#hausmontag — Public Fediverse posts
Live and recent posts from across the Fediverse tagged #hausmontag, aggregated by home.social.
-
Von Generation zu Generation: Die Familie Mayer zwischen Nationaler Offensive und III. Weg
Im November 2025 wurde bekannt, dass sich der Neonazi Laurenz Mayer, Mitte Zwanzig und wohnhaft in der Leipziger Vorstadt, über mehrere Jahre in linken Räumen und subkulturellen Zusammenhängen bewegte. Sein Vater ist ein alter Bekannter, der schon in den 1980er Jahren ein aktiver und gut vernetzter Neonazi war und Anfang der 1990er in Dresden half, die extreme Rechte zu organisieren.
Laurenz Mayer (links, markiert) und Constantin Mayer (rechts, markiert) beim Naziaufmarsch am 15. Februar 2025 in Dresden (Quelle: Marco Kemp)Ursprünglich war Laurenz Mayer ein politisch unauffälliger Oi!-Skin. Er schloss enge Freundschaften und bewegte sich ganz selbstverständlich in Locations wie zum Beispiel der Chemiefabrik, dem Ostpol und dem Pawlow. Auch wenn er immer wieder als introvertiert beschrieben wird, besuchte er Partys, Konzerte und kickerte mit Freund:innen. Gerade in den Jahren 2021 bis 2023 verkehrte er mit antifaschistischen Punks und Skinheads, soll aber nie Einblick in sensible Strukturen bekommen haben. Auch in politisch aktiven Wohngemeinschaften soll er nicht zugegen gewesen sein. Was alle Aussagen ehemaliger Freund:innen und Bekannter gemein haben ist, dass Laurenz Mayer nie negativ auffiel. Alle Menschen, die ihn persönlich kennen, waren ehrlich überrascht über die Entwicklung und sind sich einig, „dass er nicht immer so war“. Deshalb kann man den genannten Locations auch keinen Vorwurf machen, dass sich Laurenz Mayer über Jahre hinweg an diesen Orten aufhalten konnte.
Laurenz Mayer (markiert) bei einer III. Weg Demonstration am 1. Mai 2025 in Suhl (Quelle: Pixelarchiv)Je nach Quelle, soll sich Laurenz Mayer 2023/24 immer mehr zurückgezogen haben und nahm fortan nur noch sporadisch am sozialen Leben seines Freund:innen- und Bekanntenkreis teil. Sah man sich vorher mindestens jedes Wochenende, ließ sich Laurenz nun nur noch alle ein bis zwei Monate blicken. Mit dem Zeitpunkt seines privaten Rückzuges ging auch ein beruflicher Wandel einher. Verdiente er vorher in der Versicherungsbranche sein Geld, begann er 2023 eine Lehre als Krankenpfleger in der Klinik Bavaria in Kreischa.
Unklar bleibt derzeit, ab wann sich Laurenz Mayer politisiert und radikalisiert hat. Die Teilnahme an rechten Veranstaltungen und Demonstrationen lässt sich seit dem 15. Februar 2025 belegen. An diesem Tag nahm er am alljährlichen Neonaziaufmarsch anlässlich der Bombardierung Dresdens teil. Belegt sind auch die Teilnahmen an den III. Weg-Demonstrationen am 29. März 2025 in Berlin-Hellersdorf und am 1. Mai 2025 in Suhl, jeweils in Kleidungsstücken des III. Weges. Auch an einer Schulungsveranstaltung des III. Weges im April 2025 im Haus Montag in Pirna nahm er teil.
Links im Bild: Laurenz Mayer, bei bei einer internen Schulung des III. Wegs im Haus Montag in Pirna (April 2025). Im Vordergrund, Konstantin Steglich (Quelle: Instagram)Wie der Vater so der Sohn?
Auch wenn der Zeitpunkt der Politisierung unklar ist, so gilt das nicht für ihren Ursprung. Beim Namen Mayer klingelt etwas? Gerade bei der Form mit „ay“, die vor allem im süddeutschen Raum vorkommt? Richtig! Aber der Reihe nach:
Am 3. Juli 1990 gründeten unzufriedene FAP’ler (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) in Augsburg die Nationale Offensive (NO) als „nationale Partei neuen Typus“, welche von den Mitgliedern des Komitees zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers dominiert wurde. Eine Nachfolgeorganisation der verbotenen Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten (ANS/NA). Vorsitzender der NO war der umtriebige Hannoveraner Neonazi und ehemalige Kameradschaftsführer der ANS/NA und FAP-Mitgleid Michael Swierczek.
Obwohl die Partei nur knapp 150 bis 200 Mitglieder hatte, sah man in Sachsen so viel Potential, dass man 1991 einen Stützpunkt errichtete und zwar, natürlich, in Dresden. Stützpunktleiter war ein gewisser Constantin Mayer, erster Stellvertreter der Bundes-NO und Vater von Laurenz Mayer.
Constantin Mayer als Funktionär der Nationalen Offensive im Jahr 1993. (Quelle: Der Spiegel, März 1993)Constantin Thomas Johannes Mayer, geboren am 23. Mai 1970, verheiratet und Vater zweier Söhne, stammt ursprünglich aus dem schwäbischen Teil Bayerns. Genauer, aus dem Raum Augsburg, wo er bis zur Gründung der NO FAP-Kreisvorsitender war und in der Augsburger RAC (Rock Against Communism) Band Kruppstahl spielte. Zudem brachte Mayer von 1987 bis mindestens 1988 das Naziskin-Fanzine „Stiefelträger“ heraus. Nach dem Verbot der Nationalen Offensive arbeitete Constantin Mayer von April 1993 bis Juni 2002 als selbstständiger Versicherungsvertreter der Stuttgarter Versicherung Generalagentur BCV GmbH. Von Juni 2002 bis März 2018 war er Inhaber der Genaralagentur Mayer – Partner der Nürnberger Versicherung (Vertriebsweg Familienschutz), bevor er im März 2018 die GA MAYER Generation + Konzept GmbH gründete, deren Geschäftsführer er ist und die ihren Sitz auf der Blasewitzer Straße 41 hat.
Ganz nebenbei betreibt Constantin Mayer, der heute im Dresdener Stadtteil Langebrück wohnt, noch den Onlineshop Widerstand Wear. Ein Onlineshop für „klare Aussagen für den nationalen Widerstand“. Als Model fungiert natürlich der eigene Junior, Laurenz. Gut zu erkennen an den Tattoos auf beiden Armen. Tattoos trägt auch der Senior. Zum Beispiel einen SA-Mann auf dem rechten Unterarm und einen Wehrmachtssoldaten auf dem linken.
Laurenz Mayer als Model bei Widerstand Wear (links). Gut zu erkennen an den auffälligen Tattoos.In politischen Kontexten trat Constantin Mayer seit dem Verbot der Nationalen Offensive nicht mehr wahrnehmbar auf, bis er am 17. August 2024 beim Sommerfest der „Deutschen Stimme“ in Riesa auflief. Danach trauerte er am 15. Februar 2025 gemeinsam mit Sohn Laurenz auf dem alljährlichen Trauermarsch in Dresden und demonstrierte mit ihm am 29. März 2025 in Berlin-Hellersdorf. Im Februar 2026 trauerte er wieder mit knapp 1500 anderen Neonazis durch Dresden.
Constantin Mayer im Gespräch mit dem völkischem Siedler Mario Matthes am 15.02.2025 in Dresden (Quelle: Tim Mönch)Familie Mayer (Laurenz und Constantin) bei einer III. Weg Demonstration am 29.03.2025 in Berlin (Quelle: Pressefuchs)Aber nicht nur an Demonstrationen nimmt Constantin Mayer jetzt wieder regelmäßig teil. Er besuchte auch am 3. Juli 2025 die Remigratios-Lesung vom Salonfaschisten Martin Sellner im Feriendorf Langebrück, der auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Steffen Janich beiwohnte. Im November 2025 schaute er dann bei der maßgeblich von Susanne Dagen organisierten extrem rechten Büchermesse Seitenwechsel vorbei. Spannend war hier, dass Constantin Mayer mit Thomas Sattelberg aus Bahretal anreiste. Thomas Sattelberg, seines Zeichens Mitbegründer der neonazistischen Skinheads Sächsische Schweiz, ist auch Mitbesitzer des Haus Montag in Pirna und der Vater von Hella Hättasch, geborene Jäger. Deren Ehemann, Kurt Hättasch, sitzt aktuell wegen der mutmaßlichen Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Oberlandesgericht Dresden und gibt da vor, dass er nichts mit der extremen Rechten zu tun zu habe.
