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#waschtrommel — Public Fediverse posts

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  1. Manchmal kommen sie wieder

    Der Frühling kommt mit Macht.

    Und mit ihm Serotonin, Dopamin – und Urlaubspläne.

    Frau Hiob reist ins polnische Seebad Kolberg. Zur „Entgiftung“, wie sie es immer nennt.

    Ich reise auch. Mit dem Fahrrad zum polnischen Aldi. Der Akku des E-Bikes ist so froh über seinen Aufenthalt im warmen Zimmer, dass er mir „172 km Reichweite“ anbietet – statt der werksseitigen 150 km.

    Der Frühling kommt mit Macht.

    Ich habe das Buchungsportal meines Vertrauens (und die Kreditkarte) rauchen lassen, habe jetzt fünf Reservierungen in allen möglichen Ecken Süd- und Mittelpolens.

    Vorher ein Tagestrip ins nahe Gebirge. Noch immer habe ich das legendäre Wehrmachts-Gold, angeblich dort irgendwo versteckt, nicht gefunden. In dieser Ecke dort aber gibt es noch allerlei Verborgenes. Ein Tagestrip also. Überblick verschaffen.

    Um neuere Nazis soll es hier aber nicht mehr gehen. Auch wenn der Blogtitel das fürchten lässt. Nein, die Postings der AfD-Sekte werden zusehends konfuser, skurriler und peinlicher, und fast alle Kommentatoren zweifeln nun offen am Geisteszustand der Urheber. Gut so. Abwarten, das Problem ist bald vom Tisch …

    Ein Besucher nähert sich dem Fenster. Der schwarz-weiße Kater wohnt zwei Häuser weiter, ich kenne ihn flüchtig von der Hinterhofsuche nach meiner verschwundenen „Frau Tiger“. Sein Frauchen erklärte, dass sie, also „Frau Tiger“ immer mal wieder zu Besuch war.

    Nun sitzt jener also draußen und maunzt vorsichtig: „Kann deine Katze raus zum Spielen kommen?“

    „Du, die ist doch schon hier draußen irgendwo“, entgegne ich.

    „Ach so.“ Missmutig trollt er sich.

    Und nun ist „Frau Tiger“ bzw. ihre womögliche Nachfolgerin (ja, es ist kompliziert, Näheres hier) auch verschwunden!

    Das wäre jetzt die dritte! Sofern man „Gerti“ mitzählt, die nur einige Tage bei mir aushielt.

    Madame erscheint in den letzten Tagen vor ihrem Verschwinden etwas, nun ja, „rollig“. Dürfte eigentlich nicht sein, sie (oder doch die Vorgängerin?) ist ja kastriert. Also Eileiter durchtrennt (statt nur abgeklemmt, das wäre „sterilisert“).

    Aber wenn sie es gar nicht ist, also die Katze, könnte es sein, dass sie es gar nicht ist, also kastriert. Ist an ihrem Verhalten der schwarz-weiße Nachbar schuld?

    Freitag, 4 Uhr früh. Das Genöle von Madame wird unerträglich. Kein Mauzen á la „Will raus“, nein, es ist ein durchdringendes Gejaule, wie eine Sirene bei Fliegeralarm. Was sollen die schlafenden Nachbarn denken? Ich weise sie energisch zurecht und entlasse sie in den Hof.

    10 Uhr. Sie kommt nicht wieder. Auch abends nicht.

    War ich zu streng mit ihr? Ist sie beleidigt? Oder feiert sie Hochzeit mit dem schwarz-weißen Nachbar-Bengel? O Gott, werde ich bald siebenfacher Katzenpapa?

    Die mitfühlende Frau S. aus Hamburg schreibt, dass rollige Katzen jedenfalls nicht schwanger sind. Ja, gut, aber was passiert inzwischen dort draußen?

    Samstag. Sie bleibt fort, Schnalzen, Glöckchen, Futter-Rascheln zaubert sie nicht herbei.

    Am Nachmittag starte ich einen Suchaufruf. In einer einschlägigen Facebook-Gruppe sowie auf „nebenan.de“. Mein kürzlich ausgezogener Nachbar T. meldet sich, bietet Hilfe mit anderen Katzenfreunden an. Und das Tierheim Horka (Madame ist dort Pension-Stammgast und für den April schon angemeldet) leitet den Aufruf weiter.

    Mit diesen vier Bildern versuchte ich, „Schnurpel“ wiederzufinden. „Bitte aus Keller befreien“.

