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#lernkulturveranderung — Public Fediverse posts

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  1. Potentialorientierte (Medien)Bildung. Danke, Ulrike!

    Liebe Menschen, bitte schaut mal nach Hessen, was dort in den letzten Jahren im Bereich der Medienbildung für ermutigende, Vielfalt wertschätzende und potentialorientierte Angebote entwickelt wurden, die Lehrkräfte und Schulen in der Kultur der Digitalität begleiten und unterstützen!

    Ich finde besonders cool: Kompakttage als niederschwelliger Einstieg mit erst zeigen und dann direkt ausprobieren lassen, kollegiale Lernwochen, die den klassischen Pädagogischen Tag als Reihe weiterdenken, so dass nachhaltig Transformation angestoßen werden kann, lebendige Teamstrukturen, basierend auf Vertrauen, die allen Beteiligten Lernen und Entwicklung ermöglichen, Praxisnetzwerke, die durch Verbindung zukunftsgestaltendes Lernen möglich machen oder das Entwicklungsvorhaben der Roadmap Digitalität.

    So ermutigend diese Ansätze sind, so betroffen macht der Anlass, weswegen ich in dieser Woche genauer auf sie gestoßen bin: Entwickelt und auf den Weg gebracht hat diese und viele weitere Projekte maßgeblich Ulrike Linz, die in den letzten Jahren das Sachgebiet Fortbildung im Dezernat Medien der Hessischen Lehrkräfteakademie geleitet hat. In dieser Woche wurde bekannt, dass Ulrike im Zuge einer Umstrukturierung künftig keine Leitungsfunktion mehr haben soll.

    Ich finde diese Entscheidung symptomatisch. Sie fällt in einem hierarchischen, einengenden System, das gerade jenen Menschen Steine in den Weg legt, die lebendige Strukturen gestalten und Bildung auf Vertrauen, Wertschätzung und Vielfalt gründen – ausgerichtet auf eine l(i)ebenswerte Welt. Umso mehr freue ich mich darüber, dass Weggefährt*innen und Menschen aus Ulrikes Team die Website netzwerk-medienfortbildung.de gestaltet haben: um Erreichtes zu würdigen und sichtbarer zu machen, so dass es weiter genährt werden und wachsen kann. Du kannst dir dir die oben kurz angeteaserten Beispiele dort genauer anschauen.

    Auf der Website kommen auch Weggefährt*innen aus der bundesweiten Bildungsbubble zu Wort. Hier ein paar ausgewählte Zitate:

    • „Ich habe selten erlebt, dass jemand Veränderungsprozesse mit einer solchen Klarheit, Wärme und Zuversicht gestaltet.“ (Philipp Schulz, Forum DB)
    • „Ulrike Linz ist so schaffenskräftig und so eigenständig vorausdenkend wie bescheiden. Unser Bildungssystem braucht mehr Ulrike Linzens, in möglichst starken Positionen.“ (Prof. Dr. Christof Arn)
    • „Ich habe Ulrike als eine Kraft erlebt, die Energie erzeugt, Bewegung ermöglicht und Menschen ermutigt, Entwicklung nicht nur zu verwalten, sondern aktiv zu gestalten.“ (Holger Heinze)
    • „Ulrike Linz ist eine Pionierin der Bildungstransformation. Sie verbindet Menschen, strukturiert komplexe Prozesse, integriert unterschiedliche Perspektiven und gestaltet Lernräume, in denen Zukunftskompetenzen und Selbstwirksamkeit wachsen.“ (Dr. Helga Breuninger)

    Ich habe Ulrike und ihr Team im letzten Jahr auf einer gemeinsamen Teamklausur kennengelernt. Und seitdem immer wieder in unterschiedlichen Kontexten mit ihr und mit Kolleg*innen aus dem Team zusammengearbeitet. Dabei entstand auch das Foto dieses Beitrags.

    Und ich habe auch ein Statement für die Website beigesteuert – mit meinem persönlichen Fazit:

    „Liebe Ulrike, ich bin sehr dankbar für die vielen Impulse und das viele Lernen von und mit dir!“

    Zum Netzwerk Medienfortbildung

    #Lernkulturveränderung
  2. Segel setzen und in die Zukunft lehnen – ein Pädagogischer Tag an der evangelischen Grundschule Potsdam

    Den heutigen Tag habe ich an der evangelischen Grundschule Potsdam verbracht und dort gemeinsam mit einer Vorbereitungsgruppe aus der erweiterten Schulleitung einen Pädagogischen Tag gestaltet. Ziel des Tages war ein Auftakt bzw. eine Fortführung eines Schulentwicklungsprozesses hin zu zukunftsgestaltender Bildung ausgehend von den Herausforderungen der Gegenwart. Der Tag stand unter dem Motto „Segel setzen“ und sollte vor allem Raum für Austausch untereinander bieten, aber zugleich auch Orientierung ermöglichen.

    In diesem Blogbeitrag teile ich unser Vorgehen, die Thesen aus meinem Anfangsimpuls und meine Learnings als Inspiration zur Weiternutzung in anderen Kontexten.

    Einstieg und Auftakt

    Wir starteten mit einer offenen Ankommenszeit sowie einer Andacht und gemeinsamem Singen – thematisch passend zum Tag mit dem Titel: „Pfingsten als Mut-Booster“. Es folgte ein Improvisations-Energizer, den ich neu kennengelernt habe und sehr weiterempfehlen kann. Er funktioniert wie folgt: 

    • Im Vorfeld bereitet man Zettel mit Begriffen vor, die einen Bezug zum Tag bzw. zur jeweiligen Schule haben. Bei uns heute zum Beispiel: Schaukel, Passwort, Klassenrat …
    • Zwei Menschen starten, ziehen einen Zettel, lesen beide den Begriff und erklären ihn anschließend vor dem Plenum – ohne ihn direkt zu nennen. Ohne sich vorher abzusprechen sagt dabei die erste Person ein Wort, die zweite Person improvisiert das nächste Wort dazu, dann ist wieder die erste Person an der Reihe. Gemeinsam wird so das Wort erklärt.
    • Die beiden erklärenden Personen sind dabei herausgefordert, im Pingpong stimmige und gut erklärende Sätze zu entwickeln, alle anderen sind herausgefordert, den Begriff zu erraten. Wer den Begriff errät, übernimmt die nächste Erklär-Runde mit einer weiteren Person.

    Wir haben viel gelacht – und konnten danach ganz wunderbar gemeinsam in den weiteren Tag gehen.

    Start with why: Wozu in die Zukunft lehnen?

    Los ging der inhaltliche Teil mit einer Orientierung zum Wozu, was es im Sinne des Golden Circle immer zunächst zu klären gilt.

    Mein Ausgangspunkt war hier unsere radikale Gegenwart, die Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit erfordert, was sich in drei Thesen fassen lässt:

    1. Gesellschaftlich, pädagogisch und technologisch erleben wir Krisen und Ermutigungen gleichermaßen.
    2. Mit pädagogischem Handeln machen wir einen Unterschied. Wir können dazu beitragen, dass Schulen zum Teil der Lösung angesichts von Krisen werden und Lernende zur Gestaltung l(i)ebenswerter Zukünfte ermächtigen.
    3. Veränderung beginnt bei uns selbst: Innere Entwicklung und äußere Veränderung hängen zusammen! Nötig ist es dazu, eine bewusste Ausrichtung unserer Aufmerksamkeit basierend auf Verbundenheit.
    Unser Ausgangspunkt zum ‚In die Zukunft lehnen‘

    Darauf aufbauend habe ich konkretisiert, wo ich in der pädagogischen Debatte schon jeweils Bewegung wahrnehme und was ein möglicher darüber noch hinausgehender Schritt sein könnte, um sich in eine l(i) ebenswerte Zukunft zu lehnen.

    • In der pädagogischen Debatte nehmen wir nicht mehr nur vorrangig Produkte, sondern auch Prozesse in den Blick. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr die Räume und die Resonanz, die sie ermöglichen, in den Blick zu nehmen.
    • Verantwortung für das Lernen ist nicht Delegation, sondern Partizipation. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr Ko-Kreation zu ermöglichen, d.h. Lernen zu einem wechselseitig getragenen Prozess zu machen.
    • Bildung zielt nicht mehr nur auf Wissen, sondern auch auf Kompetenz. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr auf Selbstwerdung zu zielen.
    • Technologie ist nicht nur Werkzeug, sondern auch Sparringpartner. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie auch mehr als Spiegel zur bewussten Reflexion und Selbstentwicklung zu nutzen.
    • Rückmeldungen sind nicht Wertung, sondern auch lernunterstützendes Feedback. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, sie vor allem als Wertschätzung zu verstehen.
    • Lernen befähigt nicht nur zu Anpassung in bestehende Strukturen, sondern auch zu ihrer Gestaltung. Ein nächster möglicher Schritt könnte sein, auch mehr zu bewusster Intention zu befähigen: Wozu will ich einen Unterschied hin zu l(i)ebenswerten Zukünften machen?

    Ich finde vor allem den letzten Aspekt entscheidend, weil eine ‚ungerichtete‘ Handlungsfähigkeit für mich kein sinnhaftes Lernziel darstellt. Intention sollte dabei ausgehend von den menschlichen Fähigkeiten zu Verbundenheit, Lernen und Neugierde entwickelt werden, womit die Richtung hin zu l(i)ebenswerten Zukünften gesetzt wäre.

    Mögliche nächste/ weitere Schritte als Bodenpräsentation

    An diesen Impuls schloss sich eine „somatische Aufstellung“ an (was ich beim Art of Hosting gelernt habe und sehr weiterempfehlen kann): Ich hatte den Impuls als „Bodenpräsentation“ gestaltet und hier neben den inhaltlichen Impulsen zum Abschluss die „Bewegungen“ vorgestellt, denen wir uns in unserem pädagogischen Handeln stellen, wenn wir uns auf diese Weise in die Zukunft lehnen und einen Schritt weitergehen wollen.

    • Von:  linear – geschlossen – mechanisch – verfügbar – isoliert – eindimensional
    • hin zu : zirkulär – offen – organisch – unverfügbar – verbunden – ganzheitlich.

    Diese Begriffe ergänzte ich in der Bodenpräsentation und lud dazu ein, sie für sich jeweils ganz direkt abzulaufen und dabei wahrzunehmen: Was spüre ich in mir zu dieser Bewegung? Fühlt sie sich stimmig an, wo spüre ich Widerstand, wo fühle ich mich schon wohl, wohin zieht es mich ganz besonders?

    Auf Grundlage dieser Erfahrungen gestalteten wir als nächstes eine wertschätzende Triade. Die wertschätzende ist eine Methode, die das Troika Consulting der Liberating Structures in der Form weiter entwickelt, dass neben dem Sprechen und Zuhören noch das Beobachten hinzu kommt, sowie zusätzlich noch ein wertschätzender Reflexionsmoment. 

    Die Methode funktioniert wie folgt: 

    • Die Anwesenden finden sich zu dritt zusammen und nehmen jeweils eine von drei Rollen ein: Sprecher:in, Zuhörer:in und Beobachter:in. Es gibt drei Runden und die Rollen werden jeweils gewechselt. 
    • Die sprechenden Person spricht zu Beginn für vier Minuten zu einer gegebenen Frage. Die anderen beiden Personen hören zu und beobachten (bzw. achten auch zusätzlich auf die Zeit). 
    • Anschließend wird in drei Minuten wertschätzend gespiegelt, was die zuhörende Person mitgenommen hat und wie die beobachtende Person das Reden erlebt hat, also beispielsweise mit welcher Körperhaltung, mit welcher Stimmlage etc. 
    • Dann werden Rollen gewechselt.

    Unsere Frage war:

    Wie geht es mir beim ‚In die Zukunft lehnen‘? Worauf kann ich aufbauen, was will in mir weiter wachsen? 

    Diese Frage hatte jede 3er-Gruppe auch als Karte zur Verfügung, so dass man die Frage vor sich sichtbar hatte und dann im Kreis herumgeben konnte. 

    Die Verbindung von kurzem Impuls mit somatischer Aufstellung wertschätzender Triade finde ich eine hilfreiche Kombination.

    Welche Segel wollen wir setzen? Impulse und Aneignung im World Café

    Nach einer Kaffeepause ging es dann um das Wie. Also um die Frage: Wie genau soll dieses In-die-Zukunft-Lehnen an der Schule gestaltet werden? Hier hatten wir im Vorfeld in der Vorbereitungsgruppe überlegt, sogenannte ‚Segel‘ einzubringen, die jeweils eine bestimmte Idee/ ein Konzept aufgreifen – zum Beispiel die 4K, die Umsetzung von ’sichtbar evangelisch‘, die Veränderung der Tagesstruktur im Ganztag … 

    Die Idee war hier, dass man im Kollegium nicht ganz von neu anfangen muss, wenn es doch bereits Überlegungen gibt, auf die aufgebaut werden kann.

    Wir sind so vorgegangen, dass die zuvor identifizierten Segel aus der erweiterten Schulleitung jeweils ganz kurz vorgestellt wurden. 

    Anschließend gab es ein World Café mit drei Runden. In der ersten Runde war jeweils die Person der erweiterten Schulleitung mit dabei, die das ‚Segel‘ vorgestellt hatte. Danach blieb dann jeweils eine Person stehen und die anderen bewegten sich woanders hin. 

    Neben den von der erweiterten Schulleitung eingebrachten Segeln gab es natürlich auch eine Joker-Station, an der man weitere Segel überlegen und reflektieren konnte. 

    Jede der drei Runden, die wir machten, hatte eine Leitfrage. 

    • In der ersten Runde ging es einfach darum, was mit diesem Segel genau gemeint ist und wozu es uns beim In-die-Zukunft-Lehnen helfen kann. 
    • Die Frage der zweiten Runde war: Worauf können wir hier aufbauen? 
    • Und die dritte Runde war dann: Was fehlt noch? Wie können wir weiterkommen? Was können wir vielleicht zurücklassen, um Raum zu schaffen für dieses Weiterkommen.

    Ich habe diese Kombination aus kurzen Impulsen und anschließender Aneignung durch das Kollegium je nach Interesse mit den genannten Leitfragen als sehr produktiv erlebt und kann das – für die dargestellte Balance zwischen Orientierung und Impulse geben sowie Austausch und neu Denken – sehr weiterempfehlen.

    Die drei Runden im World Café

    Weiterarbeit: Fragen entwickeln!

    Aus dieser gemeinsamen Aneignung gingen wir dann in ein kurzes Silent Writing. Jede Person schrieb für sich auf, was denn dann jetzt die Frage wäre, die sie in die weitere Diskussion einbringen wollte. Wir kündigten an, dass es am Nachmittag dafür zwei Open-Space-Runden geben sollte.

    Um sich über die notierten Fragen auszutauschen und sie zu priorisieren,  machten wir ein Gewusel im Raum mit der 35er-Methode. 

    Fragen clustern und Open Space

    Wie sich herausstellen sollte, ließen sich die Fragen sehr gut clustern, so dass eigentlich alle Nennungen berücksichtigt werden konnten. Die dafür nötige Clusterarbeit und Sortierung machten wir in der Mittagspause. Daraus gestalteten wir dann einen Sessionplan mit zwei Slots. Bewusst waren die sehr häufig genannten Themen auch mehrmals benannt, so dass in Kleingruppen Raum für intensive Diskussionen sein konnte.

    Improvisierter Sessionplan

    Anders als bei einem Barcamp mag ich es bei diesem Ansatz sehr gerne, dass es keine Sessiongeber*innen gibt, sondern die jeweilige Gruppe sich das Thema mit gemeinsam getragener Verantwortung erarbeitet. 

    Abschluss und Ausblick

    Wir beendeten den Tag mit einer kurzen Feedback-Runde im Plenum und abschließendem gemeinsamen Singen.

    In den Sessions wurde mit dokumentiert. Diese Dokumentation wird nun die Grundlage zur Weiterarbeit sein. Ich freue mich aufs gemeinsame Auswerten und Weiterdenken. 

    Meine Learnings

    Ich mag es gerne, bei solchen Pädagogischen Tagen immer auch selbst viel zu lernen. Von heute nehme ich insbesondere mit:

    • Eines der „Segel“, das aus der erweiterten Schulleitung eingebracht wurde, war „sichtbar evangelisch“, was sinngemäß begründet wurde mit der Einladung zu einer Haltung von Lebendigkeit, was insbesondere auch bedeutet, schwach sein zu dürfen und immer wertschätzend auf andere Menschen, im pädagogischen Setting insbesondere auf Lernende, zu blicken. Verbunden werden könnte das mit der pädagogischen Ermutigung: Fürchte dich nicht! Ich finde das auch für Schulen eine hilfreiche Orientierung, die kein explizites evangelisches Profil haben.
    • Beim Art of Hosting habe ich den Grundsatz gelernt: Never host alone! Das habe ich dieses Mal sehr bewusst wahrgenommen. Nachdem wir schon gemeinschaftlich vorbereitet hatten, war dann auch der Tag gemeinschaftlich getragen: Immer wieder mit Abstimmungen und Resonanz zwischendrin und vor allem auch mit Wechseln bei den Vorstellungsphasen im Plenum. Das macht Lerngestaltung meinem Empfinden nach definitiv besser und freudvoller!
    • Für mich ist der Begriff der Ernsthaftigkeit sehr positiv konnotiert. Wenn ich Lernen beispielsweise mit viel Ernsthaftigkeit betreibe, dann bedeutet das für mich, dass ich es nicht nicht freudvoll betreibe, sondern eben, dass ich mich mit ganz viel Motivation und Kraft dafür einsetze und ich mein Handeln als relevant und wichtig und nicht beliebig empfinde. Offensichtlich ist die Konnotation für viele aber eine andere, weshalb ich – mindestens ergänzend – zukünftig auch mit Begriffen wie Leidenschaft oder Begeisterung arbeiten könnte.

    Vielen Dank an das gesamte Kollegium für den sehr lernenden und konstrukiven Tag! 

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
  3. Einblicke ins ‚Art of Hosting‘

    In der vergangenen Woche habe ich vier Tage lang an einem ‚Art of Hosting and Harvesting‘-Training teilgenommen. Angeboten wurde es von der gemeinnützigen Organisationsberatung Socius. Mit der freien Schule Leipzig hatten wir einen ganz wunderbaren Tagungsort.

    Ich habe die Tage für mich als sehr intensiv und hilfreich erlebt. In diesem Blogbeitrag möchte ich gerne einige Erfahrungen teilen und auf diese Weise die grundsätzlichen Ideen des Ansatzes weitertragen, so dass sie vor allem auch für das formale Bildungssystem wirksam werden können.

    Was ist Art of Hosting and Harvesting?

    Beim Art of Hosting and Harvesting handelt es sich um eine Art Ökosystem von partizipativen Methoden. Der Begriff ist seit den 2000er Jahren entstanden. Es gibt somit längst mehrere Traditionslinien, was eine feste Definition schwierig macht. Die englische Bezeichnung lässt sich mit ‚Kunst des Gastgebens und Erntens‘ übersetzen.

    Einfach betrachtet ist Art of Hosting and Harvesting ein Set von Methoden, Praktiken und Haltungen von Moderation oder Lerngestaltung. Hinter dem Begriff steht zugleich aber auch mehr: Eine globale Gemeinschaft von Menschen, die angesichts einer zunehmend komplexen und krisenhaften Welt Räume für ganzheitliche Begegnungen schaffen wollen, in denen sich kollektive Intelligenz entfalten kann. Dazu werden Trainings angeboten, wie eben auch ich an einem Training teilgenommen habe, die dann alle Beteiligten befähigen, in ihren jeweiligen Kontexten in diesem Sinne zu wirken und zu gestalten.

    Aus meiner Perspektive fand ich beim Art of Hosting and Harvesting mehrere Aspekte wichtig und spannend:

    • eine ganzheitliche Herangehensweise mit Rückbezug auf unsere menschlichen Potentiale: Gelernt wird nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit Herz und Hand.
    • der fragende und offene Ansatz: es gibt ein tiefes Vertrauen, dass aus der kollektiven Intelligenz aller Beteiligten Gutes entstehen kann, wenn diese sich tatsächlich entfalten kann. Dazu braucht es vor allem bedeutungsvolle Gespräche.
    • eine ausbalancierte Lerngestaltung, die davon ausgeht, dass zwischen Chaos und Ordnung Neues entstehen kann, wobei Paradoxes immer wieder Teil vom Spiel ist.

    Wichtig fand ich außerdem den Ansatz der Freiwilligkeit: Es macht einen sehr großen Unterschied, wenn Menschen zusammen kommen, die alle freiwillig und damit intrinsisch motiviert lernen – und somit eben nicht in ein fremdbestimmtes Setting gezwungen werden. (Ich bin mir bewusst, wie herausfordernd dieser Ansatz im formalen Bildungssystem oft umzusetzen ist, weil es natürlich zugleich immer sehr viele Ansprüche und Herausforderungen gibt. Ich denke dennoch, dass gerade die Erwachsenenbildung so sehr davon profitieren könnte, wenn mehr auf Vertrauen und damit Freiwilligkeit als Grundlage orientiert würde. Darum ist Freiwilligkeit zum Beispiel eine wichtige Grundlage für das Angebot meiner Lernlabore.)

    Was zeichnet Art of Hosting and Harvesting in der Umsetzung aus?

    Neben dem ‚Gesamterlebnis‘ und der damit verbundenen eigenen Weiterentwicklung habe ich bei meinem Training sehr viele Mikro-Bausteine kennen gelernt. Sie lassen sich aus meiner Sicht auch unabhängig von einem vollständig umgesetzen ‚Art of Hosting‘ in der Lerngestaltung und somit bei mir vor allem in Fortbildungen in der Erwachsenenbildung gut weiternutzen. Vielleicht kannst du dich davon für deine pädagogische Arbeit auch inspirieren lassen.

    1. Calling Question / leitende Frage

    Damit sich kollektive Intelligenz entfalten kann, braucht es einen Rahmen, in dem alle Beteiligten zusammen kommen und gemeinsam lernen. Dieser Rahmen wird vor allem von einer so genannten ‚Calling question‘, also einer gemeinsamen, verbindenden Leitfrage für das Treffen gesetzt.

    Bei uns stand die Einladung unter dieser Calling Question:

    Wie gestalten wir unser Miteinander in unsicheren Zeiten und leben Unterschiede als Quelle von Verbindung?

    Ich finde es hilfreich, bei der Vorbereitung und Planung von Lernangeboten mit solchen ‚Calling Questions‘ zu arbeiten. Es würde dann weniger um die Definition von ‚Lernzielen‘ oder zu entwickelnden Kompetenzen gehen, wie ich es üblicherweise erlebe, sondern eben mehr um die Herausforderung, zu der man gemeinsam arbeiten möchte. Für eine potentialorientierte und offene Lernkultur halte ich das für eine sehr grundlegende und sinnvolle Fokusverschiebung.

    2. Einsicht in die eigene Begrenztheit

    Das Art of Hosting Training wurde unter anderem damit eingeleitet, dass diejenigen, die da sind, genau die Richtigen sind. Diese grundsätzliche Akzeptanz und auch Wertschätzung für alle Beteiligten bedeutete zugleich aber nicht, sich nicht auch immer wieder die eigene Begrenztheit in Erinnerung zu rufen.

    Erreicht wurde das unter anderem durch zwei Stühle im Stuhlkreis, die die Beschriftung trugen: ‚Für die, die nicht hier sind!‘

    Stuhl im Stuhlkreis

    Wir starteten am ersten Tag außerdem mit einer kleinen Aufstellungsübung (= Alle stehen im Kreis, es werden Aussagen vorgelesen. Wenn eine Aussage auf dich zutrifft, trittst du einen Schritt nach vorne). Hier war eine der ersten Fragen:

    Wer musste sich mit anderen in Bezug auf Care-Verantwortung absprechen, um teilnehmen zu können?

    Und es gab einen Dank an alle, die demzufolge eben auch nicht da sein können, weil sie sich kümmern.

    Sowohl der leere Stuhl als auch das Erinnern, an die, die nicht da sein können, erscheint mir eine gute Sache, die gerade bei größeren Veranstaltungen gut und niederschwellig realisiert werden kann.

    3. CheckIn, CheckOut und Vorwärtsgabe

    Art of Hosting-Trainings sind meist mehrtägig, wobei jeder Tag einer klaren Struktur folgt: Es startet mit einem CheckIn, dann folgt die so genannte Vorwärtsgabe und am Ende gibt es einen gemeinsamen CheckOut.

    CheckIn und CheckOut waren immer sehr ganzheitlich und wertschätzend gestaltet. Ich mochte zum Beispiel sehr das CheckIn am ersten Tag, bei dem wir uns im Raum bewegten und erst einmal einfach nur Blickkontakt miteinander aufnahmen – verbunden mit der Frage: Wie ist es, einen Menschen zum ersten Mal zu treffen, der einzigartig ist im Universum?

    Eines meiner Lieblings-CheckOuts war ein gemeinsames ‚Tönen‘ draußen auf der Terrasse der Schule: Wir standen im Kreis und brachten uns mit unseren Stimmen beim Ausatmen in gemeinsame Resonanz.

    Mit Vorwärtsgabe ist gemeint, dass immer ein Rückbezug zu den vorherigen Tagen hergestellt wird, also Learnings und Erfahrungen bewusst rekapituliert, in Erinnerung gerufen und dann daran weiter gearbeitet wird.

    Diese Elemente lassen sich glaube ich sehr gut auch in sonstige Fortbildungsangebote integrieren. Insbesondere mehr Raum für (ganzheitlich angelegtes) CheckIn und CheckOut erscheint mir eine sehr hilfreiche Sache für wirkungsvolles Lernen.

    Ein weiteres Element waren die täglichen ‚Dorfnachrichten‘: eine Art offenes Plenum, in dem alle im Kreis teilen konnten, was organisatorisch und in der weiteren Planung gerade für alle wichtig sein könnte. Auch das finde ich sinnvoll, dafür bewusst Raum zu geben. Am besten vor dem dann stattfindende CheckOut.

    4. Geteilte Verantwortung

    Schon am Abend des ersten Tages waren alle Teilnehmer*innen unseres Trainings eingeladen, sich selbst für die Praxis des Gastgebens und Erntens einzuschreiben. Dazu waren die wesentlichen Aufgaben im Plenum und im Hintergrund in einer großen Auflistung visualisiert und man konnte einfach seinen Namen dazu schreiben. Jeweils am Abend vorher gab es dann ein kurzes Training mit einer Person aus dem Hosting-Team, in dem der Programmpunkt gemeinsam vorbesprochen wurde, Ideen dazu entwickelt wurden und Verantwortlichkeiten verteilt wurden.

    Liste zum Einschreiben

    Ich habe mich beispielsweise für den CheckIn am letzten Tag eingetragen. Gemeinsam mit drei anderen Personen und einer Person aus dem Hosting-Team haben wir uns dazu am Vorabend getroffen. Bei diesem Treffen haben wir reflektiert, wie wir die bisherigen CheckIns erlebt hatten und was uns für den CheckIn am letzten Tag wichtig ist. Darauf aufbauend haben wir dann eine Idee entwickelt und aufgeteilt, wer was dazu anleiten wird.

    Im Plenum war dann nach der Anleitung der jeweiligen Methode immer kurz Zeit, dass Teilnehmende teilen konnten, wie sie die Methode und Anleitung erlebt hatten. Und man konnte selbst teilen, wie man sich in der anleitenden Rolle gefühlt hatte. Auf diese Weise wurde Verantwortung nicht nur kollektiv getragen, sondern auch kollektiv dazu gelernt.

    Super fand ich vor allem, dass die gemeinsame Verantwortung insbesondere bei CheckIn und CheckOut eben nicht so aussah, dass das Hosting-Team der ad hoc Gruppe eine fertige Methode ‚vorsetzte‘ und dabei unterstützte, sie gut durchzuführen. Stattdessen konnten tatsächlich gemeinsam Ideen entwickelt und umgesetzt werden. Auf diese Weise spiegelten auch die Methoden die Vielfalt der Teilnehmenden wider und die Veranstaltung war tatsächlich kollektiv getragen.

    Damit dieses Prinzip funktioniert, braucht es aus meiner Sicht viel Vertrauen von Seiten der Gastgeber*innen und zugleich viel Erfahrung, um einschätzen zu können, wo ein ad hoc-Team vielleicht doch noch mehr Orientierung braucht. Bei uns klappte das sehr gut.

    Zur Aufgabenverteilung gehörte auch MOS – Material, Orientierung, Schönheit – wozu sich ein Team bildete, was mit sehr viel Liebe und Kreativität die Tage bereicherte. Das lohnt sich gerade bei größeren Veranstaltungen sehr!

    5. Sicherer Raum und Somatik

    Art of Hosting bedeutet, dass allen die Möglichkeit gegeben werden soll, sich gut einzubringen. Ein sicherer Lernraum ist dazu eine unbedingte Voraussetzung. Außerdem ist Art of Hosting von der Überzeugung getragen, dass Menschen nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper lernen.

    In der Umsetzung dieser Prinzipien gab es mehrere Elemente, die sich zum Teil sehr stark von klassischen Fortbildungssettings unterscheiden, aber die sich aus meiner Sicht durchaus übertragen lassen:

    • Viele der Impulse wurden mit ‚Bodenpräsentationen‘ gestaltet. Das bedeutet: Wir saßen alle im Kreis. Impulse wurden auf einzelne Begriffe herunter gebrochen und diese in der Mitte des Kreises visualisiert dargestellt. Solch eine Bodenpräsentation konnte dann immer leicht mit einer ’somatischen Aufstellung‘ verbunden werden. Das bedeutete, dass alle eingeladen waren, sich zu den Begriffen zu stellen und zu fühlen, was der Körper einem dazu signalisierte.
    • Alles, was während des Art of Hostings passierte, war als Angebot und damit Einladung formuliert. Ich konnte selbst entscheiden, wie ich mich beteiligen wollte oder wie vielleicht auch nicht.
    • Im Plenumsraum gab es ein Sofa. Wer sich darauf setzte, signalisierte damit: Ich will weiter zuhören, aber habe gerade keine Kapazitäten, um aktiv in Austausch zu gehen oder mich einzubringen. (Damit war dieser Platz mehr als ein einfacher Rückzugsraum, den es zusätzlich dennoch gab, weil er ein mit dabei bleiben ermöglichte.)
    Unser ‚Rückzugssofa‘ im Plenumsraum

    Ganz entscheidend fand ich außerdem, dass wir nicht nur ‚Lernen mit dem ganzen Körper‘ erlebten, sondern zugleich dazu lernten. So gab es am zweiten Tag einen ausführlichen und auch hier verkörperten Impuls zur Frage, wie eigentlich unser autonomes Nervensystem funktioniert und wie wir mit statt gegen unseren Körper lernen können.

    Graphic Recording zum Impuls zum autonomen Nervensystem

    Neben diesen direkt greifbaren Elementen war es vor allem die Gesamtgestaltung, die dazu einlud, sich wirklich aufs Lernen einzulassen und in die Tiefe zu gehen. Es war sehr in Ordnung und wurde sehr wertgeschätzt, sich verletzlich und ganz zu zeigen. Ich wünsche mir sehr, dass solch ein Lernen auch in vielen weiteren Räumen gerade im klassischen Bildungssystem möglich wird.

    Flipchart: Du darfst dich zeigen!

    6. Ernten ist mehr als Ergebnisse sichern: Emergenzphase ermöglichen

    Das Training war nicht nur Art of Hosting, sondern vollständig: ‚Art of Hosting and Harvesting‘. Die ‚Ernte‘ des gemeinsamen Lernens war damit ein ganz entscheidender Bestandteil. Ich habe gemerkt, dass gerade das in klassischen Lernangeboten oft fehlt, weil hier doch sehr oft nur auf eine reine Ergebnissicherung orientiert wird. Vor diesem Hintergrund ist dann auch der Prozess des Lernens oft sehr direkt auf die Produktion solcher Ergebnisse hin gestaltet. Beim Art of Hosting haben wir die Ernte dagegen größer betrachtet: Zur Ernte gehört es dazu, zu planen, zu pflanzen, zu nähren und zu kultivieren. Und Ernte bedeutet nicht nur, direkt weiter zu nutzen, sondern man kann auch etwas konservieren oder für später verwenden oder anders weiter nutzen.

    Vor diesem Hintergrund fand unser Lernprozess nicht als einfacher Prozess zwischen Divergenz (= das Denken öffnen) und Konvergenz (= das Denken wieder zusammenführen) statt, so wie ich es klassisch z.B. im Design Thinking gelernt und praktiziert habe. Dazwischen war zusätzlichg mit der Emergenz die eigentlich wichtigste Phase. Emergenz meint einen offenen, entstehenden Raum, der bewusst gehalten und ermöglicht werden muss. Mich erinnerte er ein bisschen an das Presencing der Theorie U.

    Für klassische Fortbildungen ist dieses Aushalten-Können glaube ich eine große Herausforderung, weil wir hier oft die Tendenz haben, schnell zu liefern, eine Antwort zu geben und eine Lösung zu finden. Das Innehalten, Erspüren, Öffnen, Warten … ermöglicht dagegen dann aber tatsächlich erst die Entfaltung kollektiver Intelligenz und die Entwicklung neuer Antworten. Ich freue mich, das zukünftig mehr zu versuchen.

    Das Ernten fand dann in verschiedenen Dimensionen statt: sowohl individuell, als auch kollektiv und sowohl unsichtbar, als auch greifbar. Im einzelnen bedeutete das:

    • In mir und auch in uns allen kam einiges in Bewegung, was vielleicht auch erst viel später sichtbar wird, wenn ich z.B. selbst ein Lernangebot gestalte oder aus einer Verbindung mit einer Kollegin ein neues, gemeinsames Projekt entsteht. Erst einmal blieb es unsichtbar.
    • Sehr viel habe ich für mich individuell greifbar gemacht. Das geschah zum Beispiel dadurch, dass wir alle eingeladen waren, in Notizheften mitzuschreiben. Und auch dieser Blogbeitrag ist für mich jetzt eine Form von ‚individuellem Ernten‘.
    • Immer wieder haben wir im Laufe des Trainings so genannte ‚Lernschleifen‘ gehabt, in denen wir kollektiv ausgewertet haben. Durch das Sprechen über Erfahrungen wurden Erkenntnisse für uns alle greifbar. Vielfach wurde das dann auch auf Flipcharts festgehalten. Besonders schön fand ich auch Versuche einer verkörperten Ernte: Wie können wir das, was wir erfahren haben, mit unseren Körpern zum Ausdruck bringen?

    Ich nehme somit in jedem Fall mit, solch einem ‚umfassenden‘ Ernten auch in klassischen Bildungsformaten mehr Raum zu geben. Ganz wunderbar kann dazu das so genannte ‚Bingo-Harvesting‘ genutzt werden: In Kleingruppen einigt an sich auf z.B. drei wichtige Begriffe zu einer Herausforderung. Eine Gruppe beginnt und stellt ihren ersten Begriff vor. Wenn andere etwas ähnliches notiert haben, können sie es mit ‚Bingo‘ direkt dazu pinnen.

    Wie lässt sich Art of Hosting and Harvesting im klassischen Bildungskontext realisieren?

    Ich werde die Learnings aus meinem Training sicherlich in meine Bildungsarbeit, die überwiegend im formalen Bildungssystem stattfindet, einfließen lassen. Wenn du hier Interesse an Weiterdenken und Zusammenarbeit hast und/oder schon mehr ausprobiert und gestaltet hast, was du teilen kannst, dann freue ich mich sehr, wenn du Kontakt zu mir aufnimmst.

    Ich habe während der Tage auch mehrere sehr konkrete und gut weiternutzbare Methoden kennen gelernt. Eine wertschätzende und ganzheitliche Feedback-Methode – den Kreis der Wertschätzung – habe ich bereits geteilt. Weitere Methoden (= die wertschätzende Triade, das verflixte Fragespiel …) werde ich in späteren Blogbeiträgen aufschreiben, nachdem ich sie auch in meiner eigenen Lerngestaltungs-Praxis erprobt habe.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate #Veranstaltungen
  4. Wozu lernen und lehren wir? Gemeinsam Nordsternfragen entwickeln!

    Wir sind als Menschheit mit zahlreichen gesellschaftlichen und ökologischen Krisen konfrontiert. In der pädagogischen Tätigkeit stehen wir somit vor der Frage, wie wir Bildung in dieser Situation zu einem Teil der Lösung machen und Lernen so gestalten, dass es zu einer l(i)ebenswerten Welt beiträgt. Relativ klar ist hier: Nötig ist dazu Transformation. Wir können uns dazu „in die Zukunft lehnen“, bestehende Strukturen und Mechanismen hinterfragen und Gestaltungsspielräume öffnen und nutzen. Genau deshalb habe ich in einem früheren Blogbeitrag für einen erweiterten Nordstern in der Bildung plädiert.

    Im Folgenden möchte ich daran anschließen und „Nordsternfragen“ als ein sehr wirkmächtiges Instrument zur Denköffnung und Gestaltung vorstellen. Ich arbeite damit selbst sehr viel und nutze sie zunehmend auch als methodische Rahmung in Workshops und Lernangeboten.

    Was sind Nordsternfragen?

    Nordsternfragen sind Fragen, die nicht direkt den nächsten Handlungsschritt innerhalb eines bestehenden Systems suchen, sondern zunächst bewusst das Denken öffnen, indem ein größerer und grundlegender Orientierungspunkt (= der Nordstern) zur Ausrichtung des Handelns in den Blick genommen wird. Auf diese Weise helfen Nordsternfragen überhaupt erst einmal einen Möglichkeitsraum zu öffnen. Sie fragen nicht in erster Linie: Wie lösen wir das Problem xyz? Sondern: Was wollen wir ermöglichen? Auf diese Weise sind sie grundsätzlich konstruktiv-gestaltend, statt passiv-abwehrend formuliert. Ihre transformative Wirkung liegt nicht darin, dass sie direkt bessere Antworten liefern, sondern dass sie erst einmal einfach Fragen sind, die mehr Bewegung auslösen können.

    Wie lassen sich Nordsternfragen entwickeln?

    Für die Entwicklung von Nordsternfragen braucht es als erstes Raum zum Innehalten. Nötig ist eine doppelte Bewusstmachung: nach außen und nach innen.

    • Nach außen gilt es, Bildung gesamtgesellschaftlich zu verankern. Schule und andere Bildungseinrichtungen sind nicht isoliert von der sie umgebenden Welt. Wir leben in einer Welt mit sehr viel Schönheit und Wundern, die zugleich an immer mehr Stellen brüchig und zerstört wird. Diese radikale Gegenwart sollten wir uns als Ausgangspunkt klar machen.
    • Nach innen gilt es, im Sinne einer potentialorientierten Bildung, sich bewusst zu werden, dass wir Menschen über vielfältige Potentiale und Fähigkeiten verfügen, die entfaltet und entwickelt werden können. Die Achtung der Würde jeder einzelnen Person ist damit Ausgangspunkt für pädagogisches Handeln.

    Wichtig finde ich an dieser Stelle, dass diese Ausrichtung nach innen und nach außen keine beliebige Setzung ist, die leicht auch als „politische Instrumentalisierung“ angekreidet werden könnte. Stattdessen basiert diese Bewusstmachung auf der Übereinkunft einer demokratischen und sozialen Gesellschaft, was aus meiner Sicht nicht nur eine ‚erlaubte‘, sondern eine notwendige Setzung ist.

    Mit dieser Bewusstmachung lässt sich dann in eine „Wozu?“-Kette gehen. Unten zeige ich dieses Vorgehen an konkreten Beispielen. Wichtig ist hier eine Wozu-Orientierung und gerade nicht eine Warum-Orientierung. Während mir das „Warum?“ erlauben würde, die Herausforderung in der Tiefe besser zu verstehen und sie konkret zu fassen (was in vielen Fällen auch sehr hilfreich sein kann), geht es beim „Wozu?“ um die Frage nach der Ausrichtung und damit um eine Öffnung. Es entwickelt sich also die Frage:

    Was ist im Kontext von gesellschaftlichen Krisen und vor dem Hintergrund menschlicher Potenziale das Ziel, das ich sehr grundlegend erreichen will?

    Eine solche Wozu-Kette funktioniert dann gut, wenn man wirklich so lange weiter fragt, bis sich neue Spielräume und Gestaltungsperspektiven öffnen. Ich erlebe das meist so, dass es nach drei bis vier Wozu-Fragen der Fall ist. Wenn auch dann noch der Eindruck besteht, dass kein neuer Spielraum sichtbar ist, dann kann man einfach weiter fragen.

