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#wundersamebahn — Public Fediverse posts

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  1. Kameras retten nicht – nur Menschen

    Trauer um Serkan C. – Wundersame Bahn CCXLII

    Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Ich kriege immer zuviel, wenn ich mehr oder weniger prominente Nasen sehe, die sich vor Tagesschau-Kameras stellen, um Trauer zu demonstrieren (oder zu simulieren). Mehr Respekt habe ich vor solchen, die handeln. Dazu ein paar Vorschläge – wobei offenbleiben muss, ob sie diesen Mord/Totschlag/Unfall verhindert hätten. Kameras jedenfalls nicht.

    Kameras befriedigen das Voyeur-Interesse von Medien und Öffentlichkeit, und zwar immer, wenn es zu spät ist. Mit einer Ausnahme: wenn die Kamera in kürzester Frist/Distanz Hilfe auslöst. Dann verliert sie freilich den Spareffekt, für diesen Zweck wurde/wird sie installiert: menschliche Arbeitskraft ersetzen. Das rettet niemanden. Für Rettung muss ein Mensch die Kamerabilder sehen, erkennen und sofortige Hilfe durch echte Menschen auslösen. Das ist Personalaufwand, und nicht -ersparnis.

    Das ginge u.U. auch billiger, und zwar um den Betrag, den die Kamerainstallation kostet. Ich bin jetzt noch ein paar Tage 68. Ich habe noch die vielgescholtene Deutsche Bundesbahn erlebt, überwiegend in der West-BRD. Sie betrieb kleine und grosse Bahnhöfe.

    Wenn ich nur mal den hier in Beuel nehme, von dem einst Fernzüge nach ganz Europa verkehrten. Er hatte nicht nur Fahrkartenschalter, sondern auch Gepäckabfertigung, Bahnsteigaufsicht, Bahnhofsgaststätte, Kiosk, Stellwerk und individuelle Bahnsteigdurchsagen. Mann nennt es “Infrastruktur”. Die gab es in jeder Kleinstadt, so wie es dort Postämter gab, die auch ausserhalb der Landenöffenungszeiten mit echten Menschen besetzt waren.

    Und tja, es gab in den Zügen “Schaffner*innen”, und in der Regel nicht nur eine*n. Heute ziehen es die Betreffenden in überfüllten Nahverkehrszügen vor, sich in ihren Dienstkabinen unsichtbar zu machen, bis das Schlimmste vorbei ist. Dafür habe ich grösstes Verständnis – auch wenn es die Wut der Fahrgäste eher eskaliert als eindämmt.

    Ich selbst hatte in den letzten 25 Jahren zwei schwerwiegende Clashs mit Zugbegleitungen. Die Ältere, mit einem Zugbegleiter aus Rheinland-Pfalz, dem gleichen Zwergstaat in dem Serkan C. jetzt sein Leben verlor, im RE5 (Koblenz-Wesel/Emmerich), den zweiten 2017 in der Mittelrheinbahn (Köln-Deutz bis Koblenz/Bingen/Mainz), also ebenfalls sehr Rheinland-Pfalz.

    Ich bin erfahrener Pendler, und gut ausgebildet in sachlichem Argumentieren. So verliefen beide Konflikte ohne menschliche Schäden. Sie wurden sogar konstruktiv gelöst, wenn auch mit einigem nervlichen Aufwand. Die wenigsten Fahrgäste haben die Bahnkenntnis, die sie 250-teilige Serien publizieren und über 1.000 Folgen “Eisenbahnromantik”, die frevelhafterweise vom SWR (= Rheinland-Pfalz!) eingestellt wurden, betrachten lässt. Was wären nun mögliche Lösungen?

    1. Das Tarifsystem

    Das Tarifsystem der vielgescholtenen Deutschen Bundesbahn war nachvollziehbar und (für fast jede*n) verständlich. Digitalisierung gab es nicht. Herr Mehdorn und seine damalige Sündenziege Brunotte haben das Chaos ausgelöst, das die heutige Deutsche Bahn AG immer weiter auf die Spitze treibt. Die Fahrkarten waren aus Pappe und wurden von klobigen mechanischen Geräten in Sekundenschnelle an einem von Menschen besetzten Fahrkartenschalter ausgespuckt und von*m Schaffner*in mechanisch abgeknipst und entwertet. Der Clou: sogar das Nachlösen im Zug war möglich! Es kostete zunächst 3, später 5 MARK!

