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  1. Hörspiel des Jahres 2025 – Verleihung in Leipzig

    Am Freitag, den 20. März 2026, um 19:00 Uhr wird im Richard-Wagner-Saal der Kongresshalle am Zoo Leipzig (Pfaffendorfer Straße 31, 04105 Leipzig) das von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste (DADK) vergebene „Hörspiel des Jahres“ 2025 – „Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober“ von Sharon Otoo und Dirk Laucke – vorgestellt und geehrt.

    Das Hörspiel wird in voller Länge präsentiert. Anschließend sprechen die beiden Preisträger Sharon Otoo und Dirk Laucke gemeinsam mit der Dramaturgin Juliane Schmidt (RBB) sowie den Juroren Laila Stieler und Sebastian Krumbiegel. Die Moderation übernimmt Ingrid Wenzel. Der Eintritt ist frei.

    Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober

    von Sharon On und Dirk Laucke

    Regie: Sharon On und Dirk Laucke
    Regieassistenz: Dirk Leyers
    Mit Berichten von: Sivan, Hamid Abu Arar, Asaf, Ofek und Raz Liwny, Nivi Ochana,
    Adi Miara, Amit Soussana, Eli Sharabi, Yowel Sharvit, eines Sprechers von ZAKA,
    Sethuli Nissanka, Ricarda Louk, Natalia Casarotti-Kalfa
    Sprecher*innen: Sarah Maria Sander, Ariel Nil Levy, Raschid Daniel Sidgi, Tomer Lev Tov.
    Kolja Podkowik, Sebastian Urzendowsky, Richard Barenberg, Jaron Löwenberg, Natascha
    Manthe, Natalie Piu Mukherjee, Lilou Smart, Elisabeth Degen, Şiir Eloğlu, Philipp Jacob, Levi
    Wessel
    Ton: Peter Avar und Katrin Witt
    Dramaturgie & Redaktion: Juliane Schmidt
    Bei Recherche und Übersetzung halfen: Jaron Löwenberg, Tomer Lev-Tov, Shani Arnheim, Hila
    Bitterman
    Produktion: Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) 2025
    Länge: 62 Min.

    Die Begründung der Jury

    Es sind die Details. Die kleinen Momente.
    Ich muss pinkeln, sagt Sivan zu ihrem Bruder am Telefon. Geh nicht pinkeln, antwortet er. Ganze viermal schafft Fatma das Glaubensbekenntnis, erinnert sich Hamid. Beim fünften Mal stirbt seine Frau neben ihm auf dem Beifahrersitz. Yowel zieht Mor ihren Pullover an, damit er nicht friert. Obwohl er längst kalt ist, längst tot. Obwohl sie weiß, dass er tot ist, will sie nicht, dass er friert. Das Bewusstsein ist nicht dafür geschaffen, die Realität des Todes anzunehmen. Nicht so. Nach und nach vielleicht. Irgendwann. Vielleicht auch nie. Für Yowel wird Mor immer lebendig sein. Ihr Liebster, gerade einen Monat lang ihr Mann. Erschossen.

    Ein Hörspiel kann Tote nicht wieder lebendig werden lassen. Oder doch? In der Fantasie? Sharon On und Dirk Laucke lassen Zeugen des 7. Oktober 2023 berichten über das, was ihnen widerfahren ist. An diesem Tag überfällt die Terrormiliz Hamas vom Gazastreifen aus Israel. Ihr Ziel sind israelische Wohnorte, Städte und Kibbuzim, und das Supernova-Musikfestival. Die Zeugen berichten sachlich, fast karg. Sie schildern Abläufe, Vorgänge. Sivan bleibt im Schutzraum und pinkelt auf einen Kissenbezug, damit sich der Urin nicht überall verteilt. Hamid gräbt eine Grube für Baby Elias, damit es nicht von den Kugeln der Hamas getroffen wird, die über sie hinwegzischen. Yowel drückt ein letztes Mal Mors Hand.

    Klug ausgewählt und zusammengestellt sind diese Berichte. In fünf Kapiteln erleben wir diesen Tag aus verschiedenen Perspektiven. Da sind die Bewohner der Kibbuzim, die Besucher des Supernova-Festivals, der arabischer Landwirt, eine Pflegekraft aus Sri Lanka, Polizeibeamte und ein Sprecher der ZAKA, einer ehrenamtlichen Organisation zur Identifizierung von Katastrophenopfern. Die Wucht ihrer Erzählungen steigert sich ins nahezu Unerträgliche.

