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#wochenkommentar — Public Fediverse posts

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  1. Ist das KI oder kann das weg?

    Wie steht es um den AI Slop? Ihr wisst schon, das ist der KI-generierte Müll, dem man 2025 in den sozialen Medien kaum entrinnen konnte.

    Mein Eindruck ist, dass die Flut der künstlich generierten Bilder in meinen Social-Media-Kanälen zurückging. Dummerweise lässt sich daraus keine allgemeingültige Aussage ableiten, weil uns ein algorithmischer Feed keine repräsentative Abbildung der Geschehnisse in den sozialen Medien zeigt. Wir kriegen das präsentiert, von dem die Plattform glaubt, dass wir es sehen wollen. Sollte es mir also nicht gelungen sein, meine Abneigung gegen den Slop zu verheimlichen, hält Facebook ihn heute von mir fern.

    Unbestreitbar ist hingegen, dass eine Gegenbewegung existiert. Die Slop-Gegnerinnen und -Gegner gründeten zwar keine Partei und lancierten (bislang) keine Volksinitiative gegen undeklarierte KI-Veröffentlichungen. Aber sie leisten Protest auf eine einfache und gerade deshalb erstaunlich wirksame Weise.

    Ein neues, geflügeltes Wort

    Sie tun das, indem sie die lakonische Frage «Ist das KI?» («Is this AI?») zu einem geflügelten Wort erhoben. Es wird routinemässig als Kommentar unter Beiträge in den sozialen Medien gesetzt.

    Ein selbst hergestelltes Beispiel für das Thema, um das es hier geht. (Schuld an diesem Produkt hier trägt ChatGPT.)

    Viele verwenden die stehende Wendung gerade auch dann, wenn etwas offensichtlich keine KI ist. Und siehe da: Dann wirkt die Botschaft umso stärker. Es demonstriert, wie der Slop unsere Wahrnehmung der Realität untergräbt und dazu führt, dass wir medial quasi erblinden. Wenn wir auch bei Aufnahmen aus der richtigen Welt das KI-Gefühl nicht mehr abschütteln können, dann katapultiert uns das zurück in eine Zeit, in der wir die Welt fast ausschliesslich durch unsere eigenen Augen erlebten. Damals gab es grob gerasterte Schwarzweissbilder in der Zeitung und ein paar unscharfe Aufnahmen in der «Tagesschau». Heute strömt eine unaufhörliche Bilderflut auf uns ein. Doch mit zunehmender Slop-Durchsetzung verwandelt die sich selbst in eine irre, irreale Fieberfantasie.

    «Guten Morgen, liebe Bratwurstpatrioten!»

    Die neue Spielart der Slop-Satire

    Das findet vermutlich nicht einmal Mark Zuckerberg toll. Darum bin ich Mitte 2026 ein µ optimistischer als vor einem halben Jahr. Es gibt nämlich weitere Protestformen der Slop-Gegner. Eine besonders originelle würde ich Slop-Satire nennen.

    Bei der werden die Mittel der Deepfakes auf so überdrehte Weise angewandt, dass sie sich selbst ad absurdum führen. Die BBC sammelte vor ein paar Wochen Beispiele, darunter den (hier im Blog bereits vorgestellten) Twitter-Account Insane AI Slop. Zu nennen wären überdies Italian brainrot mit Figuren wie Ballerina Cappuccina, Lirili Larila und Bombardiro Crocodilo – allein schon die Namen sind grossartig.

    Ein tolles Beispiel ist schliesslich leonie_22_deutsch_ bei Threads. Der Account legt es offensichtlich darauf an, AfD-Wähler zu trollen. Der Slop ist bei dieser Aktion ein integraler Bestandteil, und er lässt keine Wünsche offen – wie hier mit den zwei Möpsen. Bemerkenswert ist, dass die meisten Leute den Braten riechen. Doch zumindest bei zwei reagierenden Personen besteht der Verdacht, dass sie Leonie für echt halten.

    Er meint vermutlich die beiden Hunde.Er lässt sich vielleicht sogar absichtlich versloppen.

    Kurzer Aufruf an dieser Stelle: Ich möchte weitere Beispiele sammeln. Falls euch ein exquisiter satirischer Slop-Einsatz auffällt, dann bitte ich um eine Meldung. Es wäre toll, wenn sich daraus ein Listlicle für die Zeitung ergäbe.