Constantin Mayer (rechts, markiert) und Thomas Sattelberg (links, markiert) bei der gemeinsamen Anreise zur Messe „Seitenwechsel“ im November 2025 in Halle (Quelle: Rechtsimbild)Am Ende bleibt noch festzuhalten, dass Constantin Mayer Mitglied der neonazistischen Partei Der III. Weg ist. Dafür sprechen der Besuch von Demonstrationen des III. Weges in Kleidungstücken der neonazistischen Kleinstpartei, die Tatsache, dass Constantin Mayer Anfang Februar 2025 einen Vortrag für den III. Weg Mittelsachsen hielt und im März 2026 wieder an einer Demonstration des III. Weges in Berlin teilnahm.
Constantin Mayer hält einen Vortrag bei einer Veranstaltung des III. Wegs im Februar 2025. (Quelle: Telegram)Was bleibt
Constantin Mayer ist ein langjähriger, erfahrener und wohl auch gut vernetzter Neonazi, der fast 30 Jahre unter dem Radar flog und nach dem Verbot der Nationalen Offensive ein gutbürgerliches Leben führte. Neben den offenen Fragen danach, wann sich Laurenz Mayer politisierte und radikalisierte oder ob er sein menschenverachtendes Weltbild schon im Elternhaus mitgegeben bekommen hat und weswegen Constantin Mayer sich erst 2024 wieder wahrnehmbar an das politische Tageslicht begab, und nicht wie andere Neonazis älteren Semesters schon während der Jahre 2014 bis 2018 oder spätestens mit den sogenannten Anitcoronaprotesten, bleibt eines wieder festzuhalten: Die „alten“ Nazis, die der 1980er und 90er, sind jetzt Eltern und sie werden ihr menschenverachtendes und tödliches Weltbild aller Wahrscheinlichkeit nach an ihre Kinder weitergeben oder dies schon getan haben. Laurenz Mayer und Hella Hättasch sind dafür nur zwei Beispiele. Mit Blick auf das extrem rechte Personenpotential der sogenannten Wendezeit und der Baseballschlägerjahre ist nur schwer abzuschätzen was da nachwächst oder schon gediehen ist. Zu befürchten ist einiges…
#ConstantinMayer #DritterWeg #HausMontag #LaurenzMayer #NationaleOffensive #WiderstandWear -
Der kurze Sommer der Elblandrevolte? Medialer Hype und Wirklichkeit
Zuerst veröffentlicht im Antifa Infoblatt (AIB 146)
Seit Mai 2024 machte die Nazigruppe „Elblandrevolte“ Schlagzeilen. Mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppe hatten den SPD-Politiker Matthias Ecke in Dresden angegriffen und verletzt. Darüber hinaus zeigte sich die Gruppe verantwortlich für unterschiedliche neonazistische Mobilisierungen in Dresden und Umland, denen sehr junge Rechte folgten. Bundesweit berichteten Medien über die Umtriebe des Dresdner Ablegers der „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat. Die Berichte konnten dabei nicht immer überzeugen und trugen ihren Teil zur Selbstinszenierung und Popularität der Gruppe bei. Nach einem Jahr ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick.
3. Februar 2024 – Gründung im „Haus Montag“ in Pirna
Am 21. Januar 2024 war auf einer Dresdner Demonstration der „Freien Sachsen“ seit langer Zeit wieder ein Banner der JN zu sehen. Ein paar Tage später, am 3. Februar 2024, fand die Gründung der „Elblandrevolte“ im „Haus Montag“ in Pirna statt. Die JN hatte zu einer Vernetzungs- und Schulungsveranstaltung eingeladen, an der auch die führenden Köpfe der späteren Gruppe teilnahmen. Das „Haus Montag“ ist eine der zentralen neonazistischen Locations in der Region und lokale Basis von NPD, Freien Sachsen und Compact-Magazin. Auf der Schulung im Februar wurde die JN und deren „weltanschauliche“ Bezugspunkte vorgestellt. Auf einer Vortragsfolie war zu lesen: „Konkurrenz kam und verschwand wieder“ – ein Seitenhieb gegen die wenig wirksamen Organisierungsversuche des „Dritten Weg“ im Jahr zuvor. An der Schulung nahmen u.a. der zukünftige Stützpunktleiter Finley Pügner und Kurt Altrichter teil.
Kurt Altrichter (rechts) und Finley Pügner (links) posieren mit dem Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (mitte) bei der Eröffnung der „Heimat“-Europazentrale in Berlin am 27. April 2024. (Screenshot Instagram)1. August 2024 – Mobilisierung gegen den CSD in Bautzen
Am Hauptbahnhof in Dresden sammelten sich 200 Nazis aus Dresden und dem Umland. Pügner gab mit Megafon den Ton an. Ziel der Gruppe war der CSD im 60 Kilometer entfernten Bautzen. Die Stadt gilt als rechte Hochburg und besonders mobilisierungsstark. Dem Aufruf der Elblandrevolte folgten auffällig viele Jugendliche – vor allem angetrieben durch eine weitreichende Social-Media-Mobilisierung. Die Anreise lief jedoch nicht wie geplant. Antifaschistische und queere Aktivist*innen besetzten das Zuggleis: keine Abfahrt für Neonazis. Deren Reaktion war hilflos. Bisher waren sie weder auf polizeiliche noch größere antifaschistische Gegenwehr gestoßen. Letztlich sind Finley Pügner und sein Anhang gezwungen zum nächstgelegenen Bahnhof zu laufen und erreichen Bautzen mit über einer Stunde Verspätung. In Bautzen selbst schließen sich rund 700 Neonazis den Protesten gegen den CSD an und treten aggressiv auf. Doch Dank antifaschistischem und queerem Selbstschutz verläuft der Tag ohne größere Zwischenfälle.
16. Juni 2024 – JN-Sommersonnenwende in Eschede
In einem großen Kreis standen mehrere dutzend Personen mit Fackeln um ein Feuer. Die Männer trugen weiße Hemden und Zunfthosen, die Frauen lange Röcke und weiße Blusen. Ein Teil der Gruppe war mit Sturmhauben in Deutschlandfarben vermummt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um die offizielle Sonnenwendfeier der JN im niedersächsischen Eschede. Die rund 40 Teilnehmer*innen waren ausschließlich Kader der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat, darunter beispielsweise Michael Brück. Auch dabei: Finley Pügner, Alexander Weigelt, Kurt Altrichter und Emely Knobloch – das Führungsquartett der Elblandrevolte.
Alexander Weigelt, Emely Knobloch, Finley Pügner und Kurt Altrichter (vlnr., markiert) bei der Sommerwendfeier der JN in Eschede. (Screenshot Spiegel TV)Die Vier sind seit 2024 regelmäßig bei bundesweiten JN-Veranstaltungen anzutreffen. Diese gibt es seit 2023 wieder häufiger: Angeleitet und vorangetrieben von einigen erfahreneren Neonazis versucht sich die JN bundesweit neu aufzustellen. So auch in Dresden, der angeblichen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die JN-Strukturen nach der Zerschlagung der „Freien Kameradschaft Dresden“ 2016 weitgehend am Boden lagen. Beim Aufbau der jungen Struktur mischen altbekannte Neonazis mit: Thomas Sattelberg und Max Schreiber aus Pirna oder Benjamin Moses aus Bautzen. Die Erwartungen an „die Neuen“ sind dabei recht hoch. So führte die Elblandrevolte etwa den letztjährigen Aufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden an.