    Wenn der Gestaltungsraum dann sichtbar geworden ist, lässt sich die gefundene Nordsternfrage zur Ausgangsfrage zurückspiegeln, um zu sehen, was mit dieser passiert.

    Wie funktioniert das ganz praktisch?

    Um Nordsternfragen zu entwickeln, ist nach der grundsätzlichen und oben skizzierten Bewusstmachung (= Schritt 0) ein Dreiklang nötig:

    1. Öffnen: Eine eventuell geschlossene Frage wird in eine offene Frage umformuliert. Aus „Welches KI-Tool soll ich am besten für die Unterrichtsvorbereitung einsetzen?“ wird so „Wie wähle ich KI-Tools für meine Unterrichtsvorbereitung aus?“
    2. Ausrichten: Diese offene Frage wird dann mit der Wozu-Treppe ausgerichtet. Also zum Beispiel: Wozu will ich KI-Tools für meine Unterrichtsvorbereitung auswählen? (Mögliche Antwort: Weil ich Unterricht schneller vorbereiten will.) Wozu will ich Unterricht schneller vorbereiten? (Um mehr Zeit für pädagogische Beziehungsarbeit zu haben.) Wozu will ich mehr Zeit für pädagogische Beziehungsarbeit haben? (Um gutes Lernen zu gestalten.) Die Nordsternfrage ist dann also: Wie kann ich gutes Lernen gestalten?
    3. Rückspiegeln: Die sehr große Nordsternfrage wird wieder zur ursprünglichen Frage in Beziehung gesetzt und es wird geschaut, was mit dieser Ausgangsfrage passiert.

    Insbesondere das Rückspiegeln im dritten Schritt ermöglicht es, konkret und trotzdem ausgerichtet zu fragen. Durch das Rückspiegeln können mit der ersten Frage ganz unterschiedliche Dinge passieren:

    • Die ursprüngliche Frage bekommt ein Ziel: Sie bleibt bestehen, wird aber durch die Nordsternfrage qualifiziert: Wie wähle ich KI-Tools so aus, dass ich gute Bildung gestalten kann?
    • Die ursprüngliche Frage bekommt einen anderen Fokus: Sie verschiebt sich, weil im Licht der Nordsternfrage klar wird, dass eigentlich etwas anderes wichtiger ist: Wie wähle ich KI-Tools so aus, dass ich eine digital-mündige Haltung vorlebe und dazu inspiriere?
    • Die ursprüngliche Frage stellt sich gar nicht mehr: Sie löst sich auf, weil sie sich vor dem Hintergrund der Nordsternfrage als Symptom oder Nebenschauplatz erweist: Wie gestalte ich im Kontext der Möglichkeiten von KI freudvolles und potentialorientiertes Lernen?

    Beim Rückspiegeln kann es hilfreich sein, die Nordsternfrage in jedem Fall als eigenständige Frage stehen zu lassen. Im besten Fall arbeitet man mit beiden Fragen weiter: Die Nordsternfrage gibt die Richtung und die rückgespiegelte Frage hilft beim nächsten, konkreten Schritt.

    In welchem Kontext ist es hilfreich, Nordsternfragen zu entwickeln?

    Nordsternfragen lassen sich zum einen als Denkanstoß für einen selbst oder auch als Impuls für andere individuell entwickeln und dann zum Beispiel in Gesprächen oder in Vorträgen nutzen. Ich finde es auch sehr hilfreich, wenn ich Konferenzen besuche, genau diese Perspektive als Rückfrage in Plenumsdiskussionen aufzumachen. Für diesen Einsatzzweck lässt es sich übrigens auch gut mit KI-Sprachmodellen als Resonanzmaschinen weiterdenken.

    Hier ist dazu ein exemplarischer (und KI-generierter) Prompt, der das in diesem Blogbeitrag beschriebene Vorgehen enthält und mit dem du dich Schritt für Schritt durch den Prozess führen lassen kannst.

    Kopiere den folgenden Prompt und füge ihn in ein KI-Sprachmodell deiner Wahl ein (z.B. Claude, ChatGPT, Gemini). Das Modell führt dich dann dialogisch durch die Schritte zur Entwicklung einer eigenen Nordsternfrage.

    Zweitens nutze ich dieses Vorgehen gerne bei Anfragen zur Gestaltung von Lernangeboten, die mich erreichen. Gemeinsam z.B. mit dem Vorbereitungsteam eines Pädagogischen Tages können wir in diesem Sinne gesammelte Bedarfe aus dem Kollegium noch einmal genauer betrachten und ihnen eine Richtung geben.

    Drittens lässt sich die Entwicklung von Nordsternfragen auch als kollaborativer Aneignungsprozess gestalten. Dann ist die Entwicklung von Nordsternfragen Teil eines Lernangebots. Ausgangspunkt kann sein, erst einmal Bedarfe zu sammeln: Vor welcher Herausforderung stehen wir gerade? Die für die Gruppe wichtigsten Fragen zu clustern und zu priorisieren und dann Schritt für Schritt durch den oben beschriebenen Prozess zu führen. Im Ergebnis entstehen dann Nordsternfragen, die zum Beispiel für einen dann folgenden Open Space genutzt und bearbeitet werden können.

    Drei Beispiele: Von Problembewältigung zu intentionaler Gestaltung

    Um das Prinzip von Nordsternfragen deutlicher zu machen, teile ich hier drei Beispiele, wie das Vorgehen – egal ob individuell oder kollaborativ – gestaltet sein könnte. Angesetzt wird hier jeweils nach der Bewusstmachung nach außen und nach innen.

    Beispiel 1: KI-resiliente Prüfungskultur

    Bedarfsfrage: Sollen wir KI-resiliente Prüfungen einführen?

    1. Öffnen: Wie gestalten wir eine KI-resiliente Prüfungskultur?
    2. Ausrichten:
      Wozu wollen wir eine KI-resiliente Prüfungskultur? → Damit Prüfungen weiterhin valide messen, was Lernende können.
      Wozu wollen wir valide messen, was Lernende können? → Damit wir Lernfortschritt erkennen und gerecht beurteilen können.
      Wozu wollen wir Lernfortschritt erkennen und beurteilen? → Damit Lernende ihr Können erleben und sich weiterentwickeln.
      Wozu sollen Lernende ihr Können erleben und sich weiterentwickeln? → Damit Bildung Wachstum und Selbstwirksamkeit ermöglicht.

    Nordsternfrage: Wie ermöglichen wir durch Bildung Wachstum und Selbstwirksamkeit?

    1. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage bekommt eine Ausrichtung. Aus „Wie gestalten wir eine KI-resiliente Prüfungskultur?“ wird: Wie gestalten wir eine Prüfungskultur so, dass sie Wachstum und Selbstwirksamkeit ermöglicht?

    Beispiel 2: Social Media in der Schule

    Bedarfsfrage: Sollen wir Social Media an unserer Schule verbieten?

    1. Öffnen: Wie gehen wir an unserer Schule mit Social Media um?
    2. Ausrichten:
      Wozu wollen wir einen guten Umgang mit Social Media an unserer Schule? → Damit Schüler:innen keinen Schaden nehmen und nicht abhängig werden.
      Wozu wollen wir, dass sie nicht abhängig werden? → Damit sie ihre Aufmerksamkeit selbst lenken können.
      Wozu sollen sie ihre Aufmerksamkeit selbst lenken können? → Damit sie wirklich verbunden sein können – mit sich, mit anderen, mit der Welt.
      Wozu wollen wir, dass sie wirklich verbunden sein können? → Damit sie für sich und andere eine l(i)ebenswerte Welt gestalten können.
      Nordsternfrage: Wie ermächtigen wir zur Gestaltung einer l(i)ebenswerten Welt?
    3. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage bekommt einen anderen Fokus. Statt weiter primär über Social Media zu sprechen, rückt die Frage in den Mittelpunkt: Wie gestalten wir Schule als Ort, an dem junge Menschen Sicherheit, Verbundenheit und Zuversicht erfahren und entwickeln? Social Media ist dann nur ein Aspekt unter vielen.

    Beispiel 3: Prüfungsangst

    Bedarfsfrage: Wie reduzieren wir Prüfungsangst bei Schüler*innen?

    1. Öffnen: Wie gehen wir mit Prüfungsangst bei unseren Schüler:innen um?
    2. Ausrichten:
      Wozu wollen wir gut mit Prüfungsangst umgehen? → Damit Schüler:innen nicht leiden und besser lernen können.
      Wozu wollen wir, dass sie gut lernen können? → Damit Lernen nicht mit Angst, sondern mit Neugier verknüpft ist.
      Wozu soll Lernen mit Neugier verknüpft sein? → Damit Lernen Freude macht und Potenziale entfaltet.

    Nordsternfrage: Wie gestalten wir Lernen so, dass es Freude macht und Potenziale entfaltet?

    1. Rückspiegeln: Die Ausgangsfrage stellt sich gar nicht mehr; jedenfalls nicht in der ursprünglichen Form. Wenn Lernen freudvoll und potentialorientiert gestaltet wird, dann ist Prüfungsangst nicht das eigentliche Problem, sondern Symptom einer Lernkultur, in der Fehler als Bedrohung erlebt werden. Die Frage wandelt sich: Wie gestalten wir eine Lernkultur, in der sich Schüler:innen neugierig und freudvoll lernen können?

    Fazit

    Der Vorschlag zur Entwicklung von Nordsternfragen wirkt auf den ersten Blick vielleicht relativ banal. Man könnte den Eindruck haben, dass das ja ohnehin klar sei, dass es ja immer um eine gute Bildung gehen würde. Das müsse man dann ja nicht eigens explizit zur Sprache bringen. Ich erlebe allerdings immer wieder, dass genau das einen Unterschied macht. Denn die eigentliche pädagogische Intention gerät im Klein-Klein und in all den Herausforderungen des pädagogischen Alltags leider immer wieder aus dem Blick. Und Systeme sind sehr gut darin, sich eben gerade nicht zu verändern. Mit der Entwicklung von Nordsternfragen ist deshalb eine Öffnung möglich. Es wird klarer, woran wir weiterdenken und gestalten können, um gemeinsam mit unserem Handeln einen Unterschied zu machen.

    Wenn du deshalb die Entwicklung von Nordsternfragen für dich selbst und gemeinsam mit anderen auszuprobieren möchtest, dann wünsche ich dir dabei viel Freude und gutes Gelingen!

    #Lernkulturveränderung
  5. Buchnotizen: Resonante Lernkulturen

    Ich habe das Buch ‚Resonante Lernkulturen‚ von Ulrich Wirth zur Hälfte gelesen und empfehle es sehr weiter. Schon nach wenigen Seiten stellte ich fest, dass Markieren und Unterstreichen nicht so hilfreich ist, wenn ich das bei so gut wie jedem Satz mache. 😉

    Was erwartet dich im Buch?

    Das Buch habe ich zweigeteilt wahrgenommen: Im ersten Teil, den ich bisher gelesen habe, entwirft Ulrich Wirth ausgehend von den Spannungen, Widersprüchen und Entwicklungen, die er in der gegenwärtigen Lernkultur wahrnimmt, ein grundlegend verändertes Bild von Lernen:

    „Lernen ist nicht mehr individueller Erwerb von Wissen, sondern kulturelle Praxis in Systemen permanenter Beschleunigung“.

    Genau vor diesem Hintergrund plädiert er für resonante Lernkulturen.

    „Wer in Zukunft Lernräume gestaltet, gestaltet Weltbeziehungen. Denn Bildung ist längst mehr als Wissensvermittlung. Sie ist die Resonanz zwischen Menschen, Maschinen und Momenten. (…)
    Resonante Lernkulturen entstehen dort, wo Welt, Körper, Sozialität, Selbst, Zukunft, Risiko und Wirklichkeit nicht getrennt, sondern in Beziehung gebracht werden. Resonanz entsteht eher nicht durch Belehrung, sondern durch Berührung.

    Im zweiten Teil („Resonanz lässt sich nicht erklären. Nur riskieren“) folgt dann ein Resonanz-Fieldguide mit Formaten, Canvas und Laboren, die im Sinne einer Arbeitssammlung in die Hand genommen werden können. In diesem Teil habe ich bisher nur geblättert.

    Die Sprache im Buch ist eine sehr prägnante ‚Bäm Bäm Bäm‘-Sprache. Ich mag so etwas normalerweise weniger, weil es mich an KI-generierte LinkedIn-Postings erinnert. Im Fall dieses Buches erlebte ich das fundamental anders, weil in diesem ‚Bäm Bäm Bäm‘ für mich ganz viel Substanz und Anknüpfungspotenzial steckt.

    Hier ein paar Eindrücke von ganz vielen Sätzen, die ich zitieren könnte, die ich super als Diskussionsimpulse zum gemeinsamen Nachdenken finde:

    • Raum ist niemals nur Kulisse, sondern Co-Autor des Lernens.
    • Was nur den Kopf anspricht, bleibt zweidimensional; was ästhetisch resonant ist, öffnet Raum, Wahrnehmung und Bedeutung.
    • Die Teilnahme am hybriden Lernen ist keine räumliche, sondern eine energetische Kategorie.
    • Wirkliche Anwesenheit entsteht nicht automatisch dadurch, dass Menschen denselben Raum teilen, sondern durch einen Moment des Innehaltens, des Sich-Einlassens.
    • Führung ist Reduktion von Komplexität durch Selektion von Sinn.
    • Ohne Beziehung wird Technologie zum Geräusch, nicht zum Klang.
    • Lernen ist keine Anhäufung von Wissen, sondern eine Beziehung: zu sich, zu anderen, zur Welt.
    • Transfer ist kein Abschluss, sondern ein Prozess der Verkörperung.
    • Wissen teilen heißt Macht teilen – und in diesem Teilen entsteht Resonanz.
    • Partizipation ist kein Selbstläufer. Sie verlangt psychologische Sicherheit.
    • Immersive Formate schaffen einen Ausnahmezustand des Bewusstseins: Die Realität wird nicht verlassen, sondern intensiviert.
    • Das Lernen mit KI wird zum Spiegel, in dem wir unsere eigene Denkweise neu erkennen und vielleicht auch korrigieren.
    • Die Kunst der Kuratierung besteht darin, Energie zu lenken, nicht Programme zu füllen.

    Und einer meiner Lieblingssätze:

    Gute Moderation ist keine Kontrolle der Dynamik, sondern eine Choreografie des Chaos. Das Ziel ist nicht Ordnung, sondern Energiefluss.

    Richtig gut finde ich, dass inmitten all dieser ‚Bäm Bäm Bäm‘-Sätze immer wieder Raum für das auch eigene Hadern mit den Widersprüchlichkeiten, Spannungen und Herausforderungen z.B. von Technologie zum Vorschein kommt. Allen voran beinhaltet das Buch auch eine transparente Darstellung des eigenen Lernens des Autors. Es wird immer wieder eingestreut, was beim Vorgängerbuch (Physiologie der Un-Konferenz, erschien 2014, ich kenne es nicht) anders dargestellt war und warum und wie der Blick sich nun geändert hat. Und das Buch lebt sehr davon, dass man es für sich selbst immer wieder von Kapitel zu Kapitel weiter verknüpfen und verbinden kann.

    Das Buch ermöglicht mir …

    • eine geteilte Wahrnehmung und Begriffe für vieles, was ich bislang auch beobachtet, aber für mich noch nicht so klar artikuliert und bewusst gemacht habe.
    • neue Perspektiven auf Themen, die ich bislang so noch nicht im Blick hatte.
    • eine sehr komprimierte Zusammenstellung von Themen und Hebeln zum Weiterdenken und -arbeiten, insbesondere auch gemeinsam mit anderen.

    Die Perspektive des Buchs ist die betriebliche Bildung. Ich habe es allerdings als eine übergreifende und für alle Bildungsbereiche relevante pädagogische Navigationseinladung gelesen.

    Meine Perspektive auf die Inhalte

    Übergreifend betrachtet hatte ich erstens sehr viel Freude beim Lesen. Es ist toll, dass mit dem Buch ein großer Rahmen und eine richtig spannende Perspektive aufgemacht wird, die ich in ihrer Grundorientierung (= Offenheit statt Kontrolle, Atmosphäre statt Agenda, Partizipation statt Perfektion) sehr teile. Vor allem unterstütze ich den ersten Hebel für eine resonante Lernkultur: Sinn und gesellschaftliche Verantwortung:

    Lernen braucht ein Warum, das größer ist als das System, das es fordert. Die Frage (…) lautet nicht: „Was muss ich lernen?“, sondern „Wofür lohnt es sich zu leben?“

    Außerdem konnte ich bei den zahlreichen Überlegungen zu bedürfnisorientiertem, sinnhaften und psychologisch sicheren und ganzheitlichen Lernen sehr ‚andocken‘, weil das alles Themen sind, die mich gerade sehr beschäftigen.

    Zweitens nehme ich wertvolle Hinweise zum Weiterdenken mit. Am wichtigsten finde ich diese drei Aspekte:

    1. Rolle von immersivem Lernen und KI: Immersives Lernen z.B. mit VR habe ich bislang eher als Technologie-Hype abgetan. Mich überzeugte im Buch der Ansatz, dass wir immersive Formate als etwas verstehen können, was Bewusstsein intensiviert und deshalb insbesondere durch nachträgliche Reflexion Lernen ermöglicht. In meinem Kopf habe ich hier Verbindungen hergestellt zum Ansatz der Bewusstseinskultur von Thomas Metzinger.
      Bei der Rolle von KI habe ich mit dem Bild von ‚KI-Technologie als Spiegel‘, der uns hilft, uns selbst intelligenter zu beobachten, einen klaren Fokus für das gefunden, an dem ich schon länger herumdenke. Es hilft mir, meine Gedanken zu sortieren, die – grob erklärt – sind, dass Sparringpartner-Logik zu wenig ist und wir KI-Technologie ‚mehr Meta‘ nutzen sollten. Eben dann als Spiegel.
    2. Der Blick auf die Ausgestaltung von Technologie: Hier erkenne ich in der vorherrschenden Form der Digitalisierung ganz ähnliche Mechanismen, wie sie im Buch für die Bildung beschrieben werden, insbesondere Versuch von Kontrolle und Dominanz durch BigTech. Hier wünsche ich mir mehr pädagogischen Technologie-Gestaltungsmut – nicht nur veränderte Nutzung. Also Betrachtung von Technologie als System, d.h. insbesondere unter Berücksichtigung der prägenden digitalen Infrastruktur.
    3. Der Blick auf globale Lernkulturen: In einem richtig spannenden Kapitel wird hier eine Reise in unterschiedliche Regionen/ Länder unternommen und gefragt: Was kann die jeweilige Lernkultur beisteuern?

    Weitere, weniger grundsätzliche und mehr praxisorientierte Aspekte, die ich mitnehme, sind außerdem:

    • Die Rolle vom Werkzeug des Canvas als kollektive Einladung zum Denken (Und hier freue ich mich, dass es im zweiten Teil ganz viele konkrete Anregungen dazu gibt)
    • Die Überlegungen zu Mikroformaten und damit verbunden der Ansatz, Lernen weniger als Angebot und mehr als kontinuierlichen, hybriden Raum zu denken.
    • Die Anregungen im Sinne ästhetischer Bildung, den Körper nicht als Träger, sondern als Resonator von Wissen zu verstehen – und das gerade in hybriden Räumen zu ermöglichen.

    Ich freue mich nun sehr auf weitere Vertiefungen und Weiterdenken und vor allem die Arbeit mit dem Resonanz-Fieldguide im zweiten Teil.

    Schon jetzt: Unbedingte Lektüre-Empfehlung. Und vielen Dank für das Buch!

    #Buchnotizen #Lernkulturveränderung
  6. Barcamp-Session: So retten wir die Welt (?)

    Ich habe mich in den letzten Monaten intensiv mit den Inner Development Goals (IDGs) auseinandergesetzt und dazu auch das Botschafterinnen-Programm absolviert. Die IDGs sind ein Rahmenwerk mit Selbstentwicklungs-Kompetenzen, das in bewusster Verknüpfung mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (den SDGs) die Frage stellt:

    Welche Veränderung braucht es in uns selbst, um diese Nachhaltigkeitsziele erreichen zu können?

    Bei der heutigen edunautika war eine schöne Gelegenheit, gemeinsam mit neugierigen Kolleg*innen zu erkunden, wie sich dieser grundsätzliche Ansatz der IDGs – mit innerer Entwicklung zu äußerer Veränderung kommen – in Lern- und Austauschformate übersetzen und erleben lässt.

    Ich teile im Folgenden den dazu gestalteten Rahmen. Ich habe ihn als sehr gewinnbringend erlebt. Meine sonstigen Eindrücke von der edunautika habe ich in diesem Beitrag notiert.

    Thema der Session

    Ich habe die Session mit dem Titel angekündigt:

    So retten wir die Welt (?!): Mit innerer Entwicklung und Verbundenheit zu mehr pädagogischer Wirkungsmacht für l(i)ebenswerte Zukünfte.

    In der Vorstellung habe ich erklärt, dass es um gemeinsames Ausprobieren und Erleben geht, also wir konkret erkunden werden, wie ein möglicher Raum für solch eine Entwicklung und Verbundenheit gestaltet sein könnte.

    Rahmen

    Die edunautika ist ein Barcamp und ich habe das Angebot somit als 45-minütige Session angeboten.

    Bei einem Barcamp sind die Türen normalerweise offen. Das bedeutet, dass Menschen jederzeit auch zwischendurch die Session wechseln und somit auch später dazu stoßen können. Ich bin von diesem Grundsatz heute bewusst abgewichen, weil ich finde, dass das bei solch einem Thema und einer entsprechenden Raumgestaltung schwieriger ist. Die Tür der Session war somit zu. (Wer von innen nach draußen wollte, konnte das aber natürlich jederzeit machen.)

    Ablauf

    Der Fokus der Session lag auf zwei ‚Denkenden Runden‘, in denen die Beteiligten in ein intensives Sprechen und Zuhören kommen konnten. Vorbereitet wurde dies durch eine Ankommenszeit und unterstützt mit einer Übung aus dem Social Presencing Theater und einem gemeinsamen Abschluss.

    1. Ankommen

    Ich habe kurz den Hintergrund der Session erklärt (= meine eigene Suche nach mehr pädagogischer Wirkungsmacht angesichts vielfältiger Krisen und möglicher ‚Spuren‘ bei den IDGs, der Theorie U und im Ansatz des DEEPSKILLING). Vor allem aber lud ich ein, sich auf die nächsten Schritte einzulassen – und machte zugleich deutlich, dass es natürlich jederzeit auch möglich ist, auch nicht mitzumachen.

    2. Grounding

    Wir sind alle kurz im Stillen angekommen (= bewusst in sich hineinspüren). Dann haben wir eine nicht-sprechende ‚Vorstellungsrunde‘ in der Form gemacht, dass wir uns alle durch den Raum bewegten und dabei versuchten, die anderen Beteiligten sehr offen wahrzunehmen und sich mit ihnen jeweils non-verbal auf eine Begrüßung zu verständigen (= manche umarmten sich, manche nickten sich zu, manche schüttelten sich die Hand).

    3. Denkende Runde 1

    Wir kamen danach in 3er-Gruppen zusammen. Ich teilte auf Karten jeder Gruppe diese Frage aus:

    Wie geht es mir mit meiner pädagogischen Wirkungsmacht angesichts der Krisen dieser Welt?

    Die Karte wurde reihum weitergegeben. Wer sie hatte, sprach 3 Minuten zur Frage; die anderen hörten zu, aber unterbrachen nicht.

    Im Anschluss erläuterte ich dazu das Bild des Gummibandes: Auf der einen Seite ganz viel Liebe für die Schönheit der Welt; auf der anderen Seite ganz viel Leiden, für das was täglich an Gewalt und Zerstörung passiert. Diese Spannung zuzulassen, kann Energie ermöglichen, um zu Veränderung zu kommen.

    4. Social Presencing Theatre

    Wir machten anschließend eine Mini-Übung aus dem so genannten Social Presencing Theater:

    Wir nahmen in uns dazu die Herausforderung wahr und verkörperten sie, in der wir uns befinden (= Werden wir niedergedrückt? Sind wir orientierungslos? Wird an uns von zwei Seiten gezogen? …). Aus dieser Position heraus lässt sich dann erspüren, wo wir eigentlich hinwollen – und diese Bewegung machen. Wir erleben alle gemeinsam, dass auch andere mit uns solch eine öffnende/aufrichtende Bewegung machen. (In diesem Video ist diese Übung sehr schön erklärt und gezeigt)

    5. Denkende Runde 2

    Danach kamen wir wieder in 3er-Gruppen zusammen – dieses Mal zur Frage: Was gibt mir Zuversicht? Wieder hatten alle 3 Minuten Redezeit.

    6. Entwicklung/ Reflexion einer Intention

    In Stille nahmen wir uns danach Zeit, um für uns der Frage nachzuspüren:

    Was könnte jetzt unsere Intention sein? Worauf wollen wir unsere Aufmerksamkeit richten?

    Nach der Stille-Phase konnten wir das mit Nebensitzenden teilen.

    7. Abschluss

    Als kleines ‚Nachbereitungs-Material‘ zur weiteren Reflexion der aufgeworfenen Fragen haben wir bei den wirkSamen ein Mini-Zine gestaltet, das sich alle zum Abschluss mitnehmen konnten.

    Hier ist die Vorlage dazu zur offenen Weiternutzung:

    Zine zur ReflexionHerunterladen

    (Und hier eine Anleitung zum Falten eines solchen Zines)

    Mein Fazit

    Die edunautika ist ein sehr reformpädagogisch geprägtes Barcamp mit großer Aufgeschlossenheit und vielfach auch langjähriger Erfahrung der Teilgebenden mit solchen, ganzheitlichen und reflektierenden Methoden. Ich fand es sehr schön, in solch einem somit sich sehr ’sicher anfühlenden‘ Raum gemeinsam dem Nordstern einer l(i)ebenswerten Welt und des jeweils eigenen Beitrags dazu nachzuspüren. Vielen Dank an alle Beteiligten!

    Mich bestärkt die Erfahrung sehr, dass solche Räume und vor allem auch dieser Nordstern unbedingt auch in so vielen weiteren Kontexten in die Bildung gehört. Und ich freue mich, daran weiter zu arbeiten.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
  7. Schule als guter Ort: Wie wollen wir in Zukunft lernen, lehren und leben?

    Ich bin auf der Rückfahrt aus Hamburg, wo ich heute am Luisengymnasium in Bergedorf gemeinsam mit der Steuergruppe der Schule eine nach meinem Eindruck nachahmenswerte Pädagogische Jahreskonferenz gestaltet habe. Nachahmenswert halte ich die Veranstaltung vor allem aus den folgenden Gründen:

    • Wir haben uns bewusst Zeit genommen, um innezuhalten, einen Schritt zurück zu treten und den Nordstern einer potenzialorientierten Bildung und einer l(i)ebenswerten Welt in den Blick zu nehmen.
    • Wir hatten Zutrauen, dass wir gemeinsam mit allen Beteiligten aus uns heraus mithilfe eines dafür gut gestalteten Rahmens, einer ganzheitlichen Herangehensweise und unter Nutzung von Kreativitätsmethoden ganz viel entwickeln können.
    • Lehrkräfte und Schüler*innen haben gemeinsam reflektiert und gestaltet.
    Plakat an der Schule zur PJK

    Falls das für dich spannend klingt und du an einer Nachahmung Interesse hast, kommt hier das Konzept und unsere verwendeten Materialien zum offenen Weiternutzen als Open Educational Resources (OER).

    Der Rahmen

    Die Pädagogische Jahreskonferenz war eine relativ typische Ganztagskonferenz mit einem Zeitrahmen von 9-16 Uhr. Insgesamt waren rund 90 Personen beteiligt. Wir haben (weil die Aula der Schule zurzeit saniert wird) in der Cafeteria getagt, was nicht optimal war, aber funktionierte. In jedem Fall braucht es für das Konzept einen Raum, in dem alle Beteiligten an Tischgruppen mit 5-6 Personen sitzen können.

    (Ich habe heute gelernt: In solch einem Raum kann es bei gemeinsamer Arbeit dann schnell relativ laut werden. Es ist deshalb sinnvoll, von Anfang an mitzudenken/anzubieten, dass und wie Beteiligte die Möglichkeit haben können, sich auch kurzzeitig rauszuziehen)

    Für den Open Space braucht es zusätzlich Gruppenräume.

    Wir haben den Fokus der kreativen Gestaltung auf das Bauen mit Klemmbausteinen gelegt. Das war am Luisengymnasium sehr passend und gut möglich, weil es an der Schule eine Klemmbausteinm-AG gibt und wir somit auf einen riesigen Vorrat an Steinen zurückgreifen konnten. Das war eines meiner Highlights des Tages. (Ich habe Lego Bauen bisher immer nur in Workshops mit maximal 30 Personen gemacht und schon da dann mit doch recht wenig Auswahl an Steinen.)

    Vorbereitete Boxen mit Klemmbausteinen

    Anstelle des Bauens mit Klemmbausteinen lassen sich sicherlich auch andere Materialien finden, um gemeinsam mit den Händen ins Denken und Gestalten zu kommen. Ich habe z.B. auch gute Erfahrungen mit Knete oder auch einfach mit Pappe, Papier, Schere, Kleber und Stiften.

    Der Ablauf

    Wir haben den Tag in mehreren, aufeinander aufbauenden Teilen gestaltet:

    • Am Vormittag ein Einstieg, gefolgt von einem Kreativitätsprozess mit Denköffnung und anschließender Fokussierung.
    • Am Nachmittag dann ein Open Space zu den am Vormittag entwickelten ‚Wie können wir …?‘-Fragen gefolgt von einem gemeinsamen Abschluss im Plenum.

    Einstieg am Vormittag

    In unserer ersten Konzeption hatten wir noch überlegt, zu Beginn einen ca. einstündigen Impuls zu zukunftsgestaltendem Lernen zu setzen. Ich bin sehr froh, dass wir uns in der weiteren Reflexion dagegen entschieden haben. Passend zum Motto:

    Weniger reingeben, mehr Raum geben!

    Damit das funktionierte, war uns im Vorfeld wichtig, allen Beteiligten ausreichend Sicherheit zum Mitmachen zu geben.

    Dazu nutzten wir diese Schritte:

    • Ich war zu einer Konferenz im Februar kurz zugeschaltet und stellte dort das Konzept vor.
    • Die Kolleg*innen erhielten vorab eine ausführliche Mail orientiert an Simon Sineks ‚Golden Circle‘ (Warum und wozu, Wie und Was zur Pädagogischen Jahreskonferenz). Außerdem gab es für diejenigen, die inhaltliche Impulse suchten, einzelne kuratierte Webseiten und Links zur Vorbereitung. Das war freiwillig.
    • Wir starteten mit einem Ankommen im Raum: Sich am eigenen Platz spüren, den Raum wahrnehmen, sich mit den anderen Beteiligten verbinden.

    Dann stellte ich den geplanten Ablauf noch einmal kurz vor. Außerdem hatten wir im Raum mehrere Aushänge dazu gemacht, so dass alle die Struktur immer im Blick hatten.

    Wir starteten dann mit einer „Denkenden Runde“, in der wir die Frage der Pädagogischen Jahreskonferenz zunächst auf die Gegenwart übersetzten. Also nicht: Wie wollen wir in Zukunft lehren, lernen und leben? Sondern: Wie geht es mir aktuell mit dem Lehren, Lernen und Leben am Luisengymnasium? Diese Frage lag auf allen Tischen verteilt.

    „Denkende Runde“ sieht dann so aus, dass es Sprechen & Zuhören gibt. Eine Person beginnt, hat 3 Minuten Zeit zum Sprechen zu der Frage, alle anderen hören nur zu – ohne zu erwidern, Rückfragen zu stellen oder zu ergänzen. Sollte es zu Stille kommen, ist das sehr in Ordnung. Gedanken sollen sich entfalten können. Danach ist die nächste Person an der Reihe.

    Mit 6er Gruppen braucht man somit knapp 20 Minuten für diese Methode. Ich würde immer empfehlen, sich diese Zeit zu nehmen, weil damit dann eine richtig gute Grundlage für die weitere Zusammenarbeit gelegt ist, weil alle mit ihren Erfahrungen wertgeschätzt und eingebracht mit dabei sein können.

    (Mini-Hack für die Moderation: Ich habe vorgeschlagen, dass die Person beginnt, die als erstes im Jahr Geburtstag hat. Sie nimmt dann die Karte mit der Frage in die Hand, so lange sie spricht. Nach ihrer Zeit gibt sie sie im Uhrzeigersinn weiter. Mit diesem Prinzip ist die Rede-Rolle immer klar und die sprechende Person hat die Frage im Blick.)

    Von der Gegenwart haben wir dann die Perspektive für zukunftsgestaltendes Denken geöffnet. Ich mache das gerne mit einer Gedanken-Zeit-Reise, die ich hier beschrieben habe und von der es inzwischen auch ein Video des OERcamp-Team gibt, was vielleicht bei einer Weiternutzung zum Einsatz kommen kann.

    Wichtig ist die Erkenntnis: Es geht bei Zukunftskompetenzen weniger um Kompetenzen, die vielleicht in Zukunft wichtiger werden, da wir die Zukunft nicht vorhersagen können. Vielmehr geht es um Kompetenzen, die dazu ermächtigen, gute Zukünfte zu gestalten. Dazu gilt es den Blick auf grundlegende menschliche Fähigkeiten zu richten und diese zu entfalten, was – weil der Mensch ein verbundenes, lebendiges Wesen ist – immer der Verbindung mit anderen bedarf.

    Zuletzt erklärte ich noch kurz etwas zu ‚Denken mit den Händen‘ im Rahmen von Design Thinking und die Übersetzung von Kreativität im Sinne von neu Denken. Bei letzterem konnte ich Bezug nehmen auf unsere Methode, die wir zur Zufallseinteilung der Gruppen genutzt hatten: Hier hatten alle am Eingang ein Symbol gezogen und suchten dann den Tisch mit diesem Symbol. Zu dem Symbol gab es die Assoziationsübung zur Einstimmung: Was hat dieses Symbol mit guter Bildung zu tun?

    Tisch zu Beginn mit Frage für die Denkende Runde und Assoziationsübung

    Falls du diese Methode nachnutzen willst, sind hier meine Kritzelbilder dazu:

    Gruppenbildung mit AssoziationsübungHerunterladen

    Kreativitätsprozess: Denken öffnen, austauschen und auf ‚Wie können wir …?‘-Fragen fokussieren

    Nach dem Einstieg verteilten wir die Klemmbausteine-Boxen und starteten mit dem Kopfstand, also der Frage: Was wäre für euch ein Lernen, Lehren und Leben, was ihr in Zukunft überhaupt und gar nicht haben möchtet? Wir hatten hier ursprünglich mit 30 Minuten richtig viel Zeit eingeplant, aber haben dann im Prozess auf 20 Minuten verkürzt, was gut ausreichend ist und eine etwas längere Kaffeepause ermöglichte.

    Kopfstand-Bauen, hier: fast nur grau und schwarz

    Anschließend kam es zum Kopfstand zurück, den wir aber nicht direkt bauten, sondern zuvor noch mit einer Körperübung einleiteten: Dazu waren alle eingeladen, sich noch einmal ganz genau ihr Kopfstand-Bauwerk anzuschauen und sich dann in die Körper-Position zu begeben, wie man sich in der jeweils eigenen Rolle in dieser Situation fühlen würde (ganz zusammengekauert, ängstlich, alleine, überfordert …). Aus dieser Position heraus bewegten wir uns dann in die Position, wie wir uns jeweils wohl fühlen würden. (Ich fand es sehr schön zu beobachten, dass hier ganz automatisch vor allem aus Isolation Verbundenheit entstand und sich Kolleg*innen spontan umarmten.)

    Eine zweite Unterstützung für den Kopfstand zurück war ein Briefumschlag mit diesen Leitfragen:

    • Wie begegnen wir uns?
    • Welche Räume gibt es und wie sind sie gestaltet?
    • Wie fühlen wir uns?
    • Was lernen wir, wie und wozu?
    • Wer entscheidet worüber?
    • Wie strukturieren wir unsere Zeit?
    • Was entsteht durch unser Lernen und wie entwickeln wir uns?
    • Wie gehen wir mit Spannungen und Konflikten um?
    • Auf was richten wir unsere Aufmerksamkeit?
    • Wie sind wir mit der Außenwelt verbunden und welche Wirkung haben wir?
    • Was nehmen wir wahr (Klänge, Gerüche, Licht, Atmosphäre)?
    • Wie ganzheitlich lehren und lernen wir?
    • Womit arbeiten wir (Materialien, Medien, Werkzeuge)?
    • Wie zeigt sich Verschiedenheit?
    • Wie berücksichtigen wir unterschiedliche Bedürfnisse?
    • Wie gehen wir mit Fehlern, Scheitern und Unbekanntem um?
    • Welche Rituale und Gewohnheiten prägen unseren Alltag?
    • Wie sorgen wir für uns selbst und andere?
    • Wie gehen wir mit Ressourcen um (Zeit, Energie, Material, Geld)?
    • Welche Zukunft gestalten wir mit?
    • Was macht unsere Schule aus?

    An den Tischen konnte nun also, wie zunächst im Körper gefühlt, der Kopfstand zurück gebaut werden. Dabei konnten die Gruppen die Leitfragen nutzen, um das Bauwerk noch detaillierter zu bauen bzw. dazu miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch für diesen Bauprozess veranschlagten wir 20 Minuten.

    Der nächste Schritt war eine Art Gallery Walk: Es gab drei Runden mit 7 Minuten. Die Gruppen legten fest, wer in diesen Runden jeweils ihr Bauwerk vorstellte, die anderen konnten ausschwärmen und sich an den anderen Bauwerken vorstellen lassen. Dabei waren sie mit einem Erkundungszettel zum Notieren von Ideen in unterschiedlichen Kategorien ausgestattet.

    Hier kannst du die Vorlage dazu weiter nutzen:

    Notizzettel für Gallery WalkHerunterladen

    Anschließend kamen alle wieder in ihren Stammgruppen zusammen, erhielten ein Flipchart und konnten darauf zunächst gemeinsam sammeln, was für sie wichtige Aspekte waren.

    Wir hatten uns hier für ein Koordinatensystem mit den Achsen ‚cool‘ und ‚intensiv‘ entschieden. Cool erklärt sich dabei wahrscheinlich von selbst: je weiter oben, desto besser gefällt einem diese Idee. Mit intensiv hatten wir im Blick: Je intensiver, desto mehr Veränderung/Transformation wird dadurch vorangebracht (Beispiel: Keine Noten und eine individuelle Essensausgabe in der Mensa können beides als ‚coole Ideen‘ eingeordnet werden, keine Noten mehr zu geben, wird die Schule aber vermutlich in weitaus mehr Bereichen verändern, als die veränderte Essensausgabe.)

    Ich fand und finde diese Sortierung eigentlich ganz cool, weil es ganz bewusst darum geht, wenn man dann den rechten oberen Quadranten auswählt, solche Ideen zu wählen, die komplexe Veränderungen voranbringen und nicht nur ‚low hanging fruits‘. Ich muss darüber aber noch weiter nachdenken. Im Prozess heute merkte ich, dass die Einsortierung für einige der Gruppen nicht gut verständlich war.

    Nach der Sammlung bekam jeder Tisch so viele Karten wie beteiligte Menschen und gemeinsam konnten aus den wichtigsten gesammelten Aspekten darauf ‚Wie können wir …‘-Fragen formuliert werden.

    Anschließend clusterten wir diese Ideen mit Gewusel im Raum – und dem Angebot von ‚Ideen-Cluster-Taschen‘, in denen mehrere Fragen zusammengesteckt und außen eine übergreifende Frage notiert werden konnte.

    Ideen-ClustertascheHerunterladen

    Open Space am Nachmittag

    Die Steuergruppe und ich nutzten die Mittagspause, um die Clusterung fertig zu stellen und alle Themen in eine Session-Übersicht einzufügen. Dank der Ideen-Cluster-Taschen funktionierte das sehr gut. Es waren zwei Slots mit je knapp 45 Minuten Zeit vorgesehen. Die Themen waren sehr breit und vielfältig: Mehr Bewegung, Lernen im Draußen und im Grünen, Lernen mit Freiheit und Struktur, Umsetzung eines Kabinett-Prinzips, Lernraumgestaltung, Partizipation an der Schule …

    Wir starteten dann nach der Mittagspause zunächst im Plenum mit drei Bitten für die Open Space Phase:

    • Eine Person als Zeitwächter*in bestimmen.
    • Sich um einen Mitschrieb kümmern. Dazu hatten wir eine Elevator Pitch Vorlage vorbereitet.
    • Möglichst auf eine ungefähr gleich große Aufteilung der Gruppen achten.

