An der NATO-Ostflanke
Die Reise aus dem lebhaften Kurort Zakopane geht weiter nach Osten.
Sehr tief in den Osten hinein.
Diesmal bin ich sogar eher da, als Frau Navi behauptet. Sie interpretiert meine Eingabe als „Zwischenziel“ vorm Hauptort der „Woidwodschaft Karpatenvorland“. Vielleicht konnte sie sich nicht vorstellen, dass jemand tatsächlich hier hin will. Und nicht nur durchfahren. Sondern bleiben.
In Ustrzyki Gorne.
Ein Gebirgsdorf an einem der mittlerweile einigen „Enden der Welt“, an die es mich immer hinzieht. Bestimmt ein Trauma aus dem chaotischen Berlin.
Aber hier, im Bieszczady-Nationalpark, ist die Welt wirklich fast zu Ende.
Die Nationalpark-Verwaltung, zwei Einkaufsläden, Restaurants und die einstige Grenzschutz-Station, in der ich nun wohne.
Grenzschutz?
Das Kult-Zentrum von Ustrzyki Gorne ist natürlich „Nasze sklep“ („Unser Laden“). Die Dusche im „Kremenaros“ erscheint weniger kultig. Doch es gibt auch „richtige“
Ja, dieser äußerst südöstlichste Zipfel Polens ist Grenzland. Grenzland gleich dreier Länder übrigens, die sich den Bieszczady-Nationalpark als UNESCO-Weltnaturerbe teilen.
Auf gut ausgebauten und beschilderten Wanderwegen kann man sich in die Höhe wagen. Sofern man keine Angst vor gewissen Tieren hat.
Obacht! In den Bergen lauert der „niedzwiedz“! In der gott- und menschenverlassenen Hoch-Einöde kann man auf Bären, Wölfe, Luchse stoßen. Und mit Glück eben gerade nicht, sofern jene Angst vor Menschen haben und weglaufen.
Worauf man in jedem Fall stößt, weil sie nicht wegläuft: die Grenze zur Ukraine!
Ich schreibe das mal mit Ausrufezeichen, weil dies Land ja nicht erst seit seiner Unabhängigkeit, oder durch Vitali Klitschko, sondern auch den nun über vier Jahre währenden Krieg des Despoten Putin bekannt ist.
Es muss an meinem fortgerückten Alter (ojeoje!) liegen, dass ich immer solche dramatischen Grenzregionen aufsuche. Aufgewachsen mit der deutschen Teilung, dem Kalten Krieg und dem Warschauer Pakt.
Schon ein Besuch in z.B. Magdeburg war dem kleinen Hamburger nicht möglich. Die Elbe, an der beide Städte liegen, war der Weltgeschichte damals egal.
Reisen nach Polen gar? Oder Abstecher vom Bayerischen Wald hinüber ins „feindliche“ Tschechien? Das war alles irgendwie undenkbar.
Und dann, 1990, veränderte sich die Landkarte Europas.
Voll jugendlichem Übermut bereisten wir Tschechien, Ungarn, die Balkanländer Kroatien und Bosnien, in denen gerade ein Bürgerkrieg losbrach. Betrunkene Soldaten ballerten am Adria-Strand herum, in einem arg lädierten Wohnhaus in Sarajevo wurden wir früh geweckt: Es gab gerade warmes Wasser!
Etwas verrückte Reiseziele also schon damals.
Liegt hier die Wurzel meiner „Grenzbesessenheit“.
Aus Berliner Zeit HIER nachzulesen, andere Ziele wie der HARZ oder SCHMILKA zeugen von dieser Obsession. Die darin gipfelte, das ich ins „Dreiländereck“ Görlitz umsiedelte. Und auch noch begann, Polnisch zu lernen.
Mit inzwischen einigem Polnisch hat es mich nun in dieses äußerst östliche Dreiländereck verschlagen.
Polen, die Slowakei und eben auch die Ukraine treffen sich hier in den West-Karpaten. Im unheimlich finsteren gott- und menschverlassenen Tann auf den zugigen Höhen.
Verständlich und nachvollziehbar, oder auch keines von beiden, dass Tarzan dort hinauf muss.
Ein Parkplatz an der Landstraße außerhalb des Dorfs. Der Eintritt in den Bieszczady-Nationalpark kostet auch hier 11 Zloty, wie in Zakopane. Hier aber ist an diesem kalten April-Morgen niemand. Das hölzerne Kassenhäuschen ist verwaist. Auch recht.
Aufwärts durch den Wald.
Ganz allein. Kein Mensch im „bekannten“ Nationalpark-Wanderparadies. Die Bären-Warnungen. Im Dorf ging es um die Mülleimer, die geschlossen und mit Steinen beschwert sein sollten, um die großen Braunen nicht anzulocken.
Aber hier, kilometerweit entfernt im Wald, beim Aufstieg auf die „Wiela Rawka“?
Belauern sie mich dort? Knacken im bösartig dunklen Tann. Und … Knurren?
Orange Baumzeichen der Forstverwaltung beruhigen. Von Menschen angebracht, offenbar kamen sie heil wieder ins Tal. Sonst lägen hier doch Werkzeug oder Kleidungsreste? Etwas Furcht bleibt.
