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  1. Kröten schlucken am Pankower Tor

    „Wir betrachten als BUND die stadtweite Stadtentwicklung. Wir sind Interessenvertreter für Natur- und Artenschutz“, sagt Dirk Schäuble, Naturschutzreferent des BUND Berlin. „Wir könnten uns leicht machen und sagen: Was interessieren uns Wohnungen? Wir sorgen uns um den Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Aber nein, wir haben uns die Mühe gemacht: Wir haben uns mit der Architektenkammer zusammengesetzt und an Ideen gearbeitet.“

    Die Debatte ist äußerst lebendig im Vereinsheim der Kleingartenanlage Feuchter Winkel in Berlin-Pankow. Dorthin haben am späten Nachmittag des 25. Juni BUND und NABU Berlin geladen, zur Dialogveranstaltung: „Welche Bedeutung hat der Artenschutz am Pankower Tor?“ Mehrere Dutzend Interessierte sind an diesem sehr heißen Sommertag gekommen. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzscheutz jetzt!“ des BUND Berlin statt.

    Foto: BUND Berlin/Aruna Reddig

    2000 Wohneinheiten, Schule, Kitas, ein Möbelfachmarkt mit Stellplätzen für 450 Pkw und auch ein Stadtteilpark und eine Zentralbibliothek sollen auf den Flächen des ehemaligen Güterbahnhofs Pankow entstehen. Bauen soll das alles das Immobilienunternehmen des Möbelmarkt-Unternehmers Kurt Krieger – und zwar seit sehr langer Zeit.

    Nach langen Jahren deutlich unterschiedlichen Vorstellungen von Investor und Land Berlin über die Entwicklung des Geländes hat sich inzwischen der Naturschutz als sehr hohe Hürde für die Baupläne erwiesen, namentlich insbesondere die Kreuzkröte, Seit brachfallen des Geländes hat sich hier bundesweit einer der größten Population der sehr stark bedrohten Art entwickelt – wenn nicht die Größte.

    „Letztendlich haben wir den Eindruck, dass stadtweit dieses ‚Bauen, Bauen, Bauen‘ gerade so in den Köpfen festgesetzt ist, so BUND-Naturschutzexperte Dirk Schäuble weiter. Nicht nur  in Pankow, sondern seit Jahren predigten Senatoren, dass das Bauen auf der Grünen Wiese die einzige Lösung wäre. „Das ist es nicht.“

    „Die Vision ist verloren gegangen: Wie kann so eine Stadtentwicklung grau, grün, blau alles mitgedacht werden? Sie wollen in Pankow Wohnungsbau. Sie haben einen Vorhabenträger, der bereit ist, Kompromisse einzugehen. Aber wir müssen die Interessen des Naturschutzes vertreten. Wir müssen darauf achten, dass die Gesetze berücksichtigt werden“, sagt Schäuble.

    Es ist eine Replik auf Aussagen des Pankower Stadtentwicklungsstadtrats Cornelius Bechtler (Grüne), der sich dem Dialog stellt. „Es ist ein Austausch von Positionen, die nur als schwer anschlussfähig sind. Sie haben Ihre Perspektive. Ich finde es sehr gut verständlich und nachvollziehbar, dass die Umwelt- und Naturschützer eine Diskussion darüber führen, wie wir das Wohnungsproblem lösen wollen“, sagte er zuvor.

    Jedoch bestünden auf der Seite des Naturschutzes Vorstellungen, „die mit der Realität nichts zu tun haben“. Zum Beispiel das Thema Zweckentfremdung von Wohnraum. Er könne ganz viel darüber erzählen, wie schwer es für die sieben zuständigen Kolleginnen und Kollegen mit Eigentümern kämpfen, die den Rechtsweg komplett ausschöpfen.

    Foto: BUND Berlin/Aruna Reddig

    Oder auch die Umnutzung der zwei Millionen Quadratmeter leerstehender Büroflächen. Das entspreche allerdings nur 20.000 Wohnungen – so viele, wie laut Senatsplänen eigentlich jährlich in Berlin neu entstehen sollten.

    „Mit regulatorischen Mitteln, mit Gesetzen, werden wir den Wohnungsmarkt nicht in den Griff kriegen. Diesen Kampf werden wir nicht gewinnen“, so Bechtlers Überzeugung. Von daher brauche es die sieben allein in Pankow neu geplanten Stadtquartiere, von denen das Pankower Tor eines ist.

