home.social

#wochenkommentar — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #wochenkommentar, aggregated by home.social.

  1. Die einzige KI-Fähigkeit, die wirklich zählt

    Das einzige Cheat Sheet, das Sie wirklich brauchen.

    → Wochenkommentar: matthiaszehnder.ch/uncategoriz
    → Zielgenerator: matthiaszehnder.ch/tools/zielgenerator.html

    #KI #Prompting #Zielsetzung #Wochenkommentar #MatthiasZehnder

  2. Die einzige KI-Fähigkeit, die wirklich zählt

    Das einzige Cheat Sheet, das Sie wirklich brauchen.

    → Wochenkommentar: matthiaszehnder.ch/uncategoriz
    → Zielgenerator: matthiaszehnder.ch/tools/zielgenerator.html

    #KI #Prompting #Zielsetzung #Wochenkommentar #MatthiasZehnder

  3. Kann die KI fühlen? Nein. Aber sie versteht unsere Emotionen oft besser als wir selbst. 🧠🤖

    Zum Anklicken und Ausprobieren: Interaktives Emotionsrad nach Robert Plutchik zum Analysieren der eigenen Gefühle oder literarischer Szenen.
    matthiaszehnder.ch/wochenkomme

    #KI #KünstlicheIntelligenz #Emotionen #AffectiveComputing #StefanZweig #Psychologie #Selbsterkenntnis #Wochenkommentar #MatthiasZehnder

  4. Kann die KI fühlen? Nein. Aber sie versteht unsere Emotionen oft besser als wir selbst. 🧠🤖

    Zum Anklicken und Ausprobieren: Interaktives Emotionsrad nach Robert Plutchik zum Analysieren der eigenen Gefühle oder literarischer Szenen.
    matthiaszehnder.ch/wochenkomme

    #KI #KünstlicheIntelligenz #Emotionen #AffectiveComputing #StefanZweig #Psychologie #Selbsterkenntnis #Wochenkommentar #MatthiasZehnder

  5. Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren

    Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.

    Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».

    Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.

    Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.

    Irgendwas ist faul in Göschenen

    Das Vergleichsbild aus dem Staatsarchiv Uri: viele Ähnlichkeiten und Detailunterschiede.

    Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.

    Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».

    So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).

    Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.

    Da passt gar nichts zusammen

    Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.

    Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?

    Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:

    • Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
    • Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
    • Wie mir ein SBB-Kenner auf Facebook mitteilt, ist die Lok in Wahrheit grün oder braun, jedenfalls nicht rot. Das Originalbild war, wie zu vermuten war, schwarzweiss und wurde eingefärbt.
    • Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
    • Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
    Unstimmigkeiten, wohin man schaut: unterschiedliche Schärfen, und Rasterungen. Und die Kabel sind irgendwie mit den Berggipfeln verschmolzen.Das hier ist offensichtlich ein Überbleibsel des Wasserzeichens von Nano Banana, der Bilder-KI in Google Gemini. Zum Vergleich rechts das gleiche Wasserzeichen aus einem Bild, das ich selbst mit Gemini hergestellt habe.

    Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?

    In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.

    Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?

    Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Bislang gab es keine Reaktion, doch falls sich das ändert, trage ich die Stellungnahme hier nach.

    Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.

    Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.

    Beitragsbild: Ein Extrazug vom 3. Juni 1982 mit Doppellok Ae 8/14 11801 beim Verlassen des Gotthardtunnels in Göschenen (Hans-Peter Bärtschi/ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).

    #DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar
  6. Die SP und die Grünen haben sich im Gotthardtunnel komplett verfahren

    Dieses Foto auf dem Flyer kam meinem Kollegen spanisch vor.

    Vor zwei Wochen erhielt ich ein Mail eines ehemaligen Kollegen. Er hatte sich mit der Klimafonds-Initiative beschäftigt und war an dem Bild eines Flyers hängen geblieben. Es zeigt eine rote Lok und das Nordportal des Gotthardtunnels bei Göschenen. Die Beschriftung lautet: «Gotthard-Tunnel, Baubeginn: 1872 – Klimaschutz bauen».

    Er frage sich, ob dieses Bild KI-generiert sei, teilte er mir mit. Er hatte mehrere Gründe für den Verdacht, insbesondere die zweite Tunneleinfahrt rechts oben. Auf Vergleichsbildern aus dem Internet war die nicht zu sehen.

    Mein erster Eindruck war: Dieser Umstand lässt sich erklären. Ich fand zwar nicht das Originalbild des Bildes, das auf dem Flyer verwendet worden war, aber immerhin die Aufnahme, die mein Kollege zum Vergleich herangezogen hatte. Die stammt aus dem Staatsarchiv des Kantons Uri. Die Auflösung ist dort gut genug, dass man zum Schluss kommt: Es gibt diese zweite Tunneleinfahrt, auch wenn sie vom Stromabnehmer der Lok fast verdeckt wird.

    Irgendwas ist faul in Göschenen

    Eigentlich wäre das Grund genug gewesen, um Entwarnung zu geben. Doch mir ging es genauso, wie dem ehemaligen Tagi-Kollegen. Mich liess die Sache nicht los. Ich forschte weiter und fand im (grossartigen) ETH-Bilderarchiv ein weiteres Foto mit einer ähnlichen Perspektive (als Beitragsbild zu sehen). Das ist in so hoher Auflösung verfügbar, dass die Beschriftung über dieser Tunneleinfahrt zu entziffern ist. Sie verweist auf die Schöllenenbahn, die zwischen 1913 und 1917 gebaut worden war. Ein Anhaltspunkt zur Datierung des Bildes ergibt sich aus den unübersehbaren Stromleitungen. Die Website des Nationalmuseums erklärt, die Elektrifizierung sei 1916 beschlossen worden. Auf alptransit-portal.ch erfahren wir, dass dieses Projekt 1924 abgeschlossen wurde. Damit ist klar: Das Foto auf dem Flyer ist nicht von 1872, sondern mindestens 52 Jahre älter.

    Ist das ein Skandal? Vermutlich nicht, auch wenn ich finde, dass man diese Tatsache hätte transparent machen müssen. Parallel zu meinen Recherchen war mein Tagi-Kollege zum gleichen Schluss gekommen. Er schrieb: «1872 haben die Loks noch geraucht.» Klar, anfänglich fuhren sie mit Kohle, und dieses Motiv wäre denkbar ungeeignet gewesen, die Forderung zu illustrieren, den «Klimaschutz zu bauen».

    So sah es wirklich aus, nachdem der Gotthardtunnel eröffnet worden war: Die Loks fuhren mit Kohle und die Schöllenenbahn war nicht gebaut. Aufnahme aus dem ETH-Archiv von 1880 bis 1885 (CC0).

    Doch es kam noch dicker. Mich irritierte, dass ich nicht in der Lage war, das Original des Flyer-Fotos aufzutreiben, obwohl ich auch beim Schweizerischen Sozialarchiv ähnliche Motive gefunden hatte. Natürlich konnte der Gestalter in einem nicht öffentlichen Archiv fündig geworden sein – oder in einem Buch. Dafür gibt es Anzeichen, auf die ich weiter unten zu sprechen kommen werde. Aber für einen letzten Versuch wollte ich das Bild möglichst ohne eingeblendeten Text verwenden. Denn Google Lens ist bei der Rückwärtssuche treffsicherer, wenn das ganze Motiv möglichst unverändert benutzt werden kann.

    Da passt gar nichts zusammen

    Ich begab mich also auf www.klima-fonds.ch und betätigte in Firefox den praktischen Befehl Extras > Seiteninformationen: In der Rubrik Medien findet sich nämlich eine Liste aller verknüpften Bild-, Ton- und Videodateien, über die sich die gewünschte Datei herunterladen lässt.

    Das Bild in voller Grösse: eine historische Aufnahme oder doch vor allem eine KI-Halluzination?

    Und nun staunte ich nicht schlecht: Denn dieses Bild war offensichtlich massiv bearbeitet worden. Mein Eindruck ist, dass der Ausschnitt mit der Lok authentisch sein könnte, aber das ganze Drumherum so historisch ist wie die Sage zur Entstehung der Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht:

    • Der Teil mit der Lok zeigt eine Musterung, die vielleicht daher rührt, dass das Bild ab einer gedruckten Vorlage eingescannt wurde und das Raster bzw. Moiré weggerechnet wurde.
    • Diese Musterung verschwindet rechts und unten völlig; dort ist die Schärfe auch eine ganz andere. Und die Übergänge sind teils hanebüchen schlecht.
    • Ich konnte mir leider nicht selbst vor Ort ein Bild verschaffen, aber die sonnenbeschienenen Berggipfel im Hintergrund sehen wahnsinnig fake aus.
    • Als ob das nicht schlimm genug wäre, finden wir im unten rechten Quadranten einen zerquetschten Stern, der verdächtig nach dem Wasserzeichen aussieht, das Google bei Kreationen von Nano Banana in die Bilder einfügt.
    Unstimmigkeiten, wohin man schaut: unterschiedliche Schärfen, und Rasterungen. Und die Kabel sind irgendwie mit den Berggipfeln verschmolzen.Das hier ist offensichtlich ein Überbleibsel des Wasserzeichens von Nano Banana, der Bilder-KI in Google Gemini. Zum Vergleich rechts das gleiche Wasserzeichen aus einem Bild, das ich selbst mit Gemini hergestellt habe.

    Womit die eine Frage erneut im Raum steht: Ist das ein Skandal?

    In einem journalistischen Kontext würde die Antwort auf alle Fälle Ja lauten. Bei der Website, die für eine Initiative wirbt, sieht es anders aus: Das Motiv hat illustrativen Charakter. Ob echt oder nicht, hat kaum einen Einfluss auf die politische Meinungsbildung. Trotzdem entsteht in Kombination mit der Bildlegende der Eindruck einer realen, historischen Szene. Auch wenn das Motiv juristisch kaum angreifbar ist, so halte ich die Verwendung dieses Bildes für einen groben Fehler – zumal ein Transparenzhinweis einen minimalen Aufwand bedeutet hätte.

    Wo hört der KI-Irrsinn auf und fängt der menschliche Wahnsinn an?

    Da vor der Abstimmung leider zu wenig Zeit blieb, diese Frage mit den Kollegen in der Redaktion aufzugreifen, handle ich sie nachträglich hier im Blog ab. Es geht mir hier weniger um den Skandal, als vielmehr um den Umgang mit den Möglichkeiten der KI-Bildbearbeitung und die Frage, was in Ordnung ist und was nicht. Trotzdem habe ich natürlich eine Anfrage an die Allianz Klimafonds-Initiative (Grüne Schweiz, SP Schweiz und Büro Albatros GmbH als Designpartner) gestellt und um Aufklärung gebeten. Bislang gab es keine Reaktion, doch falls sich das ändert, trage ich die Stellungnahme hier nach.

    Mein Fazit: Der seriöse, reflektierte Umgang mit KI-Tools ist längst zu einer Art Lackmustest für Authentizität und Glaubwürdigkeit geworden: Man kann und darf diese Werkzeuge verwenden – sonst würde ich nicht so viel Mühe darauf verwenden, sie hier im Blog vorzustellen. Aber man muss es mit Sorgfalt und Augenmass tun und jederzeit auf eine ausreichende Trennschärfe zur Realität und zu echten Bildern mit dokumentarischem Wert achten. Wir sehen, dass es im politischen Spektrum die Akteure gibt, die die künstliche Intelligenz ohne jegliche Skrupel einsetzen: Donald Trump mit seinem Fäkalien-Video ist ohne Zweifel unrühmliche Galionsfigur dieser Fehlentwicklung, aber auch die AfD ist mir schon sehr negativ aufgefallen. In der Schweiz sorgte die FDP mit einem KI-generierten Plakatmotiv vermeintlicher Klimakleber im Juli 2023 für Ärger.

    Die einzig vernünftige Strategie ist, mit Transparenz und Authentizität dagegenzuhalten. Es zählt die Abgrenzung gegenüber jenen Akteuren, bei denen man sich fragt, wo der KI-generierte Irrsinn aufhört und der menschliche, durch die Begeisterung für alternative Fakten ausgelöste Wahnsinn anfängt.

    #DerOnlineShitDerWoche #FakenewsDeepfakes #Politik #Wochenkommentar
  7. Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!

    «Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»

    Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?

    Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)

    Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?

    Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.

    Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.

    Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.

    Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis

    Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:

    Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.

    Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?

    Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.

    Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.

    Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?

    Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.

    Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.

    Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.

    Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.

    Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?

    Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Googologie #Wochenkommentar #Youtube
  8. Soziale Medien mit Alterskontrolle? Es geht viel einfacher!

    «Wir haben einige deiner Einstellungen geändert», zeigte mir Youtube neulich an. Die personalisierte Werbung sei deaktiviert worden. Begründung: «Wir sind nicht sicher, ob du schon über 18 Jahre bist.»

    Soll ich mich geschmeichelt über mein jugendliches Erscheinungsbild fühlen und die Angelegenheit gut sein lassen?

    Nein, natürlich nicht. Es wäre sünd und schad, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen, mich über Youtube und Google lustig zu machen. Denn wir haben hier einen Tech-Konzern, der 2025 einen Gewinn von 132 Milliarden Dollar einstrich – etwas weniger als das Bruttosozialprodukt der Slowakei. In diesem Jahr will die Google-Mutter Alphabet 185 Milliarden in die KI investieren: Grund genug für den gemeinen Youtube-Nutzer, anzunehmen, dass Google in der Lage sein müsste, mein Alter auf dreissig Jahre genau zu schätzen. (Das hätte die Frage locker geklärt, ob ich schon 18 bin.)

    Schon mal was von den Grundrechenarten gehört, Sundar Pichai?

    Nun, es ist nicht ausgeschlossen, dass eine noch nicht 18-jährige Person in diesem Haushalt einige Videos schaute und mein Profil leicht verfälschte. Wenn dennoch der Inhaber des Accounts als Massstab dient, brauchen wir keinen ausgeklügelten Algorithmus, um dessen Mindestalter festzustellen. Mein Youtube-Konto existiert ungefähr seit 2007. Das heisst, selbst wenn ich es im zarten Säuglingsalter angelegt haben sollte, wäre ich inzwischen ungefähr 19. Verifikation mittels Subtraktion – einer Methode, für die man keine neuen Rechenzentren bauen müsste.

    Was dieser Sache eine gewisse Brisanz verleiht, ist die Diskussion um die Altersgrenzen bei den sozialen Medien. Bei der stellt sich die Frage, wie die Kontrolle durchgeführt werden soll. Im Stil von gewissen Websites für Erwachsenenunterhaltung, bei denen man auf die Frage, ob man schon 18 sei, entweder Ja oder Nein anklicken kann, vermutlich nicht.

    Nebst der Selbstdeklaration existieren zwei weitere Methoden: die Überprüfung mittels eines amtlichen Dokuments und die Schätzung anhand von Verhaltensmustern – letzteres würde ich als die Youtube-Methode bezeichnen.

    Entweder E-ID. Oder gar kein Altersnachweis

    Für mich ergeben sich zwei Erkenntnisse:

    Erstens ist das ein deutliches Argument für die E-ID, den elektronischen Identitätsnachweis. Natürlich in einer datensparsamen Variante. Sprich: Youtube – oder sonst eine Plattform mit einem Mindestalter – erhält über meine ID lediglich die verbindliche Auskunft, dass diese Voraussetzung erfüllt ist. Mein effektives Alter und alle anderen Informationen, die zum Profil zählen, werden nicht preisgegeben.

    Zweitens: Wäre es nicht viel einfacher, wenn für Internetangebote das Prinzip gelten würde, dass ein Altersnachweis für die normale Nutzung nicht erforderlich ist?

    Lasst mich zur Illustration einen verrückten Vergleich machen: Tageszeitungen und die gängigen Magazine lagen früher (als derlei Medien noch zum regulären medialen Inventar zählten) in Reichweite von Kindern bereit und waren ohne Alterskontrolle zugänglich.

    Das bedeutete durchaus nicht, dass alles, was dort zu lesen war, kindgerecht gewesen wäre. Aber das war seltenst ein Problem. Kaum ein Zwölfjähriger las den «Spiegel» von hinten bis vorn durch, um so auf die Reportage aus einem Kriegsgebiet oder den Bericht über die Epstein Files zu treffen. Er orientierte sich nach seinen Interessen und landete zwangsläufig bei harmlosen Themen wie Tierberichten, den Rätseln oder der Kinderseite. Meine Erfahrung mit Kindern ist, dass viele davon ein ausgezeichnetes Gespür dafür haben, was sie sich zumuten wollen und was nicht.

    Der Vergleich hinkt! Oder hinkt er nicht?

    Bevor jetzt einer kommentiert, dass dieser Vergleich brutal hinken würde, mache ich den naheliegenden Einwand gleich selbst: Bei den «Legacy-Medien» gibt es keinen Algorithmus, der die Themenauswahl vornimmt – das muss man selbst tun. Da diese Algorithmen das krasse Zeug bevorzugen, setzt das eine Spirale in Gang. Die hat zur Folge, dass auch Dinge, die im Kern harmlos sind und von Kindern konsumiert werden könnten, auf verantwortungslose Weise übersteigert dargeboten werden.

    Das heisst: Standardmässig funktionieren Facebook und Youtube wieder wie zu den Anfangszeiten. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, sondern nur das, was Nutzerinnen und Nutzer selbst aussuchen – entweder direkt, oder über die Leute, denen sie folgen. Wer auf den algorithmischen Kram nicht verzichten mag, der muss über 18 sein und den Altersnachweis erbringen. Zur zusätzlichen Absicherung wird standardmässig jugendfrei gepostet. Leute, die ohne ihre Altherrenwitze nicht auskommen, pflegen selbige, müssen aber ein zwingendes Häkchen beim Beitrag setzen. Falls jemand das vergisst, haben die anderen User die Möglichkeit, solche Beiträge zu melden – worauf die Plattform sofort und ernsthaft reagiert. Und Leute, die öfter den Jugendschutz unterlaufen, werden sanktioniert.

    Bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender aus Deutschland darf man gewisse Inhalte aus Gründen des Jugendschutzes erst ab einer bestimmten Zeit ansehen – wie im linearen Fernsehen, wo der Horrorfilm erst nach 22 Uhr läuft.

    Ich fand lange Zeit reichlich albern. Aber vielleicht ist es das gar nicht? Wie wäre es, den gleichen Mechanismus bei Youtube und Facebook anzuwenden? In welcher Zeitzone sich ein Nutzer oder eine Nutzerin befindet, lässt sich ohne jeglichen Altersnachweis feststellen. Und was die Eltern angeht, müssten die für den Jugendschutz nichts weiter tun, als nach neun Uhr abends das WLAN abzudrehen.

