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#corporate-publishing — Public Fediverse posts

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  1. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

    Gib deine E-Mail-Adresse ein …

    Fürs E-Mail-Abo gibts ein dickes Lob!

    Schließe dich 1.280 anderen Abonnenten an

    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    Seit 50 Folgen: Alle sechs Wochen neu!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  2. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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  3. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  4. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die Eiche ist des Deutschen gesuchtestes Gewächs der Geselligkeit. Schon die alten Germanen schlürften im Schatten ausladender Kronen ihren Met; Haufen von Revolutionären schätzten die Stärke der Äste, wenn Adelige daran baumelten; Romantiker ritzten die Rinden mit den Namen ihrer Geliebten, denen sie unterm Wipfelrauschen beiwohnten.

    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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  5. #folge50 #DemJubilar

    Buddy Müller erfährt für sein langjähriges Wirken in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands endlich eine Würdigung – durch seinen Boss. Der hält eine Lobrede. Und was für eine.

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    Die deutsche Eiche, grüner Baldachin fürs Vereinigen und für Vereinigungen, schützender Ort des zusammen Kommens und Zusammenkommens – bis auf den heutigen Tag hatte sie nichts von ihrer Symbolkraft verloren.

    „Von ihrer Form allerdings schon“, sagte mein treues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.

    Pult und Puls

    Neulich, zum Monthly Agency Stand-up, der Vollversammlung unserer Agentur, der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hatten unsere beiden Volontäre Lang und Länger ein Pult aus dem Keller hochgeschleppt, ein schweres, altehrwürdiges Eichenmöbel, für dessen Transport sie etwas länger als lang brauchten.

    Der EmmDee trat – wie immer zu spät – an den Konferenzkatheder, in majestätischer Selbstsicherheit, während die beiden Volontäre sich rechts und links vom Rednerholz aufbauten und den EmmDee in jugendlichem Kontrast flankierten.

    Wir Mitarbeitenden ertrugen untertänigst die Verspätung. Standortübergreifend waren wir in gespannter Erwartung um Stehtische vereint und auf Monitoren zugeschaltet, wie man es von uns stets erwartete, wenn große und weniger große Strategien verkündet werden sollten.

    Der EmmDee stieß mehrere DIN-A-4-Blätter – eine Demonstration seiner vollumfassenden Vorbereitung – in seinen Händen zusammen und sagte dann laut, klar und feierlich: „Männer der Stunde!“

    Und schob sogleich nach: „Frauen der Stundinnen!“

    Augen rollten, Blicke schweiften, von Fremdscham getrieben, vor Ort und im virtuellen Raum herum.

    Der EmmDee begann unbeirrt: „Es ist mir eine große, sehr große, die größte Freude, heute einen unserer besten Mitarbeiter zu ehren, also, lobend zu erwähnen, einen der längsten und vielseitigsten, einen, der in schwierigsten Situationen ruhig Blut bewahrt und Kunden immer im Griff hat.“

    Kurz pausierte der EmmDee, genoss sichtlich das Ansteigen der Spannung.

    „Nein, nicht mich“, sagte er, obwohl er selbst es sicher auch verdient habe, natürlich, Chef würde man ja nicht umsonst. „Sondern dich: Buddy Müller.“

    „Oh, oh. Spannend“, sagte Brad MacCloud, nur für mich hörbar, auf dem Stehtisch vor mir.

    Alle Blicke richteten sich auf mich.

    Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die per Teams zugeschaltet waren, hörten schlagartig auf, ihre E-Mails abzuarbeiten.

    Meine Gesichtsfarbe nahm die Tönung eines Sonnenuntergangs am Münchner Fönhimmel an.

    Mir war sehr nach einem Sundowner.

    „Soll ich einen Tisch reservieren?“, fragte mich Brad MacCloud. „Du siehst aus, als könntest Du einen Drink vertragen.“

    Fünfzig im Kalender

    Der EmmDee indes blickte mich an und sagte: „Ja. Du. Buddy Müller.“

    Er könne es auch kaum glauben, aber Dr. No, seine prohibitiv veranlagte Assistentin, habe in seinem Kalender eine 50 eingetragen und meinen Namen dahinter gesetzt, weswegen er davon ausgehe, dass es einen Grund gäbe, warum er heute Abend einen Barolo öffnen könne.

    „Der erste Schluck geht dann auf dein Wohl, Müller.“

    Symbolisch griff er zum Wasserglas, nahm vor dem Mikro einen tiefen Schluck, der über alle Standorte hinweg echote.

    „Lasst mich etwas ausholen, Kollegen“, sagte der EmmDee.

    „Und Kolleginnen“, soufflierten Lang und Länger von links und rechts.

    „Meinetwegen, Kollegen und Kolleginnen, ihr wisst, die Zahl 50 ist eine besondere Zahl, bestehend aus zwei Ziffern, einer fünf und einer Null, keine Anspielung, Müller, zu Dir komme ich gleich.“

    Die 50 habe eine zigtausend Jahre lange Bedeutung, so der EmmDee. „Die Esoteriker unter euch, die mit dem Rosenquarz auf dem Flachbildschirm, die wissen, dass die 50 für Freude, Zufriedenheit und Erfüllung steht. Für alles, was der Job euch hier gibt.“

    „Für Wohlstand steht die 50 jedenfalls nicht“, sagte Brad MacCloud.

    In der Bibel, so der EmmDee weiter, symbolisiere die 50 Befreiung und einen Neuanfang. Bei den alten Chinesen werde sie oft mit Erfolg durch Intelligenz und Kommunikation assoziiert, womit er dann doch wieder zu mir, Buddy Müller, komme, zumindest was die Kommunikation betreffe.

    Für Erfolg und Intelligenz sorge ja er, der EmmDee, gepaart mit reichlich Erfahrung, schließlich sei er ja nicht seit fünf, nicht seit 50, sondern seit gefühlten 500 Jahren im Agenturgeschäft mit den Inhalten. Historisch gesehen, hätten die die alten Fugger mit ihren Hausmitteilungen den Boden fürs Corporate Publishing bereitet, doch sein Verdienst, sein großer Verdienst, sei es, das großartige Content Business zu dem gemacht zu haben, was es heute hierzulande, europaweit, nein, weltweit darstelle.

    „Das ist ein großes Business, ein sehr großes“, sagte der EmmDee. „Das größte Business überhaupt.“

    „An wen erinnert er mich bloß?“, fragte ich gedämpft.

    „An eine Orange?“, fragte Brad MacCloud zurück. „Hätte er sein Notebook dabei, könnte ich ihm die Haut abziehen!“

    Ich bedankte mich leise für seinen Beistand.

    Lang und Länger räusperten sich.

    Doch sie meinten nicht mich. Der EmmDee warf ihnen einen scharfen Blick zu.

    „Ich schweife wohl ab“, sagte er. „Dabei schadet euch ein bisschen Geschichte sicher nicht.“

    Schüler, Muster, Übersetzer

    „Bei dieser Erfahrung, meiner großen Erfahrung, da erkennt man, also, ich erkenne sofort, wenn jemand das Zeug zum Schüler hat“, kehrte der EmmDee, wohlwollend in meine Richtung nickend, wieder zum Kernthema zurück.

    „Sogar das Zeug zum Musterschüler. Ich bin das Muster, er der Schüler. Das macht es ihm einfach, mir nachzuleben und nachzueifern, da könnt ihr euch alle mal ein Beispiel nehmen.“

    Ich, Buddy Müller, sei nicht nur lernfähig, nein, auch innovativ, wobei ich meine Ideen immer ein paar Tage reifen ließe, damit ihre Ähnlichkeit mit seinen Ideen, seinen großen, großartigen Ideen, nicht sofort auffiele.

    Aber das sei schon in Ordnung, sagte der EmmDee gönnerhaft, sogar vorteilhaft, denn so könne ich tagtäglich meine Teamorientierung unter Beweis stellen, und den Teams seine Visionen so übersetzen, dass selbst die kreativsten Chaoten in der Agentur sie verstünden.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin lächelten sich zu, denn sie waren wohl nicht gemeint. Sogar Dr. No ließ sich zu einem zustimmenden Nicken hinreißen.

    Das Mienenspiel meines Lieblings-Teamleads Qwertz und des Art Diktators ließ indes vermuten, dass beide im Geiste einen Mittelfinger formten.

    „Und Chaotinnen“, raunten Lang und Länger.

    „Und Chaotinnen!“, sagte der EmmDee laut.

    Lila Stiefelchen und die Art Diktatorin blickten wütend in Richtung Rednerpult, Dr. No ließ ein scharfes „Nein!“ hören.

    Auf den Gesichtern von Qwertz und dem Art Diktator zeigte sich ein zunehmend breites Grinsen.

    Der EmmDee wedelte mit seinem Manuskript die Unterbrechung beiseite.

    Er sei froh, in mir, Buddy Müller, dem Senior Project Supervisor, einen Übersetzer seiner Ideen zu wissen, einen treuen Team- wie kompetenten Kundenflüsterer. Und er freue sich immer, wenn er talentierte Kollegen und Kolleginnen lange, sehr lange, gefühlt für immer, auf der Position halten könne, auf der sie gerade waren.

    Das hielte sie aufstiegsorientiert.

    Die einzige Orientierung, die ich gerade suchte, war ein Weg nach draußen. Ich wollte irgendwo sein. Hauptsache weg, weit weg.

    „Ich reserviere jetzt einen Tisch“, sagte Brad MacCloud.

    Potenzial bei Fehlern

    Ein Aufstieg, noch dazu hier, in seiner Agentur, schwadronierte der EmmDee, das sei den wenigsten außer ihm selbst vergönnt.

    „Weißt Du, Müller, Fehler machen und sich irren, das ist allzu menschlich.“ Doch erst es anderen in die Schuhe zu schieben, das zeige echte Führungsqualität.

    Der EmmDee blickte reihum: „Hier hat er noch enormes Potenzial, unser Buddy.“

    „Das war ein Kompliment“, übersetzte mir Brad.

    „Ist jetzt auch schon für den …“, sagte ich leise.

    „Jetzt hör mir endlich mal zu“, unterbrach mich der EmmDee donnernd, „und hör auf, mit deiner dämlichen Kiste zu quatschen.“ Wofür ich ihm ohnehin noch nie Danke gesagt hätte, denn, wenn er mich nicht an die neueste Technik herangeführt hätte, würde ich heute noch Bleistifte spitzen.

