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#freiesoftwarefoss — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #freiesoftwarefoss, aggregated by home.social.

  1. So bodigt die SRG die Halbierungsinitiative

    Wie kann sich das öffentlich-rechtliche Medienangebot gegen die globale Konkurrenz wie Tiktok, Youtube und Netflix behaupten? In der Schweiz stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil am 8. März die sogenannte Halbierungsinitiative ansteht: Die will die Gebühreneinnahmen für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) nicht halbieren, aber von jährlich 335 auf 200 Franken reduzieren. Wenn sie angenommen würde – und danach sieht es im Moment aus –, würde sich das Budget der SRG von 1,2 Milliarden auf 630 Millionen sinken. Das wäre ein radikaler Einschnitt in die hiesige Medienlandschaft.

    Mir bereitet das Sorge. Und mich irritiert, wie diese Debatte geführt wird.

    Die Befürworter stellen die Initiative als Beitrag zur Kostenreduktion dar, was in meinen Augen an Etikettenschwindel grenzt. Natürlich ist eine Einsparung von 135 Franken im Jahr nicht nichts. Aber gemessen an den Kostensteigerungen bei Mieten und Krankenkassen ist es offensichtlich, dass der positive Aspekt für die meisten Haushalte vernachlässigbar, der Schaden fürs Land aber riesig wäre. Das Argument, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» konzentrieren, sticht nicht, weil dieser «Kern» in einem vielfältigen, mehrsprachigen Land riesig ist. Natürlich fallen jedem von uns sogleich zehn Sendungen ein, die er niemals schaut oder hört, und die man sofort einstellen könnte. Nur sind die Vorlieben so unterschiedlich, dass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibt, das niemand vermissen würde.

    Das dritte Argument, dass die privaten Medienhäuser mehr Raum bekämen, stimmt zu einem gewissen Grad. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die dann in die Lücken springen würden, die durch Einsparungen bei der SRG entstünden. Nein, die privaten Medien liefern sich das Konkurrenzgefecht schon heute dort mit den sozialen Medien, wo sich die Aufmerksamkeit konzentriert.

    Über alles wird geredet – bloss nicht über das, was wichtig wäre

    Über einige Dinge wird hingegen überhaupt nicht gesprochen: Wie soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk – oder Service Public, wie er hierzulande heisst – sich wandeln, um die Gebühreneinnahmen auch in Zukunft zu rechtfertigen?

    Ich suchte und fand nur bloss vage Andeutungen. Bei der SRG lese ich dürre Worte über «Public Values», was immer das heissen mag. Das zuständige Departement (Uvek) veröffentlichte ein Interview aus dem Tagesanzeiger als Medienmitteilung, in dem Medienminister Albert Rösti zwar die Bubble-Bildung der sozialen Medien kritisiert und findet, die Medien sollen «dort sein, wo sich die Nutzer aufhalten». Banaler geht es nicht – aber Rösti war Mitinitiant der Halbierungsinitiative.

    Hierzulande streitet man mit Leidenschaft über eine 1933 entwickelte Technologie: In der Schweizer Mediendatenbank fand ich für die letzten zwölf Monate 1824 Artikel über UKW und ungefähr 19 zu Play+¹. Letzteres ist die neue Plattform, die im Herbst 2026 das 2020 eingeführte Angebot Play Suisse ersetzen und die Angebote von RSI, RTR, RTS und SRF zusammenführen wird. Wurde die als Alternative zu Tiktok und Youtube gedacht, mit dem Anspruch, die «Nutzerinnen und Nutzer dort abzuholen, wo sie sich aufhalten»? Ich weiss es nicht, weil die nichtssagende Medienmitteilung die Frage offenlässt, ob es sich um eine simple Umbenennung oder eine Konsolidierung handelt. Oder ob man den Anspruch hat, die gravierenden Defizite auszubügeln und die vorhandenen Stärken zu fördern.

