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#walterjonwilliams — Public Fediverse posts

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  1. Irgend­wie kam Ostern dazwi­schen (s.o.) – jeden­falls folgt hier nun Teil II zu mei­ner Vor­früh­lings­le­se­lis­te. Teil I mit den Fan­ta­sy-Roma­nen, die ich gele­sen habe, ist am 6. April erschienen.

    In medi­as res: Rich­tig gut gefal­len hat mir Ken MacLeods Bey­ond the Reach of Earth (2023), der zwei­te Teil sei­ner Lightspeed-Tri­lo­gie. Kurz zum Hin­ter­grund: die bei­den gro­ßen Blö­cke, die kapi­ta­lis­ti­sche Alli­an­ce rund um die USA und die Coor­di­na­ted Sta­tes (Russ­land, Chi­na) haben schon vor eini­gen Jahr­zehn­ten eine Metho­de ent­deckt, um U‑Boote in der Raum­zeit zu bewe­gen und damit fer­ne Ster­ne zu erkun­den. Auf dem erd­ähn­li­chen Stern Apis gibt es gehei­me Basen bei­der Blö­cke. Im ers­ten Teil geht es vor allem dar­um, dass nun auch Wissenschaftler*innen der mehr oder weni­ger kom­mu­nis­ti­schen euro­päi­schen Uni­on (inkl. Schott­land) – MacLeod macht aus sei­nen poli­ti­schen Sym­pa­thien kein Geheim­nis – die­se Tech­no­lo­gie ent­de­cken. Am Schluss stürzt die euro­päi­sche Venus-Kolo­nie ab – und v.a. wer­den intel­li­gen­te Außer­ir­di­sche ent­deckt. Was es mit die­sen auf sich hat, war­um das mit der über­licht­schnel­len Raum­fahrt nicht ganz so ein­fach ist, wie es am Anfang aus­sah, und was euro­päi­sche Siedler*innen so auf Apis erle­ben, davon han­delt Teil II. Beson­ders aktu­ell die Rol­le ver­schie­de­ner Robo­ter und all­ge­gen­wär­ti­ger AI-Sys­tem-Assis­ten­zen. Erfri­schend anders als der Space-Ope­ra-Main­stream, sehr plau­si­bel beschrie­ben und trotz­dem kom­plett abge­dreht – und gera­de des­we­gen lesenswert.

    Zum Teil tref­fen die­se Beschrei­bun­gen auch auf Anna­lee Newitz lang erwar­te­tes Buch The Ter­ra­for­mers (2023) zu. In meh­re­ren Zeit­ebe­nen (10.000 Jah­re und ähn­lich gro­ße Zeit­span­nen vom heu­te ent­fernt) erle­ben wir die Besied­lung eines im Auf­trag eines gro­ßen, gala­xien­weit agie­ren­den Kon­zerns ter­ra­form­ten Pla­ne­ten, Wirt­schafts­spio­na­ge, Intri­gen, Auf­stän­de der mehr oder weni­ger Skla­ven-Klo­ne, sehr viel Gen- und Bio­tech­nik und irgend­wie auch eine Uto­pie des ver­netz­ten Zusam­men­le­bens ganz unter­schied­li­cher Lebens­for­men. Das ist alles wun­der­bar aus­ge­dacht – trotz­dem hat mich eini­ges immer wie­der aus dem Lese­fluss gewor­fen; etwa die schon ange­spro­che­nen rie­si­gen Zeit­räu­me, qua­si-unsterb­li­che Per­so­nen, aber auch das das Buch durch­zie­hen­de tie­fen­öko­lo­gi­sche Kon­zept, das alle Lebe­we­sen am gro­ßen Gan­zen teil­ha­ben (und durch eine Art Uplif­ting Intel­li­genz bekom­men). Bei Kühen ist das noch irgend­wie glaub­wür­dig, bei Insek­ten­ko­lo­nien … nicht so? Auf jeden Fall inter­es­sant und beein­dru­ckend, aber kein Buch zum Verlieben. 

    Mal­ka Olders The Mimi­cking of Known Suc­ces­ses (2023) hat eben­falls ein inter­es­san­tes Set­ting, kommt aber nicht an ihre Info­mo­cra­cy-Rei­he her­an. Die Erde ist ver­wüs­tet, die Über­le­ben­den haben rund um Jupi­ter ein Eisen­bahn- und Platt­form-Ring­sys­tem auf­ge­baut, auf dem die­ses Buch – zunächst ein Kri­mi­nal­ro­man – spielt. Die Haupt­fi­gu­ren waren mal zusam­men, es gibt poli­ti­sche Bewe­gun­gen, die sich zwi­schen nost­al­gi­scher Bewah­rung der ver­lo­re­nen Erde und Blick nach vor­ne bewe­gen, und ins­ge­samt mag „cozy“ durch­aus eine zutref­fen­de Beschrei­bung sein. Ein recht kur­zes, freund­li­ches Buch (trotz meh­re­rer Todes­fäl­le), eine inno­va­ti­ve Sze­na­rie, aber irgend­wie fehl­te mir etwas.

    Anders­her­um ging’s mir mit Greg Egans Sca­le (2022). Hier war ich zwar auf das Set­ting neu­gie­rig – neben­ein­an­der her leben­de und z.T. mit­ein­an­der inter­agie­ren­de Gesell­schaf­ten von Men­schen ganz unter­schied­li­cher Grö­ße, unter The Sci­ence of Sca­le gibt es auf Egans Web­site auch eine Her­lei­tung davon, wie das wis­sen­schaft­lich plau­si­bel gemacht wird; letzt­lich geht es um unter­schied­li­che inner-ato­ma­re Zusam­men­set­zung – neben Elek­tro­nen und Muo­nen gibt es hier gleich acht unter­schied­li­che Lep­to­nen, die jeweils bestimm­te Eigen­schaf­ten haben und v.a. Maßen, die von 1 bis 128 rei­chen. Die Men­schen unter­schied­li­cher Grö­ße bestehen jeweils aus Ato­men, die eine Art von Lep­to­nen bevor­zu­gen, und kom­men ent­spre­chend z.B. auch nur mit Was­ser oder Nah­rungs­mit­teln aus die­ser Zusam­men­set­zung klar. Ent­spre­chend ver­hal­ten sich die Grö­ßen (mir ist nicht ganz klar­ge­wor­den, ob die Kleins­ten zu den Größ­ten hier 1:8, 1:64 oder 1:128 aus­ma­chen, es sind aber beacht­li­che Unter­schie­de). Zugleich ist die Dich­te sehr unter­schied­lich – kleins­te und größ­te Men­schen bestehen aus der glei­chen Zahl von Ato­men, wie­gen also auch „das sel­be“. Zeit läuft für klei­ne­re Men­schen viel schnel­ler ab als für grö­ße­re Men­schen usw. Jeden­falls: das klingt alles erst ein­mal furcht­bar kom­pli­ziert und her­bei­ge­dacht, aber Egan gelingt es, vor die­sem Hin­ter­grund nicht nur einen Kri­mi, son­dern letzt­lich einen Thril­ler und einen Revo­lu­ti­ons­ro­man zu schrei­ben. Das hat mich sehr posi­tiv über­rascht. Wer selbst rein­le­sen möch­te, fin­det den – harm­lo­sen – Anfang auf der oben ver­link­ten Website.