14. September 2024 – Wanderung in der Sächsische Schweiz
Fünf Personen posierten mit White-Power Zeichen vor einer Deutschlandflagge in der Sächsischen Schweiz. Im dazugehörigen Instagrampost hieß es großspurig: „Die Elblandrevolte hat die Sächsische Schweiz besetzt“. Angekündigt war eine „anspruchsvolle Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer. Tatsächlich aufraffen konnten sich gerade einmal sechs Personen. Die Gruppe scheiterte an ihrer eigenen Klientel: Veranstaltungen mit politischen Inhalten oder solchen Wanderungen in heimatlicher Naturverbundenheit sind wenig spannend. Entsprechend schwer fällt neue Personen einzugliedern, politisch zu schulen und langfristig zu binden.
Teilnehmer der „anspruchsvollen Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer am 14. September 2024. (Screenshot Instagram)24. Oktober 2024 – TikTok live
Pügner ging auf TikTok live. Seit einem Spiegel TV-Beitrag im Sommer 2024 versucht Pügner die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen. Im Livestream thematisierte Pügner die Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ in Berlin. Er fände die Razzien gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, das diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“. Pügner mimt den Politkader mit Durchblick.
31. Dezember 2024 – „Da fliegen die Türen auf“
Das Gesicht der Elblandrevolte sitzt in U-Haft. Gut zwei Monate nach seinen unbedarften Aussagen über die „komischen Gruppen“ in Berlin „fliegen“ bei Pügner selbst „die Türen auf“. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Eine Gruppe um den JN-Kader soll in Görlitz eine Kommunalpolitikerin der Partei „Die Linke“ angegriffen haben. Pügner wurde dabei die Sturmhaube vom Kopf gezogen. Bereits ein paar Wochen zuvor drohte er eben jener Politikerin ihr eine „reinzuschießen“ – alles auf Video am Rande einer Demo festgehalten. Mit der Festnahme wurde es schlagartig ruhig um die Elblandrevolte. Die „Kameradschaft“, die sie sich auf die Fahnen schrieb, erwies sich als brüchig. Ein paar wenige Instagram-Postings mit halbherzigen Solidaritätsaufrufen täuschen darüber nicht hinweg.
24. Februar 2025 – Comeback-Versuche
„Nach einer längeren Schaffenspause“ melde sich die Elblandrevolte wieder zurück, hieß es Anfang Februar auf dem Instagram-Account der Gruppe. Rund 50 Jugendliche fanden sich vor der Altmarktgalerie ein, um den „Dresdner Montagsprotest“ zu unterstützen. Teile der Gruppe waren extra aus Chemnitz vom dortigen JN-Ableger angereist. Das Momentum vom Sommer ist allerdings weg. Die Rolle vom inhaftierten Pügner versuchen neue Personen einzunehmen. Max Wasner spielte den Anheizer und lief mit einem Megafon vor den Jugendlichen her. Ob das Substanz hat, bleibt abzuwarten1. Zum 13. Februar, dem letzten verbliebenen Event der klassischen Neonaziszene, brachte die Gruppe nichts zustande: Es blieb beim Kleben einiger JN-Plakate. Von den noch im Vorjahr angekündigten Aktionen war nichts zu sehen. Auch der gemeinsam ausgerufene Zubringertreffpunkt zum großen Trauermarsch am 15. Februar 2025 entpuppte sich als Misserfolg. Nur wenige Personen kamen zum Treffpunkt, Alexander Weigelt und Co. liessen sich schnell von der Polizei ans S-Bahn-Gleis schicken: Anstatt eines Vorabmarsches dann doch nur zwei Haltestellen mit dem ÖPNV zum Demoauftakt. Im Vergleich zum Vorjahr stellte die Elblandrevolte hier nicht einmal einen eigenen Block, sondern schloss sich, dem bundesweiten JN-Block an.
Ausblick
Die Elblandrevolte wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Wegbrechende Kader, kann sie nicht ersetzen. Trotz einiger Mobilisierungserfolge gehörten selten mehr als ein Dutzend Leute zur Gruppe – die Fluktuation war und ist hoch. Die „Weltanschauung“ der JN der mobilisierten, jungen Klientel zu vermitteln, gelingt kaum. Zudem werden die organisatorischen Defizite sofort deutlich, wenn es für sie nicht nach Plan läuft. Das eröffnet Möglichkeiten für antifaschistische Praxis, wie die behinderte Anreise der Neonazis nach Bautzen zeigt.
Dass die Gruppe in der Außenwahrnehmung (auch unter Antifaschist*innen) größer und professioneller wirkt, liegt nicht zuletzt an einer effekthascherischen Berichterstattung, die der Elblandrevolte nicht nur zu größerer Reichweite verhalf, sondern gleichzeitig Hochglanzbilder für die eigene mediale Inszenierung auf Instagram und TikTok lieferte. Auch deshalb sollten sich Antifaschist*innen die Frage stellen, inwieweit eine solche Thematisierung der Gruppe die richtige Intervention ist oder nicht viel mehr der Fokus auf die Zerschlagung ihres mobilisierbaren Umfelds gelegt werden sollte.
- Eine Woche später gab Max Wasner auf Instagram bekannt nicht mehr Teil der JN zu sein ↩︎
#AlexanderWeigelt #BenjaminMoses #Elblandrevolte #EmelyKnobloch #FinleyPügner #HausMontag #JN #KurtAltrichter #MaxSchreiber
-
Der kurze Sommer der Elblandrevolte? Medialer Hype und Wirklichkeit
Zuerst veröffentlicht im Antifa Infoblatt (AIB 146)
Seit Mai 2024 machte die Nazigruppe „Elblandrevolte“ Schlagzeilen. Mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppe hatten den SPD-Politiker Matthias Ecke in Dresden angegriffen und verletzt. Darüber hinaus zeigte sich die Gruppe verantwortlich für unterschiedliche neonazistische Mobilisierungen in Dresden und Umland, denen sehr junge Rechte folgten. Bundesweit berichteten Medien über die Umtriebe des Dresdner Ablegers der „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat. Die Berichte konnten dabei nicht immer überzeugen und trugen ihren Teil zur Selbstinszenierung und Popularität der Gruppe bei. Nach einem Jahr ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick.
3. Februar 2024 – Gründung im „Haus Montag“ in Pirna
Am 21. Januar 2024 war auf einer Dresdner Demonstration der „Freien Sachsen“ seit langer Zeit wieder ein Banner der JN zu sehen. Ein paar Tage später, am 3. Februar 2024, fand die Gründung der „Elblandrevolte“ im „Haus Montag“ in Pirna statt. Die JN hatte zu einer Vernetzungs- und Schulungsveranstaltung eingeladen, an der auch die führenden Köpfe der späteren Gruppe teilnahmen. Das „Haus Montag“ ist eine der zentralen neonazistischen Locations in der Region und lokale Basis von NPD, Freien Sachsen und Compact-Magazin. Auf der Schulung im Februar wurde die JN und deren „weltanschauliche“ Bezugspunkte vorgestellt. Auf einer Vortragsfolie war zu lesen: „Konkurrenz kam und verschwand wieder“ – ein Seitenhieb gegen die wenig wirksamen Organisierungsversuche des „Dritten Weg“ im Jahr zuvor. An der Schulung nahmen u.a. der zukünftige Stützpunktleiter Finley Pügner und Kurt Altrichter teil.
