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#zitatgeschichten — Public Fediverse posts

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  1. „Das Kind stellt keine Fragen.“

    Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

    #Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten
  2. „Das Kind stellt keine Fragen.“

    Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

    #Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten
  3. „Das Kind stellt keine Fragen.“

    Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

    #Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten
  4. „Das Kind stellt keine Fragen.“

    Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Es hat dunkle Haare und einen früher neugierigen, jetzt traurigen, Blick. Es steht eigentlich immer in einer Ecke. Das erste wonach es sucht, wenn es einen Raum betritt, ist eine freie Ecke. Findet es sie, entspannt es sich ein wenig, sind alle Ecken voll gestellt, gerät es in Panik. Am Morgen klingelt es an der Tür, die Tante kommt herein, auch der Großvater, alle sind blass und tragen schwarze Kleider. Sie stehen kurz zusammen, niemand blickt sich um, niemand sieht, dass das Kind in der Ecke steht. Dann gehen sie. Und das Kind stellt keine Fragen.

    #Ecken #Fragen #Kind #Zitatgeschichten
  5. „Das Zimmer ist geräumig.“ [Agota Kristof]

    Als ich die Wohnung das erste Mal sah, war das Zimmer, das für mich vorgesehen war, leer. Es schien ungeheuer groß. Hier würde ich alles unterbringen können und dennoch ausreichend Platz haben, um nicht ständig, bei jedem Schritt an Gegenstände und Möbel zu stoßen. „Das Zimmer ist geräumig“ hatte in der Anzeige gestanden. Und das war keine Lüge gewesen. Die Fenster waren groß und gingen nach Süden hinaus. Es war ein schöner lichtdurchfluteter Raum. Aber dann kamen meine Möbel, meine Bücher, meine kleinen und großen Gegenstände. Und alles schien zu schrumpfen und sich zu verdunkeln. Ich saß auf meinem Bett und konnte es nicht fassen. Es war als hätte sich der helle Raum in eine dunkle Höhle verwandelt und als Marie später in der Tür zu meinem Zimmer stand, sagte sie mit echtem Mitgefühl in der Stimme: „Es ist wirklich so, die Dunkelheit folgt dir, wohin du auch gehst.“

    #Dunkelheit #Räume #Zitatgeschichten
  6. „Am Anfang war der Regen.“ [Valeria Narbikova]

    Sie ist besessen von Reihenfolgen. Bei ihr gibt es nichts, das nicht zunächst geordnet und in Reihenfolgen gepresst wird. Also muss auch das Wetter einer Reihenfolge gehorchen. Und, hat sie entschieden, den Anfang macht der Regen. „Warum?“, frage ich sie. Sie lacht mich an, zuckt mit den Schultern, sagt: „Vielleicht wegen der Sintflut?“ „Verstehe ich nicht“, sage ich und sie wird etwas ernster. Wir schweigen eine Weile. „Warum überhaupt immer diese Reihenfolgen?“, frage ich. „Warum muss immer einer den Anfang machen, warum nicht einfach alle zusammen?“ Sie zögert, sie bleibt sogar kurz stehen, ich sehe förmlich wie sie nachdenkt. „Ja,“ sagt sie, „du hast Recht, ist eigentlich viel schöner, dann gibt es sogar einen Regenbogen, wenn Regen und Sonne gleichzeitig da sind.“ Sie macht eine Pause. Vermutlich, damit ich meinen kurzen und nur vermeintlichen Sieg ein wenig auskosten kann. „Aber“, sagt sie dann, „am Anfang war der Regen. Dann erst kam die Sonne dazu.“

    #Anfang #Regen #Reihenfolgen #Sonne #Zitatgeschichten
  7. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  8. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  9. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  10. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  11. Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor.“ [Ilse Aichinger]

    Der Wecker hat geklingelt. Ist ausgestellt worden. Hat wieder geklingelt. Sie versucht es wirklich. Jeden Tag mit all der ihr verbliebenen Kraft. Dem Willen, den sie noch aufbringen kann. Der arme Wecker, denkt sie manchmal. Wie muss er sich fühlen? Überflüssig oder ohnmächtig. Er klingelt ja immerzu vergebens. Und sie will wirklich aufstehen, sie will den Tag zu einer vernünftigen Uhrzeit beginnen, sie will Struktur. Aber es geht nicht. „Die Decke ist schwer wie eine Grabplatte aus Marmor“, liest sie bei Ilse Aichinger, und jetzt hat diese Unfähigkeit, jetzt hat die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen, wenigstens Worte, einen Ausdruck, der nichts leichter macht, aber immerhin mitteilbar.

