Nolans „Odyssee“: Es geht um alles
Als ich nach drei Stunden „Odyssee“ das IMAX-Kino verließ, brauchte ich einige Minuten, um die schiere Überwältigung durch Nolans mächtige Bilder und seinen einschüchternden Sound zu verarbeiten. Danach aber, mit dem besseren Verstehen dessen, was dieser Film vermittelt, packte mich blanke Angst.
https://www.youtube.com/watch?v=v8yWPRdNJNs
Christopher Nolan hat mit seinen spektakulären Filmen immer philosophiert, aber noch nie etwas derart Grundsätzliches über die „abendländische“ Ordnung, über unser aller Schicksal, geäußert. Nolan ist ein hochintelligenter, aufmerksamer Mensch und Künstler. Daher sollten wir ihm diesmal besonders gut zuhören.
Er greift für seine Stellungnahme weit zurück, auf die Erfindung des Erzählens einer epischen Geschichte als identitätsstiftende Leistung, auf den Beginn der abendländischen Kultur, den eben die dreitausend Jahre alte „Odyssee“ markiert. Und diese Kultur wird nicht idealisiert, denn sie ist neben allem anderen zugleich geprägt und bedroht von (männlicher) Gewalt.
Und er erzählt ausgerechnet mit ihrem Ursprungsepos von ihrem Ende, zumindest aber von ihrer aktuellen, existenziellen Krise.
Penelope, Odysseus’ Frau, hat ihm beim Abschied vor dem Krieg in Troja eine kleine Athene-Figur mitgegeben, die alle „unmännlich“ finden – kein Zufall. Denn sie und die von Odysseus später immer wieder imaginierte Athene stehen für den Geist der gerechten Ordnung, den er sich bewahren soll. Er wird sie im Krieg missbrauchen und der Enthauptung ihrer Statue im brennenden Troja beiwohnen.
Die Heldenreise als Irrfahrt des Verstandes
Der Polyphem, ein einfältiger, (gotts)erbärmlich missgebildeter Riese, der beim ersten Anblick Mitleid oder Bedauern hervorruft, mit seinem einen Auge nicht zweidimensional zu sehen in der Lage, die Menschen nicht als etwas anderes als Futter für ihn erkennbar (was die Soldaten sofort verstehen: „Redest du etwa mit Ameisen?“), der sich friedlich um seine Schafe kümmert, sie in seiner Höhle in der Nacht beschützt und aus ihrer Milch sogar richtig guten Käse macht. Der Konflikt ist unvermeidlich und für beide Seiten tragisch und verlustreich. Obwohl Poseidon seinen missgebildeten Sohn auf die Insel verbannt hat, erzürnt ihn dessen Verstümmelung durch Odysseus. Seine Antwort ist ein apokalyptisches Unwetter, das schockhaft mit ultrabrutalem Sound aus den Lautsprechern als Echo des erdbebenhaften Schmerzensschreis nach Polyphems Blendung über Odysseus (und uns) hereinbricht.
Sein Schmerz, sein Schrei wiederholt sich in den Schreien und Qualen des Odysseus, freiwillig am Mast festgebunden die Sirenen anhörend (wir selbst hören in der Szene nichts von alldem), die ihn seine innersten Wünsche und dann die Unmöglichkeit ihrer Erfüllung spüren lassen. Diese Qual ist existenziell und in irgendeiner Weise kennt sie wohl jeder Mensch. Verlust, den Odysseus zufügt und erleidet, erreicht hier sein Bewusstsein.
Was ist an der Sprache der Götter nicht zu verstehen, fragt Athene den verzweifelten Odysseus, und meint damit Waldbrände, Blitze, Erdrutsche, Hochwasser, Stürme, Dürren. Was ist an der Sprache der Natur nicht zu verstehen, will man in Zeiten der Klimakatastrophe kleinlaut ergänzen – es meint dasselbe.
Odysseus verliert sich nach dem Tod auch seiner letzten Soldaten sieben Jahre bei Kalypso auf deren Insel. Gnädiges Vergessen hat ihn erst einmal gerettet, aber auch sich selbst entfremdet.
Immer wieder: Krieg
Das Massaker von Troja, das Odysseus nicht loslässt, wird erst am Schluss in einer beängstigend immersiven Sequenz offenbart. Es hat alle Ordnung, alle Gesetze vernichtet: Die Schuld des Odysseus und aller Krieger ist unendlich. Sie selbst sind die barbarischen „Völker des Meeres“, deren Ankunft die Griechen überall fürchten. Sie werden unsere Welt zerstören, sagt selbst Menelaos, Agamemnons erbarmungsloser Bruder, voller Furcht.
Doch der Palast von Ithaka ist von Flegeln besetzt, genau wie der unserer guten alten (griechischen!) Demokratie. Wie soll man sich da gegen die Völker des Meeres zur Wehr setzen?
Kirke, ein Opfer eben dieser Männersorte, von der ihre Welt so voll ist, dass sie nicht einmal auf ihrer einsamen Insel vor ihnen sicher ist: Wer sollte ihr Handeln nicht mindestens verstehen können, wenn sie in einer aufwühlenden Mischung aus Magie und modellierender Gewalt die Männerhorde zu ungefährlichen Hausschweinen macht? Eine weitere großartige Lösung des Regisseurs.
Natürlich ist auch diese Odyssee ebenso eine symbolische Seelen- und Heldenreise, die Ur-Heldenreise sogar. Der Odysseus, der heimkehrt, ist nicht mehr der Odysseus, der zwanzig Jahre zuvor in den Krieg gezogen ist. Seine Abwesenheit und seine Irrfahrt nach dem Trojanischen Krieg können ohne Zweifel als das Durchleben einer Krise, als PTBS verstanden werden. Und mit ihm bzw. seiner Abwesenheit hat sich seine ganze Welt gewandelt. Eine Erfahrung, die viele, viele Kriegsveteranen bestätigen können.