Kurt Altrichter (rechts) und Finley Pügner (links) posieren mit dem Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (mitte) bei der Eröffnung der „Heimat“-Europazentrale in Berlin am 27. April 2024. (Screenshot Instagram)1. August 2024 – Mobilisierung gegen den CSD in Bautzen
Am Hauptbahnhof in Dresden sammelten sich 200 Nazis aus Dresden und dem Umland. Pügner gab mit Megafon den Ton an. Ziel der Gruppe war der CSD im 60 Kilometer entfernten Bautzen. Die Stadt gilt als rechte Hochburg und besonders mobilisierungsstark. Dem Aufruf der Elblandrevolte folgten auffällig viele Jugendliche – vor allem angetrieben durch eine weitreichende Social-Media-Mobilisierung. Die Anreise lief jedoch nicht wie geplant. Antifaschistische und queere Aktivist*innen besetzten das Zuggleis: keine Abfahrt für Neonazis. Deren Reaktion war hilflos. Bisher waren sie weder auf polizeiliche noch größere antifaschistische Gegenwehr gestoßen. Letztlich sind Finley Pügner und sein Anhang gezwungen zum nächstgelegenen Bahnhof zu laufen und erreichen Bautzen mit über einer Stunde Verspätung. In Bautzen selbst schließen sich rund 700 Neonazis den Protesten gegen den CSD an und treten aggressiv auf. Doch Dank antifaschistischem und queerem Selbstschutz verläuft der Tag ohne größere Zwischenfälle.
16. Juni 2024 – JN-Sommersonnenwende in Eschede
In einem großen Kreis standen mehrere dutzend Personen mit Fackeln um ein Feuer. Die Männer trugen weiße Hemden und Zunfthosen, die Frauen lange Röcke und weiße Blusen. Ein Teil der Gruppe war mit Sturmhauben in Deutschlandfarben vermummt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um die offizielle Sonnenwendfeier der JN im niedersächsischen Eschede. Die rund 40 Teilnehmer*innen waren ausschließlich Kader der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat, darunter beispielsweise Michael Brück. Auch dabei: Finley Pügner, Alexander Weigelt, Kurt Altrichter und Emely Knobloch – das Führungsquartett der Elblandrevolte.
Alexander Weigelt, Emely Knobloch, Finley Pügner und Kurt Altrichter (vlnr., markiert) bei der Sommerwendfeier der JN in Eschede. (Screenshot Spiegel TV)Die Vier sind seit 2024 regelmäßig bei bundesweiten JN-Veranstaltungen anzutreffen. Diese gibt es seit 2023 wieder häufiger: Angeleitet und vorangetrieben von einigen erfahreneren Neonazis versucht sich die JN bundesweit neu aufzustellen. So auch in Dresden, der angeblichen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die JN-Strukturen nach der Zerschlagung der „Freien Kameradschaft Dresden“ 2016 weitgehend am Boden lagen. Beim Aufbau der jungen Struktur mischen altbekannte Neonazis mit: Thomas Sattelberg und Max Schreiber aus Pirna oder Benjamin Moses aus Bautzen. Die Erwartungen an „die Neuen“ sind dabei recht hoch. So führte die Elblandrevolte etwa den letztjährigen Aufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden an.
14. September 2024 – Wanderung in der Sächsische Schweiz
Fünf Personen posierten mit White-Power Zeichen vor einer Deutschlandflagge in der Sächsischen Schweiz. Im dazugehörigen Instagrampost hieß es großspurig: „Die Elblandrevolte hat die Sächsische Schweiz besetzt“. Angekündigt war eine „anspruchsvolle Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer. Tatsächlich aufraffen konnten sich gerade einmal sechs Personen. Die Gruppe scheiterte an ihrer eigenen Klientel: Veranstaltungen mit politischen Inhalten oder solchen Wanderungen in heimatlicher Naturverbundenheit sind wenig spannend. Entsprechend schwer fällt neue Personen einzugliedern, politisch zu schulen und langfristig zu binden.
Teilnehmer der „anspruchsvollen Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer am 14. September 2024. (Screenshot Instagram)24. Oktober 2024 – TikTok live
Pügner ging auf TikTok live. Seit einem Spiegel TV-Beitrag im Sommer 2024 versucht Pügner die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen. Im Livestream thematisierte Pügner die Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ in Berlin. Er fände die Razzien gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, das diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“. Pügner mimt den Politkader mit Durchblick.
31. Dezember 2024 – „Da fliegen die Türen auf“
Das Gesicht der Elblandrevolte sitzt in U-Haft. Gut zwei Monate nach seinen unbedarften Aussagen über die „komischen Gruppen“ in Berlin „fliegen“ bei Pügner selbst „die Türen auf“. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Eine Gruppe um den JN-Kader soll in Görlitz eine Kommunalpolitikerin der Partei „Die Linke“ angegriffen haben. Pügner wurde dabei die Sturmhaube vom Kopf gezogen. Bereits ein paar Wochen zuvor drohte er eben jener Politikerin ihr eine „reinzuschießen“ – alles auf Video am Rande einer Demo festgehalten. Mit der Festnahme wurde es schlagartig ruhig um die Elblandrevolte. Die „Kameradschaft“, die sie sich auf die Fahnen schrieb, erwies sich als brüchig. Ein paar wenige Instagram-Postings mit halbherzigen Solidaritätsaufrufen täuschen darüber nicht hinweg.
24. Februar 2025 – Comeback-Versuche
„Nach einer längeren Schaffenspause“ melde sich die Elblandrevolte wieder zurück, hieß es Anfang Februar auf dem Instagram-Account der Gruppe. Rund 50 Jugendliche fanden sich vor der Altmarktgalerie ein, um den „Dresdner Montagsprotest“ zu unterstützen. Teile der Gruppe waren extra aus Chemnitz vom dortigen JN-Ableger angereist. Das Momentum vom Sommer ist allerdings weg. Die Rolle vom inhaftierten Pügner versuchen neue Personen einzunehmen. Max Wasner spielte den Anheizer und lief mit einem Megafon vor den Jugendlichen her. Ob das Substanz hat, bleibt abzuwarten1. Zum 13. Februar, dem letzten verbliebenen Event der klassischen Neonaziszene, brachte die Gruppe nichts zustande: Es blieb beim Kleben einiger JN-Plakate. Von den noch im Vorjahr angekündigten Aktionen war nichts zu sehen. Auch der gemeinsam ausgerufene Zubringertreffpunkt zum großen Trauermarsch am 15. Februar 2025 entpuppte sich als Misserfolg. Nur wenige Personen kamen zum Treffpunkt, Alexander Weigelt und Co. liessen sich schnell von der Polizei ans S-Bahn-Gleis schicken: Anstatt eines Vorabmarsches dann doch nur zwei Haltestellen mit dem ÖPNV zum Demoauftakt. Im Vergleich zum Vorjahr stellte die Elblandrevolte hier nicht einmal einen eigenen Block, sondern schloss sich, dem bundesweiten JN-Block an.
Ausblick
Die Elblandrevolte wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Wegbrechende Kader, kann sie nicht ersetzen. Trotz einiger Mobilisierungserfolge gehörten selten mehr als ein Dutzend Leute zur Gruppe – die Fluktuation war und ist hoch. Die „Weltanschauung“ der JN der mobilisierten, jungen Klientel zu vermitteln, gelingt kaum. Zudem werden die organisatorischen Defizite sofort deutlich, wenn es für sie nicht nach Plan läuft. Das eröffnet Möglichkeiten für antifaschistische Praxis, wie die behinderte Anreise der Neonazis nach Bautzen zeigt.
Dass die Gruppe in der Außenwahrnehmung (auch unter Antifaschist*innen) größer und professioneller wirkt, liegt nicht zuletzt an einer effekthascherischen Berichterstattung, die der Elblandrevolte nicht nur zu größerer Reichweite verhalf, sondern gleichzeitig Hochglanzbilder für die eigene mediale Inszenierung auf Instagram und TikTok lieferte. Auch deshalb sollten sich Antifaschist*innen die Frage stellen, inwieweit eine solche Thematisierung der Gruppe die richtige Intervention ist oder nicht viel mehr der Fokus auf die Zerschlagung ihres mobilisierbaren Umfelds gelegt werden sollte.