    #Wecker #Zitatgeschichten
  12. „Immer, wenn er im erwachsenen Alter gefragt wird, behauptet er fast monoton, dass er den Vater nicht vermisst.“ [Per Olov Enquist]

    Fehlt Dir Dein Vater denn nicht?“ Immer wieder diese Frage. „Ich habe ihn ja gar nicht gekannt“, sage ich dann. Und eine Welle ungeahnter Traurigkeit überkommt mich. Kurz darauf werde ich wütend. Was geht es diese fremden Menschen an, wen ich vermisse, wer mir fehlt und mit welchen Leerstellen ich aufgewachsen bin. Trotzig recke ich das Kinn nach vorn und wechsle das Thema. Gerade weil ich weiß, dass mein Gegenüber eigentlich gerne über die eigenen Eltern sprechen möchte, dass diese Frage nur ein Türöffner sein sollte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber nein, tut mir leid, denke ich, behaltet eure Geschichten für euch. Ich bin heute nicht als Zuhörerin zu haben.

    #Vater #Vermissen #Zitatgeschichten #Zuhörerin
  13. „Immer, wenn er im erwachsenen Alter gefragt wird, behauptet er fast monoton, dass er den Vater nicht vermisst.“ [Per Olov Enquist]

    Fehlt Dir Dein Vater denn nicht?“ Immer wieder diese Frage. „Ich habe ihn ja gar nicht gekannt“, sage ich dann. Und eine Welle ungeahnter Traurigkeit überkommt mich. Kurz darauf werde ich wütend. Was geht es diese fremden Menschen an, wen ich vermisse, wer mir fehlt und mit welchen Leerstellen ich aufgewachsen bin. Trotzig recke ich das Kinn nach vorn und wechsle das Thema. Gerade weil ich weiß, dass mein Gegenüber eigentlich gerne über die eigenen Eltern sprechen möchte, dass diese Frage nur ein Türöffner sein sollte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber nein, tut mir leid, denke ich, behaltet eure Geschichten für euch. Ich bin heute nicht als Zuhörerin zu haben.

    #Vater #Vermissen #Zitatgeschichten #Zuhörerin
  14. „Immer, wenn er im erwachsenen Alter gefragt wird, behauptet er fast monoton, dass er den Vater nicht vermisst.“ [Per Olov Enquist]

    Fehlt Dir Dein Vater denn nicht?“ Immer wieder diese Frage. „Ich habe ihn ja gar nicht gekannt“, sage ich dann. Und eine Welle ungeahnter Traurigkeit überkommt mich. Kurz darauf werde ich wütend. Was geht es diese fremden Menschen an, wen ich vermisse, wer mir fehlt und mit welchen Leerstellen ich aufgewachsen bin. Trotzig recke ich das Kinn nach vorn und wechsle das Thema. Gerade weil ich weiß, dass mein Gegenüber eigentlich gerne über die eigenen Eltern sprechen möchte, dass diese Frage nur ein Türöffner sein sollte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Aber nein, tut mir leid, denke ich, behaltet eure Geschichten für euch. Ich bin heute nicht als Zuhörerin zu haben.

    #Vater #Vermissen #Zitatgeschichten #Zuhörerin
  15. „Stimmen der Geister, der Halbtoten erklingen. Was tut man damit? Fast geht man unter.“ [Ulrike Draesner]

    Ich habe verlernt, wie man Gespräche führt. Ich höre zu und nicke, ich vergesse sofort, was der andere gesagt hat. Die Stimmen der Geister sind das einzige, das mich erreicht. Mit ihnen führe ich auch keine Gespräche. Aber ich höre ihnen zu. Der Versuch, sie zu ignorieren, sie mit anderen Dingen zu übertönen ist gescheitert. Also höre ich zu. Was merkwürdig ist, unheimlich und tröstend zugleich, ist die Tatsache, dass ich kein Wort von dem verstehe, was sie sagen. Ich höre die einzelnen Worte. Vollkommen klar, auch die Sätze ergeben scheinbar und oberflächlich einen Sinn. Aber sobald ich versuche, wirklich darüber nachzudenken, in so etwas wie ein Gespräch einzutreten, stelle ich fest, dass ich wirklich überhaupt nichts verstanden habe. Dann stelle ich mir vor, wie die Geister schmunzeln, wie sie einander zuflüstern und noch ein wenig breiter grinsen. Aber auch diese Mimik kann ich nicht deuten.

