home.social

#oeroffenheit — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #oeroffenheit, aggregated by home.social.

  1. Das Samentütchen-Prinzip im Kontext pädagogischer Materialerstellung

    Ich habe in den letzten Wochen viel mit so genannten KI-Agenten experimentiert. Solche KI-Modelle, denen man direkt Zugriff auf Dateien auf seinem Rechner bzw. auf Anwendungen im Internet geben kann, empfinde ich als eine Art ‚Next Level‘-KI.

    Schon zuvor war es deutlich einfacher geworden, Materialien für Lernangebote zu gestalten: Definitionen zu einem Thema, kurze Zusammenstellungen, Selbstüberprüfungen … Mit ein bisschen klugem Prompting und vor allem viel Kontext und bereitgestellten Primärquellen konnte sehr schnell etwas entstehen. Mit agentischer KI geht das nun noch direkter. Soll heißen: Ich muss nicht einmal mehr Copy & Paste machen, sondern ein KI-Modell kann z.B. eine statische Website, die ich für einen Workshop anbieten will, direkt online stellen. Oder ich kann zu meinen Inhalten für Moodle-Kurse oder andere Angebote direkt fertige H5P-Inhalte generieren lassen.

    Zusätzlich habe ich dann noch mit so genannten Designprompts experimentiert, mit denen sich das Layout einer Anwendung sehr einfach anpassen und gezielt gestalten lässt: Passt grün oder lila besser? Soll es eine moderne oder eher eine verspielte Schriftart sein? Will ich einen minimalistisch-wissenschaftlichen oder lieber einen warm-einladenden Look? Mit wenigen Eingaben lässt sich ein Material direkt sehr grundlegend umgestalten.

    Ich gebe zu: Ich finde und fand all diese Möglichkeiten ziemlich faszinierend und es macht viel Freude, damit zu experimentieren. Besonders cool empfinde ich das an den Stellen, wo ich früher sehr klar an meine Grenzen gestoßen wäre. Beispielsweise konnte ich schon vor der KI-Agenten-Zeit Websites mit einfachen Funktionen gestalten, aber so etwas wie meine neue Website Peerfeedback, die eine niederschwellige Anmeldung und dann direktes Feedback in Gruppen ermöglicht, hätte ich sehr wahrscheinlich nicht hinbekommen. Das ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen ich sehr viel Freude bei der Gestaltung und dem anschließenden Teilen hatte.

    Wenn ich mich in der Bildungs-Bubble so umschaue, dann scheine ich längst nicht die einzige zu sein, die solch eine Faszination verspürt. Überall ploppen immer mehr Materialien, Tools und ganz viele sehr professionell anmutende Inhalte auf.

    Genau diese Beobachtung ist es dann auch, die mich dazu bringt, diesen Blogbeitrag zu schreiben. Mein Plädoyer ist in aller Kürze vorangestellt: Lasst uns mehr Sorgfalt und gleichzeitig mehr Zurückhaltung bei der Materialerstellung im Bildungskontext üben. Als Bild möchte ich hierzu – passend zum schönen Frühling vor der Tür – ein Samentütchen anbieten.

    Was hat ein Samentütchen mit pädagogischer Materialerstellung zu tun?

    Ein Samentütchen beinhaltet zum einen ein paar Samen zum Einpflanzen. Zum anderen ein paar übersichtliche und prägnante Hinweise zum Pflanzen. Genau diese Elemente sind es, die aus meiner Sicht auch im Bildungskontext an Materialien hilfreich sind:

    • Die Samen können wir als inhaltliche Impulse verstehen.
    • Die Anleitung als methodische Vorschläge, wie damit gelehrt und gelernt werden kann.

    Damit etwas wachsen kann, ist solch ein Samentütchen mit diesen beiden Elementen zweifelsohne sehr wichtig. Zugleich ist damit die wichtigste Arbeit nicht getan. Vielmehr kann aus diesen Samen nur dann etwas entstehen, wenn es gute Samen sind und wir ihnen den benötigten Raum zum Wachsen bereitstellen und pflegen.

    Übertragen auf die Bildung: Natürlich ist es auch im Kontext von KI nicht obsolet, gut aufbereitete inhaltliche Impulse zu geben. Ebenso lassen sich ganz viele ‚Samen‘ auch in den Erfahrungen, Interessen und Möglichkeiten von Lernenden finden. Mit diesen Samen stehen wir als Pädagog*innen dann vor der Herausforderung, Lernen zu gestalten und dazu gute Räume zu ermöglichen. Beides ist also wichtig: Sorgfalt bzw. Wertschätzung bei den Samen und viel Raum für ihr Wachstum!