    „Die brauchen wir, um überhaupt eine Chance zu haben, dass Menschen sich mit einem durchschnittlichen Gehalt das Leben in Berlin überhaupt noch leisten können. Da geht es vor allem auch darum, den städtischen Wohnungsbestand stark auszuweiten“, so Bechtler weiter.

    Die Zeit für Grundsatzdiskussionen ist nach Bechtlers Ansicht sowieso schon vorbei. Der Entwurf des entsprechenden Bebauungsplans 3-60a  ist inzwischen veröffentlicht worden. Bis 10. August 2026 kann sich die Öffentlichkeit mit Stellungnahmen und Einwänden beteiligen.

    „Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, obwohl ich natürlich auch diese Ambivalenz spüre, ich bin sehr überzeugt, dass das ein richtiger Standort ist für ein neues Stadtquartier“, unterstreicht der Grünen-Politiker. Die Fläche gehöre der Firma Krieger, die auch eigene Interessen habe wie die Errichtung des Möbelmarkts. Das Vorhaben abtrennen zu wollen, um den Weg frei zu machen für den sofortigen Wohnungsbau, sei „absolut unredlich“, so Bechtler.

    Genau das ist der Vorschlag des NABU Berlin, der seit Jahren auf dem Tisch liegt. Denn die Laichgewässer, in denen sich die Kreuzkröten fortpflanzen, liegen vor allem in diesem Bereich westlich der Brücke am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf, auf der aus der Prenzlauer Promenade zur A114 wird.

    Stattdessen wird östlich der Brücke an einem Ersatzhabitat für die Kreuzkröte gearbeitet, wie Rainer Altenkamp, Erster Vorsitzender des NABU Berlin erläutert. Dafür ist bereits eine Kleingartenanlage abgeräumt werden. Das sei eines dieser Ergebnisse, „weil die pragmatische Lösung nicht verfolgt wurde“, so Altenkamp. „Das sind eben immer diese Folgeprobleme, die immer größer werden.“

    Ziel sei es, dass eine Fläche entsteht, „die so groß ist, dass sie eine dauerhaft sich selbst erhaltene Population langfristig trägt.“ Das bezweifelt Altenkamp. Mit nur 5,5 Hektar sei die Fläche zu klein im Vergleich zu den rund zehn Hektar Kernlebensraum, auf denen sich die Kröten derzeit bewegen. Es geht dabei nicht nur um die Laichgewässer, die vegetationsfrei sein müssen und nur zeitweise wasser führen dürfen. Sondern auch um den Landlebensraum aus lockerem Boden, in dem die Tiere 90 Prozent der Lebenszeit eingegraben verbringen.

    Zusammen mit der Stiftung Naturschutz hat der NABU auch bereits auf den derzeitigen Flächen Gewässerflächen von Bewuchs befreit und auch wieder freigeschoben. Der Eigentümer musste auch eine entsprechende Maßnahme des Naturschutzamts Pankow dulden, nachdem der NABU den Weg in der zweiten Gerichtsinstanz dafür freigemacht hatte. Das Land Berlin wollte nach der verlorenen ersten Instanz den Rechtsweg nicht weiter beschreiten.

    „Die Jungtiere, die so daumengroß sind, die gehen super gerne in Schotter. Es gibt Zahlen von der Deutschen Bahn, als die Lärmschutzwände errichtet wurden. Das waren über 4000 Jungtiere, die im Frühjahr aus der Überwinterung auf die Fläche eingewandert sind“, erläutet Susanne Bengsch, Leitung Koordinierungsstelle Fauna der Stiftung Naturschutz Berlin.

    Verbreitungsgebiet der Kreuzkröte. Grafik: Osade (Public domain)

    Wie Altenkamp betont Bengsch die Bedeutung Deutschlands für den Erhalt der insgesamt stark bedrohten Art. Deutschland liegt in der Mitte des kontinentaleuropäischen Lebensraums, der sich in einem Streifen von der Iberischen Halbinsel bis südlich der Ostsee erstreckt.

