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#geschichtsrelativismus — Public Fediverse posts

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  1. Die (no-)memoria der neurechten Erinnerungskultur


    Flexibler Geschichtsrevisionismus in Lateinamerika

    Lateinamerika erlebt aktuell eine besorgniserregende Rechtswende. Mittlerweile wird fast die gesamte Region von rechten politischen Kräften regiert. Diese unterscheiden sich bezüglich ihrer politischen Prioritäten (Sicherheit, Migration, Rückbau des Staates), ihres Stils und ihrer Rhetorik teilweise deutlich voneinander. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein kulturkämpferischer Eifer, der sich nicht zuletzt auf den Feldern der Vergangenheitspolitik und der Erinnerungskultur manifestiert.

    Konkret werden geschichtsrevisionistische Instrumente genutzt, um vermeintliche oder tatsächliche progressive Errungenschaften im Hinblick auf die Aufarbeitung der Vergangenheit anzugreifen und gleichzeitig eigene Geschichtsnarrative zu etablieren. Während der klassische Negationismus – also das Abstreiten der Faktizität von Verbrechen in der Vergangenheit – zweifellos fortbesteht, zeigen sich die gegenwärtigen Vertreter*innen der lateinamerikanischen Rechten durchaus innovativ und bieten darüber hinaus neue Interpretationsschemata an, um die vorherrschenden Diskurse der (moralischen) Verurteilung vergangener Gewaltgeschichten und insbesondere der staatlichen Verbrechen zu bekämpfen.

    Es geht ihnen nicht um das Ausblenden der „schweren Vergangenheit“ oder einer Politik des aktiven Vergessens oder Beschweigens. Im Gegenteil: Es ist zu beobachten, wie die neue Rechte in Lateinamerika etablierte Vergangenheitsnarrative aufgreift, die Dimension staatlicher Verbrechen nicht negiert, sondern relativiert und gleichzeitig für sich in Anspruch nimmt, Garanten des Gedenkens des Leidens bisher vergessener Opfergruppen zu sein. Hierfür bedient sie sich im Begriffsrepertoire der etablierten demokratischen Erinnerungskulturen (Wahrheit, Gerechtigkeit, Aufarbeitung) und setzt einen revisionistischen Anspruch um, der die mühsam erkämpften Errungenschaften in der Verurteilung staatlicher Verbrechen entkernt. Beim aktuellen neurechten Geschichtsrevisionismus in Lateinamerika handelt es sich nicht um einen monolithischen Leugnungsdiskurs. Die Angriffe auf die vorherrschenden Normen der Erinnerungskultur bedienen sich vielmehr aus einem flexiblen und kontextabhängig neu zusammensetzbaren Repertoire. Progressive politische Akteur*innen sollten diese erneuerte Spielart des Geschichtsrevisionismus ernst nehmen, da sich die neue Rechte damit zunehmend von einer plumpen Zurückweisung der breiten historiographischen Evidenz und Kausalitäten verabschiedet und zugleich an den Schwächen und Leerstellen der vorherrschenden Muster der Erinnerungskultur ansetzt.

    Durch die Brille der (no-)memoria

    Der neurechte Geschichtsrevisionismus erfordert eine Rekalibrierung des begrifflichen Instrumentariums der Erinnerungsforschung. Für die Analyse dieser Neubestimmung der vergangenheitspolitischen Positionierung scheint die Kategorie der (no-)memoria, die den Fokus auf spannungsreiche Dynamiken von Erinnerung und Desartikulation von Erinnerung legt, besonders geeignet zu sein. 
Die (no-)memoria markiert eine grundlegende Spannung zwischen der Faktizität der Ereignisgeschichte und deren Einpassung in die Erzählweise dieser Vergangenheit in der von vergangenheitspolitischen Kalkülen und erinnerungskulturellen Sensibilitäten durchzogenen Gegenwart. Die Kategorie wurde von uns vor etwa zehn Jahren zur Erfassung wichtiger Ergänzungen von gesellschaftlich marginalisierten Perspektiven und unbequemen Aspekten der Vergangenheit eingeführt. Wir taten dies angesichts des ETA-Attentats auf Francos rechte Hand und designierten Nachfolger Carrero Blanco 1973, das er nicht überlebte. Möglicher- und paradoxerweise hat dieses Attentat als Türöffner für die demokratische Transition in Spanien gewirkt, seine historische Bedeutung rückte im Verlauf der „transición“ (des Übergangs zur Demokratie) aber recht schnell in den Hintergrund. Was Jahre zuvor noch als Akt der Befreiung gefeiert wurde, wurde später zu einem Gründungsmoment einer langen Reihe von traumatischen Terrorakten. Das einschneidende Ereignis und zugleich ein zentraler, wenn auch schwieriger Referenzpunkt der jüngsten Vergangenheit wurde so als unbequemer historischer Moment in die Zone des Schweigens und der Vergessenheit verlagert.