    Nachtrag: Wir sprachen im Nerdfunk über die Idee. Kevin fand sie albern: Die Leute würden die sozialen Medien langweilig finden, wenn es keine algorithmische Auswahl mehr gäbe und man tatsächlich nur noch den Kram sehen würde, der in der eigenen Bubble kursiert. Aber wären langweiligere soziale Medien wahrlich so schlimm – oder nicht vielleicht die Lösung?

    Beitragsbild: Google würde natürlich darauf hereinfallen (Artur Skoniecki, Pexels-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #Googologie #Wochenkommentar #Youtube
  9. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  10. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com, computerbild.de, pons.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was die html-load.com nutzenden Websites betreiben, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung. Sie zeugt von einer Geringschätzung des Publikums³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie lehnen Werbung ab, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z. B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  11. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  12. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com, computerbild.de, pons.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was die html-load.com nutzenden Websites betreiben, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung. Sie zeugt von einer Geringschätzung des Publikums³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie lehnen Werbung ab, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z. B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  13. Leute mit Werbeblocker sind unerwünscht

    Es entbehrt nicht einer gehörigen Portion Ironie: Vor ein paar Tagen wollte ich bei Winfuture einen Artikel über den Kampf von Youtube gegen Werbeblocker lesen. Und was sehe ich? Eine unfreundliche Fehlermeldung, die den Artikel komplett zum Verschwinden bringt. Sie setzt mich darüber in Kenntnis, dass etwas schiefgelaufen sei: «Bitte deaktivieren Sie Funktionen, die die Website beeinträchtigen könnten». Die Funktion, die Winfuture beeinträchtigt, ist mein Werbeblocker¹.

    Nein, eigentlich hat alles seine Richtigkeit.

    Ich bin es gewohnt, dass mitunter die Aufforderung erscheint, meinen Werbeblocker zu deaktivieren. Gelegentlich wird sie in Kombination mit der Möglichkeit unterbreitet, stattdessen finanzielle Unterstützung zu leisten. In aller Regel gibt es einen kleinen, unscheinbaren Link, der die Möglichkeit einräumt, die Webseite ohne weitere Massnahmen zu besuchen. Der fehlt hier – die einzige Möglichkeit, die Seite zu lesen, besteht darin, den Lesemodus zu aktivieren, bevor die Fehlermeldung zuschlägt.

    Die Frage steht im Raum: Ist diese Verhaltensweise klug?

    Natürlich ist sie nachvollziehbar. Wer sein Webangebot über Werbung finanziert, der fürchtet um seine Einnahmen. Man könnte argumentieren, es sei ein Gebot der Fairness, Leute mit Adblocker auszusperren. Sie verschaffen sich einen unsportlichen Vorteil gegenüber jenem Teil des Publikums, der sich den Banner aussetzt.

    Der Werbeblocker schützt auch vor Tracking

    Leider ist es nicht so einfach: Der Wunsch, nicht mit Konsumaufforderungen behelligt zu werden, ist nicht der einzige Grund, einen Werbeblocker zu verwenden. Ein zweiter ist der Schutz vor Tracking. Über die eingebundenen Komponenten werden nicht nur Banner ausgespielt, sondern auch Informationen über Surferinnen und Surfer gesammelt. Welche Ausmasse das annimmt, war öfter Thema hier im Blog. Bei einem besonders krassen Beispiel sollten mir Hunderte von Drittanbieter-Cookies untergejubelt werden. Ebenso Microsoft: In Outlook werden um die 700 «Partner» mit Nutzerdaten versorgt (siehe hier und hier).

    Was den konkreten Fall hier angeht, wird der Dialog jeweils von html-load.com ausgespielt. Da ich ihn nicht nur bei Winfuture.de, sondern auch bei persoenlich.com und einigen anderen Websites angetroffen habe, ist davon auszugehen, dass er zu einem weit verbreiteten Werbenetzwerk gehört.

    Es kommt ein wichtiger Punkt hinzu. Nämlich die Frage, ob die Angst um Einnahmen gerechtfertigt ist. In vielen Fällen erhält der Betreiber einer Website lediglich dann Geld, wenn jemand tatsächlich auf ein Banner klickt. Dass die Online-Anzeige bloss ausgespielt wird, hat keinen Umsatz zur Folge. Das heisst: Bei Leuten, die sich Werbung grundsätzlich verweigern, ist nichts zu holen – gleichgültig, ob sie mit oder ohne Schutzsoftware unterwegs sind.

    An dieser Stelle ist der Einwand gerechtfertigt, dass es auch andere Werbeformen gibt – auch solche, die anhand der reinen Impressionen Einkünfte generieren². Das stimmt – aber diese Werbung ist eher bei den reichweitenstarken Plattformen zu finden, bei denen ich den Dialog von html-load.com bislang nicht gesehen habe.

    Eine Form des digitalen Selbstschutzes

    Für mich überwiegen letztlich die folgenden Argumente für diese Form der Selbstverteidigung:

    • Datenschutz ist ein Grundrecht.
    • Es ist ein legitimes Anliegen, sich vor Spotankäufen schützen zu wollen. Wer sich Konsum nicht leisten kann oder will, sollte nicht dazu gezwungen werden, seine Zeit mit Botschaften zu verbringen, denen er sich aktiv verweigern muss.

    Was Die html-load.com betreibt, ist eine passiv-aggressive Verweigerungshaltung, die von einer Geringschätzung des Publikums zeugt³. Statt die Leute, die ihren Unmut gegenüber der Werbung aktiv zum Ausdruck bringen, mit dem Ausschluss zu bestrafen, wäre es sinnvoll, ihre Botschaft ernstzunehmen. Sie teilen ihren Unmut über die Werbung mit, die in der Tat oft aufdringlich und übergriffig ist und manchmal sogar nötigenden Charakter hat – illustriert sei diese Tatsache anhand der Auswüchse, die wir bei der Werbung in Games sehen.

    Ein Tipp für Betroffene

    Abschliessend die Frage: Wie umgehen wir die Blockade von html-load.com – abgesehen vom oben geschilderten Trick mit dem Lesemodus? Unseren Werbeblocker deinstallieren wollen wir natürlich nicht.

    Die Methode hängt von der eingesetzten Software ab. Bei manchen Schutzprogrammen lässt sich die fragliche Domain auf eine Ausnahmeliste setzen. Das wäre bei meiner Lösung, NextDNS, in den Einstellungen möglich.

    Bei Werbeblockern, die per DNS funktionieren, konfigurieren wir Google Chrome als Ausweichbrowser.

    Ich entschied mich für eine andere Methode. In Google Chrome – einem Browser, den ich normalerweise nicht verwende – aktiviere ich in den Einstellungen bei Datenschutz und Sicherheit > Sicherheit unter Erweitert die Option Sicheres DNS verwenden und setze beim Punkt DNS-Anbieter auswählen eine von Standardeinstellung des Betriebssystems abweichende Option. Welche, ist (fast) egal; wir können z.B. OpenDNS, Cloudflare oder Google Public DNS verwenden.

    Das heisst: Ich muss entscheiden, ob mich eine Information so sehr interessiert, dass ich den Aufwand betreibe, Chrome zu bemühen. In den meisten Fällen komme ich zum Schluss, dass das nicht der Fall ist.

    Fussnoten

    1) Anmerkung dazu: Ja, ich verwende einen Werbeblocker, obwohl ich mich auf dieser Website hier über die Einnahmen freue, die ich über Werbung erziele. Das wirkt auf manche Leute widersprüchlich, bzw. heuchlerisch. Es ist meines Erachtens ein Ausdruck davon, dass wir nicht in einer perfekten Welt leben. Ich habe andere Monetarisierungsformen evaluiert, aber leider würde z.B. Patreon für mein Blog nicht funktionieren. Auf alle Fälle kann ich hervorragend damit leben, dass viele der Leserinnen und Leser meines Blogs selbst Werbeblocker in Betrieb haben.

    Alles Weitere zu diesem Thema steht in meinem Rechenschaftsbericht. ↩

    2) Konkret hängt es vom Werbemodell ab. Folgende Varianten sind üblich:

    • CPM/vCPM (Cost per Mille): Bezahlung pro Tausend Impressionen. Geld fliesst auch ohne Klick.
    • CPC (Cost per Click): Bei dieser Methode gibt es nur Geld, wenn jemand eine Werbung anklickt.
    • CPA/CPL (Cost per Action/Lead): Hier gibt es nur Geld, wenn eine Aktion erfolgt bzw. ein Kontakt zustande kommt.
    • CPV (Video-Views): Bezahlt wird für den Konsum eines Videos.

    Es gibt auch Sponsoring- oder Pauschal-Kampagnen, bei denen die Reichweite im Zentrum steht. Die wird durch einen Werbeblocker naturgemäss verringert. ↩

    3) Ich bin mir nicht sicher, ob alle der Websitebetreiber, die html-load.com eingebunden haben, wissen, dass sie einen Teil ihres Publikums aktiv vergraulen. Das wäre nicht vertrauenswürdig. Ich kritisiere obendrein, dass ich auf der (via Google Chrome besuchten) Website weder ein Impressum noch irgendwelche Informationen über den Betreiber finde. Immerhin: Über die angegebene E-Mail-Adresse habe ich schnell eine Antwort erhalten. Man würde mir tatkräftig helfen, meinen Werbeblocker zu deinstallieren – wozu ich allerdings Screenshots meiner Firefox-Konfiguration hätte einsenden müssen. An dieser Stelle lehnte ich dankend ab. ↩

    Beitragsbild: Die Welt hat nie eine bessere Fussmatte gesehen (Get Lost Mike, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #DerOnlineShitDerWoche #Werbung #Wochenkommentar
  14. So bodigt die SRG die Halbierungsinitiative

    Wie kann sich das öffentlich-rechtliche Medienangebot gegen die globale Konkurrenz wie Tiktok, Youtube und Netflix behaupten? In der Schweiz stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil am 8. März die sogenannte Halbierungsinitiative ansteht: Die will die Gebühreneinnahmen für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) nicht halbieren, aber von jährlich 335 auf 200 Franken reduzieren. Wenn sie angenommen würde – und danach sieht es im Moment aus –, würde sich das Budget der SRG von 1,2 Milliarden auf 630 Millionen sinken. Das wäre ein radikaler Einschnitt in die hiesige Medienlandschaft.

    Mir bereitet das Sorge. Und mich irritiert, wie diese Debatte geführt wird.

    Die Befürworter stellen die Initiative als Beitrag zur Kostenreduktion dar, was in meinen Augen an Etikettenschwindel grenzt. Natürlich ist eine Einsparung von 135 Franken im Jahr nicht nichts. Aber gemessen an den Kostensteigerungen bei Mieten und Krankenkassen ist es offensichtlich, dass der positive Aspekt für die meisten Haushalte vernachlässigbar, der Schaden fürs Land aber riesig wäre. Das Argument, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» konzentrieren, sticht nicht, weil dieser «Kern» in einem vielfältigen, mehrsprachigen Land riesig ist. Natürlich fallen jedem von uns sogleich zehn Sendungen ein, die er niemals schaut oder hört, und die man sofort einstellen könnte. Nur sind die Vorlieben so unterschiedlich, dass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibt, das niemand vermissen würde.

    Das dritte Argument, dass die privaten Medienhäuser mehr Raum bekämen, stimmt zu einem gewissen Grad. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die dann in die Lücken springen würden, die durch Einsparungen bei der SRG entstünden. Nein, die privaten Medien liefern sich das Konkurrenzgefecht schon heute dort mit den sozialen Medien, wo sich die Aufmerksamkeit konzentriert.

    Über alles wird geredet – bloss nicht über das, was wichtig wäre

    Über einige Dinge wird hingegen überhaupt nicht gesprochen: Wie soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk – oder Service Public, wie er hierzulande heisst – sich wandeln, um die Gebühreneinnahmen auch in Zukunft zu rechtfertigen?

    Ich suchte und fand nur bloss vage Andeutungen. Bei der SRG lese ich dürre Worte über «Public Values», was immer das heissen mag. Das zuständige Departement (Uvek) veröffentlichte ein Interview aus dem Tagesanzeiger als Medienmitteilung, in dem Medienminister Albert Rösti zwar die Bubble-Bildung der sozialen Medien kritisiert und findet, die Medien sollen «dort sein, wo sich die Nutzer aufhalten». Banaler geht es nicht – aber Rösti war Mitinitiant der Halbierungsinitiative.

    Hierzulande streitet man mit Leidenschaft über eine 1933 entwickelte Technologie: In der Schweizer Mediendatenbank fand ich für die letzten zwölf Monate 1824 Artikel über UKW und ungefähr 19 zu Play+¹. Letzteres ist die neue Plattform, die im Herbst 2026 das 2020 eingeführte Angebot Play Suisse ersetzen und die Angebote von RSI, RTR, RTS und SRF zusammenführen wird. Wurde die als Alternative zu Tiktok und Youtube gedacht, mit dem Anspruch, die «Nutzerinnen und Nutzer dort abzuholen, wo sie sich aufhalten»? Ich weiss es nicht, weil die nichtssagende Medienmitteilung die Frage offenlässt, ob es sich um eine simple Umbenennung oder eine Konsolidierung handelt. Oder ob man den Anspruch hat, die gravierenden Defizite auszubügeln und die vorhandenen Stärken zu fördern.

    Das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Warum steht die SRG nicht hin und sagt, was sie alles tun wird, wenn im März die Gebühren nicht gesenkt werden?

    Ein «digitaler Marktplatz der Ideen» – aber diesmal in Echt

    An dieser Stelle kommt Leonard Dobusch ins Spiel. Er zeigt auf, wie gross der Spielraum wäre. Er hat Vorschläge, mit denen sich die Gebührengelder in unveränderter Höhe rechtfertigen liessen. Denn sie würden nicht bloss das Darben zum Endsieg der Tech-Konzerne verlängern, sondern aufzeigen, wie eine offene und gesellschaftsfreundliche Plattform entstehen könnte. Also jener «digitale Marktplatz der Ideen», den Elon Musk bei der Übernahme von Twitter versprach, bevor er X in ein rechtes Propaganda- und Manipulationsinstrument verwandelte.

    Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck und er kennt das ZDF von innen, wo er Mitglied im Fernseh- und Verwaltungsrat war. Heute sitzt er im Stiftungsrat des ORF. Seine Rezepte gelten für Deutschland und Österreich. Doch sie sind interessant für die Schweiz, weil offene Software und Protokolle ein zentraler Bestandteil sind. In der Tat hat er die tollkühn anmutende Vorstellung, ein Medienangebot aufzubauen, das Netflix in nichts nachsteht: Weder beim Umfang, noch bei der Benutzerfreundlichkeit und schon gar nicht bei der Qualität.

    Leonhard Dobusch an der Re:publica 2022 (Rogi Lensing/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    Er sagt:

    Wenn das funktioniert, wird es der grösste und wichtigste Open-Source-Medien-Stack der Welt sein. Medienhäuser in ganz Europa werden sich beteiligen. Nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen – weil es ein Angebot ist, das man kaum ablehnen kann. Und dann wird endlich dieser Skalennachteil [verschwinden], den die Öffentlich-Rechtlichen in Europa haben. Jedes kleine Land wie der ORF entwickelt alleine seine Mediathek. Daneben die Schweiz, die SRG, die auch alleine ihre Mediathek entwickelt. Daneben hat man Netflix, die skalieren global.

    Die Software heisst Streaming OS. Sie wurde im Mai 2024 vorgestellt, und sie ist in der Tat spannend: Sie ermöglicht es, viele Portale auf einer Infrastruktur aufzusetzen. Die ARD führt zwölf Mediatheken der Landessender zusammen. Die Inhalte von ZDF und ARD sind interoperabel und über die jeweiligen Plattformen abrufbar, wobei es den Anbietern überlassen bleibt, sie unterschiedlich zu kuratieren. Das liesse sich weiter skalieren, sagt Dobusch:

    Warum gibt es nicht ein Wissenschafts- und Bildungsportal, wo ich einerseits die Wissenschafts- und Bildungsinhalte von ARD und ZDF zugänglich mache, und das ich öffne für Universitäten und Hochschulen, die immer professioneller Bildungsinhalte produzieren?

    Diese Inhalte könnten weiterhin auf Youtube und Tiktok zu sehen sein. Sie würden indes ebenso in einem attraktiven Umfeld stattfinden, in dem nicht als nächste Empfehlung ein Flat-Earther-Video auftaucht.

    Es liegt (für mich) auf der Hand, dass sich dieses Modell hervorragend auf die Schweiz übertragen liesse. In der Streamingplattform der SRG hätten die Inhalte von 3Sat Platz, an dem die SRG beteiligt ist². Es gibt hierzulande Universitäten, die exzellente Inhalte produzieren, die in ein solches Umfeld passen würden (die Uni St. Gallen, die Hochschule Luzern oder die Uni Bern). Stiftungen haben Medienangebote, namentlich das Hörkombinat von Elvira Isenring und meinem Stadtfilter-Gspändli Dominik Dusek.

    Masse mit Klasse

    Und wo das Stichwort Stadtfilter gefallen ist: Die nicht gewinnorientierten Lokalradios der Schweiz (Unikom) tragen einen Teil zur medialen Grundversorgung des Landes bei – weswegen sie einen Teil der Gebühren erhalten (Gebührensplitting). Warum also nicht einen Podcast wie – Achtung, rein willkürliches Beispiel! – Nerdfunk über Play+ ausspielen? Er allein würde die Attraktivität nicht markant erhöhen. Aber mit Verbindungen zu öffentlich-rechtlichen Anbietern in Deutschland, Frankreich (France 2), Italien (Rai) oder zu Dutzenden anderen Programmen, die untertitelt angeboten werden, liesse sich das Angebot in der Summe so stark ausweiten, dass es ähnlich reichhaltig wäre wie die Startseiten von Netflix oder Youtube.

    Wenn ich Leonard Dobusch richtig verstehe, basiert Play+ nicht auf Streaming OS. Warum? Weil man bei der SRG lieber eine eigene Software entwickelt, statt Open Source zu verwenden – und weil man nicht in Versuchung kommen möchte, das Angebot auf der eigenen Plattform mit Drittinhalten zu konkurrenzieren? Nun, trotz der polemischen Formulierung hier gehe ich davon aus, dass Play+ sorgfältig projektiert wurde. Diese Diskussion hier nicht zu führen, halte ich indes für eine fahrlässige Straussenpolitik.