Batman in Troja, Troja in New York
In Nolans Neuerzählung des homerischen Epos’ scheinen auf den Leinwänden so bewusst wie unvermeidlich mythische Figuren von heute auf – Darth Vater (Agamemnon mit schwarzer Rüstung und einer menschlichen Wirbelsäule als Helmschmuck), Batman, eigentlich alle Superhelden/Götter des Kinos, denn sie alle stammen ja von den mythologischen Gestalten der Antike ab. Die Darsteller*innen bringen auch noch jeweils IHRE ikonischen Charaktere, darunter oft Superhelden, mit. Matt Damon, Anne Hathaway (Catwoman), Zendaya, Charlize Theron (Aeon Flux), Tom Holland (Spiderman), Elliot Page (mehrere Superheldenrollen), Lupita Nyong’o (Nakia), Jon Bernthal (The Punisher) …) Sie und all ihre bisherigen Filme und Rollen repräsentieren „unsere“ Kultur ebenso wie Homers uralter Text und die Mythologie, die ihn durchdringt. Die einstürzenden Türme von Troja stehen seit dem 11. September 2001 immer auch in Manhattan. Sogar Oppenheimer ist zu hören als Zerstörer der Welt, hier ist es Odysseus/Matt Damon, der sein Zitat aus der Hindu-Mythologie fast wortwörtlich ausspricht. Auch ist der Cast ganz bewusst multiethnisch, es geht um uns, es geht um ALLE(S). Insofern sind die Forderungen nach mehr Griechen, weniger Dunkelhäutigen, weniger Transmenschen oder was auch immer reine Politik von rechts, denn es ist eine künstlerisch grundlegende Entscheidung, all diese Figuren und menschlichen Wege mit hineinzudenken. Was wir da sehen, sind WIR. WIR ALLE.
Werden wir tun, was nötig ist?
Es geht am Ende auch um eruptive, disruptive Veränderung eines unhaltbar gewordenen Zustandes der (westlichen?) Welt(ordnung). Nein, das ist durchaus global zu denken – diese Eruptionen machen sicher nicht vor anderen Weltsichten/-ordnungen halt, auch nicht vor denen, die unsere bedrängen. Eruptiv deshalb, weil die Feinde der Ordnung sich kaum widerstandslos zurückziehen, haben sie einmal den Fuß in der Tür. Wann und wo wird die Linie zwischen „ihnen“ und „uns“ gezogen? Solche Klärungen vollziehen sich oft impulsiv und wenig kontrolliert. Aber noch ist die Demokratie nicht am Boden und hat institutionelle Mittel.
Odysseus’ „Säuberung“ des Palastes von den aufrührerischen Freiern und den KollaborateurInnen ist eine der brutalsten Szenen dieses an Schlachten wahrlich nicht armen Films, und der schuldbeladene, entkräftete König, der von allen für einen invaliden Bettler gehalten wird, überrascht sie mit seiner letzten, übermächtigen Eruption kriegerischer Gewalt. Beim Anblick der Freier im Palast sind wir an die Inbesitznahme des US-Kapitols durch Gestalten wie den Bison-Mann erinnert, wie sie Wachbeamte töten und verletzen, Wände mit ihren Fäkalien beschmieren, wie sie den Vizepräsidenten ermorden und Volksvertreter*innen gefangennehmen wollen. Wir denken an Trumps goldene Ejakulate, die er an wirklich allen Wänden im Weißen Haus hinterlässt. Der legitime Herrscher Odysseus verjagt die Aufrührer, die ihn nun töten wollen, nicht, denn sie sind mit ihm im Festsaal eingesperrt, er kämpft sie einen nach dem anderen nieder – bis auf jene, die sich ihm unterwerfen. In diesem Szenario ist die regelbasierte Ordnung der Palast, Odysseus sein zurückgekehrter Beschützer, und die Clowns und Egoisten haben den Palast in einen grotesken Zirkus verwandelt, der Kirkes Schweinestall ähnelt. Er muss von ihnen befreit werden, soll er nicht zum Hauptquartier einer skrupel- und verantwortungslosen Verbrecherorganisation werden.
Gestern hat Donald Trump die US-Amerikaner und die Welt in seiner Rede an die Nation darauf vorbereitet, dass es keine freien Wahlen mehr geben wird, solange er es in der Hand hat, diese zu manipulieren. Die alten Regeln sind außer Kraft.
Danger Dan hat gerade einen Song veröffentlicht, in dem er eine konspirative Anleitung zum Kampf gegen die Faschos besingt, die dabei sind, bei uns nach der Macht zu greifen. Ausdrücklich nennt er dabei die Gefahr jener Faschos, die bereits in Polizei und Behörden agieren. Der Palast ist dabei, vollends an sie zu fallen.
Odysseus (also wir) muss sich, sollte er anwesend sein, noch einmal aufraffen. In Ungarn zeigt ein mutiger und kluger Politiker, dass es, mit der Unterstützung der großen Mehrheit, möglich ist, auch wenn die Reinigung des kontaminierten Systems politisch brutal anmutet und enorme Entschlossenheit und Durchhaltevermögen verlangt. So etwas ist auch schon schiefgegangen oder in erneuten Despotismus (Mugabe) umgeschlagen.
Vor der anscheinend notwendigen und vielleicht bevorstehenden Säuberung des Palastes habe ich Angst. Denke ich an Ungarn, dann nicht mehr ganz so viel.
Bewerten:
#Autokraten #ChristopherNolan #Demokratie #Odyssee #Trump