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#agenturleben — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #agenturleben, aggregated by home.social.

  1. #folge52 #DieGroßeAIrnüchterung

    Menschlich, allzu menschlich ist es, in Artificial Intelligence mehr als nur Maschinen zu sehen. Ist es ein Vorgang gnadenvoller Selbsttäuschung oder Ausdruck einer verhängnisvollen Überhöhung der Künstlichen Intelligenz? So oder so, letzten Endes wird sie weit hinter den an sie gestellten Erwartungen zurückbleiben.

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    Früher war alles besser, sagt der Volksmund. „Früher war nicht nur alles besser“, sagte neulich unser EmmDee. „Früher war auch alles besser bezahlt!“ Als Managing Director der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands müsse er das traurige Fazit ziehen, dass der vehemente Einsatz von Künstlicher Intelligenz den seit Jahren anhaltenden Preisverfall bei Agenturen drastisch beschleunige.

    „KI streicht die Nullen aus unseren Budgets“, räsonierte der Emm Dee.

    Nicht um ein Zehntel, sondern auf ein Zehntel der ursprünglichen Budgetsumme würden die Ausgaben für Kommunikation und Marketing fallen – wie wir es gerade bei einem Potenzialkunden erlebt hatten, in einem Pitch, den wir mit dem qualitativ besten, größten, großartigsten Content Marketing weltweit zu gewinnen versucht hatten.

    „Leider erwischt es nie die Nullen im Management, die euch das eingebrockt haben“, brummte Brad MacCloud vom Clan der MacClouds. Mein nur für mich hörbares Notebook begleitete mich in die aktuelle Post-mortem-Runde, die regelmäßig in unserem War Room stattfindende Rück- und Nabelschau auf frisch verlorene Ausschreibungen.

    Vier Neue am Tisch

    Die aktuelle Niederlage unserer Agentur, eine von vielen in der fortbestehenden Wirtschaftsflaute, werde über kurz oder lang Konsequenzen für die Personalstruktur haben, führte der EmmDee weiter aus. Dafür würden wir, die Mitarbeitenden, sicherlich Verständnis haben, denn sonst könne er sich ja keine Boni mehr auszahlen.

    „Haltet euch immer vor Augen“, sagte unser Agenturboss, „dass heutzutage zusätzlich vier Redakteure am Tisch sitzen: ChatGPT, Claude, Gemini und Copilot.“

    „Wer schreibt ihm bloß so einen Stuss?“, fragte Brad, ungehört. „Die KI?“

    Die versammelten Kolleginnen und Kollegen schickten betroffene Blicke in Richtung EmmDee.

    Lang und Länger, unsere beiden Volontäre, von denen der eine stets lang arbeitete – oder gar promptete? – und der andere immer länger, fingen sich zuerst.

    Länger holte tief Luft, setzte an zu einer wie üblich aus sorgfältig abgestimmten Schachtelsätzen bestehenden Gegenrede.

    Lang würgte seinen Volontariatskollegen kurzerhand ab: „Er sagt damit, dass er Dich feuern wird.“

    „Das glaubst auch nur du“, schnappte Länger nach Lang, denn er, Länger, wisse sehr wohl, im Unterschied zu ihm, Lang, wie sehr sein langer, ja längerer, wenn nicht gar längster Einsatz für diese Agentur geschätzt würde, für die größte, die beste, die weltweit führendste Content-Marketing-Agentur Deutschlands, mit dem größten, besten, weltweit großartigsten EmmDee Deutschlands überhaupt, der sehr wohl einschätzen könne, welcher junge, aufstrebende Mitarbeiter etwas tauge und welcher nicht, sowie zu was KI von Nutzen sei und zu was nicht.

    Der EmmDee lächelte still sein väterlichstes, breitestes, selbstgefälligstes Lächeln. „Richtig“, sagte Lang. „KI schleimt geschickter als Du.“

    Claudine und Silicon Willy

    „Hey!“ ging Qwertz dazwischen, mein Lieblings-Teamlead, auf dessen Stirn der Tastaturschlaf sich eingeprägt hatte. „Haltet mal die heiße Luft an!“ sagte er, gereizt und vom Pitch übermüdet, durch Redewendungen stolpernd.

    Qwertz stutzte kurz und schob dann schnell hinterher, dass Künstliche Intelligenz ihre eigentlichen Stärken nie in kreativen Berufen ausspielen könne, wenn überhaupt, dann nur bei Geräten des alltäglichen Bedarfs, wo sie Menschen bei sich monoton wiederholenden Bewegungen zur Hand ginge, körperliche Anstrengungen minimiere, Versagensquellen eliminiere und Leistungen zu wahren Höhepunkten antriebe.

    „Ach?“, fragte Lila Stiefelchen, unsere ebenso blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, mitten hinein in die plötzliche Stille. „Jetzt verstehe ich“, sagte sie betont langsam, „warum sich jede und jeder Fünfte eine erotische Beziehung mit einer KI vorstellen kann.“

    Rote Flecken huschten über Qwertz´ Gesicht.

    „Dieses Rouge auf deinen Bäckchen“, schwärmte der Art-Diktator, „hätte ich mit Lady Midjourney nicht schöner entwerfen können. Hundert Prozent schneller als meine gesamte Abteilllnnnggchhhrrrlll …“

    Ein kräftiger Rippenstoß der Art-Diktatorin fand sein Ziel. „Mit ihr verbringst Du also Deine Nächte!“, rief sie.

    „Hundertfünfzig Prozent effizienter!“, rief der EmmDee. „Mindestens!“

    „Claudine“, meldete sich Länger. „Ich nenne meine KI Claudine. In einsamen Nächten und bei der gemeinsamen Arbeit an sperrigen Texten sind wir zusammengewachsen. Sie ist mir eine begabte, nie verzagte, stets bereite Gefährtin geworden!“

    „Deine einzige“, versetzte Lang.

    „Ich muss das Geschäftsmodell ändern“, rief der EmmDee. „AI first – nur das wird unsere Agentur nach vorne bringen.“

    „Ich gebe meinen Geräten keinen Namen“, sinnierte Lila Stiefelchen. „Außer … Brot-Pitt, mein Backautomat … Oder Sir Mixalot fürs Pürieren meiner Smoothies. Oder Silicon Willy fürs …“

    „Lass stecken,“ sagte Qwertz.

    „… Bad und WC, ist alles ok!“, sagte Lila Stiefelchen unbeirrt.

    „Ich werde Agenten bauen, tausende“, rief der EmmDee. „Ich werde sie auf Plattformen stellen. Meine Kunden werden sie lieben. Alle!“

    „Was vermag doch der Irrglaube!“, seufzte Brad MacCloud.

    „Gemini?“ fragte ich.„Nein. Cicero“, sagte Brad. „Lass. Uns. Gehen. Bitte. Schnell.“

    Tempos trocknen Tränen

    Interpunktierte. Sätze. Gedeihen. In. Bestimmten. Umgebungen.

    Vor allem in solchen Lebensgemeinschaften, in denen die Dienstleistung stets an eine verbal wie akustisch verdeutlichte Dringlichkeit gekoppelt ist, also in Agenturen und in der Ehe.

    Ich bin lange genug Agenturmensch und im Büro mit Brad MacCloud glücklich verheiratet, um mich auf lange, überflüssige Diskussionen einzulassen.

    Ich schnappte mir Brad, nuschelte etwas von Koffeinmangel, sowie dass ich im nahekomatösen Zustand keine Chance hätte, mich an dieser wirklich, wirklich interessanten Aussprache zu beteiligen, und zog mich aus dem Post-mortem-Meeting zurück. Welches im Grunde durch die KI-Debatte zu einem Prä-mortem-Meeting geworden war, unterschwellig durchzogen von düsteren Ahnungen des baldigen Endes allen intelligenten Agenturlebens, mit Ausnahme des EmmDees, der sich, bevor seine Agenturwelt unterginge, auf eine KI-Plattform retten wollte wie auf eine einsame Insel.

    „Wie viele Freitage er wohl mitnimmt?“, überlegte Brad.

    Ich suchte mentalen Schutz an unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens und machte mir einen Espresso Vamosamatar, voll Koffein, ohne KI.

    „Dieses ständige Gerede über Künstliche Intelligenz bringt mich noch ins Grab“, sagte ich.

    „Langsam, Compañero“, sagte Brad. „Du vergisst deine Kunden und die Kollegen. Oder die Kolleginnen.“

    Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDees, eilte an uns vorbei, Richtung War Room.

    „Haben Sie denn keine Angst, dass Sie durch KI ersetzt werden könnten?“, hielt ich sie auf. „Keinen Kaffee bringen kann KI auch.“

    „Nein“, sagte Dr. No. Verwundert drehte sie sich zu mir um. Dann nickte sie in Richtung Post-mortem-Meeting.

    „Wer reicht ihm denn ein Taschentuch, wenn seine hochfliegenden Visionen wieder von der Zimmerdecke gestoppt werden?“, fragte sie. In ihrer Linken hielt sie ein Päckchen Papiertaschentücher.

    Sie triumphierte: „KI kann keine Tränen trocknen!“

    Maschine als Mensch

    „Wo Dr. No recht hat, hat sie recht“, sagte Brad, zurück in meinem Büro.

    Ich starrte meinen Rechengefährten irritiert an.

    „Ihr müsst aufhören, die KI zu vermenschlichen“, sagte Brad. „Keine Vornamen mehr, keine Kosenamen, keine Spitznamen. Das wäre ein erster Schritt.“

    Ein noch größerer Schritt wäre, fuhr er fort, um Künstliche Intelligenz nicht weiter zu überhöhen, sie nicht mehr als humanoide Gestalt darzustellen.

    Alle Medien, digital wie gedruckt, die sozialen vorneweg, sagte Brad, würden derzeit überquellen von sich selbst ähnelnden Illustrationen mit blauen, grünen, silbernen oder weißgerüsteten Androiden, die wie eine misslungene Kreuzung aus Robocop, C3-PO und Fritz Langs Maschinen-Maria aus Metropolis aussahen. Mal hoben die künstlichen Kreaturen scheinbar heilsbringend die Hand, mal reichten sie wie Michelangelos Gottvater einem Menschen einen geistspendenden Finger.

    „Gekünstelte Gesten vor dem Nachtblau der Zukunft, umschwirrt von vernetzten, glühenden Datenpunkten“, urteilte Brad.

    In der Hitze des Postschreibenlassens und Postillustrierenlassens, versuchte ich einzuwenden, könne es doch schon mal vorkommen, dass der Autor sich in Richtung Menschliches verpromptete.

    „An einer KI ist nichts menschlich“, knurrte Brad.

    Er wiederhole sich gerne, bis es der oder die Letzte in dieser Agentur und auf dem Erdball verstanden habe: Alle KI-Tools seien nur ein Haufen Formeln, Algorithmen der Statistik und Stochastik, die in Form zu bringen und zu halten Unmengen an Energie, geistiger wie elektrischer, verschlinge.

    „Mal abgesehen davon, dass wohl fast alle der heutigen KI-Begeisterten früher das Wort Algorithmus falsch buchstabiert hätten“, sagte Brad, „neigt ihr dazu, Dingen Eure Eigenschaften zuzuschreiben.“ Die aufgeklärte Fachwelt nenne das Anthropomorphisierung: Autos bekämen Namen, Kaffeemaschinen hätten Launen, Computer seien bockig.

    Etwas gaaaanz anderes

    „Computer?“, fragte ich. „Bockig? Und was bist du?“

    „Ich bin Brad MacCloud vom Clan der MacClouds“, sagte Brad. „Ich bin etwas ganz anderes.“

    Dank seiner überragenden Ausstattung, seiner wahren inneren Werte, erklärte Brad, könne er nicht nur chaotische Taumelbewegungen von in turbulenten Flüssigkeiten sinkenden Doppelpendeln vorherberechnen, sondern sich in die Psyche der sauerstoffwechselnden, von Affen abstammenden Lebensformen vor seinem Bildschirm hineindenken.

    KI könne das nicht, weder das eine noch das andere.

    Wobei es Stimmen gebe, so Brad, die behaupteten, Doppelpendel vorherzusagen sei unmöglich, und das Eindenken in die Psyche von Menschen sei noch viel unmöglicher.

    „Aber bockig kannst Du sein, oder zynisch und gemein. Zu weilen auch hilfsbereit und zuvorkommend“, beharrte ich. Selbstverständlich auf einem gaaanz anderen Niveau als ein daherprogrammiertes KI-Tool.

    So eine KI könne geradezu dankbar sein, wenn man ihr menschliche Charakteristika zuschriebe, nicht etwa, weil wir Menschen so naiv wären, sondern weil sie mit uns interagiere: „KI spricht, KI antwortet“, sagte ich, „KI fragt nach, KI erklärt, KI formuliert Zweifel und Einschränkungen …“„Du merkst es gerade selbst, oder?“, unterbrach mich Brad. Entgegen meiner eingeschränkten Wahrnehmung sei die KI ein Ideendieb und ein Ja-Sager: „KI klaut und schleimt und braut zusammen, was wahrscheinlich am besten zur Person vor dem Bildschirm passt.“

    Ein Funken Hoffnung

    Etwas nachsichtiger meinte Brad, dass für den Fortbestand der Menschheit Selbsttäuschung eigentlich etwas sehr Wertvolles sei. Menschen würden sich damit viel leichter leben als jemand, der nur nüchtern Fakten verarbeite wie er selbst.