    Ein Funken Genialität in all dem Unsinn

    Ist das der Moment, an dem wir aufhören können, uns über die gefälschten KI-Bilder Sorgen zu machen? Eine Autorin von «MIT Technology Review» beschrieb seine Einsicht, es handle sich um eine «neue Art von Popkultur», deretwegen er sich nicht gräme:

    Manche [der Clips] wiesen im Unsinn sogar einen verborgenen Funken Genialität auf. (Some even had a grain of brilliance buried in the nonsense.)

    Man kann und darf ein falsches Dilemma vermuten. Es ist vermutlich beides wahr: Es gibt ihn, den schädlichen KI-Schrott – und gleichzeitig sind einige der scheinbaren Slop-Kreationen doppelbödig wie Leonie mit ihren beiden Möpsen. Aber eines ist inzwischen klar: Die Freundinnen und Freunde der KI-unverfälschten Realität werden sich nicht kampflos geschlagen geben. Und was die Kreativität angeht, sind sie den Sloppern um Läääängen voraus.

    #DerOnlineShitDerWoche #Facebook #SozialeMedien #Wochenkommentar
  2. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  3. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  4. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  5. Es gibt kein Entrinnen vor Google und Microsoft

    KI-Antworten statt klassischer Suchresultate: Ist das ein Grund, Google zu boykottieren? Selbstverständlich ist das eine persönliche Entscheidung, auch wenn es triftige Gründe für eine Neuorientierung gibt. Als Reaktion auf meine Ausführungen zum Thema gab es eine interessante Reaktion auf Mastodon: Es bringe nichts, auf Bing oder Duck Duck Go umzusteigen, weil man damit – ich paraphrasiere – den Teufel mit dem Beelzebub austreibe.

    Denn in der Tat: Viele der kleinen Suchmaschinen sind nur vermeintlich eine Alternative zum Marktführer. Denn sie funktionieren nicht eigenständig, sondern greifen ebenfalls auf den Google-Index zu. Ein Phänomen, das wir von den Browsern kennen. Die meisten Drittprogramme basieren wie Chrome auf dem von Google entwickelten Open-Source-Browser Chromium: Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave, Comet und Arc, um nur einige zu nennen.

    Die Abhängigkeiten werden komplizierter, aber kaum kleiner

    Das heisst: Leute, die sich einem dieser Produkte zuwenden, um ihre Unabhängigkeit von Google zu verringern, verfehlen ihr Ziel. Zwar bestimmt ein zwischengeschaltetes Unternehmen den Funktionsumfang des Programms. Doch die Marschrichtung wählt noch immer Google. Das zeigt sich bei weitreichenden Eingriffen wie beispielsweise den Schnittstellen, die den Browser-Erweiterungen zur Verfügung stehen.

    Zwischenbemerkung: Allein deswegen ist es bedauerlich, dass Richter Amit Mehta am Bezirksgericht des Districts of Columbia Google neulich nicht zwang, Chrome und Android zu verkaufen.

    Die interessante Frage ist an diesem Punkt: Wie viel Google handeln wir uns bei der Verwendung einer bestimmten alternativen Suchmaschine ein? Das ist nicht einfach zu bestimmen, da die Betreiber kein Interesse haben, das offenzulegen. Diese Information passt schlecht zum Bemühen, sich als Auswahlmöglichkeit zu präsentieren.

    Bing dominiert bei den Google-Alternativen

    Bei der besagten Diskussion auf Mastodon machte mich Raoul René auf einen interessanten Blogpost aufmerksam: Er schlüsselt auf, welcher Index bei den jeweiligen Suchanbietern zum Zug kommt.

    Der Blogpost erwähnt, dass die russische Suchmaschine Yandex teilweise Resultate für Duck Duck Go geliefert habe, diese Zusammenarbeit derzeit jedoch auf Eis liege. Und ergänzt sei, dass die gern empfohlene Suchmaschine Kagi.com zwar eigene Crawler verwendet, aber auf Bing nicht verzichten kann.