    Das Samentütchen-Bild ist für mich eine sehr gute Erinnerung daran, was wieviel benötigt wird und wovon es vielleicht zu viel bzw. zu wenig gibt, um dann meine pädagogischen Aktivitäten entsprechend darauf auszurichten.

    Aktuell ist mein Eindruck: Samen im Sinne von pädagogisch aufbereiteten Inhalten gibt es eher zu viel, wobei durch die schnelle Erstellungsmöglichkeit oft auch die Sorgfalt leidet und auch der Blick auf die von Lernenden selbst mitgebrachten Samen mehr noch als früher fehlt. Gut formulierte Beschreibungen auf den Samentütchen gibt es eher noch zu wenig. Häufig wird schnell erstellt, aber nur wenig überlegt, wie daraus auch etwas wachsen kann. Und die dazu dann vor allem benötigten Lernräume sind noch viel weniger im Fokus.

    Damit ist die Prioritätensetzung klar: Zurückhaltung und gleichzeitig größere Sorgfalt bei der Materialerstellung, größerer Fokus auf die pädagogische Gestaltung des Lernens!

    Solch eine Prioritätensetzung schreibt sich leicht, aber ich empfinde sie in der Umsetzung als herausfordernd. Das gilt umso mehr, da es oft mit Aufmerksamkeit belohnt wird, schnell etwas zu erstellen und zu teilen.

    Was bedeutet das für Open Educational Resources (OER) und Open Educational Practices (OEP)?

    Die Abkürzung OER steht für Open Educational Resources. Es handelt sich dabei um offen lizenzierte Bildungsmaterialien. Dank der offenen Lizenz können OER beliebig weiter genutzt und angepasst werden. Vor diesem Hintergrund eignen sich OER ausgezeichnet als ‚Samen‘ in unserem Bild von Samentütchen und Garten. Ich muss das Rad – gerade auch im Kontext von KI – nicht immer wieder neu erfinden und neu prompten, sondern kann bestehende Materialien weiter nutzen. Vor allem kann ich KI-Modelle ganz ausgezeichnet dafür nutzen, Materialien, die als OER zur Verfügung stehen, rechtlich sicher als Input zu verwenden und so ein gut passendes und hilfreiches Material zu erstellen. Mehr Sorgfalt bei der Materialerstellung heißt für mich im Kontext von KI deshalb auch, OER in gut weiternutzbaren Formaten anzubieten.

    Die Abkürzung OEP steht für Open Educational Practices. Darunter verstehen wir Bildungspraktiken, mit denen unter Nutzung von OER kollaborativ, partizipativ und selbstbestimmt gelernt wird. Viele, insbesondere reformpädagogische Ansätze praktizieren in diesem Sinne schon sehr lange OEP, ohne dass dafür dieser Begriff verwendet wurde.

    OEP sind somit der Garten in unserem Bild des Samentütchens. Insbesondere im Kontext von KI wird es wichtiger, gerade auf die Gestaltung dieser Räume und damit auf OEP einen pädagogischen Fokus zu legen.

    Fazit: Mehr Raum zur Entfaltung geben!

    Das Samentütchen-Bild ist kein Plädoyer gegen Materialerstellung in Interaktion mit KI-Sprachmodellen. Vielmehr ist es eine Einladung, die eigenen Schwerpunkte zu überdenken:

    • Wenn es auf einen Klick möglich ist, zu einem inhaltlichen Thema unterschiedlichste, sehr professionell anmutende Materialien zu erstellen, ist es dann eine sinnvolle Schwerpunktsetzung, genau darauf einen Großteil meiner Zeit zu verwenden?
    • Macht es die potentielle Schnelligkeit bei der Erstellung nicht umso wichtiger, mehr Sorgfalt walten zu lassen?
    • Sollte ich meine Zeit nicht verstärkt nutzen, um zu überlegen, wie ich mit diesen vielfältigen Samen Räume gestalte? Räume, in denen es vielleicht manchmal sogar weniger Samen braucht, weil wenn alles zugekippt wird, auch nichts mehr wachsen kann.
    • Und vor allem: Wie kann ich mich mit Kolleg*innen verbinden und austauschen und gemeinsam an diesen pädagogischen Herausforderungen zu arbeiten?

    Ich freue mich, wenn wir diese Fragen im Bildungsbereich wichtiger nehmen und darüber in Austausch kommen.

    #KünstlicheIntelligenzKI #OEROffenheit
  2. KI-Experimente: Arbeit mit Design-Prompts – am Beispiel der Website kuratierung.de

    Kürzlich habe ich, weil ich es für einen Vortrag brauchte, die Website kuratierung.de online gestellt. Es ist ein kleines, offenes Webtool, was für mich und alle, die es nutzen wollen, die Funktion erfüllt, dass man dort mehrere Links eintragen kann und dann einen übergreifenden Link erhält, der alle Links als Sammlung zusammengestellt anzeigt.