- Eine Woche später gab Max Wasner auf Instagram bekannt nicht mehr Teil der JN zu sein ↩︎
#AlexanderWeigelt #BenjaminMoses #Elblandrevolte #EmelyKnobloch #FinleyPügner #HausMontag #JN #KurtAltrichter #MaxSchreiber
-
Der kurze Sommer der Elblandrevolte? Medialer Hype und Wirklichkeit
Zuerst veröffentlicht im Antifa Infoblatt (AIB 146)
Seit Mai 2024 machte die Nazigruppe „Elblandrevolte“ Schlagzeilen. Mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppe hatten den SPD-Politiker Matthias Ecke in Dresden angegriffen und verletzt. Darüber hinaus zeigte sich die Gruppe verantwortlich für unterschiedliche neonazistische Mobilisierungen in Dresden und Umland, denen sehr junge Rechte folgten. Bundesweit berichteten Medien über die Umtriebe des Dresdner Ablegers der „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat. Die Berichte konnten dabei nicht immer überzeugen und trugen ihren Teil zur Selbstinszenierung und Popularität der Gruppe bei. Nach einem Jahr ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick.
3. Februar 2024 – Gründung im „Haus Montag“ in Pirna
Am 21. Januar 2024 war auf einer Dresdner Demonstration der „Freien Sachsen“ seit langer Zeit wieder ein Banner der JN zu sehen. Ein paar Tage später, am 3. Februar 2024, fand die Gründung der „Elblandrevolte“ im „Haus Montag“ in Pirna statt. Die JN hatte zu einer Vernetzungs- und Schulungsveranstaltung eingeladen, an der auch die führenden Köpfe der späteren Gruppe teilnahmen. Das „Haus Montag“ ist eine der zentralen neonazistischen Locations in der Region und lokale Basis von NPD, Freien Sachsen und Compact-Magazin. Auf der Schulung im Februar wurde die JN und deren „weltanschauliche“ Bezugspunkte vorgestellt. Auf einer Vortragsfolie war zu lesen: „Konkurrenz kam und verschwand wieder“ – ein Seitenhieb gegen die wenig wirksamen Organisierungsversuche des „Dritten Weg“ im Jahr zuvor. An der Schulung nahmen u.a. der zukünftige Stützpunktleiter Finley Pügner und Kurt Altrichter teil.
Kurt Altrichter (rechts) und Finley Pügner (links) posieren mit dem Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (mitte) bei der Eröffnung der „Heimat“-Europazentrale in Berlin am 27. April 2024. (Screenshot Instagram)1. August 2024 – Mobilisierung gegen den CSD in Bautzen
Am Hauptbahnhof in Dresden sammelten sich 200 Nazis aus Dresden und dem Umland. Pügner gab mit Megafon den Ton an. Ziel der Gruppe war der CSD im 60 Kilometer entfernten Bautzen. Die Stadt gilt als rechte Hochburg und besonders mobilisierungsstark. Dem Aufruf der Elblandrevolte folgten auffällig viele Jugendliche – vor allem angetrieben durch eine weitreichende Social-Media-Mobilisierung. Die Anreise lief jedoch nicht wie geplant. Antifaschistische und queere Aktivist*innen besetzten das Zuggleis: keine Abfahrt für Neonazis. Deren Reaktion war hilflos. Bisher waren sie weder auf polizeiliche noch größere antifaschistische Gegenwehr gestoßen. Letztlich sind Finley Pügner und sein Anhang gezwungen zum nächstgelegenen Bahnhof zu laufen und erreichen Bautzen mit über einer Stunde Verspätung. In Bautzen selbst schließen sich rund 700 Neonazis den Protesten gegen den CSD an und treten aggressiv auf. Doch Dank antifaschistischem und queerem Selbstschutz verläuft der Tag ohne größere Zwischenfälle.
16. Juni 2024 – JN-Sommersonnenwende in Eschede
In einem großen Kreis standen mehrere dutzend Personen mit Fackeln um ein Feuer. Die Männer trugen weiße Hemden und Zunfthosen, die Frauen lange Röcke und weiße Blusen. Ein Teil der Gruppe war mit Sturmhauben in Deutschlandfarben vermummt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um die offizielle Sonnenwendfeier der JN im niedersächsischen Eschede. Die rund 40 Teilnehmer*innen waren ausschließlich Kader der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat, darunter beispielsweise Michael Brück. Auch dabei: Finley Pügner, Alexander Weigelt, Kurt Altrichter und Emely Knobloch – das Führungsquartett der Elblandrevolte.
Alexander Weigelt, Emely Knobloch, Finley Pügner und Kurt Altrichter (vlnr., markiert) bei der Sommerwendfeier der JN in Eschede. (Screenshot Spiegel TV)Die Vier sind seit 2024 regelmäßig bei bundesweiten JN-Veranstaltungen anzutreffen. Diese gibt es seit 2023 wieder häufiger: Angeleitet und vorangetrieben von einigen erfahreneren Neonazis versucht sich die JN bundesweit neu aufzustellen. So auch in Dresden, der angeblichen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die JN-Strukturen nach der Zerschlagung der „Freien Kameradschaft Dresden“ 2016 weitgehend am Boden lagen. Beim Aufbau der jungen Struktur mischen altbekannte Neonazis mit: Thomas Sattelberg und Max Schreiber aus Pirna oder Benjamin Moses aus Bautzen. Die Erwartungen an „die Neuen“ sind dabei recht hoch. So führte die Elblandrevolte etwa den letztjährigen Aufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden an.
14. September 2024 – Wanderung in der Sächsische Schweiz
Fünf Personen posierten mit White-Power Zeichen vor einer Deutschlandflagge in der Sächsischen Schweiz. Im dazugehörigen Instagrampost hieß es großspurig: „Die Elblandrevolte hat die Sächsische Schweiz besetzt“. Angekündigt war eine „anspruchsvolle Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer. Tatsächlich aufraffen konnten sich gerade einmal sechs Personen. Die Gruppe scheiterte an ihrer eigenen Klientel: Veranstaltungen mit politischen Inhalten oder solchen Wanderungen in heimatlicher Naturverbundenheit sind wenig spannend. Entsprechend schwer fällt neue Personen einzugliedern, politisch zu schulen und langfristig zu binden.
Teilnehmer der „anspruchsvollen Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer am 14. September 2024. (Screenshot Instagram)24. Oktober 2024 – TikTok live
Pügner ging auf TikTok live. Seit einem Spiegel TV-Beitrag im Sommer 2024 versucht Pügner die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen. Im Livestream thematisierte Pügner die Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ in Berlin. Er fände die Razzien gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, das diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“. Pügner mimt den Politkader mit Durchblick.
31. Dezember 2024 – „Da fliegen die Türen auf“
Das Gesicht der Elblandrevolte sitzt in U-Haft. Gut zwei Monate nach seinen unbedarften Aussagen über die „komischen Gruppen“ in Berlin „fliegen“ bei Pügner selbst „die Türen auf“. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Eine Gruppe um den JN-Kader soll in Görlitz eine Kommunalpolitikerin der Partei „Die Linke“ angegriffen haben. Pügner wurde dabei die Sturmhaube vom Kopf gezogen. Bereits ein paar Wochen zuvor drohte er eben jener Politikerin ihr eine „reinzuschießen“ – alles auf Video am Rande einer Demo festgehalten. Mit der Festnahme wurde es schlagartig ruhig um die Elblandrevolte. Die „Kameradschaft“, die sie sich auf die Fahnen schrieb, erwies sich als brüchig. Ein paar wenige Instagram-Postings mit halbherzigen Solidaritätsaufrufen täuschen darüber nicht hinweg.