    #Geister #Gespräche #Verständnis #Zitatgeschichten
  16. „Sie präsentierte ihre blau bemalten, schamlos zitternden Lider.“ [Peter Nadás]

    Immer noch, seit ich sie kannte, und ich kannte sie immerhin schon seit Jahrzehnten, achtete sie auf ihr Äußeres. Sie war nie ungepflegt. Ich hatte sie nie ungeschminkt gesehen. Die Art wie sie sich schminkte war vielleicht ein wenig expressiv geworden in den letzten Jahren, aber das merkte man nur, wenn man sie kannte, wenn man den Vergleich ziehen konnte zu der Art und Weise, wie sie sich früher geschminkt hatte. Für mich jedoch, die diesen Vergleich ziehen konnte, war unübersehbar, dass sie langsam die Kontrolle verlor, dass diese Beherrschung, für die ich sie immer so bewundert hatte, langsam verloren ging. Das Blau ihres Lidschattens war ein wenig zu schrill und es betonte, wie wenig sie das Zittern im Griff hatte. Ihre Lider flatterten wie sehr ängstliche Vögelchen. Dieses Zittern war für eine wie sie nahezu schamlos.

    #Kontrolle #schamlos #Zitatgeschichten #Zittern
  17. „Er starb wenige Tage später.“ [Eliot Weinberger]

    Es schneite, es taute, es schneite erneut. Ich war nicht sicher, ob ich angesichts dieser Wetteraussichten wirklich fahren sollte. Ich war eine ordentliche Autofahrerin, aber keine, die Herausforderungen suchte. Ich sprach mit meiner Mutter, ich rief meine Schwester an. Er wäre enttäuscht, sagten sie, aber das soll dich nicht beeinflussen. Natürlich musst du zu Hause bleiben, wenn du das Gefühl hast, die Fahrt könnte dich überfordern. Und wenn du den Zug nimmst? Also hatte ich mich zusammengerissen, hatte die Scheiben frei geschaufelt, ein kurzes Stoßgebet gen Himmel geschickt, und tatsächlich, der Schnee blieb aus, es fror auch nicht. Es war eine ganz normale Fahrt. Ich geriet nicht einmal in einen Stau. Pünktlich klingelte ich an seiner Tür. Er hatte sich rasiert, trug nicht nur einen Anzug, sondern auch die Krawatte, die ich ihm Weihnachten geschenkt hatte. Wir tranken Kaffee, er freute sich über den Kuchen, den ich mitgebracht hatte, auch wenn er nur wie ein Vögelchen daran pickte. Wir sprachen über das Wetter, über die Straßenverhältnisse, über Mutter und meine Schwester. Wir sprachen über Belanglosigkeiten, aber die Zeit verging schnell. Zum Abschied umarmten wir uns ungewöhnlich lange.

    Wenige Tage später war er tot.

    #Abschied #Wetter #Zeit #Zitatgeschichten
  18. „Solche Häuser sind eine Geschichte für sich.“ [Zsuzsanna Gahse]

    Es gab dieses Haus am Ende der Straße, das uns magisch anzog. Es war ganz anders, obwohl es genau so aussah wie all die anderen Häuser. Beiger Beton, braunes Dach, Tür, Klingelschilder, Fenster. Aber auf den Klingelschildern waren keine Namen. Und trotzdem gingen dort Menschen ein und aus. Ein alter Mann mit einem zerfurchten Gesicht, eine Frau, die ständig ein Kind auf der Hüfte trug. Niemand redete über die Menschen in diesem Haus. Alle hatten sich darauf geeinigt, sie zu übersehen. Und tatsächlich waren sie eines Tage spurlos verschwunden. Nur das Haus kannte ihre Geschichte. Aber es würde sie nicht preisgeben.

    #Geschichten #Häuser #Zitatgeschichten
  19. „Solche Häuser sind eine Geschichte für sich.“ [Zsuzsanna Gahse]

    Es gab dieses Haus am Ende der Straße, das uns magisch anzog. Es war ganz anders, obwohl es genau so aussah wie all die anderen Häuser. Beiger Beton, braunes Dach, Tür, Klingelschilder, Fenster. Aber auf den Klingelschildern waren keine Namen. Und trotzdem gingen dort Menschen ein und aus. Ein alter Mann mit einem zerfurchten Gesicht, eine Frau, die ständig ein Kind auf der Hüfte trug. Niemand redete über die Menschen in diesem Haus. Alle hatten sich darauf geeinigt, sie zu übersehen. Und tatsächlich waren sie eines Tage spurlos verschwunden. Nur das Haus kannte ihre Geschichte. Aber es würde sie nicht preisgeben.