    Brads blaues Kameraauge wechselte in ein wütendes Rot. „Man trifft sich immer zweimal“, sagte er leise.

    Gnade im Gehörgang

    „Ich glaube“, sagte der EmmDee, „ich muss jetzt wohl mal langsam zum Schluss kommen …“

    Lang und Länger nickten neben dem Pult, der eine lang, der andere länger.

    „… nicht ohne Müllers große, größte, großartige Erfolge zu nennen“, fuhr der EmmDee fort.

    Er habe lange in den Agenturannalen gekramt, bis er dann doch keine gefunden habe. Im Unterschied zu seinen eigenen, diese Erfolge habe er schnell parat, auf die wolle er nur kurz verweisen, der Vorbildfunktion wegen, als Beispiel dafür, dass keine Situation ausweglos genug sei, um aufzugeben …

    Ich zwang mich, an etwas wirklich Schönes zu denken, an etwas wirklich Wichtiges, etwa, sich einen „Crema Vendetta“ aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens zu zaubern, ihn im Kreise der Lieblingskollegen zu genießen, sich zum Sport oder auf ein Bier oder zu beidem zu verabreden, und das Agenturleben Agenturleben, Kunden Kunden und Chefs Chefs sein zu lassen.

    So schön.

    Worte erreichten mein Trommelfell nicht mehr, während mein Geist im Kaffeedunst schwelgte und meine Wangen wieder Agenturblässe annahmen.

    Ich bekam kaum mit, wie der EmmDee tatsächlich zum Schluss kam.

    Eine Stunde später.

    Nicht ohne vorher noch einen Blick auf die große, sehr große, großartige Zukunft geworfen zu haben, die mir mit geringer Wahrscheinlichkeit noch bevorstünde – allein aufgrund meiner Bereitschaft, seine Visionen zu verstehen, umzusetzen und gleichzeitig als Puffer zwischen seiner Genialität und dem Widerstand der Mitarbeiter zu fungieren.

    Lang und Länger setzten an: „Und Mimimi …“, doch der EmmDee gebot ihnen mit einer scharfen Geste zu schweigen.

    Dann sagte er: „Ungläubiges Staunen bei Kunden, unbedingte Loyalität und unermüdlicher Einsatz – das ist alles, was ich mir von Dir wünsche, Müller!“

    Tja. Nicht mehr heute, dachte ich mir.

    Tisch und Tannine

    Brad MacClouds Voraussicht war es zu verdanken, dass ein Tisch auf uns wartete, in der Kneipe ums Eck, in der wir schon viele gewonnene und noch viel mehr verlorene Pitches begossen hatten, immer der Länge nach, von dem einen Ende der Bar zum anderen.

    Ich gab einen aus, nach Agenturschluss, klar. Qwertz, Lila Stiefelchen, Dr. No, Lang und Länger, alle kamen zur Nachbesprechung des eben Gehörten oder was auch immer auf der Spesenrechnung gut aussehen würde.

    Den Art Diktator und die Art Diktatorin schalteten wir von ihrem Home-Office aus zu, sie hatten sich schon einen beschirmten Cocktail gemixt, während Brad MacCloud seine Kapazitäten nicht nur dem Kneipen-WLAN zur Verfügung stellte, sondern auch den ausreichend vorhandenen Notebooksen in den Aktentaschen an den Tischen um uns herum.

    Nur, irgendwie hatte ich vergessen, den EmmDee einzuladen.

    Schade, irgendwie.

    Irgendwo saß er allein vor seiner Flasche Barolo. Einer großen Flasche. Einer sehr großen Flasche, sicher die großartigste, die jemals abgefüllt wurde.

    Mit typischen Tanninen.

    Aus einem Eichenfass.

    Unter dem Pseudonym „Peter Panther“ veröffentlichte Kurt Tucholsky 1930 die „Ratschläge für einen schlechten Redner“.

    Der satirische Schriftsteller hätte am EmmDee seine wahre Freude gehabt. Denn dieser befolgt Tucholskys Ratschläge nahezu Wort für Wort. Womit er unter Führungskräften und Politikern in guter Gesellschaft ist.

    PS: Wie Buddy Müller vor 50 Folgen startete, liest die geneigte Leserin und der wohlmeinende Leser hier. Der Autor sagt besonderen Dank allen Freundinnen und Freunden der ersten Stunde für Treue, Austausch, Inspiration und Geduld mit ihm!

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    #Agenturleben #Agenturmenschen #Agentursatire #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #CorporatePublishing #DrNo #Eiche #EmmDee #Feier #Folge50 #Jubilar #Jubiläum #Lobrede #Mitarbeiterversammlung #Pult #Rede #Storytelling #Würdigung

  6. Courts Are Coming for #DigitalLibraries

    A federal court recently said the #InternetArchive is not protected by #FairUseDoctrine.

    C.J. Ciaramella | From the December 2024 issue

    "In September, a federal appeals court dealt a major blow to the Internet Archive—one of the largest online repositories of #FreeBooks, media, and software—in a #copyright case with significant implications for #publishers, #libraries, and #readers.

    "The U.S. Court of Appeals for the 2nd Circuit upheld a lower court ruling that found the Internet Archive's huge, digitized lending library of copyrighted books was
not covered by the 'fair use' doctrine and infringed on the rights of publishers.

    "Agreeing with the Archive's interpretation of fair use 'would significantly narrow—if not entirely eviscerate—copyright owners' exclusive right to prepare derivative works,' the 2nd Circuit ruled. 'Were we to approve [Internet Archive's] use of the works, there would be little reason for consumers or libraries to pay publishers for content they could access for free.'"

    reason.com/2024/11/10/courts-a

    #OpenLibraries #Libraries #PublicDomain #DigitalArchives #WaybackMachine #ILoveInternetArchive #MemoryHole #VanishingCulture #CulturePreservation #DigitalPreservation #DigitalLibraries #CorporatePublishing #BigPublishing #PublishingMonopolies

  7. Courts Are Coming for #DigitalLibraries

    A federal court recently said the #InternetArchive is not protected by #FairUseDoctrine.

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    "The U.S. Court of Appeals for the 2nd Circuit upheld a lower court ruling that found the Internet Archive's huge, digitized lending library of copyrighted books was
not covered by the 'fair use' doctrine and infringed on the rights of publishers.

    "Agreeing with the Archive's interpretation of fair use 'would significantly narrow—if not entirely eviscerate—copyright owners' exclusive right to prepare derivative works,' the 2nd Circuit ruled. 'Were we to approve [Internet Archive's] use of the works, there would be little reason for consumers or libraries to pay publishers for content they could access for free.'"

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  8. Courts Are Coming for #DigitalLibraries

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  9. Courts Are Coming for #DigitalLibraries

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  10. Courts Are Coming for #DigitalLibraries

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  11. #folge42 #SitzsackSatzung

    Neue Sitzmöbel sind ein Motivationsschub für die Mitarbeitenden. Doch der Umgang damit will erst gelernt sein. Speziell Führungskräfte scheinen große Schwierigkeiten zu haben.

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    Waren Sie schon mal in einem Sitzsack gefangen? Nein? Pränatalpsychologen behaupten ja, dass es gar nicht unangenehm sei, es fühle sich an wie im Mutterleib. Was nicht der Erfahrung entspricht, die unser EmmDee machte, Managing Director der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands. Diese war nämlich eine eher klaustrophobische.

    Fast schon eine Nahtoderfahrung.

    Davon aber später mehr.

    Berechnung statt Benevolenz

    Als größte, beste und kreativste, eben: weltweit führendste Content-Marketing-Agentur Deutschlands können wir es uns leisten, auch einmal ein Zugeständnis zu machen. In einem Punkt sind wir nämlich allen anderen Agenturen und Unternehmen zu 100 Prozent gleich.

    „Wie bescheiden“, sagte Brad MacCloud, mein treues MacBook Pro, das nur ich hören konnte.

    Ich winkte ab. Allen gesunden Unternehmen läge die Gesundheit der Mitarbeitenden gleichermaßen am Herzen, sagte ich.

    Weil nur gesunde Mitarbeitende auch zufriedene Mitarbeitende seien.

    Und nur zufriedene Mitarbeitende seien auch wirklich produktive Mitarbeitende.

    „Das ist Berechnung statt Benevolenz“, sagte Brad MacCloud.

    Von wegen, konterte ich, diese Einstellung sei nichts anderes als das alte Prinzip von Ursache und Wirkung: Je zufriedener, umso produktiver. Dies sei das ewige Gesetz vom Geben und Nehmen zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden.

    Brads Kameraauge trübte sich. „Mit der Zufriedenheit ist es in unserer Agentur nicht weit her“, sagte er.

    Hintern hoch!

    Wieder einmal hatte mein treues MacBook Pro recht. Er zitierte eine aktuelle Umfrage unter unseren Mitarbeitenden: „Gerade mal 17 Prozent sind mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden.“

    Ich hielt dagegen. Das seien Zahlen, die eines nur allzu deutlich widerspiegeln würden: Pandemie, Postcoronicum, rechtspopulistische Politclowns und Putins Angriffskrieg hätten unserer Wirtschaft nicht den Aufschwung und uns nicht den Anlass zur Freude an der Arbeit gegeben.

    „Mal ehrlich“, beharrte Brad MacCloud, „nicht nur die großpolitische Lage hat Schuld!“

    Denn die Zufriedenheit mit der Arbeit der Geschäftsführung sei noch geringer. Er ersparte mir die Zahl, nicht ohne mir doch noch ein „einstellig“ zuzurufen.

    Unser EmmDee wäre nicht unser EmmDee, hätte er dies nicht als Herausforderung angenommen. Er ließ sich etwas einfallen.

    Nicht wie sonst, dass wir uns alle nur einmal wieder richtig gemeinsam betrinken müssten.

    Nein, er, der sich für die Reinkarnation von Jack London und Ernest Hemingway in einer Person hielt, überraschte uns. Anstatt mit wilder Härte durchzugreifen, besann er sich auf das Weiche, Geschmeidige, Anschmiegsame, Anpassungsfähige.

