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Der Herren eigner Geist – Der Kölner Kongress 2026
Beim 9. Kölner Kongress des Deutschlandfunks zum Thema „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ trafen Aufklärung auf Romantik, Klimadebatte auf Medienkritik – ein Panorama aktueller Konflikte um Freiheit, Narrative und gesellschaftliche Verantwortung.
9. Kölner Kongress, 27. bis 28. März 2026
Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen – Erzählen in den MedienWas denn das Motto „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ des Kölner Kongresses mit seinem Untertitel „Erzählen in den Medien“ zu tun habe, fragte sich Jürgen Kaube gegen Ende seiner halbstündigen Eröffnungsrede. Letztendlich war ihm das aber herzlich egal: „Ich habe auch nicht angerufen.“ Denn so eine Kleinigkeit hält einen „FAZ“-Herausgeber natürlich nicht davon ab, im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks ein paar Worte darüber zu verlieren.
Jürgen Kaube. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Wenn er gewollt hätte, hätte er wissen können, dass sich der Kölner Kongress des Deutschlandfunks seit seiner Gründung 2017 jedes Jahr mit dem „Erzählen in den Medien“ beschäftigt. Kaube redete unter dem Titel „Was ihr den Geist der Zeiten heißt …“ über den gegenwärtigen Streit zwischen Aufklärung und Romantik. Der Geist jemer Zeiten aber: „das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“, setzte Goethe im Faust seine Zeitdiagnostik fort.
In Kaubes Skizze des Verhältnisses der beiden Diskursformationen beschreibt er die Aufklärung als eine Richtung, die sich im Unterschied zur Romantik selbst korrigieren und ihre eigenen Fantasien und Gespenster negieren kan Währenddessen habe die Romantik in Samuel Taylor Coleridges „willing suspension of disbelief“, dem absichtlichen Außerkraftsetzen des Unglaubens (an Batman oder Dracula oder Elfen), mit der Selbstkorrektur so ihre Probleme.
Den Linken einen mitgeben
Was die Gegenwärtigkeit des Gegensatzes von Aufklärung und Romantik betrifft, diskutierte Kaube, indem er den Begriff der Gegenwart selbst thematisierte. Die beginnt, je nach Geschmacksrichtung, 1789, 1945 oder an einem 11. September, einem 24. Februar oder einem 7. Oktober – oder auch vor 2.500 Jahren. Die Gegenwart, als noch nicht erreichte Zukunft oder nicht mehr bestehende Vergangenheit, könne man entweder besorgt oder hoffnungsvoll betrachten. Dabei existierten Aufklärung und Romantik immer parallel. Der gegenwärtig grassierende Begriff des „Narrativs“ scheint Kaube in diesem Zusammenhang einem romantischen Impuls zu folgen. Denn im Narrativ würgen alle Argumente als Elemente von Erzählungen behandelt. Demzufolge sieht Kaube Donald Trump als die Verwirklichung des alten Sponti-Spruchs „Die Phantasie an die Macht“ und das solle man sich nicht wünschen.
Wenn unter dem konservativen Label die Rechten von Trump über Merz bis Milei den Karren mit Ansage und voller Kraft so richtig in den Dreck fahren, dann muss man den Linken noch einen mitgeben. Der Freiraum, der hier verteidigt werden soll, ist der eines Panikraums, der sich am Ende eines geweiteten Meinungskorridors befindet und auf den man zustrebt wie die Maus in Kafkas kleiner Fabel.
Der Panikraum als Heizungskeller
Frauke Rostalski, Thorsten Jantschek. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Der Freiraum, den die Juristin Frauke Rostalski in ihrem Gespräch mit dem Kongress-Organisator, dem DLF-Redakteur für Diskurs und Essay Thorsten Jantschek, verteidigte, ist der der persönlichen Freiheit. Frauke Rostalski fragte sich unter dem Titel „Ein bisschen Fliegen ist doch kein Problem“, wie weit die (individuelle) Verantwortung für den Klimawandel geht. Gegen Null, kann man das Ergebnis ihrer Argumentation vorwegnehmen. Warum? Weil der sogenannte „ökologische Fußabdruck“ nur eine Marketingstrategie der Ölkonzerne war, die ihre Verantwortung auf das Individuum abschieben wollte. Sicherlich. Aber vor allem, so die rechtslogische Herleitung von Rostalski, weil die Einschränkung von Freiheitsrechten durch den Staat begründungspflichtig sei, und „zu ungeeigneten beziehungsweise nutzlosen Handlungen kann auf dem Boden der Verfassung keiner verpflichtet werden.“
„Ungeeignet und nutzlos“ ist nach Rostalskis Auffassung das Pariser Übereinkommen von 2015, das völkerrechtlich verbindlich festgelegt hat, den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten. Seitdem sind die CO2-Emissionen und mit ihnen die Temperaturen aber kontinuierlich gestiegen. Laut Rostalski liege das daran, dass es zum einen keinen Sanktionsmechanismus gebe, der Zuwiderhandlungen bestraft und dass zum anderen Trittbrettfahrer Einsparungen der einen durch Steigerungen von anderen überkompensieren.
Solange es also kein effektives globales Gesamtkonzept gäbe, würden nationale Anstrengungen einfach verpuffen und die Bundesrepublik mit ihrem zweiprozentigen Anteil an den globalen Emissionen falle da eh nicht ins Gewicht. Rechtslogisch scheint das bestechend konsistent zu sein, wäre da nicht das Bundesverfassungsgericht, das in seinem Klimabeschluss auch die Freiheitsrechte künftiger Generationen beschädigt sieht, wenn die gegenwärtige ihre konsequent durchsetzt.
Hier biegt Rostalski von ihrer juristischen Argumentationslinie ab und beklagt die Beschämung von SUV-Fahrern und Fleischessern als „Umweltsäue“ und „Klimasünder“. Rostalski kann es gar nicht leiden, wenn ihr jemand moralisch kommt und ihr ein schlechtes Gewissen machen will. Trotzig wehrt sie sich gegen eine „moralische Oberschicht“, was sich auch daran zeigt, dass genau sie ihr Herz für die entdeckt, die sich ihre „luxuriösen Moralvorstellungen“ finanziell nicht leisten können, wenn sie selbst von „Zumutungen“ betroffen werden könnte.
Wenn ihre Gegenwartsbeschreibung irgendetwas mit der Realität zu tun hätte, dann müssten die Grünen in den Umfragen bei 25 Prozent liegen. Da steht aber die AfD, die am liebsten alle vermeintlich die deutsche Landschaft verschandelnden Windräder niederreißen würde. Der Panikraum, in dem sich Frauke Rostalski verschanzt, ist also der Heizungskeller, in dem sie einen negativen Freiheitsbegriff verteidigt, in den man Vibes von Wohlstandsverwahrlosung zu püren meint.
Das Gegenteil von Meinungsfreiheit
Eine andere Art, sich Freiräume zu erschließen und damit dem rechtspopulistischen Zeitgeist Widerstand zu leisten, beschrieb die Intendantin des Kunstmuseums Bonn, Claudia Emmert. Ihre Bestandsaufnahme, die in einer nicht enden wollenden Aufzählung der Maßnahmen der Trump-Regierung in den USA bestand, zeigt, dass Freiheitsräume aktiv eingeschränkt werden. Bücher werden aus Bibliotheken verbannt, kulturelle Institutionen geschlossen, Mitarbeiter eingeschüchtert oder zur Kündigung genötigt und so weiter und so fort.
Das Agieren von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer läuft in eine ähnliche Richtung, und was als Meinungsfreiheit propagiert wird, besagt das genaue Gegenteil. Da sind subversive Strategien nötig, für die Emmert auch eine ganze Reihe Vorbilder aufzählen kann, von Joseph Beuys bis Valie Export, von Pussy Riot bis Christoph Schlingensief. Ein besonderes Augenmerk richtete Emmert auf den Vorwurf des Antisemitismus, der zu vorauseilendem Gehorsam und zu Selbstzensur aus Angst vor orchestrierten Shitstorms führe. Nicht jeder ist so souverän-ironisch wie Martin Kippenberger, der ein Bild „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ benannte.
Verschenkte Sendeminuten
Neben den Vorträgen, die alle in den nächsten Wochen auf dem sonntäglichen Essay-und-Diskurs-Termin um 9.30 Uhr zu hören sein werden, gibt es beim Kölner Kongress in fliegendem Wechsel in einem zweiten Raum praktische Beispiele, wie von der Welt im Medium Radio erzählt wird. Das findet nicht nur in podcastigen Formaten wie der überaus erfolgreichen „Peter Thiel Story“ statt (Kritik hier), der mit der „OpenAI Story“ eine zweite Staffel erhalten wird. Host wird wieder Fritz Espenlaub sein und die beiden Macher Jasmin Körber und Christian Schiffer sind sich der Problematik des „zweiten Albums“ durchaus bewusst.
