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#medienschelte — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #medienschelte, aggregated by home.social.

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  1. Sieben Erkenntnisse zu zwölf Jahren Netflix

    Seit zwölf Jahren gibt es Net­flix in der Schweiz. Zeit für eine um­fas­sende Bestands­auf­nah­me: Waren die Hoff­nungen und Ängste von damals be­rech­tigt? Ein Blick ins Archiv zeigt, dass viele der Er­war­tungen ein­trafen – aber die US-ame­ri­ka­ni­sche Me­dien­of­fen­sive nicht so dis­rup­tiv war, wie man es im Si­licon Val­ley wohl er­war­tet hatte.

    blog.clickomania.ch/2026/09/03

  2. Video killt das geschriebene Wort

    Gewich­ti­ge Stim­men rufen das Ende des Text-Zeit­al­ters aus und pro­gnos­ti­zie­ren, das bewegte Bild werde die schrift­li­chen Medien ab­lösen. Zeit, mit dem Blog­gen aufzuhören? Ich tue das Gegen­teil und feiere den Buch­staben­salat für das, was er kann und was er ist.

    blog.clickomania.ch/2026/08/12

  3. Wie Schweizer Medien 14 Jahre lang nicht kapierten, was ein Computerspiel ist

    Computerspiele wurden in der Schweiz lange Zeit nicht ernst genommen. Die digitale Sphäre galt als Parallelwelt, die kaum einen Einfluss auf die Realität hat. Über diese These konnte ich letztes Jahr mit René Bauer diskutieren. Er ist Dozent für Gamedesign an der Zürcher Hochschule der Künste und kennt sich wie kaum ein anderer mit dem hiesigen Game-Schaffen aus. Auch die Amateur-Liga, zu der ich Ende der 1990er und anfangs 2000er Jahre zählte, ist ihm nicht fremd.

    Also eine Steilvorlage für die Rubrik der Tech-Premieren. Wann haben die Schweizer Medien erstmals über das Phänomen berichtet, dass man mit diesen Rechenmaschinen nicht nur Forschung betreiben und die Wirtschaft ankurbeln, sondern auch Lichtpunkte jagen, Raumschiffe steuern und virtuelle Tischtennisbälle schmettern konnte? Denn bei den ersten Computerspielen, zu denen Tennis for Two von 1958, Spacewar! von 1962 und Pong von 1972 zählten, waren schnelle Reaktion und Fingerspitzengefühl gefragt.

    1) Das «Computerspiel» als didaktisch-analytisches Instrument

    Die NZZ scheint das Vorurteil zu widerlegen. Sie erwähnt das Stichwort am 6. Oktober 1964 in einem sehr ausführlichen Gastbeitrag. In den 1960er Jahren steckte die Entwicklung noch in den Kinderschuhen und war für die Berichterstattung kein Muss. Doch in diesem Text wird das Computerspiel nicht im heutigen Sinn verwendet, sondern bezeichnet ein didaktisch-analytisches Instrument. Es geht um Simulationen in Unternehmen, die für Entscheidungen herangezogen werden sollen und unter anderem per Computer durchgeführt werden.

    Das ist eine Bestätigung unserer These: Damals existierten  Computerspiele¹ im heutigen Sinn bereits. Doch das Wort hatte sich nicht als Bezeichnung für diese Softwaregattung etabliert, bei der in spielerischer Weise mit dem Computer interagiert wird. Es war in der breiten Öffentlichkeit nicht spezifisch besetzt und wurde von den Journalistinnen und Journalisten nach Belieben benutzt und gemäss ihren Bedürfnissen ausgelegt.

    Dafür kann ich vier weitere Belege anführen.

    2) Das «Computerspiel» als Simulation

    Am 16. Mai 1970 verwendete die «Thurgauer Zeitung» den Begriff in einem Artikel, in dem es um die Beschaffung von Flugzeugen durch die Schweizer Luftwaffe ging – ein Thema, das manchen von uns bekannt vorkommen dürfte. Der Autor sprach sich für den Saab 105 XT aus:

    Gleichwohl trieb man das Computerspiel weiter, während diese Kardinalfrage zu immer pointierteren Meinungsverschiedenheiten bis hinauf in die oberste Militärspitze führte.

    Pointiert ist das falsche Wort. Dezidiert vielleicht?

    Und Computerspiel ist auch das falsche Wort. Die Rede ist von einer rechnergestützten Berechnung oder Simulation. Vermutlich wurde bei der Evaluation ein Datenmodell eingesetzt.

    3) Das «Computerspiel» als Fussball-Prognose

    Nur zehn Tage später erschien das Wort wieder in der Zeitung. Am 26. Mai 1970 schrieb der «Walliser Bote»:

    Im mexikanischen Computerspiel sind die Gruppenspiele der Fussballweltmeisterschaft abgeschlossen worden. Nach den Berechnungen des Computers erreichen die Sowjetunion (5 Punkte) …

    Bei der Fussball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko versuchten Experten, auf Grossrechnern anhand von Statistiken und historischen Daten den Turnierverlauf vorauszuberechnen. «The Guardian» beschreibt die Details:

    Der Sportkolumnist des «Observer», David Hunn, hatte tatsächlich die relevanten Daten aller 16 Mannschaften in den Computer Elliott 803 eingegeben, um mithilfe einiger «mathematischer Wunderkinder» am Dulwich College seinen computergenerierten Rennbericht zu erstellen. Sie hatten bereits Erfolge vorzuweisen – sie hatten den Sieger des Grand National von 1969 richtig getippt.

    Begrifflich wurden computergenerierte Prognosen von Fussballspielen zum mexikanischen Computerspiel verdichtet. Ich glaube nicht, dass sich das der Leserschaft auch nur ansatzweise erschlossen hat.

    4) Das «Computerspiel» als Messe-Attraktion

    «Die Tat» berichtete am 15. Mai 1971 über die Schweizer Informations- und Verkaufsmesse für junge Leute, Hitfair:

    Selbstverständlich hatte die Migros den Wunsch, diese Ausstellung um einige Attraktionen zu bereichern. «Das grosse Computerspiel» am Migros-Stand ist eine tolle Gelegenheit, über eine ständige Telefonleitung mit einer der modernsten und grössten Computeranlagen in der Schweiz, der Datenverarbeitungszentrale der Migros in Zürich, zu korrespondieren. Dieses Spiel kann vielleicht für clevere junge Leute der erste Schritt in eine begeisternde berufliche Zukunft sein.

    Es kann sein, dass in der Ausstellung der Migros tatsächlich ein Game abgehalten wurde. Mein Eindruck ist demgegenüber, dass die Jugendlichen den Umgang mit klassischen Anwendungen auf spielerische Weise ausprobieren konnten.

    5) Das «Computerspiel» als Beratungs- und Lernsystem

    Fünf Jahre später, am 18. Januar 1976, begegnen wir einer weiteren solchen Ad-hoc-Definition. Der «Bund» berichtete am 18. Januar 1976 über eine Software, die wir heute als interaktives Beratungs- und Lernsystem bezeichnen würden:

    In einer englischen Gesamtschule experimentiert man seit einiger Zeit mit einem vielversprechenden Computerspiel unter dem Namen ICG (Interactive Carreers Guidance) das Schülern zwischen 15 und 18 Jahren die Berufswahl erleichtern helfen soll. Der Computer hat dabei nicht nur eine beratende Funktion, sondern trainiert die Schüler gleichzeitig in der Benutzung und Auswertung computerisierter Informationen. Äusserlich besteht das Spielgerät aus Tastatur und Bildschirm. Ein eingebauter Computer enthält programmierte Details über rund 300 Berufe: Anforderungen, nötige Charaktereigenschaften und Talente, Pflichten, Lohnskala, Aufstiegsmöglichkeiten u. a. m.

    6) Das «Computerspiel» als Computerspiel

    Zum ersten Mal im heutigen Sinn erscheint das Computerspiel am 11. November 1978 im «Bieler Tagblatt» und im «Thuner Tagblatt». In einer Fernsehkritik verriss der Autor, Peter A. Kaufmann, das Samstagabendquiz Allein gegen alle und führte am Ende einige gelungene Beispiele an:

    Und so ganz nebenbei wirds auch im «Karussell» richtig gemacht, wo jedesmal ein neues «Computerspiel» programmiert ist.

    Wie dieses Computerspiel aussah, können wir uns dank des SRF-Archivs selbst ansehen:

    Gratulation an Marc Zwahlen zum Sieg und SRF zur Vorreiterrolle in dieser Angelegenheit: Denn ohne die legendäre Vorabendsendung Karussell würden die Zeitungsjournalisten hierzulande dieses Wort wohl noch immer als Verlegenheitslösung betrachten, wenn ihnen im Bereich digitaler Anwendungen die treffenden Bezeichnungen fehlen oder sie sich nicht die Mühe machen wollen, den Leserinnen und Lesern die Hintergründe verständlich zu erklären.

    Und ja, das ist peinlich.

    Fussnoten

    1) Übrigens: Zum Begriff «Videogame» gab es den ersten Artikel am 6. November 1982 in «La liberté» zu elektronischen Flipperkästen. ↩

    Beitragsbild: Das legendäre Atari-Spiel «Pong» von 1972 lässt sich am Zentrum für Kunst und Medien ZKM in Karlsruhe in der Adaption für die DDR-Konsole Bildschirmspiel 01 spielen.

    #Medienschelte #TechPremiere
  4. «Menschenjagd»: Grossartige Recherche, fragwürdiger Cliffhanger

    «Menschenjagd» von «Der Spiegel» ist ein wirklich schlimmer Podcast. Dieses Urteil bezieht sich auf das Thema, nicht auf den Podcast selbst. Allerdings habe ich formale Kritik an der Produktion, die der Grund für diesen Blogpost hier ist. Doch bevor ich darauf komme, will ich eines festhalten: Wir haben es mit einer hervorragenden Recherche zu tun, die eine Sache aufarbeitet, die uns alle angeht – und die Eltern unter uns besonders.

    Firewall ist Spiegels Podcastreihe zu den Recherchen in der digitalen Welt.

    In der ersten Folge des Podcasts – der im Feed der bereits vorgestellten «Firewall»-Reihe erscheint – führt uns Spiegel-Reporter Max Hoppenstedt Heinrichs an seine Recherche heran:

    Ich recherchiere seit Jahren zu Hackern, zu Cybercrime und zu sexualisierter Gewalt im Netz, also zu den dunklen Seiten des Internets. Und die wohl düsterste, die ich dabei entdeckt habe, ist die Online-Szene 764. 764, das ist ein Codename. Er wird in Chatgruppen verwendet. Das Ziel in diesen Gruppen ist es, Menschen zu erniedrigen, zu quälen, zu brechen. Die Taten passieren vor laufender Kamera. Es geht um Manipulation und Mobbing. Die Täter treiben das so weit, bis die Opfer anfangen, sich selbst zu verletzen. Und manche mobben so lange, bis die Opfer sich umbringen.

    Der Mensch als Raubtier

    Wikipedia nennt diese Online-Szene ein Sextortion-Netzwerk mit satanistischen, nationalsozialistischen und rechtsextremen Bezügen. Hoppenstedt Heinrichs geht zusammen mit Podcast-Moderatorin Sandra Sperber dem deutschen Ableger von 764 nach, bei dem ein Jugendlicher namens Scharia J. mutmasslich die treibende Kraft ist. Er tritt als «White Tiger»¹ auf und er ist in der Tat ein grausames Raubtier: Er sucht online in Selbsthilfeforen und ähnlichen virtuellen Treffpunkten nach verletzlichen Jugendlichen, manipuliert sie, erpresst sie mit intimen Bildern und bringt sie vor laufender Kamera dazu, sich selbst zu verletzen. Es gibt Trophäen, die «Fansigns» oder «Cutsigns» heissen. Und der höchste Erfolg in dieser bizarren Parallelwelt ist ein Suizid vor laufender Kamera.

    In der ersten Folge werden wir an diese Szene herangeführt. Eine ehemalige Mitschülerin erzählt von «White Tiger»:

    Sie beschreibt Shahriar als jemand, den man im Online-Slang vielleicht Edge Lord nennen würde. Also jemand, der grenzwertige Dinge tut und schreibt, einfach nur um andere zu schockieren. Shahriar erzählt ihr zum Beispiel auch, dass er Gewaltvideos guckt. Oder er sagt, dass er einmal eine Schlange gehäutet habe. Am 13. März 2021 veröffentlicht Shahriar in seiner Insta-Story ein Foto. Wir können es im Chatverlauf nicht mehr abrufen, aber Lenya sagt, dass es ein Nacktbild war von einem Mädchen. Scharia schreibt im Chat, das hat sie für mich gemacht.

    Im Zentrum der zweiten Episode steht FMLK («Fuck Martin Luther King»). Hinter dem zutiefst rassistischen Kürzel steckt eine Frau aus Osteuropa, die mit 15 in diesen Zirkel geriet:

    An ihr zeigt der Podcast, wie in dieser Welt Opfer- und Täterrollen verschwimmen können und wie aus Einsamkeit, Geltungsdrang und digitaler Abstumpfung eine erschreckende Grausamkeit entsteht.

    Die dritte Folge dreht sich um Jay Taylor. Er ist ein 13-jähriger Junge aus den USA, der Häkeln liebte – insbesondere einen Oktopus in Regenbogenfarben, den er dann an ein Geschwister verschenkte – und den dieses «Netzwerk» in den Selbstmord treibt.

    Die Abgründe auf Discord

    Mich hat dieser Podcast mitgenommen, vor allem diese dritte Folge. Sie könnte einen dazu bringen, an der Menschheit zu zweifeln – denn wirklich, was sind wir für eine erbärmliche Spezies, die sich untereinander solche Dinge antut? Aber natürlich ist es mit einem maximal unspezifischen Stossseufzer nicht getan. Fragen wir uns stattdessen, wer solche Abscheulichkeiten ermöglicht oder zumindest nicht verhindert. FMLK entdeckte auf Discord Gewaltvideos und ‑bilder. Über die entsprechenden Tags gelangte sie zur 764‑Gruppe. Ich nutze Discord sporadisch und finde die Plattform nützlich – hatte allerdings keine Veranlassung, mich in die Abgründe zu begeben.

    In Folge drei erfahren wir dazu schreckliche Details:

    Diese Selbstverletzungs-Chats dort funktionieren nach eigenen Regeln, mit eigenen Codes und einer eigenen Sprache. Sie [die Teilnehmer] sprechen dann zum Beispiel von Sessions, wenn sie sich verabreden, um sich selbst zu verletzen. Oder sie schreiben, wie sie Kontrollen ihrer Eltern vermeiden. […]

    Das sind Safe Spaces für Menschen, die in der Selbstverletzung einen Bewältigungsmechanismus gefunden haben für andere psychische Probleme. […]

    Nur diese angeblichen Safe Spaces, also diese Schutzräume, Rückzugsorte, da gehen nicht nur Teenager wie Jay hin, sondern auch 764-Mitglieder. Das ist sogar einigen in den Selbstverletzungsgruppen klar. Sie haben Listen angelegt mit den Namen von gefährlichen Usern. So blockieren sie diese Mitglieder, sperren sie bewusst aus ihren Räumen aus. Sie wollen sich vor dem Grooming schützen.

    Die Forderung, Discord zu verbieten oder besser zu regulieren, liegt auf der Hand. Aber wie der schreckliche Satz «Das sind Safe Spaces für Menschen, die in der Selbstverletzung einen Bewältigungsmechanismus» zeigt, greift das zu kurz. Die einfachen Antworten dürften wohl immer Scheinlösungen sein. Auch das war mit ein Grund, weswegen mir dieser Podcast eingefahren ist – vielleicht könnte eine ausgeklügelte Moderations-KI die Personen, die solche Safe Spaces unterwandern, schneller erkennen und blockieren. Aber am Ende hilft wohl nur, wenn wir alle es schaffen, dass anteilmässig weniger Menschen zu derartigen Raubtieren mutieren wie Shahriar und FMLK, und wir es schaffen, den verletzlichen Mitmenschen in den realen Räumen Hilfe anzubieten, sodass sie sich die nicht in der virtuellen Welt holen müssen.

    Wobei, auch da: Im Podcast kommt Jays Vater zu Wort, der erzählt, dass sich seine Familie der Gefahren im Netz bewusst war und viel daran gesetzt hat, sie zu entschärfen.

    Harter Bruch und harte Medienkritik

    Damit sind wir an dem Punkt der Medienkritik. Es tut mir leid, dass ein harter Bruch unvermeidlich ist. Aber mir ging es beim Anhören genauso. Wir erfahren, wie Jay das Haus verlässt, während er anscheinend per Smartphone einen Videoanruf führt:

    Knapp 18 Stunden später postet jemand im Telegram-Kanal 764-Announcements etwas. Das ist eine Art News-Channel der Szene. Der User schreibt, es habe einen Suizid gegeben. Daneben ein spöttisches Emoji. Und er setzt eine Art Unterschrift darunter. Er schreibt: White Tiger.

    Probeabo für einen Euro, damit könnt ihr die fünf Folgen direkt hören. Für alle ohne Abo kommt die nächste Folge am Donnerstag in euren Podcatcher.

    Lieber Spiegel, liebe Sandra Sperber, erlaubt mir, euch direkt anzusprechen. Denn ich habe eine dringende Frage: Wie wärs mit etwas mehr Pietät und Feingefühl?

    Natürlich bin ich nicht so naiv, dass mir nicht klar wäre, dass der Podcast auch ein Marketinginstrument ist. Ich habe auch mitbekommen, dass es zum Journalismus gehört, Berichte über den Tod und das Leid der Menschen zu verkaufen.

    Das kann eine zynische, kaltherzige Dimension annehmen, aber das muss nicht. Entscheidend ist, dass die Medien es als ihre Aufgabe ansehen, ihre journalistische Leistung zu verkaufen – und nicht das Leid selbst monetarisieren zu wollen. Diese Trennung ist euch mit diesem harten Cliffhanger gründlich misslungen. Ihr lasst eure Hörerinnen und Hörer mit der Anteilnahme über Jays Tod zurück.

    Linderung für einen Euro?

    Ihr deutet zwar keinesfalls an, dass die nächste Folge Linderung bringt, die man sich für einen Euro sofort verschaffen könnte. Aber das müsst ihr nicht, weil diese Podcastreihe in den Gefilden des True Crime unterwegs ist und dort, wie beim fiktiven Krimi, Geschichten häufig so erzählt werden, dass am Ende irgendeine Form der Gerechtigkeit erfolgt – oder dem Publikum hilft, das Gehörte sinnvoll einzuordnen.

    Also: Dramaturgie in Ehren, aber wenn die Moral darin besteht, dass die Leute einen Euro einwerfen sollen, weil sie den Schmerz oder die Ungeduld schwer aushalten, überspannt das für meinen Geschmack den boulevardesken Bogen.

    Ich schlage etwas anderes vor: Vertraut auf eure journalistische Leistung. Die ist stark genug, dass es keinen expliziten Call to action braucht. Platziert eure Verkaufsbotschaft an einer anderen Stelle, formuliert sie anders. Oder – radikale Idee! – traut eurem Publikum mehr Mündigkeit zu. Denn wenn es eure Arbeit schätzt, wird es von allein auf die Idee kommen, ein Abo abzuschliessen. Es ist klug genug, damit ihr es nicht mit der Nasenspitze draufstossen müsst.

    Danke, viele Grüsse, Matthias.

    Fussnoten

    1) Mir ist während dieses Podcasts eine unerwartete Parallele zum Blogpost Eine Jugendbuchheldin, die Tochter und Papa beeindruckt aufgefallen. In dem stelle ich die Jugendbuchreihe «Stadt der bösen Tiere» von Gina Mayer vor. In der heisst der Bösewicht Sir Raj. Er ist ein Schneetiger, der gewisse Merkmale von Donald Trump hat. Aber im Licht dieser Recherche ist die Parallele zu «White Tiger» alias Shahriar J. auffällig. Zumal Raj in der Geschichte seine Anhänger mit dem Buchstaben «J» tätowiert, was als «Fansign» gedeutet werden kann. ↩

    Beitragsbild: Der Schneetiger als Namensgeber für den mutmasslichen Haupttäter in diesem Podcast. Zur Ehrenrettung des Raubtiers sei gesagt, dass die Abgründe im Podcast rein menschlicher Natur sind (Martin Animals, Pexels-Lizenz).

    #DerSpiegel #Longread #Medienschelte #TrueCrime
  5. Von Spotify gibt es 2026 keine Lohnerhöhung

    Wie fair geht Spotify mit den Künstlerinnen und Künstlern um? Diese Frage stellt sich mir nicht zum ersten Mal. Ich thematisierte sie seinerzeit beim Vergleich mit Apple Music. Und sie stellte sich mir erneut Ende des letzten Jahres. Der Streaminganbieter erhöhte kräftig die Preise; hierzulande um zwei Franken für das Premium-Abo. In der Medienmitteilung verwendete er die gängigen Floskeln. Er schrieb, man wolle «bei sich ändernden Marktbedingungen weiterhin innovativ» sein.

    Dabei liegt es auf der Hand, was Spotify hätte schreiben müssen, um mich und viele andere vom Aufschlag zu überzeugen: «Wir ermöglichen eine Lohnerhöhung für die Musikschaffenden.» Mit dem Argument hätte ich diese Neuerung begrüsst, statt (wieder einmal) über die Abokündigung nachzudenken.

    Spotify wird nicht plötzlich zum Philanthrop

    Ich gehe nicht davon aus, dass die Musikerinnen und Musiker versehentlich vergessen wurden. Trotzdem will ich herausfinden, ob sie sich im (nicht mehr ganz) neuen Jahr auf mehr Geld freuen dürfen. Beim Distributor Rebel Music heisst es dazu lapidar:

    Spotify wird 2026 nicht plötzlich zu einer gut bezahlenden Plattform mutieren, doch dessen ungeachtet weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Leicht verbesserte Auszahlungen in Kombination mit strengeren Inhaltsrichtlinien begünstigen Künstlerinnen und Künstler, die eine treue Zuhörerschaft aufbauen und Musik strategisch veröffentlichen.

    Man könnte sich an dieser Stelle fragen, wie man Musik «strategisch veröffentlicht». Ich versuche, das mit altmodischen Begriffen auszudeutschen. Ich glaube, dass man besser häufig einzelne Singles statt alle zwei Jahre ein grosses Album veröffentlicht. Das ist gemäss der Ökonomie der Aufmerksamkeit einleuchtend. Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Monetarisierungsmechanismen einen direkten Einfluss auf die Musik selbst haben. Trotzdem spüre ich Bedauern über die Dinge, die deswegen auf der Strecke bleiben. Halten wir an dieser Stelle eine Schweigeminute für das Konzeptalbum ab.

    «Das könnten manche als Ungerechtigkeit empfinden»

    Zurück zur Frage, ob Musikerinnen und Musiker eine Lohnerhöhung erwarten dürfen. Bei der Antwortsuche stossen wir auf ein altes Problem: Spotifys Methode zur Tantiemenberechnung ist ein Mysterium für sich. Wie eine britische Marketingagentur schreibt:

    Streamshare, das verwendete Berechnungssystem, verteilt die Einnahmen auf der Grundlage der proportionalen Nutzung und nicht pro Stream, was manche als ungerecht empfinden.

    Promoly deutet ausserdem an, dass der effektive Lohn immer auch Verhandlungssache sei und von der Grösse des beteiligten Musikvertriebs beeinflusst werde:

    Spotify bevorzuge grosse Labels, da diese günstigere Konditionen aushandeln können als unabhängige Künstler oder kleinere Labels. Diese unfaire Dynamik verstärkt die Einkommensunterschiede.

    Man tut Spotify kein Unrecht, wenn man das als intransparent bezeichnet. Spotify stellt sich als Wohltäter für die Künstlerinnen und Künstler dar. Doch beim Selbstlob bleibt der Straminganbieter so wolkig, dass man die Aussagen ebenso gut andersherum interpretieren kann. Wenn wir Spotify nicht an den Worten, sondern an den Taten messen, fällt der Blick auf eine Änderung beim Abrechnungsmechanismus, die schon etwas älter, aber für die kleinen Acts weiterhin massiv ungerecht ist.

    Kleinvieh macht bei Spotify keinen Mist

    Seit April 2024 gilt die Anpassung, mit der Spotify, Zitat, «unser Musiklizenzgebühren-Ökosystem für aufstrebende und professionelle Künstler schützen und stärken» will. Sie gestaltet sich wie folgt:

    Ab April 2024 müssen Titel während Monaten mindestens 1000 Streams erreichen, um sich für die Ausschüttung des Tantiemenpools zu qualifizieren. Ausserdem muss ein Titel eine Mindestanzahl an eindeutigen Hörern haben, um teilnahmeberechtigt zu sein. Das schützt vor Manipulationen, bei denen einzelne User Titel hunderte Male streamen. Wir geben diese Zahl nicht öffentlich bekannt, um Manipulationen durch böswillige Akteure zu verhindern.

    Wenn das nicht intransparent ist, dann weiss ich gar nichts mehr. Es gab eine Petition, die nichts half. Was mich angeht, finde ich es zynisch, dass Spotify mit dieser Begründung sagt, dass jene Künstlerinnen und Künstler, die wenig Umsatz generieren, weder Schutz noch Stärkung verdienen. Nicht nur das – Leute, die wenige, jedoch sehr treue Fans haben, werden generell unter Betrugsverdacht gestellt. Das ist die Arroganz, die man von anderen Konzernen aus der Branche kennt. Sie zeugt davon, dass bei der globalen Gewinnmaximierungsstrategie das Verständnis dafür verloren ging, dass Kunst und Kultur oft in kleinen und kleinsten Nischen blühen und dort gehegt und gepflegt werden müssen.

    Unter dem Strich kann ich meine Vermutung nicht erhärten, dass die potenziellen Mehreinnahmen nicht denjenigen zugutekommen, die sie am ehesten verdienen. Aber die Anzeichen sind vorhanden, dass Spotify die Kleinverdiener in den Reihen der eigenen Schützlinge komplett egal sind.

    Beitragsbild: Dafür braucht es drei bis bis sechs Streams. Aber nur, wenn innerhalb eines Jahres weitere 994 bis 997 Streams dazugekommen sind (Elijah Mears, Unsplash-Lizenz).

    #Enshittification #Medienschelte #Musik #Spotify
  6. Wer ist heute noch so dumm und fällt auf «Teile und Herrsche» herein?

    Der Medienkonsum birgt Risiken. Es kann passieren, dass ein Artikel, ein Film, Podcast oder auch ein Buch uns die Augen öffnet. Die Rezeption liefert uns eine Information, die uns eine neue und überraschende Sichtweise auf einen bestimmten Sachverhalt erlaubt.

    Zugegebenermassen habe ich im letzten Jahr einen Blogpost mit dem genau gleichen Absatz angefangen. Aber da ich wieder einen solchen Aha-Moment erlebte, entschied ich mich zu dreierlei. Erstens zu der textmässigen Rezyklierung. Zweitens zu der Vergabe des Stichworts Augenöffner für derlei unerwartete Einsichten.

    Eine Anspielung an den Spruch «Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie gross sind, gib ihnen Flügel», nehme ich an.

    Und drittens bespreche ich hier den fraglichen Podcast. Es handelt sich um Wind und Wurzeln (RSS, iTunes, Spotify) von Marina Weisband, die ihr vielleicht, wie ich, aus den sozialen Medien (früher Twitter, heute Bluesky) kennt. Sie ist Diplompsychologin und Publizistin, in der Politik aktiv (früher Piratenpartei, heute Bündnis 90/Die Grünen), und sie hat eine bewegte Biografie. Seit April 2025 betreibt sie den Podcast, der per Crowdfunding finanziert und seit Oktober von Perspective daily unterstützt wird. Das wiederum ist ein Online-Magazin, das seit 2016 den konstruktiven Journalismus pflegt.

    Tribalismus? Doch nicht bei uns!

