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#zitatgeschichten — Public Fediverse posts

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  1. „Ich erzählte die Geschichte.“ [Victoria Chang]

    Ich nahm hier einen Stein, dort einen Splitter, ich legte das Mosaik aus all den Bestandteilen, die wirklich geschehen waren. Aber es gab erstaunlich viele Möglichkeiten, die Einzelheiten aneinander zu legen. Jede und jeder von uns konnte aus den identischen Bestandteilen eine vollkommen andere Geschichte erzählen. So verschieden, dass sie kaum wieder zu erkennen waren. Und ich, ich erzählte die Geschichte so wie ich es für richtig hielt. Nicht angemessen oder nützlich, nicht lehrreich oder moralisch, sondern allein so, wie ich sie erzählen wollte.

    #Zitatgeschichten
  2. „Ich möchte jetzt etwas anderes aufschreiben“ [Maurice Blanchot]

    All die traurigen und blassen Gedanken, die sich in die erste Reihe schieben, lasse ich vorbeiziehen, ich nicke ihnen freundlich zu, und bitte sie weiter zu gehen. Denn heute möchte ich etwas anderes aufschreiben. Etwas das tiefer liegt, oder etwas, das aus einer anderen Richtung kommt. Etwas, das meine Zuhörerinnen langweilen darf. Es muss nicht schön sein und nicht erbauend, es muss keine Spannung beinhalten, aber es sollte aufrichtig sein. Denn die wirklich aufrichtigen Gedanken, sind häufig die, die sich in der zweiten Reihe befinden. Sie verstecken sich nicht, das würde gar nicht zu ihnen passen, aber sie haben nur ihre Beharrlichkeit, während die anderen vorlaut sind und auf eine unhinterfragte Art von sich überzeugt, so dass es Geduld braucht, um die anderen, die aufrichtigen Gedanken, wahrzunehmen. Man kann sie so leicht übersehen. Und dann bleibe ich stecken bei diesen Gedanken aus der ersten Reihe, bin seltsam ratlos und spüre nur einen leichten Druck im Rücken, spüre, dass etwas meine Schultern herunterzieht, irgendetwas stimmt nicht, mein Gang ist nicht so, wie er sein sollte. Manchmal richte ich mich dann auf und sage zu mir selbst: „Ich möchte jetzt etwas anderes aufschreiben.“

    #Gedanken #MauriceBlanchot #Zitatgeschichten
  3. „Während der ersten Zeit im Heim war es dem Mädchen so vorgekommen, als versuche es, in ein Wasser einzutauchen.“ [Jenny Erpenbeck]

    Sie steht da, zitternd, der Badeanzug ist zu groß, er wirft Wellen um ihren Körper herum. Sie erinnert sich, sie erinnert sich an frühere Begegnungen mit dem Wasser. Sie erinnert sich, wie ihr Cousin einmal fast untergegangen ist. Wie alle am Ufer standen und mit offenen Mündern und fassungslos zusahen, wie sein Kopf versank, wieder auftauchte, versank. Seine Mutter schrie. Die anderen schwiegen. Er wurde gerettet, ein anderer Badegast barg ihn und brachte ihn zurück ans Ufer. Das Mädchen hatte lange nicht mehr an diese Szene gedacht. Aber jetzt, als es hier steht und sieht wie alle fröhlich im Wasser planschen, während es selbst kaum bis zu den Knien ins Becken gehen kann. Welche Überwindung es sie kostet, kann niemand nachvollziehen. Ohnehin will hier niemand nachvollziehen, was dem Mädchen welchen Preis abverlangt. Jede und jeder hat hier seine eigene Geschichte. Und keine davon wiegt leicht oder schwebt über dem Wasser. Alle sind schwer und eigentlich nicht teilbar. Außer vielleicht mit dem Wasser und so versucht sie tapfer ein weiteres Mal ins Wasser einzutauchen.