Ob es 2030 für formatierte Projekte trotz KI noch Autoren brauchen wird, war die Frage, die der Drehbuchautor und Filmdramaturg Oliver Schütte eindeutig mit Ja beantwortete. Da durfte sich das versammelte Publikum kurz gruseln, bevor Beispiele für menschliche Interaktionen mit der Hörerschaft vorgestellt wurden. So zum Beispiel die „Nova-auf-die-Eins“-Initiative des jungen Digitalradio vom Deutschlandradio. Das Durchschnittsalter der Hörer liegt bei 45 Jahren, wie der Redaktionsleiter Audio, Dominik Evers, verriet. Anlässlich der Media-Analyse im Herbst 2025 verschenkte man zehn Sendeminuten an die Hörer, die dann im Gespräch mit den Moderatoren ihre Geschichten erzählen und Anliegen vortragen konnten.
Micha Kranixfeld und Nadja Sühnel vom „Syndikat Gefährliche Liebschaften“ erzählten von ihrer Recherche in Ostdeutschland, aus der ihr dokumentarisches Hörspiel „Wo kommen wir zusammen? Supersong Thüringen“ geworden ist. Filme- und Radiomacherin Lea Schlude erzählt von ihrem Porträt „Stahlarbeiterin“ über die einzige Frau, die im Gelsenkirchener Stahlwerk von Thyssenkrupp arbeitet.
Das interessanteste Projekt kam von Luzia Oppermann und Caspar Weinmann vom Kollektiv „onlinetheater.live“, die sich mit „Hacking the Manosphere“ in die sozialen Netzwerke begeben haben und die besonders auf Tiktok propagierten Männlichkeitsbilder hinterfragt haben. Dazu haben sie die Ästhetik und Rhetorik des Maskulinismus adaptiert, die von Manfluencern wie Andrew Tate zelebriert wird. Statt aber einen Kult der Härte und heroischen Einsamkeit zu feiern, transportieren sie Empathie – eine irritierende Mischung, die aber zu 200.000 Likes und 4.000 Kommentaren innerhalb von drei Monaten geführt hat.
Dabei ging es nicht um eine satirische Überspitzung, sondern um echte Interaktionen mit verunsicherten Jugendlichen, die sich ihres Männerbildes nicht sicher sind. Transparenterweise wurde der Projektcharakter auch aufgedeckt, wenn sich tiefere Interaktionen ergaben, und erstaunlicherweise wurde das akzeptiert. Offensichtlich sind sich die Jugendlichen darüber im Klaren, dass in den sozialen Medien nichts echt ist – so „real“ und „authentisch“ die Inhalte-Ersteller sich auch geben.
Freiheit intertemporal sichern
I
Mathias Greffrath. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
nteraktion mit der Hörerschaft ist auch etwas, was sich der Soziologe Matthias Greffrath, Jahrgang 1945, vom linearen Radio wünscht (Sendung 12.4.26). Sozialisiert mit den Stimmen der 1950er und 60er Jahre, zitierte er den Linkskatholiken Walter Dirks aus den Frankfurter Heften, der den kleinen Mann durch das Radio gebildet sehen wollte, und ging dann in einem wilden Ritt durch die Radiogeschichte bis zum bildungseliten-feindlichen Privatradio der 1980er Jahre und der gegenwärtigen zielgruppenorientierten Marketingstrategien, in der Programm für eine fiktive Lena aus Potsdam gemacht werden soll, die in Berlin wohnt und diese und jene Wünsche hat. Der Begriff der Aufklärung sei hier im militärischen Sinne zu verstehen, so Greffrath, und er sei sich nicht sicher, ob das so gemeint war.
Mit einem Prunkzitat des kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas zog sich Greffrath aus der Affäre. Der Philosoph hatte in einem seiner letzten Texte geschrieben: „In einer schwer vorstellbaren ‚Welt‘ von Fake News, die nicht mehr als solche identifiziert, also von wahren Informationen unterschieden werden könnten, würde kein Kind aufwachsen können, ohne klinische Symptome zu entwickeln. Es ist deshalb keine politische Richtungsentscheidung, sondern ein verfassungsrechtliches Gebot, eine Medienstruktur aufrechtzuerhalten, die den inklusiven Charakter der Öffentlichkeit und einen deliberativen Charakter der öffentlichen Meinungen und Willensbildung ermöglicht.“
Übersetzt heißt das, so Greffrath, dass der Staat die Voraussetzungen freier öffentlicher Kommunikation nicht so gestalten oder vernachlässigen darf, dass künftige Generationen ihre Meinungs- und Pressefreiheit nur noch unter erheblich eingeschränkten Bedingungen ausüben können. Analog zum Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts sei „die Freiheit der öffentlichen Kommunikation intertemporal zu sichern, weil sie eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist“.
Philinie Velhagen: Making of: MENSCHHEIT. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Gerahmt wurde der Kongress von zwei Hörspielperformances – dem Livefeature mit Pulikumsbeteiligung „Making of: MENSCHHEIT“ von Philine Velhagen und Felizitas Stilleke, das den Endpunkt des medialen Erzählen in einer Regression in eine matriarchale Steinzeit verortete – un der Aufführung von Fabian Sauls Variationen auf die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss.
Mit Matthias Greffrath, Claus Leggewie und Frauke Rostalski sprachen beim Kölner Kongress 2026 drei Personen, die schon den Kongress des Vorjahres geprägt hatten. Keine gute Entscheidung, weil sie im Gegensatz zum letzten Jahr eine gewisse Lässigkeit in der Durchdringung ihrer Themen an den Tag legten. Es waren die Zwischenräume, in denen der Kölner Kongress seine größte Stärke entfaltete. Dort, wo sich unterschiedliche Diskurse überlappten oder in Opposition zueinander standen, entstanden jene produktiven Spannungen, die neue Perspektiven eröffnen.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst 01.04.2026
#DLF #FraukeRostalki #JürgenKaube #KölnerKongress #MatthiasGreffrath -
Der Herren eigner Geist – Der Kölner Kongress 2026
Beim 9. Kölner Kongress des Deutschlandfunks zum Thema „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ trafen Aufklärung auf Romantik, Klimadebatte auf Medienkritik – ein Panorama aktueller Konflikte um Freiheit, Narrative und gesellschaftliche Verantwortung.
9. Kölner Kongress, 27. bis 28. März 2026
Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen – Erzählen in den MedienWas denn das Motto „Freiräume – erkennen, nutzen, verteidigen“ des Kölner Kongresses mit seinem Untertitel „Erzählen in den Medien“ zu tun habe, fragte sich Jürgen Kaube gegen Ende seiner halbstündigen Eröffnungsrede. Letztendlich war ihm das aber herzlich egal: „Ich habe auch nicht angerufen.“ Denn so eine Kleinigkeit hält einen „FAZ“-Herausgeber natürlich nicht davon ab, im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunks ein paar Worte darüber zu verlieren.
Jürgen Kaube. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Wenn er gewollt hätte, hätte er wissen können, dass sich der Kölner Kongress des Deutschlandfunks seit seiner Gründung 2017 jedes Jahr mit dem „Erzählen in den Medien“ beschäftigt. Kaube redete unter dem Titel „Was ihr den Geist der Zeiten heißt …“ über den gegenwärtigen Streit zwischen Aufklärung und Romantik. Der Geist jemer Zeiten aber: „das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“, setzte Goethe im Faust seine Zeitdiagnostik fort.
In Kaubes Skizze des Verhältnisses der beiden Diskursformationen beschreibt er die Aufklärung als eine Richtung, die sich im Unterschied zur Romantik selbst korrigieren und ihre eigenen Fantasien und Gespenster negieren kan Währenddessen habe die Romantik in Samuel Taylor Coleridges „willing suspension of disbelief“, dem absichtlichen Außerkraftsetzen des Unglaubens (an Batman oder Dracula oder Elfen), mit der Selbstkorrektur so ihre Probleme.
Den Linken einen mitgeben
Was die Gegenwärtigkeit des Gegensatzes von Aufklärung und Romantik betrifft, diskutierte Kaube, indem er den Begriff der Gegenwart selbst thematisierte. Die beginnt, je nach Geschmacksrichtung, 1789, 1945 oder an einem 11. September, einem 24. Februar oder einem 7. Oktober – oder auch vor 2.500 Jahren. Die Gegenwart, als noch nicht erreichte Zukunft oder nicht mehr bestehende Vergangenheit, könne man entweder besorgt oder hoffnungsvoll betrachten. Dabei existierten Aufklärung und Romantik immer parallel. Der gegenwärtig grassierende Begriff des „Narrativs“ scheint Kaube in diesem Zusammenhang einem romantischen Impuls zu folgen. Denn im Narrativ würgen alle Argumente als Elemente von Erzählungen behandelt. Demzufolge sieht Kaube Donald Trump als die Verwirklichung des alten Sponti-Spruchs „Die Phantasie an die Macht“ und das solle man sich nicht wünschen.
Wenn unter dem konservativen Label die Rechten von Trump über Merz bis Milei den Karren mit Ansage und voller Kraft so richtig in den Dreck fahren, dann muss man den Linken noch einen mitgeben. Der Freiraum, der hier verteidigt werden soll, ist der eines Panikraums, der sich am Ende eines geweiteten Meinungskorridors befindet und auf den man zustrebt wie die Maus in Kafkas kleiner Fabel.