    „Stühle! Stühle! Stühle!“, rief er unlängst im Jour fixe. Drehstühle, Sattelstühle, Kniestühle gebe es zuhauf in der Agentur und in den Homeoffices, vielleicht sogar zu viel.  „Wir bieten künftig etwas anderes, damit sich das Sitzfleisch unserer Kolleginnen und Kollegen bei uns wohlfühlt!“

    Dann, so sein Schluss, würden sie den Hintern wieder hochbekommen, und mit diesem die Zufriedenheit mit ihrem Agenturleben und natürlich, vor allem sogar, mit ihm selbst und seiner Leistung.

    „Mit Sack auf Zack!“, sagte der EmmDee.

    Und so wurden Sitzsäcke zum Symbol seiner neuen Strategie der Mitarbeitermotivation.

    Affront gegen die Alten

    Die neuen Sitzgelegenheiten würden auf alle Fälle unser Agenturleben um eine Bewegungsdimension bereichern.

    „Bis zu 450 Minuten pro Tag sitzt ein deutscher Arbeitnehmer im Durchschnitt, männlich, weiblich, divers“, dozierte Brad. Da schade es nicht, wenn er, sie, es sich auch mal hinfläzen könne.

    „Das sagt der, der entweder nur herumliegt oder von mir getragen wird“, entgegnete ich.

    Es dauerte gar nicht lange, bis die ersten bunten Räkelrollen den grauen Agenturalltag auffrischten. Nicht nur das große schwedische Möbelhaus, auch alle anderen namhaften Möbelketten vom Um- bis ins Voralpenland verfügten über eine Riesenauswahl an Fatboys, Leisure Landscapes oder Business Blows – letztere waren mit Luft gefüllt, mit heißer Luft, wie Brad anmerkte.

    Aber auch Modelle von Sitzsackspezialanbietern – wie „Lungo Maggiore“ (mit Kaffeebohnen gefüllt), „Nicht die Bohne“ (mit Buchweizenschalen gefüllt), „Oberlehrer“ (mit Grobcord-Überzug) oder das hochgebirgstaugliche Spitzenmodell „Heidi und Peter“ (mit scheckigem Kunstkuhfell-Bezug) – fanden größten Anklang.

    Dabei hatten Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro ganz anderes im Kopf, als sie den ersten „Sacco“ Ende der 1960er Jahre entwickelten. Die italienischen Architekten wollten ein Sitzmöbel, das einen revolutionären Gegensatz bildete zu den Sesseln der Senioren, wie damals alle über 40 bezeichnet wurden. Quasi eine gezielter Affront gegen die Altvorderen, ohne sich dafür erheben zu müssen.

    Obendrein sollte sich der futuristische Fauteuil, so wollen es Designdokumentare wissen, wie Schnee den Körperformen anpassen.

    „Schnee und Agenturmenschen?“, fragte Brad. „Das passt doch.“

    Der Wolf in der Falle

    Die Anpassungsfähigkeit eines Sitzsacks rührt natürlich nicht von Schnee her, egal welcher Zusammensetzung. Er verdankt sie findigen Forschern der Chemie. Die künstliche, besser: kunststoffliche Füllung besteht aus feinen, perlengleichen Kügelchen, so genanntem expandierten Polystyrol.

    Das wiederum gefiel besonders dem EmmDee, da er sich immer mit Expansionsgendanken trug.

    Sein Modell war schnell ausgesucht – in seinem Büro fand eine XXL-Variante Platz, und nur eine XXL-Variante, nichts anderes kam in Frage. Die Möbelpacker stellten ihm eine „Iconic Giant Bean Bag Lonesome Wolf’s Den” vor den Schreibtisch.

    Die „Wolfshöhle“ indes, sie wurde für den EmmDee zur Falle.

    Wir fanden ihn erst zwei Tage später. Zuerst fehlte er uns gar nicht – wir vermuteten, dass er wieder seinen eigentlichen Aufgaben nachging.

    Dann wurden wir doch nachdenklich und begannen, ihn zu suchen.

    Bis ein gellendes „NEEEEIIIIN!“ von Dr. No, der prohibitiv veranlagten Assistentin unseres EmmDees, durch die gesamte Agentur schallte.

    Sie hatte ihn gefunden. In seinem Büro. Wo es am naheliegendsten war.

    Als sie ihm eine übervolle Unterschriftenmappe auf dem Schreibtisch legen wollte.

    Wir stürzten herbei.

    Dr. No deutete auf den Riesensitzsack.

    Mehr als ein „Neinneinneinnein“ kam nicht über ihre Lippen, was im Normalfall nichts Besonderes gewesen wäre. Der Sitzsack zog unser aller Aufmerksamkeit auf sich, ein riesiges Felsimitat, mit ein wenig angenähtem künstlichen Grün, so wie sich eben Sackdesigner das Höhlenleben eines einsamen Wolfs vorstellten.

    Hatte der Sitzsack zugenommen? Er wirkte massiger, massiver, größer, als ihn die Möbelpacker hereingewuchtet hatten.

    Er bewegte sich leicht. Wackelte.

    Fotos gehen vor

    Wir hörten den EmmDee, bevor wir ihn sahen. Beziehungsweise: Teile von ihm sahen.

    Ein leises Fluchen, ein mattes, erschöpftes, aber ein charakteristisches.

    Ein Bein und ein halbes schoben sich aus dem Sack, ein Stück Arm ragte heraus, und, wenn man genau hinsah, auch eine Nasenspitze. Der Rest des EmmDees war im Sitzsack verschwunden.

    Wir wussten, was zu tun war.

    Wir zückten unsere Handys und fotografierten.

    Der Vorfall musste genau dokumentiert werden, damit so etwas nicht wieder geschehen konnte.

    „Außerdem“, sagte Brad MacCloud, den ich auf dem Chefschreibtisch postiert hatte, mit guter Sicht auf das Geschehen, „außerdem weißt Du nie, für was Du Fotos wie diese noch brauchen kannst.“ Jetzt aber hätten wir genug fotografiert und sollten den EmmDee befreien.

    „Jawoll“, sagte ich.

    Qwertz, Lila Stiefelchen, die beiden Volontäre Lang und Länger, von denen der eine kräftig lang und der andere kräftig länger zupacken konnte, wir alle fassten mit an, halfen dem EmmDee aus seinem Kunststoffkarzer, zogen und schoben und hoben ihn an die frische Luft.

    Mit ihm kullerten Rotweinflaschen aus dem Sitzsack, zwei, drei, vier.

    „Ich wollte nur einen Schluck zum Feierabend nehmen“, sagte der EmmDee schwach. Er blinzelte, schwankte. „Ein Schlückchen!“

    Dann habe er es sich auf dem „Lonesome Wolf’“ bequem gemacht, nur zum Ausprobieren, aber als er aufstehen wollte, sei er immer weiter im Sack versunken, jede Bewegung, ob er am Wein nippte oder versuchte sich abzustützen, er versank immer tiefer. Um ihn herum wurde die flockige Füllung zum trügerischen Treibsand.

    „Alter Sack auf neuem Sack, das kann nicht gut gehen“, sagte Brad.

    Irgendwann hatte er, der EmmDee, nur noch gehofft, dass ihn jemand fände, bevor sich die höllische Hülle gänzlich über ihn schlösse.

    Der EmmDee blickte bedächtig von einem zum anderen.

    Er sagte schließlich einen Satz, den ich von ihm noch nie gehört hatte: „Ich freue mich Euch zu sehen.“

    Rundmail mit Regeln

    Wenige Tage später bedankte sich der Betriebsrat in einer E-Mail an alle Mitarbeitenden für unser umsichtiges Vorgehen, insbesondere was die ausführliche Dokumentation der misslichen Lage unseres Managing Directors betraf, die, wohl zur Verhinderung einer Wiederholung, wie auch immer, den Weg ins Intranet gefunden habe.

    Die Rundmail enthielt noch mehr, nämlich eine präventive „Satzung zur Nutzung moderner Sitzgelegenheiten (Sitzsack)“:

    Bitte beachten!

    1. Ein Sitzsack passt sich aufgrund der flexiblen Füllung jeder Körperhaltung an. Er bietet dem oder der Sitzenden keinerlei stabile Unterstützung im gesamten Körperbereich.

    2. Jegliche Form von Bewegung, inklusive Atmung, ist auf dem Sitzsack auf ein Minimum zu beschränken, um dessen einwandfreie Funktion zu garantieren und das volle Sitzsackerlebnis zu entfalten.

    3. Eine optimale Sitzposition mit rechten Winkeln in Knie- und Hüftgelenken ist nicht möglich. Eine Sitzhaltung länger als zwei Stunden kann zu Muskel- und Bandscheibenproblemen führen

    4. Vor der Benutzung des Sitzsacks ist ein zweitägiger Kurs zu absolvieren, in dem korrekte Sitztechniken und die mentale Einstellung erlernt werden.

    5. Die Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen ist beim Benutzen des Sitzsacks verboten. Dazu zählt auch Alkohol.

    6. Das selbständige Aufstehen ohne Hilfe Dritter geschieht auf eigenes Risiko. Dabei ist auf eine einwandfreie Körperhaltung (A- und B-Note) zu achten. Zusätzlich müssen Ersthelfer bereitstehen.

    7. Geschäftsführer sind grundsätzlich von der Benutzung eines Sitzsacks ausgeschlossen.

    Während die radikalen Regeln auf den Fluren eifrig diskutiert wurden, zog ich mich in mein Büro zurück. Ich stellte Brad MacCloud auf seinen Stammplatz vor mir, neben meine Kaffeetasse, in der ein „Il Cattivo“ vor sich hin dampfte.

    Ich ließ mich auf meinem ganz normalen, langweiligen Bürostuhl nieder.

    Sicher ist sicher.

    Ich war sehr zufrieden.

    Der Supercomputer Deep Thought benötigte nur siebeneinhalb Millionen Jahre, um herauszufinden, dass „42“ die ultimative Antwort auf die Frage nach Allem, dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist.

    Buddy Müller braucht für jede neue Folge seiner Agentursatire genauso lange. Zum Glück erschien Folge 42 aufgrund einer Falte in der Raumzeit allerdings nur mit einer Woche Verspätung.

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  12. Heute Start der Blockwoche an der Hochschule Ansbach, wo @riedlmarkus und ich den wissbegierigen Studierenden etwas über #CorporatePublishing und #socialmedia erzählen.

