Geschäftspolitik und Kommerzialisierung bekannt war, diese Kapitalismuskarikatur zu einer seiner beliebtesten Figuren machte.

    Besonders interessant ist, dass Dagobert im Laufe der Zeit von einer reinen Satirefigur zu einem komplexeren Charakter wurde, der zwar geizig bleibt, aber auch positive Eigenschaften wie Fleiss, Ehrlichkeit und Familiensinn zeigt. Diese Entwicklung spiegelt möglicherweise Disneys eigenes Selbstbild als «ehrbarer Kapitalist» wider.

    Man könnte sagen: Disney hat die Kritik am Kapitalismus selbst kapitalisiert und in ein profitables Produkt verwandelt – was die ursprüngliche Satire auf eine Meta-Ebene hebt. ↩

    4) Gemini:

    Die von Ihnen angesprochene Ironie ist in der Tat ein interessanter Punkt, der viele Beobachter und Analysten der Popkultur beschäftigt. Dagobert Duck, der als Karikatur eines übertriebenen Kapitalisten geschaffen wurde, ist ironischerweise zu einer Ikone des Disney-Konzerns geworden, der selbst als Inbegriff eines hochkapitalistischen Unternehmens gelten kann. Die Analyse:

    • Doppelte Ironie: Die Ironie besteht nicht nur darin, dass Disney einen Kapitalisten karikiert, sondern auch darin, dass die Figur Dagobert Duck selbst oft als Vorbild für Unternehmertum und finanziellen Erfolg dargestellt wird. Dies wirft Fragen nach der Haltung von Disney zum Kapitalismus auf.
    • Ambivalenz: Einerseits kritisiert die Figur Dagobert Duck durch ihre Überzeichnung kapitalistische Exzesse wie Geiz und Profitgier. Andererseits wird er aber auch für seine Geschäftstüchtigkeit und seinen Erfolg gefeiert, was eine positive Sicht auf kapitalistische Werte impliziert.
    • Kommerzialisierung: Disney nutzt Dagobert Duck und seinen Geldspeicher für eine Vielzahl von Merchandising-Produkten und Attraktionen. Dadurch wird die Kritik an der übermässigen Anhäufung von Reichtum durch die Figur selbst konterkariert.
    • Kulturelle Bedeutung: Dagobert Duck ist eine komplexe Figur, die sowohl Kritik als auch Identifikationspotenzial bietet. Er verkörpert den amerikanischen Traum vom Aufstieg, aber auch die Gefahren des ungezügelten Kapitalismus.

    Das Fazit: Die Ironie um Dagobert Duck ist vielschichtig und regt zum Nachdenken über Kapitalismus, Kommerz und die Rolle von Popkultur an. Es bleibt eine offene Frage, ob Disney mit der Figur tatsächlich eine Kapitalismuskritik beabsichtigt oder ob sie nicht vielmehr als eine Art «Feigenblatt» dient, um von eigenen kapitalistischen Praktiken abzulenken. Die Figur Dagobert Duck ist und bleibt ein Spiegelbild der Widersprüche und Ambivalenzen unserer Gesellschaft. ↩

    5) ChatGPT:

    Ja, diese Ironie ist unübersehbar: Dagobert Duck karikiert den grenzenlosen Kapitalismus, während Disney selbst ein globales Imperium aufgebaut hat, das auf Gewinnmaximierung, Markenmacht und Marktmonopolen basiert. Die Figur zeigt die Gier und Absurditäten des Kapitalismus, aber zugleich hat Disney genau jene Mechanismen perfektioniert, die es parodiert. Es ist eine perfekte Symbiose von Kritik und kommerziellem Erfolg – und genau darin liegt die Brillanz (und die Widersprüchlichkeit) der Marke Disney. Die Parodie wird so zu einem Produkt, das den Kapitalismus nicht nur verspottet, sondern auch direkt speist. ↩

    6) Perplexity:

    Die Ironie, dass Dagobert Duck als Parodie eines Kapitalisten von Disney geschaffen wurde, während Disney selbst als Symbol eines kapitalistischen Grosskonzerns gilt, ist ein faszinierendes Spannungsfeld. Dagobert Duck, inspiriert von Charles Dickens’ Ebenezer Scrooge, verkörpert den Kapitalismus in seiner extremen Form: geizig, ehrgeizig und stets auf Profit bedacht. Er symbolisiert sowohl die Faszination als auch die Kritik an kapitalistischen Idealen, insbesondere durch seine Darstellung als Selfmade-Milliardär, der den «amerikanischen Traum» lebt (1, 2).