    Ich finde das in unterschiedlichen Kontexten hilfreich. Hier sind drei Beispiele:

    1. Im Vorfeld einer Veranstaltung möchte ich Lernenden ein paar Inspirationen zum Lesen anbieten. Dazu würde ich einfach ein paar Beiträge zusammensuchen, diese anteasern, dann als Sammlung anlegen und als einen Link teilen.
    2. Bei Online-Veranstaltungen werden oft viele Links im Chat geteilt. Diese lassen sich am Ende sichern, als Sammlung eintragen und für alle teilen.
    3. Bei Vorträgen kann ich ankündigen, dass alle Websites, die ich erwähne im Sinne von ‚Shownotes‘ am Ende geteilt werden. Dazu kann ich bereits im Vorfeld eine Sammlung anlegen und diese dann auf meiner letzten Folie teilen.

    Die Website kuratierung.de war in Interaktion mit Claude.Code und meinem ‚Easy Coding‘ Skill, den ich mir dazu entwickelt habe, recht schnell erstellt. Ursprünglich sah die Website so aus:

    Screenshot der ursprünglichen Website

    Dieses Aussehen war nicht überraschend, denn ich hatte festgelegt, dass ich das Pico.CSS nutzen will und auch das Farbmuster entsprechend definiert. Grundsätzlich mag ich solch einen minimalistischen Stil auch sehr gerne.

    Nun bin ich gestern Abend auf die Website Design Prompts gestoßen. Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung von typischen Design-Mustern, die für KI-Interaktion aufbereitet sind. Ich kann mir dort also einen bestimmten Stil aussuchen und mir dann einen Prompt kopieren, in dem dieser Stil für ein KI-Modell sehr detailliert beschrieben wird.

    Ich wollte das gerne ausprobieren – und die angelegte Kuratierungsseite erschien mir dazu ein gutes Experimentierfeld. Ausgewählt habe ich den Bauhaus-Stil. Meine Interaktion war dann nur noch, den entsprechenden Ordner mit den Dateien für das Mini-Tool anzusteuern – und dann im KI-Chat dazu aufzufordern:

    Hier ist ein Design Prompt. Passe diese Website entsprechend an.

    Das klappte tatsächlich ohne weitere Nachbesserungen von meiner Seite. Hier kannst du dir das Ergebnis anschauen (und das Tool gerne für dich nutzen):

    Zu Kuratierung.de

    Warum teile ich das?

    Ich finde es erstens hilfreich, solche Experimente festzuhalten und zu dokumentieren. Als eine Person, die sehr viel Inhalte ins Internet stellt und sehr wenig Ahnung von Design hat, finde ich die Möglichkeit solcher Design Prompts erst einmal ziemlich faszinierend. Früher war mein Weg, dass ich vorgefertigte Templates nutzte, z.B. die Angebote von HTML5Up. Jetzt gibt es tatsächlich sehr vielfältigere und in der Anwendung auch einfachere Optionen.

    Zweitens finde ich die Möglichkeit von Design Prompts im Kontext von Open Educational Resources sehr spannend. OER sind ja offen lizenzierte Bildungsmaterialien, die somit frei angepasst und weiter genutzt werden können. Mit Design Prompts ergibt sich nun auch sehr stark die Möglichkeit, solch einen Remix sehr grundlegend mithilfe von vorab angelegten Mustern anzugehen.

    Solche Muster können erstens wie hier dargestellt ‚Design Prompts‘ sein. Es ließen sich auf diese Weise Design Prompts z.B. für unterschiedliche Moodle-Kurse erstellen und diese dann jeweils anwenden. Oder auch für ein bestimmtes Foliendesign oder eben auch für Mini-Tools zum Lernen.

    Ganz genauso kann man die Idee von Design Prompts aber ja auch weiter spinnen und in Richtung der methodischen Gestaltung denken. Das wären dann ‚Meta-Prompts‘ im Sinne von ‚Lernangebot mit Inspirationen‘, ‚austauschorientiertes Lernangebot‘ und vieles mehr. Auch dazu ließen sich dann bestimmte Muster identifizieren und festlegen. Und auf diese Weise dann in veränderter Art und Weise Online-Räume entwickeln.