    Weni­ger über­zeugt haben mich zwei „klas­si­sche“ SF-Roma­ne. Arkas’d World von James L. Cam­bi­as (2019) spielt auf einem Pla­ne­ten, der ein Geheim­nis birgt, auf dem Wesen aus sehr unter­schied­li­chen – aber doch irgend­wie ste­reo­ty­pen – Ali­en-Kul­tu­ren zusam­men­le­ben; die Mensch­heit ist von einer die­ser Kul­tu­ren unter­wor­fen wor­den, der titel­ge­ben­de Arkad als auf dem Pla­ne­ten gebo­re­ner Mensch auf der Flucht auf die­sem Pla­ne­ten hat etwas von toll­pat­schi­gem Aus­er­wähl­ten. Bis er stirbt und das Gan­ze einen meta­phy­si­schen Drall bekommt. 

    Und auch Count to a Tril­li­on von John C. Wright (2011) war dann nicht so ganz meins. Ich glau­be, ich habe irgend­wo Wal­ter Jon Wil­liams und John C. Wright zusam­men­ge­wor­fen und zu einer Per­son gemacht – der­je­ni­ge mit den wirk­lich schlimm reak­tio­nä­ren Ideen ist John C. Wright (sor­ry, W.J. Wil­liams!). Jeden­falls gelingt es ihm, eine weit in der Zukunft lie­gen­de Erde vor­zu­stel­len, in der fast nur Män­ner wich­ti­ge Rol­len spie­len, in der kul­tu­rel­le und eth­ni­sche Unter­schei­dun­gen hoch­ge­hal­ten wer­den, und in der his­to­ri­sche Moden von der Anti­ke über die Kreuz­fah­rer bis zum Cow­boy-Wes­tern wie­der­auf­le­ben, wäh­rend gleich­zei­tig hoch­in­tel­li­gen­te Com­pu­ter­sys­te­me, inter­stel­la­re Raum­schif­fe und die Ver­ar­bei­tung von Anti­ma­te­rie (sowie extrem über­le­ge­ne Außer­ir­di­sche) vor­kom­men. Das mag mal amü­sant sein, aber warm gewor­den bin ich damit nicht, und die Agen­da dahin­ter, ein Zurück zur guten alten Zeit, als Män­ner noch Män­ner und Unter­ta­nen noch Unter­ta­nen waren, gefällt mir über­haupt nicht. 

    #annalee-newitz #fantasy #greg-egan #james-l-cambias #john-c-wright #ken-macleod #malka-older #science-fiction #sf #walter-jon-williams

    https://blog.till-westermayer.de/index.php/2023/04/27/science-fiction-und-fantasy-im-vorfruehling-2023-teil-ii/

  2. #2000-ad-thrillcast #danger-man #eating-the-fantastic-podcast #openlibrary #pat-cadigan #podcast #silencaeon #walter-jon-williams

    https://evilgeniuschronicles.org/b/30o

    In this episode, I play a song by SILENCAEON; the audio issues on my stack are really dragging me down; an episode of Eating the Fantastic made me nostalgic for cyberpunk; I like Pat Cadigan on Mastodon; the Shipherds can work a timeshare pitch; no money leaves my pocket if you call me; downtown Conway is a foodie little area; I walked away from all my stuff at softball practice triggering a lot of self-loathing; I worry I will throw away or give away the only thing in my mom’s junk that is worth any money; I am mad about this OpenLibrary lawsuit and at the big four publishers; my first Mastodon blocks of individuals were around OpenLibrary; Obsidian plus whisper trancripts is helping show prep; I has taken me 2.5 years to watch season one of Danger Man; I like the mundanity of the spy craft; I am a newish subscriber to the 2000 AD Thrillcast.

    Here is the direct MP3 download for the Evil Genius Chronicles podcast, March 31 2023.

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    http://evilgeniuschronicles.org/audio/egc-2023-03-31.mp3

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  3. #2000-ad-thrillcast #danger-man #eating-the-fantastic-podcast #openlibrary #pat-cadigan #podcast #silencaeon #walter-jon-williams

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  6. Es ist höchs­te Zeit, aus mei­nem unsor­tier­ten Notiz­zet­tel mit den in die­sem Win­ter gele­se­nen bzw. ange­schau­ten Büchern und Fil­men mal einen ordent­li­chen Blog­ein­trag zu machen. Nicht zuletzt des­halb, weil lan­ge Win­ter­aben­de ja fast schon auto­ma­tisch nach Tee oder hei­ße Scho­ko­la­de, einem beque­men Ses­sel und mei­net­we­gen auch einer schnur­ren­de Kat­ze verlangen.