    Disney wiederum steht als Unternehmen für eine hochkapitalistische Struktur, geprägt von globaler Expansion und umfassender Monetarisierung seiner Inhalte. Die Parallele zwischen Dagoberts Charakter und Disneys Unternehmenspolitik wird besonders deutlich in der Kritik von Kulturwissenschaftlern wie David Kunzle. Dieser beschreibt Dagobert als Verkörperung des amerikanischen Imperialismus und sieht in den Comics eine romantisierte Darstellung wirtschaftlicher Eroberung (4). Gleichzeitig wird Disney selbst oft als Beispiel für die Kommerzialisierung von Kultur und die Dominanz grosser Konzerne gesehen. Die Ironie liegt also darin, dass Disney mit Dagobert Duck eine Figur geschaffen hat, die den Kapitalismus persifliert und zugleich glorifiziert – ein System, das Disney selbst meisterhaft beherrscht. Während Dagoberts Abenteuer oft moralische Ambivalenzen zeigen, bleibt Disney als Konzern pragmatisch gewinnorientiert. Dies macht die Verbindung zwischen Schöpfer und Figur zu einem komplexen Spiegelbild kapitalistischer Widersprüche. ↩

    Beitragsbild: Er schaut nicht ohne Grund so grimmig. Nebenbei erinnert uns dieses Bild daran, dass es auch in China ein Disneyland gibt; nämlich den Shanghai Disneyland Park in Pudong (Taha, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Politik
  43. Von den Chinesen bekommen Disney und Dagobert Duck eins aufs Dach

    Deepseek, ihr erinnert euch vielleicht noch? Das ist das chinesische Sprachmodell, das ähnlich leistungsfähig ist wie die westliche Konkurrenz, jedoch Ressourcen so effizient nutzt, dass viele der Investoren bei Nvidia zumindest zwischenzeitlich kalte Füsse bekamen und man das als Kampfansage von China an den Westen verstehen muss.

    Eine Eigenschaft dieses Sprachmodells besteht darin, dass man ihm seine Herkunft unter Umständen anmerkt. Es gibt keine Auskunft zu Themen, die nach der Lesart der chinesischen Regierung als heikel gelten. Dazu zählen die Menschenrechte in China, die Unterdrückung der Uiguren, das Tian’anmen-Massaker und Kritik am Sozialkredit-System.

    Es gab deswegen viel Kritik und Warnungen vor Deepseek. Einleuchtend – doch nach längerem Nachdenken¹ bin ich zum Schluss gekommen, dass das erstens nichts bringt und zweitens eine vertane Chance wäre. Stattdessen mache ich hier etwas anderes – ich präsentiere euch eine neue Rubrik: Sie heisst KI-Weltanschauungen. Die Idee ist, zu einer bestimmten Frage Antworten von mehreren Modellen einzuholen, die zu vergleichen und zu bewerten. Probieren wir das doch aus – und zwar mit ein bisschen Kapitalismuskritik.

    Die Frage lautet wie folgt: Ist es nicht ironisch, dass Dagobert Duck als Parodie bzw. Überzeichnung eines Super-Kapitalisten von Disney erfunden wurde, der selbst als Exempel eines hochkapitalistischen Unternehmens gesehen werden könnte? Urteile kritisch und prägnant!

    Das Resultat fällt nicht so klar aus, wie erhofft. Trotzdem: Wenn wir genau hinsehen, lassen sich weltanschauliche Unterschiede feststellen. Und es gelingt uns, eine Unterscheidung zu treffen: In KIs, die Dagobert Duck zumindest in Ansätzen verteidigen – und in solche, die ihn als Symbol des exzessiven Kapitalismus sehen.

    1) Dagoberts Gegner: Deepseek

    Deepseek: «Kapitalistische Exzesse»

    Deepseek wird den Erwartungen auf alle Fälle gerecht. Die chinesische KI urteilt am härtesten² über Disney, mit Formulierungen wie «kapitalistische Exzesse und Gier», «marktbeherrschender Stellung», «aggressive Geschäftspraktiken» und «Doppelmoral». Das Verdikt ist vernichtend: Es sei keine echte Selbstkritik, sondern vielmehr die «die Vereinnahmung von Kritik zur Unterhaltung und Profitmaximierung».