    Aus der Nachbarschaft meldet sich B. Er habe sie in der Salomonstraße gesehen, ein bekannter, wenn auch inoffizieller Treffpunkt von einsamen Katzen. B. ist sicher, sie aufgrund meiner Fotos „an ihrem Blick“ erkannt zu haben.

    „An ihrem Blick“, na ja. Filmfans werden bestätigen, dass der Blick von z.B. Lauren Bacall ein anderer ist als der von z.B. Bette Davis. Aber Katzen? Die gucken doch nur. Sonst gar nix. Alle gleich. Obwohl meine verschwundene natürlich ganz besonders toll guckt. Ich geh mal hin.

    Vorher zum nahen einstigen Güterbahnhof. Auch hier, zwischen verfallenen Gleisen und Büschen, treffen sich inoffiziell heimatlose Katzen. Rufen, Schnalzen, Glöckchen. Peinlich. Gottlob ist kein Zweibeiner in der Nähe. Aber auch keine Katze. Ebenso in der Salomonstraße. Aber danke für den Hinweis.

    Sonntag. Der Egoist in mir bricht durch. Schmerzerprobt nach zwei Katzen-Verschwinden überlege ich, ob ich den geplanten Tagestrip zum möglichen Nazi-Schatz im nahen Gebirge ausweite. Mit zwei Übernachtungen dort. Ist doch egal, ob ich weg bin. „Schnurpel“ ist ja auch weg. Und kommt vielleicht nicht wieder. Wie die anderen zwei auch.

    Und ich recherchiere – Schande über mich – nach abzugebenden Katzen. Eine guckt mich auf dem Foto an, als ob sie zu mir wollte. Erst neun Monate alt. Aber ganz im westsächsischen Vogtland. Zu weit. Erst mal der geplante Mega-Urlaub im April. Danach werde ich auf ganz viele kleine März-Kätzchen in der Nähe stoßen. Ich Egoist. „Schnurpel“ ist gerade drei Tage fort. Ich schäme mich.

    Montag. Der 4. Tag seit „Schnurpels“ Verschwinden. Zum ungefähr 78. Mal öffne ich morgens das Fenster.

    Da unten sitzt sie. Laut und ausdauernd weinend.

    Ich weiß nicht, wie lange schon. Durch die Doppelverglasung dringt ihr Rufen nicht. Aber sie wusste, dass dieses Fenster sich irgendwann öffnet. Für sie.

    Zunächst schafft sie gar nicht auf ihre „Aufstiegshilfe“, eine hölzerne Blumentreppe unter der hohen Fensterbank. Und dann: Futtern, Futtern, Futtern. Und schlafen.

    Schlaf gut, Kleine. Du bist wieder zu Hause

    An den unmöglichsten Plätzen döst sie nun, Stellen, die sie nie zuvor aufsuchte. Es ist, als wolle sie die ganze Wohnung neu erforschen. Ein seltsames Poltern im Bad schreckt mich auf, gefolgt von verzweifelt lautem Jaulen.

    Noch nie ist sie in die (oben offene) Trommel der Waschmaschine geklettert. Das tat nur „Gerti“ vor langer Zeit. Und die blieb stumm, während ich draußen bereits Suchzettel anklebte. Dummes Vieh. Na ja, die ist nun irgendwo anders.

    „Schnurpel“ ist da. Und laut. In der Waschtrommel. Die sich durch ihr Gewicht nun gedreht und den Federdeckel geschlossen hat.

    Nach der Befreiungsaktion führen wir ein kleines Gespräch.

    Ich entschuldige mich für meine ketzerischen Gedanken zum Kurzurlaub, für die Spontan-Idee der zweimaligen Übernachtung. Der Kompromiss-Vorschlag: Ich bleibe nur eine Nacht, erkunde nachmittags den Ort, nach dem Frühstück die verborgenen Tunnel und Stollen der Umgebung. Es erspart 90 Minuten Autofahrt. Wäre das okay, Katze?

    Ihre grünen Augen mustern mich. Da ist kein besonders bedeutsamer „Blick“ drin, weder Lauren Bacall noch Bette Davis.

    Aber dann blinzelt sie mir schelmisch zu. Es scheint ein Verstehen, eine Art „Okay“, darin zu liegen.

    Ich darf fahren.

    Sie, die Chefin, ist schließlich daheim.

    Sie ist wiedergekommen.

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