    #Geschichte #Wasser #Zitatgeschichten
  4. „Sie schwankt.“ [Hélène Cixous]

    Einmal zieht es sie nach rechts, dann wieder nach links. Einmal will sie unbedingt dazugehören zu den lustig lärmenden Kindern und ein anderes Mal will sie allein sein mit ihrem Teddybären und dem Blick aus dem Fenster. So schwankt sie ständig zwischen den Möglichkeiten, die dadurch abnehmen, dass sie sich nicht entscheiden kann. Denn einmal laden die Kinder sie ein, ein zweites Mal vielleicht auch. Aber dann verlieren sie das Interesse und sie wird unsichtbar. Dann steht sie, ihren Teddybären unter den Arm geklemmt, vor dem Himmel und Hölle Spiel und hüpft schwankend die Linie hinauf, trifft jedes Feld ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Am Fenster steht die Mutter und sieht zu. Sie zögert, bevor sie die Gardine zuzieht, die das Bild des Kindes ausradiert.

    #Kinder #Schwanken #Spiel #Zitatgeschichten
  5. „Nun ja, es gibt viele Möglichkeiten, gefangengehalten zu werden, denke ich, während ich durchs Moor laufe.“ [Anne Carson]

    Das Moor hält sich schließlich ebenfalls selbst gefangen, so wie meine Gedanken, die immer nur im Kreis hintereinander her laufen. Fangen spielen. Aber ohne die spielerische Komponente. Immer ist alles so ernst. Es ist ein ohnehin unmögliches Fangen spielen, das sie veranstalten, meine Gedanken. Es ist ein rückwärts laufen und dabei versuchen einander zu packen. Es gelingt nicht. Meistens. Wenn es doch gelingt ist es am ärgsten. Dann ist es fast wie durchs Moor zu laufen und die Schritte falsch zu setzen, aber man ist allein. Und versinkt.

    #Gedanken #Moor #Versinken #Zitatgeschichten
  6. „Das Kind stellt keine Fragen.“

    Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

    #Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten
  7. „Ich war in den Wald gegangen, um mich dort in einigen Zweigen zu verwildern.“ [Paul Adler]

    Im Winter war es anders, ich konnte nicht in diesem unglaublichen Grün baden. Stattdessen knirschte der Schnee unter meinen Füßen, dieser Schnee, der den Wald in ein schwarz-weiß Bild verwandelte. So schwarz- weiß, dass ich manchmal fürchtete, das Grün wäre für immer verloren. Trotzdem war auch das besser als die Straßen mit Häusern, mit Passanten und Autolärm, mit Geschäftigkeit und Eile. Hier war ich in den allermeisten Fällen allein. Und immer fand ich früher oder später einen Ast, der mich zum verwildern einlud.

    #Verwildern #Wald #Winter #Zitatgeschichten
  8. „Das Zimmer ist geräumig.“ [Agota Kristof]

    Als ich die Wohnung das erste Mal sah, war das Zimmer, das für mich vorgesehen war, leer. Es schien ungeheuer groß. Hier würde ich alles unterbringen können und dennoch ausreichend Platz haben, um nicht ständig, bei jedem Schritt an Gegenstände und Möbel zu stoßen. „Das Zimmer ist geräumig“ hatte in der Anzeige gestanden. Und das war keine Lüge gewesen. Die Fenster waren groß und gingen nach Süden hinaus. Es war ein schöner lichtdurchfluteter Raum. Aber dann kamen meine Möbel, meine Bücher, meine kleinen und großen Gegenstände. Und alles schien zu schrumpfen und sich zu verdunkeln. Ich saß auf meinem Bett und konnte es nicht fassen. Es war als hätte sich der helle Raum in eine dunkle Höhle verwandelt und als Marie später in der Tür zu meinem Zimmer stand, sagte sie mit echtem Mitgefühl in der Stimme: „Es ist wirklich so, die Dunkelheit folgt dir, wohin du auch gehst.“