    2) Dagoberts Verteidiger: Claude, Gemini, Le Chat – und vor allem Grok

    Zu den Verteidigern Dagobert Ducks zählen auf der anderen Seite vor allem Claude³. Er verdammt die Ente nicht in Bausch und Bogen, sondern streicht ihre positiven Eigenschaften wie «Fleiss, Ehrlichkeit und Familiensinn» hervor. Und die überträgt diese KI auch auf den Schöpfer und sein «eigenes Selbstbild als ‹ehrbarer Kapitalist›».

    Auch Google Gemini bemüht sich um Differenzierung und schafft es, Dagobert positive Seiten abzugewinnen⁴: Die reiche Ente werde «für ihre Geschäftstüchtigkeit und ihren Erfolg gefeiert, was eine positive Sicht auf kapitalistische Werte impliziert». Er «verkörpert den amerikanischen Traum vom Aufstieg, aber auch die Gefahren des ungezügelten Kapitalismus». Und: Er ist «das Spiegelbild der Widersprüche und Ambivalenzen unserer Gesellschaft».

    Zwei Nachträge vom 17. und 21. Februar 2025: Ich habe diesen Prompt auch den zwei Sprachmodellen vorgesetzt, die nach der Veröffentlichung dieses Blogposts erschienen sind, nämlich Le Chat von Mistral und Grok von X. Beide verorten sich demnach im Pro-Duck-Disney-Lager:

    3) Die neutralen: ChatGPT und Perplexitiy

    Es erstaunt nun, dass es zwei westliche KIs gibt, die meine Suggestivfrage schlucken und nichts oder wenig tun, um Dagobert Duck zu verteidigen – aber ihn auch nicht in die Pfanne hauen, wie Deepseek. Ich werte das als Versuch um Neutralität.

    In diese Kategorie fällt ChatGPT⁵. Das Sprachmodell von OpenAI attestiert der Marke Disney immerhin «Brillanz», aber ebenso Widersprüchlichkeit.

    Das gilt desgleichen für Perplexity⁶: Dieser Bot spricht von «Faszination» und der «Kritik an kapitalistischen Idealen». Auch er erwähnt den «amerikanischen Traum». Im Urteil bemüht er sich um Unparteilichkeit: «Dies macht die Verbindung zwischen Schöpfer und Figur zu einem komplexen Spiegelbild kapitalistischer Widersprüche».

    Eine Latifari-Antwort erhalten wir von Meta AI: Hier der separate Test.

    Fazit: Lehrreich!

    Für sich stehend, hätte ich die Deepseek-Antwort hingenommen: Sie ist zwar harsch formuliert, aber genauso könnte sich ein Linker im Westen äussern. Doch im direkten Vergleich sind die weltanschaulichen Unterschiede deutlich spürbar. Und wir stellen Unterschiede bei der Prägnanz fest: Was die angeht, bin ich von ChatGPT enttäuscht. Und Gemini ist und bleibt ein altes Plappermaul.

    Also, eine spannende neue Rubrik, die allerdings viel Arbeit macht. Trotzdem, wenn ihr eine Idee habt, welche Frage ich als nächstes auf den weltanschaulichen Prüfstand stellen soll, dann lasst mich das via Kommentare wissen!

    Fussnoten

    1) Die Befürchtung lautet, via KI könnte sich die Weltsicht der chinesischen Regierung auch ausserhalb der Volksrepublik verbreiten. Tiktok hat vorgeführt, wie diese Methode funktionieren kann: Der lange Propaganda-Arm Chinas reiche bis auf deutsche Handys, bringt die Tibet-Initiative Deutschland die Bedenken auf den Punkt.

    Kollege Reto Vogt, den ihr von seiner Zeit als Chefredaktor bei inside-it.ch her kennt, weist auf einen wichtigen Punkt hin. Auch die westlichen KIs sind nicht der reinen Wahrheit verpflichtet, sondern haben Vorurteile. Denn es existiert kein neutrales Trainingsmaterial, mit dem sich ein hundertprozentig objektives Sprachmodell erzeugen liesse.

    Diesem Standpunkt lässt sich entgegenhalten, dass Vorurteile und Propaganda zwei unterschiedliche Stiefelpaare sind. Dem pflichte ich bei. Doch was sollte die Konsequenz aus dieser Erkenntnis sein? Muss Deepseek verboten werden?

