#georg-seesslen — Public Fediverse posts
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Täglich besuche ich ca. 30 Online-Portale. In loser Folge schreibe ich eine “Blattkritik”. Im normalen Leben, früher, als Journalismus noch ernstgenommen wurde von seinen Produzent*inn*en und Konsument*inn*en, war es eine gute Sitte, dass Redaktionen für die morgendliche Sitzung Kritiker*innen von aussen einluden, um ihre Selbstreferentialität konstruktiv zu bekämpfen. Kritik bedeutet: Lob und Tadel in einem ausgewogenen Verhältnis. Mein erster Versuch.
Als die taz Ende der 70er Jahre gegründet wurde, war ich bei der Konkurrenz: “Die Neue” hielt jedoch nur wenige Jahre betriebswirtschaftlich durch. Meine Autorenhonrare, die ich ihr irgendwann als Kredit gewährte, gingen verloren. Es müssen so um die 3-5.000 Mark gewesen sein. Als ich 2005/06 eine zeitlang Texte für die taz lieferte, hörte ich schnell wieder damit auf. Inkompetente Redakteure wollten meine Texte in ein konstruiertes Format zwängen, eine Nerverei, die in keinem Verhältnis zum Zeitaufwand und vor allem zum Zeilenhonorar stand.
Daraus ergab sich über Jahrzehnte, dass Journailst*inn*en ihre Berufslaufbahn gerne in der taz starteten, um sich dann zügig von besserzahlenden Medien abwerben zu lassen. Übrigens auch vom Springerkonzern, da sind viele ganz schmerzfrei.
Lange Vorrede, ich weiss.
Die taz-Startseite eröffnet heute morgen – Überraschung! – mit einem relevanten Thema:
“Oxfam-Chef über Milliardäre: ‘Viele Demokratien entwickeln sich zu Oligarchien’ – Extreme Ungleichheit gefährdet Rechtsstaatlichkeit und Multilateralismus, sagt Oxfam-International-Chef Amitabh Behar. Aber es gebe Ansätze dagegen.”
Kompliment also an die interviewende Redakteurin Leila van Rinsum. Thema gut gesetzt. Danach sinkt die Relevanz schnell auf Lokalblattniveau, Berlin eben: eine chinesische Kaffeekette. Kennen wir hier in Beuel nicht. Und wir sind ein Kaffee-Hotspot.
Die Tratsch- und “Lebenshilfe”-Kolumnen haben im taz-Kosmos eine sehr anstrengende Überhand genommen: “To-do-Listen machen glücklich”. Herrjeh, haben wir nicht wichtigere Probleme? Doch haben wir. “Suchtmaschinen”, “Langlaufen”, “Ukraine”, “Berlinale” bis der Arzt kommt. Wen interessiert das hier im Westen, wo die meisten wohnen?
Eine Insel der Vernunft ist erreicht, wenn frau*mann sich zur Karikatur heruntergescrollt hat. Meine Lieblingszeichner: “Beck” und “BurkH”, Letzterer leidender Borussia-Fan wie ich, Ersterer Slowfood-Fan wie ich.
Unten angekommen forste ich die alten Ressorts der früheren Druckausgabe durch: Politik, Öko, Gesellschaft, Kultur, Sport – überspringe die Lokalausgaben Nord und Berlin um geradewegs endlich bei der Wahrheit zu landen, wo der Touché-Cartoon täglich meinen Unmut befriedet.
Heute bin ich auf diesem Weg nirgends lesend hängengeblieben. War das schön, als immer mittwochs die fabulöse Silke Burmester die “Kriegsreporterin” aus der was-mit-Medien-Branche gab. Ich vermisse die “Schlagloch”-Kolumne, die gewöhnlich ein intellektueller Höhepunkt im taz-Unkraut ist. Normal wäre heute Georg Seesslen dran, und nächste Woche Charlotte Wiedemann, die ich immer ungeduldig erwarte. Sind sie unter das Fallbeil der “Digitalisierungsstrategie” gefallen? Wie so vieles?