    I‘ve come back from hell. I returned to tell my story, sagt Eli, dessen Familie ermordet wird und der
    über ein Jahr und vier Monate in Geiselhaft ist. Mir erschienen diese 55 Tage Geiselhaft wie eine Ewigkeit, sagt Amit, die gekidnappt und von den Entführern vergewaltigt wird. Wir enden bei Natalia, der Köchin, die ihren Sohn verliert: Ich hatte die Wahl, ob ich den Rest meines Lebens im Bett bleibe oder losgehe. Sie legt auf. Als DJane. In Gedenken an ihren Sohn spielt sie am Schluss des Hörspiels sein Lied „Like a Wildflower“. Das ist kein Trost und auch keine billige Hoffnung, aber ein kraftvoller Moment, mit dem uns die Autoren aus diesem Stück entlassen.

    Was muss es für eine Arbeit gewesen sein, die Interviews mit den Betroffenen zu führen, sich deren Berichte anzuhören? Auszuwählen? Sich den schlimmen Situationen immer wieder auszusetzen, sich nicht darin zu verlieren und dennoch einen mitfühlenden Blick zu behalten? Sie geben den Opfern, den Misshandelten, Vergewaltigten, Traumatisierten, Verletzten, Toten ihre Stimme und ihre Würde zurück.

    Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch Juliane Schmidt, der Redakteurin. Für ihre dramaturgische Leistung. Und für ihren Mut.

    Sobald von israelischen Opfern die Rede ist, wird heute in deutschen Medien geradezu reflexhaft auch an die Toten in Gaza erinnert. Als müsse man abwiegeln, einen Ausgleich suchen. Das Hörspiel tut dies nicht. Und das ist wohltuend. Denn so einfach ist es nicht. Was am 7. Oktober 2023 passiert ist, ist nicht einfach nur Krieg. Es gibt Wörter, aber sie bleiben unscharf. Grausam, barbarisch, unmenschlich … Bleiben Wörter. Angesichts dessen. Straße und jubeln. Ein Mann spuckt auf sie. Warum tun Menschen das?

    Da lässt es sich leicht aus unserer Entfernung von Zweistaatenlösung reden. Sie werden nicht gehen und wir auch nicht, sagt Natalia. Aber wie soll ein Zusammenleben funktionieren? Verzeihen und vergeben? Wie genau soll das denn möglich sein? Nichts beschönigen, Fragen aufwerfen, nicht sofort eine Antwort parat haben. Genau hinschauen. Nicht anklagen und interpretieren. Einfach zeigen. Das ist so viel. Das ist das Hörspiel des Jahres.

    Laila Stieler, Sebastian Krumbiegel

    Zum Inhalt: Am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 überfiel die Terrormiliz Hamas den Süden Israels. Ihr Ziel waren jüdische Wohnorte, Städte und Kibbuzim und das Supernova-Musikfestival. Die Hamas beschoss das Gebiet mit Raketen, feuerte auf die Gäste des Festivals, drang in Wohnhäuser und Militärstützpunkte ein, folterte, vergewaltigte und tötete – ihr Ziel waren Juden und Jüdinnen und Israelis gleich welcher Zugehörigkeit. 1200 Menschen starben, 240 Menschen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. In fünf Kapiteln erzählen Menschen von dem, was sie an diesem Tag erlebt haben, was sie mitansehen mussten, was ihnen selbst geschah oder ihren Angehörigen. Sie erzählen davon, wie sie nach diesen Erfahrungen von Gewalt, Verlust und Trauer weiterleben.
    (Kritik hier)

    Das Hörspiel des Monats / des Jahres ist eine Initiative, die gemeinsam mit ARD, DLR, ORF und SRF dieser Kunstform ein eigenes Forum gibt und reihum in Kooperation mit den Sendern seit 1977 durchgeführt wird. Eine von der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste eingesetzte Jury wählt Monat für Monat aus den Ursendungen die nach ihrer Meinung beste Produktion. Aus 12 „Hörspielen des Monats“ wählt dieselbe Jury das „Hörspiel des Jahres“. Das Preisträgerstück war Hörspiel des Monats November 2025.