    Wir fragen uns an dieser Stelle bang, ob es kein Entrinnen vor Google und Microsoft gibt. Und in der Tat, scheint das unglücklicherweise so zu sein:

    Mojeek betreibt einen eigenen Idex

    Es gibt zwar Anbieter, die eigene Indizes betreiben. Doch die können kaum mit den ganz Grossen mithalten. Als echte, unabhängige Alternativen dürfen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – diese Suchmaschinen gelten:

    Gut zu wissen – aber wir müssten sehr hart gesotten sein, um uns zuzutrauen, mit diesen vier Rechercheinstrumenten über die Runden zu kommen. Sollten wir uns entscheiden wollen, nichts mehr mit Big Tech zu tun haben zu wollen, dann hätten wir allerdings gar keine andere Wahl.

    Bleibt nur, zum Aussteiger zu werden?

    Wir kommen zur Einsicht, dass uns das moderne Leben nicht erlaubt, alle unsere Überzeugungen konsequent durchzusetzen: nie mehr fliegen, nur noch vegan oder gar frutan essen, CO₂-neutral wohnen und Konsum rein nach Kriterien der Nachhaltigkeit, Fairness und Umweltverträglichkeit – dieser Aussteiger-Lifestyle ist unvereinbar mit einem normalen Erwerbs- und Sozialleben. Wir kommen um eine pragmatische Haltung nicht herum. Das heisst: Keine komplette Abnabelung von Microsoft und Google, aber eine Reduktion, mit der wir den Schutz unserer persönlichen Daten merklich verbessern und unsere Abhängigkeit bewusst verringern. Schon das ist gut für uns selbst und ein Zeichen gegen die digitale Monokultur.

    Beitragsbild: Das ist nicht übertrieben (ev, Unsplash-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #Googologie #Suchmaschine #Wochenkommentar

  6. Apple und Google als Komplizen von ICE

    Fast wie Pokémon Go – bloss ist es eben kein Spiel, sondern blutiger Ernst: Es geht um die Warn-Apps, mit denen sich Immigranten darüber informieren können, ob in ihrer Umgebung ICE-Agenten aktiv sind. Denn wie wir wissen, geht die Einwanderungsbehörde nicht zimperlich vor. Sie greift Menschen auf, die optisch ins Raster passen – der Vorwurf des Racial Profilings steht im Raum – und sie zieht Einsätze radikal durch, selbst wenn Familien und kleine Kinder betroffen sind.

    John Oliver legte die Situation vor einem Monat in seiner Sendung dar und liess nichts an Klarheit zu wünschen übrig: ICE stehe unter Druck, Quoten zu erfüllen. Die Behörde konzentriere sich auf Menschen, die in der Öffentlichkeit exponiert seien, und weniger auf Kriminelle, die man erst aufspüren müsse. Sie nehme «Kollateralschäden» in Kauf, und um jemanden festzuhalten, benötige sie keinen hinreichenden, sondern bloss einen Verdacht (reasonable suspicion). Fazit von John Oliver:

    Ich sage nicht, dass alles, was ICE derzeit tut, illegal ist. Ich sage nur, dass vieles davon wirklich illegal sein sollte.

    [youtube youtube.com/watch?v=DfTBhrkae7]

    Damit steht ausser Frage, dass die Benutzung einer solchen App ein Akt der Selbstverteidigung ist.

    Wer ist das Opfer, wer der Täter?

    Doch letzte Woche wurde bekannt, dass Apple die App ICE Block aus dem Store verbannt hat. Gemäss Medienberichten begründete Apple das gegenüber dem Entwickler Joshua Aaron mit den Worten, ICE Block verletze in Bezug auf «anstössige und verleumderische, diskriminierende oder böswillige Inhalte» die App-Store-Richtlinien:

    «Informationen, die Apple von Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt wurden, zeigen, dass Ihre App gegen die App-Store-Richtlinien verstösst, da ihr Zweck darin besteht, Standortinformationen über Strafverfolgungsbeamte bereitzustellen, die dazu verwendet werden können, diesen Beamten einzeln oder als Gruppe Schaden zuzufügen.»

    Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass Apple die Tatsachen verdreht – ausser, wenn man den «Schaden» so interpretieren möchte, dass die Warn-App dazu führt, dass ICE die Quote weniger leicht erfüllt. Joshua Aaron spart auf seiner Website nicht mit Kritik an Apple:

    Ich bin unglaublich enttäuscht von Apple. Sich einem autoritären Regime zu beugen, ist niemals der richtige Schritt. (…) ICE Block unterscheidet sich nicht von Crowdsourcing-Blitzerwarnungen, die jede namhafte Kartenanwendung, einschliesslich der Apple-eigenen Karten-App, als Teil ihrer Kerndienste implementiert. Dies ist durch das Recht auf freie Meinungsäusserung gemäss dem ersten Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten geschützt.

