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#heisterbach — Public Fediverse posts

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  1. Politische Nachtlektüre für Friedrich Merz

    Was dem Sonnenkönig wohl in Versailles durch seine „auguste tête“, durch seinen „erhabenen Kopf“ gegangen ist, als er sich daran machte, politisch erbaulichen Lesestoff für seinen Sohn, den Grand Dauphin, Frankreichs Grossen Thronfolger auszuwählen? Er hätte ja zu Platons „Staat“ greifen können, zu Cäsars „Gallischem Krieg“, zu Suetons antiken „Kaiserbiographien“.

    Aber nein. Ein unvergleichlich schlichteres Werk schien ihm besser geeignet, das politische Denken des Mannes zu formen, der Frankreich regieren und Europa beherrschen würde. Mit Bedacht wählte der Sonnenkönig für seinen Sohn „les fables“ von Monsieur de Lafontaine.

    Was hat Ludwig XIV so gefallen an den fabelhaften Reimen, in denen Lafontaine seine Lebensklugheiten gar nicht Menschen in den Mund und ins Benehmen legt, sondern, bescheidenerweise eine Stufe niedriger, Tieren: Füchsen und Mäusen, Hasen, Schildkröten und Störchen. Vielleicht war es die Fabel vom König aller Tiere, dem grossmächtigen Löwen. Majestätisch hingestreckt auf seine langen Pfoten sitzt der Löwe unter einer Palme. Da kommt, ausgerechnet zwischen seinen Tatzen aus einem Loch im Sand eine winzige Ratte emporgeschossen. Mit einem einzigen Schlag könnte der Löwe sie zermalmen. Er tut es nicht. Auch wenn er nicht ahnt, dass diese Kleine bald schon ihm zu Hilfe kommen wird, um mit ihren scharfen Zähnen das Netz der Jäger, in dem er sich verfangen wird, zu zerbeissen. Der ganz Grosse, schliesst Lafontaine, verscherzt besser nicht die Sympathie der ganz Kleinen. Allzu schnell könnte er auf sie angewiesen sein.

    Ein Lehrbuch für französische Prinzen. Vielleicht auch geeignet für sauerländische Herrenreiter. Würde der Sonnenkönig die klassische Fabel auch empfehlen als erbauliche Nachtlektüre für einen deutschen Kanzler in politischer Not? Lieber nicht! Unsere neuen Gesprächspartner von der AfD würden da Einspruch erheben. Zu Recht. Es gibt etwas, was unvergleichlich besser ins Kanzleramt nach Berlin passt als französische Fabeln. Das sind deutsche Märchen. Unter die Nachttischlampe von Friedrich Merz gehören – natürlich zum Grundgesetz hinzu – die Märchen der Brüder Grimm.

    Aber nicht alle. Für Friedrich Merz genügt Dornröschen. Da wird die schönste aller Prinzessinnen in ein künstliches Koma verhext. Hundert Jahre soll es dauern, bis einer kommt, der sich einen Weg durch die all die Dornen schlägt, die Dornröschens Schloss überwuchert haben. Um endlich alle wachzuküssen, wachzurütteln, die schöne Prinzessin samt ihrem ganzen eingeschlafenen Hofstaat.

    Ohnehin fällt auf, dass in deutschen Märchen ein bisschen zu viel geschlafen wird: eingeschlafen, durchgeschlafen, ausgeschlafen, vor allem wird da viel verschlafen. Nicht nur bei den Brüdern Grimm, sondern auch in der rheinischen Romantik. Nicht hundert Jahre, nein ein volles Jahrtausend lang hat er die ganze Weltgeschichte verschlafen in seiner Zelle bei Bonn-Beuel, der Mönch von Heisterbach. Als er nach tausend Jahren endlich wieder aufwacht, hat sich um ihn und ohne ihn die Welt so verändert, dass ihn der Schlag trifft. Sekundenschnell zerstiebt er zu Staub.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nach allem, was dieser Kanzler in diesen Tagen mitmachen musste, wird selbst in der CDU niemand so geschmacklos sein, Friedrich Merz zu wünschen, dass er nach soviel verschlafenen Reformen sekundenschnell zu Staub zerstiebe.

    Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner überaus freundlichen Genehmigung. Links wurden nachträglich eingefügt.