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Wie Lindsey Vonn und Gisèle Pelicot mir halfen mein Scheitern zu verstehen
Seit längerem quält mich das Gefühl, gescheitert zu sein. „Ich habe mein Leben an die Wand gefahren“, sage ich und wische alle Relativierungen, die meine Gesprächspartner vorbringen, mit leichter Hand vom Tisch. Ich sage diesen Satz und fühle, das er der Wahrheit entspricht. Andererseits ist da etwas in mir, das aufmuckt und widerspricht, sich mit Gegenbelegen einmischt.
Also suche ich erneut Rat in der Sprache selbst, und mache mir zunächst einmal klar, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Erleiden eines Misserfolgs, und dem Phänomen des Scheiterns.
Misserfolge lassen sich auf bestimmte Ereignisse begrenzen, die nicht bestandene Prüfung, das niemals realisierte Vorhaben. Damit kann man abschließen, man kann es sozusagen als ein wenig gelungenes Kapitel bezeichnen und dann weiterblättern. Mit dem Scheitern verhält es sich anders. Es ist allumfassend, oder jedenfalls grundlegender als ein Misserfolg.
Ich finde eine Deutung die Scheitern als „mit einem Hindernis zusammenstoßen, zusammenprallen, kollidieren und in Teile zerbrechen“ definiert. „Schiffbruch erleiden, stranden, zerschellen“ heißt es dort. Scheitern wird etymologisch hergeleitet als „abgespaltenes Stück Holz“.
Das spricht mich an. Ja, denke ich, ich bin abgespalten, abgesplittert von einem großen Ganzen. Nicht länger verbunden mit dem Bild, das ich ursprünglich von mir hatte.
Plötzlich wird mir klar, warum mich die Geschichten von Gisele Pelicot und Lindsey Vonn besonders berühren und interessieren. Es ist ihr besonderer Umgang mit dem, was ich Scheitern nenne.
Sowohl Vonn als auch Pelicot wuchsen über sich selbst hinaus, überwunden ihren Körper, ließen „normale“ Reaktionen wie Angst, Rückzug, vermeintlichen Selbstschutz hinter sich. Denn was wissen Außenstehende darüber, was man sich zumuten kann und darf?
Im Gespräch mit Britta Sandberg, das im Spiegel abgedruckt ist, sagt Pelicot: „Ich kann mich heute noch an meine ersten Sätze im Zeugenstand erinnern: „Monsieur Le Président, ich glaube, ich bin hier die Schuldige, und hinter mir sitzen 51 Opfer, denn sie haben ja alle nicht vergewaltigt, alle nichts gemerkt, auch wenn einer von ihnen aussagte, er habe gedacht, ich sei tot, als er ins Schlafzimmer kam. Ich habe später gesagt, dass dies ein Prozess der Feigheit gewesen sei. Das Patriarchat war feige und banal.“ Und das ist die Basis gewesen für diesen Satz, den sie von nun an verkörperte, diesen sehr richtigen und wichtigen Satz: „Die Scham muss die Seite wechseln“. Um diesen Satz, um diesen Perspektivwechsel geht es vermutlich immer, wenn ein Mensch sich selbst Rechenschaft ablegt, wenn dieser Mensch entscheidet, ob der Fehlschlag, der Schicksalsschlag den er erlitten hat, bedeutet, dass das eigene Leben gescheitert ist.
Wie aber gelingt dieser Perspektivwechsel? Wie wächst man dermaßen über sich selbst hinaus? Aber nicht nur über sich selbst, sondern auch über die Deutungsmehrheiten? Wie gelingt es, den „normalen“ Blick zu verlassen und eine Perspektive zu finden, die sich richtiger anfühlt?
Ich möchte wirklich wissen wie das geht. Wie man dermaßen über sich hinauswachsen kann. Auch wenn ich es nicht nachmachen kann, möchte ich doch verstehen, welche Kräfte da wirken. Denn all das hat viel mit Scheitern zu tun. Oder damit, nach dem Scheitern wieder aufzustehen. Indem man dem Reflex wegzulaufen, den Willen bei sich zu bleiben, entgegensetzt. Niemand sonst muss das verstehen. Es geht um eine zutiefst persönliche Art der Eigenermächtigung. Die bei der einen, Lindsey Vonn, vermutlich dazu führt, dass sie sich nicht ihr Leben lang vorwerfen muss, es nicht versucht zu haben, und bei der anderen, Gisèle Pelicot, dass sie zu einer Ikone der Frauenbewegung wurde, auch wenn das nie ihr Wunsch, ihr Ziel, gewesen ist. Beide handelten so, dass sie sich ausschließlich dem eigenen Gewissen verpflichteten. Sie selbst und niemand sonst, ziehen die roten Linien, die nicht übertreten werden dürfen.
Es ist nicht die Bewertung eines Lebens, um die es geht, es geht vielmehr darum, dass ich selbst diejenige bin, die entscheidet, wie ich mich verhalte, welche Haltung ich einnehme. Auch meinem eigenen Leben und den vielleicht gescheiterten Entwürfen gegenüber. Gescheitert bin ich erst, wenn ich diese Macht abgebe und sie anderen überlasse.
#GisèlePelicot #LindseyVonn #Scheiter