#ulileitholdt — Public Fediverse posts
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Handreichung für einen Journalismus mit Anstand
Ich hole etwas aus, weil es vielsagend und vielleicht auch ein wenig unterhaltsam ist. Kürzlich tauschte ich mich mit einem Aufsichtsgremiumsmitglied einer öffentlichen Medienanstalt über das gelungene Handwerk von Frau Siham El-Maimouni aus. Wir stimmten überein: das Problem ist, dass die Branche das für “besonders” hält. Es fiel das polemische Wort “Erstes Semester Journalistik”. Im folgenden geht es ein paar Semester weiter. Versprochen.
Jüngst ärgerte ich mich über den embedded PR-Journalismus für den Fussballkonzern aus dem westfälischen Raum. Wenn die kritischsten Spielberichte in einem BVB-Fanblog erscheinen – was sagt das über die Profimedien?
U.a. tauschte ich mich darüber mit dem Kollegen und Freund Uli Leitholdt aus. Zu seiner aktiven Zeit war er ein Reporterurgestein des WDR, zu besseren Zeiten dieses flachgespülten Senders. Das erste Mal trafen wir uns in den 80ern, als er vor der Wattenscheider NPD-Zentrale zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kapust eine Live-Reportage für WDR2 moderierte, und sie mich interviewten. Ich war sehr stolz auf die Fanbasis meiner Borussia. Uli dagegen ist heute bekennender Fan von “Eisern Union”. Da verbindet uns Vieles, u.a. unsere Verehrung für Hans Meyer.
Mich an all das erinnernd fragte ich mich und mein Tablet: was macht eigentlich Wolfgang Kapust? Einer aus der Zeit, als es in den Sendern noch Fachleute gab. Kapust hat seit damals in Wattenscheid nie aufgehört, das Treiben deutscher Faschist*inn*en zu beobachten, zu analysieren und zu “verstehen” – denn nur so sind sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Solche Mitarbeiter sind Juwelen für jede Redaktion und Sendeanstalt. Aber sie sind schwierig zu führen. Sie sind nicht für alles verwendbar und geben mitunter fachlich grundierte Widerworte gegen Führungskräfte. Und sind ganz sicher nicht durch KI zu ersetzen 😉
Und bei der Suche nach “was macht eigentlich Wolfgang Kapust?” entdeckte ich diese “Masterabeit vorgelegt von Ramona Lengert zur Erlangung des Grades Master of Arts an der Hochschule Hannover (University of Applied Science and Arts)” mit dem sperrigen Titel:
Die Autorin hat für diese Arbeit, die nun schon sechs Jahre alt ist, u.a. Wolfgang Kapust für ein Interview gesucht und gefunden (in den Anlagen ihrer Arbeit vorbiildlich transkribiert).
Pflichtlektüre für alle TV-Millionär*inne*e*n
Was soll mann dazu sagen? Die Mehrheit der heute vor der Kamera dilettierenden Star-Moderator*inn*en kennen diese Arbeit offenbar nicht. Ich stelle mir nun vor, ich sei eine Führungskraft in einer der uns allen gehörenden öffentlichen Sendeanstalten und hätte einen (oder mehrere) millionenschwere Produktionsaufträge an die Firmen zu vergeben, die heute politische Diskussionen in Massenmedien inszenieren.
Meine Mindestanforderung wäre: diese Arbeit zu lesen und zu verstehen! Früher, als noch seriös gearbeitet wurde, wurden zur Probe “Nullnummern” produziert, um zu testen, ob die, die es machen sollen, es auch können. Frau Lengert aus Hannover wenigstens weiss was davon. Und Wolfgang Kapust schon sehr, sehr lange.
Also bitte: macht eure Arbeit! Und macht sie besser!