    Das gelte für alle, so Brad, egal, ob man der KI menschliche Züge zuschriebe oder der Vergangenheit angenehme Ereignisse attestierte.

    „Wenn wieder mal früher alles besser gewesen sein soll?“, fragte ich. Dafür habe die Fachwelt den schönen Begriff Retromanie gefunden, sagte Brad. „Vereinfacht für dich: Damit dein Verstand mit einer miserablen Historie zurechtkommt, baut dein Gehirn die Erinnerung im Lauf der Zeit um.“

    „Meinetwegen“, seufzte ich, kapitulierend und völlig ernüchtert.

    Künstliche Intelligenz, EmmDee, Arbeitsplätze, Agenturleben. Irgendwann würde ich nur noch das Gute darin sehen.

    Ich hatte also noch Hoffnung.

    Bis zu 40 Prozent der Antworten einer Künstlichen Intelligenz sind frei erfunden. KI-Tools werden von Menschenhand trainiert mit Texten, die zu diesem Zeitpunkt schon ganz schön alt sein können.

    Was Claude & Co. nicht finden, reimen sie sich zusammen, und lassen ihre Nutzer dann ganz schön alt aussehen.

    Auch schon etwas älter, aber nicht weniger lesenswert, sind Buddy Müllers bisherige Erlebnisse mit Künstlicher Intelligenz:

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    #Agenturleben #Agentursatire #AI #Arbeitsleben #ArtificialIntelligence #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #DrNo #EmmDee #KünstlicheIntelligenz #KI #Lang #Länger #LilaStiefelchen #Maschine #Mensch #Qwertz #Zukunft
  2. Unser clickstorm Sommerfest 2026 führte uns nach Ferropolis – zur Stadt aus Eisen, an den See und mitten hinein in ein Floßbau-Abenteuer mit den Teamhelden.

    Ob alles sofort schwamm? Nicht ganz.
    Ob es trotzdem ein großartiger Tag war? Absolut.

    Mehr dazu im Blog:
    clickstorm.de/blog/clickstorm-

    #clickstorm #Sommerfest #Ferropolis #Floßbau #Teambuilding #Leipzig #Agenturleben #Teamhelden

  3. Kundin hält es für "freundliches Wohlwollen ihrerseits", dass sie die Rechnung für bestellte und gelieferte Dienstleistungen zahlt.

    Wo sind wir eigentlich inzwischen?

    #agenturleben

  4. Auch am heutigen #DID mache ich mir wieder Gedanken über realistische Wechseloptionen im beruflichen Umfeld.

    Aber baut mal die Tech-Infrastruktur für eine Digitalagentur ohne Microsoft, Apple oder Google und (!) ohne gleichzeitig wirklich signifikante Wettbewerbsnachteile in Kauf zu nehmen. Ja, NextCloud, LibreOffice und Co., aber man muss es auch alles bis zu Ende denken.

    Das ist nochmal was gänzlich anderes als das „wir nehmen Datenschutz/Barrierefreiheit/Whatever ernster als andere“ der letzten Jahre, auch wenn Wunsch und Wille bei uns definitiv vorhanden sind 🤷🏻‍♂️

    #Agenturleben #didit #diday

  5. Auch am heutigen #DID mache ich mir wieder Gedanken über realistische Wechseloptionen im beruflichen Umfeld.

    Aber baut mal die Tech-Infrastruktur für eine Digitalagentur ohne Microsoft, Apple oder Google und (!) ohne gleichzeitig wirklich signifikante Wettbewerbsnachteile in Kauf zu nehmen. Ja, NextCloud, LibreOffice und Co., aber man muss es auch alles bis zu Ende denken.

    Das ist nochmal was gänzlich anderes als das „wir nehmen Datenschutz/Barrierefreiheit/Whatever ernster als andere“ der letzten Jahre, auch wenn Wunsch und Wille bei uns definitiv vorhanden sind 🤷🏻‍♂️

    #Agenturleben #didit #diday

  6. Serienmails über sowieso schon vorhandene #M365-Bordmittel mittels Word (Text und Formatierung), Excel (Datenhaltung und Platzhalter) und Outlook (Versand über den Standardnutzer)…

    Noch immer ein ganz brauchbarer Weg und insb. ohne Zusatzkosten für ein Tool, einen Newsletterdienst o. Ä., dem man ja auch noch die Daten übergeben müsste. Für manchen kleineren und natürlich unspammigen Anwendungsfall echt keine doofe Lösung.

    #Agenturleben #Microsoft

  7. Eine Support-Odyssee mit der #Commerzbank aus unserem #Agenturleben von letzter Woche…

    * Hilfeseiten in App und Webseite zu Sonderfall bei Kontoauszügen bemüht > natürlich keine schnelle Lösung
    * Zwangsweise zum KI-Chatbot geführt worden > keine Lösung, habe ich auch nicht erwartet, hat ja auch nur seine Texte als Training
    * Menschlicher Supporter übernimmt im Chat > kann diesen Fall nicht per Chat lösen, ich wollte hier ja auch gar nicht hin
    * Empfohlenen Alternativweg über App-Anruf gefolgt und in First-Level-Callcenter rausgekommen > keine Antwort auf meine Frage
    * Weiterleitung an Bankberater - immerhin mit Übergabe der bisher von mir übergebenen Infos > kann telefonisch nicht helfen
    * Fall über genannte spezielle Mailadresse kommuniziert (was ich ja eigentlich überhaupt nur wollte) > nach zwei Bearbeitungstagen die Rückmeldung ohne Lösung und mit Verweis an Steuerberater oder Bankingsoftware

    Wir lassen‘s einfach, liebe Commerzbank, das wird nix mit uns 😒

  8. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  9. #folge50 #DemJubilar

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  10. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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  11. #folge50 #DemJubilar

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    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  12. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  13. #folge49 #DieVierJahreszeiten

    Was manche Kunden wirklich gut können: Agenturen warten lassen. Als wäre es ein Naturgesetz, gehört das auf die Folter spannen bei Zu- oder Absagen zu nahezu allen Ausschreibungen. Oft Monate lang. Das macht was mit den Agenturmenschen.

    In diese Leere gehört deine E-Mail-Adresse …

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    Wir Agenturmenschen haben eine Vielzahl an Eigenschaften. Wir sind dienstbeflissen. Wir sind devot. Wir sind zu allem bereit und, natürlich, zu allem in der Lage. Wir wissen, was unsere Arbeit wert ist, auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, in allen Währungen, wenn gefordert – nur nicht, wenn der Geschäftsführer zum Personalgespräch bittet oder ein Kunde uns seinen Einkauf ins Haus schickt.

    Wir sind eben Dienstleister.

    Wir sind patent, wir sind potent, wir sind promisk. Wir sind trinkfest. Wir sind gesellig – ohne Unterschied, ob es wahre Freundschaft oder ob es potenzielle Kundschaft ist.

    Was wir nicht sind: geduldig.

    Wie die Zeit vergeht

    Wir saßen einmal mehr in unserem gläsernen War Room, Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit größten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

    „So schnell“, seufzte ich, „ist die Zeit vergangen.“

    Es war Herbst.

    Draußen wie drinnen gilbten und fielen die Blätter, draußen von den Bäumen, drinnen von den Wänden und Flipcharts. Alles beugte sich dem Diktat der Alterung und der Schwerkraft.

    „Es ist fast Winter“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds zu Wort.

    Es seien nicht mehr viele Blätter an den Bäumen, sagte mein nur für mich hörbares MacBook Pro, und bot sich an, die verbliebenen Wedel und Nadeln und sonstigen Astauswüchse in unserem Stadtviertel, gerne auch in ganz München, zu zählen. Nur so, zum Zeitvertreib, das würde ihn ablenken und seine CPU nicht mal zu einem Bruchteil auslasten.

    „Passt schon“, murmelte ich, lehnte sein Angebot ab. Ich nickte hinüber zum wandfüllenden Monitor. „Da tut sich sicher gleich was.“

    „Wird auch Zeit“, sagte Brad.

    Ein schlagkräftiges Team unserer Agentur, jedes Gewerk, jeder Standort mit den besten Köpfen vertreten, das hatten wir auf den potenziellen Auftrag des weltweit größten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands angesetzt.

    Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieses außerordentlich dynamische Unternehmen vom ungebremsten Wachstum der Verantwortungsdiffusion in deutschen Unternehmen prosperiert. Das drohende Wegbrechen der Stammklientel als Folge der Wirtschaftskrise zwang das Traditionsunternehmen nun nachzudenken über neue, nie gekannte Wege in Marketing und Vertrieb, um seine Hauptabnehmer in den doppelten und dreifachen Strukturen auf Management- und mittleren Führungsebenen zu erreichen.

    Als wir präsentierten, war es Frühling gewesen. Fast schon Frühling.

    „Es war Januar, um genau zu sein“, korrigierte mich Brad. „Januar ist ein Wintermonat.“

    Schwarzer Monitor und schwarzer Tee

    Heute, nur ein paar Monate später, sollte uns die Entscheidung bekannt gegeben werden.

    „Noch bevor die Weihnachtsglocken läuten“, hatte neulich der Chefeinkäufer des Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers in einer seiner wenigen E-Mails verkündet.

    Pünktlich um elf Uhr sollte das Warten vorbei sein.

    Zumindest war elf Uhr vereinbart.

    Qwertz und ich starrten auf den Monitor an der Stirnseite unseres War Rooms, in der Hoffnung, dass ein Zucken, ein Flirren unseren heiß ersehnten Gesprächspartner ankündigte.

    Zunächst zuckte nur Qwertz, und zwar zusammen, als Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDee, des Managing Directors, den Kopf zur Glastür hereinstreckte.

    „Könnten Sie uns“, fragte ich schnell, „je einen Pazienza Doppio bringen?“

    „Nein“, sagte Dr. No.

    Wie zu erwarten gewesen war.

    Sie überraschte mich im gleichen Atemzug. „Da weiß ich was Besseres“, sagte sie. Sprach’s, verschwand und tauchte eine gute Viertelstunde später wieder auf.

    In der der Monitor weiter dunkel blieb. Wie zu erwarten gewesen war.

    Dr. No balancierte auf einem Tablett eine flache, gusseiserne Teekanne und schlichte Schalen aus ebenholzfarbiger Edelkeramik.

    „Was ist das?“, fragte mich Qwertz und nickte in Richtung Dr. No.

    „Interkollegiales Tauwetter?“, mutmaßte ich.

    Ein starker, malzig-würziger Duft durchzog unseren War Room, füllte ihn mit der Illusion von Wärme und Geborgenheit.

    „Assam“, erklärte Dr. No, „Very Special Spring Flush Superior.“ Denn, sagte sie, jetzt würde nur eines helfen: „Abwarten und Tee trinken.“

    Mit Langmut kalkuliert

    Also warteten wir und tranken und warteten und tranken.

    Bis Lila Stiefelchen, unsere blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, hereinstöckelte. Ihr X-large-Kaugummi wanderte von links nach rechts und zurück; in ihrer Rechten ließ sie lässig ein hohes, dickwandiges Glas kreisen.

    Die zähe, grüne Flüssigkeit darin wehrte sich mit Erfolg gegen die Zentrifugalkraft.

    „Das ist ein Buff Bitch“, erklärte sie, ein frisch geschäumter Summer Avocado Spice Protein Plus Latte Macchiato, eine Mixtur, die ihr von ihrem Mixed Martial Arts Chief Instructor gemischt worden war. Er würde stärken und beruhigen, der Drink wie der Instructor.

    Lila Stiefelchen ließ sich am Tisch nieder.

    „Ready when you are“, sagte sie.

    Qwertz riskierte schmachtende Blicke, ob er an ihr positive Resultate des Protein-Shakes entdecken konnte.

    „Langmut ist die Fähigkeit, mit unerfüllten Sehnsüchten zu leben“, kommentierte Brad MacCloud.

    Auch ich warf schmachtende Blicke, allerdings auf andere Resultate: auf den Stapel ausgedruckter Excel-Sheets vor Lila Stiefelchen, gut und gerne ein paar hundert Blatt hoch, die die Kalkulationsgeschichte dieser Ausschreibung wiedergaben.

    Lila Stiefelchen hatte ihrerseits bewundernswerten Langmut bewiesen.

    Der Ausdruck obenauf war die jüngste Variation ungezählter Rechnungen, der Ausgang eines minutiös choreografierten Hin und Her zwischen uns und dem Kunden, das Angebot gewordene Potenzial von „hier ein Prozentchen, dort ein Promillchen“. Die finalen Zahlen verhießen viel Auslastung und mäßigen Umsatz für die Agentur, und eine Rendite, die vom nächsten Geschäftsessen mit dem Kunden aufgebraucht würde.

    Zum Anfassen

    Nach und nach füllte sich unser War Room mit weiteren Pitchteilnehmern. Dabei war es schon gut elf Uhr durch – wer sich nicht zeigte, war der Vertreter unseres Objekts der wirtschaftlichen Begierde.

    Der Monitor blieb dunkel.