    #Dunkelheit #Räume #Zitatgeschichten
  9. „Am Anfang war der Regen.“ [Valeria Narbikova]

    Sie ist besessen von Reihenfolgen. Bei ihr gibt es nichts, das nicht zunächst geordnet und in Reihenfolgen gepresst wird. Also muss auch das Wetter einer Reihenfolge gehorchen. Und, hat sie entschieden, den Anfang macht der Regen. „Warum?“, frage ich sie. Sie lacht mich an, zuckt mit den Schultern, sagt: „Vielleicht wegen der Sintflut?“ „Verstehe ich nicht“, sage ich und sie wird etwas ernster. Wir schweigen eine Weile. „Warum überhaupt immer diese Reihenfolgen?“, frage ich. „Warum muss immer einer den Anfang machen, warum nicht einfach alle zusammen?“ Sie zögert, sie bleibt sogar kurz stehen, ich sehe förmlich wie sie nachdenkt. „Ja,“ sagt sie, „du hast Recht, ist eigentlich viel schöner, dann gibt es sogar einen Regenbogen, wenn Regen und Sonne gleichzeitig da sind.“ Sie macht eine Pause. Vermutlich, damit ich meinen kurzen und nur vermeintlichen Sieg ein wenig auskosten kann. „Aber“, sagt sie dann, „am Anfang war der Regen. Dann erst kam die Sonne dazu.“

    #Anfang #Regen #Reihenfolgen #Sonne #Zitatgeschichten
  10. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  11. „Immer, wenn er im erwachsenen Alter gefragt wird, behauptet er fast monoton, dass er den Vater nicht vermisst.“ [Per Olov Enquist]

    „Fehlt Dir Dein Vater denn nicht?“ Immer wieder diese Frage. „Ich habe ihn ja gar nicht gekannt“, sage ich dann. Und eine Welle ungeahnter Traurigkeit überkommt mich. Kurz darauf werde ich wütend. Was geht es diese fremden Menschen an, wen ich vermisse, wer mir fehlt und mit welchen Leerstellen ich aufgewachsen bin. Trotzig recke ich das Kinn nach vorn und wechsle das Thema. Gerade weil ich weiß, dass mein Gegenüber eigentlich gerne über die eigenen Eltern sprechen möchte, dass diese Frage nur ein Türöffner sein sollte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber nein, tut mir leid, denke ich, behaltet eure Geschichten für euch. Ich bin heute nicht als Zuhörerin zu haben.

    #Vater #Vermissen #Zitatgeschichten #Zuhörerin
  12. „Stimmen der Geister, der Halbtoten erklingen. Was tut man damit? Fast geht man unter.“ [Ulrike Draesner]

    Ich habe verlernt, wie man Gespräche führt. Ich höre zu und nicke, ich vergesse sofort, was der andere gesagt hat. Die Stimmen der Geister sind das einzige, das mich erreicht. Mit ihnen führe ich auch keine Gespräche. Aber ich höre ihnen zu. Der Versuch, sie zu ignorieren, sie mit anderen Dingen zu übertönen ist gescheitert. Also höre ich zu. Was merkwürdig ist, unheimlich und tröstend zugleich, ist die Tatsache, dass ich kein Wort von dem verstehe, was sie sagen. Ich höre die einzelnen Worte. Vollkommen klar, auch die Sätze ergeben scheinbar und oberflächlich einen Sinn. Aber sobald ich versuche, wirklich darüber nachzudenken, in so etwas wie ein Gespräch einzutreten, stelle ich fest, dass ich wirklich überhaupt nichts verstanden habe. Dann stelle ich mir vor, wie die Geister schmunzeln, wie sie einander zuflüstern und noch ein wenig breiter grinsen. Aber auch diese Mimik kann ich nicht deuten.