    Der Begriff der (no-)memoria erhebt die Spannungen im Umgang mit komplizierten und umstrittenen Ausschnitten der Vergangenheit zum Thema. Er wirft den analytischen Blick auf die Deutungskämpfe um die Bilder der Vergangenheit und fragt danach, wie neu auftauchende Vergangenheitsinterpretationen mit alternativen Deutungsangeboten die Legitimität vorherrschender Darstellungen in Zweifel ziehen. Und er weist darauf hin, wie bestimmte Elemente der Vergangenheit konstitutiv für das kollektive Gedächtnis und seine identitätsstiftenden Narrative werden, während andere in den Hintergrund gerückt werden. Zentral ist dabei, dass es sich um Vergangenheitsinterpretationen handelt, die auf einem realen historischen Substrat (Untergrund, Ursprung) basieren und entsprechend für Diskussionen aus der etablierten Erinnerungsforschung sowie für Forderungen sozialer Bewegungen für Wahrheit und Gerechtigkeit anschlussfähig sind. Zugleich ist die Kategorie nicht auf bestimmte politische Positionierungen festgelegt und eignet sich daher auch zur Analyse des aktuellen rechten Geschichtsrevisionismus in Lateinamerika und in Teilen Europas, der Erinnerungspolitik gezielt nutzt, um Errungenschaften der Menschenrechts- und Demokratieförderung zu entleeren.

    Gangarten des neueren lateinamerikanischen Geschichtsrelativismus

    Der aktuelle Geschichtsrevisionismus nutzt verschiedene Gangarten im Umgang mit der Geschichte von Menschenrechtsverbrechen. Erstens werden diese nicht negiert, sondern relativiert – im Zentrum steht eine Rückweisung etablierter Opferzahlen. Die argentinische Milei-Regierung stellt die ikonische Zahl der 30000 Verschwundenen der letzten zivil-militärischen Diktatur infrage, gestützt auf das (nicht von der Hand zu weisende) Argument, die Zahl belegter Opfer sei deutlich geringer. Der rechte Geschichtsrevisionismus hat damit leichtes Spiel: Er operiert auf der Ebene abstrakter Zahlen und muss nicht einmal Negationismus betreiben, um Zweifel an der von vielen Argentinier*innen als Faktum akzeptierten Zahl 30000 zu streuen. Auch der im Juni 2026 gewählte kolumbianische Präsident Abelardo de la Espriella betreibt Geschichtspolitik mit Zahlen. Er bezeichnete die Angaben der kolumbianischen Institutionen der „justicia transicional” (Übergangsjustiz und kollektive Vergangenheitsbewältigung) zu den sogenannten „falsos positivos“ (außergerichtlichen Tötungen von Zivilist*innen, die das Militär im Zuge der Guerillabekämpfung fälschlich als im Gefecht getötete Guerillakämpfer*innen auswies) als „Zahlen der Linken“ und spricht ihnen damit Legitimität ab.