    2. Menschen an Bahnhöfen (und Monitoren)

    Rat, Hilfe, Rettung wird immer benötigt, überall, wo Menschen sind und aufeinandertreffen. Die Forderung von NRW-Verkehrsminister Krischer, dass Zugbegleitungen immer (mindestens) zu zweit besetzt werden sollen, allein schon zum Zwecke der “Eigensicherung”, ist richtig. Ob sein Wunsch nach mehr “Bundespolizei” durch einen Landespolitiker zielführend ist, ist dagegen eine offene Frage. Mitunter laufen in so manchem Hauptbahnhof mehr breitschultrige, skinheadartige Privat-Seciurities herum, die sich mit der Vertreibung von Obdachlosen beschäftigen, während nirgends mehr ein DB-Service(!)-Personal zu finden ist. Nur mal so als Beispiel: für Gehbehinderte, die in Beuel auf einen anderen Bahnsteig als den mit der 1 wollen.

    3. Ausbildung

    Nahezu gleichzeitig mit dem Mord/Totschlag/tödlichen Unfall von Serkan C. erschien diese lobens- und sehenswerte NDR-Doku, auf die ich sogleich hingewiesen habe. Wenn wir den Vorlauf eines solchen Filmes berücksichtigen, dann prophezeit dieser Film genau das, was nun passiert ist. Und die berechtigte Frage von immer mehr Menschen lautet absolut richtig: WARUM muss es erst so weit kommen? Die Politiker*innen wissen das genau – darum posieren sie ja so (s.o.). Die Mehrheit der Menschen verliert dagegen die Lust, noch an demokratischen Wahlen teilzunehmen.

    Hier also dieser Film:

    Heike Schieder, Sebastian Vesper, Desiree Marie Fehringer/NDR: Bus und Bahn: Die Angst fährt mit – Busse und Bahnen gelten als wichtige Verkehrsmittel der Zukunft, weil sie umwelt- und klimafreundlicher sind als Autos. Doch in den vergangenen Jahren ist es auch ungemütlicher geworden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Laut Statistiken haben Übergriffe und Gewaltdelikte zugenommen. Das bekommen besonders die Mitarbeitenden im ÖPNV zu spüren. Umfragen zeigen: Die Angst, verbal oder tätlich angegriffen zu werden, fährt mit.”  (Video 44 min: Red. Gabi Bauer, als die ARD-Tagesthemen noch sehenswert waren, 1997-2001, prä-Gniffke) 2 Jahre verfügbar.

    In diesem Film wird ein Selbstverteidigungs- und Deeskalationstraining demonstriert. Von dem befürchte ich, dass es eine intervenierende Sondermassnahme ist. Stattdessen gehört es in die Regelausbildung, nicht nur von Zugbegleitungen.

    Allgemein gilt: menschenleere Bahnhöfe sind Angsträume – Öffentlichkeit schützt.

    Ob Serkan C. unter solchen Umständen noch am Leben wäre, weiss ich selbstverständlich nicht. Gesünder für die Bahn, ihre Beschäftigten und Fahrgäste wäre es auf jeden Fall.

    Über Martin Böttger:

    Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
    Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger

  2. Der Straßenbahninstandsetzer

    Lukas Lorenz — 33 Jahre, Schreiner bei den Kölner Verkehrsbetrieben – Wundersame Bahn CCXLI

    “In der dritten Generation bin ich Schreiner in meiner Familie. Wie mein Opa und mein Vater. Und genau wie sie arbeite ich auch bei den Kölner Verkehrsbetrieben. Zu uns in die Hauptwerkstatt im Stadtteil Weidenpesch kommen alle Straßenbahnen mit schweren Schäden und zu größeren Inspektionen. Wenn ich um 6 Uhr 45 in der Werkstatt ankomme, teilen wir im Team die Arbeiten auf. Aktuell baue ich eine neue Theke für den Museumshop. Das macht mir großen Spaß.