    #Geschichten #Häuser #Zitatgeschichten
  20. „Es ist aussichtslos.“ [Jutta Reichelt]

    Ich stellte mir das Leben, oder vielmehr den Überblick über mein Leben, immer ein wenig so vor, wie eine Wanderung auf einen Gipfel. Ganz oben angekommen, würde ich durch eine wundervolle Aussicht für die Anstrengungen des Aufstiegs belohnt. Ich könnte sowohl die Vergangenheit erkennen, die Wege, die ich zurück gelegt hatte, die Umwege die ich gegangen war, auch die Sackgassen in denen ich manchmal vor die Wand gelaufen war, als auch die Zukunft, die vor mir lag. Breite Straßen, auf denen es sich bequem vorwärts kommen ließ, unwegsame Strecken, die dennoch zu meistern wären. Aber dann, als ich die Lebensmitte erreicht hatte, und also den vorgestellten Gipfel, war alles trüb und verhangen. Von Aussicht keine Spur.

    #Aussicht #Lebensmitte #Zitatgeschichten
  21. „Er hing viel zu Hause herum und hat neben dem Haushalt vor allem irgendwelche Serien und Filme geschaut.“ [Wolfram Lotz]

    Wir waren eher locker befreundet. Vielleicht kann man es nicht einmal befreundet nennen. Er stand manchmal vor der Tür und bat mich um Brot, Milch, Salz, irgendetwas, das er vergessen hatte. Er hatte ständig etwas vergessen. Ich gab ihm Brot, Milch und Salz und fragte ihn nicht, warum er so häufig etwas vergaß. Denn er vergaß ja nicht mir Brot, Milch und Salz bei Gelegenheit zurückzubringen. Merkwürdig war nur, dass ihm dann etwas anderes fehlte. Schreiben Sie sich doch einfach alle Dinge auf, die Sie brauchen, bevor Sie einkaufen gehen, sagte ich nachdem das Leihen und Zurückbringen bereits monatelang lief, sich regelrecht etabliert hatte. Danach ist er nie wieder aufgetaucht, ich hörte wie er bis spät in die Nacht Filme und Serien schaute, die Wände waren sehr dünn, aber ich bin ihm nicht einmal im Treppenhaus begegnet. Und offenbar fehlte ihm danach nie wieder etwas.

    #Fehlen #Vergessen #Zitatgeschichten
  22. „Kichern wie ein Riesling.“ [Monika Rinck]

    Vor ihr standen fünf Gläser aufgereiht. Weinprobe. Mit verschiedenen Weinen aus Discountern, und sich selbst in der Doppelrolle als Winzerin und Weintesterin. Prost, sagte sie zu sich, und probierte den ersten Wein. Scheußlich, sagte sie, den kann ich erst trinken, wenn ich bereits betrunken bin. Es gab verschiedene Standorte in die der Wein, je nach Qualität, angeordnet wurde. Sie hatte Kerzen angezündet und alles so feierlich wie möglich gestaltet. Es war eine ernste und festliche Angelegenheit, den Wein zu finden, der kicherte. So wie damals, als sie noch in Gesellschaft echte Weinproben besuchte. Als das Kichern des Riesling unbeschwert war und leicht. Als es keine Haushaltsbücher gab, die penibel geführt werden mussten, um hier und da einen Cent zu sparen. Aber wer war sie, dass sie aufgeben würde? Und schließlich fand sie es immer wieder dieses Kichern wie ein Riesling.

    #Kichern #Riesling #Weinprobe #Zitatgeschichten
  23. „Hänsel hatte seinen Schirm vergessen.“

    Als der Regen immer heftiger wurde, suchte Hänsel in seinem Rucksack, der leicht war jetzt, nachdem er all die Kieselsteine verteilt hatte. Brotkrumen hatten wir gelernt, würden wir selbst brauchen, wenn der Hunger kam, damit wir nicht auf irgendwelche Zuckerbäckereien hineinfielen. „Da ist nichts“, sagte er. „Ich habe nur ein paar Krümel im Rucksack, sonst ist er leer“. Dabei hatte Hänsel einen sehr schönen Schirm, er war voller Wolken, aber nicht solchen aus denen der Regen fiel, sondern weiße Schäfchenwolken, hinter denen die Sonne hervorlugte. Ich fürchtete, dass es ein schlechtes Zeichen war, dass er den Schirm vergessen hatte. Dass wir nass wurden war das eine, aber diese Befürchtung machte mir die Schritte noch schwerer, und schließlich blieb ich stehen.