    Das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Warum steht die SRG nicht hin und sagt, was sie alles tun wird, wenn im März die Gebühren nicht gesenkt werden?

    Ein «digitaler Marktplatz der Ideen» – aber diesmal in Echt

    An dieser Stelle kommt Leonard Dobusch ins Spiel. Er zeigt auf, wie gross der Spielraum wäre. Er hat Vorschläge, mit denen sich die Gebührengelder in unveränderter Höhe rechtfertigen liessen. Denn sie würden nicht bloss das Darben zum Endsieg der Tech-Konzerne verlängern, sondern aufzeigen, wie eine offene und gesellschaftsfreundliche Plattform entstehen könnte. Also jener «digitale Marktplatz der Ideen», den Elon Musk bei der Übernahme von Twitter versprach, bevor er X in ein rechtes Propaganda- und Manipulationsinstrument verwandelte.

    Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck und er kennt das ZDF von innen, wo er Mitglied im Fernseh- und Verwaltungsrat war. Heute sitzt er im Stiftungsrat des ORF. Seine Rezepte gelten für Deutschland und Österreich. Doch sie sind interessant für die Schweiz, weil offene Software und Protokolle ein zentraler Bestandteil sind. In der Tat hat er die tollkühn anmutende Vorstellung, ein Medienangebot aufzubauen, das Netflix in nichts nachsteht: Weder beim Umfang, noch bei der Benutzerfreundlichkeit und schon gar nicht bei der Qualität.

    Leonhard Dobusch an der Re:publica 2022 (Rogi Lensing/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    Er sagt:

    Wenn das funktioniert, wird es der grösste und wichtigste Open-Source-Medien-Stack der Welt sein. Medienhäuser in ganz Europa werden sich beteiligen. Nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen – weil es ein Angebot ist, das man kaum ablehnen kann. Und dann wird endlich dieser Skalennachteil [verschwinden], den die Öffentlich-Rechtlichen in Europa haben. Jedes kleine Land wie der ORF entwickelt alleine seine Mediathek. Daneben die Schweiz, die SRG, die auch alleine ihre Mediathek entwickelt. Daneben hat man Netflix, die skalieren global.

    Die Software heisst Streaming OS. Sie wurde im Mai 2024 vorgestellt, und sie ist in der Tat spannend: Sie ermöglicht es, viele Portale auf einer Infrastruktur aufzusetzen. Die ARD führt zwölf Mediatheken der Landessender zusammen. Die Inhalte von ZDF und ARD sind interoperabel und über die jeweiligen Plattformen abrufbar, wobei es den Anbietern überlassen bleibt, sie unterschiedlich zu kuratieren. Das liesse sich weiter skalieren, sagt Dobusch:

    Warum gibt es nicht ein Wissenschafts- und Bildungsportal, wo ich einerseits die Wissenschafts- und Bildungsinhalte von ARD und ZDF zugänglich mache, und das ich öffne für Universitäten und Hochschulen, die immer professioneller Bildungsinhalte produzieren?

    Diese Inhalte könnten weiterhin auf Youtube und Tiktok zu sehen sein. Sie würden indes ebenso in einem attraktiven Umfeld stattfinden, in dem nicht als nächste Empfehlung ein Flat-Earther-Video auftaucht.

    Es liegt (für mich) auf der Hand, dass sich dieses Modell hervorragend auf die Schweiz übertragen liesse. In der Streamingplattform der SRG hätten die Inhalte von 3Sat Platz, an dem die SRG beteiligt ist². Es gibt hierzulande Universitäten, die exzellente Inhalte produzieren, die in ein solches Umfeld passen würden (die Uni St. Gallen, die Hochschule Luzern oder die Uni Bern). Stiftungen haben Medienangebote, namentlich das Hörkombinat von Elvira Isenring und meinem Stadtfilter-Gspändli Dominik Dusek.