    Nicht so romantisch wie bei Meister Eder

    Bei Schreiner denken die Leute oft an Meister Eder. Aber so romantisch darf man sich unsere Arbeit nicht vorstellen. Das ist eine ganz schöne Plackerei. Unsere Hauptaufgabe ist die Reparatur der Fußböden. Dafür reißen wir den Gummibelag und die Holzkonstruktion darunter heraus. Wir erneuern den Boden, verkleben und lackieren ihn. Zum Schluss kommt neuer Gummibelag drauf. Zwei, drei Wochen brauchen wir für eine Bahn. Fußboden zu verlegen, ist definitiv kein Traumjob. Wir knien den ganzen Tag. Das ist harte körperliche Arbeit. Danach habe ich oft Rückenschmerzen. Dabei bin ich noch jung. Ich weiß nicht, wie die Bundesregierung sich das vorstellt: Aber bis 67 schaffe ich die Arbeit nicht. Da muss ich mir einen Plan B überlegen.

    Dass ich Schreiner wurde, hat ganz klar mit meinem Vater und meinem Opa zu tun. Schon als Kind war ich oft mit auf dem Betriebshof und fand alles sehr spannend. Nach dem Abi habe ich eine Ausbildung zum Schreiner beim WDR gemacht. Da bin ich sofort in ver.di eingetreten und war in der Jugend- und Auszubildendenvertretung aktiv. Ich war früher schon Schülersprecher und für mich war immer klar: Wenn ich irgendwo arbeite, bin ich auch Mitglied in der Gewerkschaft. Es ist vollkommen absurd zu denken, dass der Lohn vom Himmel fällt. Nein, dafür braucht es eine starke Gewerkschaft. Mein Vater war Betriebsrat. Mein Opa war Betriebsrat. In meiner Familie gibt es kein einziges Nichtgewerkschaftsmitglied.

    Nach meiner Ausbildung hat der WDR keine Schreiner übernommen. Ich habe dann Lehramt studiert, konnte mich aber nicht so gut organisieren. Ich habe abgebrochen und als Straßenbahnfahrer bei den Kölner Verkehrsbetrieben angefangen, oft bis spät am Abend, auch an den Wochenenden. Das hat Spaß gemacht, aber auch geschlaucht. Deshalb bin ich in die Schreinerei gewechselt. Wirklich mehr Geld verdiene ich dort nicht, aber die Arbeitszeiten sind viel besser, Montag bis Freitag. Und ich habe sehr nette Kollegen. Ich gehe gerne auf die Arbeit, bin auch ver.di-Vertrauensmann. Wir haben einen eigenen Tarifvertrag für den Nahverkehr, angelehnt an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, TvöD. Bei Streiks sind alle Kollegen dabei, weil wir unsere Forderungen anders nicht durchsetzen können. Toll ist, dass wir vier zusätzliche Entlastungstage für Handwerker durchgesetzt haben. So komme ich jetzt auf 34 Urlaubstage im Jahr. An jedem freien Tag bin ich unterwegs. Ich setze mich sofort in mein selbst ausgebautes Wohnmobil – und fahre los, nach Wien oder Paris.”

    Protokoll: Kathrin Hedtke

    Sehen Sie ergänzend auch: Heike Schieder, Sebastian Vesper, Desiree Marie Fehringer/NDR: Bus und Bahn: Die Angst fährt mit – Busse und Bahnen gelten als wichtige Verkehrsmittel der Zukunft, weil sie umwelt- und klimafreundlicher sind als Autos. Doch in den vergangenen Jahren ist es auch ungemütlicher geworden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Laut Statistiken haben Übergriffe und Gewaltdelikte zugenommen. Das bekommen besonders die Mitarbeitenden im ÖPNV zu spüren. Umfragen zeigen: Die Angst, verbal oder tätlich angegriffen zu werden, fährt mit.”  (Video 44 min: Red. Gabi Bauer, als die ARD-Tagesthemen noch sehenswert waren, 1997-2001, prä-Gniffke)) 2 Jahre verfügbar.