    #Geister #Gespräche #Verständnis #Zitatgeschichten
  13. „Sie präsentierte ihre blau bemalten, schamlos zitternden Lider.“ [Peter Nadás]

    Immer noch, seit ich sie kannte, und ich kannte sie immerhin schon seit Jahrzehnten, achtete sie auf ihr Äußeres. Sie war nie ungepflegt. Ich hatte sie nie ungeschminkt gesehen. Die Art wie sie sich schminkte war vielleicht ein wenig expressiv geworden in den letzten Jahren, aber das merkte man nur, wenn man sie kannte, wenn man den Vergleich ziehen konnte zu der Art und Weise, wie sie sich früher geschminkt hatte. Für mich jedoch, die diesen Vergleich ziehen konnte, war unübersehbar, dass sie langsam die Kontrolle verlor, dass diese Beherrschung, für die ich sie immer so bewundert hatte, langsam verloren ging. Das Blau ihres Lidschattens war ein wenig zu schrill und es betonte, wie wenig sie das Zittern im Griff hatte. Ihre Lider flatterten wie sehr ängstliche Vögelchen. Dieses Zittern war für eine wie sie nahezu schamlos.

    #Kontrolle #schamlos #Zitatgeschichten #Zittern
  14. „Er starb wenige Tage später.“ [Eliot Weinberger]

    Es schneite, es taute, es schneite erneut. Ich war nicht sicher, ob ich angesichts dieser Wetteraussichten wirklich fahren sollte. Ich war eine ordentliche Autofahrerin, aber keine, die Herausforderungen suchte. Ich sprach mit meiner Mutter, ich rief meine Schwester an. Er wäre enttäuscht, sagten sie, aber das soll dich nicht beeinflussen. Natürlich musst du zu Hause bleiben, wenn du das Gefühl hast, die Fahrt könnte dich überfordern. Und wenn du den Zug nimmst? Also hatte ich mich zusammengerissen, hatte die Scheiben frei geschaufelt, ein kurzes Stoßgebet gen Himmel geschickt, und tatsächlich, der Schnee blieb aus, es fror auch nicht. Es war eine ganz normale Fahrt. Ich geriet nicht einmal in einen Stau. Pünktlich klingelte ich an seiner Tür. Er hatte sich rasiert, trug nicht nur einen Anzug, sondern auch die Krawatte, die ich ihm Weihnachten geschenkt hatte. Wir tranken Kaffee, er freute sich über den Kuchen, den ich mitgebracht hatte, auch wenn er nur wie ein Vögelchen daran pickte. Wir sprachen über das Wetter, über die Straßenverhältnisse, über Mutter und meine Schwester. Wir sprachen über Belanglosigkeiten, aber die Zeit verging schnell. Zum Abschied umarmten wir uns ungewöhnlich lange.

    Wenige Tage später war er tot.

    #Abschied #Wetter #Zeit #Zitatgeschichten
  15. „Solche Häuser sind eine Geschichte für sich.“ [Zsuzsanna Gahse]

    Es gab dieses Haus am Ende der Straße, das uns magisch anzog. Es war ganz anders, obwohl es genau so aussah wie all die anderen Häuser. Beiger Beton, braunes Dach, Tür, Klingelschilder, Fenster. Aber auf den Klingelschildern waren keine Namen. Und trotzdem gingen dort Menschen ein und aus. Ein alter Mann mit einem zerfurchten Gesicht, eine Frau, die ständig ein Kind auf der Hüfte trug. Niemand redete über die Menschen in diesem Haus. Alle hatten sich darauf geeinigt, sie zu übersehen. Und tatsächlich waren sie eines Tage spurlos verschwunden. Nur das Haus kannte ihre Geschichte. Aber es würde sie nicht preisgeben.