    Unge­fähr so fühlt sich Legends & Lat­te von Tra­vis Bald­ree (2022) an – laut Unter­ti­tel han­delt es hier­bei um „high fan­ta­sy with low sta­kes“, und das trifft es ganz gut. Eine Ork-Kämp­fe­rin hat genug von Quests und Schlach­ten und eröff­net ein Café. Das ist eigent­lich schon alles. Kei­ne Intri­gen, kei­ne Macht­spiel­chen in Paläs­ten, kei­ne ver­zau­ber­ten Prin­zen – statt des­sen schau­en wir zu, wie „Legends & Lat­te“ ent­steht und zu einem Erfolg wird, weil ganz unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten – alle mit Macken und Eigen­hei­ten – zusam­men­fin­den und zusam­men­wir­ken. Ein klei­nes biss­chen „high sta­kes“ gibt es dann doch noch, und eben­so ein biss­chen Lie­bes­ge­schich­te. Viel­leicht beschreibt „solar­pun­kig“ die­sen Stil, obwohl weder Pho­to­vol­ta­ik noch Uto­pien vor­kom­men. Mir hat’s jeden­falls gut gefallen. 

    Blei­ben wir bei Solar­punk – auf Emp­feh­lung einer Freun­din habe ich Emmi Itär­an­tas The Moon­day Let­ters (2022) gele­sen. Die Hei­le­rin Lumi aus einem der Reser­va­te der zer­stör­ten Erde, wohl im heu­ti­gen Finn­land oder Schwe­den lie­gend, folgt der Spur ihrer*s Partners*in Sol durch das Son­nen­sys­tem, u.a. spielt das Buch auf Jupi­ter­mon­den, auf dem Mond, im Orbit und auf dem Mars – und ent­deckt nach und nach, dass Sols bio­wis­sen­schaft­li­che For­schung eine dunk­le­re Sei­te hat. Geschrie­ben ist das gan­ze in Tage­buch­ein­trä­gen und Brie­fen. Neben den düs­te­ren und dys­to­pi­schen Sei­ten tau­chen dabei immer wie­der Beschrei­bun­gen von Land­schaf­ten, Set­tings und Lebens­wei­sen auf, die dazu füh­ren, dass mir zu die­sem Buch Solar­punk als Gen­re ein­fällt. Gleich­zei­tig erin­nert mich The Moon­day Let­ters an eini­ge Bücher von Kim Stan­ley Robin­son – gar nicht so sehr sei­ne bekann­te­ren, son­dern eher an The Memo­ry of Whiteness (1985) und Galileo’s Dream (2009). Aus dem Lese­er­leb­nis immer wie­der her­aus­ge­ris­sen haben mich zwei Din­ge – zum einen erschien es mir unwahr­schein­lich, dass Lumi nichts vom Akti­vis­mus Sols mit­be­kom­men haben soll, auch wenn Itär­an­ta ver­sucht, das plau­si­bel zu machen, und zum ande­ren fand ich es erst ein­mal schwie­rig, damit klar­zu­kom­men, dass Lumi eine Hei­le­rin sein soll, die auf scha­ma­nis­ti­sche Trips durch Neben­wel­ten setzt und mit einem Totem­tier ver­bun­den ist. Trotz­dem wür­de ich das Buch weiterempfehlen.

    Aber viel­leicht ist das auch unge­recht. Bei David Mit­chells Uto­pia Ave­nue (2022) hat es mich letzt­lich auch nicht gestört, dass das gan­ze Buch über offen bleibt, ob Jasper de Zoet an Schi­zo­phre­nie lei­det oder von zeit­rei­sen­den Geis­tern beses­sen ist. De Zoet ver­bin­det Uto­pia Ave­nue lose mit Mit­chells The Thousand Autum’s of Jacob de Zoet, ande­re Ele­men­te zie­hen Lini­en zu ande­ren sei­ner Bücher. Gleich­zei­tig sind die Geist­we­sen in Jas­pers Kopf (und deren mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on als real) auch der ein­zi­ge Grund, war­um die­ses Buch unter der Über­schrift Fan­ta­sy auf­taucht. Purist*innen mögen jetzt weg­schau­en – aber ich hat­te viel Freu­de an die­ser fik­ti­ven Geschich­te der titel­ge­ben­den Band Uto­pia Ave­nue, irgend­wo zwi­schen Beat­les und Deep Pur­p­le, mit­ten­drin in all dem, was 1967/1968 so pas­siert. Elf, Jasper, Dean und Griff sind die unwahr­schein­li­chen – und an der einen und ande­ren Stel­le ana­chro­nis­ti­schen – Mit­glie­der die­ser Band, die wir von ihrer Grün­dung über den Höhe­punkt ihres kur­zen Erfolgs bis zum tra­gi­schen Ende mit­er­le­ben. Und durch die Augen der vier dann auch sehr plas­tisch das Gesche­hen einer Zeit, in der mei­ne Eltern jung waren. Geord­net ist das Buch nach Plat­ten und Songs der Band Uto­pia Ave­nue; sel­ten war fik­ti­ve Musik so vor­stell­bar. Kann ich die Plat­te haben?

    (Ist es selt­sam, Fan fik­ti­ver Bands zu sein? Ich habe jeden­falls ein T‑Shirt der Glam­rock-Grup­pe „Deci­bel Jones“ aus Valen­tes wun­der­ba­rer Space Ope­ra – und wäre auch „Uto­pia Avenue“-Merch nicht abgeneigt …) 

    Und wenn ich schon von mei­nem selbst­ge­wähl­ten Blog­bei­trags­ti­tel abwei­che: auch die bei­den Roma­ne von Ter­ry Prat­chett – Dod­ger (2012) und Nati­on (2008) – sind nur mit etwas Mühe in die Kate­go­rie Fan­ta­sy zu zwän­gen, die Alter­na­tiv­welt­ge­schich­te Nati­on noch mehr als Dod­ger. Nati­on han­delt von einer Flut­ka­ta­stro­phe und einem Schiffs­un­glück im Süd­pa­zi­fik im 19. Jahr­hun­dert, aus dem her­aus Wis­sen­schaft und Impe­ria­lis­mus einen ande­ren Weg neh­men als in unse­rer Welt. Aus­gangs­punkt dafür sind die weni­gen Über­le­ben­den, die nach der gro­ßen Flut­wel­le auf einer Pazi­fik­in­sel zusam­men­kom­men und mit gelo­cker­ten Bin­dun­gen an die jewei­li­gen Tra­di­tio­nen der bri­ti­schen bzw. der pazi­fi­schen Inseln eine neue Gesell­schaft auf­bau­en. Das Buch ver­mit­telt dabei neben­bei eini­ges über die wis­sen­schaft­li­che Metho­de und die Gren­zen des Den­kens. Dod­ger ist dage­gen eine Art Parodie/Fortschreibung der Roma­ne Charles Dickens (der dort auch auf­tritt) – der titel­ge­ben­de Dod­ger ist ein sich mit klei­nen Gau­ne­rei­en und der Suche nach Wert­sa­chen in der Kana­li­sa­ti­on Lon­dons durch­schla­gen­der Jugend­li­cher, ein Wai­sen­kind, des­sen Leben in ande­re Bah­nen gerät, nach­dem er eine jun­ge Frau ret­tet. Zwei­mal also Prat­chett, der auch jen­seits der Disc­world-Rei­he mit­rei­ßend schreibt, und zwei­mal qua­si-his­to­ri­sche Roma­ne, die zugleich Dickens und Defoe aufs Korn nehmen.