    Meine offizielle Forderung an die SRG lautet, das Versäumnis wettzumachen. Dobusch legt seine Ideen in Holger Kleins Podcast-Folge Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung dar (RSS, iTunes, Spotify). Es geht nicht nur um die Open-Source-Plattform, sondern um eine Reihe weiterer wichtiger Problemfelder des ÖRR:

    • Die Legitimationskrise und politischer Druck, wenn ein künftiger AfD-Ministerpräsident den Rundfunkstaatsvertrag kündigen könnte,
    • die strukturellen Probleme mit dem Fokus auf «den kleinsten gemeinsamen Nenner» mit endlosen Krimis wie «Rosenheim Cops» und «SOKO» sowie die
    • titelgebende Trägheitsvermutung, die besagt, dass der ÖRR zu starr und bürokratisch ist, um überhaupt reformfähig zu sein.

    Mastodon, Fediversum, Peertube und Wikipedia

    Dobusch erwidert, es sei einem «unfassbaren Kraftakt» zu verdanken, dass im laufenden Betrieb ein Umbau stattfinde, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten der linearen Programme etwas feststellen würden. Dem Online-Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF sei es gelungen, da zu sein, wo das Publikum ist. Es erweise sich als «Durchlauferhitzer» für Talente und neue Arbeitsweisen, und mit 150 neuen Formaten, von denen nur die Hälfte überlebt hätte, pflege es eine Experimentierkultur.

    Die grossen Plattformen wie Youtube und Tiktok anbinden – aber nicht nur. Gleichzeitig soll das Fediversum (Mastodon, Peertube) zum Zug kommen. Spannend finde ich schliesslich die Ideen zu Wikipedia: «Terra X» veröffentlicht seit Ende 2019 Videoclips unter einer freien, zu Wikipedia kompatiblen Lizenz:

    Das sorgt jeden Monat stabil für vier Millionen Views auf Wikipedia, wo das Logo des ZDF zu sehen ist. So kommen wahrscheinlich mehr junge Leute mit öffentlichen Inhalten in Kontakt als im Zweiten.

    Last but not least gibt es Ideen, um die Online-Kommentare von ihrer Toxizität zu befreien, etwa durch neue Moderationsformen, die die «schweigende Mitte» sichtbar machen.

    Wann fangen wir hierzulande damit an, über solche Themen zu reden? Hoffentlich nicht erst nach der übernächsten Runde um die Abschaffung und Wiedereinführung von UKW. Und hoffentlich, hoffentlich nicht erst, nachdem die SRG halbiert wurde!

    Man könnte aber auch erwähnen, dass die SRG beim Projekt Public Spaces Incubator dabei ist und verschiedene mehrsprachige Dialogformate ausprobiert. Oder dass die EMEK in zwei Berichten Ideen für die Zukunft des Service public skizziert hat.

    — Manuel Puppis (@manuelpuppis.ch) 27. Januar 2026 um 14:22

    Fussnoten

    1) Genau kann ich es nicht sagen, weil in der Suchfunktion der Schweizer Mediendatenbank eine Suche nach «Play+» nicht möglich ist – das Plus wird ignoriert, was zu Tausenden falschen Treffern führt. Ich hätte empfohlen, bei der Namensgebung die Suchbarkeit im Web und in Datenbanken zu berücksichtigen. ↩

    2) Natürlich gibt es heute schon Inhalte von Drittanbietern. Aber es macht einen Unterschied, ob die manuell in die eigene Plattform eingepflegt werden müssen oder über offene Protokolle zugänglich gemacht werden – dann braucht es lediglich eine Kuratierung. ↩

    Beitragsbild: Regieraum bei SRF (SRG).

    #FediversumUndMastodon #Fernsehen #FreieSoftwareFOSS #HolgerKlein #Longread #Politik #SRF #Wochenkommentar
  15. So bodigt die SRG die Halbierungsinitiative

    Wie kann sich das öffentlich-rechtliche Medienangebot gegen die globale Konkurrenz wie Tiktok, Youtube und Netflix behaupten? In der Schweiz stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil am 8. März die sogenannte Halbierungsinitiative ansteht: Die will die Gebühreneinnahmen für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) nicht halbieren, aber von jährlich 335 auf 200 Franken reduzieren. Wenn sie angenommen würde – und danach sieht es im Moment aus –, würde sich das Budget der SRG von 1,2 Milliarden auf 630 Millionen sinken. Das wäre ein radikaler Einschnitt in die hiesige Medienlandschaft.

    Mir bereitet das Sorge. Und mich irritiert, wie diese Debatte geführt wird.

    Die Befürworter stellen die Initiative als Beitrag zur Kostenreduktion dar, was in meinen Augen an Etikettenschwindel grenzt. Natürlich ist eine Einsparung von 135 Franken im Jahr nicht nichts. Aber gemessen an den Kostensteigerungen bei Mieten und Krankenkassen ist es offensichtlich, dass der positive Aspekt für die meisten Haushalte vernachlässigbar, der Schaden fürs Land aber riesig wäre. Das Argument, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» konzentrieren, sticht nicht, weil dieser «Kern» in einem vielfältigen, mehrsprachigen Land riesig ist. Natürlich fallen jedem von uns sogleich zehn Sendungen ein, die er niemals schaut oder hört, und die man sofort einstellen könnte. Nur sind die Vorlieben so unterschiedlich, dass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibt, das niemand vermissen würde.

    Das dritte Argument, dass die privaten Medienhäuser mehr Raum bekämen, stimmt zu einem gewissen Grad. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die dann in die Lücken springen würden, die durch Einsparungen bei der SRG entstünden. Nein, die privaten Medien liefern sich das Konkurrenzgefecht schon heute dort mit den sozialen Medien, wo sich die Aufmerksamkeit konzentriert.

    Über alles wird geredet – bloss nicht über das, was wichtig wäre

    Über einige Dinge wird hingegen überhaupt nicht gesprochen: Wie soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk – oder Service Public, wie er hierzulande heisst – sich wandeln, um die Gebühreneinnahmen auch in Zukunft zu rechtfertigen?

    Ich suchte und fand nur bloss vage Andeutungen. Bei der SRG lese ich dürre Worte über «Public Values», was immer das heissen mag. Das zuständige Departement (Uvek) veröffentlichte ein Interview aus dem Tagesanzeiger als Medienmitteilung, in dem Medienminister Albert Rösti zwar die Bubble-Bildung der sozialen Medien kritisiert und findet, die Medien sollen «dort sein, wo sich die Nutzer aufhalten». Banaler geht es nicht – aber Rösti war Mitinitiant der Halbierungsinitiative.

    Hierzulande streitet man mit Leidenschaft über eine 1933 entwickelte Technologie: In der Schweizer Mediendatenbank fand ich für die letzten zwölf Monate 1824 Artikel über UKW und ungefähr 19 zu Play+¹. Letzteres ist die neue Plattform, die im Herbst 2026 das 2020 eingeführte Angebot Play Suisse ersetzen und die Angebote von RSI, RTR, RTS und SRF zusammenführen wird. Wurde die als Alternative zu Tiktok und Youtube gedacht, mit dem Anspruch, die «Nutzerinnen und Nutzer dort abzuholen, wo sie sich aufhalten»? Ich weiss es nicht, weil die nichtssagende Medienmitteilung die Frage offenlässt, ob es sich um eine simple Umbenennung oder eine Konsolidierung handelt. Oder ob man den Anspruch hat, die gravierenden Defizite auszubügeln und die vorhandenen Stärken zu fördern.

    Das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Warum steht die SRG nicht hin und sagt, was sie alles tun wird, wenn im März die Gebühren nicht gesenkt werden?

    Ein «digitaler Marktplatz der Ideen» – aber diesmal in Echt

    An dieser Stelle kommt Leonard Dobusch ins Spiel. Er zeigt auf, wie gross der Spielraum wäre. Er hat Vorschläge, mit denen sich die Gebührengelder in unveränderter Höhe rechtfertigen liessen. Denn sie würden nicht bloss das Darben zum Endsieg der Tech-Konzerne verlängern, sondern aufzeigen, wie eine offene und gesellschaftsfreundliche Plattform entstehen könnte. Also jener «digitale Marktplatz der Ideen», den Elon Musk bei der Übernahme von Twitter versprach, bevor er X in ein rechtes Propaganda- und Manipulationsinstrument verwandelte.

    Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck und er kennt das ZDF von innen, wo er Mitglied im Fernseh- und Verwaltungsrat war. Heute sitzt er im Stiftungsrat des ORF. Seine Rezepte gelten für Deutschland und Österreich. Doch sie sind interessant für die Schweiz, weil offene Software und Protokolle ein zentraler Bestandteil sind. In der Tat hat er die tollkühn anmutende Vorstellung, ein Medienangebot aufzubauen, das Netflix in nichts nachsteht: Weder beim Umfang, noch bei der Benutzerfreundlichkeit und schon gar nicht bei der Qualität.

    Leonhard Dobusch an der Re:publica 2022 (Rogi Lensing/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    Er sagt:

    Wenn das funktioniert, wird es der grösste und wichtigste Open-Source-Medien-Stack der Welt sein. Medienhäuser in ganz Europa werden sich beteiligen. Nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen – weil es ein Angebot ist, das man kaum ablehnen kann. Und dann wird endlich dieser Skalennachteil [verschwinden], den die Öffentlich-Rechtlichen in Europa haben. Jedes kleine Land wie der ORF entwickelt alleine seine Mediathek. Daneben die Schweiz, die SRG, die auch alleine ihre Mediathek entwickelt. Daneben hat man Netflix, die skalieren global.

    Die Software heisst Streaming OS. Sie wurde im Mai 2024 vorgestellt, und sie ist in der Tat spannend: Sie ermöglicht es, viele Portale auf einer Infrastruktur aufzusetzen. Die ARD führt zwölf Mediatheken der Landessender zusammen. Die Inhalte von ZDF und ARD sind interoperabel und über die jeweiligen Plattformen abrufbar, wobei es den Anbietern überlassen bleibt, sie unterschiedlich zu kuratieren. Das liesse sich weiter skalieren, sagt Dobusch:

    Warum gibt es nicht ein Wissenschafts- und Bildungsportal, wo ich einerseits die Wissenschafts- und Bildungsinhalte von ARD und ZDF zugänglich mache, und das ich öffne für Universitäten und Hochschulen, die immer professioneller Bildungsinhalte produzieren?

    Diese Inhalte könnten weiterhin auf Youtube und Tiktok zu sehen sein. Sie würden indes ebenso in einem attraktiven Umfeld stattfinden, in dem nicht als nächste Empfehlung ein Flat-Earther-Video auftaucht.

    Es liegt (für mich) auf der Hand, dass sich dieses Modell hervorragend auf die Schweiz übertragen liesse. In der Streamingplattform der SRG hätten die Inhalte von 3Sat Platz, an dem die SRG beteiligt ist². Es gibt hierzulande Universitäten, die exzellente Inhalte produzieren, die in ein solches Umfeld passen würden (die Uni St. Gallen, die Hochschule Luzern oder die Uni Bern). Stiftungen haben Medienangebote, namentlich das Hörkombinat von Elvira Isenring und meinem Stadtfilter-Gspändli Dominik Dusek.

    Masse mit Klasse

    Und wo das Stichwort Stadtfilter gefallen ist: Die nicht gewinnorientierten Lokalradios der Schweiz (Unikom) tragen einen Teil zur medialen Grundversorgung des Landes bei – weswegen sie einen Teil der Gebühren erhalten (Gebührensplitting). Warum also nicht einen Podcast wie – Achtung, rein willkürliches Beispiel! – Nerdfunk über Play+ ausspielen? Er allein würde die Attraktivität nicht markant erhöhen. Aber mit Verbindungen zu öffentlich-rechtlichen Anbietern in Deutschland, Frankreich (France 2), Italien (Rai) oder zu Dutzenden anderen Programmen, die untertitelt angeboten werden, liesse sich das Angebot in der Summe so stark ausweiten, dass es ähnlich reichhaltig wäre wie die Startseiten von Netflix oder Youtube.

    Wenn ich Leonard Dobusch richtig verstehe, basiert Play+ nicht auf Streaming OS. Warum? Weil man bei der SRG lieber eine eigene Software entwickelt, statt Open Source zu verwenden – und weil man nicht in Versuchung kommen möchte, das Angebot auf der eigenen Plattform mit Drittinhalten zu konkurrenzieren? Nun, trotz der polemischen Formulierung hier gehe ich davon aus, dass Play+ sorgfältig projektiert wurde. Diese Diskussion hier nicht zu führen, halte ich indes für eine fahrlässige Straussenpolitik.

    Meine offizielle Forderung an die SRG lautet, das Versäumnis wettzumachen. Dobusch legt seine Ideen in Holger Kleins Podcast-Folge Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung dar (RSS, iTunes, Spotify). Es geht nicht nur um die Open-Source-Plattform, sondern um eine Reihe weiterer wichtiger Problemfelder des ÖRR:

    • Die Legitimationskrise und politischer Druck, wenn ein künftiger AfD-Ministerpräsident den Rundfunkstaatsvertrag kündigen könnte,
    • die strukturellen Probleme mit dem Fokus auf «den kleinsten gemeinsamen Nenner» mit endlosen Krimis wie «Rosenheim Cops» und «SOKO» sowie die
    • titelgebende Trägheitsvermutung, die besagt, dass der ÖRR zu starr und bürokratisch ist, um überhaupt reformfähig zu sein.

    Mastodon, Fediversum, Peertube und Wikipedia

    Dobusch erwidert, es sei einem «unfassbaren Kraftakt» zu verdanken, dass im laufenden Betrieb ein Umbau stattfinde, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten der linearen Programme etwas feststellen würden. Dem Online-Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF sei es gelungen, da zu sein, wo das Publikum ist. Es erweise sich als «Durchlauferhitzer» für Talente und neue Arbeitsweisen, und mit 150 neuen Formaten, von denen nur die Hälfte überlebt hätte, pflege es eine Experimentierkultur.

    Die grossen Plattformen wie Youtube und Tiktok anbinden – aber nicht nur. Gleichzeitig soll das Fediversum (Mastodon, Peertube) zum Zug kommen. Spannend finde ich schliesslich die Ideen zu Wikipedia: «Terra X» veröffentlicht seit Ende 2019 Videoclips unter einer freien, zu Wikipedia kompatiblen Lizenz:

    Das sorgt jeden Monat stabil für vier Millionen Views auf Wikipedia, wo das Logo des ZDF zu sehen ist. So kommen wahrscheinlich mehr junge Leute mit öffentlichen Inhalten in Kontakt als im Zweiten.

    Last but not least gibt es Ideen, um die Online-Kommentare von ihrer Toxizität zu befreien, etwa durch neue Moderationsformen, die die «schweigende Mitte» sichtbar machen.

    Wann fangen wir hierzulande damit an, über solche Themen zu reden? Hoffentlich nicht erst nach der übernächsten Runde um die Abschaffung und Wiedereinführung von UKW. Und hoffentlich, hoffentlich nicht erst, nachdem die SRG halbiert wurde!

    Man könnte aber auch erwähnen, dass die SRG beim Projekt Public Spaces Incubator dabei ist und verschiedene mehrsprachige Dialogformate ausprobiert. Oder dass die EMEK in zwei Berichten Ideen für die Zukunft des Service public skizziert hat.

    — Manuel Puppis (@manuelpuppis.ch) 27. Januar 2026 um 14:22

    Fussnoten

    1) Genau kann ich es nicht sagen, weil in der Suchfunktion der Schweizer Mediendatenbank eine Suche nach «Play+» nicht möglich ist – das Plus wird ignoriert, was zu Tausenden falschen Treffern führt. Ich hätte empfohlen, bei der Namensgebung die Suchbarkeit im Web und in Datenbanken zu berücksichtigen. ↩

    2) Natürlich gibt es heute schon Inhalte von Drittanbietern. Aber es macht einen Unterschied, ob die manuell in die eigene Plattform eingepflegt werden müssen oder über offene Protokolle zugänglich gemacht werden – dann braucht es lediglich eine Kuratierung. ↩

    Beitragsbild: Regieraum bei SRF (SRG).

    #FediversumUndMastodon #Fernsehen #FreieSoftwareFOSS #HolgerKlein #Longread #Politik #SRF #Wochenkommentar
  16. Ein Blick in Jeffrey Epsteins Mailbox

    Dieser Online-Shit der Woche wäre es wert gewesen, noch im alten Jahr bebloggt zu werden. Gewisse Mängel bei der Themenplanung haben das verhindert. Aber besser zu spät als nie.

    Jmail.world ist eine Website mit einer interaktiv erschliessbaren Datensammlung. Gleichzeitig fühlt sich das Projekt an wie ein voyeuristisches Online-Game aus dem «Lost Phone»-Genre: Bei dem gerät uns als Spielerin oder Spieler ein verlorenes Telefon in die Hände. Wir sind eingeladen, unserem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und die dunklen Geheimnisse des Besitzers oder der Besitzerin zu erkunden.

    In diesem Fall sorgt die politische Komponente für zusätzlichen Kitzel und Komplexität. Der Inhaber der fraglichen Daten ist eine real existierende Person des öffentlichen Interesses, nämlich Jeffrey Epstein: Ein verurteilter Sexualstraftäter, der wegen Menschenhandels angeklagt war und sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Viele prominente Menschen zählten zu seinen Bekanntschaften und Freunden. Die Welt fragt sich bis heute, wie tief hochrangige Politiker wie Donald Trump in diesem Sumpf drinstecken. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Epstein files geführt. Epsteins digitale Hinterlassenschaft könnte für Klärung sorgen. Bloss wurde die bislang zögerlich, unvollständig und über weite Strecken geschwärzt veröffentlicht.

    Sonderlich ordentlich war Epsteins digitales Leben nicht

    Wir können nur erahnen, was hinter dieser Nachricht steckt.

    Der Teil, der zugänglich gemacht wurde, ist unter Jmail erforschbar. Als Webanwendung aufgebaut, steigen wir über Epsteins Mailbox ein – als ob wir Zugang zu seinem Gmail-Account hätten. Wir klicken uns durch die Nachrichten, verwenden am linken Rand die Liste mit seinen Kontakten, konzentrieren uns auf die mit Stern markierten Mails und lesen unter Sent nach, welche Nachrichten Epstein selbst versandte. Unter Attachments finden wir Anhänge, mehrheitlich Bilder und eine Handvoll PDFs und Worddocs. Oder wir bemühen die Suchfunktion mit einem passenden Stichwort. Zum Beispiel, willkürlicher Vorschlag: Trump.