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Handreichung für einen Journalismus mit Anstand
Ich hole etwas aus, weil es vielsagend und vielleicht auch ein wenig unterhaltsam ist. Kürzlich tauschte ich mich mit einem Aufsichtsgremiumsmitglied einer öffentlichen Medienanstalt über das gelungene Handwerk von Frau Siham El-Maimouni aus. Wir stimmten überein: das Problem ist, dass die Branche das für “besonders” hält. Es fiel das polemische Wort “Erstes Semester Journalistik”. Im folgenden geht es ein paar Semester weiter. Versprochen.
Jüngst ärgerte ich mich über den embedded PR-Journalismus für den Fussballkonzern aus dem westfälischen Raum. Wenn die kritischsten Spielberichte in einem BVB-Fanblog erscheinen – was sagt das über die Profimedien?
U.a. tauschte ich mich darüber mit dem Kollegen und Freund Uli Leitholdt aus. Zu seiner aktiven Zeit war er ein Reporterurgestein des WDR, zu besseren Zeiten dieses flachgespülten Senders. Das erste Mal trafen wir uns in den 80ern, als er vor der Wattenscheider NPD-Zentrale zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kapust eine Live-Reportage für WDR2 moderierte, und sie mich interviewten. Ich war sehr stolz auf die Fanbasis meiner Borussia. Uli dagegen ist heute bekennender Fan von “Eisern Union”. Da verbindet uns Vieles, u.a. unsere Verehrung für Hans Meyer.
Mich an all das erinnernd fragte ich mich und mein Tablet: was macht eigentlich Wolfgang Kapust? Einer aus der Zeit, als es in den Sendern noch Fachleute gab. Kapust hat seit damals in Wattenscheid nie aufgehört, das Treiben deutscher Faschist*inn*en zu beobachten, zu analysieren und zu “verstehen” – denn nur so sind sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Solche Mitarbeiter sind Juwelen für jede Redaktion und Sendeanstalt. Aber sie sind schwierig zu führen. Sie sind nicht für alles verwendbar und geben mitunter fachlich grundierte Widerworte gegen Führungskräfte.
Und bei der Suche nach “was macht eigentlich Wolfgang Kapust?” entdeckte ich diese “Masterabeit vorgelegt von Ramona Lengert zur Erlangung des Grades Master of Arts
an der Hochschule Hannover (University of Applied Science and Arts)” mit dem sperrigen Titel:Die Autorin hat für diese Arbeit, die nun schon sechs Jahre alt ist, u.a. Wolfgang Kapust für ein Interview gesucht und gefunden (in den Anlagen ihrer Arbeit vorbiildlich transkribiert).
Pflichtlektüre für alle TV-Millionär*inne*e*n
Was soll mann dazu sagen? Die Mehrheit der heute vor der Kamera dilettierenden Star-Moderator*inn*en kennen diese Arbeit offenbar nicht. Ich stelle mir nun vor, ich sei eine Führungskraft in einer der uns allen gehörenden öffentlichen Sendeanstalten und hätte einen (oder mehrere) millionenschwere Produktionsaufträge an die Firmen zu vergeben, die heute politische Diskussionen in Massenmedien inszenieren.
Meine Mindestanforderung wäre: diese Arbeit zu lesen und zu verstehen! Früher, als noch seriös gearbeitet wurde, wurden zur Probe “Nullnummern” produziert, um zu testen, ob die, die es machen sollen, es auch können. Frau Lengert aus Hannover wenigstens weiss was davon. Und Wolfgang Kapust schon sehr, sehr lange.
Also bitte: macht eure Arbeit! Und macht sie besser!
Über Martin Böttger:
Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger -
Handreichung für einen Journalismus mit Anstand
Ich hole etwas aus, weil es vielsagend und vielleicht auch ein wenig unterhaltsam ist. Kürzlich tauschte ich mich mit einem Aufsichtsgremiumsmitglied einer öffentlichen Medienanstalt über das gelungene Handwerk von Frau Siham El-Maimouni aus. Wir stimmten überein: das Problem ist, dass die Branche das für “besonders” hält. Es fiel das polemische Wort “Erstes Semester Journalistik”. Im folgenden geht es ein paar Semester weiter. Versprochen.