  3. Irgendwann ist immer das erste Mal

    Wundersame Bahn CCXXXV – Beuel-Ehrenfeld und nicht zurück

    Der WDR hat gestern gewarnt. Da passt es ja, dass heute die renovierte Beethovenhalle wiedereröffnet werden soll. So kennen wir uns und unsere Region. Ich war gewarnt, aber ich hör’ ja nicht. Merkwürdig auf bahn.de erschien schon, dass es für angeblich umgeleitete ICs hiess: “fällt heute aus”. Merkwürdig auch, dass mein normalerweise zweizügiger RE, der doch zusätzlich Fahrgäste der falschen Rheinseite aufnehmen musste, dieses Mal nur einzügig erschien. Tür kaputt. Toilette kaputt. Eine Zubegleiterin – ungewöhnlich! – war dabei, schien aber entnervt. Die eigentliche Sensation aber:

    Der Zug fuhr auf der rechtsrheinischen Strecke störungsfrei und pünktlich. Meine Verabredung in Ehrenfeld wurde erreicht! Hammer!

    Nach einem wie immer schönen Abend mit besten Freundinnen Rückweg. Keine Verspätungen ab Ehrenfeld angezeigt. 10 Minuten vor Abfahrt auf dem – in Ehrenfeld sehr langen für Fernzüge geeigneten – Bahnsteig. An beiden Enden eine Überdachung. Ich vertrete mir die Beine in der abendlichen Dezemberkälte. Die Bahn trifft absolut pünktlich ein. Jedoch wieder nur einzügig. Sie zieht vor bis ans entgegengesetzte Ende des Bahnsteiges. Die meisten Fahrgäste hingegen warten am hinteren Westende/Venloer Str., wo der Übergang zum Kölner U-Bahnnetz ist. Die Bahn steht dagegen nun nahezu an der Subbelrather Strasse. Ohne Zugbegleiter*in, die früher, als es sie noch gab, bei der Bahnsteigabfertigung behilflich waren.

    Eine junge Frau sprintet der Bahn hinterher und erreicht sie (knapp). Ich folge schnellen Schrittes im Gehen (nach einem Herzinfarkt vor einem halben Jahr). Ich betätige die hinterste Tür. Sie öffnet nicht. Der Türdrücker leuchtet auch nicht. Ich gehe eine Tür weiter. Nochmal dasselbe. Ich schaue nach vorne: noch eine Tür offen? Nein. Ein Rückblick der*des Lokpilot*in? Nicht zu erkennen. Überall “Kameraüberwachung”, aber kein Blick auf die unzähligen Monitore? Was soll das? Die Bahn fährt ab. Pünktlich. Ohne mich.

    Das hatte ich so noch nicht (ich bin jetzt 68).

    Zornentbrannt, irrational, und um in Bewegung zu kommen und nicht untätig zu verzweifeln, wechselte ich das Bahnsystem und stieg in die Tiefen der Kölner U-Bahn hinab. Von Ehrenfeld begab ich mich zum Neumarkt, um dort das Angebot der vom WDR empfohlenen 16 und 18 in Augenschein zu nehmen. Tja, was soll ich sagen: die (schnellere) 16 “entfällt”, mehrfach. Die durch das Vorgebirge kriechende 18 ist immer die allerletzte Rückfallposition (sie fuhr früher immer bei Roland Appel durch den Garten). Zuletzt hatte ich sie bei einer Rückreise aus dem Ruhrgebiet benutzen müssen, als “Brings” gerade mit einem Stadionkonzert fertig war. So ähnlich war sie gestern auch gefüllt. Aber ab Hürth eroberte ich einen Sitzplatz.

    In Ehrenfeld 25 Minuten warten und die nächste Regionalbahn nach Beuel nehmen, wäre sicher klüger gewesen. Stellen Sie sich, wie im Comic bei Donald Duck, über mir eine schwarze Rauchwolke vor. In Bewegung verzog sie sich besser. Der Bus nachhause sollte in 11 Minuten kommen. Ich ging vom Adenauerplatz die letzten Meter lieber zu Fuss. Das war fürs friedliche Einschlafen von Vorteil.

    Bhf. Ehrenfeld – Haustür Beuel: 2 Stunden. Reisen im Rheinland ist keine gute Idee.