    Masse mit Klasse

    Und wo das Stichwort Stadtfilter gefallen ist: Die nicht gewinnorientierten Lokalradios der Schweiz (Unikom) tragen einen Teil zur medialen Grundversorgung des Landes bei – weswegen sie einen Teil der Gebühren erhalten (Gebührensplitting). Warum also nicht einen Podcast wie – Achtung, rein willkürliches Beispiel! – Nerdfunk über Play+ ausspielen? Er allein würde die Attraktivität nicht markant erhöhen. Aber mit Verbindungen zu öffentlich-rechtlichen Anbietern in Deutschland, Frankreich (France 2), Italien (Rai) oder zu Dutzenden anderen Programmen, die untertitelt angeboten werden, liesse sich das Angebot in der Summe so stark ausweiten, dass es ähnlich reichhaltig wäre wie die Startseiten von Netflix oder Youtube.

    Wenn ich Leonard Dobusch richtig verstehe, basiert Play+ nicht auf Streaming OS. Warum? Weil man bei der SRG lieber eine eigene Software entwickelt, statt Open Source zu verwenden – und weil man nicht in Versuchung kommen möchte, das Angebot auf der eigenen Plattform mit Drittinhalten zu konkurrenzieren? Nun, trotz der polemischen Formulierung hier gehe ich davon aus, dass Play+ sorgfältig projektiert wurde. Diese Diskussion hier nicht zu führen, halte ich indes für eine fahrlässige Straussenpolitik.

    Meine offizielle Forderung an die SRG lautet, das Versäumnis wettzumachen. Dobusch legt seine Ideen in Holger Kleins Podcast-Folge Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung dar (RSS, iTunes, Spotify). Es geht nicht nur um die Open-Source-Plattform, sondern um eine Reihe weiterer wichtiger Problemfelder des ÖRR:

    • Die Legitimationskrise und politischer Druck, wenn ein künftiger AfD-Ministerpräsident den Rundfunkstaatsvertrag kündigen könnte,
    • die strukturellen Probleme mit dem Fokus auf «den kleinsten gemeinsamen Nenner» mit endlosen Krimis wie «Rosenheim Cops» und «SOKO» sowie die
    • titelgebende Trägheitsvermutung, die besagt, dass der ÖRR zu starr und bürokratisch ist, um überhaupt reformfähig zu sein.

    Mastodon, Fediversum, Peertube und Wikipedia

    Dobusch erwidert, es sei einem «unfassbaren Kraftakt» zu verdanken, dass im laufenden Betrieb ein Umbau stattfinde, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten der linearen Programme etwas feststellen würden. Dem Online-Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF sei es gelungen, da zu sein, wo das Publikum ist. Es erweise sich als «Durchlauferhitzer» für Talente und neue Arbeitsweisen, und mit 150 neuen Formaten, von denen nur die Hälfte überlebt hätte, pflege es eine Experimentierkultur.

    Die grossen Plattformen wie Youtube und Tiktok anbinden – aber nicht nur. Gleichzeitig soll das Fediversum (Mastodon, Peertube) zum Zug kommen. Spannend finde ich schliesslich die Ideen zu Wikipedia: «Terra X» veröffentlicht seit Ende 2019 Videoclips unter einer freien, zu Wikipedia kompatiblen Lizenz:

    Das sorgt jeden Monat stabil für vier Millionen Views auf Wikipedia, wo das Logo des ZDF zu sehen ist. So kommen wahrscheinlich mehr junge Leute mit öffentlichen Inhalten in Kontakt als im Zweiten.

    Last but not least gibt es Ideen, um die Online-Kommentare von ihrer Toxizität zu befreien, etwa durch neue Moderationsformen, die die «schweigende Mitte» sichtbar machen.

    Wann fangen wir hierzulande damit an, über solche Themen zu reden? Hoffentlich nicht erst nach der übernächsten Runde um die Abschaffung und Wiedereinführung von UKW. Und hoffentlich, hoffentlich nicht erst, nachdem die SRG halbiert wurde!