    Kei­ne Sor­ge – ich habe auch ganz nor­ma­le Space Ope­ra gele­sen. Ocean’s Echo von Eve­r­i­na Max­well (2022) spielt im sel­ben Uni­ver­sum wie der Vor­gän­ger­band Winter’s Orbit, ohne dass es eine direk­te Ver­knüp­fung gibt. Mir hat Ocean’s Echo sogar noch bes­ser gefal­len – die Mischung aus Wel­ten­bau, halb­wegs glaub­wür­di­gen Impe­ri­en, von fer­ne wir­ken­den über­mäch­ti­gen Außer­ir­di­schen und mehr oder weni­ger quee­rer Lie­bes­ge­schich­te passt. In die­sem Buch geht es um Ten­nal­hin Hal­ka­na, einen High-Socie­ty-Play­boy, der von sei­ner Tan­te in die Wüs­te geschickt wird, und um Surit Yeni, der ver­sucht, durch ehr­li­che Arbeit als Sol­dat jeden Ver­dacht los­zu­wer­den, etwas mit der Revol­te sei­ner Mut­ter zu tun zu haben. In der Welt von Max­well gibt es ver­schie­de­ne For­men psy­chi­scher Bega­bung – Tele­pa­thie („Rea­der“) und auf der ande­ren Sei­te Men­schen, die gene­tisch so mani­pu­liert wur­den, dass sie die Gedan­ken ande­rer beein­flus­sen und steu­ern kön­nen („Archi­tect“). Ein Paar aus bei­den hat hohen mili­tä­ri­schen Wert – und Ten­nal­hin und Surit wür­den genau so ein Paar abge­ben. Und natür­lich ist alles anders, als es scheint …

    Sehr viel kon­ven­tio­nel­ler die Pra­xis-Rei­he von Wal­ter Jon Wil­liams – dar­aus habe ich The Acci­den­tal War (2018), Fleet Ele­ments (2020) und Impe­ri­um Res­to­red (2022) gele­sen, die letzt­lich zusam­men einen Hand­lungs­bo­gen umfas­sen. Schön aus­ge­schmückt, aber so ganz real erscheint mir sei­ne Welt eines durch Wurm­lö­cher ver­bun­de­nen Reichs, in der unter­schied­li­che Lebens­for­men zusam­men­wir­ken, und in der Men­schen viel­leicht nur am Rand ste­hen, seit sie unfrei­wil­lig Teil der Pra­xis gewor­den sind, nicht. Sula ist eine schil­lern­de Haupt­per­son, deren Geschich­te die drei Bän­de zusam­men­hält. Und die Geschich­te ist durch­aus packend. Trotz­dem sind die unter­schied­li­chen Lebens­for­men am Schluss doch recht kli­schee­haft gezeich­net, und wir­ken ein biss­chen so, als wären sie Men­schen in Kos­tü­men. Die mili­tä­ri­schen Erfol­ge wie­der­ho­len sich, die lang­wie­ri­gen Schlacht­be­schrei­bun­gen ner­ven irgend­wann, und – na gut – auch mit Wil­liams poli­ti­scher Aus­rich­tung habe ich so mei­ne Schwie­rig­kei­ten, nicht erst hier. In den Büchern ist Demo­kra­tie etwas, das von dem Mul­ti­spe­zies­reich Pra­xis expli­zit ver­bo­ten wur­de – an die Stel­le rücken impe­ria­le bis faschis­ti­sche Herr­schafts­for­men, es gibt eine kla­re Hier­ar­chie sozia­ler Klas­sen, die irgend­wie auch gerecht­fer­tig wird. Sula wür­de am liebs­ten eine Mili­tär­dik­ta­tur errich­ten – um mit der Kor­rup­ti­on der „Ade­li­gen“ (zu denen sie irgend­wie auch gehört) auf­zu­räu­men. Und ein ähn­li­ches Men­schen­bild habe ich auch schon in frü­he­ren Büchern Wil­liams schwie­rig gefunden. 

    Last but not least ein Roman, viel­leicht auch eine Geschich­ten­samm­lung – der tem­po­ra­le Zusam­men­hang der ein­zel­nen Kapi­tel ist nicht so ganz klar – mit dem schö­nen Titel The­re Is No Anti­m­eme­tics Divi­si­on von qntm, das in Ver­bin­dung mit dem SCP-Foun­da­ti­on Wiki steht. Dar­auf gesto­ßen bin ich im Blog von Charles Stross. Letzt­lich geht es um uner­klär­li­che Phä­no­me­ne (das ist die aus­ge­dach­te Ver­schwö­rungs­theo­rie hin­ter SCP), die hier noch die beson­de­re Eigen­schaft haben, anti­m­eme­tisch zu sein, also bei­spiels­wei­se mit Fel­dern ver­bun­den zu sein, die es unmög­lich machen, sich an die­se Phä­no­me­ne zu erin­nern. Und man­che davon sind alt, groß und gefähr­lich – der Kampf dage­gen ist die Auf­ga­be der Anti­m­eme­tics Divi­si­on. Sofern sie denn exis­tiert. Und sich dar­an erin­nert, was ihre Auf­ga­be ist. Das klingt dann manch­mal wie Doc­tor Who oder Akte X auf die logi­sche Spit­ze getrie­ben, ist teil­wei­se ziem­lich blu­tig und … interessant?