    Für die OER-Debatte verschiebt sich der Fokus damit in doppelter Hinsicht:

    1. Die eigentlichen Inhalte, der Kern eines Materials, werden deutlich wichtiger. Es ist dann in der Perspektive von Weiternutzung hilfreich, wenn ich selbst und auch andere möglichst gut damit ihre jeweils eigenen Materialien erstellen können. Das erinnert an die Diskussion um „Markdown first“ in der OER-Community: Wenn der Kern wirklich gut strukturiert und zugänglich ist, können daraus verschiedenste Formate entstehen. Design Prompts wären dann sozusagen die „Übersetzungsschicht“ zwischen Inhalt und konkreter Umsetzung.
    2. Die Meta-Ebene der Materialien im Sinne von remixbaren Mustern wird wichtiger: wie dargestellt sehr naheliegend auf der Ebene des Designs, aber vielleicht ja ganz genauso auch auf methodischer Gestaltungsebene. Ich fände es sehr spannend, dazu weiter zu experimentieren! Und grundsätzlich muss das ja auch gar nicht in Richtung Effizienz und langweiliger Einheitsbrei gehen, sondern könnte ja auch eine Möglichkeit sein, über die Diskussion der dahinter liegenden Muster sogar deutlich bessere Sachen entwickeln zu können.

    Ganz konkret ergibt sich für mich erst einmal die Herausforderung, bei meiner eigenen OER-Erstellung Weiternutzung in veränderter Form mitzudenken: Es geht viel mehr als bisher darum, dass nicht nur Menschen allein ein Material für sich nutzen und anpassen können. Sie werden das zugleich umso besser können, wenn ich das Material so gestalte, dass eine Anpassung und Weiternutzung mit KI-Interaktion gut gelingt. Vielleicht braucht es in diese Richtung einen neuen bzw. mindestens erweiterten und konkretisierten ‚Gold-Standard‘ für OER.

    Fazit

    Aktuell basiert KI-Technologie darauf, dass von Menschen und Communities erstellte Inhalte massenhaft eingesammelt und in große Monopole eingespeist werden. Das ist natürlich Mist und führt tendenziell dazu, dass die Menschen und Communities, die so etwas machen, deutlich schlechtere Rahmenbedingungen für ihre Arbeit haben. Ich weiß nicht, ob es gelingen kann, dem etwas entgegen zu setzen. Wenn es aber möglich ist, dann sehe ich die OER-Community da in einer sehr relevanten Position, um gemeinsam auf veränderte Art und Weise Materialien zu gestalten, die uns allen besser noch als vorher die Möglichkeit bieten, sie für die Gestaltung von guten Lernräumen zu nutzen.

    #KünstlicheIntelligenzKI #OEROffenheit #Tools
  3. Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik

    Erschließe dir den Beitrag mit KI-Interaktion!

    Wähle die Interaktion, die dich bei der Erschließung dieses Beitrags am meisten interessiert. Klicke auf den Button – ein vollständiger Prompt wird automatisch in deine Zwischenablage kopiert. Füge ihn dann in ein Sprachmodell deiner Wahl ein.

    Erkläre mir den Inhalt des Textes einfach und prägnant! Warum könnte dieser Beitrag für mich spannend sein? Was spricht gegen die Thesen dieses Beitrags? Gib mir drei Fragen für einen Austausch über den Beitrag Was wäre ein konkreter Schritt, den ich aufbauend auf diesem Beitrag angehen könnte?

    Hiermit möchte ich den Nordstern einer gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik in die Debatte zu Bildung im digitalen Wandel einführen. Ich sehe den folgenden Beitrag dazu als ersten Aufschlag und freue mich über zusätzliche Perspektiven und gemeinsames Weiterdenken.

    Was ist und warum braucht es gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik?

    Bildung findet heute zu einem großen Teil im Spannungsfeld zwischen vielfältigen Möglichkeiten und gesamtgesellschaftlichen Krisen statt. Aufgabe von Bildung ist es in dieser Situation insbesondere, zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit zu ermutigen und zu ermächtigen. Das bedeutet konkret, dass Lernende angesichts der zahlreichen Krisen nicht mit Rückzug und Fatalismus reagieren, sondern bestärkt und befähigt werden, gemeinsam mit anderen für soziale, demokratische, friedliche und ökologische Veränderungen aktiv zu werden.

    Im Kontext der Digitalisierung ist das besonders relevant, denn gerade hier ist zwischen digitaler Utopie und digitaler Dystopie, die sich in der gesamtgesellschaftlichen Debatte munter abwechseln, kaum Raum, um ins Gestalten zu kommen. Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik eröffnet dazu einen Weg.

    Das Konzept hat dabei zwei wichtige Grundlagen:

    1. Digitalisierung wird nicht primär als Werkzeug eingeordnet, was es überwiegend individuell zu lernen und zu gestalten gilt. Stattdessen geht es um eine systemische Perspektive auf die Digitalisierung, die kollektives Lernen und Gestalten erfordert.
    2. Digitalisierung wird mit einer normativen Orientierung verbunden. Das Ziel ist die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse und damit die Erweiterung von Gemeinwohl.