Der Panikraum als Heizungskeller
Frauke Rostalski, Thorsten Jantschek. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Der Freiraum, den die Juristin Frauke Rostalski in ihrem Gespräch mit dem Kongress-Organisator, dem DLF-Redakteur für Diskurs und Essay Thorsten Jantschek, verteidigte, ist der der persönlichen Freiheit. Frauke Rostalski fragte sich unter dem Titel „Ein bisschen Fliegen ist doch kein Problem“, wie weit die (individuelle) Verantwortung für den Klimawandel geht. Gegen Null, kann man das Ergebnis ihrer Argumentation vorwegnehmen. Warum? Weil der sogenannte „ökologische Fußabdruck“ nur eine Marketingstrategie der Ölkonzerne war, die ihre Verantwortung auf das Individuum abschieben wollte. Sicherlich. Aber vor allem, so die rechtslogische Herleitung von Rostalski, weil die Einschränkung von Freiheitsrechten durch den Staat begründungspflichtig sei, und „zu ungeeigneten beziehungsweise nutzlosen Handlungen kann auf dem Boden der Verfassung keiner verpflichtet werden.“
„Ungeeignet und nutzlos“ ist nach Rostalskis Auffassung das Pariser Übereinkommen von 2015, das völkerrechtlich verbindlich festgelegt hat, den Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur deutlich unter zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu halten. Seitdem sind die CO2-Emissionen und mit ihnen die Temperaturen aber kontinuierlich gestiegen. Laut Rostalski liege das daran, dass es zum einen keinen Sanktionsmechanismus gebe, der Zuwiderhandlungen bestraft und dass zum anderen Trittbrettfahrer Einsparungen der einen durch Steigerungen von anderen überkompensieren.
Solange es also kein effektives globales Gesamtkonzept gäbe, würden nationale Anstrengungen einfach verpuffen und die Bundesrepublik mit ihrem zweiprozentigen Anteil an den globalen Emissionen falle da eh nicht ins Gewicht. Rechtslogisch scheint das bestechend konsistent zu sein, wäre da nicht das Bundesverfassungsgericht, das in seinem Klimabeschluss auch die Freiheitsrechte künftiger Generationen beschädigt sieht, wenn die gegenwärtige ihre konsequent durchsetzt.
Hier biegt Rostalski von ihrer juristischen Argumentationslinie ab und beklagt die Beschämung von SUV-Fahrern und Fleischessern als „Umweltsäue“ und „Klimasünder“. Rostalski kann es gar nicht leiden, wenn ihr jemand moralisch kommt und ihr ein schlechtes Gewissen machen will. Trotzig wehrt sie sich gegen eine „moralische Oberschicht“, was sich auch daran zeigt, dass genau sie ihr Herz für die entdeckt, die sich ihre „luxuriösen Moralvorstellungen“ finanziell nicht leisten können, wenn sie selbst von „Zumutungen“ betroffen werden könnte.
Wenn ihre Gegenwartsbeschreibung irgendetwas mit der Realität zu tun hätte, dann müssten die Grünen in den Umfragen bei 25 Prozent liegen. Da steht aber die AfD, die am liebsten alle vermeintlich die deutsche Landschaft verschandelnden Windräder niederreißen würde. Der Panikraum, in dem sich Frauke Rostalski verschanzt, ist also der Heizungskeller, in dem sie einen negativen Freiheitsbegriff verteidigt, in den man Vibes von Wohlstandsverwahrlosung zu püren meint.
Das Gegenteil von Meinungsfreiheit
Eine andere Art, sich Freiräume zu erschließen und damit dem rechtspopulistischen Zeitgeist Widerstand zu leisten, beschrieb die Intendantin des Kunstmuseums Bonn, Claudia Emmert. Ihre Bestandsaufnahme, die in einer nicht enden wollenden Aufzählung der Maßnahmen der Trump-Regierung in den USA bestand, zeigt, dass Freiheitsräume aktiv eingeschränkt werden. Bücher werden aus Bibliotheken verbannt, kulturelle Institutionen geschlossen, Mitarbeiter eingeschüchtert oder zur Kündigung genötigt und so weiter und so fort.
Das Agieren von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer läuft in eine ähnliche Richtung, und was als Meinungsfreiheit propagiert wird, besagt das genaue Gegenteil. Da sind subversive Strategien nötig, für die Emmert auch eine ganze Reihe Vorbilder aufzählen kann, von Joseph Beuys bis Valie Export, von Pussy Riot bis Christoph Schlingensief. Ein besonderes Augenmerk richtete Emmert auf den Vorwurf des Antisemitismus, der zu vorauseilendem Gehorsam und zu Selbstzensur aus Angst vor orchestrierten Shitstorms führe. Nicht jeder ist so souverän-ironisch wie Martin Kippenberger, der ein Bild „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken“ benannte.
Verschenkte Sendeminuten
Neben den Vorträgen, die alle in den nächsten Wochen auf dem sonntäglichen Essay-und-Diskurs-Termin um 9.30 Uhr zu hören sein werden, gibt es beim Kölner Kongress in fliegendem Wechsel in einem zweiten Raum praktische Beispiele, wie von der Welt im Medium Radio erzählt wird. Das findet nicht nur in podcastigen Formaten wie der überaus erfolgreichen „Peter Thiel Story“ statt (Kritik hier), der mit der „OpenAI Story“ eine zweite Staffel erhalten wird. Host wird wieder Fritz Espenlaub sein und die beiden Macher Jasmin Körber und Christian Schiffer sind sich der Problematik des „zweiten Albums“ durchaus bewusst.
Ob es 2030 für formatierte Projekte trotz KI noch Autoren brauchen wird, war die Frage, die der Drehbuchautor und Filmdramaturg Oliver Schütte eindeutig mit Ja beantwortete. Da durfte sich das versammelte Publikum kurz gruseln, bevor Beispiele für menschliche Interaktionen mit der Hörerschaft vorgestellt wurden. So zum Beispiel die „Nova-auf-die-Eins“-Initiative des jungen Digitalradio vom Deutschlandradio. Das Durchschnittsalter der Hörer liegt bei 45 Jahren, wie der Redaktionsleiter Audio, Dominik Evers, verriet. Anlässlich der Media-Analyse im Herbst 2025 verschenkte man zehn Sendeminuten an die Hörer, die dann im Gespräch mit den Moderatoren ihre Geschichten erzählen und Anliegen vortragen konnten.
Micha Kranixfeld und Nadja Sühnel vom „Syndikat Gefährliche Liebschaften“ erzählten von ihrer Recherche in Ostdeutschland, aus der ihr dokumentarisches Hörspiel „Wo kommen wir zusammen? Supersong Thüringen“ geworden ist. Filme- und Radiomacherin Lea Schlude erzählt von ihrem Porträt „Stahlarbeiterin“ über die einzige Frau, die im Gelsenkirchener Stahlwerk von Thyssenkrupp arbeitet.
Das interessanteste Projekt kam von Luzia Oppermann und Caspar Weinmann vom Kollektiv „onlinetheater.live“, die sich mit „Hacking the Manosphere“ in die sozialen Netzwerke begeben haben und die besonders auf Tiktok propagierten Männlichkeitsbilder hinterfragt haben. Dazu haben sie die Ästhetik und Rhetorik des Maskulinismus adaptiert, die von Manfluencern wie Andrew Tate zelebriert wird. Statt aber einen Kult der Härte und heroischen Einsamkeit zu feiern, transportieren sie Empathie – eine irritierende Mischung, die aber zu 200.000 Likes und 4.000 Kommentaren innerhalb von drei Monaten geführt hat.
Dabei ging es nicht um eine satirische Überspitzung, sondern um echte Interaktionen mit verunsicherten Jugendlichen, die sich ihres Männerbildes nicht sicher sind. Transparenterweise wurde der Projektcharakter auch aufgedeckt, wenn sich tiefere Interaktionen ergaben, und erstaunlicherweise wurde das akzeptiert. Offensichtlich sind sich die Jugendlichen darüber im Klaren, dass in den sozialen Medien nichts echt ist – so „real“ und „authentisch“ die Inhalte-Ersteller sich auch geben.
Freiheit intertemporal sichern
I
Mathias Greffrath. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
nteraktion mit der Hörerschaft ist auch etwas, was sich der Soziologe Matthias Greffrath, Jahrgang 1945, vom linearen Radio wünscht (Sendung 12.4.26). Sozialisiert mit den Stimmen der 1950er und 60er Jahre, zitierte er den Linkskatholiken Walter Dirks aus den Frankfurter Heften, der den kleinen Mann durch das Radio gebildet sehen wollte, und ging dann in einem wilden Ritt durch die Radiogeschichte bis zum bildungseliten-feindlichen Privatradio der 1980er Jahre und der gegenwärtigen zielgruppenorientierten Marketingstrategien, in der Programm für eine fiktive Lena aus Potsdam gemacht werden soll, die in Berlin wohnt und diese und jene Wünsche hat. Der Begriff der Aufklärung sei hier im militärischen Sinne zu verstehen, so Greffrath, und er sei sich nicht sicher, ob das so gemeint war.