    Man könnte aber auch erwähnen, dass die SRG beim Projekt Public Spaces Incubator dabei ist und verschiedene mehrsprachige Dialogformate ausprobiert. Oder dass die EMEK in zwei Berichten Ideen für die Zukunft des Service public skizziert hat.

    — Manuel Puppis (@manuelpuppis.ch) 27. Januar 2026 um 14:22

    Fussnoten

    1) Genau kann ich es nicht sagen, weil in der Suchfunktion der Schweizer Mediendatenbank eine Suche nach «Play+» nicht möglich ist – das Plus wird ignoriert, was zu Tausenden falschen Treffern führt. Ich hätte empfohlen, bei der Namensgebung die Suchbarkeit im Web und in Datenbanken zu berücksichtigen. ↩

    2) Natürlich gibt es heute schon Inhalte von Drittanbietern. Aber es macht einen Unterschied, ob die manuell in die eigene Plattform eingepflegt werden müssen oder über offene Protokolle zugänglich gemacht werden – dann braucht es lediglich eine Kuratierung. ↩

    Beitragsbild: Regieraum bei SRF (SRG).

    #FediversumUndMastodon #Fernsehen #FreieSoftwareFOSS #HolgerKlein #Longread #Politik #SRF #Wochenkommentar
  2. So bodigt die SRG die Halbierungsinitiative

    Wie kann sich das öffentlich-rechtliche Medienangebot gegen die globale Konkurrenz wie Tiktok, Youtube und Netflix behaupten? In der Schweiz stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil am 8. März die sogenannte Halbierungsinitiative ansteht: Die will die Gebühreneinnahmen für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) nicht halbieren, aber von jährlich 335 auf 200 Franken reduzieren. Wenn sie angenommen würde – und danach sieht es im Moment aus –, würde sich das Budget der SRG von 1,2 Milliarden auf 630 Millionen sinken. Das wäre ein radikaler Einschnitt in die hiesige Medienlandschaft.

    Mir bereitet das Sorge. Und mich irritiert, wie diese Debatte geführt wird.

    Die Befürworter stellen die Initiative als Beitrag zur Kostenreduktion dar, was in meinen Augen an Etikettenschwindel grenzt. Natürlich ist eine Einsparung von 135 Franken im Jahr nicht nichts. Aber gemessen an den Kostensteigerungen bei Mieten und Krankenkassen ist es offensichtlich, dass der positive Aspekt für die meisten Haushalte vernachlässigbar, der Schaden fürs Land aber riesig wäre. Das Argument, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» konzentrieren, sticht nicht, weil dieser «Kern» in einem vielfältigen, mehrsprachigen Land riesig ist. Natürlich fallen jedem von uns sogleich zehn Sendungen ein, die er niemals schaut oder hört, und die man sofort einstellen könnte. Nur sind die Vorlieben so unterschiedlich, dass unter dem Strich kaum etwas übrig bleibt, das niemand vermissen würde.

    Das dritte Argument, dass die privaten Medienhäuser mehr Raum bekämen, stimmt zu einem gewissen Grad. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die dann in die Lücken springen würden, die durch Einsparungen bei der SRG entstünden. Nein, die privaten Medien liefern sich das Konkurrenzgefecht schon heute dort mit den sozialen Medien, wo sich die Aufmerksamkeit konzentriert.

    Über alles wird geredet – bloss nicht über das, was wichtig wäre

    Über einige Dinge wird hingegen überhaupt nicht gesprochen: Wie soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk – oder Service Public, wie er hierzulande heisst – sich wandeln, um die Gebühreneinnahmen auch in Zukunft zu rechtfertigen?