    Hier kannst du die Elevator Pitch Vorlage weiternutzen. (Wir ergänzten handschriftlich noch: Ansprechperson für die Steuergruppe)

    Elevator Pitch VorlageHerunterladen

    Außerdem hatten wir in den Gruppenräumen eine kleine Klappgrafik in Anlehnung an die dramafreie Arbeitswelt von Holger Heinze gestellt: Darauf zu sehen sind auf der einen Seite ein Opfer, ein Schurke und ein Retter – also die Rollen, die wir auch im Bildungskontext oft spielen. Mit Umklappen kommt man dann zu einer Befreiung aus diesen Rollen und wird zu Gestalter*in, Herausforderer*in und Coach*in. Im Vorfeld gab es die Einladung, diese Klappgrafik gut im Blick zu haben, und sich gegenseitig darauf aufmerksam zu machen, wenn manche in eine bestimmte Rolle fallen, es doch gemeinsam ‚dramafrei‘ zu versuchen.

    Wenn du meine gekritzelte Klappkarte weiternutzen willst, ist hier die Vorlage dazu (Mehr Infos zum Buch ‚Dramafreie Arbeitswelt‘ gibt es hier)

    Kritzel-Klappkarte ‚Dramafrei‘ Kritzel-Klappkarte dramafreiHerunterladen

    Ich hatte den Eindruck, dass die Open Space Sessions richtig gut funktionierten. Aus fast allen Sessions kamen zum Teil sehr detaillierte und konkrete Mitschriebe mit ganz vielen Ideen zurück. Ich freue mich auf die Aufbereitung und Sicherung!

    Abschluss im Plenum

    Nach den Open Space Sessions kamen wir noch einmal im Plenum zu einem Abschluss zusammen.

    Als erstes kündigten wir hier das weitere Vorgehen an: Alle Ergebnisse werden aufbereitet, in der Steuergruppe sortiert, um dann Schritt für Schritt in eine Umsetzung gehen zu können. Mit dem heutigen Tag ist der Prozess damit keinesfalls zu Ende.

    Um aber genau für die weitere Entwicklung vom heutigen Tag ganz viel Energie mitnehmen zu können, sammelten die Stammgruppen zum Abschluss Ergänzungen für diesen Lückentext:

    Lasst uns von heute … mitnehmen, um das Lui (= das Luisengymnasium) zu einem noch besseren Ort zu machen.

    Abschluss-Lückentext zum Ausfüllen

    Wer wollte, konnte im Plenum teilen, was notiert worden war. Ich mag diesen Ansatz, weil er den Blick auf positive, nährende Aspekte lenkt und so für alle einen motivierenden Abschluss ermöglicht.

    Außerdem lud ich zu einer kleinen Evaluation mit dem Fokus auf Hinweise für Schulen, die das Konzept vielleicht weiter nutzen wollen. Die Ergebnisse werde ich noch ergänzen.

    Ganz wichtig war uns zum Abschluss noch ein expliziter Dank an die beteiligten Schüler*innen, die für ihre Teilnahme auf einen Tag schulfrei verzichtet hatten. Sie bekamen eine Karte mit der Aufschrift:

    „Die Welt braucht mehr Menschen wie dich!“ :-)

    Mein Fazit

    Die oben erwähnte Karte fände ich genau wie für die beteiligten Schüler*innen auch für die vielen anderen Beteiligten des heutigen Tages sehr treffend. Und sehr überzeugt bin ich auch, dass die Welt und die Bildung besser werden, wenn wir uns noch viel häufiger solche verbindenden, innehaltenden und zukunftsgestaltenden Räume nehmen und gestalten!

    In diesem Sinne: Herzlichen Dank, dass ich mit euch gemeinsam konzipieren und durchführen durfte! Ich hatte viel Freude.

    Mit der Steuergruppe nach Abschluss des Tages (und vor dem Flipchart von Beginn) #Lernkulturveränderung
  8. Ein erweiterter Nordstern für die Bildung

    Für eine gelingende Bildungstransformation ist es sehr hilfreich, wenn alle Beteiligten an einem gemeinsamen Nordstern arbeiten. Diese Einsicht setzt sich in immer mehr Schulentwicklungsprozessen und auch in anderen Bildungsbereichen durch. Der Nordstern wird in solchen Fällen dann sehr oft als Antwort auf die Frage entwickelt: Wie sieht für uns gutes Lernen aus?

    Solche pädagogisch formulierten Nordsterne finde ich hilfreich, um überhaupt in eine gemeinsame Reflexion über eine veränderte Lerngestaltung zu kommen. Zugleich finde ich sie allerdings vielfach auch zu begrenzt. Ich möchte in diesem Beitrag deshalb dafür plädieren, solche Nordsterne zu erweitern und zu vertiefen. Mein Vorschlag ist, nicht mehr nur zu fragen, wie für uns gutes Lernen aussieht, sondern vor allem auch: Wofür und woher lernen wir?

    Nordstern-Erweiterung 1: Wofür?

    Die Frage, wie wir Bildung gestalten, hat für mich sehr viel mit der Frage zu tun hat, in welcher Gesellschaft wir leben wollen:

    • Wenn wir in der Bildung auf Konkurrenz und Einzelkämpfertum setzen, dann entwickeln wir keine Gesellschaft mit Solidarität und Gemeinsinn.
    • Wenn wir in der Bildung segregieren, statt inklusiv zu wirken, dann bleibt auch unsere Gesellschaft sozial ungerecht und hierarchisch.
    • Wenn wir Lernfreude viel zu oft im Keim ersticken, Fehler mit Rotstift anstreichen und Lernende entmutigen, dann entsteht keine Gesellschaft der Offenheit und Entwicklung, in der Krisen gemeinschaftlich bewältigt werden können.

    Mit einer Erweiterung des pädagogischen Nordsterns um das ‚Wofür?‘ können solche Verbindungen transparent und somit diskutierbar gemacht werden. Wenn der Nordstern dagegen nur beschreibt, wie an einer Schule gelernt werden soll, habe ich oft den Eindruck, dass wir uns um diese Verbindung zwischen Bildung und Gesellschaft herummogeln.

    Nordstern-Erweiterung 2: Woher?

    Noch weniger im Blick als das ‚Wofür?‘ ist aus meiner Sicht das ‚Woher?‘ in Transformationsdiskursen in der Bildung. Mit dieser Perspektive kommen die in uns Menschen angelegten ganzheitlichen Potenziale in den Blick, für die Ulrike Linz den Begriff der Deep Skills vorschlägt. Gemeint sind damit grundlegende menschliche Fähigkeiten, die in unserer Körperlichkeit und in unserem Sein als soziale und kulturelle Wesen verankert sind. Diese Fähigkeiten entfalten sich in Erfahrungen von Sicherheit, Beziehung, Resonanz und Sinn.

    Komplementarität von ‚Wofür‘ und ‚Woher‘

    Ich habe lange Zeit mit den Erweiterungen des ‚Wofür?‘ und des ‚Woher?‘ ein bisschen gehadert:

    • Die Perspektive des ‚Wofür?‘ weckte in mir die Sorge, dass Menschen auf eine bestimmte Zukunft, die als festgelegt dargestellt wird, angepasst werden sollen, anstatt Zukünfte offen zu denken.
    • Die Perspektive des ‚Woher?‘ schien mir oft unpolitisch und individualisierend. Selbstentwicklung erschien mir als ein Rückzug von der Herausforderung, unsere Welt aktiv zu gestalten. Oder es drohte alternativ, dass menschliche Potenziale direkt wieder zweckgebunden in ein bestehendes, dysfunktionales System integriert werden. (Vor allem die zweite Sorge scheint mir nicht unbegründet. Immer mehr Achtsamkeitsangebote werden beispielsweise unter dem Blickwinkel von Selbstoptimierung beworben. Intuition oder andere originär menschlichen Potenziale werden als begehrte „Human Intelligence“ in Unternehmen nachgefragt.)

    Diese beiden potenziellen schiefen Ebenen werden jedoch genau dann überwunden, wenn wir nicht nur eine der Erweiterungen in unseren Nordstern aufnehmen, sondern beide als komplementär zueinander verstehen und gemeinsam denken. Diese Komplementarität bedeutet: Innere Entwicklung und äußere Veränderung hängen zusammen.

    Eine Vorstellung davon, wofür wir lernen, bleibt leer, wenn sie nicht mit menschlichen Potenzialen verbunden ist. Und eine Entwicklung menschlicher Potenziale bleibt weitgehend ungerichtet, wenn sie nicht auch auf gesellschaftliche Gestaltung bezogen ist. Das Wofür kann sich aus den in uns liegenden menschlichen Bedürfnissen ableiten und dadurch eine realistische Umsetzungsperspektive gewinnen. Das Woher erhält mit dem Wofür eine Richtung. Es geht also weder um ungerichtete Gestaltungsfähigkeit noch um individualisierten Rückzug oder reine Verwertbarkeit, sondern um innere Entwicklung als Potenzialentfaltung für die Gestaltung einer lebens- und liebenswerten Welt.

    Die Klammer und zugleich Ermöglichung dieser Komplementarität ist für mich Verbundenheit. Mit Blick auf das Woher erfüllt Verbundenheit mit uns selbst, mit anderen und mit der Welt das Bedürfnis nach Sicherheit und zugleich das Bedürfnis nach Exploration, d.h. die Welt zu erkunden und sich anzueignen. Mit Blick auf das Wofür ermöglicht Verbundenheit die Orientierung an Gemeinsinn und Gemeinwohl, was das genaue Gegenteil von Individualisierung und verzweckter Verwertbarkeit ist.

    Fazit

    Mit einem doppelt erweiterten Nordstern im Blick geht es nicht mehr nur darum, bestehendes Wissen zu reproduzieren und Lernende an bestimmte Normen anzupassen. Stattdessen können Lernräume gestaltet werden, in denen sich vielfältige Potentiale entfalten können, was eine großartige und faszinierende Herausforderung ist. Und diese vielfältigen Potentiale sind dann wiederum die Grundlage zur Gestaltung von guten Zukünften, die auf Basis von Verbundenheit eine lebens- und liebenwerte Welt für alle ermöglicht.

    Gerade angesichts der vielfältigen Krisen dieser Welt ermöglicht mir diese Perspektive in meiner pädagogischen Tätigkeit sehr viel Zuversicht und konkrete Handlungsoptionen.

    #Lernkulturveränderung
  9. IMAGINE: Bildung für eine bessere Welt!

    In diesem Blogbeitrag möchte ich dir das IMAGINE Framework vorstellen und für die Nutzung in der Bildung übersetzen. IMAGINE (= Stell dir vor …) steht hier für:

    • Stell dir eine nachhaltige Welt vor, die lebens- und liebenswert für alle ist!
    • Und stell dir dann eine Bildung vor, die dazu beiträgt, genau solch eine Welt gemeinsam zu entwickeln!

    Das IMAGINE Framework ist eine praktische Anleitung und Orientierung, wie wir bei dieser Herausforderung weiterkommen können.

    Vielleicht denkst du jetzt:

    „Ach, Nele. Ich mag ja grundsätzlich deinen Idealismus, aber ich habe gerade wirklich so viel anderes zu tun und arbeite ohnehin schon am Limit. Dafür habe ich jetzt nicht auch noch Kapazitäten!“

    Ich finde: Genau dann solltest du den folgenden Beitrag lesen, weil es bei IMAGINE eben gerade nicht um ein weiteres Add-On, sondern um einen integrativen Ansatz ausgehend vom Bestehenden geht.

    Und wenn du ohnehin schon denkst: „Klingt spannend! Was beinhaltet das Framework denn genau?“ Dann ist der Artikel noch viel mehr etwas für dich! 🙂

    Überblick: Was ist das IMAGINE-Framework (und was ist es nicht)?

    Das IMAGINE Framework ist ein wissenschaftliches Modell, das von Christine Wamsler und weiteren Kolleg*innen aus der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung entwickelt wurde. Ausgangspunkt des Modells ist die Verbindung zwischen innerer Entwicklung und äußerer Veränderung.

    Das bedeutet: Die Krisen unserer Welt sind in der Perspektive des Frameworks keine externen Herausforderungen, für die wir in einem mechanischen Sinne Lösungen entwickeln können. Sie stehen stattdessen in einem engem Zusammenhang damit, wie wir uns in dieser Welt bewegen und wie wir die Welt sehen. Dazu gehört in diesem Sinne dann auch, wie wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Menschen gestalten und welche Systeme wir wie entwickeln. Beispielsweise eben auch das Bildungssystem.

    Davon ausgehend zielt das Framework auf drei Dimensionen:

    1. Ontologie: Wie blicken wir auf die Welt und auf unsere Handlungsmöglichkeiten darin?
    2. Praxis: Wie gestalten wir eine veränderte Praxis ausgehend vom Bestehenden?
    3. Epistemologie: Wie lernen wir weiter mit einem offenen und erkundenden Blick und beziehen dabei vielfältige Perspektiven ein?

    Diese drei Dimensionen sind als IMAGINE-Blume mit je zwei Blütenblättern pro Dimension ausgearbeitet:

    Imagine-Framework: eigene Darstellung

    Es gibt wenige Modelle, bei denen ich beim ersten Lesen so viel genickt habe wie bei diesem IMAGINE-Framework. Und zugleich war ich an ganz vielen Stellen sehr erleichtert, denn in der pädagogischen Debatte trifft man ja auch immer wieder auf so viel Quatsch, dass Skepsis und Misstrauen auch erst einmal sehr gesund sein kann.

    Meine zentralen Befürchtungen wurden beim Lesen aber direkt widerlegt:

    • Nein, das ist kein esoterischer Quatsch, der Rückzug aus der Welt vorschlägt und naiv propagiert, dass wir nur alle ein bisschen netter zueinander sein müssten und schon leben wir im Schlaraffenland. Das wird erreicht, weil das Modell konsequent eben nicht nur die individuelle Ebene adressiert, sondern diese mit kollektiver und systemischer Ebene verbindet.
    • Nein, das ist keine Agitation für eine weitere Selbstoptimierung im Interesse von noch besserer Verwertbarkeit im Interesse des bestehenden Systems. Das wird erreicht, indem Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt in dem Modell als wichtigste Grundlage vorgeschlagen wird, um der gegenwärtigen Entfremdung mit all ihren auch individuellen Herausforderungen entgegenwirken zu können.
    • Und nein, das ist auch nicht die fertige Lösung für alles, die leicht in eine Art Sekten-Orientierung münden könnte. Das wird erreicht, indem das Modell sehr offen, fragend und entwicklungsorientiert vorgestellt wird. Es schlägt einen Rahmen und eine Orientierung vor, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich übersetzt werden kann und muss.

    Genau solch eine erste Übersetzung versuche ich nun also zunächst noch recht allgemein für die Bildung. Und ich lade dich dazu ein, das auf deinen pädagogischen Kontext hin weiter zu konkretisieren.

    Drei Ebenen: Unser Blick auf die Welt, unsere Praxis und unser Weiterlernen

    Wie oben dargestellt sind die drei Ebenen des IMAGINE Frameworks erstens die Ontologie (= Unser Blick auf die Welt), zweitens die Praxis (= unsere Aktivitäten) und drittens die Epistemologie (= unser Weiterlernen bzw. die Art, wie wir neues Wissen entwickeln). Für die Pädagogik können alle drei Bereiche relevant sein.

    • Die erste Ebene zielt darauf ab, was Inhalte des Lernens sind und wie wir auf uns und auf Lernende blicken.
    • Die zweite Ebene zielt darauf ab, wie wir eine veränderte, weil potenzialorientierte, ermächtigende und handlungsorientierte Bildung gestalten.
    • Und die dritte Ebene erkundet, wie wir Pädagogik als Wissenschaft inklusiv und perspektivenreich weiterentwickeln.

    Keine dieser Ebenen liefert dir direkt eine fertige Antwort, aber du kannst sie als Kompass nutzen, um deine pädagogische Tätigkeit daran auszurichten. Dabei gilt es stets die individuelle, die kollektive und die systemische Ebene und ihre Verschränkungen im Blick zu behalten.

    1. Der Blick auf die Welt: Was lernen und lehren wir und wie blicken wir auf uns und auf Lernende?

    Die beiden ersten Blütenblätter der IMAGINE Blume im Bereich der Ontologie sind:

    • Interdependence of inner/outer phenomena (= die wechselseitige Verschränkung von innerer und äußerer Entwicklung in den Blick nehmen)
    • Multiple latent human potential (= die vielfältigen menschlichen Möglichkeiten, die in uns stecken, zur Entfaltung bringen)

    Für die Bildung bedeutet das erste Blütenblatt auf Ebene der Lerninhalte eine Umorientierung dahingehend, dass Lerninhalte nicht abstrakt und unverbunden und vor allem nicht getrennt von unserem Denken und unserem Blick auf die Welt vermittelt werden. Stattdessen gilt es eine Aneignung von Wissen in der Form zu ermöglichen, dass Lernende erkennen, wie und warum in einer komplexen, an vielen Stellen eben nicht mechanischen, sondern organischen Welt, Entwicklungen und Ausprägungen miteinander zusammenhängen. Und es gilt gerade im Hinblick auf die Krisen unserer Welt zu erkennen, dass diese keine externen Bedrohungen sind, die von außen über uns kommen, sondern dass ihre Ursache in einer Trennung von uns selbst, von anderen und von der Welt liegt.

    Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben, dass wir Probleme niemals mit der selben Denkweise lösen können, mit denen sie entstanden sind. Genau an dieses Zitat habe ich mich bei diesem ersten Blütenblatt des IMAGINE-Frameworks sehr stark erinnert gefühlt.

    Wir können für dieses erste Blütenblatt sehr gut an vielfältige Überlegungen zu systemischem Denken, zu fächerverbindendem Lernen, zu Lernen für den Umgang mit Komplexität und viele weitere pädagogische Ansätze anknüpfen.

    Mit dem zweiten Blütenblatt erinnert uns das IMAGINE Framework daran, dass gute Lerngestaltung immer einen potenzial- und wachstumsorientierten Blick auf Lernende zur unabdingbaren Grundlage hat. Diese Orientierung wird zurzeit meist als ‚growth mindset‘ (im Gegensatz zu einem ‚fixed mindset‘) gefasst. Es ist – einfach erklärt – der Switch von: „Das kann ich nicht!“ hin zu „Das kann ich lernen!“. Oder eben in pädagogischer Perspektive: von „Für meine Lernenden wäre das eine komplette Überforderung!“ hin zu „Ich ermächtige Lernende dazu, diese Herausforderung bewältigen zu können.“

    In diesem zweiten Bereich erscheint es mir ganz entscheidend, dass wir Potenzial- und Wachstumsorientierung mit Offenheit verbinden. Es wäre aus meiner Sicht ein großer Irrweg, wenn man versuchen würde, Menschen ‚reparieren‘ und in eine bestimmte Richtung hin ‚besser entwickeln‘ zu wollen. Ermächtigung mit Offenheit bedeutet stattdessen, den Rahmen zu schaffen, damit Lernende die in ihnen schlummernden Potenziale entfalten und entwickeln können.

    2. Die Praxis: Wie gestalten wir eine ermächtigende und handlungsorientierte Bildung?

    Die beiden nächsten Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Praxis sind:

    • Activation of inner dimensions (= Aktivierung der inneren Dimension, d.h. innere Entwicklung als Herausforderung in den Blick nehmen)
    • Generation of transformative capacities (= transformative Fähigkeiten bzw. aktive Veränderungskompetenz entwickeln)

    Diese beiden Bereiche gehören für mich und vor allem mit einer pädagogischen Perspektive betrachtet sehr direkt zusammen.

    In der Bildung bedeuten sie eine Fokusverschiebung in dem Sinne, dass wir nicht mehr vorrangig auf den Output schauen (Was hat jemand gelernt?) und auch nicht nur auf den Prozess (Wie wurde gelernt?), sondern vor allem die lernende Person selbst in den Blick nehmen: Wer ist es, der/die da lernt und wie kann ich die Selbstentwicklung dieses Menschen unterstützen?

    Wir müssen dabei drei Ebenen in den Blick nehmen:

    • Erstens die dargestellte Ebene des Individuums.
    • Zweitens die kollektive Ebene (= Wie lernen wir gemeinsam, so dass für alle Selbstentwicklung möglich wird)
    • Und drittens schließlich auch die unserer Systeme (Wie wird Selbstentwicklung systemisch ermöglicht oder auch verhindert?).

    Solch eine Selbstentwicklung auf drei Ebenen kann dann in Handlungsfähigkeit im Sinne einer Ermächtigung (= das vierte Blütenblatt des IMAGINE Frameworks) münden.

    Mich erinnert dieser Bereich sehr an die Frage von Otto Scharmer: Was kannst du nicht nicht tun?

    Das bedeutet: Wenn wir Selbstentwicklung als pädagogischen Schwerpunkt setzen, dann ermöglichen wir Lernenden sich – wie im ersten Bereich der Ontologie beschrieben – ihrer Rolle in der Welt bewusst zu werden und zu verstehen, dass Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt nicht nur individuell zu einem besseren Leben führt, weil es z.B. psychologische Sicherheit ermöglicht, sondern vor allem auch zu Handlungen motivieren und geradezu drängen kann, unsere Welt in diesem Sinne zu einem besseren Ort zu machen.

    Wie eine solche Selbstentwicklung konkret aussehen kann, wird mit den Inner Development Goals (IDGs) beschrieben. Die IDGs sind ein ganzheitlicher Ansatz, der die Dimensionen des Seins, des Denkens, der Verbindung, der Zusammenarbeit und des Handelns jeweils mit mehreren Kompetenzen ausbuchstabiert. In einem ersten Schritt finde ich es hier in einer übergreifenden Perspektive sinnvoll, sich in der Bildung die Frage zu stellen:

    Was tue ich, damit Lernende Verbundenheit erleben können, Räume für daran anschließende Selbstentwicklung finden und auf diese Weise zu einem unbedingten Handeln für bessere Zukünfte ermutigt und ermächtigt werden?

    Diese Frage klingt riesig groß. Sie kann aber im ersten Schritt auch (vermeintlich) winzig klein und sehr konkret beantwortet werden. Ich frage mich in meiner aktuellen Arbeit zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung zum Beispiel:

    • Wie kann ich weg von einer individualisierten KI-Nutzungsperspektive kommen und stattdessen gerade auch im Kontext von KI gemeinschaftliche KI-Nutzung ermöglichen?
    • Oder ich gestalte einen Vortrag als interaktiven Murmelrunden-Vortrag, in dem ich die Zuhörenden einlade, zunächst ihren Blick auf KI zu reflektieren und mit anderen dazu in einen zuhörenden und wertschätzenden Austausch zu kommen.
    • Oder ich lasse Lernende mit der Methode der ‚Denkenden Runde‘ erleben, wie gut und vielfältig sich Ideen und Gedanken durch einen bewusst gestalteten und gehaltenen Raum des Zuhörens entwickeln lassen
    • …

    Für dich können das in deinem Kontext völlig andere Fragen oder Beispiele sein. Entscheidend ist, die grundsätzliche Orientierung auf Selbstentwicklung basierend auf Verbundenheit mit Intention hin zu Handlung zu verstehen und dir dann zu überlegen: Wo setze ich in meiner pädagogischen Praxis dazu wie an?

    3. Die Wissenschaft: Wie entwickeln wir Pädagogik inklusiv und perspektivenreich weiter?

    Die letzten beiden Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Epistemologie sind:

    • Inclusion of diverse knowledges (= Einbezug von vielfältigem Wissen)
    • Expansion of knowledge systems (= neue Wissens- und Denkräume erschließen)

    Auch diese beiden Bereiche lassen sich gut zusammendenken. Im ersten Bereich erscheint es mir vor allem wichtig, Wissen nicht nur als etwas zu sehen, was wir mit dem rationalen Denken entwickeln, sondern einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, der auch körperliche Empfindungen und Gefühle mit einbezieht. Ich finde in diesem Zusammenhang zum Beispiel die menschliche Intuition ein sehr spannendes Feld.

    Der zweite Bereich nimmt dann zusätzlich noch die Grenzen eines derzeit westlich-zentrierten Wissens- und Denkraums in den Blick. Er fordert dazu auf, diese Begrenzungen zu überwinden und vielfältige Perspektiven einzubeziehen, um Pädagogik besser zu machen. Ich habe in diesem Sinne zum Beispiel sehr von den Arbeiten von bell hooks profitiert, die mein pädagogisches Denken sehr erweitert hat. Diese und viele weitere Ansätze können für die Weiterentwicklung von Pädagogik hilfreich sein.

    Aus einer praktischen Perspektive bei der Anwendung des IMAGINE Modells in meiner Arbeit finde ich diese letzten beiden Blütenblätter vor allem aus der Perspektive von Offenheit relevant. Für mich wird hieran deutlich, dass wir in der Umsetzung immer lernend und mit einem fragenden und erkundenden Blick vorgehen werden. Im Sinne von Open Educational Resources (OER) und Open Educational Practices (OEP) lohnt es sich hier, unsere Überlegungen und Versuche zu teilen und voneinander und miteinander zu lernen.

    Fazit: Alles beginnt mit (d)einem ersten Schritt!

    Beim Lesen des IMAGINE-Frameworks hatte ich den Eindruck, dass sich sehr viele bis dato eher einzelne Bausteine in meinem Kopf zu guter Bildung – beispielsweise Growth Mindset, aktive Veränderungskompetenz, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Inklusion, Offenheit und vieles mehr – sehr bereichernd miteinander verbunden haben. Für mich empfinde ich das Framework wie dargestellt als eine ganz ausgezeichnete Orientierung in meiner Arbeit, weil ich es sehr konkret nutzen kann, um mir immer wieder zwei Fragen zu stellen:

    1. Wie bekomme ich die einzelnen Dimensionen des IMAGINE Frameworks in dieser konkreten pädagogischen Herausforderung, vor der ich stehe, umgesetzt?
    2. Was kann ich tun, dass ich das nicht nur individuell versuche, sondern mich dabei auch mit anderen verbinde und wir gemeinsam auch in systemischer Hinsicht für entsprechende Veränderungen aktiv werden?

    Ich habe das IMAGINE Framework hier so ausführlich vorgestellt, weil ich dich einladen möchte, dir diese Fragen auch in deinem Kontext zu stellen. Was daraus entsteht, muss nicht groß beginnen, sondern kann zunächst einfach nur eine kleine Perspektivverschiebung in deinem Denken oder eine leicht veränderte pädagogische Praxis sein. Wir werden dann wirksamer, wenn wir bewusst und reflektiert, mit Ernsthaftigkeit und Freude sowie dabei immer orientiert auf Verbundenheit handeln!

    Das IMAGINE Framework ist 2023 in ‚Sustainability Science‘ Open Access unter CC BY 4.0 in englischer Sprache erschienen. Ich teile hier diese Veröffentlichung, falls du dich für die ursprüngliche Quelle interessierst. Die Lizenz ist direkt in der Datei enthalten.

    Publikation des IMAGINE FrameworkHerunterladen #Lernkulturveränderung #Nachhaltigkeit
  10. IMAGINE: Bildung für eine bessere Welt!

    In diesem Blogbeitrag möchte ich dir das IMAGINE Framework vorstellen und für die Nutzung in der Bildung übersetzen. IMAGINE (= Stell dir vor …) steht hier für:

    • Stell dir eine nachhaltige Welt vor, die lebens- und liebenswert für alle ist!
    • Und stell dir dann eine Bildung vor, die dazu beiträgt, genau solch eine Welt gemeinsam zu entwickeln!

    Das IMAGINE Framework ist eine praktische Anleitung und Orientierung, wie wir bei dieser Herausforderung weiterkommen können.

    Vielleicht denkst du jetzt:

    „Ach, Nele. Ich mag ja grundsätzlich deinen Idealismus, aber ich habe gerade wirklich so viel anderes zu tun und arbeite ohnehin schon am Limit. Dafür habe ich jetzt nicht auch noch Kapazitäten!“

    Ich finde: Genau dann solltest du den folgenden Beitrag lesen, weil es bei IMAGINE eben gerade nicht um ein weiteres Add-On, sondern um einen integrativen Ansatz ausgehend vom Bestehenden geht.

    Und wenn du ohnehin schon denkst: „Klingt spannend! Was beinhaltet das Framework denn genau?“ Dann ist der Artikel noch viel mehr etwas für dich! 🙂

    Überblick: Was ist das IMAGINE-Framework (und was ist es nicht)?

    Das IMAGINE Framework ist ein wissenschaftliches Modell, das von Christine Wamsler und weiteren Kolleg*innen aus der Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung entwickelt wurde. Ausgangspunkt des Modells ist die Verbindung zwischen innerer Entwicklung und äußerer Veränderung.

    Das bedeutet: Die Krisen unserer Welt sind in der Perspektive des Frameworks keine externen Herausforderungen, für die wir in einem mechanischen Sinne Lösungen entwickeln können. Sie stehen stattdessen in einem engem Zusammenhang damit, wie wir uns in dieser Welt bewegen und wie wir die Welt sehen. Dazu gehört in diesem Sinne dann auch, wie wir unsere Zusammenarbeit mit anderen Menschen gestalten und welche Systeme wir wie entwickeln. Beispielsweise eben auch das Bildungssystem.

    Davon ausgehend zielt das Framework auf drei Dimensionen:

    1. Ontologie: Wie blicken wir auf die Welt und auf unsere Handlungsmöglichkeiten darin?
    2. Praxis: Wie gestalten wir eine veränderte Praxis ausgehend vom Bestehenden?
    3. Epistemologie: Wie lernen wir weiter mit einem offenen und erkundenden Blick und beziehen dabei vielfältige Perspektiven ein?

    Diese drei Dimensionen sind als IMAGINE-Blume mit je zwei Blütenblättern pro Dimension ausgearbeitet:

    Imagine-Framework: eigene Darstellung

    Es gibt wenige Modelle, bei denen ich beim ersten Lesen so viel genickt habe wie bei diesem IMAGINE-Framework. Und zugleich war ich an ganz vielen Stellen sehr erleichtert, denn in der pädagogischen Debatte trifft man ja auch immer wieder auf so viel Quatsch, dass Skepsis und Misstrauen auch erst einmal sehr gesund sein kann.

    Meine zentralen Befürchtungen wurden beim Lesen aber direkt widerlegt:

    • Nein, das ist kein esoterischer Quatsch, der Rückzug aus der Welt vorschlägt und naiv propagiert, dass wir nur alle ein bisschen netter zueinander sein müssten und schon leben wir im Schlaraffenland. Das wird erreicht, weil das Modell konsequent eben nicht nur die individuelle Ebene adressiert, sondern diese mit kollektiver und systemischer Ebene verbindet.
    • Nein, das ist keine Agitation für eine weitere Selbstoptimierung im Interesse von noch besserer Verwertbarkeit im Interesse des bestehenden Systems. Das wird erreicht, indem Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt in dem Modell als wichtigste Grundlage vorgeschlagen wird, um der gegenwärtigen Entfremdung mit all ihren auch individuellen Herausforderungen entgegenwirken zu können.
    • Und nein, das ist auch nicht die fertige Lösung für alles, die leicht in eine Art Sekten-Orientierung münden könnte. Das wird erreicht, indem das Modell sehr offen, fragend und entwicklungsorientiert vorgestellt wird. Es schlägt einen Rahmen und eine Orientierung vor, die in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich übersetzt werden kann und muss.

    Genau solch eine erste Übersetzung versuche ich nun also zunächst noch recht allgemein für die Bildung. Und ich lade dich dazu ein, das auf deinen pädagogischen Kontext hin weiter zu konkretisieren.

    Drei Ebenen: Unser Blick auf die Welt, unsere Praxis und unser Weiterlernen

    Wie oben dargestellt sind die drei Ebenen des IMAGINE Frameworks erstens die Ontologie (= Unser Blick auf die Welt), zweitens die Praxis (= unsere Aktivitäten) und drittens die Epistemologie (= unser Weiterlernen bzw. die Art, wie wir neues Wissen entwickeln). Für die Pädagogik können alle drei Bereiche relevant sein.

    • Die erste Ebene zielt darauf ab, was Inhalte des Lernens sind und wie wir auf uns und auf Lernende blicken.
    • Die zweite Ebene zielt darauf ab, wie wir eine veränderte, weil potenzialorientierte, ermächtigende und handlungsorientierte Bildung gestalten.
    • Und die dritte Ebene erkundet, wie wir Pädagogik als Wissenschaft inklusiv und perspektivenreich weiterentwickeln.

    Keine dieser Ebenen liefert dir direkt eine fertige Antwort, aber du kannst sie als Kompass nutzen, um deine pädagogische Tätigkeit daran auszurichten. Dabei gilt es stets die individuelle, die kollektive und die systemische Ebene und ihre Verschränkungen im Blick zu behalten.

    1. Der Blick auf die Welt: Was lernen und lehren wir und wie blicken wir auf uns und auf Lernende?

    Die beiden ersten Blütenblätter der IMAGINE Blume im Bereich der Ontologie sind:

    • Interdependence of inner/outer phenomena (= die wechselseitige Verschränkung von innerer und äußerer Entwicklung in den Blick nehmen)
    • Multiple latent human potential (= die vielfältigen menschlichen Möglichkeiten, die in uns stecken, zur Entfaltung bringen)

    Für die Bildung bedeutet das erste Blütenblatt auf Ebene der Lerninhalte eine Umorientierung dahingehend, dass Lerninhalte nicht abstrakt und unverbunden und vor allem nicht getrennt von unserem Denken und unserem Blick auf die Welt vermittelt werden. Stattdessen gilt es eine Aneignung von Wissen in der Form zu ermöglichen, dass Lernende erkennen, wie und warum in einer komplexen, an vielen Stellen eben nicht mechanischen, sondern organischen Welt, Entwicklungen und Ausprägungen miteinander zusammenhängen. Und es gilt gerade im Hinblick auf die Krisen unserer Welt zu erkennen, dass diese keine externen Bedrohungen sind, die von außen über uns kommen, sondern dass ihre Ursache in einer Trennung von uns selbst, von anderen und von der Welt liegt.

    Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben, dass wir Probleme niemals mit der selben Denkweise lösen können, mit denen sie entstanden sind. Genau an dieses Zitat habe ich mich bei diesem ersten Blütenblatt des IMAGINE-Frameworks sehr stark erinnert gefühlt.

    Wir können für dieses erste Blütenblatt sehr gut an vielfältige Überlegungen zu systemischem Denken, zu fächerverbindendem Lernen, zu Lernen für den Umgang mit Komplexität und viele weitere pädagogische Ansätze anknüpfen.

    Mit dem zweiten Blütenblatt erinnert uns das IMAGINE Framework daran, dass gute Lerngestaltung immer einen potenzial- und wachstumsorientierten Blick auf Lernende zur unabdingbaren Grundlage hat. Diese Orientierung wird zurzeit meist als ‚growth mindset‘ (im Gegensatz zu einem ‚fixed mindset‘) gefasst. Es ist – einfach erklärt – der Switch von: „Das kann ich nicht!“ hin zu „Das kann ich lernen!“. Oder eben in pädagogischer Perspektive: von „Für meine Lernenden wäre das eine komplette Überforderung!“ hin zu „Ich ermächtige Lernende dazu, diese Herausforderung bewältigen zu können.“

    In diesem zweiten Bereich erscheint es mir ganz entscheidend, dass wir Potenzial- und Wachstumsorientierung mit Offenheit verbinden. Es wäre aus meiner Sicht ein großer Irrweg, wenn man versuchen würde, Menschen ‚reparieren‘ und in eine bestimmte Richtung hin ‚besser entwickeln‘ zu wollen. Ermächtigung mit Offenheit bedeutet stattdessen, den Rahmen zu schaffen, damit Lernende die in ihnen schlummernden Potenziale entfalten und entwickeln können.

    2. Die Praxis: Wie gestalten wir eine ermächtigende und handlungsorientierte Bildung?

    Die beiden nächsten Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Praxis sind:

    • Activation of inner dimensions (= Aktivierung der inneren Dimension, d.h. innere Entwicklung als Herausforderung in den Blick nehmen)
    • Generation of transformative capacities (= transformative Fähigkeiten bzw. aktive Veränderungskompetenz entwickeln)

    Diese beiden Bereiche gehören für mich und vor allem mit einer pädagogischen Perspektive betrachtet sehr direkt zusammen.

    In der Bildung bedeuten sie eine Fokusverschiebung in dem Sinne, dass wir nicht mehr vorrangig auf den Output schauen (Was hat jemand gelernt?) und auch nicht nur auf den Prozess (Wie wurde gelernt?), sondern vor allem die lernende Person selbst in den Blick nehmen: Wer ist es, der/die da lernt und wie kann ich die Selbstentwicklung dieses Menschen unterstützen?

    Wir müssen dabei drei Ebenen in den Blick nehmen:

    • Erstens die dargestellte Ebene des Individuums.
    • Zweitens die kollektive Ebene (= Wie lernen wir gemeinsam, so dass für alle Selbstentwicklung möglich wird)
    • Und drittens schließlich auch die unserer Systeme (Wie wird Selbstentwicklung systemisch ermöglicht oder auch verhindert?).

    Solch eine Selbstentwicklung auf drei Ebenen kann dann in Handlungsfähigkeit im Sinne einer Ermächtigung (= das vierte Blütenblatt des IMAGINE Frameworks) münden.

    Mich erinnert dieser Bereich sehr an die Frage von Otto Scharmer: Was kannst du nicht nicht tun?

    Das bedeutet: Wenn wir Selbstentwicklung als pädagogischen Schwerpunkt setzen, dann ermöglichen wir Lernenden sich – wie im ersten Bereich der Ontologie beschrieben – ihrer Rolle in der Welt bewusst zu werden und zu verstehen, dass Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und mit der Welt nicht nur individuell zu einem besseren Leben führt, weil es z.B. psychologische Sicherheit ermöglicht, sondern vor allem auch zu Handlungen motivieren und geradezu drängen kann, unsere Welt in diesem Sinne zu einem besseren Ort zu machen.

    Was eine solche Selbstentwicklung konkret aussehen kann, wird mit den Inner Development Goals (IDGs) sehr konkret beschrieben. Die IDGs sind ein ganzheitlicher Ansatz, der die Dimensionen des Seins, des Denkens, der Verbindung, der Zusammenarbeit und des Handelns jeweils mit mehreren Kompetenzen ausbuchstabiert.

    In einem ersten Schritt finde ich es hier sinnvoll, sich in der Bildung ganz konkret die Frage zu stellen:

    Was tue ich, damit Lernende Verbundenheit erleben können, Räume für daran anschließende Selbstentwicklung finden und auf diese Weise zu einem unbedingten Handeln für bessere Zukünfte ermutigt und ermächtigt werden?

    Diese Frage klingt riesig groß. Sie kann aber im ersten Schritt auch (vermeintlich) winzig klein und sehr konkret beantwortet werden. Ich frage mich in meiner aktuellen Arbeit zu Künstlicher Intelligenz in der Bildung zum Beispiel:

    • Wie kann ich weg von einer individualisierten KI-Nutzungsperspektive kommen und stattdessen gerade auch im Kontext von KI gemeinschaftliche KI-Nutzung ermöglichen?
    • Oder ich gestalte einen Vortrag als interaktiven Murmelrunden-Vortrag, in dem ich die Zuhörenden einlade, zunächst ihren Blick auf KI zu reflektieren und mit anderen dazu in einen zuhörenden und wertschätzenden Austausch zu kommen.
    • Oder ich lasse Lernende mit der Methode der ‚Denkenden Runde‘ erleben, wie gut und vielfältig sich Ideen und Gedanken durch einen bewusst gestalteten und gehaltenen Raum des Zuhörens entwickeln lassen
    • …

    Für dich können das in deinem Kontext völlig andere Fragen oder Beispiele sein. Entscheidend ist, die grundsätzliche Orientierung auf Selbstentwicklung basierend auf Verbundenheit mit Intention hin zu Handlung zu verstehen und dir dann zu überlegen: Wo setze ich in meiner pädagogischen Praxis dazu wie an?