    Das ist nicht alles: Über die KI «Jemini» dürfen wir auch Fragen stellen. Zum Beispiel: «What’s my relation to Switzerland?» Antwort u. a.: «Epstein held three bank accounts at HSBC Private Bank in Geneva and had dealings with Edmond de Rothschild in Geneva.» Und: «Emails suggest that Epstein may have recruited young women from Zurich for sex trafficking, with ‹assistant› possibly used as a code word.»

    Tausende Fotos, Flüge, PDFs und Überwachungsvideos

    Über das Apps-Icon (das 3×3-Raster) gelangen wir zu weiteren Datensammlungen:

    • Unter Photos finden sich 7050 Aufnahmen, von Epstein selbst, Bill Clinton, Steve Bannon, natürlich Ghislaine Maxwell, Donald Trump, Bill Gates, Kevin Spacey, Woody Allen und – für mich – überraschenden Leuten wie Mick Jagger und Noam Chomsky.
    • Auf Files lagern geschlagene 47’033 Dateien, wiederum Aufnahmen, ebenso Tonnen von PDFs mit juristischen Inhalten, Plänen und ähnlichen Dingen.
    • Via JVR gelangen wir zu den Aufnahmen der Überwachungskameras aus Epsteins Anwesen.
    • Bei Jamazon klicken wir uns durch 1006 archivierte Online-Bestellungen.
    • Schliesslich sehen wir im Bereich JFlights die Flug-Historie des Mannes: 4292 Flüge von über 10’000 Stunden mit 3302 Passagieren. Ein paarmal ist er in der Schweiz gelandet oder gestartet.
    Die nach Personen sortierte Fotosammlung.

    Banale Fotos und Bilder von Verbrechen

    Zurückbleiben seltsame, zwiespältige Gefühle:

    Beim wahllosen Klicken stossen wir auf banale Dinge wie den Lacing activity guide – wie sich auch in unserem Download-Ordner ein wildes Durcheinander ansammelt. Fastcompany schrieb treffend:

    Es überrascht, wie viel von dem Zeug auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirkt.

    Sucht man gezielter oder länger, dann ändert sich dieser Eindruck:

    In derselben Bilderdatenbank mit Schnappschüssen von Konzerten, Pferden, Epstein beim Tischtennisspielen und beim Hundestreicheln befinden sich auch Fotos von schrecklichen Verbrechen, darunter zahlreiche (geschwärzte) Aufnahmen von Opfern.

    Anrüchtig oder aufklärerisch?

    Muss oder will ich das sehen? Keiner von uns ist ein Ermittler, der diese Daten mit einem konkreten Auftrag und im Dienst der Wahrheitsfindung auskundschaftet. Wenn wir uns in einem Onlinespiel wähnen oder unserem inneren Spanner nachgeben, dann bekommt Jmail einen anrüchigen Touch.

    Den gleichen Vorwurf lässt sich ebenso gegenüber den True-Crime-Podcasts oder sensationslüsternen Dokus im Privatfernsehen erheben. Sie werden von manchen aus fragwürdigen Gründen konsumiert. Doch wichtiger ist ein anderer Aspekt: die Auseinandersetzung mit unserer Welt ist nicht nur legitim, sie ist unverzichtbar. Diese ungeheuerliche Epstein-Angelegenheit ist eine Tatsache. Jmail ermöglicht es jederman und jederfrau, sich ein Bild zu verschaffen. Die Umsetzung als Web-App garantiert einfache Zugänglichkeit. Und darum ist Jmail vorbildlich, was den modernen Umgang mit solchen Datensammlungen angeht.

    Beitragsbild: Die Aufbereitung hier lässt, anders als bei Jmail, noch zu wünschen übrig (Wesley Tingey, Unsplash-Lizenz).

    #Datenvisualisierung #DerOnlineShitDerWoche #Politik #TrueCrime #Wochenkommentar
  17. Ein Blick in Jeffrey Epsteins Mailbox

    Dieser Online-Shit der Woche wäre es wert gewesen, noch im alten Jahr bebloggt zu werden. Gewisse Mängel bei der Themenplanung haben das verhindert. Aber besser zu spät als nie.

    Jmail.world ist eine Website mit einer interaktiv erschliessbaren Datensammlung. Gleichzeitig fühlt sich das Projekt an wie ein voyeuristisches Online-Game aus dem «Lost Phone»-Genre: Bei dem gerät uns als Spielerin oder Spieler ein verlorenes Telefon in die Hände. Wir sind eingeladen, unserem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und die dunklen Geheimnisse des Besitzers oder der Besitzerin zu erkunden.

    In diesem Fall sorgt die politische Komponente für zusätzlichen Kitzel und Komplexität. Der Inhaber der fraglichen Daten ist eine real existierende Person des öffentlichen Interesses, nämlich Jeffrey Epstein: Ein verurteilter Sexualstraftäter, der wegen Menschenhandels angeklagt war und sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Viele prominente Menschen zählten zu seinen Bekanntschaften und Freunden. Die Welt fragt sich bis heute, wie tief hochrangige Politiker wie Donald Trump in diesem Sumpf drinstecken. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Epstein files geführt. Epsteins digitale Hinterlassenschaft könnte für Klärung sorgen. Bloss wurde die bislang zögerlich, unvollständig und über weite Strecken geschwärzt veröffentlicht.

    Sonderlich ordentlich war Epsteins digitales Leben nicht

    Wir können nur erahnen, was hinter dieser Nachricht steckt.

    Der Teil, der zugänglich gemacht wurde, ist unter Jmail erforschbar. Als Webanwendung aufgebaut, steigen wir über Epsteins Mailbox ein – als ob wir Zugang zu seinem Gmail-Account hätten. Wir klicken uns durch die Nachrichten, verwenden am linken Rand die Liste mit seinen Kontakten, konzentrieren uns auf die mit Stern markierten Mails und lesen unter Sent nach, welche Nachrichten Epstein selbst versandte. Unter Attachments finden wir Anhänge, mehrheitlich Bilder und eine Handvoll PDFs und Worddocs. Oder wir bemühen die Suchfunktion mit einem passenden Stichwort. Zum Beispiel, willkürlicher Vorschlag: Trump.

    Das ist nicht alles: Über die KI «Jemini» dürfen wir auch Fragen stellen. Zum Beispiel: «What’s my relation to Switzerland?» Antwort u. a.: «Epstein held three bank accounts at HSBC Private Bank in Geneva and had dealings with Edmond de Rothschild in Geneva.» Und: «Emails suggest that Epstein may have recruited young women from Zurich for sex trafficking, with ‹assistant› possibly used as a code word.»

    Tausende Fotos, Flüge, PDFs und Überwachungsvideos

    Über das Apps-Icon (das 3×3-Raster) gelangen wir zu weiteren Datensammlungen:

    • Unter Photos finden sich 7050 Aufnahmen, von Epstein selbst, Bill Clinton, Steve Bannon, natürlich Ghislaine Maxwell, Donald Trump, Bill Gates, Kevin Spacey, Woody Allen und – für mich – überraschenden Leuten wie Mick Jagger und Noam Chomsky.
    • Auf Files lagern geschlagene 47’033 Dateien, wiederum Aufnahmen, ebenso Tonnen von PDFs mit juristischen Inhalten, Plänen und ähnlichen Dingen.
    • Via JVR gelangen wir zu den Aufnahmen der Überwachungskameras aus Epsteins Anwesen.
    • Bei Jamazon klicken wir uns durch 1006 archivierte Online-Bestellungen.
    • Schliesslich sehen wir im Bereich JFlights die Flug-Historie des Mannes: 4292 Flüge von über 10’000 Stunden mit 3302 Passagieren. Ein paarmal ist er in der Schweiz gelandet oder gestartet.
    Die nach Personen sortierte Fotosammlung.

    Banale Fotos und Bilder von Verbrechen

    Zurückbleiben seltsame, zwiespältige Gefühle:

    Beim wahllosen Klicken stossen wir auf banale Dinge wie den Lacing activity guide – wie sich auch in unserem Download-Ordner ein wildes Durcheinander ansammelt. Fastcompany schrieb treffend:

    Es überrascht, wie viel von dem Zeug auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirkt.

    Sucht man gezielter oder länger, dann ändert sich dieser Eindruck:

    In derselben Bilderdatenbank mit Schnappschüssen von Konzerten, Pferden, Epstein beim Tischtennisspielen und beim Hundestreicheln befinden sich auch Fotos von schrecklichen Verbrechen, darunter zahlreiche (geschwärzte) Aufnahmen von Opfern.

    Anrüchtig oder aufklärerisch?

    Muss oder will ich das sehen? Keiner von uns ist ein Ermittler, der diese Daten mit einem konkreten Auftrag und im Dienst der Wahrheitsfindung auskundschaftet. Wenn wir uns in einem Onlinespiel wähnen oder unserem inneren Spanner nachgeben, dann bekommt Jmail einen anrüchigen Touch.

    Den gleichen Vorwurf lässt sich ebenso gegenüber den True-Crime-Podcasts oder sensationslüsternen Dokus im Privatfernsehen erheben. Sie werden von manchen aus fragwürdigen Gründen konsumiert. Doch wichtiger ist ein anderer Aspekt: die Auseinandersetzung mit unserer Welt ist nicht nur legitim, sie ist unverzichtbar. Diese ungeheuerliche Epstein-Angelegenheit ist eine Tatsache. Jmail ermöglicht es jederman und jederfrau, sich ein Bild zu verschaffen. Die Umsetzung als Web-App garantiert einfache Zugänglichkeit. Und darum ist Jmail vorbildlich, was den modernen Umgang mit solchen Datensammlungen angeht.

    Beitragsbild: Die Aufbereitung hier lässt, anders als bei Jmail, noch zu wünschen übrig (Wesley Tingey, Unsplash-Lizenz).

    #Datenvisualisierung #DerOnlineShitDerWoche #Politik #TrueCrime #Wochenkommentar
  18. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  19. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  20. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  21. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  22. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  23. So wird Werbung auf dem Homescreen des iPhone deaktiviert

    Auf dem Homescreen meines iPhones gibt es einen Stapel für Widgets: Wenn ich den durchblättere, erscheinen nacheinander die Wetterprognose der Meteoswiss-App, aktuelle Termine, mein Trinkfortschritt in Waterminder, sowie Fotos, die Batterie-Übersicht mit den Akkuständen der verbundenen Geräte und schliesslich die Siri-Vorschläge. Praktisch und zeitsparend, weil die kompakten Informationstafeln ein schnelles Informationsbedürfnis zu stillen vermögen.

    Warum sollte ich den Lieferdienst bemühen, wenn das Lokal doch um die Ecke ist?

    Umso ärgerlicher, dass mein Nutzungs-Erlebnis in letzter Zeit getrübt wurde. In meinem Stapel tauchten in letzter Zeit immer mal wieder Widgets auf, die ich dort nicht platziert hatte.

    Siri unterbreitete mir Vorschläge zu Apps, die ich nicht benutze und auch nicht benutzen will: Uber eats, Starbucks und Inspire Nails & Beauty. Plus einige weitere, an die ich mich nicht alle erinnere. Wie der Hinweis «In der Nähe» in der rechten oberen Ecke verrät, handelt es sich um ortsbasierte Hinweise.

    Meine persönliche Meinung zu diesem «Feature» werde ich am Ende des Beitrags kundtun. Hier erst die entscheidende Information – nämlich die, wie man diese Werbung loswird.

    Dazu vorab ein Dank an Kaspar: Er wies mich auf Mastodon auf die vielversprechendste Option hin. Ich habe daraufhin diesen Blogpost hier angepasst. In der ersten Fassung waren nur die beiden Tipps zwei und drei vorhanden¹.

    1) Siri-App-Clip-Vorschläge abschalten

    In den Einstellungen tippen wir auf Apple Intelligence & Siri und dann ganz unten auf App Clips. Hier deaktivieren wir die beiden folgenden Optionen:

    • In Suche anzeigen
    • App-Clips vorschlagen

    Das sollte helfen. Da die Vorschläge unregelmässig erscheinen, muss ich abwarten, bis ich es mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann.

    2) Die «Siri-Vorschläge» löschen

    Nein, trotz dieses dezenten Hinweises werde ich mir die Nägel nicht machen lassen.

    Zweite Methode: Wir entfernen das übergriffige Widget aus dem Stapel. Dazu legen wir den Finger auf eine freie Stelle des Homescreens und halten ihn gedrückt, bis die Elemente zu wackeln beginnen und bearbeitet werden können. Wir tippen den Widget-Stapel an, blättern uns zu Siri-Vorschläge durch und tippen auf das Icon mit dem Minus-Symbol links oben.

    Die Nebenwirkung besteht darin, dass Siri keine App-Vorschläge mehr unterbreitet. Dabei sind die, abgesehen von der Werbung, gut genug, um sie zu behalten.

    3) Die Ortungsdienste eindämmen

    Die dritte Methode führt uns zu den Einstellungen: Wir begeben uns zu Ortungsdienste und zum Punkt Systemdienste (zu finden ganz am Ende der Liste). Es gibt die Möglichkeit der globalen Deaktivierung, die Uber eats aus den Widgets vertreibt – aber zum Preis, dass eine Reihe nützlicher Standardfunktionen wegfällt. Die Systemdienste haben zum Glück eine selektive Deaktivierungsmöglichkeit. Das Abschalten von Vorschläge & Suchen sollte helfen. Welche negativen Randerscheinungen damit verbunden sind, habe ich nicht im Detail eruiert. Falls ihr Erkenntnisse dazu habt, freue ich mich über eine Rückmeldung in den Kommentaren.

    Fazit: Es riecht nach Enshittification

    Wie ist dieser Sachverhalt zu bewerten?

    Die Deaktivierung der Option «personalisierte Werbung» löst das Problem leider nicht.

    Mir stösst sauer auf, dass sie erscheint, obwohl bei meinem iPhone die personalisierte Werbung abgeschaltet ist. Diese Option steckt in den Einstellungen bei Datenschutz & Sicherheit unter Apple-Werbung.

    Man kann sich darüber streiten, ob ortsbasierte Werbung personalisiert ist. In der realen Welt wäre das definitiv nicht der Fall: Ein Plakat im öffentlichen Raum ist eine ortsbasierte Werbung, die nicht für mich personalisiert wurde.

    Allerdings scheint mir dieses Beispiel zu belegen, dass die direkte Analogie zwischen digitaler und realer Welt oft nicht zulässig ist. Denn personalisierte Werbung zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf persönlichen Informationen über die angesprochene Person basiert. Im digitalen Raum ist der reale Standort ohne Zweifel eine persönliche Information, die besonderen Schutz verdient.

    Ich will nach Hause, nicht zum Sushi-Essen!

    Daher passt diese Werbung nicht zu Apples selbstgewähltem Image als Vorreiter beim Datenschutz. Ganz grundsätzlich finde ich, dass Betriebssysteme keine Werbung anzeigen sollten. Und wer an dieser Stelle den Impuls verspürt, mir Heuchelei vorzuwerfen, weil hier im Blog Werbung zu sehen ist: Der Vorwurf geht ins Leere, weil mein Blog erstens nicht integraler Bestandteil eines Smartphones ist, das ihr für teures Geld erworben habt, und weil ihr hier, anders als beim Betriebssystem, einen Werbeblocker verwenden könnt.

    Da Apple sich gegen die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer entschieden hat, wäre es das Mindeste, wenigstens eine einfache und leicht zugängliche Option zur kompletten Deaktivierung anzubieten. Da es die nicht gibt Da die so versteckt ist, dass ich sie ohne Kaspars Hinweis auf Mastodon nicht gefunden hätte, riechen die Siri-Vorschläge leider nach Enshittification …

    Fussnoten

    1) Im Web war tatsächlich keine Lösung für das Problem zu finden. Es gibt Meldungen in Apples Supportforen (hier, hier), die aber keine zweckdienliche Antworten aufweisen. Und die gängigen Empfehlungen im Web funktionieren nicht. Beispiel: Die die in diesem Video erwähnte Option gibt es nicht. Man sieht sie nicht einmal im Screencast selbst. Das wirft die Frage auf, was der Sinn und Zweck sein könnte, einen solchen Clip zu produzieren – ausser vielleicht, Werbegeld abzugreifen und die Zeit der Leute zu verschwenden.

    Apple hält einen Supportbeitrag bereit, der die grössten Hoffnungen weckt – bis wir bemerken, dass er sich nur auf die Aktien-, die App-Store-App und Apple News bezieht. Falls ihr dort mit Werbung belästigt werdet, öffnet die Einstellungen, dann die Rubrik Datenschutz und Sicherheit und hier die Ortungsdienste. Hier entziehen wir den fraglichen Apps den Zugriff aufs GPS (Option Nie).

    Diese Konfigurationsänderung verhindert unter Umständen erwünschte Funktionsweisen. Die News-App (die es hierzulande noch immer nicht gibt) etwa sollte natürlich lokale und regionale Nachrichten anbieten können. ↩

    Beitragsbild: Möge er sich mit seiner klobigen Erscheinung bitte vom Acker machen (Robert Anasch, Unsplash-Lizenz).

    #Datenschutz #Enshittification #Kummerbox #schnellerIPhoneTrick #Werbung #Wochenkommentar

  24. So wird Werbung auf dem Homescreen des iPhone deaktiviert

    Auf dem Homescreen meines iPhones gibt es einen Stapel für Widgets: Wenn ich den durchblättere, erscheinen nacheinander die Wetterprognose der Meteoswiss-App, aktuelle Termine, mein Trinkfortschritt in Waterminder, sowie Fotos, die Batterie-Übersicht mit den Akkuständen der verbundenen Geräte und schliesslich die Siri-Vorschläge. Praktisch und zeitsparend, weil die kompakten Informationstafeln ein schnelles Informationsbedürfnis zu stillen vermögen.

    Warum sollte ich den Lieferdienst bemühen, wenn das Lokal doch um die Ecke ist?

    Umso ärgerlicher, dass mein Nutzungs-Erlebnis in letzter Zeit getrübt wurde. In meinem Stapel tauchten in letzter Zeit immer mal wieder Widgets auf, die ich dort nicht platziert hatte.

    Siri unterbreitete mir Vorschläge zu Apps, die ich nicht benutze und auch nicht benutzen will: Uber eats, Starbucks und Inspire Nails & Beauty. Plus einige weitere, an die ich mich nicht alle erinnere. Wie der Hinweis «In der Nähe» in der rechten oberen Ecke verrät, handelt es sich um ortsbasierte Hinweise.

    Meine persönliche Meinung zu diesem «Feature» werde ich am Ende des Beitrags kundtun. Hier erst die entscheidende Information – nämlich die, wie man diese Werbung loswird.