    Erstes Feedback "wir sind froh, dass @totalbelanglos nicht dabei ist. Ansonsten bassd's"

  13. #folge27 #KeinHaltInTucumcari

    Bahnsteige gehören zum Alltag eines Dienstreisenden ebenso wie Weichenstörungen, umgekehrte Wagenreihungen und nicht angefahrene Bahnhöfe. Buddy Müller verbringt Stunden seines Agenturlebens in Köln-Deutz.

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    Die Bibel ist staubig, ihr lederner Einband abgegriffen, ihr Kunstperlenschmuck lückenhaft. Hinter ihr fragt eine raue Stimme, so rau wie das Land, das der Zug gerade durchschneidet, den vorbeieilenden Schaffner: „Hält dieser Zug in Tucumcari?“

    Geflissentlich antwortet der Uniformierte, man werde in wenigen Minuten durch Tucumcari kommen, eilt weiter, zu den nächsten Fahrgästen, um ihnen ein paar Cent für Tickets aus rissigem Papier abzuknöpfen.

    Gegenüber der Bibel meldet sich eine schwarze Melone mit Nickelbrille und mexikanischem Akzent zu Wort. Hilfsbereit erklärt die Melone, man werde Tucumcari passieren, hindurchfahren, aber keinesfalls stoppen, nur um sicher zu gehen, dass der Reverend richtig verstanden habe: „Dieser Zug hält nicht in Tucumcari.“

    Worauf sich die Bibel senkt.

    Ein schwarzer Hut taucht auf, unter der breiten Krempe ein scharf geschnittenes Gesicht, Hakennase, hohe Wangen, ein Schnurrbart wie mit dem Lineal gezogen. Die Augen sind kalt, schmal wie Schlitze.

    Die Augen eines Mannes, der sein Ziel ins Auge fasst.

    Zwischen zwei Zügen aus seiner holländischen Meerschaumpfeife sagt Colonel Douglas Mortimer lächelnd: „Dieser Zug hält in Tucumcari.“

    Kunden, Kollegen, Kölsch

    Leider waren Filmbilder und Ton etwas zeitversetzt, die Sequenz ruckelte. Um Sekundenbruchteile später erst hörte ich die Worte, mit denen ein großartiger Lee van Cleef in einer seiner besten Rollen seinem Gegenüber unmissverständlich klar machte, wer wirklich über den Halt des Zuges entschied.

    „Duuu mmmusssst miiichchchch aufllaaadnnnnnggg ….“, sagte mein treuer Weggefährte Brad MacCloud auf meinem Schoß.

    Dann wurde sein Bildschirm dunkel. Der Akku meines MacBook Pro, den nur ich hören kann, versagte ihm den Dienst.

    Ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, verbiss mir einen Fluch.

    Ich war allein. Ganz allein auf mich gestellt.

    Ich war müde von drei Tagen und Nächten mit Kunden, Kollegen und Kölsch. Vor allem letzteres trug dazu bei, dass der Tag noch heller war, als ihn die Spätsommersonne ohnehin schon machte.

    Ich war gestrandet.

    Ich saß in Köln-Deutz.

    Auf dem Bahnsteig.

    Ich wartete, einem Streamingdienst sei Dank, bereits eineinviertel epische Western lang auf meinen ICE, der mich zurück nach München in den Mittelpunkt unseres Agenturnetzwerks bringen sollte.

    Einige Leidensgenossen teilten mein Schicksal. Das waren Railway-Robinsons wie ich, deren Gesichter lang und länger wurden, je länger eine gleichförmige Stimme aus den Lautsprechern Zugnummern vorlas, bei denen heute aufgrund einer technischen Störung leider mit einer Verspätung zu rechnen sei.

    Eigentlich las sie das Kursbuch der Deutschen Bahn vor.

    Jacke in Lindgrün

    Der Bahnsteig füllte sich zusehends mit Pendlern und Pennälern, mit Geschäftsreisenden und Großstadtgästen, die allesamt an ihrer Kleidung kaum noch zu unterscheiden waren …

    Wie aus dem Nichts fiel eine lindgrüne Hoodie-Jacke neben mir auf die Bank.

    In der Hoodie-Jacke steckte ein Hawaiihemd, das in seinem vielfältigen Farbenspiel alles enthielt, nur kein Lindgrün.

    Und in dem Hawaiihemd steckte eine wahrscheinlich dreistellig an Kilogramm messende menschlich-männliche Lebensform.

    Die eine Hälfte des massigen Kopfs wurde zusammengehalten vom Spanngurt einer überdimensionierten Virtual-Reality-Brille. Was diese noch freiließ, war von einem Bart überzogen, der sich jedoch nicht zum flächendeckenden Wachstum entschließen hatte können.

    Gründer oder Gamer? fragte ich mich. DMEXCO oder Gamescon?

    „Metaverse“, erklärte das Hawaiihemd, als es meinen fragenden Blick registrierte, und strich sich die Stofffalten über dem Bauch straff. „Hottest shit. Kannste glauben.“

    Egal, ich ließ meinen Blick wieder schweifen, mir war nach Ruhe, nach einem Stromanschluss für Brad MacCloud und einer filmischen Flucht in die Weiten des Westens.

    Vielleicht gab es bald sogar ein lauwarmes Bier aus dem Bord-Bistro. Ein größeres Glück für den Bahnreisenden war nur …

    „Saft?“, fragte das Hawaiihemd und trieb seinen Ellbogen in meinen Oberarm.

    Den verdunkelten Schirm meines Rechners richtig interpretierend, fragte das Hawaiihemd konkreter: „Haste kein Saft mehr?“

    Ich nickte, wünschte mir die zusammengekniffen Augen Lee van Cleefs, die jedes Weitersprechen unterbunden hätten.

    „Blöd“, sagte das Hawaiihemd. Es holte ein Stromkabel aus dem Rucksack und hielt es mir hin.

    „Powerbank“, sagte das Hawaiihemd.

    Ich rätselte, ob der gesamte Rucksack eine Powerbank sei und diese die Akku-Leistung eines E-Kleinwagens habe. Dabei blickte ich ratlos auf den Stecker des Stromkabels.

    „Blöd“, wiederholte das Hawaiihemd. „Passt nicht. Hast nen Mac. Kannste knicken.“

    Zertifiziert im Zug

    Nein, in diese Gesprächsfalle würde ich nicht tappen, nicht auf das Rechthabenwollen einsteigen, welcher nun der bessere Rechner sei. Ich verstaute den treuen Brad MacCloud in meiner Arbeitstasche.

    Sehnsucht überkam mich nach seligen alten Zeiten.

    Früher war ich Vielflieger. Ich hatte die Partybestände in meinem Weinkeller allein mit Miles-and-more-Punkten befüllt, zwei Starts und Landungen pro Woche waren keine Seltenheit, da kamen schnell ein paar Kisten „Los Vascos“ zusammen.

    Über den Wolken und grenzlose Freiheit, das war einmal, schließlich sollte Nachhaltigkeit kein Lippenbekenntnis sein. Agenturen sind auch hier immer vorne dabei – CO2-frei, klimaneutral, elektrifiziert und nachhaltig, das ist doch alles irgendwie in unserem Purpose, obendrein zertifiziert nach internationalen Standards.

    Also kletterte ich für die nächste Dienstreise-Gelegenheit, pandemisch und nachhaltig-politisch korrekt, in einen Zug.

    Weswegen ich nun festsaß.

    In Köln-Deutz. Mit über 100 Kilogramm Hawaiihemd neben mir.

    Wenigstens mit Sitzgelegenheit auf einer Alugitterbank, viel frischer Luft und viel Zeit, für die zu vertreiben ich mir ausnahmsweise mal nicht E-Mails und Konzepte vorgenommen hatte.

    Sondern den Genuss von meisterlichen Movies.

    Insbesondere jener, in denen Bahnhöfe als Holz und Schiene gewordene Ikonen dazugehörten, als Symbole für hilflos technikabhängigen Pioniergeist und ungerechtfertigte Landnahme, für wirtschaftlichen Aufstieg und Verfall als Folge der menschlichen Hybris.

    Also nichts, was der Deutschen Bahn fremd wäre.

    Deren einzige Repräsentanz auf dem Bahnsteig die gleichförmige Stimme aus den Lautsprechern war. Mittlerweile las sie nicht mehr die von Verspätung und Ausfall betroffenen Zugnummern vor, sondern eine auch zunehmend länger werdende Liste von Bahnhöfen, die ausgelassen wurden, um die Verspätungen wieder einzuholen.

    Deutsches Land, Stellwerkland

    „Bitte beachten Sie“, näselte die Stimme, „nicht angefahren werden heute Dortmund-Gelsenkirchen-Duisburg-Düsseldorf-Köln-Hauptbahnhof …“

    „Kassel-Willhelmshöhe“, sagte das Hawaiihemd neben mir und versicherte sich meiner Aufmerksamkeit mit einem weiteren Ellbogenstoß. „Oder München-Ost.“

    Ich blickte das Hawaiihemd an.

    „Das Stellwerk“, sagte es. „Damit legste ganz Deutschland lahm. Kannste wetten.“

    Stellwerke, so das Hawaii-Hemd, seien „ortsfeste Bahnanlagen der Eisenbahn zur reibungslosen Steuerung des Bahnbetriebs“. Das stünde so bei der Deutschen Bahn.

    „Kannste nachlesen“, bekräftigte das Hawaiihemd.

    Ich vermutete vielmehr, dass Stellwerke die einzigen Orte außerhalb des Deutschen Museums waren, an denen die letzten Schnurtelefone der Menschheit unter LED-gespickten Sperrholzwänden die Zeitläufte überdauert hatten.

    „… Bonn-Montabaur-Limburg Süd-Frankfurt-Flughafen-Fernbahnhof-Hamburg-Potsdam-Leipzig …“, arbeitete sich die Lautsprecherstimme ungerührt weiter durch die Bundesrepublik.

    Die Städtenamen sprangen munter zwischen Nord- und Ostsee hin und her, runter an den Bodensee und entlang der großen Flüsse wieder zurück.

    Ich überlegte fieberhaft, wo ich noch ein Zelt auftreiben konnte, oder wenigstens eine Decke, um auf dem Bahnsteig mein Lager für die nahende Nacht aufzuschlagen.