    3. Die Wissenschaft: Wie entwickeln wir Pädagogik inklusiv und perspektivenreich weiter?

    Die letzten beiden Blütenblätter der IMAGINE-Blume im Bereich der Epistemologie sind:

    • Inclusion of diverse knowledges (= Einbezug von vielfältigem Wissen)
    • Expansion of knowledge systems (= neue Wissens- und Denkräume erschließen)

    Auch diese beiden Bereiche lassen sich gut zusammendenken. Im ersten Bereich erscheint es mir vor allem wichtig, Wissen nicht nur als etwas zu sehen, was wir mit dem rationalen Denken entwickeln, sondern einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, der auch körperliche Empfindungen und Gefühle mit einbezieht. Ich finde in diesem Zusammenhang zum Beispiel die menschliche Intuition ein sehr spannendes Feld.

    Der zweite Bereich nimmt dann zusätzlich noch die Grenzen eines derzeit westlich-zentrierten Wissens- und Denkraums in den Blick. Er fordert dazu auf, diese Begrenzungen zu überwinden und vielfältige Perspektiven einzubeziehen, um Pädagogik besser zu machen. Ich habe in diesem Sinne zum Beispiel sehr von den Arbeiten von bell hooks profitiert, die mein pädagogisches Denken sehr erweitert hat. Diese und viele weitere Ansätze können für die Weiterentwicklung von Pädagogik hilfreich sein.

    Aus einer praktischen Perspektive bei der Anwendung des IMAGINE Modells in meiner Arbeit finde ich diese letzten beiden Blütenblätter vor allem aus der Perspektive von Offenheit relevant. Für mich wird hieran deutlich, dass wir in der Umsetzung immer lernend und mit einem fragenden und erkundenden Blick vorgehen werden. Im Sinne von Open Educational Resources (OER) und Open Educational Practices (OEP) lohnt es sich hier, unsere Überlegungen und Versuche zu teilen und voneinander und miteinander zu lernen.

    Fazit: Alles beginnt mit (d)einem ersten Schritt!

    Beim Lesen des IMAGINE-Frameworks hatte ich den Eindruck, dass sich sehr viele bis dato eher einzelne Bausteine in meinem Kopf zu guter Bildung – beispielsweise Growth Mindset, aktive Veränderungskompetenz, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Inklusion, Offenheit und vieles mehr – sehr bereichernd miteinander verbunden haben. Für mich empfinde ich das Framework wie dargestellt als eine ganz ausgezeichnete Orientierung in meiner Arbeit, weil ich es sehr konkret nutzen kann, um mir immer wieder zwei Fragen zu stellen:

    1. Wie bekomme ich die einzelnen Dimensionen des IMAGINE Frameworks in dieser konkreten pädagogischen Herausforderung, vor der ich stehe, umgesetzt?
    2. Was kann ich tun, dass ich das nicht nur individuell versuche, sondern mich dabei auch mit anderen verbinde und wir gemeinsam auch in systemischer Hinsicht für entsprechende Veränderungen aktiv werden?

    Ich habe das IMAGINE Framework hier so ausführlich vorgestellt, weil ich dich einladen möchte, dir diese Fragen auch in deinem Kontext zu stellen. Was daraus entsteht, muss nicht groß beginnen, sondern kann zunächst einfach nur eine kleine Perspektivverschiebung in deinem Denken oder eine leicht veränderte pädagogische Praxis sein. Wir werden dann wirksamer, wenn wir bewusst und reflektiert, mit Ernsthaftigkeit und Freude sowie dabei immer orientiert auf Verbundenheit handeln!

    Das IMAGINE Framework ist 2023 in ‚Sustainability Science‘ Open Access unter CC BY 4.0 in englischer Sprache erschienen. Ich teile hier diese Veröffentlichung, falls du dich für die ursprüngliche Quelle interessierst. Die Lizenz ist direkt in der Datei enthalten.

    Publikation des IMAGINE FrameworkHerunterladen

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    Link kopieren Lizenz kopieren #Lernkulturveränderung #Nachhaltigkeit
  11. Lernreflexion als pädagogische Herausforderung: ein Workshop-Konzept zum Weiternutzen

    Mit den Kolleg*innen der Lernwelt Sachsen-Anhalt habe ich gestern einen Workshop gestaltet, in dem wir gemeinsam überlegt haben, wie wir Lernreflexion als grundlegende Herausforderung einer guten Bildung in den Angeboten des Projekts berücksichtigen. Da diese Herausforderung sicherlich nicht nur ein Thema für die Lernwelt Sachsen-Anhalt ist, sondern Lerngestaltung übergreifend betrifft, fasse ich in diesem Blogbeitrag unser methodisches Vorgehen zusammen. Es lässt sich aus meiner Sicht gut auch in andere Kontexte übertragen.

    Wir haben den Workshop grundsätzlich nach dem Golden Circle von Simon Sinek aufgebaut. Den Ausgangspunkt des „Warum?“ haben wir hier insbesondere im Sinne eines „Wofür?“ definiert. Damit ergeben sich für solch einen Workshop drei aufeinander aufbauende Phasen. Wir hatten ca. vier Stunden Zeit.

    Unsere Workshop-Struktur als Bodenpräsentation

    1. Warum und wofür ist Lernreflexion entscheidend?

    Ich finde es sehr wichtig, sich zu Beginn eines solchen Workshops über die grundsätzliche Bedeutung von Lernreflexion bewusster zu werden, bevor es dann an die Fragen der konkreten Ausgestaltung geht.

    Als Mini-Impuls habe ich hierzu drei Begriffe mitgebracht:

    • Selbstentwicklung
    • Ermächtigung
    • Handlungsfähigkeit

    Mit diesen Begriffen wird bereits deutlich, dass Lernreflexion nicht nur ein „nettes Add-On“ ist, sondern grundlegend für gute Lerngestaltung und eine wichtige pädagogische Herausforderung. Wenn Lernende zu einem reflektierten Lernen befähigt werden, dann ist das ein wichtiger Teil von Selbstentwicklung, was dann wiederum weniger Fremdbestimmung bedeutet, sondern Ermächtigung zu eigenem Gestalten, was in konkreter Handlungsfähigkeit resultiert.

    Diese Schritte sind zuerst mal natürlich auf Ebene des Lernens gedacht: Lernende entwickeln Kompetenzen, um zukünftig selbstbestimmt ihr Lernen gestalten zu können. Zugleich gibt es aber auch eine darüber hinausgehende Dimension mit Blick auf die Gesamtgesellschaft. Denn solch ein reflektiertes Lernen ermöglicht natürlich auch außerhalb von Schulen, dass Verantwortung für das eigene Leben übernommen werden kann und Lernende gestaltend für gute Zukünfte aktiv werden können.

    Diesen Mini-Impuls haben wir anschließend in einem kollaborativen Silent-Writing verankert. Alle erhielten dazu eine Karte, auf der sie notieren konnten, was ihr Warum und Wofür von Lernreflexion ist. Diese Karten wurden dann jeweils in der Kreismitte abgelegt und eine neue Karte von einer anderen Person gezogen. Man las dann, was die andere Person geschrieben hat und konnte das schreibend kommentieren und ergänzen. Auf diese Weise entstanden „schreibende Gespräche“, die aus meiner Sicht eine sehr schöne Form von Austausch in einer Gruppe sind.

    Kollaboratives Silent Writing: ‚Gespräche‘ auf Karten

    2. Wie lässt sich Lernreflexion gestalten?

    Als konzeptionelles Modell für Lernreflexion habe ich den Reflexionszyklus von Graham Gibbs mitgebracht, den ich ausführlich und zum Weiternutzen in diesem Blogbeitrag beschrieben habe.

    Zur Aneignung sind wir folgendermaßen vorgegangen:

    • Ich habe die 6 Schritte kurz im Plenum vorgestellt und alle haben einen Aspekt des Zyklus auf einer Karte erhalten.
    • Es wurden Kleingruppen mit allen Schritten gebildet.
    • Gemeinsam ging jede Gruppe dann einen Zyklus durch und hielt jeweils fest, was die jeweiligen Fragen wären, die man sich in der Lernreflexion stellen könnte. (Ich habe die 6 Schritte von Gibbs hier auf vier Schritte geclustert: 1. Beschreibung und Gefühle, 2. Bewertung, 3. Analyse, 4. Schlussfolgerung und Handlungsplan)

    Zur vertiefteren Aneignung der einzelnen Schritte sind wir dann in einen Mini-Open-Space gegangen. Es gab hier Tische zu jeder der vier Phasen und dreimal je 15 Minuten Zeit:

    • In der ersten Runde haben wir überlegt, was am dümmsten in der Phase gemacht werden könnte.
    • In der zweiten Runde haben wir überlegt, was sinnvoll wäre.
    • Und in der dritten Runde haben wir noch weitere Ergänzungen und Feedback eingesammelt.

    Diese vielfältigen Diskussionen haben wir anschließend in einer „Denkenden Runde“ zusammengeführt:

    • Es kamen Kleingruppen mit ca. 4 Personen zusammen.
    • Wir nahmen uns 15 Minuten Zeit. Die Zeit sollte gleichmäßig zum Sprechen in der Gruppe aufgeteilt werden.
    • Gesprochen wurde nacheinander (d.h. jeweils für knapp 4 Minuten). Die anderen hörten nur zu. Stille war okay.

    Solch eine Denkende Runde ist zurzeit eine meiner Lieblingsmethoden. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wie viel tiefer und zielführender die dann anschließenden Diskussionen werden und wie gut dieses Zuhören hilft, dass neue Gedanken entwickelt werden können und sich alle einbringen können.

    3. Was machen wir konkret?

    Nach einer Mittagspause ging es dann in die Umsetzung. Wir starteten hier mit der sehr schnellen und fokussierten „Zwei-Spalten-Methode“: In Kleingruppen sammelten die Beteiligten zunächst möglichst viele Aspekte zur Frage, wie sie Lernreflexion befördern oder behindern könnten. Aus dieser Liste wählten sie dann die für sie drei wichtigsten Aspekte aus.

    Sammlung mit der 2-Spalten-Methode

    Von diesen Aspekten lassen sich dann relativ gut „Wie können wir …?“-Fragen entwickeln, die anschließend in einer Art Mini-Barcamp oder Open Space bearbeitet werden können. Zur Strukturierung der Diskussion habe ich dazu meine Elevator-Pitch-Vorlage verteilt.

    Vorlage Elevator PitchHerunterladen

    Übergreifende Aspekte

    Ich habe den Workshop als sehr gewinnbringend und weiterführend erlebt. Übergreifend finde ich drei Aspekte wichtig:

    Bei einer Weiternutzung sollte erstens klar sein, dass solch ein doch relativ kurzer Workshop nicht in fertigen und abschließenden Ergebnissen mündet. Was realistisch erreicht werden kann (und bei uns meines Eindrucks nach auch sehr gut wurde), ist, dass alle Beteiligten Klarheit über die Herausforderung der Lernreflexion haben und dass systematisch zur Weiterarbeit entwickelt wird, wo und wie man weiter zu dem Thema arbeiten will.

    Im konkreten Fall haben sich bei uns hier 5 Handlungsbereiche herauskristallisiert.

    1. Integration & Niederschwelligkeit: Wie bauen wir Reflexion sinnvoll in Lernprozesse ein?
    2. Strukturierung & Methodik: Wie geben wir Reflexion eine klare, verständliche Form?
    3. Feedback & Kommunikation: Wie reagieren wir auf Reflexionen der Schüler*innen?
    4. Schulkultur & Partizipation: Wie holen wir alle Beteiligten ins Boot?
    5. Gestaltung & Visualisierung: Wie machen wir Reflexionshilfen ansprechend?

    In einem anderen Rahmen können das natürlich auch andere Handlungsbereiche sein.

    Ganz entscheidend habe ich zweitens die Besinnung auf ein „Growth Mindset“ gerade beim Thema Lernreflexion erlebt. Man ist sonst sehr schnell dabei festzustellen, dass ‚Schüler*in NN‘ solch eine Reflexion ganz bestimmt nicht hinbekommt bzw. damit völlig überfordert und auch nicht dazu bereit wäre. Genau daraus ergibt sich dann aber die pädagogische Herausforderung, genau zu solch einer Lernreflexion durch eine entsprechende Lerngestaltung Schritt für Schritt zu ermächtigen.

    Der dritte Aspekt ist eher eine Nebenbei-Beobachtung: Ich habe in diesem Workshop bei Aufgaben in Gruppen- und Einzelarbeiten durchgängig Antworten (= meine Perspektive darauf) angeboten. Meine Einladung war dann immer:

    Eignet Euch das jetzt selbst an!

    Gerade weil es vor diesem Hintergrund möglich gewesen wäre, einfach auch meine Impulse ‚abzuschreiben‘, wurde denke ich der Impuls unterdrückt, schnell mal bei ChatGPT oder einen anderen Sprachmodell nach einer Lösung zu fragen. Denn eine mögliche Lösung lag ja schon vor. Ich werde dieses Prinzip in andere Lernangebote mitnehmen, um so Aneignungsprozesse gezielt zu ermöglichen.

    Freudvolle Weiterarbeit und gutes Weiternutzen!

    Den Kolleginnen und Kollegen der Lernwelt wünsche ich viel Erfolg bei der Weiterarbeit und freue mich auf weitere Zusammenarbeit.

    Allen anderen, die das Thema in dieser oder ähnlicher Form aufgreifen möchten, wünsche ich viel Erfolg und Freude bei der gemeinsamen Entwicklung. Für Anfragen zum Thema bin ich sehr offen. Ich halte Lernreflexion für ein sehr relevantes Thema.

    Und ich freue mich immer, über weitere Einschätzungen zu diesem Thema zu lesen.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
  12. Lernreflexion mit dem Modell von Graham Gibbs

    Für einen Workshop mit den Kolleg*innen der Lernwelt Sachsen-Anhalt arbeite ich gerade zum Reflexionsmodell nach Graham Gibbs. Da ich erstens Lernreflexion für sehr relevant für gute Bildung halte und mir zweitens das genannte Modell grundsätzlich hilfreich und gut anwendbar erscheint, teile ich es in diesem Blogbeitrag.

    Hintergrund: Lernwelt Sachsen-Anhalt

    Die Lernwelt Sachsen-Anhalt ist ein pädagogisches Entwicklungsprojekt, das zunächst einmal sehr stark aus der Not geboren ist (= eklatanter Lehrkräftemangel vor allem in der Fläche in diesem Bundesland), aber genau diese Herausforderung versucht, im Sinne einer Transformation in Richtung mehr selbstbestimmtes und eigenverantwortliches Lernen zu nutzen.

    In den letzten Monaten sind im Rahmen der Lernwelt vor allem so genannte ‚Lernabenteuer‘ entstanden. Dabei handelt es sich um interaktive Moodle-Inhalte zu unterschiedlichen, fächerübergreifenden Themen, die sich Lernende im Rahmen einer frei gestaltbaren Lernzeit selbstbestimmt erschließen können. Über ein Lernbüro gibt es pädagogische Begleitung bei Bedarf.

    Diese Lernabenteuer sind 2026 zum zweiten Schulhalbjahr mit positiver Resonanz angelaufen. Besonders wichtig erscheint den Beteiligten, dass Schülerinnen und Schüler mit Lernen und Schule dank dieser Lernabenteuer wieder positive Erfahrungen verbinden. Aufbauend auf solch einer ermöglichten Lernfreude will das Team nun weiter arbeiten und in den Angeboten insbesondere auch die Selbstlernkompetenz der Lernenden stärken. Lernreflexion erscheint hierfür als ein wichtiger Schlüssel.

    Das Reflexionsmodell nach Graham Gibbs

    Für die Lernwelt Sachsen-Anhalt (aber ganz genau so auch übertragbar auf viele andere Lernangebote) scheint mir das Modell von Graham Gibbs sehr hilfreich. Das Modell stammt aus den 80er Jahren und ist in diesem Sinne nicht besonders neu oder überraschend. Ich empfehle es aus drei Gründen:

    1. Selbstgesteuertes Lernen: Das Modell geht von einem Lernen in Erfahrung aus und verbindet dieses zugleich mit Handlungsorientierung. Es passt somit zu Prinzipien, die in der Pädagogik sehr breit geteilt werden. Insbesondere für ein selbstgesteuertes Lernen, wie es in der Lernwelt Sachsen-Anhalt angelegt ist, scheint es mir sehr geeignet.
    2. Vertikale Kompetenzentwicklung: Die Herausforderung der Lernreflexion wird mit diesem Modell im Sinne einer vertikalen Kompetenzentwicklung angegangen. Das bedeutet: Lernreflexion ist nicht eine zusätzliche Kompetenz, die zu anderen Lernherausforderungen additiv dazu kommt. Stattdessen soll die Lernreflexion ermöglichen, zu einem vertiefteren Lernen zu gelangen.
    3. Ganzheitlicher Ansatz: Die Reflexion ist in dem Sinne ganzheitlich angelegt, dass bei den gemachten Lernerfahrungen z.B. auch die damit verbundenen Gefühle in den Blick genommen werden.

    Vereinfacht lässt sich das Modell von Graham Gibbs als sequenzielle Abfolge von Schritten beschreiben:

    Beschreiben → Fühlen → Bewerten → Analysieren → Schlussfolgern → Handeln

    Hilfreicher ist aber, wie im Namen ersichtlich, dieses Modell in der Lernreflexion als iterativen Zyklus zu durchlaufen. Während des Lernens kann der Zyklus in diesem Sinne mehrmals durchlaufen und die Reflexion auf diese Weise immer weiter vertieft werden.

    Die einzelnen Bereiche des Zyklus lassen sich dabei folgendermaßen beschreiben:

    1. Beschreibung

    Ein guter Ausgangspunkt ist zunächst eine deskriptive Betrachtung des eigenen Lernens. Lernende stellen sich die Fragen: Was habe ich in welcher Situation gemacht? Das Ziel ist es, die Situation zunächst ohne weitere Bewertung darstellen zu können.

    2. Gefühle

    An diese sachliche Beschreibung kann sich dann die Ebene der Gefühle anschließen. Lernende stellen sich die Frage: Wie ging es mir in der Situation und wie habe ich mich gefühlt? Das Ziel ist es, die eigenen Emotionen bewusst wahrzunehmen.

    3. Bewertung

    Anschließend geht es darum, diese Beschreibung und die wahrgenommenen Gefühle einer ersten Bewertung zu unterziehen. Lernende stellen sich die Frage: Was lief gut und was lief schlecht? Auf diese Weise sollen die gesammelten Erfahrungen einer ersten Einschätzung unterzogen werden.

    4. Analyse

    An die Bewertung sollte sich im Sinne eines vertiefenden Lernens die Analyse anschließen. Lernende stellen sich hier die Frage: Warum ist es so passiert? (Oder auch: Welche Faktoren waren dafür ausschlaggebend? Welche Muster erkenne ich?). Auf diese Weise verstehen Lernende, warum sie wie lernen konnten.

    5. Schlussfolgerung

    Die Analyse ist die Voraussetzung für das Festhalten möglicher Konsequenzen. Lernende stellen sich dazu die Frage: Was hätte ich anders machen können? In diesem Sinne können sie konkrete Erkenntnisse zu ihrem Lernen festhalten.

    6. Handlungsplan

    Den Abschluss eines Zyklus bildet die Übertragung der vorherigen Schritte in einen Handlungsplan für zukünftiges Lernen. Lernende stellen sich die Frage: Wie lerne ich zukünftig? Es geht somit im Sinne einer vertikalen Kompetenz darum, über die Reflexion zu einem in Zukunft besseren, weil tieferen Lernen zu gelangen.

    Umsetzung

    Im Rahmen der Gestaltung von selbstgesteuertem Lernen besteht die pädagogische Herausforderung nun darin, erstens im Sinne eines ‚das Lernen lernen‘ Raum zu geben, damit Lernende die Bedeutung von Lernreflexion für ein vertiefteres Lernen für sich erkennen und entwickeln können. Zweitens und vor allem gilt es in Lernprozessen Räume zur Reflexion zu gestalten, in denen diese Schritte iterativ angewandt werden können.

    Um diesen Prozess zu unterstützen habe ich das Modell hier als H5P-Inhalt zur Weiternutzung aufbereitet:

    Bei der Lernwelt Sachsen-Anhalt geht es sehr stark um personalisierte Lernangebote, in denen Lernende überwiegend für sich lernen. Für Lernen im sozialen Raum könnten die sechs Schritte jeweils um die damit verbundene soziale Dimension erweitert werden. Das bedeutet also die oben genannten Fragen immer auch in einer ‚Wir-Form‘ zu stellen (z.B. Wie haben wir gelernt? Wie ging es mir und wie ging es anderen? Welche Form von Lernen wollen wir für uns als Gruppe ermöglichen? …).

    Fazit

    Ich finde den Lernreflexionszyklus von Graham Gibbs gerade wegen der Einfachheit und Prägnanz ein hilfreiches Instrument zur pädagogischen Gestaltung insbesondere von selbstgesteuerten Lernprozessen. Auf einer weitergehenden Ebene ordne ich Lernreflexion als einen wichtigen Treiber für Selbstentwicklung ein. Denn durch die Entwicklung einer reflektierten Praxis, ist Raum um über die eigene Intention mehr Klarheit zu gewinnen und auf dieser Basis dann nicht nur für das eigene Weiterlernen, sondern auch in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht Handlungsmöglichkeiten entwickeln und umsetzen zu können.

    #Lernkulturveränderung #MicroContent
  13. Initiierung von Lernen mit 3V: Verankerung, Verbindung und Verantwortung

    Gute Lerngestaltung öffnet, hält und begleitet einen Raum, in dem gemeinsames Lernen, Reflexion und Entwicklung ermöglicht wird. In meinem Kontext der Erwachsenenbildung, in dem ich meist nur punktuell mit Lernenden zu tun habe, ist hierbei vor allem die Öffnung entscheidend. Denn an dieser Stelle wird Lernen zunächst einmal überhaupt initiiert und angestoßen. Für die Gestaltung solch einer Öffnung braucht es in der Umsetzung sicherlich einiges an konkretem Handwerkszeug, z. B. in Form von hilfreichen Methoden. Viel wichtiger finde ich für mich in einem ersten Schritt aber, mir bewusst zu machen, worum es in dieser Phase grundsätzlich geht und was es dazu braucht. Mein hierfür im Interesse einer einfachen Weiternutzung entwickeltes Raster sind 3V: Verankerung, Verbindung und Verantwortung.

    Verankerung: Gegenwärtig werden

    Lernen braucht Raum. Und diesen Raum müssen sich Lernende zunächst selbst nehmen können. Das erste V wie Verankerung ermöglicht es Lernenden deshalb, im Raum gegenwärtig zu werden. Das kann sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Ganz klassisch kenne ich z. B. von vielen Veranstaltungen eine ‚Ankommenszeit‘, die es ermöglicht, in Ruhe einen Platz vor Ort zu finden und sich umzuschauen. Eine andere Möglichkeit ist ein so genanntes ‚Grounding‘ im Sinne einer kurzen Achtsamkeitsübung. Ich mag auch gerne eine körperlich-wahrnehmende Übung: „Erspüre und nimm bewusst wahr, wo du sitzt und was sich um dich herum befindet.“

    Verbindung: Mit anderen in Resonanz kommen


    Nachdem ich mich als lernende Person verankert habe und angekommen bin, gilt es im nächsten Schritt, mit anderen in Verbindung zu treten. Denn gutes Lernen findet nie isoliert, sondern immer in Verbindung mit anderen statt.

    Hilfreich finde ich in der Lerngestaltung hier erstens, dass alle Beteiligten einmal – gerne auch erst einmal nur kurz zum Beispiel in Form eines Blitzlichts – im Plenum gesprochen haben und so Teil der Gruppe werden. Zweitens gestalte ich gerne eine Wusel- und Vernetzungsphase, in der man miteinander ins Gespräch kommen kann. Hier finde ich es hilfreich, nicht nur verbal zu kommunizieren, sondern Lernende z. B. auch dazu zu ermutigen, die eigene Voreingenommenheit gegenüber anderen Beteiligten zu reflektieren und gedanklich abzulegen.

    Um Verbindung zu unterstützen, finde ich es zudem hilfreich, direkt hier zu Beginn ‚Gesprächsregeln‘ einzuüben und vorzuschlagen. Eine ganz einfache, aber gerade deshalb wirkungsvolle Regel könnte zum Beispiel lauten:

    Sprich immer erst dann zum zweiten Mal, wenn alle anderen vor dir auch bereits zu Wort gekommen sind!

    Außerdem lässt sich bewusstes Zuhören durch unterschiedlichste Methoden als Rahmung ermöglichen. Zum Beispiel indem bewusst nicht direkt zu einem ‚Gespräch‘, sondern zum abwechselnden Sprechen und damit immer auch wertschätzendem und bewusstem Zuhören eingeladen wird. Ich mache das gerne mit Karten, die Lernenden die Rollen von Zuhörer*innen oder Redner*innen geben, die dann nach einiger Zeit getauscht werden.

    (Dieser Ansatz des bewussten und wertschätzenden Zuhörens macht meiner Erfahrung nach für das weitere Lernen den größten Unterschied, was ich auch an mir selbst beobachten kann: Wenn ich von Anfang an den Eindruck habe, dass mir zugehört wird, dann bin ich viel interessierter und motivierter mich zu beteiligen, als wenn meine Stimme ohnehin nicht interessiert.)

    Verantwortung: Das eigene Lernen gestalten

    Auf Verankerung und Verbindung kann dann Verantwortung aufbauen. Gemeint ist hier Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lernprozesses. Ein wunderbares Hilfsmittel, das ich in letzter Zeit sehr viel dazu verwende, sind Journaling-Hefte. Das sind einfache Blanko-Hefte, die zu Beginn verteilt werden und in denen Teilnehmende z. B. ihre Lernziele eintragen und während der weiteren Gestaltung kontinuierlich reflektieren können. Unterstützt werden kann solch ein Journaling-Heft durch einen ‚Stickerbogen‘ mit möglichen aufgedruckten Reflexionsfragen, die für die Gestaltung des eigenen Lernprozesses Anregungen bieten und von den Lernenden in ihr Journaling-Heft eingeklebt werden können. (z. B. Welchen konkreten Schritt nehme ich heute mit? Was habe ich noch nicht verstanden und möchte ich genauer reflektieren? Mit wem will ich mich verbinden? …).

    Dieses dritte V finde ich auch deshalb wichtig, weil Verantwortung für das eigene Lernenen wahrzunehmen immer auch bedeutet, Lernen mit Ernsthaftigkeit zu betreiben. Denn wenn ich Verantwortung für mein Lernen wahrnehme, impliziert das fast schon automatisch, dass ich auch nach dem ‚Warum?‘ dieses Lernens frage.

    Fazit

    Ich mache sehr gute Erfahrungen damit, diese drei V in meinen Lernangeboten bei der Öffnung zu Beginn sehr konsequent zu berücksichtigen. Manches Mal erlebe ich, dass das für Lernende erst einmal sehr irritierend ist. Insbesondere wenn ich zum Beispiel einen Workshop zu einem sehr technischen Thema gestalte, wird von vielen oft etwas völlig anderes erwartet. Vor allem die Verankerung zu Beginn wird leider oft mit ‚esoterischem Quatsch‘ assoziiert. Das liegt aus meiner Sicht vor allem daran, dass die Verbindung von innerer Entwicklung und äußerer Handlung im klassischen Bildungssystem noch viel zu wenig reflektiert wird. Innere Entwicklung wird dann missverstanden als individualisierter Rückzug, obwohl es für mich geradezu das Gegenteil ist.

    Lerngestaltung mit den 3V kann in diesem Sinne neben einer guten Öffnung in ein konkretes Lernangebot auch ganz grundlegend die Perspektive aufmachen, dass Bildung nicht einfach nur Entwicklung von verwertbaren Kompetenzen ist, sondern inneres Wachstum basierend auf Verankerung und auf Verbundenheit mit sich selbst, mit anderen und der Welt ermöglicht, was wiederum die Wahrnehmung von Verantwortung für die Gestaltung guter Zukünfte ermöglicht.

    Vor allem vor dem Hintergrund dieses letztgenannten Aspekts empfehle ich es sehr, Lerngestaltung in Richtung der 3V zu reflektieren und zu gestalten.

    #Lernkulturveränderung
  14. Wirksam lernen: Ko-Kreation in der Praxis

    Im Sommer letzten Jahres teilte ich in meiner Edumail eine Selbstreflexion: Insbesondere angesichts großer gesellschaftlicher Herausforderungen wünsche ich mir, mit meiner pädagogischen Tätigkeit wirkungsmächtiger zu werden und durch mein Handeln etwas in dieser Welt zum Besseren verändern. Vernetzung mit anderen, die Ähnliches reflektieren, erschien mir dafür ein guter Weg.

    Auf meine vor diesem Hintergrund ausgesprochene Einladung, über die Perspektive einer strategischen Orientierung für mehr Wirkungsmacht in der pädagogischen Tätigkeit gemeinsam nachzudenken, haben sich zahlreiche Interessierte gemeldet. Wir haben uns einige Male online getroffen. Dabei entstand die Idee und – dank einer Förderung des NLQ – auch zugleich die konkrete Möglichkeit, sich in Präsenz für zwei Tage zu treffen, um gemeinsam über die Frage nach mehr Wirkungsmacht (und was das überhaupt genau sein könnte) nachzudenken. Dieses Treffen hat nun am 13./14. Februar 2026 unter Beteiligung von rund 30 Personen aus unterschiedlichsten Kontexten der Bildung stattgefunden.

    Ich habe dieses Treffen als sehr bereichernd, konstruktiv und stärkend erlebt. Die Dokumentation der Ergebnisse des Treffens findet sich in Kürze auf der während des Treffens eingerichteten Website Wirksam-Lernen.de, auf der wir auch zukünftig über unsere Aktivitäten berichten möchten und auf der es die Möglichkeit zum Eintrag in einen Infoverteiler gibt.

    In diesem Blogbeitrag möchte ich mein Vorgehen in der Konzeption und Durchführung teilen und zum Nachmachen und Weiternutzen solcher Formate ermutigen.

    Grundsätzliche Orientierung: Ko-Kreation

    Ich habe mich für dieses Treffen für den Ansatz der Ko-Kreation entschieden. Ko-Kreation verstehe ich dabei als einen Bildungsansatz, bei dem mit maximaler Offenheit gemeinsam von allen Beteiligten entschieden werden kann, was gemeinsam gemacht und gestaltet wird und wie man dabei vorgehen will.

    Die Entscheidung für diesen Ansatz hatte mehrere Gründe:

    1. Ich bin der festen Überzeugung, dass es bei guter Lerngestaltung vor allem darum geht, dass Teilnehmende gutes Lernen selbst erleben. Im Kontext von Wirkungsmächtigkeit erscheint mir das noch einmal bedeutsamer: Denn wie soll eine Person über Wirkungsmacht lernen, wenn sie sich dabei in diesem Lernen nicht auch selbst als wirkungsmächtig erleben kann?
    2. Normalerweise werde ich mit der Gestaltung von Lernangeboten beauftragt und so gut wie immer sind damit dann Erwartungen oder auch konkrete Lernziele verbunden. Hier hatten wir es tatsächlich mit einem völlig offenen Prozess zu tun. Ich gestaltete ihn ehrenamtlich und es war meine Einladung. Ich konnte also meiner intrinsischen Motivation folgen, den Prozess für uns alle möglichst wirkungsmächtig zu gestalten, anstatt häufig ja leider gerade nicht lernförderliche Vorgaben einhalten zu müssen.
    3. Aus den Vortreffen und den Anmeldungen war mir bewusst, dass wir eine Gruppe mit sehr vielfältigen Perspektiven sein würden, in der sich die meisten untereinander noch nicht kannten. Gemeinsame Wirkungsmacht kann in solch einem Kontext nur entstehen, wenn alle sich mit ihren Perspektiven einbringen können.
    4. Durch die Art der Ankündigung (~ Lass uns gemeinsam in unserer pädagogischen Tätigkeit die Welt besser machen!) und die Freiwilligkeit der Teilnahme hatte ich ein sehr großes Vertrauen, dass die beteiligten Menschen mit einer hohen intrinsischen Motivation und viel Experimentierfreude und Offenheit kommen würden. Damit passte Ko-Kreation ganz wunderbar zu dieser Gruppe.
    5. Mein eigenes Lernanliegen war, solch einen offenen ko-konstruktiven Prozess in der Praxis auszuprobieren. Und – ganz eigennützig – wollte ich auch selbst Raum und Möglichkeiten haben, mich gleichberechtigt in die Diskussionen einzubringen. Ohne eine Diversifizierung von Verantwortung wäre das nicht möglich gewesen.

    Grundlegung

    Auch ein so offener Prozess wie eine Ko-Kreation benötigt natürlich zunächst eine Grundlegung, um überhaupt gemeinsam starten zu können. Bei meinem Versuch einer Grundlegung waren mir drei Aspekte wichtig:

    Ich machte erstens direkt zu Beginn transparent, dass es kein fertiges Konzept zur Durchführung gibt, sondern insbesondere die Gestaltung am zweiten Tag bisher noch völlig offen sei.

    Der Rahmen: Methodisch vorbereitet war lediglich die Grundlegung und der Rahmen für die Planung. Der Rest war zu Beginn noch offen bzw. nur durch die gemeinsame Leitfrage der Einladung nach mehr Wirkungsmacht in der Pädagogik vorgegeben.

    Ich stellte zweitens ebenfalls direkt zu Beginn das Prinzip der Ko-Kreation vor, indem ich es von Delegation, Partizipation und Kollaboration abgrenzte:

    Einordnung von Ko-Kreation zu Beginn der Veranstaltung

    (Diese Darstellung habe ich übrigens sinngemäß aus dem Buch ‚Macht. Mit Co-Creation von guten Absichten zu echter Wirkung‚ von Katrin Elster und Dörte Schröder, was ich allen weiter empfehlen kann, die keine Handlungsanleitung für Ko-Kreation, sondern ein grundlegendes Verständnis dazu suchen).

    Schon beim Ankommen hatten alle Beteiligten drittens ein Journaling-Heft mit möglichen Reflexionsfragen zum Einkleben erhalten. Auch hier gab ich direkt zu Beginn Zeit, um sich dieses Heft anzueignen und zu gestalten und so noch besser die Verantwortung für den eigenen Lernprozess übernehmen zu können.

    Vorbereitete Journaling-Hefte

    In das Heftchen war vorne mit einem QR-Code der Link zu unserem (schon zuvor genutzten) kollaborativen Mitschrieb eingeklebt. Außerdem ein QR-Code zu einer Peerfeedback-Gruppe, in die man seinen Namen eintragen konnte, um Feedback von anderen zu bekommen und auch anderen Feedback geben zu können. (Das Tool dazu – Peerfeedback.de – hatte ich in der letzten Woche neu entwickelt und wir haben es in Göttingen zum ersten Mal ausprobiert. Ich fand, dass es sehr gut funktioniert hat und kann es zur Weiternutzung also weiter empfehlen.)

    Der Einstieg in das eigentliche ‚Programm‘ gestaltete sich dann in mehreren Schritten:

    1. Gegenwärtig werden

    Wir starteten damit, anzukommen und uns den Raum anzueignen. Dazu liefen wir alle durch den Raum und nahmen alles auf, was wir beobachteten, blieben dann auf ein Zeichen hin stehen, schlossen die Augen und ich fragte einzelne Aspekte ab (Also z.B. Welche Farbe haben die Vorhänge im Raum? Was ist in der Mitte unseres Stuhlkreises? Wie viele Flipcharts stehen im Raum?) und alle konnten für sich rekapitulieren, ob sie die entsprechenden Sachen wahrgenommen hatten.

    Anschließend bewegten wir uns weiter durch den Raum und schauten bewusst die anderen Teilnehmenden an. Wieder schlossen wir die Augen. Im ‚Popcorn-Stil‘ (= spontanes Sprechen und dabei aufeinander achten, so dass alle, die sprechen wollen, gut zu Wort kommen können) teilten diejenigen, die wollten, was sie wahrgenommen hatten. (z.B. Es sind einige Brillenträger*innen dabei, wir sind ältere und jüngere Menschen, wir sind mehr Frauen als Männer …).

    Ich habe diese Methode im Kontext von Theaterpädagogik kennen gelernt. Nächstes Mal würde ich sie stärker noch mit individuellem Ankommen verbinden, indem alle erst einmal auf ihren Stühlen sitzen bleiben und bewusst das wahrnehmen, was vor, neben und hinter ihnen ist und auch sich selbst an ihrem jeweiligen Platz erspüren.

    2. Teil der Gruppe werden und sich verbinden

    Im nächsten Schritt machten wir eine Vorstellungsrunde im Plenum. Alle teilten Namen, Kontext und Ort. Das finde ich für Gruppenbildung immer wichtig, dass alle auf diese Weise einmal im Plenum gesprochen haben.

    Direkt im Anschluss an die Vorstellung war Raum für eine Wusel-Vernetzung. Alle bewegten sich wieder und konnten untereinander ins Gespräch kommen. Verbunden war dieser Part mit der Einladung, ganz bewusst darauf zu achten, mögliche Vorannahmen, die sich vielleicht in der Vorstellungsrunde über andere gebildet hatten, zurück zu stellen und sich auf diese Weise offen auf die jeweils andere Person einzulassen.

    3. Erwartungen abgleichen und ein gemeinsames Verständnis zur Veranstaltung finden

    Nachdem wir dann auf diese Weise im Raum und in der Gruppe angekommen waren und erste Verbindungen geknüpft waren, ging es um eine Verständigung über das Ziel unserer Veranstaltung. Ich hatte mir im Vorfeld überlegt, dass es unterschiedliche Perspektiven auf die Veranstaltung geben könnte:

    • Ein Ideenlab oder Thinktank
    • Ein Retreat und Vernetzung
    • Inspiration und Lernen
    • Oder auch bewusste Offenheit bzw. etwas ganz anderes (Joker).
    Mögliche Perspektiven auf die Veranstaltung

    Diese vier Optionen standen auf Flipcharts in den vier Ecken des Raumes. Alle ordneten sich zunächst dort zu, was am meisten auf sie zutraf. In einer Blitzlichtrunde (= Alle kommen zunächst kurz zu Wort. Ich spreche erst dann zum zweiten Mal, wenn alle anderen vor mir geredet haben) begründeten die Zusammenkommenden ihre Auswahl.

    Anschließend kamen aus allen Gruppen Menschen in einem Gruppenpuzzle zusammen und suchten nach einer Verständigung zum Satzanfang:

    Wenn ich morgen nach Hause fahre, war die Veranstaltung für mich dann erfolgreich / nicht erfolgreich, wenn …

    Die Statements aus den Gruppen wurden dann im Plenum vorgelesen.

    Anschließend notierten alle auf Karten, was sie in den Prozess einbringen wollen/ können und auch, was mögliche eigennützige Motive (‚Hidden Agenda‘) sind. Solche eigennützigen Motive (z.B. ‚Ich suche nach Inspiration für die eigene Durchführung von Fortbildungen‘) sind aus meiner Sicht etwas sehr Sinnvolles und Legitimes. Für einen Gruppenprozess erlebe ich es als sehr zielführend, wenn diese untereinander bewusst transparent gemacht werden.

    Mit den Karten wuselten wir erst durch den Raum und stellten sie uns gegenseitig vor. Anschließend wurden sie auf einer Pinnwand gesammelt.

    Abschluss: Körperliches Feedback

    Diese Grundlegung war bereits ziemlich intensiv, so dass die dann anstehende Kaffeepause sehr willkommen war. Wir leiteten sie ein mit einem körperlichen Feedback: Dazu kauern sich alle erst ganz klein zusammen und strecken sich dann ganz groß aus. Dann suchen sie die Position, die vorgelesene Aussagen für sie auf einer Skala von 0-10 beantwortet. (0 wäre ganz zusammenkauern; 10 wäre ganz ausstrecken). Ich fragte z.B. ‚Wie spannend findest du unsere Gruppe? Wie wohl fühlst du dich? Wie zuversichtlich bist du, dass uns der weitere Prozess gut gelingt?‘

    Planung

    Nach der Kaffeepause starteten wir dann in die Planung für den nächsten Tag. Das war für mich der aufregendste Part an der ganzen Veranstaltung, weil ich erstens vorher noch nie so vorgegangen war und zweitens ich hier die Verantwortung zur Gestaltung des Tages tatsächlich sehr umfassend mit der Gruppe teilte.