    Also, die Augenöffner-Folge stammt vom 24. Dezember und hat den länglichen Titel Gegen die gesellschaftliche Spaltung: Wie wir Scheindebatten und Tribalismus stoppen. Ich bin am Wort Tribalismus hängen geblieben, aber auch das Stichwort aus der Beschreibung hat meine Neugierde geweckt. Es handelt sich um das Prinzip «Teile und Herrsche» (Divide et impera), das auf den guten alten Machiavelli zurückgeht (oder auch nicht). Es handelt sich um ein Herrschaftsprinzip, das mittels Fragmentierung operiert. Gruppen, die dem Machtanspruch des Regenten gefährlich werden könnten, werden in Teilgruppen aufgespalten, die gegeneinander agieren. Die Wirksamkeit liegt auf der Hand: Wer sich bekämpft, statt sich zu verbünden, kommt nicht auf die Idee, den Potentaten um einen Kopf kürzer zu machen.

    Das Prinzip war mir bekannt, aber ich war der irrigen Meinung, eine aufgeklärte, mündige Gesellschaft müsse es längst überwunden haben. Natürlich, wenn man darüber nachdenkt, ist das eine geradezu lächerliche Annahme. Es gibt unzählige Anzeichen dafür, dass viele Zeitgenossinnen und -genossen noch so gern den Rückwärtsgang einlegen, um sich von der Aufklärung zurück ins Mittelalter zu bewegen. Das schmälert die Leistung des Podcasts jedoch nicht. Im Gegenteil: Es ist besonders effektiv, wenn wir dazu gebracht werden, vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. (Weswegen ich auch Jörg Kachelmann mit seiner Social-Media-Standardfrage in die erlauchte Gruppe der Augenöffner aufgenommen habe.)

    Alle gegen alle

    Marina Weisband legt eindrücklich dar, dass dieses Prinzip nicht nur nicht veraltet ist, sondern in unserer Medienlandschaft hervorragend funktioniert. Wir lassen uns noch so gern auf die sogenannten Scheindebatten ein. Diese suggerieren einen realen Konflikt, lenken aber vom eigentlichen Problem ab. Sie formulieren Probleme als Kampf bestimmter Gruppen und hetzen Junge gegen Alte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gegen Arbeitslose und Einheimische gegen Zugewanderte. Dadurch wird der wahre Verteilkampf verdeckt. Der besteht oft darin, dass sich Superreiche oder Unternehmen in der Digitalindustrie nicht besteuern lassen wollen.

    Ein eindrückliches Beispiel aus dem Podcast dreht sich um die Lobbyingmaschine der Koch-Brüder, die es seinerzeit geschafft haben, den US-Kongress kaufen:

    Wie eine investigative Recherche im Juli 2025 aufzeigte, erhalten 80 Prozent der Antitrans-Initiativen in den USA ihr Geld von der Fossillobby. Klingt komisch, ist aber so. Die fossile Lobby macht mobil gegen Menschen, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung ausmachen und die nichts mit dem Klimawandel zu tun haben. Wieso ist das so? Vivian Taylor, eine Klimapolitexpertin und Mitautorin der Analyse, sagt dazu, die fossile Brennstoffindustrie habe deshalb ein Interesse daran, Panikmache um Transgender-Personen zu finanzieren, weil das die Öffentlichkeit von den sehr realen und anhaltenden Risiken ablenkt, die der Klimawandel mit sich bringt.

    Der Podcast, als Meme zusammengefasst.

    Im Podcast kommt Chris Vielhaus von «Perspective daily» zu Wort, der das Prinzip anhand der Rentendebatte erklärt, die in Deutschland im letzten Jahr einen schmerzhaften Konflikt zwischen Jungen und Alten auslöste, der mir mit der Distanz des Nachbarlands schon einige Sorgen bereitete. Aber was tun? Im zweiten Teil des Podcasts kommt Bernhard Pörksen zu Wort, der ein verblüffend einfaches Rezept gegen derlei verfahrene Situationen hat. Das heisst Zuhören¹. Er plädiert für das «Prinzip der nicht-egozentrischen Aufmerksamkeit»; etwas verkürzt wiedergegeben:

    Der dialogische Tanz kann ja erst beginnen, wenn man fragt: In welcher Welt ist das, was der andere sagt, wahr, plausibel und schön?

    Fazit: Ich halte dem Podcast zugute, dass er etwas auf den Punkt bringt, das mir schon lange hätte klar sein müssen, es aus unerfindlichen Gründen nicht war. Wir Menschen sind – das haben wir bei Corona gelernt – schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Wir haben auch kein Talent dafür, Prioritäten richtig zu setzen. Denn was das angeht, sind wir in der Schweiz keinen Deut besser als die Deutschen oder die EU, weil auch unser Bundesgericht fand, ein vegetarisches Produkt dürfe nicht «planted chicken» heissen.

    Tugenden nicht nur predigen

    Mir gefällt der Podcast nicht nur aus inhaltlichen Gründen. Er pflegt das, was er selbst predigt: Er kritisiert die Medien für ihre aufgeregte Berichterstattung, die viel zu oft die PR-Botschaften der Lobbyisten unhinterfragt transportiert – und er macht das auf eine unaufgeregte, hintergründige Weise. Er exerziert gleichzeitig vor, dass es selbst bei vertrackten Themen immer eine Lösungsperspektive gibt – und der Weg aus der Bredouille tatsächlich in einer so banalen (aber in den sozialen Medien kaum jemals aktiv gepflegten) Handlung wie Zuhören bestehen könnte.

    Und ja, irgendwie steckt in dieser Botschaft der eine oder andere Neujahrsvorsatz drin.

    Fussnoten

    1) Er legt dieses Prinzip auch in Buchform dar: «Zuhören – Die Kunst, sich der Welt zu öffnen» bei Hanser oder Amazon. ↩

    Beitragsbild: Der Mann mit der Hand am Griff trägt auch die goldene Krone (David Popkov, Unsplash-Lizenz).

    #Augenöffner #Medienschelte #Politik
  7. Wo journalistische Kardinalstugenden täglich zur Schau getragen werden

    Als Blogger nehme ich meinen Informationsauftrag ernst. Dennoch frage ich mich, ob der auch die offensichtlichen Fälle umfasst. Sprich: Muss ich einen Podcast vorstellen, der schon jeder kennt?

    Nicht das originellste Coverbild aller Zeiten.

    Der Anlass für diese Introspektion liefert mir The Daily von der New York Times (RSS, iTunes, Spotify). Es gibt den Podcast seit acht Jahren, und er darf als Goldstandard im News-Bereich gelten.

    Das Konzept, täglich die wichtigste Nachricht mit Journalisten aus dem eigenen Haus zu behandeln, gibt es inzwischen von diversen Medienhäusern: Auf dieser Übersicht finden sich u. a. Today, Explained von Vox, Today in Focus von «The Guardian» und The Intelligence von «The Economist». Es existieren einheimische Beispiele, namentlich Apropos von meinem Arbeitgeber. Ich tue niemandem Unrecht, wenn ich gewisse Ähnlichkeiten bei der Machart konstatiere: charismatische Hosts, geschickt eingesetzte O-Töne und Atmo, Kompetenz aus dem eigenen Haus und ein aktuelles Thema, das zum Kerngebiet der auftretenden Journalistin oder des Reporters zählt.

    Die Antithese zu den sozialen Medien

    Also, wer sich für US-amerikanische Politik interessiert, des Englischen mächtig ist und der journalistischen Perspektive der «New York Times» etwas abgewinnen kann, der kennt «The Daily» längst. Darum nehme ich diese Besprechung zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass dieser Podcast der lebendige Beweis für eine wichtige Tatsache ist:

    Der traditionelle Journalismus ist nicht tot und nicht brutal altmodisch. In diesem Podcast gibt es gestandene Reporterinnen und Rechercheure zu hören, die Fakten vermitteln und selbst bei unglaublichen Sachverhalten distanziert bleiben. Eine akustische Antithese zu den sozialen Medien: Man braucht nicht ständig in Superlative, Zuspitzungen und eine überbordende Rhetorik zu verfallen. Im Gegenteil: Eine differenzierte Darstellung wirkt beruhigend. Sie ruft in Erinnerung, dass die meisten Dinge des Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können und sollen. Nicht jeder ist ein Idiot oder ein Bösewicht, wenn er eine bestimmte Meinung nicht teilt. Es ist Balsam auf die Seele, wenn wir feststellen dürfen, dass die Schreihälse selbst in den USA nicht alle niederbrüllen.

    Der Einwand liegt auf der Hand: Dieser Tage berichtet «The Daily» oft über Themen, bei denen es keine zwei Meinungen geben sollte. Der menschenfeindliche Einschlag der Politik des Herrn Trump wirft die Frage auf, ob nicht die Zeit für einen anwaltschaftlichen oder gar anklagenden Journalismus gekommen ist. Diese Ansicht ist legitim. Doch in den letzten Wochen, in denen ich viel «The Daily» gehört habe, empfand ich es stets als wohltuend, dass hier die eigenen Tugenden auf demonstrative Weise hochgehalten werden¹.

    Der (nicht so) heimliche Star: die Musik

    So weit, so klar. Lasst mich mit einer interessanten formalen Betrachtung schliessen: Bemerkenswert ist, wie dieser Podcast die Musik als Erzählmittel einsetzt (neudeutsch: Storytelling). Für «moderne» Podcasts in der Tradition von «Serial» ist das nicht ungewöhnlich, auch in vielen deutschsprachigen Produktionen kommt sie zum Zug. Allerdings greifen die typischerweise auf ein Archiv mit einigen wenigen Stücken mit einem gewissen Wiedererkennungswert zurück. Bei «The Daily» wird die Musik bei gewissen Themen angepasst oder speziell komponiert. Hier gibt es eine Erklärung dazu:

    Von Anfang an haben wir unsere Titelmusik gelegentlich umarrangiert, um zu signalisieren, dass eine Folge aus dem Rahmen fällt. Als wir 2017 eine Sonderfolge für Kinder produzierten, in der es um zwei Schwestern ging, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie bei den Pfadfinderinnen bleiben oder zu den Pfadfindern wechseln sollten, schuf unser technischer Leiter Brad Fisher eine neue Version unserer Titelmusik mit einem Spielzeugklavier. (…)

    Woran erinnert uns das bloss?

    Die Titelmelodie sei meistens unverändert, aber nicht immer. Mir ist nicht klar, wie sehr die musikalische Untermalung während der Folge auf das Thema adaptiert wird. Sie passt auf alle Fälle oft so gut, dass der Fundus an Musik beträchtlich sein muss und mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzt wird. Ein Aufwand, den sich nicht jeder Podcast leisten kann – schon gar kein täglicher.

    Wie erwähnt, ist die Musik typisch für die Erzählweise in Podcasts. In «The Daily» erinnert sie mich daran, dass sie gleichzeitig auch ein uraltes Stilmittel ist. Die Filmwochenschauen in Deutschland und in der Schweiz setzten oft dramatische Orchestermusik ein. Im Beitrag Ursprung und Entwicklung der Musik in der Wochenschau wird erklärt:

    Es gab z. B. «Katastrophenmusik», «Sportmusik», «Maschinenmusik» sowie Tanzmusik und ernste klassische Musik. Es waren offenbar eingängige Musikmuster, die Generationen von Kinogängern geprägt haben. Und es ist ausserdem davon auszugehen, dass diese auf Zuschauerakzeptanz stiessen, sodass sie zu einer kontinuierlichen Praxis avancierten.

    Und siehe da: Plötzlich wirkt ein uraltes Stilmittel so, als sei es eben erst erfunden worden.

    Fussnoten

    1) Die Regeln der «New York Times», als ethical journalism bezeichnet, sind zwar strikt, unterscheiden sich in ihrer Stossrichtung aber nicht radikal von ähnlichen Regelwerken in anderen Ländern, z. B. den Regeln und Pflichten der Journalisten in der Schweiz. Das im Detail zu diskutieren, wäre ein Thema fürs Publizistikseminar. Jedenfalls braucht es nicht nur die Regeln, sondern auch den redaktionellen und wirtschaftlichen Freiraum, sie umzusetzen. ↩

    Beitragsbild: So geht in New York die Sonne auf (Tomasz Brengos, Unsplash-Lizenz).

    #medienschelte #politik

  8. Ist Wissen wem zu schwer
    Quatscht er einfach quer.

    Dann setzt er noch ein Meme darunter
    Macht's nicht besser, aber bunter.

    #spott #gedicht #medienschelte #zeitungeist

  9. @FR_de Vielleicht war das Auto übermütig oder unkonzentriert, vielleicht auch betrunken. Schade, dass die*der Fahrer*in absolut keine Möglichkeit gehabt zu haben scheint, auf das ausßer Rand und Band geratene Auto einzuwirken. Wirklich tragisch der Unfall, den offenbar ein Auto vollkommen selbst verschuldet hat! Man sollte dem Schrott wohl seine Fahrerlaubnis entziehen.

    #Medienschelte #Carbrain

  10. Aber wenn sie darum bitten - wo ist denn die Berichterstattung über die alltägliche Diskriminierung des mündigen Bürgers, der Rabattkarten ablehnt, Cookies widerspricht, Skripte unterbindet, Zahlungsmethoden hinterfragt, AGBs in Ruhe ganz durchliest, "ohne Kundenkonto" einkauft, Leihräder, Mietwagen, Flugreisen lieber ablehnt?
    Wo werden denn die Architekten dieser asozialen Geschäftspraktiken benannt, ins Licht der medialen Öffentlichkeit gezerrt, im Talk gegrillt?
    #medienschelte

  11. Wie das «Nidwaldner Tagblatt» 1987 eine grobe Unterlassungssünde beging

    Steve Jobs erster Auftritt in der Schweizer Medienlandschaft war nicht sonderlich spektakulär. Aber wie steht es um Bill Gates?

    Ein Studienabbrecher wie Jobs, begann er seine Karriere, indem er 1975 mit Paul Allen Microsoft gründete. Ab wann hätten die Schweizer Medien auf diesen Mann aufmerksam werden müssen, der von manchen (meines Erachtens zu Unrecht) als Programmiergenie gesehen wird, seine wahren Talente indes im geschäftlichen Bereich entfaltet hat? Gates hat Gelegenheiten erkannt und vor allem wusste er sie strategisch geschickt auszunutzen. Ich attestiere ihm ausserdem Hartnäckigkeit und ein Talent zum Schwadronieren. (Ich bin noch unschlüssig, ob ich mir seine Biografie Source Code antun soll – werde aber vermutlich nicht darum herumkommen.)

    Der entscheidende erste Unternehmenserfolg gelang Gates 1981: Er kaufte dem Entwickler Tim Paterson für 50’000 US-Dollar das Betriebssystem 86-DOS ab, verfeinerte es ein bisschen zu MS-DOS und lizenzierte es als PC DOS an IBM. Zusammen mit dem legendären IBM-PC eroberte dieses Gespann die Geschäftswelt und wurde für Jahrzehnte zur dominanten Plattform für das klassische Computing.

    Damit ist die Ausgangslage klar: Es gibt eine hervorragende Note für die Schweizer Presse, falls Gates vor 1981 vorgestellt wurde. Sollte es deutlich später gewesen sein, müssen wir ein Versäumnis anprangern. Wie üblich gilt, dass ich für meine Nachforschungen nur auf öffentliche elektronische Archive zurückgreife.

    Zu Besuch in Hergiswil

    Tja, und was soll ich sagen? Bei E-Newspaperarchives finden sich für die Achtzigerjahre gerade mal sechs Treffer zu Gates. Der erste Artikel erschien am 4. Februar 1987. Das «Nidwaldner Tagblatt» verkündete, dass Bill Gates bei Also-Chef Bruno Gabriel zu Besuch gewesen war:

    Zwar sind die Umsatzzahlen unterschiedlich, doch die Wachstumsverhältnisse dürften in etwa übereinstimmen. Bill Gates (32), Gründer und Chef der heute weltgrössten Softwarefirma – der Microsoft –, besuchte zu Beginn dieser Woche die Also-Gruppe in Hergiswil. Den Schweizer Spezialisten für Mikrocomputer Also, der seit der Gründung 1984 durch Bruno Gabriel (41) ebenfalls eine ungewöhnliche Erfolgsstory und ein mehr als nur rasantes Wachstum vorweisen kann.

    Autsch!

    1987 war Microsoft bereits führend im PC-Softwaremarkt. MS-DOS dominierte die PC-Landschaft und wie ich einer SDA-Meldung vom 14. Oktober 1986 entnehme, war Gates mit dreissig Jahren und 315 Millionen US-Dollar auf dem Sparbuch als eines der jüngsten Mitglieder in den Club der 400 reichsten Amerikaner aufgenommen worden. Ein guter Monat nach dem Besuch in Hergiswil, am 21. März 1987, war Gates der erste Computer-Milliardär. Allein dieser raketenhafte Aufstieg hätte sich in den Medien widerspiegeln müssen.

    Der etwas zu kurz geratene «Wunderknabe»

    Aber das Verdikt fällt noch vernichtender aus: Wir kommen nicht um die Feststellung herum, dass sich das «Nidwaldner Tagblatt» die Chance auf einen historischen Primeur hat entgehen lassen: Man hätte mit diesem, Zitat im Artikel, «Wunderknaben» ein Interview führen können, ohne in die USA fliegen zu müssen. Stattdessen ist man aus lauter Lokalpatriotismus auf die Idee verfallen, Gates mit einem Schweizer Unternehmer auf die gleiche Stufe zu stellen. Die Überheblichkeit ging so weit, dass man ihn als Nachwuchstalent neben dem Hergiswiler Tech-Tycoon Bruno Gabriel positionierte.

    Dieser Vergleich war schon damals an den Haaren herbeigezogen, was den globalen Einfluss angeht. Wenn wir Also und Microsoft nach dem aktuellen Stand der Dinge gegenüberstellen, dann erkennen wir, dass Also 2021 immerhin 12,8 Milliarden Franken Umsatz erzielte, Microsoft allerdings 168 Milliarden US-Dollar. Und die Biografie welches Gründers sich besser verkauft, darüber müssen wir nicht lange spekulieren.

    Stattdessen kommt Gates in dem Artikel naiv rüber:

    Bill Gates, der erstmals in der Schweiz weilte, zeigte sich über die Wachstumsaussichten des Computermarktes in Europa überrascht: «Ich wusste gar nicht, wie stark sich hier der PC-Markt entwickelt.»

    Und das war es auch fast schon, was gemäss den elektronischen Archiven die Schweizer Presse in den gesamten 1980er-Jahren über Bill Gates zu schreiben hatte¹.

    Das lässt sich auf unterschiedliche Weise deuten:

    Eine wohlwollende Interpretation wäre, dass die Schweizer Presse sich damals lieber mit den Unternehmen und Produkten als mit den Köpfen befasste. Das lasse ich zu einem gewissen Grad gelten: Der heutige Drang, Themen wann immer möglich zu personifizieren, geht mir gehörig auf den Wecker. Doch Bill Gates hatte schon in den 1980er-Jahren alles, was ein Interview oder ein ausführliches Porträt gerechtfertigt hätte.

    Ein Totalversagen

    Das führt uns zur zweiten möglichen und deutlich weniger gnädigen Deutung: Die Journalisten nahmen die aufstrebende Computerbranche nicht ernst. Das Wort Nerd war damals nicht gebräuchlich (den Beleg zu dieser Behauptung findet ihr hier), aber wenn das «Nidwaldner Tagblatt» von «Wunderknabe» schreibt, enthält dieses Wort die genau gleiche Mischung aus Bewunderung, Unverständnis und Missachtung. Subtext: Dieser Gates ist reich und erfolgreich, aber im Vergleich zu einem richtigen Geschäftsmann wie Also-Chef Bruno Gabriel grün hinter den Ohren. Das Foto ist von einer Bildlegende begleitet, die das sogar explizit formuliert: Sie nimmt nämlich Bezug auf den Unterschied bei der Körpergrösse und auf die Tatsache, dass Gabriel Gates um einen Kopf überragt.

    Die These steht: Die Schweizer Presseleute haben die digitale Entwicklung brutal verkannt. Dominik Landwehr, seines Zeichens gestandener Computer-Journalist, hat sie während einer Diskussionsrunde am Vintage Computer Festival in Zürich eindrücklich bestätigt.

    Fazit: ein Totalversagen. Dass es keinen Nagel² setzt, ist «FAN – L’express» zu verdanken. Diese Zeitung hat am 15. Januar 1988 einen Blick auf das Personal der Computerrevolution geworfen und im Artikel Pionniers légendaires anerkannt, dass Leute am Werk sind, die Besonderes leisten.

    Legendäre Pioniere aus der seltsamen Welt der Computer. PS: Es gebe eine Sache zu verstehen, erklärt der Artikel – gefolgt von zwei Aufzählungszeichen. Ist das keinem aufgefallen?

    Allen voran wird Steve Wozniak genannt, gefolgt von Steve Jobs, der hier noch Steven Jobs heisst. Und als Dritter im Bunde taucht Ken Olsen als Gründer der Computerfirma Digital Equipment Corporation (DEC) auf. Die Frage, ob dieser Podestplatz aus heutiger Sicht gerechtfertigt ist, gäbe einen separaten Blogpost her. Ironisch jedenfalls, dass Olsen inzwischen fast nur noch für seine Aussage von 1977 berühmt ist, es gebe keinen Grund, warum jemand einen Computer zu Hause haben sollte. Natürlich lustig; auch wenn man unter den Tisch fallen lassen muss, dass er von Heimserver und nicht von Heimcomputern sprach.

    Gates wird in diesem Artikel genannt, darf aber nicht den Status eines Pioniers für sich in Anspruch nehmen. Falls ich diesen seltsamen Satz richtig verstehe, wird er als Steigbügelhalter für Jobs dargestellt:

    Jobs, einer der ersten, der von der grundlegenden Bedeutung der Software überzeugt war, hatte das «Glück», das Microsoft von Bill Gates und Paul Allen zu adaptieren: eine Annäherung, eine Synchronisierung der Alltagssprache und des Computers, die Architekten eines so schwindelerregenden Erfolgs, dass er die ohnehin schon fabelhaften Massstäbe von Silicon Valley bei weitem übertraf.

    Ob die Leserschaft damals kapiert hat, was man ihr damit hatte sagen wollen?

    Erst in den 1990er-Jahren von Interesse

    Was Bill Gates angeht, kam die Schweizer Öffentlichkeit im Lauf der 1990er-Jahre nicht darum herum, von diesem Mann Notiz zu nehmen. 1990 gab es drei Artikel, 1991 17, 1992 14, 1993 vierzig, 1994 56 und 1996 dann 111. Wenn ich nichts übersehen habe, schaffte es der Microsoft-Gründer am 21. November 1990 zum ersten Mal in eine Schlagzeile: Die Visionen von Microsoft-Gründer Bill Gates: Der PC liest Handschrift.

    Es sei das Ziel, Informationen transparent über alle Grenzen von Computern und Programmen verwenden zu können, erklärte Gates. Nach seinen Worten muss die Benutzung eines Personalcomputers so einfach werden wie diejenige eines Autos oder eines Fernsehgerätes. (…) Bill Gates beschrieb den Anwesenden die Idee eines 25 Zentimeter dicken Notebook-Rechners einem druckempfindlichen Bildschirm und einem Stift, mit dem man auf dem Bildschirm schreiben kann.

    Und was sehen wir heute? Statt einfacher PCs bekamen wir komplizierte Fernseher. Und wegen der Fixierung auf die Handschrift vermasselte Microsoft das Handy-Geschäft.

    Fussnoten

    1) Folgende Artikel sind in «E-Newspaperarchives» noch verzeichnet:

    • Gates erste Milliarde war dem «Bund» am 23. März 1987 eine Kurzmeldung wert.
    • Am 29. September 1987 erwähnte wiederum der «Bund» Gates nebenbei in einem Artikel zum Desktop Publishing. Im «Journal du Jura» gab es am 13. Oktober 1989 einen Hinweis auf eine Fernsehreportage auf France 1 unter dem schönen Titel «Die Neureichen der Neuen Welt» («Les nouveaux riches du Nouveau-Monde»), in der auch Bill Gates erwähnt wird.
    • Und am 21. November 1989 nannte wiederum «Der Bund» Gates’ Namen in einem Artikel, in dem es um (aus heutiger Sicht irrelevante) technische Details bei der PC-Architektur ging. ↩

    2) Schweizer Schulslang für die Note 1, die in Deutschland der 6 entspricht. ↩

    Beitragsbild: Wenn Also die ungebremste Rakete ist, was ist dann Bill Gates? Der Kampfstern Galactica?

    #BillGates #Medienschelte #TechPremiere
  12. Warum erhitzt der UKW-Abschied die Gemüter bloss sosehr?

    Die UKW-Abschaltung hat in mir zwei komplett widersprüchliche Gefühle ausgelöst.

    Einerseits Nostalgie: Ich war in meiner Jugend ein Dauergast auf der Ultrakurzwelle. Als DRS3 1983 auf Sendung ging, war das ein radiofoner Urknall für mich. Ich hatte eine innige parasoziale Beziehung zu vielen der Moderatoren der ersten Stunde. François Mürner wird immer eine Art schräger Onkel für mich bleiben und viele der anderen Namen von wecken Erinnerungen, wie per Funkwellen die grosse weite Welt – oder zumindest ein Hauch der urbanen Schweiz in das Kaff im Züricher Weinland wehte, in dem ich damals wohnte: Jasmin Kienast, Martin Eggenschwyler, Ernst Buchmüller, Christoph Schwegler «am Regler», Christoph Alispach und natürlich der unvergessene Musikredaktor Urs Musfeld.

    Radio ist auch meine Herzensangelegenheit

    Überhaupt war Radio in meiner Jugend das coolste Medium überhaupt. Fernsehen – das ich in Ermangelung eines Empfangsgeräts bei der Familie nur bei meinen Freunden und Grosseltern geniessen konnte – zwar bunter und abwechslungsreicher, aber doch irgendwie biederer und viel zu erwachsen. Noch heute wundere ich mich manchmal darüber, dass meine berufliche Karriere mich zur Zeitung und nicht zum Rundfunk geführt hat. Weil ich seit 2009 ehrenamtlich für Radio Stadtfilter in Winterthur arbeite, habe ich doch eine Ahnung, dass die Wahl meiner Karriere nicht völlig verkehrt war. Ich bin zwar, so hoffe ich, nicht der allerschlechteste Sendungsmacher der Welt. Aber das geschriebene Wort entspricht meinen Talenten etwas besser als das gesprochene.

    Leider haben wir uns auseinandergelebt, DRS3 – bzw. SRF3, wie der Sender seit 2011 heisst – und ich. Vielleicht liegt es daran, dass das Rauschen und Knacksen im analogen Äther mich etwas nostalgisch stimmen und an die damals so heile Radiowelt erinnern.

    Zugegeben: Die meisten DAB-Radios sehen vergleichsweise hässlich aus.

    Die Umstellung auf DAB+ ist nicht gut gelaufen. Aber war sie deswegen falsch?

    Trotzdem gibt es auch das andere Gefühl: Das des Digitalfans, der überzeugt ist, dass die technischen Möglichkeiten selbstverständlich auch beim linearen Radio ausgeschöpft werden müssen. Ich habe vor vier Jahren konstatiert, dass Roger Schawinski den falschen Kampf kämpft. Bei dieser Umstellung von UKW auf DAB+ sehen die meisten Akteure, wie kürzlich beim Tagesanzeiger dargelegt, nicht gut aus: weder die SRG noch die Zuhörer und schon gar nicht die Autoindustrie.

    Auf diesen Beitrag gab es einen wahnsinnigen Haufen Kommentare. Mich haben auch diverse Mails und Messenger-Nachrichten direkt erreicht. Heinz W. warf mir vor, die «Tagi-Brille» aufzuhaben. Das soll wahrscheinlich heissen, dass ich Kritik bloss um der Kritik willen übe. Das ist, wie dieser Blogpost hier sicherlich deutlich gemacht hat, nicht der Fall: Ich will, dass die SRG sich Mühe gibt, verflixt noch eins!

    Stefan monierte meinen «Tunnelblick». Er meinte, das Tempo der Veränderung sei zu hoch, viele seien überfordert und dem typischen SRF-Publikum im Pensionsalter sei es im Grunde egal, «welche Sau gerade durchs Dorf getrieben wird».