     

    #DirkLaucke #HörspielDesJahres #HörspielDesMonats #RBB #ShaonOn
  2. Hörspiel des Monats November 2025

    Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober

    von Sharon On und Dirk Laucke

    Regie: Sharon On und Dirk Laucke
    Mit Berichten von: Sivan, Hamid Abu Arar, Asaf, Ofek und Raz Liwny, Nivi Ochana, Adi Miara, Amit Soussana, Eli Sharabi, Yowel Sharvit, eines Sprechers von ZAKA, Sethuli Nissanka, Ricarda Louk, Natalia Casarotti-Kalfa
    Dramaturgie & Redaktion: Juliane Schmidt
    Bei Recherche und Übersetzung halfen: Jaron Löwenberg, Tomer Lev-Tov, Shani Arnheim, Hila Bitterman
    Produktion: RBB 2025
    Länge: 62 Min.
    Ursendung: RBB Radio 3, So, 05.10,2025, 16.00 Uhr

    Die Begründung der Jury

    Das Thema ist aktueller als viele es wahrhaben wollen. Antisemitismus ist wieder en vogue, es sind in der medialen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit mittlerweile wieder Dinge sagbar, von denen wir gedacht hatten, dass wir sie ein für alle Mal überwunden haben. Das war ein Irrtum, und das schlimmste ist, dass sich alle, die judenfeindliche Gedanken in sich und nun eben auch wieder ohne Scheu nach außen tragen, an dieser Stelle die Hände zu reichen scheinen – Neonazis, verwirrte „Linke“, muslimische Islamisten und „ganz normale“ Leute.

    „Auch wenn es dunkel ist“ erzählt die Geschichte vom 7. Oktober 2023, als islamistische Hamas-Terroristen vom Gaza-Streifen aus Israel überfielen und dort ein Massaker anrichteten, bei dem mehr als 1200 Menschen bestialisch ermordet, vergewaltigt und verschleppt wurden. Die Bilder und Berichte gingen um die Welt, und wir alle wissen, was an diesem Tag dort passiert ist.

    Wenn uns dieses Hörspiel nun diese Geschichten aber hautnah erzählt, wenn Angehörige von Opfern dieser abscheulichen Taten zu Wort kommen, wenn wir Sprachnachrichten verzweifelter Menschen aus ihren Schutzräumen in den Kibbuzim hören, dann verfehlt das seine Wirkung nicht.

    Wir müssen uns mit diesen Zeitzeugen-Berichten beschäftigen, auch wenn es schmerzhaft ist. Wir dürfen dazu nicht schweigen, und wir müssen denen, die diese widerlichen Aktionen feiern, die bei linken, rechten oder islamistischen Demonstrationen mit roten Dreiecken den Terror der Hamas gutheißen, entschlossen entgegentreten. Genau das tut „Auch wenn es dunkel ist“. Die Zeitzeugen-Berichte, die wir hier ungefiltert hören, sprechen für sich. Danke dafür!

    Das Hörspiel des Monats wird am Samstag, den 06.12.2025 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

    Die Nominierungen

    2025-01-02, Frauen und Fiktion: Hallo, ich bin Geld, DLF Kultur
    2025-01-08, David Lindemann: Echokammer, DLF Kultur
    2025-01-13, Ulrike Haage: Nichts ist, sagt der Weise, RBB
    2025-01-18, Merzouga: Wildly tender is thy music – Lieder aus dem Moor, DLF
    2025-01-24, Helmut Peschina: Treibholz, ORF

    2025-02-01, Heiner Goebbels: Orakelmaschine, SWR
    2025-02-17, Michael Stauffer: Ihr habt echt keine Ahnung, in der Schweiz gab es nie Sowjetunion, SRF