Jüngst ärgerte ich mich über den embedded PR-Journalismus für den Fussballkonzern aus dem westfälischen Raum. Wenn die kritischsten Spielberichte in einem BVB-Fanblog erscheinen – was sagt das über die Profimedien?
U.a. tauschte ich mich darüber mit dem Kollegen und Freund Uli Leitholdt aus. Zu seiner aktiven Zeit war er ein Reporterurgestein des WDR, zu besseren Zeiten dieses flachgespülten Senders. Das erste Mal trafen wir uns in den 80ern, als er vor der Wattenscheider NPD-Zentrale zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kapust eine Live-Reportage für WDR2 moderierte, und sie mich interviewten. Ich war sehr stolz auf die Fanbasis meiner Borussia. Uli dagegen ist heute bekennender Fan von “Eisern Union”. Da verbindet uns Vieles, u.a. unsere Verehrung für Hans Meyer.
Mich an all das erinnernd fragte ich mich und mein Tablet: was macht eigentlich Wolfgang Kapust? Einer aus der Zeit, als es in den Sendern noch Fachleute gab. Kapust hat seit damals in Wattenscheid nie aufgehört, das Treiben deutscher Faschist*inn*en zu beobachten, zu analysieren und zu “verstehen” – denn nur so sind sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Solche Mitarbeiter sind Juwelen für jede Redaktion und Sendeanstalt. Aber sie sind schwierig zu führen. Sie sind nicht für alles verwendbar und geben mitunter fachlich grundierte Widerworte gegen Führungskräfte. Und sind ganz sicher nicht durch KI zu ersetzen 😉
Und bei der Suche nach “was macht eigentlich Wolfgang Kapust?” entdeckte ich diese “Masterabeit vorgelegt von Ramona Lengert zur Erlangung des Grades Master of Arts an der Hochschule Hannover (University of Applied Science and Arts)” mit dem sperrigen Titel:
Die Autorin hat für diese Arbeit, die nun schon sechs Jahre alt ist, u.a. Wolfgang Kapust für ein Interview gesucht und gefunden (in den Anlagen ihrer Arbeit vorbiildlich transkribiert).
Pflichtlektüre für alle TV-Millionär*inne*e*n
Was soll mann dazu sagen? Die Mehrheit der heute vor der Kamera dilettierenden Star-Moderator*inn*en kennen diese Arbeit offenbar nicht. Ich stelle mir nun vor, ich sei eine Führungskraft in einer der uns allen gehörenden öffentlichen Sendeanstalten und hätte einen (oder mehrere) millionenschwere Produktionsaufträge an die Firmen zu vergeben, die heute politische Diskussionen in Massenmedien inszenieren.
Meine Mindestanforderung wäre: diese Arbeit zu lesen und zu verstehen! Früher, als noch seriös gearbeitet wurde, wurden zur Probe “Nullnummern” produziert, um zu testen, ob die, die es machen sollen, es auch können. Frau Lengert aus Hannover wenigstens weiss was davon. Und Wolfgang Kapust schon sehr, sehr lange.
Also bitte: macht eure Arbeit! Und macht sie besser!
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Handreichung für einen Journalismus mit Anstand
Ich hole etwas aus, weil es vielsagend und vielleicht auch ein wenig unterhaltsam ist. Kürzlich tauschte ich mich mit einem Aufsichtsgremiumsmitglied einer öffentlichen Medienanstalt über das gelungene Handwerk von Frau Siham El-Maimouni aus. Wir stimmten überein: das Problem ist, dass die Branche das für “besonders” hält. Es fiel das polemische Wort “Erstes Semester Journalistik”. Im folgenden geht es ein paar Semester weiter. Versprochen.