    «Unser Publikum ist tot»

    Ist dieses Argument («Unser Publikum ist alt») wirklich geeignet, sich gegen Veränderungen zu stellen? Nein, natürlich nicht. Denn dann wird die Feststellung in ein paar Jahren lauten: «Unser Publikum ist tot». Trotzdem gebe ich Stefan in vielen Belangen recht. Er meinte, unser Umgang mit den technischen Entwicklungen sei «generell verbesserungswürdig». Ich teile diese Ansicht: Bei der KI fände ich eine Drosselung des Tempos angebracht, und der ständigen Disruption fast allen Lebensbereichen sollte der Menschheit regelmässig eine Verschnaufpause gewährt werden.

    Stefan kritisiert meine Pro-DAB+-Haltung auch, weil bei der Umstellung die Nachhaltigkeit auf der Strecke bleibe: Stichwort Elektroschrott, wenn noch funktionierende Empfangsgeräte auf dem Müll landen. Das ist ein valider Punkt, auch wenn die meisten von uns ihr ökologisches Gewissen gern vergessen, wenn ein bei Handys, Fernsehern und Computern ein neues Modell lockt.

    Trotzdem ist das ein Punkt, den ich bei der Umstellung aufs Digitalradio auf jeden Fall bemängle. Er ist im Text der Längenbeschränkung zum Opfer gefallen, aber dass 2012 DAB durch den inkompatiblen Standard DAB+ ersetzt wurde, war ein veritables «Dabakel». Es führte dazu, dass die digitalen Radiogeräte der ersten Stunde nicht mehr funktionierten. Und ich bin überzeugt, dass das dem Digitalradio massiv geschadet hat.

    Verbogene Antenne – dafür treffen die Erinnerung fadegrad ins Herz des Radiofans.

    Lieber gleich Internet?

    Ich habe auch Verständnis für Leute, die DAB als Brückentechnologie ansehen. Die Frage ist erlaubt, ob man die auch hätte überspringen können. Wenn das Internet und das Streaming als Zukunft des Radios betrachtet wird, hätte UKW für den Radioempfang über die Luft noch auf längere Frist den Zweck erfüllen können. Das Bakom hat sich seinerzeit anders entschieden, wofür es auch gute Gründe gab – nicht zuletzt die Programmvielfalt. Die halte ich für wichtig. Uner den Voraussetzungen halte ich es nicht für sinnvoll, die Umstellung auf DAB+ unendlich rauszuzögern. Ich verstehe, dass sich Gruppen wie die «Mittelalterlichen» (die Bezeichnung für ältere Radiohörerinnen und -hörer stammt nicht von mir, sondern aus Stefans Mail) überfordert fühlen – zu Recht.

    Es gibt jedoch auch die Leute, die derartige Neuerungen generell anzweifeln oder für überflüssig halten – weil es «früher auch ohne ging». Man kann daher die Zukunftsstrategien nicht an den Zweiflern und Bremsern ausrichten; weil Fortschritt sonst niemals stattfindet.

    Auch in fünf Jahren wäre Roger Schawinski kein DAB+-Fan

    Im Fall von DAB liesse sich darüber streiten, wie sinnvoll der Zeitplan war. Roger Schawinski hat dazu bekanntlich eine klare Meinung. Allerdings hat sich die Branche auf den Zeitplan verständigt, der jetzt durchgezogen wird – und dass die Leute, die den Technologiewechsel heute anzweifeln, ihn morgen für sinnvoll erachten, glaube ich auch nicht.

    Kurz und gut: Im Gegensatz zu Stefan glaube ich nicht, dass die Umstellung auf DAB+ bloss eine absatzfördernde Massnahme zugunsten des Elektronikhandels und der Autogaragen ist. Ich habe auch grosses Verständnis dafür, dass sich Leute überfahren und genötigt fühlen. Leider passiert das andauernd. Denken wir daran, dass in zehn Jahren sich Bahnbilletts nur noch übers Smartphone lösen lassen. Das Verschwinden der Billettautomaten ist ein grösseres Problem als DAB+, davon bin ich überzeugt.

    Sollen wir deswegen technische Entwicklungen verzögern? Nein. Vielmehr halte ich flankierende Massnahmen für empfehlenswert: gute, persönliche Hilfestellung für Leute, die sich vom technischen Fortschritt überfahren fühlen. Das wäre ein hervorragender Service Public. Ich werde mich sofort melden, um als professioneller Erklärbär den Seniorinnen und Senioren DAB+ oder auch die SBB-App zu erklären …

    Beitragsbild: Die alte Antenne kann auch neues Digitalradio (Alexander Fox | PlaNet Fox, Pixabay-Lizenz).

    #Medienschelte #SRF #Stadtfilter

  13. Feuer unterm Hintern

    Time & Fun – ein Nachbau von VTech der populären «Game & Watch»-Handheld-Games, mit denen ich schon damals viel Zeit am Bildschirm vertrödelt habe.

    Am 18. Januar war ich am Vintage Computer Festival in Zürich: Es gibt ein eindrückliches Sammelsurium an alten Computern. Manche davon haben Erinnerungen geweckt, und es gab auch Exponate, die noch aus der Zeit stammten, bevor ich zum aktiven Computernutzer geworden bin. Meine Tochter hatte Gelegenheit, Pac-Man auf authentischer Hardware zu spielen.

    Ich habe mich sehr gefreut, Röbi Weiss nach langer Zeit wieder persönlich die Hand zu schütteln. Übrigens, eine wirklich passende Gelegenheit für einen Hinweis: Röbi hat nämlich sein Riesenposter auf den neuesten Stand gebracht hat. Es hat jetzt die sagenhaften Abmessungen von 1,14 auf 2,65 Meter; und ich würde es sehr gern aufhängen, wenn ich irgendwo die passende Wand dafür hätte. Falls das bei euch der Fall ist: Hier könnt ihr es bestellen.

    Die modischen Veränderungen des Röbi Weiss

    Wie damals! «Pac-Man» auf dem C64!

    Noch ein Hinweis zu Röbi: Er ist gewissermassen der «Godfather» der Computerberichterstattung. Er wurde regelmässig in die Fernsehsendung «Karussell» des Schweizer Fernsehens eingeladen, um über Erfindungen aus dem Computerbereich zu berichten. Diese Beiträge sind ein Highlight auf dem Retro-Youtube-Kanal von SRF. In gesammelter Form finden wir sie auch auf der Website von Röbi Weiss. Wie er schreibt: «Interessant sind vor allem die eingeblendeten Berufsbezeichnungen, der Alterungsprozess von mir und die modischen Veränderungen.»

    Ich habe es endlich ans Vintage Computer Festival geschafft, weil ich dort selbst einen Auftritt hatte. Zusammen mit Guido Berger von SRF und «PC-Tipp»-Legende Gaby Salvisberg habe ich unter der kundigen Moderation von Dominik Landwehr über den Zustand der Schweizer Computerberichterstattung philosophiert. Von diesem «Sofatalk» gibt es eine Aufzeichnung, die ich hier vor allem wegen der regen Teilnahme des Publikums empfehle: Anders als oft bei solchen Runden gab es kritische Fragen – und am Ende ein Statement des umtriebigen Andreas Von Gunten, der – je nach Sichtweise – uns Journis als Realitätsverweigerer gebrandmarkt oder uns Feuer unter dem Hintern gemacht hat.

    Beitragsbild: Der Sofatalk mit (v.l.n.r.) Dominik Landwehr, Guido Berger, mir und Gaby Salvisberg (Daniel Boos, CC-BY).

    #Medienschelte

  14. Als Apple noch in Anführungszeichen gesetzt worden war

    Welches Schweizer Medium hat bei der Tech-Berichterstattung Pionierarbeit geleistet? Dieser Frage gehe ich seit zwei Jahren systematisch nach. Und es soll dabei nicht nur um die massgeblichen Erfindungen und Durchbrüche gehen, sondern auch um die treibenden Kräfte und die wichtigen Köpfe.

    Heute: Steve Jobs. Dieser Mann hat nicht nur zusammen mit Steve Wozniak und Ron Wayne Apple gegründet, sondern mit iMac, iPod und iPhone dafür gesorgt, dass das I eine herausragende Rolle im Gadget-Alphabet einnimmt. Es besteht kein Zweifel, dass wir ohne seinen Einfluss in vielen Belangen anders arbeiten und mit Informationen umgehen würden.

    Also, welches Schweizer Medium ist zuerst auf Steve Jobs aufmerksam geworden? Und wie lange hat es gedauert, bis er hierzulande seinen ersten Auftritt hatte?

    Zur Einordnung: Apple wurde 1976 gegründet und schon im selben Jahr kam der Apple I auf den Markt. Er war für damalige Verhältnisse erschwinglich und hat aus historischer Sicht natürlich seine Bedeutung – aber es wäre verzeihlich, wenn ein Schweizer Medium diesem Heimcomputer keine Relevanz beigemessen hätte. Doch spätestens 1984 hätte man Jobs auf dem Schirm haben müssen. Das war das Jahr des Macintosh. Er übte eine unmittelbare Faszination aus, wie ich aus eigener Anschauung weiss.

    Bevor ich die Antwort verrate, wie üblich der Hinweis, dass ich mich auf Internetarchive stütze und leider keine Mikrofilme sichten kann.

    Die NZZ trägt der Pionierrolle von Jobs Rechnung

    Demnach mussten sich die Schweizer Zeitungsleserinnen und -Leser bis zum 8. September 1981 gedulden, bis sie Bekanntschaft mit Steve Jobs schliessen durften. Die NZZ verkündete, Personal-Computer seien gross im Kommen. Dieser Artikel beginnt mit der Serienreife des Mikrochips 1972, dem legendären Intel 4004, geht salopp über die Entwicklung der Entwicklung in den Jahren danach hinweg und landet zügig bei Steve Jobs:

    Es dauerte jedoch bis 1977, ehe das schon reichhaltige Computer-Slang-Vokabular um zusätzliche Schlagwörter erweitert wurde. Neu war die Rede vom Home-Computer, Personal- oder Mikro-Computer, Hobby- und Entertainement-Computer. Die damit angesprochenen Produkte stammten nicht von den etablierten Computer-Herstellern, sondern von bis anhin unbekannten Unternehmern. Steve Jobs, damals 22 Jahre alt, war nach seinem Misserfolg an der Hochschule überzeugt, man dürfe keinem Computer trauen, den man nicht herumtragen kann. Deshalb baute er sich einen tragbaren Computer auf der Basis eines Mikroprozessors und gab ihm den Namen «apple» (Apfel) spontane Idee eines überzeugten Vegetariers.

    Bemerkenswert ist, dass der Name des Unternehmens konsequent in Anführungszeichen und mit kleinem A gesetzt ist:

    Bis heute wurden gegen 160’000 «apples» produziert, und das Vermögen von Steve Jobs stieg auf über 200 Millionen US-Dollar. Die Xerox Corporation war vom Erfolg des «apple» dermassen beeindruckt, dass sie mit grossem Aufwand ein Konkurrenzprodukt unter dem Namen «worm» (Wurm) entwickelte, das vor kurzem allerdings auf «Modell 820» umbenannt wurde.

    Eine Anekdote, die mir bislang nicht bekannt war. Jedenfalls wandte sich der Artikel nun anderen Heimcomputern zu, namentlich dem Commodore PET, der ebenfalls günstig und in der Geschichte des Heim-PCs noch bedeutsamer war als die ersten Modelle von Apple. Wir erfahren auch, dass die NZZ davon ausging, dass 1981 in der Schweiz 2000 bis 3000 PCs im Einsatz waren.

    Computer in Buchgrösse mit der nicht näher erklärten Fähigkeit zum Datenaustausch

    Der Artikel macht keine scharfe Trennung zwischen Heimcomputern und PCs. Er erklärt, sie würden derzeit vor allem «für professionelle Geschäftsanwendungen genutzt». Das Potenzial dieser Technologie wird wie folgt umrissen:

    Der Traum von mehreren Personal-Computern in einem Haushalt ist im Moment ausgeträumt. Er dürfte nach 1985 jedoch wieder aktuell werden, wenn Geräte in Buchgrösse zu einem Preis zwischen 1000 und 2000 Franken zur Verfügung stehen, …

    In Buchgrösse?

    … die auch zu anderen Dienstleistungen, wie elektronische Geldüberweisung, Möglichkeit zur Abfrage öffentlicher Datenbanken (Fahr- und Flugpläne, Theaterprogramme, Versandhausangebote usw.), Aufgabe von Reservationen, Erteilen von Bestellungen sowie Übermittlung von Texten an andere Teilnehmer, dienen.

    Eine interessante und unerwartete Zukunftsvision, die aus heutiger Sicht treffsicher wirkt. Sie krankt allerdings an der Tatsache, dass Computer nicht per se die Möglichkeit haben, derlei Dienstleistungen zu nutzen. Es braucht dafür eine Form der Daten-Fernübertragung. Die gab es damals bereits in Form des Videotex, was aber unbedingt näher hätte ausgeführt werden müssen.

    Steigt hier überhaupt noch einer durch?

    Damit weicht die Nostalgie der Medienkritik: Im weiteren Verlauf wird der Text immer schwerer verständlich, weil der Autor sich in Details versteigt, mit denen mutmasslich kaum ein Leser oder eine Leserin der NZZ etwas anfangen konnte. Beispiel:

    Der bei der Software eingeschlagene Lösungsweg scheint jedoch vielversprechend, da sich ein starker Trend zur Standardisierung der Betriebssoftware abzeichnet, indem sich die vielfach bewährten Systeme CP/M, UCSD, OASIS und FLEX offensichtlich durchsetzen… Damit sind die Transportierbarkeit und die Normierung von Anwendungen weitgehend sichergestellt.

    Das ist ein charakteristisches Merkmal der Computerberichterstattung in jener Zeit: Es gab keine oder nur sehr wenige Journalistinnen und Journalisten, die über solche Themen hätten schreiben können oder wollen. Darum kamen namentlich bei der NZZ oft Experten aus Unternehmen oder auch Wissenschaftler zum Zug. Die neigten aber dazu, viel zu viel Fachwissen vorauszusetzen und sich in Nebenaspekten zu verlieren, statt eine umfassende, allgemeinverständliche Bewertung zu liefern. Der PC-Artikel von Dr. M. Rauh, seines Zeichens Leiter der Abteilung Data Systems bei Philips, ist ein ausgezeichnetes Beispiel für dieses Problem. Ich nehme diesen schwer verdaulichen Text auch als grosses Plädoyer für den zugänglichen Tech-Journalismus (wie, *hüstel*, meine Kollegen und ich ihn heute betreiben. *hüstel*)

    Woher stammt dieses Jobs-Zitat?

    Eine Frage bleibt offen: Was hat es mit dem Zitat von Steve Jobs auf sich, man dürfe «keinem Computer trauen, den man nicht herumtragen kann»?

    Es ist im englischen Wortlaut aus der Präsentation des Macintosh von 1984 überliefert. Zitiert nach «Forbes»:

    Hello, I am Macintosh. It sure is great to get out of that bag. Unaccustomed as I am to public speaking, I’d like to share with you a maxim I thought of the first time I met an IBM mainframe: Never trust a computer you can’t lift. Obviously, I can talk right now, but I’d like to sit back and listen. So, it is with considerable pride that I introduce a man who has been like a father to me: Steve Jobs.

    Da der NZZ-Artikel schon 1981 erschienen ist, müssen wir davon ausgehen, dass Jobs dieses Bonmot bereits zu einem früheren Zeitpunkt von sich gab. In welchem Kontext dies geschah, bleibt vorerst ein Mysterium …

    Beitragsbild: Der Apple II vom April 1977 (Viktorya Sergeeva, Pexels-Lizenz).

    #Medienschelte #TechPremiere

  15. Auf Medium.com könnte man meinen, das Bloggen sei nicht tot

    Medium.com: Das ist eine Plattform, auf der es ein vielfältiges Angebot an Lektüre gibt. Die ist dem Namen zum Trotz kein Medium im herkömmlichen Sinn – wenn wir unter dem Wort eine Publikation verstehen, bei der es eine Redaktion und eine Verlegerin gibt.

    Vielmehr stammen die meisten der Beiträge nicht von professionellen Autorinnen und Autoren, sondern von Leuten, die das Schreiben als Hobby oder Nebentätigkeit verfolgen. Es handelt sich um eine Online-Community im traditionellen Sinn: Als User können wir unseren Lieblingsautoren und -autorinnen folgen, mit ihnen interagieren und über den Clap-Knopf unsere Zustimmung ausdrücken. Weitere wichtige Merkmale sind die ruhige Gestaltung, die ohne Ablenkung auskommt und das Geschäftsmodell: Es gibt keine Werbung, dafür ein Abo für 50 oder 150 US-Dollar im Jahr, das Zugang zu den exklusiven Posts gewährt. Die Autorinnen und Autoren werden an den Einnahmen beteiligt, wobei die Einnahmen von der aufsummierten Lesezeit abhängen.

    Erfunden von «Mr. Blog» himself

    Die meisten der vorgeschlagenen Artikel können nur mit Abo zu Ende gelesen werden.

    Ins Leben gerufen wurde «Medium» von Evan Williams. Er gehört zu den Tech-Unternehmern, deren Namen den meisten von uns nicht geläufig sind – aber zu Unrecht: Williams hat 2007 Twitter mitbegründet und war schon 1999 an der Entstehung von blogger.com beteiligt. Und nicht nur das: Wenn wir Wikipedia glauben wollen, hat er auch den Begriff des Blogs erfunden und somit einen wesentlichen Beitrag zu einer lebendigen Internetkultur geleistet. Nebenbei ist er durch diese Aktivitäten auch zum Milliardär geworden.

    Dieser Lebensleistung zum Trotz liegt euch an dieser Stelle vermutlich eine Frage auf der Zunge: Warum zum Geier erscheint 2024 eine Besprechung dieser Plattform? Es gibt «Medium» seit zwölf Jahren. Und man kann argumentieren, dass sie ihren Zenit längst hinter sich haben: Die Blütezeit von Tumblr, Blogger und Word­press.com dauerte bis ungefähr Mitte der Zehnerjahre. Heute wirken sie aus der Zeit gefallen; wie ein Relikt für Leute, die bei Tiktok nicht mehr mithalten können.

    Ein alter Hut?

    Das ist richtig, aber ich habe drei stichhaltige Gegenargumente:

    Erstens die einigermassen brauchbare personalisierte Auswahl an Beiträgen, auf die ich weiter unten noch ausführlich zu sprechen komme.

    Zweitens aber mein Eindruck, dass «Medium» entgegen dem allgemeinen Trend einen properen Eindruck macht. Nach eigenen Angaben nutzen mehr als 100 Millionen Menschen pro Monat die Plattform und es gibt eine Million zahlende User. Das ist ein gutes Indiz dafür, dass das Bloggen auch 2024 noch immer nicht tot ist.

    Drittens die Tatsache, dass in den letzten zwölf Jahren nie der richtige Zeitpunkt für eine Vorstellung von «Medium» gab. Die Plattform hat im deutschsprachigen Raum nie Fuss gefasst. Die Schweizer Medien haben der Plattform und ihrem Gründer Evan Williams gemäss SMD lediglich fünf Artikel gewidmet. Nur in einem ging es hauptsächlich um «Medium», bei den anderen vier stand Twitter im Zentrum. «Medium» selbst hat ab 2015 versucht, eine deutschsprachige Community aufzubauen, doch dieses Unterfangen wurde schon ein Jahr später wieder abgeblasen. Immerhin habe ich einen Arbeitskollegen entdeckt, der allerdings auf Englisch bloggt.

    Anhand dieser Vorlieben werden die Vorschläge personalisiert.

    Also, hier wie versprochen einige Beobachtungen zum ersten Punkt: Ich habe seit einiger Zeit die Smartphone-App installiert, die es für Android und fürs iPhone gibt – «Medium» lässt sich aber auch einfach via Web nutzen. Wie bei solchen Content-Apps mit Personalisierung üblich, müssen wir uns anfänglich für einige Themenfelder entscheiden. Daraufhin erhalten wir Posts aus diesen Gebieten. Ich habe nicht den Eindruck, dass die App gross aus meinen Vorlieben lernt. Stattdessen setzt sie mir, so ist mein Eindruck, klickstarke Lesestücke vor.

    Clickbaiting wie bei den richtigen Medien

    An denen habe ich zwei Dinge auszusetzen:

    Die allermeisten der vorgeschlagenen Beiträge haben ein gelbes Sternchen. Das sind «member only»-Posts, die nur von zahlenden Usern zu Ende gelesen werden können. Für Leute ohne Abo handelt es sich weniger um Leseempfehlungen als vielmehr um Abowerbung. Als Journalist, dessen Artikel gelegentlich ebenfalls hinter einer Paywall erscheinen, stelle ich mich nicht grundsätzlich gegen dieses Prinzip. Aber in der For you-Auswahl ist der Anteil der nicht zu Ende lesbaren Artikel frustrierend hoch.

    Dieser Autor versucht offensichtlich, die Lesezeit in die Höhe zu treiben.

    Zweitens das Clickbaiting: Da der Lohn der Autorinnen und Autoren beim Bezahl-Content vom Interesse des Publikums abhängt, kommen die altbekannten Tricks zum Einsatz, um dieses zu befeuern. Titel sind oft marktschreierisch (18 Hidden iOS 18 Features Apple Did Not Reveal To Us), und weil die Lesezeit mitberechnet wird, fallen die Artikel oft schwafelig und langfädig aus.

    … und natürlich bin ich an dieser Stelle, der im Glashaus mit Steinen wirft, weil ich eure Geduld hier auch oft mit Ausschweifungen, Exkursen und langwierigen Einleitungen auf die Folter spanne. Ich tue das allerdings aus reiner Boshaftigkeit und nicht, weil ich damit mehr verdienen würde. Und in aller Bescheidenheit: Ich kann einen Spannungsbogen besser aufrechterhalten als der durchschnittliche «Medium»-Autor.

    Ein Komplementärprogramm der guten Art

    Einen positiven Aspekt hat diese Sache aber doch: Sie zeigt in aller Deutlichkeit auf, dass nicht die Verlage und schon gar nicht die Journalistinnen schuld an Entwicklungen wie dem Clickbaiting sind. Nein, das ist die fast unvermeidliche Folge, wenn Artikel nach Klicks oder Lesezeit abgerechnet werden. Das ist ein starkes Argument für die gedruckte Tageszeitung: Die muss sich ihr Geld nicht Artikel für Artikel verdienen, sondern die Abogebühr durch die Gesamtleistung während der Laufzeit des Abonnements rechtfertigen.

    Trotz dieser Kritik lohnt es sich, gelegentlich bei «Medium» vorbeizusehen. Das Angebot ist ein starkes Kontrastprogramm zu den Texten, die es über die News-Apps und im Feedreader zu lesen gibt. Dort dominiert die Aktualität, sodass uns die gleichen Themen oft immer und immer wieder begegnen. «Medium» ist weniger repetitiv, weil dort die Autorinnen und Autoren individuelle Schwerpunkte setzen. Weil ich das in meinem Blog auch tue, empfinde ich das inspirierend. Darum ist «Medium» eine gute, komplementäre Ergänzung zu meinem Feedly-Programm – und hier trotz aller Einwände eine Empfehlung wert.

    Und wie ist Medium aus Sicht des Schreibenden?

    Auch bei Medium ist der Ruhm als Autor nicht garantiert.

    Nachtrag: Ich hatte die brillante (?) Idee, via Medium einen Fuss ins angelsächsische Blogginggeschäft zu bekommen. Sprich: Ich habe die Idee entwickelt, besonders populäre Blogposts auf Englisch zu übersetzen – natürlich maschinell – und in meinem Kanal zu veröffentlichen. Bis jetzt ist daraus noch keine internationale Karriere geworden. Ich habe es allerdings auch erst geschafft, einen einzigen Blogbeitrag dieser Behandlung zu unterziehen – und bei dem hält sich der Erfolg mehr als in Grenzen.

    Nun, immerhin habe ich keine eigene Domain aufgesetzt wie beim letzten Mal, als mich Expansionsgelüste gepackt hatten. Falls sich Erkenntnisse bezüglich Medium aus der Sicht des Bloggers ergeben, werde ich die aber gerne nachtragen.

    Beitragsbild: Wieder ein Artikel, der aus Gründen langfädig geraten ist (Photo By: Kaboompics.com, Pexels-Lizenz).

    #Bloggen #Medienschelte #TlDr

  16. Wieso sollte man sich hierzulande einen Podcast über den US-Fernsehsender Foxnews anhören? Eine berechtigte Frage, zumal wir ihn hierzulande offiziell nicht empfangen können. Doch mit Sicherheit haben die meisten schon von dem gehört. Die US-Medien besitzen eine internationale Strahlkraft. Und wie ihr vielleicht gehört habt, finden in dieser Woche in den USA Präsidentschaftswahlen statt. Was uns zur politischen Rolle des Senders führt.

    Schliesslich ist es auch interessant zu verstehen, wie ein Mediensystem aus den Fugen gerät. Denn ursprünglich richtete sich «das Fernsehen» in den Vereinigten Staaten an die ganze Familie: Die drei grossen Programmveranstalter ABC, NBC und CBS verstehen sich bis heute als Sender für das ganze Land. Zusammen erreichten sie zwischen 1950 und 1970 neunzig Prozent des Publikums. Kritiker monieren zu Recht, dass viele Bevölkerungsgruppen und -schichten damals nicht abgebildet wurden und eine weisse, männliche Perspektive herrschte. Aber zumindest wurde nicht auf abweichenden Meinungen herumgetrampelt.

    Zuschauer hier, Fans da

    Das ist heute anders: Foxnews brachte Figuren wie Bill O’Reilly, Megyn Kelly und den notorischen Tucker Carlson hervor, der gemäss «The Guardian» schon langem für rassistische und hetzerische Äusserungen bekannt ist.

    Das war nicht immer so. Der Sendestart 1996 verlief dilettantisch und chaotisch. Dennoch war der Newskanal ursprünglich journalistischen Standards verpflichtet. Im Verlauf bis zum Jahr 2000 und darüber wuchs der Erfolg bei den Zuschauern im gleichen Mass, wie die Überparteilichkeit schwand. Fox gelang es, das Publikum länger am Bildschirm zu halten, als die Konkurrenz – der Sender gewöhnte ihm das Zappen ab. Die Zuschauer hatten ihn oft so lange eingeschaltet, dass sich das Senderlogo einbrannte. Um das zu verhindern, wurde das Logo animiert.

    Hintergründe zum umstrittenen Newsssender.

    «Während andere Sender Zuschauer hatten, konnte Foxnews auf Fans zählen» – so drückt es ein Insider im Podcast Slow Burn (RSS, iTunes, Spotify) aus. Die zehnte Staffel dieser Produktion des Slate-Magazins widmet sich in sechs Folgen dem Aufstieg, dem Geheimrezept, der Kritik und den Eklats rund um den Medienkonzern. Viele, meist ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, kommen zu Wort; ebenso Gegner und Rivalen. Der Host, Josh Levin, macht, soweit ich das beurteilen kann, einen hervorragenden Job, die Entwicklung fair und ausgewogen darzustellen, ohne die manipulativen Tendenzen, die Propaganda, die aufwieglerischen Stimmen und die Seximus-Skandale auszuklammern. Diese Schilderungen sind auch für uns auf dem alten Kontinent nachvollziehbar.

    Patriotismus und Kriegstreiberei

    Daher eine hörenswerte Produktion. Wie angedeutet, bestand die Schlagseite nicht von Anfang an – und das, obwohl Besitzer und langjähriger Betreiber Rupert Murdoch nicht für seine politische Zurückhaltung bekannt ist. Ein Schlüsselmoment war 9/11, wo sich Foxnews im Nachgang als ungehemmt patriotisch und kriegstreiberisch von der Konkurrenz absetzen konnte.

    Es gibt eine weitere spannende Erkenntnis. Sie besteht in der Analyse, warum The Daily Show sich mit der expliziten Gegenposition zwar Profil verschaffen konnte, andere Medien als Anti-Foxnews-Stimme aber keinen Erfolg hatten. Das Beispiel dafür im Podcast ist das Radionetzwerk Air America.

    Also, für Medien-Interessierte eine Empfehlung. Irritierend ist die Werbung, die auch in diesem Podcast vom Host gesprochen wird. Sie bewirbt oft ein Medikament, mit dem man sich ungestraft volllaufen lassen kann, weil es angeblich die Symptome des Katers lindert. Ist das ein Bedürfnis des Zielpublikums – und bin ich dann hier richtig?