    Ach ja – Fil­me. Da gab es eini­ge. Kni­ves out und Glass oni­on habe ich genos­sen, und mich über die detail­rei­che Insze­nie­rung vol­ler Anspie­lun­gen gefreut. Bezü­ge zu SF oder Fan­ta­sy wären aller­dings eher rand­stän­di­ger Art.

    Die zwei­te Staf­fel der sich über Ver­schwö­rungs­theo­rien lus­tig machen­den Ani­ma­ti­ons­se­rie Insi­de job war noch etwas tra­shi­ger als die ers­te Staf­fel. Eher okay als eine ech­te Emp­feh­lung. Für die drit­te Staf­fel wür­de ich emp­feh­len, sich an die Ver­fil­mung der oben erwähn­ten Anti­m­eme­tics zu machen … 

    Unser Weih­nachts­film (wie wohl in vie­len Fami­li­en) war Ava­tar II – als visu­el­les Erleb­nis (im 3D-Kino), ohne näher auf Unstim­mig­kei­ten im Plot zu ach­ten, toll. Im Detail schwie­rig, dann doch irgend­wie eine mit noch mehr Waf­fen und noch mehr Explo­sio­nen ver­se­he­ne Wie­der­ho­lung des ers­ten Teils. Und immer noch eine Grund­idee, die in der SF-Lite­ra­tur der 1980er (u.a. bei Le Guin) schon mal bes­ser umge­setzt wurde. 

    Mit mei­nen Kin­dern habe ich Schlum­mer­land ange­schaut, die Net­flix-Ver­fil­mung, die sich wohl ein biss­chen an die klas­si­sche Comic­se­rie Litt­le Nemo in Slum­ber­land anlehnt bzw. die­se wei­ter­denkt. Auch hier visu­ell vie­les ein­drucks­voll, die Geschich­te selbst aber letzt­lich ziem­lich düs­ter und trau­rig – Nemo (hier ein Mäd­chen) lebt mit ihrem Leucht­turm­wär­ter-Vater auf einer ein­sa­men Insel. Der Vater wird ins Meer geris­sen, Nemo muss mit des­sen ent­frem­de­ten und sehr lang­wei­li­gen Bru­der anfreun­den, der nun ihr Erzie­hungs­be­rech­tig­ter ist. Nur Träu­me bie­ten einen Aus­weg – aber auch ganz neue Gefah­ren. Wie alle Traum- und Zeit­rei­se­be­hör­den ist auch die im Schlum­mer­land im Look der 1950er/60er gehal­ten. Gejagt wer­den Träu­men­de, die sich wei­gern, zu ent­wa­chen. Flip ist so einer – und war mal der bes­te Kum­pel von Nemos Vater. 

    Ästhe­tik schlägt Plot gilt dann auch für The Peri­pheral, Ama­zons Ver­fil­mung des gleich­na­mi­gen Buchs von Wil­liam Gib­son, die aber in eini­gen wich­ti­gen Punk­ten deut­lich von der Vor­la­ge abweicht. Von der Klei­dung bis hin zu futu­ris­ti­schen Inter­faces und einer rea­lis­tisch erschei­nen­den länd­li­chen USA der nahen Zukunft – die ein­zi­gen Jobs gibt es ent­we­der bei Mili­tär, beim ört­li­chen Dro­gen­ma­fia­boss oder im 3D-Druck-Shop – ist das her­vor­ra­gend gestal­tet. Flyn­ne, die Haupt­per­son sowohl des Romans wie auch der Serie, ist nah­bar und klug. Schon im Roman ist die Qua­si-Zeit­rei­se zwi­schen zwei unter­schied­li­chen Abzwei­gun­gen der Rea­li­tät – dem Post-Jack­pot-Lon­don der fer­nen Zukunft mit Oligarch*innen und AIs – und der Drit­te­welt-USA ein kom­pli­zier­tes Kon­zept. Letzt­lich ist das Para­dig­ma, das Daten zwi­schen die­sen Rea­li­tä­ten wan­dern kön­nen, aber kei­ne Per­so­nen. Aber Daten kön­nen im Lon­don der fer­nen Zukunft men­schen­ar­ti­ge Robo­ter steu­ern – und kön­nen aus der nahen Zukunft her­aus über eine Art Head­set gesteu­ert wer­den. Für Flyn­ne ist Lon­don 2099 damit auch zunächst ein Video­spiel – bis nach und nach klar wird, dass es um deut­lich mehr geht. In der Serie wird das alles durch diver­se Neben­hand­lun­gen noch kom­pli­zier­ter, das Ende fin­de ich nach wie vor nicht nach­voll­zieh­bar (klar, es muss eine zwei­te Staf­fel geben), und die Art und Wei­se, wie sich hoch­in­tel­li­gen­te Sicher­heits­sys­te­me durch ein biss­chen Gewalt oder blu­ti­ge OPs aus­trick­sen las­sen, … naja. Als Spiel mit unter­schied­li­chen Wirk­lich­keits­ebe­nen gut anschau­bar, als Insze­nie­rung mög­li­cher Zukünf­te auch – an Stel­le einer wirk­lich inter­es­san­ten Geschich­te tritt dann doch zu oft rohe Gewalt und noch eine Ver­wick­lung mehr. 

    #david-mitchell #emmi-itaeranta #everina-maxwell #fantasy #fiktive-musik #glass-onion #inside-job #knives-out #little-nemo #peripheral #qntm #schlummerland #science-fiction #scp #sf #solarpunk #space-opera #terry-pratchett #travis-baldree #walter-jon-williams #william-gibson

    https://blog.till-westermayer.de/index.php/2023/02/08/science-fiction-und-fantasy-im-winter-2022-23-gelesen/

  7. Es ist höchs­te Zeit, aus mei­nem unsor­tier­ten Notiz­zet­tel mit den in die­sem Win­ter gele­se­nen bzw. ange­schau­ten Büchern und Fil­men mal einen ordent­li­chen Blog­ein­trag zu machen. Nicht zuletzt des­halb, weil lan­ge Win­ter­aben­de ja fast schon auto­ma­tisch nach Tee oder hei­ße Scho­ko­la­de, einem beque­men Ses­sel und mei­net­we­gen auch einer schnur­ren­de Kat­ze verlangen.

