Technologische Abhängigkeit reduzieren
Die USA zeigen uns aktuell sehr eindrücklich, wie schnell sich gegeben geglaubte Dinge verändern können. Zölle hier, neue Erlässe und Einschränkungen da. Die Tech-Boys springen mit auf diesen Zug, sie sehen ihre Chance auf noch mehr Macht und Einfluss gekommen. Das alles hinterlässt bei der Betrachtung von Abhängigkeiten ein sehr ungutes Gefühl, stünde doch Vieles nach nur einem weiteren Erlass nicht mehr zur Verfügung. Betrachten wir dieses Thema gemeinsam.
Risikoanalyse?
Wer schon diverse Unternehmenszertifizierungen durchgemacht hat, weiß, wie häufig Risikoanalysen gefordert werden. Und sie haben klarerweise einen Sinn. Nur, dass sie immer wieder gerne belächelt werden. Schließlich müsste man dann ja eventuell Entscheidungen treffen, die man nicht befürwortet oder, die höhere Kosten veranschlagen. Unabhängig dessen ist man jedoch gut beraten, sich des Risikos bewusst zu sein. Auf welcher Basis schlussendlich eine Entscheidung gefällt wird und welch weitere Faktoren eine Rolle spielen, steht ohnehin auf einem anderen Blatt.
Ein Risiko bedingt auch, dass es eine alternative Strategie gibt. Was ist, wenn das das Risiko zuschlägt? Es braucht nicht nur eine Auflistung von Alternativen, sondern auch einen konkreten Plan für das Anfahren von Plan B.
Tendenziell erleichtert die Reduktion von Abhängigkeiten das Risiko gewaltig. Die aktuellen Zeiten sind sehr wechselhaft und morgen kann schon wieder Vieles ganz anders aussehen. Wir sehen willkürlich gesetzte Zölle, Gegemaßnahmen, Drohungen. Einen wahren Handelskrieg, der sich zunehmend auch auf die IT auswirkt. Gerade hier gibt es eine sehr starke US-amerikanische Abhängigkeit, die durchaus zu einem Problem für Europa werden kann.
Aber sehen wir uns ein paar Beispiele an.
Unternehmenskommunikation
Ein Blick in viele Unternehmen zeigt: Windows, Active Directory, Exchange, Outlook, Teams, Windows 365 usw. werden exzessiv genutzt. Zunehmend hält die Cloud Einzug. Die eigene Infrastruktur schrumpft, braucht man ja jetzt alles nicht mehr. Andere administrieren, verwalten, aktualisieren. Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Nutzung. Auch die Kollaboration mit Kunden ist einfach, denn es sind ja alle auf den gleichen Plattformen unterwegs.
Was aber, wenn diese Systeme von einem Moment auf den anderen nicht mehr zur Verfügung stünden?
Kein Zugriff mehr auf Termine, E-Mails. Aber auch kein Zugriff auf Dokumente. Die Kommunikation im Unternehmen reduziert sich schlagartig. Ab nun geht es zu Fuß in die Büros. Telefon? Nein, auch längst in die Cloud verlagert. Handy, ja, das geht noch, aber nicht alle haben ein Firmenhandy. Es wird kompliziert.
Hosting
Azure, AWS und Co. Alles, was darauf beruht, kann morgen nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich habe es oben schon angesprochen: Zunehmend verlagert sich alles in die Cloud. Unternehmen wollen die Verwaltung der Plattformen übernehmen, um Kunden in eine Abhängigkeit zu führen und über Abo-Modelle zu verdienen. Als Gegenleistung reduzieren sich angeblich die Infrastrukturkosten, was ja tatsächlich nicht passiert. Vielmehr verliert man jegliche Kontrolle über die Systeme und baut zudem Kompetenzen ab. Aber das wäre ein Thema für einen eigenen Beitrag.
Wann immer ein System außerhalb des eigenen Unternehmens (oder auch der eigenen vier Wände läuft), geht dies mit einem Kontrollverlust einher. Daher muss man sich durchaus anschauen, wie wichtig dieses System ist.
Den Kernprozess eines Unternehmens in die Cloud zu verlagern kann böse enden. Sei es, weil er nicht mehr durchgeführt werden kann, sei es, weil die Daten “verloren” gehen. Auch hier könnte man einen eigenen Beitrag über die Mär der höheren Sicherheit in der Cloud verfassen. Dem Kernprozess zuarbeitende Prozesse haben nicht diese Priorität bzw. ist hier das Risiko durchaus geringer.
Wie auch immer man hier vorgeht: Entscheidet man sich für eine Cloudlösung empfiehlt es sich auch den rechtlichen Aspekt dieser Entscheidung genauer anzusehen. Eine Lösung aus der EU kommend ist einer anderen Variante ganz klar vorzuziehen – ein EU-Standort reicht nicht aus (Verweis auf US Cloud Act).
Softwareentwicklung
Volle Abhängigkeit von Apple, Microsoft oder Google? Wir sprechen hier von der Plattform, den Entwicklungswerkzeugen, den Bibliotheken. Wir sprechen aber auch beispielsweise von Github. Zu Github gehört übrigens auch NPM, der Package Manager hinter Node.JS. Sehr viel Infrastruktur in der Hand eines einzigen Unternehmens, das auf maximalen Profit ausgelegt ist.