Mit einem Prunkzitat des kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas zog sich Greffrath aus der Affäre. Der Philosoph hatte in einem seiner letzten Texte geschrieben: „In einer schwer vorstellbaren ‚Welt‘ von Fake News, die nicht mehr als solche identifiziert, also von wahren Informationen unterschieden werden könnten, würde kein Kind aufwachsen können, ohne klinische Symptome zu entwickeln. Es ist deshalb keine politische Richtungsentscheidung, sondern ein verfassungsrechtliches Gebot, eine Medienstruktur aufrechtzuerhalten, die den inklusiven Charakter der Öffentlichkeit und einen deliberativen Charakter der öffentlichen Meinungen und Willensbildung ermöglicht.“
Übersetzt heißt das, so Greffrath, dass der Staat die Voraussetzungen freier öffentlicher Kommunikation nicht so gestalten oder vernachlässigen darf, dass künftige Generationen ihre Meinungs- und Pressefreiheit nur noch unter erheblich eingeschränkten Bedingungen ausüben können. Analog zum Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts sei „die Freiheit der öffentlichen Kommunikation intertemporal zu sichern, weil sie eine wesentliche Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist“.
Philinie Velhagen: Making of: MENSCHHEIT. Bild: Deutschlandradio/Thomas Kujawinski.
Gerahmt wurde der Kongress von zwei Hörspielperformances – dem Livefeature mit Pulikumsbeteiligung „Making of: MENSCHHEIT“ von Philine Velhagen und Felizitas Stilleke, das den Endpunkt des medialen Erzählen in einer Regression in eine matriarchale Steinzeit verortete – un der Aufführung von Fabian Sauls Variationen auf die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss.
Mit Matthias Greffrath, Claus Leggewie und Frauke Rostalski sprachen beim Kölner Kongress 2026 drei Personen, die schon den Kongress des Vorjahres geprägt hatten. Keine gute Entscheidung, weil sie im Gegensatz zum letzten Jahr eine gewisse Lässigkeit in der Durchdringung ihrer Themen an den Tag legten. Es waren die Zwischenräume, in denen der Kölner Kongress seine größte Stärke entfaltete. Dort, wo sich unterschiedliche Diskurse überlappten oder in Opposition zueinander standen, entstanden jene produktiven Spannungen, die neue Perspektiven eröffnen.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst 01.04.2026
#DLF #FraukeRostalki #JürgenKaube #KölnerKongress #MatthiasGreffrath -
Von hier an geht’s bergab – Der Kölner Kongress 2025
Seit 2017 veranstaltet der Deutschlandfunk den „Kölner Kongress“ über das Erzählen in den Medien – dieses Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen in schwierigen Zeiten.“
DLF Essay und Diskurs, So, 09.03.2025 bis 13.04.2025, 9.30 bis 10.00 Uhr
Es gibt bestimmte journalistische Routinen und Mechanismen, mit denen die Medien nicht nur ihren Zugriff auf die Realität verbreiten, sondern mit denen sie Realitäten erst schaffen. Jan Böhmermann hat in seinem „ZDF Magazin Royale“ vom 28. Februar unter dem Titel „Politik und Medien und die Stimmung im Land“ darauf hingewiesen. Der Kölner Kongress über das Erzählen in den Medien, zu dem der Deutschlandfunk seit 2017 in sein Funkhaus am Raderberggürtel einlädt, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen ihn schwierigen Zeiten“ und wirkte stellenweise wie eine Fortsetzung von Böhmermanns Thema.
Die Eröffnung übernahm am 7. März hielt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in freier Rede im Gespräch mit dem Organisator des Kongresses, DLF-Redakteur Thorsten Jantschek. Jantschek verantwortet im Programm auch den sonntäglichen Termin „Essay und Diskurs“, auf dem in den nächsten Wochen einige der Vorträge zu hören sein werden.
Pörksen begann seine sehr persönlich gehaltenen Ausführungen mit dem ukrainischen Gastronomen Mischa Katsurin, dessen Vater in Russland lebt und ihm nach dem Beginn der Invasion im Februar 2022 nicht glauben wollte, dass Krieg herrscht. Mit seiner Webseite „Pappa glaub mir“ (auf Russisch „papa pover“) unternahm der Sohn den Versuch, das Dickicht aus Desinformation und „Fake News“ zu durchdringen. Pörksen entwickelte daraus ein Setting kommunikativer Strategien, mit denen man in Dialog treten kann. Mit Hilfe von öffnender Wertschätzung und Perspektivenverschränkung, doppelter Passung und respektvoller Konfrontation soll das Gelingen von Kommunikation wahrscheinlicher gemacht werden. Voraussetzung ist, die Realitätswahrnehmung des Gegenübers anzuerkennen. Darüber hinaus gelte es, ebenso situationsangemessen wie authentisch zu kommunizieren. Das funktioniert natürlich nur, wenn ein „basalelementarer Wertekonsens“ herrscht – will heißen, dass man wirklich miteinander kommunizieren will.
„Manchmal hilft nur die Ächtung“
Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, zeigte die Begegnung von Donald Trump, seinem Vize J.D. Vance und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Ende Februar im Oval Office, deren verstörendes Finale in Köln immer wieder thematisiert wurde. „Manchmal hilft da nur die Ächtung“, positionierte sich Pörksen in der Fragerunde nach seinem Vortrag. Zu Pörksens Kritik gehörte aber auch die Herablassung und Häme bei vielen Interview-Routinen. Und da musste man unwillkürlich an die viel kritisierten Interviews von Dirk Müller mit AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und dem ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow am Tag nach der Bundestagswahl im DLF-Frühprogramm denken.
Gegenüber den Fehlanreizen in den Sozialen Medien empfahl Pörksen die Bildung von Vertrauensgemeinschaften, keine Werbung, keine Anonymität, exzessive Moderation und – außerhalb der Online-Blase – Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Als Journalist müsse man berührbar bleiben, meinte Pörksen. Dass auch das manchmal nicht hilft, zeigt das Ende der Kommunikation zwischen Vater und Sohn Katsurin, die der Vater mit ein paar Propaganda-Phrasen abgebrochen hat. Der Sohn sammelt inzwischen in seinen Restaurants Geld für die ukrainische Armee.
Im Ernüchterungsgeschäft
Eine historische Perspektive auf krisenhafte Transformationen entwickelten die Soziologen Matthias Greffrath und Wolfgang Streeck, die über den „Staat der Industriegesellschaft“ reden wollten und sich dabei von den disruptiven Entwicklungen in Amerika geradezu überrollt sahen. Streeck betrachtete einen früheren Epochenumbruch und diagnostizierte, dass sich der Sozialstaat (auf Englisch „Welfare-State“) im Zusammenhang mit dem kriegführenden Staat („Warfare-State“), entwickelt habe – und das nicht erst mit der Einführung der Witwenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits im 19. Jahrhundert sei die Kriegsfähigkeit von Gesellschaften durch körperliche Ertüchtigung und ein staatliches Gesundheitswesen hergestellt worden.
Streeck zitierte aus Walther Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen“ aus dem Jahr 1917, in dem der liberale Politiker und Industrielle eine wesentliche gemeinwohlorientierte Maxime formulierte: „Im Staat darf nur einer reich sein, der Staat.“ Was passiert, wenn einige wenige Individuen reicher sind als die meisten Staaten, kann man gerade beobachten. Es sind nicht nur Narrative, die da geändert werden. Doch es sind nicht die Projektionen von Dystopien die Streeck interessieren; er sieht sich eher „im Ernüchterungsgeschäft“, wenn er die Kontinuitäten der Umwälzungen im Kapitalismus betrachtet.
Von der Erlösungserzählungen
„Was aber, wenn es kein Happy End gibt?“, fragte sich der Soziologe Jens Beckert in seinem Vortrag über die „prekäre Zukunft“ (Prekäre ZukunftGesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Verluste) und macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Verluste. Konnten Klassenkonflikte bisher durch Wirtschaftswachstum befriedet werden, schwinden die Verteilungsspielräume – die Fortschrittserzählung komme an ihr Ende, so Beckert. Und der Raubbau an Ressourcen verursache „nicht-intendierte Folgeschäden“, durch die auch die Erlösungsgeschichte von „grünem Wachstum“ an Glaubwürdigkeit verliere.
Zu konkret hingegen sind die Erlösungserzählungen der Kirchen – insbesondere der evangelischen – für die Politikwissenschaftlerin und „Welt“-Journalistin Hannah Bethge (Gesellschaft ohne OrientierungWas die Kirchenkrise über den Zustand der Demokratie aussagt). Statt als „Bundeswerteagentur“ zu agieren, wie der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, seine Kirche bezeichnet hat, solle sie sich auf ihr „Kerngeschäft“ konzentrieren. Besonders die Morgenandachten im Rundfunk fanden ihr Missfallen, wegen ihrer allzu oft anekdotischen Form. „Bis zur Selbstaufgabe politisiert und theologisch ausgehöhlt“ sieht die gläubige Protestantin hier ihre Kirche.