    Dazu vorab ein Dank an Kaspar: Er wies mich auf Mastodon auf die vielversprechendste Option hin. Ich habe daraufhin diesen Blogpost hier angepasst. In der ersten Fassung waren nur die beiden Tipps zwei und drei vorhanden¹.

    1) Siri-App-Clip-Vorschläge abschalten

    In den Einstellungen tippen wir auf Apple Intelligence & Siri und dann ganz unten auf App Clips. Hier deaktivieren wir die beiden folgenden Optionen:

    • In Suche anzeigen
    • App-Clips vorschlagen

    Das sollte helfen. Da die Vorschläge unregelmässig erscheinen, muss ich abwarten, bis ich es mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann.

    2) Die «Siri-Vorschläge» löschen

    Nein, trotz dieses dezenten Hinweises werde ich mir die Nägel nicht machen lassen.

    Zweite Methode: Wir entfernen das übergriffige Widget aus dem Stapel. Dazu legen wir den Finger auf eine freie Stelle des Homescreens und halten ihn gedrückt, bis die Elemente zu wackeln beginnen und bearbeitet werden können. Wir tippen den Widget-Stapel an, blättern uns zu Siri-Vorschläge durch und tippen auf das Icon mit dem Minus-Symbol links oben.

    Die Nebenwirkung besteht darin, dass Siri keine App-Vorschläge mehr unterbreitet. Dabei sind die, abgesehen von der Werbung, gut genug, um sie zu behalten.

    3) Die Ortungsdienste eindämmen

    Die dritte Methode führt uns zu den Einstellungen: Wir begeben uns zu Ortungsdienste und zum Punkt Systemdienste (zu finden ganz am Ende der Liste). Es gibt die Möglichkeit der globalen Deaktivierung, die Uber eats aus den Widgets vertreibt – aber zum Preis, dass eine Reihe nützlicher Standardfunktionen wegfällt. Die Systemdienste haben zum Glück eine selektive Deaktivierungsmöglichkeit. Das Abschalten von Vorschläge & Suchen sollte helfen. Welche negativen Randerscheinungen damit verbunden sind, habe ich nicht im Detail eruiert. Falls ihr Erkenntnisse dazu habt, freue ich mich über eine Rückmeldung in den Kommentaren.

    Fazit: Es riecht nach Enshittification

    Wie ist dieser Sachverhalt zu bewerten?

    Die Deaktivierung der Option «personalisierte Werbung» löst das Problem leider nicht.

    Mir stösst sauer auf, dass sie erscheint, obwohl bei meinem iPhone die personalisierte Werbung abgeschaltet ist. Diese Option steckt in den Einstellungen bei Datenschutz & Sicherheit unter Apple-Werbung.

    Man kann sich darüber streiten, ob ortsbasierte Werbung personalisiert ist. In der realen Welt wäre das definitiv nicht der Fall: Ein Plakat im öffentlichen Raum ist eine ortsbasierte Werbung, die nicht für mich personalisiert wurde.

    Allerdings scheint mir dieses Beispiel zu belegen, dass die direkte Analogie zwischen digitaler und realer Welt oft nicht zulässig ist. Denn personalisierte Werbung zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf persönlichen Informationen über die angesprochene Person basiert. Im digitalen Raum ist der reale Standort ohne Zweifel eine persönliche Information, die besonderen Schutz verdient.

    Ich will nach Hause, nicht zum Sushi-Essen!

    Daher passt diese Werbung nicht zu Apples selbstgewähltem Image als Vorreiter beim Datenschutz. Ganz grundsätzlich finde ich, dass Betriebssysteme keine Werbung anzeigen sollten. Und wer an dieser Stelle den Impuls verspürt, mir Heuchelei vorzuwerfen, weil hier im Blog Werbung zu sehen ist: Der Vorwurf geht ins Leere, weil mein Blog erstens nicht integraler Bestandteil eines Smartphones ist, das ihr für teures Geld erworben habt, und weil ihr hier, anders als beim Betriebssystem, einen Werbeblocker verwenden könnt.

    Da Apple sich gegen die Interessen der Nutzerinnen und Nutzer entschieden hat, wäre es das Mindeste, wenigstens eine einfache und leicht zugängliche Option zur kompletten Deaktivierung anzubieten. Da es die nicht gibt Da die so versteckt ist, dass ich sie ohne Kaspars Hinweis auf Mastodon nicht gefunden hätte, riechen die Siri-Vorschläge leider nach Enshittification …

    Fussnoten

    1) Im Web war tatsächlich keine Lösung für das Problem zu finden. Es gibt Meldungen in Apples Supportforen (hier, hier), die aber keine zweckdienliche Antworten aufweisen. Und die gängigen Empfehlungen im Web funktionieren nicht. Beispiel: Die die in diesem Video erwähnte Option gibt es nicht. Man sieht sie nicht einmal im Screencast selbst. Das wirft die Frage auf, was der Sinn und Zweck sein könnte, einen solchen Clip zu produzieren – ausser vielleicht, Werbegeld abzugreifen und die Zeit der Leute zu verschwenden.

    Apple hält einen Supportbeitrag bereit, der die grössten Hoffnungen weckt – bis wir bemerken, dass er sich nur auf die Aktien-, die App-Store-App und Apple News bezieht. Falls ihr dort mit Werbung belästigt werdet, öffnet die Einstellungen, dann die Rubrik Datenschutz und Sicherheit und hier die Ortungsdienste. Hier entziehen wir den fraglichen Apps den Zugriff aufs GPS (Option Nie).

    Diese Konfigurationsänderung verhindert unter Umständen erwünschte Funktionsweisen. Die News-App (die es hierzulande noch immer nicht gibt) etwa sollte natürlich lokale und regionale Nachrichten anbieten können. ↩

    Beitragsbild: Möge er sich mit seiner klobigen Erscheinung bitte vom Acker machen (Robert Anasch, Unsplash-Lizenz).

    #Datenschutz #Enshittification #Kummerbox #schnellerIPhoneTrick #Werbung #Wochenkommentar

  25. Es könnte sein, dass die Google-Suche manche User benachteiligt

    Die Google-Suche ist kaputt und keiner merkt es: Das war mein Befund im August 2023. Er basierte auf der Tatsache, dass im Firefox-Browser nur wenige Suchresultate zugänglich sind. Meistens umfasst die Liste der Links nur eine einzige Seite. Das sind rund vierzig bis siebzig Treffer in Fällen, bei denen das Web Tausende passender Sites bereithält.

    Das ist ein echtes Problem. Wir können nicht davon ausgehen, dass Google so gewichtet, wie wir es tun würden. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass ein wichtiges Resultat nicht auf der ersten, sondern erst auf der zweiten, dritten oder fünften Seite zu finden ist. Doch da diese Inhalte nicht aufgeführt werden, können wir sie nicht überprüfen: Google gaukelt uns vor, sie seien inexistent.

    Auch die nicht-personalisierten Resultate weisen Unterschiede auf

    Hat bei Google irgendjemand diesen Missstand bemerkt? Wurde das Problem in den letzten zwei Jahren eventuell sogar behoben? Anfang Oktober machte ich die Probe aufs Exempel und stellte fest: Nein, keineswegs. Die Sache ist im Gegenteil  noch schlimmer – oder sagen wir: dubioser – geworden.

    Lasst mich das anhand eines Beispiels erklären. Es bezieht sich auf eine Suche nach meinem Namen¹, zeitlich beschränkt auf die letzten sieben Tage. Google offeriert seit Ende 2024 die Option, die Personalisierung abzuschalten, was ich für mein Experiment natürlich tue. Denn ist die Personalisierung aktiv, fallen die Resultate in verschiedenen Browsern zwangsläufig unterschiedlich aus, da die gespeicherten Nutzerinteressen nicht identisch sind. Mit der neutralen Voreinstellung dürfen wir erwarten, dass Google in Firefox und in Chrome identische Listen liefert.

    Ist das der Fall?

    Auf den ersten Blick ähnliche Resultate: Firefox links, Google Chrome rechts.

    Erstaunlicherweise nicht. Wir konstatieren im Gegenteil beträchtliche Unterschiede:

    • Es gibt Abweichungen beim Layout. Der Hinweis der Personalisierung erscheint bei Firefox prominenter als bei Chrome.
    • Die Bilder werden unterschiedlich platziert.
    • Und vor allem zeigt Chrome eine Navigation mit insgesamt vier Trefferseiten. Klickt man auf Weiter, wird bereits die zweite Seite als letzte angegeben; die Seiten drei und vier verschwinden auf mysteriöse Weise. Dennoch gibt uns Chrome zehn weitere Links, die bei Firefox fehlen.

    Wir halten fest, dass Chrome mehr als doppelt so viele Resultate bereitstellt wie Firefox. Das ist eine klare, massive Benachteiligung des Konkurrenz-Browsers.

    Diskrepanzen sind ferner bei den aufgeführten Links selbst zu beobachten:

    • Es gibt sieben Treffer, die übereinstimmend in beiden Listen vorkommen:
      meine Website Clickomania mit der Start- und der Autorenseite, mein Facebook- und mein Twitter-Account, meine Alltags-Tipps zur KI beim  «Tagesanzeiger» sowie der Artikel zur ChatGPT-Kindersicherung aus dem «Tagi».
    • Zwei Treffer sind nur in der Liste von Firefox enthalten:
      die KI-Alltags-Tipps bei der «Berner Zeitung» und eine Veranstaltung der Kirche Marburg, in der ein Namensvetter von mir erwähnt wird.
    • Zwei andere Treffer tauchen nur bei Chrome auf:
      die Kindersicherung von ChatGPT in der «Berner Zeitung» und ein KI-FAQ von Kollega Zeier.

    Was Google treibt, ist unfair und undurchsichtig

    Sind diese Abweichungen von Bedeutung? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Qualitativ halte ich die Resultate für vergleichbar. Müsste ich mich entscheiden, würde ich einen leichten Vorteil bei Firefox orten: Die Artikel in dieser Liste stehen in engerem Bezug zu meinem Namen (bzw. zu dem meines Namensvetters), während Chrome zwei Treffer auf Artikel liefert, in denen ich lediglich bei den Verweisen auf ähnliche Artikel am Ende der jeweiligen Veröffentlichungen vorkomme.

    Trotzdem beurteile ich diesen Befund kritisch. Ich führe grundsätzliche Überlegungen ins Feld: Es kann nicht angehen, dass Firefox-Nutzerinnen und -Nutzer bei der Menge der Resultate benachteiligt werden. Es ist inakzeptabel, dass dieses Problem nach zwei Jahren nicht beseitigt wurde. Nebenbei rufe ich in Erinnerung, dass Google bei den mobilen Browsern offensiv versucht, die Firefox-User aus dem Browser in die eigene App abzuwerben.

    Die Forderung ist einfach: Gleiche Resultate in allen Browsern

    Dass sich die Resultate unterscheiden, werte ich als Anzeichen für eine weitergehende Ungleichbehandlung. Was Google mit ihr bezweckt und wie schlimm sie ist, lässt sich anhand dieses Tests hier nicht erhärten. Aber bekanntlich hat Google eine Vorgeschichte und eine angeschlagene Reputation: Der Konzern halte bei der Websuche eine Monopolstellung und habe diese auf illegale Weise ausgenutzt, urteilte ein US-Gericht im letzten Jahr. Anfang September brummte die EU-Kommission Google eine Milliardenbusse auf.

    Hier ein zweiter Vergleich, der nur die Resultate bis 2024 berücksichtigt – sodass keine ganz neuen Ergebnisse das Resultat verzerren sollten. Auch hier zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede allein anhand der Bilder. Unterschiede gibt es auch bei der Reihenfolge und inhaltlich: Der Link zum WDR von Firefox fehlt bei Chrome, dafür findet sich dort ein Verweis auf ein Buch des Nord-Süd-Verlags und auf die AG Theater Rämibühl. Chrome hat auch einen exklusiven Verweis auf Spotify; wiederum nur bei Firefox findet sich ein Link zu Disney+. Immerhin: Die Zahl der Resultate ist in beiden Fällen gleich (356).

    Bei dieser Strafe geht es zwar um das Werbegeschäft und nicht um die Suchmaschine. Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob im Licht dieser Geschäftspraktiken die vorliegenden Beobachtungen nicht als Indiz für weitere Verfehlungen zu werten sind. Wie auch immer: An Sundar Pichais Stelle nähme ich die klare Haltung der Justiz zum Anlass, vorsichtiger zu agieren und den Entscheid von Nutzerinnen und Nutzern für einen alternativen Browser zu respektieren.

    Fussnoten

    1) Ich verwende dieses Beispiel nicht aus Egomanie, sondern weil ich Treffer über mich besser beurteilen kann als zu einem anderen Thema, bei dem ich weniger gut über die laufenden Aktivitäten im Bilde bin. ↩

    Beitragsbild: Bei Google klarzusehen, ist schwierig bis unmöglich (Maik Winnecke, Unsplash-Lizenz).

    #browser #chrome #onlineshit #firefox #googologie #suchmaschine #wochenkommentar

  26. Es könnte sein, dass die Google-Suche manche User benachteiligt

    Die Google-Suche ist kaputt und keiner merkt es: Das war mein Befund im August 2023. Er basierte auf der Tatsache, dass im Firefox-Browser nur wenige Suchresultate zugänglich sind. Meistens umfasst die Liste der Links nur eine einzige Seite. Das sind rund vierzig bis siebzig Treffer in Fällen, bei denen das Web Tausende passender Sites bereithält.

    Das ist ein echtes Problem. Wir können nicht davon ausgehen, dass Google so gewichtet, wie wir es tun würden. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, dass ein wichtiges Resultat nicht auf der ersten, sondern erst auf der zweiten, dritten oder fünften Seite zu finden ist. Doch da diese Inhalte nicht aufgeführt werden, können wir sie nicht überprüfen: Google gaukelt uns vor, sie seien inexistent.

    Auch die nicht-personalisierten Resultate weisen Unterschiede auf

    Hat bei Google irgendjemand diesen Missstand bemerkt? Wurde das Problem in den letzten zwei Jahren eventuell sogar behoben? Anfang Oktober machte ich die Probe aufs Exempel und stellte fest: Nein, keineswegs. Die Sache ist im Gegenteil  noch schlimmer – oder sagen wir: dubioser – geworden.

    Lasst mich das anhand eines Beispiels erklären. Es bezieht sich auf eine Suche nach meinem Namen¹, zeitlich beschränkt auf die letzten sieben Tage. Google offeriert seit Ende 2024 die Option, die Personalisierung abzuschalten, was ich für mein Experiment natürlich tue. Denn ist die Personalisierung aktiv, fallen die Resultate in verschiedenen Browsern zwangsläufig unterschiedlich aus, da die gespeicherten Nutzerinteressen nicht identisch sind. Mit der neutralen Voreinstellung dürfen wir erwarten, dass Google in Firefox und in Chrome identische Listen liefert.

    Ist das der Fall?

    Auf den ersten Blick ähnliche Resultate: Firefox links, Google Chrome rechts.

    Erstaunlicherweise nicht. Wir konstatieren im Gegenteil beträchtliche Unterschiede:

    • Es gibt Abweichungen beim Layout. Der Hinweis der Personalisierung erscheint bei Firefox prominenter als bei Chrome.
    • Die Bilder werden unterschiedlich platziert.
    • Und vor allem zeigt Chrome eine Navigation mit insgesamt vier Trefferseiten. Klickt man auf Weiter, wird bereits die zweite Seite als letzte angegeben; die Seiten drei und vier verschwinden auf mysteriöse Weise. Dennoch gibt uns Chrome zehn weitere Links, die bei Firefox fehlen.

    Wir halten fest, dass Chrome mehr als doppelt so viele Resultate bereitstellt wie Firefox. Das ist eine klare, massive Benachteiligung des Konkurrenz-Browsers.

    Diskrepanzen sind ferner bei den aufgeführten Links selbst zu beobachten:

    • Es gibt sieben Treffer, die übereinstimmend in beiden Listen vorkommen:
      meine Website Clickomania mit der Start- und der Autorenseite, mein Facebook- und mein Twitter-Account, meine Alltags-Tipps zur KI beim  «Tagesanzeiger» sowie der Artikel zur ChatGPT-Kindersicherung aus dem «Tagi».
    • Zwei Treffer sind nur in der Liste von Firefox enthalten:
      die KI-Alltags-Tipps bei der «Berner Zeitung» und eine Veranstaltung der Kirche Marburg, in der ein Namensvetter von mir erwähnt wird.
    • Zwei andere Treffer tauchen nur bei Chrome auf:
      die Kindersicherung von ChatGPT in der «Berner Zeitung» und ein KI-FAQ von Kollega Zeier.

    Was Google treibt, ist unfair und undurchsichtig

    Sind diese Abweichungen von Bedeutung? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Qualitativ halte ich die Resultate für vergleichbar. Müsste ich mich entscheiden, würde ich einen leichten Vorteil bei Firefox orten: Die Artikel in dieser Liste stehen in engerem Bezug zu meinem Namen (bzw. zu dem meines Namensvetters), während Chrome zwei Treffer auf Artikel liefert, in denen ich lediglich bei den Verweisen auf ähnliche Artikel am Ende der jeweiligen Veröffentlichungen vorkomme.

    Trotzdem beurteile ich diesen Befund kritisch. Ich führe grundsätzliche Überlegungen ins Feld: Es kann nicht angehen, dass Firefox-Nutzerinnen und -Nutzer bei der Menge der Resultate benachteiligt werden. Es ist inakzeptabel, dass dieses Problem nach zwei Jahren nicht beseitigt wurde. Nebenbei rufe ich in Erinnerung, dass Google bei den mobilen Browsern offensiv versucht, die Firefox-User aus dem Browser in die eigene App abzuwerben.

    Die Forderung ist einfach: Gleiche Resultate in allen Browsern

    Dass sich die Resultate unterscheiden, werte ich als Anzeichen für eine weitergehende Ungleichbehandlung. Was Google mit ihr bezweckt und wie schlimm sie ist, lässt sich anhand dieses Tests hier nicht erhärten. Aber bekanntlich hat Google eine Vorgeschichte und eine angeschlagene Reputation: Der Konzern halte bei der Websuche eine Monopolstellung und habe diese auf illegale Weise ausgenutzt, urteilte ein US-Gericht im letzten Jahr. Anfang September brummte die EU-Kommission Google eine Milliardenbusse auf.