    #Geschichten #Häuser #Zitatgeschichten
  16. „Es war nicht eingeplant, dass sie sich wundern.“

    Die Frau packt Kisten ein, sie packt andere wieder aus. Sie räumt und ordnet, sie sortiert und faltet. Schließlich verliert sie den Überblick. Es ist zu viel. Nicht nur die Kisten und losen Gegenstände auf dem Dachboden. Nicht nur die Anrufe, die noch gemacht werden müssen, die An- und Abmeldungen, sondern alles. Sie selbst ist sich zu viel. Es ist zu viel, übrig zu bleiben. Es ist zu viel verlangt, funktionieren zu müssen. Es ist alles zu viel, weil es alternativlos an ihr hängt. Nach einem halben Tag ein- und ausräumen, beginnt sie die Telefonate zu erledigen. Das Schlimmste ist, wenn Menschen auf die Nachricht vom Tod der Mutter antworten: „Ach, ich dachte, sie wäre längst schon tot.“ Jede Reaktion hatte sie sich vorstellen können, aber nicht das.

    #Mutter #Tod #Zitatgeschichten
  17. „Es ist aussichtslos.“ [Jutta Reichelt]

    Ich stellte mir das Leben, oder vielmehr den Überblick über mein Leben, immer ein wenig so vor, wie eine Wanderung auf einen Gipfel. Ganz oben angekommen, würde ich durch eine wundervolle Aussicht für die Anstrengungen des Aufstiegs belohnt. Ich könnte sowohl die Vergangenheit erkennen, die Wege, die ich zurück gelegt hatte, die Umwege die ich gegangen war, auch die Sackgassen in denen ich manchmal vor die Wand gelaufen war, als auch die Zukunft, die vor mir lag. Breite Straßen, auf denen es sich bequem vorwärts kommen ließ, unwegsame Strecken, die dennoch zu meistern wären. Aber dann, als ich die Lebensmitte erreicht hatte, und also den vorgestellten Gipfel, war alles trüb und verhangen. Von Aussicht keine Spur.

    #Aussicht #Lebensmitte #Zitatgeschichten
  18. „Er hing viel zu Hause herum und hat neben dem Haushalt vor allem irgendwelche Serien und Filme geschaut.“ [Wolfram Lotz]

    Wir waren eher locker befreundet. Vielleicht kann man es nicht einmal befreundet nennen. Er stand manchmal vor der Tür und bat mich um Brot, Milch, Salz, irgendetwas, das er vergessen hatte. Er hatte ständig etwas vergessen. Ich gab ihm Brot, Milch und Salz und fragte ihn nicht, warum er so häufig etwas vergaß. Denn er vergaß ja nicht mir Brot, Milch und Salz bei Gelegenheit zurückzubringen. Merkwürdig war nur, dass ihm dann etwas anderes fehlte. Schreiben Sie sich doch einfach alle Dinge auf, die Sie brauchen, bevor Sie einkaufen gehen, sagte ich nachdem das Leihen und Zurückbringen bereits monatelang lief, sich regelrecht etabliert hatte. Danach ist er nie wieder aufgetaucht, ich hörte wie er bis spät in die Nacht Filme und Serien schaute, die Wände waren sehr dünn, aber ich bin ihm nicht einmal im Treppenhaus begegnet. Und offenbar fehlte ihm danach nie wieder etwas.

    #Fehlen #Vergessen #Zitatgeschichten
  19. „Kichern wie ein Riesling.“ [Monika Rinck]

    Vor ihr standen fünf Gläser aufgereiht. Weinprobe. Mit verschiedenen Weinen aus Discountern, und sich selbst in der Doppelrolle als Winzerin und Weintesterin. Prost, sagte sie zu sich, und probierte den ersten Wein. Scheußlich, sagte sie, den kann ich erst trinken, wenn ich bereits betrunken bin. Es gab verschiedene Standorte in die der Wein, je nach Qualität, angeordnet wurde. Sie hatte Kerzen angezündet und alles so feierlich wie möglich gestaltet. Es war eine ernste und festliche Angelegenheit, den Wein zu finden, der kicherte. So wie damals, als sie noch in Gesellschaft echte Weinproben besuchte. Als das Kichern des Riesling unbeschwert war und leicht. Als es keine Haushaltsbücher gab, die penibel geführt werden mussten, um hier und da einen Cent zu sparen. Aber wer war sie, dass sie aufgeben würde? Und schließlich fand sie es immer wieder dieses Kichern wie ein Riesling.