Die neue Empfindlichkeit
Mit einer anderen Autorität, nämlich der des Staates, beschäftigte sich die Strafrechtsprofessorin Frauke Rostalski (Miteinander reden Wieviel Freiheit lassen wir (noch) zu?), die in ihrem aktuellen Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ über die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit sprach. Während auf der einen Seite „gefühlt“ die Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt werde – was die Wirkung eines gern kolportierten rechtspopulistisches Opfernarrativ ist – sei man auf der anderen Seite immer empfindlicher geworden. Was natürlich auch mit den Reichweiten der Sozialen Medien zu tun hat.
So habe die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann in den letzten Jahren 1.900 Strafanzeigen gestellt. Im Strafrecht werden die Beleidigungstatbestände ausgeweitet – und das nicht nur im Bereich der Volksverhetzung. Was früher noch als Bagatelle behandelt werden konnte, wird heute sensibler gehandhabt. Rostalski plädiert dagegen, hier besser eine gewisse Resilienz zu entwickeln und gerade nicht auf die Ausweitung der Kompetenzen des Staates zu setzen. Wie dieser liberale Ansatz mit den auf Emotionsbewirtschaftung ausgerichteten Algorithmen der Sozialen Netzwerke funktionieren kann, ist dabei eine allerdings offene Frage.
Kultur und Systemrelevanz
Die institutionelle Bewältigung des Problems auf zivilgesellschaftlicher Ebene durch Verhaltenskodizes („Codes of Conduct“) lehnte die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus, in ihrem Vortrag zur „Zukunft der Kultur in Zeiten knapper Kassen“ ab. Sie plädierte dafür, die Freiräume der Kunst zu respektieren und die Kulturförderung als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen – auch um der weiteren Auszehrung des Kulturbetriebs entgegenzuwirken. Und das nicht nur, weil die Kreativwirtschaft sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrage, so Kraus, sondern vor allem, „weil sie systemrelevant für den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist“.
Den Schlussakkord beim Kölner Kongress setzte der Soziologe und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie (Von der Demokratie zur Plutokratie?Wie man den Regimewechsel noch verhindern kann), der die Entwicklungen, die Greffrath und Streeck historisch hergeleitet hatten, in die Zukunft verlängerte. Bereits seit US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher die Marktkräfte entfesselt hätten, sei die Erzählung von Fortschritt für Freiheit, Gleichheit und Demokratie brüchig geworden, so Leggewie. Derzeit sieht er eine Herrschaftsform auf dem Vormarsch, die er im Anschluss an Max Weber als „Patrimonialismus“ beschreibt. Donald Trump beanspruche trotz beziehungsweise gerade wegen seiner „neronischen Flatterhaftigkeit“, so Leggewie, die Loyalität seiner Vasallen und Untertanen, die man früher Staatsbürger genannt habe, für sich persönlich. Dazu gehöre auch die Abschaffung dessen, was Max Weber als das bürokratisch-legale System genannt hat, das aber auf Sachlichkeit, Unpersönlichkeit und Berechenbarkeit basiert und gegenwärtig in Amerika durch den Milliardär Elon Musk unter dem Vorwand der Effizienzsteigerung demontiert wird.
Kardinalfragen des Erzählens
Wie aber davon erzählen? Neben den Vorträgen präsentiert der Kölner Kongress zeitlich versetzt in einem zweiten Vortragssaal immer auch aktuelle Beispiele von Radioformaten, die sich dieser Herausforderung stellen. Christine Watty und Jan Fraune präsentieren in ihrem Vierteiler „Who killed Tupper – Aufstieg und Fall einer Dose“ eine Wirtschaftsgeschichte als True-Crime-Story. Lisa Steck, Christoph Spittler und Manuel Gogos beschreiben in „Das Verschwinden der Warenhäuser“ die Geschichte eines Verlustes, indem sie die Etagen eines Kaufhauses vom Keller bis zur Dachterrasse als narrative Strukturelemente inszenieren.
Der Podcast „Crashkurs – Wirtschaft trifft Geschichte“ geht gerade in die zweite Staffel und bemüht sich weiter, Phänomene wie Inflation, Wohnungsnot, die Vier-Tage-Woche, aber auch die Rettung der Ozonschicht und das Wirtschaftswachstum aus historischer Perspektive zu betrachten. Dabei stoßen Eva Bahner und Dorothee Holz immer wieder auf die gleichen Argumente, die sie mit O-Tönen aus den Archiven der ARD und des Deutschlandradios belegen. So kann Wirtschaftsberichterstattung jenseits der Tagesaktualität funktionieren. Auch das Live-Hörspiel „Hallo, ich bin Geld“ von der Theater- und Performance-Gruppen „Frauen und Fiktion“ (Kritik hier) probiert einen neuen Zugang zum Thema – indem sie dem Zahlungsmittel selbst eine Stimme gibt.
Empathiebefreite Reduktion auf Zahlen
Für den Sendeplatz „Systemfragen“ haben sich Kathrin Kühn, Stephanie Gebert und Maximilian Brose die Frage „Wie gelingt Integration?“ gestellt, die auch den Titel ihrer vierteiligen Serie bildet. Damit wird dem Narrativ entgegengewirkt, das sonst Schicksale von Menschen empathiebefreit gerne auf Zahlen reduziert. „Die Zahlen müssen runter“, war im letzten Bundestagswahlkampf ein oft gehörter Spruch. Demgegenüber ist dieses Format ein Beispiel für Best Practice im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der eben nicht nur das reproduziert und verstärkt, was die Leute angeblich hören wollen.
Zu einem der Ursprünge des Erzählens kehrte die 67-teilige Serie mit Geschichten aus „1001 Nacht“ (Kritik hier) zurück, die in der Neuübersetzung von Claudia Ott buchstäblich die Überlebenswichtigkeit des Erzählens belegt. Freuen kann man sich auf den Zehnteiler „Die Erschöpften“ von Autor und Regisseur Oliver Sturm, in dem Thomas Manns „Zauberberg“ auf die britische Fernsehserie „White Lotus“ trifft. Ausgangspunkt der Handlung von Sturms Near-Future-Serie ist ein Urlaubsgewährungsgesetz, das die urlaubsreifen Arbeitnehmer dazu verpflichtet ihre Urlaubsfähigkeit nachzuweisen. Gelingt das nicht, wird in speziellen „Pre-Holiday-Kliniken“ das Urlauben geübt.
Die Erschöpften
Erschöpfung ist eine ziemlich gute Beschreibung für den gegenwärtigen Zustand des Medienkonsumenten. Dabei ist dieser Zustand von bestimmten Akteuren gewollt und wird von geneigten Politikern hergestellt wird. Die Programme dafür sind bekannt. Sie heißen „Project 2025“, wie das der US-amerikanischen Heritage-Foundation, die die Grundzüge für Trumps zweite Amtszeit vorskizzierte. Oder sie lassen sich berühmte Formel „flood the zone with shit“ von Trumps früherem Berater Steve Bannon bringen. Auch sechs Jahre nachdem Bannon dieses fäkale Projekt aus der Taufe gehoben hat, konnte man beim Kölner Kongress immer noch eine gewisse Hilflosigkeit erkennen, wie medial-erzählerisch mit dem Gestank umgegangen werden kann, soll und muss.
In Anlehnung an Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ riet Thorsten Jantschek, dabei nicht nur den Wirklichkeits- sondern auch den Möglichkeitssinn anzusprechen: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ Denn wenn man über jedes Stöckchen springt, was einem hingehalten wird, geht es nur noch bergab.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 14.03.2025
#Bergab_ #BernhardPörksen #ClausLeggewie #ErzählenInSchwierigenZeiten #EvaKraus #FraukeRostalski #HannahBethge #JensBeckert #KölnerKongress #MatthiasGreffrath #WolfgangStreeck
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Von hier an geht’s bergab – Der Kölner Kongress 2025
Seit 2017 veranstaltet der Deutschlandfunk den „Kölner Kongress“ über das Erzählen in den Medien – dieses Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen in schwierigen Zeiten.“
DLF Essay und Diskurs, So, 09.03.2025 bis 13.04.2025, 9.30 bis 10.00 Uhr
Es gibt bestimmte journalistische Routinen und Mechanismen, mit denen die Medien nicht nur ihren Zugriff auf die Realität verbreiten, sondern mit denen sie Realitäten erst schaffen. Jan Böhmermann hat in seinem „ZDF Magazin Royale“ vom 28. Februar unter dem Titel „Politik und Medien und die Stimmung im Land“ darauf hingewiesen. Der Kölner Kongress über das Erzählen in den Medien, zu dem der Deutschlandfunk seit 2017 in sein Funkhaus am Raderberggürtel einlädt, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen ihn schwierigen Zeiten“ und wirkte stellenweise wie eine Fortsetzung von Böhmermanns Thema.
Die Eröffnung übernahm am 7. März hielt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in freier Rede im Gespräch mit dem Organisator des Kongresses, DLF-Redakteur Thorsten Jantschek. Jantschek verantwortet im Programm auch den sonntäglichen Termin „Essay und Diskurs“, auf dem in den nächsten Wochen einige der Vorträge zu hören sein werden.