    Falls das nicht abschreckt, sei darauf hingewiesen, dass es von «Slow Burn» neun Vorgängerstaffeln gibt. Auch die könnten interessant für Leute sein, die sich fürs Politgeschehen in den USA erwärmen: Die erste Staffel widmete sich dem Watergate-Skandal, die zweite dem Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton und Monica Lewinsky, die fünfte dem Irakkrieg und die siebte der Abtreibungskontroverse rund um Roe v. Wade.

    https://blog.clickomania.ch/2024/11/04/slow-burn-by-slate-podcast-review/

    #Medienschelte #Politik

  17. Der fleissigste Tech-Journalist der Welt? Nein, ich bin es nicht. Die Ehre wird – zumindest nach meinem Wissensstand – Joseph Green zuteil. Er hat, gemäss seiner Linkedin-Seite, einen Bachelor-Abschluss in englischer Sprache und Literatur von der Loughborough University im Vereinigten Königreich. Doch für die Texte, um die es hier heute geht, braucht er den nicht unbedingt, denn die bewegen sich nicht auf Shakespeare-Niveau.

    Doch halt, bevor ich weitermache, eine Klarstellung. Dieser Beitrag soll nicht in Kollegenschelte ausarten: Ich bin diesbezüglich nämlich ein gebranntes Kind. Ich habe während meiner Karriere nur zwei-, dreimal einen Rüffel aus der Chefredaktion erhalten. Einmal war der Anlass die Kritik an einem Schweizer Tech-Journalisten, der meines Erachtens Unfug geschrieben hatte. Er hatte sich beklagt und man beschied mir, so etwas tue man nicht.

    Nun, ich bin zwar überzeugt, dass wir Journalistinnen und Journalisten uns kritisieren dürfen und müssen. Aber im Fall von Joseph Green kenne ich die Hintergründe nicht. Vielleicht hängt sein Job davon ab, dass er diesen Ausstoss liefert, der quantitativ eindrücklich, qualitativ aber fragwürdig ist.

    19 Artikel an einem Tag!

    Aber konkret: Ich bin vor einem Jahr auf Joseph Green gestossen, als ich mich gefragt hatte, wer sich denn eigentlich auf diese Angebote einlässt, die ich damals von ExpressVPN andauernd erhielt. In denen wurde mir eine «Kooperation» vorgeschlagen, bei der ich einen «informativen und unterhaltsamen Artikel» über ebendieses ExpressVPN hätte veröffentlichen müssen. Eine Google-Suche später fand ich mehrere Beiträge über Express VPN auf der Tech-News-Plattform Mashable, geschrieben von Herrn Green.

    Aus Neugierde habe ich kürzlich «Mashable» einen erneuten Besuch abgestattet und auf den Autorennamen Joseph Green geklickt. Und war verblüfft: Zum Zeitpunkt meiner Analyse Mitte September wurden mir 699 Artikel aufgelistet. Das sind 2,7 Artikel pro Tag, inklusive Samstag und Sonntag.

    19 Artikel an einem Tag – immerhin mit Co-Autoren.

    Am 29. Juli 2024 waren es geschlagene 19 Artikel. Darf ich die Titel aufzählen?

    1. How to watch Novak Djokovic at Paris 2024 online for free
    2. How to watch tennis at Paris 2024 online for free
    3. How to watch Katie Ledecky at Paris 2024 online for free
    4. How to watch the swimming at Paris 2024 online for free
    5. How to watch football at Paris 2024 online for free
    6. How to watch the gymnastics at Paris 2024 online for free
    7. How to watch golf at Paris 2024 online for free
    8. How to watch Victor Wembanyama at Paris 2024 online for free
    9. How to watch the Lebron James at Paris 2024 online for free
    10. How to watch Giannis Antetokounmpo at Paris 2024 online for free
    11. How to watch the USA in the Paris 2024 basketball online for free
    12. How to watch Spain in the Paris 2024 basketball online for free
    13. How to watch Serbia in the Paris 2024 basketball online for free
    14. How to watch Germany in the Paris 2024 basketball online for free
    15. How to watch France in the Paris 2024 basketball online for free
    16. How to watch Canada in the Paris 2024 basketball online for free
    17. How to watch Australia in the Paris 2024 basketball online for free
    18. How to watch basketball at Paris 2024 online for free
    19. How to watch Fraser-Pryce at Paris 2024 online for free

    Man braucht nun keinen Bachelor-Abschluss in Datenwissenschaften sein Eigen zu nennen, um ein gewisses Muster zu erkennen. Ich habe mir nicht Mühe gemacht, alle Artikel zu vergleichen. Aber falls meine Stichproben repräsentativ sind, handelt es sich immer um den gleichen Text. Er erklärt, wie man via ExpressVPN von irgendwoher in der Welt den BBC iPlayer nutzen kann. Die einzige Variable ist die erwähnte Mannschaft, Partie oder ein Sportler. So entsteht ein Artikel für jede Sportart, die die Welt (bzw. die Olympischen Spiele in Paris) je gesehen hat.

    Was Edward Snowden dazu meint

    Wenn wir in der Liste einfach mal zählen, wie oft die Formulierung «How to watch …» erscheint, kommen wir auf 529 Treffer. Der Begriff «for free» kommt sogar 576-mal vor. Ein grosser Teil dürfte wiederum dem erwähnten VPN-Anbieter gewidmet sein, von dem – Achtung, ein kleiner Exkurs – Edward Snowden vor drei Jahren kategorisch abgeraten hat. Er hat einen Tweet mit folgendem Wortlaut retweetet:

    Der zumindest bis vor Kurzem amtierende Informatikchef des grossen VPN-Anbieters ExpressVPN ist einer der drei ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter, die heute einwilligten, sich nicht gegen die Vorwürfe zu wehren, sie hätten den Vereinigten Arabischen Emirate illegal beim Hacken von Menschen geholfen. Das gibt einem schon zu denken.

    Gemeint ist Daniel Gericke. Er hat für diese Aktivitäten eine Busse von 335’000 US-Dollar aufgebrummt bekommen und musste gemäss diesem Bericht mit dem FBI kooperieren. Die Emirate hätten im Rahmen des Project Raven Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und politische Rivalen ausspioniert.

    Ein Detail, das irgendwie untergegangen ist

    Nun, Gericke hat ExpressVPN nach vier Jahren im Juli 2023 verlassen. Ob das ein Grund ist, den Bann aufzuheben, ist ohne eine vertiefte Recherche nicht zu beurteilen. Aber journalistisch gesehen fände ich es angebracht, diese Frage zumindest in ein paar der rund 600 Artikel über ExpressVPN anzusprechen¹. Das Unternehmen hat sogar selbst zu der Sache Stellung genommen:

    Um es ganz klar zu sagen: Sosehr wir Daniels Fachwissen schätzen und wie es uns geholfen hat, unsere Kunden zu schützen, so entschieden stellen wir uns gegen Projekt Raven. Solcherlei Überwachung ist konträr zu unserem Auftrag.

    Kommen wir an dieser Stelle zum Fazit: Es gäbe Raum, sich auf eine Weise mit diesem VPN-Anbieter auseinanderzusetzen, die im Interesse der Leserinnen und Leser wäre. Was spricht dafür, ihn zu verwenden, was dagegen? Aber den gleichen, völlig unkritischen Artikeln in Hunderten Varianten ins Netz zu stellen, ist eine Bankrotterklärung für jedes Medium.

    Eine kleine Pointe am Schluss besteht nun darin, dass ExpressVPN gemäss dem Test von Heise.de ausgerechnet dort Schwächen aufweist, wo es in diesen Hunderten Artikeln angepriesen wird:

    Anders als Mullvad kann ExpressVPN zwar internationale Streaming-Angebote grundsätzlich entsperren. In unserem Test artete dies jedoch in ein Glücksspiel aus – mit meist enttäuschendem Ergebnis.

    Eine Lose-Lose-Lose-Lose-Lose-Situation

    Wir müssen feststellen, dass bei dieser Aktion am Ende alle schlecht aussehen:

    • Erstens Joseph Green. Es nötigt mir einen gewissen Respekt ab, dass er diese Fliessbandarbeit mit Namen zeichnet. Aber sagen wir es so: Mein Vertrauen in seine journalistische Arbeit ist nach diesem Blogpost nicht mehr gross.
    • Zweitens Mashable. Ich habe die Newssite seit Urzeiten in meinem RSS-Reader. Aber das Vertrauen ist am Boden. Denn wer derartig viele Artikel dieser Machart auf seiner Website versteckt und hofft, dass die normalen Leserinnen und Leser sie nicht entdecken, der trägt zum Niedergang der Computer-Berichterstattung und zum Vertrauensverlust in die Medien bei.
    • Drittens auch ExpressVPN. Das oben zitierte Statement zu der Sache mit Daniel Gericke wäre ein guter Anfang, das Vertrauen wiederherzustellen. Doch solche verdeckten Operationen wie diese Mashable-Nummer passen keinesfalls zu einer glaubwürdigen, offenen und ehrlichen Kommunikation. Vielleicht ist diese Aktion hier nicht abgesprochen, sondern von Mashable selbst aufgegleist, um von einer Affiliate-Vergütung zu profitieren. Aber es bleibt dabei, dass das Angebote mit einem Gschmäckli sind.
    • Viertens die Leserinnen und Leser. Es ist jedem klar, wer hier das Produkt ist: wir mit unserer Aufmerksamkeit. Wer sich nicht veralbert vorkommt, ist entweder abgebrüht – oder ein bedingungsloser Fan des Kapitalismus in all seinen Ausprägungen.
    • Fünftens das Internet. Diese Beiträge sind auf Google zugeschnitten (Stichwort SEO). Für uns alle – die Menschheit – wäre es aber besser, wenn das Web sich an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzern ausrichten würde und das oberste Ziel nicht wäre, sich in den Suchresultaten nach oben zu tricksen.

    Fussnoten

    1) Treffer zur Suche "Daniel Gericke" expressvpn site:mashable.com bei Google: 0. ↩

    Beitragsbild: Bis die Tasten glühen (Adobe Firefly).

    https://blog.clickomania.ch/2024/10/11/problematische-promotion-fuer-expressvpn/

    #DerOnlineShitDerWoche #Medienschelte #Suchmaschine

  18. Was passiert, wenn wir Bücher nach ihrem Umschlag beurteilen

    Die englischsprachige Redeswendung Don’t judge a book by its cover besagt, dass wir ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen sollen. Neulich, beim Besuch einer Buchhandlung, ging mir auf, weshalb dem so ist. Neutral formuliert, könnte man sagen, dass der Umschlag eines Buchs dessen Inhalt in der Regel nicht gerecht wird.

    Wenn wir die Diplomatie abstreifen, kommen wir zum unweigerlichen Schluss, dass die Redewendung von Verlagen in die Welt gesetzt wurde, die genau wissen, welch lausige Arbeit ihre Grafikabteilung leistet – aber nicht aus Unfähigkeit, sondern aus Gründen des Marketings: «Don’t judge a book by its cover» ist ein Schuldeingeständnis der Buchindustrie, der Verkaufsförderung zuliebe sämtliche künstlerischen Ansprüche geopfert zu haben.

    Aber schauen wir uns das doch im Detail an:

    1) «50 shades of Rosarot. Und ein genauso viele in Hellblau»

    «Die wichtigste Aufgabe besteht darin, dass immer genügend Bücher in Rosa und Hellblau im Angebot sind», steht sicherlich so oder ähnlich im Pflichtenheft des Verlagsleiters.

    Hauptsache, die Farbpalette stimmt.

    Das Gegenargument liegt auf der Hand: Es ist schwierig, ein Buch auszuwählen. Ein Klappentext verrät entweder zu viel, zu wenig oder das falsche. Da kann die farbliche Gestaltung einen Hinweis auf die Stimmung des Werks geben, die womöglich wichtiger ist als die Handlung selbst.

    Einverstanden. Aber muss das derart klischeehaft erfolgen, dass man die Abteilungen in der Buchhandlung nach Farben benennen könnte? Ist es nötig, dass diese Cover so streng nach Gender-Marketing riechen? Und besteht nicht die Gefahr, dass die eine oder andere Buchkäuferin vom unguten Gefühl beschlichen wird, dass ebenfalls inhaltlich jegliche Kreativität der Konformität geopfert wird? Sprich, dass diese Bücher sich nicht nur äusserlich extrem gleichen, sondern auch beim Storytelling so gestrickt sind, dass sie in ein paar wenige grobe Schemata passen?

    2) «Irgendein komisches Muster wirkt tiefgründig und geheimnisvoll»

    Es gibt gute Argumente, die für simple Symbole oder abstrakte Elemente auf einem Buchcover sprechen: Sie wirken (im Idealfall) geheimnisvoll, ohne etwas über den Inhalt preiszugeben. Sie sind auch auf kleinen Reproduktionen gut zu erkennen – schliesslich werden Bücher auch gern im Internet gekauft, wo das Cover nur in Briefmarkengrösse zu sehen ist.

    Warum hat dem Grafiker niemand gesagt, worum es in dem Buch geht?

    Das funktioniert manchmal ansatzweise gut: Bei Salman Rushdies Knife ist der Messerschnitt klar zu erkennen. Aber die geometrische Form bei Haruki Murakami ist Unsinn. Es scheint sich um eine Art Box oder Umrandung zu handeln. Aber in Bezug auf den Titel Die Stadt und ihre ungewisse Mauer würde das bedeuten, dass die Mauer das einzig Gewisse ist an der Geschichte. Bei Alain Damasios Buch Die Horde im Gegenwind erkennen wir in der Rauchfahne weder eine Horde noch den Gegenwind. Kommt hinzu, dass eine Manschette ums Buch dieses wolkige Etwas halb verdeckt. Vielleicht, weil der Verlag selbst nicht an dessen verkaufsfördernde Wirkung glaubt?

    3) «Keiner erwartet, dass das Cover in einer Beziehung zum Inhalt steht»

    Zugegeben, dieser Blogpost hier bezieht seine ganze Legitimation daraus, dass die Bücher anhand des Covers beurteilt werden und ich keines der hier abgebildeten Werke tatsächlich gelesen habe. Es ist nicht auszuschliessen, dass in Sofia Lundbergs Geschichte Wo wir uns trafen eine Frau mit Hut vorkommt, die barfuss an einen Strand rennt.

    «Ich hätte hier ein kostenloses Stockfoto einer Frau am Strand. Haben wir eine Story, die irgendwas mit Meer zu tun hat?»

    Trotzdem sieht dieses Bild leider so aus, als ob es kostenlos bei Pexels oder Unsplah heruntergeladen worden wäre. Vielleicht tue ich jemandem Unrecht, der tatsächlich einen Fotografen anstellte, der ein Foto exakt passend zu der Geschichte ablieferte. Das Dilemma bleibt, dass das Bild auf dem Cover unsere Erwartungen nicht zu stark in eine bestimmte Richtung lenken sollte. Das verhindert oft jegliche Anflüge von Aussagekraft.

    4) «Oder ohne Bild. Hauptsache, die Typografie wirkt bedeutungsschwanger»

    In letzter Konsequenz flüchten sich viele Verlage in die Typografie. Der Titel lasse sich allein anhand von Buchstaben spannend inszenieren, ist die Idee. Sie ist nicht verkehrt, wenn man sie originell umsetzt und nicht bloss jeden einzelnen Buchstaben anders einfärbt, wie bei Lara Malina Seilers Buch Sex mit dem Universum geschehen.

    «Wir haben Sex. Da braucht es nicht auch noch ein Bild.»

    Aber gut möglich, dass die Grafikabteilung bei diesem Werk genauso ratlos war, wie ich jetzt. Auch der Untertitel «Was ein Engel über das Leben lernt» hilft nicht weiter.

    Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Cover die Notlösung war, nachdem Dall-e und Stable Diffusion den Prompt («Ein riesenhafter Engel, der gerade mit dem ganzen Universum geschlechtlich verkehrt») ablehnten («Tut mir leid, dieser Prompt widerspricht unseren Content-Richtlinien»).

    5) «Wie, Kinder wohnen nicht in Nestern?»

    Es ist an dieser Stelle billig, über die Symbolbilder zu schnöden. Denn ich selbst stecke immer wieder in der ungemütlichen Lage, abstrakte Themen mit konkreten Motiven bebildern zu müssen. Der Ausweg sind vorgefertigte Fotos aus Bilddatenbanken, die mehr oder minder gut zum Sachverhalt passen.

    Die wirken im besten aller Fälle originell. Meistens sind sie leider abgeschmackt und nur durch eine halsbrecherische Bildlegende mit dem Text in Einklang zu bringen. Und da die Bildredaktionen davon ausgehen, dass die Leserinnen und Leser auch nicht zu sehr um die Ecke denken wollen, kommen meist stereotype und langweilige Bebilderungen heraus.

    Für alle, deren Heimat nicht grösser als ein Vogelnest ist.

    Das gilt auch hier: Ein Vogelnest als Heimatsymbol, wie es in Stefanie Stahls Das Kind in dir muss Heimat finden zu sehen ist? Wenn man eine Sekunde darüber nachdenkt, passt es einfach nicht. Jungvögel müssen das Nest früh verlassen, so will es die Natur. Heimatlos sind sie deswegen nicht.

    Abgesehen davon ist das ein Metaphern-Wirrwarr: Das Kind im ist kein Vogelkind, sondern ein Schlüsselwort aus der Psychotherapie: In dieser Disziplin bezeichnet «das innere Kind» ein «Modell für eine Betrachtungsweise innerer Erlebniswelten», erklärt Wikipedia. Gleichzeitig gibt es mit dem «Schlüssel» in der Unterzeile ein weiteres Schlüsselwort. Vielleicht widerspiegelt die Hilflosigkeit der Gestaltung, dass auf dem engen Raum des Buchcovers derart viele unterschiedliche Dinge versprochen werden. Der Gipfel der Marktschreierei ist die Behauptung, wir bekämen «die Lösung aller Probleme» serviert. Auf gestalterischer Ebene wird diese Verheissung jedenfalls nicht eingelöst.

    6) «Text-Bildschere? Nie gehört!»

    Covergestaltung und Titel in Einklang zu bringen, ist eine schwierige Sache. Beim Buch Der Gluckose-Trick von Jessie Inchauspé ist in der Unterzeile von einer «Achterbahn des Blutzuckerspiegels» die Rede.

    «Mach ein paar wirre Grafiken drauf. Das wirkt wissenschaftlich.»

    Auf den Kurven der beiden Grafiken ist wohl der Blutzuckerspiegel abgebildet. Der macht aber keine Achterbahn-, sondern eine eher gemächliche Berg- und Talfahrt. Und ich als Laie frage mich: Muss das nicht so sein?

    Aber wahrscheinlich soll ich diese Darstellung nicht hinterfragen, sondern sie als Beleg dafür nehmen, dass alles zwischen den beiden Deckeln auf streng wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.

    7) Es geht natürlich auch anders!

    Abschliessend drei Beispiele, die uns hoffen lassen:

    Es gibt auch Lichtblicke und ansprechende Cover.

    Saša Stanišić mit Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Giesskanne mit dem Ausguss nach vorne. Da ist der Titel schon so schräg, dass es nicht weiter stört, dass sich die Comicpanels auf dem Cover uns auch nicht erschliessen.

    Roberto Saviano hat es bei Falcone zugegebenermassen leicht: Dieser Roman hat eine reale Hauptfigur, die hier verbindlich zur Lektüre auffordert.

    Und The Shards von Bret Easton Ellis zeigt, wie ein Cover aussehen kann, das nichts über die Geschichte verrät, trotzdem eine Ahnung der Stimmung vermittelt und gestalterisch überzeugt – zumindest mich, der ich auf Halbtonraster stehe.

    Anmerkung: Dieser Beitrag enthält Links zu Amazon. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.

    Beitragsbild: Der Pantone-Fächer ist das wichtigste Hilfsmittel für die Gestaltung von Buchumschlägen.

    #Evergreen #Longread #Medienschelte #Publisher #Typografie
  19. Heute ergibt sich für mich die schöne Gelegenheit, mir selbst ausgiebig auf die Schulter zu klopfen. In meiner Sommerserie geht es mir darum abzuklären, wie gut ausgesuchte Artikel den Test der Zeit bestanden haben. Jetzt gilt es zu vermelden, dass eine vor 23 Jahren abgegebene Prognose voll ins Schwarze getroffen hat.

    Es ging im Artikel vom Montag, 25. Juni 2001 um die Rivalität zwischen Film- und Spielindustrie:

    Überschätzte Lara Croft

    Damals hatte der Film Lara Croft: Tomb Raider Premiere. Das war zwar längst nicht der erste Film, der auf einem Computergame basierte – diese Ehre gebührt gemäss dieser Wikipedia-Liste dem Streifen Super Mario Bros. von 1993, der ein riesenhafter Flop war.

    Doomsday für Hollywood wegen Lara Croft

    Lara Croft bewies an der Kinokasse mehr Sex-Appeal als Mario und Luigi. Sie war auch Leuten ein Begriff, die selbst keine Videospieler waren. Ausserdem verkörperte Angelina Jolie im Film die Fleischwerdung einer Pixelfantasie auf so ikonische Weise, dass man sich schon fragen konnte, ob Hollywood sich demnächst würde unterbuttern lassen müssen. Im Artikel zitiere ich eine Prognose, zu der ich leider heute keine Quelle mehr finde. Aber die Behauptung lautete, Hollywood würde bald nur noch mit staatlichen Subventionen überleben, weil die interaktiven Games einfach attraktiver seien als linear ablaufende Filme. Die Aufmerksamkeit würde sich daher dauerhaft zuungunsten der Studios verschieben.

    Ein Indiz waren damals die Umsatzzahlen. Ich schreibe im Artikel, im Jahr 2000 habe die Gameindustrie den Film bei den Einnahmen überholt. Auch diese Angabe wollte ich überprüfen, mit einem erstaunlichen Resultat. Zu der Frage, wann diese Entthronung stattgefunden haben könnte, werden diverse Jahreszahlen herumgeboten. ChatGPT sagt, das sei 2005 passiert. Wikipedia setzt dieses Ereignis viel früher an:

    Im Jahr 1982 erreichte die Arcade-Videospielindustrie ihren Höhepunkt mit einem Umsatz von acht Milliarden Dollar und übertraf damit die jährlichen Bruttoeinnahmen von Popmusik (vier Milliarden Dollar) und Hollywood-Filmen (drei Milliarden Dollar) zusammen.

    Rechnen, wie es einem gefällt

    Die Diskrepanz rührt daher, dass sich sehr unterschiedliche Zahlen vergleichen lassen. Auf Linkedin habe ich eine Analyse gefunden, die besagt, der Film sei bis heute deutlich umsatzstärker als das Game – wenn man nicht bloss die Einnahmen an der Kinokasse berücksichtigt:

    Für einen fairen Vergleich müssen Hollywood und die gesamte Filmindustrie jedoch alle Einnahmeströme einbeziehen, die das gesamte Vertriebsfenster abdecken, vom Kino bis zum Free-TV und Streaming.

    Unter dieser Voraussetzung fällt der Vergleich wie folgt aus:

    Nach dem 2021 Movie Industry report belief sich das Volumen der weltweiten Filmindustrie im Jahr 2021 auf 328 Milliarden Dollar, einschliesslich Kinofilmen, digitalen Filmen und Pay-TV, aber ohne Free-TV-Rechte. (…) Nach einer vorsichtigen Schätzung erwirtschaftet die gesamte Branche Gesamteinnahmen von mehr als 500 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Newzoo schätzt den Markt für Videospiele im Jahr 2021 auf 180 Milliarden US-Dollar weltweit.

    Mit anderen Worten: Wir könnten dem Versuch der Gameindustrie aufgesessen sein, sich wichtig zu machen.

    Unter dem Strich war die wirtschaftliche Betrachtung damals zu oberflächlich und die Schlussfolgerung zu sehr von Sensationsgier getrieben. Die Journalistinnen und Journalisten, die Hollywood damals schon aufgaben, haben das Rieplsche Gesetz übersehen: Es besagt, dass kein Medium ein anderes vollständig verdrängt: das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen nicht das Radio, das Streaming nicht das Kino und das Game nicht das Fernsehen. Und wie ich im Artikel erläutere, ist der Anspruch bei einem interaktiven Medientitel ein anderer als bei einem, der keine aktive Beteiligung und Engagement des Publikums erfordert. Wer sich passiv entspannen will, ist froh, wenn Lara Croft den Job ganz allein erledigt.

    Es bleibt, wie es war

    Darum halte ich die Prognose an dieser Stelle aufrecht: Es bleibt beim Nebeneinander, bei dem Film und Fernsehen ihre Rolle verteidigen – gleichgültig, wie im Detail sich das Verhältnis beim Umsatz verändert.

    Abgesehen davon erlaubt das Beispiel Lara Croft auch die gegenteilige Interpretation. In dieser Sichtweise werden Film und Game nicht als Antipoden wahrgenommen, sondern als Teil einer ganzen Unterhaltungsindustrie, bei der die Grenzen verschwimmen. Bei den transmedialen Inhalten greifen Filme und Games, aber auch Bücher, Podcasts oder Soundtrack ineinander. Eine traumhafte Ausgangslage fürs Marketing und für den Umsatz: Es würde der kapitalistischen Logik widersprechen, nicht alle diese Kanäle zu bewirtschaften.

    Beitragsbild: Wo die Butter hingehört – aufs Popcorn (John Booth, Pexels-Lizenz).

    https://blog.clickomania.ch/2024/08/22/gameindustrie-verdraengt-filmindustrie/

    #Medienschelte #Sommerserie

  20. Martin Steiger ist nicht nur Anwalt, Blogger und Podcaster, sondern auch scharfzüngiger Medienkritiker. Seine Urteile lässt er nicht nur den grossen Medien angedeihen, sondern mitunter auch kleinen Blogs wie meinem. Neulich habe ich einen nicht allzu tiefschürfenden Beitrag über das neue Online-Archiv alter Telefonbücher veröffentlicht. Steiger schrieb daraufhin auf Bluesky:

    Der «tolle Artikel» ist Schleichwerbung der übelsten Art. Du hättest direkt auf die Medienmitteilung der, ähmm, sympathischen Swisscom Directories AG verlinken können. Das «Archiv» ist eine PR-Aktion von «localsearch», die leider sehr gut funktioniert. Halt der übliche «Qualitätsjournalismus». Der Fokus auf die Werbung dürfte auch der Grund sein, wieso sich «localsearch» bei der Umsetzung nicht besonders viel Mühe gegeben hat. Es kommt auf die Umsetzung ja gar nicht an. Wichtig ist, dass Medien die zur Verfügung gestellten Inhalte verwenden, ohne das Ganze als Werbung offenzulegen.

    Mit der Schleichwerbung meint er nicht meinen Blogpost, sondern einen verlinkten Artikel von Watson.ch. Die Kritik zielt nicht direkt auf meinem Blogpost – indirekt aber natürlich schon. Schliesslich habe auch ich über die PR-Aktion geschrieben und Localsearch Resonanz verschafft.

    News ist, was jemand nicht in der Zeitung lesen will

    Damit steht ein interessanter Sachverhalt im Raum, den ich lieber hier im Blog als in den sozialen Medien erörtere. Nämlich der implizite Vorwurf, dass Medien keine Medienmitteilungen aufgreifen sollten, weil sie sich sonst zum erweiterten PR-Arm der Unternehmen machen. In prägnanterer Form kommt diese Haltung in einem bekannten Zitat zum Ausdruck:

    News is what somebody does not want you to print. All the rest is advertising.

    In Deutsch: Eine Nachricht zeichnet sich dadurch aus, dass jemand nicht möchte, dass sie veröffentlicht wird. Alles andere ist Werbung oder auch Propaganda. Das Zitat wird gern George Orwell zugeschrieben, manchmal auch William Randolph Hearst. Von wem es tatsächlich stammt, ist unklar; die ersten Fundstellen ohne Autoren-Angabe stammen von 1918 in New York und Chicago.

    Frage: Lassen wir diese Behauptung gelten?