    Ich suchte und fand nur bloss vage Andeutungen. Bei der SRG lese ich dürre Worte über «Public Values», was immer das heissen mag. Das zuständige Departement (Uvek) veröffentlichte ein Interview aus dem Tagesanzeiger als Medienmitteilung, in dem Medienminister Albert Rösti zwar die Bubble-Bildung der sozialen Medien kritisiert und findet, die Medien sollen «dort sein, wo sich die Nutzer aufhalten». Banaler geht es nicht – aber Rösti war Mitinitiant der Halbierungsinitiative.

    Hierzulande streitet man mit Leidenschaft über eine 1933 entwickelte Technologie: In der Schweizer Mediendatenbank fand ich für die letzten zwölf Monate 1824 Artikel über UKW und ungefähr 19 zu Play+¹. Letzteres ist die neue Plattform, die im Herbst 2026 das 2020 eingeführte Angebot Play Suisse ersetzen und die Angebote von RSI, RTR, RTS und SRF zusammenführen wird. Wurde die als Alternative zu Tiktok und Youtube gedacht, mit dem Anspruch, die «Nutzerinnen und Nutzer dort abzuholen, wo sie sich aufhalten»? Ich weiss es nicht, weil die nichtssagende Medienmitteilung die Frage offenlässt, ob es sich um eine simple Umbenennung oder eine Konsolidierung handelt. Oder ob man den Anspruch hat, die gravierenden Defizite auszubügeln und die vorhandenen Stärken zu fördern.

    Das wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Warum steht die SRG nicht hin und sagt, was sie alles tun wird, wenn im März die Gebühren nicht gesenkt werden?

    Ein «digitaler Marktplatz der Ideen» – aber diesmal in Echt

    An dieser Stelle kommt Leonard Dobusch ins Spiel. Er zeigt auf, wie gross der Spielraum wäre. Er hat Vorschläge, mit denen sich die Gebührengelder in unveränderter Höhe rechtfertigen liessen. Denn sie würden nicht bloss das Darben zum Endsieg der Tech-Konzerne verlängern, sondern aufzeigen, wie eine offene und gesellschaftsfreundliche Plattform entstehen könnte. Also jener «digitale Marktplatz der Ideen», den Elon Musk bei der Übernahme von Twitter versprach, bevor er X in ein rechtes Propaganda- und Manipulationsinstrument verwandelte.

    Dobusch ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Innsbruck und er kennt das ZDF von innen, wo er Mitglied im Fernseh- und Verwaltungsrat war. Heute sitzt er im Stiftungsrat des ORF. Seine Rezepte gelten für Deutschland und Österreich. Doch sie sind interessant für die Schweiz, weil offene Software und Protokolle ein zentraler Bestandteil sind. In der Tat hat er die tollkühn anmutende Vorstellung, ein Medienangebot aufzubauen, das Netflix in nichts nachsteht: Weder beim Umfang, noch bei der Benutzerfreundlichkeit und schon gar nicht bei der Qualität.

    Leonhard Dobusch an der Re:publica 2022 (Rogi Lensing/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    Er sagt:

    Wenn das funktioniert, wird es der grösste und wichtigste Open-Source-Medien-Stack der Welt sein. Medienhäuser in ganz Europa werden sich beteiligen. Nicht, weil sie müssen, sondern, weil sie wollen – weil es ein Angebot ist, das man kaum ablehnen kann. Und dann wird endlich dieser Skalennachteil [verschwinden], den die Öffentlich-Rechtlichen in Europa haben. Jedes kleine Land wie der ORF entwickelt alleine seine Mediathek. Daneben die Schweiz, die SRG, die auch alleine ihre Mediathek entwickelt. Daneben hat man Netflix, die skalieren global.