Jüngst ärgerte ich mich über den embedded PR-Journalismus für den Fussballkonzern aus dem westfälischen Raum. Wenn die kritischsten Spielberichte in einem BVB-Fanblog erscheinen – was sagt das über die Profimedien?
U.a. tauschte ich mich darüber mit dem Kollegen und Freund Uli Leitholdt aus. Zu seiner aktiven Zeit war er ein Reporterurgestein des WDR, zu besseren Zeiten dieses flachgespülten Senders. Das erste Mal trafen wir uns in den 80ern, als er vor der Wattenscheider NPD-Zentrale zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Kapust eine Live-Reportage für WDR2 moderierte, und sie mich interviewten. Ich war sehr stolz auf die Fanbasis meiner Borussia. Uli dagegen ist heute bekennender Fan von “Eisern Union”. Da verbindet uns Vieles, u.a. unsere Verehrung für Hans Meyer.
Mich an all das erinnernd fragte ich mich und mein Tablet: was macht eigentlich Wolfgang Kapust? Einer aus der Zeit, als es in den Sendern noch Fachleute gab. Kapust hat seit damals in Wattenscheid nie aufgehört, das Treiben deutscher Faschist*inn*en zu beobachten, zu analysieren und zu “verstehen” – denn nur so sind sie wirkungsvoll zu bekämpfen. Solche Mitarbeiter sind Juwelen für jede Redaktion und Sendeanstalt. Aber sie sind schwierig zu führen. Sie sind nicht für alles verwendbar und geben mitunter fachlich grundierte Widerworte gegen Führungskräfte.
Und bei der Suche nach “was macht eigentlich Wolfgang Kapust?” entdeckte ich diese “Masterabeit vorgelegt von Ramona Lengert zur Erlangung des Grades Master of Arts
an der Hochschule Hannover (University of Applied Science and Arts)” mit dem sperrigen Titel:Die Autorin hat für diese Arbeit, die nun schon sechs Jahre alt ist, u.a. Wolfgang Kapust für ein Interview gesucht und gefunden (in den Anlagen ihrer Arbeit vorbiildlich transkribiert).
Pflichtlektüre für alle TV-Millionär*inne*e*n
Was soll mann dazu sagen? Die Mehrheit der heute vor der Kamera dilettierenden Star-Moderator*inn*en kennen diese Arbeit offenbar nicht. Ich stelle mir nun vor, ich sei eine Führungskraft in einer der uns allen gehörenden öffentlichen Sendeanstalten und hätte einen (oder mehrere) millionenschwere Produktionsaufträge an die Firmen zu vergeben, die heute politische Diskussionen in Massenmedien inszenieren.
Meine Mindestanforderung wäre: diese Arbeit zu lesen und zu verstehen! Früher, als noch seriös gearbeitet wurde, wurden zur Probe “Nullnummern” produziert, um zu testen, ob die, die es machen sollen, es auch können. Frau Lengert aus Hannover wenigstens weiss was davon. Und Wolfgang Kapust schon sehr, sehr lange.
Also bitte: macht eure Arbeit! Und macht sie besser!
Über Martin Böttger:
Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger -
Die “Gentrifizierung” des Fussballs gab es wirklich – aber auch Politisierung
Matthias Matthäus, davon gehe ich aus, ist ein Pseudonym. Denn mit dem gescheiterten Fussballlehrer dieses Namens, der heute als Bescheidwisser durch die Pay-TV-Anstalten gereicht wird, verwandt zu sein, wäre – von etwaigen Erbschaftsansprüchen (auch nur vielleicht) abgesehen – eine allzu ungerechte harte Strafe. Dieser Kollege schreibt bei overton: “39 Tote – das Ende eines Arbeitersports – Heute vor 40 Jahren ereignete sich eine Tragödie, die letztlich den europäischen Fußball zu einem aalglatten Sport mit Eventcharakter gentrifizierte: Es gab 39 Tote im Brüsseler Heysel-Stadion.” Seine Darstellung ist nicht grundlegend falsch, aber unzureichend. Sie übergeht wichtige politische Selbsttätigkeit. Darum im Folgenden einige Erinnerungen aus der politischen Praxis.