    Grundlegend für eine gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik ist für mich, dass mit diesem Ansatz digitale Infrastruktur und Eigentum sowie die damit verbundenen Interessen in den Blick genommen werden. Das ist nötig, um eine grundlegende Alternative zur vorherrschenden Form der Digitalisierung zu eröffnen. Denn digitale Anwendungen werden in dieser vorherrschenden Gestaltungsform meist im Sinne einer solutionistischen Herangehensweise entwickelt, die erstens Technik anstelle sozialer Aushandlung als primäre Lösung für Herausforderungen einordnet und zweitens erkannte Bedürfnisse direkt auf ihre Verwertbarkeit hin abklopft. Digitalisierung wird mit dieser Herangehensweise somit vor allem als Möglichkeit verstanden, um Anwendungen zu entwickeln, die Profite versprechen und bestehende Macht- und Eigentumsstrukturen nicht antasten oder diese sogar noch weiter zementieren. Gemeinwohlorientierte Digitalisierung zielt stattdessen auf eine Digitalisierung, die der Allgemeinheit dient. Menschen können auf diese Weise tatsächlich zu Gestalter*innen ihrer (längst und immer mehr digital geprägten) Lebenswelt werden.

    Solche grundsätzlichen Änderungen brauchen kritisches Denken, Verlernen und Neulernen. Dazu ist Pädagogik erforderlich. Zugleich ermöglichen diese Änderungen dann wiederum pädagogische Perspektiven, die Lernenden Gestaltungsmacht für die Entwicklung wünschenswerter Zukünfte ermöglichen.

    Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik hat dabei Ähnlichkeit mit medienpädagogischen Ansätzen und insbesondere der kritischen Medienpädagogik. Als Bild eines Eisbergs dargestellt erweitert sie klassische Medienkompetenzmodelle (z. B. nach Dieter Baacke), die vor allem sichtbar-individuelle Handlungsebenen adressieren, um eine stärker strukturelle und systemische Perspektive. Es geht dann nicht mehr nur um das Verstehen und Reflektieren von Medien, sondern digitale Infrastrukturen, Macht- und Eigentumsstrukturen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen kommen stärker in den Blick. Bei Nutzung und Gestaltung von Medien wird auf souveräne und selbstbestimmte Nutzung digitaler Räume mit Blick auf die dahinterliegenden Strukturen gezielt und die aktive, gemeinwohlorientierte Mitgestaltung digitaler Infrastrukturen und Praktiken in den Fokus genommen.

    Gemeinwohlorientierte Digitalpädagogik hat für mich vor diesem Hintergrund zwei zentrale Dimensionen:

    • Sie ist erstens Lerngegenstand: Hier geht es darum, weg von einem Werkzeugverständnis der Digitalisierung hin zu einer systemischen Betrachtungsweise zu kommen. Es geht darum zu analysieren, zu reflektieren und Schritt für Schritt zu verstehen, wie die für uns sichtbare Digitalisierung durch die dahinterliegende Infrastruktur geprägt wird und diese zugleich politisch, ökonomisch und kulturell mitformt. Diese Perspektive ermöglicht es, ein Verständnis zu entwickeln, an welchen Hebeln eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung ansetzen muss.
    • Sie ist zweitens Gestaltungsprinzip: Hier geht es darum, zu lernen und vor allem praktisch zu erkunden, wie Digitalisierung orientiert am Gemeinwohl gestaltet sein kann. Wie immer im Kontext der Digitalisierung geht es hier natürlich auch um technische Fragen (z.B. Wie baue ich einen eigenen Server auf?). Mindestens ebenso wichtig (und pädagogisch aus meiner Sicht wahrscheinlich noch relevanter) ist die Frage, welche Praktiken der Zusammenarbeit und der Gestaltung eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung braucht. Hier lassen sich dann Ansätze wie Commons und Open Source, Kultur des Teilens, Open Educational Resources und Open Educational Practices und viele andere Ansätze aufgreifen und vertiefen.

    Der Kern all dieser Aktivitäten ist eine kollektive Herangehensweise. Denn Änderungen auf systemischer Ebene werden nicht individuell erreicht werden können.

    Genau dieser kollektive Ansatz ist es dann auch, der in der Pädagogik realistische Wege ausgehend vom Hier und Jetzt für die Ermächtigung und Ermutigung von Lernenden zu gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit ermöglicht. Schulen und andere Bildungseinrichtungen können und sollten deshalb Treiber und Akteure einer gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik sein.