    #Kichern #Riesling #Weinprobe #Zitatgeschichten
  20. „Hänsel hatte seinen Schirm vergessen.“

    Als der Regen immer heftiger wurde, suchte Hänsel in seinem Rucksack, der leicht war jetzt, nachdem er all die Kieselsteine verteilt hatte. Brotkrumen hatten wir gelernt, würden wir selbst brauchen, wenn der Hunger kam, damit wir nicht auf irgendwelche Zuckerbäckereien hineinfielen. „Da ist nichts“, sagte er. „Ich habe nur ein paar Krümel im Rucksack, sonst ist er leer“. Dabei hatte Hänsel einen sehr schönen Schirm, er war voller Wolken, aber nicht solchen aus denen der Regen fiel, sondern weiße Schäfchenwolken, hinter denen die Sonne hervorlugte. Ich fürchtete, dass es ein schlechtes Zeichen war, dass er den Schirm vergessen hatte. Dass wir nass wurden war das eine, aber diese Befürchtung machte mir die Schritte noch schwerer, und schließlich blieb ich stehen.

    #Hänsel #Schirm #Wolken #Zitatgeschichten
  21. „Der Morgen traf ein.“

    Wie ein lang erwarteter Gast traf der Morgen ein. Ich hatte schon Stunden im Bett gelegen und auf ihn gewartet, weil der Schlaf sich vertagt hatte, er hätte heute keinen Termin mehr frei, hatte er mich wissen lassen, aber morgen, morgen Nacht würde er bestimmt auch zu mir kommen. Es gibt sicher Menschen, die ihn nötiger haben, hatte ich gedacht, aber es wäre schon nett gewesen, wenn er dann wenigstens meine Müdigkeit mitgenommen hätte, zu den Menschen, die wichtiger waren. So war das Warten auf den Morgen doch ein wenig unerquicklich. Aber dann traf der Morgen ein und ich betrat ihn müde und unausgeruht, aber voller Hoffnung auf eine neue Nacht.

    #Morgen #Schlaf #Zitatgeschichten
  22. „Ich besitze drei Katzen und werde demnächst sterben.“ [Valeria Luiselli]

    Die Katzen waren plötzlich da, wie Vorboten des Todes. Sie werden also wissen, worauf sie sich eingelassen haben, dachte ich. Inzwischen sind sie mir ans Herz gewachsen, ich betrachte sie nicht länger als Leichenfledderer, als berechnende Kreaturen. Woher hätten sie wissen sollen, dass meine Krankheit mich sehr bald schon zur Strecke bringen würde? Dennoch ist es merkwürdig, dass sie zu dritt erschienen sind, wie die drei Nornen. Manchmal versuche ich sie zuzuordnen, welche benimmt sich wie die Vergangenheit? Welche sieht aus wie die Zukunft, und welche von ihnen ist ganz und gar Gegenwart? Ich komme jeden Tag zu anderen Antworten. Aber am wichtigsten ist vielleicht: ich fürchte mich weniger vor dem bevorstehenden Sterben, seit die Katzen da sind. Genau drei. Ich besitze sie so wenig wie meinen Tod, oder mein Leben. Aber wir teilen eine besondere Zeit, eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unheimliche Weise ineinanderfließen, so dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

    #Katzen #Nornen #Sterben #Zitatgeschichten
  23. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  24. „Schwarze Bänke stehen wie Noten gruppiert, darauf Schnee und eine Frau, die raucht.“ [Anna Kaleri]