    Falls ja, würden in der medialen Berichterstattung nur noch investigative Recherchen übrig bleiben. Wenn keine Machenschaften ans Licht gezerrt und Drahtzieher angeprangert werden, gilt es nicht als News. Als Resultat würde die «Tagesschau» an den allermeisten Tagen ausfallen und Zeitungen höchst sporadisch erscheinen. Der Lokalteil wäre ohnehin gestrichen, weil es dort sehr häufig über Dorf- und Stadtfeste, um Vereinsaktivitäten, Firmenjubiläen und Behörden-Verlautbarungen geht.

    Vom Sport blieben nur die Dopingfälle übrig und in der Inlandberichterstattung gäbe es keine autorisierten Politiker-Interviews oder Berichte von der Albisgüetli-Tagung mehr. Auch den Kulturteil müssten wir uns ans Bein streichen. Erlaubt wären nur noch die ganz brutalen Verrisse von Büchern, Konzerten oder Theateraufführungen. Sie müssten aber so krass ablehnend ausfallen, dass sie sich Betroffenen nicht mit der ebenfalls weltbekannten Phrase «Es gibt keine schlechte Publicity» schönreden können.

    Was hat Lindner machen lassen?

    Eine Blüte sehe ich allerdings beim People-Journalismus. Klatsch und Tratsch hätte Hochkonjunktur: Denn natürlich will Christian Lindner nicht in der Zeitung oder auf Twitter lesen, was er hat machen lassen.

    Hm, oder vielleicht doch? Von wegen «keine schlechte Publicity»?

    Wenn wir die Behauptung, jegliche mediale Aufmerksamkeit würde den eigenen Bekanntheitsgrad fördern mit dem vermeintlichen Orwell-Zitat zusammenbringen, was bleibt dann übrig? Genau: Nichts.

    Da selbst die Aufdeckung der schlimmsten Machenschaften letztlich positiv für alle ist, dann ergibt sich daraus die Abschaffung der Medien in Ermangelung von jeglichem berichtenswertem Stoff.

    Aber natürlich sind beide Idiome in absoluter Form falsch. Auch Qualitätsjournalismus – ohne Anführungszeichen – darf sich an Pressemeldungen orientieren. Fischen darf man, wenn das maritime Bild erlaubt ist, im ganzen Meer der Neuigkeiten. Aber es braucht klare Kriterien, was man tatsächlich herauszieht und zur Verkostung anbietet.

    Reflexion und Selbstreflexion

    Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass die Medien die Relevanzkriterien oft hinten anstellen, wenn eine Story ohne Nachrichtenwert gute Einschaltquoten verspricht. Ich halte es allerdings für scheinheilig, wenn sich Leute darüber empören, die für ein paar Likes in den sozialen Medien den gröbsten Unsinn posten.

    Als simple Erkenntnis lässt sich festhalten, dass auch bei Facebook, Twitter, Linkedin, Mastodon und Bluesky das Klima deutlich angenehmer wäre, wenn die Leute nur eine Sekunde darüber reflektieren würden, warum sie etwas posten. Sollten sie zum Schluss kommen, dass sie nur aus Wichtigtuerei, wegen der Selbstdarstellung, zum Zweck der Polemisierung oder zur Effekthascherei geht, müssten sie es zum Wohl aller bleiben lassen.

    Mit dieser weltbewegenden Erkenntnis könnte ich euch hier entlassen. Aber ich halte es für sinnvoll, Selbstreflexion nicht nur zu predigen, sondern auch selbst zu üben.

    Meine fünf goldenen Regeln

    Konkret heisst das, meine Überlegungen zum Beitrag zu den historischen Telefonbüchern von Localsearch und meine Haltung zu Pressemeldungen generell offenzulegen:

    1. Wichtig ist für mich die Frage, ob der Nutzen für meine Leserinnen und Leser das Interesse der beteiligten Unternehmen aufwiegt.
    2. Ich gebe Medienmitteilungen niemals eins zu eins weiter, sondern reichere sie mit einer Eigenleistung an.
    3. Eine Eigenleistung kann ein Kommentar oder eine Einschätzung sein. Bei technischen Produkten bietet sich ein Test an, der aus strikter Perspektive der Nutzerschaft erfolgt. Entscheidend ist, was das Produkt tatsächlich leistet und nicht die Versprechungen des Herstellers.
    4. Ich bin mir des riesigen Graubereichs zwischen unabhängiger Information und Marketing bewusst, der im Tech-Bereich existiert.
    5. Deswegen lege ich Wert darauf, die Distanz zu Unternehmen zu wahren.

    Konkret lasse ich mich, anders als in den Anfängen meiner journalistischen Karriere, kaum mehr zu Anlässen einladen. Ich halte die vertretbar, wenn ich mir Chancen auf interessante Hintergrundgespräche mit Leuten ausrechne, die nicht voll in die Marketingstrategie eingebunden sind.

    Bei den historischen Telefonbüchern ist der Nutzen für Leserinnen und Lesern eindeutig gegeben (Punkt 1). Ich habe das Archiv getestet und kam zum Schluss, dass das dicke Mängel hat (Punkt 3). Man kann darüber diskutieren, ob ich die noch deutlicher hätte kritisieren sollen. Es wäre angebracht gewesen, weil sich die Swisscom als Betreiberin von localsearch.ch gern als Technologie-Vorreiter geriert, und diesem Anspruch hier absolut nicht gerecht wird. Aber mein Beitrag war als lockerer Stoff für den ersten August gedacht gewesen und nicht als grosse Abrechnung.

    Der gemeine Influencer als Druckmittel gegen Journalisten

    Erklärungsbedürftig ist abschliessend Punkt 5: Ich habe vor fast zehn Jahren dargelegt, wie sich die Beziehung zwischen den Interessenvertretern in den Marketing-Abteilungen der Unternehmen und uns Journalisten eingetrübt haben. Früher herrschte eine stillschweigende Akzeptanz der unterschiedlichen und oft gegenläufigen Interessen. Weil Unternehmen heute die Medien leicht umgehen und ihre Botschaften auch über soziale Medien und willige Influencerinnen und Influencer platzieren können, hat sich das Machtverhältnis verschoben. Aus einer gegenseitigen Abhängigkeit ist eine einseitige geworden. Sich dieser als Journalistin und auch als Blogger zu entziehen, ist schwieriger, aber umso wichtiger als je zuvor.

    Beitragsbild: Fast das gleiche, was auch in der Zeitung steht? (Deon Fosu, Unsplash-Lizenz).

    https://blog.clickomania.ch/2024/08/06/der-ganze-rest-ist-werbung/

    #Bloggen #InEigenerSache #Medienschelte #SozialeMedien #Werbung

  21. Bei der Google-Manipulation ein Eigentor geschossen

    Fremde Inhalte lassen sich mittels künstlicher Intelligenz wunderbar für eigene Zwecke abkupfern. Ein anschauliches Beispiel aus der Schweiz habe ich letzte Woche dargelegt. Es geht um die Website «C-Level-News», auf der diverse Beiträge zu finden sind, die offensichtlich von grossen Medien «ausgeliehen» wurden. Damit sie nicht als offensichtliche Plagiate erkennbar sind, wurden sie mutmasslich per KI etwas gekürzt und umgeschrieben.

    Ich komme auf diesen Fall zurück, weil mein Blogpost interessante Diskussionen auslöste. Die führten zu neuen Erkenntnissen, insbesondere zu «C-Level-News». Ich bin zum Schluss gekommen, dass die «News» nur eine Tarnung sind und etwas anderes dahintersteckt.

    Bevor ich darauf eingehe, sei die Rückmeldung von Martin Steiger erwähnt. Er ist Anwalt im digitalen Raum und hält fest: «Mit rechtlichen Mitteln kommt man dagegen kaum an. Und Google hat ja aufgegeben, das ganze Web zu erschliessen, scheint aber viel Gefallen an Spam, mit und ohne KI, zu finden …»

    Die KI als Content-Vervielfältigungsmaschine

    Steiger kritisiert des Weiteren, dass die Medien selbst gerne Informationen aus anderen Quellen verwerten. Tatsächlich sind solche Zusammenschriebe üblich und die Versuchung ist vorhanden, sich mit fremden Federn zu schmücken. In den hier gerne zitierten Pflichten der Journalistinnen und Journalisten steht unter Ziffer 4.7 unmissverständlich, dass «eine Zeitung, die einen kurz zuvor von einem anderen Medium veröffentlichten Primeur übernimmt und ohne Quellenangabe veröffentlicht, berufsethisch unlauter» handelt.

    Hier im Blog verwies Manuel auf den «Blick», der solche Zusammenschriebe mithilfe einer KI namens BliKI verfasst und gemäss WOZ des Öfteren Fehler produziert. Soweit ich sehe, ist BliKI nebst einem Journalisten oder einer Journalistin immer nur Co-Autor: Die Verantwortung verbleibt beim Menschen, wie es auch sein müsste.

    Dennoch habe ich Vorbehalte, weil solche Methoden für Leute wie die Betreiber von «C-Level-News» als Rechtfertigung herhalten könnten. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit sie aus Sicht des Publikums zu einer weiteren Entwertung von Nachrichten und Textinhalten beiträgt. Ich halte es für besser, wenn sich Medien deutlich von den KI-Inhalten (insbesondere AI Slop) im Netz abgrenzen und auf Handarbeit setzen. Auch Artikel, die auf Drittquellen beruhen, haben einen Wert, wenn sie sorgfältig produziert sind und eigene Ergänzungen und Einschätzungen enthalten.

    Warum riecht es hier plötzlich so streng nach SEO?

    «Dup­li­ca­te Con­tent».

    Damit zu den neuen Einsichten, was den Sinn und Zweck von «C-Level-News» angeht. Die ergaben sich während eines Austauschs mit Bloggingtom. Sie bestehen darin, dass diese Website zwar «Aktuelle Nachrichten und Updates» verspricht, diese jedoch nicht liefert. Es ist in der Tat so, dass nur an zwei, drei Tagen Ende Juni überhaupt Beiträge publiziert wurden. Seitdem fand keine Aktualisierung statt.

    Eine weitere Auffälligkeit ist der prominente Artikel auf der Front. Unter dem Titel «Vom Bildschirm auf den Platz» geht es um eine «App des ehemaligen CEOs von Julius Bär und Francesco Ciringione», die offenbar dazu da ist, Fussballtalente aufzuspüren. Wenn man nach dem Titel und diesen Stichworten sucht, finden sich gut zwanzig Websites¹ mit dem gleichen Artikel.

    Die Zielgruppe sind nicht die menschlichen Leserinnen und Leser, sondern einzig die Suchmaschinen. Francesco Ciringione will diese neue Fussball-App in den Suchresultaten nach oben pushen und nebenbei seinem Namen etwas Internetruhm angedeihen lassen. Wir haben es mit einem Fall dieser Internet-Plage namens Suchmaschinen-Optimierung (SEO) zu tun.

    Beim Schummeln erwischt

    Bleibt die Frage: Ist die Sache wenigstens zielführend?

    Wir dürfen mit einem klaren Nein antworten. Die Aktion von Francesco Ciringione und dem besagten Ex-Chef von Julius Bär, Boris Collardi, trägt zwar zur weiteren Vermüllung des Webs bei. Den gewünschten Effekt hat sie nicht im Ansatz.

    Das lässt sich einfach überprüfen, indem wir bei Google z. B. einen Suchlauf nach den Stichworten App, Fussball und Talentsuche starten. Wie wir sehen, erscheint der Name der App weder auf der ersten, noch auf der zweiten oder auf der dritten Seite. Kein Wunder, denn das sind hochkarätige Begriffe. Nur namhafte Websites, d. h. solche mit einem hohen Pagerank, tauchen am Anfang der Liste der Resultate auf².

    Websites, die erst vor ein paar Wochen aufgeschaltet wurden, haben einen tiefen Pagerank³. Und der Trick, den gleichen Inhalt auf x Websites zu veröffentlichen, ist ebenso wenig zielführend: Das lässt sich bei Wikipedia zum Stichwort Duplicate Content nachlesen.

    Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Google ein Manipulationsmuster erkennt. Es könnte passieren, dass sämtliche Sites aus Francesco Ciringiones Portfolio unter Spamverdacht geraten.

    Der letzte Grund ist das Reputationsrisiko, das hinter einer derart einfach zu durchschauenden SEO-Massnahme lauert. Denn auch wenn diese Websites nur für Suchmaschinen bzw. deren Webcrawler gedacht sind, passiert es gleichermassen, dass sich vereinzelt Menschen darauf verirren. Mir ist das passiert. Und sogleich fliegt auf, dass sich jemand an die Spitze mogeln will.

    Dabei ist die Sache klar: Wer eine gute Platzierung bei Google will, soll sich die redlich verdienen: durch ein hervorragendes Produkt, das die Leute gerne benutzen, freiwillig erwähnen und durch Mundpropaganda bekannt machen. Es ist wie beim Fussball: Wer keine Lust hat, sich auf dem Bolzplatz abzurackern, der wird auch nicht als Talent erkannt. Schon gar nicht von der App von Francesco Ciringione und Boris Collardi, die sich ebenfalls nicht von allein durchgesetzt hat.

    Fussnoten

    1) bernbulletin.ch, ceonews.ch, clevelnews.ch, energynews.ch, exportnews.ch, helvetichighlights.ch, komunennews.ch, mobilitynews.ch, munichmirror.de, newsexport.ch, publicnews.ch, regionnews.ch, swissspectrum.ch, unternehmernews.ch, wirtschaftnews.ch, baselrundschau.ch, baurundschau.ch, bundesrundschau.ch, energierundschau.ch, prestige-business.ch, schweizer-wirtschaft.com und zuerichrundschau.ch. ↩

    2) Anders sieht es aus, wenn wir nach dem Namen der App suchen. Aber so lange der Name der App nicht breit bekannt ist, ist das irrelevant, da ihn niemand als Suchbegriff nutzt. Würde der Name über eine Website mit grosser Reichweite bekannt gemacht, dann wäre davon auszugehen, dass diese wegen des höheren Pageranks als Treffer am Anfang der Liste landet. Entsprechend werden auch in diesem Fall keine Klicks generiert. ↩.

    3) Deswegen bekomme ich so häufig Mails von Leuten, die hier in diesem Blog Inhalte oder Links unterbringen würden. Meine Website gibt es seit bald 25 Jahren, was den Wert für SEO-Massnahmen steigern würde – wenn ich mich derlei Praktiken nicht grundsätzlich verweigern würde. ↩

    Beitragsbild: Diese Parade ist um Welten besser als die Aktion, von der hier die Rede ist (Vidar Nordli-Mathisen, Unsplash-Lizenz).

    #FirstConsulenza #Googologie #Medienschelte #SEO #Suchmaschine

  22. Ist die Leiche auch wirklich tot?

    True Crime? Wird das nicht langsam etwas alt?

    Seit es vor zehn Jahren dank «Serial» mit den Podcasts so richtig losging, ist auch die mediale Aufarbeitung von wahren Verbrechen extrem im Trend. Vermutlich war das damals ein perfekter Sturm – zwei aufstrebende Entwicklungen, die sich wunderbar gegenseitig befereuerten.

    Inzwischen konnten die Podcasts beweisen, dass sie auch für andere Themenfelder taugen: Politik, Gesellschaft, Unterhaltung – und die guten, alten Laberpodcasts aus der Anfangszeit ab 2006 haben auch nicht ausgedient. Darum finde ich es in der Tat in Ordnung, wenn im Jahr 2024 die Kriminologie in den Hintergrund tritt.

    Eine Geschichte, wie sie Jesus gefällt

    Leider komme ich an dieser Stelle nicht um eine grosse Ausnahme herum. Der Podcast White – Geständnis eines Neonazis von «Die Zeit» (RSS, iTunes, Spotify) ist so eindringlich, dass ich ihn vorstellen muss: Ein Reporter macht sich auf zu einer Reportage, die zwar menschliche Einsichten, aber keine neuen Erkenntnisse verspricht. Die Geschichte war schon vor Jahren zu lesen, z.B. hier bei jesus.ch. Es ist nämlich eine Bekehrungsgeschichte von biblischem Ausmass.

    Muss wohl von rechts nach links gedeutet werden.

    Also, Reporter Bastian Berbner besucht Mike Kent. Der war lange Jahre Neonazi und liess sich in der Zeit ein riesiges Hakenkreuz auf die Brust tätowieren. Dann traf er seine Bewährungshelferin Tiffany Whitter. Die ist schwarz, war aber nicht eingeschüchtert, sondern hörte zu. Und diese ehrliche Aufmerksamkeit genügte schon, dass Mike von seinem Hass abliess und sich die das Hakenkreuz mit einem Wolf überdecken liess.

    Ein Mord ist wie ein Sechser im Lotto. Oder?

    Doch im Gespräch nimmt die Sache eine unerwartete Wendung: Berbner fragt, was das schlimmste sei, was er, Mike Kent, getan habe. Und er meint, er habe jemanden umgebracht. Er gesteht einen Mord, der bislang nicht aktenkundig ist. Und von dem er auf Nachfrage sagt, dass sonst niemand davon wisse.

    Für einen Reporter ist das wie ein Sechser im Lotto, oder? Statt über Verbrechen zu berichten, kann er selbst eines aufklären. Das passiert selten bis nie – auch wenn es Samantha Poling von BBC Scotland neulich gelang. Ich hatte meine liebe Mühe mit ihrem Podcast «Who Killed Emma?», aber letztlich hatte diese Produktion ihren Anteil daran, dass ihr Verdächtiger im Februar 2024 zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde.

    Bebner spürt sogleich, mit welcher Last dieses Geständnis nun auf seinen Schultern liegt. Soll er damit zur Polizei? So naheliegend das ist, in Arizona droht ihm die Todesstrafe. Auch seine früheren Nazi-Kumpels im Gefängnis könnten ihn ihm einen Verräter sehen. Doch nichts zu sagen, würde bedeuten, dass die Familie des Opfers weiterhin in Ungewissheit lebt.

    «Wozu das Ganze?»

    Es ist an dieser Stelle kein Spoiler, wenn ich verrate, für welchen Ausweg sich Bastian Berbner entschieden hat – er hat nämlich den Podcast gemacht, von dem hier schon die ganze Zeit die Rede ist. Es könnte aber ein Spoiler sein (⚠️⚠️⚠️), wenn ich andeute, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. Denn je länger Berbner zusammen mit seiner Kollegin, der USA-Korrespondentin Amrai Coen, der Bluttat hinterherrecherchieren, desto stärker werden die Zweifel, ob sie überhaupt stattgefunden hat. In Phoenix gibt es niemanden, der sich an den Fall erinnert. Keine Zeugen, keine Akten bei der Polizei, keine Berichte in den lokalen Medien. Hat Mike sich bloss wichtig gemacht?

    Bei «Übermedien» ist der Spott nicht zu überhören: «Die ‹Zeit› braucht nicht mal einen Mord, um einen Podcast über einen Mord zu machen», lästerte Annika Schneider in ihrer Rezension. «Wozu das Ganze?», fragt sie sich.

    Nicht ganz zu Unrecht. Andererseits: Macht es einen Unterschied?

    Der Podcast sei «letztendlich eine Geschichte über zwei Reporter, die zu einem Mord recherchiert haben …», bilanziert Annika Schneider. (Den letzten Teil des Satzes lasse ich weg, weil ich nicht noch mehr spoilern will.)

    Auch Nichtereignisse können Ereignisse sein

    Damit liefert sie, vermutlich unabsichtlich, die perfekte Definition für das True-Crime-Genre. Wie uns schon «Serial» lehrte: Der Weg ist das Ziel. Dass am Schluss Gerechtigkeit herrscht wie bei Samantha Poling, ist die Ausnahme. Es geht auch nicht darum, dass Journalistinnen und Journalisten selbst Mörder und sonstige Täterinnen zur Strecke bringen: Das ist die Aufgabe des Staates und der Justiz.

    Die Aufgabe eines Podcasts ist es, aus einer persönlichen Perspektive in alle möglichen Ritzen und Winkel der Welt, der Gesellschaft und der menschlichen Seele zu leuchten – und uns auf erhellende Weise zu unterhalten. Ob das gelingt, hängt nicht davon ab, ob am Schluss alle unsere Erwartungen wunschgemäss erfüllt wurden.

    Und natürlich ist die Sache theoretisch glasklar: Medien berichten über echte Ereignisse. Vermeintliche Ereignisse gehören nicht zum Themenspektrum. Nichtereignisse auch nicht – auch wenn dann der Politikteil der Zeitung oft nur halb so dick wäre.

    Scheitern ist erlaubt

    Doch für mich gehört auch zur Wahrheit, dass sich die Grenzen nicht immer so klar ziehen lassen. Selbst eine eindeutige Kriminalgeschichte lebt nicht nur von den juristischen Aspekten, sondern auch vom moralischen Blickwinkel, den gesellschaftlichen Implikationen. Mit Annika Schneiders Massstab könnten wir, nebenbei bemerkt, auch dem Podcast «Row Zero» über Rammstein und Till Linde­mann die Existenzberechtigung absprechen, weil da im rein kriminalistischen Sinn nichts hängen geblieben ist.

    Um zur Eingangsfrage zurückzukommen: Ja, True Crime ist auch heute noch ein Ding. Aber es ist in Ordnung, wenn der Massstab nicht darin besteht, ob die Leiche am Ende tatsächlich tot ist. Ich befürworte es sehr, dass der Journalismus, der sich sonst gern allwissend gibt, hier das Stochern im Nebel, die Ambivalenz und den Zweifel zelebriert und es den Leuten erlaubt, ihm auch mal beim persönlichen Scheitern zuzusehen.

    Beitragsbild: Nicht ganz da, wo der vermeintliche Mord passierte (Hoover Dam, Arizona, Adam Kliczek/Wikimedia, CC BY-SA 3.0).

    #DieZeit #Medienschelte #TrueCrime
  23. Wie kündigen sich technische Revolutionen an? Krachen sie wie eine Bombe in unser Leben? Oder schleichen sie sich langsam an, mit ersten harmlosen Vorboten, auf die mit gewissem Abstand immer deutlichere Anzeichen folgen, dass etwas Grosses im Anrollen ist?

    Die Antwort lässt sich in einer Zeitdauer ausdrücken: In Tagen, Wochen, Monaten oder Jahren, in denen wir uns klar werden können, dass etwas Entscheidendes passiert: Etwas, das konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben hat. Und etwas, dass sich nicht rückgängig machen lässt.

    Die Bombe im ersten Abschnitt war nicht nur metaphorisch gemeint. Denn das Beispiel für eine technische Entwicklung, die die Menschheit völlig unerwartet getroffen hat, ist die Atombombe. Die Überraschung widerspiegelt sich auch in der Schweizer Presselandschaft:

    Wenig Vorlaufzeit.

    Ich habe im digitalen Archiv nachgeschlagen, wo die Anzahl Artikel pro Jahr aufgeführt sind: 1942 ist ein Artikel vermerkt. 1943 listet die Datenbank keinen auf und für 1944 zehn. 1945 sind 1518 Artikel verzeichnet – am 6. und 9. August 1945 wurden zwei Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen.

    Wir können den Schluss ziehen, dass es für die allermeisten Menschen keinerlei «Vorwarnzeit» gab: Sie nahmen in dem Moment zum ersten Mal überhaupt von dieser neuen Waffe Notiz, als sie auch den historischen Paradigmenwechsel erkennen mussten.

    Die Gefahr bleibt im Konjunktiv

    Die These lässt sich auch aufrechterhalten, wenn wir uns die wenigen Artikel ansehen, die vor dem ersten Abwurf über die Atombombe berichteten. In der Schweiz ist das Wort erstmals am 14. April 1942 in der katholischen Zeitung Neue Zürcher Nachrichten gedruckt worden. Unter dem Titel Geheimwaffen – einst und jetzt ist etwas erschienen, das wir nach heutigen Masstäben als Listicle bezeichnen würden. Es kümmerte sich um die hauptsächlich konventionellen Kampfmittel, die den Zweiten Weltkrieg prägen:

    Zwei Waffen spielen in diesem Krieg eine wesentliche Rolle, die vielleicht sogar entscheidend sein werden: das Unterseeboot und das Flugzeug.

    Die Atombombe kam erst am Schluss zur Sprache, und die Formulierung im Konjunktiv verspricht, dass es noch lange dauern werde, bis Kernwaffen spruchreif sind:

    Die Zukunft birgt auf dem Gebiet der Geheimwaffen noch manche Überraschung in sich. (…) Es kann sich weiter um die berüchtigte Atombombe handeln, deren Wirkung auf der unerschöpflichen Kraft, gegründet in der Zusammensetzung der Materie, beruht. Eine derartige Einpfundbombe, zur Entladung gebracht, hätte die vollständige Zerstörung alles Bestehenden in einem Umkreis von zehn Kilometern zur Folge.

    Alles bloss graue Theorie?

    So kann man sich irren.

    Die Vorstellung, das alles betreffe uns nicht wirklich, hält sich selbst zehn Monate vor dem ersten Atombombenabwurf noch: Zehn Artikel erscheinen im Oktober 1944, die alle auf die Prager Zeitung Der Neue Tag zurückgehen. Die hat anscheinend berichtet, wie Otto Hahn zum ersten Mal ein Uran-Atom gespalten hat. Wie das in der Schweiz angekommen ist, lässt sich bei «Die Tat» in der Ausgabe vom 5. Oktober 1944 nachlesen. Als Erstes deutet die Zeitung eine mögliche Zeitenwende an:

    Vielleicht ist der Stockholmer «Daily-Mail»-Korrespondent durch diesen Prager Artikel zu seiner jetzigen sensationellen Nachricht inspiriert worden, dass die Atombombe die neue deutsche Waffe darstelle, welche deutsche Wissenschafter im Begriffe stehen, auszuarbeiten, und dass das Prinzip der Atombombe auf der Atomzertrümmerung beruhe! Gewiss, bei der Atomzertrümmerung werden Energien freigemacht, denen gegenüber alle unsere bisherigen irdischen Energiequellen zu Bedeutungslosigkeit verblassen.

    Doch dann folgt die Beruhigungspille:

    Aber all dies ist vorläufig Theorie, denn wenn es auch bis heute schon gelungen ist, mit Hochspannungselektrizität Elemente zu spalten, so war die Ausbeute doch unendlich klein und die befreiten Energien unwirksam, also nicht verwendbar. Alle Versuche haben bis heute gezeigt, dass wir nicht genügend Energie konzentrieren können, um durch eine Kettenreaktion, wie sie Professor Hahn in Aussicht stellt, die ganzen Uranmassen aufzuspalten, denn die Kräfte, die die Atome zusammenhalten, sind riesig. Der Weltuntergang durch Atombomben ist also noch in weiter Ferne.

    Kein Wissensvorsprung durch Zeitungslektüre

    Damit sind wir bei der Erkenntnis des heutigen Tages. Die tut mir in der Seele weh. Sie lautet nämlich, dass wir Medien nicht zum Auguren taugen. Es ist gleichgültig, wie viel Vorlaufzeit es gibt.

    Selbst die aufmerksamen Zeitungsleserinnen und -leser haben keinen entscheidenden Wissensvorsprung. Auch andere – zivile – Beispiele aus meiner Rubrik Tech-Premiere belegen das. Beim virtuellen Geld oder dem Desktop Publishing existiert eine frühe Berichterstattung. Doch die konzentriert sich auf theoretische Konzepte, auf erste Feldversuche, Laborbefunde und Expertenmeinungen, aus denen sich die eigentliche Bedeutung nicht ableiten lässt.

    Wir Journalistinnen und Journalisten sind nicht schlecht darin, schon vorab gewisse Anzeichen für grosse Veränderungen zu entdecken und zu berichten. Doch solange die technische Revolution ihre Wirkung nicht entfaltet hat, müssen wir im Vagen und Ungefähren bleiben. Wir wollen den Wandel nicht herbeireden. Und wir Journalisten oder Journalistinnen wollen uns nicht mit waghalsigen Prognosen blamieren. Zu Recht, denn wenn in den Zeitungen technische Revolutionen vorausgesagt wurde, war es tatsächlich oft eine Blamage.

    Wir können diesen Sachverhalt schön mit der Puddingprobe erklären. Das englische Sprichwort The proof of the pudding is in the eating meint, auf den technischen Fortschritt übertragen, dass sich eine neue Technologie durchsetzen muss, um zu beweisen, dass sie sich durchsetzen kann.