    Hier ein zweiter Vergleich, der nur die Resultate bis 2024 berücksichtigt – sodass keine ganz neuen Ergebnisse das Resultat verzerren sollten. Auch hier zeigen sich bemerkenswerte Unterschiede allein anhand der Bilder. Unterschiede gibt es auch bei der Reihenfolge und inhaltlich: Der Link zum WDR von Firefox fehlt bei Chrome, dafür findet sich dort ein Verweis auf ein Buch des Nord-Süd-Verlags und auf die AG Theater Rämibühl. Chrome hat auch einen exklusiven Verweis auf Spotify; wiederum nur bei Firefox findet sich ein Link zu Disney+. Immerhin: Die Zahl der Resultate ist in beiden Fällen gleich (356).

    Bei dieser Strafe geht es zwar um das Werbegeschäft und nicht um die Suchmaschine. Dennoch drängt sich mir die Frage auf, ob im Licht dieser Geschäftspraktiken die vorliegenden Beobachtungen nicht als Indiz für weitere Verfehlungen zu werten sind. Wie auch immer: An Sundar Pichais Stelle nähme ich die klare Haltung der Justiz zum Anlass, vorsichtiger zu agieren und den Entscheid von Nutzerinnen und Nutzern für einen alternativen Browser zu respektieren.

    Fussnoten

    1) Ich verwende dieses Beispiel nicht aus Egomanie, sondern weil ich Treffer über mich besser beurteilen kann als zu einem anderen Thema, bei dem ich weniger gut über die laufenden Aktivitäten im Bilde bin. ↩

    Beitragsbild: Bei Google klarzusehen, ist schwierig bis unmöglich (Maik Winnecke, Unsplash-Lizenz).

    #browser #chrome #onlineshit #firefox #googologie #suchmaschine #wochenkommentar

  27. Affinity, die kostenlose gestalterische Allzweckwaffe

    Seit gut zehn Jahren ist Affinity eine interessante Adobe-Alternative. Ende Oktober gewann sie nochmals deutlich an Attraktivität: Der Entwickler teilte mit, die Software sei per sofort gratis für alle zu haben – nämlich unter affinity.studio (936 MB für Mac, 622 MB für Windows).

    Ist das eine tolle Nachricht? Oder eine, die uns misstrauisch stimmen sollte? Die Erfahrung zeigt, dass die Tech-Konzerne nicht aus reiner Herzensgüte agieren. Meistens steht hinter dem Geschenk die strategische Überlegung, uns auf den Geschmack zu bringen – um dann, wenn die Software unverzichtbar geworden ist, den Preis kräftig anzuziehen.

    Nun, das Versprechen auf der Website lautet «free forever». Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass nach der Zeitrechnung eines Tech-Konzerns die Ewigkeit verfrüht und abrupt endet. In dem Fall bin ich allerdings geneigt, dem Versprechen zu glauben. Wie in diesem Artikel analysiert, ist es der neue Eigentümer, der die Software verschenkt. Am 26. März 2024 übernahm Canva den britischen Entwickler Serif.

    Ein hehres Versprechen von Affinity

    Das australische Unternehmen dürfte die Software dazu verwenden, die Mac- und Windows-User an die Gestaltungsplattform heranzuführen. Das ist eine vernünftige Strategie, da die Bedeutung der klassischen Desktop-Programme ohnehin abnimmt. Auch Adobe sucht das Heil in einer Verzahnung von klassischen Apps der Wolke, die dort Creative Cloud heisst. Canva gibt überdies das Versprechen ab, Affinity für Schulen und gemeinnützige Organisationen kostenlos zu halten und die fairen und erschwinglichen Preise für unbefristete Lizenzen (also keine Abos) beizubehalten.

    Eine unbestreitbare Stärke des «Pixel»-Moduls: die non-destruktive Bearbeitung mit Anpassungsebenen.

    Natürlich hängt es von der persönlichen Vertrauensbereitschaft ab, wie sehr wir gewillt sind, solchen Beteuerungen zu glauben. Nach bald 35 Jahren Tech-Journalismus gebe ich mich keinen Illusionen hin. Eine komplette Kehrtwende halte ich für unwahrscheinlich. Darum habe ich den Plan gefasst, die wirklich nicht mehr zumutbare Creative Suite 6, die ich als Protest gegen Adobes Abomodell noch immer verwende, abzulösen.

    Ist es eine gute Idee, drei Programme zu einem zu verschmelzen?

    Aber wie gut klappt der Umstieg?

    Eine bemerkenswerte Neuerung an der neuen Affinity-Anwendung ist die Tatsache, dass hier drei Apps zu einer verschmolzen wurden. Bisher verwendete (und bezahlte) man Affinity Designer, Affinity Photo und Affinity Publisher separat – nun stecken sie alle unter einer Oberfläche. In der Menüleiste erscheinen die drei Rubriken Vektor (entspricht Designer), Pixel (Photo) und Layout (Publisher) plus als Ergänzung Canva AI. Dort generieren wir, wenig überraschend, Bilder per KI. Und das dürfte auch das Tor sein, über das die Desktop-Anwender an die Online-Plattform herangeführt werden sollen.

    Doch noch gefunden: Der Dialog für die Textverdrängung im «Layout»-Modul.

    Ich gebe zu, dass ich sehr skeptisch war (und bin), ob diese Integration funktioniert. Illustration, Bildbearbeitung und Layout sind zwar alles kreative Tätigkeiten.  Doch im Detail unterscheiden sie sich stark. Kommt hinzu, dass jede Anwendung für sich komplex genug ist, dass es gute Gründe gäbe, sie weiterhin separat zu halten. Das Gegenargument lautet, dass die Trennung nicht mehr der modernen Arbeitsweise entspricht: Es hat Vorteile, wenn ein im Layout platziertes Foto optimiert und nachbearbeitet werden kann, ohne die Anwendung zu wechseln. Umgekehrt kann ein Foto mit dem vollen Funktionsumfang des Layoutprogramms mit Textelementen verziehrt oder mit Vektorobjekten geschmückt werden. Das erlaubt flexibles Arbeiten.

    Eine af-Datei ist eine Wundertüte

    Nach einigen Gehversuchen ist mein Eindruck, dass man sich an diesen universellen Ansatz gewöhnen kann.

    Die grösste Hürde scheint mir das Dateimanagement zu sein. Beim klassischen Ansatz verwenden wir eine Reihe von separaten Typen, die sich wesentlich in den Funktionen unterscheiden, aber an der Endung eindeutig zu erkennen sind:

    • Es gibt die Bausteine wie die Vektorgrafik (etwa svg bzw. ai in der Adobe-Welt) oder Bilddateien wie jpg und png: Sie enthalten ein einzelnes Motiv.
    • Die Layoutdatei (indd) hat eine Containerfunktion und fasst viele dieser Elemente in einem längeren Dokument zusammen.

    Bei Affinity gibt es nur ein Format mit der Endung af. Sie lässt keinen Rückschluss auf die Art des Inhalts zu. Das könnte zu akuter Verwirrung führen. Was passiert, wenn wir eine Bilddatei in einem Standardformat öffnen, bearbeiten und speichern? Erhalten wir wiederum eine JPG-Datei? Oder wird als af gesichert, das als proprietäres Format nicht tauglich fürs Web oder für den Datenaustausch ist?

    Entscheidend ist, was hinten rauskommt – hier entweder ein JPG oder eine af-Datei.

    Ein Versuch ergibt Folgendes: Falls wir Änderungen vornehmen, die sich im Ursprungsformat nicht abbilden lassen – zum Beispiel bei einer JPG-Datei eine Korrekturebene hinzufügen –, müssen wir uns entscheiden, ob wir eine reduzierte Version oder ein neues Dokument speichern wollen. Im ersten Fall wird die ursprüngliche JPG-Datei überschrieben, im zweiten erhalten wir eine af-Datei.

    Das Matroschka-Prinzip von Affinity

    Da man einer Datei nicht ansieht, was sie enthält, kann es natürlich passieren, dass eine af-Datei mit einer komplexen Gestaltung innerhalb einer separaten Satzdatei platziert wird. Das hat zur Folge, dass das erste Layout innerhalb des zweiten als Bild erscheint. Beim Doppelklick wird es als eingebettetes Element geöffnet und lässt sich bearbeiten – die Älteren unter uns werden sich an Microsofts fabulöse Object Linking and Embedding-Technologie erinnert fühlen.

    Fazit: Ich erlaube mir kein abschliessendes Urteil, ob ich mit dieser kostenlosen, universellen Gestaltungswaffe zurechtkomme. Meine grösste Schwierigkeit bei der Angewöhnung ist nicht die Schuld von Affinity, sondern meine starke Prägung auf die Adobe-Produkte. Ich arbeite seit bald dreissig Jahren mit Photoshop und Indesign. Dort finde ich mich zurecht, und zwar annähernd blind. Demgegenüber habe ich den Eindruck, bei Affinity blind im Nebel zu stochern. Meistens finde ich innert nützlicher Frist, was ich suche – doch manchmal dauert es über Gebühr lang.

    Beim Bilder-Optimieren fürs Web hat der Uralt-Photoshop die Nase vorn.Der Exportdialog von Affinity: Mehr Formate, aber weniger Optionen für PNGs mit Palette.

    Adobe-Umsteiger kommen nicht umhin, einige Kröten zu schlucken

    Zum Beispiel dieses Ding, das bei Indesign Konturenführung heisst: Es ist dazu da, dass der Text im Layout von einem Objekt wie einem Bild oder einer Grafik verdrängt wird und das umfliesst. Ich habe ewig und drei Tage gesucht, um es im Modul Layout unter Text > Textumbruch > Einstellungen für den Textumbruch zu finden – und mich dann zu ärgern, dass ich eine normale Dialogbox zu sehen bekomme und kein Panel, das ich mit den anderen Panels am rechten Rand anordnen kann.

    Ich vermisse auch den ausgeklügelten Für Web speichern-Dialog von Photoshop, die Aktionen und Scripts. Und natürlich die Kompatibilität zu meinen alten Indesign-Dateien – der Import ist nur via IDML möglich.

    Beitragsbild: Affinity im Modus «Vektor» – auch der Superwoman gewachsen.

    #publisher #wochenkommentar

  28. Affinity, die kostenlose gestalterische Allzweckwaffe

    Seit gut zehn Jahren ist Affinity eine interessante Adobe-Alternative. Ende Oktober gewann sie nochmals deutlich an Attraktivität: Der Entwickler teilte mit, die Software sei per sofort gratis für alle zu haben – nämlich unter affinity.studio (936 MB für Mac, 622 MB für Windows).

    Ist das eine tolle Nachricht? Oder eine, die uns misstrauisch stimmen sollte? Die Erfahrung zeigt, dass die Tech-Konzerne nicht aus reiner Herzensgüte agieren. Meistens steht hinter dem Geschenk die strategische Überlegung, uns auf den Geschmack zu bringen – um dann, wenn die Software unverzichtbar geworden ist, den Preis kräftig anzuziehen.

    Nun, das Versprechen auf der Website lautet «free forever». Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass nach der Zeitrechnung eines Tech-Konzerns die Ewigkeit verfrüht und abrupt endet. In dem Fall bin ich allerdings geneigt, dem Versprechen zu glauben. Wie in diesem Artikel analysiert, ist es der neue Eigentümer, der die Software verschenkt. Am 26. März 2024 übernahm Canva den britischen Entwickler Serif.

    Ein hehres Versprechen von Affinity

    Das australische Unternehmen dürfte die Software dazu verwenden, die Mac- und Windows-User an die Gestaltungsplattform heranzuführen. Das ist eine vernünftige Strategie, da die Bedeutung der klassischen Desktop-Programme ohnehin abnimmt. Auch Adobe sucht das Heil in einer Verzahnung von klassischen Apps der Wolke, die dort Creative Cloud heisst. Canva gibt überdies das Versprechen ab, Affinity für Schulen und gemeinnützige Organisationen kostenlos zu halten und die fairen und erschwinglichen Preise für unbefristete Lizenzen (also keine Abos) beizubehalten.

    Eine unbestreitbare Stärke des «Pixel»-Moduls: die non-destruktive Bearbeitung mit Anpassungsebenen.

    Natürlich hängt es von der persönlichen Vertrauensbereitschaft ab, wie sehr wir gewillt sind, solchen Beteuerungen zu glauben. Nach bald 35 Jahren Tech-Journalismus gebe ich mich keinen Illusionen hin. Eine komplette Kehrtwende halte ich für unwahrscheinlich. Darum habe ich den Plan gefasst, die wirklich nicht mehr zumutbare Creative Suite 6, die ich als Protest gegen Adobes Abomodell noch immer verwende, abzulösen.

    Ist es eine gute Idee, drei Programme zu einem zu verschmelzen?

    Aber wie gut klappt der Umstieg?

    Eine bemerkenswerte Neuerung an der neuen Affinity-Anwendung ist die Tatsache, dass hier drei Apps zu einer verschmolzen wurden. Bisher verwendete (und bezahlte) man Affinity Designer, Affinity Photo und Affinity Publisher separat – nun stecken sie alle unter einer Oberfläche. In der Menüleiste erscheinen die drei Rubriken Vektor (entspricht Designer), Pixel (Photo) und Layout (Publisher) plus als Ergänzung Canva AI. Dort generieren wir, wenig überraschend, Bilder per KI. Und das dürfte auch das Tor sein, über das die Desktop-Anwender an die Online-Plattform herangeführt werden sollen.

    Doch noch gefunden: Der Dialog für die Textverdrängung im «Layout»-Modul.

    Ich gebe zu, dass ich sehr skeptisch war (und bin), ob diese Integration funktioniert. Illustration, Bildbearbeitung und Layout sind zwar alles kreative Tätigkeiten.  Doch im Detail unterscheiden sie sich stark. Kommt hinzu, dass jede Anwendung für sich komplex genug ist, dass es gute Gründe gäbe, sie weiterhin separat zu halten. Das Gegenargument lautet, dass die Trennung nicht mehr der modernen Arbeitsweise entspricht: Es hat Vorteile, wenn ein im Layout platziertes Foto optimiert und nachbearbeitet werden kann, ohne die Anwendung zu wechseln. Umgekehrt kann ein Foto mit dem vollen Funktionsumfang des Layoutprogramms mit Textelementen verziehrt oder mit Vektorobjekten geschmückt werden. Das erlaubt flexibles Arbeiten.

    Eine af-Datei ist eine Wundertüte

    Nach einigen Gehversuchen ist mein Eindruck, dass man sich an diesen universellen Ansatz gewöhnen kann.

    Die grösste Hürde scheint mir das Dateimanagement zu sein. Beim klassischen Ansatz verwenden wir eine Reihe von separaten Typen, die sich wesentlich in den Funktionen unterscheiden, aber an der Endung eindeutig zu erkennen sind:

    • Es gibt die Bausteine wie die Vektorgrafik (etwa svg bzw. ai in der Adobe-Welt) oder Bilddateien wie jpg und png: Sie enthalten ein einzelnes Motiv.
    • Die Layoutdatei (indd) hat eine Containerfunktion und fasst viele dieser Elemente in einem längeren Dokument zusammen.

    Bei Affinity gibt es nur ein Format mit der Endung af. Sie lässt keinen Rückschluss auf die Art des Inhalts zu. Das könnte zu akuter Verwirrung führen. Was passiert, wenn wir eine Bilddatei in einem Standardformat öffnen, bearbeiten und speichern? Erhalten wir wiederum eine JPG-Datei? Oder wird als af gesichert, das als proprietäres Format nicht tauglich fürs Web oder für den Datenaustausch ist?

    Entscheidend ist, was hinten rauskommt – hier entweder ein JPG oder eine af-Datei.

    Ein Versuch ergibt Folgendes: Falls wir Änderungen vornehmen, die sich im Ursprungsformat nicht abbilden lassen – zum Beispiel bei einer JPG-Datei eine Korrekturebene hinzufügen –, müssen wir uns entscheiden, ob wir eine reduzierte Version oder ein neues Dokument speichern wollen. Im ersten Fall wird die ursprüngliche JPG-Datei überschrieben, im zweiten erhalten wir eine af-Datei.

    Das Matroschka-Prinzip von Affinity

    Da man einer Datei nicht ansieht, was sie enthält, kann es natürlich passieren, dass eine af-Datei mit einer komplexen Gestaltung innerhalb einer separaten Satzdatei platziert wird. Das hat zur Folge, dass das erste Layout innerhalb des zweiten als Bild erscheint. Beim Doppelklick wird es als eingebettetes Element geöffnet und lässt sich bearbeiten – die Älteren unter uns werden sich an Microsofts fabulöse Object Linking and Embedding-Technologie erinnert fühlen.

    Fazit: Ich erlaube mir kein abschliessendes Urteil, ob ich mit dieser kostenlosen, universellen Gestaltungswaffe zurechtkomme. Meine grösste Schwierigkeit bei der Angewöhnung ist nicht die Schuld von Affinity, sondern meine starke Prägung auf die Adobe-Produkte. Ich arbeite seit bald dreissig Jahren mit Photoshop und Indesign. Dort finde ich mich zurecht, und zwar annähernd blind. Demgegenüber habe ich den Eindruck, bei Affinity blind im Nebel zu stochern. Meistens finde ich innert nützlicher Frist, was ich suche – doch manchmal dauert es über Gebühr lang.

    Beim Bilder-Optimieren fürs Web hat der Uralt-Photoshop die Nase vorn.Der Exportdialog von Affinity: Mehr Formate, aber weniger Optionen für PNGs mit Palette.

    Adobe-Umsteiger kommen nicht umhin, einige Kröten zu schlucken

    Zum Beispiel dieses Ding, das bei Indesign Konturenführung heisst: Es ist dazu da, dass der Text im Layout von einem Objekt wie einem Bild oder einer Grafik verdrängt wird und das umfliesst. Ich habe ewig und drei Tage gesucht, um es im Modul Layout unter Text > Textumbruch > Einstellungen für den Textumbruch zu finden – und mich dann zu ärgern, dass ich eine normale Dialogbox zu sehen bekomme und kein Panel, das ich mit den anderen Panels am rechten Rand anordnen kann.

    Ich vermisse auch den ausgeklügelten Für Web speichern-Dialog von Photoshop, die Aktionen und Scripts. Und natürlich die Kompatibilität zu meinen alten Indesign-Dateien – der Import ist nur via IDML möglich.

    Beitragsbild: Affinity im Modus «Vektor» – auch der Superwoman gewachsen.