Pörksen begann seine sehr persönlich gehaltenen Ausführungen mit dem ukrainischen Gastronomen Mischa Katsurin, dessen Vater in Russland lebt und ihm nach dem Beginn der Invasion im Februar 2022 nicht glauben wollte, dass Krieg herrscht. Mit seiner Webseite „Pappa glaub mir“ (auf Russisch „papa pover“) unternahm der Sohn den Versuch, das Dickicht aus Desinformation und „Fake News“ zu durchdringen. Pörksen entwickelte daraus ein Setting kommunikativer Strategien, mit denen man in Dialog treten kann. Mit Hilfe von öffnender Wertschätzung und Perspektivenverschränkung, doppelter Passung und respektvoller Konfrontation soll das Gelingen von Kommunikation wahrscheinlicher gemacht werden. Voraussetzung ist, die Realitätswahrnehmung des Gegenübers anzuerkennen. Darüber hinaus gelte es, ebenso situationsangemessen wie authentisch zu kommunizieren. Das funktioniert natürlich nur, wenn ein „basalelementarer Wertekonsens“ herrscht – will heißen, dass man wirklich miteinander kommunizieren will.
„Manchmal hilft nur die Ächtung“
Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, zeigte die Begegnung von Donald Trump, seinem Vize J.D. Vance und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Ende Februar im Oval Office, deren verstörendes Finale in Köln immer wieder thematisiert wurde. „Manchmal hilft da nur die Ächtung“, positionierte sich Pörksen in der Fragerunde nach seinem Vortrag. Zu Pörksens Kritik gehörte aber auch die Herablassung und Häme bei vielen Interview-Routinen. Und da musste man unwillkürlich an die viel kritisierten Interviews von Dirk Müller mit AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und dem ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow am Tag nach der Bundestagswahl im DLF-Frühprogramm denken.
Gegenüber den Fehlanreizen in den Sozialen Medien empfahl Pörksen die Bildung von Vertrauensgemeinschaften, keine Werbung, keine Anonymität, exzessive Moderation und – außerhalb der Online-Blase – Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Als Journalist müsse man berührbar bleiben, meinte Pörksen. Dass auch das manchmal nicht hilft, zeigt das Ende der Kommunikation zwischen Vater und Sohn Katsurin, die der Vater mit ein paar Propaganda-Phrasen abgebrochen hat. Der Sohn sammelt inzwischen in seinen Restaurants Geld für die ukrainische Armee.
Im Ernüchterungsgeschäft
Eine historische Perspektive auf krisenhafte Transformationen entwickelten die Soziologen Matthias Greffrath und Wolfgang Streeck, die über den „Staat der Industriegesellschaft“ reden wollten und sich dabei von den disruptiven Entwicklungen in Amerika geradezu überrollt sahen. Streeck betrachtete einen früheren Epochenumbruch und diagnostizierte, dass sich der Sozialstaat (auf Englisch „Welfare-State“) im Zusammenhang mit dem kriegführenden Staat („Warfare-State“), entwickelt habe – und das nicht erst mit der Einführung der Witwenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits im 19. Jahrhundert sei die Kriegsfähigkeit von Gesellschaften durch körperliche Ertüchtigung und ein staatliches Gesundheitswesen hergestellt worden.
Streeck zitierte aus Walther Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen“ aus dem Jahr 1917, in dem der liberale Politiker und Industrielle eine wesentliche gemeinwohlorientierte Maxime formulierte: „Im Staat darf nur einer reich sein, der Staat.“ Was passiert, wenn einige wenige Individuen reicher sind als die meisten Staaten, kann man gerade beobachten. Es sind nicht nur Narrative, die da geändert werden. Doch es sind nicht die Projektionen von Dystopien die Streeck interessieren; er sieht sich eher „im Ernüchterungsgeschäft“, wenn er die Kontinuitäten der Umwälzungen im Kapitalismus betrachtet.
Von der Erlösungserzählungen
„Was aber, wenn es kein Happy End gibt?“, fragte sich der Soziologe Jens Beckert in seinem Vortrag über die „prekäre Zukunft“ (Prekäre ZukunftGesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Verluste) und macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Verluste. Konnten Klassenkonflikte bisher durch Wirtschaftswachstum befriedet werden, schwinden die Verteilungsspielräume – die Fortschrittserzählung komme an ihr Ende, so Beckert. Und der Raubbau an Ressourcen verursache „nicht-intendierte Folgeschäden“, durch die auch die Erlösungsgeschichte von „grünem Wachstum“ an Glaubwürdigkeit verliere.
Zu konkret hingegen sind die Erlösungserzählungen der Kirchen – insbesondere der evangelischen – für die Politikwissenschaftlerin und „Welt“-Journalistin Hannah Bethge (Gesellschaft ohne OrientierungWas die Kirchenkrise über den Zustand der Demokratie aussagt). Statt als „Bundeswerteagentur“ zu agieren, wie der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, seine Kirche bezeichnet hat, solle sie sich auf ihr „Kerngeschäft“ konzentrieren. Besonders die Morgenandachten im Rundfunk fanden ihr Missfallen, wegen ihrer allzu oft anekdotischen Form. „Bis zur Selbstaufgabe politisiert und theologisch ausgehöhlt“ sieht die gläubige Protestantin hier ihre Kirche.
Die neue Empfindlichkeit
Mit einer anderen Autorität, nämlich der des Staates, beschäftigte sich die Strafrechtsprofessorin Frauke Rostalski (Miteinander reden Wieviel Freiheit lassen wir (noch) zu?), die in ihrem aktuellen Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ über die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit sprach. Während auf der einen Seite „gefühlt“ die Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt werde – was die Wirkung eines gern kolportierten rechtspopulistisches Opfernarrativ ist – sei man auf der anderen Seite immer empfindlicher geworden. Was natürlich auch mit den Reichweiten der Sozialen Medien zu tun hat.
So habe die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann in den letzten Jahren 1.900 Strafanzeigen gestellt. Im Strafrecht werden die Beleidigungstatbestände ausgeweitet – und das nicht nur im Bereich der Volksverhetzung. Was früher noch als Bagatelle behandelt werden konnte, wird heute sensibler gehandhabt. Rostalski plädiert dagegen, hier besser eine gewisse Resilienz zu entwickeln und gerade nicht auf die Ausweitung der Kompetenzen des Staates zu setzen. Wie dieser liberale Ansatz mit den auf Emotionsbewirtschaftung ausgerichteten Algorithmen der Sozialen Netzwerke funktionieren kann, ist dabei eine allerdings offene Frage.
Kultur und Systemrelevanz
Die institutionelle Bewältigung des Problems auf zivilgesellschaftlicher Ebene durch Verhaltenskodizes („Codes of Conduct“) lehnte die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus, in ihrem Vortrag zur „Zukunft der Kultur in Zeiten knapper Kassen“ ab. Sie plädierte dafür, die Freiräume der Kunst zu respektieren und die Kulturförderung als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen – auch um der weiteren Auszehrung des Kulturbetriebs entgegenzuwirken. Und das nicht nur, weil die Kreativwirtschaft sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrage, so Kraus, sondern vor allem, „weil sie systemrelevant für den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist“.
Den Schlussakkord beim Kölner Kongress setzte der Soziologe und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie (Von der Demokratie zur Plutokratie?Wie man den Regimewechsel noch verhindern kann), der die Entwicklungen, die Greffrath und Streeck historisch hergeleitet hatten, in die Zukunft verlängerte. Bereits seit US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher die Marktkräfte entfesselt hätten, sei die Erzählung von Fortschritt für Freiheit, Gleichheit und Demokratie brüchig geworden, so Leggewie. Derzeit sieht er eine Herrschaftsform auf dem Vormarsch, die er im Anschluss an Max Weber als „Patrimonialismus“ beschreibt. Donald Trump beanspruche trotz beziehungsweise gerade wegen seiner „neronischen Flatterhaftigkeit“, so Leggewie, die Loyalität seiner Vasallen und Untertanen, die man früher Staatsbürger genannt habe, für sich persönlich. Dazu gehöre auch die Abschaffung dessen, was Max Weber als das bürokratisch-legale System genannt hat, das aber auf Sachlichkeit, Unpersönlichkeit und Berechenbarkeit basiert und gegenwärtig in Amerika durch den Milliardär Elon Musk unter dem Vorwand der Effizienzsteigerung demontiert wird.
Kardinalfragen des Erzählens
Wie aber davon erzählen? Neben den Vorträgen präsentiert der Kölner Kongress zeitlich versetzt in einem zweiten Vortragssaal immer auch aktuelle Beispiele von Radioformaten, die sich dieser Herausforderung stellen. Christine Watty und Jan Fraune präsentieren in ihrem Vierteiler „Who killed Tupper – Aufstieg und Fall einer Dose“ eine Wirtschaftsgeschichte als True-Crime-Story. Lisa Steck, Christoph Spittler und Manuel Gogos beschreiben in „Das Verschwinden der Warenhäuser“ die Geschichte eines Verlustes, indem sie die Etagen eines Kaufhauses vom Keller bis zur Dachterrasse als narrative Strukturelemente inszenieren.