    2025-03-03, AnniKa von Trier: Spurensuche Hannah Höch, rbb
    2025-03-03, David Paquet: Sternschnupfen, SR
    2025-03-06, Anonym: 1001 Nacht nach der Neuübersetzung von Claudia Ott, DLF
    2025-03-12, Andi Unger: Es gibt kein richtiges Leben, ihr Flaschen!, BR
    2025-03-19, C. F. Ramuz: Sturz in die Sonne, SRF
    2025-03-26, Oliver Sturm: Die Erschöpften – Folge 1 von 10 – Erwerb von Urlaubskompetenz, NDR/DLF 2025
    2025-03-26, Oliver Sturm: Die Erschöpften – Folge 2 von 10 – Pre-Holiday-Holiday, NDR/DLF 2025
    2025-03-26, Oliver Sturm: Die Erschöpften – Folge 3 von 10 – Spaß! Spaß! Spaß!, NDR/DLF 2025
    2025-03-31, Sathyan Ramesh: Lélé, hr

    2025-04-01, Akin Emanuel Sipal: Mutter Vater Land, BR
    2025-04-03, Basil Zecchinel / Clara Schiltenwolf: Requiem for a lobster, DLF
    2025-04-03, Olga Ravn: Die Angestellten, DLF Kultur
    2025-04-03, Schorsch Kamerun: Bevor wir kippen, DLF Kultur
    2025-04-06, Maike Wetzel: Schwebende Brücken, SWR
    2025-04-10, Dominika Jerkić & Marc Matter: Oroboro, SWR
    2025-04-15, Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen, SWR
    2025-04-15, Walter Filz / Edgar Allan Poe: Der Untergang des Hauses, SWR
    2025-04-16, Peter Bichsel: Nichts Besonderes, SRF
    2025-04-17, Aleksandar Tisma: Der Gebrauch des Menschen – Teil 1 von 3, MDR
    2025-04-17, Aleksandar Tisma: Der Gebrauch des Menschen – Teil 2 von 3, MDR
    2025-04-17, Aleksandar Tisma: Der Gebrauch des Menschen – Teil 3 von 3, MDR

    2025-05-06, Noam Brusilovsky / Ofer Waldman: Wer weiß wer kennt, rbb
    2025-05-13, Dominik Bernet: Brot weint, SRF
    2025-05-13, Arne Salasse: Die Glitzer-Gang – Folge 3 von 6 – Der Meisterdieb, hr
    2025-05-13, Arne Salasse: Die Glitzer-Gang – Folge 4 von 6 – Zu viel Zaster, hr
    2025-05-13, Arne Salasse: Die Glitzer-Gang – Folge 5 von 6 – Totale Krise, hr
    2025-05-23, Hans Magnus Enzensberger: Der Untergang der Titanic, ORF

    2025-06-04, Hermann Kretzschmar: Aristo Games_Paralipomena 1 – Emily Pop, SWR
    2025-06-04, Hermann Kretzschmar: Aristo Games_Paralipomena 2 – I.K, SWR
    2025-06-04, Leonie Ziem: Kind aus Seide, SWR
    2025-06-05, Armin Smailovic: Branko Simic: Srebrenica, DLF Kultur
    2025-06-05, Michel Decar: Die Kobra von Kreuzberg, DLF Kultur
    2025-06-13, Sabine Ludwig: Und dann saß ich da mit meinen 7 Unterhosen in der Hand, rbb
    2025-06-17, Magda Woitzuck: Mallorca, Mord und Margaritas, hr

    2025-07-03, Albrecht Kunze: Das Ding aus keiner anderen Welt als dieser, SWR
    2025-07-03, Sven Recker: Der Afrik, SWR
    2025-07-04, Stefan M. Bürkner: Gestern war die Welt noch schlecht, DLF Kultur
    2025-07-22  Antoine de Saint-Exupery: Nachtflug, ORF
    2025-07-04, Gregor Schmalzried: Mia Insomnia 3, BR
    2025-07-22, Philipp Blom: Vier Stürme, ein Sturm, ORF
    2025-07-07, Raoul Schrott: Sternenhimmel der Menschheit, BR
    2025-07-27, Friedrich Ani: Die Wut der Wellen, NDR

    2025-08-18, Stefanie Sargnagel: Iowa – Ein Ausflug nach Amerika, ORF / DLF Kultur
    2025-08-28, Felix Kubin: FLOW – Beyond Baroque and Words, BR