    Die Software heisst Streaming OS. Sie wurde im Mai 2024 vorgestellt, und sie ist in der Tat spannend: Sie ermöglicht es, viele Portale auf einer Infrastruktur aufzusetzen. Die ARD führt zwölf Mediatheken der Landessender zusammen. Die Inhalte von ZDF und ARD sind interoperabel und über die jeweiligen Plattformen abrufbar, wobei es den Anbietern überlassen bleibt, sie unterschiedlich zu kuratieren. Das liesse sich weiter skalieren, sagt Dobusch:

    Warum gibt es nicht ein Wissenschafts- und Bildungsportal, wo ich einerseits die Wissenschafts- und Bildungsinhalte von ARD und ZDF zugänglich mache, und das ich öffne für Universitäten und Hochschulen, die immer professioneller Bildungsinhalte produzieren?

    Diese Inhalte könnten weiterhin auf Youtube und Tiktok zu sehen sein. Sie würden indes ebenso in einem attraktiven Umfeld stattfinden, in dem nicht als nächste Empfehlung ein Flat-Earther-Video auftaucht.

    Es liegt (für mich) auf der Hand, dass sich dieses Modell hervorragend auf die Schweiz übertragen liesse. In der Streamingplattform der SRG hätten die Inhalte von 3Sat Platz, an dem die SRG beteiligt ist². Es gibt hierzulande Universitäten, die exzellente Inhalte produzieren, die in ein solches Umfeld passen würden (die Uni St. Gallen, die Hochschule Luzern oder die Uni Bern). Stiftungen haben Medienangebote, namentlich das Hörkombinat von Elvira Isenring und meinem Stadtfilter-Gspändli Dominik Dusek.

    Masse mit Klasse

    Und wo das Stichwort Stadtfilter gefallen ist: Die nicht gewinnorientierten Lokalradios der Schweiz (Unikom) tragen einen Teil zur medialen Grundversorgung des Landes bei – weswegen sie einen Teil der Gebühren erhalten (Gebührensplitting). Warum also nicht einen Podcast wie – Achtung, rein willkürliches Beispiel! – Nerdfunk über Play+ ausspielen? Er allein würde die Attraktivität nicht markant erhöhen. Aber mit Verbindungen zu öffentlich-rechtlichen Anbietern in Deutschland, Frankreich (France 2), Italien (Rai) oder zu Dutzenden anderen Programmen, die untertitelt angeboten werden, liesse sich das Angebot in der Summe so stark ausweiten, dass es ähnlich reichhaltig wäre wie die Startseiten von Netflix oder Youtube.

    Wenn ich Leonard Dobusch richtig verstehe, basiert Play+ nicht auf Streaming OS. Warum? Weil man bei der SRG lieber eine eigene Software entwickelt, statt Open Source zu verwenden – und weil man nicht in Versuchung kommen möchte, das Angebot auf der eigenen Plattform mit Drittinhalten zu konkurrenzieren? Nun, trotz der polemischen Formulierung hier gehe ich davon aus, dass Play+ sorgfältig projektiert wurde. Diese Diskussion hier nicht zu führen, halte ich indes für eine fahrlässige Straussenpolitik.

    Meine offizielle Forderung an die SRG lautet, das Versäumnis wettzumachen. Dobusch legt seine Ideen in Holger Kleins Podcast-Folge Wider die öffentlich-rechtliche Trägheitsvermutung dar (RSS, iTunes, Spotify). Es geht nicht nur um die Open-Source-Plattform, sondern um eine Reihe weiterer wichtiger Problemfelder des ÖRR:

    • Die Legitimationskrise und politischer Druck, wenn ein künftiger AfD-Ministerpräsident den Rundfunkstaatsvertrag kündigen könnte,
    • die strukturellen Probleme mit dem Fokus auf «den kleinsten gemeinsamen Nenner» mit endlosen Krimis wie «Rosenheim Cops» und «SOKO» sowie die
    • titelgebende Trägheitsvermutung, die besagt, dass der ÖRR zu starr und bürokratisch ist, um überhaupt reformfähig zu sein.