    Früher habe es überall Lebensräume für die Kreuzkröte gegeben, nämlich in den Überflutungsflächen unregulierter Flüsse. Bis auf wenige Ausnahmen sind sie verschwunden. Zudem sei diese Art sehr „konkurrenzschwach“. In dauerhaft wasserführenden Gewässern siedelten sich andere Amphibienarten an, die den Laich auffräßen, so Altenkamp. „Sehr oft sind Ersatzflächen oder Umsiedlung gescheitert, weil entweder die Ersatzfläche ungeeignet war“, sagt der NABU-Mann „Oder der Ursprungszustand war geeignet, aber die Fläche war innerhalb weniger Jahre zugewachsen.“

    „Es wird gelegentlich berichtet, dass die Kreuzkröte ein Privathobby des NABU wäre. Das ist nicht so. Es gibt einen rechtlichen Rahmen in Deutschland und EU, die Kreuzkröte ist in Deutschland streng geschützt, nach EU-Recht“, unterstreicht Altenkamp.

    David Sommer als Vertreter des Investors in der Runde belässt es weitgehend bei allgemeinen Einlassungen. Es habe für den städtebaulichen Wettbewerb eine „Riesenausschreibung“ gegeben, an dem „sämtliche Behörden, als auch der NABU, beteiligt waren“. Man müsse „sehr, sehr viele Sachen“ in einem Vorhaben wie diesem mit berücksichtigen, die „viel Platz“ benötigen würden. Soll wohl heißen, dass man genug gegeben hat.

    Typischer Laichplatz einer Kreuzkröte, hier in einem Steinbruch. Foto: Michael Linnenbach (CC BY-SA 4.0) Schließlich meldet sich in der Diskussion auch ein „Normalbürger“, wie er sich sieht, zu Wort. Er sagt, dass die langen Verzögerungen bei vielen „Frust“ ausgelöst haben über den. Und spricht zunächst ein „Kompliment“ für die Sachlichkeit in der Darstellung der Dringlichkeit zur Erhaltung des Habitats aus. „Aber was nicht stattgefunden hat, ist die Frage, wie kann ich diese Frage abwägen gegenüber ganz zwingenden anderen Notwendigkeiten, die diese Stadt hat“, sagt er schließlich. Das große Ziel des Ausgleichs zwischen der Kreuzkröte und den Bürgern werden Sie hier nie finden. Der Druck ist viel zu stark auf diese Stadt“, konstatiert er. „Ich habe kein Problem, wenn Naturschutzverbände ihre Interessen vertreten. Ich habe auch kein Problem, wenn Gerichte bemüht werden. Ich habe aber ein ernsthaftes Problem, wenn aus der Verwaltung heraus Vorhaben behindert werden. Das findet momentan statt„, sagt Grünen-Mann Cornelius Bechtler dazu. „Es geht nicht um Wohnungsbau oder Kreuzkröte. Es geht maximal darum, dass der Wohnungsbau oder der Möbelmarkt oder die Parkplätze etwas kleiner ausfallen“, entgegnet Rainer Altenkamp vom NABU. Und unterstreicht. „Dass die Naturschutzbehörden das tun, wozu sie rechtlich verpflichtet sind, kann man ihnen nicht zum Vorruf machen. Es ist Aufgabe der Naturschutzbehörden, das zu tun. Wir haben hier einen singulären Fall mit einer Population, die es nur in Berlin gibt.“ Schließlich geht es noch um die Perspektive der Kleingärten, die einigen der Teilnehmenden zu kruz gekommen sind. Moderatorin Andrea Gerbode vom Vorstand des BUND Berlin sagt: „Es war heute sehr auf das Thema Artenschutz ausgerichtet. Die Kleingärten sind für uns eine wichtige Flächenkulisse.“ Ganz zu Beginn der Veranstaltung hatte Andrea Gerbode bereits betont, dass die BUND-Kampagne „Grüne Flächen retten – Hitzeschutz jetzt!“ nicht nur deren „Wertigkeit für Biodiversität, für Klimaschutz, für Lebensqualität“ betone, sondern „natürlich auch immer Lösungsvorschläge oder wie in diesem Fall Kompromissvorschläge“ beinhalte. „Das ist der rote Faden der Kampagne“, aufzuzeigen, wo bebaut werden kann. „160.000 Wohnungen könnten in Berlin geschaffen werden durch Umwandlung, durch konsequente Umsetzung des Zweckentfremdungsverbotes, durch Bebauung auf versiegelten Flächen“, sagt Gerbode. Das sei ungefähr das Doppelte der geplanten 24 Stadtquartiere.

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