    Ich hatte mir dazu den folgenden Rahmen überlegt:

    Im Raum waren wieder vier Fragen verteilt, die jeweils wichtige Aspekte der weiteren Planung beinhalteten:

    1. Welche Themen sind dir wichtig?
    2. Wie wollen wir methodisch vorgehen? Wer übernimmt wann die Moderation?
    3. Was passiert Drumherum? Wie stellen wir sicher, dass sich alle beteiligen können?
    4. Was denken wir von Anfang an mit, was nach der Veranstaltung passieren soll?
    Eine der Fragen und für mich die schwierigste, weil genau diese Frage ganz viel Verantwortungsabgabe bedeutete und damit Vertrauen in die Gruppe erforderte.

    Mit diesen Fragen im Blick starteten wir zunächst eine ‚Briefkasten‘-Phase. Alle konnten hier zu allen Fragen auf Notizzetteln das schreiben, was ihnen zu der jeweiligen Frage wichtig ist und diese Zettel dann zu den jeweiligen Tischen wie in eine Art Briefkasten ‚einwerfen‘. Danach kündigte ich vier Open Space Phasen an:

    1. An einem Tisch zusammenfinden und erst einmal alle Zettel clustern und priorisieren.
    2. Gemeinsam einen ersten Beta-Plan entwickeln.
    3. Diesen Plan durch ein erstes Feedback verbessern.
    4. Und den Plan durch ein zweites Feedback verbessern.
    Vorgehen in der Planungsphase

    In diese Phase brachte ich mich dann wie alle anderen Teilnehmenden auch gleichberechtigt in den Prozess ein und behielt nur noch die Rolle der Zeitwächterin.

    Ich hatte viel Freude daran zu beobachten, dass es sich sehr auszahlte, dass ich Vertrauen in die Gruppenprozesse hatte. Denn gemeinsam entwickelten wir hier sehr konstruktiv die Antworten auf die verschiedenen Fragen. Ganz selbstverständlich wurden dabei jeweils auch die anderen Flipcharts mitgedacht und z.B. Kundschafter*innen und Botschafter*innen zwischen verschiedenen Fragetischen hin und hergeschickt. Wir alle hatten ja das gemeinsame Ziel, für uns selbst und für die ganze Gruppe eine möglichst wirkungsmächtige Planung zu konzipieren.

    Kurz vor dem Abendessen hatten wir dann zwar noch keinen ganz fertigen Plan, aber doch sehr gute Orientierungen zum Weitermachen. Ich lud alle ein, die sich an jeweils einem Frage-Tisch hauptverantwortlich den Hut aufgesetzt hatten, gemeinsam die genauere Ausgestaltung zu übernehmen. Alle anderen hatten erst einmal Zeit für Vernetzung und auch für das Abendessen.

    In der ad hoc gebildeten Kleingruppe kamen wir dank der kollaborativen Vorarbeit sehr schnell zu einem ersten groben Raster für den nächsten Tag:

    Kern sollte unsere Leitfrage sein: Wie kommen wir zu (mehr) Wirkungsmacht? Dabei wollten wir immer auf System, Mensch und Wirkungsmacht blicken. Methodisch wollten wir am Vormittag eine erste Sammel-, Inspirations- und Austauschphase in Form eines Mini-Barcamps / Open Space machen. Nachmittags dann Wirkungsmacht in Bezug auf unsere entstehende Initiative hin konkretisieren, also die Frage stellen: Wie können wir gemeinsam wirkungsmächtiger werden?

    Unser erster zusammengestellter Plan: noch nicht perfekt, aber ein sehr gutes, kollaboratives Zwischenergebnis

    Die einzelnen Gruppen hatten zum Teil sehr konkret vorgearbeitet. Es waren Verantwortlichkeiten für Zeitwächter*innen oder Moderation eingetragen, ebenso auch Planungen für Energizer und Rahmenprogramm.

    Vor dem Abendessen gab es direkt schon die erste Aktion: Die ‚Drumherum-Planungs-Gruppe‘ hatte einen kleinen Check-in vorbereitet, um zu schauen, wie gut es allen Beteiligten geht und ob Intervention/Veränderung nötig ist. Das führten sie im Plenum durch:

    Mini-Check-In nach der Planungsphase: Alles im grünen Bereich!

    Ich bin mir ziemlich sicher: Alleine hätte ich erstens niemals so eine perspektivenreiche und vielfältige Planung hinbekommen (insbesondere der rote Faden mit Mensch, System, Wirkungsmacht war z.B. etwas, was durch den Austausch zwischen der Methoden- und der Themen-Gruppe entstand), ich hätte viele Dinge übersehen, die anderen aber wichtig waren (z.B. Raum für Selbstfürsorge) und vor allem hätten die Beteiligten niemals so sehr diese Veranstaltung zu ihrer eigenen Veranstaltung machen können.

    Ich glaube, dass wir gerade wegen dieser kollaborativen Planungsphase jetzt in der weiteren Arbeit der Initiative auf ein sehr starkes Fundament aufbauen können. Deshalb wären solche Ansätze auch für Schulentwicklungstage oder andere Veranstaltungen so wichtig. Das erfordert dann eben den Mut und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich ganz bewusst Zeit und Raum für solch eine Offenheit zu nehmen.

    Onboarding

    Nach dem Abendessen passte es sehr gut, dass noch einige Nachzügler*innen angereist waren. Somit konnte das entwickelte Programm für den nächsten Tag für die schon davor Dagewesenen rekapituliert werden und für alle neu Angekommenen vorgestellt werden.

    Entwicklung

    Der zweite Tag startete mit einem optionalen Yoga- und Meditations-Angebot und dann nach dem Frühstück gemeinsam im Plenum. Beim Vernetzen am Abend und auch über Nacht hatten sich manche Gedanken vertieft und Ideen konkretisiert. Auch darum würde ich für solche offenen Formate übrigens immer zwei Tage Zeit empfehlen.

    Was wir dann an diesem Tag machten, war – wie dargestellt – nicht mehr allein meine, sondern unsere gemeinsame Konzeption. Ich stelle das Vorgehen trotzdem der Vollständigkeit halber in diesem Blogbeitrag vor.

    (Es blieb dabei, dass ich auch an diesem Tag grundsätzlich die Rolle behielt, durch den Tag insgesamt zu führen und den Rahmen zu halten. Das lässt sich aber wahrscheinlich auch nicht anders realisieren bzw. ist wohl auch gar nicht anders wünschenswert. Ich hatte trotz dieser Rolle immer zugleich auch den Eindruck, Teil der Gruppe zu sein und auch mit dieser Verantwortung nicht allein zu sein, weil ganz viele andere ganz genauso mit einem koordinierenden und zusammenhaltenden Blick auf die Entwicklungen in der Gruppe schauten.)

    Leitfrage für den Tag

    Die grundsätzliche Idee des Tages haben wir in dieser Darstellung aufgezeichnet:

    Unsere Leitfrage und Prozessplanung für den Tag

    Es ging uns also darum, einen Prozess der Divergenz und Konvergenz zu gestalten, also erst ganz viel einzusammeln und zu teilen, um dann in eine Konkretisierung in Hinblick auf unsere Initiative zu kommen.

    Open Space: teilen & erforschen

    Den Prozess der Divergenz gestalteten wir dabei in einem Open Space Format, das wir erstens durch vier methodische Vorschläge angereichert hatten. Man konnte zwischen diesen Optionen wählen:

    1. Interview: Ich habe ein Thema, befragt mich gerne dazu!
    2. Research: Ich habe eine Frage. Lasst uns gemeinsam etwas dazu herausfinden.
    3. Thema: Ich teile etwas zu einem Thema und ihr stellt aus euren jeweiligen Perspektiven Fragen dazu.
    4. Joker: Ich möchte etwas anbieten, was nicht in ein anderes Raster passt.
    Unsere Session-Optionen

    Zweitens hatten wir an den Plan, in die Mitte des Raumes und auch auf die Sessiontische immer die drei für uns relevanten Fäden gelegt: System, Mensch und Wirkungsmacht. Auf diese Weise sollten sie in den Sessions gezielt im Blick behalten werden.

    Sessionplanung und Zeitkümmerer-Rolle waren in der Gruppe verteilt. Für die Dokumentation hatten wir für jeden Slot eine Doku-Kümmerer*in zugeteilt, die am Ende der Session den Flipchart-Mitschrieb sicherte und von der sessiongebenden Person einsprechen ließ oder selbst einsprach, um das Transkript dann durch ein Sprachmodell ‚ordentlich‘ zu formatieren. Das funktionierte ziemlich gut und ich kann es für eine sehr gelingende Dokumentation, die zunächst kollaborativ analog gemacht wird, sehr empfehlen. Besonders für unsere mit 20 Minuten nur sehr kurzen Sessions fand ich das einen sehr guten Weg.

    Open Space Vertiefung

    Besonders gelungen – auch für mich selbst – fand ich die anschließende Nachbereitung des Open Space:

    Zunächst gab es eine ‚Denkende Runde‚: Ungefähr 5 Personen kamen für 20 Minuten zusammen. Alle sprachen nacheinander. Alle hörten zu. Man achtete darauf, dass die Zeit gleichberechtigt verteilt war. Auf diese Weise konnten sich redend, unterstützt durch echtes Zuhören, noch einmal ganz neue Gedanken entfalten. Das empfand ich als sehr lohnend!

    Anleitung ‚Denkende Runde‘

    Im zweiten Schritt sammelten wir in der Zwei-Spalten-Methode noch einmal in einem schnelleren Verfahren, was Wirkungsmacht befördert und behindert. Das konnte man als eine Art sessionübergreifende Zusammenfassung und zugleich ersten Schritt in Richtung Konkretisierung sehen. Die Zwei-Spalten-Methode ist dabei genau wie die Denkende Runde zugleich einfach und sehr wirkungsvoll:

    • Es sammeln sich Kleingruppen vor einem vorbereiteten Flipchart.
    • Eine Person notiert alles, was der Gruppe zu den beiden Bereichen einfällt. Dazu ist 8 Minuten Zeit.
    • Danach einigt man sich in zwei Minuten, was die jeweils drei wichtigsten Punkte sind.
    • Diese Punkte stellen die Gruppen dann nacheinander im Plenum vor.
    Vorbereitetes Flipchart für die 2-Spalten-Methode

    (Bei der Gestaltung der Flipcharts war uns leider ein Fehler unterlaufen, weil wir die Frage nicht aktiv formuliert hatten. Anstatt zu schreiben: Was trägt dazu bei, dass Wirkungsmacht entstehen kann / verhindert wird? hätten wir besser geschrieben: Was können wir tun, um Wirkungsmacht zu befördern / zu verhindern? Am Beispiel des Eintrags ‚fehlende Ressourcen‘, was jetzt z.B. aufgeschrieben worden war, lässt sich der Unterschied sehr leicht zeigen. Denn hätten wir aktiver formuliert, hätte die Gruppe eher formuliert: Wir kümmern uns nicht um ausreichende Ressourcen, was im Gegensatz zum Eintrag der passiven Formulierung direkt eine aktivere Perspektive ermöglicht hätte. Solltest du die Methode also in deinem Kontext nachmachen, dann versuche unbedingt auf eine aktive Formulierung zu achten!)

    Elevator Pitch + Kanban

    Am Nachmittag gingen wir mit einem Elevator Pitch + Kanban in die Erarbeitung der nächsten konkreten Schritte.

    Das funktionierte so:

    1. Alle konnten Fragen aufschreiben und sich zunächst mit anderen in einer Wuselphase austauschen und verbinden und clustern.
    2. Gesammelte Fragen wurden dann in eine ‚To Do‘-Spalte gepackt.
    3. Wer eine Frage bearbeiten wollte, schrieb den Namen drauf und den Ort, den er/sie zur Bearbeitung auswählen wollte.
    4. So konnten sich dann Kleingruppen zusammenfinden, die die Frage mithilfe einer Elevator Pitch Vorlage beantwortete.
    5. Nach fertiger Bearbeitung wanderte die Karte ins ‚Done‘-Feld und man konnte wieder bei 1 starten.
    Anleitung zu Elevator-Pitch + Kanban

    Die nächsten Schritte der Elevator Pitches, die wir erarbeitet hatten, stellten wir dann im Plenum vor.

    Bei Weiternutzung kannst du gerne diese Elevator Pitch Vorlage verwenden:

    Vorlage Elevator PitchHerunterladen

    Abschluss im Plenum

    Zum Abschluss vereinbarten wir gemeinsam, was schon am Vortag in einer der Planungs-Gruppen vorbereitet worden war: Insbesondere die Fortführung unserer Signal-Gruppe und des Mailverteilers, der weitere Aufbau der Website wirksam-lernen.de, die während der Veranstaltung eingerichtet und im letzten Slot in einer Kleingruppe mit ersten Inhalten gefüllt wurde, und die Einberufung eines Kernteams, was nun den begonnenen Prozess federführend weiter führt.

    Außerdem nahmen wir uns Raum, um für uns individuell festzuhalten, welche Anstöße für wirkungsmächtigere Arbeit wir in unsere jeweils eigenen Kontexte mitnehmen.

    Abschlussflipchart: ‚Wie weiter?‘

    Fazit

    Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für ihre Zeit, ihre wertvollen Perspektiven, ihr konstruktives Mitdenken und auch für ihr Vertrauen, mit dem sie sich auf den Prozess eingelassen haben. Für mich individuell war es eine wunderbar stärkende Erfahrung und ich bin sehr zuversichtlich, dass aus diesem Aufschlag auch ganz viel weitere kollektive Wirksamkeit sowie viele kleine dezentrale Umsetzungsideen entstehen. Schon am heutigen nächsten Tag gab es aus unserer Gruppe heraus eine Einladung zu einer gemeinsamen Lernreise zur Reflexion über Wirkungsmacht. Ich bin mir sicher, dass noch sehr viele weitere Vorhaben entstehen werden.

    Wenn dich mit uns das Gefühl eint, eine gemeinsame Verantwortung für eine l(i)ebenswerte Welt zu tragen und du deshalb im pädagogischen Kontext wirksameres Lernen gestalten willst, das zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit ermächtigt, dann bist du bei uns genau richtig!

    Zur Initiative Wirksam-Lernen.de #Lernkulturveränderung #Veranstaltungen
  15. Schulentwicklungstag: Mein Weg zu gutem Unterricht!

    Den heutigen Tag habe ich in Timmendorfer Strand verbracht. Hier ist einer der Schulstandorte der Beruflichen Schule Ostholstein in Oldenburg. Gemeinsam mit Katrin Halfmann, Ann-Kathrin Peters und Ina Moebius habe ich für diese Schule einen Schulentwicklungstag konzipiert und durchgeführt.

    Der Titel des Tages war ‚Mein Weg zu gutem Unterricht‘, was der Wunsch von Schulleitung und Vorbereitungsgruppe war. Man könnte nun natürlich – im Sinne von Stefan Ruppaner – erwidern, dass Unterricht aller Übel Anfang sei. Wir haben uns in der Vorbereitung lieber darüber gefreut, dass es in den Kollegien an den unterschiedlichen Schulstandorten offensichtlich den Wunsch gab und gibt, die eigene Gestaltung des Lernens (aka ‚Unterricht‘) zu hinterfragen, gemeinsam zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

    Persönlich hat es mir große Freude gemacht, solch einen Tag einmal nicht überwiegend in alleiniger Verantwortung, sondern in einem sehr gut funktionierenden Team vorzubereiten. Wir haben gemeinsam einiges an Zeit in die Vorbereitung gesteckt, was sich aus meiner Sicht sehr auszahlte.

    In diesem Blogbeitrag teile ich die für mich fünf wichtigsten Aspekte der Konzeption und Durchführung, die ich zum Nachmachen und Weiternutzen sehr empfehlen kann.

    1. Verändertes Lernen selbst erleben

    Der ‚rote Faden‘ bei unserer Konzeption war, dass wir den Teilnehmenden ermöglichen wollten, ein verändertes Lernen selbst zu erleben. Wir haben dazu bewusst unterschiedliche Formate, einen klaren Rahmen und sehr viel Offenheit für die Gestaltung eigener Lernwege angeboten. Auch haben wir die beiden Impulse, die wir einplanten (siehe unten), bewusst sehr verschieden gestaltet: einmal mit Kritzelfolien, einmal gegenständlich und mit ‚Mini-Rollenspielen‘.

    Damit dieses veränderte Lernen dann nicht nur einfach stattfand, sondern bewusst reflektiert werden konnte, haben wir morgens auf die Plätze Blanko-Hefte und Sticker mit Reflexionsfragen verteilt. Im Tagesverlauf haben wir dann immer wieder Zeit gegeben, um Notizen in den so entstehenden Lernjournals festzuhalten.

    Meiner Beobachtung nach haben die Kolleg*innen diese Möglichkeit sehr unterschiedlich, aber insgesamt sehr viel und auch sehr vielfältig genutzt. Die Idee werde ich deshalb in jedem Fall vom heutigen Tag mitnehme. Unser genaues Vorgehen habe ich hier beschrieben.

    Verteiltes Blanko-Heft mit Reflexionsstickern

    2. Impulse mit Transfermöglichkeit

    Wie oben geschrieben gab es am Vormittag zwei Impulse, die sich aus meiner Sicht ganz wunderbar ergänzten: Der erste Impuls kam von Katrin Halfmann und behandelte das Thema Haltung (zu dem sie auch ein sehr empfehlenswertes Buch geschrieben hat). Wir richteten damit den Blick also nach innen und stellten die Frage:

    Wie können wir zu einer reflektierten pädagogischen Handlung kommen, insbesondere unter bewusster Nutzung des Inneren Teams?

    Danach schloss sich ein Impuls von mir zum Nordstern in der Lerngestaltung an. Im Fokus stand somit die Frage:

    Warum sind wir pädagogisch tätig? Worauf zielt gute Bildung?

    Ich mochte diese Kombination erstens inhaltlich sehr gerne. Zweitens fand ich die Gestaltung gelungen. Denn bei beiden Impulsen haben wir schon zwischendurch immer wieder Raum für kurze Murmelrunden gegeben und vor allem schloss sich an jeden der Impulse eine mindestens 30-minütige Austauschphase an. Hierzu hatten wir Reflexions- und Transferfragen vorbereitet, über die die Kolleg*innen zu dem Gesagten in Austausch untereinander kommen konnten.

    Ganz im Sinne, dass ja auch ein verändertes Lernen selbst erlebt werden sollte, waren diese Fragen bewusst als Einladung formuliert. Wir ließen auch offen, ob die Kolleg*innen sich dazu bei einem Kaffee zusammenstellen, sich einen ruhigen Raum für den Austausch suchen oder sich in Bewegung und damit auf einen kollegialen Spaziergang begeben wollten.

    Vortrag ohne Folien: Schritt für Schritt habe ich die Gegenstände unter dem Tisch hervorgeholt und beschrieben.

    3. Wuselstationen für individuelles Lernen und ganz viel Austausch

    Der Nachmittag war dann noch reicher an individuellen Lernangeboten. Unser Konzept waren hier mehrere Mini-Angebote als eine Art Stationenlernen. Die große Mehrheit der Stationen war unbetreut, d.h. die Kolleg*innen fanden ein Material vor, das sie nutzen und ausprobieren konnten. An vier Stationen konnten sie zudem in den Austausch mit uns als Referentinnen kommen.

    Die Inhalte der Stationen waren bewusst vielfältig. Es ging um Classroom-Management, Herausforderungen der Generation Z, das innere Team, Künstliche Intelligenz, Achtsamkeitsübungen, Arbeit mit Schiebereglern, einen Einstieg ins Fediverse, einfache Bewegungsübungen für den Unterricht, das Kennenlernen von systemischen Fragen und vieles mehr. Natürlich gab es auch eine ‚Joker‘-Station, an der die Kolleg*innen sich zu spontan aufkommenden, selbst gewählten Fragestellungen austauschen konnten.

    Wir haben das Angebot insgesamt ‚Wuselstationen‘ getauft, weil die Kolleg*innen sich genau das heraussuchen konnten, was sie interessierte und vor allem auch ganz flexibel zwischen den Stationen wechseln konnten.

    Die Wuselstationen haben wir von Anfang an mit Weiternutzung im Blick konzipiert und deshalb alle Informationen zugleich auch online auf einer dafür eingerichteten Mini-Website eingestellt. Auf dieser werden wir jetzt im Nachhinein auch noch weitere Materialien hochladen. So haben die Kolleg*innen (und alle weiteren Interessierten) für die Nachbereitung einen reichen Online-Fundus, auf den sie zugreifen können.

    Für die Erkundungen unsere Wuselstationen haben wir insgesamt 2 Stunden Zeit eingeplant. Kürzer sollte das aus meiner Sicht nicht sein. Wir haben die Erkundung der Wuselstationen bewusst mit dem Aufruf verbunden, sich auch mit den Kolleg*innen in Austausch zu begeben, mit denen man ansonsten vielleicht weniger zu tun hat. Insgesamt habe ich auch diesen Part als sehr gewinnbringend erlebt.

    4. Karten-Flaschenpost als Abschlussmethode

    Für solch einen intensiven Tag braucht es eine gute, zusammenführende aber vor allem auch auflockernde und prägnante Abschlussmethode. Wir haben dazu – eigentlich aus der Not heraus, weil im Plenumsraum nicht genug Platz für Bewegung z.B. für einen Kartenaustausch oder Ähnliches war – die Methode ‚Karten-Flaschenpost‘ erfunden.

    Sie funktionierte so:

    • Alle notierten sich auf einer verteilten Karte gut lesbar etwas, was sie am heutigen Tag weitergebracht hat, einen Aha-Effekt zum Tag oder eine neue Erkenntnis.
    • Auf ein Signal hin wurden die Karten ganz schnell durch den ganzen Raum gereicht, so dass beim Stopp-Signal kurz darauf alle eine andere Karte in der Hand hatten. Diese konnte man dann lesen und sich so von einer Erkenntnis eines Kollegen oder einer Kollegin inspirieren lassen.
    • Dieses Vorgehen haben wir noch zweimal wiederholt. Am Ende behielten alle die ‚Flaschenpost-Karte‘, die sie aus dem kollektiven Erkenntnis-Pool zufällig gezogen hatten. Verbunden mit der Einladung, diese Erkenntnis doch auch für sich zu durchdenken.

    Für mich war diese Methode eines der Highlights des Tages, weil alle augenscheinlich mit viel Freude dabei waren und hoffentlich ganz niederschwellig und vor allem zufällig mit noch weiteren Erkenntnisperlen, nicht nur den eigenen, nach Hause fuhren. Gerade in Räumen, die für mehr Bewegung zu eng sind, kann ich das Vorgehen sehr empfehlen.

    Unser Plenumsraum – am Morgen fotografiert. Zu eng für einen Kartenaustausch, aber für Karten-Flaschenpost bestens geeignet.

    5. Und der Strand vor der Tür!

    Sehr schön war es natürlich außerdem, den Strand direkt vor der Tür zu haben. Auch wenn ich in der Durchführung recht eingespannt war, habe ich das zumindest für einen Mini-Spaziergang am (heute ziemlich kalten und zum Teil gefrorenen und damit sehr schönen) Ostseestrand genutzt. Viele Kolleg*innen nutzten es für kollegialen Walk & Talk im Anschluss an die Impulse oder auch bei den Online-Wuselstationen.

    An der Ostsee in der Mittagspause

    Dieser Aspekt wird sich nicht so einfach nachmachen lassen. Schön ist es aber in jedem Fall, dass es solche Lernorte gibt!

    Fazit

    Vielen Dank für die Anfrage und Einladung – und insbesondere auch für den Austausch mit sehr viel Ernsthaftigkeit an meiner KI-Wuselstation. Ich hatte viel Freude! Allen Beteiligten wünsche ich viel Erfolg bei der Nachbereitung und ich bin gespannt, was weiter aus den Anstößen entsteht.

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
  16. Das zukünftige Ich als Unterstützung beim Lernen

    Seit den 1960er Jahren führte der Psychologe Walter Mischel mehrere Untersuchungen zum so genannten Belohnungsaufschub durch. Am bekanntesten wurde daraus der so genannte Marshmallow-Test: Kinder wurden hier vor die Wahl gestellt, entweder einen Marshmallow direkt zu essen oder zu warten und dafür nach einiger Zeit zwei Marshmallows zu erhalten. In einer Langzeituntersuchung wurde deutlich, dass diejenigen Kinder, die warten konnten, später bessere schulische Leistungen erzielten. Kritisch wurde in der Forschung allerdings zugleich auch angemerkt, dass soziokulturelle Faktoren bei dem Experiment sehr viel einflussreicher waren als eine vermeintliche Willensstärke.

    In diesem Blogbeitrag möchte ich mich nicht detaillierter in diese psychologischen Forschungen vertiefen. Ich finde den Marshmallow-Test pädagogisch vor allem deshalb spannend, weil ich darin ein Muster entdecke, das ich für mich selbst im Kontext einer Kultur des Teilens schon länger zum Lernen und Arbeiten nutze. Inzwischen finde ich es auch sinnvoll, auf viele weitere Bereiche des Lernens auszuweiten. Dieses Muster ist mein zukünftiges Ich. Im Marshmallow-Test zeigt sich das zukünftige Ich folgendermaßen: Die Kinder hatten die Wahl, entweder ihr jetziges, gegenwärtiges Ich mit einem Marshmallow zu erfreuen oder eben ihr zukünftiges Ich in den Blick zu nehmen und diesem dann sogar zwei Marshmallows zuzusprechen.

    Übertragen auf das Lernen kann ich das zukünftige Ich so nutzen, dass ich meinem gegenwärtigen Ich bewusst Anstrengungen und Mühen zumute. Ich bin dazu motiviert, weil ich davon ausgehe, dass mein zukünftiges Ich davon profitieren wird. Die Perspektive auf mein zukünftiges Ich unterstützt mich somit beim Lernen.

    Diese Möglichkeit des zukünftigen Ichs möchte ich im Folgenden anhand von drei Beispielen verdeutlichen. Anschließend gehe ich auf die Frage ein, was das Muster des zukünftigen Ichs für Lerngestaltung und damit für die pädagogische Tätigkeit bedeuten kann.

    Drei Beispiele: Lernen mit Unterstützung des zukünftigen Ichs

    Ich habe oben bereits geschrieben, dass ich das zukünftige Ich für mich ursprünglich im Kontext einer Kultur des Teilens kennen gelernt habe. Denn hier habe ich immer wieder die folgende Erfahrung gemacht: Wenn ich einen von mir erstellten Inhalt teile, dann muss ich ihn dazu gut aufbereiten. Das bedeutet unter anderem, dass ich ihn mit Schlagworten und Benennungen gut auffindbar mache, dass ich darauf achte, dass alles korrekt lizenziert ist und dass er auch ansonsten in so einem Zustand ist, dass andere gut etwas damit anfangen können.

    Auf den ersten Blick ist solch ein Teilen eines Inhalts also eine sehr altruistische Handlung. Ich stecke Zeit und Mühe in die Aufbereitung eines Inhalts, damit andere ihn nutzen können. Das ist aber aus meiner Sicht längst nicht alles. Stattdessen spielt für mich immer auch mein zukünftiges Ich beim Teilen eine Rolle. Denn von meiner investierten Zeit und Mühe profitieren nicht nur andere, sondern eben auch mein zukünftiges Ich. Das gilt zum Beispiel für Materialien, die ich für einen pädagogischen Tag erstelle und mir dann noch Zeit nehme, um sie gut aufzubereiten, um sie dann zu teilen. In diesem Fall profitieren eben nicht nur andere von diesem Teilen, sondern ganz genau so auch mein zukünftiges Ich. Denn die Inhalte sind dann in so einem Zustand, dass ich sie entweder direkt wieder verwenden kann oder eben ganz einfach anpassen und weiternutzen kann.

    Dieser Kontext verdeutlicht somit schon einmal gut, was eine bewusste Hinwendung auf das zukünftige Ich in der Gegenwart zu leisten vermag. Der Kontext ist allerdings eher im Bereich der Produktivität und gelingenden Arbeit und weniger im Bereich des Lernens angesiedelt. Um Lernen geht es aber in den folgenden drei Beispielen:

    1. KI-Nutzung als kognitives Training für das zukünftige Ich

    Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass KI-Sprachmodelle einem sehr gut jede Menge Arbeit abnehmen können: Sie fassen auf Knopfdruck einen Text oder ein Video zusammen, generieren einen Projektbericht oder erledigen – aus Perspektive von Schüler*innen geschrieben – einen unliebsamen Arbeitsauftrag im Unterricht. Die Ergebnisse werden dabei immer professioneller und stehen in wenigen Sekunden zur Verfügung. Mein gegenwärtiges Ich kann von solch einer KI-Nutzung als Abkürzung also sehr profitieren.

    Wenn ich allerdings mein zukünftiges Ich in den Blick nehme, dann sieht die Sache anders aus. In diesem Fall steht nicht nur im Fokus, was ich direkt als Ergebnis erhalte, sondern auch, was diese KI-Nutzung mit mir und meiner Fähigkeit zum Lernen und zur Entwicklung macht. Wenn ich immer nur Abkürzungen nehme und mir keine Zeit zum selbst Denken und zu einer vertieften Beschäftigung mit Inhalten nehme, dann kann das so genannte De-Skilling die Folge sein. Mein zukünftiges Ich wird dann wahrscheinlich weniger können, als wenn ich bewusst auf eine kognitiv-herausfordernde Nutzung der Technologie orientiere.

    In der Praxis kann die Hinwendung auf das zukünftige Ich bei der KI-Nutzung zum einen so aussehen, dass ich manches Mal bewusst Sachen selbst mache, auch wenn ein KI-Modell sie vielleicht besser und schneller erledigen könnte. Zum anderen kann ich mir auch bewusst Zeit nehmen, um eine Aufgabe in Interaktion mit einem KI-Sprachmodell zu erledigen und dabei selbst in einer aktiven Rolle zu sein und gezielt eine sinnvolle KI-Nutzung zu erproben. Durch diese Zeit zum Erkunden und Ausprobieren, erarbeite ich für mein zukünftiges Ich einen immer besseren und intuitiv stimmigen Umgang mit dieser Technologie. Meine Perspektive ist dann ein zukünftiges Ich, das diese Technologie selbstbestimmt und sicher nutzen kann.

    2. Digitale Mündigkeit als Zukunftsinvestition

    Mein zweites Beispiel, bei dem Lernen in der Gegenwart mit Blick auf mein zukünftiges Ich unterstützt werden kann, ist der Bereich der digitalen Mündigkeit. Ähnlich wie bei KI-Technologie habe ich in einer zunehmend digital geprägten Gesellschaft sehr oft die Alternative, entweder sehr bequem eine fertige Lösung eines proprietären Anbieters zu nutzen. Oft ohne wirklich zu verstehen, was unter der Haube passiert. Alternativ kann ich Technologie selbst gestalten oder zumindest soweit möglich unter die Haube blicken und sie auf diese Weise mündig nutzen. Dieser zweite Weg kostet erfahrungsgemäß ziemlich viel Mühe, Zeit und Anstrengung. Der Blick auf mein zukünftiges Ich unterstützt mich dabei, genau dafür die notwendige Motivation zu finden.

    Denn indem ich mich bewusst in digitaler Mündigkeit übe und zum Beispiel mein soziales Lernnetzwerk im Fediverse als einem selbst gestalteten Raum aufbaue oder meine Inhalte auf einer eigenen Domain online bringe, entwickle ich nicht nur eine sehr konkrete Infrastruktur, sondern vor allem auch eine Haltung und praktische Erfahrungen in digitaler Mündigkeit. Mein zukünftiges Ich wird mir das danken, denn ihm stehen dann in einer digitalisierten Gesellschaft sehr viel mehr Perspektiven offen, als wenn mein zukünftiges Ich durch meine Bequemlichkeit in der Gegenwart eher durch Technologie gesteuert sein wird, als diese selbst zu steuern.

    3. Irritation und ‚Datenbank-Aufbau‘

    Als drittes Beispiel ist mir schließlich noch der Bereich von Neugier wichtig. Der Blick auf mein zukünftiges Ich kann mich in diesem Bereich dazu motivieren, mich in neue und vor allem auch vielfältige Themen einzuarbeiten, deren Relevanz mir vielleicht erst einmal gar nicht ersichtlich sind. Denn der Blick auf mein zukünftiges Ich kann mir in solch einer Situation klarer machen, dass ich immer auch an einer sehr vielfältigen und reichlich gefüllten Datenbank mit Wissen, Erfahrungen und Ideen in meinem Kopf arbeite. Das ist etwas, auf das mein zukünftiges Ich dann ganz bewusst andocken und auf diese Weise umso besser weiter lernen kann. Denn nur wenn ich in der Gegenwart für immer neue Spuren und Netzwerkknoten in meinem Kopf sorge, können daraus dann in der Zukunft immer wieder neue Verbindungen entstehen. Genau das ist ein wichtiger Treiber für Neugier und Lernen.

    Dieses dritte Beispiel ist mein Lieblings-Einsatz für das zukünftige Ich, weil es weg geht von einer direkten Effizienz- und Verwertungslogik von Lernen und stattdessen die Perspektive eröffnet, sich ganz bewusst auf eine vielfältige, bunte und herausfordernde Gegenwart einzulassen, weil eben gerade daraus dann Zukünfte entstehen können.

    Pädagogische Nutzung des zukünftigen Ichs

    In den obigen drei Beispielen habe ich beschrieben, wie sich das jeweils eigene zukünftige Ich in unterschiedlichen Bereichen gezielt zur Unterstützung beim eigenen Lernen nutzen lässt. Als pädagogisch tätige Personen geht es uns aber nicht nur um unser eigenes Lernen. Zugleich gestalten, begleiten und unterstützen wir auch die Lernprozesse von Lernenden. Auch in diesem Fall kann das Muster des zukünftigen Ichs sehr helfen.

    Dazu erscheint es mir grundsätzlich sinnvoll, dieses Muster beim Lernen und bei der Reflexion darüber präsent zu haben. Die Frage, die gemeinsam mit Lernenden reflektiert werden kann, ist dann nicht mehr nur: ‚Was bringt mir das jetzt?‘ Stattdessen verschiebt sich der Fokus auf die Frage: ‚Was bringt das meinem zukünftigen Ich?‘ Oder noch besser formuliert, weil viele Lernaktivitäten keinen direkten Verwertungsnutzen haben: ‚Welches zukünftige Ich entwickle ich mit meinen jetzigen Handlungen?‘ Auf diese Weise wird Lernenden eine zukunftsgestaltende Perspektive eröffnet, was aus meiner Sicht die beste Motivation für das Lernen ist.

    Es gibt eine Vielzahl von methodischen Ideen, die diese Perspektive unterstützen. Sehr bekannt ist beispielsweise der Ansatz, seinem zukünftigen Ich einen Brief oder eine Mail zu senden. Auf diese Weise wird die Perspektive ganz automatisch auf das zukünftige Ich gelenkt.

    Bei der pädagogischen Gestaltung schließt sich dann auch wieder der Kreis zum eingangs erwähnten Marshmallow-Test. Ein Ergebnis dieser Untersuchung war nämlich, dass Kinder umso besser warten konnten, also ihr zukünftiges Ich in den Blick nehmen konnten, wenn sie der erwachsenen Person vertrauten, die das Versprechen von zwei Marshmallows nach einer Wartezeit gab. Übertragen auf die Pädagogik bedeutet das, dass genau deshalb vertrauensvolle, pädagogische Beziehungen so wichtig sind. Wenn Lernende Vertrauen haben, dass sie sich entwickeln und auch Fehler machen dürfen, dass sie Zeit und Raum für Erkundungen und Lernen haben und dass ihnen etwas zugetraut wird, dann ist das die wahrscheinlich beste Grundlage dafür, dass sie sich beim Lernen nicht nur am schnellen Erfolg für die nächste Note, sondern mindestens auch an ihrem zukünftigen Ich orientieren.

    Mich erinnert diese Einordnung auch an die soziologischen Arbeiten von Aladin El-Mafaalani, der in diesem Zusammenhang die soziale Ungleichheit unseres Bildungssystems in den Blick nimmt. Er beschreibt das Muster, das insbesondere Lernende aus einkommensschwachen Schichten lieber auf den direkten Erfolg in der Gegenwart setzen, weil eine Perspektive auf die Zukunft angesichts einer krisenhaften und brüchigen Gegenwart viel zu unsicher erscheint. Lernende bewusst darin zu bestärken, auf ihr zukünftiges Ich zu blicken und ihnen vor allem auch strukturell die entsprechenden sicheren Lernräume zu ermöglichen, ist damit zugleich ein wichtiger Ansatz für mehr soziale Gerechtigkeit.

    Fazit

    Ich schreibe und spreche in letzter Zeit verstärkt von ‚zukunftsgestaltender Bildung‘, wenn ich nach einem Begriff für gute Bildung suche. Das Muster des zukünftigen Ichs ist eine sehr konkrete Möglichkeit, solch eine zukunftsgestaltende Bildung zu ermöglichen. Wie dargestellt kann es dazu ein guter Ausgangspunkt sein, zunächst für sich selbst beim Lernen den Blick auf das jeweils eigene zukünftige Ich zu richten. Und anschließend diese Perspektive auch in der pädagogischen Tätigkeit für Lernende zu eröffnen.

    #Lernkulturveränderung
  17. Warum eine ‚Ackergaul versus Rennpferd‘- Metapher pädagogisch nicht weiterhilft

    Im Bildungskontext begegnen mir immer wieder Argumente, die Leistungsunterschiede zwischen Lernenden mit vermeintlich natürlichen Grenzen erklären. Häufig werden dabei bildhafte Metaphern verwendet. Ein typischer Ausspruch dieser Art ist zum Beispiel:

    „Wir können uns da natürlich immer viel wünschen, aber aus einem Ackergaul werden wir nun mal kein Rennpferd machen!“

    Auf den ersten Blick mögen solche Vergleiche plausibel und realistisch erscheinen. Aus meiner Sicht sind sie allerdings pädagogisch nicht hilfreich und gesellschaftlich tendenziell gefährlich. Als Erwiderung bzw. alternative Perspektive finde ich hier drei Aspekte wichtig:

    • Erstens nicht biologistisch zu argumentieren, sondern anzuerkennen, dass der Mensch ein kulturelles und damit immer auch lernendes Wesen ist.
    • Zweitens sich pädagogisch an einem Growth Mindset zu orientieren.
    • Und drittens das Recht auf Bildung als Grundlage pädagogischer Tätigkeit zu nehmen.

    Diese drei Aspekte möchte ich im Folgenden näher ausführen:

    1. Der Mensch als lernendes Wesen

    Der Hinweis auf die nun einmal bestehende natürliche Differenz zwischen einem Ackergaul und einem Rennpferd klingt erst einmal sehr plausibel. Wer sich einen Ackergaul und ein Rennpferd bildlich vorstellt, wird zweifellos feststellen, dass es zwischen beiden Unterschiede gibt, die sich nicht einfach mal schnell durch ein bisschen Training nivellieren lassen.

    Genau deshalb ist die Übertragung dieses Bildes auf Lernende aber aus meiner Sicht verkürzt. Denn es ist nicht stimmig, Menschen allein auf ihre Biologie zu reduzieren. Natürlich gibt es wie bei Pferden auch bei Menschen biologische Unterschiede. Menschen sind immer und vor allem aber auch kulturelle Wesen, die also (deutlich mehr als Pferde) lernen und sich weiter entwickeln können. Biologische Unterschiede determinieren nicht vollständig das Entwicklungspotenzial!

    Entscheidend finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass Bildung aus gutem Grund eine lebenslange Herausforderung ist. Auch wer also bereits jugendlich oder erwachsen ist, muss weiterhin die Möglichkeit zum Lernen und zu Entwicklung haben.

    2. Lernen mit Growth Mindset

    Der Verweis auf Ackergaul und Rennpferd kann in der Pädagogik vor allem als Entlastung für die eigene Tätigkeit verwendet werden. Wenn ich es als pädagogisch tätige Person in diesem Sinne eben mit einem Ackergaul zu tun habe, dann hilft da keine pädagogische Anstrengung. Ich werde kein Rennpferd daraus machen können!