    #publisher #wochenkommentar

  29. Grokipedia ist die falsche Lösung für ein inexistentes Problem

    Braucht es Grokipedia? Das ist eine Alternative zu Wikipedia, die Elon Musk am Montag an den Start brachte. Es ist kein Geheimnis, warum sich dieser viel beschäftigte Mann mit einem vergleichsweise nebensächlichen Projekt aufhält: Er mag das Online-Lexikon nicht. Vor zwei Jahren nannte er es «Dickipedia» und «Wokipedia». Und er forderte den Gründer Jimmy Wales auf, den vermuteten Linksdrall zu korrigieren.

    Zur Beurteilung müssen wir zwei Dinge klären:

    1. Ist Wikipedia tatsächlich links?
    2. Und falls ja, liesse sich das durch ein rechtes Gegenstück ausgleichen?

    Wikimedia bekennt sich ausdrücklich zur Neutralität. Erst kürzlich hat die Stiftung hinter dem Lexikon sie als einen von drei Grundpfeilern für vertrauenswürdige Informationen aufgezählt. Die beiden anderen sind die Überprüfbarkeit und die Forderung, dass Wikipedia selbst keine Forschung betreibt, sondern sich auf Primärquellen stützt.

    Es gibt Kritik an der Neutralität

    Ob dieser Pfeiler wirklich trägt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Amercian Economic Association überprüfte 2012 28’000 Lexikoneinträge und stellte eine Bevorzugung demokratischer Positionen fest, die über die Zeit jedoch abnahm. Das Manhattan Institute, ein konservativer Thinktank, konstatierte, Personen rechtsideologischer Ausrichtung kämen auf Wikipedia tendenziell schlecht weg. Und Pluspedia.org kritisiert die Linkslastigkeit in Wikipedia in einem langen Artikel. Allerdings ist diese Plattform ein expliziter Gegenentwurf zum «von seinen Idealen abgefallenen» Vorbild.

    Was die Textwüsten-haftigkeit angeht, schlägt Grokipedia (links) Wikipedia (rechts) um Längen. Und es fällt bei Grokipedia auf dass jeder Abschnitt gleich lang ist und drei Absätze hat.

    Es fällt auf, dass die Kritik von Institutionen kommt, die selbst nicht unbedingt neutral sind. Angesichts der Grösse von Wikipedia – es gibt inzwischen über 64 Millionen Einträge und ungefähr 100’000 Autoren und Autorinnen – scheint mir die Grundlage für den Vorwurf extrem dünn. Die Selbstkorrekturmechanismen greifen. Denn erinnern wir uns: Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs können heftig ausfallen, wie das Beispiel der Relevanzkriterien belegt.

    Ein Widerspruch in sich

    Also: Ein rechtes Gegenstück wäre hilfreich, wenn Wikipedia sich offiziell zu einer linken Ideologie bekennen würde oder es einen unwiderlegbaren Beweis dafür gäbe, dass die Wikimedia-Stiftung das Neutralitätsgebot systematisch und schwerwiegend verletzt. Da das nicht der Fall ist, erscheint Grokipedia als Trotzreaktion darauf, dass Jimmy Wales 2023 nicht auf Elon Musk hörte.

    Vor allem leidet Grokipedia unter einem offensichtlichen Konstruktionsfehler: Denn während Wikipedia sich um Neutralität bemüht, macht Grokipedia aus seiner Rechtslastigkeit keinen Hehl – als ob sich Überparteilichkeit mittels expliziter Parteilichkeit erzeugen liesse.

    Die Antwort auf die Eingangsfrage ist ein klares Nein: Es braucht Grokipedia nicht. Schon gar nicht aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit. Die Beiträge sind extrem unattraktiv. Der Beitrag über die SVP ist fast 80’000 Zeichen lang, ohne ein Bild oder sonst ein auflockerndes Element, das die Lektüre erträglich machen würde. Im Vergleich dazu ist der Wikipedia-Post «bloss» 55’000 Zeichen lang, mit Logos, einigen Bildern, Diagrammen und deutlich angenehmerer Strukturierung.

    Verdikt hier: Elon Musk unternimmt nicht einmal den Versuch zu beweisen, dass die Konkurrentin in Sachen Leserfreundlichkeit und Attraktivität nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Im Gegenteil: Seine Bleiwüste lässt Wikipedia strahlen.

    Eine Alternative des freien Marktes?

    Wenn es Grokipedia nicht braucht, kann man immerhin die Ansicht vertreten, dass die Existenz dieser Plattform nicht schadet. Das ist die Position von Ronnie Grob, der sich gern für liberale bis libertäre Anliegen in die Bresche wirft:

    Auch Elon Musk möchte nicht in einer Welt leben, wo es nur noch Grokipedia gibt. Toll ist doch vielmehr, wenn der freie Markt Alternativen erzeugt. Warum gleich so reserviert darauf reagieren?

    Damit sind wir beim entscheidenden Unterschied zwischen Wiki- und Grokipedia. Von wegen freier Markt. Das erste haben Hunderttausende Menschen in Freiwilligenarbeit erzeugt. Das zweite ist das Resultat einer hyperaktiven KI. Musk trägt seinen Teil dazu bei, den KI-Anteil im Netz zu erhöhen. Das schadet dem Netz, aber nicht Wikipedia. Ganz im Gegenteil. Es erhöht den Wert von authentischen, menschengemachten Inhalten, die Idealen wie Neutralität nicht immer gerecht werden – deren gesellschaftlicher Wert aber unverkennbar und unbestritten ist.

    Beitragsbild: Wenn Elon uns die Welt erklärt, dann stehen die Fakten Kopf (Bluesnap, Pixabay-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Wikipedia #Wochenkommentar
  30. Grokipedia ist die falsche Lösung für ein inexistentes Problem

    Braucht es Grokipedia? Das ist eine Alternative zu Wikipedia, die Elon Musk am Montag an den Start brachte. Es ist kein Geheimnis, warum sich dieser viel beschäftigte Mann mit einem vergleichsweise nebensächlichen Projekt aufhält: Er mag das Online-Lexikon nicht. Vor zwei Jahren nannte er es «Dickipedia» und «Wokipedia». Und er forderte den Gründer Jimmy Wales auf, den vermuteten Linksdrall zu korrigieren.

    Zur Beurteilung müssen wir zwei Dinge klären:

    1. Ist Wikipedia tatsächlich links?
    2. Und falls ja, liesse sich das durch ein rechtes Gegenstück ausgleichen?

    Wikimedia bekennt sich ausdrücklich zur Neutralität. Erst kürzlich hat die Stiftung hinter dem Lexikon sie als einen von drei Grundpfeilern für vertrauenswürdige Informationen aufgezählt. Die beiden anderen sind die Überprüfbarkeit und die Forderung, dass Wikipedia selbst keine Forschung betreibt, sondern sich auf Primärquellen stützt.

    Es gibt Kritik an der Neutralität

    Ob dieser Pfeiler wirklich trägt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Amercian Economic Association überprüfte 2012 28’000 Lexikoneinträge und stellte eine Bevorzugung demokratischer Positionen fest, die über die Zeit jedoch abnahm. Das Manhattan Institute, ein konservativer Thinktank, konstatierte, Personen rechtsideologischer Ausrichtung kämen auf Wikipedia tendenziell schlecht weg. Und Pluspedia.org kritisiert die Linkslastigkeit in Wikipedia in einem langen Artikel. Allerdings ist diese Plattform ein expliziter Gegenentwurf zum «von seinen Idealen abgefallenen» Vorbild.

    Was die Textwüsten-haftigkeit angeht, schlägt Grokipedia (links) Wikipedia (rechts) um Längen. Und es fällt bei Grokipedia auf dass jeder Abschnitt gleich lang ist und drei Absätze hat.

    Es fällt auf, dass die Kritik von Institutionen kommt, die selbst nicht unbedingt neutral sind. Angesichts der Grösse von Wikipedia – es gibt inzwischen über 64 Millionen Einträge und ungefähr 100’000 Autoren und Autorinnen – scheint mir die Grundlage für den Vorwurf extrem dünn. Die Selbstkorrekturmechanismen greifen. Denn erinnern wir uns: Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs können heftig ausfallen, wie das Beispiel der Relevanzkriterien belegt.

    Ein Widerspruch in sich

    Also: Ein rechtes Gegenstück wäre hilfreich, wenn Wikipedia sich offiziell zu einer linken Ideologie bekennen würde oder es einen unwiderlegbaren Beweis dafür gäbe, dass die Wikimedia-Stiftung das Neutralitätsgebot systematisch und schwerwiegend verletzt. Da das nicht der Fall ist, erscheint Grokipedia als Trotzreaktion darauf, dass Jimmy Wales 2023 nicht auf Elon Musk hörte.

    Vor allem leidet Grokipedia unter einem offensichtlichen Konstruktionsfehler: Denn während Wikipedia sich um Neutralität bemüht, macht Grokipedia aus seiner Rechtslastigkeit keinen Hehl – als ob sich Überparteilichkeit mittels expliziter Parteilichkeit erzeugen liesse.

    Die Antwort auf die Eingangsfrage ist ein klares Nein: Es braucht Grokipedia nicht. Schon gar nicht aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit. Die Beiträge sind extrem unattraktiv. Der Beitrag über die SVP ist fast 80’000 Zeichen lang, ohne ein Bild oder sonst ein auflockerndes Element, das die Lektüre erträglich machen würde. Im Vergleich dazu ist der Wikipedia-Post «bloss» 55’000 Zeichen lang, mit Logos, einigen Bildern, Diagrammen und deutlich angenehmerer Strukturierung.

    Verdikt hier: Elon Musk unternimmt nicht einmal den Versuch zu beweisen, dass die Konkurrentin in Sachen Leserfreundlichkeit und Attraktivität nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Im Gegenteil: Seine Bleiwüste lässt Wikipedia strahlen.

    Eine Alternative des freien Marktes?

    Wenn es Grokipedia nicht braucht, kann man immerhin die Ansicht vertreten, dass die Existenz dieser Plattform nicht schadet. Das ist die Position von Ronnie Grob, der sich gern für liberale bis libertäre Anliegen in die Bresche wirft:

    Auch Elon Musk möchte nicht in einer Welt leben, wo es nur noch Grokipedia gibt. Toll ist doch vielmehr, wenn der freie Markt Alternativen erzeugt. Warum gleich so reserviert darauf reagieren?

    Damit sind wir beim entscheidenden Unterschied zwischen Wiki- und Grokipedia. Von wegen freier Markt. Das erste haben Hunderttausende Menschen in Freiwilligenarbeit erzeugt. Das zweite ist das Resultat einer hyperaktiven KI. Musk trägt seinen Teil dazu bei, den KI-Anteil im Netz zu erhöhen. Das schadet dem Netz, aber nicht Wikipedia. Ganz im Gegenteil. Es erhöht den Wert von authentischen, menschengemachten Inhalten, die Idealen wie Neutralität nicht immer gerecht werden – deren gesellschaftlicher Wert aber unverkennbar und unbestritten ist.

    Beitragsbild: Wenn Elon uns die Welt erklärt, dann stehen die Fakten Kopf (Bluesnap, Pixabay-Lizenz).

    #DerOnlineShitDerWoche #ElonMusk #Wikipedia #Wochenkommentar
  31. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  32. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  33. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  34. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  35. Die unfassbare Nibelungentreue der Twitter-Community

    Wie steht es um Twitter? Genau vor drei Jahren, am 28. Oktober 2022 vollzog Elon Musk seine Übernahme. Als Konsequenz erlebten erst Mastodon und dann Bluesky Zulauf. War es ein Exodus, wie damals postuliert? Drei Jahre später ist die Verrohung auf der Plattform nicht zu leugnen. Trotzdem harren manche aus.

    Wie gross ist der Anteil dieser Nibelungen-Getreuen? Von Musk ist auf diese Frage keine verlässliche Antwort zu erwarten. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, selbst eine Stichprobe zu nehmen. Diese Chance verdanke ich diesem Blog hier: Am 1. Oktober 2009 zählte ich dreissig meiner Lieblings-Twitterer auf¹. Das waren engagierte Nutzerinnen und Nutzer, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, dass viele Leute – ich inklusive – den Kurznachrichtendienst als eingeschworene, unterhaltsame und sinnstiftende Community wahrnahmen.

    Wie steht es 16 Jahre später um diese Accounts? Ich habe sie (genau am 1. Oktober 2025) der Reihe nach aufgerufen, das Datum der letzten Wortmeldung erfasst und eine Einteilung in die Kategorien aktiv, sporadisch aktiv, eingeschlafen und gelöscht vorgenommen². Das ist das Resultat:

    Wie aktiv die Lieblings-Twitterer von 2009 heute noch sind.

    Knapp ein Fünftel ist noch am Ball und ein weiters Fünftel schaut gelegentlich vorbei. Deutlich mehr als die Hälfte (62 Prozent) hat sich verabschiedet. Das lässt sich genauso gut positiv wie negativ werten:

    • Wer Elon Musk wohlgesonnen ist, wird herausstreichen, dass sich diese Fluktuation in einem völlig normalen Rahmen bewegt. Niemand kann erwarten, dass das Engagement für eine Plattform über 16 Jahre stabil bleibt.
    • Doch es handelt sich hier um eine besondere Nutzergruppe, nämlich um Leute, die damals mit Engagement und Herzblut bei der Sache waren. Immerhin ein Drittel hat ihre Aktivitäten nicht nur zurückgefahren, sondern den Account gelöscht und die Brücken zu dieser Vergangenheit abgebrochen. Und das ist eine klare Misstrauensbekundung.

    Die Aussteigerrate ist seit Elon Musks Übernahme nur leicht angestiegen

    Lässt sich dieser Eindruck auf andere Weise erhärten? Zur Klärung würde beitragen, wenn wir herausfinden, wann ein Account verstummte: Wenn es innerhalb der letzten drei Jahre passierte, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Protesthandlung handelte. Sollte es vorher passiert sein, dann liegt mutmasslich ein anderer Grund vor. Gerade die stillgelegten Accounts wären für diese Einordnung wichtig. Doch leider lässt sich das Löschdatum nicht zuverlässig verifizieren. Ich habe es mit Archive.org probiert, doch diese Methode scheint nicht zuverlässig genug.

    Darum verwende ich stattdessen ein Diagramm, das zeigt, wann der letzte Tweet abgesetzt wurde. Es ergibt folgendes Bild:

    Seit Elon Musks Machtübernahme haben nur wenige Leute aus meiner Ur-Bubble die Segel gestrichen.

    Die grüne Spalte visualisiert die Zahl der Accounts, die 2025 Tweets absetzten; also grob die Leute aus den Kategorien aktiv und sporadisch. Die orangen Spalten repräsentieren die Accounts, die als eingeschlafen gelten. Bei denen ist eine Häufung in den letzten drei Jahren zu beobachten. Allerdings bei einer so dünnen Datenlage, dass wir das nicht überinterpretieren dürfen.

    Nur wenig Schwund in einem Jahrzehnt

    Dieser Befund verstärkt sich bei einer Wiederholung der Analyse mit den Accounts, die vor elf Jahren in diesem Blogpost zum Zug kamen. Das sind die 24 Leute, mit denen ich 2014 am intensivsten interagierte³. Von ihnen ist genau die Hälfte noch aktiv, 29,2 Prozent twittert sporadisch. Lediglich 8,3 Prozent der Accounts sind eingeschlafen und 12,5 Prozent wurden gelöscht.

    Die einflussreichen Twitterer von 2014 sind heute grossmehrheitlich noch immer dabei.

    Das ist ein deutlicher Fingerzeig, dass der Schwund über die Jahre gewichtiger ist als die durch Elon Musk ausgelösten Abgänge. Und auch wenn die Datenlage dünn ist, bin ich beeindruckt, wie enorm gross in meiner Kern-Bubble die Verbundenheit zu Twitter ist. Ob aus Gewohnheit, Nostalgie oder Überzeugung – ein beachtlicher Teil der Nutzerinnen und Nutzer bleibt am Ball. Das kann als fatale, unverständliche Trägheit gewertet werden – und als Mitschuld daran, dass Twitter einen gesellschaftlichen Einfluss ausüben kann, den viele inzwischen als gefährlich taxieren. Denn diese Leute (zu denen ich zähle) stellen sich die Frage, ob es ethisch ist, zu bleiben nicht. Oder sie beantworten sie mit Ja.

    Sind das alles Mitläufer oder Ewiggestrige? Leute, die ihre Reichweite nicht aufgeben wollen? Oder Aktivisten, die ums Verrecken einen positiven Einfluss ausüben müssen? Wenn ich mir diesen Personenkreis ansehe, von dem ich einen signifikanten Anteil persönlich kenne, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Idee hinter Twitter stärker ist als der zerstörerische Einfluss von Musk: Die Leute sind aus einer Mischung aus Überzeugung und Sturheit noch da. Sollte es nach ihnen gehen, ist die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren zwar unwahrscheinlich, aber nicht komplett unbegründet …

    Fussnoten

    1) Um genau zu sein, sind es bloss 29. Der dreissigste Account, den ich damals empfohlen habe, war mein eigener. Für die Analyse klammere ich ihn aus, weil es erstens damals eitel war, ihn in die Liste aufzunehmen, und weil ich sonst die Möglichkeit hätte, das Resultat der Analyse zu beeinflussen. ↩

    2) Als aktiv gilt ein Account, wenn er sich in den letzten dreissig Tagen zu Wort gemeldet hat (das sind noch fünf). Die Kategorie sporadisch weise ich zu, wenn die letzte Wortmeldung weniger als ein Jahr alt ist (sechs Accounts). Falls sie älter als ein Jahr ist, gilt das Twitter-Konto als eingeschlafen (acht Accounts) . Die Kategorie gelöscht verwende ich, wenn es den Account nicht mehr gibt (sechs Accounts) oder der Account zwar noch vorhanden ist, aber keine Inhalte mehr hat (vier Accounts). ↩

    3) Zur Vermeidung von Doppelungen habe ich diejenigen Accounts weggelassen, die bei der Analyse von 2009 zum Zug gekommen ist. ↩

    Beitragsbild: Die Botschaft meiner Twitter-Bubble ist deutlich (Sides Imagery, Pexels-Lizenz).

    #Retro #SozialeMedien #Twitter #Wochenkommentar

  36. Es gibt kein Entrinnen vor Google und Microsoft

    KI-Antworten statt klassischer Suchresultate: Ist das ein Grund, Google zu boykottieren? Selbstverständlich ist das eine persönliche Entscheidung, auch wenn es triftige Gründe für eine Neuorientierung gibt. Als Reaktion auf meine Ausführungen zum Thema gab es eine interessante Reaktion auf Mastodon: Es bringe nichts, auf Bing oder Duck Duck Go umzusteigen, weil man damit – ich paraphrasiere – den Teufel mit dem Beelzebub austreibe.