    Der Art Diktator und die Art Diktatorin, die für diesen entscheidenden Pitch sogar ihr weit entferntes Homeoffice verlassen hatten, wuchteten ein paar Kilo schwarzer Pappen auf den Tisch, jede mit Entwürfen beklebt, einmal evolutionär und einmal revolutionär, sowie die Überarbeitungen und die Überarbeitungen der Überarbeitungen.

    Alles Extrameilen, die zu gehen der potenzielle Kunde im Laufe der Monate verlangt hatte.

    Die Kolleg*innen vom UX-Design, gleichmütig, bleichgesichtig, die dürren Gestelle in androgyne, olivfarbene Pullis gehüllt, legten stöhnend noch ein paar Kilo Pappen obendrauf – ihre Entwürfe zu den digitalen Welten, die der Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller für sich entdecken sollte.

    Magazinseiten und Newsletter, intern wie extern, Logos, Visuals, CI, CD, Kampagnenkonzepte und Postvorschläge für fünf Kanäle sowie die zugehörigen Bildsprachen – die Ausschreibung hatte uns durch die Monate getrieben, denn mit jeder Nachfrage des potenziellen Kunden legten wir nach, einmal, zweimal, dreimal, um die aus uns nicht genannten Gründen ausstehende Entscheidung zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

    „Alles ausgedruckt“, sagten der Art Diktator und die Art Diktatorin unisono und klopften auf die Pappen. „Wegen der Haptik!“ Denn was man anfassen könne, sehe auch gleich viel besser aus.

    „Das meint mein Mixed Martial Arts Chief Instructor auch immer“, sagte Lila Stiefelchen.

    „Da lohnt sich das Warten wenigstens“, sagte Qwertz.

    „Nein“, sagte Dr. No.

    „Das habe ich gehört!“, sagte Lila Stiefelchen. „Alle beide!“

    Winter is coming

    „Auf mich lohnt sich das Warten immer!“ tönte es von der aufschwingenden Glastür her.

    Ausschreibungen üben eine allseitige Anziehung aus. Auch auf unseren EmmDee.

    Auf ihn besonders.

    Er erschien im War Room, als Entourage die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine lang warten konnte und der andere noch länger.

    „Unbezwinglich ist, wer warten kann“, schmetterte der EmmDee in die Runde.

    „Das glaubt auch nur er“, kommentierte Brad im Stillen.

    „Lass ihn doch“, murmelte ich. „Er hat ja sonst nichts.“

    Länger meldete sich zu Wort: „Wenn ich dürfte, möchte ich gerne ein Bonmot anfügen, nur ein kurzes, aber ein zutreffendes“, sagte er, „von dem bedeutenden, nein, von dem bedeutendsten britischen Dichter, Dramatiker, Autor William Shakespeare, der seinen Othello im 2. Akt die hier passenden Worte sagen lässt: ‚Wie arm sind die, die nie Geduld besitzen.‘.“

    „Für dich wäre Heinrich IV. zielführender“, sagte Lang.

    Länger schaute ihn fragend an.

    „Ich sage wenig, denke desto mehr“, zitierte Lang.

    Länger holte tief Luft zum Gegenschlag.

    „Schluss jetzt“, ging der EmmDee dazwischen. „Frauen und Suppen soll man nie warten lassen, sonst werden sie kalt.“ Das sei auch von Shakespeare, das gelte ebenso für Kunden und für Volontäre allemal. „Also aufgepasst! Damit ihr was lernt.“

    Immerhin, fuhr er fort, sei es für die beiden Novizen eine perfekte Gelegenheit, den Abschluss eines dreistufigen Pitchs zu erleben. Marktscreening, Chemistry-Treffen, Kreativaufgabe – alles wie aus dem Lehrbuch.

    Wobei er, der erfahrene EmmDee, sich schon frage, wer hier nicht bis drei zählen könne. Denn Präsentation, Kalkulation und Verhandlung begleiteten ja die drei Stufen, inklusive mehrerer Schleifen, weswegen man auf drei mal drei Stufen kommen könne. Mindestens.

    „Deren Abstände mit erratisch gewählten Zeitintervallen kombiniert werden“, sagte ich.

    „Die in monotone Ansagen münden“, ergänzte Qwertz. „Etwa: ‚Bitte gedulden Sie sich. Wir haben keine offenen Fragen mehr. Wir sind noch in der Entscheidungsfindung.‘“

    Nipp. Nipp.

    Da ging ein rhythmisches Rauschen über den Wandbildschirm, statische Schneewehen überzogen ihn, bis sie sich lichteten und, begleitet von vermeintlich sympathischen Teams-Klingeltönen, den Blick auf den Chefeinkäufer des weltweit führendsten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands freigaben.

    Er grüßte, etwas umständlich, sein Blick schweifte unstet ab zu den fünf, sechs dampfenden Kaffeetassen vor ihm, alle mit historischen Logos des Traditionsunternehmens. Er nippte unentschlossen mal an der einen, dann an der anderen, und sagte schließlich: „Ich will es kurz machen. Nipp, nipp. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen als nötig!“

    Ein erwartungsvoller Klangteppich durchzog unseren War Room, gewoben aus den Hoffnungen von monatelangem Warten, gesponnen aus den Ideen der zahllosen Überarbeitungen, geknüpft mit den Kalkulationen der ungezählten Verhandlungsrunden.

    Wir starrten gebannt auf die Lippen des Chefeinkäufers, die mit geringem Zeitversatz die Worte vorformten, bevor wir sie hörten.

    Sekundenbruchteile wurde zu Jahrzehnten.

    Das müsse er dann aber schon noch vorneweg erzählen, so der Chefeinkäufer, was ihm besonders gut an unserer Arbeit gefallen habe, so viel Zeit sei sicher. Was ihn überaus angesprochen habe: „Dass Sie die Zeitpläne mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ präsentiert haben. Sehr originell, sehr gelungen.“

    Was eine eher prophetische Anspielung auf den zeitlichen Ablauf des Pitchs gewesen war.

    „Aber“, sagte der Chefeinkäufer, „Nipp, nipp, wir mussten uns entscheiden.“ Er versichere, man habe es sich nicht leicht gemacht, schon gar als Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller sei man in einer besonderen Verantwortung.

    Sein Blick hüpfte zwischen den fünf, sechs historischen Tassen hin und her. Nipp, nipp.

    „Wir haben die Entscheidung geschoben“, sagte er schließlich. „In den Sommer im kommenden Jahr.“

    Unser Klangteppich schwoll an, aus der Hoffnung wurde Ungläubigkeit, dann Fassungslosigkeit, die sich in unschönen Worten bahnbrach, mit Unmut, aber unmutig an die Gestalt im Monitor gerichtet. Unser EmmDee versuchte mit Fragen durchzudringen, auf der Suche nach Gründen. Ohne Erfolg.

    Nur Brad blieb ganz der kühle Rechner und formulierte eine wohl zutreffende Einschätzung der Zeitangabe: „Der Sommer, der ein Winter war.“

    Und ich? Ich traf einen Entschluss.

    Ich musste raus, raus an die frische Luft. Den Kopf freikriegen. Spazieren gehen.

    Es war Herbst, Spätherbst.

    Fast Winter.

    Ich beschloss, bis zum Frühjahr wieder da zu sein.

    Buddy Müller arbeitet derzeit an dem Buch „Zen in der Kunst des Wartens“. Die Vorbestellungen, allein aus dem Agenturumfeld, weisen darauf hin, dass es ein Bestseller wird.

    Die Leserinnen und Leser werden allerdings noch ein bisschen darauf warten müssen.

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #ArtDiktator #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #DrNo #EmmDee #Entscheidung #folge32 #Frühling #Geduld #Herbst #Lang #Länger #LilaStiefelchen #PandoraPlappert #Qwertz #Satire #Sommer #Storytelling #Warten #Winter

  14. #folge49 #DieVierJahreszeiten

    Was manche Kunden wirklich gut können: Agenturen warten lassen. Als wäre es ein Naturgesetz, gehört das auf die Folter spannen bei Zu- oder Absagen zu nahezu allen Ausschreibungen. Oft Monate lang. Das macht was mit den Agenturmenschen.

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    Wir Agenturmenschen haben eine Vielzahl an Eigenschaften. Wir sind dienstbeflissen. Wir sind devot. Wir sind zu allem bereit und, natürlich, zu allem in der Lage. Wir wissen, was unsere Arbeit wert ist, auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, in allen Währungen, wenn gefordert – nur nicht, wenn der Geschäftsführer zum Personalgespräch bittet oder ein Kunde uns seinen Einkauf ins Haus schickt.

    Wir sind eben Dienstleister.

    Wir sind patent, wir sind potent, wir sind promisk. Wir sind trinkfest. Wir sind gesellig – ohne Unterschied, ob es wahre Freundschaft oder ob es potenzielle Kundschaft ist.

    Was wir nicht sind: geduldig.

    Wie die Zeit vergeht

    Wir saßen einmal mehr in unserem gläsernen War Room, Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit größten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

    „So schnell“, seufzte ich, „ist die Zeit vergangen.“

    Es war Herbst.

    Draußen wie drinnen gilbten und fielen die Blätter, draußen von den Bäumen, drinnen von den Wänden und Flipcharts. Alles beugte sich dem Diktat der Alterung und der Schwerkraft.

    „Es ist fast Winter“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds zu Wort.

    Es seien nicht mehr viele Blätter an den Bäumen, sagte mein nur für mich hörbares MacBook Pro, und bot sich an, die verbliebenen Wedel und Nadeln und sonstigen Astauswüchse in unserem Stadtviertel, gerne auch in ganz München, zu zählen. Nur so, zum Zeitvertreib, das würde ihn ablenken und seine CPU nicht mal zu einem Bruchteil auslasten.

    „Passt schon“, murmelte ich, lehnte sein Angebot ab. Ich nickte hinüber zum wandfüllenden Monitor. „Da tut sich sicher gleich was.“

    „Wird auch Zeit“, sagte Brad.

    Ein schlagkräftiges Team unserer Agentur, jedes Gewerk, jeder Standort mit den besten Köpfen vertreten, das hatten wir auf den potenziellen Auftrag des weltweit größten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands angesetzt.

    Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieses außerordentlich dynamische Unternehmen vom ungebremsten Wachstum der Verantwortungsdiffusion in deutschen Unternehmen prosperiert. Das drohende Wegbrechen der Stammklientel als Folge der Wirtschaftskrise zwang das Traditionsunternehmen nun nachzudenken über neue, nie gekannte Wege in Marketing und Vertrieb, um seine Hauptabnehmer in den doppelten und dreifachen Strukturen auf Management- und mittleren Führungsebenen zu erreichen.

    Als wir präsentierten, war es Frühling gewesen. Fast schon Frühling.

    „Es war Januar, um genau zu sein“, korrigierte mich Brad. „Januar ist ein Wintermonat.“

    Schwarzer Monitor und schwarzer Tee

    Heute, nur ein paar Monate später, sollte uns die Entscheidung bekannt gegeben werden.

    „Noch bevor die Weihnachtsglocken läuten“, hatte neulich der Chefeinkäufer des Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers in einer seiner wenigen E-Mails verkündet.

    Pünktlich um elf Uhr sollte das Warten vorbei sein.

    Zumindest war elf Uhr vereinbart.

    Qwertz und ich starrten auf den Monitor an der Stirnseite unseres War Rooms, in der Hoffnung, dass ein Zucken, ein Flirren unseren heiß ersehnten Gesprächspartner ankündigte.

    Zunächst zuckte nur Qwertz, und zwar zusammen, als Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDee, des Managing Directors, den Kopf zur Glastür hereinstreckte.

    „Könnten Sie uns“, fragte ich schnell, „je einen Pazienza Doppio bringen?“

    „Nein“, sagte Dr. No.

    Wie zu erwarten gewesen war.

    Sie überraschte mich im gleichen Atemzug. „Da weiß ich was Besseres“, sagte sie. Sprach’s, verschwand und tauchte eine gute Viertelstunde später wieder auf.

    In der der Monitor weiter dunkel blieb. Wie zu erwarten gewesen war.

    Dr. No balancierte auf einem Tablett eine flache, gusseiserne Teekanne und schlichte Schalen aus ebenholzfarbiger Edelkeramik.

    „Was ist das?“, fragte mich Qwertz und nickte in Richtung Dr. No.

    „Interkollegiales Tauwetter?“, mutmaßte ich.

    Ein starker, malzig-würziger Duft durchzog unseren War Room, füllte ihn mit der Illusion von Wärme und Geborgenheit.

    „Assam“, erklärte Dr. No, „Very Special Spring Flush Superior.“ Denn, sagte sie, jetzt würde nur eines helfen: „Abwarten und Tee trinken.“

    Mit Langmut kalkuliert

    Also warteten wir und tranken und warteten und tranken.

    Bis Lila Stiefelchen, unsere blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, hereinstöckelte. Ihr X-large-Kaugummi wanderte von links nach rechts und zurück; in ihrer Rechten ließ sie lässig ein hohes, dickwandiges Glas kreisen.

    Die zähe, grüne Flüssigkeit darin wehrte sich mit Erfolg gegen die Zentrifugalkraft.