    Genau diese Entlastung ist aber eine Verkehrung der Realität. Denn unser Bildungssystem ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass Lernende viel zu oft und auch viel zu früh in eine bestimmte Kategorie einsortiert und somit als ‚Ackergaul‘ abgestempelt werden, dem weitere Entwicklungsmöglichkeiten verwehrt bleiben. Am deutlichsten zeigt sich das am gegliederten Schulsystem. Regelmäßig wird hier z.B. in den Pisa-Studien empirisch belegt, dass eine Einsortierung von Kindern auf unterschiedliche Schulformen nur wenig aufgrund einer vermeintlichen Leistung, sondern vor allem aufgrund der sozialen Herkunft erfolgt.

    An dieser strukturellen Ungerechtigkeit werde ich individuell als Lehrkraft zwar meistens nicht direkt etwas ändern können. Mindestens sollte ich die Einsortierung und Reduzierung von Entwicklungsmöglichkeiten aber nicht auch noch rechtfertigen, sondern Lernen für alle einfordern und im Rahmen bestehender Möglichkeiten auch umsetzen. Dazu braucht es die Haltung eines ‚Growth Mindset‘, also eines grundsätzlich wachstumsorientierten Blicks auf Lernende. Das bedeutet: Vielleicht können nicht alle alles lernen, aber mindestens können sehr viele sehr viel mehr lernen, als ihnen oft zugetraut wird!

    3. Recht auf Bildung

    Neben der oben beschriebenen Entlastungsfunktion schwingt bei Metaphern wie denen von Ackergaul und Rennpferd oft auch eine Effizienzlogik mit. Es lässt sich in diesem Sinne argumentieren, dass sich der Einsatz von Bildungsressourcen für Ackergäule ja auch gar nicht lohne. Da würde dann ja ohnehin keine Spitzenleistung dabei rauskommen und man könne es deshalb auch gleich lassen.

    Im Gegensatz steht hierzu allerdings das Recht auf Bildung, über das jeder Mensch verfügt und das gesamtgesellschaftlich und pädagogisch immer wieder von Neuem durchgesetzt werden muss. Anders als bei einer Effizienzlogik wird hier sehr bewusst Vielfalt wertgeschätzt und es werden Entwicklungsmöglichkeiten für alle geöffnet. Das Leitbild ist dann eine Gesellschaft, in der alle sich kontinuierlich weiter entwickeln können und für ihre Beiträge wertgeschätzt werden. Denn auch das gilt es ja beim Ackergaul/Rennpferd-Bild zu hinterfragen: Wer legt eigentlich fest, dass ein Ackergaul weniger wert sein soll als ein Rennpferd?

    Fazit

    Wenn ich das nächste Mal mit einem Ackergaul-versus-Rennpferd-Bild konfrontiert bin, werde ich folgendermaßen erwidern:

    Ich finde nicht, dass dieses Bild uns pädagogisch weiterhilft. Denn als Menschen sind wir lernende Wesen und eine biologistische Perspektive auf Lernende wäre deshalb verkürzt. Biologische Unterschiede determinieren nicht vollständig die Lernmöglichkeiten! Das Bild lenkt uns auch ab von unserer eigentlichen pädagogischen Aufgabe: nicht abstempeln und einsortieren, sondern immer wieder Entwicklungsmöglichkeiten im Sinne eines Growth Mindset schaffen. Damit orientieren wir uns dann am Recht auf Bildung und können auf eine Gesellschaft hin arbeiten, in der Vielfalt wertgeschätzt wird und alle sich ausgehend von ihren Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen einbringen und weiter entwickeln können und dafür wertgeschätzt werden.

    Vielleicht kann dir diese Argumentation ebenfalls helfen! 🙂

    #Lernkulturveränderung
  18. Fortbildungstage in Sachsen: Reflexion von Spannungsfeldern in der Bildung

    Ich war die letzten beiden Tage in der Fortbildungsstätte Schloss Siebeneichen in Meißen, um mit den Kolleg*innen der medienpädagogischen Zentren in Sachsen über die Ausrichtung ihrer Arbeit zu reflektieren.

    Schloss Siebeneichen in Meißen – eine sehr idyllisch gelegene Fortbildungsstätte

    Ich bin die Konzeption sehr grundlegend angegangen mit drei Leitfragen:

    1. Was ist das Ziel von Bildung?
    2. Wie setzen wir das in der Lerngestaltung um?
    3. Was bedeutet das konkret für unsere Arbeit?

    Insgesamt ziehe ich ein positives Fazit. In diesem Blogbeitrag stelle ich vor, wie ich vorgegangen bin und teile die verwendeten Materialien.

    Übergreifende Aspekte

    Für die Durchführung der beiden Tage waren mir drei Aspekte durchgängig wichtig:

    1. Meta-Blick auf das Lernen: Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir als pädagogisch tätige Menschen ein verändertes Lernen nur dann gut gestalten können, wenn wir auch selbst solch ein Lernen ganz konkret und praktisch für uns erleben. Dieser Aspekt war mir in meinen Fortbildungen eigentlich schon immer wichtig. Dieses Mal habe ich hierfür bewusst schon während der Durchführung eine Meta-Ebene der Reflexion ergänzt. Das sah so aus, dass ich eine Pinnwand vorne stehen hatte und nach jedem Lernschritt immer kurz anpinnte, was wir gemacht hatten und dazu erläuterte, warum. Das war in diesem Sinne ein ‚Reflecting Out Loud‘ meiner pädagogischen Tätigkeit.

    Meta-Wand am Ende der Fortbildung, gefüllt mit allen Lernschritten

    In der Perspektive würde ich es sehr gerne hinbekommen, dass Lernende zugleich auch offen und kontinuierlich über ihr Lernen reflektieren. Das hatte ich dieses Mal noch nicht systematisch gemacht.

    3. KI nicht als zusätzliches Thema, sondern als selbstverständliche Ressource: In den letzten Jahren habe ich sehr viele Fortbildungen zu KI konzipiert und durchgeführt. Bei der jetzigen Fortbildung war KI nun einfach normaler Bestandteil der genutzten Ressourcen. Praktisch sah das so aus, dass an allen Tischen ein QR-Code mit einem Link zu Online-Materialien angeklebt war. Darüber fanden die Teilnehmenden dann Anleitungen für Gruppenarbeiten und ganz genau so auch mögliche, zu nutzende Prompts.

    Hinweis zu den Online-Materialien an den Gruppentischen

    So wie ich es beobachtet habe, haben manche Gruppen diese Prompts verwendet, andere sind ganz anders vorgegangen, wieder andere haben sich bewusst gegen ein ‚KI-Sprachmodell mit an ihrem Tisch‘ entschieden.

    3. Weiterdenkende Perspektive: Wichtige Themen, die die Kolleg*innen in den medienpädagogischen Zentren gerade umtreiben, ist das selbstgesteuerte Lernen, das in Sachsen eine größere Bedeutung an Schulen bekommen soll und die KI-Nutzung durch Schüler*innen. Ich hatte vor dem Hintergrund dieser Themen ganz bewusst wie oben dargestellt einen sehr großen Rahmen aufgespannt. Ich leitete das ein mit dem Bild eines Jongleurs, der immer wieder weitere Bälle auffangen und jonglieren soll, was irgendwann dann eben einfach nicht mehr funktioniert. Genau deshalb sei es aus meiner Sicht so wichtig, ganz bewusst einen Schritt zurück zu treten und neu zu denken.

    Ablauf

    Wir hatten 1,5 Tage Zeit. Den ersten Tag haben wir mit kurzen Impulsen und Weiterdenken in Kleingruppen gearbeitet. Wir waren dazu überwiegend in einem großen Raum an Gruppentischen. Am zweiten Tag gab es dann ein bewusst ganz offen gestaltetes Barcamp. Das bedeutet, dass wir nicht vorab nach Themen gefragt hatten, sondern vor Ort eine kollaborative Themensammlung für die Sessionplanung machten.

    Vorgehen an Tag 1

    Damit alle Teil der Gruppe werden, ist es wichtig, dass jede Person sich zu Beginn einmal im Plenum äußert. Bei 80 Personen ist das natürlich herausfordernd. Wir haben dafür eine A-Z Raumaufstellung nach Vornamen gemacht. In diesem Schritt sind wir dann direkt ins pädagogische Du gewechselt und haben uns gegenseitig begrüßt. Danach ging das Mikro einmal durch und alle sagten kurz: ‚Hallo, ich bin …‘. Das war aus meiner Sicht sehr sinnvoll.

    Anschließend ging es mir darum, dass wir alle gemeinsam Verantwortung für das Gelingen der Fortbildung übernahmen. Ich versuchte das, indem alle ein Adjektiv zu ihren Erwartungen aufschrieben. Anschließend erläuterte ich den Plan der Fortbildung bewusst als einen Rahmen, der gemeinsam gefüllt werden konnte. Im Rahmen eines Kartenaustausches konnten die Teilnehmenden sich dann gegenseitig beraten, was jeweils gemacht werden könnte, damit das jeweils auf der Karte notierte Adjektiv erreicht wird. Auch diese Herangehensweise kann ich zur Weiternutzung empfehlen.

    Ab da ging es dann in die inhaltliche Ausarbeitung. Ich startete mit dem oben erwähnten Jongleur-Bild. Daraufhin waren alle eingeladen, in einem Silent Writing ihre Perspektive auf gute Bildung zu notieren und in ihrer Kleingruppe in einem Blitzlicht zu teilen.

    Von mir gab es dann drei Impulse als Spannungsfelder formuliert, die gerade im aktuellen Kontext aus meiner Sicht drängender werden:

    • Das Spannungsfeld zwischen Lernen aus der Vergangenheit versus Gestalten von neuen Zukünften
    • Das Spannungsfeld zwischen Mensch und Technologie
    • Das Spannungsfeld zwischen zahlreichen Möglichkeiten und vielfältigen, gesellschaftlichen Krisen.
    Kritzelvisualisierung der drei Spannungsfelder

    Auf Grundlage des ersten Blitzlichts und dieses Impulses gestalteten die Lernenden dann ihre Perspektive als Mindmap vor sich auf Flipchart-Papier an den Tischen. Wer wollte konnte hier zur weiteren Ausarbeitung wie oben beschrieben auch ein KI-Sprachmodell mit einem vorbereiteten Prompt mit in die Diskussion holen.

    Von der Leitbild-Orientierung von guter Bildung bewegten wir uns dann weiter zur Lerngestaltung. Hier übernahm ich eine Idee von Katrin Halfmann und verteilte auch hier mögliche Spannungsfelder in der Lerngestaltung.

    • bewerten ~ wertschätzen
    • erklären ~ zuhören
    • vertrauen ~ kontrollieren
    • anleiten ~ begleiten
    • stabilisieren ~ irritieren
    • vorgeben ~ aushandeln
    • zumuten ~ unterstützen
    • ermutigen ~ begrenzen
    Spannungsfelder in der Lerngestaltung

    Der Vorschlag zum Vorgehen in den Kleingruppen war, dass zunächst jede Person der Gruppe ein Spannungsfeld bekam und sich näher damit auseinander setzte. Auch hierzu konnte man einen vorbereiteten Prompt nutzen, der konkrete Beispiele zu dem jeweiligen Spannungsfeld als gewünschten Output festgelegt hatte. Anschließend tauschten sich die Kleingruppen gemeinsam über die jeweiligen Spannungsfelder aus und stellten den Bezug zu ihrer vorherigen ‚Gute Bildung‘-Mindmap her.

    Anschließend war eine ausführliche Mittagspause, in der bewusst auch Zeit für einen kollegialen Walk & Talk Spaziergang zur Reflexion und Rekapitulation der bisherigen Inhalte war.

    Den Nachmittag orientierte ich dann am Rahmen der Inner Development Goals. Hier war mir zunächst eine Gruppenmischung wichtig, weshalb in den bisherigen Kleingruppen jede Person ein Symbol, das für eine der Dimensionen der Inner Development Goals stand, zugeteilt bekam.

    Gruppenpuzzle zu den Dimensionen der Inner Development Goals

    Die Aufgabe war dann, sich mit anderen, die das gleiche Symbol erhalten hatten, zusammen zu setzen und gemeinsam diese Dimension zu erarbeiten. Ich hatte dazu sowohl eine kurze Beschreibung der jeweiligen Kategorie online gestellt als auch einen Vorschlag zum Vorgehen:

    • Gruppe bilden: Findet euch zu dritt oder viert zusammen – alle mit derselben Kategorie.
    • Kategorie verstehen: Lest gemeinsam die Beschreibung zu eurer Kategorie und klärt untereinander offene Fragen.
    • Kopfstand-Methode: Überlegt: Was wäre das Dümmste, was wir in der Bildung tun könnten, damit diese Kategorie garantiert NICHT erreicht wird? Übertreibt ruhig und übertrumpft euch gegenseitig mit immer absurderen Anti-Beispielen.
    • Umdrehen: Dreht die Perspektive um – was wäre stattdessen sinnvoll und wichtig?
    • Festhalten: Notiert euch die wichtigsten Aspekte für eure spätere Vorstellung in der Stammgruppe. Reflektiert dabei insbesondere auch, welche Rolle Technologie im Kontext eurer Kategorie spielt oder spielen könnte.

    Wer wollte konnte für Kopfstand und Kopfstand zurück auch wiederum ein KI-Modell mit an den Tisch holen.

    Anschließend fanden sich wieder die ursprünglichen Gruppen zusammen, berichteten jeweils über ihre Dimension der IDGs und erhielten so einen vollständigen Einblick in das Rahmenwerk.

    Mit Verweis auf die 15% Methode (= Lasst uns darauf konzentrieren, was wir angehen können, nicht auf das, was nicht geht!), formulierten die Kleingruppen abschließend ‚Wie können wir …‘-Fragen? und wählten eine davon zur weiteren Bearbeitung aus.

    Diese Bearbeitung war dann die letzte, intensive Arbeitsphase. Anschließend gab es im Plenum eine Vorstellung als Gallery Walk.

    Vorgehen an Tag 2

    Wie oben bereits geschrieben, hatte ich das Barcamp an Tag 2 bewusst offen angelegt und nicht vorab nach Themen gefragt, um den Fokus auf Austausch und gemeinsame Entwicklung zu legen. Vorab gab ich dann noch einmal ein paar mögliche ‚Satzanfänge‘, was solch eine Session sein könnte.

    Teaser zur Barcamp-Sessionplanung

    Außerdem war für alle die leere Pinnwand vorne sichtbar.

    Noch leerer Sessionplan vor der Planung

    (Neben Sessions im Barcamp gab es zum Abschluss nach der Mittagspause auch die Möglichkeit zu Austauschrunden für diejenigen, die sich noch in einer bestimmten Konstellation zusammensetzen wollten, z.B. die iPad-Arbeitsgruppe der medienpädagogischen Zentren. Das vom eigentlichen Barcamp zu trennen, fand ich eine sehr gute Sache.)

    Die eigentliche Sessionplanung leiteten wir dann mit einer Wuselphase ein. Alle konnten an ihren Tischen oder auch darüber hinaus sich kurz dazu austauschen, welche Themen jetzt noch wichtig zu beraten wären. Diese wurden dann (bewusst nur als Thema und nicht mit sessiongebender Person) auf einer Karte notiert. Ich lief dann von hinten nach vorne durch den Raum und sammelte alle Themen ein, die dabei natürlich von den Teilnehmenden jeweils kurz vorgestellt wurden. Auf diese Weise fand sehr einfach eine Clusterung statt (z.B. mehrere Karten mit Austauschbedarf zu Moodle).

    Dieses Vorgehen wird auf diese Weise nicht für jedes Barcamp passend sein. In unserem Fall fand ich das sehr sinnvoll!

    Nach der Mittagspause beendeten wir die gemeinsame Zeit im Plenum mit einer kurzen Reflexion in Kleingruppen zum nächsten Schritt. Anschließend gab es eine Blitzlicht-Feedbackrunde.

    Mein Fazit

    Insgesamt bin ich mit der Veranstaltung zufrieden. Insbesondere die Meta-Wand und die selbstverständliche KI-Integration hat aus meiner Sicht gut geklappt. Ich würde mich auch im Rückblick wieder für den gewählten, sehr weiterdenkenden Ansatz entscheiden. Es braucht hier aus meiner Sicht aber noch mehr Nachdenken dazu, wie damit besser die Verbindung zum beruflichen Alltag der Teilnehmenden hergestellt werden kann. So hing dieser Part doch etwas sehr in der Luft und Tag 1 und Tag 2 waren nur wenig miteinander verbunden. Stattdessen wirkte es auf mich eher wie ein Bruch: ein bisschen weiterdenkend diskutieren und sich dann wieder den konkreten Fragen zuwenden. Auch daran möchte ich noch weiter überlegen und bin hier auch auf die Evaluation gespannt.

    In jedem Fall geht mein herzlicher Dank an das Vorbereitungsteam für die guten Absprachen und Planungen im Vorfeld und vor allem dafür, dass sie sich auf dieses doch experimentelle Format eingelassen haben. Außerdem herzlichen Dank an alle Teilnehmenden für den guten Austausch und für das gemeinsame Lernen!

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate
  19. Inner Development Goals (IDGs): Inneres Wachstum für nachhaltige Transformation

    Die Abkürzung SDGs steht für Sustainable Development Goals und damit für die von den Vereinten Nationen festgelegten 17 Nachhaltigkeitsziele, die bis 2030 erreicht sein sollen. Diese Nachhaltigkeitsziele beinhalten inhaltliche Meilensteine wie beispielsweise die Umsetzung einer guten Bildung für alle, die Beendigung von Armut oder ein friedliches Zusammenleben aller Menschen. Weniger bekannt ist dagegen die Abkürzung der IDGs. Sie steht für Inner Development Goals. Die IDGs sind ergänzend zu den Nachhaltigkeitszielen und ausgehend von den skandinavischen Ländern in einer global-vernetzten Initiative entstanden. Sie nehmen in den Blick, welches innere Wachstum und damit auch welche Lernprozesse nötig sind, damit die Nachhaltigkeitsziele realisiert werden können.

    Ich bin zurzeit Teil des deutschsprachigen Ambassador-Programms der IDGs und freue mich sehr darauf, zu diesem Thema in den nächsten Monaten mehr zu schreiben, zu arbeiten und vor allem auch selbst zu lernen. (Auf die IDGs bin ich über den Hinweis einer Abonnentin meiner Edumail gestoßen. Danke dafür!)

    Was genau sind die IDGs?

    Der Ausgangspunkt der IDGs war diese Frage:

    Welche Fähigkeiten, Haltungen und Kompetenzen benötigen Menschen, damit die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen erfolgreich erreicht werden können?

    Zu dieser Frage fand eine große Befragung statt, deren Ergebnisse anschließend sortiert und geclustert wurden. Das Ergebnis ist ein Rahmen mit 5 Zieldimensionen, die jeweils mehrere Unterpunkte umfassen:

    Dimension I: Sein

    Um für eine nachhaltige Entwicklung ins Handeln zu kommen, müssen wir zuallererst selbst gestärkt sein, mit unseren Gefühlen gestaltend umgehen können und uns selbst als lernend begreifen. Zur Dimension des Seins gehören in diesem Sinne die folgenden Aspekte:

    • Innerer Kompass
    • Integrität und Authentizität
    • Offenheit und Lernbereitschaft
    • Selbsterkenntnis
    • Gegenwärtigkeit (Presence)

    Dimension II: Denken

    Die zweite Dimension des Denkens zielt vor allem auf die kognitive Selbstentwicklung. Hierzu gehören die folgenden Aspekte:

    • Kritisches Denken
    • Bewusstsein für Komplexität
    • Perspektivische Fähigkeiten
    • Systemisches Denken
    • Langfristige Orientierung & Visionsfähigkeit
    • Kreativität

    Dimension III: Beziehung

    Auch wenn man es von der Bezeichnung ‚innere Entwicklungsziele‘ zunächst annehmen könnte, sind die IDGs kein individualistisches Konzept. Insbesondere in der dritten Dimension geht es darum, sich in Verbindung zu bringen mit anderen und mit der Welt. Die folgenden Aspekte werden in dieser Dimension benannt:

    • Wertschätzung
    • Verbundenheit
    • Bescheidenheit
    • Empathie
    • Vergebung

    Dimension IV: Zusammenarbeit

    In der vierten Dimension geht es dann stärker um praktisches Handwerkszeug zur Zusammenarbeit mit anderen. Hierzu gehören die folgenden Aspekte:

    • Beziehungsfähigkeit
    • Inklusives und interkulturelles Mindset
    • Fähigkeit zu Ko-Kreation
    • Kommunikation
    • Begeisterungsfähigkeit

    Dimension V: Handeln

    Schließlich legt die fünfte Dimension den Fokus darauf, gemeinsam mit anderen ins Handeln zu kommen. Dazu gehören die folgenden Aspekte:

    • Mut
    • Zuversicht
    • Achtsame Ressourcennutzung
    • Vorausplanendes Handeln
    • Resilienz

    Was ist spannend an den IDGs für die Bildung?

    Die grundsätzliche Frage, die zur Entwicklung des Rahmens geführt hat, ist im Prinzip nichts anderes als die Herausforderung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Auch hier fragt man sich, wie Menschen dazu befähigt werden können, zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Damit sind die IDGs ein pädagogisches Projekt.

    Mich haben an der Initiative vor allem fünf Aspekte begeistert:

    1. Ich finde die einzelnen Dimensionen und Aspekte des IDGs-Frameworks insgesamt nicht neu, aber ich kenne bisher keinen anderen Rahmen, der über solch eine Prägnanz und zugleich Vollständigkeit verfügt. (Die 4K sind z.B. enthalten, aber implizit zugleich Orientierungen wie Agency)
    2. Sehr überzeugend finde ich vor allem die erste und die dritte Dimension, die mir bisher in vielen Bildungsdebatten zu kurz kommen. Sehr oft habe ich den Eindruck, dass wir weiterhin auf Ergebnisse des Lernens schauen, immer mehr erfreulicherweise auch auf den Prozess, aber viel zu wenig darauf, wo dieses Lernen denn eigentlich seinen Ursprung nimmt. Und das ist eben jeweils im ‚Sein‘ des einzelnen Menschen und seiner Beziehung zur Welt.
    3. Ich mag den global-vernetzten Ansatz der Initiative sehr. Es spielen hier meines Erachtens nach sehr viele unterschiedliche Weltauffassungen mit hinein (gerade auch viel aus eher kollektivistisch organisierten Kulturen), womit es weniger ein euro-zentristischer Ansatz erscheint, wie ich bei vielen anderen Bildungsleitbildern häufig den Eindruck habe.
    4. Ich finde die mit den IDGs verbundene Nachhaltigkeitszielstellung höchst relevant. Der Rahmen hat damit eine normativ-inhaltliche Grundlage, die in vielen anderen Konzepten aus meiner Sicht eher vage bleibt oder ganz fehlt.
    5. Die IDG-Community scheint mir, von dem was ich bisher mitbekommen habe, sehr aktiv zu sein. Auch der Rahmen ist nicht feststehend, sondern befindet sich in einer stetigen Weiterentwicklung. Das trägt für mich sehr zur Glaubwürdigkeit bei.

    Mein Fazit: IDGs sind lohnend!

    Ich finde die weitere Beschäftigung mit den IDGs sehr lohnend. Ein guter Ausgangspunkt kann dazu die Website InnerDevelopmentGoals.org sein.

    Das Beitragsbild ist meine (vorläufige) Übersetzung des IDG-Frameworks.

    #Lernkulturveränderung #Nachhaltigkeit
  20. Lernlabore 2026: Transformationsräume für verändertes Lernen

    Die Lernlabore 2026 sind ein Angebot von mir an pädagogische Teams in Schulen, Hochschulen, in der Erwachsenenbildung und im zivilgesellschaftlichen Bereich, die Bildung im digitalen Wandel ernsthaft und grundlegend weiter denken wollen. Ein Lernlabor ist dazu ein von mir spezifisch gestalteter Erfahrungs-, Lern- und Erkundungsraum, der online, vor Ort oder hybrid stattfinden kann, flexibel in Hinblick auf die zeitliche Ausgestaltung und Teilnehmendenzahl realisierbar ist und in dem wir gemeinsam reflektieren, praktisch erleben und darauf aufbauend planen können, wie zukunftsgestaltendes Lernen gelingt. Insgesamt kann ich 2026 bis zu 14 Lernlabore anbieten. Mein Vorschlag ist, für die Beauftragung das Budget und die Zeiten regulär bestehender Fortbildungsmöglichkeiten (z.B. Pädagogische Tage an Schulen oder Weiterbildungstage an Hochschulen) zu nutzen.

    Warum gibt es die Lernlabore 2026?

    Das klassische Muster zahlreicher Fortbildungen im Bildungsbereich folgt einer Reparatur-Logik. Das bedeutet: Pädagogische Teams sind mit einer neuen Herausforderung konfrontiert und fragen dazu dann eine Fortbildung an, mit der sie die Herausforderung bewältigen können. Dieses Vorgehen ist zunächst einmal sehr verständlich. Allerdings arbeiten wir auf diese Weise immer nur reaktiv, was in den meisten Fällen dazu führt, das bestehende System von Bildung zu zementieren, anstatt es zu transformieren. Die neue Herausforderung wird durch die Bearbeitung in der Fortbildung in das Bestehende einverleibt. Wenn wir Bildung in einer sich schnell wandelnden und digital geprägten Gesellschaft aber so gestalten wollen, dass Lernende zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit und in diesem Sinne zu Zukünfte-Gestaltung ermächtigt werden, dann reicht solch eine Reparatur nicht aus bzw. ist als System-Zementierung sogar kontraproduktiv.

    Wir brauchen stattdessen Räume,

    1. in denen wir neu und anders und vor allem weiter denken können.
    2. in denen wir ganz bewusst einen Schritt aus dem System heraustreten und nicht mehr nur fragen ‚Was ist?‘, sondern vor allem ‚Was könnte sein?‘.
    3. in denen die Ergebnisse der Fortbildung nicht vorab als Lernziele zum Abhaken festgelegt werden, sondern in denen Neues und Unerwartetes entstehen darf.

    Genau solche Räume möchte ich mit den Lernlaboren gestalten. Es sollen Räume werden …

    • … für Selbstentwicklung aller Beteiligten und gemeinsames Lernen.
    • … für Impulse mit Fokus auf Zukunftsgestaltung
    • … und für schöpferisch-kreative Ideenentwicklung.

    Der Kern der Lernlabore ist dabei stets, dass verändertes Lernen erstmal durch uns selbst als pädagogisch tätige Personen erlebt und gemeinsam reflektiert wird. Dazu gestalte ich den erforderlichen methodischen Rahmen.

    Inhaltlich enthalten die Lernlabore immer Überraschungsmomente, da sie ja ganz bewusst nicht ‚passend‘ zur Schließung eines in der Systemlogik der jeweiligen Institution wahrgenommenen Fortbildungsbedürfnisses gestaltet sind, sondern Weiterdenken ermöglichen sollen. Ich bringe hierzu Impulse mit. Außerdem werden zahlreiche inhaltliche Ideen durch den offenen Ansatz auch aus dem gemeinsamen Lernen heraus entstehen.

    Beispiel: Lernlabor anstelle einer klassischen KI-Fortbildung

    Warum solch eine Lernlabor-Herangehensweise sinnvoll ist und wie man sich solche Überraschungsmomente praktisch vorstellen kann, möchte ich an einem Beispiel erläutern:

    Eine klassische Fortbildungsanfrage einer Schule an mich könnte zum Beispiel zum Thema Künstliche Intelligenz sein. Im Kollegium wäre vorab eine Befragung durchgeführt worden. Und die Kolleg*innen hätten in der Mehrheit geantwortet, dass sie konkrete KI-Tools erkunden und lernen wollen, wie sie mit KI im Kontext von Prüfungen umgehen wollen. Würde diese Fortbildung durchgeführt, hätten wir alle gemeinsam ein Pflaster auf das System geklebt, aber nicht wirklich etwas geändert. Das Lernen würde wie bisher fortgesetzt. Es würden eben ein paar KI-Tools zum Einsatz kommen.

    Wenn sich das Kollegium der Schule stattdessen zur Beauftragung eines Lernlabors entschließt, dann würden wir vorab ein ausführliches Gespräch darüber führen, wo die Schule gerade steht. Beim Lernlabor würde dann kein Reparatur-Lernen stattfinden. Vielleicht würden wir stattdessen das Konzept von gemeinwohlorientierter Digitalpädagogik erkunden und feststellen, dass wir Mensch-Maschine-Interaktion sehr viel grundsätzlicher betrachten sollten und dazu sehr neue Ideen entwickeln. Oder wir würden zu dem Rahmen der Inner Development Goals (den Selbstentwicklungszielen, um nachhaltige Entwicklung zu erreichen) lernen und darauf aufbauend Ideen entwickeln, wie wir vielleicht gerade im Kontext von KI zu einer menschenzentrierten Bildung, die Selbstentwicklung in den Fokus stellt, gelangen könnten. Solche Themen hätten wir bei der Frage: ‚Was machen wir mit KI an unserer Schule?‘, wenn überhaupt nur gestreift.

    Es würde außerdem und vor allem in diesem Prozess einen bewusst gestaltenden Rahmen für ein verändertes Lernen geben und es wäre Raum, um darüber gemeinsam zu reflektieren. Auf diese Weise könnte mit solch einem Lernlabor tatsächlich etwas in Bewegung kommen.

    Meine Motivation für das Angebot der Lernlabore

    Meine persönliche Hoffnung mit dem Angebot der Lernlabore ist es, auf diese Weise mit meiner Arbeit mehr Wirkung entfalten zu können. Als Freiberuflerin, die inzwischen schon seit mehr als zehn Jahren in unterschiedlichen Bildungseinrichtungen Fortbildungen gestaltet, habe ich das große Privileg, das System Bildung ziemlich gut zu kennen, ohne zugleich ein sehr eingebundener Teil dieses Systems zu sein.

    Diese Situation hat in den letzten Jahren immer mal wieder geknirscht, weil ich überwiegend für die oben skizzierten Reparatur-Fortbildungen angefragt wurde. Ich fand das für alle Beteiligten sehr frustrierend, auf diese Weise an den eigentlichen Herausforderungen vorbei zu arbeiten. Mit dem Angebot von Lernlaboren möchte ich nicht weiter auf Anfragen warten, sondern proaktiv anbieten, was aus meiner Sicht und vor dem Hintergrund meiner vielfältigen Erfahrungen wichtig ist, um Bildung zukunftsgestaltend zu transformieren.

    Lernlabore als ein nachhaltiger Ansatz der Transformation

    Bei meinen Überlegungen zu den Lernlaboren war mir ein nachhaltiger Transformationsansatz besonders wichtig.

    Deshalb sollen die Lernlabore 2026 erstens nicht nur 14 einzelne Fortbildungsangebote sein. Ich möchte auch zwischen den Lernlaboren Verbindungen und Lernprozesse ermöglichen. Mindestens plane ich Anfang 2027 ein großes Lernlabore-Barcamp, bei dem sich Pädagog*innen aus allen Lernlaboren 2026 beteiligen und über die eigene Institution hinaus voneinander lernen können. Weitere Vernetzungsmöglichkeiten können sich im Prozess je nach Interesse und Möglichkeiten aller Beteiligten ergeben.

    Zur Nachhaltigkeit gehört für mich zweitens dazu, dass ich – wie bei den meisten meiner Lerngestaltungen – alle Konzepte, Materialien und Learnings offen zur Weiternutzung dokumentiere. Auf diese Weise können die Lernlabore auch über die direkte Durchführung hinaus von anderen Bildungsinstitutionen aufgegriffen und weiter genutzt werden.

    Durch solch eine bewusst weiterdenkende Gestaltung und der damit verbundenen Abkehr von einer Reparatur-Logik, durch eine Verbindung zwischen den einzelnen Lernlaboren und durch eine offene und weiternutzbare Dokumentation denke ich, dass sich in der Bildung mit diesem Projekt aller widrigen Umstände zum Trotz zumindest ein bisschen etwas voranbringen lässt.

    Wie funktionieren die Lernlabore ganz praktisch?

    Das Schöne an den Lernlaboren ist, dass wir mit ihnen über das System hinausdenken können, aber sie trotzdem ausgehend vom jetzigen System gestartet werden können. Dazu braucht es erst einmal nur ein bisschen Neugierde, Zuversicht und Mut als Kollegium oder pädagogisches Team, die ohnehin bestehende Fortbildungszeit und das dafür zur Verfügung stehende Budget für die Beauftragung solch eines Lernlabors einzusetzen.

    Die grundsätzliche Frage ist dann für jedes Lernlabor identisch: Wie gelingt uns zukunftsgestaltendes Lernen? Der genaue Rahmen kann für jedes Lernlabor spezifisch besprochen werden.

    • Ein Lernlabor kann mit 15 Personen ganz genauso funktionieren wie mit 250.
    • Ein Lernlabor kann online oder vor Ort stattfinden.
    • Ein Lernlabor kann an einem Tag, an mehreren Tagen oder auch aufgeteilt über mehrere Zeitslots mit asynchronen oder selbstorganisierten Reflexionen zwischendurch gestaltet sein.

    Hier können wir gemeinsam ausloten, was sinnvoll und was möglich ist. Bei der genauen inhaltlichen und methodischen Ausgestaltung dürft ihr Vertrauen haben. Es geht ja genau auch darum, diese Offenheit und den Überraschungsmoment zuzulassen.

    Was müssen wir machen, wenn wir für unsere Institution ein Lernlabor buchen wollen?

    Wie oben beschrieben müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein:

    1. Ihr habt Fortbildungszeit zur Verfügung und könnt bestehende Mittel für Fortbildungen als Budget einsetzen, z.B. Gelder für einen Pädagogischen Tag. (Eine realistische Orientierung sind hier 2.500 bis 5.000 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer pro Lernlabor mit einer Zeitdauer von 1-3 Tagen, was ich sehr gerne als Pauschalbetrag abrechnen würde, d.h. da ist dann Vorbereitung, Konzeption, Durchführung vor Ort, hybrid oder online, Dokumentation sowie Aufwendungen wie Fahrtkosten oder Unterkunft alles mit enthalten. Institutionen, die wenig Geld haben bzw. nur ein eintägiges Lernlabor durchführen, können den niedrigsten Betrag bezahlen, Institutionen mit mehr Geld einen höheren, so dass das alles am Ende gut passt.)
    2. Ihr seid damit einverstanden, dass die Beteiligung am Lernlabor für alle aus eurem Team freiwillig ist. Anders kann verändertes Lernen, wie ich es mir vorstelle, nicht sinnvoll gestaltet werden.
    3. Ihr unterstützt es, dass das Konzept eures Lernlabors öffentlich dokumentiert wird und seid grundsätzlich offen für ein ‚in Verbindung bleiben‘ auch über das eigentliche Lernlabor bei euch hinaus.

    Und: Ihr signalisiert euer Interesse möglichst schnell. Ich kann zeitlich in 2026 maximal 14 Lernlabore konzipieren, gestalten, dokumentieren und durchführen und würde nach der Reihenfolge der Anfragen entscheiden.

    Erfahrungsgemäß kommen im Laufe des ersten Quartals des Jahres ansonsten auch viele andere Anfragen. Ich würde meinen Kalender da gerne schon überwiegend mit den Lernlaboren gefüllt haben. Meldet euch deshalb gerne auch erst einmal mit nur unverbindlichem Interesse. Das hilft dann in jedem Fall bei der Planung. Wir können dann in einem direkten Gespräch festlegen, ob und wenn ja wann und wie genau euer Lernlabor realisiert werden könnte.

    Für Eure Anfrage könnt ihr direkt das unten stehende Formular nutzen. Oder ihr meldet euch per Mail.

    Ich bin gespannt und freue mich!

    Anfrage für ein Lernlabor 2026

    Für wen ist das Lernlabor? (z.B. Berufliche Schule xy) E-Mail zur Kontaktaufnahme(erforderlich) Informationen zum Rahmen (insbesondere: Gibt es einen festen Termin, der berücksichtigt werden muss oder wann ungefähr wäre es zeitlich passend? Wie viele Menschen sind im Kollegium? Gibt es Präferenzen zu Dauer und Ort)(erforderlich) Lizenz des Beitragsbilds: „Greenhouse Blijdorp Rotterdam 3D“ von wim hoppenbrouwers, Public Domain Mark #Lernkulturveränderung
  21. 3×3 Thesen zu Lerngestaltung im digitalen Wandel

    Für ein Lernangebot habe ich drei Impulse zu Lerngestaltung im digitalen Wandel vorbereitet. Zum Weiterdenken habe ich für jeden Impuls drei prägnante Thesen formuliert. Veröffentlicht habe ich diese über das Online-Arbeitsmaterial für die Teilnehmenden. Ich übertrage die Thesen im Folgenden auch in meinen Blog.

    1. Lernen und Digitalität

    These 1: Bildungsinstitutionen reagieren auf neue Herausforderungen oft mit Abwehr, mit Anpassung oder mit Einverleibung der Veränderungen ins bestehende System. Alles drei sind keine guten Lösungen. Besser wäre es, neue Herausforderung nicht als Überforderung betrachten, sondern als Überfluss zu reframen und somit gestaltend zu handeln.

    These 2: Wer gestaltend handeln will, braucht Klarheit über das Warum. Aus der Erkenntnis, dass Gestaltung in einer sich schnell verändernden Welt notwendig ist, ergibt sich der Nordstern, dass Bildung zur Gestaltung guter Zukünfte befähigen muss. Gestaltungsfähigkeit wird somit selbst zum Nordstern pädagogischen Handelns.

    These 3: Das Wie des pädagogischen Handelns mit dem Nordstern der Gestaltungsfähigkeit im Blick braucht drei Säulen: Growth Mindset (= Menschen stärken und herausfordern), kollektive Wirksamkeit (= Menschen verbinden und gemeinsam handlungsfähig machen) und Resilienz (= Menschen widerständig machen). Digitalisierung wirkt hier widersprüchlich und verstärkend. Eine Shruggie-Haltung hilft uns, innerhalb von Widersprüchen zu gestalten. ¯\_(ツ)_/¯

    2. KI im Kontext der Bildung

    These 1: Die Technologie, die wir aktuell gesellschaftlich als ‚Künstliche Intelligenz‘ bezeichnen, basiert zu großen Teilen auf Mustererkennung in riesigen Datenmengen, aus denen mithilfe komplexer Wahrscheinlichkeitsberechnungen passender Output generiert wird. Auf diese Weise haben wir Menschen Maschinen entwickelt, mit denen wir menschenähnlich kommunizieren können, die aber nicht im menschlichen Sinne Inhalte erzeugen, sondern konfabulieren.

    These 2: Eine intuitive KI-Nutzung, die große Sprachmodelle als Antwortmaschinen nutzt, lässt uns passiv konsumieren anstatt zu gestalten und programmiert uns mehr, als dass wir lernen. Anstatt uns mit solch einem ‚Rundum-Sorglos‘-Paket zufrieden zu geben und damit weder in eine gestaltende Position kommen, noch das eigentliche Potential dieser Technologie auszuschöpfen, sollten wir uns der Herausforderung einer kontra-intuitiven KI-Nutzung stellen. Wir ordnen große Sprachmodelle dann als Resonanzmaschinen ein, die uns herausfordern, unsere Perspektive erweitern und Impulse zum Weiterdenken liefern. 

    These 3: KI-Kompetenz ist weniger Zukunftsvorbereitung, sondern mehr Teil von ‚radikaler Gegenwart‘. Mithilfe von proaktiver Transparenz und damit verbundener Reflexion ermöglichen wir eine gestaltende und lernende Herangehensweise. Hierzu gehört auch ein gestaltender Blick auf die Technologie selbst. Denn sie ist nicht nur ein Werkzeug, sondern mit ökonomischen und politischen Machtinteressen verwoben und benötigt massive Infrastrukturen und Ressourcen, was uns vor die Herausforderung einer gemeinwohlorientierten, demokratischen und nachhaltigen Gestaltung stellt.

    3. Methodischer Transfer

    These 1: In Fortbildungen entsteht mindestens so viel aus dem ‚Wie?‘ der Gestaltung wie aus dem ‚Was?‘ der Inhalte. Dabei sind herausfordernde, freiwillige Angebote wirkungsvoller als verordnete Wissensweitergabe. Denn Lernen lässt sich nicht kontrollieren und Erkenntnis nicht transferieren. Ein Schlüssel kann sein, konkrete Anfragen mit formulierten ‚Fortbildungsbedarfen‘ nicht einfach abzuarbeiten, sondern als Einladung zu verstehen, gemeinsam die dahinter liegenden Bedürfnisse zu reflektieren und zu bearbeiten.