    Weil die Bänke so perfekt angeordnet sind, als hätte jemand versucht den Anfang eines Liedes darzustellen, fällt es ihr schwer, sich für eine Bank zu entscheiden. Dieser Teil der Gruppe, wäre irgendwie überbetont, tonangebend. Das ist falsch. Aber sie ist müde. Erschöpft. Lange ist sie durch den Wald gestapft, bis sie vollends die Orientierung verloren hatte und nur durch Zufall, per Glück, hier gelandet ist. In einem Park mit Bänken auf denen Schnee liegt. Fast widerwillig (ihr Sinn für Ästhetik gegen die Bedürfnisse ihres Körpers) schaufelt sie auf einer der Bänke eine kleine Fläche frei, setzt sich und zündet mit steifen Händen eine Zigarette an. Die Vögel scheinen dagegen zu protestieren. Es kommt ihr wie ein Einspruch vor, als sie auf den Ästen landen, die daraufhin anfangen neuen Schnee zu produzieren. Der Schnee, der sich bereits gelegt hatte, fliegt wieder auf. So ist es auch mit mir, denkt die Frau, ich sitze hier, aber der Rauch den ich ausstoße vermischt sich mit der guten klaren Luft, erhebt sich über mich und meine lächerlichen Bedürfnisse. Und verschwindet.

    #Bank #Frau #Gedanken #Schnee #Vögel #Zitatgeschichten
  25. „Die Krone einer ausufernden Weide spiegelt sich im Fluss, als sähe man ihre Wurzeln darin.“ [Anna Kaleri]

    Wo beginnt das eine und wo endet das andere? Der Himmel gespiegelt im Wasser. Oben und unten durcheinander gebracht. Warum heißen die ausufernden Äste, ganz oben im Baum zusammengeballt, Kronen? fragt das 70jährige Kind seine Eltern, die wie immer beharrlich schweigen. Eine Konstante im Leben des Kindes ist dieses Schweigen, das es immer brechen wollte. Eine Zeitlang hat es gequengelt, dann aufbegehrt, aber das Schweigen blieb standhaft. Das Schweigen stand wie eine Mauer zwischen dem Kind und den Eltern. Dann sind die Eltern gestorben und auch ein Teil des Kindes ist damals gestorben. Aber jetzt steht es hier in der Blüte seiner 70 Lebensjahre und beginnt wieder Fragen zu stellen. Wenn die Eltern nicht antworten, denkt es, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, frage ich eben den Fluss. Und der Fluss antwortet, indem er die Krone so spiegelt, als wäre sie eine Wurzel. Und das Kind versteht.

    #Frage #Kind #Krone #Spiegelung #Wurzeln #Zitatgeschichten
  26. Ich will noch nicht nach Hause gehen | #Zitatgeschichten

    Alle Tische sind abgeräumt, der Tresen glänzt und die Stühle auf den Tischen geben den Boden frei. Ein paar Bierdeckel und Fritten dekorieren den Boden. Nur Olga sitzt noch da. Wie immer ist sie die Letzte. Und wie immer diskutiert sie mit der Wirtin um weitere Minuten im schummrigen Licht. Viel hat sie nicht getrunken. Ein Bier reicht viele Stunden. Sie nuschelt.

    sofasophia.blogda.ch/2026/01/2

  27. Ich will heute nur noch zwei Dinge – und dann muss ich mich hinlegen. Bin so erschöpft von den letzten wenig erholsamen Nächten.

    1.) Therapietagebuchschreiben und 2.) bei den #Zitatgeschichten weiterbloggen.

    Zu erstem: Meine ADHS-Ärztin hat eine genaue Anamnese durchgeführt, was die von mir als nicht mehr groß fühlbare Wirkung meines MPH betrifft und nun werden wir demnächst mit Elvanse weitergehen, also testen, ob es für mich funktioniert.

    #ADHS #MPH #Elvanse

  28. Ich will heute nur noch zwei Dinge und dann muss ich mich hinlegen.

    Therapietagebuch schreiben und bei den #Zitatgeschichten weiterbloggen.
    Bin so erschöpft von den letzten wenig erholsamen Nächten.