    Unge­fähr so fühlt sich Legends & Lat­te von Tra­vis Bald­ree (2022) an – laut Unter­ti­tel han­delt es hier­bei um „high fan­ta­sy with low sta­kes“, und das trifft es ganz gut. Eine Ork-Kämp­fe­rin hat genug von Quests und Schlach­ten und eröff­net ein Café. Das ist eigent­lich schon alles. Kei­ne Intri­gen, kei­ne Macht­spiel­chen in Paläs­ten, kei­ne ver­zau­ber­ten Prin­zen – statt des­sen schau­en wir zu, wie „Legends & Lat­te“ ent­steht und zu einem Erfolg wird, weil ganz unter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten – alle mit Macken und Eigen­hei­ten – zusam­men­fin­den und zusam­men­wir­ken. Ein klei­nes biss­chen „high sta­kes“ gibt es dann doch noch, und eben­so ein biss­chen Lie­bes­ge­schich­te. Viel­leicht beschreibt „solar­pun­kig“ die­sen Stil, obwohl weder Pho­to­vol­ta­ik noch Uto­pien vor­kom­men. Mir hat’s jeden­falls gut gefallen. 

    Blei­ben wir bei Solar­punk – auf Emp­feh­lung einer Freun­din habe ich Emmi Itär­an­tas The Moon­day Let­ters (2022) gele­sen. Die Hei­le­rin Lumi aus einem der Reser­va­te der zer­stör­ten Erde, wohl im heu­ti­gen Finn­land oder Schwe­den lie­gend, folgt der Spur ihrer*s Partners*in Sol durch das Son­nen­sys­tem, u.a. spielt das Buch auf Jupi­ter­mon­den, auf dem Mond, im Orbit und auf dem Mars – und ent­deckt nach und nach, dass Sols bio­wis­sen­schaft­li­che For­schung eine dunk­le­re Sei­te hat. Geschrie­ben ist das gan­ze in Tage­buch­ein­trä­gen und Brie­fen. Neben den düs­te­ren und dys­to­pi­schen Sei­ten tau­chen dabei immer wie­der Beschrei­bun­gen von Land­schaf­ten, Set­tings und Lebens­wei­sen auf, die dazu füh­ren, dass mir zu die­sem Buch Solar­punk als Gen­re ein­fällt. Gleich­zei­tig erin­nert mich The Moon­day Let­ters an eini­ge Bücher von Kim Stan­ley Robin­son – gar nicht so sehr sei­ne bekann­te­ren, son­dern eher an The Memo­ry of Whiteness (1985) und Galileo’s Dream (2009). Aus dem Lese­er­leb­nis immer wie­der her­aus­ge­ris­sen haben mich zwei Din­ge – zum einen erschien es mir unwahr­schein­lich, dass Lumi nichts vom Akti­vis­mus Sols mit­be­kom­men haben soll, auch wenn Itär­an­ta ver­sucht, das plau­si­bel zu machen, und zum ande­ren fand ich es erst ein­mal schwie­rig, damit klar­zu­kom­men, dass Lumi eine Hei­le­rin sein soll, die auf scha­ma­nis­ti­sche Trips durch Neben­wel­ten setzt und mit einem Totem­tier ver­bun­den ist. Trotz­dem wür­de ich das Buch weiterempfehlen.

    Aber viel­leicht ist das auch unge­recht. Bei David Mit­chells Uto­pia Ave­nue (2022) hat es mich letzt­lich auch nicht gestört, dass das gan­ze Buch über offen bleibt, ob Jasper de Zoet an Schi­zo­phre­nie lei­det oder von zeit­rei­sen­den Geis­tern beses­sen ist. De Zoet ver­bin­det Uto­pia Ave­nue lose mit Mit­chells The Thousand Autum’s of Jacob de Zoet, ande­re Ele­men­te zie­hen Lini­en zu ande­ren sei­ner Bücher. Gleich­zei­tig sind die Geist­we­sen in Jas­pers Kopf (und deren mög­li­che Inter­pre­ta­ti­on als real) auch der ein­zi­ge Grund, war­um die­ses Buch unter der Über­schrift Fan­ta­sy auf­taucht. Purist*innen mögen jetzt weg­schau­en – aber ich hat­te viel Freu­de an die­ser fik­ti­ven Geschich­te der titel­ge­ben­den Band Uto­pia Ave­nue, irgend­wo zwi­schen Beat­les und Deep Pur­p­le, mit­ten­drin in all dem, was 1967/1968 so pas­siert. Elf, Jasper, Dean und Griff sind die unwahr­schein­li­chen – und an der einen und ande­ren Stel­le ana­chro­nis­ti­schen – Mit­glie­der die­ser Band, die wir von ihrer Grün­dung über den Höhe­punkt ihres kur­zen Erfolgs bis zum tra­gi­schen Ende mit­er­le­ben. Und durch die Augen der vier dann auch sehr plas­tisch das Gesche­hen einer Zeit, in der mei­ne Eltern jung waren. Geord­net ist das Buch nach Plat­ten und Songs der Band Uto­pia Ave­nue; sel­ten war fik­ti­ve Musik so vor­stell­bar. Kann ich die Plat­te haben?

    (Ist es selt­sam, Fan fik­ti­ver Bands zu sein? Ich habe jeden­falls ein T‑Shirt der Glam­rock-Grup­pe „Deci­bel Jones“ aus Valen­tes wun­der­ba­rer Space Ope­ra – und wäre auch „Uto­pia Avenue“-Merch nicht abgeneigt …) 