    2025-09-04, Caroline Wahl: Windstärke 17, HR
    2025-09-04,Dana von Suffrin: NIEWIEDERGUT, BR
    2025-09-04, Lene Albrecht: Kamina, DLF Kultur
    2025-09-04, Magda Woitzuck: Zwei Schwestern, HR
    2025-09-04, Marlen Hobrack: Schrödingers Grrrl, DLF Kultur
    2025-09-08, Fabian Saul: Die Ästhetik des Widerstands, DLF Kultur
    2025-09-08, Marcus Steinweg: Metaphysik der Leere, DLF
    2025-09-11, Lars Werner: Das Ende des Westens, rbb
    2025-09-15, Victor Sattler: Stolpertexte Folge 7 Hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät, MDR
    2025-09-25, Dirk Schmidt: Crrowl, RB

    2025-10-04, Yannic Han Biao Federer: Für immer seh ich dich wieder, NDR
    2025-10-16, Bergsveinn Birgisson: Antwort auf den Brief von Helga, ORF-SF
    2025-10-20, Gesche Piening: Göttlich bleiben, BR
    2025-10-22, Jovana Reisinger: Das große Leid, das kleine Leben, DLF Kultur
    2025-10-22, Leonhard F. Seidl: Fronten, DLF Kultur
    2025-10-22, Natalie Baudy: Fairycoin, DLF Kultur
    2025-10-22, Herta Müller: Die Welt schaukelt und du willst glücklich sein, DLF
    2025-10-30, Kai Grehn: Imiona nurtu – Die Namen der Strömung, SWR
    2025-10-30, Ricarda Messner: Wo der Name wohnt, SWR

     

    #AuchWennEsDunkelIst #BerichteVom7Oktober #DirkLaucke #HörspielDesMonats #SharonOn
  3. Zwischen O-Ton und Inszenierung

    Das Hörspiel „Auch wenn es dunkel ist“ verarbeitet Zeugnisse vom 7. Oktober 2023 – dem Tag des Hamas-Massakers. Die szenische Umsetzung dokumentarischer O-Töne bewegt, wirft aber auch die Frage auf, wie man dem Schrecken inszenatorisch beikommen kann.

    Sharon On und Dirk Laucke: Auch wenn es dunkel ist – Berichte vom 7. Oktober

    RBB Radio3, So, 05.10,2025, 16.00 bis 17.00 Uhr,
    Mo, 06.10.2025, 19.00 bis 20.00 Uhr

    Am 7. Oktober jährt sich zum zweiten Mal das Massaker der palästinensischen Terror-Miliz Hamas, dem 1200 Menschen zum Opfer fielen und bei dem 251 entführt wurden. Im Krieg, den Israel seitdem gegen die Hamas führt, sind mehr als 60.000 Palästinenser ums Leben gekommen. Die Theaterregisseurin Sharon On hat zusammen mit dem Dramatiker und Hörspielautor Dirk Laucke Aussagen der Opfer des größten anti-jüdischen Pogroms seit der Schoah – und der Ursache dieses Krieges – gesammelt und im Januar dieses Jahres als szenische Lesung im tak, Theater Aufbau Kreuzberg, aufgeführt. Dieses Material haben die Autoren jetzt auch als 61-minütiges Dokumentarhörspiel „Auch wenn es dunkel ist – Berichte vom 7. Oktober“ inszeniert.

    Insgesamt fünfzehn als „Zeugnisse“ etikettierte Aussagen haben die Autoren in fünf Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel „Kibbuzim“ beginnt mit einem O-Ton eines Telefongespräch einer verängstigen Frau, die sich im Schutzraum ihrer Wohnung, der ihr Schlafzimmer ist, unter ihrem Bett versteckt. Ihr Bruder versucht sie am Telefon zu beruhigen. Dennoch teilen sich zwölf Stunden Todesangst unmittelbar mit. Man hört ihre um Fassung ringende Stimme auf Hebräisch und dann etwas verzögert auf Deutsch nachgesprochen (und dabei allerdings ein wenig zu panisch akzentuiert).