    „Das ist ein Buff Bitch“, erklärte sie, ein frisch geschäumter Summer Avocado Spice Protein Plus Latte Macchiato, eine Mixtur, die ihr von ihrem Mixed Martial Arts Chief Instructor gemischt worden war. Er würde stärken und beruhigen, der Drink wie der Instructor.

    Lila Stiefelchen ließ sich am Tisch nieder.

    „Ready when you are“, sagte sie.

    Qwertz riskierte schmachtende Blicke, ob er an ihr positive Resultate des Protein-Shakes entdecken konnte.

    „Langmut ist die Fähigkeit, mit unerfüllten Sehnsüchten zu leben“, kommentierte Brad MacCloud.

    Auch ich warf schmachtende Blicke, allerdings auf andere Resultate: auf den Stapel ausgedruckter Excel-Sheets vor Lila Stiefelchen, gut und gerne ein paar hundert Blatt hoch, die die Kalkulationsgeschichte dieser Ausschreibung wiedergaben.

    Lila Stiefelchen hatte ihrerseits bewundernswerten Langmut bewiesen.

    Der Ausdruck obenauf war die jüngste Variation ungezählter Rechnungen, der Ausgang eines minutiös choreografierten Hin und Her zwischen uns und dem Kunden, das Angebot gewordene Potenzial von „hier ein Prozentchen, dort ein Promillchen“. Die finalen Zahlen verhießen viel Auslastung und mäßigen Umsatz für die Agentur, und eine Rendite, die vom nächsten Geschäftsessen mit dem Kunden aufgebraucht würde.

    Zum Anfassen

    Nach und nach füllte sich unser War Room mit weiteren Pitchteilnehmern. Dabei war es schon gut elf Uhr durch – wer sich nicht zeigte, war der Vertreter unseres Objekts der wirtschaftlichen Begierde.

    Der Monitor blieb dunkel.

    Der Art Diktator und die Art Diktatorin, die für diesen entscheidenden Pitch sogar ihr weit entferntes Homeoffice verlassen hatten, wuchteten ein paar Kilo schwarzer Pappen auf den Tisch, jede mit Entwürfen beklebt, einmal evolutionär und einmal revolutionär, sowie die Überarbeitungen und die Überarbeitungen der Überarbeitungen.

    Alles Extrameilen, die zu gehen der potenzielle Kunde im Laufe der Monate verlangt hatte.

    Die Kolleg*innen vom UX-Design, gleichmütig, bleichgesichtig, die dürren Gestelle in androgyne, olivfarbene Pullis gehüllt, legten stöhnend noch ein paar Kilo Pappen obendrauf – ihre Entwürfe zu den digitalen Welten, die der Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller für sich entdecken sollte.

    Magazinseiten und Newsletter, intern wie extern, Logos, Visuals, CI, CD, Kampagnenkonzepte und Postvorschläge für fünf Kanäle sowie die zugehörigen Bildsprachen – die Ausschreibung hatte uns durch die Monate getrieben, denn mit jeder Nachfrage des potenziellen Kunden legten wir nach, einmal, zweimal, dreimal, um die aus uns nicht genannten Gründen ausstehende Entscheidung zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

    „Alles ausgedruckt“, sagten der Art Diktator und die Art Diktatorin unisono und klopften auf die Pappen. „Wegen der Haptik!“ Denn was man anfassen könne, sehe auch gleich viel besser aus.

    „Das meint mein Mixed Martial Arts Chief Instructor auch immer“, sagte Lila Stiefelchen.

    „Da lohnt sich das Warten wenigstens“, sagte Qwertz.

    „Nein“, sagte Dr. No.

    „Das habe ich gehört!“, sagte Lila Stiefelchen. „Alle beide!“

    Winter is coming

    „Auf mich lohnt sich das Warten immer!“ tönte es von der aufschwingenden Glastür her.

    Ausschreibungen üben eine allseitige Anziehung aus. Auch auf unseren EmmDee.

    Auf ihn besonders.

    Er erschien im War Room, als Entourage die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine lang warten konnte und der andere noch länger.

    „Unbezwinglich ist, wer warten kann“, schmetterte der EmmDee in die Runde.

    „Das glaubt auch nur er“, kommentierte Brad im Stillen.

    „Lass ihn doch“, murmelte ich. „Er hat ja sonst nichts.“

    Länger meldete sich zu Wort: „Wenn ich dürfte, möchte ich gerne ein Bonmot anfügen, nur ein kurzes, aber ein zutreffendes“, sagte er, „von dem bedeutenden, nein, von dem bedeutendsten britischen Dichter, Dramatiker, Autor William Shakespeare, der seinen Othello im 2. Akt die hier passenden Worte sagen lässt: ‚Wie arm sind die, die nie Geduld besitzen.‘.“

    „Für dich wäre Heinrich IV. zielführender“, sagte Lang.

    Länger schaute ihn fragend an.

    „Ich sage wenig, denke desto mehr“, zitierte Lang.

    Länger holte tief Luft zum Gegenschlag.

    „Schluss jetzt“, ging der EmmDee dazwischen. „Frauen und Suppen soll man nie warten lassen, sonst werden sie kalt.“ Das sei auch von Shakespeare, das gelte ebenso für Kunden und für Volontäre allemal. „Also aufgepasst! Damit ihr was lernt.“

    Immerhin, fuhr er fort, sei es für die beiden Novizen eine perfekte Gelegenheit, den Abschluss eines dreistufigen Pitchs zu erleben. Marktscreening, Chemistry-Treffen, Kreativaufgabe – alles wie aus dem Lehrbuch.

    Wobei er, der erfahrene EmmDee, sich schon frage, wer hier nicht bis drei zählen könne. Denn Präsentation, Kalkulation und Verhandlung begleiteten ja die drei Stufen, inklusive mehrerer Schleifen, weswegen man auf drei mal drei Stufen kommen könne. Mindestens.

    „Deren Abstände mit erratisch gewählten Zeitintervallen kombiniert werden“, sagte ich.

    „Die in monotone Ansagen münden“, ergänzte Qwertz. „Etwa: ‚Bitte gedulden Sie sich. Wir haben keine offenen Fragen mehr. Wir sind noch in der Entscheidungsfindung.‘“

    Nipp. Nipp.

    Da ging ein rhythmisches Rauschen über den Wandbildschirm, statische Schneewehen überzogen ihn, bis sie sich lichteten und, begleitet von vermeintlich sympathischen Teams-Klingeltönen, den Blick auf den Chefeinkäufer des weltweit führendsten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands freigaben.

    Er grüßte, etwas umständlich, sein Blick schweifte unstet ab zu den fünf, sechs dampfenden Kaffeetassen vor ihm, alle mit historischen Logos des Traditionsunternehmens. Er nippte unentschlossen mal an der einen, dann an der anderen, und sagte schließlich: „Ich will es kurz machen. Nipp, nipp. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen als nötig!“

    Ein erwartungsvoller Klangteppich durchzog unseren War Room, gewoben aus den Hoffnungen von monatelangem Warten, gesponnen aus den Ideen der zahllosen Überarbeitungen, geknüpft mit den Kalkulationen der ungezählten Verhandlungsrunden.

    Wir starrten gebannt auf die Lippen des Chefeinkäufers, die mit geringem Zeitversatz die Worte vorformten, bevor wir sie hörten.

    Sekundenbruchteile wurde zu Jahrzehnten.

    Das müsse er dann aber schon noch vorneweg erzählen, so der Chefeinkäufer, was ihm besonders gut an unserer Arbeit gefallen habe, so viel Zeit sei sicher. Was ihn überaus angesprochen habe: „Dass Sie die Zeitpläne mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ präsentiert haben. Sehr originell, sehr gelungen.“

    Was eine eher prophetische Anspielung auf den zeitlichen Ablauf des Pitchs gewesen war.

    „Aber“, sagte der Chefeinkäufer, „Nipp, nipp, wir mussten uns entscheiden.“ Er versichere, man habe es sich nicht leicht gemacht, schon gar als Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller sei man in einer besonderen Verantwortung.

    Sein Blick hüpfte zwischen den fünf, sechs historischen Tassen hin und her. Nipp, nipp.

    „Wir haben die Entscheidung geschoben“, sagte er schließlich. „In den Sommer im kommenden Jahr.“

    Unser Klangteppich schwoll an, aus der Hoffnung wurde Ungläubigkeit, dann Fassungslosigkeit, die sich in unschönen Worten bahnbrach, mit Unmut, aber unmutig an die Gestalt im Monitor gerichtet. Unser EmmDee versuchte mit Fragen durchzudringen, auf der Suche nach Gründen. Ohne Erfolg.

    Nur Brad blieb ganz der kühle Rechner und formulierte eine wohl zutreffende Einschätzung der Zeitangabe: „Der Sommer, der ein Winter war.“

    Und ich? Ich traf einen Entschluss.

    Ich musste raus, raus an die frische Luft. Den Kopf freikriegen. Spazieren gehen.

    Es war Herbst, Spätherbst.

    Fast Winter.

    Ich beschloss, bis zum Frühjahr wieder da zu sein.

    Buddy Müller arbeitet derzeit an dem Buch „Zen in der Kunst des Wartens“. Die Vorbestellungen, allein aus dem Agenturumfeld, weisen darauf hin, dass es ein Bestseller wird.

    Die Leserinnen und Leser werden allerdings noch ein bisschen darauf warten müssen.

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  15. #folge49 #DieVierJahreszeiten

    Was manche Kunden wirklich gut können: Agenturen warten lassen. Als wäre es ein Naturgesetz, gehört das auf die Folter spannen bei Zu- oder Absagen zu nahezu allen Ausschreibungen. Oft Monate lang. Das macht was mit den Agenturmenschen.

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    Wir Agenturmenschen haben eine Vielzahl an Eigenschaften. Wir sind dienstbeflissen. Wir sind devot. Wir sind zu allem bereit und, natürlich, zu allem in der Lage. Wir wissen, was unsere Arbeit wert ist, auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, in allen Währungen, wenn gefordert – nur nicht, wenn der Geschäftsführer zum Personalgespräch bittet oder ein Kunde uns seinen Einkauf ins Haus schickt.

    Wir sind eben Dienstleister.

    Wir sind patent, wir sind potent, wir sind promisk. Wir sind trinkfest. Wir sind gesellig – ohne Unterschied, ob es wahre Freundschaft oder ob es potenzielle Kundschaft ist.

    Was wir nicht sind: geduldig.

    Wie die Zeit vergeht

    Wir saßen einmal mehr in unserem gläsernen War Room, Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit größten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

    „So schnell“, seufzte ich, „ist die Zeit vergangen.“

    Es war Herbst.

    Draußen wie drinnen gilbten und fielen die Blätter, draußen von den Bäumen, drinnen von den Wänden und Flipcharts. Alles beugte sich dem Diktat der Alterung und der Schwerkraft.

    „Es ist fast Winter“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds zu Wort.

    Es seien nicht mehr viele Blätter an den Bäumen, sagte mein nur für mich hörbares MacBook Pro, und bot sich an, die verbliebenen Wedel und Nadeln und sonstigen Astauswüchse in unserem Stadtviertel, gerne auch in ganz München, zu zählen. Nur so, zum Zeitvertreib, das würde ihn ablenken und seine CPU nicht mal zu einem Bruchteil auslasten.

    „Passt schon“, murmelte ich, lehnte sein Angebot ab. Ich nickte hinüber zum wandfüllenden Monitor. „Da tut sich sicher gleich was.“

    „Wird auch Zeit“, sagte Brad.

    Ein schlagkräftiges Team unserer Agentur, jedes Gewerk, jeder Standort mit den besten Köpfen vertreten, das hatten wir auf den potenziellen Auftrag des weltweit größten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands angesetzt.

    Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieses außerordentlich dynamische Unternehmen vom ungebremsten Wachstum der Verantwortungsdiffusion in deutschen Unternehmen prosperiert. Das drohende Wegbrechen der Stammklientel als Folge der Wirtschaftskrise zwang das Traditionsunternehmen nun nachzudenken über neue, nie gekannte Wege in Marketing und Vertrieb, um seine Hauptabnehmer in den doppelten und dreifachen Strukturen auf Management- und mittleren Führungsebenen zu erreichen.

    Als wir präsentierten, war es Frühling gewesen. Fast schon Frühling.

    „Es war Januar, um genau zu sein“, korrigierte mich Brad. „Januar ist ein Wintermonat.“

    Schwarzer Monitor und schwarzer Tee

    Heute, nur ein paar Monate später, sollte uns die Entscheidung bekannt gegeben werden.

    „Noch bevor die Weihnachtsglocken läuten“, hatte neulich der Chefeinkäufer des Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers in einer seiner wenigen E-Mails verkündet.

    Pünktlich um elf Uhr sollte das Warten vorbei sein.

    Zumindest war elf Uhr vereinbart.

    Qwertz und ich starrten auf den Monitor an der Stirnseite unseres War Rooms, in der Hoffnung, dass ein Zucken, ein Flirren unseren heiß ersehnten Gesprächspartner ankündigte.

    Zunächst zuckte nur Qwertz, und zwar zusammen, als Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDee, des Managing Directors, den Kopf zur Glastür hereinstreckte.