    These 2: Digitalisierung ist im Kontext der Schulentwicklung nicht nur eine pädagogische Herausforderung, sondern auch ein Lerngegenstand. Pädagogik und Technik stehen dabei nicht in Hierarchie, sondern in wechselseitiger Beziehung: Technologisches Wissen und Reflexion befördern klügeres pädagogisches Handeln im Kontext von Digitalisierung und Digitalität. Zugleich bringt pädagogisches Handeln lernförderliche technologische Gestaltung voran und befähigt zu gemeinwohlorientierter Digitalisierung.

    These 3: Mit ‚Knisterfragen‘ lässt sich Resonanz erzeugen und ins Gestalten kommen:
    Wie geht es mir/uns? (= öffnet einen Gestaltungsraum), Wer hat dazu schon etwas gemacht? (= greift Bestehendes auf und ermöglicht innerhalb der Gruppe unter anderem mit dem Barcamp-Prinzip, Schätze zu heben), Ist das definitiv und unmissverständlich verboten? (= ermutigt zum Handeln in Graubereichen), Was brauchen wir nicht mehr? (= schafft Freiraum), Was wäre ein konkreter erster Schritt? (= bringt ins Handeln).

    #Lernkulturveränderung

  22. Können wir Lernen zu passend gestalten?

    In einem Beitrag für das Deutsche Schulportal plädiert John Hattie für ‚maßgeschneidertes Lernen‘. Ausgangspunkt seines Beitrags ist die zunehmende ‚Passgenauigkeit‘ von Lernangeboten im Kontext von KI und Digitalisierung. Anstelle einer falsch verstandenen Differenzierung, die Lernende auf ihrem Entwicklungsniveau verharren lässt und Lernen zu sehr individualisiert, soll Lernen aus seiner Sicht stattdessen als sozialer Prozess gestaltet sein und Lernende herausfordern. Diese grundsätzliche Orientierung teile ich sehr. Meine beiden Leitsterne dazu sind erstens ‚Lernen als Herausforderung‚ und zweitens ‚Befähigung zu kollektiver Wirksamkeit‚.

    Über den Beitrag von John Hattie kam ich nun dazu, diese beiden Leitsterne stärker zusammen zu denken. Bevor ich dazu komme, möchte ich zunächst meine Sichtweise auf sie genauer umreißen.

    (Den Begriff des ‚maßgeschneiderten Lernens‘ und auch eine aus meiner Sicht sehr starke Lehrendenorientierung, die in dem Beitrag von John Hattie durchschimmert, finde ich eher schwierig, aber darum soll es im Folgenden nicht gehen).

    Lernen als Herausforderung

    Nicht erst im Kontext von KI wird Digitalisierung im Bildungskontext vor allem mit dem Versprechen vorangetrieben, dass Lernen auf diese Weise immer passgenauer werden kann. Als Kritik hieran passt die schon über 100 Jahre alte Geschichte von Célestin Freinet ‚Adler steigen keine Treppen‘. Sie handelt von einem Pädagogen, der für Lernende eine methodische Treppe baute und sehr viel Wert darauf legte, dass die Stufen genau passend zu den kindlichen Bedürfnissen waren. Kaum passte der Pädagoge allerdings nicht auf, machten die Lernenden seine ganzen Bemühungen zunichte, indem sie über die Stufen sprangen oder rückwärts liefen oder sogar hinter dem Haus die Balustrade hochkletterten und dann das Treppengeländer herunter rutschten. Im KI-Zeitalter können wir uns hier sehr gut eine ‚intelligente‘ Treppe vorstellen. Diese Übertragung habe ich in einem früheren Beitrag versucht.

    Mit dieser Kritik an passgenauer Bildung ist aber noch wenig zu den möglichen Alternativen gesagt. Célestin Freinet setzt (zumindest in dieser Geschichte) auf das natürliche Bedürfnis der Lernenden, etwas selbst herausfinden zu wollen. Im klassischen Schulalltag, in dem Lernfreude viel zu oft leider schon verloren gegangen ist, reicht das aber häufig nicht aus. Lernen als Herausforderung muss deshalb mehr sein, als einfach nur die Lernenden aus sich selbst heraus entwickeln lassen. Es braucht bewusste und gute Lerngestaltung bzw. Lernermöglichung.

    Ich schlage hierzu drei Orientierungen vor:

    1. Nicht nur passend machen, sondern auch irritieren: Gutes Lernen braucht Auslöser. Der für mich wahrscheinlich beste Auslöser ist Irritation. Wenn ich als Lernerin auf etwas stoße, das ich nicht mit dem in Einklang bringen kann, wie ich mir bisher die Welt erkläre, dann bin ich herausgefordert, zu lernen. Eine ganz simple Art von Irritation kann es in diesem Sinne auch sein, dass ich gerne etwas hinbekommen will, aber es mir nicht gelingt. Auch dann werde ich versuchen, dazu zu lernen, um die Herausforderung bewältigen zu können.
    2. Nicht nur suchen lassen, sondern auch begeistern: Gutes Lernen braucht – frei nach Reinhard Kahl – ‚radikale Gegenwart‘. Als pädagogisch verantwortliche Person kann und sollte ich mich nicht zurücklehnen und Lernende alleine suchen lassen, von was sie sich herausfordern lassen können, sondern ich sollte sie mit der Welt konfrontieren. Dazu gehört all ihre Schönheit, aber genauso auch ihre Widersprüche und Herausforderungen. So kann Begeisterung entstehen, durch die Lernen angetrieben wird.
    3. Nicht nur rekapitulieren, sondern auch entwickeln: Gutes Lernen braucht schließlich – gerade in einer sich schnell wandelnden, vielfältigen und komplexen Welt – ausreichend Offenheit, um neue Antworten entwickeln zu können. Ohne solch eine Offenheit fehlt ein wesentlicher Bestandteil von Herausforderung.

    Diese drei Orientierungen können in der Lerngestaltung aus meiner Sicht dazu führen, dass Lernende – anders als bei nur ‚passgenauen‘ Angeboten – herausfordert werden.

    Befähigung zu kollektiver Wirksamkeit

    Neben dem selbstgesteuerten Lernen ist auch Selbstwirksamkeit ein häufig anzutreffender Begriff in aktuellen Bildungsdebatten. Lernende sollen erfahren können, dass sie mit ihrem Handeln einen Unterschied machen können. Ähnlich wie auch das personalisierte Lernen hin zu einem Lernen, das herausfordert, weiter gedacht und konkretisiert werden muss, so braucht aus meiner Sicht auch das Ziel der Selbstwirksamkeit eine Ergänzung hin zu einer Gruppenwirksamkeit. Als Fachbegriff hat sich hier die kollektive Wirksamkeit etabliert.

    Kollektive Wirksamkeit ist erstens ganz direkt auf der Ebene des Lernens selbst wichtig. Denn wenn es um ein Lernen zu komplexen Herausforderungen geht, dann werde ich als lernende Person mit meiner einzelnen Perspektive deutlich weniger erfolgreich sein, als wenn vielfältige Perspektiven berücksichtigt werden.

    Sehr schön lässt sich das an einem so einfachen Beispiel wie dem Verständnis eines Textes erläutern. Wenn ich diesen nur alleine lese und mir die wichtigsten Aspekte für mich notiere, werde ich deutlich weniger davon mitnehmen, als wenn die Methode des so genannten Text Renderings genutzt wird: Eine Gruppe Lernender findet sich zusammen, alle teilen je einen für sie wichtigen Begriff und einen wichtigen Satz aus dem Text. Gemeinsam tauscht man sich dazu aus. Mit dieser Methode wird der Text sehr vielfältig erschlossen und das Lernen somit als deutlich wirksamer erlebt.

    Der Schritt von Selbstwirksamkeit hin zu kollektiver Wirksamkeit ist zweitens nicht nur für den Prozess des Lernens selbst, sondern auch als Lernziel entscheidend. Denn allein mit Selbstwirksamkeit werde ich in einer komplexen Gesellschaft immer wieder an Grenzen stoßen und nicht weiterkommen. Erst wenn ich nicht isoliert, sondern gemeinsam mit anderen agiere, dann wird es deutlich besser gelingen, gemeinsam gesamtgesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen.

    (Falls du noch mehr zu kollektiver Wirksamkeit lesen willst, empfehle ich dir meine letzte Edumail)

    Lernen als Herausforderung durch Befähigung zu kollektiver Wirksamkeit

    Sehr spannend finde ich es nun, diese beiden Leitsterne zusammen zu bringen. Für mich war es hier ein Aha-Effekt, als ich mir klarmachte, dass Lernen als Herausforderung gerade dann gut gelingen kann, wenn ich als ein Ziel des Lernens die Befähigung zu kollektiver Wirksamkeit setze und Lernen deshalb ganz bewusst als sozialen Prozess gestalte. In diesem Fall werden dann nämlich die drei oben aufgeworfenen Herausforderungen durchgängig unterstützt:

    1. Andere Menschen irritieren mich und ich bekomme nicht – wie es z.B. bei einem KI-Sprachmodell der Fall ist – ganz genau das vorgesetzt, was ich erwartet habe oder über einen Prompt angefordert habe.
    2. Durch die Interaktion mit anderen Menschen entsteht Resonanz und es können sich Anliegen entwickeln, die ich oder die wir gemeinsam in dieser Welt angehen wollen. Sozialer Austausch kann gut gestaltet eine wichtige Quelle für radikale Gegenwart sein.
    3. Soziales Lernen im Sinne einer gut gestalteten Kollaboration ist per se immer ein offenes Lernen. Denn es geht bei gut gestalteter Zusammenarbeit ja gerade nicht darum, nur einzelne Perspektiven zusammen zu addieren (= Perspektive von Zusammenarbeit als Puzzle), sondern durch das Zusammenbringen verschiedener Perspektiven zu ermöglichen, dass etwas Neues entsteht (= Perspektive von Zusammenarbeit als Jazzband).

    Fazit

    Die Perspektive von Lernen als Herausforderung durch Befähigung zu kollektiver Wirksamkeit ist sicherlich kein neuer Gedanke. Für mich fand ich es hilfreich, mir gerade im aktuellen KI-Kontext diese Verbindung noch einmal genauer ins Gedächtnis zu rufen. Das hilft mir bei der Orientierung, worum es bei Lerngestaltung unbedingt gehen sollte.

    #Lernkulturveränderung

  23. Lasst uns übers Lernen lernen!

    Ende April habe ich meine Edumail unter dem Titel ‚Bei Bildung geht es ums Lernen‚ geschrieben. Unter anderem habe ich darin den Begriff der Mathetik (= die Wissenschaft vom Lernen) erwähnt und dazu aufgerufen, in unserer pädagogischen Tätigkeit mehr aus der Perspektive des Lernens und nicht nur des Lehrens auf die Bildung zu blicken. Das Team des im Aufbau befindlichen Projekts Lernwelt Sachsen-Anhalt hat mich daraufhin dazu eingeladen, mit ihnen einen Workshop zu gestalten, in dem wir gemeinsam über das Lernen lernen. Dieser Workshop fand gestern (= Mitte Juni 2025) statt und hat aus meiner Sicht gut geklappt. In diesem Blogbeitrag teile ich das Konzept des Workshops zum Weiternutzen.

    Rahmenbedingungen

    Wir waren beim Workshop rund 15 Personen und hatten ungefähr 3,5 Stunden Zeit. Das war für einen ersten Aufschlag sehr passend. Das Konzept lässt sich sicherlich auch mit mehr Menschen durchführen. Eine Kurzversion könnte auch in nur einer Stunde stattfinden. Mehr Zeit ist natürlich immer schön!

    Grundsätzliche Herangehensweise

    Es wäre ziemlich widersinnig über das Lernen zu lernen, indem gelehrt wird. Mein Anspruch war stattdessen, insbesondere auch dadurch über das Lernen zu lernen, indem man solch eine bewusste Lerngestaltung anstelle eines klassischen Lehrens praktisch miterleben kann.

    Herausfordernd ist dann, dass in solch einem Setting trotzdem Impulse wichtig sind. Denn das Ganze sollte ja nicht nur rein auf persönlicher Erfahrung basiert stattfinden. Zugleich wollte ich auch ‚Fährten legen‘, die mathetische Grundideen aufgreifen und die sich die Beteiligten dann aneignen können.

    Der Kern: Vom Lernen ausgehen & pädagogisch reflektieren

    Wir starteten den Workshop mit einem biographischen Erzählen mit der Methode Zuhörer*in/ Redner*in: Alle erhielten dazu eine Karte. Bei rund einem Drittel war die Rolle Redner*in aufgedruckt; beim Rest Zuhörer*in. Die Zuhörer*innen versammelten sich ungefähr gleichmäßig um die Redner*innen. Diese hatten dann eine Minute Zeit, um von positiven und/ oder negativen eigenen Lernerfahrungen zu berichten. Dann erhielten andere Personen die Redner*innen-Karten und die Gruppen wurden neu gemischt. Insgesamt führten wir drei Runden durch.

    Auf dieser Grundlage hatten alle einige Ideen und Einschätzungen zum Lernen von sich und anderen im Kopf. Wir konnten daraufhin Kleingruppen bilden. Die Aufgabe war, gemeinsam eine Mindmap zum Thema Lernen zu erstellen.

    Nach einigen Minuten unterbrach ich die Reflexionen und stellte meine vorbereiteten ‚mathetischen Fährten‘ vor. Demnach ist gutes Lernen immer offen (= wir wissen am Anfang noch nicht, was entsteht), vernetzt (= wir schließen an Vorerfahrungen an), spannend (= wir können uns immer tiefer in ein Geheimnis hinein begeben – nicht einfach nur ein Puzzle lösen), mühsam (= es erfordert Disziplin, aber auch das kann eine freudvolle Erfahrung sein), ganzheitlich (= es entwickelt sich die ganze Person), ambitioniert (= das Ziel ist gesellschaftliche Handlungs- und Veränderungsfähigkeit, wozu eben insbesondere auch die Kompetenz zum Lernen gehört) und kollaborativ (= ich begebe mich beim Lernen in Resonanz mit mir selbst, mit der Welt, aber vor allem auch mit anderen)

    Meine ‚mathetischen Fährten‘ als Boden-Präsentation

    Nach dieser kurzen Unterbrechung waren die Teilnehmenden dann eingeladen, an ihren Mindmaps weiterzuarbeiten und dabei – falls aus ihrer Sicht stimmig und sinnvoll – auch diese Impulse mit zu berücksichtigen.

    Dieses Vorgehen empfand ich als sehr stimmig. Ich denke, dass die mathetischen Fährten auf diese Weise deutlich besser angeeignet, weil vernetzt werden konnten, als wenn ich mit einem klassischen Vortrag eingestiegen wäre.

    Anschließend ging es um eine gegenseitige Vorstellung der Mindmaps in Form eines Gruppenpuzzles. Zuvor habe ich allerdings noch drei weitere Begriffe vorgestellt, die pädagogisches Handeln mit einführten:

    • Radikale Gegenwart: Diese gilt es in die Bildung zu holen und Lernende damit zu konfrontieren, damit überhaupt Impulse zum Lernen entstehen.
    • Sichtbarkeit und Reflexion: Es ist entscheidend, Lernen sichtbar zu machen und Lernende bei einer Reflexion darüber zu unterstützen.
    • Selbstwirksamkeit: Es geht darum, dass Lernende sich durch ihr Lernen als wirksam erleben. Das gilt es pädagogisch zu unterstützen.
    • (Räume und Struktur: Lernen muss durch ‚guten Rahmenbau‘ gestaltet und ermöglicht werden. Diese Karte fiel bei uns weg, weil wir nur drei Gruppen hatten)

    Nach der Kurzvorstellung erhielt jeder Tisch einen Begriff und verständigte sich kurz dazu. Anschließend konnten in zwei Runden Teilnehmende zu den anderen Tischen ausschwärmen. Eine Person blieb jeweils sitzen und berichtete über die in ihrer Gruppe entwickelte Mindmap. Die ausgeschwärmten Personen kommentierten mit der Brille ihres jeweiligen Begriffs, wie das vorgestellte Lernen mit ‚radikaler Gegenwart‘, Sichtbarmachung und Reflexion sowie Selbstwirksamkeit unterstützt werden könnte.

    Weiterarbeit: Peer Beratung oder Ideen-Entwicklung

    Nach der oben vorgestellten intensiven und kollaborativen Erarbeitung des Thema ‚Lernen‘, lässt sich der Workshop auf unterschiedliche Art und Weise fortsetzen.

    Eine Idee wäre es, hier eine kollegiale Beratung (zum Beispiel in Form eines Troika Consultings) anzuschließen. Jede Person würde dann jeweils für sich aufschreiben, mit welchen Aspekten sie bei solch einem Lernen in ihrer pädagogischen Rolle hadert – und sich dazu Peer-Feedback holen.

    Wir sind gestern stattdessen so vorgegangen, dass wir aufbauend auf den Diskussionen zum Lernen ‚Wie können wir?‘-Fragen formuliert haben, die gerade auch aus Sicht des im Aufbau befindlichen Projekts der Lernwelt Sachsen-Anhalt relevant sein könnten. Diese konnten dann mit Klebepunkten priorisiert werden und waren dann Grundlage für ein Mini-Barcamp am Nachmittag.

    Im Anschluss daran haben wir in einem Brainwriting individuell Ideen aufgeschrieben, was nun erste Schritte sein könnten – und diese dann in einem kollaborativen Austausch priorisiert. Auf diese Weise gibt es nun ein gemeinsam abgestimmtes Set an Ideen, an denen gemeinsam weiter gearbeitet werden kann.

    Fazit

    Beim Aufschreiben meines Vorgehens klingt das Konzept für mich schon fast zu einfach. Bei der Durchführung habe ich es allerdings als sehr intensiv erlebt. Der wichtigste Schritt ist dazu aus meiner Sicht überhaupt die Entscheidung zu treffen, sich mit solch einem Workshop Zeit für die Reflexion über das Lernen zu nehmen. Vielen Dank an das Team der Lernwelt Sachsen-Anhalt für die Einladung dazu. Außerdem viel Freude an alle, die das Vorgehen für sich remixen wollen. Ich kann es sehr empfehlen!

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate

  24. Selbstbestimmtes Lernen in der Praxis

    Mit der Europäischen Plattform für Erwachsenenbildung in Europa (EPALE) habe ich in den vergangenen vier Wochen (= im Mai und Juni 2025) ein Experiment für ein sehr selbstbestimmtes Lernen gestartet. Es handelte sich um die EPALE Akademie. Das ist ein offenes und freiwilliges Lernangebot, das sich an interessierte Menschen aus der Erwachsenenbildung richtet und regelmäßig zu unterschiedlichen Themen und in unterschiedlichen Formaten stattfindet. Unser Thema war Twin Transition, also die verschränkte Betrachtung der Transformationsprozesse von Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Erwachsenenbildung.

    Für mich war es das erste, längere Lernangebot, bei dem ich sehr konsequent und bewusst auf klassischen Input vollständig verzichtet habe und Lernende stattdessen dazu angeregt habe, sich das für sie relevante Wissen zu dem Themengebiet selbstständig, unter Nutzung von KI-Technologie und im Austausch miteinander zu erschließen und zu entwickeln.

    In diesem Blogbeitrag teile ich meine Konzeption des Lernangebots sowie meine Reflexion dazu. Vielleicht kannst du das eine oder andere davon in deiner pädagogischen Praxis weiternutzen.

    Meine Perspektive auf Twin Transition in der Bildung

    Wie oben beschrieben meint Twin Transition die verschränkende Betrachtung der beiden großen Transformationsprozesse von Digitalisierung und Nachhaltigkeit. In der Bildung blicke ich auf Twin Transition weniger als ein Lernen über Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Wichtiger finde ich es, Lernende zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft zu befähigen und sie dazu ermutigen, für eine nachhaltige Entwicklung zu wirken.

    Einstiegsfolie im Lernangebot zu Twin Transition in der Bildung

    Hier gibt es einen 3-Minuten-Podcast von mir zu Twin Transition, den ich auch im Rahmen des Lernangebots verwendet habe.

    Konsequenzen für die pädagogische Konzeption

    Dieser inhaltlich-strategische Blick auf Twin Transition hatte direkte Konsequenzen für die pädagogische Konzeption. Denn ich wollte vor diesem Hintergrund einen pädagogischen Doppeldecker gestalten:

    1. Lernenden ermöglichen, relevantes Wissen und Ideen zu erhalten, wie sie Twin Transition in ihrer jeweiligen pädagogischen Praxis umsetzen können.
    2. Lernenden ermöglichen, eine veränderte Art von Lernen praktisch zu erleben, so dass sie das dann auch in ihrer pädagogischen Praxis umsetzen können.

    Umgesetzt habe ich das, indem ich erstens konsequent vom Lernen ausgegangen bin. Das bedeutet, dass immer an den Vorerfahrungen und Fragen der Lernenden angesetzt wurde und sie dabei unterstützt wurden, ihre Lernprozesse selbst zu gestalten und zu reflektieren. Zweitens kam KI-Technologie im Sinne einer LernAssistenz zum Einsatz. Drittens sorgte ich für einen guten, möglichst prägnant erklärbaren Rahmenbau, der vor allem auch Austausch mit Peers sicherstellte. Und viertens konnten Lernende flexibel und freiwillig entscheiden, was sie wann und wie lernen wollten.

    Übersicht zur Konzeption

    Grundsätzlicher Aufbau

    Das Lernangebot lief über vier Wochen mit einem kurzen, 30minütigen Auftakt zum Onboarding und anschließenden, wöchentlichen Lernimpulsen. Zum Abschluss trafen wir uns für zwei Stunden für eine gemeinsame Auswertung.

    Die Lernimpulse wurden über die Website Twin-Transition-Lernen.de zur Verfügung gestellt. Zusätzlich gab es eine eingerichtete Messenger-Gruppe über Signal.

    Für das Gelingen des Lernangebots finde ich vor allem drei Aspekte der Konzeption wichtig:

    1. Strukturierter Fragen-Rahmen

    Ich wollte erreichen, dass Lernende sich das Thema Twin Transition für ihre pädagogische Praxis erschließen konnten. Aufgrund der Vielfalt der Hintergründe der Teilnehmenden brauchte es hierfür einen gemeinsamen Rahmen, der erstens offen genug war, um allen ihren Lernweg zu ermöglichen. Zweitens sollte darin sowohl die Erschließung von bestehendem Wissen, als auch die Entwicklung eigener Ideen möglich sein. Drittens musste vor dem Hintergrund des Selbstlernens auch der Aspekt der Motivation und der Entwicklung eines eigenen Anliegens berücksichtigt werden.

    Um das zu erreichen kombinierte ich den so genannten ‚Golden Circle‘ mit der Aufforderung immer erst mit dem ‚Warum?‘ zu beginnen, mit der ‚What? So what? Now what?‘ Methode der Liberating Structures.

    Daraus ergaben sich (sehr passend für die vier Wochen Lernzeit) vier Lerneinheiten:

    1. Warum ist Twin Transition für dich ein relevantes Thema?
    2. Was genau ist mit Twin Transition gemeint?
    3. Welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?
    4. Wie willst du Twin Transition in deiner pädagogischen Praxis angehen?
    Folie zur Vorstellung der vier Lerneinheiten beim Onboarding-Treffen

    Ich habe mich darum bemüht, jede dieser Lerneinheiten ähnlich aufzubauen:

    • mit einer Erläuterung der Frage
    • mit einem Impuls (als Audio oder Video) von mir zur Beschreibung des vorgeschlagenen Vorgehens beim Lernen
    • mit einer konkreten ‚Anleitung‘
    • mit einer Einladung zur Reflexion

    Besonders stimmig fand ich Lerneinheit 2: Hier ist es – zumindest meiner Einschätzung nach – sehr gut gelungen, dass ich nicht Input, sondern Navigationsunterstützung vorgab. Du kannst dir die Einheit hier ansehen.

    2. Austausch-Räume

    In keinem Fall wollte ich ein Lernangebot, bei dem alle nur für sich selbst lernen. Vor diesem Hintergrund habe ich erstens direkt in das Lernangebot Austauschräume vorgesehen:

    • Wir hatten eine gemeinsame Signal-Gruppe, die jetzt auch nach dem Lernangebot bestehen bleibt und aus der sich im besten Fall eine Community of Practice entwickeln kann.
    • Für jede Woche konnte man sich für einen Lernbuddy-Austausch anmelden. Aus allen Anmeldungen habe ich dann immer per Zufall Paare gebildet, die ihre Kontaktdaten gegenseitig erhielten und sich dann eigenständig verabreden konnten.
    Formular zur Anmeldung am Lernbuddy-Austausch

    Zweitens habe ich immer wieder dazu eingeladen, auch das eigene Netzwerk für Resonanz zu nutzen. Etwa durch die Einladung via Social Media Reflexionen zum eigenen Lernen zu veröffentlichen, ein Lerntagebuch im eigenen Blog zu schreiben oder auch einfach mit Kolleg*innen in den direkten Austausch dazu zu gehen.

    Schließlich gab es drittens auch noch das bereits erwähnte Onboarding und das Abschlusstreffen.

    3. Scaffolding-Prinzip

    Für das selbstbestimmte Lernen haben wir vor allem auf KI-Technologie im Sinne einer LernAssistenz gesetzt. Ich habe hier in den Lernimpulsen das Prinzip des Scaffoldings genutzt:

    • Ich habe zunächst einen sehr klaren, weiternutzbares Prompt zum Erkunden angeboten und genau beschrieben, wie sich dieser nutzen lässt.
    • Anschließend folgte die Ermutigung, auf Basis dieser ersten Erkundung zu einer eigenen Formulierung und selbst gestalteten Nutzung zu kommen.

    Dieses Prinzip finde ich gerade im Kontext einer noch relativ neuen Technologie sehr zielführend.

    Zum Scaffolding gehört für mich auch, dass bei Bedarf immer direkte Hilfe und Unterstützung zur Verfügung steht. Hierzu hatten wir einen prominenten ‚Hilfe‘-Button auf der Website, über den man direkt eine Frage stellen konnte.

    Hilfe-Seite auf der Website

    Nachteilig kann an dieser Gestaltung sein, dass das Erkunden der Technologie wichtiger wird, als die eigentliche Erschließung der Inhalte. Das wurde so auch als eine Beobachtung im Abschlusstreffen geteilt. Optimal wäre es wahrscheinlich, jetzt auf Basis der erreichten Learnings noch einmal ein ähnliches Lernangebot zu machen und da dann den Fokus auf die Inhalte legen zu können.

    Meine Reflexion und Learnings

    Wir haben das Lernangebot beim Abschlusstreffen gemeinsam ausgewertet. Alle Beteiligten gaben hier an, dass sie sich solch ein Lernen auf jeden Fall auch zukünftig vorstellen können. Dieses Ergebnis muss man aber mit Vorsicht betrachten. Denn für das Lernangebot hatten sich gut 50 Personen angemeldet. Zum Auftakttreffen waren rund 40 Personen da; beim Abschlusstreffen dann nur noch knapp 20 Personen. Das bedeutet also: die, die dabei blieben, wollen solch ein Lernen auch zukünftig für sich wahrnehmen. Von denjenigen, die abgesprungen sind, weiß ich das nicht.

    Der ‚Schwund‘ an Teilnehmenden wirkt hier auf den ersten Blick recht dramatisch. Auf der anderen Seite finde ich es insgesamt einen großen Erfolg, dass fast die Hälfte bei solch einem Lern-Experiment dabei blieb. Hinzu kommt, dass ich im Online-Kontext immer sehr viel Abspringen erlebe. Auch ich selbst mache das oft so, dass ich mich zu etwas anmelde, aber dann doch nur kurz reinschnuppern, aber nicht ‚richtig‘ mitlernen kann. Von denen die dabei blieben, wurde in jedem Fall die fehlende Zeit und an zweiter Stelle die Herausforderung der Selbstdisziplin beim Lernen genannt – weniger aber fehlender Austausch oder Überforderung mit den Aufgaben.

    Auswertung beim Abschlusstreffen

    Das bringt mich auch direkt zu der für mich wichtigsten Schlussfolgerung: Wir müssen Lernen sichtbarer machen! Das bedeutet: Zu Lernangeboten wird es zukünftig unbedingt dazu gehören, sich über das Lernen selbst (nicht nur über die jeweils konkreten Inhalte) auszutauschen und dazu Räume zur Verfügung zu stellen. Die Herausforderung ist für mich hier insbesondere, auch diejenigen, die noch eher unerfahren sind, zur offenen Reflexion zu ermutigen. Das ist doppelt herausfordernd, weil erstens fehlt es in diesen Fällen oft an ‚eigenen Kanälen‘, wie einer Social Media Präsenz oder einer eigenen Website, was ich versucht hatte, durch Kommentierungsmöglichkeit auf der Website und auch durch das Angebot der Signal-Gruppe abzuschwächen. Zweitens gibt es oft noch eine größere Unsicherheit beim Lernen. (Einige erwähnten im Abschlusstreffen zum Beispiel, dass sie vom Teilen eigener Learnings abeschreckt wurden, weil andere – aus ihrer Sicht – so super professionelle Sachen geteilt hatten). An dieser Herausforderung möchte ich sehr gerne weiterdenken!

    Weiternutzung & Feedback

    Ich habe die Website mit den Lernimpulsen minimal überarbeitet, so dass keine direkten Links zu Formularen oder der Signal-Gruppe mehr vorhanden sind. Du kannst die Website gerne nutzen, um die Lernimpulse jetzt im Alleingang oder mit Kolleg*innen zum Lernen aufzugreifen. Außerdem können die Inhalte – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit – gerne weiter genutzt werden.

    Zur Website

    Ich wünsche viel Freude dabei und bin immer neugierig auf Feedback und weitere Ideen!

    Danke an EPALE für das gemeinsame Experimentieren und an alle Teilnehmenden, die sich darauf eingelassen haben. 🙂

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate #Nachhaltigkeit #OnlineLernen

  25. Mit Lernfreude zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit

    Beim University:Future Festival 2025 habe ich auf der Shifting Stage in Nürnberg einen Impuls zum Thema Lernfreude gehalten. Hier kannst du dir die Aufzeichnung anschauen:

    https://youtu.be/c3EpreVvntY

    Ich habe in diesem Impuls eingeführt, dass Lernfreude für mich nicht oberflächliches und flüchtiges Remmi Demmi ist, sondern ganz im Gegenteil: Ernsthaftigkeit! (Was Lachen natürlich überhaupt nicht ausschließt.)

    Meine drei ‚Zutaten‘, die ich vorgestellt habe, um Lernfreude zu realisieren waren Lernen, Vertrauen und Transformation.

    Schließlich habe ich noch über fünf Orientierungsgrößen für Lernprozesse mit Lernfreude gesprochen, die auf gesellschaftliche Handlungsfähigkeit zielen:

    1. Radikale Gegenwart – holt aktuelle Themen ins Lernen, statt nur auf die Zukunft vorzubereiten.
    2. Agency – stärkt Selbstwirksamkeit und verantwortliche Entscheidungsfreiheit.
    3. Modellierung – macht mentale Modelle sichtbar und lasst sie gemeinsam weiterwachsen.
    4. Resonanz – baut Austausch auf, holt Feedback aus der realen Welt.
    5. Reflexion – hinterfragt regelmäßig, wie Lernen funktioniert hat, um darauf aufzubauen.

    Meine drei Vorschläge zum Schluss:

    1. Hört auf zu lehren – ermöglicht Lernen!
    2. Habt Vertrauen!
    3. Seid widerständig und bildet Banden!

    #Lernkulturveränderung #Veranstaltungen

  26. Resonanzreiche Lernwerkzeuge

    Vor gut zwei Jahren (im Frühjahr 2023) habe ich über meine (damals sehr große, weil für mich sehr neue) Faszination gebloggt, mithilfe von KI-Sprachmodellen Mini-Anwendungen für die Lehre entwickeln zu können. Wenn ich diesen Blogbeitrag heute lese, muss ich innerlich schmunzeln, weil mir meine damaligen Beschreibungen doch sehr banal erscheinen. Denn es ist ja noch so viel mehr und anderes möglich! Über meinen bisherigen Lernweg in diesem Bereich und meine daraus gewonnenen pädagogischen Schlussfolgerungen möchte ich im folgenden Blogbeitrag berichten.

    Mein Lernweg

    Kurz gefasst erfolgte mein Lernen in diesem Bereich …

    • … technisch von einfachen, statischen Anwendungen hin zu „intelligenten“ Apps, die ich (aus meiner Sicht passender) als resonanzreiche Apps bezeichne.
    • … pädagogisch von einer Perspektive des Lehrens hin zu einer Perspektive des Lernens.

    Wie so oft gilt auch hier: Das Neue machte das Alte nicht obsolet. Stattdessen erweiterten sich die Möglichkeiten.

    1. Faszination über die Möglichkeiten von „Helfer-Tools“

    Der erste Schritt meines Lernwegs war meine oben bereits skizzierte Faszination, wie viel gezielter und einfacher ich in meiner pädagogischen Praxis mit KI-Unterstützung Anwendungen entwickeln konnte, die mich früher sehr viel Mühe und Zeit gekostet hätten oder für die ich auf Online-Angebote von anderen angewiesen gewesen wäre.

    Zum Beispiel habe ich eine Anwendung gepromptet, die mehrere Lernende zufällig in Gruppen einteilt. Ein anderes Beispiel war ein Kreativitätsbooster: Hier konnten sich Lernende immer wieder neue, zuvor eingegebene Kreativitätsimpulse anzeigen und so in einem Brainstorming unterstützen lassen. Solche Tools gibt es zuhauf im Internet. Neu war für mich nun, dass ich sie mit KI-Unterstützung selbst gestalten konnte – und zwar genau mit dem Design und den Bezeichnungen, die ich haben wollte.

    Mein Vorgehen bei diesen und vielen anderen Anwendungen war und ist so, dass ich zunächst mein Anliegen genau beschreibe und mir darauf aufbauend dann von einem Sprachmodell HTML-Code mit integriertem JavaScript generieren lasse. Den Output teste ich dann und korrigiere ihn, wo nötig. Anschließend stelle ich ihn online und nutze ihn in Lernangeboten.

    Solch eine Entwicklung hat sich im Laufe der letzten beiden Jahre für mich immer weiter verbessert. Denn einerseits weiß ich inzwischen besser, wo mögliche Stolperfallen liegen, also worauf ich beim Prompten achten muss. Andererseits werden die KI-Sprachmodelle weiterentwickelt und können solche Coding-Schnipsel immer besser generieren.

    2. Vom Helfer-Tool zu Austausch und Reflexion

    Der zweite Schritt meines Lernwegs war, dass ich nicht mehr ausschließlich Helfer-Tools gestalte, sondern mehr auf Anwendungen ziele, die Gruppenprozesse unterstützen oder als Reflexionsinstrument dienen.

    In diesem Sinne habe ich zum Beispiel das Tool „Brainstormrank“ entwickelt: Alle Beteiligten können hier Ideen eingeben und diese anschließend im Austausch bewerten. Am Ende bekommt man ein Ranking angezeigt.

    Der Hintergrund dieser und anderen, ähnlichen Anwendungen ist, dass ich mich hier pädagogisch an ‚gutem Rahmenbau‘ orientiere und hier vor allem reflektiere, was in einer zunehmend KI-geprägten Welt wichtiger wird. Soziales Lernen, kollaborative Reflexion und Austausch in Gruppen erscheint mir besonders relevant. Vor diesem Hintergrund finde ich es sinnvoll, KI-Technologie dazu zu nutzen, Anwendungen zu entwickeln, die Menschen in Austausch miteinander bringen.

    3. Vom Lehrwerkzeug zu Anwendungen für den eigenen Gebrauch

    Der dritte Schritt meines Lernwegs erfolgte, weil ich zunehmend feststellte, wie sehr wir in der pädagogischen KI-Debatte die bestehende Bildungskultur zementieren, anstatt sie neu zu denken. Der Schlüssel, um das zu ändern, ist für mich vor allem, vom Lernen aus zu denken statt von der Lehre.

    Bei meinen bisherigen Erkundungen musste ich mir eingestehen, dass ich ganz klar lehrseitig dachte. Zwar ist Lernraumgestaltung auf dem Weg vom Fokus auf Lehre hin zum Lernen bereits deutlich weiter als klassische Instruktion. Viel sinnvoller wäre es jedoch, Lernende dazu zu befähigen, selbst Anwendungen zu erstellen und darüber zu reflektieren. Um diesen Weg pädagogisch umzusetzen, finde ich es hilfreich, zunächst selbst zu erkunden, wie solch eine Entwicklung von Lernwerkzeugen für mein eigenes Lernen funktioniert.

    Der erste Versuch hierfür war, dass ich wieder sehr einfache Helfer-Tools gestaltete – nun allerdings nicht mehr für Lernende, sondern für mich selbst. Das mache ich bis heute immer wieder, wenn ich einen Bedarf entdecke. Erst gestern habe ich zum Beispiel einen Mehrwertsteuerrechner mit Pauschalen-Integration gepromptet, um mir das vermaledeite Rechnungsschreiben in meiner Freiberuflichkeit zu vereinfachen. ;-)

    Bei diesem und vielen weiteren Beispielen stelle ich immer wieder fest: Sie sind dann für mich hilfreich, wenn sie von meinem eigenen Anliegen ausgehen.

    4. Auf dem Weg zum Lernwerkzeug

    Eigene Anwendungen für Herausforderungen in meiner Arbeit zu entwickeln, empfinde ich als sehr nützlich. Zugleich ist mir klar, dass diese Tools noch keine Lernwerkzeuge sind. Denn sie helfen mir zwar sehr gut bei der Bewältigung von Herausforderungen, aber ich verwende sie nicht zum Lernen im Sinne von „klüger werden“ oder Selbstentwicklung.

    Um das zu ändern, begann ich damit, typische Lernstrategien, die sich für mich als hilfreich erwiesen hatten, in Anwendungen zu übersetzen, die ich dann zum Lernen nutzen wollte. Zum Beispiel kann ich im Sinne von Kreativitätsentwicklung besonders gut neue Ideen entwickeln, wenn ich sie in einem engen Zeitraum aufschreiben muss.

    Vor diesem Hintergrund promptete ich mir als Lernwerkzeug eine simple Anwendung, in die ich eine Herausforderung eingeben kann. Dann läuft ein Timer herunter und ich bin herausgefordert, in dieser Zeit so viele Ideen zu notieren, wie mir einfallen. Anschließend zeigt das Tool alle Ideen an, aus denen ich die relevantesten auswählen und zur Weiterarbeit für mich kopieren kann.

    Dieses Lernwerkzeug zum Brainstorming ist nur ein Beispiel für eine Vielzahl von Versuchen, die ich in diese Richtung gestartet habe. Ich habe zum Beispiel auch mit einem selbst geprompteten Vokabel-Abfrage-Tool experimentiert, weil ich testen wollte, wie auch solch ein klassisches Faktenlernen mit einem eigenen Lernwerkzeug angegangen werden kann.

    Eine Zeit lang machten mir solche Tools viel Freude. Allerdings erkannte ich auch, dass es oft eher Spielerei bzw. Prokrastination als verändertes oder verbessertes Lernen war: Für ein Brainstorming hätte ich mir genauso gut eine Uhr stellen und meine Ideen auf Karten notieren können. Für das Vokabellernen hätte es vielleicht auch einfach ein Karteikasten getan.

    Dennoch fand und finde ich es aus einer Perspektive des Lernens hier spannend, dass ich mir eben erst eine Lernstrategie überlege, diese dann in eine Anwendung übertrage – und die Anwendung aufbauend auf einer Reflexion meines Lernens dann immer wieder verändern kann.

    5. Lernwerkzeuge mit KI-Unterstützung

    Bei der Entwicklung nützlicher Helfer-Tools für mich selbst und andere experimentierte ich mit unterschiedlichen Sprachmodellen. So kam ich zum fünften Schritt meines Lernwegs, der eher zufällig war.

    Bei der Entwicklung meiner eigenen Anwendungen hatte ich schon sehr bald die Canvas-Funktion von KI-Sprachmodellen entdeckt. Diese Funktion ermöglicht es, dass ein Inhalt nicht im Chat, sondern in der rechten Seite in einem extra Fenster entwickelt wird. Der große Vorteil dieser Funktion ist erstens, dass ich den klassischen Chat verlasse, in dem ein Code bei Fehlern immer wieder neu generiert wird. Stattdessen kann ich den Output direkt korrigieren und anpassen. Zweitens kann ich in eine Vorschau wechseln und die Anwendung direkt nutzen. Das macht die Entwicklung und Nutzung von Anwendungen für den eigenen Gebrauch und zum eigenen Lernen also deutlich einfacher.