    Leseempfehlung

    Einen ausgezeichneten Einstieg in das Thema der gemeinwohlorientierten Digitalpädagogik bekommst du über das Buch Broligarchie von Aya Jaff. Die große Stärke dieses Buches liegt für mich darin, dass Aya in dem Buch ihren eigenen Weg als Lernreise beschreibt. Sie war früher Teil der vorherrschenden Digitalszene. Ihr Buch ist nun weniger ein klassischer Aussteigerbericht (auch wenn das schon auch Teil ist), sondern Schritt für Schritt die Darstellung, wie und warum sie die damit verbundenen grundlegenden Widersprüche für sich reflektiert hat und wie sie damit beginnt, sich mit anderen zusammenzuschließen und Alternativen zu entwickeln.

    Das Buch ist dabei durchgängig klar und niederschwellig geschrieben. Sie beschönigt nicht, aber bleibt auch nicht bei der Beklagung des Ist-Zustands stehen, sondern macht Mut, sich einzubringen und aktiv zu werden.

    #DigitaleMündigkeit #OEROffenheit
  4. Ein Spiel mit vielen Nordsternfragen

    In Kürze erscheint mein Buch ‚Lerngestaltung weiterdenken‘ im Beltz-Verlag. Um eine gute Auseinandersetzung mit den Inhalten zu ermöglichen, habe ich auf Grundlage des Buches ein Reflexionsspiel gestaltet, das sich auch unabhängig von der Lektüre des Buches sowohl in kleineren, als auch größeren Gruppen nutzen lässt.

    Die Idee

    Mein Buch startet mit der Begründung, warum es wichtig ist, Lerngestaltung im digitalen Wandel weiterzudenken. Anschließend beleuchte ich mehrere Aspekte, die in diesem Zusammenhang aus meiner Sicht besonders relevant sind. Zum Beispiel Selbststeuerung zu unterstützen, Feedback zu geben, kritisches Denken zu fördern oder die Entwicklung von Ideen anzuregen. Ich stelle für diese und viele weitere Aspekte meine Erfahrungen und Ideen zum Weiternutzen vor. Zusätzlich formuliere ich zu jedem Aspekt eine Nordsternfrage, an der es sich aus meiner Sicht lohnt, für eine veränderte Lerngestaltung weiter zu denken. Das entwickelte Spiel ist nun dazu gedacht, genau dieses Weiterdenken zu unterstützen.

    Die Nordsternfragen

    Hier ist die Liste der Nordsternfragen, die ich in meinem Buch formuliere:

    • Wie können wir Lernen so gestalten, dass sich alle wohlfühlen und zugleich mitgestalten können, was sie brauchen?
    • Wie können wir Lerngestaltung und unser eigenes Lernen mit Ernsthaftigkeit betreiben und so Begeisterung wecken und auf Resonanz orientieren?
    • Wie können wir Impulse mit einer Orientierung auf aktives Lernen verbinden und dazu beispielsweise eine Transfer-Methodik nutzen?
    • Wie können wir Lernende dabei unterstützen und begleiten, gute und für sie relevante Fragen zu entwickeln?
    • Wie können wir einen guten Rahmen schaffen, in dem Lernende im Austausch von- und miteinander gemeinsam und gleichberechtigt lernen können?
    • Wie können wir die Entwicklung von Kreativität im Sinne von ’neu denken‘ bei Lernenden unterstützen und in Lernangeboten Raum für die Entwicklung von Ideen schaffen?
    • Wie können wir die Entscheidungsfindung von Lernenden individuell und in Gruppen unterstützen?
    • Wie können wir Lernenden lernförderliches Feedback geben und sie auch selbst zu gutem Feedback Geben und Nehmen befähigen?
    • Wie können wir Lernende bei der schrittweisen Entwicklung von Selbststeuerung beim Lernen unterstützen?
    • Wie können wir Lernenden ermöglichen, Lernen zu ihrer Sache zu machen und ihnen wichtiges Handwerkszeug zur Entwicklung kritischen Denkens weitergeben?
    • Wie können wir in unserer Lerngestaltung darauf orientieren, das Lernen zu dokumentieren und Erkenntnisse zu teilen – sowohl individuell für uns als auch gemeinsam mit Lernenden?

    Das Spiel

    Die Gestaltung des Spiels sieht so aus:

    • Man findet sich in Kleingruppen zusammen. Jede Kleingruppe erhält ein Kartenset mit Nordsternfragen.
    • Die Nordsternfragen werden nach Relevanz und Aktualität priorisiert. Mit den so ausgewählten Karten wird weiter gearbeitet.
    • Auf der Rückseite der Karten befindet sich ein QR-Code, der zu einem Online-Material führt, das ein Audio mit einer fiktiven Lernenden-Geschichte, mehrere Leitfragen zur Reflexion und einem KI-Prompt mit Inhalten des Buches zur weiteren Auseinandersetzung erhält. Mit diesen Materialien können konkrete Ideen für die Lerngestaltung im jeweils eigenen pädagogischen Kontext entwickelt werden.
    Das Kartenset in Aktion

    Die Gestaltung des Spieles war auf Grundlage meines Manuskripts rechtlich sicher möglich, da die Inhalte als OER veröffentlicht werden und so weiter genutzt werden dürfen.