Das wäre von Übel. Von grossem. Aber die Onlineredaktion der taz arbeitet traditionell erratisch. Möglich, dass es noch kommt.
Vorschlag zur Güte an die digitale taz: Minimalstandard von Onlinepublizistik ist, verweisende informative Links nicht nur auf sich selbst zu setzen, sondern auf Originaltexte, -studien usw. Das wäre wertsteigernd.
Über Martin Böttger:
Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger -
Raue Storys für glatte Zeiten
Die Sehnsucht nach dem Heroischen ist groß, gerade auch im Silicon Valley. Tech-Unternehmer hängen in ihren Fantasien allzu gerne ruhmreichen Königen und mächtigen Imperien nach. Dabei wird der Ruf nach Stärke immer dort laut, wo die Komplexe am größten sind.
Beim Anblick der die Hollywood-Version von Leonidas und seiner legendären „300“ überkommt mich die Lust nach einem Work-out. Und wenn König Théoden und der Waldläufer Aragorn, beides Charaktere aus „Herr der Ringe“, auf die feindliche Ork-Armee losstürmen, stellen sich Zuschauern die Nackenhaare auf.
Todesverachtenden Heldenmut zeigt auch Achilles in der amerikanischen Adaption der Troja-Sage, als er seinen Myrmidonen vor dem selbstmörderischen Angriff auf die Stadt die „Unsterblichkeit“ verspricht. Etwas feingeistiger, doch nicht weniger archaisch, nimmt Feldherr Julius Cäsar durch seinen viel zitierten Spruch „Ich kam, ich sah, ich siegte“ einen Platz in der Geschichte verwegener Männer ein.
„WARNING: watching this will increase your testosterone level by 300%”, lautet der Top-Kommentar für Leonidas auf YouTube. Auch im Silicon Valley, wo der Bedarf an Testosteronoffenbar besonders hoch ist, fallen die Heldenerzählungen auf überaus fruchtbaren Boden. Dort lassen sich Tech-Jünger von ihren Idolen gar zu neuen Unternehmen inspirieren.
Fantasy als Vorbild
Palmer Luckey ist Erfinder der Virtual-Reality-Brille Oculus Rift. Gemeinsam mit Trae Stephens, ehemals Mitarbeiter beim Überwachungsunternehmen Palantir, hat er 2017 das Verteidungs-Start-up „Anduril“ gegründet. Benannt ist es nach Aragorns Schwert Andúril. Übersetzt aus der fiktiven Quenya-Sprache bedeutet der Name „Flamme des Westens“.
Peter Thiel, Mitgründer von Palantir, dessen Name ebenfalls aus dem Herr-der-Ringe-Kosmos stammt, investiert in Technologie für „Unsterblichkeit“, sich selbst stilisiert er zum furchtlosen Kämpfer gegen den „Antichristen“. Curtis Yarvin, ein im Silicon Valley beliebter Blogger, wünscht sich gar einen „neuen Cäsar“ an der Spitze der USA.
Mark Zuckerberg, Leser und Bewunderer von Yarvin, hat seiner Frau Priscilla „nach römischem Brauch“ eine Statue im hauseigenen Garten gewidmet. Die Namen ihrer Kinder – Maxima, August, Aurelia – sind an römische Kaiser angelehnt.
Schwarz-weiße Welt
Fantasy-Epen wie 300 oder Herr der Ringe zeichnen sich durch eine verlässliche Einteilung der Welt in Gut und Böse aus. „Wir lieben die alten Geschichten wegen ihrer Unveränderlichkeit“, stellte die Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin einst fest. Hier finden Menschen Beständigkeit und alte Weisheiten – seltene Schätze in unserer flüchtigen Gegenwart.