    Oder andersherum: Es handelt sich um ein Kernmerkmal einer technischen Revolution, dass sie uns auf dem falschen Fuss erwischt.

    Beitragsbild: Atombombentest am Bikini-Atoll (The U.S. National Archives, CC0).

    https://blog.clickomania.ch/2024/07/23/der-weltuntergang-durch-atombomben-ist-noch-in-weiter-ferne/

    #Evergreen #Medienschelte #TechPremiere

  24. Frivol, frivol: Cybersex in den 1970er-Jahren

    In meiner Rubrik Tech-Premiere geht es meistens um Hardware und um die harten Fakten beim Fortschritt. Heute steht ein vergleichsweise weiches Thema an – wobei Zweifel angebracht sind, ob dieses Adjektiv wirklich passt. Konkret: Es geht um den guten alten Cybersex. Der tatsächlich älter ist, als gedacht.

    Wikipedia behauptet, der Begriff stamme aus den 1990er-Jahren. Und, hurra!, heute finde ich mich in der erfreulichen Position des Besserwissers wieder: Ein Schweizer Medium berichtete schon zwanzig Jahre früher über dieses Phänomen. Der hiesige Pionier in Sachen computervermittelter Sexualität ist die Zeitung L’Impartial, die zwischen 1881 und 2018 im Kanton Neuenburg erschien. Er widmete sich am 29. April 1972 dem Cybersex. Das nächste Schweizer Medium stiess gemäss e-newspaperarchives.ch erst knapp zwei Jahrzehnte später auf die pikante Materie; allerdings nur fiktiv, im Rahmen der Besprechung des Films The Lawnmower Man in der NZZ vom 24. November 1992.

    «Paarung aus der Ferne»

    Der Text von Anfang 1972 trägt den Titel Dank der Weltraumforschung: Liebe auf Distanz. Und er ist es wert, ausführlich zitiert zu werden:

    Die technologische Revolution hat nicht aufgehört, die Sitten zu verändern. Die traditionellen Konzepte von Ehe, Scheidung und ehelicher Treue werden in den nächsten zehn Jahren durch das Aufkommen eines neuen Zweigs der Kybernetik, des sogenannten Cybersex, in Frage gestellt. Laut RRI, einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, werden die Forschungen von Masters, Johnson und Kinsey über das Sexualverhalten noch vor 1980 durch die Entwicklung eines Verfahrens übertroffen, das die Paarung aus der Ferne ermöglicht.

    Genauer gesagt: Herr Müller, der sich in Kalkutta aufhält, kann seinen ehelichen Pflichten nachgehen, während seine Frau zu Hause in Thionville ist, und zwar dank der Hilfe eines Computers. Die Sexualpartner sind durch ein umfassendes Kommunikationssystem verbunden, das audio-visuell und sensorisch funktioniert. Sie können sich gegenseitig auf einem kleinen Bildschirm sehen und hören, während einige ihrer Organe mit automatischen Vibratoren verbunden sind.

    An diesem Abschnitt ist fast alles bemerkenswert. Die «Paarung aus der Ferne» natürlich, und die Behauptung, es ginge um die Erfüllung der «ehelichen Pflichten». Mein Bauchgefühl sagt mir, dass der Cybersex eine Beschäftigung ist, der innerhalb einer Ehe an Bedeutung verliert. Freundlicherweise bestätigt mir ChatGPT diesen Eindruck:

    Laut einer Untersuchung von Ballester-Arnal et al. (2014) nutzen sowohl verheiratete als auch unverheiratete Personen Cybersex, allerdings mit unterschiedlichen Motiven und in verschiedenen Häufigkeiten. Unverheiratete Personen sind tendenziell häufiger an Cybersex beteiligt als verheiratete Personen, was möglicherweise auf die Suche nach neuen sexuellen Erfahrungen und Partnern zurückzuführen ist.

    Möglicherweise würde ich dieser These zustimmen.

    Ich vermute, dass der USA-Korrespondent der Zeitung, Louis Wiznitzer, eine heikle Sache moralisch nicht überstrapazieren wollte. Der dezente Hinweis auf die «eheliche Treue» beinhaltet jedenfalls die Möglichkeit von sexuellen Abenteuern ausserhalb einer festen Bindung.

    Eine grossartig abstruse Geschichte aus «L’Impartial» vom 29. April 1972.

    «Ein Nebenprodukt eines Weltraumforschungsprogramms»

    Bei der Datierung liegt die Prognose daneben: 1980 war von Cybersex noch nichts zu sehen und nichts zu hören. Die Beschreibung des konkreten Vorgangs ist allerdings ausgezeichnet: die kleinen Bildschirme beschreiben exakt ein Mobiltelefon, und Vibratoren, die sich per App fernsteuern lassen, sind heute Tatsache.

    Doch was hat die Weltraumforschung mit der Sache zu tun? Der Artikel erklärt uns das wie folgt:

    Das [die Funktionsweise von Cybersex] behaupten zumindest die Autoren eines Projekts namens Intersex, das diesen «technologischen Durchbruch» weltweit vermarkten will. Tatsächlich ist Cybersex nur ein Nebenprodukt eines Weltraumforschungsprogramms. Das Moffat Field Study Center (Kalifornien) suchte 1963 nach einer Möglichkeit, das Gefühl der Einsamkeit zu lindern, das Astronauten in der Umlaufbahn empfinden. Orbafil, ein kanadisches Labor, wurde mit der Entwicklung eines perfekten visuellen Kommunikationssystems zwischen der Startrampe und dem Weltraum beauftragt.

    Dieses erotische Kommunikationssystem wird wie folgt beschrieben:

    Ermöglichte die amerikanische Elektronik nicht bereits die Übermittlung eines Elektrokardiogramms vom Krankenbett zu Hause bis zum medizinischen Zentrum per Telefon? War es nicht denkbar, nicht nur den Herzschlag, den Atemrhythmus und die Gehirnaktivität zu übertragen, sondern auch die Lust? Nach einigen Jahren waren die japanischen Forschungen erfolgreich. In der japanischen Hauptstadt wurde ein kompletter audio-visuell-sensorischer Kommunikationskreislauf errichtet. Eine erste «Sexbrücke», die einen Mann aus Kyoto mit einer Frau aus Montreal verband, wurde erfolgreich geschlagen.

    Alles etwas dubios

    So weit, so lustvoll. Allerdings kommen wir jetzt zu der Stelle, an der sich die Fragezeichen häufen. Ich habe versucht, die konkreten Fakten zu überprüfen, und festgestellt, dass sich fast alle als ungenau oder falsch erweisen:

    • Mit dem «Moffat Field Study Center» könnte eine Forschungseinrichtung der Nasa gemeint sein, die offiziell Ames Research Center heisst und beim Flugplatz Moffett Federal Airfield gelegen ist.
    • Zum kanadischen Labor Orbafil gibt es keinen einzigen Google-Treffer. Da es gemäss der Schilderung in hochrangige Forschungen involviert war, müsste es zumindest ein paar Spuren im Netz hinterlassen haben.
    • Die Bezeichnung des «Projekts Intersex» ist nicht plausibel. Schon in den 1970er-Jahren stand der Begriff für Intergeschlechtlichkeit. Es scheint mir unwahrscheinlich, dass er für Forschung im Bereich Cybersex benutzt worden wäre. Der Bezug zum Internet ist aus heutiger Sicht zwar frappant, aber er drängte sich damals auf.
    • Es ist auch von japanischen Forschern die Rede, nämlich von «Hikari und seinen amerikanischen Partnern». Wer mit Hikari gemeint ist, geht aus dem Text nicht hervor. Es könnte sich um einen Nachnamen handeln, wobei der Gebrauch als Vorname häufiger zu sein scheint. Die Angabe ist so vage, dass sich diese Spur nicht weiter verfolgen lässt.
    • An der Forschung sei die «Université Tokaida» beteiligt. Zu dieser Forschungsstätte finde ich nichts. Es gibt allerdings eine Tōkai-Universität.

    Die eigentliche Krux besteht darin, dass meine Recherche zum Cybersex-Projekt selbst völlig ins Leere laufen. Ich finde keine Anzeichen, dass es überhaupt stattgefunden hat. Der Artikel bleibt selbst bei den Auftraggebern maximal vage. Die Erwähnung des Ames Research Center deutet auf eine Beteiligung der Nasa hin. Es ist denkbar, dass ein privates Forschungsunternehmen oder eine Universität ein solches Unterfangen initiieren würde; in der Hoffnung, das fertige Produkt an die Weltraumbehörde zu verkaufen.

    Ist es naheliegend anzunehmen, dass nur ein einziger Journalist – der Korrespondenz einer Neuenburger Zeitung – jemals Wind von einer so grossen Sache Wind bekam?

    Wir dürfen als gegeben annehmen, dass sie ein gefundenes Fressen für die Medien gewesen wäre: Wenn irgendetwas davon an die Öffentlichkeit gedrungen wäre, würden heute noch Dokus im Privatfernsehen laufen, wie die Nasa seinerzeit «Sexbrücken» entwickeln wollte, damit sich die Astronauten auf dem Mond mit ihren Frauen und Freundinnen auf der Erde verlustieren können.

    Alles nur erfunden?

    Könnte sich diese Geschichte um eine private Fantasie des Autors handeln? Louis Wiznitzer, der Korrespondent, war ein fleissiger Autor, der u. a. auch für die «Schweizer Illustrierte», «Le temps» und das Journal de Genève schrieb. Ich fand keinerlei Berichte, die ihn in die Nähe eines Claas Relotius oder Tom Kummer rücken. Für eine so schwerwiegende Unterstellung bräuchte es unbedingt weitere Nachforschungen. Eine harmlose Erklärung könnte sein, dass die Quelle – «RRI, die wissenschaftlichen Fachzeitschrift» – eine Ente publiziere, auf die Wiznitzer hereinfiel.

    Aber nehmen wir rein hypothetisch an, der ganze Betrag sei ausgedacht: Könnte Wiznitzer das Verdienst in Anspruch nehmen, der Erfinder des Cybersex zu sein?

    Vermutlich nicht, denn gemäss Google Books Ngram Viewer tauchte das Wort zum ersten Mal 1964 auf. Trotzdem, Hut ab! Allen Mängeln zum Trotz hatte Wiznitzer einen ausgezeichneten Riecher für ein Ding aus der Zukunft.

    Polygamie statt Prostitution und Pornografie

    Es bleibt uns an dieser Stelle, die letzten Passagen des Artikels zu geniessen. In der entfaltet der retrofuturistischen Cybersex seine ganze orgastische Gewalt. Brigitte Bardot und Gregory Peck als Sexualpartner für alle von uns! Nebenbei fragen wir uns vielleicht, in welcher dunklen Ecke sich diese Computer versteckt haben, die sich seit dem Jahr 2000 sexuell vermehren müssten …

    Für 1990 prognostizieren Hikari und seine amerikanischen Partner einen Quantensprung im Bereich der Fernsexualität, vergleichbar mit dem vom Radio zum Fernsehen. Der Reisende wird nicht mehr an eine Person, sondern an eine Kassette angeschlossen sein. Diese Kassette wird elektronisch «abgespielt», um die gewählte, erträumte Person auf audiovisuelle und sensorische Weise darzustellen. Zum Beispiel Brigitte Bardot oder Gregory Peck!

    Da jeder Mensch in der Lage sein wird, sich eine Diskothek mit Kassetten anzulegen, wird Polygamie wieder salonfähig, während Prostitution und Pornografie ihre Daseinsberechtigung verlieren. Für den Preis einer Schallplatte oder einer Kinokarte kann sich jeder seinen Traumsexpartner suchen, ohne gegen die Sitten zu verstossen oder jemanden zu belästigen. Die Autoren des Projekts sagen: «Lachen Sie nicht, die Zukunft hat gerade erst begonnen. Das Paradies auf Erden ist um die Ecke». Und im Jahr 2000 werden sich die Computer ohne die Hilfe von Menschen vermehren können …

    Beitrag: All der Spass, der den Astronauten entgangen ist (Dall-e 3).

    #evergreen #tldr #medienschelte #sex #techPremiere

  25. Forderung Nr. 1:

    in / auf eine Stunde ausweiten.

    Forderung Nr. 2:

    Hinweise auf ausführlichere Behandlung/mehr Hintergründe in weiteren zu jeder .

    Forderung Nr. 3:

    Ausführliche , die ein breites & unterschiedliche Wahrnehmungen/Interessen abbilden.

    Sonst eben: .

  26. nicht nur rund um #Essen wird das Wort #gewaltsam inzwischen sogar schon auf #Sitzblockaden, unangemeldete #Demonstrationen und dergleichen angewendet. Mit solchem Wording lässt sich natürlich fast jede Form von #Widerstand delegitimieren, und wer das ohne es zu hinterfragen tut, spielt das gefährliche Spiel der Rechten. #Medienschelte

  27. Ein grosser Fan von Rammstein war ich nie. In meiner Musiksammlung gab es Mutter als CD. Die Vergangenheitsform ist bewusst gewählt, da ich die weggeschmissen heute hätte, wenn sie im Zug meiner Ripping-Aktion in den Nullerjahren nicht längst hätte über die Klinge springen müssen.

    Der Grund für den Rausschmiss liegt im Podcast Rammstein – Row Zero von NDR und Süddeutscher Zeitung (RSS, iTunes, Spotify). Er arbeitet in vier Teilen die Vorwürfe an Frontmann Till Lindemann auf, die die Konzertbesucherin Shelby Lynn im Mai 2023 erhoben hatte. Die waren daraufhin breit diskutiert worden, haben bis jetzt aber zu keinen juristischen Konsequenzen geführt.

    Vermutlich würde die NZZ jetzt Cancel Culture beklagen: «Tat man ihm unrecht? Der Rammstein-Sänger Till Lindemann wurde juristisch nicht belangt, moralisch aber längst verurteilt». Aber es sind Krokodilstränen, die Jonas Hermann in Berlin vergiesst, weil schliesslich jede Musikfreundin und jeder Musikfreund selbst entscheiden darf, wann und warum er mit einem Idol Schluss macht.

    Ein Nein ist nicht vorgesehen

    Es ist die Stärke des Podcasts, die Vorwürfe breit abzustützen. In Folge zwei (Unter der Bühne) kommt Shelby Lynn ausführlich zu Wort, aber sie ist längst nicht die einzige. In der ersten Folge Vorhang auf erzählt Cynthia ihre Erlebnisse. Die Systematik von «Row Zero» als geölte Maschinerie, um Lindemann Sexualobjekte zuzuführen, wird fassbar, ebenso das Machtgefälle. Mehrere Frauen geraten in etwas hinein, das sie so nicht erwartet haben, und wenn sie das realisieren, scheint es für ein Nein zu spät. Shelby Lynn sagt nein, woraufhin Lindemann in Rage gerät.

    Die eindrücklichste Folge ist die dritte (Spiel mit Grenzen). Sie beginnt mit den Worten Jasmins:

    Es ist über elf Jahre her und jetzt endlich kann ich die Geschehnisse von damals klarer sehen. Ich war gerade vor zwei Wochen 17 Jahre alt geworden, als ich dich im Dezember 2002 kennenlernte. Ich war unglaublich in dich verliebt. (…) Ich bin mit dir und Flake mitgegangen, wollte einfach in deiner Nähe sein. Ihr habt mir Koks angeboten und mich mit Schnaps abgefüllt.

    Unterirdisch: Die «Row Zero».

    Diese Folge erzählt die Anfänge in den 1990ern nach, wie die Band ihre ersten Songs aufgenommen und Auftritte im Knaack-Klub in Berlin hatte. Und sie macht spürbar, dass das brachiale Auftreten schon immer mehr als ein Spiel war.

    «In die Mangel genommen»

    Dazu dient die Anekdote rund um den Musiksender MTV und Viva. Als 1997 die Single Engel erscheint, ist das auf Viva zu sehen, auf dem Konkurrenzkanal aber nicht. Das habe dazu geführt, dass jemand vom MTV-Musikmanagement, der wohl mit dafür verantwortlich war, von Band «in den Mangel genommen» worden sei, erzählt Moderator Markus Kavka. Beim Hurricane Festival in Scheessel sei er an einen Stuhl gebunden worden und man habe an seinem Bein eine Rauchbombe gezündet.

    Ich habe erst neulich über den Podcast «NDA: Die Akte Kasia Len­hardt» berichtet und den «Spiegel» dafür kritisiert, dass er zu nahe dran ist. Auch dieser Podcast macht über weite Strecken Verdachtsberichterstattung. Es kommen hier jedoch nicht posthum Sprachnachrichten an die Öffentlichkeit, die privat aufgenommen worden sind. Die Frauen können und wollen sich äussern.

    Wichtig finde ich auch die Wortmeldungen von Lindemann und Flake. Die sind zwar kurz und stammen aus Drittquellen – und man kann und darf kritisieren, dass sie so ausgewählt wurden, dass sie ins Bild passen. Aber sie passen eben auch erschreckend gut ins Bild:

    Frauen wollen ja, dass man ihnen nachsteigt. Das ist das normale Balzverhalten. Jede Frau hat dieses grosse Pfauenrad hinten dran. Und jeder Buntspecht ist bunter als das Weibchen. Der Mann kümmert sich um die Frau, um Balz. Sie kämpfen miteinander, und die Frau steht daneben. Das Weibchen wartet nur darauf, dass irgendwas passiert. (…)

    Unter dem Strich geht es um die Verantwortung von Künstlerinnen und Künstlern – und die nimmt man nicht wahr, indem man versucht, die Berichterstattung auf juristischem Weg zu unterdrücken.

    Wo kämen wir sonst hin?

    Die NZZ insinuiert, diese «moralische» Dimension sei gegenüber der juristischen nachrangig. Ich bin dezidiert anderer Meinung – und die Gründe dafür lassen sich am Fall Rammstein besonders gut diskutieren. Denn natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass Lindemann aus seinen Fantasien nie einen Hehl gemacht hat – Stichwort Fleischgewehr. Geht es noch offensichtlicher, könnte man sich fragen. Darf sich angesichts der expliziten Texte überhaupt jemand wundern?

    Für mich funktioniert die Argumentation genau andersherum: Erstens dürfen wir als Publikum voraussetzen, dass Künstlerinnen und Künstler eine Wertschätzung uns gegenüber haben. Zumal wir es sind, die mit Käufen von Tonträgern, Tickets und Merch ihnen eine Existenzberechtigung geben, ihren Star-Status begründen und ihren Lebensstil ermöglichen.

    Raus damit

    Zweitens steckt in apokalyptischen Auftritten wie von Rammstein das Versprechen, dass alles nur Spektakel ist. Der Künstler, die Künstlerin lebt seine bzw. ihre dunklen Seiten auf der Bühne auf so gruselige Weise aus, damit er oder sie als Privatmensch umso friedlicher, anständiger und umgänglicher ist. Denn wo kämen wir hin, wenn der Krimiautor auch privat morden würde?

    Darum ist es offensichtlich so, dass Rammstein bis heute die fundamentale Funktionsweise von Kunst nicht verstanden hat, die jedem 16-jährigen weiblichen Fan völlig klar und bewusst war. Das ist genügend Grund, sie mitsamt ihren CDs aus der Wohnung und aus dem Leben zu verbannen.

    Beitragsbild: Die blaue Tonne ist für die CDs (Pawel Czerwinski, Unsplash-Lizenz).

    https://blog.clickomania.ch/2024/05/27/rammstein-row-zero-podcast-review/

    #Medienschelte

  28. Es gibt einen simplen Trick, um in seinen Videos besonders energetisch, vital und schnell denkend herüberzukommen. Er besteht darin, sämtliche Unterbrechungen des Redeflusses herauszuschneiden: nicht nur die Gedankenpausen, sondern vor allem auch die Momente, in denen die Sprecherin bzw. der Sprecher Luft holt.

    Das ist inzwischen nicht bloss eine Notlösung, sondern ein eigentliches Stilmittel. Beweisstück A: Bosetti will reden! Es handelt sich hierbei um eine kurze Comedysendung des Zweiten Deutschen Fernsehens, die einen irreführenden Titel aufweist: Bosetti – gemeint ist die Autorin, Satirikerin, Komikerin und Moderatorin Sarah Bosetti – will nicht nur reden. Sie tut es auch.

    Mehr Silben pro Minute!

    Sie tut es als menschliches Maschinengewehr, das die Satzsalven in einer Kadenz abschiesst. Uns Zuschauerinnen und Zuschauern bleibt kaum Zeit, die gedanklich zu absorbieren. Bosetti ist eine Schnellsprecherin, die John Olivers Masterclass «Talk so fast that everyone thinks you’re brilliant because they can’t follow»¹ jederzeit mit einem Goldsternchen abschliessen könnte.

    Das ist übrigens jener Kursus, bei dem Berni Thurnheer leider durchgefallen wäre, wenn es ihn damals schon gegeben hätte. Nicht, weil sein Mundwerk den Anforderungen nicht Genüge getan hätte. Sondern, weil Schweizerinnen und Schweizer aus Prinzip nicht zugelassen sind. Wir haben schliesslich das Klischee des gemütlichen, auch geistig etwas trägen Bergvölkleins zu erfüllen.

    Atmen im Radio

    Das heisst jedoch nicht, dass nicht auch hierzulande Videos durch das Eliminieren von Atempausen zeitlich komprimiert werden. Mir ist neulich solcher Fall begegnet. Judith Wernli, eine Moderatorin bei SRF3, hat sich über den Hass aufgeregt, der nach Nemos Sieg auf Nemo eingeprasselt ist. Inhaltlich bin ich voll auf ihrer Seite. Aber da ihre Stellungnahme aus dem Radio stammt, ist die Atemlosigkeit umso seltsamer. Dort wird schliesslich meistens live gesendet, was die Atemgeräusche zu einem unvermeidlichen Teil der Darbietung macht.

    Auf mein Genöle meinte Judith Wernli übrigens:

    Ich bin ganz bei dir. Im Radio war es doppelt so lange und mit genügend Atempausen.😇 Es war nicht einfach zu kürzen.

    Womit wir bei der vermuteten Ursache dieses Phänomens wären: Tiktok. Während der Youtube-Algorithmus die Leute für endloses Schwadronieren belohnt, gibt es bei der chinesischen Plattform ein hartes Limit für die Videolänge. Die Atempausen zu entfernen, ist die einfachste Methode bei einer etwas zu lang geratene Aufnahme. Den Text zu verdichten und eine neue Aufzeichnung zu machen, wäre mehr Arbeit.

    @judithwernli Zusammenstehen mit Nemo❤️ Wir freuen uns auf den ESC 2025 in der Schweiz❣️🩷💙💚🧡🩵 #esc #love #schweiz #nemo #zusammen ♬ Originalton – @judithwernli

    Das Fernsehen, das nicht das Fernsehen sein will

    Aber provoziere ich an dieser Stelle ein OK Boomer², wenn ich sage, dass diese Methode ausserhalb von Tiktok nicht nötig wäre? Sarah Bosetti ist zweifellos in der Lage, ihre Texte so abzufassen, dass sie das Zeitlimit einhält, ohne dass alle fünf Sekunden geschnitten werden müsste. Aber klar; mit dem Ringlicht und dem frontalen Blick in die Kamera tut das Fernsehen so, als ob es nicht das Fernsehen wäre, sondern so unvermittelt und spontan wie jene Leute, die direkt aus ihren Schlafzimmern ins Internet sprechen.

    Das Fernsehen tut das, um jung zu wirken und für Menschen interessant zu sein, die Tiktok als ihr Primärmedium betrachten und das ZDF nur deswegen kennen, weil sie Eltern mit altertümlichen Medien-Gewohnheiten besitzen. Die Presse neigt zu ähnlichen Verhaltensweisen, wenn sie verzweifelt versucht, an die junge, news-deprivierte Jugend heranzukommen.

    Ein bisschen wie die CDU

    Ich kann mit den formalen und inhaltlichen Massstäben, die eine Plattform wie Tiktok setzt, wenig anfangen. Und mir ist schmerzlich bewusst, wie sich ein Mediengraben auftut, der kaum überwindbar scheint. Doch die Imitationsstrategie ist weder souverän noch Erfolg versprechend. Sie wirkt so verzweifelt, wie wenn die CDU die AfD in Schach halten will, indem sie deren Habitus kopiert.

    Fazit: Ich würde gern hören, was Bosetti zu sagen hat. Aber mit Atempausen, bitte³!

    Fussnoten

    1) Das soll nicht heissen, dass im Fall von John Oliver keine Brillanz im Spiel wäre – ganz im Gegenteil! ↩

    2) De jure bin ich kein Boomer, sondern Generation X. ↩

    3) Ansonsten wäre es auch möglich, alle herausgeschnittenen Atempausen aneinanderzuschneiden und als Entspannungs- oder Einschlafpodcast zu veröffentlichen. ↩

    Beitragsbild: Etwas mehr Luft würde nicht schaden – auch zwischen Kamera und Protagonistin (Screenshot Youtube).

    https://blog.clickomania.ch/2024/05/24/videos-mit-weggeschnittenen-atempausen/

    #DerOnlineShitDerWoche #Fernsehen #Medienschelte

  29. Die heutige Folge in meiner schönen, neuen Rubrik Der Online-Shit der Woche widme ich dem Betreiber des Twitter-Accounts @ElStumpel. Und zwar für die unermüdliche Medienkritik, die er meinem Arbeitgeber, meinen Kollegen und zwischendurch auch mir zukommen lässt.

    Zum Verständnis dieses Blogposts ist es wichtig, dass ich «El_Stümpel» blockiert habe. Ich bin ein paarmal mit diesem Twitterer aneinandergeraten. Bei diesen Gelegenheiten habe ich festgestellt, dass «El_Stümpel» gern ad hominem austeilt und dazu neigt, alle für alles verantwortlich zu machen. Ich erlaube mir, mich solchen direkten Interaktionen zu entziehen, nachdem ich sie als komplett fruchtlos erlebt habe.

    Aber vielleicht klappt die Verständigung auf einem anderen Kanal? Denn für die Ausdauer, die er in seinem medienkritischen Furor beweist, gebührt ihm ein gewisser Respekt. Ebenso für sein Profilbild, das Viktor Orbán mit rot geschminkten Lippen vor einer Pride-Flagge zeigt.

    «Belehrungen über Peniswitze»

    Also, lieber «El_Stümpel», ich höre dich:

    Ich weiss, dass du überzeugt bist, dass mein Lifestyle-People-News-Quatsch nichts mit Kulturberichterstattung zu tun hat, du mein Gelaber über Chatbots dümmlich findest und du nicht über Peniswitze belehrt werden möchtest.

    Was habe ich getan?

    Es ist bei mir angekommen, dass du mit der Kulturberichterstattung meines Arbeitgebers nicht einverstanden bist. Ich glaube aus deiner Kritik herauszuhören, dass du die Berichterstattung eines klassischen Feuilletons bevorzugen würdest. Das «Leben»-Ressort, zu dem ich gehöre, hat ein weiter gefasstes Themenspektrum, in dem viele Dinge stattfinden, die nicht zur Hochkultur zählen: Kulinarik, Reisen, Promis, Streaming und eben auch so banales Zeug wie Gadgets, Software oder die Kapriolen, die ein Elon Musk bei Twitter schlägt.

    Es mag dich überraschen, dass ich deinen Standpunkt gut verstehe. Ich finde auch nicht alles relevant oder interessant, was ich bei uns oder anderswo in der Zeitung lese. Ich rege mich manchmal ebenfalls auf, wenn – willkürliches Beispiel – SRF einen meines Erachtens völlig falschen Schwerpunkt setzt. Und ich finde im Nachhinein auch nicht alle meine Artikel gelungen. (Die, die du kritisierst, sind aber wirklich allesamt super-duper!)

    Ein Bürger, der auf Twitter wütet

    Aber jetzt kommt der Punkt, an dem mein Verständnis endet. Ich kapiere nicht, warum du deine Medienkritik mit so viel Verbitterung verbreitest, so despektierlich formulierst und mit so vielen abwertenden Adjektiven spickst. Du bist so absolut in deiner Ablehnung, dass ich die Versuche einer Versöhnung abgebrochen und stattdessen den Blockier-Knopf gedrückt habe. Du wirkst auf mich wie ein Stalker, der jeden Schritt eines Menschen verfolgt, nur um sich selbst zu bestätigen, dass die Person alles falsch macht, seit sie deine Zuneigung nicht erwidern konnte oder wollte.