    Dies geht zweitens einher mit der Fokussierung auf vermeintlich oder tatsächlich vergessene beziehungsweise wenig beachtete Opfer der Gewalt. Die geschichtsrevisionistischen Akteur*innen rekurrieren insbesondere auf die Opfergeschichten von Militärs, Polizist*innen oder Unternehmer*innen und deren Angehörigen – diese wurden tatsächlich von der progressiven Erinnerungspolitik in der Vergangenheit kaum beachtet. Diese Leerstelle wird nun skandalisiert und mit geschichtsrevisionistischem Eifer gefüllt: Im Versprechen einer inklusiven Erinnerung sollen die vergangenheitspolitischen Koordinaten massiv verschoben werden. Die Umdeutungen folgen dabei einem Schema, das staatliche Verbrechen banalisiert und den Fokus auf die linksrevolutionäre Gewalt gegen Repräsentant*innen des „Establishments“ legt.

    Dies geht drittens mit einer Politik einher, die solche Richtungsverschiebungen institutionell absichert. Zentrale Politikfelder sind Bildung und Kultur, die als Hochburgen progressiver beziehungsweise „kulturmarxistischer“ Perspektiven imaginiert werden. In Kolumbien ließ die damals noch designierte Bildungsministerin bereits vor Amtsantritt verlautbaren, in den Schulen solle mehr Gott und weniger Marx vorkommen; Perus Bildungsminister José Antonio Chang kündigte im September 2026 an, die Lehrpläne „ohne jede Ideologie“ zu gestalten, wobei die gesetzlich vorgeschriebene Behandlung des internen bewaffneten Konflikts (1980-2000) zeigt, dass diese vermeintliche Neutralität selbstverständlich eine politische Deutung ist. Ähnlich verfährt die Regierung Milei, die über das Ministerium für Humankapital einen Kanal eingerichtet hat, über den politische Aktivitäten sowie „Adoctrinamiento“ (ideologische Indoktrinierung) durch schulische Lehrkräfte gemeldet werden können. Auch hier läuft die behauptete Neutralität im Kern darauf hinaus, die schulische Vergangenheitsbearbeitung in Richtung eines Antiterrorismus-Narrativs zu verschieben.

    Viertens nutzt die extreme Rechte in Lateinamerika Austeritätspolitik zur Durchsetzung dieser Richtungsverschiebungen. In Argentinien wurden die Mittel für etablierte Akteur*innen der Vergangenheitsbearbeitung massiv reduziert, in Chile die Budgets für Gedenkstätten gekürzt und Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit personell ausgehungert. In Kolumbien setzt die Regierung Espriella den Rotstift bei der Sondergerichtsbarkeit für den Frieden („Jurisdicción Especial para la Paz“, JEP) an und legitimiert die Kürzungen mit deren vermeintlich geringen Ergebnissen, während die freiwerdenden Mittel in ein für Klientelpolitik bekanntes Ressort der Justiz umgelenkt werden sollen.

    Auch der seit März 2026 amtierende chilenische Präsident José Antonio Kast (Partido Republicano) leugnet die Verbrechen der Pinochet-Diktatur nicht, sondern relativiert sie. Seine Regierung schloss das Menschenrechtsprogramm des Justizministeriums, kürzte Mittel für Gedenkstätten und trat von dem mit Deutschland geplanten Vorhaben eines Mahnmals auf dem Gelände der Colonia Dignidad zurück.

    Fünftens werden die geschichtsrevisionistischen Strategien öffentlichkeitswirksam inszeniert. Im September 2026 brach Kast erstmals mit der jahrzehntelangen Tradition offizieller Gedenkakte zum Jahrestag des Putsches von 1973, ein deutlicher Bruch mit der bisherigen Gedenkpraxis, die zuvor einen Konsens darstellte. In Argentinien hat Milei den 24. März als Gedenktag des Militärputsches 1976 für die Positionierung eines geschichtsrevisionistischen Diskurses und die Infragestellung der Eckpunkte des „vorherrschenden Diskurses“ des Kirchnerismus genutzt, der, so die Kritik des Mileismus, aus den Menschenrechten ein ideologisiertes und parteipolitisch instrumentalisiertes Geschäft gemacht hat.