In jenen 80ern, in denen die Herrschenden die geschilderten Stadionkatastrophen – ob nun fahrlässig oder mutwillig oder böswillig, es war eine widerliche Mischung von alldem – herbeiprovozierten, gab es in der West-BRD gefährlich aufkeimende Neonazi-Gruppen. Berühmtheit erlangte die Dortmunder “Borussenfront” und auch eine im Bonner Umland ihr Unwesen treibende FAP-Zelle. Eine sehr gute Beueler Freundin von mir könnte dazu heute noch abendfüllend referieren.
Ich war in jener Zeit im NRW-Landesvorstand der Jungdemokraten und organisierte mit Hilfe unserer ortsansässigen Kreisverbände im April 1985 vor einem Bundesligaspiel von Borussia Mönchengladbach gegen Arminia Bielefeld ein Treffen der Fanclubs beider Seiten, um über das Neonaziproblem in der Fanszene öffentlich zu diskutieren. Damals kamen nur 18.000 Zuschauer*innen zum Bökelberg. Mill und Borowka sorgten für ein 2:0; die Ex-Gladbacher Wolfgang Kneib und Horst Wohlers, Letzterer auch Ex-St.Paulianer, konnten den späteren Abstieg der Arminia nicht verhindern. Heute kommen zu jedem Heimspiel über 50.000 in den Borussiapark.
Das Medieninteresse an unserem kleinen Fan-Treffen war 1985 gross. Ich durfte in der Fachzeitschrift Demokratische Erziehung/päd.extra berichten (Redakteur damals: Werner Rügemer). Zur Nachbereitung stellte der WDR einen Ü-Wagen vor die Wattenscheider NPD-Zentrale und lud mich dort zum Live-Interview ein. So lernte ich Uli Leitholdt (heute bekennender Union-Fan) und Wolfgang Kapust persönlich kennen. Damals hatte der WDR noch fachkundige gute Leute – in Mannschaftsstärke. Suchen Sie die heute mal!
In Vorbereitung des Treffens in Mönchengladbach erfuhr ich erst – Medieninteresse hatte das bis dahin nicht gefunden – dass alle damaligen rund 100 Borussia-Fanclubs in der BRD bereits Unvereinbarkeitsbeschlüsse gegen Neonazis gefasst hatten. Führender Initiator dieser guten Sache war der Hilchenbacher (Siegerland) Theo Weiss, seinerzeit Koordinator dieser Vereinigung, der 1988 Chef eines der ersten Fanprojekte in der Bundesliga wurde.
Theo war ein politisierter Kopf, ging später zum Studium nach Berlin. Er war Kollege des Adorno-Schülers Dieter Bott, heute ein guter Freund des Extradienstes, damals Gründer eines ähnlichen Fanprojektes in Frankfurt. Von Dieter weiss ich, dass die seinerzeit politisierten Gründer der mittlerweile flächendeckend arbeitenden und öffentlich finanzierten Fanprojekte im Profifussball, heute eine hochprofessionalisierte aber allzu “entpolitisierte” Sozialarbeit leisten. Ich neige einerseits dazu, diese Kritik zu teilen – zum Borussia-Projekt z.B. hier entlang – aber gleichzeitig stelle ich fest, dass die allgegenwärtigen deutschen Faschisten bis heute in den Fanszenen der ersten und zweiten Liga, insbesondere bei den beiden westdeutschen Borussias, keinen gesellschaftlichen Boden unter ihren dreckigen Füssen mehr gefunden haben. Das ist sogar europaweit betrachtet eine deutsche Besonderheit. Und wäre ohne all diese Fanprojekte anders.