Der Podcast „Crashkurs – Wirtschaft trifft Geschichte“ geht gerade in die zweite Staffel und bemüht sich weiter, Phänomene wie Inflation, Wohnungsnot, die Vier-Tage-Woche, aber auch die Rettung der Ozonschicht und das Wirtschaftswachstum aus historischer Perspektive zu betrachten. Dabei stoßen Eva Bahner und Dorothee Holz immer wieder auf die gleichen Argumente, die sie mit O-Tönen aus den Archiven der ARD und des Deutschlandradios belegen. So kann Wirtschaftsberichterstattung jenseits der Tagesaktualität funktionieren. Auch das Live-Hörspiel „Hallo, ich bin Geld“ von der Theater- und Performance-Gruppen „Frauen und Fiktion“ (Kritik hier) probiert einen neuen Zugang zum Thema – indem sie dem Zahlungsmittel selbst eine Stimme gibt.
Empathiebefreite Reduktion auf Zahlen
Für den Sendeplatz „Systemfragen“ haben sich Kathrin Kühn, Stephanie Gebert und Maximilian Brose die Frage „Wie gelingt Integration?“ gestellt, die auch den Titel ihrer vierteiligen Serie bildet. Damit wird dem Narrativ entgegengewirkt, das sonst Schicksale von Menschen empathiebefreit gerne auf Zahlen reduziert. „Die Zahlen müssen runter“, war im letzten Bundestagswahlkampf ein oft gehörter Spruch. Demgegenüber ist dieses Format ein Beispiel für Best Practice im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der eben nicht nur das reproduziert und verstärkt, was die Leute angeblich hören wollen.
Zu einem der Ursprünge des Erzählens kehrte die 67-teilige Serie mit Geschichten aus „1001 Nacht“ (Kritik hier) zurück, die in der Neuübersetzung von Claudia Ott buchstäblich die Überlebenswichtigkeit des Erzählens belegt. Freuen kann man sich auf den Zehnteiler „Die Erschöpften“ von Autor und Regisseur Oliver Sturm, in dem Thomas Manns „Zauberberg“ auf die britische Fernsehserie „White Lotus“ trifft. Ausgangspunkt der Handlung von Sturms Near-Future-Serie ist ein Urlaubsgewährungsgesetz, das die urlaubsreifen Arbeitnehmer dazu verpflichtet ihre Urlaubsfähigkeit nachzuweisen. Gelingt das nicht, wird in speziellen „Pre-Holiday-Kliniken“ das Urlauben geübt.
Die Erschöpften
Erschöpfung ist eine ziemlich gute Beschreibung für den gegenwärtigen Zustand des Medienkonsumenten. Dabei ist dieser Zustand von bestimmten Akteuren gewollt und wird von geneigten Politikern hergestellt wird. Die Programme dafür sind bekannt. Sie heißen „Project 2025“, wie das der US-amerikanischen Heritage-Foundation, die die Grundzüge für Trumps zweite Amtszeit vorskizzierte. Oder sie lassen sich berühmte Formel „flood the zone with shit“ von Trumps früherem Berater Steve Bannon bringen. Auch sechs Jahre nachdem Bannon dieses fäkale Projekt aus der Taufe gehoben hat, konnte man beim Kölner Kongress immer noch eine gewisse Hilflosigkeit erkennen, wie medial-erzählerisch mit dem Gestank umgegangen werden kann, soll und muss.
In Anlehnung an Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ riet Thorsten Jantschek, dabei nicht nur den Wirklichkeits- sondern auch den Möglichkeitssinn anzusprechen: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ Denn wenn man über jedes Stöckchen springt, was einem hingehalten wird, geht es nur noch bergab.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 14.03.2025
#Bergab_ #BernhardPörksen #ClausLeggewie #ErzählenInSchwierigenZeiten #EvaKraus #FraukeRostalski #HannahBethge #JensBeckert #KölnerKongress #MatthiasGreffrath #WolfgangStreeck
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Von hier an geht’s bergab – Der Kölner Kongress 2025
Seit 2017 veranstaltet der Deutschlandfunk den „Kölner Kongress“ über das Erzählen in den Medien – dieses Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen in schwierigen Zeiten.“
DLF Essay und Diskurs, So, 09.03.2025 bis 13.04.2025, 9.30 bis 10.00 Uhr
Es gibt bestimmte journalistische Routinen und Mechanismen, mit denen die Medien nicht nur ihren Zugriff auf die Realität verbreiten, sondern mit denen sie Realitäten erst schaffen. Jan Böhmermann hat in seinem „ZDF Magazin Royale“ vom 28. Februar unter dem Titel „Politik und Medien und die Stimmung im Land“ darauf hingewiesen. Der Kölner Kongress über das Erzählen in den Medien, zu dem der Deutschlandfunk seit 2017 in sein Funkhaus am Raderberggürtel einlädt, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Bergab? – Erzählen ihn schwierigen Zeiten“ und wirkte stellenweise wie eine Fortsetzung von Böhmermanns Thema.
Die Eröffnung übernahm am 7. März hielt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen in freier Rede im Gespräch mit dem Organisator des Kongresses, DLF-Redakteur Thorsten Jantschek. Jantschek verantwortet im Programm auch den sonntäglichen Termin „Essay und Diskurs“, auf dem in den nächsten Wochen einige der Vorträge zu hören sein werden.
Pörksen begann seine sehr persönlich gehaltenen Ausführungen mit dem ukrainischen Gastronomen Mischa Katsurin, dessen Vater in Russland lebt und ihm nach dem Beginn der Invasion im Februar 2022 nicht glauben wollte, dass Krieg herrscht. Mit seiner Webseite „Pappa glaub mir“ (auf Russisch „papa pover“) unternahm der Sohn den Versuch, das Dickicht aus Desinformation und „Fake News“ zu durchdringen. Pörksen entwickelte daraus ein Setting kommunikativer Strategien, mit denen man in Dialog treten kann. Mit Hilfe von öffnender Wertschätzung und Perspektivenverschränkung, doppelter Passung und respektvoller Konfrontation soll das Gelingen von Kommunikation wahrscheinlicher gemacht werden. Voraussetzung ist, die Realitätswahrnehmung des Gegenübers anzuerkennen. Darüber hinaus gelte es, ebenso situationsangemessen wie authentisch zu kommunizieren. Das funktioniert natürlich nur, wenn ein „basalelementarer Wertekonsens“ herrscht – will heißen, dass man wirklich miteinander kommunizieren will.
„Manchmal hilft nur die Ächtung“
Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, zeigte die Begegnung von Donald Trump, seinem Vize J.D. Vance und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj Ende Februar im Oval Office, deren verstörendes Finale in Köln immer wieder thematisiert wurde. „Manchmal hilft da nur die Ächtung“, positionierte sich Pörksen in der Fragerunde nach seinem Vortrag. Zu Pörksens Kritik gehörte aber auch die Herablassung und Häme bei vielen Interview-Routinen. Und da musste man unwillkürlich an die viel kritisierten Interviews von Dirk Müller mit AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel und dem ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow am Tag nach der Bundestagswahl im DLF-Frühprogramm denken.
Gegenüber den Fehlanreizen in den Sozialen Medien empfahl Pörksen die Bildung von Vertrauensgemeinschaften, keine Werbung, keine Anonymität, exzessive Moderation und – außerhalb der Online-Blase – Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Als Journalist müsse man berührbar bleiben, meinte Pörksen. Dass auch das manchmal nicht hilft, zeigt das Ende der Kommunikation zwischen Vater und Sohn Katsurin, die der Vater mit ein paar Propaganda-Phrasen abgebrochen hat. Der Sohn sammelt inzwischen in seinen Restaurants Geld für die ukrainische Armee.
Im Ernüchterungsgeschäft
Eine historische Perspektive auf krisenhafte Transformationen entwickelten die Soziologen Matthias Greffrath und Wolfgang Streeck, die über den „Staat der Industriegesellschaft“ reden wollten und sich dabei von den disruptiven Entwicklungen in Amerika geradezu überrollt sahen. Streeck betrachtete einen früheren Epochenumbruch und diagnostizierte, dass sich der Sozialstaat (auf Englisch „Welfare-State“) im Zusammenhang mit dem kriegführenden Staat („Warfare-State“), entwickelt habe – und das nicht erst mit der Einführung der Witwenfürsorge nach dem Ersten Weltkrieg. Bereits im 19. Jahrhundert sei die Kriegsfähigkeit von Gesellschaften durch körperliche Ertüchtigung und ein staatliches Gesundheitswesen hergestellt worden.
Streeck zitierte aus Walther Rathenaus Buch „Von kommenden Dingen“ aus dem Jahr 1917, in dem der liberale Politiker und Industrielle eine wesentliche gemeinwohlorientierte Maxime formulierte: „Im Staat darf nur einer reich sein, der Staat.“ Was passiert, wenn einige wenige Individuen reicher sind als die meisten Staaten, kann man gerade beobachten. Es sind nicht nur Narrative, die da geändert werden. Doch es sind nicht die Projektionen von Dystopien die Streeck interessieren; er sieht sich eher „im Ernüchterungsgeschäft“, wenn er die Kontinuitäten der Umwälzungen im Kapitalismus betrachtet.