    #Hänsel #Schirm #Wolken #Zitatgeschichten
  24. „Ich besitze drei Katzen und werde demnächst sterben.“ [Valeria Luiselli]

    Die Katzen waren plötzlich da, wie Vorboten des Todes. Sie werden also wissen, worauf sie sich eingelassen haben, dachte ich. Inzwischen sind sie mir ans Herz gewachsen, ich betrachte sie nicht länger als Leichenfledderer, als berechnende Kreaturen. Woher hätten sie wissen sollen, dass meine Krankheit mich sehr bald schon zur Strecke bringen würde? Dennoch ist es merkwürdig, dass sie zu dritt erschienen sind, wie die drei Nornen. Manchmal versuche ich sie zuzuordnen, welche benimmt sich wie die Vergangenheit? Welche sieht aus wie die Zukunft, und welche von ihnen ist ganz und gar Gegenwart? Ich komme jeden Tag zu anderen Antworten. Aber am wichtigsten ist vielleicht: ich fürchte mich weniger vor dem bevorstehenden Sterben, seit die Katzen da sind. Genau drei. Ich besitze sie so wenig wie meinen Tod, oder mein Leben. Aber wir teilen eine besondere Zeit, eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unheimliche Weise ineinanderfließen, so dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

    #Katzen #Nornen #Sterben #Zitatgeschichten
  25. „Ich besitze drei Katzen und werde demnächst sterben.“ [Valeria Luiselli]

    Die Katzen waren plötzlich da, wie Vorboten des Todes. Sie werden also wissen, worauf sie sich eingelassen haben, dachte ich. Inzwischen sind sie mir ans Herz gewachsen, ich betrachte sie nicht länger als Leichenfledderer, als berechnende Kreaturen. Woher hätten sie wissen sollen, dass meine Krankheit mich sehr bald schon zur Strecke bringen würde? Dennoch ist es merkwürdig, dass sie zu dritt erschienen sind, wie die drei Nornen. Manchmal versuche ich sie zuzuordnen, welche benimmt sich wie die Vergangenheit? Welche sieht aus wie die Zukunft, und welche von ihnen ist ganz und gar Gegenwart? Ich komme jeden Tag zu anderen Antworten. Aber am wichtigsten ist vielleicht: ich fürchte mich weniger vor dem bevorstehenden Sterben, seit die Katzen da sind. Genau drei. Ich besitze sie so wenig wie meinen Tod, oder mein Leben. Aber wir teilen eine besondere Zeit, eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unheimliche Weise ineinanderfließen, so dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

    #Katzen #Nornen #Sterben #Zitatgeschichten
  26. „Ich besitze drei Katzen und werde demnächst sterben.“ [Valeria Luiselli]

    Die Katzen waren plötzlich da, wie Vorboten des Todes. Sie werden also wissen, worauf sie sich eingelassen haben, dachte ich. Inzwischen sind sie mir ans Herz gewachsen, ich betrachte sie nicht länger als Leichenfledderer, als berechnende Kreaturen. Woher hätten sie wissen sollen, dass meine Krankheit mich sehr bald schon zur Strecke bringen würde? Dennoch ist es merkwürdig, dass sie zu dritt erschienen sind, wie die drei Nornen. Manchmal versuche ich sie zuzuordnen, welche benimmt sich wie die Vergangenheit? Welche sieht aus wie die Zukunft, und welche von ihnen ist ganz und gar Gegenwart? Ich komme jeden Tag zu anderen Antworten. Aber am wichtigsten ist vielleicht: ich fürchte mich weniger vor dem bevorstehenden Sterben, seit die Katzen da sind. Genau drei. Ich besitze sie so wenig wie meinen Tod, oder mein Leben. Aber wir teilen eine besondere Zeit, eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unheimliche Weise ineinanderfließen, so dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

    #Katzen #Nornen #Sterben #Zitatgeschichten
  27. „Ich besitze drei Katzen und werde demnächst sterben.“ [Valeria Luiselli]