    Und wenn ich schon von mei­nem selbst­ge­wähl­ten Blog­bei­trags­ti­tel abwei­che: auch die bei­den Roma­ne von Ter­ry Prat­chett – Dod­ger (2012) und Nati­on (2008) – sind nur mit etwas Mühe in die Kate­go­rie Fan­ta­sy zu zwän­gen, die Alter­na­tiv­welt­ge­schich­te Nati­on noch mehr als Dod­ger. Nati­on han­delt von einer Flut­ka­ta­stro­phe und einem Schiffs­un­glück im Süd­pa­zi­fik im 19. Jahr­hun­dert, aus dem her­aus Wis­sen­schaft und Impe­ria­lis­mus einen ande­ren Weg neh­men als in unse­rer Welt. Aus­gangs­punkt dafür sind die weni­gen Über­le­ben­den, die nach der gro­ßen Flut­wel­le auf einer Pazi­fik­in­sel zusam­men­kom­men und mit gelo­cker­ten Bin­dun­gen an die jewei­li­gen Tra­di­tio­nen der bri­ti­schen bzw. der pazi­fi­schen Inseln eine neue Gesell­schaft auf­bau­en. Das Buch ver­mit­telt dabei neben­bei eini­ges über die wis­sen­schaft­li­che Metho­de und die Gren­zen des Den­kens. Dod­ger ist dage­gen eine Art Parodie/Fortschreibung der Roma­ne Charles Dickens (der dort auch auf­tritt) – der titel­ge­ben­de Dod­ger ist ein sich mit klei­nen Gau­ne­rei­en und der Suche nach Wert­sa­chen in der Kana­li­sa­ti­on Lon­dons durch­schla­gen­der Jugend­li­cher, ein Wai­sen­kind, des­sen Leben in ande­re Bah­nen gerät, nach­dem er eine jun­ge Frau ret­tet. Zwei­mal also Prat­chett, der auch jen­seits der Disc­world-Rei­he mit­rei­ßend schreibt, und zwei­mal qua­si-his­to­ri­sche Roma­ne, die zugleich Dickens und Defoe aufs Korn nehmen.

    Kei­ne Sor­ge – ich habe auch ganz nor­ma­le Space Ope­ra gele­sen. Ocean’s Echo von Eve­r­i­na Max­well (2022) spielt im sel­ben Uni­ver­sum wie der Vor­gän­ger­band Winter’s Orbit, ohne dass es eine direk­te Ver­knüp­fung gibt. Mir hat Ocean’s Echo sogar noch bes­ser gefal­len – die Mischung aus Wel­ten­bau, halb­wegs glaub­wür­di­gen Impe­ri­en, von fer­ne wir­ken­den über­mäch­ti­gen Außer­ir­di­schen und mehr oder weni­ger quee­rer Lie­bes­ge­schich­te passt. In die­sem Buch geht es um Ten­nal­hin Hal­ka­na, einen High-Socie­ty-Play­boy, der von sei­ner Tan­te in die Wüs­te geschickt wird, und um Surit Yeni, der ver­sucht, durch ehr­li­che Arbeit als Sol­dat jeden Ver­dacht los­zu­wer­den, etwas mit der Revol­te sei­ner Mut­ter zu tun zu haben. In der Welt von Max­well gibt es ver­schie­de­ne For­men psy­chi­scher Bega­bung – Tele­pa­thie („Rea­der“) und auf der ande­ren Sei­te Men­schen, die gene­tisch so mani­pu­liert wur­den, dass sie die Gedan­ken ande­rer beein­flus­sen und steu­ern kön­nen („Archi­tect“). Ein Paar aus bei­den hat hohen mili­tä­ri­schen Wert – und Ten­nal­hin und Surit wür­den genau so ein Paar abge­ben. Und natür­lich ist alles anders, als es scheint …

    Sehr viel kon­ven­tio­nel­ler die Pra­xis-Rei­he von Wal­ter Jon Wil­liams – dar­aus habe ich The Acci­den­tal War (2018), Fleet Ele­ments (2020) und Impe­ri­um Res­to­red (2022) gele­sen, die letzt­lich zusam­men einen Hand­lungs­bo­gen umfas­sen. Schön aus­ge­schmückt, aber so ganz real erscheint mir sei­ne Welt eines durch Wurm­lö­cher ver­bun­de­nen Reichs, in der unter­schied­li­che Lebens­for­men zusam­men­wir­ken, und in der Men­schen viel­leicht nur am Rand ste­hen, seit sie unfrei­wil­lig Teil der Pra­xis gewor­den sind, nicht. Sula ist eine schil­lern­de Haupt­per­son, deren Geschich­te die drei Bän­de zusam­men­hält. Und die Geschich­te ist durch­aus packend. Trotz­dem sind die unter­schied­li­chen Lebens­for­men am Schluss doch recht kli­schee­haft gezeich­net, und wir­ken ein biss­chen so, als wären sie Men­schen in Kos­tü­men. Die mili­tä­ri­schen Erfol­ge wie­der­ho­len sich, die lang­wie­ri­gen Schlacht­be­schrei­bun­gen ner­ven irgend­wann, und – na gut – auch mit Wil­liams poli­ti­scher Aus­rich­tung habe ich so mei­ne Schwie­rig­kei­ten, nicht erst hier. In den Büchern ist Demo­kra­tie etwas, das von dem Mul­ti­spe­zies­reich Pra­xis expli­zit ver­bo­ten wur­de – an die Stel­le rücken impe­ria­le bis faschis­ti­sche Herr­schafts­for­men, es gibt eine kla­re Hier­ar­chie sozia­ler Klas­sen, die irgend­wie auch gerecht­fer­tig wird. Sula wür­de am liebs­ten eine Mili­tär­dik­ta­tur errich­ten – um mit der Kor­rup­ti­on der „Ade­li­gen“ (zu denen sie irgend­wie auch gehört) auf­zu­räu­men. Und ein ähn­li­ches Men­schen­bild habe ich auch schon in frü­he­ren Büchern Wil­liams schwie­rig gefunden. 

    Last but not least ein Roman, viel­leicht auch eine Geschich­ten­samm­lung – der tem­po­ra­le Zusam­men­hang der ein­zel­nen Kapi­tel ist nicht so ganz klar – mit dem schö­nen Titel The­re Is No Anti­m­eme­tics Divi­si­on von qntm, das in Ver­bin­dung mit dem SCP-Foun­da­ti­on Wiki steht. Dar­auf gesto­ßen bin ich im Blog von Charles Stross. Letzt­lich geht es um uner­klär­li­che Phä­no­me­ne (das ist die aus­ge­dach­te Ver­schwö­rungs­theo­rie hin­ter SCP), die hier noch die beson­de­re Eigen­schaft haben, anti­m­eme­tisch zu sein, also bei­spiels­wei­se mit Fel­dern ver­bun­den zu sein, die es unmög­lich machen, sich an die­se Phä­no­me­ne zu erin­nern. Und man­che davon sind alt, groß und gefähr­lich – der Kampf dage­gen ist die Auf­ga­be der Anti­m­eme­tics Divi­si­on. Sofern sie denn exis­tiert. Und sich dar­an erin­nert, was ihre Auf­ga­be ist. Das klingt dann manch­mal wie Doc­tor Who oder Akte X auf die logi­sche Spit­ze getrie­ben, ist teil­wei­se ziem­lich blu­tig und … interessant?