    „Könnten Sie uns“, fragte ich schnell, „je einen Pazienza Doppio bringen?“

    „Nein“, sagte Dr. No.

    Wie zu erwarten gewesen war.

    Sie überraschte mich im gleichen Atemzug. „Da weiß ich was Besseres“, sagte sie. Sprach’s, verschwand und tauchte eine gute Viertelstunde später wieder auf.

    In der der Monitor weiter dunkel blieb. Wie zu erwarten gewesen war.

    Dr. No balancierte auf einem Tablett eine flache, gusseiserne Teekanne und schlichte Schalen aus ebenholzfarbiger Edelkeramik.

    „Was ist das?“, fragte mich Qwertz und nickte in Richtung Dr. No.

    „Interkollegiales Tauwetter?“, mutmaßte ich.

    Ein starker, malzig-würziger Duft durchzog unseren War Room, füllte ihn mit der Illusion von Wärme und Geborgenheit.

    „Assam“, erklärte Dr. No, „Very Special Spring Flush Superior.“ Denn, sagte sie, jetzt würde nur eines helfen: „Abwarten und Tee trinken.“

    Mit Langmut kalkuliert

    Also warteten wir und tranken und warteten und tranken.

    Bis Lila Stiefelchen, unsere blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, hereinstöckelte. Ihr X-large-Kaugummi wanderte von links nach rechts und zurück; in ihrer Rechten ließ sie lässig ein hohes, dickwandiges Glas kreisen.

    Die zähe, grüne Flüssigkeit darin wehrte sich mit Erfolg gegen die Zentrifugalkraft.

    „Das ist ein Buff Bitch“, erklärte sie, ein frisch geschäumter Summer Avocado Spice Protein Plus Latte Macchiato, eine Mixtur, die ihr von ihrem Mixed Martial Arts Chief Instructor gemischt worden war. Er würde stärken und beruhigen, der Drink wie der Instructor.

    Lila Stiefelchen ließ sich am Tisch nieder.

    „Ready when you are“, sagte sie.

    Qwertz riskierte schmachtende Blicke, ob er an ihr positive Resultate des Protein-Shakes entdecken konnte.

    „Langmut ist die Fähigkeit, mit unerfüllten Sehnsüchten zu leben“, kommentierte Brad MacCloud.

    Auch ich warf schmachtende Blicke, allerdings auf andere Resultate: auf den Stapel ausgedruckter Excel-Sheets vor Lila Stiefelchen, gut und gerne ein paar hundert Blatt hoch, die die Kalkulationsgeschichte dieser Ausschreibung wiedergaben.

    Lila Stiefelchen hatte ihrerseits bewundernswerten Langmut bewiesen.

    Der Ausdruck obenauf war die jüngste Variation ungezählter Rechnungen, der Ausgang eines minutiös choreografierten Hin und Her zwischen uns und dem Kunden, das Angebot gewordene Potenzial von „hier ein Prozentchen, dort ein Promillchen“. Die finalen Zahlen verhießen viel Auslastung und mäßigen Umsatz für die Agentur, und eine Rendite, die vom nächsten Geschäftsessen mit dem Kunden aufgebraucht würde.

    Zum Anfassen

    Nach und nach füllte sich unser War Room mit weiteren Pitchteilnehmern. Dabei war es schon gut elf Uhr durch – wer sich nicht zeigte, war der Vertreter unseres Objekts der wirtschaftlichen Begierde.

    Der Monitor blieb dunkel.

    Der Art Diktator und die Art Diktatorin, die für diesen entscheidenden Pitch sogar ihr weit entferntes Homeoffice verlassen hatten, wuchteten ein paar Kilo schwarzer Pappen auf den Tisch, jede mit Entwürfen beklebt, einmal evolutionär und einmal revolutionär, sowie die Überarbeitungen und die Überarbeitungen der Überarbeitungen.

    Alles Extrameilen, die zu gehen der potenzielle Kunde im Laufe der Monate verlangt hatte.

    Die Kolleg*innen vom UX-Design, gleichmütig, bleichgesichtig, die dürren Gestelle in androgyne, olivfarbene Pullis gehüllt, legten stöhnend noch ein paar Kilo Pappen obendrauf – ihre Entwürfe zu den digitalen Welten, die der Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller für sich entdecken sollte.

    Magazinseiten und Newsletter, intern wie extern, Logos, Visuals, CI, CD, Kampagnenkonzepte und Postvorschläge für fünf Kanäle sowie die zugehörigen Bildsprachen – die Ausschreibung hatte uns durch die Monate getrieben, denn mit jeder Nachfrage des potenziellen Kunden legten wir nach, einmal, zweimal, dreimal, um die aus uns nicht genannten Gründen ausstehende Entscheidung zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

    „Alles ausgedruckt“, sagten der Art Diktator und die Art Diktatorin unisono und klopften auf die Pappen. „Wegen der Haptik!“ Denn was man anfassen könne, sehe auch gleich viel besser aus.

    „Das meint mein Mixed Martial Arts Chief Instructor auch immer“, sagte Lila Stiefelchen.

    „Da lohnt sich das Warten wenigstens“, sagte Qwertz.

    „Nein“, sagte Dr. No.

    „Das habe ich gehört!“, sagte Lila Stiefelchen. „Alle beide!“

    Winter is coming

    „Auf mich lohnt sich das Warten immer!“ tönte es von der aufschwingenden Glastür her.

    Ausschreibungen üben eine allseitige Anziehung aus. Auch auf unseren EmmDee.

    Auf ihn besonders.

    Er erschien im War Room, als Entourage die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine lang warten konnte und der andere noch länger.

    „Unbezwinglich ist, wer warten kann“, schmetterte der EmmDee in die Runde.

    „Das glaubt auch nur er“, kommentierte Brad im Stillen.

    „Lass ihn doch“, murmelte ich. „Er hat ja sonst nichts.“

    Länger meldete sich zu Wort: „Wenn ich dürfte, möchte ich gerne ein Bonmot anfügen, nur ein kurzes, aber ein zutreffendes“, sagte er, „von dem bedeutenden, nein, von dem bedeutendsten britischen Dichter, Dramatiker, Autor William Shakespeare, der seinen Othello im 2. Akt die hier passenden Worte sagen lässt: ‚Wie arm sind die, die nie Geduld besitzen.‘.“

    „Für dich wäre Heinrich IV. zielführender“, sagte Lang.

    Länger schaute ihn fragend an.

    „Ich sage wenig, denke desto mehr“, zitierte Lang.

    Länger holte tief Luft zum Gegenschlag.

    „Schluss jetzt“, ging der EmmDee dazwischen. „Frauen und Suppen soll man nie warten lassen, sonst werden sie kalt.“ Das sei auch von Shakespeare, das gelte ebenso für Kunden und für Volontäre allemal. „Also aufgepasst! Damit ihr was lernt.“

    Immerhin, fuhr er fort, sei es für die beiden Novizen eine perfekte Gelegenheit, den Abschluss eines dreistufigen Pitchs zu erleben. Marktscreening, Chemistry-Treffen, Kreativaufgabe – alles wie aus dem Lehrbuch.

    Wobei er, der erfahrene EmmDee, sich schon frage, wer hier nicht bis drei zählen könne. Denn Präsentation, Kalkulation und Verhandlung begleiteten ja die drei Stufen, inklusive mehrerer Schleifen, weswegen man auf drei mal drei Stufen kommen könne. Mindestens.

    „Deren Abstände mit erratisch gewählten Zeitintervallen kombiniert werden“, sagte ich.

    „Die in monotone Ansagen münden“, ergänzte Qwertz. „Etwa: ‚Bitte gedulden Sie sich. Wir haben keine offenen Fragen mehr. Wir sind noch in der Entscheidungsfindung.‘“

    Nipp. Nipp.

    Da ging ein rhythmisches Rauschen über den Wandbildschirm, statische Schneewehen überzogen ihn, bis sie sich lichteten und, begleitet von vermeintlich sympathischen Teams-Klingeltönen, den Blick auf den Chefeinkäufer des weltweit führendsten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands freigaben.

    Er grüßte, etwas umständlich, sein Blick schweifte unstet ab zu den fünf, sechs dampfenden Kaffeetassen vor ihm, alle mit historischen Logos des Traditionsunternehmens. Er nippte unentschlossen mal an der einen, dann an der anderen, und sagte schließlich: „Ich will es kurz machen. Nipp, nipp. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen als nötig!“

    Ein erwartungsvoller Klangteppich durchzog unseren War Room, gewoben aus den Hoffnungen von monatelangem Warten, gesponnen aus den Ideen der zahllosen Überarbeitungen, geknüpft mit den Kalkulationen der ungezählten Verhandlungsrunden.

    Wir starrten gebannt auf die Lippen des Chefeinkäufers, die mit geringem Zeitversatz die Worte vorformten, bevor wir sie hörten.

    Sekundenbruchteile wurde zu Jahrzehnten.

    Das müsse er dann aber schon noch vorneweg erzählen, so der Chefeinkäufer, was ihm besonders gut an unserer Arbeit gefallen habe, so viel Zeit sei sicher. Was ihn überaus angesprochen habe: „Dass Sie die Zeitpläne mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ präsentiert haben. Sehr originell, sehr gelungen.“

    Was eine eher prophetische Anspielung auf den zeitlichen Ablauf des Pitchs gewesen war.

    „Aber“, sagte der Chefeinkäufer, „Nipp, nipp, wir mussten uns entscheiden.“ Er versichere, man habe es sich nicht leicht gemacht, schon gar als Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller sei man in einer besonderen Verantwortung.

    Sein Blick hüpfte zwischen den fünf, sechs historischen Tassen hin und her. Nipp, nipp.

    „Wir haben die Entscheidung geschoben“, sagte er schließlich. „In den Sommer im kommenden Jahr.“

    Unser Klangteppich schwoll an, aus der Hoffnung wurde Ungläubigkeit, dann Fassungslosigkeit, die sich in unschönen Worten bahnbrach, mit Unmut, aber unmutig an die Gestalt im Monitor gerichtet. Unser EmmDee versuchte mit Fragen durchzudringen, auf der Suche nach Gründen. Ohne Erfolg.

    Nur Brad blieb ganz der kühle Rechner und formulierte eine wohl zutreffende Einschätzung der Zeitangabe: „Der Sommer, der ein Winter war.“

    Und ich? Ich traf einen Entschluss.

    Ich musste raus, raus an die frische Luft. Den Kopf freikriegen. Spazieren gehen.

    Es war Herbst, Spätherbst.

    Fast Winter.

    Ich beschloss, bis zum Frühjahr wieder da zu sein.

    Buddy Müller arbeitet derzeit an dem Buch „Zen in der Kunst des Wartens“. Die Vorbestellungen, allein aus dem Agenturumfeld, weisen darauf hin, dass es ein Bestseller wird.

    Die Leserinnen und Leser werden allerdings noch ein bisschen darauf warten müssen.

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #ArtDiktator #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #DrNo #EmmDee #Entscheidung #folge32 #Frühling #Geduld #Herbst #Lang #Länger #LilaStiefelchen #PandoraPlappert #Qwertz #Satire #Sommer #Storytelling #Warten #Winter

  16. #folge49 #DieVierJahreszeiten

    Was manche Kunden wirklich gut können: Agenturen warten lassen. Als wäre es ein Naturgesetz, gehört das auf die Folter spannen bei Zu- oder Absagen zu nahezu allen Ausschreibungen. Oft Monate lang. Das macht was mit den Agenturmenschen.

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    Wir Agenturmenschen haben eine Vielzahl an Eigenschaften. Wir sind dienstbeflissen. Wir sind devot. Wir sind zu allem bereit und, natürlich, zu allem in der Lage. Wir wissen, was unsere Arbeit wert ist, auf Heller und Pfennig, auf Euro und Cent, in allen Währungen, wenn gefordert – nur nicht, wenn der Geschäftsführer zum Personalgespräch bittet oder ein Kunde uns seinen Einkauf ins Haus schickt.

    Wir sind eben Dienstleister.

    Wir sind patent, wir sind potent, wir sind promisk. Wir sind trinkfest. Wir sind gesellig – ohne Unterschied, ob es wahre Freundschaft oder ob es potenzielle Kundschaft ist.

    Was wir nicht sind: geduldig.

    Wie die Zeit vergeht

    Wir saßen einmal mehr in unserem gläsernen War Room, Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, und ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit größten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

    „So schnell“, seufzte ich, „ist die Zeit vergangen.“

    Es war Herbst.

    Draußen wie drinnen gilbten und fielen die Blätter, draußen von den Bäumen, drinnen von den Wänden und Flipcharts. Alles beugte sich dem Diktat der Alterung und der Schwerkraft.

    „Es ist fast Winter“, meldete sich Brad MacCloud vom Clan der MacClouds zu Wort.

    Es seien nicht mehr viele Blätter an den Bäumen, sagte mein nur für mich hörbares MacBook Pro, und bot sich an, die verbliebenen Wedel und Nadeln und sonstigen Astauswüchse in unserem Stadtviertel, gerne auch in ganz München, zu zählen. Nur so, zum Zeitvertreib, das würde ihn ablenken und seine CPU nicht mal zu einem Bruchteil auslasten.