  29. „Das Kind ist voller Bewunderung“ (Per Olov Enquist)

    Angefüllt mit Bewunderung ist das Kind. Es steht und staunt. Es betet seine Mutter an. Ich wünschte ich hätte Erinnerungen dieser Art. Denn ganz sicher hat es diese Phase auch in meiner Kindheit gegeben. Aber wir können uns nicht aussuchen an was wir uns erinnern, und was aus dem Gedächtnis verschwindet. Wir sind diesem seltsamen Mechanismus ausgeliefert, der uns Erinnerungen ausspuckt, die wir gar nicht haben wollen, während er andere einfach geschluckt hat und offenbar so gründlich verdaut, dass nicht einmal ein Zipfel davon zu erhaschen ist. Dann denken wir uns etwas aus. Erfinden. Erfinden die Bewunderung statt sie zu empfinden. Und wer weiß, vielleicht, wenn die Geschichte die die Erinnerung ersetzen soll, gut ist, überzeugt sie uns selbst und wir empfinden also die Bewunderung, die wir zuvor erfunden haben.

    #Bewunderung #Erinnerung #Kind #Mutter #Zitatgeschichten
  30. „Du hast neben mir gesessen.“ | #Zitatgeschichten

    Du neben mir. Meine Hand in deiner. Das Atmen fällt schwer. Ich blinzle die Tränen weg, obwohl sie nie besser passten. Dass ich nicht allein bin, hier, dass du mich hältst … Nie war ich dankbarer. ---------------------
    Die Aufgabe: Ich setze einen irgendwo aufgeschnappten Satz in die Titelzeile. Darunter schreibe ich, was meinen Fingern und meinem Hirn zu diesem Satz einfällt.

    sofasophia.blogda.ch/2026/01/1

  31. „Du hast neben mir gesessen und für mich ins Englische übersetzt, damals, als ich noch kaum Deutsch konnte.“ (Priya Basil)

    Weil du so beharrlich gewesen bist und gleichzeitig unaufdringlich, weil du getan hast, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass du mich überallhin begleitest und die seltsame Sprache, die für mich aus nicht viel mehr als Lauten bestand, in eine andere Sprache überführt hast, die ich verstehen konnte, nur deswegen bin ich niemals auf die Idee gekommen, du hättest mir alles Mögliche erzählen können, das Gegenteil dessen, was gesagt wurde oder etwas ganz anders, was nichts mit dem Gesagten zu tun hatte. Ich kannte dich ja damals kaum, du hast dieses Angebot gemacht, auf eine Weise, die mir keine Wahl zu lassen schien, es war weniger ein Angebot als ein: so machen wir das jetzt. Und erst mit meinen eigenen Sprachkenntnissen ist das Vertrauen gewachsen. Trotzdem hatte ich diesen Gedanken, dass ich vollkommen abhängig war von dir, nie. Hanna sagte gestern nach einigen Gläsern Wein: Hast du nie befürchtet, er könnte irgendeinen Blödsinn erzählen und gar nicht wirklich übersetzen was dein Gegenüber gesagt hat? Das war tatsächlich das erste Mal, dass diese Möglichkeit überhaupt auftauchte und sie war etwas, das ich niemals in Betracht gezogen hätte. Andererseits kommen mir im Nachhinein einige Situationen seltsam vor. Wir waren beim Arzt. Die Diagnose war nicht lebensbedrohlich aber doch ernst, aber eure Gesichtsausdrücke waren nicht im mindesten ernst. Vielleicht ist das so in dieser Kultur habe ich damals gedacht. Ich werde mir die Unterlagen und Befunde jetzt noch einmal ansehen, ich fürchte Hanna hat gestern einen Virus verbreitet, den ich nicht so einfach wieder loswerden kann.

    #Übersetzen #Zitatgeschichten #Zweifel
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