Unmöglicher Giewont oder Die Kunst des Umkehrens
Mein Aufenthalt am Fuß des Nationalparks Hohe Tatra geht dem Ende zu.
Die Fahrt in den Gebirgsort gestaltete sich nervig. Statt knapp über fünf Stunden benötigte das brave Auto fast sieben. Neuere Straßen verwirrten die Dame im Navi, dort, wo wir beide gern abgebogen wären, war das nicht erlaubt, Mega-Stau in der Ortschaft Andrychow etc. pp.
Schwamm drüber. Zakopane ist erreicht, und das „Jasny Palac“ steht zumindest äußerlich dem Schloss Otmuchow in nichts nach.
Das Skiparadies Zakopane ist sozusagen das Garmisch von Polen. Versierte Reisende könnten auch St. Moritz, Lech am Arlberg oder Chamonix einsetzen. Die Preise dort jedoch sind anders, das sage jetzt mal ich als versierter Reisender.
Wer sich nicht zutraut, die trubelige, musikerfüllte Einkaufsmeile „Krupowki“ abzulaufen, kann eine Pferdekutsche nehmen. Ob das den Tieren gefällt, ist eine andere Frage.
Frage ist auch, warum die hohen Berge seit meinem letzten Besuch verschwunden sind. Ach so, die tiefhängenden Wolken. Wird besser werden, der Giewont wartet.
Dieser Berggipfel war mir ja nicht vergönnt, wegen einer Sperrung. Dann eben jetzt, nicht mal sieben Jahre später. Und als Mini-Training wandere ich auf den ca. 1120 Meter hohen Gubalowka-Grat. Doch der Fernblick hält sich an diesem Nebeltag noch in Grenzen.
Wieder im Tal, wandere ich am Rand des Nationalparks entlang. Und stoße auf einen Abzweig hinein in die Wildnis. Ohne Kassenhäuschen, da Sackgasse. Der Eintritt hat sich übrigens seit 2019 von 5 Zloty auf 11 mehr als verdoppelt. Aber die 2,50 Euro sind es allemal wert. Schließlich gibt es – wenn schon keine Schneeräumung – viel nützliche Info am Weg:
Nette Infos zum Schnee und der Lawinengefahr: Von 1 (gut begehbar) bis 5 (schrecklich). Für diese Ecke ist aktuell die 2 angeklebtEin gut befestiger Aufstieg führt zu einer recht großen Höhle.
Den Zugang zu weiteren Höhlen im Fels verwehrt ein Schild:
Das Verbot gilt offenbar nur für Bucklige oder Rucksackträger. Ich bin keines von beiden, lasse es aber trotzdemUnd am Ende des ersten Tages stehen satte 17,9 Kilometer auf dem komoot-Protokoll. Uff.
Anderntags will ich doch mal auf den 1894 Meter hohen Giewont. Ausgerechnet der „rote Weg“, den ich vor sieben Jahren im Sommer bezwang, ist laut der genialen „mapy.cz“-App noch bis zum 15. Mai gesperrt. Aber das wollen wir doch mal sehen.
Pünktliches Polen: Der Giewont-Gipfel ist von dieser Stelle aus keinesfalls in vier Stunden zu erreichen. Nein, man wird genau 120 Sekunden länger benötigen
Zu sehen vor Ort: kein Verbotsschild. Aber Trittspuren im Schnee. Mühsam ist es. Und zwei harte Kämpfer überholen mich gar. Na, wenn die das auch machen… Einfach folgen.
Erleichterung: Aus der Todeszone geht es über bunte Wiesen zur rettenden LandstraßeEinfach? Na ja. Auf 1400 Metern wird klar, dass das so nicht geht. Was natürlich keineswegs an meinem Alter liegt, sondern nur am hohen Schnee. Umkehren.
Auf einem anderen Weg erreiche ich wieder das Tal. Meilenweit vom heimischen Zakopane entfernt. Ein Bus hält gnädig, 8 Zloty (etwa 1,90 Euro) sind okay. Fazit für heute: Nordhang ist Mist.
Flexibel, wie ich bin, wähle ich am dritten Tag die Südroute. Im Dorf Kuznice, schon mal ein langer Marsch dorthin, beginnt der „blaue Weg“. Bergan. Und zunächst angenehm gepflastert. Ebenso schlau wie ich sind geschätzte 10.000 Wandersleut, die sich mit mir hochmühen.
Drei Dinge lassen mich erstaunen.
Die schiere Masse an Menschen.
Die „Schühchen“, die sie teils anhaben.
Und ihre Begleiter!
Es sind teils kaum dem Säuglingsalter entwachsene Kinder, die schon auf dem Wohnzimmerteppich kaum laufen könnten. Und nun hier in die schneebedeckte Bergwildnis verschleppt werden. Es ist steil, verschneit und rutschig. So wie es eine österreichische Skifahrer-Weisheit besagt:
„Je Mittag, desto Sulz!“
Grammatisch fragwürdig, aber absolut passend.
Und vielleicht ist es auch ganz gut, unsere Kleinsten früh an die Schönheiten der Natur heranzuführen. Auf dass sie später echte „Bergfexe“ werden. Und mindestens so verrückt wie ich selbst.
Ganz gut ist ja an dem Massenandrang auch, dass ein gebrochener Fuß o.Ä. nicht mit dem Schlimmsten enden muss. Im Fall des Falles wäre nämlich in 30 bis 40 Sekunden einer der Tausenden Wanderer bei dem Verunglückten.
Trotz dieser beruhigenden Aussichten gebe ich etwa zwei Kilometer hinter der Kondratowa-Hütte auf.
Die Rutsch- und Gleitpartie auf dem schneebedeckten Steig ertrage ich nicht mehr. Inzwischen taut es richtig, und wir wissen: „Je Mittag, desto Sulz!“ Noch immer sehe ich an der fernen Steigung zum Grat emsig stapfende kleine Punkte. Ich bewundere sie. Anders als ich haben sie vermutlich Spikes-Gummizüge unter die Stiefel geschnallt.
Wo sind meine eigentlich? Ich hatte so was doch mal? Sind die zu Haus in Görlitz? Da gehören sie keinesfalls hin.
Es taut fast zusehends. Auf einigen freiliegenden Geröllfeldern sieht man die Ströme des Schmelzwassers talwärts streben. Vielleicht sind es nur noch wenige Tage, bis alle Zustiege zum Giewont-Gipfel schneefrei sind. Vielleicht bin ich nur wenige Tage zu früh hier.
Aber das zweite Umkehren binnen zwei Tagen zeugt von großer Klugheit und Verantwortung gegenüber sich selbst. Gell?
Bergab gleite ich zu großen Teilen seitwärts auf dem nassen Schnee. Fast schon wie Skifahren. Die später Bergauf-Gehenden sind bestimmt begeistert, dass alle Trittspuren so von mir eliminiert werden.
Ja, dann lauft halt nicht auf solch verschneiten Pfaden !
Morgen ist Abreise. Noch weiter nach Osten, in einen weiteren Nationalpark, fast schon in der Ukraine.
Und wehe, ich sehe dort eine einzige Schneeflocke!
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