    Mastodon, Fediversum, Peertube und Wikipedia

    Dobusch erwidert, es sei einem «unfassbaren Kraftakt» zu verdanken, dass im laufenden Betrieb ein Umbau stattfinde, ohne dass die Konsumentinnen und Konsumenten der linearen Programme etwas feststellen würden. Dem Online-Content-Netzwerk Funk von ARD und ZDF sei es gelungen, da zu sein, wo das Publikum ist. Es erweise sich als «Durchlauferhitzer» für Talente und neue Arbeitsweisen, und mit 150 neuen Formaten, von denen nur die Hälfte überlebt hätte, pflege es eine Experimentierkultur.

    Die grossen Plattformen wie Youtube und Tiktok anbinden – aber nicht nur. Gleichzeitig soll das Fediversum (Mastodon, Peertube) zum Zug kommen. Spannend finde ich schliesslich die Ideen zu Wikipedia: «Terra X» veröffentlicht seit Ende 2019 Videoclips unter einer freien, zu Wikipedia kompatiblen Lizenz:

    Das sorgt jeden Monat stabil für vier Millionen Views auf Wikipedia, wo das Logo des ZDF zu sehen ist. So kommen wahrscheinlich mehr junge Leute mit öffentlichen Inhalten in Kontakt als im Zweiten.

    Last but not least gibt es Ideen, um die Online-Kommentare von ihrer Toxizität zu befreien, etwa durch neue Moderationsformen, die die «schweigende Mitte» sichtbar machen.

    Wann fangen wir hierzulande damit an, über solche Themen zu reden? Hoffentlich nicht erst nach der übernächsten Runde um die Abschaffung und Wiedereinführung von UKW. Und hoffentlich, hoffentlich nicht erst, nachdem die SRG halbiert wurde!

    Man könnte aber auch erwähnen, dass die SRG beim Projekt Public Spaces Incubator dabei ist und verschiedene mehrsprachige Dialogformate ausprobiert. Oder dass die EMEK in zwei Berichten Ideen für die Zukunft des Service public skizziert hat.

    — Manuel Puppis (@manuelpuppis.ch) 27. Januar 2026 um 14:22

    Fussnoten

    1) Genau kann ich es nicht sagen, weil in der Suchfunktion der Schweizer Mediendatenbank eine Suche nach «Play+» nicht möglich ist – das Plus wird ignoriert, was zu Tausenden falschen Treffern führt. Ich hätte empfohlen, bei der Namensgebung die Suchbarkeit im Web und in Datenbanken zu berücksichtigen. ↩

    2) Natürlich gibt es heute schon Inhalte von Drittanbietern. Aber es macht einen Unterschied, ob die manuell in die eigene Plattform eingepflegt werden müssen oder über offene Protokolle zugänglich gemacht werden – dann braucht es lediglich eine Kuratierung. ↩

    Beitragsbild: Regieraum bei SRF (SRG).

    #FediversumUndMastodon #Fernsehen #FreieSoftwareFOSS #HolgerKlein #Longread #Politik #SRF #Wochenkommentar
  3. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  4. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  5. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  6. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

    Der Zen-Browser mit kompaktem Interface und vertikaler Reiterleiste.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar
  7. Die Firefox-Fundis wollen keine KI in ihrem Browser

    Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.

    Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:

    In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.

    Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.

    Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

    Die KI-Browser – hier Atlas von ChatGPT – nehmen keine Rücksicht auf den Datenschutz.

    «KI im Browser ist widerlich»

    Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:

    Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.

    Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.

    Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.

    Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf

    Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

    Die Linkvorschau basiert auf einem lokalen Sprachmodell.

    Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.

    Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.

    Open Source wird es richten

    Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.

    Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.

    Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.

    Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

    Beitragsbild: Die Frau mit dem fuchsroten Haar hat eine klare Haltung (Vie Studio, Pexels-Lizenz).

    #Browser #Firefox #FreieSoftwareFOSS #KI #Wochenkommentar