    Brasiliens Sonderstellung in der Vergangenheitsaufarbeitung

    Brasilien stellt im Vergleich zu den anderen Ländern des Cono Sur einen Ausnahmefall dar, wie in der vergleichenden Transitional-Justice-Forschung hervorgehoben wird. Während Argentinien, Chile und Uruguay – trotz sehr unterschiedlicher Geschwindigkeiten und Reichweiten – teils nennenswerte Fortschritte an strafrechtlicher Aufarbeitung erzielen konnten, hat Brasilien bis heute praktisch keine rechtskräftige Verurteilung von Tätern der Militärdiktatur vorzuweisen. Die Gräuel und Verbrechen der Militärs wurden aufgrund eines Amnestiegesetzes (1979 vom Parlament verabschiedet und 2010 bestätigt) bislang nicht strafrechtlich belangt. Unter diesen vollkommen unterschiedlichen Bedingungen verwundert es auch nicht, dass der rechte Geschichtsrevisionismus unterschiedlich agiert. Ex-Präsident und Militär Jair Bolsonaro sowie der Bolsonarismus treten seit Langem für den Versuch ein, die Militärdiktatur (1964-1985) zu rehabilitieren, sie haben gar Ehrungen für Folterer wie Oberst Ustra organisiert. Im Zeichen der im September 2025 letztinstanzlich bestätigten Verurteilung Bolsonaros zu 27 Jahren Haft wegen versuchten Staatsputschs hat sich sein Lager radikalisiert. Unter dem Begriff „anistia“ fordert es eine Amnestie für Bolsonaro und die verurteilten Beteiligten des Sturms auf Regierungsgebäude am 8. Januar 2023, die als „politische Gefangene“ inszeniert werden – eine Aneignung des Vokabulars der Diktaturopfer. Zugleich lässt sich in Brasilien, trotz der schwierigen Lage in der staatlich-öffentlichen Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur, feststellen, dass die Kultursphäre und Zivilgesellschaft dort aktiv werden, wo der Staat und die Justiz versagen oder passiv bleiben. Walter Salles’ Film „Ainda Estou Aqui“ (2024) über die Verschleppung des Abgeordneten Rubens Paiva brachte Brasilien 2025 den ersten Oscar ein und stimulierte eine dynamische Erinnerungsdebatte, wie sie bisher kein politischer Akteur ausgelöst hatte.

    Die kommentierten Fälle zeigen: Neurechter Geschichtsrevisionismus in Lateinamerika ist kein einheitliches Deutungsmuster, sondern kombiniert je nach historischem Substrat und institutionellem Zugriff unterschiedliche Module eines gemeinsamen Repertoires. Es ist ein flexibler Revisionismus, der mit Zahlen argumentiert, Diskurse der Täter-Opfer-Umkehrung einführt, drastische Kürzung der staatlichen Gedenkpolitik und juristischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sowie Interventionen auf der Ebene der Forschungs- und Bildungspolitik durchsetzt. Mileis Glückwunsch an Kast als „Mitstreiter für die Ideen der Freiheit“ und die guten Beziehungen zwischen den gewählten Staatsmännern der neuen Rechten deuten zudem auf eine transnationale Konsolidierung und Zirkulation auch der geschichtsrevisionistischen Deutungsmuster hin, deren Reichweite kritisch zu beobachten künftig von zentraler Bedeutung sein wird.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 499 Okt. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

    Über Patrick Eser, Stefan Peters - Informationsstelle Lateinamerika:

    Die Informationsstelle Lateinamerika e. V. (ila) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Das Ziel des Vereins ist die Veröffentlichung kritischer und unabhängiger Informationen aus Lateinamerika. Der Schwerpunkt liegt auf Nachrichten und Hintergrundinformationen aus basisdemokratischer Perspektive. Die Informationsstelle Lateinamerika begreift sich als Teil der politischen Linken und engagiert sich in übergreifenden politischen Bündnissen wie der Friedens- und Antikriegsbewegung oder Attac. Der Verein besteht seit 1975 und gibt die gleichnamige Zeitschrift ila heraus. Alle Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit freundlicher Genehmigung.

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