    Anm. zum Bhf. Beuel: die denkmalswürdige Treppenkonstruktion zum Bahnsteig 2/3 ist abgerissen, wie schade, eine Landmarke weniger. Die Unterführung ist wieder da, jetzt wieder ohne Aufzug, also barrierereich. Die Bahnsteigüberdachung ist neu und weit hässlicher, auf jeden Fall aber in jeder Hinsicht luftig. Wie auch die Möblierung. Bringen Sie sich zum Sitzen eine Zeitung mit, sonst kriecht Ihnen der Wind tief in die Arschritze. Beim Blick aufs Bahnhofsgebäude sind noch die Fensterfront für die Bahnsteigüberwachung und die Tür der Gepäckabfertigung zu erkennen, selbstverständlich alles menschenleer. Früher, als dort noch Menschen arbeiteten, konnten die sogar Rollstühle beim sicheren Überqueren der Gleise assistieren, wie es auch die “Gepäckabfertigung” (sowas gab es, ich habe es erlebt!) tat. Es war die Zeit der vielbelästerten Bundesbahn. Es war nicht alles schlecht.

  4. Irgendwann ist immer das erste Mal

    Wundersame Bahn CCXXXV – Beuel-Ehrenfeld und nicht zurück

    Der WDR hat gestern gewarnt. Da passt es ja, dass heute die renovierte Beethovenhalle wiedereröffnet werden soll. So kennen wir uns und unsere Region. Ich war gewarnt, aber ich hör’ ja nicht. Merkwürdig auf bahn.de erschien schon, dass es für angeblich umgeleitete ICs hiess: “fällt heute aus”. Merkwürdig auch, dass mein normalerweise zweizügiger RE, der doch zusätzlich Fahrgäste der falschen Rheinseite aufnehmen musste, dieses Mal nur einzügig erschien. Tür kaputt. Toilette kaputt. Eine Zubegleiterin – ungewöhnlich! – war dabei, schien aber entnervt. Die eigentliche Sensation aber:

    Der Zug fuhr auf der rechtsrheinischen Strecke störungsfrei und pünktlich. Meine Verabredung in Ehrenfeld wurde erreicht! Hammer!

    Nach einem wie immer schönen Abend mit besten Freundinnen Rückweg. Keine Verspätungen ab Ehrenfeld angezeigt. 10 Minuten vor Abfahrt auf dem – in Ehrenfeld sehr langen für Fernzüge geeigneten – Bahnsteig. An beiden Enden eine Überdachung. Ich vertrete mir die Beine in der abendlichen Dezemberkälte. Die Bahn trifft absolut pünktlich ein. Jedoch wieder nur einzügig. Sie zieht vor bis ans entgegengesetzte Ende des Bahnsteiges. Die meisten Fahrgäste hingegen warten am hinteren Westende/Venloer Str., wo der Übergang zum Kölner U-Bahnnetz ist. Die Bahn steht dagegen nun nahezu an der Subbelrather Strasse. Ohne Zugbegleiter*in, die früher, als es sie noch gab, bei der Bahnsteigabfertigung behilflich waren.

    Eine junge Frau sprintet der Bahn hinterher und erreicht sie (knapp). Ich folge schnellen Schrittes im Gehen (nach einem Herzinfarkt vor einem halben Jahr). Ich betätige die hinterste Tür. Sie öffnet nicht. Der Türdrücker leuchtet auch nicht. Ich gehe eine Tür weiter. Nochmal dasselbe. Ich schaue nach vorne: noch eine Tür offen? Nein. Ein Rückblick der*des Lokpilot*in? Nicht zu erkennen. Überall “Kameraüberwachung”, aber kein Blick auf die unzähligen Monitore? Was soll das? Die Bahn fährt ab. Pünktlich. Ohne mich.

    Das hatte ich so noch nicht (ich bin jetzt 68).