Mit zunehmender Höhe wird es kalt und windig. Kein Wunder, dass hier niemand außer mir herumspaziert. Doch auch auf über 1000 Meter Höhe sehe ich keinen Schnee. Was ich mir ja im letzten Blogbeitrag auch energisch verbeten hatte.
Und dann liegt sie vor mir.
Die prächtige Ukraine. Mit ihrem blau-gelben Grenzpfahl. Blau-Gelb wie die Staatsflagge. Oben der Himmel, unten die endlosen Getreidefelder.
Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist noch weit. Dennoch sind es hier nur wenige Schritte in ein Land im Kriegszustand. Zeit für eine Gedenkminute auf den kalten Höhen des Karpaten-Kamms
Noch knapp zwei Kilometer zum „Dreiländerpunkt“. Polen/Slowakei/Ukraine. Abhänge, Gestrüpp linksseitig. So sieht die Ukraine aus. Der Grenzweg. Zwei Kilometer noch..
Eine eher unscheinbare Säule steht hier, eine Info-Tafel, Sitzbänke.
Kyrillisch kann ich noch weniger als Polnisch Ein lärmendes Allrad-Quad knattert aus der anderen Richtung herauf. Zwei polnische Armee-Angehörige, Mann und Frau, steigen ab. Wie sie ahnen konnten, dass ich genau jetzt gerade hier bin? Unerklärlich, aber sie sind nicht feindlich gesinnt.
Nach eigenen Angaben sprechen sie passabel Englisch und Deutsch, da treffe ich sie als höflicher Gast in der Mitte. Auf Englisch also erklären sie mir, dass ich gerne hier herumlaufen könne, nur bitte nicht die Ukraine betreten (zu spät), und dass der Weg in die Slowakei hinunter recht „tricky“ sei (hatte ich nicht vor).
Fürsorglich fragen sie, ob ich gar kein Wasser oder ein Sandwich bei mir hätte. Ich bin mit beidem perfekt ausgerüstet, kann das vorzeigen. Nach Studium meines Ausweises setzen sie sich entspannt mit mir hin und machen Mittag.
Drei Länder, drei Menschen, zwei Nationen. Und dass meine die ihrige vor 87 Jahren mit dem „größten Führer aller Zeiten“ überfallen hat, ist an dieser einsamen Ecke in der Bergwildnis vergessen.
Der jetzige Krieg ist dort drüben, direkt hinter der Säule, keine drei Meter entfernt.
Grenzschutz im Nebel. Man weiß ja nie, was passieren kann
Wie immer wähle ich einen Rückweg, der ein anderer ist. Absicht, den Hinweg kenne ich ja. Und da lauern hungrige Bären.
Von der „Wiela Rawka“ also steil abwärts zur Passhöhe der Straße. Die Busfahrpläne sind rätselhaft saisonabhängig, ich verstehe nur die Hälfte.
Der Wanderparkplatz ist verlassen.
Menschenleere Landstraße nach links und rechts. Stille.
Weitaus weniger gut gekleidet als Cary Grant in „North by Northwest“, der an einer menschenleeren Busstation in der Wüste einen Informanten treffen soll, warte ich ebenso wie er auf etwas.
Die Minuten verrinnen.
Motorgeräusch aus dem Tal, Scheinwerfer tauchen an der Steigung auf.
Nur ein Pkw. Er rauscht vorbei.
Wie bei Cary Grant. Nur dass ich nicht so eingestaubt werde. Es ist feucht und grün auf dem bewaldeten 800 Meter hohen Pass.
Stille. Minuten verrinnen.
Ah, da ist der Bus. Lang vorher schon ist er röhrend auf der Rampe zu hören, nun kommt er gemächlich die Kurve hinauf, auf mich zu.
Kein Bus. Ein Kleintransporter einer Firma aus der Gegend rauscht vorbei. Welcher Gegend überhaupt? Finisterra.
Der dritte Pkw saust an mir vorbei, stoppt etwas weiter, hupt. Ich eile zu ihm.
„Ustrzyki Gorne?“ – „Tak.“
Wunderbar, bei dieser nachmittäglichen Kühle mit meinem geliebten Wanderstock in ein unbekanntes Auto zu klettern. Der „Opa“ am Steuer redet wie ein Wasserfall auf Polnisch, dass ich nur die Hälfte verstehe, wäre stark übertrieben, sagen wir mal: 10 Prozent.
Als ich dann im Ort meine Unterkunft erblicke und sage „mieszkam tutaj“, also „hier wohne ich“, hält er mich wahrscheinlich immer noch für einen waschechten Polen. Verständlich: Wer sonst sollte sich in diese Ecke verirren?
An die äußerste Grenze der mir bis dahin bekannten Welt. Die „NATO-Ostflanke“.
Danke, lieber Unbekannter, für die Fahrt.
Nach leckerem Bier und weichem Bett hatte – hätte – ich noch einiges vor in dieser Ecke und anderswo. Doch ein Anruf stoppt meine Exkursion an dieser Stelle am Ende der Welt. Ich muss früher als geplant zurück in die Zivilisation.
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