    Die Katzen waren plötzlich da, wie Vorboten des Todes. Sie werden also wissen, worauf sie sich eingelassen haben, dachte ich. Inzwischen sind sie mir ans Herz gewachsen, ich betrachte sie nicht länger als Leichenfledderer, als berechnende Kreaturen. Woher hätten sie wissen sollen, dass meine Krankheit mich sehr bald schon zur Strecke bringen würde? Dennoch ist es merkwürdig, dass sie zu dritt erschienen sind, wie die drei Nornen. Manchmal versuche ich sie zuzuordnen, welche benimmt sich wie die Vergangenheit? Welche sieht aus wie die Zukunft, und welche von ihnen ist ganz und gar Gegenwart? Ich komme jeden Tag zu anderen Antworten. Aber am wichtigsten ist vielleicht: ich fürchte mich weniger vor dem bevorstehenden Sterben, seit die Katzen da sind. Genau drei. Ich besitze sie so wenig wie meinen Tod, oder mein Leben. Aber wir teilen eine besondere Zeit, eine in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf unheimliche Weise ineinanderfließen, so dass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

    #Katzen #Nornen #Sterben #Zitatgeschichten
  28. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  29. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  30. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  31. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  32. „Ich warf meinen Kompass in die Wellen.“ [Etel Adnan]

    Mühsam hatte mein Vater mir beigebracht, den Kompass zu lesen. Stunde um Stunde hatte er mir alles geduldig erklärt. Dann hatte er mir seinen Kompass in die Hand gelegt, meine Hand darum geschlossen, hatte mich fest angesehen und gesagt: „Nun kommst du allein zurecht.“ „Nein“, hatte alles in mir gerufen, „ich bin doch gerade erst 13 Jahre alt.“ Aber ich hatte gelernt zu schweigen und zu nicken, zu allem was die Erwachsenen sagten. Nur ein paar Tränen konnte ich nicht verhindern, sie liefen einfach so von Süd nach Nord. Der kalte Wind trocknete sie schnell, hinterließ nur salzige Spuren als ich die Hand noch fester um den Kompass schloss und ihn mit aller Kraft in die Wellen schleuderte. Was hatte es für einen Sinn zu wissen, wie ich nach Hause finde, wenn ich kein Zuhause mehr hatte.

    #Heimat #Kompass #Vater #Wellen #Zitatgeschichten
  33. „Die Krone einer ausufernden Weide spiegelt sich im Fluss, als sähe man ihre Wurzeln darin.“ [Anna Kaleri]

    Wo beginnt das eine und wo endet das andere? Der Himmel gespiegelt im Wasser. Oben und unten durcheinander gebracht. Warum heißen die ausufernden Äste, ganz oben im Baum zusammengeballt, Kronen? fragt das 70jährige Kind seine Eltern, die wie immer beharrlich schweigen. Eine Konstante im Leben des Kindes ist dieses Schweigen, das es immer brechen wollte. Eine Zeitlang hat es gequengelt, dann aufbegehrt, aber das Schweigen blieb standhaft. Das Schweigen stand wie eine Mauer zwischen dem Kind und den Eltern. Dann sind die Eltern gestorben und auch ein Teil des Kindes ist damals gestorben. Aber jetzt steht es hier in der Blüte seiner 70 Lebensjahre und beginnt wieder Fragen zu stellen. Wenn die Eltern nicht antworten, denkt es, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, frage ich eben den Fluss. Und der Fluss antwortet, indem er die Krone so spiegelt, als wäre sie eine Wurzel. Und das Kind versteht.

    #Frage #Kind #Krone #Spiegelung #Wurzeln #Zitatgeschichten
  34. „Die Krone einer ausufernden Weide spiegelt sich im Fluss, als sähe man ihre Wurzeln darin.“ [Anna Kaleri]

    Wo beginnt das eine und wo endet das andere? Der Himmel gespiegelt im Wasser. Oben und unten durcheinander gebracht. Warum heißen die ausufernden Äste, ganz oben im Baum zusammengeballt, Kronen? fragt das 70jährige Kind seine Eltern, die wie immer beharrlich schweigen. Eine Konstante im Leben des Kindes ist dieses Schweigen, das es immer brechen wollte. Eine Zeitlang hat es gequengelt, dann aufbegehrt, aber das Schweigen blieb standhaft. Das Schweigen stand wie eine Mauer zwischen dem Kind und den Eltern. Dann sind die Eltern gestorben und auch ein Teil des Kindes ist damals gestorben. Aber jetzt steht es hier in der Blüte seiner 70 Lebensjahre und beginnt wieder Fragen zu stellen. Wenn die Eltern nicht antworten, denkt es, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, frage ich eben den Fluss. Und der Fluss antwortet, indem er die Krone so spiegelt, als wäre sie eine Wurzel. Und das Kind versteht.