    „Passt schon“, murmelte ich, lehnte sein Angebot ab. Ich nickte hinüber zum wandfüllenden Monitor. „Da tut sich sicher gleich was.“

    „Wird auch Zeit“, sagte Brad.

    Ein schlagkräftiges Team unserer Agentur, jedes Gewerk, jeder Standort mit den besten Köpfen vertreten, das hatten wir auf den potenziellen Auftrag des weltweit größten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands angesetzt.

    Über viele Jahrzehnte hinweg hatte dieses außerordentlich dynamische Unternehmen vom ungebremsten Wachstum der Verantwortungsdiffusion in deutschen Unternehmen prosperiert. Das drohende Wegbrechen der Stammklientel als Folge der Wirtschaftskrise zwang das Traditionsunternehmen nun nachzudenken über neue, nie gekannte Wege in Marketing und Vertrieb, um seine Hauptabnehmer in den doppelten und dreifachen Strukturen auf Management- und mittleren Führungsebenen zu erreichen.

    Als wir präsentierten, war es Frühling gewesen. Fast schon Frühling.

    „Es war Januar, um genau zu sein“, korrigierte mich Brad. „Januar ist ein Wintermonat.“

    Schwarzer Monitor und schwarzer Tee

    Heute, nur ein paar Monate später, sollte uns die Entscheidung bekannt gegeben werden.

    „Noch bevor die Weihnachtsglocken läuten“, hatte neulich der Chefeinkäufer des Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers in einer seiner wenigen E-Mails verkündet.

    Pünktlich um elf Uhr sollte das Warten vorbei sein.

    Zumindest war elf Uhr vereinbart.

    Qwertz und ich starrten auf den Monitor an der Stirnseite unseres War Rooms, in der Hoffnung, dass ein Zucken, ein Flirren unseren heiß ersehnten Gesprächspartner ankündigte.

    Zunächst zuckte nur Qwertz, und zwar zusammen, als Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDee, des Managing Directors, den Kopf zur Glastür hereinstreckte.

    „Könnten Sie uns“, fragte ich schnell, „je einen Pazienza Doppio bringen?“

    „Nein“, sagte Dr. No.

    Wie zu erwarten gewesen war.

    Sie überraschte mich im gleichen Atemzug. „Da weiß ich was Besseres“, sagte sie. Sprach’s, verschwand und tauchte eine gute Viertelstunde später wieder auf.

    In der der Monitor weiter dunkel blieb. Wie zu erwarten gewesen war.

    Dr. No balancierte auf einem Tablett eine flache, gusseiserne Teekanne und schlichte Schalen aus ebenholzfarbiger Edelkeramik.

    „Was ist das?“, fragte mich Qwertz und nickte in Richtung Dr. No.

    „Interkollegiales Tauwetter?“, mutmaßte ich.

    Ein starker, malzig-würziger Duft durchzog unseren War Room, füllte ihn mit der Illusion von Wärme und Geborgenheit.

    „Assam“, erklärte Dr. No, „Very Special Spring Flush Superior.“ Denn, sagte sie, jetzt würde nur eines helfen: „Abwarten und Tee trinken.“

    Mit Langmut kalkuliert

    Also warteten wir und tranken und warteten und tranken.

    Bis Lila Stiefelchen, unsere blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, hereinstöckelte. Ihr X-large-Kaugummi wanderte von links nach rechts und zurück; in ihrer Rechten ließ sie lässig ein hohes, dickwandiges Glas kreisen.

    Die zähe, grüne Flüssigkeit darin wehrte sich mit Erfolg gegen die Zentrifugalkraft.

    „Das ist ein Buff Bitch“, erklärte sie, ein frisch geschäumter Summer Avocado Spice Protein Plus Latte Macchiato, eine Mixtur, die ihr von ihrem Mixed Martial Arts Chief Instructor gemischt worden war. Er würde stärken und beruhigen, der Drink wie der Instructor.

    Lila Stiefelchen ließ sich am Tisch nieder.

    „Ready when you are“, sagte sie.

    Qwertz riskierte schmachtende Blicke, ob er an ihr positive Resultate des Protein-Shakes entdecken konnte.

    „Langmut ist die Fähigkeit, mit unerfüllten Sehnsüchten zu leben“, kommentierte Brad MacCloud.

    Auch ich warf schmachtende Blicke, allerdings auf andere Resultate: auf den Stapel ausgedruckter Excel-Sheets vor Lila Stiefelchen, gut und gerne ein paar hundert Blatt hoch, die die Kalkulationsgeschichte dieser Ausschreibung wiedergaben.

    Lila Stiefelchen hatte ihrerseits bewundernswerten Langmut bewiesen.

    Der Ausdruck obenauf war die jüngste Variation ungezählter Rechnungen, der Ausgang eines minutiös choreografierten Hin und Her zwischen uns und dem Kunden, das Angebot gewordene Potenzial von „hier ein Prozentchen, dort ein Promillchen“. Die finalen Zahlen verhießen viel Auslastung und mäßigen Umsatz für die Agentur, und eine Rendite, die vom nächsten Geschäftsessen mit dem Kunden aufgebraucht würde.

    Zum Anfassen

    Nach und nach füllte sich unser War Room mit weiteren Pitchteilnehmern. Dabei war es schon gut elf Uhr durch – wer sich nicht zeigte, war der Vertreter unseres Objekts der wirtschaftlichen Begierde.

    Der Monitor blieb dunkel.

    Der Art Diktator und die Art Diktatorin, die für diesen entscheidenden Pitch sogar ihr weit entferntes Homeoffice verlassen hatten, wuchteten ein paar Kilo schwarzer Pappen auf den Tisch, jede mit Entwürfen beklebt, einmal evolutionär und einmal revolutionär, sowie die Überarbeitungen und die Überarbeitungen der Überarbeitungen.

    Alles Extrameilen, die zu gehen der potenzielle Kunde im Laufe der Monate verlangt hatte.

    Die Kolleg*innen vom UX-Design, gleichmütig, bleichgesichtig, die dürren Gestelle in androgyne, olivfarbene Pullis gehüllt, legten stöhnend noch ein paar Kilo Pappen obendrauf – ihre Entwürfe zu den digitalen Welten, die der Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller für sich entdecken sollte.

    Magazinseiten und Newsletter, intern wie extern, Logos, Visuals, CI, CD, Kampagnenkonzepte und Postvorschläge für fünf Kanäle sowie die zugehörigen Bildsprachen – die Ausschreibung hatte uns durch die Monate getrieben, denn mit jeder Nachfrage des potenziellen Kunden legten wir nach, einmal, zweimal, dreimal, um die aus uns nicht genannten Gründen ausstehende Entscheidung zu unseren Gunsten zu beeinflussen.

    „Alles ausgedruckt“, sagten der Art Diktator und die Art Diktatorin unisono und klopften auf die Pappen. „Wegen der Haptik!“ Denn was man anfassen könne, sehe auch gleich viel besser aus.

    „Das meint mein Mixed Martial Arts Chief Instructor auch immer“, sagte Lila Stiefelchen.

    „Da lohnt sich das Warten wenigstens“, sagte Qwertz.

    „Nein“, sagte Dr. No.

    „Das habe ich gehört!“, sagte Lila Stiefelchen. „Alle beide!“

    Winter is coming

    „Auf mich lohnt sich das Warten immer!“ tönte es von der aufschwingenden Glastür her.

    Ausschreibungen üben eine allseitige Anziehung aus. Auch auf unseren EmmDee.

    Auf ihn besonders.

    Er erschien im War Room, als Entourage die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine lang warten konnte und der andere noch länger.

    „Unbezwinglich ist, wer warten kann“, schmetterte der EmmDee in die Runde.

    „Das glaubt auch nur er“, kommentierte Brad im Stillen.

    „Lass ihn doch“, murmelte ich. „Er hat ja sonst nichts.“

    Länger meldete sich zu Wort: „Wenn ich dürfte, möchte ich gerne ein Bonmot anfügen, nur ein kurzes, aber ein zutreffendes“, sagte er, „von dem bedeutenden, nein, von dem bedeutendsten britischen Dichter, Dramatiker, Autor William Shakespeare, der seinen Othello im 2. Akt die hier passenden Worte sagen lässt: ‚Wie arm sind die, die nie Geduld besitzen.‘.“

    „Für dich wäre Heinrich IV. zielführender“, sagte Lang.

    Länger schaute ihn fragend an.

    „Ich sage wenig, denke desto mehr“, zitierte Lang.

    Länger holte tief Luft zum Gegenschlag.

    „Schluss jetzt“, ging der EmmDee dazwischen. „Frauen und Suppen soll man nie warten lassen, sonst werden sie kalt.“ Das sei auch von Shakespeare, das gelte ebenso für Kunden und für Volontäre allemal. „Also aufgepasst! Damit ihr was lernt.“

    Immerhin, fuhr er fort, sei es für die beiden Novizen eine perfekte Gelegenheit, den Abschluss eines dreistufigen Pitchs zu erleben. Marktscreening, Chemistry-Treffen, Kreativaufgabe – alles wie aus dem Lehrbuch.

    Wobei er, der erfahrene EmmDee, sich schon frage, wer hier nicht bis drei zählen könne. Denn Präsentation, Kalkulation und Verhandlung begleiteten ja die drei Stufen, inklusive mehrerer Schleifen, weswegen man auf drei mal drei Stufen kommen könne. Mindestens.

    „Deren Abstände mit erratisch gewählten Zeitintervallen kombiniert werden“, sagte ich.

    „Die in monotone Ansagen münden“, ergänzte Qwertz. „Etwa: ‚Bitte gedulden Sie sich. Wir haben keine offenen Fragen mehr. Wir sind noch in der Entscheidungsfindung.‘“

    Nipp. Nipp.

    Da ging ein rhythmisches Rauschen über den Wandbildschirm, statische Schneewehen überzogen ihn, bis sie sich lichteten und, begleitet von vermeintlich sympathischen Teams-Klingeltönen, den Blick auf den Chefeinkäufer des weltweit führendsten Entscheidungsbremsscheibenbelagherstellers Deutschlands freigaben.

    Er grüßte, etwas umständlich, sein Blick schweifte unstet ab zu den fünf, sechs dampfenden Kaffeetassen vor ihm, alle mit historischen Logos des Traditionsunternehmens. Er nippte unentschlossen mal an der einen, dann an der anderen, und sagte schließlich: „Ich will es kurz machen. Nipp, nipp. Ich will Sie nicht länger auf die Folter spannen als nötig!“

    Ein erwartungsvoller Klangteppich durchzog unseren War Room, gewoben aus den Hoffnungen von monatelangem Warten, gesponnen aus den Ideen der zahllosen Überarbeitungen, geknüpft mit den Kalkulationen der ungezählten Verhandlungsrunden.

    Wir starrten gebannt auf die Lippen des Chefeinkäufers, die mit geringem Zeitversatz die Worte vorformten, bevor wir sie hörten.

    Sekundenbruchteile wurde zu Jahrzehnten.

    Das müsse er dann aber schon noch vorneweg erzählen, so der Chefeinkäufer, was ihm besonders gut an unserer Arbeit gefallen habe, so viel Zeit sei sicher. Was ihn überaus angesprochen habe: „Dass Sie die Zeitpläne mit Vivaldis ‚Vier Jahreszeiten‘ präsentiert haben. Sehr originell, sehr gelungen.“

    Was eine eher prophetische Anspielung auf den zeitlichen Ablauf des Pitchs gewesen war.

    „Aber“, sagte der Chefeinkäufer, „Nipp, nipp, wir mussten uns entscheiden.“ Er versichere, man habe es sich nicht leicht gemacht, schon gar als Entscheidungsbremsscheibenbelaghersteller sei man in einer besonderen Verantwortung.

    Sein Blick hüpfte zwischen den fünf, sechs historischen Tassen hin und her. Nipp, nipp.

    „Wir haben die Entscheidung geschoben“, sagte er schließlich. „In den Sommer im kommenden Jahr.“

    Unser Klangteppich schwoll an, aus der Hoffnung wurde Ungläubigkeit, dann Fassungslosigkeit, die sich in unschönen Worten bahnbrach, mit Unmut, aber unmutig an die Gestalt im Monitor gerichtet. Unser EmmDee versuchte mit Fragen durchzudringen, auf der Suche nach Gründen. Ohne Erfolg.

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  17. @gerritvanaaken Aktuell auch in unserem #Agenturleben die beste Wahl in Sachen Kompletthosting (Domain, Webspace, Mail), insb. auch im Hinblick auf die Preis-Leistung-Relation.

    Besonders sichtbar beim Thema E-Mail: bei All-Inkl in den Standardpaketen 500 Mailkonten inklusive (!), bei der Konkurrenz, z. B. IONOS oft mit nur 1/2/4 Postfächern und Aufschlag für 1,50 €/Monat pro weiterem Postfach 😲

    Empfehlung also definitiv für #AllInkl ✌🏻

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  22. Dann haben wir jetzt mal erfolgreich den ersten Agenturrechner mit nicht-unterstütztem Prozessor auf #Windows11 gehoben ✌🏻

    Ganz ehrlich… ein i5 mit 3 GHz, 16 GB RAM und SSD sollen nicht reichen und stattdessen auf den Müll geschmissen werden? Sorry #Microsoft, aber so nicht.