    Vermutlich ist diese Interpretation falsch und du gehörst zu den Leuten, die im richtigen Leben völlig vernünftig sind, sich aber von der toxischen Diskussionskultur haben vereinnahmen lassen, die inzwischen auf Twitter herrscht. Da geht es nur noch darum, seine Abneigungen zu zelebrieren, seine Verachtung kundzutun und zu demonstrieren, dass man niemals nie nur einen Millimeter von seiner Haltung abrücken würde.

    Raus aus dem toxischen Umfeld bei Twitter

    Falls das der Fall sein sollte, sei mir ein scheuer Einwand erlaubt: Ich glaube nicht, dass das irgendjemandem etwas bringt. Und vor allem fürchte ich, dass es unseren Seelen schadet, wenn wir von dem Gedanken vereinnahmen lassen, alles schlecht finden zu müssen. Wir sollten von unserer Freiheit Gebrauch machen, uns zu entziehen: Du musst kein Medium lesen, für das du nur Verachtung empfindest. Es gibt doch sicherlich eines, dass dir eher entspricht?

    Und wenn diese Medienkritik nicht bloss ein Frustventil, sondern ein echtes Anliegen ist: Dann starte ein Blog, einen Youtube-Kanal oder einen Podcast, in dem du mehr als 280 Zeichen zur Verfügung hast, deine (manchmal einleuchtenden) Argumente nicht bloss andeuten, sondern ausführen kannst und aus diesem elenden Twiter-Umfeld rauskommst.

    https://blog.clickomania.ch/2024/03/29/replik-an-einen-twitter-kritiker/

    #DerOnlineShitDerWoche #Medienschelte #Twitter

  30. Ich habe am Wochenende bei einem Familienfest mal wieder pauschale #Medienschelte gehört. Die #Berichterstattung konzentriere sich nur auf das Negative, suche stets das Haar in der Suppe.

    Nun ja....

    Journalist:innen tun das, weil viele Leser:innen den kritischen Blick wünschen. Wir wissen das, weil Beiträge über Missstände in der Regel eher gelesen werden.

    Trotzdem gibt es sehr viele Medienangebote, die sich auf sogenannte gute Nachrichten konzentrieren.

    🧵

  31. Hm. Also bei meiner Rechnung kommt da eine andere Strecke pro Stunde raus, aber was weiss ich schon. Bin ja kein PS-Junkie, sondern ein metrischer kW(h)-Fan. @LVZ_Leipzig von heute, Seite 8 😄 #medienschelte

  32. Die betagte Nachbarin macht sich Sorgen, daß ich Frau und Kinder ganz alleine mit der #Bahn fahren lasse.

    Nicht daß da was passiert, wenn so ein #Messerstecher kommt!!!

    Und ich frag mich, wie man da am besten reagiert.
    #Medienschelte betreiben,
    Mißverhältnis zu anderen Gefahren erwähnen,
    lachen, weinen, Gehirntransplantation vorschlagen… ?

  33. Von wegen Recht am eigenen Bild

    In den Medien sind häufig Fotos anzu­treffen, in denen die abge­bil­deten Personen un­kennt­lich gemacht wurden. Aber schützen Verpixelung und schwarze Balken über­haupt – oder findet man die Origi­nal-Auf­nah­men nicht trotz­dem?

    blog.clickomania.ch/2022/05/20

  34. Eine Schweigeminute für die TV-Sitcom

    Bitte seht es mir nach, wenn ich nicht schon wieder über Facebook schreiben mag – nachdem ich nicht umhingekommen bin, die Entscheidung, die Gesichtserkennung zu kippen, mit einem Kommentar zu würdigen (Warum Facebook so dumm war, in diese Falle zu tappen, Abo).

    Stattdessen würde ich lieber auf eine Frage eingehen, die mich neulich beschäftigt hat. Sie dreht sich ums Fernsehen und darum, welche Auswirkungen die Streamingdienste auch auf die Inhalte haben.

    Mein Eindruck ist – und korrigiert mich bitte, wenn ich falsch liegen sollte –, dass die klassische Sitcom tot ist. Ein letztes Aufbäumen haben wir mit Modern Family und The Big Bang Theory erlebt, wobei erstere gar keine Sitcom im eigentlichen Sinn war: Es gab kein Lachen ab Band und die Schauplätze waren viel abwechslungsreicher als bei einer klassischen Fernseh-Seifenoper, die sich an wenigen, immergleichen Sets abspielt. Das hat den einleuchtenden Grund, dass viele Sitcoms vor Publikum aufgezeichnet wurden, sodass bei denen das Gelächter wenigstens nicht vom Tonmeister kam, sondern echt war.

    [youtube youtube.com/watch?v=tCWtXC81R1]

    Im April 2020 ist das Genre endgültig gestorben

    Nachdem die letzte Folge von «The Big Bang Theory» im Mai 2019 und von «Modern Family» im April 2020 ausgestrahlt wurde, scheint es keine Produktion mehr zu geben, die das Genre beleben würde. Natürlich kann ich mich irren, und es taucht eine Produktion auf, die eine ähnlich grosse Breitenwirkung erzielen wird wie die erwähnten Serien – oder meinetwegen wie Friends, How I Met Your Mother, Seinfeld, Malcolm in the Middle oder Married… with Children. Aber wetten darauf würde ich nicht.

    [youtube youtube.com/watch?v=SpD9Wz2txi]

    Das ist auch Netflix’ Schuld, und die der anderen Streamingdienste. Der Aufbau einer Sitcom rührt daher, dass in einem kurzen Format ausreichend Werbung platziert werden kann. Die schnelle Taktung, die abgedroschenen Inhalte und die stereotypen Figuren sind ebenfalls der Werbeindustrie anzulasten: Sie sollten ein möglichst fruchtbares Umfeld für die bezahlten Botschaften schaffen.

    Da diese Anforderungen beim werbefreien Streaming wegfallen, gibt es keinen Grund mehr, sich derart einzuschränken. Die Produzenten, Drehbuchautoren und Regisseure haben denn auch offensichtlich die Ambition, diese seichten Gefilde zu verlassen und komplexere Geschichten zu erzählen, weniger auf die flachen Witze zu setzen und nicht die Figuren vielseitiger und widersprüchlicher zu zeichnen.

    Was absolut einleuchtend ist – aber trotzdem die Frage aufwirft, ob nicht etwas verloren geht. Auch die holzschnittartigen Geschichten, die plumpen Gags und die ewiggleichen Szenen und Kulissen haben ihre Berechtigung, finde ich. Erstens natürlich, weil das Publikum über Jahre und Jahrzehnte daran gewöhnt wurde. Aber auch, weil man nicht immer in Stimmung für anspruchsvolle, komplexe und tiefgründige Unterhaltung ist. Manchmal vergnüge ich mich sehr gern unter meinem Niveau – und lasse mich berieseln und amüsieren, selbst wenn mich das geistig nicht allzu sehr fordert.

    Ein Nährboden für kreative Erzähler

    Oder gerade deswegen. Abgesehen davon sind Beschränkungen und ein enges formales Konzept auch immer ein hervorragender Nährboden für kreative Erzähler, die irgendwie doch subversiver, doppelbödiger und frecher schildern, als es das Format eigentlich zulassen würde. Gerade «Modern Family» hat davon gelebt, echte Konflikte auf amüsante, leichte Weise zu behandeln.

    [youtube youtube.com/watch?v=23M3eKn1FN]

    Was mich angeht, würde ich es bedauern, wenn diese Kunstform verschwinden würde. «The Guardian» hat in The last laugh: is the television sitcom really dead? vor allem die Situation in Grossbritannien angeschaut:

    Im Vereinigten Königreich fallen die wenigen etablierten Sitcoms, die es bei uns gab, wie Dominosteine: «Friday Night Dinner», «This Country» und «People Just Do Nothing» sind alle in den letzten Jahren eingestellt worden. Britische Sitcoms werden zwar immer noch produziert, aber sie sind entweder ein Flop oder fliegen unter dem Radar. Die meisten sind Nischenproduktionen; keine von ihnen (ausser vielleicht «Motherland») ist zu einem nationalen Gesprächsthema geworden.

    Nach dieser Analyse ist das weniger Netflix’ Fehler als vielmehr die Schuld der Macher selbst, die nicht mehr relevant fürs Publikum sind. Doch wie die Autorin Rachel Aroesti festhält:

    Es gibt keinen Grund, warum sich die Sitcom nicht weiterentwickeln kann. Und natürlich eine weitere Generation ihren Untergang beklagen kann.

    Die schlimmste TV-Erfindung ist tot

    «Mashable» hat heute nicht den Tod der Sitcom, aber immerhin das Ende der eingespielten Lacher verkündet – die schlimmste aller Erfindungen in der Geschichte des Fernsehens sei gestorben:

    Historiker werden sich über den genauen Zeitpunkt des Todes streiten. War es, als «The Big Bang Theory», die letzte grosse, künstlich mit Lachern versetzte Sitcom, 2019 abgesetzt wurde? War es zu Beginn der COVID-Pandemie, als selbst das ungefilterte Studiopublikum seltsam und möglicherweise ungesetztlich zu klingen? Wurde es erst Ende 2021 als hirntot erklärt, als während der wichtigen Herbstsaison keine TV-Sitcoms mit Kunstlachen auf US-Sendern ausgestrahlt wurden?

    Schuld an dieser Entwicklung ist das Internet:

    Es hat das Publikum aufgeklärt und in Skeptiker verwandelt. Viele sahen virale YouTube-Videos, in denen die Lachspur aus erstklassigen Sitcoms entfernt wurde, wodurch Sendungen wie «Friends» zu traurigen Geschichten von Automaten wurden, die sich während gruseliger Pausen gegenseitig anstarrten. Sogar einer der besten Momente von «Seinfeld» wurde ohne die Lachspur als zutiefst unlustig entlarvt.

    Doch zumindest diese Entwicklung brauchen wir nicht zu beweinen: Denn ohne die eingespielten Lacher können es sich die Drehbuchautoren nicht leisten, uns halbgare Witze vorzusetzen.

    Beitragsbild: Presseportal Sky Deutschland

    #Fernsehen #Medienschelte #MrClickoDe #Wochenkommentar
  35. Mein Corona-«skeptischer» Freund hat mal wieder auf Facebook gepostet

    Was muss man eigentlich von linth24.ch halten? Das habe ich mich letzte Woche gefragt, nachdem einer meiner Facebook-Freunde einen Link gepostet hat, der Zweifel an der redaktionellen Kompetenz dieses Online-Mediums aufwirft.

    [caption id=“attachment_9979″ align=“alignleft“ width=“293″] Ein Leserbrief, den die Redaktion sogar mit einer Illustration gewürdigt hat.[/caption]

    Der Beitrag «Aus Angst vor dem Tod aufs Leben verzichten» stammt von einem Leser. Er wird in der Spitzmarke als Leserbrief gekennzeichnet und im Lead entsprechend eingeführt.

    Darüber hinaus gibt es keinerlei Einbettung. Das widerspricht meiner Erwartung als Mediennutzer. Denn bei einem klassischen Medium erscheinen Leserbriefe in einem eigenen redaktionellen Gefäss. Sie werden mit anderen Einsendungen gebündelt veröffentlicht und decken im Idealfall das ganze Spektrum der Lesermeinungen ab.

    Die Einsendung von Leser Jürg Rückmar steht aber für sich und liest sich wie ein normaler redaktioneller Beitrag. Das lässt nur den Schluss zu, dass die Redaktion von «Linth24» voll und ganz hinter den Aussagen steht. Würde sie es nicht tun, hätte sie am Ende die für Gastbeiträge gerne verwendete Floskel angehängt: «Die Meinung des Autors muss sich nicht mit derjenigen der Redaktion decken.»

    Darum lässt sich an dieser Stelle schon eine Feststellung treffen: Entweder beherrschen die Redaktoren bei «Linth24» ihr Handwerk nicht. Oder aber, sie schicken ihre Leser vor, um Meinungen zu verbreiten, bei denen sich kein Mitarbeiter getrauen würde, sie mit seinem Namen zu zeichnen.

    Von A bis Z absurd

    Denn was Leser Jürg Rückmar in seinem Text schreibt, ist an Absurdität nur schwer zu überbieten. Er fragt: «Warum dürfen wir nicht an Corona sterben? – Täglich sterben Menschen an Herzinfarkt, Krebs, Diabetes oder grippalen Infekten, an Alkoholismus, an unfallbedingten Verletzungen, an Drogen, Selbstmord, Depression, Gewaltverbrechen, Hunger und Durst. Doch ausgerechnet am Corona-Virus darf niemand sterben!»

    Diese Argumentation ist so abwegig, dass sie keine Antwort verdient. Aber weil ich der Ansicht bin, dass man Unsinn am besten mit Sachlichkeit bekämpft, hier trotzdem ein rationaler Einwand:

    Die Schweiz hat 2018 fast 82 Milliarden Franken für das Gesundheitswesen ausgegeben. Corona ist nicht die erste Krankheit, die in diesem Land bekämpft wird. Auch gegen Herzinfarkt, Krebs, Diabetes, grippale Infekte, Alkoholismus, Unfallverletzungen tun wir einiges. Wir versuchen, Drogenkonsumenten und psychisch Kranken zu helfen. Wir lassen Gewaltverbrechen nicht einfach geschehen.

    Und wir sind nicht so schlecht darin zu verhindern, dass jemand in der Schweiz an Hunger und Durst sterben muss. Wir sind nicht immer erfolgreich. Aber das heisst nicht, dass wir es nicht probieren.

    Und was den Hunger und den Durst angeht, darf man geteilter Ansicht sein, ob unsere Anstrengungen global gesehen ausreichen. Aber das ist eine andere Frage.

    «Aus Angst vor dem Tod das Leben ausblenden»

    Leser Jürg Rückmar erklärt, wir würden aus Angst vor dem Tod diesen aus unserem Leben ausblenden, und er fährt in seiner Argumentation fort: «Doch auf einmal ist der Tod wieder allgegenwärtig. Mit erschütternden Bildern wird er an uns herangetragen. Damit können wir nicht umgehen. Wir isolieren uns, verschanzen uns hinter Masken, verdächtigen jeden, der uns begegnet, denn er könnte den Tod zu uns bringen. Kinder sind nun eine Gefahr, alte Menschen bleiben isoliert, bis sie sterben. Um dieser Angst, der Konfrontation mit dem Thema Tod scheinbar zu entrinnen zu können, lassen wir alles über uns ergehen.»

    Diese Behauptung ist genauso abwegig. Wir tragen die Masken nicht aus Angst vor dem Tod, sondern um keine Viren zu verbreiten. Die Masken sind ein Schutz für den Fall, dass wir uns infiziert haben und bereits ansteckend sein könnten, das aber wegen der langen Inkubationszeit selbst noch nicht bemerkt haben. Das ist eine reale Massnahme gegen eine echte Gefahr. Und nicht bloss Ausdruck unserer Unfähigkeit, uns dem Tod zu stellen.

    Man kann die Widersprüchlichkeit des Beitrags auch aufzeigen, indem man darauf hinweist, dass der Autor im Titel nicht aufs Leben verzichten, im Lauftext aber an Corona sterben können will.

    Ich habe meinen Facebook-Freund, der diesen Beitrag gepostet hat, darauf angesprochen, dass niemand wegen der Corona-Schutzmassnahmen «aufs Leben verzichten» müsse. Und auch wenn ich es kaum glauben kann, dass man eine solche Selbstverständlichkeit überhaupt aussprechen muss, so habe ich es trotzdem getan:

    Eine Maske zu tragen, ist eine kleine Unannehmlichkeit, die jeder vernünftige Mensch klaglos hinnimmt – weil es ein winziger Preis dafür ist, dass wir nicht zum Überträger einer Krankheit werden, die einen anderen Menschen für lange Zeit schädigen oder sogar töten kann.

    Diese Jammerei bringt niemandem etwas

    Und ich habe meinem Facebook-Freund deutlich gesagt, dass ich es sinnlos finde, wenn er solche Beiträge postet. Wir müssen diese Masken jetzt tragen. Deswegen zu jammern, bringt niemandem etwas.

    Die Antwort meines Facebook-Freundes war bezeichnend: «Es ist gar kein Gejammer, sondern einfach ein erweiterter Blick auf Gedanken Andersdenkender. Und dieser hat noch niemandem geschadet.»

    Die Argumentation meines Facebook-Freundes kennt man aus den Kreisen der Verschwörungstheoretiker und -mythiker: «Wir erweitern den Horizont, stellen Fragen – und leisten damit Denkanstösse.» Die implizite Aussage ist, dass niemand etwas gegen solche Denkanstösse haben kann, weil man sich sonst dem Denken gänzlich verweigern würde.

    Aber gerade dieses Beispiel zeigt, wie falsch diese Argumentation ist. Es ist möglich, dass dieser Beitrag jemanden darin bestärkt, keine Maske zu tragen. Diese Person, die sich nun der Maskenpflicht verweigert, kann im Fall einer eigenen Infektion Leute anstecken, die mit der Maske nicht angesteckt worden wäre. Das sorgt für eine weitere Verbreitung des Virus und allenfalls auch zu zusätzlichen, schweren Krankheitsverläufen oder Todesfällen.

    Und ja, jeder, der keine Maske trägt, muss das für sich selbst verantworten. Doch ich verlange von meinem Facebook-Freund und auch von Medien wie «Linth24», die solche Meinungen verbreiten, eine klare Stellungnahme. Sie müssen das Risiko explizit mittragen und dürfen sich nicht hinter Formulierungen wie «ein erweiterter Blick hätte noch niemandem geschadet» verschanzen.

    Was ist eigentlich von Linth24 zu halten?

    Damit sind wir zurück bei der Ausgangsfrage: Was muss man von «Linth24» halten? Nimmt dieses Online-Medium seine Verantwortung wahr?

    Bei persoenlich.com lese ich, dass seit März 2020 Sibylle Marti Chefredaktorin ist. Sie war beim SRF Redaktionsleiterin und Produzentin und müsste das Handwerk daher beherrschen. Auch ihren Vorgänger Mario Aldrovandi kenne ich vom Radio und habe ihn dort als verlässliche Stimme kennengelernt. Vielleicht ist es nur ein Ausrutscher?

    [caption id=“attachment_9980″ align=“alignright“ width=“300″] Das kommt heraus, wenn «Linth24» etwas abschreibt, das der «Blick» aus dem «Wall Street Journal» abgeschrieben hat.[/caption]

    Leider nicht. Der gleiche Facebook-Freund hat schon vor einiger Zeit den Beitrag Wall Street Journal: «Massnahmen tödlicher als das Virus» gepostet. Die Aussage im Lead doppelt nach: «Es würden mehr Menschen wegen der Corona-Massnahmen als wegen des Virus sterben.»

    Bei diesem Beitrag fällt auf, dass «Linth24» sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, den Originalbeitrag zu lesen und zu zitieren, sondern beim «Blick» abgeschrieben hat. Das so nichts Vernünftiges herauskommt, liegt auf der Hand.

    Eine tendenziöse Zusammenfassung

    So, wie «Linth24» den WSJ-Bericht zusammenfasst, muss man unweigerlich zum Schluss kommen, dass die Massnahmen kontraproduktiv waren und sind. Doch das ist nicht, was im Originalbeitrag steht. Der Titel lautet Death Toll From Covid-19 Pandemic Extends Far Beyond Virus Victims. Das besagt, dass das Virus nicht nur direkt, sondern auch indirekt Todesopfer fordert; beispielsweise durch verschobene Operationen oder Herzattacken.

    Es wird aber auch erwähnt, dass die Massnahmen auch Todesfälle in anderen Bereichen verhindert haben und dass man eine endgültige Bewertung wohl erst in Jahren wird treffen können. Und das geht aus dem Text hervor – auch wenn man es noch klarer hätte ausdrücken dürfen: Ohne die Massnahmen hätte das Virus viel mehr direkte Todesopfer gefordert. Aber natürlich wären die Kollateralschäden bei überfüllten Krankenhäusern ebenfalls noch viel grösser gewesen.

    Darum ist die implizite Botschaft von «Linth24» falsch und der Beitrag in dieser undifferenzierten Form verantwortungslos. Und ja, auch der «Blick» bekleckert sich mit seiner Zusammenfassung nicht mit Ruhm. Sie ist oberflächlich, sensationslüstern und reines Clickbaiting.

    Fazit: Was dieses Online-Medium hier tut, ist schlechtes Handwerk. Das ist in normalen Zeiten dem Ruf des Journalismus nicht förderlich. Doch während einer Pandemie ist es fatal – vor allem, wenn man sich eigentlich in der seriösen, unideologischen Ecke positionieren möchte.

    Solche Schludrigkeiten sind nicht akzeptabel

    Tatsächlich: Im Vergleich ist der Umgang mit den «alternativen» oder den weit an den Rändern positionierten Medien einfacher. Die kann und darf man ausgrenzen. Doch ein Regionalmedium wie «Linth24», das bei vielen anderen Themen (wahrscheinlich) gute Arbeit leistet, ist das nicht möglich.

    Darum darf man sich auch als kleine Onlineplattform Schludrigkeiten wie diese beiden Artikel nicht erlauben. Und wir Nutzer von sozialen Medien müssen Beiträge kritisch prüfen, egal aus welcher Quelle sie stammen.

    Beitragsbild: Kein Drama – wirklich nicht! (Anna Shvets, Pexels-Lizenz)

    #Corona #Facebook #FakenewsDeepfakes #Medienschelte #SozialeMedien
  36. Wie gut sind eigentlich die App-Tipps von Apple?

    In der App Store App von Apple gibt es den Reiter Heute, wo Spiele und Apps vorgestellt werden. Man findet dort die App des Tages und das Spiel des Tages. Und immer wieder finden sich auch Schwerpunkte wie Lern-Apps für Kinder oder ähnliche Dinge.

    Candy Crush Saga? Wirklich?

    Diese sogenannten Storys werden von Redaktoren verfasst, die nicht namentlich genannt werden. Die Autoren, die Storys in Deutsch schreiben, sitzen dem Vernehmen nach in München  – so habe ich es zumindest gehört. Einen Beleg für die Aussage habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.

    Ich lese diese Storys gelegentlich. Und ich finde sie leider nicht sonderlich gut.

    Doch bevor ich das weiter ausführe, werde ich selbstverständlich gerne proaktiv den Einwand adressieren, der an dieser Stelle kommen muss.

    Dieser Einwand lautet: «Natürlich, du kannst gar nicht anders, als diese Storys schlecht zu finden. Schliesslich fühlt ihr Journalisten euch bedroht, wenn Unternehmen sich direkt ans Publikum wenden – ihr bleibt dann aussen vor.»

    Und der Einwand ist nicht von der Hand zu weisen. Was Apple da macht, ist eine Form von Corporate Media. Klassischere Varianten sind Kundenzeitschriften oder Unternehmens-Blogs. Im vorliegenden Fall gibt es die Besonderheit, dass Apple mit den Storys nicht die eigenen Produkte bespricht, sondern die der Geschäftspartner – sprich: Der Entwickler, die ihre Werke über den App-Store vertreiben. Aber das ändert nichts Grundlegendes an der Sache.

    Direkte Konkurrenz zu Medien und Bloggern

    Es ist einleuchtend, dass jemand, der seine Tipps direkt aus der App-Store-App erhält, weniger auf die Berichterstattung in unabhängigen Medien und Blogs angewiesen ist. Mit den Storys tritt Apple in Konkurrenz zu den unabhängigen Medien und Bloggern.

    Und Apple ist nicht das einzige Unternehmen, das das tut. Der Schweizer Online-Elektronikladen Digitec hat genügend junge Tech-Freaks in Sold und Brot, dass er an manche Pressekonferenzen mehr Personal und Equipment entsenden kann als gestandene Redaktionen. Darf man sich da nicht ein bisschen ärgern? Ich finde schon. Übrigens: Was ich wirklich schlecht finde bei Digitec ist die Tatsache, dass die Berichte über die Artikel nicht in einem gesonderten Bereich erscheinen, sondern auf der Front zwischen einzelne Produkte, Angebote und Aktionen gemischt werden. Aber darüber habe ich mich in einem eigenen Beitrag ausgelassen (Wenn sich ein Schriftsteller für einen Online-Händler verdingt).

    Das Problem mit den Unternehmensverlagen ist nicht, dass sie schlechtere Arbeit leisten als die unabhängigen Medien. Im Gegenteil: Das Problem ist, dass sie teils richtig gute Arbeit leisten.

    Es ist Marketing

    Kein Wunder: Sie werden über die Marketing-Kostenstelle finanziert – und zwar mit jenem Geld, das nicht mehr für die Werbung auf den herkömmlichen Kanälen ausgegeben wird. Sie können mit der grösseren Kelle anrühren und werden auf internen Kanälen mit Informationen versorgt, die den unabhängigen Medien nicht zur Verfügung stehen. Das macht sie erst richtig attraktiv und zu einer ernsthaften Konkurrenz.

    Solche Corporate-Kanäle haben einen anderen Auftrag als unabhängige Medien. Sie werden Kritikpunkte totschweigen oder herunterspielen und sind anders als unabhängige Medien nicht darum bemüht, ein Gesamtbild abzuliefern.

    Die Themenwahl ist unvermeidlicherweise einseitig: Denn welcher Corporate-Kanal wird darauf hinweisen, wenn es bei der Konkurrenz das bessere Produkt, das günstigere Schnäppchen, den faireren Service oder das angenehmere Kundenerlebnis gibt? Eben.

    Brauchen wir noch mehr Filterblasen?

    Die Zunahme des Corporate Publishing führt zur Bildung von jenen Filterblasen, die auf breiter Front beklagt werden. Klar, solche Filterblasen sind im Tech-Bereich nicht so schlimm wie bei politischen und gesellschaftlichen Belangen. Trotzdem verringern sie die Mündigkeit des Publikums – woran letztlich wieder einfach «die Medien» Schuld tragen.

    Womit wir beim Publikum wären. Ohne Zweifel kann man ihm die Verantwortung übergeben und fordern, dass ein mündiger Medienkonsument solche Mechanismen gefälligst zu durchschauen hat. Man kann Medienkompetenz fordern – und sollte das auch tun. Und man kann mit dem Finger auf die Medien selbst zeigen, die sich beim Native Advertising leider auch nicht mit Ruhm bekleckern.

    Das stimmt – ist in dem Fall aber bloss ein Ablenkungsmanöver. Ich nehme das Publikum in Schutz, weil es wirklich schwierig ist, solche Hintergründe zu erkennen. Und ich fordere von den Unternehmen, dass sie Verantwortung übernehmen und zumindest transparent machen, wie ihr Corporate Publishing operiert – und dass das eher zum Marketing denn zum Journalismus zu zählen ist.

    Kein Häuchlein von Kritik

    Also, nun aber endlich zu meiner Kritik an den App-Store-Storys. Ich habe mich erstens darüber gewundert, dass neulich Candy Crush Saga vorgestellt wurde. Dieses Spiel müsste inzwischen wirklich jeder kennen. Und mit seinen aggressiven Free-to-Play-Mechanismen ist es kein Vorzeige-Game. Wenn schon, dann müsste man die besten Alternativen zu «Candy Crush» präsentieren.

    Die Frage bleibt unbeantwortet: Warum sammelt Airtime so viele Daten?

    Das eigentliche Ärgernis war die App des Tages in diesem Tipp hier: Die heisst Airtime und erlaubt es bis zu zehn Leuten, gemeinsam Streams anzusehen, Musik zu hören oder Fotos zu tauschen. Das klingt interessant und nach einer hervorragenden Ergänzung zu den Möglichkeiten, die ich in meinem Beitrag #StayTheFuckHome – und trotzdem reisst der Kontakt nicht ab vorgestellt habe. Ich habe sie darum auch gleich ausprobiert.

    Schon ganz am Anfang hat mich gestört, dass man beim Einrichten seine Telefonnummer angeben muss. Ist das nötig für eine solche App? Schliesslich ist es möglich, die Leute für einen gemeinsamen virtuellen Video-Abend über einen simplen Link zu versammeln.