24. Februar 2025 – Comeback-Versuche
„Nach einer längeren Schaffenspause“ melde sich die Elblandrevolte wieder zurück, hieß es Anfang Februar auf dem Instagram-Account der Gruppe. Rund 50 Jugendliche fanden sich vor der Altmarktgalerie ein, um den „Dresdner Montagsprotest“ zu unterstützen. Teile der Gruppe waren extra aus Chemnitz vom dortigen JN-Ableger angereist. Das Momentum vom Sommer ist allerdings weg. Die Rolle vom inhaftierten Pügner versuchen neue Personen einzunehmen. Max Wasner spielte den Anheizer und lief mit einem Megafon vor den Jugendlichen her. Ob das Substanz hat, bleibt abzuwarten1. Zum 13. Februar, dem letzten verbliebenen Event der klassischen Neonaziszene, brachte die Gruppe nichts zustande: Es blieb beim Kleben einiger JN-Plakate. Von den noch im Vorjahr angekündigten Aktionen war nichts zu sehen. Auch der gemeinsam ausgerufene Zubringertreffpunkt zum großen Trauermarsch am 15. Februar 2025 entpuppte sich als Misserfolg. Nur wenige Personen kamen zum Treffpunkt, Alexander Weigelt und Co. liessen sich schnell von der Polizei ans S-Bahn-Gleis schicken: Anstatt eines Vorabmarsches dann doch nur zwei Haltestellen mit dem ÖPNV zum Demoauftakt. Im Vergleich zum Vorjahr stellte die Elblandrevolte hier nicht einmal einen eigenen Block, sondern schloss sich, dem bundesweiten JN-Block an.
Ausblick
Die Elblandrevolte wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Wegbrechende Kader, kann sie nicht ersetzen. Trotz einiger Mobilisierungserfolge gehörten selten mehr als ein Dutzend Leute zur Gruppe – die Fluktuation war und ist hoch. Die „Weltanschauung“ der JN der mobilisierten, jungen Klientel zu vermitteln, gelingt kaum. Zudem werden die organisatorischen Defizite sofort deutlich, wenn es für sie nicht nach Plan läuft. Das eröffnet Möglichkeiten für antifaschistische Praxis, wie die behinderte Anreise der Neonazis nach Bautzen zeigt.
Dass die Gruppe in der Außenwahrnehmung (auch unter Antifaschist*innen) größer und professioneller wirkt, liegt nicht zuletzt an einer effekthascherischen Berichterstattung, die der Elblandrevolte nicht nur zu größerer Reichweite verhalf, sondern gleichzeitig Hochglanzbilder für die eigene mediale Inszenierung auf Instagram und TikTok lieferte. Auch deshalb sollten sich Antifaschist*innen die Frage stellen, inwieweit eine solche Thematisierung der Gruppe die richtige Intervention ist oder nicht viel mehr der Fokus auf die Zerschlagung ihres mobilisierbaren Umfelds gelegt werden sollte.
- Eine Woche später gab Max Wasner auf Instagram bekannt nicht mehr Teil der JN zu sein ↩︎
#AlexanderWeigelt #BenjaminMoses #Elblandrevolte #EmelyKnobloch #FinleyPügner #HausMontag #JN #KurtAltrichter #MaxSchreiber
-
Der kurze Sommer der Elblandrevolte? Medialer Hype und Wirklichkeit
Zuerst veröffentlicht im Antifa Infoblatt (AIB 146)
Seit Mai 2024 machte die Nazigruppe „Elblandrevolte“ Schlagzeilen. Mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppe hatten den SPD-Politiker Matthias Ecke in Dresden angegriffen und verletzt. Darüber hinaus zeigte sich die Gruppe verantwortlich für unterschiedliche neonazistische Mobilisierungen in Dresden und Umland, denen sehr junge Rechte folgten. Bundesweit berichteten Medien über die Umtriebe des Dresdner Ablegers der „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat. Die Berichte konnten dabei nicht immer überzeugen und trugen ihren Teil zur Selbstinszenierung und Popularität der Gruppe bei. Nach einem Jahr ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick.
3. Februar 2024 – Gründung im „Haus Montag“ in Pirna
Am 21. Januar 2024 war auf einer Dresdner Demonstration der „Freien Sachsen“ seit langer Zeit wieder ein Banner der JN zu sehen. Ein paar Tage später, am 3. Februar 2024, fand die Gründung der „Elblandrevolte“ im „Haus Montag“ in Pirna statt. Die JN hatte zu einer Vernetzungs- und Schulungsveranstaltung eingeladen, an der auch die führenden Köpfe der späteren Gruppe teilnahmen. Das „Haus Montag“ ist eine der zentralen neonazistischen Locations in der Region und lokale Basis von NPD, Freien Sachsen und Compact-Magazin. Auf der Schulung im Februar wurde die JN und deren „weltanschauliche“ Bezugspunkte vorgestellt. Auf einer Vortragsfolie war zu lesen: „Konkurrenz kam und verschwand wieder“ – ein Seitenhieb gegen die wenig wirksamen Organisierungsversuche des „Dritten Weg“ im Jahr zuvor. An der Schulung nahmen u.a. der zukünftige Stützpunktleiter Finley Pügner und Kurt Altrichter teil.
Kurt Altrichter (rechts) und Finley Pügner (links) posieren mit dem Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (mitte) bei der Eröffnung der „Heimat“-Europazentrale in Berlin am 27. April 2024. (Screenshot Instagram)1. August 2024 – Mobilisierung gegen den CSD in Bautzen
Am Hauptbahnhof in Dresden sammelten sich 200 Nazis aus Dresden und dem Umland. Pügner gab mit Megafon den Ton an. Ziel der Gruppe war der CSD im 60 Kilometer entfernten Bautzen. Die Stadt gilt als rechte Hochburg und besonders mobilisierungsstark. Dem Aufruf der Elblandrevolte folgten auffällig viele Jugendliche – vor allem angetrieben durch eine weitreichende Social-Media-Mobilisierung. Die Anreise lief jedoch nicht wie geplant. Antifaschistische und queere Aktivist*innen besetzten das Zuggleis: keine Abfahrt für Neonazis. Deren Reaktion war hilflos. Bisher waren sie weder auf polizeiliche noch größere antifaschistische Gegenwehr gestoßen. Letztlich sind Finley Pügner und sein Anhang gezwungen zum nächstgelegenen Bahnhof zu laufen und erreichen Bautzen mit über einer Stunde Verspätung. In Bautzen selbst schließen sich rund 700 Neonazis den Protesten gegen den CSD an und treten aggressiv auf. Doch Dank antifaschistischem und queerem Selbstschutz verläuft der Tag ohne größere Zwischenfälle.
16. Juni 2024 – JN-Sommersonnenwende in Eschede
In einem großen Kreis standen mehrere dutzend Personen mit Fackeln um ein Feuer. Die Männer trugen weiße Hemden und Zunfthosen, die Frauen lange Röcke und weiße Blusen. Ein Teil der Gruppe war mit Sturmhauben in Deutschlandfarben vermummt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um die offizielle Sonnenwendfeier der JN im niedersächsischen Eschede. Die rund 40 Teilnehmer*innen waren ausschließlich Kader der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat, darunter beispielsweise Michael Brück. Auch dabei: Finley Pügner, Alexander Weigelt, Kurt Altrichter und Emely Knobloch – das Führungsquartett der Elblandrevolte.
Alexander Weigelt, Emely Knobloch, Finley Pügner und Kurt Altrichter (vlnr., markiert) bei der Sommerwendfeier der JN in Eschede. (Screenshot Spiegel TV)Die Vier sind seit 2024 regelmäßig bei bundesweiten JN-Veranstaltungen anzutreffen. Diese gibt es seit 2023 wieder häufiger: Angeleitet und vorangetrieben von einigen erfahreneren Neonazis versucht sich die JN bundesweit neu aufzustellen. So auch in Dresden, der angeblichen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die JN-Strukturen nach der Zerschlagung der „Freien Kameradschaft Dresden“ 2016 weitgehend am Boden lagen. Beim Aufbau der jungen Struktur mischen altbekannte Neonazis mit: Thomas Sattelberg und Max Schreiber aus Pirna oder Benjamin Moses aus Bautzen. Die Erwartungen an „die Neuen“ sind dabei recht hoch. So führte die Elblandrevolte etwa den letztjährigen Aufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden an.
14. September 2024 – Wanderung in der Sächsische Schweiz
Fünf Personen posierten mit White-Power Zeichen vor einer Deutschlandflagge in der Sächsischen Schweiz. Im dazugehörigen Instagrampost hieß es großspurig: „Die Elblandrevolte hat die Sächsische Schweiz besetzt“. Angekündigt war eine „anspruchsvolle Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer. Tatsächlich aufraffen konnten sich gerade einmal sechs Personen. Die Gruppe scheiterte an ihrer eigenen Klientel: Veranstaltungen mit politischen Inhalten oder solchen Wanderungen in heimatlicher Naturverbundenheit sind wenig spannend. Entsprechend schwer fällt neue Personen einzugliedern, politisch zu schulen und langfristig zu binden.