    Hatte Köln-Deutz eine Bahnhofs-Mission?

    „… Aschaffenburg-Würzburg-Kiel-Travemünde-Neustadt-Erfurt-Ingolstadt-Neuburg-Ulm-…“ fuhr die Stimme aus den Lautsprechern unbeirrt fort.

    „Verstehste nur Bahnhof“, sagte das Hawaiihemd – und blickte überrascht hoch.

    Ich war dem dritten Kollisionskontakt mit seinem Ellbogen entgangen.

    Ich war aufgesprungen.

    Doch nicht überall

    Denn was mich in die Höhe getrieben hatte, war eine Schrift.

    Auf dem Zugzielanzeiger, der den halben Bahnsteig überspannte, erschien, kaum zu glauben, in weiß-gelblichen Pixeln auf mittelblauem Untergrund eine Zugnummer, meine Zugnummer!

    Dahinter stand, groß und deutlich, „München“ – selten hatte ich mich so über den Namen dieser Stadt gefreut.

    Ich tippte stumm, dem Hawaiihemd zum lässigen Gruße, an meinen imaginären schwarzen Hut.

    „Blöd“, sagte ich. „Haste falschen Zug. Musste bleiben.“

    Dann trollte ich mich mit meinem schwarzen Trolley Richtung Bahnsteigabschnitt B, wo in wenigen Minuten für mich die Tür aufgehen sollte, die Tür eines ICE, der mich nach Hause bringen würde.

    Endlich.

    Mit nur dreihundertsiebenunvierzig Minuten Verspätung.

    Tucumcari war heute nicht überall.

    Von 1910 bis ca. 1930 war Tucumcari ein veritables Zentrum des Schienenverkehrs. Das Städtchen in New Mexico hatte einen Lokschuppen, ein Depot und einen Wasserturm. Heute zählt es 5.363 Einwohner.

    1965 hatte Tucumcari in der Anfangssequenz von Sergio Leones „Für ein paar Dollar mehr“ seine bisher bedeutendste Erwähnung. Zumindest in der Filmgeschichte.

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  14. #folge21 #BlaBlaRing

    In Agenturen ist die Taktung immer immens hoch. Welche weitreichenden Auswirkungen ein digitaler Taktgeber am Handgelenk mit sich bringen kann, hat Buddy Müller zunächst nicht bedacht.

    Dass wir mit Geräten sprechen, ist nichts ungewöhnliches. Es gibt Menschen, die sprechen mit ihrer Spülmaschine. Oder mit ihrem Auto. Große Kolumnisten sprechen schon mal gerne mit ihrem Kühlschrank, und ich, nun ja, ich spreche schon seit längerem mit meinem MacBook Pro, das nie um eine Antwort verlegen ist.

    Zum Glück kann nur ich ihn hören.

    Gänzlich anders dagegen verhielt es sich mit dem digitalen Fortschrittsstück, das seit kurzem mein Handgelenk zierte. Das mit mir sprach. Kommunizierte. Und mich trieb.

    Lahme sollen damit wieder laufen lernen, hatte meine Frau gesagt, als sie mir die Uhr als Geschenk überreichte. Einen sakralen Hintergrund dieser Bemerkung konnte ich schlechten Gewissens und mit morgendlichem Blick auf die Waage ausschließen. Auch wenn für manche Apple-Jünger Jesus aus Cupertino stammte: Der jüngste große Wurf der Marke mit dem angebissenen Apfel sollte mich weg vom Rechner und zurück auf das Laufband bringen.

    Ich legte die Uhr an.

    Und die legte los.

    Kaffee oder Kontemplation?

    Die ersten Tage zählten wohl als Eingewöhnungsphase. Meine Uhr meldete sich immer wieder mit hellem Glockenklang und motivierenden Botschaften wie „Fantastischer Start!“ oder „Neuer Bewegungsrekord!“.

    Auf dem Bildschirm rotierten „Badges“, digitale Auszeichnungen, die ich wie am Schnürchen sammelte. Erstaunlich, was mein Puls und die Leitfähigkeit meiner Haut den Sensoren meiner Uhr alles verrieten.

    Dann, es war einer der ersten Tage zurück in der Agentur, in Präsenz, frisch geboostert. Ich wollte meinem vermissten Morgenritual frönen und mir einen Lungo Sartana aus der Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens ziehen.

    „BING!“ machte meine Uhr.

    „Bevor du dich in den Tag stürzt“, stand strahlend weiß auf spiegelndem Schwarz, „nimm dir ein paar Minuten Zeit und reflektiere ein wichtiges Thema.“

    Aber gerne doch. Der wichtigen Themen gab es schließlich genug.

    Während ich auf die psychedelischen Farbmuster starrte, die an meinem Handgelenk entstanden und verschwanden, überlegte ich, welches Thema ich wählen sollte.

    Etwa Qwertz‘ Wunsch nach mehr Gehalt. Den er, mein Lieblings-Team-Lead, „zufällig“ unmittelbar nach der Veröffentlichung unseres positiven Jahresabschlusses geäußert hatte – was mir wieder den Puls bis zu den Ohrläppchen trieb.

    Oder das Pitchbriefing zur Erstellung einer Content-Strategie für den weltweit führendsten Hersteller von Pendelhubsägen Deutschlands – dessen kurzfristiger Abgabetermin das Pulsäquivalent eines 100-Meter-Sprints auslöste.

    Oder aber, ähnlich pulstreibend, mein unbedachtes „Hoffentlich“ zur Neujahrsansprache meines Managing Directors, des EmmDee, der, über Vergänglichkeit sinnierend, wähnte, es könne seine letzte Rede sein …

    Ein mehrstimmiges Räuspern in meinem Rücken riss mich aus meiner Selbstbetrachtung.

    Ich wirbelte herum, erblickte eine ganze Reihe wartender Kolleginnen und Kollegen mit Kaffeedurst in den Augen.

    Gleichzeitig quittierte mir mein Nicht-nur-Zeitmesser lautstark – BING! BING! – das Schließen des Bewegungs- und des Stehrings.

    Was wiederum zu hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Blicken führte (diese Kollegen merkte ich mir genau).

    „Ahh, gut“, sagte ich, während ich mich aus der Agenturküche davon machte, „mein Uhr-Instinkt sagt mir, ich lass euch dann mal an die Maschine.“

    Mitarbeitende zu Uhrmenschen

    Tagelang sammelte ich weitere digitale Auszeichnungen, etwa für Achtsamkeitsbestmarken, die Verdoppelung meines Kalorienverbrauchsziels (was nicht hieß, dass ich die Ziele auch erreichte) und die längste tägliche Gehstrecke (circa 20mal täglich von meinem Büro zur Siebträgermaschine und zurück).

    Falls ich tatsächlich das Atmen vergaß, erinnerte mich meine Uhr mit deutlichem Vibrieren daran, dass es wieder mal Zeit sei Luft zu holen.

    Da hatte ich die Idee aller Ideen, die Uhridee. Sie würde helfen, Gehaltsansprüche endlich angemessen zu bemessen, Pitches drastisch zu beschleunigen und sie würde mich bei meinem EmmDee wieder ins rechte Licht rücken.

    Ich wandte mich an Brad MacCloud, mein stets hilfsbereites MacBook Pro.

    „Du hast dich sicher schon mit ihr bekannt gemacht?“, fragte ich und deutete auf mein Handgelenk.

    Brads Kameraauge verdunkelte sich. „Natürlich“, sagte er wortkarg. „Madame hat eigene Vorstellungen, wie man miteinander umgeht.“

    „Die uhreigensten Vorstellungen“, witzelte ich. Und fügte schnell hinzu: „Sie hält mich ganz schön auf Trab.“

    „In ihrer Vorversion war sie an einem Unternehmensberater“, sagte Brad tonlos.

    Das erklärte manches.

    „Du meinst, so ein richtiger Unternehmensberater?“, fragte ich. „So mit Leistung messen und Prozesse verbessern? Mit Kästchen ziehen und FTE entlassen?“

    Das würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, fuhr ich fort. Denn ich hätte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, nachgerade bahnbrechend, die Brad doch bitte zeitnah mit meiner Uhr durchgehen solle.

    Und natürlich umsetzen.

    Voraussetzung: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter solle mit so einer Apple-Watch ausgestattet werden.

    Papperlapapp und Performance

    Als Senior Project Supervisor trage ich schließlich eine enorme Verantwortung in unserem Laden. Es ist ja nicht nur die physische Fitness wichtig, um den Job gut zu machen.

    „Auch die psychische Fitness?“, fragte Brad.

    Papperlapapp, mir ging es um die pure Performance.

    „Ich will einfache Kenngrößen“, sagte ich zu Brad. „Etwa Pitch-Anzahl pro Monat, Angebote pro Woche, E-Mails pro Stunde oder Chat-Nachrichten pro Minute.“

    Das alles müsse an der Veränderung des Blutdrucks messbar sein, so mein Kalkül.

    Damit nicht genug, das Messen würde aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sein: Für die Redaktion sollte es den Content-Ring geben. Die Grafik hätte täglich, nein, besser stündlich den Design-Ring zu schließen, und das Controlling würde am Rendite-Ring gemessen. Der bei schwarzen Zahlen fröhlich wie eine Registrierkasse klingelte und bei roten Zahlen höllisch feuersprühend rotierte.

    Die digitalen Auszeichnungen würden endlich und zeitnah, also sofort, über unser Intranet die von vielen vermisste interne Wertschätzung gegenüber allen Kolleginnen und Kollegen eindeutig dokumentieren.

    Statt den „Mitarbeitenden des Monats“ würde es künftig den „Uhrmenschen der Woche“ geben.

    Sogar die leidigen Erinnerungen an die Zeiterfassung könnten endlich abgeschafft werden, wenn jeder Mitarbeiter so einen digitalen Taktgeber am Arm trüge.

    „Ab einer Woche nicht eintragen: einmal täglich Vibrieren“, überlegte ich. „Ab zwei, drei, vier Wochen nicht eintragen: zweimal, dreimal, viermal täglich Vibrieren.“

    „Und danach?“, fragte Brad unsicher.

    „Stromstöße?“, fragte ich zurück. „Nur so kleine? Nur so ein bisschen?“

    Brads Kameraauge glühte auf.