    Google zeigt ebensowenig Rückgrat. Der Android-Konzern entfernte vor einer Woche die App Red Dot aus dem Play Store. Wie «404 Media» darlegt, ist die Täter-Opfer-Umkehr noch krasser als bei Apple. Google praktiziert das orwellsche Kunststück, die ICE-Beamten «als gefährdete Gruppe» («vulnerable Group») zu apostrophieren.

    Apple löscht auch eine Dokumentations-App

    Das Icon der Eyes-Up-App.

    Vorgestern wurde publik, dass auch die App Eyes Up aus Apples Store weichen musste (bei Google ist sie noch vorhanden). Sie archiviert Videos der ICE-Einsätze, die auf Tiktok, Instagram und in sozialen Medien kursieren. Die Betreiber prüfen sämtliche Einsendungen auf Relevanz und Richtigkeit. An der Rechtmässigkeit dieser App ist nicht zu zweifeln. Das American Immigration Council setzt sich für faire Einwanderungsgesetze ein, und Aaron Reichlin-Melnick erklärt als Senior Fellow im Namen der Organisation:

    Wie jede andere Regierungsbehörde ist auch das DHS verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten. Die Sammlung von Videobeweisen ist ein wirksames Kontrollinstrument. Es stellt sicher, dass die Regierung die Rechte von Bürgern und Einwanderern gleichermassen achtet. Die Menschen haben das Recht, Interaktionen mit Strafverfolgungsbehörden im öffentlichen Raum zu filmen und diese Videos mit anderen zu teilen.

    Die Entfernung dieser App aus dem Store lässt sich nicht mit dem Schutz der ICE-Agenten begründen. Im Gegenteil: Die Dokumentierung ihrer Arbeit schützt die Agenten – natürlich vorausgesetzt, dass sie sich rechtskonform verhalten. Wenn das Sammeln solcher Videos von vornherein unterbunden werden soll, dann nährt das den Verdacht, dass systematisch Dinge geschehen, die von der Öffentlichkeit geheimgehalten werden sollen. Wenn Apple dazu Hand bietet, dann begibt man sich in Komplizenschaft mit einer staatlichen Organisation, die nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürger handelt.

    «Die Lösung finden, die Nutzern am besten dient»

    Zwei Feststellungen:

    Erstens muss es möglich sein, auch ohne Billigung der Betriebssystem-Hersteller Software aufs Smartphone zu bringen. Wir brauchen dringend Ausweich-App-Stores – und zwar nicht nur in der EU, sondern weltweit.

    Zweitens ist es unvermeidlich, das Offensichtliche konkret zu benennen. Die Heuchelei der Tech-Konzerne ist zwar nicht sonderlich überraschend, aber dennoch beschämend.

    Im Mai 2025 bekennt sich Apple – inklusive Leitwort von Tim Cook – zu den Menschenrechten.

    Auf Apples Website findet sich das «Bekenntnis zu den Menschenrechten» (PDF). Es stammt aus dem Mai 2025. Tim Cook steuerte ein Zitat bei und der Konzern proklamiert, er wolle die UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte hochhalten. Drei Kernsätze aus dieser Zielsetzung:

    • Hand in Hand mit dem Datenschutz unserer Nutzer geht unser Engagement für Informations- und Meinungsfreiheit.
    • Apples Seele sind die Menschen. Deshalb verpflichten wir uns, die Menschenrechte aller zu achten, deren Leben wir berühren – einschliesslich unserer Mitarbeiter, Lieferanten, Auftragnehmer und Kunden.
    • Wir sind verpflichtet, die lokalen Gesetze einzuhalten. Manchmal gibt es komplexe Fragen, bei denen wir mit Regierungen und anderen Interessengruppen unterschiedlicher Meinung darüber sind, wie der richtige Weg vorwärts aussieht. Durch Dialog und den Glauben an die Kraft des Engagements versuchen wir, die Lösung zu finden, die unseren Nutzern am besten dient – ihrer Privatsphäre, ihrer Möglichkeit, sich auszudrücken, und ihrem Zugang zu zuverlässigen Informationen und hilfreicher Technologie.

    Doch wo ist im Fall der ICE-Apps der Dialog und die «Kraft des Engagements»? Oder sind das doch nur hohle Worte?