Das alleine wirft schon sehr viele Probleme auf:
- Zugegeben, der Kauf von Github war ein cleverer Schachzug von Microsoft. Immerhin haben sie sich dadurch ein riesiges Ökosystem ins Haus geholt. Unmengen an Projekten bis in die Open Source-Welt hinein. Hier wird kollaboriert und es haben sich Gemeinschaften – oder besser gesagt – Abhängigkeiten geschaffen. Auf diese Abhängigkeiten hat Microsoft die Hand. Ein Umzug ist schwierig, weil damit Unterstützer verloren gehen, Sponsoring, Build-Infrastruktur usw.
- Wenn Microsoft aus irgendeinem Grund kein Interesse an dieser Plattform mehr hat, wird sie verkauft. Ziele und Pläne der neuen Eigentümer sind unbekannt, ebenfalls, wie es dann weitergeht. Oder aber, sie wird überhaupt eingestellt. Was auch immer passiert: Entweder wird die Abhängigkeit größer, oder das System geht verloren.
- Open Source will eigentlich unabhängig sein. Das widerspricht sich mit der Philosophie einer gewinnorientierten Plattform. Entscheidet sich Microsoft, kostenlose öffentliche Repositories kostenpflichtig werden zu lassen, dann wird es sehr viele Open Source Projekte nicht mehr geben, weil das Geld schlicht nicht da ist. Viele dieser Projekte sind selbst Abhängigkeiten größerer Projekte. Das kann ganz schnell zu einem sehr ungünstigen Lauffeuer für Open Source Projekte werden.
Die übrigen großen Player haben ähnliche Spielwiesen. Google entwickelt Android OS nun privat, veröffentlicht den Source Code erst nach einem Release. Aber wer sagt, dass dieser Schritt nicht noch weitere folgen lässt und Android schlussendlich zu einem Closed Source-Projekt wird? Damit wären alle Derivate auf sich alleine gestellt, was finanziell wohl keines überleben würde.
Für weitere Beispiele empfehle ich einfach, den eigenen Entwicklungsprozess durchzugehen. Wo werden Tickets verwaltet, wo liegt der Code, wo der/die Buildserver, Testumgebungen usw.
Social Media
Wir kennen sie alle. Die One-Man-Shows, die sich quasi ein Imperium auf Social Media aufbauen. Viele davon (nicht alle!) setzen dabei rein auf die Plattformen großer Social Media-Anbieter. Youtube, Instagram, Tiktok und Twitch sind DIE Plattformen, die genutzt werden, um an Bekanntheit zu gewinnen. Hohe Followerschaften sorgen für Reichweite und Income. Einige haben den Absprung geschafft und sich mit dieser Reichweite eine Alternative aufgebaut, aber der Großteil lebt von dem, was Google, Meta und Co. entscheiden. Sie entscheiden nicht nur, wer groß rauskommt, sondern auch, wieviel es zu verdienen gibt und wer einfach gesperrt wird und seinen Account verliert.
Keine Follower und kein Zugriff mehr auf die Plattform bedeutet das Ende des Geschäfts. Viele besitzen ja nicht einmal eine eigene Website, mit der potentielle Kunden bespielt werden können. Das outgesourcte Kerngeschäft. Eine äußerst ungesunde Abhängigkeit.
Was kann man tun?
Das ist die Gretchen-Frage. Natürlich kann man auch nicht sofort alles ändern und das geht in vielen Fällen auch gar nicht. Allerdings empfehle ich eine ordentliche Risikoanalyse zumindest der Kernprozesse durchzuführen. Daraus können Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden.
Einige allgemeine Überlegungen:
- Entwicklungsprozess komplett In-House abbilden oder zumindest gemeinnütze Open-Source Projekte einbeziehen, z.B. Codeberg.
- Firmeninterne Kommunikation über interne Plattformen laufen lassen, oder zumindest innerhalb der EU anmieten, z.B. Nextcloud Talk, Matrix
- Office-Anwendungen von LibreOffice verwenden, statt Microsoft Office, per Nextcloud kann ein einfacher zentraler Store geschaffen werden. Möchte man nicht selbst hosten und betreiben gibt es zahlreiche günstige Anbieter innerhalb der EU, z.B. Hetzner.
Auch hinsichtlich E-Mail usw. kann man entsprechende Gedanken anstellen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten.
Gerade kleine, technologiebasierende Unternehmen könnten meist einfach auf Linux setzen und sich so eine unabhängige Basis schaffen. Natürlich ist die Versuchung groß, sich die Umgebung für ein paar Euro im Monat bei Microsoft o.Ä. zuzukaufen, aber schlussendlich gebt ihr so euer Kerngeschäft außer Händen.
Wie ist deine Meinung zu diesem Thema? Wie groß ist deine Abhängigkeit und möchtest du daran etwas ändern, oder bist du diesen Schritt schon vor langer Zeit gegangen? Wieso willst du diesen Schritt eventuell nicht gehen und lebst ganz gut mit deiner jetzigen Abhängigkeit? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.
#Abhängigkeiten