    Die App verlangte in einem nächsten Schritt, dass man zwingend mindestens drei Leute aus seinem Adressbuch auswählt. Wenn man das nicht tun möchte, kommt man an der Stelle nicht weiter.

    Entscheidende Fragen bleiben unbeantwortet

    Das empfand ich als Nötigung, weswegen ich den Test abgebrochen habe. Denn was passiert mit den ausgewählten Adressen? Werden die Leute angeschrieben, in einer Datenbank erfasst oder künftig sogar mit Spam versorgt? Das bleibt unklar. Doch eines ist offensichtlich: Wenn man eine Datensammel-Aktion würde starten wollen, dann würde man es genauso tun wie diese Airtime-App.

    In einem Artikel müsste man auf die Datenschutzfragen eingehen und allfällige Bedenken adressieren – oder zumindest erklären, warum es sich trotzdem lohnt, so viele persönliche Angaben zu machen. Doch der Artikel schreibt nur, dass sich die «Privatsphäreneinstellungen ganz nach Bedarf ändern» lassen.

    Das ist oberflächlich und zu wenig kritisch. Und Apple muss es sich gefallen lassen, an den eigenen Massstäben gemessen zu werden. Und zu denen gehört nun einmal, dass der Datenschutz hochgehalten wird. Das darf nicht nur im Grossen gelten – es muss auch im Kleinen zutreffen, wie bei den Storys im App-Store.

    Es bleibt intransparent bis dubios

    Ein Punkt, der mich an dieser Stelle nicht loslässt: Wissen die Apple-Redaktoren mehr als ich? Sprich: Haben sie Zugriff auf Interna des Unternehmens? Wissen sie beispielsweise, ob im Review-Prozess der App für die Store-Zulassung der Punkt der Datensammelei untersucht worden ist und was dabei herauskam? Das wäre entscheidend, ob man die Besprechung der Airtime-App als vertrauenswürdig oder als blauäugig einschätzt.

    Eine abschliessende Frage: Wie wählt Apple die Apps aus, die so prominent vorgestellt werden? Auch da fände ich es sinnvoll, wenn das transparent gemacht würde – weil Apple nicht irgendein Blog betreibt, sondern Gatekeeper im Store ist.

    Bislang kann man über diese Frage nur spekulieren. In Beitrag How to get featured on the App Store Today tab (aus einem mir nicht näher bekannten Blog) erfährt man zumindest ein wenig etwas:

    Wie jedes kommerzielle Unternehmen ist Apple an Einnahmen und daran interessiert, das Image von iOS als Plattform mit hochwertigen Apps und Spielen hochzuhalten. Aus diesem Grund werden bezahlte Apps oder Apps mit In-App-Käufen mit grösserer Wahrscheinlichkeit vorgestellt, insbesondere wenn diese Apps hohe Bewertungen haben und für andere Produkte wie das iPad oder den Apple Watch verfügbar sind.

    Einleuchtend, aber eben nicht die Kriterien, mit dem ein unabhängiger Rezensent die Objekte für seine Besprechungen aussucht. Wenig überraschend ist auch …

    … dass der Anteil der kostenlosen Apps 46 Prozent beträgt, während bei Spielen nur acht Prozent aller vorgestellten Spiele völlig kostenlos waren.

    Mit anderen Worten: Es geht nicht um unabhängige Berichterstattung. Das Ziel dieses Corporate Publishing besteht darin, den Store-Umsatz zu erhöhen.

    Fazit: Ihr dürft gerne weiterhin in der Heute-Rubrik der App stöbern. Ich mache es auch. Aber haltet gleichzeitig den unabhängigen Medien die Stange und sorgt dafür, dass euer Lieblingsblogger genug Lob, Liebe – und vielleicht ein paar Rappen – für seine Arbeit erhält.

    #AppStores #Apple #Longread #Medienschelte
  37. Ich empfehle das Bildblog und lese ihm die Leviten

    Ich bin ein Fan von Bildblog.de. Die Website ist ein leuchtendes Beispiel für eine Stärke des freien und offenen Internets: Mit Hilfe eines Blogs kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, Missstände anprangern und einen gesellschaftlichen Akteur zur Rä­son rufen. Das Netz macht es möglich, dass ein paar Leute (laut Impressum sind es sieben) der vierten Gewalt auf die Finger sehen – wenn man ein Revolverblatt wie die Bildzeitung denn so nennen will.

    Der Anlass, warum ich dem Bildblog heute eine Laudatio halte, liegt in einem Beitrag, mit dem ich absolut nicht einverstanden bin. Ja, das klingt widersprüchlich – aber wenn ich für einmal einen grundsätzlichen Einwand habe, dann macht das deutlich, wie häufig ich sonst einverstanden bin.

    Für einmal zu kurz gegriffen

    Der fragliche Beitrag ist anscheinend nicht im Blog selbst, sondern nur auf Facebook erschienen – was mich hier aber nicht daran hindern sollte, der Watchdog des Watchdogs zu sein:

    Bei Bild.de erklärt ein «Experte für IT-Sicherheit», wie man sich «vor Hackern» schützen kann: unter anderem mit «einem Werbeblocker». Das Aktivieren eines solchen Werbeblockers führt dazu, dass man Bild.de nicht mehr aufrufen kann. Und da finden selbst wir: guter Tipp!

    [caption id=“attachment_7667″ align=“alignleft“ width=“261″] Mit der Kritik liegt das Bildblog daneben.[/caption]

    Klar, das ist eine keine Fundamendalkritik, sondern vielmehr eine kleine Pointe. Deswegen war der Beitrag wahrscheinlich auch nur auf Facebook und nicht im Blog selbst (zumindest meines Wissens nicht).

    «Bild» hat recht, wenigstens in dem Fall

    Trotzdem erlaube ich mir, in diesem Fall «Bild» zu verteidigen. Das hat ein kleines bisschen damit zu tun, dass ich auch schon in einer ähnlichen Situation war. Ich gebe auf den Newsnetz-Seiten ab und zu Tipps, was man gegen das Tracking tun kann. So schützen Sie sich vor Datenkraken auf dem Handy, Von moderat bis paranoid: Vier Methoden, sich online zu schützen, Facebook: Weniger Tracking – dafür mehr Spass! oder, schon etwas älter, Wie Sie sich vor Tracking schützen.

    Bei den Newsnetz-Seiten gibt es zwar keinen Anti-Werbeblocker, der Leute abweisen würden, die die Werbung ausfiltern. Aber ein Tracking findet statt. Ich sitze in dem Fall mit dem Journalist von «Bild» im gleiche Boot: Man wirft uns beiden implizit Scheinheiligkeit vor. «Gute Tipps von Leuten, die sich selbst keinen Dreck daran halten». Das klingt tatsächlich lächerlich und falsch.

    Doch dieser Vorwurf ist Unsinn. Und das sage ich nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern aus Prinzip. Bedenklich wäre nämlich nur der umgekehrte Fall: Wenn ein Journalist Informationen über Werbeblocker zurückhalten würde. Ein Journalist weiss, dass er bei einem Loyalitätskonflikt zwischen Lesern und Arbeitgebern den Lesern verpflichtet ist.

    Die Interessen der Redaktion sind nicht die des Verlags

    Gleich problematisch oder noch schlimmer wäre der Fall, wenn der Verlag – also die Instanz mit dem kommerziellen Interesse an der Werbung – Berichterstattung zu den Möglichkeiten gegen Internetwerbung unterbinden würde. Das würde bedeuten, dass die journalistische Unabhängigkeit nicht mehr gegeben ist.

    Man spricht in dem Zusammenhang auch von der «Firewall»  zwischen Verlag und Redaktion: Die trennt die beiden Sphären und sorgt dafür, dass die Interessen des Verlagshauses als wirtschaftliches Unternehmen die Arbeit der Redaktion bei Berichterstattung und Aufklärung nicht tangieren.

    Wir wissen alle, dass diese Firewall immer mal wieder durchbrochen wird. Bei dieser Frage funktioniert sie meiner Erfahrung nach aber absolut  einwandfrei. Ich habe noch nie auch nur ein Sterbenswörtchen an Kritik gehört, wenn ich über Werbeblocker und Anti-Tracking-Massnahmen geschrieben habe. Es ist völlig klar und unbestritten, dass das zum Themenbereich der Digitalredaktion gehört.

    Leider werden wir Digitalredaktoren nicht gefragt

    Umgekehrt ist es auch so, dass der Verlag selbst entscheidet, wie die Website ausgestaltet ist. Ich als Digitalredaktor habe keine Entscheidungsgewalt, ob Tracker X oder Y nun eingesetzt wird oder nicht.

    Und das ist ebenfalls ganz gut. Hier bei meinem Blog, wo ich gleichzeitig verantwortlicher Redakteur und oberster Verleger bin, sehe ich das Dilemma: Wenn ich mit Internetwerbung experimentiere – was ich tue –, dann gibt es ein unvermeidliches Tracking durch Google. Das ist unvermeidlich. Zumindest so lange die Welt nicht meinem Vorschlag gefolgt ist und die Werbung endlich abgeschafft hat.

    Beitragsbild: Die Brandschutzmauer steht im übertragenen Sinn auch zwischen Redaktion und Verlag (Viktor Forgacs/Unsplash, Unsplash-Lizenz.).

    #Bloggen #Medienschelte
  38. Ausgerechnet ich verteidige den Kapitalismus?!

    Neulich habe ich die «Freitagsrunde» von SRF gehört. In der Folge «Ich sehe das Milizsystem nicht gefährdet» ging es (ab Minute 16) auch um das Klima und die Flugticketabgabe.

    Wenn man die Aussagen zum Massstab nimmt, dann sind wir unrettbar verloren. Die drei Gesprächsteilnehmer zeigten sich absolut unwillig, über echte Massnahmen überhaupt nachzudenken. Besonders geärgert hat mich Claudia Wirz, die für die NZZ geschrieben hat. Sie sagt: «Dass wir fliegen, ist einer der Widersprüche, mit denen wir leben müssen.»

    Müssen wir? Man denkt, die bei der NZZ hätten die Funktionsweise des Kapitalismus ansatzweise begriffen. Natürlich, die Flugticketabgabe ist nun wirklich eine zahnlose Massnahme. Thomas Meier, Rektor der Zürcher Hochschule der Künste, sagt es richtig: Die geplante Abgabe ist viel zu wenig; wenn es etwas bringen wollen würde, müsste man mehr verlangen.

    Die Webdesigner werden die Klimakrise lösen

    Claudia Wirz brachte als Einwand sofort die «soziale Frage» auf und empfahl Freiwilligkeit. Damit die Leute eher bereit sind, freiwillig CO₂-Kompensation zu leisten, müsse man bei den Formularen für den Ticketkauf das entsprechende Kästchen einfach grösser machen. Die Webdesigner werden die Klimakrise lösen? Dass da noch keiner darauf gekommen ist!

    Aber ernsthaft: Es ist doch verblüffend, dass die soziale Frage immer dann aufgebracht wird, wenn gutverdienende Leute Dinge abschmettern wollen, die ihnen selbst nicht gefallen. Die Runde erkennt abschliessend, wennschon müsste der ganze Konsum mit CO₂-Abgaben belegt werden. Darauf Claudia Wirz mit letzten Statement: «Und wenn man das den Konsumenten wieder zurückgibt, dann gibt es das wieder neuer Konsum, und das gibt wieder neues CO₂.»

    An dieser Stelle hatte man das Bedürfnis, mit dem Kopf auf die Tischplatte zu schlagen. Wie kann jemand für die NZZ geschrieben haben, der die Sache mit dem Kapitalismus nicht im Ansatz versteht? Ich bin alles andere als ein Fan dieser Wirtschaftsordnung. Aber da wir im Moment nichts Besseres haben, müssen wir mit ihr auskommen und sehen, wie wir ihre eklatanten Mängel in den Griff bekommen.

    Die Lenkung übers Portemonnaie funktioniert

    Der Clou am wirtschaftlichen Ansatz liegt darin, dass er zu einer Lenkung über das Portemonnaie führt. Wenn man den Konsumenten Geld für umweltschädigende Handlungen wie das Fliegen abnimmt und dieses Geld hinterher wieder an alle verteilt, dann haben alle einen Anreiz, die beliebten Betätigungen möglichst klimaneutral zu gestalten, weil sie dann billiger werden und man sich mehr davon leisten kann. Wenn das nicht gelingt, werden sie zunehmend teurer und damit auch exklusiver.

    Dass das eine Verlagerung zur Folge hat, kann doch niemand ernsthaft bestreiten. Nun kann man diese Verlagerung nicht wollen und deswegen dagegen sein. Aber dass das System, bei allen Mängeln, grundsätzlich funktionieren würde, liegt auf der Hand.

    Fliegen ja, aber wohlüberlegt

    Es hätte auch den schönen Nebeneffekt, dass wir nicht mehr moralisch argumentieren und von Flugscham oder SUV-Scham sprechen müssten. Denn wer es sich leistet, zahlt dafür angemessen. Man muss halt entweder sehr viel verdienen – und da könnte man auch mit einer noch etwas höheren Steuerprogression für Ausgleich schaffen – oder sich entscheiden, wo man Verzicht übt, wenn man andernorts seine Gewohnheiten beibehalten will.

    Für mich wäre das sicherlich ein Anreiz, endlich wirklich ernsthaft Vegetarier zu werden¹ – und dafür trotzdem ab und zu eine Flugreise zu machen.

    Der wesentliche Punkt kommt bei vielen Mediendiskussionen – und dafür ist diese «Freitagsrunde» von SRF leider ein trauriger Beleg – schlecht rüber. Nämlich: Das wirtschaftliche Prinzip funktioniert. Und es ist die beste Option, die wir haben. Das sollte man festhalten, damit wir endlich zur wesentlichen Diskussion übergehen können. Nämlich die, wie man dieses System konkret ausgestaltet. Und das ist schwierig genug, wie der letzte Klimagipfel gezeigt hat.

    Freiwilliger Verzicht und Eigenverantwortung werden nicht reichen

    An der Stelle verweise ich gerne auf die Folge Fighting Global Warming with Economics des Skeptoid-Podcasts, den ich auch schon vorgestellt habe (Ein besserer Aufklärer als Facebook): Da wird sehr schön dargelegt, warum freiwilliger Verzicht des einzelnen nicht reichen wird – sorry, Webdesigner! – und warum die Besteuerung von CO₂ bzw. Klimagasen zielführend wäre. Der Podast-Autor Brian Dunning hat noch nicht einmal Angst um das Wirtschaftswachstum:

    …In every policy scenario, in every model, the U.S. economy continues to grow at or near its long-term average baseline rate, deviating from reference growth by no more than about 0.1% points. We find robust evidence that even the most ambitious carbon tax is consistent with long-term positive economic growth, near baseline rates, not even counting the growth benefits of a less-disrupted climate or lower ambient air pollution.

    Da dies hier ein Tech-Blog ist, noch der Verweis auf den Artikel Wir müssen zu klugen Daten-Investoren werden, den ich am 5. Juli 2017 für den Tagi geschrieben habe:

    Wir leben längst im digitalen Kapitalismus. Unsere persönlichen Daten sind ein bequemes Zahlungsmittel. Es entsteht scheinbar aus dem Nichts und erlaubt es uns, das Internet als riesigen Selbstbedienungsladen zu benutzen.

    Das sollten wir alle begreifen, damit wir unsere Daten nicht an fragwürdige Gratis-Apps verschwenden, sondern sinnvoll einsetzen:

    Wir müssen anfangen, uns als Teil dieses digitalen Kapitalismus oder, neutraler gesagt, der neuen Datenwirtschaft zu sehen. Unsere persönlichen Daten sind unser Kapital – das es gewinnbringend zu investieren gilt.

    Fussnoten

    1) Das ist inzwischen passiert. Vielleicht auch ein bisschen wegen Frau Wirz. ↩

    Beitragsbild: Kapitalismus. Und ja, der Titel ist überspitzt. Ich verteidige eigentlich die Einsichten der Wirtschaftswissenschaften zu den grundlegenden Marktmechanismen (Dan Burton/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

    #Medienschelte #Politik #SRF
  39. Ich, der Republikflüchtling

    Als Ex-Verleger habe ich neulich einen dieser Newsletter von der Republik bekommen. Es sei der wichtigste Newsletter seit dem Start, hiess es darin. Und ich möge doch gefälligst mein Nicht-Engagement überdenken und wieder an Bord kommen. Es braucht bis Ende März 19’000 zahlende Abonnenten (so genannte Verlegerinnen) und 2,2 Millionen Franken (wie ich das schreibe, sind gemäss «Cokpit» 798’111 1’199’503 Franken bereits zusammengekommen).

    Das Ziel gilt absolut. Wenn es unterschritten wird, dann …

    … werden wir am Nachmittag des 31. März für sämtliche Mitarbeitenden der Republik die Kündigung aussprechen. Und danach das Unter­nehmen geordnet auflösen.

    Mir hat der Tweet von Thomas Benkö auf den Newsletter gut gefallen:

    Definiere #Dramaqueen pic.twitter.com/ZHJ3mKDXaC

    — Bö | Benkö (@ThBenkoe) December 9, 2019

    «Definiere Dramaqueen». Meine erste Reaktion war nämlich auch: Geht es nicht eine Nummer kleiner? Während ich darüber nachgedacht habe, hat sich bei mir Ärger aufgebaut: Der Newsletter enthält zwischen den Zeilen eine gehörige Portion Nötigung. Wenn ich das salopp paraphrasieren darf: «Willst du wirklich schuld sein, wenn unser revolutionäres Unterfangen scheitert und wir alle den blauen Brief bekommen? Also, jetzt mach schon fürschi und überweise die Kohle!»

    Es braucht Zeit, Republik-Leserin zu sein

    Ich denke noch darüber nach, wie meine Reaktion auf dieses Mail ausfallen wird und ob ich wieder einsteige. Während ich das tue, kann ich hier im Blog darlegen, weswegen ich mein Abo vor einem Jahr nicht verlängert habe. Es lag schlicht daran, dass ich zu wenig Return on Investment hatte. Ich habe wenig von dem gelesen, was ich mitfinanziert habe.

    Das lag zum einen an meinem Informationsmix, der bereits hervorragend bestückt ist: Mit dem «Tagesanzeiger» in gedruckter und in E-Paper-Form, dem Print-«Spiegel», mehreren gut gefüllten RSS-Reader-Apps, einem Blendle-Zugang und einem Readle-Abo. Und dann kommen all die anderen Medien dazu, die mir viel bedeuten und für die ich gerne einen gewichtigen Teil meiner Zeit für den Medienkonsum aufwende: Nämlich Blogs, Streaming, Hörbücher und Podcasts – das Angebot ist gross und grossartig.

    Die Republik, strotzdend vor Selbstbewusstsein, wie sie nun einmal ist, wollte sich nicht schlank in meine persönliche News Diet einfügen. Nein, sie trat und tritt mit dem Anspruch an, sich dort gleich so richtig breit niederzulassen. Wenn ich nachsehe, welche der Geschichten mich in letzter Zeit interessiert haben, so kommt man nur bei einer einzigen mit unter zehn Minuten Lesezeit weg: Und auch hier, man ahnt es: Kein Neonazi weit und breit, würde man sich in neun Minuten zu Gemüte führen.

    Eine Viertelstunde pro Artikel ist quasi das Minimum

    Ansonsten dauert es eine Viertel- bis eine ganze Stunde: Se näxt big sing zur Swisscom: Minuten. Die Methode Ganser, 15 Minuten. Welcome to Switzerland, Mr Soros!, elf Minuten. Vom Aufstieg des autoritären Staates, 57 Minuten. Und das ist die reine Lesezeit. Bei komplexen und differenzierten Geschichten wird man auch nachdenken und vielleicht einem der Links im Text folgen wollen. Dann landet man schnell beim Doppelten.

    Zwischenbemerkung: Ich weiss, dass es etwas scheinheilig ist, wenn ich die Länge der Beiträge anprangere, wo die Blogposts hier immer mindestens doppelt so viele Zeichen haben, wie sie haben sollten. Aber da hier niemand etwas fürs Lesen zahlen muss, braucht sich auch niemand schlecht zu fühlen, wenn er dankend ablehnt.

    Ich überlege mir auch immer, meine allzu langen Geschichten in leichter verdauliche Portionen aufzuteilen. Manchmal gelingt das sogar, wie zum Beispiel bei der Nextcloud-Saga. Das wäre durchaus auch eine Strategie für die Republik, die überfressenen News-Junkies wie mir erleichtern würde, noch einen Gang mehr einzuplanen. Aber darum geht es an dieser Stelle eigentlich gar nicht. Es geht ums Grundsätzliche.

    Die Republik will grosse Brötchen backen

    Ich constantiere… pardon: Ich konstatiere: Die Republik will nicht klein anfangen und langsam wachsen. Nein, sie will gleich zu einer massgeblichen Medienkraft werden – als ob die Grünen von null auf Sofort die Mehrheit im Bundesrat übernommen hätten. Das sieht man daran, dass das Abo nicht 15 Franken pro Monat kostet wie Netflix oder Spotify, sondern 22. Man sieht es daran, dass man nicht mit einer popeligen WordPress-Site und einem handgestrickten Theme gestartet ist, sondern mit einer IT-Abteilung, die 860’000 Franken pro Jahr verschlingt.

    Danke für die Rückmeldung. Die Zahlen sind frei erfunden, mit uns hatte für diesen Bericht niemand Kontakt. IT und Design, Budget Juli 2018 bis Juni 2019: 0,86 Mio. > alle Zahlen hier: https://t.co/5hRCSnf09g

    — Republik (@RepublikMagazin) December 12, 2019

    Und man sieht es daran, dass wie eingangs erwähnt gleich das ganze Unternehmen eingestampft wird, wenn das Ziel nicht erreicht werden sollte. Wieso nicht redimensionieren und langsamer wachsen?

    Im Newsletter wird die Frage wie folgt beantwortet:

    Denn nur dann gelingt es uns, ein neues Modell im Medienmarkt zu verankern. Unsere Aufgabe ist, vom Experiment zur Institution zu werden.

    Doch dies lässt sich nicht halb umsetzen. Es braucht Entschlossenheit. Von uns. Und von Ihnen.

    Das ist in meinen Augen der grosse Schwachpunkt in der Argumentation. Wieso die Republik nach dem sensationellen Crowdfunding im April 2017 keine langsamere Wachstumsstrategie angestrebt hat, verstehe ich bis heute nicht. Weil man die Idee dann «nur halb umgsetzt» hätte?

    Etwas mehr Demut?

    Warum sind 19’000 Abonnentinnen die richtige Grösse und nicht zum Beispiel 80’000 (zufällig die Zahl der NZZ-Abonnenten)? Und warum muss die Republik den Journalismus gleich sofort retten – und warum tut sie das nicht mit einem Zeithorizont von fünf oder zehn Jahren?

    Mit anderen Worten: Diese selbstgesteckten Ziele sind arbiträr, starr und fühlen sich für mich ideologiegetrieben an. Roger Schawinski hat in seiner Sendung mit Clara Vuillemin und Oliver Fuchs (erstere war übrigens hier im Nerdfunk) das Wort Sekte gebraucht. So weit würde ich nicht gehen. Aber ich täte mich leichter, wieder an Bord zu kommen, wenn die Republik ihre Mission weniger verkrampft, mit nicht ganz so viel Drama und missionarischem Eifer angehen würde.

    Beitragsbild: Republik – Stand des Irrtums, Richard Hoechner, via Medienseite der Republik.

    #Medienschelte
  40. Mediennutzungsgewohnheitenwandel?

    
    12-App: Die relevanten Geschichten, der beste Gesprächsstoff

    Letztes Wochenende stand das digitale Patentrezept im Dienst der neuen 12-App der Tamedia¹. Ich finde den Ansatz spannend, da ich mich an vielen Newssites stört, dass sie eigentliche Durchlauferhitzer sind. Die Top-Meldungen rutschen nur so durch, damit man als Leser alle halbe Stunde etwas Neues vorfindet. Das hilft beim Generieren von Klicks, aber es schürt auch die Nervosität.

    Tageszeitungen sind in sich abgeschlossen

    Das Schöne an der Tageszeitung ist ja, dass man die durchblättert, die Überschriften liest, sich den einen oder anderen Artikel zu Gemüte führt und dann die Gewissheit hat, für die nächsten 24 Stunden auf dem Laufenden zu sein. In sich abgeschlossen zu sein, ist eine unterschätzte Qualität.

    Zumindest für mich, der ich zwar den Newshunger vieler Zeitgenossen teile, aber eben auch eine Abneigung dagegen habe, dass Meldungen auf mich herniederprasseln, deren Halbwertszeit gegen Null tendiert. Ich halte es für eine wichtige Aufgabe von uns Journalisten, zu konsolidieren, zu bewerten und wegzulassen.

    Darum bin ich gespannt, ob sich die 12-App zu einem Pfeiler in meinem Newskonsum entwickeln wird. Auch Blendle (Wie ein Start-up den Journalismus aus der Krise führen will und Die Holländer retten den Journalismus) beziehe ich in diesen Versuch mit ein – weil ich meinen Informationshunger mit Futter aus mehreren Quellen stillen will.

    Im Moment sieht es allerdings so aus, als ob das Angebot der Tageszeitung mit ihrer klassischen Themensortierung nach Bünden und Ressorts mich sosehr geprägt hätte, dass ich so schnell nicht darauf werde verzichten können. Wenn doch bloss die E-Paper nicht ganz so benutzerunfreundlich wären!

    Fussnoten

    1) Mit Henning Steier von der NZZ hatte ich dazu gestern auf Twitter eine lebhafte Diskussion zu dem Thema. Er hat kritisiert, dass wir auf unserem Digitalkanal auf die neue App hingewiesen haben – Werbung gemacht hatte, wie er das nannte. Nun war es natürlich so, dass ich mir vorab einige Gedanken dazu gemacht hatte, ob es sinnvoll ist, die «Digitale Patentrezepte»-Rubrik für die Vorstellung der App zu verwenden. Gezwungen hat mich jedenfalls niemand.

    Ich bin nach reiflicher Überlegung zum Schluss gekommen, dass ich das für sinnvoll erachte: Es geht bei meiner neuen Rubrik darum, Apps, Programme und Arbeitsabläufe im Video vorzustellen.

    Was den Vorwurf der Werbung angeht, ist der nicht zutreffend: Werbung ist, wenn man jemanden bezahlt, sein Produkt unter die Leute zu bringen. Dass man sich selbst für sein Produkt oder seine Dienstleistung einsetzt, versteht sich von selbst. Das ansonsten werbefreie Radio macht Werbung für sein Programm in Form von Teasern und Programmhinweisen. Als Journalist betreibt man Selbstpromotion, indem man seine Artikel über soziale Medien verbreitet (was auch Henning Steier tut), und natürlich hat man ein vitales Interesse am wirtschaftlichen Erfolg seines Arbeitgebers. Was nicht heisst, dass ich die 12-App vorgestellt hätte, wenn ich sie nicht gut gefunden hätte.

    Jedenfalls bin ich davon ausgegangen, dass meine Leserinnen und Leser diese Vorstellung der 12-App goutieren würden. Und ich habe beim Publik ein Interesse an dieser App vorausgesetzt, zumal die nichts anderes tut, als Inhalte unserer Plattform neu zu verpacken und eine zusätzliche Konsumationsform anbietet.

    Ich fand die Kritik von Henning Steier ins ihrer anprangernden Art unberechtigt. Denn wir Journalisten können auch nicht so tun, als ob uns der Medienwandel nichts angehen würde. Im Gegenteil: Wir sind davon ziemlich direkt betroffen. Daraus leite ich das Recht ab, auch bei der Lösungssuche helfen zu dürfen.

    Wenn es sich also weisen sollte, dass eine App wie die hier thematisierte unserer Arbeit neue Perspektiven eröffnet, dann halte ich das für eine gute Sache. ↩

    #Medienschelte
  41. Zeitschriften boykottieren!

    Pardon, aber die Preise, die in der Schweiz für deutsche Zeitschriften verlangt werden, sind ein Skandal. Ein bisschen teurer wäre okay, aber die Konsumenten gleich doppelt bezahlen zu lassen, gehört vom Preisüberwacher abgestraft.

    blog.clickomania.ch/2012/08/08

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