    #Frage #Kind #Krone #Spiegelung #Wurzeln #Zitatgeschichten
  35. „Die Krone einer ausufernden Weide spiegelt sich im Fluss, als sähe man ihre Wurzeln darin.“ [Anna Kaleri]

    Wo beginnt das eine und wo endet das andere? Der Himmel gespiegelt im Wasser. Oben und unten durcheinander gebracht. Warum heißen die ausufernden Äste, ganz oben im Baum zusammengeballt, Kronen? fragt das 70jährige Kind seine Eltern, die wie immer beharrlich schweigen. Eine Konstante im Leben des Kindes ist dieses Schweigen, das es immer brechen wollte. Eine Zeitlang hat es gequengelt, dann aufbegehrt, aber das Schweigen blieb standhaft. Das Schweigen stand wie eine Mauer zwischen dem Kind und den Eltern. Dann sind die Eltern gestorben und auch ein Teil des Kindes ist damals gestorben. Aber jetzt steht es hier in der Blüte seiner 70 Lebensjahre und beginnt wieder Fragen zu stellen. Wenn die Eltern nicht antworten, denkt es, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, frage ich eben den Fluss. Und der Fluss antwortet, indem er die Krone so spiegelt, als wäre sie eine Wurzel. Und das Kind versteht.

    #Frage #Kind #Krone #Spiegelung #Wurzeln #Zitatgeschichten
  36. „Die Krone einer ausufernden Weide spiegelt sich im Fluss, als sähe man ihre Wurzeln darin.“ [Anna Kaleri]

    Wo beginnt das eine und wo endet das andere? Der Himmel gespiegelt im Wasser. Oben und unten durcheinander gebracht. Warum heißen die ausufernden Äste, ganz oben im Baum zusammengeballt, Kronen? fragt das 70jährige Kind seine Eltern, die wie immer beharrlich schweigen. Eine Konstante im Leben des Kindes ist dieses Schweigen, das es immer brechen wollte. Eine Zeitlang hat es gequengelt, dann aufbegehrt, aber das Schweigen blieb standhaft. Das Schweigen stand wie eine Mauer zwischen dem Kind und den Eltern. Dann sind die Eltern gestorben und auch ein Teil des Kindes ist damals gestorben. Aber jetzt steht es hier in der Blüte seiner 70 Lebensjahre und beginnt wieder Fragen zu stellen. Wenn die Eltern nicht antworten, denkt es, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, frage ich eben den Fluss. Und der Fluss antwortet, indem er die Krone so spiegelt, als wäre sie eine Wurzel. Und das Kind versteht.

    #Frage #Kind #Krone #Spiegelung #Wurzeln #Zitatgeschichten
  37. Ich will heute nur noch zwei Dinge – und dann muss ich mich hinlegen. Bin so erschöpft von den letzten wenig erholsamen Nächten.

    1.) Therapietagebuchschreiben und 2.) bei den #Zitatgeschichten weiterbloggen.

    Zu erstem: Meine ADHS-Ärztin hat eine genaue Anamnese durchgeführt, was die von mir als nicht mehr groß fühlbare Wirkung meines MPH betrifft und nun werden wir demnächst mit Elvanse weitergehen, also testen, ob es für mich funktioniert.

    #ADHS #MPH #Elvanse

  38. „Das Kind ist voller Bewunderung“ (Per Olov Enquist)

    Angefüllt mit Bewunderung ist das Kind. Es steht und staunt. Es betet seine Mutter an. Ich wünschte ich hätte Erinnerungen dieser Art. Denn ganz sicher hat es diese Phase auch in meiner Kindheit gegeben. Aber wir können uns nicht aussuchen an was wir uns erinnern, und was aus dem Gedächtnis verschwindet. Wir sind diesem seltsamen Mechanismus ausgeliefert, der uns Erinnerungen ausspuckt, die wir gar nicht haben wollen, während er andere einfach geschluckt hat und offenbar so gründlich verdaut, dass nicht einmal ein Zipfel davon zu erhaschen ist. Dann denken wir uns etwas aus. Erfinden. Erfinden die Bewunderung statt sie zu empfinden. Und wer weiß, vielleicht, wenn die Geschichte die die Erinnerung ersetzen soll, gut ist, überzeugt sie uns selbst und wir empfinden also die Bewunderung, die wir zuvor erfunden haben.