    „Es ist nicht rechtmäßig“

    Dokumentarische O-Töne aus der Unmittelbarkeit des Schreckens wechseln mit Berichten von Überlebenden im Nachhinein. Die Geschichten sind gleichermaßen bedrückend. Da ist der in Israel lebende Palästinenser Hamid, dessen Frau von den islamistischen Terroristen auf Motorrädern per Drive-by-Shooting ermordet wird. Sie stirbt noch im Auto. Dann versucht er, sein sieben Monate altes Baby zu schützen, und gerät dabei zwischen die Fronten. „Es gab nichts, was rechtfertigen würde, was am 7. Oktober geschah“, sagt Hamid später und fährt fort: „Wir sind eine religiöse Familie. Wir kennen unseren Koran sehr gut. Sie wurde gesehen, man sah ihr Kopftuch. Trotzdem haben sie geschossen. Es ist nicht rechtmäßig. Es gehört nicht zum Islam. Sie haben kein Gesetz, und sie haben keine Religion, und Palästina interessiert sie nicht.“ Auch dass die Hamas ihre Gräueltaten filmt und sich damit auf Social Media brüstet, wird erwähnt – ohne die O-Töne zu reproduzieren.

    Im zweiten Kapitel geht es um das Nova-Festival in der Wüste, zu dem sich Techno-Fans aus aller Welt trafen. Doch was den Besuchern zunächst als Feuerwerk erschien, waren Raketen. Es entwickelt sich ein Chaos, in dem Menschen in völlig überfüllten Autos zu flüchten versuchen, während sie von allen Seiten beschossen werden. Das dritte Kapitel widmet sich der Mefalsim-Kreuzung, von der ein Vertreter von ZAKA, einer ehrenamtlichen Organisation zur Identifizierung von Katastrophenopfern, berichtet: „In einer Woche habe ich hunderte Leichen gesehen. In nur drei Tagen haben wir die Ausrüstung verbraucht, die wir sonst in vier Jahren benutzen.“

    In Kapitel vier berichten Geiseln von ihren Leiden in den Tunneln des Gazastreifens. Kapitel fünf ist der Trauer gewidmet und darin erzählen die Eltern die Geschichte ihrer Tochter Shani, die auf einem Pickup als Vergewaltigungsopfer in Gaza zur Schau gestellt wurde. Der einzige bittere Trost ist, dass sie zu dem Zeitpunkt wohl schon tot gewesen ist. Eine Zeile aus Shanis Song „Beit“ lieferte den Titel des Hörspiels „Wenn es dunkel ist, wo gehe ich dann hin? Wenn es keinen anderen Ort gibt, den ich Zuhause nennen kann?“

    O-Ton und Inszenierung

    Besonders im letzten Teil wird deutlich, dass die ästhetische Methode dieses Stücks, O-Töne mit nachgespieltem Voice-Over zu verkoppeln, nicht unproblematisch ist. Dem realen Schrecken ist mit einer Inszenierung nicht beizukommen. Manchmal steigert das Voice-Over die Empfindung gegenüber dem Originalton, wie im ersten Teil des Hörspiels, mal bleibt sie hinter ihr zurück, wie im letzten Teil. Die Erfahrungswelten sind und bleiben hörbar zu unterschiedlich. Man spürt die Absicht der Emotionalisierung und ist verstimmt. Haben die Autoren dem O-Ton-Material nicht getraut oder war es ihnen im Gegenteil zu erdrückend?

    Es gibt im Hörspiel eine lange Tradition, dokumentarisches Material zu inszenieren, die von Peter Weiss‘ Oratorium in elf Gesängen „Die Ermittlung“ (1965) über unkommentiert montierte Originaltöne wie in den Stücken von Paul Wühr bis zum Requiem „Crashing Aeroplanes“ (2001) von Andreas Ammer und FM Einheit reichen. Das sind alles legitime Verfahren, die entweder in referierender Kühle, im Vertrauen auf das Material oder in kontrastiver Überformung funktionieren.

    Ebenso legitim ist es fremdsprachige Texte nachzusprechen. Eine schauspielerische Inszenierung gerät aber immer in das Dilemma, sich entweder allzu sehr in den Vordergrund zu spielen, oder hinter dem Original zurückzubleiben. So funktioniert das Hörspiel „Auch wenn es dunkel ist“ eher über seinen Inhalt als über seine Form.

    Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 01.10.2025

    #AuchWennEsDunkelIst #BerichteVom7Oktober #DirkLaucke #RBB #SharonOn