    Zum Material

    Wenn du das Spiel mit Kolleg*innen ausprobieren oder für Fortbildungen weiternutzen willst, findest du es auf der zum Buch eingerichteten Website lerngestaltung-weiterdenken.de

    Zum Spiel

    #MethodenLernformate #OEROffenheit

  5. Kurz notiert: CC Signals

    Ich bin heute auf die Ankündigung von Creative Commons zu den so genannten CC Signals gestoßen und habe mir ein bisschen Zeit genommen, um mich dazu zu orientieren. Meine ersten Learnings und Schlussfolgerungen teile ich hier.

    Was ist CC Signals?

    Die Abkürzung CC steht für Creative Commons. Bisher arbeite ich vor allem mit dem Lizenzset dieser Organisation. Denn die ‚Creative Commons Lizenzen‘ haben sich als Standard im pädagogischen Bereich bei der Arbeit mit Open Educational Resources (OER) etabliert. Mit einer CC-Lizenz lässt sich bei einem Inhalt festlegen, wie er weiter genutzt werden darf.

    Als die CC-Lizenzen entwickelt wurden, gab es generative KI-Systeme in der heutigen Form und Verfügbarkeit noch nicht. Inwieweit CC-lizenzierte Inhalte für das Training von KI-Modellen verwendet werden dürfen, ist deshalb nicht geregelt. Genau diese Lücke wird mit CC Signals zu schließen versucht. Die Argumentation lautet: Wenn wir es nicht regeln, wird nicht mehr geteilt. Das ist schlecht für alle!

    (Für die individuelle Nutzung kommt man mit CC-Lizenzen dagegen schon jetzt durchaus weiter: Einen Text der z.B. unter CC BY lizenziert ist, darf ich in ein Sprachmodell eingeben und mir eine Zusammenfassung generieren lassen, aber muss dann eben bei der Weiternutzung des neu entstandenen Textes einen entsprechenden Lizenzhinweis angeben. Das ist lizenztechnisch ähnlich, als wenn ich einen CC-BY lizenzierten Text mit einem Übersetzungstool übersetzen lasse).

    Wie funktioniert CC Signals?

    CC Signals sollen eine Art Set, wie auch bei den bisherigen Lizenzen und zusätzlich zu diesen werden. Man soll sich somit aus einzelnen Bestandteilen ein passendes CC Signal zusammen stellen können.

    Diese Elemente werden diskutiert:

    • Credit – Namensnennung (= Nennung des Urhebers + Quelle)
    • Direct Contribution – direkte Unterstützung (Zahlt oder unterstützt direkt den Rechteinhaber.)
    • Ecosystem Contribution – Unterstützung des Ökosystems (= Zahlt oder unterstützt die Gemeinschaft, aus der der Inhalt stammt.)
    • Open – Offenheit (= Nutzung ist nur erlaubt mit einem offenen KI-System).

    Spontan fände ich für meine weiterhin unter CC BY veröffentlichten Inhalte z.B. das CC Signal Credit + Open sympathisch. Dieses würde ich dann zusammen mit der Lizenz sowohl maschinenlesbar als auch für Menschen lesbar auf meine Website packen.

    Kann ich die CC Signals jetzt schon nutzen?

    Bis jetzt gibt es die CC Signals nur als Ankündigung und ersten Entwurf. Das Ziel ist nun, gemeinsam mit der Community daran zu arbeiten und zu diskutieren. Eine erste richtige Version soll dann planmäßig im Spätherbst veröffentlicht werden.

    Offene Fragen betreffen insbesondere die Frage, wie die geplante Unterstützung in den Signals geregelt werden soll.

    Um sich an der Entwicklung und Diskussion zu beteiligen, nutzt man am besten das dafür eingerichtete Github-Repository. Zum Austausch in sozialen Netzwerken gibt es den Hashtag #CCSignals.

    Sind CC Signals eine gute Sache?