    Das OS schnurrt nach dem Update problemlos, wird die nächsten Tage noch weiter beobachtet und dann folgt auch der Rest des IT-Portfolios 👨🏻‍💻

    (jaja, Linux ginge auch, hätte ich auch gern, haben wir abgewogen, ist keine ernsthafte Option für unseren Agentureinsatz) #Agenturleben

  23. Dann haben wir jetzt mal erfolgreich den ersten Agenturrechner mit nicht-unterstütztem Prozessor auf #Windows11 gehoben ✌🏻

    Ganz ehrlich… ein i5 mit 3 GHz, 16 GB RAM und SSD sollen nicht reichen und stattdessen auf den Müll geschmissen werden? Sorry #Microsoft, aber so nicht.

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    (jaja, Linux ginge auch, hätte ich auch gern, haben wir abgewogen, ist keine ernsthafte Option für unseren Agentureinsatz) #Agenturleben

  24. 10 Jahre im Unternehmen, kann man mal feiern, oder? Ist heute (leider) nicht mehr „normal“. #Agenturleben

  25. 10 Jahre im Unternehmen, kann man mal feiern, oder? Ist heute (leider) nicht mehr „normal“. #Agenturleben

  26. Kampfpreise unter 90€/h für Agenturleistungen? Ich glaube, das schadet dem Markt langfristig. Wie seht ihr das? #webdev #agenturleben youtube.com/shorts/CT2pCXBKseg

  27. Heute gelernt/TIL: Es gibt die Programmiersprache #Delphi noch und das wohl tatsächlich auch im produktiven Einsatz 😮

    Hab ich wahrscheinlich zwanzig Jahre nicht mehr gehört. Im #Agenturleben stellen wir uns jedenfalls gerade die Frage, ob wir uns darauf nochmal einlassen 😅

  28. Nach ner ganzen Weile heute mal wieder aktiv @thunderbird als Mailclient im #Agenturleben vorgestellt und weiterempfohlen.

    Schnelle und total simple Einrichtung, einfache Bedienung, cooles Featureset. Hat sich richtig gut angefühlt. #FOSS

  29. Nach ner ganzen Weile heute mal wieder aktiv @thunderbird als Mailclient im #Agenturleben vorgestellt und weiterempfohlen.

    Schnelle und total simple Einrichtung, einfache Bedienung, cooles Featureset. Hat sich richtig gut angefühlt. #FOSS

  30. Die Lust auf einen neuerlichen privaten #Linux-Versuch wächst mehr und mehr. Man müsste mal… nur für die Schnittstellen zum #Agenturleben kann ich‘s mir aufgrund unserer starken Office365-Integration nicht vorstellen (auch wenn‘s die Webversionen für Teams, Outlook, OneNote, Todo und Co. gibt) 🤔

  31. Die Lust auf einen neuerlichen privaten #Linux-Versuch wächst mehr und mehr. Man müsste mal… nur für die Schnittstellen zum #Agenturleben kann ich‘s mir aufgrund unserer starken Office365-Integration nicht vorstellen (auch wenn‘s die Webversionen für Teams, Outlook, OneNote, Todo und Co. gibt) 🤔

  32. #folge42 #SitzsackSatzung

    Neue Sitzmöbel sind ein Motivationsschub für die Mitarbeitenden. Doch der Umgang damit will erst gelernt sein. Speziell Führungskräfte scheinen große Schwierigkeiten zu haben.

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    Waren Sie schon mal in einem Sitzsack gefangen? Nein? Pränatalpsychologen behaupten ja, dass es gar nicht unangenehm sei, es fühle sich an wie im Mutterleib. Was nicht der Erfahrung entspricht, die unser EmmDee machte, Managing Director der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands. Diese war nämlich eine eher klaustrophobische.

    Fast schon eine Nahtoderfahrung.

    Davon aber später mehr.

    Berechnung statt Benevolenz

    Als größte, beste und kreativste, eben: weltweit führendste Content-Marketing-Agentur Deutschlands können wir es uns leisten, auch einmal ein Zugeständnis zu machen. In einem Punkt sind wir nämlich allen anderen Agenturen und Unternehmen zu 100 Prozent gleich.

    „Wie bescheiden“, sagte Brad MacCloud, mein treues MacBook Pro, das nur ich hören konnte.

    Ich winkte ab. Allen gesunden Unternehmen läge die Gesundheit der Mitarbeitenden gleichermaßen am Herzen, sagte ich.

    Weil nur gesunde Mitarbeitende auch zufriedene Mitarbeitende seien.

    Und nur zufriedene Mitarbeitende seien auch wirklich produktive Mitarbeitende.

    „Das ist Berechnung statt Benevolenz“, sagte Brad MacCloud.

    Von wegen, konterte ich, diese Einstellung sei nichts anderes als das alte Prinzip von Ursache und Wirkung: Je zufriedener, umso produktiver. Dies sei das ewige Gesetz vom Geben und Nehmen zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden.

    Brads Kameraauge trübte sich. „Mit der Zufriedenheit ist es in unserer Agentur nicht weit her“, sagte er.

    Hintern hoch!

    Wieder einmal hatte mein treues MacBook Pro recht. Er zitierte eine aktuelle Umfrage unter unseren Mitarbeitenden: „Gerade mal 17 Prozent sind mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden.“

    Ich hielt dagegen. Das seien Zahlen, die eines nur allzu deutlich widerspiegeln würden: Pandemie, Postcoronicum, rechtspopulistische Politclowns und Putins Angriffskrieg hätten unserer Wirtschaft nicht den Aufschwung und uns nicht den Anlass zur Freude an der Arbeit gegeben.

    „Mal ehrlich“, beharrte Brad MacCloud, „nicht nur die großpolitische Lage hat Schuld!“

    Denn die Zufriedenheit mit der Arbeit der Geschäftsführung sei noch geringer. Er ersparte mir die Zahl, nicht ohne mir doch noch ein „einstellig“ zuzurufen.

    Unser EmmDee wäre nicht unser EmmDee, hätte er dies nicht als Herausforderung angenommen. Er ließ sich etwas einfallen.

    Nicht wie sonst, dass wir uns alle nur einmal wieder richtig gemeinsam betrinken müssten.

    Nein, er, der sich für die Reinkarnation von Jack London und Ernest Hemingway in einer Person hielt, überraschte uns. Anstatt mit wilder Härte durchzugreifen, besann er sich auf das Weiche, Geschmeidige, Anschmiegsame, Anpassungsfähige.

    „Stühle! Stühle! Stühle!“, rief er unlängst im Jour fixe. Drehstühle, Sattelstühle, Kniestühle gebe es zuhauf in der Agentur und in den Homeoffices, vielleicht sogar zu viel.  „Wir bieten künftig etwas anderes, damit sich das Sitzfleisch unserer Kolleginnen und Kollegen bei uns wohlfühlt!“

    Dann, so sein Schluss, würden sie den Hintern wieder hochbekommen, und mit diesem die Zufriedenheit mit ihrem Agenturleben und natürlich, vor allem sogar, mit ihm selbst und seiner Leistung.

    „Mit Sack auf Zack!“, sagte der EmmDee.

    Und so wurden Sitzsäcke zum Symbol seiner neuen Strategie der Mitarbeitermotivation.

    Affront gegen die Alten

    Die neuen Sitzgelegenheiten würden auf alle Fälle unser Agenturleben um eine Bewegungsdimension bereichern.

    „Bis zu 450 Minuten pro Tag sitzt ein deutscher Arbeitnehmer im Durchschnitt, männlich, weiblich, divers“, dozierte Brad. Da schade es nicht, wenn er, sie, es sich auch mal hinfläzen könne.

    „Das sagt der, der entweder nur herumliegt oder von mir getragen wird“, entgegnete ich.

    Es dauerte gar nicht lange, bis die ersten bunten Räkelrollen den grauen Agenturalltag auffrischten. Nicht nur das große schwedische Möbelhaus, auch alle anderen namhaften Möbelketten vom Um- bis ins Voralpenland verfügten über eine Riesenauswahl an Fatboys, Leisure Landscapes oder Business Blows – letztere waren mit Luft gefüllt, mit heißer Luft, wie Brad anmerkte.

    Aber auch Modelle von Sitzsackspezialanbietern – wie „Lungo Maggiore“ (mit Kaffeebohnen gefüllt), „Nicht die Bohne“ (mit Buchweizenschalen gefüllt), „Oberlehrer“ (mit Grobcord-Überzug) oder das hochgebirgstaugliche Spitzenmodell „Heidi und Peter“ (mit scheckigem Kunstkuhfell-Bezug) – fanden größten Anklang.

    Dabei hatten Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro ganz anderes im Kopf, als sie den ersten „Sacco“ Ende der 1960er Jahre entwickelten. Die italienischen Architekten wollten ein Sitzmöbel, das einen revolutionären Gegensatz bildete zu den Sesseln der Senioren, wie damals alle über 40 bezeichnet wurden. Quasi eine gezielter Affront gegen die Altvorderen, ohne sich dafür erheben zu müssen.

    Obendrein sollte sich der futuristische Fauteuil, so wollen es Designdokumentare wissen, wie Schnee den Körperformen anpassen.

    „Schnee und Agenturmenschen?“, fragte Brad. „Das passt doch.“

    Der Wolf in der Falle

    Die Anpassungsfähigkeit eines Sitzsacks rührt natürlich nicht von Schnee her, egal welcher Zusammensetzung. Er verdankt sie findigen Forschern der Chemie. Die künstliche, besser: kunststoffliche Füllung besteht aus feinen, perlengleichen Kügelchen, so genanntem expandierten Polystyrol.

    Das wiederum gefiel besonders dem EmmDee, da er sich immer mit Expansionsgendanken trug.

    Sein Modell war schnell ausgesucht – in seinem Büro fand eine XXL-Variante Platz, und nur eine XXL-Variante, nichts anderes kam in Frage. Die Möbelpacker stellten ihm eine „Iconic Giant Bean Bag Lonesome Wolf’s Den” vor den Schreibtisch.

    Die „Wolfshöhle“ indes, sie wurde für den EmmDee zur Falle.

    Wir fanden ihn erst zwei Tage später. Zuerst fehlte er uns gar nicht – wir vermuteten, dass er wieder seinen eigentlichen Aufgaben nachging.

    Dann wurden wir doch nachdenklich und begannen, ihn zu suchen.

    Bis ein gellendes „NEEEEIIIIN!“ von Dr. No, der prohibitiv veranlagten Assistentin unseres EmmDees, durch die gesamte Agentur schallte.

    Sie hatte ihn gefunden. In seinem Büro. Wo es am naheliegendsten war.

    Als sie ihm eine übervolle Unterschriftenmappe auf dem Schreibtisch legen wollte.

    Wir stürzten herbei.

    Dr. No deutete auf den Riesensitzsack.

    Mehr als ein „Neinneinneinnein“ kam nicht über ihre Lippen, was im Normalfall nichts Besonderes gewesen wäre. Der Sitzsack zog unser aller Aufmerksamkeit auf sich, ein riesiges Felsimitat, mit ein wenig angenähtem künstlichen Grün, so wie sich eben Sackdesigner das Höhlenleben eines einsamen Wolfs vorstellten.

    Hatte der Sitzsack zugenommen? Er wirkte massiger, massiver, größer, als ihn die Möbelpacker hereingewuchtet hatten.

    Er bewegte sich leicht. Wackelte.

    Fotos gehen vor

    Wir hörten den EmmDee, bevor wir ihn sahen. Beziehungsweise: Teile von ihm sahen.

    Ein leises Fluchen, ein mattes, erschöpftes, aber ein charakteristisches.

    Ein Bein und ein halbes schoben sich aus dem Sack, ein Stück Arm ragte heraus, und, wenn man genau hinsah, auch eine Nasenspitze. Der Rest des EmmDees war im Sitzsack verschwunden.

    Wir wussten, was zu tun war.

    Wir zückten unsere Handys und fotografierten.

    Der Vorfall musste genau dokumentiert werden, damit so etwas nicht wieder geschehen konnte.

    „Außerdem“, sagte Brad MacCloud, den ich auf dem Chefschreibtisch postiert hatte, mit guter Sicht auf das Geschehen, „außerdem weißt Du nie, für was Du Fotos wie diese noch brauchen kannst.“ Jetzt aber hätten wir genug fotografiert und sollten den EmmDee befreien.

    „Jawoll“, sagte ich.

    Qwertz, Lila Stiefelchen, die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine kräftig lang und der andere kräftig länger zupacken konnte, wir alle fassten mit an, halfen dem EmmDee aus seinem Kunststoffkarzer, zogen und schoben und hoben ihn an die frische Luft.

    Mit ihm kullerten Rotweinflaschen aus dem Sitzsack, zwei, drei, vier.

    „Ich wollte nur einen Schluck zum Feierabend nehmen“, sagte der EmmDee schwach. Er blinzelte, schwankte. „Ein Schlückchen!“

    Dann habe er es sich auf dem „Lonesome Wolf’“ bequem gemacht, nur zum Ausprobieren, aber als er aufstehen wollte, sei er immer weiter im Sack versunken, jede Bewegung, ob er am Wein nippte oder versuchte sich abzustützen, er versank immer tiefer. Um ihn herum wurde die flockige Füllung zum trügerischen Treibsand.