    #AppStores #Apple #Googologie #Politik #Wochenkommentar
  7. Eine Nebelpetarde von Mozilla

    Mozilla bewegt sich auf einer Gratwanderung zwischen alten Idealen und der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Ein Ansatzpunkt ist das eigene Werbenetzwerk, das viele kritisch sehen. Es gibt Bedenken, dass sich das nicht mit dem bisherigen Versprechen vereinbaren lässt, die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer hochzuhalten.

    Die Verunsicherung geht tief; zumindest bei den aktiven Usern der Firefox-Gruppe in Reddit, die ich regelmässig besuche: Dort wurde letzte Woche auf einen Tweet verwiesen, der eine bemerkenswerte Änderung im Datenschutz-FAQ dokumentiert. Die Frage «Verkauft Firefox deine persönlichen Daten?» ist zusammen mit der Antwort «Nein, niemals, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. (…) Das ist ein Versprechen.» verschwunden.

    Alles nur ein Missverständnis?

    Nicht nur das. Die neuen Nutzungsbestimmungen von Ende Februar implizierten, dass man die Inhalte, die bei Firefox eingegeben werden, an Mozilla lizenziere. Das klingt unglaublich übergriffig, doch ich hatte schnell den Verdacht, dass es sich um das alte Missverständnis im Zusammenhang mit solchen Nutzungsbestimmungen handelt: Die Unternehmen fordern das Recht ein, mit den Nutzerdaten in den Softwareprogrammen zu arbeiten, was im Juristensprech so klingt, als ob sie sich die gleich komplett aneignen würden.

    Ein «ewiges» Versprechen löst sich in Luft auf.

    Mozilla hat zwei Tage später Klarheit geschaffen, und in den Nutzungsbestimmungen steht jetzt klar, dass Mozilla durch die Akzeptierung der Nutzungsbestimmungen «keinerlei Eigentumsrechte an den Inhalten» der User erwirbt. Hätte man die Verwirrung nicht voraussehen müssen? Wir Nutzerinnen und Nutzer müssen bei derlei Änderungen genau hinschauen; das haben uns frühere Fälle bei Instagram oder auch Adobe gelehrt.

    Schuld sind die Kalifornier

    Die Änderungen im Datenschutz-FAQ will Mozilla nicht zurücknehmen; das Versprechen, niemals Daten zu verkaufen, ist endgültig passé. Und das ist die Begründung:

    Der Grund dafür, dass wir von der pauschalen Behauptung «Wir verkaufen niemals Ihre Daten» Abstand genommen haben, liegt darin, dass die rechtliche Definition des «Verkaufs von Daten» an einigen Stellen weit gefasst ist und sich weiterentwickelt. Das kalifornische Verbraucherschutzgesetz (CCPA) beispielsweise definiert «Verkauf» als «Verkauf, Vermietung, Freigabe, Offenlegung, Verbreitung, Zurverfügungstellung, Übertragung oder anderweitige mündliche, schriftliche, elektronische oder sonstige Übermittlung der persönlichen Daten eines Verbrauchers durch [ein] Unternehmen an ein anderes Unternehmen oder einen Dritten» im Austausch gegen «Geld»oder «andere wertvolle Gegenleistungen».

    In den Datenschutzbestimmungen gibt es nun folgende Passage:

    Mozilla verkauft keine dich betreffenden Daten (wie sich es die meisten Leute vorstellen, wenn es um «Datenverkauf» geht), und wir kaufen keine Daten über dich. Da wir transparent sein möchten und die rechtliche Definition von «Datenverkauf» an einigen Stellen sehr ungenau ist, mussten wir davon Abstand nehmen, die absoluten Aussagen zu treffen, die ihr alle von uns kennt und liebt. Wir arbeiten immer noch intensiv daran, dass die Daten, die wir an unsere Partner weitergeben (und das müssen wir, um Firefox kommerziell tragfähig zu halten), von identifizierenden Informationen bereinigt oder ausschliesslich aggregiert weitergegeben wird oder unsere Datenschutztechnologien durchläuft (wie OHTTP).

    Was soll ich als Firefox-User davon halten?

    Ich mag Mozilla noch immer und ich habe Verständnis dafür, dass die Stiftung juristisch auf der sicheren Seite sein möchte. Trotzdem empfinde ich das als Nebelpetarde: Wenn keine Daten an Dritte weitergegeben werden, müsste man sich auch nicht an der Definition des Wortes Verkauf abarbeiten. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Mozilla es zwar nicht so nennen möchte, aber letztlich kein Weg daran vorbeiführt.