    #Bewunderung #Erinnerung #Kind #Mutter #Zitatgeschichten
  39. „Nachts wollte ich mein Zimmer verlasen, um über den Flur zu laufen.“ (Chantal Akerman)

    Sobald alles im Haus zur Ruhe gekommen war, sobald kaum noch Geräusche zu mir drangen, nicht von den Nachbarn oben oder unten, nicht von den anderen Bewohnern in den angrenzenden Zimmern, überfiel mich eine kaum zu bändigende Unruhe. Ich war plötzlich wieder das kleine Mädchen, das überall Geister und Gespenster sah, das auch der Lichtstrahl durch den Türspalt nicht zu trösten vermochte. Als ich klein war, vielleicht fünf oder auch erst vier Jahre alt, hatte ich allen Mut zusammengenommen und war aus dem Zimmer gelaufen in Richtung der Stimmen. Unten saßen die Erwachsenen und oben stand ich mit meinem Teddy im Arm und verlangte schluchzend: Hier soll ein Mensch sein. Später wurde diese Geschichte immer wieder als Anekdote erzählt und alle lachten. Ich liege hier und denke daran wie mutig ich gewesen bin als kleines Kind, und dass ich es jetzt einfach nicht wage über den Flur zu laufen. Ich könnte mir einen Splitter in die nackten Füße rammen (realistisch). Ich könnte in die Verlegenheit kommen, erklären zu müssen, warum ich hier über den Flur geistere (mäßig wahrscheinlich). Ich könnte mich beruhigen durch das Auf- und Abgehen, mit dem ich dem Spuk signalisieren würde, dass er sich verziehen soll (sehr unrealistisch aber wünschenswert). Ich stelle eine Rechnung mit diesen drei Möglichkeiten auf. Ich versuche zu einer Lösung zu kommen, aber es ist verzwickt, ich weiß nicht was im Zähler steht und was im Nenner, was ich wovon abzuziehen habe um ein verlässliches, gültiges Resultat zu erhalten. Meine Bedürfnisse sind eine Gleichung, die sich nicht lösen lässt.

    #Gespenster #Gleichung #Zimmer #Zitatgeschichten
  40. „Du hast neben mir gesessen und für mich ins Englische übersetzt, damals, als ich noch kaum Deutsch konnte.“ (Priya Basil)

    Weil du so beharrlich gewesen bist und gleichzeitig unaufdringlich, weil du getan hast, als wäre es vollkommen selbstverständlich, dass du mich überallhin begleitest und die seltsame Sprache, die für mich aus nicht viel mehr als Lauten bestand, in eine andere Sprache überführt hast, die ich verstehen konnte, nur deswegen bin ich niemals auf die Idee gekommen, du hättest mir alles Mögliche erzählen können, das Gegenteil dessen, was gesagt wurde oder etwas ganz anders, was nichts mit dem Gesagten zu tun hatte. Ich kannte dich ja damals kaum, du hast dieses Angebot gemacht, auf eine Weise, die mir keine Wahl zu lassen schien, es war weniger ein Angebot als ein: so machen wir das jetzt. Und erst mit meinen eigenen Sprachkenntnissen ist das Vertrauen gewachsen. Trotzdem hatte ich diesen Gedanken, dass ich vollkommen abhängig war von dir, nie. Hanna sagte gestern nach einigen Gläsern Wein: Hast du nie befürchtet, er könnte irgendeinen Blödsinn erzählen und gar nicht wirklich übersetzen was dein Gegenüber gesagt hat? Das war tatsächlich das erste Mal, dass diese Möglichkeit überhaupt auftauchte und sie war etwas, das ich niemals in Betracht gezogen hätte. Andererseits kommen mir im Nachhinein einige Situationen seltsam vor. Wir waren beim Arzt. Die Diagnose war nicht lebensbedrohlich aber doch ernst, aber eure Gesichtsausdrücke waren nicht im mindesten ernst. Vielleicht ist das so in dieser Kultur habe ich damals gedacht. Ich werde mir die Unterlagen und Befunde jetzt noch einmal ansehen, ich fürchte Hanna hat gestern einen Virus verbreitet, den ich nicht so einfach wieder loswerden kann.

    #Übersetzen #Zitatgeschichten #Zweifel