    Ich spürte förmlich, wie er seine Arbeitsspeicher aufpumpte, um mir eine Replik entgegenzuschmettern.

    Er kam nicht dazu.

    „BING! BING! BING!“, lärmte meine Uhr und rüttelte an meinem Handgelenk. Auf dem Bildschirm stand: „Du hast den Blabla-Ring geschlossen.“

    Weiter unten stand zu lesen: „Du hast den Aufmerksamkeitsrekord geschafft. Mache weiter so!“

    Ich blickte von der Uhr zu Brad, zurück zur Uhr, zurück zu Brad.

    „Das wird eher un- als uhrgemütlich“, kommentierte Brad.

    Ich wusste, was ich zu tun hatte.

    Ich öffnete den Verschluss meiner Uhr und sagte: „Ich brauche Uhrlaub. Dringend.“

    In vielen Jahren des Agenturlebens hat Buddy Müller eine Reihe an Zeiterfassungssystemen kennengelernt. Allen gemeinsam ist, dass sie dem letzten großen Rätsel der Menschheit auf der Spur sind: das verursachungsnahe Messen und schließlich die Verrechenbarkeit geleisteter Agenturstunden.

    Buddy Müller vermutet, dass dieses Rätsel niemals gelöst werden wird.

    Schließe dich 1.622 anderen Abonnenten an #Achtsamkeit #Agenturleben #Agentursatire #Apple #Atmen #Bewegungsring #Blablaring #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #Corona #CorporatePublishing #Fitness #Meeting #Pitch #Taktung #Trainingsring #Watch #Zeiterfassung
  15. #folge21 #BlaBlaRing

    In Agenturen ist die Taktung immer immens hoch. Welche weitreichenden Auswirkungen ein digitaler Taktgeber am Handgelenk mit sich bringen kann, hat Buddy Müller zunächst nicht bedacht.

    Dass wir mit Geräten sprechen, ist nichts ungewöhnliches. Es gibt Menschen, die sprechen mit ihrer Spülmaschine. Oder mit ihrem Auto. Große Kolumnisten sprechen schon mal gerne mit ihrem Kühlschrank, und ich, nun ja, ich spreche schon seit längerem mit meinem MacBook Pro, das nie um eine Antwort verlegen ist.

    Zum Glück kann nur ich ihn hören.

    Gänzlich anders dagegen verhielt es sich mit dem digitalen Fortschrittsstück, das seit kurzem mein Handgelenk zierte. Das mit mir sprach. Kommunizierte. Und mich trieb.

    Lahme sollen damit wieder laufen lernen, hatte meine Frau gesagt, als sie mir die Uhr als Geschenk überreichte. Einen sakralen Hintergrund dieser Bemerkung konnte ich schlechten Gewissens und mit morgendlichem Blick auf die Waage ausschließen. Auch wenn für manche Apple-Jünger Jesus aus Cupertino stammte: Der jüngste große Wurf der Marke mit dem angebissenen Apfel sollte mich weg vom Rechner und zurück auf das Laufband bringen.

    Ich legte die Uhr an.

    Und die legte los.

    Kaffee oder Kontemplation?

    Die ersten Tage zählten wohl als Eingewöhnungsphase. Meine Uhr meldete sich immer wieder mit hellem Glockenklang und motivierenden Botschaften wie „Fantastischer Start!“ oder „Neuer Bewegungsrekord!“.

    Auf dem Bildschirm rotierten „Badges“, digitale Auszeichnungen, die ich wie am Schnürchen sammelte. Erstaunlich, was mein Puls und die Leitfähigkeit meiner Haut den Sensoren meiner Uhr alles verrieten.

    Dann, es war einer der ersten Tage zurück in der Agentur, in Präsenz, frisch geboostert. Ich wollte meinem vermissten Morgenritual frönen und mir einen Lungo Sartana aus der Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens ziehen.

    „BING!“ machte meine Uhr.

    „Bevor du dich in den Tag stürzt“, stand strahlend weiß auf spiegelndem Schwarz, „nimm dir ein paar Minuten Zeit und reflektiere ein wichtiges Thema.“

    Aber gerne doch. Der wichtigen Themen gab es schließlich genug.

    Während ich auf die psychedelischen Farbmuster starrte, die an meinem Handgelenk entstanden und verschwanden, überlegte ich, welches Thema ich wählen sollte.

    Etwa Qwertz‘ Wunsch nach mehr Gehalt. Den er, mein Lieblings-Team-Lead, „zufällig“ unmittelbar nach der Veröffentlichung unseres positiven Jahresabschlusses geäußert hatte – was mir wieder den Puls bis zu den Ohrläppchen trieb.

    Oder das Pitchbriefing zur Erstellung einer Content-Strategie für den weltweit führendsten Hersteller von Pendelhubsägen Deutschlands – dessen kurzfristiger Abgabetermin das Pulsäquivalent eines 100-Meter-Sprints auslöste.

    Oder aber, ähnlich pulstreibend, mein unbedachtes „Hoffentlich“ zur Neujahrsansprache meines Managing Directors, des EmmDee, der, über Vergänglichkeit sinnierend, wähnte, es könne seine letzte Rede sein …

    Ein mehrstimmiges Räuspern in meinem Rücken riss mich aus meiner Selbstbetrachtung.

    Ich wirbelte herum, erblickte eine ganze Reihe wartender Kolleginnen und Kollegen mit Kaffeedurst in den Augen.

    Gleichzeitig quittierte mir mein Nicht-nur-Zeitmesser lautstark – BING! BING! – das Schließen des Bewegungs- und des Stehrings.

    Was wiederum zu hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Blicken führte (diese Kollegen merkte ich mir genau).

    „Ahh, gut“, sagte ich, während ich mich aus der Agenturküche davon machte, „mein Uhr-Instinkt sagt mir, ich lass euch dann mal an die Maschine.“

    Mitarbeitende zu Uhrmenschen

    Tagelang sammelte ich weitere digitale Auszeichnungen, etwa für Achtsamkeitsbestmarken, die Verdoppelung meines Kalorienverbrauchsziels (was nicht hieß, dass ich die Ziele auch erreichte) und die längste tägliche Gehstrecke (circa 20mal täglich von meinem Büro zur Siebträgermaschine und zurück).

    Falls ich tatsächlich das Atmen vergaß, erinnerte mich meine Uhr mit deutlichem Vibrieren daran, dass es wieder mal Zeit sei Luft zu holen.

    Da hatte ich die Idee aller Ideen, die Uhridee. Sie würde helfen, Gehaltsansprüche endlich angemessen zu bemessen, Pitches drastisch zu beschleunigen und sie würde mich bei meinem EmmDee wieder ins rechte Licht rücken.

    Ich wandte mich an Brad MacCloud, mein stets hilfsbereites MacBook Pro.

    „Du hast dich sicher schon mit ihr bekannt gemacht?“, fragte ich und deutete auf mein Handgelenk.

    Brads Kameraauge verdunkelte sich. „Natürlich“, sagte er wortkarg. „Madame hat eigene Vorstellungen, wie man miteinander umgeht.“

    „Die uhreigensten Vorstellungen“, witzelte ich. Und fügte schnell hinzu: „Sie hält mich ganz schön auf Trab.“

    „In ihrer Vorversion war sie an einem Unternehmensberater“, sagte Brad tonlos.

    Das erklärte manches.

    „Du meinst, so ein richtiger Unternehmensberater?“, fragte ich. „So mit Leistung messen und Prozesse verbessern? Mit Kästchen ziehen und FTE entlassen?“

    Das würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, fuhr ich fort. Denn ich hätte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, nachgerade bahnbrechend, die Brad doch bitte zeitnah mit meiner Uhr durchgehen solle.

    Und natürlich umsetzen.

    Voraussetzung: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter solle mit so einer Apple-Watch ausgestattet werden.

    Papperlapapp und Performance

    Als Senior Project Supervisor trage ich schließlich eine enorme Verantwortung in unserem Laden. Es ist ja nicht nur die physische Fitness wichtig, um den Job gut zu machen.

    „Auch die psychische Fitness?“, fragte Brad.

    Papperlapapp, mir ging es um die pure Performance.

    „Ich will einfache Kenngrößen“, sagte ich zu Brad. „Etwa Pitch-Anzahl pro Monat, Angebote pro Woche, E-Mails pro Stunde oder Chat-Nachrichten pro Minute.“

    Das alles müsse an der Veränderung des Blutdrucks messbar sein, so mein Kalkül.

    Damit nicht genug, das Messen würde aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sein: Für die Redaktion sollte es den Content-Ring geben. Die Grafik hätte täglich, nein, besser stündlich den Design-Ring zu schließen, und das Controlling würde am Rendite-Ring gemessen. Der bei schwarzen Zahlen fröhlich wie eine Registrierkasse klingelte und bei roten Zahlen höllisch feuersprühend rotierte.

    Die digitalen Auszeichnungen würden endlich und zeitnah, also sofort, über unser Intranet die von vielen vermisste interne Wertschätzung gegenüber allen Kolleginnen und Kollegen eindeutig dokumentieren.

    Statt den „Mitarbeitenden des Monats“ würde es künftig den „Uhrmenschen der Woche“ geben.

    Sogar die leidigen Erinnerungen an die Zeiterfassung könnten endlich abgeschafft werden, wenn jeder Mitarbeiter so einen digitalen Taktgeber am Arm trüge.

    „Ab einer Woche nicht eintragen: einmal täglich Vibrieren“, überlegte ich. „Ab zwei, drei, vier Wochen nicht eintragen: zweimal, dreimal, viermal täglich Vibrieren.“

    „Und danach?“, fragte Brad unsicher.

    „Stromstöße?“, fragte ich zurück. „Nur so kleine? Nur so ein bisschen?“

    Brads Kameraauge glühte auf.

    Ich spürte förmlich, wie er seine Arbeitsspeicher aufpumpte, um mir eine Replik entgegenzuschmettern.

    Er kam nicht dazu.

    „BING! BING! BING!“, lärmte meine Uhr und rüttelte an meinem Handgelenk. Auf dem Bildschirm stand: „Du hast den Blabla-Ring geschlossen.“

    Weiter unten stand zu lesen: „Du hast den Aufmerksamkeitsrekord geschafft. Mache weiter so!“

    Ich blickte von der Uhr zu Brad, zurück zur Uhr, zurück zu Brad.