    Zu dieser Frage habe ich noch keine abschließende Einschätzung, aber zumindest ein paar erste, kritische Gedanken von anderen zusammen getragen:

    1. Wenn man gegenüber KI-Systemen grundsätzlich kritisch bis ablehnend eingestellt ist, dann sind die CC Signals definitiv ein schlechter Weg. Es wäre dann sinnvoller, direkt in den Lizenzen festzulegen, dass ein Training mit offenen Inhalten grundsätzlich untersagt ist. Das lässt sich damit begründen, dass man Inhalte unter CC freigegeben hat, damit andere Menschen (!) – nicht Maschinen – diese Inhalte weiternutzen können. Vor diesem Hintergrund können CC Signals auch als unpassend für die CC Community eingeordnet werden.
    2. Die CC Signals könnten technisch zum Beispiel in einer robots.txt Datei auf einer Website oder einem Repository abgelegt werden. Diese Datei würde AI-Crawlern signalisieren, was mit den Inhalten gemacht oder auch nicht gemacht werden darf. Das Problem ist allerdings, dass sich offensichtlich die wenigsten Crawler an solche Festlegungen halten.
    3. Angesichts der bisherigen Praxis, dass KI-Unternehmen massenhaft Inhalte ungefragt für das Training ihrer Modelle verwendet haben, ist es etwas naiv anzunehmen, sie könnten nun plötzlich aufgrund eines freundlichen Signals für die Inhalte bezahlen. Hier bräuchte es mehr rechtliche Verbindlichkeit.

    Ich ergänze noch, dass die Handhabbarkeit von CC Signals mir sehr auf größere Repositories und Organisationen ausgelegt zu sein scheint. Mir ist im Kontext Offenheit aber Dezentralität sehr wichtig. Und ich selbst teile meine Inhalte auch als Einzelperson.

    Positiv lese ich, dass die CC Signals ein wichtiger Schritt sein könnten, um offene Inhalte in einem KI-geprägten Internet zu bewahren und zu stärken.

    Die Diskussion wird sicherlich – auch in der deutschsprachigen OER-Community – spannend!

    #KünstlicheIntelligenzKI_ #OEROffenheit

  6. Ein Pixi-artiges Büchlein zu Open Educational Resources (OER)

    Bestimmt kennst du die kleinen, handlichen Pixi-Büchlein, die es zu verschiedenen Themen gibt und die immer wieder schöne Mitbringsel für Kinder sind. Was weniger Menschen wissen: So ähnliche Büchlein gibt es auch für Erwachsene. Die Reihe nennt sich kurz& mündig und sie wird vom Verein Digitalcourage herausgegeben. Die Themen sind vielfältig: Faire Websites, digitale Bildung, Irrweg Uploadfilter oder Einstieg ins Fediverse sind nur einige von vielen Angeboten. Die inhaltliche Klammer ist digitale Mündigkeit.

    Ich mag diese Reihe, weil sie sich ganz wunderbar dazu eignet, solch ein Büchlein einer anderen Person in die Hand zu drücken, wenn man sie beim Einstieg in ein Thema unterstützen oder sie auf etwas hinweisen will. Ich habe das im letzten Jahr vor allem sehr häufig mit dem Fediverse-Büchlein aus dieser Reihe getan, wenn mich Menschen gefragt haben, ob Mastodon denn eine gute Twitter-Alternative sei und wie sie sich dort registrieren können. (Kurze Antwort: Ja, ist es – und noch viel mehr. Und die Registrierung ist nicht schwierig!)

    Nun gibt es ein weiteres Heft in der Reihe: Und zwar zu Open Educational Resources (OER). Der Untertitel erklärt den Inhalt: Wie freie Materialien funktionieren und warum dir das hilft! Jöran und ich haben das Büchlein gemeinsam geschrieben, Isabel Wienold hat das Heft grafisch gestaltet und Katrin Schwahlen hat die Redaktion übernommen. Wie es sich für ein Heft über OER gehört, ist es (wie die meisten (alle?) anderen Bände der kurz& mündig Reihe auch) natürlich auch selbst ein OER. Die Lizenz ist CC BY 4.0.

    Wir hatten bei der Gestaltung viel Freude damit, so wenig wie möglich ganz neu zu schreiben oder zu gestalten und stattdessen soviel wie möglich, von anderen weiterzunutzen. All das haben wir dann in kreativer Art und Weise sinnvoll zusammengestellt. Dabei haben wir auch mit neuen Formen der Weiternutzung im Kontext von KI experimentiert. (Beispiel: Ein offen lizenziertes Video transkribieren lassen und dann von einem Open Source Sprachmodell eine Zusammenfassung dazu schreiben lassen).

    Du kannst das Heft bei Digitalcourage in der Print-Version für 5 Euro bestellen. (Die Einnahmen fließen in die Arbeit von Digitalcourage und werden unter anderem für die Produktionskosten solcher Büchlein verwendet. Jöran und ich haben für das Schreiben kein Honorar in Rechnung gestellt).

    Außerdem gibt es das Büchlein hier zum Download:

    kurz& mündig OER-BüchleinHerunterladen

    Wer noch nach einem Grund sucht, um zum OER-Festival nach Essen zu fahren: Es wird dort viele Freiexemplare des Büchleins geben! 🙂

    #MicroContent #OEROffenheit