Zu der von Herrn “Matthäus” oben beschriebenen britischen Szenerie erinnere ich mich an einen Beitrag der einst leistungsstarken aber vom WDR weitgehend plattgemachten Sport-Inside-Redaktion über britische Fans, die per Billigflieger zu Liga-Spielen des FC St. Pauli reisten, weil das nicht nur stimmungsvoller, sondern auch viel billiger war, als zu ihrem Heimverein in der Premier League zu pilgern. Eine deutsche Besonderheit ist die von den Fans erkämpfte Erhaltung von Stehplätzen, die wahre Borussia hier, und die europaweit berühmte “Süd” hier.
Heute sind diese Fanszenen ein relevanter Faktor der Realpolitik, von dem sich viele linke Besserwisser-Sekten die eine oder andere Scheibe abschneiden könnten. Die #boycottqatar2022-Bewegung war sensationell erfolgreich, sogar bei den niedergeschmolzenen deutschen TV-Quoten. Der Widerstand gegen die Investorenpläne der DFL mit den allgegenwärtigen gewaltfrei-gewaltigen Tennisbällen in allen Erstligastadien – er war wirksam! Auch und gerade, weil er durch und durch real-reformistisch und nicht die geringste Spur revolutionär war. Aber entscheidend war: er bewies den Akteur*inn*en ihre Wirksamkeit und machte sie stark. Und nicht schwach.
Das ist doch genau das, was Demokrat*inn*en im Widerstand gegen die faschistische AfD-Gefahr am meisten brauchen.
Also bitte, ihr Bescheidwisser. Lernt mal was dazu.
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Die “Gentrifizierung” des Fussballs gab es wirklich – aber auch Politisierung
Matthias Matthäus, davon gehe ich aus, ist ein Pseudonym. Denn mit dem gescheiterten Fussballlehrer dieses Namens, der heute als Bescheidwisser durch die Pay-TV-Anstalten gereicht wird, verwandt zu sein, wäre – von etwaigen Erbschaftsansprüchen (auch nur vielleicht) abgesehen – eine allzu ungerechte harte Strafe. Dieser Kollege schreibt bei overton: “39 Tote – das Ende eines Arbeitersports – Heute vor 40 Jahren ereignete sich eine Tragödie, die letztlich den europäischen Fußball zu einem aalglatten Sport mit Eventcharakter gentrifizierte: Es gab 39 Tote im Brüsseler Heysel-Stadion.” Seine Darstellung ist nicht grundlegend falsch, aber unzureichend. Sie übergeht wichtige politische Selbsttätigkeit. Darum im Folgenden einige Erinnerungen aus der politischen Praxis.
In jenen 80ern, in denen die Herrschenden die geschilderten Stadionkatastrophen – ob nun fahrlässig oder mutwillig oder böswillig, es war eine widerliche Mischung von alldem – herbeiprovozierten, gab es in der West-BRD gefährlich aufkeimende Neonazi-Gruppen. Berühmtheit erlangte die Dortmunder “Borussenfront” und auch eine im Bonner Umland ihr Unwesen treibende FAP-Zelle. Eine sehr gute Beueler Freundin von mir könnte dazu heute noch abendfüllend referieren.
Ich war in jener Zeit im NRW-Landesvorstand der Jungdemokraten und organisierte mit Hilfe unserer ortsansässigen Kreisverbände im April 1985 vor einem Bundesligaspiel von Borussia Mönchengladbach gegen Arminia Bielefeld ein Treffen der Fanclubs beider Seiten, um über das Neonaziproblem in der Fanszene öffentlich zu diskutieren. Damals kamen nur 18.000 Zuschauer*innen zum Bökelberg. Mill und Borowka sorgten für ein 2:0; die Ex-Gladbacher Wolfgang Kneib und Horst Wohlers, Letzterer auch Ex-St.Paulianer, konnten den späteren Abstieg der Arminia nicht verhindern. Heute kommen zu jedem Heimspiel über 50.000 in den Borussiapark.