Von der Erlösungserzählungen
„Was aber, wenn es kein Happy End gibt?“, fragte sich der Soziologe Jens Beckert in seinem Vortrag über die „prekäre Zukunft“ (Prekäre ZukunftGesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten der Verluste) und macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten der Verluste. Konnten Klassenkonflikte bisher durch Wirtschaftswachstum befriedet werden, schwinden die Verteilungsspielräume – die Fortschrittserzählung komme an ihr Ende, so Beckert. Und der Raubbau an Ressourcen verursache „nicht-intendierte Folgeschäden“, durch die auch die Erlösungsgeschichte von „grünem Wachstum“ an Glaubwürdigkeit verliere.
Zu konkret hingegen sind die Erlösungserzählungen der Kirchen – insbesondere der evangelischen – für die Politikwissenschaftlerin und „Welt“-Journalistin Hannah Bethge (Gesellschaft ohne OrientierungWas die Kirchenkrise über den Zustand der Demokratie aussagt). Statt als „Bundeswerteagentur“ zu agieren, wie der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, seine Kirche bezeichnet hat, solle sie sich auf ihr „Kerngeschäft“ konzentrieren. Besonders die Morgenandachten im Rundfunk fanden ihr Missfallen, wegen ihrer allzu oft anekdotischen Form. „Bis zur Selbstaufgabe politisiert und theologisch ausgehöhlt“ sieht die gläubige Protestantin hier ihre Kirche.
Die neue Empfindlichkeit
Mit einer anderen Autorität, nämlich der des Staates, beschäftigte sich die Strafrechtsprofessorin Frauke Rostalski (Miteinander reden Wieviel Freiheit lassen wir (noch) zu?), die in ihrem aktuellen Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ über die neue Verletzlichkeit als Herausforderung der Freiheit sprach. Während auf der einen Seite „gefühlt“ die Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt werde – was die Wirkung eines gern kolportierten rechtspopulistisches Opfernarrativ ist – sei man auf der anderen Seite immer empfindlicher geworden. Was natürlich auch mit den Reichweiten der Sozialen Medien zu tun hat.
So habe die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann in den letzten Jahren 1.900 Strafanzeigen gestellt. Im Strafrecht werden die Beleidigungstatbestände ausgeweitet – und das nicht nur im Bereich der Volksverhetzung. Was früher noch als Bagatelle behandelt werden konnte, wird heute sensibler gehandhabt. Rostalski plädiert dagegen, hier besser eine gewisse Resilienz zu entwickeln und gerade nicht auf die Ausweitung der Kompetenzen des Staates zu setzen. Wie dieser liberale Ansatz mit den auf Emotionsbewirtschaftung ausgerichteten Algorithmen der Sozialen Netzwerke funktionieren kann, ist dabei eine allerdings offene Frage.
Kultur und Systemrelevanz
Die institutionelle Bewältigung des Problems auf zivilgesellschaftlicher Ebene durch Verhaltenskodizes („Codes of Conduct“) lehnte die Intendantin der Bundeskunsthalle, Eva Kraus, in ihrem Vortrag zur „Zukunft der Kultur in Zeiten knapper Kassen“ ab. Sie plädierte dafür, die Freiräume der Kunst zu respektieren und die Kulturförderung als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen – auch um der weiteren Auszehrung des Kulturbetriebs entgegenzuwirken. Und das nicht nur, weil die Kreativwirtschaft sieben Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitrage, so Kraus, sondern vor allem, „weil sie systemrelevant für den Zusammenhalt einer Gesellschaft ist“.
Den Schlussakkord beim Kölner Kongress setzte der Soziologe und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie (Von der Demokratie zur Plutokratie?Wie man den Regimewechsel noch verhindern kann), der die Entwicklungen, die Greffrath und Streeck historisch hergeleitet hatten, in die Zukunft verlängerte. Bereits seit US-Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher die Marktkräfte entfesselt hätten, sei die Erzählung von Fortschritt für Freiheit, Gleichheit und Demokratie brüchig geworden, so Leggewie. Derzeit sieht er eine Herrschaftsform auf dem Vormarsch, die er im Anschluss an Max Weber als „Patrimonialismus“ beschreibt. Donald Trump beanspruche trotz beziehungsweise gerade wegen seiner „neronischen Flatterhaftigkeit“, so Leggewie, die Loyalität seiner Vasallen und Untertanen, die man früher Staatsbürger genannt habe, für sich persönlich. Dazu gehöre auch die Abschaffung dessen, was Max Weber als das bürokratisch-legale System genannt hat, das aber auf Sachlichkeit, Unpersönlichkeit und Berechenbarkeit basiert und gegenwärtig in Amerika durch den Milliardär Elon Musk unter dem Vorwand der Effizienzsteigerung demontiert wird.
Kardinalfragen des Erzählens
Wie aber davon erzählen? Neben den Vorträgen präsentiert der Kölner Kongress zeitlich versetzt in einem zweiten Vortragssaal immer auch aktuelle Beispiele von Radioformaten, die sich dieser Herausforderung stellen. Christine Watty und Jan Fraune präsentieren in ihrem Vierteiler „Who killed Tupper – Aufstieg und Fall einer Dose“ eine Wirtschaftsgeschichte als True-Crime-Story. Lisa Steck, Christoph Spittler und Manuel Gogos beschreiben in „Das Verschwinden der Warenhäuser“ die Geschichte eines Verlustes, indem sie die Etagen eines Kaufhauses vom Keller bis zur Dachterrasse als narrative Strukturelemente inszenieren.
Der Podcast „Crashkurs – Wirtschaft trifft Geschichte“ geht gerade in die zweite Staffel und bemüht sich weiter, Phänomene wie Inflation, Wohnungsnot, die Vier-Tage-Woche, aber auch die Rettung der Ozonschicht und das Wirtschaftswachstum aus historischer Perspektive zu betrachten. Dabei stoßen Eva Bahner und Dorothee Holz immer wieder auf die gleichen Argumente, die sie mit O-Tönen aus den Archiven der ARD und des Deutschlandradios belegen. So kann Wirtschaftsberichterstattung jenseits der Tagesaktualität funktionieren. Auch das Live-Hörspiel „Hallo, ich bin Geld“ von der Theater- und Performance-Gruppen „Frauen und Fiktion“ (Kritik hier) probiert einen neuen Zugang zum Thema – indem sie dem Zahlungsmittel selbst eine Stimme gibt.
Empathiebefreite Reduktion auf Zahlen
Für den Sendeplatz „Systemfragen“ haben sich Kathrin Kühn, Stephanie Gebert und Maximilian Brose die Frage „Wie gelingt Integration?“ gestellt, die auch den Titel ihrer vierteiligen Serie bildet. Damit wird dem Narrativ entgegengewirkt, das sonst Schicksale von Menschen empathiebefreit gerne auf Zahlen reduziert. „Die Zahlen müssen runter“, war im letzten Bundestagswahlkampf ein oft gehörter Spruch. Demgegenüber ist dieses Format ein Beispiel für Best Practice im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der eben nicht nur das reproduziert und verstärkt, was die Leute angeblich hören wollen.
Zu einem der Ursprünge des Erzählens kehrte die 67-teilige Serie mit Geschichten aus „1001 Nacht“ (Kritik hier) zurück, die in der Neuübersetzung von Claudia Ott buchstäblich die Überlebenswichtigkeit des Erzählens belegt. Freuen kann man sich auf den Zehnteiler „Die Erschöpften“ von Autor und Regisseur Oliver Sturm, in dem Thomas Manns „Zauberberg“ auf die britische Fernsehserie „White Lotus“ trifft. Ausgangspunkt der Handlung von Sturms Near-Future-Serie ist ein Urlaubsgewährungsgesetz, das die urlaubsreifen Arbeitnehmer dazu verpflichtet ihre Urlaubsfähigkeit nachzuweisen. Gelingt das nicht, wird in speziellen „Pre-Holiday-Kliniken“ das Urlauben geübt.
Die Erschöpften
Erschöpfung ist eine ziemlich gute Beschreibung für den gegenwärtigen Zustand des Medienkonsumenten. Dabei ist dieser Zustand von bestimmten Akteuren gewollt und wird von geneigten Politikern hergestellt wird. Die Programme dafür sind bekannt. Sie heißen „Project 2025“, wie das der US-amerikanischen Heritage-Foundation, die die Grundzüge für Trumps zweite Amtszeit vorskizzierte. Oder sie lassen sich berühmte Formel „flood the zone with shit“ von Trumps früherem Berater Steve Bannon bringen. Auch sechs Jahre nachdem Bannon dieses fäkale Projekt aus der Taufe gehoben hat, konnte man beim Kölner Kongress immer noch eine gewisse Hilflosigkeit erkennen, wie medial-erzählerisch mit dem Gestank umgegangen werden kann, soll und muss.
In Anlehnung an Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ riet Thorsten Jantschek, dabei nicht nur den Wirklichkeits- sondern auch den Möglichkeitssinn anzusprechen: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ Denn wenn man über jedes Stöckchen springt, was einem hingehalten wird, geht es nur noch bergab.
Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 14.03.2025
#Bergab_ #BernhardPörksen #ClausLeggewie #ErzählenInSchwierigenZeiten #EvaKraus #FraukeRostalski #HannahBethge #JensBeckert #KölnerKongress #MatthiasGreffrath #WolfgangStreeck