    Firefox in die Wüste schicken?

    Es gibt bereits den Aufruf, Firefox den Rücken zu kehren (z.B. auf Youtube). Doch sogleich stellt sich die Frage, welchen Browser Datenschutz-affine Leute stattdessen nutzen sollten. Chrome wird es wohl nicht sein.

    Eine Empfehlung, die ich in letzter Zeit oft gehört habe, ist Librewolf: Das ist eine Abspaltung von Firefox, die es seit vier Jahren gibt. Sie liefert die aktuelle Firefox-Version, bei der, salopp gesprochen, alles Störende entfernt wurde: Mozillas Telemetrie fehlt, dafür ist der Werbeblocker uBlock Origin von Haus aus mit dabei und die Standard-Einstellungen werden in Hinblick auf den Datenschutz getroffen.

    Librewolf als Ausweg?

    Eröffnet Librewolf einen Ausweg aus dem Dilemma? Nein, wenn wir der Analyse von Sören Hentzschel glauben wollen, der sich ausgezeichnet mit der Materie auskennt. Er hat einiges zu bemängeln, u.a., dass es auf der Projektwebsite nicht einmal ein Impressum gibt und dass Librewolf sich nicht automatisch aktualisiert. Es gibt einen Versuch, dieses gravierende Manko auszuräumen. Trotzdem ist es unbestreitbar, dass eine Fork – von denen noch viele weitere existieren – zwar spezifische Probleme adressieren, aber die Abhängigkeit vom Ursprungsprojekt nicht entscheidend verringern.

    Es bleibt darum nur eines: Firefox in kritischer Distanz verbunden zu bleiben, zu beobachten, wie sich Mozilla entwickelt und den Finger auf jeden wunden Punkt zu legen, sobald er sichtbar wird.

    Beitragsbild: Der Durchblick ist erschwert (Jiarong Deng, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Datenschutz #Firefox #Juristerei #Wochenkommentar

  8. Die Zeit ist reif für Bluesky

    Diese Woche bringt einen unerwarteten Moment der Hoffnung. Eine regelrechte Aufbruchstimmung: weg von Twitter, hin zu Bluesky. Und plötzlich steht eine Frage im Raum: Ist der Moment gekommen, dass wir alle nicht nur noch bei Twitter (X) ausharren, weil beim Konkurrenten einfach noch etwas zu wenig los ist?

    Noch letzte Woche fühlte ich mich extrem genervt über die Menschenfeindlichkeit auf Elon Musks Plattform, die wegen Elon Musks neuer Rolle in Donald Trumps Regierung noch schwerer zu ertragen ist als vorher. Trotzdem empfand ich Bluesky nicht als vollwertigen Ersatz: Wie im Sommer konstatiert, gab es dort bislang nicht die inhaltliche Vielfalt und die Diversität, die an Twitter so grossartig gewesen war.

    Hat der Horrorautor oder die Bundesrätin diese Dynamik ausgelöst?

    Und dann, am Wochenende, ging es los: Ich konnte die Bluesky-App überhaupt nicht mehr öffnen, ohne dass mir neue Follower gemeldet wurden – ich komme noch immer kaum dazu, das zu würdigen und zurückzufolgen; Entschuldigung dafür!

    Hat Stephen King diese Dynamik mit seinem Abgang ausgelöst? War es Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, die mit ihrem Wechsel zu Instagram die die Initialzündung für viele unglückliche Twitter-User lieferte? Ich weiss es natürlich nicht, vermute aber, dass langjähriger Unmut über den Kurs Twitters unter Musk und die jüngsten politischen Implikationen bei manchen den Entscheid die Entscheidung so weit haben reifen lassen, dass ein kleiner Impuls wie ein wechselwilliger Promi Grund genug waren, Elon Musk selbst den Rücken zu kehren.