    Zornentbrannt, irrational, und um in Bewegung zu kommen und nicht untätig zu verzweifeln, wechselte ich das Bahnsystem und stieg in die Tiefen der Kölner U-Bahn hinab. Von Ehrenfeld begab ich mich zum Neumarkt, um dort das Angebot der vom WDR empfohlenen 16 und 18 in Augenschein zu nehmen. Tja, was soll ich sagen: die (schnellere) 16 “entfällt”, mehrfach. Die durch das Vorgebirge kriechende 18 ist immer die allerletzte Rückfallposition (sie fuhr früher immer bei Roland Appel durch den Garten). Zuletzt hatte ich sie bei einer Rückreise aus dem Ruhrgebiet benutzen müssen, als “Brings” gerade mit einem Stadionkonzert fertig war. So ähnlich war sie gestern auch gefüllt. Aber ab Hürth eroberte ich einen Sitzplatz.

    In Ehrenfeld 25 Minuten warten und die nächste Regionalbahn nach Beuel nehmen, wäre sicher klüger gewesen. Stellen Sie sich, wie im Comic bei Donald Duck, über mir eine schwarze Rauchwolke vor. In Bewegung verzog sie sich besser. Der Bus nachhause sollte in 11 Minuten kommen. Ich ging vom Adenauerplatz die letzten Meter lieber zu Fuss. Das war fürs friedliche Einschlafen von Vorteil.

    Bhf. Ehrenfeld – Haustür Beuel: 2 Stunden. Reisen im Rheinland ist keine gute Idee.

    Anm. zum Bhf. Beuel: die denkmalswürdige Treppenkonstruktion zum Bahnsteig 2/3 ist abgerissen, wie schade, eine Landmarke weniger. Die Unterführung ist wieder da, jetzt wieder ohne Aufzug, also barrierereich. Die Bahnsteigüberdachung ist neu und weit hässlicher, auf jeden Fall aber in jeder Hinsicht luftig. Wie auch die Möblierung. Bringen Sie sich zum Sitzen eine Zeitung mit, sonst kriecht Ihnen der Wind tief in die Arschritze. Beim Blick aufs Bahnhofsgebäude sind noch die Fensterfront für die Bahnsteigüberwachung und die Tür der Gepäckabfertigung zu erkennen, selbstverständlich alles menschenleer. Früher, als dort noch Menschen arbeiteten, konnten die sogar Rollstühle beim sicheren Überqueren der Gleise assistieren, wie es auch die “Gepäckabfertigung” (sowas gab es, ich habe es erlebt!) tat. Es war die Zeit der vielbelästerten Bundesbahn. Es war nicht alles schlecht.

  5. Bonn an Bahn

    Wundersame Bahn CCXXVIII

    Weil die Lokalpresse nur hinter Paywall berichtet, dokumentieren wir hier ein Schreiben der Stadt Bonn an die Deutsche Bahn und den Verkehrsverbund, der sich “go:Rheinland” nennt (keine Ahnung, wer sich das wieder ausgedacht hat, aber es gibt Wichtigeres).

    Bahnverbindung Bonn-Köln: Wirtschaft und Stadt fordern Alternativen für Bonn

    Angesichts der geplanten linksrheinischen Bahnsperrungen ab 2028 wenden sich die größten Arbeitgeber der Bundessstadt Bonn, die IHK Bonn/Rhein-Sieg sowie die Stadt Bonn mit einem gemeinsamen Schreiben an die Deutsche Bahn sowie den Zweckverband go.Rheinland. Darin setzen sie sich für Alternativen während der anstehenden Bauarbeiten auf der linksrheinischen Bahnstrecke ein.

    Hintergrund

    Nach aktuellen Planungen der Deutschen Bahn wird der Zugverkehr zwischen dem Bonner und Kölner Hauptbahnhof ab dem Jahr 2028 für gut zwei Jahre unterbrochen. Grund dafür ist die aktuell für die erste Jahreshälfte 2028 geplante fünfmonatige Generalsanierung der linksrheinischen Bahnstrecke sowie die darauffolgende 17-monatige Vollsperrung auf derselben Strecke im Westen Kölns für den Neubau von vier Brücken.