    Denn in der Tat: Viele der kleinen Suchmaschinen sind nur vermeintlich eine Alternative zum Marktführer. Denn sie funktionieren nicht eigenständig, sondern greifen ebenfalls auf den Google-Index zu. Ein Phänomen, das wir von den Browsern kennen. Die meisten Drittprogramme basieren wie Chrome auf dem von Google entwickelten Open-Source-Browser Chromium: Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave, Comet und Arc, um nur einige zu nennen.

    Die Abhängigkeiten werden komplizierter, aber kaum kleiner

    Das heisst: Leute, die sich einem dieser Produkte zuwenden, um ihre Unabhängigkeit von Google zu verringern, verfehlen ihr Ziel. Zwar bestimmt ein zwischengeschaltetes Unternehmen den Funktionsumfang des Programms. Doch die Marschrichtung wählt noch immer Google. Das zeigt sich bei weitreichenden Eingriffen wie beispielsweise den Schnittstellen, die den Browser-Erweiterungen zur Verfügung stehen.

    Zwischenbemerkung: Allein deswegen ist es bedauerlich, dass Richter Amit Mehta am Bezirksgericht des Districts of Columbia Google neulich nicht zwang, Chrome und Android zu verkaufen.

    Die interessante Frage ist an diesem Punkt: Wie viel Google handeln wir uns bei der Verwendung einer bestimmten alternativen Suchmaschine ein? Das ist nicht einfach zu bestimmen, da die Betreiber kein Interesse haben, das offenzulegen. Diese Information passt schlecht zum Bemühen, sich als Auswahlmöglichkeit zu präsentieren.

    Bing dominiert bei den Google-Alternativen

    Bei der besagten Diskussion auf Mastodon machte mich Raoul René auf einen interessanten Blogpost aufmerksam: Er schlüsselt auf, welcher Index bei den jeweiligen Suchanbietern zum Zug kommt.

    Der Blogpost erwähnt, dass die russische Suchmaschine Yandex teilweise Resultate für Duck Duck Go geliefert habe, diese Zusammenarbeit derzeit jedoch auf Eis liege. Und ergänzt sei, dass die gern empfohlene Suchmaschine Kagi.com zwar eigene Crawler verwendet, aber auf Bing nicht verzichten kann.

    Wir fragen uns an dieser Stelle bang, ob es kein Entrinnen vor Google und Microsoft gibt. Und in der Tat, scheint das unglücklicherweise so zu sein:

    Mojeek betreibt einen eigenen Idex

    Es gibt zwar Anbieter, die eigene Indizes betreiben. Doch die können kaum mit den ganz Grossen mithalten. Als echte, unabhängige Alternativen dürfen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – diese Suchmaschinen gelten:

    Gut zu wissen – aber wir müssten sehr hart gesotten sein, um uns zuzutrauen, mit diesen vier Rechercheinstrumenten über die Runden zu kommen. Sollten wir uns entscheiden wollen, nichts mehr mit Big Tech zu tun haben zu wollen, dann hätten wir allerdings gar keine andere Wahl.

    Bleibt nur, zum Aussteiger zu werden?

    Wir kommen zur Einsicht, dass uns das moderne Leben nicht erlaubt, alle unsere Überzeugungen konsequent durchzusetzen: nie mehr fliegen, nur noch vegan oder gar frutan essen, CO₂-neutral wohnen und Konsum rein nach Kriterien der Nachhaltigkeit, Fairness und Umweltverträglichkeit – dieser Aussteiger-Lifestyle ist unvereinbar mit einem normalen Erwerbs- und Sozialleben. Wir kommen um eine pragmatische Haltung nicht herum. Das heisst: Keine komplette Abnabelung von Microsoft und Google, aber eine Reduktion, mit der wir den Schutz unserer persönlichen Daten merklich verbessern und unsere Abhängigkeit bewusst verringern. Schon das ist gut für uns selbst und ein Zeichen gegen die digitale Monokultur.

    Beitragsbild: Das ist nicht übertrieben (ev, Unsplash-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #Googologie #Suchmaschine #Wochenkommentar

  37. Es gibt kein Entrinnen vor Google und Microsoft

    KI-Antworten statt klassischer Suchresultate: Ist das ein Grund, Google zu boykottieren? Selbstverständlich ist das eine persönliche Entscheidung, auch wenn es triftige Gründe für eine Neuorientierung gibt. Als Reaktion auf meine Ausführungen zum Thema gab es eine interessante Reaktion auf Mastodon: Es bringe nichts, auf Bing oder Duck Duck Go umzusteigen, weil man damit – ich paraphrasiere – den Teufel mit dem Beelzebub austreibe.

    Denn in der Tat: Viele der kleinen Suchmaschinen sind nur vermeintlich eine Alternative zum Marktführer. Denn sie funktionieren nicht eigenständig, sondern greifen ebenfalls auf den Google-Index zu. Ein Phänomen, das wir von den Browsern kennen. Die meisten Drittprogramme basieren wie Chrome auf dem von Google entwickelten Open-Source-Browser Chromium: Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave, Comet und Arc, um nur einige zu nennen.

    Die Abhängigkeiten werden komplizierter, aber kaum kleiner

    Das heisst: Leute, die sich einem dieser Produkte zuwenden, um ihre Unabhängigkeit von Google zu verringern, verfehlen ihr Ziel. Zwar bestimmt ein zwischengeschaltetes Unternehmen den Funktionsumfang des Programms. Doch die Marschrichtung wählt noch immer Google. Das zeigt sich bei weitreichenden Eingriffen wie beispielsweise den Schnittstellen, die den Browser-Erweiterungen zur Verfügung stehen.

    Zwischenbemerkung: Allein deswegen ist es bedauerlich, dass Richter Amit Mehta am Bezirksgericht des Districts of Columbia Google neulich nicht zwang, Chrome und Android zu verkaufen.

    Die interessante Frage ist an diesem Punkt: Wie viel Google handeln wir uns bei der Verwendung einer bestimmten alternativen Suchmaschine ein? Das ist nicht einfach zu bestimmen, da die Betreiber kein Interesse haben, das offenzulegen. Diese Information passt schlecht zum Bemühen, sich als Auswahlmöglichkeit zu präsentieren.

    Bing dominiert bei den Google-Alternativen

    Bei der besagten Diskussion auf Mastodon machte mich Raoul René auf einen interessanten Blogpost aufmerksam: Er schlüsselt auf, welcher Index bei den jeweiligen Suchanbietern zum Zug kommt.

    Der Blogpost erwähnt, dass die russische Suchmaschine Yandex teilweise Resultate für Duck Duck Go geliefert habe, diese Zusammenarbeit derzeit jedoch auf Eis liege. Und ergänzt sei, dass die gern empfohlene Suchmaschine Kagi.com zwar eigene Crawler verwendet, aber auf Bing nicht verzichten kann.

    Wir fragen uns an dieser Stelle bang, ob es kein Entrinnen vor Google und Microsoft gibt. Und in der Tat, scheint das unglücklicherweise so zu sein:

    Mojeek betreibt einen eigenen Idex

    Es gibt zwar Anbieter, die eigene Indizes betreiben. Doch die können kaum mit den ganz Grossen mithalten. Als echte, unabhängige Alternativen dürfen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – diese Suchmaschinen gelten:

    Gut zu wissen – aber wir müssten sehr hart gesotten sein, um uns zuzutrauen, mit diesen vier Rechercheinstrumenten über die Runden zu kommen. Sollten wir uns entscheiden wollen, nichts mehr mit Big Tech zu tun haben zu wollen, dann hätten wir allerdings gar keine andere Wahl.

    Bleibt nur, zum Aussteiger zu werden?

    Wir kommen zur Einsicht, dass uns das moderne Leben nicht erlaubt, alle unsere Überzeugungen konsequent durchzusetzen: nie mehr fliegen, nur noch vegan oder gar frutan essen, CO₂-neutral wohnen und Konsum rein nach Kriterien der Nachhaltigkeit, Fairness und Umweltverträglichkeit – dieser Aussteiger-Lifestyle ist unvereinbar mit einem normalen Erwerbs- und Sozialleben. Wir kommen um eine pragmatische Haltung nicht herum. Das heisst: Keine komplette Abnabelung von Microsoft und Google, aber eine Reduktion, mit der wir den Schutz unserer persönlichen Daten merklich verbessern und unsere Abhängigkeit bewusst verringern. Schon das ist gut für uns selbst und ein Zeichen gegen die digitale Monokultur.

    Beitragsbild: Das ist nicht übertrieben (ev, Unsplash-Lizenz).

    #browser #chrome #datenschutz #googologie #suchmaschine #wochenkommentar

  38. Es gibt kein Entrinnen vor Google und Microsoft

    KI-Antworten statt klassischer Suchresultate: Ist das ein Grund, Google zu boykottieren? Selbstverständlich ist das eine persönliche Entscheidung, auch wenn es triftige Gründe für eine Neuorientierung gibt. Als Reaktion auf meine Ausführungen zum Thema gab es eine interessante Reaktion auf Mastodon: Es bringe nichts, auf Bing oder Duck Duck Go umzusteigen, weil man damit – ich paraphrasiere – den Teufel mit dem Beelzebub austreibe.

    Denn in der Tat: Viele der kleinen Suchmaschinen sind nur vermeintlich eine Alternative zum Marktführer. Denn sie funktionieren nicht eigenständig, sondern greifen ebenfalls auf den Google-Index zu. Ein Phänomen, das wir von den Browsern kennen. Die meisten Drittprogramme basieren wie Chrome auf dem von Google entwickelten Open-Source-Browser Chromium: Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave, Comet und Arc, um nur einige zu nennen.

    Die Abhängigkeiten werden komplizierter, aber kaum kleiner

    Das heisst: Leute, die sich einem dieser Produkte zuwenden, um ihre Unabhängigkeit von Google zu verringern, verfehlen ihr Ziel. Zwar bestimmt ein zwischengeschaltetes Unternehmen den Funktionsumfang des Programms. Doch die Marschrichtung wählt noch immer Google. Das zeigt sich bei weitreichenden Eingriffen wie beispielsweise den Schnittstellen, die den Browser-Erweiterungen zur Verfügung stehen.

    Zwischenbemerkung: Allein deswegen ist es bedauerlich, dass Richter Amit Mehta am Bezirksgericht des Districts of Columbia Google neulich nicht gezwungen hat, Chrome und Android zu verkaufen.

    Die interessante Frage ist nun: Wie viel Google handeln wir uns bei der Verwendung einer bestimmten alternativen Suchmaschine ein? Das ist nicht ganz einfach zu bestimmen, da die Betreiber meist kein Interesse haben, das offenzulegen. Denn diese Information passt schlecht zum Bemühen, sich als Auswahlmöglichkeit zu präsentieren.

    Bing dominiert bei den Google-Alternativen

    Bei der besagten Diskussion auf Mastodon machte mich Raoul René auf einen interessanten Blogpost aufmerksam: Er schlüsselt auf, welcher Index bei den jeweiligen Suchanbietern zum Zug kommt.

    Der Blogpost erwähnt auch, dass die russische Suchmaschine Yandex teilweise auch Resultate für Duck Duck Go geliefert habe, diese Zusammenarbeit derzeit aber auf Eis liege. Und ergänzt sei, dass die gern empfohlene Suchmaschine Kagi.com zwar eigene Crawler verwendet, aber auch Bing nicht verzichten kann.

    Wir fragen uns an dieser Stelle bang, ob es kein Entrinnen vor Google und Microsoft gibt. Und in der Tat, scheint das leider so zu sein:

    Mojeek betreibt einen eigenen Idex

    Es gibt zwar Anbieter, die eigene Indizes betreiben. Doch die können kaum mit den ganz Grossen mithalten. Als echte, unabhängige Alternativen dürfen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – diese Suchmaschinen gelten:

    • Mojeek.com verspricht in den FAQ: «Die Suchergebnisse von Mojeek sind zu hundert Prozent unabhängig. Sie stammen von unserem Crawler (MojeekBot) und unserem Web-Index und werden anhand unserer eigenen Ranking-Algorithmen sortiert.»
    • Brave-Suche verwendet Google, aber nur als Rückfallebene. Das wird so erklärt: «Bei Suchanfragen, für die wir nicht genügend Ergebnisse liefern können, haben Sie die Möglichkeit, dem Brave-Browser zu erlauben, anonym bei Google nach derselben Suchanfrage zu suchen.»
    • Wiby.me indiziert nur Websites, die kein Javascript verwenden.
    • Marginalia verwendet einen eigenen Index und einen Open-Source-Crawler.

    Gut zu wissen – aber wir müssten sehr hartgesotten sein, um uns zuzutrauen, mit diesen vier Rechercheinstrumenten über die Runden zu kommen. Sollten wir uns entscheiden wollen, nichts mehr mit Big Tech zu tun haben zu wollen, dann hätten wir allerdings gar keine andere Wahl.

    Bleibt nur, zum Aussteiger zu werden?

    Wir kommen zur Einsicht, dass uns das moderne Leben nicht erlaubt, alle unsere Überzeugungen konsequent durchzusetzen: nie mehr fliegen, nur noch vegan oder gar frutan essen, CO₂-neutral wohnen und Konsum rein nach Kriterien der Nachhaltigkeit, Fairness und Umweltverträglichkeit – dieser Aussteiger-Lifestyle ist unvereinbar mit einem normalen Erwerbs- und Sozialleben. Wir kommen um eine pragmatische Haltung gar nicht herum. Das heisst: Keine komplette Abnabelung von Microsoft und Google, aber eine Reduktion, mit der wir den Schutz unserer persönlichen Daten merklich verbessern und unsere Abhängigkeit bewusst verringern. Auch das ist gut für uns selbst und ein Zeichen gegen die digitale Monokultur.

    Beitragsbild: Das ist nicht übertrieben (ev, Unsplash-Lizenz).

    #Browser #Chrome #Datenschutz #Googologie #Suchmaschine #Wochenkommentar

  39. Es gibt kein Entrinnen vor Google und Microsoft

    KI-Antworten statt klassischer Suchresultate: Ist das ein Grund, Google zu boykottieren? Selbstverständlich ist das eine persönliche Entscheidung, auch wenn es triftige Gründe für eine Neuorientierung gibt. Als Reaktion auf meine Ausführungen zum Thema gab es eine interessante Reaktion auf Mastodon: Es bringe nichts, auf Bing oder Duck Duck Go umzusteigen, weil man damit – ich paraphrasiere – den Teufel mit dem Beelzebub austreibe.

    Denn in der Tat: Viele der kleinen Suchmaschinen sind nur vermeintlich eine Alternative zum Marktführer. Denn sie funktionieren nicht eigenständig, sondern greifen ebenfalls auf den Google-Index zu. Ein Phänomen, das wir von den Browsern kennen. Die meisten Drittprogramme basieren wie Chrome auf dem von Google entwickelten Open-Source-Browser Chromium: Microsoft Edge, Opera, Vivaldi, Brave, Comet und Arc, um nur einige zu nennen.

    Die Abhängigkeiten werden komplizierter, aber kaum kleiner

    Das heisst: Leute, die sich einem dieser Produkte zuwenden, um ihre Unabhängigkeit von Google zu verringern, verfehlen ihr Ziel. Zwar bestimmt ein zwischengeschaltetes Unternehmen den Funktionsumfang des Programms. Doch die Marschrichtung wählt noch immer Google. Das zeigt sich bei weitreichenden Eingriffen wie beispielsweise den Schnittstellen, die den Browser-Erweiterungen zur Verfügung stehen.

    Zwischenbemerkung: Allein deswegen ist es bedauerlich, dass Richter Amit Mehta am Bezirksgericht des Districts of Columbia Google neulich nicht zwang, Chrome und Android zu verkaufen.

    Die interessante Frage ist an diesem Punkt: Wie viel Google handeln wir uns bei der Verwendung einer bestimmten alternativen Suchmaschine ein? Das ist nicht einfach zu bestimmen, da die Betreiber kein Interesse haben, das offenzulegen. Diese Information passt schlecht zum Bemühen, sich als Auswahlmöglichkeit zu präsentieren.

    Bing dominiert bei den Google-Alternativen

    Bei der besagten Diskussion auf Mastodon machte mich Raoul René auf einen interessanten Blogpost aufmerksam: Er schlüsselt auf, welcher Index bei den jeweiligen Suchanbietern zum Zug kommt.

    Der Blogpost erwähnt, dass die russische Suchmaschine Yandex teilweise Resultate für Duck Duck Go geliefert habe, diese Zusammenarbeit derzeit jedoch auf Eis liege. Und ergänzt sei, dass die gern empfohlene Suchmaschine Kagi.com zwar eigene Crawler verwendet, aber auf Bing nicht verzichten kann.

    Wir fragen uns an dieser Stelle bang, ob es kein Entrinnen vor Google und Microsoft gibt. Und in der Tat, scheint das unglücklicherweise so zu sein:

    Mojeek betreibt einen eigenen Idex

    Es gibt zwar Anbieter, die eigene Indizes betreiben. Doch die können kaum mit den ganz Grossen mithalten. Als echte, unabhängige Alternativen dürfen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – diese Suchmaschinen gelten:

    Gut zu wissen – aber wir müssten sehr hart gesotten sein, um uns zuzutrauen, mit diesen vier Rechercheinstrumenten über die Runden zu kommen. Sollten wir uns entscheiden wollen, nichts mehr mit Big Tech zu tun haben zu wollen, dann hätten wir allerdings gar keine andere Wahl.

    Bleibt nur, zum Aussteiger zu werden?

    Wir kommen zur Einsicht, dass uns das moderne Leben nicht erlaubt, alle unsere Überzeugungen konsequent durchzusetzen: nie mehr fliegen, nur noch vegan oder gar frutan essen, CO₂-neutral wohnen und Konsum rein nach Kriterien der Nachhaltigkeit, Fairness und Umweltverträglichkeit – dieser Aussteiger-Lifestyle ist unvereinbar mit einem normalen Erwerbs- und Sozialleben. Wir kommen um eine pragmatische Haltung nicht herum. Das heisst: Keine komplette Abnabelung von Microsoft und Google, aber eine Reduktion, mit der wir den Schutz unserer persönlichen Daten merklich verbessern und unsere Abhängigkeit bewusst verringern. Schon das ist gut für uns selbst und ein Zeichen gegen die digitale Monokultur.

    Beitragsbild: Das ist nicht übertrieben (ev, Unsplash-Lizenz).

    #browser #chrome #datenschutz #googologie #suchmaschine #wochenkommentar