Oft sind es gerade jüngere Menschen, die sich an der Vorstellung von glorreichen Königen oder unbezwingbaren Herrschern – und damit auch an antidemokratischen Erzählungen – ergötzen. Schließlich waren es Cäsar und sein Nachfolger Augustus, die das Ende der Republik besiegelten und den Weg zum römischen Kaiserreich ebneten. Und in Sparta, das im Film 300 als „freies Griechenland“ porträtiert wird, herrschte eine kleine Elite über den Großteil der Bevölkerung. Nachdem der Staat im Peloponnesischen Krieg seinen langjährigen Rivalen Athen besiegt, bricht dort umgehend die Oligarchie an.
Im zahlen- und umsatzgetriebenen Silicon Valley können die Unternehmer so ihre vergleichsweise kurze Kulturgeschichte erweitern und dabei etwaige Komplexe ausgleichen. Womöglich suchen sie auch einen passenden ideologischen Rahmen für ihre aggressiven Geschäftsmodelle – oder streben genau danach, was ihre Idole ihnen vorleben: Ruhm, Oligarchie, Sixpack.
Die glatte Tech-Welt sehnt sich offenbar nach den rauen Erfahrungen, die das analoge Leben noch bereithielt. Dafür muss sie „Kämpfe“ inszenieren, die eigentlich keine sind. Elon Musk etwa bekämpft die eigenen Komplexe mit Haartransplantationen, Botox und Wangenknochenverstärkung. Derweil hat Zuckerberg sich zum Kampfsportler hochpäppeln zu lassen. Beim Podcaster Joe Rogan spricht er betont „männlich“ über Jagd, Töten und Mixed Martial Arts.
Widersprüche und Allmachtsfantasien
Führen Heldensagen ins nächste Fitnessstudio, ist das erst mal keine schlechte Sache. Die Weltanschauung und das eigene Unternehmen rund um ambivalenzbefreite Allmachtsfantasien aufzubauen, ist hingegen brandgefährlich.
Dabei ist es Zuckerberg selbst, der mit seinen Unternehmen und „sozialen“ Medien unermüdlich das Fundament einer schönen Welt ruiniert und ihre Bewohner in die digitale Entfremdung treibt. Den Erfolg Zuckerbergs garantiert ein werbe- und effizienzorientiertes System, das sich durch die wachsende Unzufriedenheit seiner Mitglieder und den Ruf nach „alter“ Stärke schließlich gewaltsam selbst abschafft.
Und was passiert, wenn eine kleine Gruppe in Widersprüchen gefangener Männer die Macht übernimmt und die Wut der Menschen für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert, zeigt die Geschichte. Dass ebenjene nur als Karikaturen ihrer verherrlichten antiken Idealedienen, ist ein kleiner, überaus bitterer Witz. Denn das große Leid tragen später wie üblich die Schwächsten einer Gesellschaft und nicht die Profiteure an der Spitze.
Vincent Först arbeitet als Journalist und Autor. An der Universität der Künste lehrt er Texttheorie- und Textgestaltung. Wenn er nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt, organisiert er Kulturveranstaltungen in Berlin. Kontakt: Instagram, Mastodon, Bluesky. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.
Hören Sie ergänzend auch – Lesen geht ja nicht, dank Deutschlands dummen Ministerpräsident*inn*en – :
Markus Metz und Georg Seeßlen/DLF: “Technokratie: Renaissance einer politischen Bewegung – Wenn Krisen Demokratie und Markt erschüttern, feiern Technokratie-Visionen ihr Comeback. Zwischen TechBros, Elon Musk und Silicon-Valley-Utopien zeigt sich: Die Sehnsucht nach Expertenherrschaft ist so aktuell wie gefährlich.” (nur Audio, 30 min)
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>Dlf App | Great again? | US-Wahlen – #GreatAgain? – Der Kulturkampf in den USA<
Aus Anlass der #USElection eine Analyse der komplexen Geschichte der USA von
#MarkusMetz und #GeorgSeesslen#Kulturethymologie #Journalismus
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