    „Das wird eher un- als uhrgemütlich“, kommentierte Brad.

    Ich wusste, was ich zu tun hatte.

    Ich öffnete den Verschluss meiner Uhr und sagte: „Ich brauche Uhrlaub. Dringend.“

    In vielen Jahren des Agenturlebens hat Buddy Müller eine Reihe an Zeiterfassungssystemen kennengelernt. Allen gemeinsam ist, dass sie dem letzten großen Rätsel der Menschheit auf der Spur sind: das verursachungsnahe Messen und schließlich die Verrechenbarkeit geleisteter Agenturstunden.

    Buddy Müller vermutet, dass dieses Rätsel niemals gelöst werden wird.

    Schließe dich 1.622 anderen Abonnenten an #Achtsamkeit #Agenturleben #Agentursatire #Apple #Atmen #Bewegungsring #Blablaring #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #Corona #CorporatePublishing #Fitness #Meeting #Pitch #Taktung #Trainingsring #Watch #Zeiterfassung
  16. #folge21 #BlaBlaRing

    In Agenturen ist die Taktung immer immens hoch. Welche weitreichenden Auswirkungen ein digitaler Taktgeber am Handgelenk mit sich bringen kann, hat Buddy Müller zunächst nicht bedacht.

    Dass wir mit Geräten sprechen, ist nichts ungewöhnliches. Es gibt Menschen, die sprechen mit ihrer Spülmaschine. Oder mit ihrem Auto. Große Kolumnisten sprechen schon mal gerne mit ihrem Kühlschrank, und ich, nun ja, ich spreche schon seit längerem mit meinem MacBook Pro, das nie um eine Antwort verlegen ist.

    Zum Glück kann nur ich ihn hören.

    Gänzlich anders dagegen verhielt es sich mit dem digitalen Fortschrittsstück, das seit kurzem mein Handgelenk zierte. Das mit mir sprach. Kommunizierte. Und mich trieb.

    Lahme sollen damit wieder laufen lernen, hatte meine Frau gesagt, als sie mir die Uhr als Geschenk überreichte. Einen sakralen Hintergrund dieser Bemerkung konnte ich schlechten Gewissens und mit morgendlichem Blick auf die Waage ausschließen. Auch wenn für manche Apple-Jünger Jesus aus Cupertino stammte: Der jüngste große Wurf der Marke mit dem angebissenen Apfel sollte mich weg vom Rechner und zurück auf das Laufband bringen.

    Ich legte die Uhr an.

    Und die legte los.

    Kaffee oder Kontemplation?

    Die ersten Tage zählten wohl als Eingewöhnungsphase. Meine Uhr meldete sich immer wieder mit hellem Glockenklang und motivierenden Botschaften wie „Fantastischer Start!“ oder „Neuer Bewegungsrekord!“.

    Auf dem Bildschirm rotierten „Badges“, digitale Auszeichnungen, die ich wie am Schnürchen sammelte. Erstaunlich, was mein Puls und die Leitfähigkeit meiner Haut den Sensoren meiner Uhr alles verrieten.

    Dann, es war einer der ersten Tage zurück in der Agentur, in Präsenz, frisch geboostert. Ich wollte meinem vermissten Morgenritual frönen und mir einen Lungo Sartana aus der Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens ziehen.

    „BING!“ machte meine Uhr.

    „Bevor du dich in den Tag stürzt“, stand strahlend weiß auf spiegelndem Schwarz, „nimm dir ein paar Minuten Zeit und reflektiere ein wichtiges Thema.“

    Aber gerne doch. Der wichtigen Themen gab es schließlich genug.

    Während ich auf die psychedelischen Farbmuster starrte, die an meinem Handgelenk entstanden und verschwanden, überlegte ich, welches Thema ich wählen sollte.

    Etwa Qwertz‘ Wunsch nach mehr Gehalt. Den er, mein Lieblings-Team-Lead, „zufällig“ unmittelbar nach der Veröffentlichung unseres positiven Jahresabschlusses geäußert hatte – was mir wieder den Puls bis zu den Ohrläppchen trieb.

    Oder das Pitchbriefing zur Erstellung einer Content-Strategie für den weltweit führendsten Hersteller von Pendelhubsägen Deutschlands – dessen kurzfristiger Abgabetermin das Pulsäquivalent eines 100-Meter-Sprints auslöste.

    Oder aber, ähnlich pulstreibend, mein unbedachtes „Hoffentlich“ zur Neujahrsansprache meines Managing Directors, des EmmDee, der, über Vergänglichkeit sinnierend, wähnte, es könne seine letzte Rede sein …

    Ein mehrstimmiges Räuspern in meinem Rücken riss mich aus meiner Selbstbetrachtung.

    Ich wirbelte herum, erblickte eine ganze Reihe wartender Kolleginnen und Kollegen mit Kaffeedurst in den Augen.

    Gleichzeitig quittierte mir mein Nicht-nur-Zeitmesser lautstark – BING! BING! – das Schließen des Bewegungs- und des Stehrings.

    Was wiederum zu hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Blicken führte (diese Kollegen merkte ich mir genau).

    „Ahh, gut“, sagte ich, während ich mich aus der Agenturküche davon machte, „mein Uhr-Instinkt sagt mir, ich lass euch dann mal an die Maschine.“

    Mitarbeitende zu Uhrmenschen

    Tagelang sammelte ich weitere digitale Auszeichnungen, etwa für Achtsamkeitsbestmarken, die Verdoppelung meines Kalorienverbrauchsziels (was nicht hieß, dass ich die Ziele auch erreichte) und die längste tägliche Gehstrecke (circa 20mal täglich von meinem Büro zur Siebträgermaschine und zurück).

    Falls ich tatsächlich das Atmen vergaß, erinnerte mich meine Uhr mit deutlichem Vibrieren daran, dass es wieder mal Zeit sei Luft zu holen.

    Da hatte ich die Idee aller Ideen, die Uhridee. Sie würde helfen, Gehaltsansprüche endlich angemessen zu bemessen, Pitches drastisch zu beschleunigen und sie würde mich bei meinem EmmDee wieder ins rechte Licht rücken.

    Ich wandte mich an Brad MacCloud, mein stets hilfsbereites MacBook Pro.

    „Du hast dich sicher schon mit ihr bekannt gemacht?“, fragte ich und deutete auf mein Handgelenk.

    Brads Kameraauge verdunkelte sich. „Natürlich“, sagte er wortkarg. „Madame hat eigene Vorstellungen, wie man miteinander umgeht.“

    „Die uhreigensten Vorstellungen“, witzelte ich. Und fügte schnell hinzu: „Sie hält mich ganz schön auf Trab.“

    „In ihrer Vorversion war sie an einem Unternehmensberater“, sagte Brad tonlos.

    Das erklärte manches.

    „Du meinst, so ein richtiger Unternehmensberater?“, fragte ich. „So mit Leistung messen und Prozesse verbessern? Mit Kästchen ziehen und FTE entlassen?“

    Das würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, fuhr ich fort. Denn ich hätte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, nachgerade bahnbrechend, die Brad doch bitte zeitnah mit meiner Uhr durchgehen solle.

    Und natürlich umsetzen.

    Voraussetzung: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter solle mit so einer Apple-Watch ausgestattet werden.

    Papperlapapp und Performance

    Als Senior Project Supervisor trage ich schließlich eine enorme Verantwortung in unserem Laden. Es ist ja nicht nur die physische Fitness wichtig, um den Job gut zu machen.

    „Auch die psychische Fitness?“, fragte Brad.

    Papperlapapp, mir ging es um die pure Performance.

    „Ich will einfache Kenngrößen“, sagte ich zu Brad. „Etwa Pitch-Anzahl pro Monat, Angebote pro Woche, E-Mails pro Stunde oder Chat-Nachrichten pro Minute.“

    Das alles müsse an der Veränderung des Blutdrucks messbar sein, so mein Kalkül.

    Damit nicht genug, das Messen würde aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sein: Für die Redaktion sollte es den Content-Ring geben. Die Grafik hätte täglich, nein, besser stündlich den Design-Ring zu schließen, und das Controlling würde am Rendite-Ring gemessen. Der bei schwarzen Zahlen fröhlich wie eine Registrierkasse klingelte und bei roten Zahlen höllisch feuersprühend rotierte.

    Die digitalen Auszeichnungen würden endlich und zeitnah, also sofort, über unser Intranet die von vielen vermisste interne Wertschätzung gegenüber allen Kolleginnen und Kollegen eindeutig dokumentieren.

    Statt den „Mitarbeitenden des Monats“ würde es künftig den „Uhrmenschen der Woche“ geben.

    Sogar die leidigen Erinnerungen an die Zeiterfassung könnten endlich abgeschafft werden, wenn jeder Mitarbeiter so einen digitalen Taktgeber am Arm trüge.

    „Ab einer Woche nicht eintragen: einmal täglich Vibrieren“, überlegte ich. „Ab zwei, drei, vier Wochen nicht eintragen: zweimal, dreimal, viermal täglich Vibrieren.“

    „Und danach?“, fragte Brad unsicher.

    „Stromstöße?“, fragte ich zurück. „Nur so kleine? Nur so ein bisschen?“

    Brads Kameraauge glühte auf.

    Ich spürte förmlich, wie er seine Arbeitsspeicher aufpumpte, um mir eine Replik entgegenzuschmettern.

    Er kam nicht dazu.

    „BING! BING! BING!“, lärmte meine Uhr und rüttelte an meinem Handgelenk. Auf dem Bildschirm stand: „Du hast den Blabla-Ring geschlossen.“

    Weiter unten stand zu lesen: „Du hast den Aufmerksamkeitsrekord geschafft. Mache weiter so!“

    Ich blickte von der Uhr zu Brad, zurück zur Uhr, zurück zu Brad.

    „Das wird eher un- als uhrgemütlich“, kommentierte Brad.

    Ich wusste, was ich zu tun hatte.