Teilnehmer der „anspruchsvollen Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer am 14. September 2024. (Screenshot Instagram)24. Oktober 2024 – TikTok live
Pügner ging auf TikTok live. Seit einem Spiegel TV-Beitrag im Sommer 2024 versucht Pügner die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen. Im Livestream thematisierte Pügner die Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ in Berlin. Er fände die Razzien gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, das diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“. Pügner mimt den Politkader mit Durchblick.
31. Dezember 2024 – „Da fliegen die Türen auf“
Das Gesicht der Elblandrevolte sitzt in U-Haft. Gut zwei Monate nach seinen unbedarften Aussagen über die „komischen Gruppen“ in Berlin „fliegen“ bei Pügner selbst „die Türen auf“. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Eine Gruppe um den JN-Kader soll in Görlitz eine Kommunalpolitikerin der Partei „Die Linke“ angegriffen haben. Pügner wurde dabei die Sturmhaube vom Kopf gezogen. Bereits ein paar Wochen zuvor drohte er eben jener Politikerin ihr eine „reinzuschießen“ – alles auf Video am Rande einer Demo festgehalten. Mit der Festnahme wurde es schlagartig ruhig um die Elblandrevolte. Die „Kameradschaft“, die sie sich auf die Fahnen schrieb, erwies sich als brüchig. Ein paar wenige Instagram-Postings mit halbherzigen Solidaritätsaufrufen täuschen darüber nicht hinweg.
24. Februar 2025 – Comeback-Versuche
„Nach einer längeren Schaffenspause“ melde sich die Elblandrevolte wieder zurück, hieß es Anfang Februar auf dem Instagram-Account der Gruppe. Rund 50 Jugendliche fanden sich vor der Altmarktgalerie ein, um den „Dresdner Montagsprotest“ zu unterstützen. Teile der Gruppe waren extra aus Chemnitz vom dortigen JN-Ableger angereist. Das Momentum vom Sommer ist allerdings weg. Die Rolle vom inhaftierten Pügner versuchen neue Personen einzunehmen. Max Wasner spielte den Anheizer und lief mit einem Megafon vor den Jugendlichen her. Ob das Substanz hat, bleibt abzuwarten1. Zum 13. Februar, dem letzten verbliebenen Event der klassischen Neonaziszene, brachte die Gruppe nichts zustande: Es blieb beim Kleben einiger JN-Plakate. Von den noch im Vorjahr angekündigten Aktionen war nichts zu sehen. Auch der gemeinsam ausgerufene Zubringertreffpunkt zum großen Trauermarsch am 15. Februar 2025 entpuppte sich als Misserfolg. Nur wenige Personen kamen zum Treffpunkt, Alexander Weigelt und Co. liessen sich schnell von der Polizei ans S-Bahn-Gleis schicken: Anstatt eines Vorabmarsches dann doch nur zwei Haltestellen mit dem ÖPNV zum Demoauftakt. Im Vergleich zum Vorjahr stellte die Elblandrevolte hier nicht einmal einen eigenen Block, sondern schloss sich, dem bundesweiten JN-Block an.
Ausblick
Die Elblandrevolte wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Wegbrechende Kader, kann sie nicht ersetzen. Trotz einiger Mobilisierungserfolge gehörten selten mehr als ein Dutzend Leute zur Gruppe – die Fluktuation war und ist hoch. Die „Weltanschauung“ der JN der mobilisierten, jungen Klientel zu vermitteln, gelingt kaum. Zudem werden die organisatorischen Defizite sofort deutlich, wenn es für sie nicht nach Plan läuft. Das eröffnet Möglichkeiten für antifaschistische Praxis, wie die behinderte Anreise der Neonazis nach Bautzen zeigt.
Dass die Gruppe in der Außenwahrnehmung (auch unter Antifaschist*innen) größer und professioneller wirkt, liegt nicht zuletzt an einer effekthascherischen Berichterstattung, die der Elblandrevolte nicht nur zu größerer Reichweite verhalf, sondern gleichzeitig Hochglanzbilder für die eigene mediale Inszenierung auf Instagram und TikTok lieferte. Auch deshalb sollten sich Antifaschist*innen die Frage stellen, inwieweit eine solche Thematisierung der Gruppe die richtige Intervention ist oder nicht viel mehr der Fokus auf die Zerschlagung ihres mobilisierbaren Umfelds gelegt werden sollte.
- Eine Woche später gab Max Wasner auf Instagram bekannt nicht mehr Teil der JN zu sein ↩︎
#AlexanderWeigelt #BenjaminMoses #Elblandrevolte #EmelyKnobloch #FinleyPügner #HausMontag #JN #KurtAltrichter #MaxSchreiber
-
Der kurze Sommer der Elblandrevolte? Medialer Hype und Wirklichkeit
Zuerst veröffentlicht im Antifa Infoblatt (AIB 146)
Seit Mai 2024 machte die Nazigruppe „Elblandrevolte“ Schlagzeilen. Mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppe hatten den SPD-Politiker Matthias Ecke in Dresden angegriffen und verletzt. Darüber hinaus zeigte sich die Gruppe verantwortlich für unterschiedliche neonazistische Mobilisierungen in Dresden und Umland, denen sehr junge Rechte folgten. Bundesweit berichteten Medien über die Umtriebe des Dresdner Ablegers der „Jungen Nationalisten“ (JN), der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat. Die Berichte konnten dabei nicht immer überzeugen und trugen ihren Teil zur Selbstinszenierung und Popularität der Gruppe bei. Nach einem Jahr ist es Zeit für einen Rück- und Ausblick.
3. Februar 2024 – Gründung im „Haus Montag“ in Pirna
Am 21. Januar 2024 war auf einer Dresdner Demonstration der „Freien Sachsen“ seit langer Zeit wieder ein Banner der JN zu sehen. Ein paar Tage später, am 3. Februar 2024, fand die Gründung der „Elblandrevolte“ im „Haus Montag“ in Pirna statt. Die JN hatte zu einer Vernetzungs- und Schulungsveranstaltung eingeladen, an der auch die führenden Köpfe der späteren Gruppe teilnahmen. Das „Haus Montag“ ist eine der zentralen neonazistischen Locations in der Region und lokale Basis von NPD, Freien Sachsen und Compact-Magazin. Auf der Schulung im Februar wurde die JN und deren „weltanschauliche“ Bezugspunkte vorgestellt. Auf einer Vortragsfolie war zu lesen: „Konkurrenz kam und verschwand wieder“ – ein Seitenhieb gegen die wenig wirksamen Organisierungsversuche des „Dritten Weg“ im Jahr zuvor. An der Schulung nahmen u.a. der zukünftige Stützpunktleiter Finley Pügner und Kurt Altrichter teil.
Kurt Altrichter (rechts) und Finley Pügner (links) posieren mit dem Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke (mitte) bei der Eröffnung der „Heimat“-Europazentrale in Berlin am 27. April 2024. (Screenshot Instagram)1. August 2024 – Mobilisierung gegen den CSD in Bautzen
Am Hauptbahnhof in Dresden sammelten sich 200 Nazis aus Dresden und dem Umland. Pügner gab mit Megafon den Ton an. Ziel der Gruppe war der CSD im 60 Kilometer entfernten Bautzen. Die Stadt gilt als rechte Hochburg und besonders mobilisierungsstark. Dem Aufruf der Elblandrevolte folgten auffällig viele Jugendliche – vor allem angetrieben durch eine weitreichende Social-Media-Mobilisierung. Die Anreise lief jedoch nicht wie geplant. Antifaschistische und queere Aktivist*innen besetzten das Zuggleis: keine Abfahrt für Neonazis. Deren Reaktion war hilflos. Bisher waren sie weder auf polizeiliche noch größere antifaschistische Gegenwehr gestoßen. Letztlich sind Finley Pügner und sein Anhang gezwungen zum nächstgelegenen Bahnhof zu laufen und erreichen Bautzen mit über einer Stunde Verspätung. In Bautzen selbst schließen sich rund 700 Neonazis den Protesten gegen den CSD an und treten aggressiv auf. Doch Dank antifaschistischem und queerem Selbstschutz verläuft der Tag ohne größere Zwischenfälle.
