home.social

#verweigerung — Public Fediverse posts

Live and recent posts from across the Fediverse tagged #verweigerung, aggregated by home.social.

  1. Wir haben ja wenig gewusst …

    #Neuötting, etwa 1938? Wirtshausszene: Ein weinender Mann sitzt vor seinem frisch gebrachten Bier, das ihm seine Stammtischbrüder ausgegeben haben, denn er selber hat schon lange kein Geld mehr. Sie wissen, er war für ein paar Monate in Dachau, im Konzentratioslager. Er hatte, wie alle von dort entlassenen, dort unterschreiben müssen, nie und nichts davon zu erzählen.

    Sie wollen, dass er erzählt, aber die Angst ist groß. Mehr erfahren wir nicht. Mehr erfuhr meine Mutter, damals etwa 17, auch nicht. Als Buchhalterin beim Modekaufhaus Ganzbeck war sie aber unter den Lehrmädchen immer informiert, was in der Stadt umging. Sie war ja auch in München an der Handelsschule, das Bild von der noch leeren Terrasse hinter dem neu erbauten Haus der Kunst mit dem Blick in den Englischen Garten landete später im alten braunen Familienalbum.

    Ich erfahre die Geschichte erst, als im Fernsehen etwa nach 1973 erstmals in richtigen Filmen über Dachau, über die Konzentrationslager, auch die Diskriminierung und die spätere Vernichtung der Juden in Auschwitz berichtet wird. Die Eltern hatten auch noch alle Erzählungen zu all den Kriegs-Gerüchten, wie „die Franzosen kochen aus den Toten noch Seife“ und „man wusste ja nicht, was man glauben sollte“.

    Geschichtsunterricht hatte nur mit Feldherren, Verträgen und Grenzen zu tun, aber nicht mit Menschen, die Soldaten werden sollten, oder Opfer. Das kam dann mit 17 / 18 auf uns zu, die Kriegsdienstverweigerung, die mein Vater nicht unterstützte. Ins Kreiswehrersatzamt nach Traunstein zu fahren, vor einer Tischreihe zu landen, hinter der ein Uniformierter stand, der nach einer knappen Begrüssung meinte, als Offizier hat er die Befähigung zum Richter,

    neben ihm drei Herren auf Stühlen, die zum Teil Zeitung lasen, einer davon mit nur einem Arm … in dieser Inszenierung hatte ich so seltsame Fragen, „was machen sie, wenn sie mit ihrer Freundin im Wald unterwegs sind, und jemand greift ihre Freundin an?“ zu beantworten und er versuchte mir zu erklären, dass die Bundeswehr ja nur zur Nothilfe da sei …

    Er diktierte meine Antworten immer wieder verkürzt oder verdreht in einen Kassettenrekorder, nahm nur widerwillig meine Korrekturen auf oder lehnte sie gar ab. Später kam das Schreiben, dass meine Gewissensgründe nicht anerkannt wurden, und ein Wehrpaß, und erst nach meinem Studium war mein Gewissen so weit anerkannt. dass ich den Zivildienst statt dem Wehr dienst leisten durfte.

    #Antikriegstag #Dachau #Geschichtsunterricht #Konzentrationslager #Kriegsdienst #Verweigerung #Wirtshaus