    Ach ja – Fil­me. Da gab es eini­ge. Kni­ves out und Glass oni­on habe ich genos­sen, und mich über die detail­rei­che Insze­nie­rung vol­ler Anspie­lun­gen gefreut. Bezü­ge zu SF oder Fan­ta­sy wären aller­dings eher rand­stän­di­ger Art.

    Die zwei­te Staf­fel der sich über Ver­schwö­rungs­theo­rien lus­tig machen­den Ani­ma­ti­ons­se­rie Insi­de job war noch etwas tra­shi­ger als die ers­te Staf­fel. Eher okay als eine ech­te Emp­feh­lung. Für die drit­te Staf­fel wür­de ich emp­feh­len, sich an die Ver­fil­mung der oben erwähn­ten Anti­m­eme­tics zu machen … 

    Unser Weih­nachts­film (wie wohl in vie­len Fami­li­en) war Ava­tar II – als visu­el­les Erleb­nis (im 3D-Kino), ohne näher auf Unstim­mig­kei­ten im Plot zu ach­ten, toll. Im Detail schwie­rig, dann doch irgend­wie eine mit noch mehr Waf­fen und noch mehr Explo­sio­nen ver­se­he­ne Wie­der­ho­lung des ers­ten Teils. Und immer noch eine Grund­idee, die in der SF-Lite­ra­tur der 1980er (u.a. bei Le Guin) schon mal bes­ser umge­setzt wurde. 

    Mit mei­nen Kin­dern habe ich Schlum­mer­land ange­schaut, die Net­flix-Ver­fil­mung, die sich wohl ein biss­chen an die klas­si­sche Comic­se­rie Litt­le Nemo in Slum­ber­land anlehnt bzw. die­se wei­ter­denkt. Auch hier visu­ell vie­les ein­drucks­voll, die Geschich­te selbst aber letzt­lich ziem­lich düs­ter und trau­rig – Nemo (hier ein Mäd­chen) lebt mit ihrem Leucht­turm­wär­ter-Vater auf einer ein­sa­men Insel. Der Vater wird ins Meer geris­sen, Nemo muss mit des­sen ent­frem­de­ten und sehr lang­wei­li­gen Bru­der anfreun­den, der nun ihr Erzie­hungs­be­rech­tig­ter ist. Nur Träu­me bie­ten einen Aus­weg – aber auch ganz neue Gefah­ren. Wie alle Traum- und Zeit­rei­se­be­hör­den ist auch die im Schlum­mer­land im Look der 1950er/60er gehal­ten. Gejagt wer­den Träu­men­de, die sich wei­gern, zu ent­wa­chen. Flip ist so einer – und war mal der bes­te Kum­pel von Nemos Vater. 

    Ästhe­tik schlägt Plot gilt dann auch für The Peri­pheral, Ama­zons Ver­fil­mung des gleich­na­mi­gen Buchs von Wil­liam Gib­son, die aber in eini­gen wich­ti­gen Punk­ten deut­lich von der Vor­la­ge abweicht. Von der Klei­dung bis hin zu futu­ris­ti­schen Inter­faces und einer rea­lis­tisch erschei­nen­den länd­li­chen USA der nahen Zukunft – die ein­zi­gen Jobs gibt es ent­we­der bei Mili­tär, beim ört­li­chen Dro­gen­ma­fia­boss oder im 3D-Druck-Shop – ist das her­vor­ra­gend gestal­tet. Flyn­ne, die Haupt­per­son sowohl des Romans wie auch der Serie, ist nah­bar und klug. Schon im Roman ist die Qua­si-Zeit­rei­se zwi­schen zwei unter­schied­li­chen Abzwei­gun­gen der Rea­li­tät – dem Post-Jack­pot-Lon­don der fer­nen Zukunft mit Oligarch*innen und AIs – und der Drit­te­welt-USA ein kom­pli­zier­tes Kon­zept. Letzt­lich ist das Para­dig­ma, das Daten zwi­schen die­sen Rea­li­tä­ten wan­dern kön­nen, aber kei­ne Per­so­nen. Aber Daten kön­nen im Lon­don der fer­nen Zukunft men­schen­ar­ti­ge Robo­ter steu­ern – und kön­nen aus der nahen Zukunft her­aus über eine Art Head­set gesteu­ert wer­den. Für Flyn­ne ist Lon­don 2099 damit auch zunächst ein Video­spiel – bis nach und nach klar wird, dass es um deut­lich mehr geht. In der Serie wird das alles durch diver­se Neben­hand­lun­gen noch kom­pli­zier­ter, das Ende fin­de ich nach wie vor nicht nach­voll­zieh­bar (klar, es muss eine zwei­te Staf­fel geben), und die Art und Wei­se, wie sich hoch­in­tel­li­gen­te Sicher­heits­sys­te­me durch ein biss­chen Gewalt oder blu­ti­ge OPs aus­trick­sen las­sen, … naja. Als Spiel mit unter­schied­li­chen Wirk­lich­keits­ebe­nen gut anschau­bar, als Insze­nie­rung mög­li­cher Zukünf­te auch – an Stel­le einer wirk­lich inter­es­san­ten Geschich­te tritt dann doch zu oft rohe Gewalt und noch eine Ver­wick­lung mehr. 

    #david-mitchell #emmi-itaeranta #everina-maxwell #fantasy #fiktive-musik #glass-onion #inside-job #knives-out #little-nemo #peripheral #qntm #schlummerland #science-fiction #scp #sf #solarpunk #space-opera #terry-pratchett #travis-baldree #walter-jon-williams #william-gibson

    https://blog.till-westermayer.de/index.php/2023/02/08/science-fiction-und-fantasy-im-winter-2022-23-gelesen/