Das Medieninteresse an unserem kleinen Fan-Treffen war 1985 gross. Ich durfte in der Fachzeitschrift Demokratische Erziehung/päd.extra berichten (Redakteur damals: Werner Rügemer). Zur Nachbereitung stellte der WDR einen Ü-Wagen vor die Wattenscheider NPD-Zentrale und lud mich dort zum Live-Interview ein. So lernte ich Uli Leitholdt (heute bekennender Union-Fan) und Wolfgang Kapust persönlich kennen. Damals hatte der WDR noch fachkundige gute Leute – in Mannschaftsstärke. Suchen Sie die heute mal!
In Vorbereitung des Treffens in Mönchengladbach erfuhr ich erst – Medieninteresse hatte das bis dahin nicht gefunden – dass alle damaligen rund 100 Borussia-Fanclubs in der BRD bereits Unvereinbarkeitsbeschlüsse gegen Neonazis gefasst hatten. Führender Initiator dieser guten Sache war der Hilchenbacher (Siegerland) Theo Weiss, seinerzeit Koordinator dieser Vereinigung, der 1988 Chef eines der ersten Fanprojekte in der Bundesliga wurde.
Theo war ein politisierter Kopf, ging später zum Studium nach Berlin. Er war Kollege des Adorno-Schülers Dieter Bott, heute ein guter Freund des Extradienstes, damals Gründer eines ähnlichen Fanprojektes in Frankfurt. Von Dieter weiss ich, dass die seinerzeit politisierten Gründer der mittlerweile flächendeckend arbeitenden und öffentlich finanzierten Fanprojekte im Profifussball, heute eine hochprofessionalisierte aber allzu “entpolitisierte” Sozialarbeit leisten. Ich neige einerseits dazu, diese Kritik zu teilen – zum Borussia-Projekt z.B. hier entlang – aber gleichzeitig stelle ich fest, dass die allgegenwärtigen deutschen Faschisten bis heute in den Fanszenen der ersten und zweiten Liga, insbesondere bei den beiden westdeutschen Borussias, keinen gesellschaftlichen Boden unter ihren dreckigen Füssen mehr gefunden haben. Das ist sogar europaweit betrachtet eine deutsche Besonderheit. Und wäre ohne all diese Fanprojekte anders.
Zu der von Herrn “Matthäus” oben beschriebenen britischen Szenerie erinnere ich mich an einen Beitrag der einst leistungsstarken aber vom WDR weitgehend plattgemachten Sport-Inside-Redaktion über britische Fans, die per Billigflieger zu Liga-Spielen des FC St. Pauli reisten, weil das nicht nur stimmungsvoller, sondern auch viel billiger war, als zu ihrem Heimverein in der Premier League zu pilgern. Eine deutsche Besonderheit ist die von den Fans erkämpfte Erhaltung von Stehplätzen, die wahre Borussia hier, und die europaweit berühmte “Süd” hier.
Heute sind diese Fanszenen ein relevanter Faktor der Realpolitik, von dem sich viele linke Besserwisser-Sekten die eine oder andere Scheibe abschneiden könnten. Die #boycottqatar2022-Bewegung war sensationell erfolgreich, sogar bei den niedergeschmolzenen deutschen TV-Quoten. Der Widerstand gegen die Investorenpläne der DFL mit den allgegenwärtigen gewaltfrei-gewaltigen Tennisbällen in allen Erstligastadien – er war wirksam! Auch und gerade, weil er durch und durch real-reformistisch und nicht die geringste Spur revolutionär war. Aber entscheidend war: er bewies den Akteur*inn*en ihre Wirksamkeit und machte sie stark. Und nicht schwach.
Das ist doch genau das, was Demokrat*inn*en im Widerstand gegen die faschistische AfD-Gefahr am meisten brauchen.
Also bitte, ihr Bescheidwisser. Lernt mal was dazu.