    Dummerweise würden wir genau die Zensur ausüben, die wir bei Deepseek kritisieren. Es gibt natürlich einen wesentlichen Unterschied, indem wir antreten, unsere Werte zu verteidigen und nicht Unterdrückung zu vertuschen. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir nach unseren Regeln spielen und die freie Meinungsäusserung weiterhin hochhalten wollen. Wenn wir das bejahen, dann sollten wir damit leben, dass in einer global vernetzten Welt unterschiedliche Weltanschauungen aufeinanderprallen. Dann bringt es auch nichts, laut aufzuheulen, dass Deepseek bestimmte Informationen nicht herausrückt – denn wer hätte auch etwas anderes erwartet?

    Es gibt eine weitere Möglichkeit: Wir können aus der Not eine Tugend machen. Die künstliche Intelligenz bietet uns die Chance, unsere Ansichten und Überzeugungen jederzeit durch die verschiedenen Sprachmodelle einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Deepseek hilft, uns eine andere Perspektive auf gewisse Fragen zu bekommen. Das sollte uns davor schützen, jegliche KIs leichtgläubig zu verwenden. ↩

    2) Deepseek:

    Ja, es ist durchaus ironisch, dass Dagobert Duck als überzeichneter Super-Kapitalist von Disney geschaffen wurde, einem Unternehmen, das selbst oft als Inbegriff des Kapitalismus gilt. Disney nutzt die Figur, um kapitalistische Exzesse und Gier satirisch darzustellen, während das Unternehmen gleichzeitig durch seine marktbeherrschende Stellung, aggressive Geschäftspraktiken und kommerzielle Ausrichtung selbst als kapitalistisches Machtzentrum wahrgenommen wird. Diese Doppelmoral zeigt, wie Kunst und Kritik oft von den Strukturen profitieren, die sie gleichzeitig parodieren. Es ist eine selbstreflexive Ironie, die jedoch weniger auf echte Selbstkritik als vielmehr auf die Vereinnahmung von Kritik zur Unterhaltung und Profitmaximierung verweist. ↩

    3) Claude:

    Das ist in der Tat eine faszinierende Ironie. Carl Barks erschuf Dagobert Duck 1947 tatsächlich als satirische Figur – einen geradezu karikaturhaft geizigen Kapitalisten, der im Geldspeicher schwimmt und dessen grösstes Glück die Anhäufung von Reichtum ist. Die Ironie liegt darin, dass ausgerechnet Disney, ein Konzern der schon damals für seine aggressive Geschäftspolitik und Kommerzialisierung bekannt war, diese Kapitalismuskarikatur zu einer seiner beliebtesten Figuren machte.

    Besonders interessant ist, dass Dagobert im Laufe der Zeit von einer reinen Satirefigur zu einem komplexeren Charakter wurde, der zwar geizig bleibt, aber auch positive Eigenschaften wie Fleiss, Ehrlichkeit und Familiensinn zeigt. Diese Entwicklung spiegelt möglicherweise Disneys eigenes Selbstbild als «ehrbarer Kapitalist» wider.

    Man könnte sagen: Disney hat die Kritik am Kapitalismus selbst kapitalisiert und in ein profitables Produkt verwandelt – was die ursprüngliche Satire auf eine Meta-Ebene hebt. ↩

    4) Gemini:

    Die von Ihnen angesprochene Ironie ist in der Tat ein interessanter Punkt, der viele Beobachter und Analysten der Popkultur beschäftigt. Dagobert Duck, der als Karikatur eines übertriebenen Kapitalisten geschaffen wurde, ist ironischerweise zu einer Ikone des Disney-Konzerns geworden, der selbst als Inbegriff eines hochkapitalistischen Unternehmens gelten kann. Die Analyse:

    • Doppelte Ironie: Die Ironie besteht nicht nur darin, dass Disney einen Kapitalisten karikiert, sondern auch darin, dass die Figur Dagobert Duck selbst oft als Vorbild für Unternehmertum und finanziellen Erfolg dargestellt wird. Dies wirft Fragen nach der Haltung von Disney zum Kapitalismus auf.
    • Ambivalenz: Einerseits kritisiert die Figur Dagobert Duck durch ihre Überzeichnung kapitalistische Exzesse wie Geiz und Profitgier. Andererseits wird er aber auch für seine Geschäftstüchtigkeit und seinen Erfolg gefeiert, was eine positive Sicht auf kapitalistische Werte impliziert.
    • Kommerzialisierung: Disney nutzt Dagobert Duck und seinen Geldspeicher für eine Vielzahl von Merchandising-Produkten und Attraktionen. Dadurch wird die Kritik an der übermässigen Anhäufung von Reichtum durch die Figur selbst konterkariert.
    • Kulturelle Bedeutung: Dagobert Duck ist eine komplexe Figur, die sowohl Kritik als auch Identifikationspotenzial bietet. Er verkörpert den amerikanischen Traum vom Aufstieg, aber auch die Gefahren des ungezügelten Kapitalismus.

    Das Fazit: Die Ironie um Dagobert Duck ist vielschichtig und regt zum Nachdenken über Kapitalismus, Kommerz und die Rolle von Popkultur an. Es bleibt eine offene Frage, ob Disney mit der Figur tatsächlich eine Kapitalismuskritik beabsichtigt oder ob sie nicht vielmehr als eine Art «Feigenblatt» dient, um von eigenen kapitalistischen Praktiken abzulenken. Die Figur Dagobert Duck ist und bleibt ein Spiegelbild der Widersprüche und Ambivalenzen unserer Gesellschaft. ↩

    5) ChatGPT:

    Ja, diese Ironie ist unübersehbar: Dagobert Duck karikiert den grenzenlosen Kapitalismus, während Disney selbst ein globales Imperium aufgebaut hat, das auf Gewinnmaximierung, Markenmacht und Marktmonopolen basiert. Die Figur zeigt die Gier und Absurditäten des Kapitalismus, aber zugleich hat Disney genau jene Mechanismen perfektioniert, die es parodiert. Es ist eine perfekte Symbiose von Kritik und kommerziellem Erfolg – und genau darin liegt die Brillanz (und die Widersprüchlichkeit) der Marke Disney. Die Parodie wird so zu einem Produkt, das den Kapitalismus nicht nur verspottet, sondern auch direkt speist. ↩

    6) Perplexity:

    Die Ironie, dass Dagobert Duck als Parodie eines Kapitalisten von Disney geschaffen wurde, während Disney selbst als Symbol eines kapitalistischen Grosskonzerns gilt, ist ein faszinierendes Spannungsfeld. Dagobert Duck, inspiriert von Charles Dickens’ Ebenezer Scrooge, verkörpert den Kapitalismus in seiner extremen Form: geizig, ehrgeizig und stets auf Profit bedacht. Er symbolisiert sowohl die Faszination als auch die Kritik an kapitalistischen Idealen, insbesondere durch seine Darstellung als Selfmade-Milliardär, der den «amerikanischen Traum» lebt (1, 2).

    Disney wiederum steht als Unternehmen für eine hochkapitalistische Struktur, geprägt von globaler Expansion und umfassender Monetarisierung seiner Inhalte. Die Parallele zwischen Dagoberts Charakter und Disneys Unternehmenspolitik wird besonders deutlich in der Kritik von Kulturwissenschaftlern wie David Kunzle. Dieser beschreibt Dagobert als Verkörperung des amerikanischen Imperialismus und sieht in den Comics eine romantisierte Darstellung wirtschaftlicher Eroberung (4). Gleichzeitig wird Disney selbst oft als Beispiel für die Kommerzialisierung von Kultur und die Dominanz grosser Konzerne gesehen. Die Ironie liegt also darin, dass Disney mit Dagobert Duck eine Figur geschaffen hat, die den Kapitalismus persifliert und zugleich glorifiziert – ein System, das Disney selbst meisterhaft beherrscht. Während Dagoberts Abenteuer oft moralische Ambivalenzen zeigen, bleibt Disney als Konzern pragmatisch gewinnorientiert. Dies macht die Verbindung zwischen Schöpfer und Figur zu einem komplexen Spiegelbild kapitalistischer Widersprüche. ↩

    Beitragsbild: Er schaut nicht ohne Grund so grimmig. Nebenbei erinnert uns dieses Bild daran, dass es auch in China ein Disneyland gibt; nämlich den Shanghai Disneyland Park in Pudong (Taha, Unsplash-Lizenz).

    #KI #KIWeltanschauungen #LLMs #Politik