16. Juni 2024 – JN-Sommersonnenwende in Eschede
In einem großen Kreis standen mehrere dutzend Personen mit Fackeln um ein Feuer. Die Männer trugen weiße Hemden und Zunfthosen, die Frauen lange Röcke und weiße Blusen. Ein Teil der Gruppe war mit Sturmhauben in Deutschlandfarben vermummt. Bei der Veranstaltung handelte es sich um die offizielle Sonnenwendfeier der JN im niedersächsischen Eschede. Die rund 40 Teilnehmer*innen waren ausschließlich Kader der Jugendorganisation der NPD/Die Heimat, darunter beispielsweise Michael Brück. Auch dabei: Finley Pügner, Alexander Weigelt, Kurt Altrichter und Emely Knobloch – das Führungsquartett der Elblandrevolte.
Alexander Weigelt, Emely Knobloch, Finley Pügner und Kurt Altrichter (vlnr., markiert) bei der Sommerwendfeier der JN in Eschede. (Screenshot Spiegel TV)Die Vier sind seit 2024 regelmäßig bei bundesweiten JN-Veranstaltungen anzutreffen. Diese gibt es seit 2023 wieder häufiger: Angeleitet und vorangetrieben von einigen erfahreneren Neonazis versucht sich die JN bundesweit neu aufzustellen. So auch in Dresden, der angeblichen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die JN-Strukturen nach der Zerschlagung der „Freien Kameradschaft Dresden“ 2016 weitgehend am Boden lagen. Beim Aufbau der jungen Struktur mischen altbekannte Neonazis mit: Thomas Sattelberg und Max Schreiber aus Pirna oder Benjamin Moses aus Bautzen. Die Erwartungen an „die Neuen“ sind dabei recht hoch. So führte die Elblandrevolte etwa den letztjährigen Aufmarsch anlässlich des 13. Februars in Dresden an.
14. September 2024 – Wanderung in der Sächsische Schweiz
Fünf Personen posierten mit White-Power Zeichen vor einer Deutschlandflagge in der Sächsischen Schweiz. Im dazugehörigen Instagrampost hieß es großspurig: „Die Elblandrevolte hat die Sächsische Schweiz besetzt“. Angekündigt war eine „anspruchsvolle Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer. Tatsächlich aufraffen konnten sich gerade einmal sechs Personen. Die Gruppe scheiterte an ihrer eigenen Klientel: Veranstaltungen mit politischen Inhalten oder solchen Wanderungen in heimatlicher Naturverbundenheit sind wenig spannend. Entsprechend schwer fällt neue Personen einzugliedern, politisch zu schulen und langfristig zu binden.
Teilnehmer der „anspruchsvollen Spätsommerwanderung“ für 30 Teilnehmer am 14. September 2024. (Screenshot Instagram)24. Oktober 2024 – TikTok live
Pügner ging auf TikTok live. Seit einem Spiegel TV-Beitrag im Sommer 2024 versucht Pügner die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen. Im Livestream thematisierte Pügner die Hausdurchsuchungen gegen Mitglieder der Gruppe „Deutsche Jugend voran“ in Berlin. Er fände die Razzien gut, da „die ganzen Leute dann vielleicht mal begreifen, das diese ganzen komischen Gruppen Müll sind“. Pügner mimt den Politkader mit Durchblick.
31. Dezember 2024 – „Da fliegen die Türen auf“
Das Gesicht der Elblandrevolte sitzt in U-Haft. Gut zwei Monate nach seinen unbedarften Aussagen über die „komischen Gruppen“ in Berlin „fliegen“ bei Pügner selbst „die Türen auf“. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung und Bedrohung. Eine Gruppe um den JN-Kader soll in Görlitz eine Kommunalpolitikerin der Partei „Die Linke“ angegriffen haben. Pügner wurde dabei die Sturmhaube vom Kopf gezogen. Bereits ein paar Wochen zuvor drohte er eben jener Politikerin ihr eine „reinzuschießen“ – alles auf Video am Rande einer Demo festgehalten. Mit der Festnahme wurde es schlagartig ruhig um die Elblandrevolte. Die „Kameradschaft“, die sie sich auf die Fahnen schrieb, erwies sich als brüchig. Ein paar wenige Instagram-Postings mit halbherzigen Solidaritätsaufrufen täuschen darüber nicht hinweg.
24. Februar 2025 – Comeback-Versuche
„Nach einer längeren Schaffenspause“ melde sich die Elblandrevolte wieder zurück, hieß es Anfang Februar auf dem Instagram-Account der Gruppe. Rund 50 Jugendliche fanden sich vor der Altmarktgalerie ein, um den „Dresdner Montagsprotest“ zu unterstützen. Teile der Gruppe waren extra aus Chemnitz vom dortigen JN-Ableger angereist. Das Momentum vom Sommer ist allerdings weg. Die Rolle vom inhaftierten Pügner versuchen neue Personen einzunehmen. Max Wasner spielte den Anheizer und lief mit einem Megafon vor den Jugendlichen her. Ob das Substanz hat, bleibt abzuwarten1. Zum 13. Februar, dem letzten verbliebenen Event der klassischen Neonaziszene, brachte die Gruppe nichts zustande: Es blieb beim Kleben einiger JN-Plakate. Von den noch im Vorjahr angekündigten Aktionen war nichts zu sehen. Auch der gemeinsam ausgerufene Zubringertreffpunkt zum großen Trauermarsch am 15. Februar 2025 entpuppte sich als Misserfolg. Nur wenige Personen kamen zum Treffpunkt, Alexander Weigelt und Co. liessen sich schnell von der Polizei ans S-Bahn-Gleis schicken: Anstatt eines Vorabmarsches dann doch nur zwei Haltestellen mit dem ÖPNV zum Demoauftakt. Im Vergleich zum Vorjahr stellte die Elblandrevolte hier nicht einmal einen eigenen Block, sondern schloss sich, dem bundesweiten JN-Block an.
Ausblick
Die Elblandrevolte wird ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Wegbrechende Kader, kann sie nicht ersetzen. Trotz einiger Mobilisierungserfolge gehörten selten mehr als ein Dutzend Leute zur Gruppe – die Fluktuation war und ist hoch. Die „Weltanschauung“ der JN der mobilisierten, jungen Klientel zu vermitteln, gelingt kaum. Zudem werden die organisatorischen Defizite sofort deutlich, wenn es für sie nicht nach Plan läuft. Das eröffnet Möglichkeiten für antifaschistische Praxis, wie die behinderte Anreise der Neonazis nach Bautzen zeigt.
Dass die Gruppe in der Außenwahrnehmung (auch unter Antifaschist*innen) größer und professioneller wirkt, liegt nicht zuletzt an einer effekthascherischen Berichterstattung, die der Elblandrevolte nicht nur zu größerer Reichweite verhalf, sondern gleichzeitig Hochglanzbilder für die eigene mediale Inszenierung auf Instagram und TikTok lieferte. Auch deshalb sollten sich Antifaschist*innen die Frage stellen, inwieweit eine solche Thematisierung der Gruppe die richtige Intervention ist oder nicht viel mehr der Fokus auf die Zerschlagung ihres mobilisierbaren Umfelds gelegt werden sollte.
- Eine Woche später gab Max Wasner auf Instagram bekannt nicht mehr Teil der JN zu sein ↩︎
#AlexanderWeigelt #BenjaminMoses #Elblandrevolte #EmelyKnobloch #FinleyPügner #HausMontag #JN #KurtAltrichter #MaxSchreiber