    Die Twitter-Bubble läuft in Scharen über

    Dass es Twitter-Veteranen sind, die jetzt zu Bluesky strömen, scheint mir eindeutig: Viele Namen der Bluesky-Nutzerinnen und -Nutzer, die sich neu mit mir vernetzen, kenne ich von Twitter her. Der Exodus ist real; auch wenn er sich im Umfang schwer abschätzen lässt. Um mir ein Bild zu verschaffen, habe ich nach einigen Leuten gesucht, die in meiner Twitter-Bubble aktiv sind und denen ich auf Bluesky bisher nicht begegnet bin. Diese Stichproben ergaben, dass fast alle von ihnen auch einen Bluesky-Account haben, auch wenn die Intensität variiert, mit der er bewirtschaftet wird.

    Weniger klar ist mir, ob Bluesky auch neue Nutzerinnen und Nutzer anzieht – also solche, die vielleicht auf Facebook oder Instagram aktiv waren, aber mit dem Sachverhalt des Mikrobloggings bislang nichts anfangen konnten. Dafür sehe ich keine Anzeichen. Bluesky dürfte im Gefüge der sozialen Medien eine Nischenrolle besetzen – nicht ganz so nerdig wie Mastodon, aber auch nicht so breitenwirksam wie Threads, wo sich die Anbindung an Instagram für Meta offensichtlich auszahlt.

    Wie geht es weiter?

    Bleiben einige Fragen: Twitter-Konto löschen oder nicht? Tabula Rasa zu machen, ist natürlich das stärkere Signal – eine unmissverständliche Botschaft an Elon Musk, dass er den Bogen überspannt hat. Ich werde mein Konto vorerst behalten. Es gibt zwei Gründe dafür: Erstens will ich X als Journalist weiterhin aus erster Hand besprechen. Und zweitens werde ich meine Blogposts dort weiterhin promoten. Denn Bluesky holt auch auf, was die «Referrer» angeht. Aber als darbender Blogger muss man nehmen, was man kriegen kann!

    Auch noch offen: Ist diese Entwicklung nachhaltig? Werden die Neuankömmlinge bleiben, sich engagieren oder reumütig zu Musk zurückkehren? Das hängt massgeblich davon ab, wie viele Leute die Brücken hinter sich sprengen, d.h. ihren Twitter-Account auch tatsächlich löschen. Mein Bauchgefühl sagt, dass viele an dieser Stelle die Kurznachrichtendienste eher ganz aufgeben, als rückfällig zu werden.

    Und schliesslich: Wird Twitter jetzt untergehen? Ich glaube nicht. Es gibt auch Leute, denen das von Musk geschaffene Klima behagt. Aber ob Twitter – bzw. X – in einem Jahr noch relevant ist, darauf wette ich nicht.

    Beitragsbild: Der Höhenflug dauert noch an (Sirirak Boonruangjak, Pexels-Lizenz).

    #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  9. Die Teilwiederholung der Bundestagswahl von 2021 in Berlin hat geklappt. Ein Erfolg war sie in der politischen Wirklichkeit vor allem für die AfD.#wochentaz #Demokratie #Wochenkommentar #Stadtland #Berlin #Schwerpunkt
    Wiederholungswahl in Berlin: Demokratischer Schrecken
  10. Schnell mal auf Verdacht exmatrikulieren? Die Debatte, die vom Angriff auf einen Studenten der Freien Universität ausgelöst wurde, hat ein groteskes Maß angenommen.#Wochenkommentar #FreieUniversitätBerlin #Nahost-Konflikt #Berlin #Schwerpunkt
    Prügelattacke auf Studenten in Berlin: Hände weg von der Wanne
  11. Wieder einmal streitet Berlin über eine Bewerbung. Doch der im Koalitionsvertrag festgehaltene Gedanke für nachhaltige Spiele ist naives Wunschdenken.
    Olympische Spiele in Berlin: Zum Scheitern verurteilt
  12. Private Vermieter verstoßen nach Belieben gegen das Wohnungsbündnis des Senats. Es ist Zeit, diesen falschen Versuch endlich zu beenden.
    Berliner Wohnungsbündnis: Es ist gescheitert
  13. Silvester, Freibad, Görli – die drei Debatten in diesem Jahr zeigen: An Lösungen ist kaum einer interessiert, umso mehr aber an rassistischen Ressentiments.
    Berliner Gewaltdebatten: Hauptsache, es knallt!
  14. Der Versuch, Klimaaktivisten im beschleunigten Verfahren zu verurteilen, geht nach hinten los. Die CDU kennt in ihrer Bestrafungswut keine Grenzen.
    Berliner Schnellverfahren gegen Letzte Generation: Populistisch gegen den Rechtsstaat