    Ich öffnete den Verschluss meiner Uhr und sagte: „Ich brauche Uhrlaub. Dringend.“

    In vielen Jahren des Agenturlebens hat Buddy Müller eine Reihe an Zeiterfassungssystemen kennengelernt. Allen gemeinsam ist, dass sie dem letzten großen Rätsel der Menschheit auf der Spur sind: das verursachungsnahe Messen und schließlich die Verrechenbarkeit geleisteter Agenturstunden.

    Buddy Müller vermutet, dass dieses Rätsel niemals gelöst werden wird.

    Schließe dich 1.622 anderen Abonnenten an #Achtsamkeit #Agenturleben #Agentursatire #Apple #Atmen #Bewegungsring #Blablaring #BradMacCloud #BuddyMüller #ContentMarketing #Corona #CorporatePublishing #Fitness #Meeting #Pitch #Taktung #Trainingsring #Watch #Zeiterfassung
  17. #folge21 #BlaBlaRing

    In Agenturen ist die Taktung immer immens hoch. Welche weitreichenden Auswirkungen ein digitaler Taktgeber am Handgelenk mit sich bringen kann, hat Buddy Müller zunächst nicht bedacht.

    Dass wir mit Geräten sprechen, ist nichts ungewöhnliches. Es gibt Menschen, die sprechen mit ihrer Spülmaschine. Oder mit ihrem Auto. Große Kolumnisten sprechen schon mal gerne mit ihrem Kühlschrank, und ich, nun ja, ich spreche schon seit längerem mit meinem MacBook Pro, das nie um eine Antwort verlegen ist.

    Zum Glück kann nur ich ihn hören.

    Gänzlich anders dagegen verhielt es sich mit dem digitalen Fortschrittsstück, das seit kurzem mein Handgelenk zierte. Das mit mir sprach. Kommunizierte. Und mich trieb.

    Lahme sollen damit wieder laufen lernen, hatte meine Frau gesagt, als sie mir die Uhr als Geschenk überreichte. Einen sakralen Hintergrund dieser Bemerkung konnte ich schlechten Gewissens und mit morgendlichem Blick auf die Waage ausschließen. Auch wenn für manche Apple-Jünger Jesus aus Cupertino stammte: Der jüngste große Wurf der Marke mit dem angebissenen Apfel sollte mich weg vom Rechner und zurück auf das Laufband bringen.

    Ich legte die Uhr an.

    Und die legte los.

    Kaffee oder Kontemplation?

    Die ersten Tage zählten wohl als Eingewöhnungsphase. Meine Uhr meldete sich immer wieder mit hellem Glockenklang und motivierenden Botschaften wie „Fantastischer Start!“ oder „Neuer Bewegungsrekord!“.

    Auf dem Bildschirm rotierten „Badges“, digitale Auszeichnungen, die ich wie am Schnürchen sammelte. Erstaunlich, was mein Puls und die Leitfähigkeit meiner Haut den Sensoren meiner Uhr alles verrieten.

    Dann, es war einer der ersten Tage zurück in der Agentur, in Präsenz, frisch geboostert. Ich wollte meinem vermissten Morgenritual frönen und mir einen Lungo Sartana aus der Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens ziehen.

    „BING!“ machte meine Uhr.

    „Bevor du dich in den Tag stürzt“, stand strahlend weiß auf spiegelndem Schwarz, „nimm dir ein paar Minuten Zeit und reflektiere ein wichtiges Thema.“

    Aber gerne doch. Der wichtigen Themen gab es schließlich genug.

    Während ich auf die psychedelischen Farbmuster starrte, die an meinem Handgelenk entstanden und verschwanden, überlegte ich, welches Thema ich wählen sollte.

    Etwa Qwertz‘ Wunsch nach mehr Gehalt. Den er, mein Lieblings-Team-Lead, „zufällig“ unmittelbar nach der Veröffentlichung unseres positiven Jahresabschlusses geäußert hatte – was mir wieder den Puls bis zu den Ohrläppchen trieb.

    Oder das Pitchbriefing zur Erstellung einer Content-Strategie für den weltweit führendsten Hersteller von Pendelhubsägen Deutschlands – dessen kurzfristiger Abgabetermin das Pulsäquivalent eines 100-Meter-Sprints auslöste.

    Oder aber, ähnlich pulstreibend, mein unbedachtes „Hoffentlich“ zur Neujahrsansprache meines Managing Directors, des EmmDee, der, über Vergänglichkeit sinnierend, wähnte, es könne seine letzte Rede sein …

    Ein mehrstimmiges Räuspern in meinem Rücken riss mich aus meiner Selbstbetrachtung.

    Ich wirbelte herum, erblickte eine ganze Reihe wartender Kolleginnen und Kollegen mit Kaffeedurst in den Augen.

    Gleichzeitig quittierte mir mein Nicht-nur-Zeitmesser lautstark – BING! BING! – das Schließen des Bewegungs- und des Stehrings.

    Was wiederum zu hochgezogenen Augenbrauen und mitleidigen Blicken führte (diese Kollegen merkte ich mir genau).

    „Ahh, gut“, sagte ich, während ich mich aus der Agenturküche davon machte, „mein Uhr-Instinkt sagt mir, ich lass euch dann mal an die Maschine.“

    Mitarbeitende zu Uhrmenschen

    Tagelang sammelte ich weitere digitale Auszeichnungen, etwa für Achtsamkeitsbestmarken, die Verdoppelung meines Kalorienverbrauchsziels (was nicht hieß, dass ich die Ziele auch erreichte) und die längste tägliche Gehstrecke (circa 20mal täglich von meinem Büro zur Siebträgermaschine und zurück).

    Falls ich tatsächlich das Atmen vergaß, erinnerte mich meine Uhr mit deutlichem Vibrieren daran, dass es wieder mal Zeit sei Luft zu holen.

    Da hatte ich die Idee aller Ideen, die Uhridee. Sie würde helfen, Gehaltsansprüche endlich angemessen zu bemessen, Pitches drastisch zu beschleunigen und sie würde mich bei meinem EmmDee wieder ins rechte Licht rücken.

    Ich wandte mich an Brad MacCloud, mein stets hilfsbereites MacBook Pro.

    „Du hast dich sicher schon mit ihr bekannt gemacht?“, fragte ich und deutete auf mein Handgelenk.

    Brads Kameraauge verdunkelte sich. „Natürlich“, sagte er wortkarg. „Madame hat eigene Vorstellungen, wie man miteinander umgeht.“

    „Die uhreigensten Vorstellungen“, witzelte ich. Und fügte schnell hinzu: „Sie hält mich ganz schön auf Trab.“

    „In ihrer Vorversion war sie an einem Unternehmensberater“, sagte Brad tonlos.

    Das erklärte manches.

    „Du meinst, so ein richtiger Unternehmensberater?“, fragte ich. „So mit Leistung messen und Prozesse verbessern? Mit Kästchen ziehen und FTE entlassen?“

    Das würde ungeahnte Möglichkeiten eröffnen, fuhr ich fort. Denn ich hätte eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen, nachgerade bahnbrechend, die Brad doch bitte zeitnah mit meiner Uhr durchgehen solle.

    Und natürlich umsetzen.

    Voraussetzung: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter solle mit so einer Apple-Watch ausgestattet werden.

    Papperlapapp und Performance

    Als Senior Project Supervisor trage ich schließlich eine enorme Verantwortung in unserem Laden. Es ist ja nicht nur die physische Fitness wichtig, um den Job gut zu machen.

    „Auch die psychische Fitness?“, fragte Brad.

    Papperlapapp, mir ging es um die pure Performance.

    „Ich will einfache Kenngrößen“, sagte ich zu Brad. „Etwa Pitch-Anzahl pro Monat, Angebote pro Woche, E-Mails pro Stunde oder Chat-Nachrichten pro Minute.“

    Das alles müsse an der Veränderung des Blutdrucks messbar sein, so mein Kalkül.

    Damit nicht genug, das Messen würde aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sein: Für die Redaktion sollte es den Content-Ring geben. Die Grafik hätte täglich, nein, besser stündlich den Design-Ring zu schließen, und das Controlling würde am Rendite-Ring gemessen. Der bei schwarzen Zahlen fröhlich wie eine Registrierkasse klingelte und bei roten Zahlen höllisch feuersprühend rotierte.

    Die digitalen Auszeichnungen würden endlich und zeitnah, also sofort, über unser Intranet die von vielen vermisste interne Wertschätzung gegenüber allen Kolleginnen und Kollegen eindeutig dokumentieren.

    Statt den „Mitarbeitenden des Monats“ würde es künftig den „Uhrmenschen der Woche“ geben.

    Sogar die leidigen Erinnerungen an die Zeiterfassung könnten endlich abgeschafft werden, wenn jeder Mitarbeiter so einen digitalen Taktgeber am Arm trüge.

    „Ab einer Woche nicht eintragen: einmal täglich Vibrieren“, überlegte ich. „Ab zwei, drei, vier Wochen nicht eintragen: zweimal, dreimal, viermal täglich Vibrieren.“

    „Und danach?“, fragte Brad unsicher.

    „Stromstöße?“, fragte ich zurück. „Nur so kleine? Nur so ein bisschen?“

    Brads Kameraauge glühte auf.

    Ich spürte förmlich, wie er seine Arbeitsspeicher aufpumpte, um mir eine Replik entgegenzuschmettern.

    Er kam nicht dazu.

    „BING! BING! BING!“, lärmte meine Uhr und rüttelte an meinem Handgelenk. Auf dem Bildschirm stand: „Du hast den Blabla-Ring geschlossen.“

    Weiter unten stand zu lesen: „Du hast den Aufmerksamkeitsrekord geschafft. Mache weiter so!“

    Ich blickte von der Uhr zu Brad, zurück zur Uhr, zurück zu Brad.

    „Das wird eher un- als uhrgemütlich“, kommentierte Brad.

    Ich wusste, was ich zu tun hatte.

    Ich öffnete den Verschluss meiner Uhr und sagte: „Ich brauche Uhrlaub. Dringend.“

    In vielen Jahren des Agenturlebens hat Buddy Müller eine Reihe an Zeiterfassungssystemen kennengelernt. Allen gemeinsam ist, dass sie dem letzten großen Rätsel der Menschheit auf der Spur sind: das verursachungsnahe Messen und schließlich die Verrechenbarkeit geleisteter Agenturstunden.

    Buddy Müller vermutet, dass dieses Rätsel niemals gelöst werden wird.

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