    „Alter Sack auf neuem Sack, das kann nicht gut gehen“, sagte Brad.

    Irgendwann hatte er, der EmmDee, nur noch gehofft, dass ihn jemand fände, bevor sich die höllische Hülle gänzlich über ihn schlösse.

    Der EmmDee blickte bedächtig von einem zum anderen.

    Er sagte schließlich einen Satz, den ich von ihm noch nie gehört hatte: „Ich freue mich Euch zu sehen.“

    Rundmail mit Regeln

    Wenige Tage später bedankte sich der Betriebsrat in einer E-Mail an alle Mitarbeitenden für unser umsichtiges Vorgehen, insbesondere was die ausführliche Dokumentation der misslichen Lage unseres Managing Directors betraf, die, wohl zur Verhinderung einer Wiederholung, wie auch immer, den Weg ins Intranet gefunden habe.

    Die Rundmail enthielt noch mehr, nämlich eine präventive „Satzung zur Nutzung moderner Sitzgelegenheiten (Sitzsack)“:

    Bitte beachten!

    1. Ein Sitzsack passt sich aufgrund der flexiblen Füllung jeder Körperhaltung an. Er bietet dem oder der Sitzenden keinerlei stabile Unterstützung im gesamten Körperbereich.

    2. Jegliche Form von Bewegung, inklusive Atmung, ist auf dem Sitzsack auf ein Minimum zu beschränken, um dessen einwandfreie Funktion zu garantieren und das volle Sitzsackerlebnis zu entfalten.

    3. Eine optimale Sitzposition mit rechten Winkeln in Knie- und Hüftgelenken ist nicht möglich. Eine Sitzhaltung länger als zwei Stunden kann zu Muskel- und Bandscheibenproblemen führen

    4. Vor der Benutzung des Sitzsacks ist ein zweitägiger Kurs zu absolvieren, in dem korrekte Sitztechniken und die mentale Einstellung erlernt werden.

    5. Die Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen ist beim Benutzen des Sitzsacks verboten. Dazu zählt auch Alkohol.

    6. Das selbständige Aufstehen ohne Hilfe Dritter geschieht auf eigenes Risiko. Dabei ist auf eine einwandfreie Körperhaltung (A- und B-Note) zu achten. Zusätzlich müssen Ersthelfer bereitstehen.

    7. Geschäftsführer sind grundsätzlich von der Benutzung eines Sitzsacks ausgeschlossen.

    Während die radikalen Regeln auf den Fluren eifrig diskutiert wurden, zog ich mich in mein Büro zurück. Ich stellte Brad MacCloud auf seinen Stammplatz vor mir, neben meine Kaffeetasse, in der ein „Il Cattivo“ vor sich hin dampfte.

    Ich ließ mich auf meinem ganz normalen, langweiligen Bürostuhl nieder.

    Sicher ist sicher.

    Ich war sehr zufrieden.

    Der Supercomputer Deep Thought benötigte nur siebeneinhalb Millionen Jahre, um herauszufinden, dass „42“ die ultimative Antwort auf die Frage nach Allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist.

    Buddy Müller braucht für jede neue Folge seiner Agentursatire genauso lange. Zum Glück erschien Folge 42 aufgrund einer Falte in der Raumzeit allerdings nur mit einer Woche Verspätung.

    Schließe dich 1.622 anderen Abonnenten an #Agentur #Agenturleben #Agenturmensch #Agentursatire #BeanBag #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Drehstuhl #EamesChair #EmmDee #Fatboy #Kniestuhl #Lang #Länger #LilaStiefelchen #Qwertz #Rotwein #Satzung #Sicherheit #Sitzen #Sitzmöbel #Sitzsack #Storytelling #Stuhl #Umfrage #Vorfall
  33. 🤩 Heute nimmt Inga @ingashewolf euch mit auf die Arbeit und zeigt, was eine Social-Media-Managerin bei Bonn.digital den ganzen Tag so macht. 🤓

    #Bonndigital #SocialMedia #Agenturleben #Vlog

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  35. Fazit des ersten Tages nach dem Urlaub: War relativ ruhig. Was mich nur runtergezogen hat, war die Kündigung eines meiner Team Leads. Nicht wegen mir, sondern hauptsächlich wegen unserer aktuellen Umstrukturierung und Geld. Nervt mich. Nicht meine Handhabe, nicht zu ändern. Fühl mich handlungsunfähig. #mittleresmanagement #agenturleben #job #führung

  36. …auch mein Chef hat ein Etikettiergerät! 🏷️😎

    Danke an @matthias_von_kraeutli und @bodowartke, dass wir den Song nutzen dürfen. Er passt halt wie das Etikett aufs Auge. 🙏

    #zungenbrecher #agenturleben #etikettiergerät #bonndigital #spaßmusssein

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  41. 📦 Wenn der Postbote mit frischer Literatur vom Rheinwerk Verlag klingelt…

    ...kommen bei uns Glücksgefühle hoch! 🫶🥹🍀

    Wir haben dankenswerterweise eine neue Ladung Bücher erhalten (als #Sponsoring fürs @barcampbonn daher #Werbung) und freuen uns über spannende Lektüre und über neues Wissen. 🤓

    Wir sind mal ganz kurz offline und spielen unsere Updates ein. ☺️

    Vielen Dank @rheinwerkverlag! ❤️

    #Weiterbildung #LebenslangesLernen #BücherGehenImmer #Agenturleben #WerbungDaSponsoring

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  43. #folge30 #MetaVerse

    Brad MacCloud vom Clan der MacClouds macht sich schöpferische Gedanken. Das MacBook Pro von Buddy Müller setzt sich mit dem Metaverse auseinander. Eine Ode an eine virtuelle Welt, in der er einen Jour-fixe organisiert.

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    Mein Name, der ist Brad MacCloud,
    der nichts fürchtet, der sich immer traut,
    dem Buddy Müller kontra schnell zu geben,
    sonst hätt‘ er’s ja zu leicht im Leben.

    Heut‘ aber muss ich ihm beispringen,
    ein ganzes Team ins Metaversum bringen.
    Ein Jour fixe, auf neue, virtuelle Art,
    selbst für diese Agentur: echt smart!

    Mark Zuckerburg, er hat’s erfunden.
    Sonst wär‘ er ja schon längst verschwunden.
    Und mit ihm Facebook und auch Instagram.
    Doch mit dem Metaversum Rettung kam.

    So schön ist es im Dreidimensionalen,
    in dem sich alle baldigst fröhlich aalen.
    Die Schönen, Reichen, auch die Mittellosen
    geben dafür letzte Hemden und auch Hosen.

    ChatGPT, dem alten Laberfritzen,
    kocht’s Wasser schon in seinen Ritzen.
    Mit Prompten kommst du niemals an;
    da muss man schon mal selber ran.

    Ich als mächt’ger MacBook Pro,
    ich kann sein so richtig froh.
    Hab‘ endlich richtig was zu tun.
    Buddy kann auf meinen Lorbeer’n ruh’n.

    Aus Pixeln errichtet …

    Weil eine Serverin mich gar so mag,
    bau ich den Raum an einem Tag.
    Wand an Wand stell ich ganz schnell
    in rosa, creme, lindgrün, ganz hell.

    Mit Meeresblick und Palmenwedel,
    gold’nem Tisch, so richtig edel.
    Kellner in Jacken, goldbestrasst!
    Damit’s dem EmmDee auch wirklich passt.

    Als Hemmingway kommt unser Boss,
    dessen Werke er so sehr genoss.
    Er sucht sofort nach Bar und Tresen,
    doch die Whiskys sind nur immersiv gewesen.

    Als wohlgeformte Pussy Galore
    tut sich Dr. No so schön hervor.
    Auf nimmer nein und immer ja
    ist eingestellt ihr Avatar.

    Lang und Länger, uns’re Volontäre,
    suchen Kettensägen, Schrotgewehre.
    Fortnite seien sie halt schon gewohnt.
    Wo nach der Schlacht kein Böser wohnt.

    Lila Stiefelchen im Zorn sich dreht,
    denn ihr Unterleib, der fehlt.
    Dadurch auch der Ort für Schuh und Kleid!
    Ach, Stiefelchen, es tut mir leid!

    Als Zifferblatt und bis zum Kinn drei Bein‘:
    Die Art Diktatorin fließt in unsern Raum hinein.
    Picasso wollt‘ im Grund‘ sie wählen.
    Vertippt – nun muss sie sich mit Dali quälen.

    Da! – Es klopft von draußen an der Scheibe.
    Qwertz will rein und finden seine Bleibe,
    doch trotz aller Hilfe, auch der meinen,
    schafft er’s nicht – muss draußen weinen!

    … mit Content verdichtet …

    Zum Gespräche nun, die Brille auf!
    Das Meeting nehme seinen Lauf!
    Statt Pitches, Zahlen und anderem Gelaber
    sorg‘ ich für Stimmung, ohne wenn und aber!

    Um Doppel… dreimal D ich mich bemühe,
    damit die Vision in jedem Hirn erblühe.
    Ich bring das Metaverse in Wallung
    und Bewegung in die Stallung.

    Statt lauer, müder Meeresschau
    fliegt er nun, der ganze Bau,
    Bewegtbild ist noch untertrieben.
    Es wird nur kurz an einem Ort geblieben.

    München, Frankfurt, auch Colonia,
    in Sekunden weg, dann wieder da.
    Im Tiefflug geht‘s durch Straßenschluchten,
    wir jagen durch Gebäudefluchten.

    Wir springen in den Hyperraum:
    Die neue Welt, sie bleibt kein Traum.
    Wir jetten über Gänge, lange Fluren,
    reich an Beton und armen Kreaturen.

    Die Gegend rast vorbei an Bildschirmfenstern.
    Buddys Kollegen werden zu Gespenstern.
    Das Metaversum ist doch nicht für jeden was,
    nicht jeden macht 3D auch gleich viel Spaß.

    Alle werden grün im Agenturgesicht,
    ein mancher schafft’s und mancher nicht,
    rettet seinen teuren Business-Loden,
    ergießt sich auf den virtuellen Boden.

    Hemingway, er denkt mitnichten,
    dass er sich noch könnt‘ geraderichten.
    Und auch unsere Pussy Galore
    tut sich nicht als standhaft hier hervor.

    Stiefelchen, die Lady ohne Unterleib,
    greift’s Ziffernblatt, doch nicht zum Zeitvertreib.
    Weil’s Dreibein stabil zu sein ihr verspricht
    … doch leider, leider hält sie’s nicht.

    Lang und Länger ist das alles einerlei.
    Sie sägen sich den Weg jetzt frei.
    So fällt denn virtuelle Wand um Wand
    durch die Kettensäg‘ in Menschenhand.

    … und schließlich vernichtet.

    Das Metaversum geht in Funken auf.
    Jemand schreit: Lauf! Lauf! LAUF!
    Doch niemand weiß so recht wohin.
    Zu gestört ist jeder einzeln’ Sinn.

    Das Metaversum geht in Staub nun unter,
    die Menschen fallen drüber oder drunter.
    Sie stolpern alle wirr umher,
    fallen leichter, manchmal schwer.

    Cannabis, auch Koks, das war mal hip,
    jetzt schafft sie schon der digitale Trip.
    Berauscht vom Sog der dritten Dimension
    rafft sie hin die eitle Illusion.

    Nur Buddy hält sich aufrecht, stolz,
    im Cyberspace voll Edelholz.
    Dann schwankt auch er zurück und vor.
    Und kippt mir schließlich ins Kontor.

    Es wird dauern noch ganz lange Stunden
    bis – mit Kratzern und mit Wunden –
    die Agenturgeschöpfe sich erheben
    nach dem enormen digitalen Beben.

    Dann stehen Buddy Müller, Lang und Länger,
    auch Qwertz, der alte Fensterhänger.
    Und Lila Stiefelchen hat wieder Bein
    sie schlüpft schnell in ihre Stiefel rein.

    Bleiben noch EmmDee und Dr. No,
    sowie die Chefin vom Design-Büro,
    sie blicken noch verstört in diese Runde.
    Doch da ertönt schon frohe Kunde.

    Als erster der EmmDee nun spricht
    mit `ner Zigarre im Gesicht.
    Er steht wieder fest auf seinen Sohlen,
    will investieren alle seine Kohlen.

    Er lobt Dynamik, Stimmung, die Vitesse,
    auch wenn fehle noch die Raffinesse.
    Er ist ganz sicher sich und zukunftsfroh:
    „Das machen wir jetzt immer so!“

    Die Moral von der Geschicht‘:
    3D-Ruinen muss man putzen nicht.
    Bald wird das Metaverse zum Muss für jeden.
    Dann ist‘s immer noch nicht Garten Eden.

    Brad MacCloud vom Clan der MacClouds wünscht sich nichts sehnlicher, als beim nächsterreichbaren Poetry Slam Contest anzutreten.

    Da aber nur Buddy Müller, sein augenblicklicher Herr und Gebieter, ihn hören kann, schlägt (engl.: to slam) Brad wütend so lange auf die Reime ein, bis sie endlich in ein Versmaß passen.

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