    Zufällig stieß ich dann irgendwann beim Ausprobieren beim KI-Sprachmodell Gemini von Google auf einen Sternen-Button neben einer entwickelten Anwendung auf dem dortigen Canvas.

    Sternen-Button in Gemini

    Ich probierte diesen Button aus und verstand, dass Gemini daraufhin eine direkte KI-Integration in meine gepromptete App vorschlug und einbaute. Ich wusste zwar, dass so etwas grundsätzlich möglich ist – schließlich gibt es jede Menge Apps mit KI-Integration im Internet – aber neu war mir, dass es sich so simpel auch selbst gestalten lässt.

    Anstatt mir nur Vorschläge zu KI-Unterstützung in einer App machen zu lassen, begann ich, meine bisherigen Anwendungen direkt zu überarbeiten. Bei der zeitlich getakteten Brainstorming-App ergänzte ich zum Beispiel einen ‚KI-Wettstreit‘. Ich konnte so Idee entwickeln und gleichzeitig beobachten, welche Ideen ein KI-Sprachmodell generierte. Das funktionierte ziemlich gut!

    Eine weitere Idee war eine ganz neue Anwendung, um mich in meinem Denken herauszufordern. Hierzu skizzierte ich dem KI-Sprachmodell zunächst einige der wichtigsten ‚Gebote‘ des systemischen Denkens, mit denen ich mich zu der Zeit beschäftigte – und ließ darauf basierend eine Anwendung entwickeln, in die ich eine Herausforderung eingeben kann und die mir anschließend Denkimpulse im Sinne dieser ‚Gebote‘ anzeigt.

    Hier kam dann auch der ‚Sternen‘-Button zum ersten Mal zum Einsatz. Ich hatte bereits KI-Integration in dem Sinne in die Anwendung gepromptet, dass basierend auf meinen systemischen Geboten immer ein passender Denkimpuls generiert werden soll. Das konnte ja nicht statisch vorab eingegeben werden. Gemini schlug mir nun noch zusätzlich vor, eine Metapher anzeigen zu lassen oder Anregungen für einen nächsten Schritt.

    Mein Lernwerkzeug um weitere KI-Funktionen erweitert

    Bei diesen und weiteren Anwendungen mit KI-Unterstützung promptete ich die Anwendungen immer in der Form, dass ich innerhalb der Anwendung nicht einen üblichen KI-Chatbot integrierte, der mit mir dann in einen Dialog trat. Denn dann hätte ich ja auch direkt in einem normalen Chat bleiben können. Stattdessen war meine Angabe zum Beispiel bei der App für systemische Denkimpulse, dass auf Klick von mir einfach jeweils nur ein sehr prägnanter Denkimpuls zu meiner zuvor eingegeben Herausforderung angezeigt werden sollte.

    Vor diesem Hintergrund bezeichne ich die entstehenden Lernwerkzeuge mit KI-Integration für mich auch nicht als ‚intelligente‘ Apps, sondern eher als ‚resonanzreiche‘ Apps: Es ist kein direktes ‚Gegenüber‘, das mit mir hier in eine Kommunikation tritt, sondern ich kann mich dank KI-Unterstützung in Resonanz mit all den Überlegungen begeben, die Menschen in den letzten Jahrzehnten ins Internet geschrieben haben. Ich kann und muss dabei bei jedem Impuls für mich reflektieren, was ich dabei für mich sinnvoll finde und was nicht.

    Pädagogische Reflexion

    Aus einer emanzipatorischen und befähigenden Perspektive finde ich die (oben insbesondere bei Punkt 4 und 5) dargestellte Möglichkeit, Lernwerkzeuge zu entwickeln, zu nutzen und zu reflektieren, aus mehreren Gründen pädagogisch sehr spannend:

    • Lernende starten die Entwicklung solch einer Anwendung jeweils von ihrem Lernen aus. Sie legen in einem ersten Schritt selbst fest, was und wie sie lernen wollen. Die Berücksichtigung und bewusste, eigene Gestaltung von Form und Struktur ihrer Lernprozesse unterscheidet sich deutlich davon, sich einfach nur mit einer Frage an ein KI-Sprachmodell zu wenden.
    • Die Gestaltung von Lernwerkzeugen bringt uns weg von einer vermenschlichten Perspektive auf KI-Anwendungen. Lernende beginnen die Maschine zu kontrollieren, statt sich von ihr steuern zu lassen. Sie erleben sie mehr als Resonanz- und weniger als Antwortmaschine.
    • Da Anwendungen nicht nur entwickelt und genutzt, sondern auch angepasst und verändert werden können, sind Lernende kontinuierlich zur Reflexion ihres Lernens herausgefordert. In diesem Sinne kann man solche selbst entwickelten Lernwerkzeugen als die Modellierung von Lernstrategien verstehen.

    Zusätzlich können Lernwerkzeuge in diesem Sinne immer auch kollaborativ gedacht werden. Lernende können ihre Anwendungen teilen und sich mit anderen dazu austauschen. So lässt sich Lernen gemeinsam besser machen.

    Lernwerkzeuge selbst zu entwickeln, zu nutzen und zu reflektieren birgt also ein großes pädagogisches Potential. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, Lernende in Lernangeboten dazu ermächtigen. Einen ersten Versuch habe ich hierzu im Rahmen der zurzeit laufenden EPALE-Akademie zum Thema „Twin Transition“ unternommen. Bereits in den ersten drei Lerneinheiten konnten die Teilnehmenden mit verschiedenen KI-Tools experimentieren, um das Thema füpr sich zu erkunden. In der vierten und letzten Lerneinheit ging es darum, aufbauend auf zuvor entwickelten Themenfeldern konkrete Ideen und erste Schritte zur Umsetzung zu entwickeln. Die Leitfrage war: „Was kann ich praktisch tun, um Twin Transition in meiner pädagogischen Praxis umzusetzen?“

    Die Befähigung zur eigenen Entwicklung, Nutzung und Reflexion passender Lernwerkzeuge für diese Herausforderung habe ich in drei Schritten versucht:

    1. Im ersten Schritt habe ich eine Anwendung gepromptet und veröffentlicht, die ähnlich wie meine oben beschriebene Brainstorming- und Ideenentwicklungs-App aufgebaut war. Dann habe ich Lernende eingeladen, diese zu nutzen und somit erste Ideen zu entwickeln.
    2. Im zweiten Schritt habe ich transparent gemacht, dass diese App KI-generiert war, und eingeladen, das eigene Lernen mit der App zu reflektieren und die App daraufhin für sich anzupassen.
    3. Im dritten Schritt habe ich die Möglichkeit zur KI-Integration erklärt und die Teilnehmenden zum Experimentieren damit eingeladen.

    Du kannst dir die Lerneinheit hier ansehen. Ich erlebe diesen Weg im Rahmen der Akademie grundsätzlich als sinnvoll. Zugleich bin ich neugierig, welche Erfahrungen andere machen – und werde sicherlich noch viel dazu weiter erkunden.

    Fazit

    Das war meine Darstellung zur Nutzung von KI-Sprachmodellen zur Entwicklung von Anwendungen und Lernwerkzeugen. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass diese Möglichkeiten bisher nur in einem stark monopolisierten, intransparenten Kontext so einfach und niederschwellig umsetzbar sind. Das ist alles andere als zufriedenstellend! Spannend finde ich jedoch, dass mit solchen Erkundungen zugleich durchschimmert, wie eine pädagogisch sinnvolle KI-Technologie aussehen könnte. Ich stelle mir hier eine lokal installierte Entwicklungsumgebung vor, an die mehrere offene und dezentral nutzbare sowie kleinere KI-Modelle und vor allem auch offene Datensätze flexibel angedockt werden können. Lernende könnten sich dann bewusst entscheiden, welche Inhalte sie für ihr jeweiliges Lernwerkzeug nutzen und wie sie damit lernen wollen.

    Ich finde diese Perspektive – gerade aufgrund meiner eigenen Lernexperimente – einen sehr sinnvollen pädagogischen Nordstern für die weitere KI-Entwicklung. Als Bild für diesen Beitrag habe ich deshalb auch eine Aufnahme des letzten Chaos Communication Congress (CCC) gewählt. Vor allem in dieser Community von Menschen, die grundsätzlich immer einen gestaltenden und ermächtigenden Blick auf Technologie haben, kann ich mir vorstellen, Bündnispartner*innen für die Realisierung dieses Nordsterns zu finden.

    #DigitaleMündigkeit #KünstlicheIntelligenzKI_ #Lernkulturveränderung

  27. Kollaboratives Selbstlernangebot: Ideenwerkstatt Veränderung der Lernkultur

    Im Rahmen der Digitalen Tagung ‚Neu lehren und Lernen‘ von Bildung & Begabung habe ich in der zurückliegenden Woche einen hybriden Workshop angeboten: Im Vorfeld haben sich Teilnehmende in kleinen Teams mit 3-8 Personen zusammengefunden, für den Workshop angemeldet und dann ein Päckchen mit Materialien zugeschickt bekommen. Wir haben dann einen gemeinsamen Online-Auftakt gestaltet. Danach haben die Teams mithilfe der versandten Materialien, zusätzlicher Online-Materialien und begleiteter KI-Nutzung Ideen für eine veränderte Lernkultur entwickelt. Ein paar der Ideen haben wir uns dann gegenseitig im Rahmen eines gemeinsamen Online-Abschlusses vorgestellt.

    Um das Konzept für mehr Menschen weiternutzbar zu machen, habe ich die Online-Materialien jetzt im Nachhinein etwas vereinfacht und auf der Website Mut-Zur-Gestaltung.de für alle offen online gestellt. Sie können somit nun als kollaboratives Selbstlernangebot genutzt werden.

    Wenn du also in einem kleinen Team Ideen für eine veränderte Lernkultur auf spielerische Art und Weise in rund 90 Minuten entwickeln willst, dann besorge ein paar Überraschungseier, Stifte und Papier, einen Würfel sowie Post-Its, öffne die Website – und legt gemeinsam los!

    Ich wünsche viel Freude dabei.

    Zum Lernangebot

    #Lernkulturveränderung

  28. Ein Workshop mit einem Komposterde-Ansatz zur Veränderung der Prüfungskultur

    Gestern war ich in Hildesheim, um mit Kolleg*innen der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und Kunst (HAWK) an Ideen zur Veränderung der Prüfungskultur im Kontext von KI zu reflektieren. Ich hatte mit den Kolleginnen vorab abgesprochen, dass wir einen ‚Komposterde‘-Ansatz verfolgen werden. Damit meine ich, dass wir nicht die bestehende Lern- und Prüfungskultur mit KI-Technologie noch weiter zementieren, sondern stattdessen neu denken. Wir wollten also, dass durch die in der KI-Debatte ausgelöste Bewegung, vergleichbar wie es aus Komposterde möglich ist, etwas Neues wachsen lassen.

    Grundsätzliche Idee

    Ich habe den Workshop ausgehend von der Formatspinne des Instituts für zeitgemäße Prüfungskultur und der Erweiterung von Regina Schulz gestaltet. Wichtig war mir allerdings, nicht schon einen fertigen Rahmen vorzugeben, sondern den Schwerpunkt des Workshops darauf zu legen, eigene Ausprägungen und Schwerpunkte zu definieren. Genau diese Reflexion habe ich im Ergebnis dann auch als sehr wertvoll erlebt.

    Meine ‚Vorgaben‘

    In Anlehnung an die Erweiterung der Formatspinne bei Regina Schulz auf Agency, Wellbeing und Transformation, habe ich eingeleitet, dass wir vier Dimensionen betrachten werden: prüfen, lernen, leben und gestalten.

    • Prüfen ist dabei der Ausgangspunkt vieler Lehrenden, die sich eben sehr oft überlegen, wie im Kontext von KI Prüfungen sinnvoll gestaltet werden können.
    • Lernen ist der eigentlich wichtige Ausgangspunkt. Denn gute Lernprozesse gehen immer von den Lernenden aus uns eine Veränderung der Prüfungskultur setzt eine Veränderung der Lernkultur voraus.
    • Leben zielt auf einen ganzheitlichen Blick auf Bildung. Lernende müssen sich wohlfühlen und mit ihren Bedürfnissen und Interessen einbringen können, so dass Lernen gut funktioniert.
    • Gestalten nimmt in den Blick, dass wir gesamtgesellschaftlich vor großen Herausforderungen stehen, die in Bildung und Wissenschaft nicht ausgeblendet werden können, sondern zu denen gemeinsam neue Antworten entwickelt werden müssen.

    Zweitens habe ich die Bereiche der Formatspinne – Raum, Zeit + Prozess, Material + Hilfsmittel (diese beiden Kategorien hatte ich für mich schon zusammengefast), Aufgaben + Fragen, Sozialform, Lernprodukt und Feedback + Reflexion – als ersten Aufschlag eingebracht, den wir dann für uns diskutieren konnten.

    Mit diesen beiden Setzungen war der Komposterde-Ansatz (insbesondere durch die Aufnahme von lernen, leben und gestalten) vorgegeben, sowie eine erste Struktur als Arbeitserleichterung vorhanden.

    Vorgehen

    Während des Workshops ging es nun – wie oben geschrieben – um die gemeinsame Reflexion dieses großen Rahmens und darauf aufbauend um die Entwicklung möglichst konkreter Ideen dazu. Wir sind dazu in mehreren Schritten vorgegangen:

    Schritt 1: Einstieg mit Kartenaustausch

    Ich hatte Fragen zu den vier Dimensionen auf Karten vorbereitet (Beispiel: Was geht schief im Kontext des Prüfens? Was ist mir wichtig bei der Dimension ‚Leben‘? …). Die Teilnehmenden tauschten sich in Zweier-Gesprächen dazu aus – und erhielten so zugleich eine erste Orientierung zu den Dimensionen.

    Schritt 2: Nordsterne entwickeln

    Anschließend fanden sich alle Teilnehmenden mit der gleichen Kartenfarbe (= gleiche Dimension) an einem Tisch zusammen und begaben sich zur Nordstern-Entwicklung zunächst in einen Kopfstand: Was wäre das Dümmstmögliche, was wir bei Prüfen, Lernen, Leben und Gestalten jeweils machen könnten? Von diesem Kopfstand war es dann leicht, abzuleiten, an was wir uns stattdessen orientieren wollen. Dazu sollten drei Begriffe / Hashtags aufgeschrieben werden. In einem Gruppenpuzzle konnten diese dann weiter qualifiziert werden.

    Exemplarisches Ergebnis für die Dimension ‚Lernen‘

    Schritt 3: Bereiche klären

    Im nächsten Schritt verließen wir kurzfristig die Dimensionen und wandten uns den Bereichen zu. Alle Beteiligten erhielten eine Liste mit den Bereichen der Formatspinne des Instituts für Prüfungskultur – und wir machten uns gemeinsam an die Änderung, so dass es für unseren Kontext sinnvoll erschien.

    Das hier war das Ergebnis:

    Kollaborativ korrigierte ‚Aspekte‘-Liste

    Schritt 4: ‚Wie können wir …?‘-Fragen ableiten

    Im Schritt 4 brachten wir die entwickelten Leitbilder in den Dimensionen mit der überarbeiteten Aspekte-Liste zusammen, indem wir in den einzelnen Dimensionen zu jedem Aspekt jeweils fragten: Wenn wir uns an dem entwickelten Leitbild orientieren, was ist dann die Frage, d.h. wo wollen wir hinkommen? Zugleich überlegten wir uns die entsprechenden Ausprägungen, die damit dann verbunden wären.

    Diese Aufgabe führte zu sehr intensiven und grundsätzlichen Diskussionen.

    Ein Beispiel für eine Wie können wir .. -Frage in der Dimension Prüfen und dem Aspekt der Ressourcen – mit entsprechenden Ausprägungen

    Auf dieser Grundlage entwickelte ich in der dann folgenden Mittagspause als ‚Zwischenergebnis‘ eine Formatspinne als Grundlage zur weiteren Reflexion.

    Schritt 5: Mini-Barcamp

    Im letzten Schritt ging es um die Konkretisierung: Die Idee war es, die entwickelte Formatspinne zur Diskussion der Themen der Teilnehmenden zu nutzen. Dazu sammelten wir zunächst die Themen und gestalteten einen Session-Plan. Danach gab es drei Runden mit je 3-4 Sessions parallel. Die Teilnehmenden konnten sich dann jeweils die Formatspinne vornehmen – und diskutieren, wie sie vor dem Hinblick des jeweiligen Themas die zuvor entwickelten Fragen beantworten würden. Dabei konnten sie entweder alles sehr oberflächlich diskutieren oder sich eine Dimension bzw. einen Aspekt wählen. Die Diskussionen wurden kollaborativ mitgeschrieben und können jetzt aufbereitet werden.

    Fazit

    Sehr gut geklappt hat bei diesem Workshop aus meiner Sicht die grundsätzliche Reflexion zu Beginn. Es sind dabei – wie ich finde – ziemlich gute Fragen entstanden, die nun zur weiteren Reflexion weiter genutzt werden können.

    Nicht so funktioniert, wie ich es gehofft hatte, war die anschließende Übertragung – also der Übergang von Schritt 4 zu Schritt 5. Im Feedback wurde rückgemeldet, dass die Fragen oft eher störend waren bzw. nicht passten – und die Diskussion dann ‚einfach so‘ geführt wurden. Das ermöglichte dann zwar auch guten Austausch, aber war eigentlich nicht so gedacht und hätte dann ja auch einfach ohne die ganze Vorarbeit gemacht werden können.

    Der ‚Fehler‘ lag hier glaube ich daran, dass wir eigentlich groß denken wollten, aber dann bei der Konkretisierung doch wieder überwiegend von bestehenden Formaten ausgingen. Also z.B. von der schriftlichen Hausarbeit. Sinnvoller wäre es hier wahrscheinlich, sich ein ganz konkretes Lernangebot vorzunehmen und sich darauf aufbauend zu überlegen, wie man es zukünftig gestalten will – und dann eben auch mit Blick auf alle Dimensionen, als nicht nur Prüfen, sondern auch Lernen, Leben und Gestalten. Dann wären die entwickelten Fragen glaube ich wertvoller, weil man mit mehr Offenheit diskutieren könnte.

    In diesem Sinne möchte ich mit dem Workshop-Konzept sehr gerne noch weiter experimentieren. Denn es erscheint mir grundsätzlich als eine gute Möglichkeit, um in der Bildung grundlegender neu zu denken.

    Wenn du den Ansatz auch weiter nutzen willst, wünsche ich dir dabei viel Erfolg und bin gespannt, von deinen Erfahrungen zu lesen.

    Last but not least: Herzlichen Dank an die Beteiligten in Hildesheim für die Experimentierfreude und den schönen, gemeinsamen Tag!

    #Lernkulturveränderung #MethodenLernformate

  29. Mehr Ambiguität wagen!

    In diesem Blogbeitrag möchte ich mit dir eine Erkenntnis teilen, die mir in meinem pädagogischen Denken gerade sehr weiterhilft. Sie lautet, ganz kurz formuliert: Ambiguität ist in der Bildung nicht nur ein wichtiger Lerngegenstand (= in einer sogenannten VUCA-Gesellschaft braucht es mehr Ambiguitätstoleranz), sondern ihre Beachtung kann vor allem transformative Kraft zur Veränderung der Lernkultur entfalten! Ich habe diese Erkenntnis für mich entwickelt, als ich feststellte, dass Ambiguität in verschiedenen Bereichen von Bildung bislang zu wenig beachtet wird: beim Lernprozess selbst, bei der Gestaltung von Lernen und auch beim erwünschten „Output“ von Lernen, also dem Ziel von Bildungsprozessen. Zusammengebracht ergibt sich dann die genannte transformative Kraft, die sich zum Beispiel auch darauf erstrecken kann, wie man Technologie in der Bildung einordnet.

    Das klingt für dich noch alles sehr verwirrend? Dann lies gerne weiter. Ich versuche, diese Erkenntnis und meine Überlegungen dazu Schritt für Schritt aufzudröseln. Ich beginne mit der wahrscheinlich offensichtlichsten Frage: Was ist überhaupt Ambiguität?

    Ambiguität = Mehrdeutigkeit

    Die einfachste Übersetzung von Ambiguität lautet wahrscheinlich Mehrdeutigkeit. Es gibt im Kontext von Ambiguität also keine eindeutigen, klaren oder auch abschließenden Antworten. Stattdessen sind wir mit der benannten Mehrdeutigkeit konfrontiert, was bis hin zu Widersprüchlichkeit reichen kann und sich auch beständig weiterentwickelt. Wir sind dann ambiguitätstolerant und können somit in und mit einer von Ambiguität geprägten Situation gestalten, wenn wir uns von einem „Entweder-Oder“-Denken wegbewegen und dafür mehr einem „Sowohl-als-Auch“-Denken zuwenden.

    In der aktuellen KI-Debatte erleben wir wahrscheinlich gerade alle, wie sich solch eine Mehrdeutigkeit anfühlen und auswirken kann: KI wirkt in der Bildung beispielsweise zugleich erleichternd als auch herausfordernd – oder auch zugleich lernförderlich als auch lernverhindernd. Es wäre ein Missverständnis, wenn wir in dieser Situation einfach in die Mitte gehen und das als „richtige“ Antwort postulieren würden. In diesem Fall würde das zu den Aussagen führen: KI bringt uns eine mittlere Arbeitserleichterung und beinhaltet ein mittleres Lernpotenzial (oder analog in der pessimistischeren Variante: KI bringt uns eine mittlere Arbeitsherausforderung und eine mittlere Lernverhinderung). Genau solch eine Orientierung auf die Mitte hat aber nichts mit gelebter Ambiguität zu tun. Denn Ambiguität bedeutet ja gerade, dass beide Ausprägungen gelten – und nicht die Mitte von ihnen.

    Ich mag für Ambiguität vor diesem Hintergrund auch den Vergleich mit Quanten-Phänomenen, die du vielleicht von Schrödingers Katze kennst: Wenn eine Katze in einem Karton mit einem Mechanismus sitzt, der sie entweder töten oder nicht töten kann, und wir den Mechanismus auslösen, dann müssen wir – bevor wir den Karton aufmachen – davon ausgehen, dass die Katze sowohl tot als auch lebendig ist. Solche Phänomene sind für unser Denken, das normalerweise an Binarität bzw. Eindeutigkeit gewöhnt ist, ziemlich herausfordernd. Genau deshalb ist Ambiguität so spannend für das Lernen.

    Natürliches Lernen ist Lernen mit Ambiguität

    Meine erste Erkenntnis zu Ambiguität und Lernen im aktuellen Kontext war, dass Lernen und Ambiguität eigentlich gar keine Widersprüche sind – zumindest dann nicht, wenn man von natürlichen Lernprozessen ausgeht. In diesem Fall lässt sich Lernen so beschreiben, dass Menschen im Laufe ihres Lebens und damit auch im Laufe ihres Lernens ihre Welterfahrungen immer präziser abbilden und in diesem Sinne feinere Differenzierungen und Verbindungen zu unterschiedlichen Erfahrungen herstellen. Dieser Prozess ist dann erstens selbst alles andere als eindeutig – sondern oft zufällig, vage und eben auch widersprüchlich bzw. mehrdeutig. Zweitens wird auch unsere innere Landkarte der Welt durch unser Lernen nicht immer eindeutiger, sondern ganz im Gegenteil immer mehrdeutiger. Denn die Welt ist eben gerade kein Puzzle, das wir uns Stück für Stück in unserem Kopf zusammenpuzzeln können – und am Ende stehen wir – tadaaa – vor der fertigen Lösung. Stattdessen entwickeln wir in einem mehrdeutigen und oft widersprüchlichen Prozess ein immer mehrdeutigeres und widersprüchlicheres Bild von der Welt. Natürlich gibt es in vielen Fällen auch „Aha-Momente“, bei denen uns etwas klar wird und wir etwas verstehen. Solche Erkenntnisse führen dann aber zugleich wieder zu sehr vielen neuen Fragen. Wir bleiben also zwangsläufig in einer Situation der Mehrdeutigkeit bzw. bewegen uns von einer Situation der Mehrdeutigkeit in die nächste.

    Das mag wenig zufriedenstellend und nach einem Problem klingen. Aber das stimmt gar nicht! Denn wenn wir Ambiguität anerkennen, dann ist es eher eine große Freude, weil wir – bildlich gesprochen – den Krimi nicht ausgelesen haben, sondern uns immer tiefer in ein immer spannenderes Geheimnis hineindenken können.

    Traditionelles Lehren verleugnet Ambiguität

    Traditionelle Lehre – auch wenn in neueren Bildungsprogrammen immer häufiger der Ruf nach Ambiguitätstoleranz aufkommt – verleugnet häufig diesen Prozess und das Ergebnis von natürlichem Lernen. Bildung soll in sich nicht von Ambiguität geprägt sein, sondern bitteschön eindeutig. Das zeigt sich im formalen Bildungssystem insbesondere daran, dass wir Fakten sehr viel größere Bedeutung in der Lehre beimessen als Verbindungen. Die Fakten (auch wenn sie als ‚Kompetenzen‘ beschrieben werden) führen uns zu Curricula und Lehrpläne. Daraus entsteht Stoff, der gelehrt und gelernt werden soll. Dieser wandert dann in die Köpfe der Lernenden und kann von dort sehr eindeutig abgeprüft werden.
    Im schlechtesten Fall eignen sich Lernende dann also isolierte Fakten an, die ohne Bedeutung bleiben und schnell wieder vergessen sind, weil sie nicht mit ihren übrigen Verbindungen aus natürlichen Lernprozessen verknüpft werden. Wenn wir in der Lehre dagegen mehr Ambiguität wagen würden, dann würden wir an den natürlichen Lernprozessen der Lernenden ansetzen, diese unterstützen und so die oftmals chaotischen und immer mehrdeutigen, vagen und individuellen Verbindungen höher gewichten, als einzelne Fakten. Das wäre – kurz und einfach erklärt – eine Lehre, in der es keine ‚Musterlösungen‘ mehr gibt.

    Offene und demokratische Gesellschaften brauchen mehr Ambiguitätstoleranz

    Die Verleugnung oder Verdrängung von Ambiguität wird in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend normal. Auf den ersten Blick wirkt das nicht einleuchtend, weil man zwar auf der einen Seite natürlich wahrnimmt, dass fundamentalistische Positionen an Einfluss gewinnen – und diese eben ein sehr klares „Schwarz-Weiß“-Denken propagieren. Zugleich gibt es aber auch die Erfahrung, dass ja auch sehr viel mehr Offenheit für Vielfalt da ist, als das vielleicht früher noch der Fall war. Leider haben wir es dabei aber oft mit einer unendlichen Bedeutungsvielfalt zu tun, was im Kern dann nicht Mehrdeutigkeit ist, sondern Beliebigkeit und Gleichgültigkeit. In seinem Buch ‚Die Vereindeutigung der Welt‘ stellt Thomas Bauer diese Entwicklung mit vielen konkreten Beispielen aus Religion, Politik und Kunst dar.

    Solch eine Beliebigkeit und Gleichgültigkeit auf der einen und eine zunehmende Fundamentalisierung auf der anderen Seite bestärken sich gegenseitig. Wenn wir dagegen in offenen und demokratischen Gesellschaften leben wollen, dann wäre es wichtig, Ambiguität als unvermeidbar anzuerkennen – und nach dem richtigen Maß an Ambiguität zu streben, anstatt sich auf die eine oder andere Seite der Achse von Ambiguitätsvermeidung (= Fundamentalisierung oder Gleichgültigkeit) zu begeben. Damit wir diese Herausforderung als Individuen und als Gesellschaft aber angehen können, müssen wir gelernt haben, dass Ambiguität nicht nur Gefahr und Überforderung darstellt, sondern vor allem auch eine Quelle für Freude und insbesondere auch für persönliches Lernen und Wachstum sein kann. Das bedeutet also, ‚Liebe zur Mehrdeutigkeit‘ oder – weniger pathetisch – mehr Ambiguitätstoleranz bewusst als Ziel von Bildung zu sehen.

    Ambiguität als Transformationspotenzial

    An dieser Stelle schließt sich dann der Kreis zu meiner ursprünglichen These, dass die größere Beachtung von mehr Ambiguität in der Bildung transformatives Potenzial entfalten kann. Egal an welcher Stelle ich hier ansetze – auf der Ebene des Lernens, der Lerngestaltung oder der Lernergebnisse – immer wird es dazu führen, dass eine größere Beachtung von Ambiguität zu Transformationen auch in den anderen Bereichen herausfordert.

    Wir können das mit dem Lernen als Ausgangspunkt durchspielen: Wenn ich Ambiguität in Lernprozessen eine größere Rolle beimessen will, dann bedeutet das für die Lehre, dass ich an natürliche Lernprozesse anschließen muss und die Entwicklung von individuellen Verbindungen in den Köpfen der Lernenden wichtiger nehmen muss als die Vermittlung isolierter Fakten. Das führt zu einer Bildung, die weniger abprüfbar ist, aber gerade dadurch deutlich mehr Handlungsfähigkeit in einer von Ambiguität geprägten Gesellschaft ermöglicht. Besonders cool ist dabei, dass die Entwicklungen in den einzelnen Bereichen sich dann gegenseitig bestärken und so immer besser funktionieren: Wenn ich also auf abprüfbare Faktenlehre verzichte und natürliches Lernen unterstütze, dann werden Lernende Schritt für Schritt durch die dann erfolgende gezielte Unterstützung mehr und mehr Verbindungen für sich herstellen können – und so immer weiter zum Lernen begeistert werden.

    Leider lässt sich dieser Prozess natürlich ganz genau so auch umkehren – und damit sind wir vielleicht näher an unserer aktuellen Realität: Wenn wir Ambiguität in unserer Gesellschaft verleugnen und entweder in Fundamentalismus oder in Gleichgültigkeit rutschen, dann braucht es auch in der Bildung keine Lern- und Lehrprozesse mit Ambiguität. Wir können stattdessen weiter an der traditionellen Lernkultur festhalten.

    Ambiguität und die Rolle der Technologie

    Ich schreibe diesen Blogbeitrag sehr unter dem Eindruck meiner Lektüre von Seymour Paperts Buch ‚The Children’s Machine‘. Das Buch stammt vom Anfang der 90er Jahre, als die ersten Computer in den Schulen ankamen, aber das Internet und erst recht KI-Technologie, wie wir sie heute kennen, noch in weiter Ferne lag. Seymour Papert entwirft in seinem Buch aus dieser Perspektive heraus mit sehr viel Technik- und Bildungsoptimismus ein Bild von Lernen in selbstverständlicher Interaktion mit Technologie, das uns wieder zu einem natürlichen und damit zu einem Lernen mit Ambiguität – wie oben beschrieben – zurückführen kann. Ich finde insbesondere zwei Bilder aus dem Buch für mein Weiterdenken zu Ambiguität und der Rolle von Technologie sehr plastisch:

    1. Papert weist auf den ersten Motorflug hin, der mit seinen (beim letzten Versuch) superkurzen 59 Sekunden im Vergleich zu den damals ansonsten schon existierenden Fortbewegungsmöglichkeiten lächerlich war. Man hätte diese neue Technologie also einfach zur Seite schieben können. Stattdessen blickten Menschen aber mit einem „Was könnte daraus weiter entstehen?“-Blick darauf – und so kam es, dass in der Folge die Menschen bis ins Weltall fliegen konnten. (Zur Ambiguität gehört hier dann natürlich auch der Hinweis, dass man berechtigt einwenden kann, ob solch ein „schneller, höher, weiter“ wirklich ein Fortschritt ist – oder nicht ein ganz anderer Blick auf die Technologie viel hilfreicher gewesen wäre.)
    2. Im Kontext der Bildung wählt Papert das Bild, dass ein Düsenjet an eine Pferdekutsche angeschlossen wird – was natürlich völliger Blödsinn ist und gar nichts bringt. Genau so erscheint es ihm aber oft, dass neue Technologien in die Bildung integriert werden. Sie werden an die bestehende Lernkultur „drangeklatscht“, was keine Hilfe ist – sodass sie dann im Kern immer weiter einverleibt und angepasst werden, anstatt dass die Lernkultur mit den Möglichkeiten der Technologie im Blick grundlegend verändert wird.

    Im Kontext der Debatte um generative künstliche Intelligenz in Form großer Sprachmodelle und mit dem dargestellten Blick auf die fehlende Berücksichtigung von Ambiguität eröffnen sich hier aus meiner Sicht interessante Perspektiven zum Weiterdenken. Dazu ist eine kurze Einordnung nötig:

    Neben grundsätzlicher und aus meiner Sicht sehr berechtigter Kritik an KI (Ressourcenverschwendung, soziale Ausbeutung, fehlende Transparenz und Demokratie …) liegt der Hauptfokus der Kritik bei KI-Sprachmodellen in der Bildung insbesondere auf den sogenannten „Halluzinationen“. Diese sind allerdings keine „Unfälle“, sondern in der Technologie angelegt. Die KI-Bots antworten uns nie verständig, sondern immer stochastisch – also nach einer Wahrscheinlichkeitsberechnung. Dabei kommen dann mal Ergebnisse raus, die näher an realer Welterfahrung liegen (= wir ordnen die Antwort als korrekt ein), und mal mehr davon entfernt sind (= wir ordnen die Antwort als Halluzination ein). Der pädagogische Blick auf KI-Sprachmodelle ist meist, dass das ein notwendiges Übel ist, das aber das sonstige Potenzial von KI-Sprachmodellen zum Lernen nicht schmälert (und hoffentlich mit besseren Modellen auch weniger wird).

    Wie wäre es aber, wenn wir KI-Sprachmodelle als etwas einordnen würden, was natürliche Lernprozesse gerade wegen dieser stochastischen Funktionsweise befördert – während es eben nur für das traditionelle Faktenlernen ein Problem ist? Wie wäre es, wenn wir KI-Sprachmodelle dann als Lernwerkzeuge nutzen, mit denen wir ganz ausgezeichnet weitere Verbindungen und Vernetzungen herstellen können – weil wir in diesem Fall ja immer an etwas anschließen und den Output einordnen können –, während es gar nicht mehr gebraucht wird, auf fremdbestimmte Fragen nach Antworten zu suchen, was uns dann in Gefahr bringen könnte, nicht nur isolierte Fakten, sondern sogar falsche isolierte Fakten abzuspeichern? Wie wäre es, wenn wir KI-Sprachmodelle als bewusst mehrdeutige „Resonanzmaschinen“ verstehen, die uns keine Antworten liefern, aber uns unterstützen können, die Welt gemeinsam mit anderen und mit pädagogischer Unterstützung immer weiter zu erschließen? Und wie wäre es dann, genau diese Perspektive und das damit verbundene Potenzial zum Anlass zu nehmen, um unsere Lernkultur tatsächlich zu verändern – anstatt auch diese Technologie mit Orientierung auf Automatisierung und Vereinfachung der bestehenden Lehrpraxis, mit möglichst klar strukturierten KI-Kompetenzmodellen zum Abhaken und mit einer Optimierung von Musterlösungs-Prüfungskultur in das bestehende Bildungssystem einzuverleiben und es so zu zementieren?

    Mir ist bewusst, dass dazu sehr andere Sprachmodelle nötig wären – mit bewusster Abbildung von Vielfalt, insbesondere auch in sprachlicher Hinsicht, mit mehr Transparenz und vor allem mit demokratischer Gestaltung. Für solch eine Entwicklung von Technologie ließe sich gemeinsam eintreten, wenn wir das mit dem Ziel von mehr Ambiguität in der Bildung verknüpfen.

    Ich möchte mit einem Disclaimer enden: Vielleicht ist dieser – für mich ungewohnt technikoptimistische – Blick ziemlich unrealistisch bzw. verfehlt. Vielleicht schätze ich auch die Möglichkeiten von KI-Technologien falsch ein. Die Überlegungen, dass wir in der Bildung aber mehr Ambiguität wagen sollten, bleiben davon aus meiner Sicht unbenommen. Mindestens daran möchte ich sehr gerne weiterdenken – und freue mich deshalb sehr über deine Ideen und Perspektiven dazu.

    Das Beitragsbild ist gemeinfrei und mit ChatGPT generiert.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #Lernkulturveränderung

  30. Warum soll ich die Maschine nutzen, wenn ich etwas lernen will?

    Es ist inzwischen schon über zwei Jahre her, dass Beat Döbeli Honegger Text und Grafik zur Frage „Warum soll ich etwas lernen, was die Maschine (besser) kann?“ in seinem Blog veröffentlicht hat. Ich habe diesen Denkanstoß seitdem in vielen Workshops und Fortbildungen aufgegriffen und mit Lehrenden und Lernenden dazu reflektiert. Ich finde diese Frage auch weiterhin relevant — vor allem, weil viele Lernende in einem oft als fremdbestimmt erlebten Bildungskontext sich genau diese Frage stellen.

    Zugleich merke ich, dass ich es aus pädagogischer Perspektive hilfreich fände, zusätzlich zur Frage nach dem Warum des Lernens im Kontext von immer leistungsfähigeren Maschinen auch die Frage nach dem Warum der Maschinennutzung im Kontext des Lernens zu stellen. Nicht, um Maschinennutzung auf diese Weise abzuwehren, sondern um zu einer pädagogisch klugen, weil lernförderlichen Nutzung zu kommen. Ich finde das vor allem deshalb wichtig, weil die vorherrschende KI-Debatte sehr stark auf Vereinfachung durch Automatisierung dank Maschinen orientiert – oft nicht aber zugleich auch auf menschliches Wachstum. Diese zusätzliche Frage lautet dann: Warum soll ich die Maschine nutzen, wenn ich etwas (wirklich) lernen will?

    Hier sind ein paar Antwortmöglichkeiten:

    • Weil ich in Interaktion mit der Maschine Inhalte vertiefter erschließen und verbinden kann.
    • Weil es mir Freude macht.
    • Weil ich mich von der Maschine sehr zielgerichtet beim Lernen unterstützen lassen kann.
    • Weil ich mit neuen, technologischen Entwicklungen Schritt halten will.
    • Weil ich mit der Maschine besser und schneller vorankommen kann.
    • Weil die Maschine mir neue Perspektiven eröffnen kann.
    • Weil mir die Maschine Zeit verschafft, um das zu lernen, was mich wirklich interessiert.
    • Weil ich durch die Maschine meinen Lernprozess selbst gestalten kann.
    • Weil ich durch die Maschine Inhalte so transformieren kann, wie sie für mich passend sind.
    • Weil ich mit der Maschine kreative Wege beim Lernen ausprobieren kann.

    Ähnlich wie bei Beats Antworten auf die ursprüngliche Frage ist auch diese Liste ganz sicher nicht abschließend, und bestimmt werden die Antwortmöglichkeiten auch hier von unterschiedlichen Lernenden als unterschiedlich sinnvoll empfunden. Das ausdrückliche Ziel der Reflexion ist deshalb ja auch, zu den je eigenen Antworten zu kommen.

    Ich mag an dieser Erweiterung, dass sich die Perspektive verschiebt. Ausgangspunkt ist dann das Lernen als ein aktiver und sinnstiftender Prozess, der uns Menschen zu eigen ist.

    Die Antworten auf diese Frage eröffnen zugleich auch sehr gut die Frage nach dem Wie des Lernens mit Maschinen. Denn zu fast allen hier vorgeschlagenen Antwortmöglichkeiten könnte ich auch fragen: Wie genau kann ich dazu die Maschine nutzen? Oder auch: Was brauche ich dazu? Schließlich eröffnet das Nachdenken über die Frage immer auch die Perspektive des bewussten Lernens ohne Maschinen, sofern ich in einem bestimmten Kontext keinen schlüssigen Grund dafür finde. Und auch diese Perspektive gehört ja zu einer klugen Maschinennutzung dazu.

    Falls du diesen Reflexionsanstoß in Lernangeboten weiter nutzen willst, dann findest du hier Grafik und H5P-Inhalt dazu.

    Lizenz: CC0 1.0

    Wer dazu gemeinsam mit anderen Lernenden und Lehrenden weiterdenken will, ist herzlich zum Fachtag des Bundesverbandes der Freien und Alternativschulen am 23. Mai 2025 im Bildungshaus Riesenklein in Halle (Saale) eingeladen. Ich biete dort einen Workshop dazu an! Hier geht es zur Anmeldung.

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #Lernkulturveränderung

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