    „Anbindung nach Köln ist Bonns wichtigste Bahnverbindung“

    Im Schreiben betonen die Unterzeichner aus der Wirtschaft sowie Oberbürgermeisterin Katja Dörner die große Bedeutung der Verbindung zwischen Bonn und Köln: „Rund 17.000 Personen pendeln täglich aus Köln nach Bonn, rund 15.000 Personen wiederum aus Bonn nach Köln. Über Köln verläuft die Anbindung Bonns in Richtung Düsseldorf und weiter in das Ruhrgebiet. Für die zahlreichen Bundesbehörden in Bonn stellt wegen aktuell gekappter Direktverbindungen Köln den Anschluss nach Berlin dar. Als zentraler Fernverkehrsknoten bindet Köln die Bundesstadt Bonn außerdem an Ziele in ganz Deutschland und Europa an.“

    Daher fordern sie zuallererst eine unmittelbare Einbeziehung der Stadt Bonn als direkt Betroffene in die bereits begonnenen Abstimmungsgespräche zwischen Deutscher Bahn, go.Rheinland, Stadt Köln und Kölner Verkehrsbetriebe, „um regional verträgliche Konzepte für die Sperrzeiten erarbeiten zu können“.

    Grundsätzlich begrüßen die Arbeitgebenden, IHK und Stadt Bonn die Sanierung und den Ausbau des Bahnnetzes in Bonn und der Region. Sie weisen jedoch auf die bereits seit längerem bestehenden Einschränkungen im Bonner Bahnverkehr hin. Angesichts dessen gebe es viel Verunsicherung mit Blick auf die geplanten Baumaßnahmen: „Bonn kämpft bereits seit Jahren mit den Auswirkungen zahlreicher links- und rechtsrheinischer Baumaßnahmen mit teils umfassenden und dauerhaften Einschränkungen des Nah- und Fernverkehrs.“ Bereits jetzt sei das Bahnangebot ohne Baumaßnahmen nicht zufriedenstellend.

    Attraktive Alternativen und Ersatz sind essenziell

    Gemeinsam setzen sich die Unterzeichner des Schreibens für konkrete Anliegen und Lösungsvorschläge ein. Dabei fordern sie zuallererst „regelmäßige und transparente Information“. Sowohl Wirtschaft als auch Verwaltung bieten dafür an, eigene Kanäle und Formate zur Vernetzung zu nutzen. Besonders wichtig ist beiden eine „optimale Verzahnung von Baumaßnahmen und Diskussion von Alternativen“, bestenfalls mit einer Kombination aus Generalsanierung und Brückensperrung; denn: „Für Bonn würde diese Maßnahme die Sperrung in Richtung Köln um ganze fünf Monate verkürzen.“ Auch kommende Großbaustellen der 2030er Jahre sollen mitgedacht, verzahnt und frühzeitig im Dialog öffentlich kommuniziert werden.

    Sie beschreiben darüber hinaus konkrete Möglichkeiten für ein attraktives Ersatzkonzept. Hierfür zentral könnte der Bahnhof Bonn-Beuel sein – „als Lebensader zwischen Bonn und Köln während der zweijährigen Sperrung auf der linken Rheinstrecke“. Daher schlagen sie vor:

    Eine durchgängige S-Bahn-Verbindung zwischen Bonn-Beuel und Köln: „Die jetzigen Baumaßnahmen verdeutlichen noch einmal die hohe Bedeutung einer durchgängig und regelmäßig verkehrenden S 13. Gemeinsam mit dem RE 8 würde sich so am Bahnhof Bonn-Beuel eine Taktung vergleichbar mit der des Bonner Hauptbahnhofes ergeben.“ Die Oberbürgermeisterin hat sich, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, zusätzlich an den neuen Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder gewandt. In einem aktuellen Schreiben weist sie auf den bereits 1994 vertraglich zugesicherten Ausbau der Verbindung und deren Bedeutung für Bonn hin. Dabei bittet die Oberbürgermeisterin den Minister, auf eine zeitnahe Fertigstellung der S 13 bis Bonn-Oberkassel einzuwirken.

    Bonner Fernverkehrsanbindung über Beuel aufrechterhalten: Ab 2027 können ICE-Züge in Bonn-Beuel halten. Aus Sicht der Arbeitgebenden, IHK Bonn/Rhein-Sieg und Stadt soll „die Bonner ICE-Anbindung über Bonn-Beuel so weit wie möglich aufrechterhalten werden.“
    Fernverkehrsanbindung in Siegburg/Bonn sichern: Durch die Sperrung wächst die Bedeutung des dortigen Fernbahnhofs. Daher sollte ein verlässlicher ICE-Takt mit einer möglichst hohen Zahl an täglichen Verbindungen gewährleistet werden.

    Halt in Köln Süd und/oder am Bonner Wall: Die Unterzeichnenden bitten darum, einen möglichen Halt in Köln-Süd während der Sperrung im Kölner Westen noch einmal zu untersuchen und führen aus: „In jedem Fall zu unterstützen ist der Bau eines temporären Halts an der Bonner Straße zur Verknüpfung mit der dortigen Stadtbahnhaltestelle Bonner Wall.“

    Durchbindung des RE 5: Der RE 5 sollte als „direkte und schnelle Anbindung“ über die Kölner Südbrücke auf dem zügigsten Weg weiter in die Landeshauptstadt, zum dortigen Flughafen und darüber hinaus durchgebunden werden.

    Sowohl Wirtschaft als auch Stadt Bonn erklären ihre Bereitschaft, durch eine enge Kooperation ein attraktives Ersatzkonzept umzusetzen. Dabei sollten attraktive Busverbindungen, darunter auch Schnell- oder Direktverbindungen – insbesondere zwischen dem Bonner und Kölner Hauptbahnhof – angeboten werden. Die Oberbürgermeisterin bietet an, den Bonner Nahverkehr stärker als bisher auf den Bahnhof Bonn-Beuel auszurichten – falls dort während der Sperrungen mehr Bahnen fahren sollten. Bei der Erstellung eines Ersatzkonzepts sollten „insbesondere die Arbeitgebenden in der Stadt stärker eingebunden werden, damit diese sich mit eigenen Lösungen und Ideen einbringen können.“

    Abschließend plädieren die Arbeitgebenden, IHK Bonn/Rhein-Sieg und die Oberbürgermeisterin Katja Dörner für einen regelmäßigen Austausch, um Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Das Ziel müsse sein, die Folgen der notwendigen Baumaßnahmen für Bonn und die Region zu begrenzen.

    Die Unterzeichnenden des Schreibens

    Für die Stadt Bonn wurde das Schreiben in Namen der Oberbürgermeisterin Katja Dörner sowie des Stadtbaurates Helmut Wiesner unterzeichnet. Aus der Wirtschaft sind die Absenderinnen die BaFin, die Deutsche Telekom AG, die DHL Group, die IHK Bonn/Rhein-Sieg, die Universität Bonn sowie das Universitätsklinikum Bonn.

    Dieser Beitrag wurde der Seite bonn.de der Stadt Bonn entnommen.

    Über Gastautor:innen (*):

    Unter der Kennung "Gastautor:innen" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge externer Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen, Quellen und ggf. Lizenzen sind, soweit bekannt, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

  6. Militant werden

    Das Recht auf analoges Leben braucht mehr Kämpfer*innen-Herz / Wundersame Bahn CLXXX
    Mehrmals schon hatte ich bemerkt, dass die schärfsten Befürworter*innen für ein Recht auf analoges Leben die digitalen Nerds vom CCC oder von Digitalcourage sind. Denn die wi extradienst.net/2024/01/05/mil

    #Brgerrechte #Deutschland #Digital #Politik #Verkehrspolitik #CCC #DeutscheBahnAG #Digitalcourage #Fahrgste #Netzpolitikorg #telepolis #TimoSieg #WundersameBahn

  7. Feedback Nr. 2

    Wundersame Bahn CXXXV – der perfekteste Reisetag des Jahres Wenn Sie frei wählen können, reisen Sie Heilichahmt. Irgendwas muss passiert sein bei der Deutschen Bahn. Es war das meistdiskutierte Thema an der Fanilien-Festtafel: wie kann es sein, dass plötzlich alles funktioniert. Während ich von meiner Reise berichtete, erzählten andere, dass sie in der Glotze erstaunte Reporter an Hauptbahnhöfen gesehn hatten, die Ähnliches berichteten. Nichts brach zusammen. Keine Warteschlangen, Verspätungen, überfüllte Bahnsteige, empörte Fahrgäste. Im Gegenteil. […]

    https://extradienst.net/2022/12/25/feedback-nr-2/